Wie immer, wenn sein Vater unterwegs war, stand der kleine Elendil jeden Abend auf dem hohen Balkon und starrte sehnsüchtig auf die Straße, die gen Osten in das Herz Númenors führte. Valandil war einer der Fürsten der Númenórer, ein Hochgestellter aus uralter Familie. Man sagte, er stammte in direkter Linie, von Vater zu Vater von Elros ab, der erste König der Númenórer, Sohn von Earendel dem Seefahrer. Vor unendlich langer Zeit hatte Earendel den Elben geholfen, den Großen Feind niederzuwerfen und als Belohnung für diese Taten hatten sie ihre Insel als Geschenk erhalten.
Vor einigen Wochen schon war Valandil nach Armenelos gerufen worden. Dort, in der Hauptstadt von Númenor sollte der neue König gekrönt werden, und Valandil war einer der Kronräte, die den neuen König ins Amt beriefen. Es war ein hohes Amt, das Elendils Vater innehatte, und der Pflichten waren es viele. Und Elendil würde sich wohl noch einige Zeit lang gedulden müssen.

„Elendil!“ Hell schallte die Stimme Ancalimés durch das Haus. Wie jeden Abend war es an der Haushälterin, den Jungen zu Bett zu bringen. Seine Mutter war früh gestorben.

„Ich komme“ rief der Junge und rannte die Treppe hinunter. Unten wartete Ancalimé auf Elendil. Rasch war die Tageskleidung gegen den Schlafanzug getauscht, und einen kurzen Moment später las sie dem Jungen noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Sie handelte von den Elben in Mittelerde, und Elendil fiel träumend von Mittelerde rasch in den Schlaf.

So verging Tag um Tag, und der kleine Elendil wartete immer ungeduldiger auf seinen Vater. Von Norden her wehte ein kalter, regenschwangerer Wind, und es war kalt geworden. Draußen war es ungemütlich, und drinnen langweilte sich ein kleiner Junge. Und die Zeit schien sich von Tag zu Tag immer mehr zu dehnen.

Es war so ein kalter, regnerischer und stürmischer Tag, als draußen plötzlich Lärm ertönte. Elendil wollte zur Tür rennen, aber Ancalimé hielt ihn zurück.

„Geh hinauf auf dein Zimmer, Elendil!“

Murrend polterte Elendil die Treppe hinauf, um sie anschließend wieder hinunter zu schleichen. Offenbar kam sein Vater zurück, und ganz entgegen der üblichen Gewohnheit wurde er weggeschickt! Da war doch was faul!

Zwei Männer betraten das Haus, und Elendil erkannte Arathis und Ministar, zwei junge Krieger seiner Hausmacht. Sie sprachen rasch und leise zu Ancalimé, und Elendil konnte nicht alles verstehen, was sie sagten. Ancalimés Gesicht schien besorgt zu sein, und die beiden Krieger sprachen von Gefahr und von Kämpfen. Elendil schlich sich rasch in sein Zimmer und zog die Decke über seinen Kopf.

„Elendil!“ Nach einer halben Stunde kam Ancalimé in sein Zimmer und nahm den Jungen in ihre Arme. „Dein Vater ist in Gefahr, wurde berichtet, und keiner weiß, ob er frei oder gefangen ist und ob er kommen kann.“

„Er wird kommen“ sagte Elendil. Es überraschte ihn, wie bestimmt er das sagte. „Er wird kommen, doch es wird noch einige Tage dauern. Gefahren werden sein steter Begleiter sein, und Gefahren werden auch wir uns stellen müssen.“

Verblüfft blickte Ancalimé den Jungen an, der gerade mal zwölf Jahre alt geworden war. „Woher weißt du das? Selbst wenn du gelauscht haben solltest kannst du so was nicht aufgeschnappt haben.“

„Ich weiß nicht, warum – aber ich weiß es“ entgegnete der Junge.

Ancalimé redete nicht mehr, sondern zog sich einen Mantel über und verließ das Haus. Arathis und Ministar erhielten Befehl, den Jungen streng zu bewachen, und die beiden gingen ins Haus.

„Was ist denn los“ fragte Elendil. „Wieso seid ihr hier und wieso ist Ancalimé fortgegangen und wohin will sie?“

„Du stellst viele Fragen auf einmal“ antwortete Arathis und fuhr dem Jungen durchs glatte Haar. „Womit fange ich wohl am besten an – am besten mit den Nachrichten, die wir heute früh erhalten haben. Dein Vater wurde vor Wochen in die Hauptstadt gerufen, weil der alte König tot ist und ein neuer bestimmt werden muß. Das führt immer zu Streitereien, weil jede Gruppe ihren Anführer zum König gekrönt haben will. Es heißt, dieses Mal seien sogar Schwerter gezogen worden.“

„Ja, dieses Mal ist Blut geflossen“ ergänzte Ministar. „Es heißt, es gibt zwei starke Lager: diejenigen, die dem alten König und dem Kronprinz treu sind und diejenigen, die den Valar und dem alten Bündnis die Treue halten. Sie stehen sich unerbittlich gegenüber.“

„Und was ist mit Papa?“

„Habe keine Angst, Elendil. Er ist einer der Anführer der Getreuen, und es gibt immer Krieger, die ihm zur Seite stehen. Und er ist ein großer Kämpfer.“

„Das weiß ich. Aber Ancalimé hat sofort das Haus verlassen, als ich ihr das sagte.“

„Was hast du ihr gesagt?“ fragte Arathis. Elendil berichtete, was er der Haushälterin gesagt hatte. Der Krieger staunte. „Man könnte meinen, du wärst dabeigewesen. Möglicherweise hast du die Gabe der Fernsicht, die nur wenige haben, deren Herzen als besonders rein gelten und die nah mit der Linie der Könige verwandt sind. Manche werden das sicher hoch interessant finden. Verstehst du jetzt, warum wir auf dich aufpassen müssen?“

Elendil nickte stumm. Verängstigt blickte er in Richtung des nahen Waldes, als ob er erwartete, daß jeden Moment unheimliche, bewaffnete Gesellen da herauskommen und ihn ergreifen und forttragen würden.

„Hab keine Angst“ sagte Ministar, der Elendils Gedanken erraten zu haben schien. „Noch viel mehr von uns passen auf und niemand kommt hier her, ohne daß wir das wollen.“

Es waren besorgte Tage, die in diesem Herbst ins Land gingen, und es schien, als ob das Lachen in ganz Númenor erstorben sei. Elendil hatte hohen Besuch bekommen: eine Delegation des Rates der Getreuen hatte lange mit ihm gesprochen. Sie waren vor allem interessiert, ob er noch weitere Visionen gehabt hatte. Und sie konnten den Jungen beruhigen: Valandil hatte Botschaften in den Westen Númenórs geschickt.

Und endlich, nach einer langen, ungeduldigen Woche hörte Elendil wieder die wohlvertraute Stimme seines Vaters. Er lief ihm entgegen und sie schlossen sich in die Arme. Es schien, als ob Valandil verwundet worden wäre, aber er sprach in der Gegenwart seines Sohnes nicht davon. Und was er mit seinen Vertrauten besprach, wenn der Junge im Bett lag und schlief, bekam dieser natürlich nicht mit.

