Für Jeanette



Sam holte tief Luft und reichte Elanor das Buch.
„Jetzt wird es deine Aufgabe sein, es zu verwahren.“
Noch immer sah seine Tochter ihn fragend an, aber dann verstand sie schließlich, worauf er hinaus tollte. Ihre Mutter war vor wenigen Tagen gestorben und in den Augen ihres Vaters sah Elanor nun endgültig den Wunsch aufflackern, aufzubrechen.
„Du erinnerst dich an den Abend, an dem ich dir erzählt habe, daß ich eines Tages folgen könnte, habe ich Recht?“ fragte Sam, der mit 102 Jahren bereits ein hohes Alter erreicht hatte, doch noch immer ging von ihm etwas von der Energie aus, die er als junger Hobbit gehabt hatte. Die Trauer um Rosie stand ihm allzu deutlich ins Gesicht geschrieben, doch sie zehrte nicht an ihm, denn nun verfolgte er ein letztes Ziel.
Elanor spürte, wie ein nagendes Gefühl des Verlustes in ihr aufsteigen wollte und sie schluckte schwer, um es zu verdrängen. Allzu gut erinnerte sie sich an das Gespräch, das Jahrzehnte zurücklag.
„Ich habe dich gefragt, ob du mich mitnehmen würdest, und diese Frage habe ich mir auch danach oft gestellt.“
Sie machte eine Pause und dachte nach. In ihren Händen hielt sie das Buch mit den Aufzeichnungen über den Ringkrieg, an dem nicht nur Bilbo und Frodo, sondern auch ihr Vater geschrieben hatte.
Die Zeit war gekommen.
„Und jetzt weiß ich, daß ich nicht mitgehen kann“, murmelte sie schließlich.
Sam nickte. Er wußte, er würde ihr sehr fehlen, doch sie war bei ihrer Familie am besten aufgehoben, ganz davon abgesehen, daß er sie nicht mitnehmen konnte.
Wollte er es überhaupt?
Sein Platz war nicht mehr im Auenland, ihrer jedoch sehr wohl.
Ein letztes Mal fuhr er mit seiner Hand über das Buch, das schon jetzt sein Vermächtnis enthielt, und er spürte, bei seiner geliebten Tochter war es in den besten Händen.
Er würde sie sehr vermissen, aber ihn hielt nichts mehr dort.
Sie legte das Buch auf den Tisch und umarmte ihren Vater unter Tränen.
„Geh jetzt und tu, worauf du all die Jahre gewartet hat. Und grüße ihn von mir,“ bat Elanor mit erstickter Stimme. Schnell wischte sie die Tränen weg und lächelte.
Sam strich ihr über den Kopf, als wäre sie noch immer sein kleines Mädchen und sagte leise: „Du wirst mir fehlen.“
Elanor blieb in der Tür stehen und sah ihm nach, dann drehte er sich ein letztes Mal um und lächelte.
Es war das letzte, was Elanor je von ihrem Vater sah. Es war ein Abschied für immer.

Ohne Hast war er gen Westen gewandert, ließ das Auenland hinter sich und Sichtweite der Blauen Berge ging er den Grauen Anfurten entgegen. Die goldene Abendsonne, die dem Horizont entgegensank, tauchte die Küste in ein unwirkliches Licht und die herbstlich roten Blätter an den Bäumen leuchteten wie Feuer.
Es lag bereits ein leichter Nebel über den Wiesen nahe den Häfen und verlieh ihnen einen bläulichen Schimmer. Je dunkler es wurde, umso intensiver wurde die Färbung und Sam sah in nicht allzu großer Entfernung den Mast des Schiffes steil in den Abendhimmel ragen, der sich schwarz von den Wolken abhob.
Ein Elb trat ihm entgegen und begrüßte ihn freundlich.
„Willkommen, Meister Samweis. Wir haben euch bereits erwartet.“
Der Hobbit folgte ihm, sie gingen auf das Schiff zu und an Bord in dem Moment, als die Sonne im Meer versank und Sam sah hoch zu den ersten Sternen am Himmel.
Er stand im Heck und als das Schiff wenig später ablegte, warf er einen letzten Blick auf die Küsten Mittelerdes. Er würde nie dorthin zurückkehren.
Die letzte Etappe seiner langen Reise nach Aman lag vor ihm und während der Zeit, die er bei den Elben auf See verbrachte, erinnerte er sich an alles, was er bis zu diesem Tage erlebt hatte.
Seine Kindheit und Jugend, sein Leben als Gärtner von Beutelsend wie sein Vater bis zu seinem Tode einer gewesen war, die Reise nach Mordor...
Frodo. Er hatte ihn nie vergessen und obwohl er ihn seit vielen langen Jahrzehnten nicht gesehen hatte, sah er sein Gesicht vor sich, als hätte er ihn zuletzt vor Minuten gesehen.
Bevor er ihn verlassen hatte, hatte er von einem Wiedersehen gesprochen und all die Jahre seiner glücklichen Ehe hindurch und seiner Aufgaben als Vater hatte er immer daran gedacht. Er hatte sich fest vorgenommen, zu folgen, wenn ihn in Hobbingen nichts mehr hielt.
Es war soweit. Er wollte nicht mehr Bürgermeister sein, seine Kinder waren erwachsen und seine Frau nicht mehr bei ihm. Er war alt.
Alt, aber glücklich nach einem zufriedenen Leben.
Und er freute sich auf das Wiedersehen.
Die Unsterblichen Lande waren nah. Frodo war nah. Sein lieber Herr Frodo.
Er hatte ihn sehr vermißt.

