Eowyn und die Hobbits wurden aus der Hand von Saurons Mund befreit und kamen zurück nach Minas Tirith zu Aragorns Palast. Da stand Frodo plötzlich Gandalf gegenüber, und als dieser ihn freudig begrüßen wollte, wandte Frodo sich abrupt ab und ließ ihn stehen. Gandalf wußte natürlich sofort, was los war und rief: "Warte, Frodo!" Frodo zögerte, ohne Gandalf anzusehen und dieser sagte: "Ich glaube, wir werden miteinander reden müssen...". Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment bekam Frodo zum maßlosen Entsetzen aller Umstehenden den fürchterlichsten Wutanfall, der je bei einem Hobbit gesehen wurde, jedenfalls verlor er völlig die Beherrschung.

Seine blauen Augen schleuderten Blitze und sein lange aufgestauter Schmerz brach sich ungehindert Bahn, als er sich umwandte und Gandalf anschrie: "Wage es nicht, jemals wieder mit mir zu reden. So viele Jahre habe ich dir als Freund vertraut, dabei hast du nur dein grausames Spiel mit mir getrieben. Wie sollte ich auch ein Freund der Mächtigen sein können als dummer kleiner Hobbit, aber immerhin gut genug, um als Pfand in einem Krieg eingesetzt zu werden. Jetzt weiß ich, dass es von Anfang an so geplant war. Ich sollte nie aus Mordor zurückkehren. Ja, dumm war ich wirklich, dass ich dir so vertraut habe. Du hattest versprochen, mir die Bürde tragen zu helfen, und dann hast du mich allein gelassen. Und während ich vor Schmerz über deinen Tod nicht mehr aus noch ein wusste und oft vor Verzweiflung nur noch sterben wollte, hast du, der du noch sehr lebendig warst, die Gelegenheit genutzt, am Schwarzen Tor über mein Schicksal zu entscheiden. Du hast mich verraten und verkauft an Sauron selbst. Ich werde dir das nie verzeihen, Gandalf!" Darauf wandte er sich ab und stürzte davon.

Gandalf war völlig grau im Gesicht geworden. Auch die umstehenden Augenzeugen waren unter der Wucht von Frodos Worten erbleicht. Nur Sam, der von gar nichts wusste und daher völlig verwirrt über diesen Ausbruch war, rannte aufgeregt zu Gandalf. "Was soll das bedeuten, Herr Gandalf, was ist passiert, so habe ich Frodo noch nie gesehen. Was meinte er damit, wie konnte er nur so etwas sagen, dass du ihn verraten und verkauft hättest?" Gandalf sah plötzlich unendlich müde aus. "Es ist wahr, Sam, und ich wünschte, Frodo hätte es niemals erfahren müssen", sagte er, und dann erzählte er ihm, was damals vor dem Schwarzen Tor geschehen war. Pippin und Merry standen nahebei und starrten betreten auf ihre Füße. Sam war sehr bestürzt, und doch begriff er, warum Gandalf nur so hatte entscheiden können. Dabei war es überhaupt nicht an ihm, politische Belange zu erfassen. Was er jedoch erkannte, war der Schmerz in Gandalfs Stimme und die Trauer in seinem Herzen über das, was er nicht ungeschehen machen konnte. Sam hatte Tränen in den Augen, als er vorsichtig Gandalfs Hand berührte und mit leise tröstender Stimme sagte: "Das kommt bestimmt wieder in Ordnung, Herr Gandalf." Gandalf lächelte nur schwach, und Merry und Pippin zogen Sam einstweilen mit sich fort, um den Zauberer in Ruhe zu lassen.

In diesem Moment trat Aragorn zu Gandalf und sagte: "Ich werde mit Frodo reden." Aber Gandalf schüttelte den Kopf. "Nein, Aragorn, er braucht seinen Schmerz, lass ihm Zeit, damit fertig zu werden." Aragorn nickte. "Du hast zweifellos recht, doch es schmerzt mich sehr, dieses Zerwürfnis mit anzusehen, denn ihr liegt mir beide sehr am Herzen." Gandalf drückte ihm dankbar die Hand und wandte sich ab, um in den Palast zurückzugehen.

Sam trat behutsam in Frodos Zimmer. Er fand ihn still am Fenster sitzend, seinen Blick ins Nirgendwo gerichtet. "Herr Frodo?" Frodo sah ihn nicht an. "Bitte lass mich allein, Sam." Seine Stimme klang müde und traurig, sein Wutausbruch hatte ihn völlig erschöpft. Als er Sams Zögern bemerkte, sagte er noch einmal leise "Bitte", und da wusste Sam, dass jetzt nicht der Zeitpunkt war, mit Frodo zu reden. Bedrückt verließ er das Zimmer.