***

„Elendil!“ Valandils Stimme schallte durch das Haus.

„Was gibt es, Vater?“ Aus dem zwölfjährigen Jungen war ein stattlicher zwanzigjähriger Jüngling geworden.

„Übungsstunde! Leg deine Bücher weg und komm!“

Elendil war ganz und gar nicht begeistert. Nur ungern zwängte er sich in seine Rüstung (er fand, sie paßte ihm überhaupt nicht) aber sein Vater bestand darauf, daß er sich wenigstens drei Mal in der Woche im Schwertfechten übte. Schließlich war Númenor seit der mißglückten Königswahl vor acht Jahren nicht sicherer geworden, und keine zwanzig Meilen von hier würde es Menschen geben, die es nicht gerade gut mit Valandils Sohn meinen würden, wenn sie seiner habhaft würden.

„Elendil! Du hast deine Rüstung schon wieder nicht richtig angelegt!“ Arathis war ein geduldiger Lehrer, aber es gab Dinge, die er nicht leiden konnte. „Ich weiß, daß du noch im Wachsen bist, aber das heißt noch lange nicht, daß du die Armschienen so locker tragen sollst. Ein harter Schlag, und so bricht das Handgelenk, wo normalerweise nichts passiert.“

„Ich weiß, aber sie passen nicht richtig“ sagte Elendil mürbe. „Ziehe ich sie fester, schneiden sie ein und ich kann keinen Schlag richtig führen. Und dann ist das Kettenhemd zu klein und schnürt ein, dafür ist der Helm zu groß und verrutscht dauernd. Ich mag nicht mehr!“

„Ich so langsam auch nicht mehr“ entgegnete Arathis. „Wie soll ich dich ordentlich ausbilden, wenn die Ausrüstung nichts taugt. Ich werde mal mit deinem Vater reden. Heute machen wir Konzentrationsübungen, dazu brauchst du nur das Schwert.“

Die Konzentrationsübungen waren das einzige, was Elendil am Kriegshandwerk gefiel. Frei von lästigen Kettenhemden und drückenden Helmen konnte er mit dem Schwert spielen; es galt, Grashalme in zwei Teile zu spalten, mit der Schwertspitze Buchseiten umblättern ohne sie zu beschädigen und so weiter. Elendil war in solchen Spielen geschickt, und Valandil war der Ansicht, trotz aller Unlust einen talentierten Sohn zu haben.

„Wie kommst du mit der Ausbildung meines Sohnes voran?“ fragte Valandil, als Arathis sein Arbeitszimmer betrat.

„Wir kommen voran, aber es ist schwierig, Herr“ sagte Arathis. „Elendils Rüstung ist ihm zu klein. Die Armschienen schneiden ihm ein, das Kettenhemd zwängt und eigentlich paßt gar nichts. So könnte ich ihn zu keinem Kampf mitnehmen.“

„Ich weiß. Er wächst und wächst und überragt mich ja jetzt schon fast um Haupteslänge, und es scheint nicht, daß er damit aufhören will. Er hat ja schon das größte Kettenhemd, das wir da haben. Ein größeres haben wir nicht.“

„Wir könnten eins anpassen lassen. Es müßte weiter und länger gemacht werden, und neue Schienen sind auch rasch angefertigt. Daran soll die Ausbildung nicht scheitern. Ich habe aber das Gefühl, er hat keine besonders große Lust dazu.“

„Die hättest du auch nicht gehabt, wenn du immer nur hier gewesen wärst. Du durftest mit nach Mittelerde und gegen Saurons Schergen kämpfen. Und genau das habe ich wieder vor. Hier in Númenor haben wir außer kleinem Geplänkel keine Gelegenheit, unsere Kriegskünste zu üben, und ich halte sowieso nichts davon, daß wir uns gegenseitig erschlagen. Vorgestern erreichte mich eine Botschaft von König Gil-galad aus Mittelerde: er ersucht uns um Waffenhilfe. Und ich bin nicht abgeneigt, diesem Ruf zu folgen. In vierzehn Tagen werden wir aufbrechen.“

„Und Elendil soll mitkommen?“

„Ihr sollt beide mitkommen. Deshalb ist es wichtig, daß mein Sohn eine ordentliche Ausrüstung bekommt, und das so schnell wie möglich. Heute noch sollt ihr zur Waffenschmiede in der Admiralsbucht gehen.“

Arathis verneigte sich und verließ das Arbeitszimmer. Gemeinsam mit Elendil ging er auf dem Pfad über die Klippen zur Admiralsbucht, wo ein großer Hafen war. Er war der Haupthafen der Getreuen, und dort gab es viele Werften, Schmieden und Zeughäuser, und überall wurde emsig gearbeitet. Der Krieger bahnte sich zielstrebig seinen Weg durch die vielen Gassen, und sie fanden sich rasch in einem großen Raum wieder. Ein breitschultriger Mann saß hinter einem riesigen Tisch, auf dem viele Teile einer Rüstung ausgebreitet lagen.

„Grüß dich, Bergos“ sagte Arathis. „Das ist Elendil, der Sohn Valandils, der auf große Fahrt gehen soll und dafür eine passende Ausrüstung braucht.“

„Sei gegrüßt, Elendil“ sagte der Schmied. „Wo soll es denn hingehen? Mal sehen, was für Ausrüstung du dafür brauchst.“

„Das weiß ich selbst nicht genau“ stotterte Elendil überrascht. „ Mein Vater hat nichts zu mir gesagt. Ich sollte lediglich eine Rüstung für meine Ausbildung bekommen.“

„Das stimmt so in etwa auch“ grinste Arathis. „Du wirst nämlich auf Geheiß deines Vaters mit mir nach Mittelerde segeln. Möglicherweise kommt er mit, aber das ist noch nicht sicher.“

Elendil war baff. Seit seiner frühesten Kindheit hatten ihn die alten Geschichten aus Mittelerde am meisten fasziniert. Und jetzt sollte er dort hinsegeln dürfen? Das wäre ja fast zu schön um wahr zu sein!

„Nach Mittelerde soll der Herr?“ fragte Bergos. „Du wirst sehen, daß dies ein viel größeres Land als Númenor ist, manchmal erschreckend und manchmal schön. Ich war mal da, vor langer Zeit, und ich träume noch immer davon. Aber mal sehen, was wir an Ausrüstungsteilen da haben.“ Er ging in einen Nebenraum.

„Nach Mittelerde reisen wir?“ fragte Elendil noch immer baff vor Staunen. „Das ist eine Überraschung! Ich hätte das ja nie geglaubt!“

„Du wirst aber noch einige Übungsstunden brauchen, und eigentlich haben wir viel zu wenig Zeit, denn wir müßten erst noch herausfinden, welche Art von Rüstung am besten zu dir paßt. Aber jetzt müssen wir uns aufs Geratewohl entscheiden. Probiere das an, was du gebracht bekommst, und was paßt nehmen wir in die engere Auswahl.“

Nach einem kurzen Moment kam der Schmied mit einigen Teilen auf seinem Arm zurück. Er breitete mehrere Kettenhemden auf dem Tisch aus und blickte prüfend auf Elendil. Dieser staunte über die Kraft des Schmieds, der so einfach mehrere dieser schweren Dinger herumtrug, als ob es sich um Putzlappen handelte. Bergos´ Stimme erinnerte ihn wieder an den Zweck ihres Besuchs.