Früh am Morgen weckte einer der Elben ihn sanft.
„Meister Samweis, wir nähern uns der Küste. Wir sind da.“
Sofort richtete sich der Hobbit auf und lief an Deck. Die Aufregung wuchs.
Im Licht der Morgensonne erstrahlten die Gipfel des Pelori und Sam sah, wie die Wellen an den Strand schlugen. Im Dunst der Frühe blieb das Meiste noch verborgen, doch die küstennahen Gebiete und die sanften Hügel konnte Sam bereits erkennen.
Keiner der Elben mußte ihn darauf aufmerksam machen, daß am Wasser zwei verschieden große Gestalten standen und wartend Ausschau hielten nach dem Schiff.
Sams Herz machte einen Sprung. Er wußte, um wen es sich handelte, wer dort stand. Die Wellen brachen sich rauschend am Kiel des Schiffes, als es sich der Küste näherte und voller Freude begann Sam zu lächeln.
Er hatte keine Augen für die Unsterblichen Lande, sondern nur für Gandalf und Frodo, die er schon längst erkannt hatte.
Mit klopfendem Herzen lief Sam schließlich vom Schiff, vergaß alles um sich herum, als er den Boden unter den Füßen spürte und vor sich seine Freunde sah. Erwartungsvoll schauten sie zu ihm.
Frodos Lächeln war der beste Beweis für den Frieden, der zu verspüren war, er strahlte förmlich und erwiderte Sams Blick. Es war fast, als würde die Zeit stehenbleiben.
Mit Freudentränen in den Augen blieb Sam sprachlos und von seinem übergroßen Glücksgefühl überwältigt stehen, doch in diesem Moment trat Frodo auf ihn zu und schloß Sam fest in seine Arme.
Er sah noch fast genauso aus wie vor mehr als 60 Jahren, aber soviel zufriedener, ruhiger und glücklicher, wenn auch älter.
Sam umarmte ihn und Tränen strömten frei über seine Wangen. Er war wirklich da.
Es ging ihm gut. Es ging ihm so gut, wie Sam immer gehofft hatte, so, wie er es sich für ihn in all den Jahren gewünscht hatte.
„Oh Sam, beruhige dich doch“, sagte Frodo sanft und sah ihn liebevoll an. Ihm selbst standen auch die Tränen in den Augen, aber er strich Sam über die Wangen und wischte seine Tränen weg.
Sam fand keine Worte für das, was in ihm vorging, als er Frodo von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand nach all der Zeit. So oft hatte er sich diesen Moment ausgemalt, aber das übertraf alle Erwartungen.
Frodo war nicht derselbe, aber das war nur gut so. Sie sahen sich an und plötzlich spürte Sam, wie Gandalf ihm auf die Schulter klopfte.
„Schön, dich zu sehen, Samweis. Wie geht es dir?“ fragte der Zauberer und Sam atmete tief durch.
„Sehr gut... ich... ich freue mich so, hier zu sein bei euch!“ brachte er wider Erwartens heraus und Frodo lachte.
„Als wir die Nachricht von deinem Kommen erhielten, dachte ich, ich könnte die Freude kaum fassen, die ich darüber verspürte. Ich habe all die Jahre darauf gehofft, daß du wirklich kommen würdest!“
„Er hatte keine ruhige Minute mehr, wenn ich das so sagen darf!“ schmunzelte Gandalf.
Sam war zutiefst gerührt.
„Erzähl mir von deinen Kindern, Sam“, bat Frodo und Sam leistete seinem Wunsch natürlich Folge. Auch von Rosie erzählte er, von Merry und Pippin und seinen Besuchen in Gondor.
Als sie sich schließlich zum Gehen wandten und der Küste den Rücken kehren wollte, nahmen Frodo und Gandalf ihn in die Mitte, der noch immer keine Worte fand.
„Jetzt haben wir viel Zeit, um zu reden, Sam.“ Frodo sah ihn direkt an. Sam nickte und sein Gesicht wurde ernst.
„Du hast mir gefehlt.“
„Du mir auch, Sam. Du mir auch.“
Damit legte Frodo seinen Arm um Sams Schultern und für beide war alles vergessen außer dem endlosen Glück, das sie spürten.
Gandalf lächelte. Sie hatten es sich verdient.