Die Stimmung im gesamten Palast war während dieser ersten Stunden nach der Befreiung der Gefangenen sehr gedämpft, da fast alle miterlebt hatten, was vorgefallen war und alle übrigen bereits davon gehört hatten. Als alles für das Abendmahl vorbereitet war, hielt es Sam nicht länger aus und ging noch einmal zurück zu Frodo, den seit Stunden niemand gesehen oder gesprochen hatte. Er traf ihn dabei an, wie er seine Sachen zusammenpackte. Als Frodo Sams bestürzten Blick bemerkte, sagte er: "Ist schon gut, Sam, ich werde abreisen, ich kann einfach nicht hier bleiben und will nur noch heim ins Auenland. Aber das hat nichts mit dir zu schaffen, du sollst ruhig noch mit deiner Familie deinen Aufenthalt hier genießen. Bitte kümmere dich nicht um mich, ich bin sicher, ich werde ein paar Bedienstete des Königs finden, die mir ein Stück weit Geleit geben. Sorge dich nicht um mich." "Aber Herr Frodo...", fing Sam verzweifelt an. "Sam, bitte, versuche nicht, mich davon abzubringen, der Schmerz ist einfach zu groß." Sam seufzte: "Wenn du das wirklich willst, Frodo, aber es ist so traurig, einfach sehr traurig." Frodo schluckte. "Ja, das ist es, Sam..." Sam schlich betrübt vondannen.

In dieser Stimmung traf er auf der Palasttreppe mit Aragorn zusammen. Sam schniefte, als er Aragorns fragenden Blick sah. "Ich weiß nicht, was ich tun soll, es ist so furchtbar, Frodo will niemanden sehen und ist dabei abzureisen. Ich kann ihn nicht davon abhalten. Diese Sache mit Gandalf hat ihn so schwer getroffen. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn, Aragorn. Sollte das wirklich das Ende ihrer Freundschaft sein? Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Ich meine, ich weiß ja, warum Gandalf so handeln musste und dass es für ihn selbst am allerschlimmsten gewesen sein muss. Aber es ging ja nicht um mich, vielleicht würde ich sonst auch nicht damit zurechtkommen. Es scheint so hoffnungslos zu sein. Eigentlich sind wir Hobbits ja nicht solche Kinder von Traurigkeit und ziemlich hart im Nehmen, aber Frodo war halt schon immer viel sensibler, und das hier muss ihm wirklich sehr wehtun." Sam sah verzweifelt aus.

Aragorn setzte sich zu ihm auf die Treppe und umarmte ihn tröstend. "Ach, Sam, ich wünschte auch, ich könnte irgendetwas tun, aber ich musste Gandalf versprechen, mich da rauszuhalten. Und er hat Recht, weißt du. Wir dürfen uns da nicht einmischen, diese Sache können nur die beiden selbst klären. Dies ist die schwerste Prüfung für ihre Freundschaft und möglicherweise wird sie daran zerbrechen. Ein Krieg fordert viele Opfer, Sam. Ich wünschte, es wäre anders. Aber da wir jetzt ohnehin nichts tun können, lass uns hinunter in den Festsaal gehen, denn die anderen warten sicher schon und das Abendmahl ist angerichtet. Versuche wenigstens deiner Familie zuliebe, jetzt einen gesunden Hobbit-Appetit zu entwickeln. Und Frodo lass einstweilen mit sich selbst ins Reine kommen, Du kannst ihm nicht immer zur Seite stehen, denn es gibt Dinge, die er ganz allein regeln muss." Sam nickte seufzend und folgte Aragorn.

Natürlich ließ Frodos Abwesenheit beim Abendmahl keine rechte Stimmung aufkommen. Die Gespräche klangen eher gedämpft, als hätten alle Angst, an der Geschichte zu rühren. Einzig Legolas und Gimli sahen relativ unbewegt aus. Legolas stand nach elbischer Art mal wieder über den Dingen, und Gimli hatte diesen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der besagte, dass man gewiß jedes Problem auf zwergisch praktische Art würde lösen können. Gandalf erschien sehr erschöpft und um Jahre gealtert, und niemanden überraschte es, dass er sich bald von der Tafel erhob mit der Entschuldigung, dass er noch etwas frische Luft genießen wolle. Er verließ den Palast, um an diesem Abend noch einmal gedankenschwer durch die Stadt zu streifen.

Aragorn hingegen schmerzte es mehr und mehr zu sehen, dass all seine Gäste sich dieser ernüchterten Atmosphäre hingaben. Sogar die Kinder spürten, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war und tobten weniger wild als sonst durch die geräumige Halle. So hatte er sich den Abend nach der Befreiung Eowyns und der Hobbits wahrlich nicht vorgestellt. Auch er versank in Grübeleien, und Erinnerungsfetzen stiegen in ihm auf. Er dachte daran, wie er Frodo das erste Mal im "Tänzelnden Pony" in Bree begegnet war. Er lächelte bei dem Gedanken, wie er ihn als Herrn Unterberg angeherrscht und ziemlich grob in sein Zimmer geschleift hatte, aber die Situation damals war auch überaus gefährlich gewesen. Er erinnerte sich an seine Hilflosigkeit, Frodo von der Verletzung durch die Morgulklinge der Ringgeister zu heilen und seine Sorge, ob es Arwen rechtzeitig nach Bruchtal schaffen würde. Und dann hatte Gandalf Tag und Nacht an Frodos Bett gewacht, gemeinsam mit Sam. Aragorn hatte Gandalfs tiefe Verzweiflung gespürt, denn es war lange nicht sicher, ob Frodo die Verletzung überleben würde. Und dieselbe tiefe Verzweiflung hatte sich in Gandalfs Gesicht gespiegelt, als ihm Saurons Bote vor dem Schwarzen Tor Frodos Sachen vor die Füße warf. Und vor allem hörte Aragorn noch immer Frodos schmerzerfüllte Schreie, als Gandalf mit dem Balrog in den Abgrund stürzte...