„Hier, Herr Elendil, das müßte dir passen. Letzte Woche habe ich meinen Gesellen noch gescholten, weil ihm das Kettenhemd viel zu lang geraten ist, aber dir müßte es passen.“

Elendil legte das Hemd an und staunte, wie beweglich er darin war. Es lag eng an, aber nicht zu eng und reichte ihm bis zu den Knien.

„Das ist perfekt“ rief Arathis. „Lob und Preis über deinen Gesellen!“

Bergos hatte noch einen passenden Helm auf Lager, aber die Arm- und Beinschienen würde er anfertigen müssen. „Übermorgen sind sie fertig, und wenn ich eine Woche mehr Zeit bekomme, fertige ich dir noch einen Brustpanzer an!“

Elendil bedankte sich wortreich, und nachdem Arathis noch einen neuen Helm in Empfang genommen hatte machten sie sich wieder auf den Heimweg. Er trug seine neue Rüstung voller Vorfreude auf das kommende Abenteuer.

Die paar Tage, die noch bis zu ihrer Abreise blieben, waren mit Üben, Packen und Üben ausgefüllt. Elendil gewöhnte sich rasch an seine Rüstung, die wie angegossen saß, und bald schon schien er es nicht mehr zu merken, wenn er sie anhatte. Einmal war er so müde, daß er in ihr einschlief.

„Na, jetzt wird aus ihm doch noch ein echter Krieger“ lachte Valandil. „Das steht doch wohl nicht auf dem Übungsplan?“

„Nein, natürlich nicht“ grinste Arathis. „Es schadet aber nichts, wenn er sich so zur Ruhe legen kann. Er wird das in Mittelerde noch oft genug tun müssen.“

Endlich war der Tag der Abreise gekommen. Viele Krieger bestiegen die Schiffe, und Elendil und Valandil fuhren auf dem Admiralsschiff. Helle Stimmen sangen ein schönes Abschiedslied, das von den hellen Gestaden Númenors handelte, und sie setzten Segel und fuhren der aufgehenden Sonne entgegen.
Viele Tage fuhren sie auf der ruhigen See, und es schien kälter zu werden. Schneeflocken fielen vom Himmel und tanzten um die Schiffe, die von einer leichten Brise aus dem Westen stetig vorangebracht wurden. Und zwanzig Tage nachdem sie in See gestochen waren sah der Ausguck fern im Osten hohe Klippen. Mittelerde war erreicht.

„Schau, die Grauen Anfurten“ rief Valandil. „Hier gehen wir an Land, Elendil! Hier werden wir von den Elben erwartet!“

Elendil spähte nach vorne. Er meinte, weiße Schiffe in der schmalen Hafeneinfahrt ausmachen zu können, mit weißen Seeleuten darauf. Genau auf diese Hafeneinfahrt hielten sie zu (was bei dem Westwind nicht leicht war) und Elendil sah, daß sich dahinter ein langgezogener Fjord anschloß. Hohe Klippen ragten in den Himmel und unzählige Seevögel kreisten in der Luft. Eine große Stadt war zu ihrer Rechten in die Felsen gebaut.

„Das ist Harlond, der Hafen Gil-galads. Dort gehen wir an Land. Seid höflich und verneigt euch vor den Elben, so wie es Sitte in diesen Landen hier ist. Sprecht, wenn ihr gefragt werdet, und schweigt ansonsten.“

Elendil lächelte still in sich hinein. Solche Reden konnte nur sein Vater schwingen, der weit gereist war und die hiesigen Sitten und Gebräuche kannte. Er betrachtete die Landschaft, die grandioser war als alles, was er sich in seiner Fantasie von Mittelerde vorgestellt hatte. Die hohen Klippen ließen den jungen Númenórer staunen, und in ihm erwuchs der Wunsch, auf sie hinaufzuklettern, um die dahinter verborgenen Lande sehen zu können.
Ihr Schiff drehte bei und machte an der Mole von Harlond fest. Hochgewachsene Elben, die schön anzusehen waren hießen die Seefahrer willkommen.

„Seid willkommen in Mittelerde“ riefen sie. „Weit seid Ihr gereist, und unser Herr erwartet Euch. Euer Kommen wurde sehnlich erwartet.“

„Habt Dank für Euer Willkommen“ antwortete Valandil. Er und Elendil gingen als erste von Bord und verneigten sich vor einem großen, reich gekleideten Elb.

„Lange ist es her, seid Ihr zum letzten Male hier wart, Herr Valandil“ sagte er. „Euren Begleiter kenne ich noch nicht. Gehe ich recht in der Annahme, daß dies Euer Sohn ist?“

„Ja, das ist Elendil, mein Sohn. Er ist zum ersten Mal auf Reisen. Er soll Erfahrungen im Kampf und im Umgang mit anderen Völkern sammeln.“

„Seid willkommen hier in Mittelerde, Elendil“ sagte der Elb und reichte ihm seine Hand.

Elendil nahm sie. „Elendil, zu Euren und Eurer Familie Diensten.“

„Círdan, zu Euren Diensten“ antwortete der Elb. „Eines kann man mit Sicherheit sagen: Ihr seid so höflich wie Euer Vater und Euer Großvater, und es war höchste Zeit, Euch auf Reisen zu schicken.
Aber das Kommen Eurer Streitmacht ward wirklich sehnlichst erwartet. Orks treiben sich auf der Ebene östlich von hier herum, und wir haben Mühe, ihrer Herr zu werden. Ihr werdet Eure Waffentauglichkeit bald unter Beweis stellen können. Ich wünschte, Ihr könntet Mittelerde in einer friedlicheren Zeit kennenlernen.“

Die drei gingen in ein Haus direkt an der Mole. Elendil, der wie alle Númenórer Elbisch gelernt hatte konnte erkennen, daß es sich um die Hafenkommandantur handelte. Darinnen warteten bereits einige gerüstete Elben, die sich erhoben, als die Neuankömmlinge eintraten. Círdan stellte sie einander vor.
Die Hauptleute der elbischen Streitmacht waren in Sorge. Die alte Straße, die den Elbenhafen von Harlond mit Gil-galads Ländern hinter den Wetterbergen im Osten verband wurde von Jahr zu Jahr unsicherer, und Orks und Trolle machten alle Länder zwischen den Turmbergen und den Wetterbergen unsicher. Unbewaffnete konnten es nicht mehr wagen, die alte Oststraße zu benutzen, und selbst Bewaffnete taten das nur, wenn sie es mußten. Die Zwerge, die in den südlichen Turmbergen ihre Minen und Bergwerke hatten blieben, wo sie waren, und so gab es keinen Handel mehr mit den Reichen im Osten. Círdan befürchtete, daß diese Situation zu Armut und Not führen würde, wenn sich bald nichts änderte.