Die heraufbeschworenen Bilder ließen Aragorn unruhig werden. Seine Untätigkeit machte ihn plötzlich nervös. Der Waldläufer in ihm wollte kämpfen. Nein, er hatte es Gandalf versprochen, und der König in ihm mahnte ihn zur Vernunft, in diesem Falle dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Aber verdammt, sagte der Waldläufer, tu doch etwas, rette diese Freundschaft, du liebst sie doch beide. Sie sind deine Freunde. Halte den König da raus, du hast sie lieben gelernt, als an den König noch gar nicht zu denken war... Trotzdem hatte Aragorn ein schlechtes Gewissen ob dieser rebellischen Gedanken. Es konnte fürchterlich schiefgehen, wenn er sich einmischte. Aber Moment mal, als König und Gastgeber hatte er doch wohl die Pflicht, sich um das Wohl seiner Gäste zu kümmern. Und wenn ein Gast abreisen wollte, dann würde er sich wohl höflich von ihm verabschieden und ihm alles Gute für die Reise wünschen können... Ein Abschiedsgespräch in aller Freundschaft, das war die Lösung. Und er hatte schließlich keine Differenzen mit Frodo. Noch nicht... Aragorn blieb zwiespältig, hatte jedoch seinen Entschluss gefasst.

Die Nacht war bereits angebrochen, als er leise anklopfte und die Tür zu Frodos Zimmer öffnete. Frodo war gerade dabei, einen Brief an ihn und Arwen zu schreiben, um sich für die ihm gewährte Gastfreundschaft in Gondor zu bedanken. Seufzend erkannte er, dass sich das wohl jetzt erübrigen würde. Aragorn setzte sich Frodo gegenüber. "Ich habe gehört, dass du abreisen willst." Frodo wich seinem Blick aus. "Ja, morgen in aller Frühe, und ich wollte deswegen keinen Lärm machen und schrieb dir diesen Brief, aber jetzt bist du ja hier..." Aragorn antwortete nicht, er sah Frodo nur weiter forschend an. Frodos Stimme war leise und tonlos. "Es tut mir leid, Aragorn..." Der König schien nachzudenken. Frodo fühlte sich ganz und gar nicht wohl in seiner Haut. Diese Begegnung hatte er vermeiden wollen. So viele waren Zeugen seines Wutausbruchs gewesen, und dem Hobbit in ihm war es sehr unangenehm, soviel Aufmerksamkeit erregt zu haben. Der Schmerz hatte ihn durchgehen lassen wie ein von einer Hornisse gestochenes Pferd. Aber vielleicht war genau das die gerechte Strafe für Gandalf, dass alle seine Schmach gesehen hatten, denn was konnte er sonst schon gegen ihn ausrichten. Frodo bekam plötzlich Angst vor seinen eigenen düsteren Gedanken und hatte Aragorn für einen Moment völlig vergessen.

All das nahm Aragorn wahr, denn er hatte ein Gespür für innere Befindlichkeiten. Ganz unvermittelt fing er in lockerem Plauderton zu reden an: "Weißt du noch, wie wir uns damals in Bree begegnet sind? Das hätte ganz schön ins Auge gehen können, deine Kapriolen mit dem Ring. So kann es zugehen, wenn man einfach nur einen Moment unbedacht ist..." Frodos Augen weiteten sich vor Erstaunen und leisem Misstrauen. "Worauf willst du hinaus?" Aragorn gab sich weiter unbefangen, obwohl er innerlich angespannt war, denn er konnte Frodo in dessen Zustand leicht verprellen, und das musste er unbedingt vermeiden. Er musste behutsam mit ihm umgehen und war doch genötigt, ihm mit gewisser Schärfe einige Wahrheiten zu sagen. Seine Gedanken überschlugen sich. Frodo wartete unruhig.

"Ich meine damit, Frodo, dass es oft viele Jahre Entwicklung und gemeinsame Erfahrungen braucht, um etwas Wundervolles zu schaffen oder um gute Pläne zu schmieden, die gelingen könnten, aber wenn man nicht vorsichtig mit dem Geschaffenen oder Geplanten umgeht, dann kann man etwas sehr Kostbares in einem Moment der Unachtsamkeit für immer zerstören..." Frodo schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände. "Bitte, ich kann nicht darüber sprechen..." flüsterte er fast flehend. Seine Qual war für den König fast greifbar. Aragorn musste alles auf eine Karte setzen.

"Frodo, du musst mit mir über gar nichts sprechen, wenn du das nicht willst. Aber bevor du abreist, möchte ich dich um einen kleinen Gefallen bitten, den du mir als Freund hoffentlich nicht abschlagen wirst." Frodo schluckte, sagte aber nichts. Aragorn fuhr fort: "Es ist etwas, von dem ich weiß, dass es dir nie schwer gefallen ist, soweit ich dich kenne. Und ich meine damit deine Fähigkeit zuzuhören. Ich möchte, dass du mir einfach nur zuhörst. Wirst du das tun?"

Frodo verkrampfte sich auf seinem Stuhl. Er fühlte, dass er zitterte und wäre am liebsten fortgelaufen. Aber er saß nur da wie gelähmt und spürte Aragorns Blick auf sich ruhen. Wie unter Zwang nickte er langsam und blickte gequält zu Boden. Aragorn räusperte sich, fieberhaft bemüht, die richtigen Worte zu finden. Denn davon würde es abhängen, ob er es schaffen würde, die Mauer zu durchbrechen, die Frodo in seinem blinden Schmerz um sich aufgebaut hatte.

"Frodo, ich sage dir jetzt etwas, was ich dir niemals sagen wollte. Aber als ich dich das erste Mal in Bree in Augenschein nahm, habe ich fürchterlich an Gandalf gezweifelt, dachte ich doch, er muss völlig den Verstand verloren haben, einem so unbedachten, dümmlichen Bauerntrampel von so winziger und schwächlicher Statur einen so lebenswichtigen Auftrag anzuvertrauen. Ich hätte fluchen können und sah alles verloren." Frodo blickte Aragorn völlig entgeistert an, als hätte dieser ihm gerade eine Ohrfeige verpasst. Doch Aragorn lächelte mild. "Ich möchte mich hier und jetzt dafür bei dir entschuldigen, Frodo. Denn ich war derjenige, der unbedacht war. Ich mochte Hobbits, aber ich hielt sie für völlig unfähig in Angelegenheiten von dieser Tragweite. Deshalb war ich auch so wütend, als ich dich mit dem Ring herumspielen sah, du erinnerst dich sicher." Frodo starrte ihn weiter an. Aragorn fuhr fort: "Aber ich war nicht wütend auf dich, sondern vielmehr auf Gandalf. Doch gerade in diesem Moment erinnerte ich mich an die vielen Gelegenheiten, bei denen Gandalf mir von euch erzählt hatte, von der Sanftheit und Freundlichkeit des Auenlandes und seiner Bewohner. Und sehr oft, Frodo, ging es dabei um dich. Wann immer Gandalf deinen Namen erwähnte, leuchteten seine Augen und in seiner Stimme schwang eine Güte und Wärme mit, wie sie nur jemand ausstrahlen kann, der denjenigen, über den er spricht, ganz tief in sein Herz geschlossen hat."

Frodo wurde von einem Schwindelgefühl erfasst. Er hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er wollte das nicht hören, Aragorns Worte schienen seinen Schmerz noch zu verstärken. Doch er blieb wie angenagelt sitzen und konnte sich nicht rühren.

"Wirklich, Frodo, ich konnte deine Stärken auf den ersten Blick nicht ausmachen, denn du warst verzweifelt und voller Angst. Und doch ahnte ich, dass du etwas ganz Besonderes an dir haben musstest, denn Gandalf vertraute dir blind, und ich vertraute Gandalf. Und es war keine Zeit für Zweifel." Aragorn hielt einen Moment inne, um seinen Worten Zeit zu geben, zu Frodo durchzudringen.

Wieder lächelte er sanft: "Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, du hast gewiss auch keinen besten ersten Eindruck von mir gehabt, das ist mir klar. Denn ich hielt mich lange hinter einer Fassade verborgen aus Angst vor meiner wirklichen Rolle. Ich weiß also bestens, wie es um innere Kämpfe bestellt ist. Aber ich habe auf unserer gemeinsamen Reise viel von dir gelernt, Frodo, darüber, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen und den Weg bis zum Ende zu gehen durch alle Misslichkeiten und Gefahren hindurch. Du hast mir gezeigt, wie man sich durch Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung kämpft, auch wenn man so oft lieber aufgeben würde. Und was am wichtigsten ist, du hast mich gelehrt, anderen auf den Grund ihrer Seele zu schauen und sie mit Verständnis und Mitgefühl zu behandeln, ohne sie zu verurteilen. Denn du siehst mit dem Herzen, und darin liegt deine größte Stärke. Aber jetzt ist dein Blick verschleiert, du bist blind vor Schmerz und weißt in deiner Qual nicht mehr, was richtig und falsch ist..."

Das war zuviel für Frodo. "Hör auf damit!" schrie er und sprang auf mit dem Blick eines gehetzten Tieres. "Setz dich sofort wieder hin!" herrschte Aragorn ihn an mit einer Autorität und Schärfe in seiner Stimme, die Frodo unwillkürlich einen Schritt zurückweichen ließ. Aragorns Gesichtszüge waren plötzlich hart geworden. "Ich bin noch nicht fertig, Frodo Beutlin! Ich bin der König von Gondor, und du kannst aufstehen, wenn der König zuende gesprochen hat. Also setz dich gefälligst wieder hin!" Die Worte taten ihre Wirkung. Starr vor Entsetzen ließ sich Frodo wieder auf seinen Stuhl sinken. Was für ein Spiel spielte Aragorn hier mit ihm, auf wessen Seite stand er? Frodo rang mühsam um seine Beherrschung. In seinem Kopf wirbelte alles, und ihm brach der Schweiß aus.

Aragorn wartete einen Moment, bis Frodos Atem sich wieder beruhigt hatte. Unvermittelt war seine Stimme wieder sanft, doch eindringlich geworden. "Das hier ist einfach zu wichtig, Frodo. Bitte hör mich weiter an!" Ergeben senkte Frodo den Kopf, er hatte einfach nicht die Kraft, sich Aragorn zu widersetzen.

"Frodo, du selbst hast dein Schicksal gewählt. Weder Gandalf noch sonst jemand hat dich je dazu gezwungen, diese schwere Bürde auf dich zu nehmen. Und du wusstest von Anfang an, dass dies ein Opfergang sein würde und hast nie damit gerechnet, dass es eine Rückkehr vom Orodruin geben könnte. Was du nicht gesehen hast, war Gandalfs Schmerz, als du den Ring in Bruchtal an dich nahmst. Frodo, er hätte nicht eine Sekunde gezögert, den Ring selbst zu nehmen, hätte er die Kraft gehabt, Sauron zu widerstehen, wie du es lange Zeit konntest. Und als er am Caradhras dich den Weg wählen ließ, wusste er genau, dass ein Hobbit sich immer für eine Höhle entscheiden würde. Er gab damit sein Schicksal in deine Hände, obwohl er wusste, was ihn in der Tiefe von Moria erwarten würde."