„Dann ist klar, was wir zu tun haben“ sagte Valandil. „Wir werden gen Osten ziehen und unser Möglichstes tun, um die Straße zu sichern. Dann schwärmen wir nach Norden und Süden aus und vertreiben die Feinde.“

Elendil betrachtete die Karte, die ausgebreitet auf dem Tisch lag. „Wie wäre es, wenn wir zuerst bis Bree ziehen und es zu unserer Basis machten? Die dortige Bevölkerung muß doch froh sein, wenn sie Unterstützung erhält, und ein paar ortskundige Führer könnten wir auch gut gebrauchen.“

Dieser Vorschlag wurde von den Anwesenden begrüßt, und sie beschlossen, sich am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Valandil war erstaunt über den Vorschlag seines Sohnes. Hatte Arathis es doch geschafft, ihm die hohe Kriegskunst zu vermitteln?
Elendil war indes mit Arathis zurück zu den Schiffen gegangen, um die Krieger über das Ergebnis der Unterredung zu unterrichten. Anschließend luden sie ihre Ausrüstung von den Schiffen und machten sich reisefertig, denn Valandil hatte vor, früh am nächsten Morgen aufzubrechen. Sie wollten so schnell wie möglich nach Bree kommen, um dann von dort aus die Feinde von der Straße zu vertreiben. Valandil schätzte, daß sie bestenfalls sechs bis sieben Tage für diesen Ritt brauchen würden, und der Zustand der Straße verschlechterte sich, je näher der Winter rückte.
Noch vor Sonnenaufgang waren sie begleitet von den Segenswünschen der Elben von Harlond aufgebrochen. Elendil bestaunte die Berge, die höher waren als das, was er jemals in Númenor gesehen hatte. Und als sein Vater ihm sagte, daß die Blauen Berge von Lûhn bei weitem nicht die höchsten von Mittelerde waren, brachte er vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Die Straße klomm noch immer nach oben, und das obwohl es schon Abend war und Harlond weit hinter (und unter) ihnen lag. Sie fanden einen geeigneten Rastplatz, von dem aus sie weit über die Grauen Anfurten und das Meer blicken konnten. Fern unter ihnen blinkten die Lichter von Harlond.

„Bald werden wir das Gebirge hinter uns lassen und du wirst vom Meer lange nichts mehr sehen“ sagte Valandil. „Die Lande werden immer unsicherer, je weiter wir uns von den Elbenstädten im Westen entfernen. Doch auch hier ist nicht alles sicher, obwohl es den Anschein haben mag. Deshalb werden wir schon heute Nacht eine Wache aufstellen.“

„Das erscheint klug“ entgegnete Elendil. „Ja, Mittelerde ist groß, größer als ich es mir jemals gedacht hätte. Und irgendwie bin ich neugierig auf das, was hinter dem Bergkamm liegt. Aber heute blicke ich nicht weiter als bis zum Nachtlager, schätze ich. Reiten macht müde, vor allem wenn man lange auf See war.“ Und mit diesen Worten wickelte er sich in seinen Schlafsack ein.

Die nächsten Tage brachten die Reiter über das Gebirge, das auf der Ostseite langsam in bewaldeten Hügelketten auslief. Die Straße folgte einem Flußlauf, der immer breiter wurde und rechts und links von ihnen waren niedrige Hügel, die dicht bewaldet waren. Doch an der Straße sahen sie vereinzelte Gehöfte, die von Menschen bewirtschaftet wurden. Von ihnen wurden die Reiter willkommen geheißen, denn sie versprachen, Ruhe und Ordnung in diesen fruchtbaren Landstrich zurückzubringen. Von ihnen erfuhren die Númenórer, daß ab und zu Orkbanden von Osten in diese Lande hereinbrachen und raubend und brandschatzend durch sie hindurchzogen.
Elendil war der Ansicht, die Reise nach Bree fortzusetzen, aber eine berittene Feldwache hierzulassen. Schließlich sollten keine Orks ihren Rückzugsweg zum Meer abschneiden können und außerdem die hier lebenden Menschen vor ihnen geschützt werden.

„Du handelst schon wie ein Feldherr“ sagte Valandil. „Nur aus Büchern kann man sich so ein Wissen nicht aneignen.“

Elendil wurde rot und murmelte irgendwas Unverständliches. „Er interessiert sich immer für die alten Schlachten und welche Lehren man aus ihrem Verlauf ziehen kann“ sagte Arathis. „Wir haben schon ganze Abende damit zugebracht, neue Strategien zu entwickeln und die Taktiken des Feindes zu analysieren. Aus ihm wird noch ein großer Heerführer.“

„Auf alle Fälle war das nicht so schmerzhaft als sich in einer viel zu kleinen Rüstung einen blauen Fleck nach dem anderen zu holen“ ergänzte Elendil.

„Aber trotzdem wirst du wohl oder übel kämpfen müssen, vermute ich“ antwortete Arathis. „Der Feind ist nicht nur durch Taktieren allein zu besiegen. Und es wird Zeit, daß auch du dich an den Nachtwachen beteiligst.“

Von diesem Tag ab war Elendil jede zweite Nacht zur Wache eingeteilt. Wenn ein númenórischer Trupp unterwegs war, dann hielten immer mindestens zwei Krieger des Nachts Wache, und um Mitternacht wurden sie abgelöst. Ob es an der Stärke ihrer Waffen lag oder es Zufall war wußte keiner von ihnen, aber sie blieben auf ihrem ganzen Weg bis Bree unbehelligt. Nach fünf Tagen bog das Flüßchen, das die Straße seit dem Gebirge begleitet hatte nach Süden ab, und sie standen vor einem großen Fluß, der ihren Weg kreuzte. Die Straße führte über eine alte, baufällige Brücke weiter gen Osten, aber Valandil beschloß, hier ein Nachtlager einzurichten. Es war zwar erst später Nachmittag, aber niemand lagerte gern und ohne Not auf dem Abschnitt der Straße, die zwischen dem Baranduin und Bree lag.
An diesem Abend hatten Elendil und Arathis die erste Wache. Elendil starrte stumm auf den träge dahinfließenden Fluß. Die untergehende Sonne spiegelte sich rot im Wasser.

„Na, denkst du an Zuhause?“ fragte Arathis.

„Ja, aber nicht in der Art und Weise, wie du vielleicht denkst. Ich habe mir eben die Frage gestellt, wie es vielleicht ist, wenn man plötzlich für immer hier leben müßte. Wie es ist, wenn man kein Zuhause mehr hat.“

„Wie kommst du denn darauf, Elendil? Wir haben doch eines, und zwar kein allzu schlechtes. Es gibt zwar manches, was besser sein könnte, aber in Númenor behelligt uns kein Feind und wir können unbewaffnet über unsere Felder und durch unsere Wälder reiten.“

„Na, selbst das trifft nicht immer und nicht für alle von uns zu. Seit der Königswahl kann der Sohn Valandils nicht mehr gefahrlos von der Küste wegreiten, und es stimmt zwar, daß kein Feind uns in Númenor behelligen kann, aber das Gefühl, daß wir uns selbst zu Feinden machen wird in mir immer stärker. Und wir entfernen uns immer mehr von unseren alten Verbündeten. Ich frage mich, wie lange solche Fahrten wie die unsere noch möglich sein werden, und wie Gil-galad uns empfangen wird.“

„Du bist nicht der Einzige, der sich diese Frage stellt“ sagte Valandil und setzte sich zu den beiden. „Seit Tar-Calion widerrechtlich zum König gekrönt wurde – er darf es nicht, denn er hat die Königin als naher Blutsverwandter nicht heiraten dürfen – wird die Lage für uns Getreue in Númenor von Tag zu Tag schlechter. Manche sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem zweiten Bürgerkrieg, und wenn es soweit kommt, dann ist es schlecht für uns. Und einen Tag vor unserer Abreise erreichte mich der Befehl des Königs, daß alle Fahrten, die weiter als drei Meilen von der Küste Númenors weg führen durch Seine Majestät zu genehmigen sind. Wir sind also quasi widerrechtlich hier.“

„Es heißt, der König halte nichts von unserem Bündnis mit Gil-galad“ sagte Elendil.

„Er hält davon überhaupt nichts. Er stellt das Verkehren mit den Valar und allen, die ihnen nahestehen oder mit ihnen verbündet sind unter Strafe, und da ist er nicht besser als viele seiner Vorfahren. Ich glaube aber, insgeheim neidet er uns unsere guten Beziehungen zu ihnen. Aber da die Könige nicht nur in der Vergangenheit ziemlich hochmütig waren, werden sie mit den Herren des Westens wohl nicht mehr verkehren können.“

„In den letzten Nächten sah ich brennende Häuser und Wasser, das alles überspült“ flüsterte Elendil. „Die Häuser waren númenórischer Art, und alles wurde hinweggerissen. Es war, als ob nicht nur Osse und Ulmo in großem Zorn waren. Und ich meinte Schreie zu hören, Schreie, die einem das Mark erschüttern lassen.“

„Wehe, wenn diese Vision jemals wahr werden sollte“ sagte Valandil leise. „Seit deinem zwölften Lebensjahr besitzt du die Gabe der Vorhersehung. Sie kommt bei dir oft unvorhergesehen und ungefragt, aber alles stellt sich als wahr heraus. Und das macht mir Sorgen, vor allem, wenn du das alles mehrmals gesehen hast. Wir müßten schnellstens mit Elrond reden.“

„Wer ist denn das?“

„Der größte Meister des Wissens, den ich kenne. Und du müßtest ihn eigentlich auch kennen, denn du bist mit ihm verwandt. Er ist der Bruder von Elros, unserem ersten König, der Sohn von Earendel. Er lebt weit im Osten, in Bruchtal. Das liegt ein wenig abseits der großen Straße im Nebelgebirge und ist ein so heimeliger Ort, wie man ihn sich nur wünschen kann. Selbst in Númenor fühlt sich der Reisende nicht so wohl wie da. Er wird deine Träume zu deuten wissen.“

„Aber zuerst haben wir eine Aufgabe zu erfüllen, Vater. Und ich schätze, das wird uns für einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Valandil legte sich wieder zur Ruhe, aber Elendil hatte den Auftrag, alles, was er in seinen Träumen gesehen hatte aufzuschreiben, damit es nicht vergessen ginge. Aber zunächst wandte er sich wieder seiner Wache zu, die so ruhig wie alle zuvor verlief. In den fernen, unbekannten Landen im Süden tobte ein Gewitter, und die Blitze waren in der Ferne zu sehen. Leiser Donner grummelte zu ihm hinüber. Ein schwacher Wind wehte von Westen her. Elendil seufze leise.

„Wer weiß schon, was diese Traumbotschaften zu bedeuten haben“ sagte er achselzuckend zu sich selbst. „Vielleicht trifft das erst in dreihundert Jahren zu, oder es wird nie so sein. Oder wir fahren gen Westen und es ist schon passiert.“

„Was ist?“ fragte Arathis, der Elendils Worte nur halb verstanden hatte. „Was ist passiert oder passiert nie?“

„Och, nichts“ meinte Elendil. „Ich habe nur laut gedacht.“

Am nächsten Morgen brachen sie zum letzten Teil ihres Rittes nach Bree auf. Das Wetter war wie in den vorangegangenen Tagen schön, es war noch warm, aber nicht heiß und ein laues Lüftchen wehte. Die Vögel sangen, und der Wind fuhr durch die Äste der nahen Bäume. Elendil betrachtete den Wald, der sich wie eine düstere Drohung zu ihrer Rechten zu erheben schien. Er verstand nicht, wieso die Einheimischen Angst davor hatten, ihn zu betreten. Sicher, Orks und andere lichtscheue Gestalten mochten sich darin verborgen halten, aber traf das auch nicht auf andere Wälder zu? Trotzdem war er froh, als die anderen eine schnellere Gangart anschlugen, und auch auf sein Herz senkte sich ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung, und er war froh, daß sie gegen Mittag den Wald endlich hinter sich gelassen hatten. Eine sanfte Hügelkette erhob sich nun zu ihrer Rechten, und Elendil verspürte den Wunsch, dort hinaufzureiten und das Land zu betrachten.
Valandil meinte, sie sollten ein wenig abseits der Straße ein geeignetes Plätzchen für ihre Mittagsrast aussuchen. Es waren noch zwei Stunden leichten Trabs bis Bree, und sie verspürten keine allzu große Eile. Die Reiter lenkten ihre Pferde einen der Hügel hinauf, und oben auf der Kuppe saßen sie ab und ließen sich ins Gras nieder. Die Sonne schien, es war warm und alle außer den Wachposten legten sich ins Gras und ließen es sich gutgehen. Elendil hatte freiwillig eine Wache übernommen, und er stand auf der Wiese und betrachtete staunend die weiten, unbewohnten Lande. Im Osten stiegen an einem nahen, niedrigen Berg Rauchwolken auf, und er vermutete, daß dort Bree liegen müßte. Elendil beschattete seine Augen mit der Hand und schaute angestrengt in diese Richtung. Ja, dort konnte er Häuser ausmachen, und Menschen schienen geschäftig die Straßen auf- und abzulaufen. Dann blickte er gen Süden, und vor seinen Füßen sah er einen murmelnden Bach, der auf seinem Lauf in Richtung Südwesten immer breiter und träger wurde und an dessen Ufern unzählige Weisen standen. Erstaunt sah er keine halbe Wegstunde von ihm entfernt ein einzeln stehendes Haus. Ihm schien, als ob von dort lustige Gesangsfetzen zu ihm herüberschallten, aber als er genauer hinhörte konnten seine Ohren nichts mehr wahrnehmen. Irgendwie wuchs das Verlangen in Elendil, sich auf sein Pferd zu schwingen und dort hinzureiten, aber er hatte Wache, und so verkniff er sich den Gedanken daran. Dann wandte er seinen Blick zurück gen Westen, wo sie hergekommen waren. Die nahe Straße zog sich wie ein schmutzig-braunes Band zu den fernen Turmbergen hin, und in der Ferne konnte er drei elbische Wachtürme ausmachen. Dahinter lag Harlond und das Meer und irgendwo weit dahinter Númenor. Zu seinen Füßen lag der Alte Wald, eine düstere, dunkelgrüne Masse von Baumwipfeln. Das unbestimmbare Gefühl der Gefahr kehrte in Elendils Herz zurück, und er wandte seinen Blick gen Norden. Das Gelände dort war hügelig, und bis zum Horizont sah Elendil nichts außer Hügeln und Wälder. In der Ferne meinte, er, Wasser durchblitzen zu sehen. War da ein großer See oder narrten ihn seine Augen?
Nach ihrer ausgedehnten Mittagspause machten sie sich auf zur letzten Etappe ihres Weges. Valandil und Elendil ritten an der Spitze des Trupps, und nach gerade mal etwas mehr als einer Stunde hatten sie Bree erreicht. Nach númenórischen Maßstäben war Bree keine Stadt, sondern eher ein großes Dorf, aber es war mit einer hohen Hecke umfriedet und wer hinein wollte, mußte ein Tor und eine Wache passieren. Nach sechs Tagen in der Wildnis waren die Reiter froh, wieder in einer menschlichen Ansiedlung zu sein.
Die Númenórer wurden von der Torwache willkommen geheißen, und sie wurden zum Bürgermeister der Stadt geleitet. Der alte Herr Eisenbart (er hieß wirklich so) war mehr als froh, bewaffnete und erfahrene Krieger in der Stadt zu haben (sagte er). In der letzten Zeit hatte es immer wieder Orküberfälle gegeben, und die Bevölkerung war verunsichert. Viele dachten ans Wegziehen.