Frodo atmete schwer. Er klammerte sich mit den Händen an der Stuhllehne fest und bemühte sich verzweifelt, die Fassung zu bewahren. Doch Aragorn konnte und wollte ihm diese Tortur nicht ersparen. Zu vieles musste jetzt einfach ausgesprochen werden.

"Frodo, ich war am Schwarzen Tor dabei. Ich spüre noch heute das namenlose Entsetzen, dass uns durchfuhr, als uns deine zerfetzten Sachen vor die Füße geworfen wurden. Alles wofür wir gekämpft hatten, schien verloren. Ich stand direkt neben Gandalf. Und niemals werde ich seinen Gesichtsausdruck vergessen, als er sich von Saurons Boten abwandte, nachdem er diesem verkündet hatte, dass er dich an Sauron ausliefern würde. Er sah aus, als hätte ihm jemand einen Dolch ins Herz gestoßen. Es muss ihn innerlich schier entzwei gerissen haben.

Gandalf konnte nicht anders entscheiden. Er musste das Schicksal von ganz Mittelerde gegen dich eintauschen und hatte nicht die Wahl, seine persönlichen Befindlichkeiten in den Vordergrund zu stellen. Er wurde von seiner Bestimmung dazu gezwungen, dich völlig höherer Gnade oder Ungnade zu übergeben. Alles, was er noch tun konnte war, die Adler bereitzuhalten, eine winzige Hoffnung, an die er sich klammerte. Nur ihm ist es zu verdanken, dass die Adler dich und Sam in letzter Sekunde ergreifen konnten, als der Berg einstürzte..."

Frodo zitterte und stöhnte leise unter den Qualen, die ihm Aragorns Worte bereiteten. Er hatte das Gefühl, jeden Moment ohnmächtig zu werden. Aragorn ignorierte es.

"Dieser Krieg hat so viele Opfer gefordert unter allen Rassen. Er hat Leid gebracht unter zahllose Familien und er hat so viele Hoffnungen und Träume zerstört. Ob er auch deine Freundschaft zu Gandalf zerstört hat, das liegt jetzt bei dir zu entscheiden. Frodo, du hast Gandalf bitter Unrecht getan. Aber glaube nicht, ich würde den Schmerz nicht verstehen, der dich diese unbedachten Worte sagen ließ. Nur wage es nicht, deinen persönlichen Schmerz über den aller anderen zu stellen. Denn wir alle haben in diesem Krieg gelitten, jeder von uns hat Wunden davongetragen. Und wenn du das nicht sehen kannst, wenn du nicht fähig bist, deinen Blick zu erheben, um das Gesamtbild von einer höheren Warte aus zu betrachten, wenn du immer noch glaubst, dass Gandalf eure Freundschaft verraten hätte, dann hast du nichts, aber auch gar nichts von dieser großen Queste verstanden! Und das, Ringträger, kann ich mir einfach nicht vorstellen..."

Mit diesen Worten erhob sich Aragorn und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen. Er wusste, dass er nicht mehr tun konnte. Er fühlte sich erschöpft und war nicht stolz darauf, dass er Frodo so hart angefasst hatte. Aber sein Instinkt hatte ihm gesagt, dass das der einzige Weg war, ihn aus seinem Selbstmitleid zu reißen. Frodo... er liebte ihn so sehr. Er betete, dass sein Instinkt ihn nicht getrogen hatte.

Frodo war allein in seinem Zimmer zurückgeblieben. Es war auf einmal still, so still um ihn. Schon vor Minuten hatten sich seine Augen mit Tränen gefüllt, die er verzweifelt versucht hatte zurückzukämpfen. Jetzt gab er den Kampf auf. Er ließ seinen Kopf auf den Tisch sinken und weinte hemmungslos. Er verlor jegliches Zeitgefühl und nahm kaum noch wahr, wo er sich befand. Irgendwann stand er zitternd auf und wankte zu seinem Bett. Dort kauerte er sich zusammen. Wellen unsäglichen Schmerzes überrollten ihn, und immer noch wurde er von Weinkrämpfen geschüttelt. Aragorns Worte hallten in seinem Kopf nach, wieder und wieder, sie schienen auf ihn einzuschlagen. Später kamen die Bilder, Bilder von Sam und Bilbo, vom Auenland, von Beutelsend... und immer wieder von Gandalf. Anfangs ließ er sie alle teilnahmslos vor seinem inneren Blick vorüberziehen. Er war viel zu betäubt, um darauf zu reagieren.

Aber dann war da plötzlich diese Erinnerung an Moria, als Gandalf vor langer Zeit mit ihm gesprochen hatte. Frodo konnte sich in diesem Moment nicht an die Worte erinnern, aber die waren jetzt auch nicht wichtig. Es war nur das Bild, das blieb und immer deutlicher hervortrat. Gandalfs Gesicht, sein Blick voller Güte, Vertrauen, Zuneigung... Liebe. Frodo wollte dieses Bild nicht loslassen. Zuerst war es ihm gar nicht bewusst. Die Zeit schien stillzustehen. Ganz langsam begann Wärme durch seinen Körper zu strömen, und ganz sacht wich der Schmerz einem anderen, wundervollen Gefühl. Frodo verstand plötzlich, er verstand alles, und eine sanfte Ruhe legte sich über sein Gemüt. "Gandalf", flüsterte er, "ach, Gandalf, was habe ich nur getan?"