„Die Orks kommen immer von Norden oder aus dem Alten Wald im Westen, an dem Ihr vorbeigeritten seid. Und immer greifen sie uns des Nachts an. Bislang konnte der Hag noch Schlimmeres verhindern, aber in den Dörfern Archet und Stadel haben sie schon Leute ermordet oder verschleppt, und nur wenige wagen es noch, dort zu wohnen.“

„Na, uns haben sie in Ruhe gelassen“ sagte Valandil. „Wir sind nicht allzu schnell geritten und haben lange und häufig gelagert.“

„Das wundert mich nicht“ entgegnete der Bürgermeister. „An Krieger in Rüstung, die auch noch Wachen aufstellen trauen die sich nicht ran. Sie werden Euch höchstens beobachtet haben, mehr auch nicht. Und sie werden beobachtet haben, daß Ihr in die Stadt eingeritten seid. Ich will nicht leugnen, daß Eure Anwesenheit die Leute hier beruhigt hat. Es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, daß Krieger aus dem fernen Númenor gekommen sind, um uns zu beschützen.“

„Dann verbreitet auch, daß diese Krieger ortskundige Führer brauchen, die sich in den Gegenden hier gut auskennen und waffenerfahren sind“ sagte Elendil. „Wir sind auf Ersuchen König Gil-galads gekommen, um mit diesen Räubern und Unholden aufzuräumen und die Oststraße wieder zu einer sicheren Straße zu machen. Aber dafür brauchen wir Eure Hilfe.“

„Schönere Worte könnt Ihr nicht sagen“ rief der Bürgermeister. „Es soll so sein wie Ihr es wünscht. Einstweilen werdet Ihr ein Quartier benötigen, und ruht Euch ein wenig von Eurer langen Reise aus. Ach ja, und heute Abend wird es einen kleinen Empfang geben, nichts Großes, auf dem können wir alles Weitere besprechen.“

Sie trennten sich mit höflichen Worten und wurden von einem Diener zu einem Gasthaus unweit der Hauptstraße gebracht. Es hieß „Zum tänzelnden Pony“ und sah sehr einladend und gastlich aus. Ihre Pferde wurden in den Stall geführt und versorgt, und die Reiter gingen in die Gaststube. Dort bekamen sie ein kühles Bier und ein verspätetes, zweites Mittagessen.

„Ich finde es ja faszinierend, wie du dem alten Bürgermeister auf die Schliche gekommen bist“ grinste Valandil.

„Es war doch klar, wer wohl das Gerücht von unserer Ankunft in die Welt gesetzt hat“ meinte Elendil. „Der Bürgermeister hat doch ein Interesse daran, daß hier keiner wegzieht, und eine sichere Straße nützt ganz Bree. Natürlich sollen wir da einige Tage bleiben, das wäre so oder so gekommen, egal ob wir ursprünglich vorgehabt hätten, gleich zu Gil-galad weiterzuziehen oder hierzubleiben.“

„Und du hast ihn gleich eingespannt, uns die nötigen Führer bereitzustellen“ ergänzte Arathis. „Bei allem Respekt: Elendil, du bist genau so ein Schlitzohr wie dein Vater! Zum ersten Mal in Mittelerde und gleich packt der die Leute auf Landesart am Schlafittchen! Das glaubt mir in Númenor keiner, wenn ich das erzähle!“

„Na, da glaube ich, da sind alle Menschen gleich“ lachte Elendil. „Aber ich bin mal gespannt, was das mit dem ´kleinen Empfang´ sein soll. Wahrscheinlich wird da die gesamte Stadtprominenz versammelt sein, um uns klarzumachen, wie wichtig unsere Mission ist.“

„Arathis hat vollkommen richtig erkannt: du verstehst die Landesart“ lachte Valandil. „Aber wir werden heute Abend auch wichtige Informationen für unsere Aufgabe erhalten, vergiß das nicht. Also höre zu und stelle die richtigen Fragen!“

Elendil war mit seiner Vermutung völlig richtig gelegen, daß jeder in der Stadt, der Rang und Namen hatte (oder meinte zu haben) auf dem Empfang erschienen war. Nach dem üblichen Austausch von Höflichkeiten kamen Valandil und Elendil dann auch recht schnell zur Sache: sie befragten die Bewohner nach den Überfällen. Bald schon kristallisierte sich heraus, wer als Führer geeignet war und wer nicht, und Valandil hatte bald genug geeignete Freiwillige, die am nächsten Tag mit ihnen gen Norden aufbrechen sollten.
Aber ein anderes Sprichwort sollte sich bald bewahrheiten: in Mittelerde kommt vieles anders als geplant und vollkommen anders als gedacht. Mitten in den Empfang platzte ein völlig erschöpfter und verwundeter Mensch herein.