Im nächsten Moment wusste er, was er zu tun hatte, und er konnte nicht eine Minute länger damit warten. Er musste es jetzt tun, bevor ihn der Mut verließ. Und es war ihm egal, dass bereits die vierte Stunde nach Mitternacht angebrochen war. Er schlich aus seinem Zimmer und machte sich auf den Weg über die Flure des in tiefer Stille schlafenden Palastes. Es war nicht mehr weit. Gandalfs Zimmer lag genau um die nächste Ecke. Aber als er diese erreichte, prallte er erschrocken zurück. Die Tür stand weit offen, und er sah den Zauberer an seinem Tisch sitzen und bei Kerzenlicht Schriftrollen studieren. Damit hatte Frodo nicht gerechnet. Er hatte wohl im Stillen gehofft, dass die Tür fest verschlossen sein würde, so dass er die Chance hätte umzukehren, sollte er doch verzagen. Panik ergriff ihn. Aber es war zu spät, denn Gandalf hatte ihn bereits erspäht und sich von seinem Platz erhoben. Und natürlich hatte er mit seinem scharfen Gehör längst das vorsichtige Tappen von Hobbitfüßen auf dem kahlen Steinboden vernommen. Frodo war wie gelähmt, alle Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, waren aus seinem Kopf wie weggeblasen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und er fühlte sich völlig hilflos und verlassen. Doch wie unter einem Bann setzte er langsam einen Fuß vor den anderen und kam bis zur Zimmermitte, wo er mit gesenktem Kopf stehen blieb. Gandalf stand jetzt dicht vor ihm, doch Frodo wagte es nicht, zu ihm aufzuschauen, und zum ersten Mal in seinem Leben war er froh, mit dem Zauberer nicht auf Blickhöhe zu sein. Seine Lippen bewegten sich tonlos, doch er war viel zu aufgewühlt, um sprechen zu können. Das hier war so schwer für ihn...

Doch Gandalf konnte es ihm gar nicht schwer machen. Wortlos zog er den Hobbit an seine Brust. Frodo klammerte sich an die Rockschöße des Zauberers, presste sein Gesicht in den grauen Stoff und ließ seinen Tränen freien Lauf. Aber diesmal waren es Tränen der Reue und Erleichterung, und sie flossen jetzt viel ruhiger. Lange standen sie schweigend da, ohne sich zu rühren, Frodo, der leise schluchzte, und Gandalf, der ihn behutsam festhielt und ihm immer wieder sanft durch die dichten Locken strich, um ihn zu beruhigen. Sie wussten beide, dass in diesem Moment die Entscheidung gefallen war. Ihre Freundschaft war gerettet.

Irgendwann nahm Gandalf Frodos Gesicht in seine Hände und blickte ihm in die vom Weinen geröteten Augen. "Was hältst du von einem Becher Tee, Frodo?" Frodo nickte dankbar. Er setzte sich auf einen Platz nahe dem Kamin und wischte sich schniefend die letzten Tränen fort. Gandalf goss ihm einen Tee ein und ließ sich ihm gegenüber nieder. Geduldig ließ er dem Hobbit Zeit, sich zu sammeln, und zaghaft wagte Frodo es endlich, dem Blick des Zauberers zu begegnen. Er war noch immer sehr aufgewühlt und das Sprechen fiel ihm schwer. Die Worte kamen ihm nur stockend über die Lippen, seine leise Stimme war unsicher und klang brüchig vom vielen Weinen. "Es tut mir so leid, Gandalf... was ich zu dir sagte... es war... ich hätte das nicht tun dürfen... es ist nur... es hat einfach so schrecklich wehgetan..." Wieder lief ihm eine Träne über die Wange, und er wandte den Blick ab, um seiner Erregung Herr zu werden. Als er sich wieder gefasst hatte, sprach er weiter: "Dass ich dich vor allen brüskiert habe, das war einfach nicht richtig... ich habe deine Würde verletzt, und ich schäme mich dafür. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen. Und das Schlimmste ist, dass ich ausgerechnet den angegriffen habe, der es am wenigstens verdient hat, und dass ich völlig vergessen hatte, was du alles getan hast, um..." Frodos Stimme brach und er kämpfte erneut mit den Tränen und seinen verwirrten Gefühlen.

Gandalf nahm Frodos kleine Hände in seine eigenen. "Nein, Frodo, das ist so nicht richtig. Dass du die Wucht deines Schmerzes gegen mich geschleudert hast, das habe ich sehr wohl verdient." Frodo war so überrascht von diesen Worten, dass er schlagartig seine Fassung wiedergewann und den Zauberer einen Moment lang nur entgeistert anstarren konnte. Gandalf seufzte und fuhr fort: "Ich meine nicht deine Worte, Frodo. Aber die Gefühle dahinter waren ganz und gar berechtigt. Ich hätte dir diese schicksalsschwere Entscheidung nicht verschweigen dürfen, dazu hatte ich kein Recht. Ich meinte, einen guten Grund zu haben, denn du hattest viel durchgemacht und ich wollte dir zusätzlichen Kummer ersparen. Aber natürlich hätte mir klar sein müssen, dass du eines Tages davon erfahren würdest und dass es viel schmerzlicher für dich wäre, durch andere davon Kenntnis zu erhalten. Doch Frodo, das war nicht der wahre Grund für mein Schweigen. Der wahre Grund war meine Feigheit... Ja, ich war feige und ich hatte große Angst vor deiner Reaktion, Angst, dass du es nicht verstehen und dich von mir abwenden würdest, denn selten war mir etwas so kostbar wie deine Zuneigung und Freundschaft."

Frodo war völlig verblüfft über dieses überraschende Geständnis. Nie hatte er die Größe und Würde des Zauberers klarer und heller strahlen sehen. In seiner tiefen Gemütsbewegung sprang er auf, um ein paar Schritte durchs Zimmer zu laufen und seine Gedanken zu ordnen. Schließlich setzte er sich wieder und ergriff haltsuchend Gandalfs Hand. Mühsam rang er um die richtigen Worte.

"Gandalf, was ich zu dir gesagt habe, war furchtbar und ungerecht, und ich bereue es zutiefst. Ich weiß, ich kann die Worte nicht zurücknehmen, die ich einmal ausgesprochen habe, und ich wage es nicht, dich um Verzeihung zu bitten, denn ich weiß nicht, ob du das jemals vergessen kannst. Vor allem dass ich dich vor so vielen Zeugen gedemütigt habe, war gefühllos und grausam. Es war so dumm von mir, so unbedacht..."
Er stockte und wusste nicht weiter.

Aber in diesem Moment beugte Gandalf sich vor und nahm ihn in den Arm. "Frodo, ich muss dir nichts verzeihen, denn von Anfang an wusste ich, dass du diese Worte nicht so gemeint hast, obwohl sie mich sehr schmerzten, das muss ich zugeben. Und glaube mir, du musst dir auch keine Sorgen machen über die Zeugen deines Ausbruchs. Sie alle haben deine Gefühle verstanden, das weiß ich sicher. Denn sie lieben dich, Frodo, und sie werden dir immer mit großer Achtung begegnen, und wie könnten sie das nicht tun nach allem, was du freiwillig auf dich genommen hast. Aber, mein lieber Hobbit, du selbst musst dir deine Schwächen verzeihen können, um deinen Schmerz zu überwinden. Du musst zulassen, dass deine Wunden verheilen. Gib dem Hobbit in dir eine Chance, der mit schlichter Würde und standhaftem Optimismus alle widrigen Klippen des Lebens umschifft. Und wer weiß, vielleicht magst du eines Tages auch ein Stück deiner unbeschwerten kindlichen Neugier wiederfinden, die mich verzauberte an dem Tag, als mir Bilbo stolz seinen "einzigen wohlgeratenen Neffen" vorstellte. Von diesem Tag an wusste ich, wer von uns beiden der größere Zauberer ist."

Frodo schüttelte ungläubig den Kopf und musste plötzlich lächeln. "Mein lieber feiger Zauberer, wie konnte ich nur jemals an deiner Freundschaft zweifeln?" Gandalf aber blickte ihm ernst in die Augen. "Und kannst du mir meine lang gepflegte&Mac226;Verschwiegenheit’ verzeihen?" Frodo begegnete seinem Blick mit großen unschuldigen Kinderaugen. "Du hast es gut gemeint, Gandalf. Du hast es immer gut gemeint mit mir. Ich danke dir dafür", war seine schlichte Antwort. Da musste auch Gandalf lächeln.

Und dann sagte er: "Was meinst du, Frodo, möchtest du noch ein Stück mit mir durch den Palastgarten spazieren? Ich glaube, der Morgen bricht bald an, und um diese Zeit hat der Garten seinen ganz besonderen Liebreiz. Genau das Richtige, um einen lang entbehrten Frieden zu begrüßen." Frodo war in diesem Moment nichts lieber als das, um seine unendliche Erleichterung und Freude zu genießen. Er wollte Gandalf noch ein bisschen für sich allein haben, denn viel zu lange hatten sie auf diese wundervollen Momente ihrer ganz besonderen Zweisamkeit verzichten müssen während der langen Zeit, in der ihnen das Schicksal ihrer geliebten Welt so schwer zugesetzt hatte.

Sie gingen nicht weit und setzten sich auf eine Bank unweit der östlichen Palastseite. Sie sprachen kaum miteinander, denn in dieser Nacht war alles gesagt worden. Gandalf genoss seine Pfeife, und Frodo suchte von Zeit zu Zeit seinen Blick, um ihn dann anzulächeln und dankbar seine Hand zu drücken.