„Archet wurde wieder überfallen. Die Orks kamen aus dem Alten Wald, und sie haben einen Troll dabei.“

„Wie viele sind es, und wann war der Überfall?“

„Es waren um die dreißig Orks, und der Überfall ist gerade eine Stunde her. Wahrscheinlich haben sie wieder Leute verschleppt.“

„Na, jetzt wollen wir mal zeigen, weswegen wir hier hergekommen sind“ sagte Elendil. „Zehn Leute dürften ausreichen. Wer kommt mit?“

Valandil staunte über seinen Sohn, der noch nie in einem richtigen Gefecht gestanden hatte und dennoch wie ein Heerführer Befehle erteilte, und er ließ ihn gewähren. Mit Elendil gingen Arathis und noch acht weitere erprobte Kämpfer, allesamt Ritter aus Valandils Haus, und keine zehn Minuten später waren sie aufgebrochen. Mit ihnen ritt ein Breeländer, der sich in der Gegend um Archet gut auskannte.
Die Reiter brauchten gerade mal eine Viertelstunde bis Archet, und schon on ferne sahen sie brennende Häuser und dunkle Gestalten, die hektisch auf- und abliefen. Die Orks hatten sich schon wieder in den Schutz der Dunkelheit zurückgezogen. Fackelschein zeigte in der Ferne, wo sie waren.

„Wir setzen ihnen nach“ rief Elendil. „Denen wollen wir zeigen, was es heißt, es mit Númenórern zu tun zu bekommen!“

Leise ritten sie mit gezogenen Schwertern auf den Fackelschein zu. Die Orks hatten die Verfolger noch nicht bemerkt. Sie kreisten den Orktrupp ein. Noch immer bemerkten die Feinde nichts von ihren Verfolgern. Sie trieben gefesselte Menschen wie Vieh voran. Da gab Elendil das Zeichen zum Angriff.
Die Orks hatten inmitten der Weiten Mittelerdes nicht damit gerechnet, von einem gut bewaffneten Trupp Númenórer angegriffen zu werden, und rasch war das Scharmützel zu Gunsten von Elendils Mannen entschieden. Die Gefangenen konnten allesamt unversehrt befreit werden, und bis auf einen Ork, der gefangen genommen worden war, waren alle Feinde auf dem Schlachtfeld geblieben. Jubelnd wurden sie von der Dorfbevölkerung empfangen.
Elendil stellte ein paar Wachen rund um Archet auf, denn er fürchtete, daß noch mehr Orks kommen könnten. Dann rief er die Dorfbevölkerung auf, Freiwillige zur Ausbildung an den Waffen zu stellen.

„Wir können nicht immer zum raschen Eingreifen von Númenor hierherkommen. Und bei eurer Verteidigung gibt es einiges, was verbessert werden könnte.“

Elendil entschied sich, für diese Nacht in Archet zu bleiben. Zum einen wollte er der Dorfbevölkerung ein Gefühl der Sicherheit geben und zum anderen war er nicht besonders scharf drauf, wieder zu dem Empfang zurückzugehen. Er stellte fest, daß ihm solche Dinge nicht wirklich zusagten. Und so mußten sich Valandil und der Bürgermeister zu Elendil nach Archet begeben.
Dort sagte der junge Krieger dem erstaunten Bürgermeister, daß seine Arbeit gerade erst begonnen hätte, denn mit dem ersten Tageslicht wollte er das Orklager angreifen und vernichten, damit diese Gefahr beseitigt würde.

„Die Orks werden auf Rache sinnen, wenn sie entdecken, daß ihr Stoßtrupp besiegt wurde. Sie sind vielleicht schlecht ausgerüstet, aber es heißt, daß sie gefallene Kameraden noch Monate später rächen. Denen müssen wir zuvorkommen.“

Valandil gab seinem Sohn recht, und so machten sie sich keine vier Stunden später auf den Weg gen Westen, in Richtung des Alten Waldes. Die Sonne schien noch immer hell vom Himmel, ein gutes Zeichen in den Augen der Breeländer, denn kein Ork hielt sich gern im direkten Sonnenlicht auf, und für Trolle war es tödlich. Sie hielten sich südlich der Höhen, auf denen sie am Vortag gerastet hatten und rasch hatten sie den Saum des Waldes erreicht. Orks hinterlassen gut sichtbare Spuren für jeden, der sie sehen will.
Elendil verspürte wieder dieses Gefühl der Beklemmung, das er verspürt hatte, als sie auf der Oststraße am Alten Wald vorbeigeritten waren, nur viel stärker, denn jetzt ritten sie nicht daran vorbei, sondern mitten hinein. Ihm war, als ob die Bäume sie beobachten und belauern würden, so wie eine Katze ihre Beute kurz vor dem Zuschlagen belauert. Es dauerte eine Weile bis seine Augen sich an die plötzliche Düsternis unter den Bäumen gewöhnt hatten.

„Was für ein komischer Wald!“ rief Elendil plötzlich, und er erschrak über die plötzliche Lautstärke seiner Stimme, die wie Axtschläge durch den stillen Wald schallte.

„Ja, er ist durchaus seltsam“ antwortete Valandil mit gedämpfter Stimme. „Ich wäre an deiner Stelle leise. Orks haben ein scharfes Gehör und gute Nachtaugen, heißt es, und wir müssen sie ja nicht mit Gewalt auf uns aufmerksam machen. Aber ich gebe dir recht: hier drinnen ist es seltsam beängstigend und ich glaube, die geflüsterten Gerüchte über ihn sind wahr.“

Was das für Gerüchte waren, wollte Elendil nicht wissen (zumindest jetzt nicht) und er schwieg. Mittlerweile hatten sich seine Augen und Ohren an diesen seltsamen Wald gewöhnt, und er beobachtete, was um sie herum vorging. Außer einigen wenigen Vögeln schienen keine Tiere hier zu leben, es gab so gut wie kein Unterholz und irgendwie schien er sowieso nicht mehr zu wissen, in welche Richtung sie ritten. Die einzige Orientierung, die sie in der Düsternis hatten, war die Orkspur. Selbst unter diesen dunklen Tannen war sie noch ohne besondere Anstrengung der Augen zu erkennen.
Sie ritten vielleicht gerade mal eine oder zwei Stunden unter den Bäumen, als Elendil wortlos nach vorne deutete. Vor ihnen gleißte Sonnenlicht. Auf einer Lichtung lagerten klar erkennbar Orks, und sie hatten Gefangene.

„Wir sollten angreifen, so lange es hell ist“ sagte Valandil leise. „Selbst die schärften Nachtaugen können uns in dieser Düsternis nicht erkennen, wenn man von außen auf den Wald schaut. Und wir brauchen ja noch etwas Zeit für unseren Rückzug.“

„Richtig“ pflichtete Elendil bei. „Außerdem scheinen die Orks sich sehr sicher zu fühlen, sonst würden sie nicht auf einer Lichtung in der Sonne lagern.“

Valandil gab mit ein paar Handzeichen Befehle, und die Reiter schwärmten aus. Er zog sein Schwert, und das war das Zeichen für den Angriff. Stumm ritten sie zum Rand der Lichtung. Dann fuhren sie so plötzlich wie ein Gewitter im Gebirge über die überraschten Orks, und rasch und ohne viel Gegenwehr hatten die Númenórer den Kampf für sich entschieden. Keine Viertelstunde später führten sie die befreiten Gefangenen zurück nach Archet.
Elendil war erleichtert, als sie den Wald verlassen hatten und er hoffte, nicht mehr diesen Weg beschreiten zu müssen. Welche Geheimnisse er barg wollte er gar nicht mehr wissen.