Der Palast hinter ihnen lag noch in tiefem Schlaf, nur irgendwo hinter einer reich verzierten Balustrade konnte man leise, aufgeregt wispernde Hobbit-Stimmen vernehmen: "Jetzt krieg dich wieder ein, Sam, ich habe dir doch gesagt, dass das schon in Ordnung kommt. Nun hör doch auf zu weinen, ist ja alles wieder gut. Komm, lass dich mal drücken, du treue Seele." Ein dankbares Schniefen war die Antwort. Und dann: "War das eine lange Nacht, und überhaupt, sollten wir nicht für solche Fälle noch etwas Handfestes zwischen Nachtmahl und Frühstück dazwischenschieben? Das hält ja sonst keiner aus." "Pippin, du Trottel, das hier ist ein erhebender Moment, und dir ist das Gehirn schon wieder in den Magen gerutscht!" "Kann ja sein, dass es erhebend ist, aber mich legt es jetzt eher nieder, ich bin wahnsinnig müde, und es ist doch vorbei, oder?" "Jetzt halt doch mal die Klappe, Pip, man kriegt ja gar nicht mit, worüber sie reden." "Sie reden überhaupt nicht, du Nase, haben sich ja wohl inzwischen genug gesagt. Kannst du irgendetwas sehen? Verdammt, es ist noch so dunkel." Darauf Sams leises Lachen: "Ihr beide seid so unmöglich... ich liebe euch." Er war viel zu erlöst, um jetzt noch ernst bleiben zu können.

Doch plötzlich gesellte sich eine andere Stimme dazu, die sie in strengem Ton rügte: "Das hier ist nicht das Auenland, in dem ihr eurer unbeherrschten Angewohnheit frönen dürft, an Türen und unter Fenstern zu lauschen, meine lieben kleinen wollfüßigen Freunde!" "Hast du mich erschreckt, ich dachte wirklich für einen Moment, der König von Gondor persönlich würde uns seine Aufwartung machen. Bin ich froh, dass es nur der gute alte Streicher ist." "Aber dem König wird es trotzdem zu Ohren kommen, wie wenig Respekt du einem verdienten Waldläufer entgegen bringst, und er wird dir deine Frechheit schon austreiben, Meriadoc Brandybock!" Aragorn versuchte vergeblich, eine erhabene Miene aufzusetzen. Sie alle mussten auf einmal so losprusten, dass sie sich erschrocken den Mund zuhielten. Denn sie wollten ja unbedingt vermeiden, von Gandalf und Frodo entdeckt zu werden.

Niemand von ihnen konnte sehen, dass der Zauberer schon eine Weile stillvergnügt vor sich hin lächelte. Zu scharf waren seine Ohren, als dass ihm dieser Dialog entgangen wäre. Was liebte er diese unglaublichen Hobbits, dachte er voller Wärme, so kleine Wesen und so große Herzen. Merry, Pippin und Sam, wie sehr mussten auch sie sich um das Fortbestehen dieser Freundschaft gesorgt haben. Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit durchströmte Gandalf. Frodo an seiner Seite war fest eingeschlafen. Die Anspannung des letzten Tages und dieser nicht enden wollenden Nacht hatte sich schließlich bemerkbar gemacht, und er hatte die Augen nicht mehr offen halten können. Gandalf hatte Frodos Kopf sanft in seinen Schoß gebettet und wartete nun auf den Sonnenaufgang.

In diesem Moment hörte er Aragorns Schritte und sagte: "Der König ist früh auf, um sein Volk zu regieren." Doch Aragorn erwiderte: "Nein, es ist nur der Waldläufer, der die Nacht durchwacht hat, weil ihm das Wohl seiner Gefährten am Herzen liegt." Er setzte sich neben Gandalf, um mit ihm gemeinsam zu rauchen. Frodo rührte sich nicht. Aragorn betrachtete den schlafenden Hobbit und sah dann dem Zauberer fest in die Augen. "Gandalf, ich kann dir kaum sagen, wie froh ich darüber bin, dass sich dieser schwierige Konflikt auf so wundervolle Weise gelöst hat." Gandalf zog seine Augenbrauen zusammen. "Auf so wundervolle Weise? Du meinst, ganz von allein?", fragte er spitzbübisch. Aragorn räusperte sich, weil er sich ertappt fühlte. "Frodo hat es dir erzählt?" "Nein, Frodo hat kein Wort davon erwähnt, dass du ihn, sagen wir mal, einfühlsam beraten hast, aber..." , und hier zwinkerte der Zauberer, "es gibt da gewisse kleine Wesen, die einfach nicht gegen ihre Natur ankommen, mal hierhin und mal dorthin zu lauschen..." Hierauf mussten beide Männer herzlich lachen, aber sie taten es leise, um Frodo nicht zu stören.

Eine Weile saßen sie noch schweigend zusammen und waren in den Anblick des Sonnenaufgangs versunken, der von der Hoffnung kündete, dass Mittelerde vielleicht endlich ruhigen und friedlichen Zeiten entgegensah. Dann sagte Gandalf: "Du solltest Frodo zu Bett bringen, Aragorn, er ist sehr erschöpft, und das zu Recht, denn die Welt hat sich für ihn in den letzten Stunden nicht nur einmal gedreht. Aber sei vorsichtig, denn du trägst eines der kostbarsten Juwele, das Mittelerde je hervorgebracht hat." "Du hast Recht Gandalf, diesen Schatz werden wir immer behüten." Damit hob der König Frodo behutsam hoch. Er trug ihn auf sein Zimmer und legte ihn vorsichtig auf das für einen Hobbit viel zu große Bett. Als er ihn gerade zudecken wollte, öffnete Frodo schlaftrunken die Augen. "Danke, Streicher", murmelte er leise. Aragorn strich ihm sanft durch die wirren Locken und lächelte. "Gern geschehen, Herr Unterberg."

Frodo war gleich wieder in seinen friedlichen Schlummer zurückgesunken. Er lächelte glücklich im Schlaf und träumte von Gandalfs Drachenfeuerwerk, dem Garten von Beutelsend und Bauer Maggots Pilzen...