Von den Dorfbewohnern wurden sie mit Jubel empfangen. Niemand hatte mehr damit gerechnet, die Verschleppten wiederzusehen, denn die Orks pflegten ihre Gefangenen ins Nebelgebirge zu schaffen. Dort mußten sie in den Minen schuften bis sie tot umfielen, oder ihnen blühte noch Schlimmeres.
Elendil war der Meinung, die Ortschaften müßten sofort befestigt werden. Niemand wußte, wie viele Orks sich noch herumtrieben, und noch weniger konnte gesagt werden, wann sie wieder zuschlugen. Die Breeländer schienen von dieser Idee nicht gerade begeistert zu sein, aber die Alternative, alle Dörfer des Breelands zu evakuieren und die Bewohner in Bree unterzubringen gefiel ihnen noch weniger.

„Jetzt wäre es an König Gil-galad, Mannen zu schicken, die hier die Wachen übernehmen können“ sagte Valandil.

Aber davon war der Bürgermeister von Bree gar nicht begeistert. „Wir leben eigentlich schon immer unser eigenes Leben und sind nicht Teil seines elbischen Königreiches. Und was bringt es uns, wenn wir so oder so unsere Freiheit verlieren?“

„Ich würde es nicht als Verlust meiner Freiheit ansehen, wenn mir ein verbündeter König zu Hilfe kommt“ entgegnete Valandil. „König Gil-galad hat kein Interesse daran, in Bree die Macht zu übernehmen, aber er hat sehr wohl ein Interesse daran, die Oststraße offenzuhalten. Außerdem werden wir nicht ewig hierbleiben können. Unsere Heimat liegt weit jenseits der Berge im Westen, und dorthin werden wir zurückkehren. Wenn Ihr die Hilfe König Gil-galads jetzt ausschlagt werdet Ihr dann alleine zurechtkommen müssen.“

„Ohne Gil-galad wären wir nicht hier“ ergänzte Elendil. „Er war es, der uns zu Hilfe rief, und das ohne die Absicht, sich Bree einzuverleiben. An Eurer Stelle hätte ich ihn schon längst um Hilfe ersucht. Er wird alles daransetzen, damit Bree frei bleibt, ansonsten wäre sein Reich vom Meer abgeschnitten.“

Der Bürgermeister gab nach, und noch am selben Abend machte sich ein Bote auf den Weg zur Wetterspitze. Dort, an der Grenze von Gil-galads Reich war ein großer Wachturm und eine starke Grenzfeste. Valandil war sich sicher, daß sie rasch Antwort erhalten würden.

Keine vier Tage später kam die Nachricht, daß sich ein Elbenheer von der Wetterspitze aufgemacht hätte. Gleichzeitig berichteten Kundschafter, daß sich keine zwei Tagesritte südlich von Bree ein großes Orklager befand. Offenbar war dies das einzige südlich der Straße, aber es würde ein hartes Stück Arbeit werden, es zu vernichten. Und was in den weiten, unbewohnten Gebieten nördlich der Straße vor sich ging wußte in Bree niemand. Valandil wußte, daß das Reich des Hexenkönigs weit im Norden Mittelerdes lag, und dieser Feind könnte unbemerkt ein großes Heer gen Süden geschickt haben. Vielleicht kamen die Orks ja von dort?
In Bree bereitete man sich auf einen Feldzug in Richtung Süden vor. Alle waffentauglichen Männer wurden ausgebildet und ausgerüstet, Vorräte angelegt, Waffen und Ausrüstung instandgesetzt und Kundschafter beobachteten jede Bewegung der Orks. Diese verhielten sich erstaunlich ruhig, aber das Wetter war noch immer schön, kaum eine Wolke zeigte sich am Himmel und es war noch immer warm. Elendil wunderte sich über dieses Verhalten des Feindes, aber Valandil sagte dazu nichts.

„Es ist ein Heer, und ein Heer befolgt Befehle“ sagte er. „Wenn überhaupt, dann werden wir die Absichten des Feindes erst nach der Schlacht erkennen. Aber möglicherweise bremst sie einfach nur das Wetter.“

Elendil wunderte sich ein wenig über die Auskunft seines Vaters, aber Arathis rief ihn just in diesem Moment zur Übungsstunde, und er hatte bald keine Muße mehr für derartige Gedanken. Sein Lehrer nahm ihn hart ran, und Elendil hatte seine liebe Mühe, die vielen Übungskämpfe zu bestehen. Dennoch vergingen die vier Stunden Training wie im Flug, und Elendil meinte am Abend, er wüßte jetzt wo sich jeder einzelne Muskel seines Körpers befinde.

„Das ist ein gutes Zeichen“ meinte Valandil. „So lernst du, wie dein Körper funktioniert und ganz nebenbei bist du gut durchtrainiert, wenn es losgeht.“

„Deinen Humor möcht´ ich haben“ brummte Elendil. „Aber wann ziehen wir eigentlich in die Schlacht? Außer Gerüchten hört man nichts.“

„Man hört nichts Genaues, weil es noch nicht feststeht. Die Elben müssen hier erst einmal eintreffen. Dann besprechen die Heerführer ihre Taktik, und erst dann wird feststehen, wann der Kampf beginnt. Übrigens wird deine Anwesenheit bei den Besprechungen erwartet.“

„Oh, welche Ehre“ grinste Elendil. „Ich frage mich nur, wozu meine Anwesenheit nütze sein soll. Mit meiner Schlachterfahrung werde ich wohl eher zuhören statt mitreden.“

„Genau das sollst du“ entgegnete Valandil. „Und manchmal haben die, die noch keine große Routine in der Kriegsführung haben die besten Ideen. Und du bist mein Sohn, und über kurz oder lang wird von dir erwartet, daß du ein Heer führen kannst. Also bereite dich auf solch eine Aufgabe vor, so lange du es noch kannst.“

„Du meine Güte. Ich und ein Heer anführen?“ Bislang war es nicht in Elendils Sinn gekommen, daß von ihm vielleicht einmal, möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft erwartet würde, daß er ein Amt in den númenórischen Streitkräften übernehmen sollte. Möglicherweise würde es aber auch zu einem Bürgerkrieg zwischen den Getreuen und der Königspartei kommen, und dann wäre er auf jeden Fall ein Hauptmann. Beide Aussichten gefielen ihm nicht besonders. „Wäre ich doch nur zu Hause geblieben und würde weiter meine Studien betreiben“ seufzte er.

„Man kann sich seine Aufgaben im Leben nicht immer aussuchen“ meinte Valandil verständnisvoll. Er lächelte, als er an seine eigene Jugend zurückdachte, in der er nichts als Flausen im Kopf hatte. „Viele wünschen sich, sie wären nicht in der Zeit geboren worden, in der sie leben, aber dennoch ist es ihr Schicksal und sie können daran nichts ändern. Was wir aber sehr wohl ändern können sind die Geschicke, die und während unseres Lebens beschäftigen. Und damit beeinflussen wir unser Schicksal, zum Guten oder zum Bösen.“

Elendil sagte nichts mehr, sondern schaute nachdenklich aus dem Fenster. Das Zimmer ihrer Gaststube zeigte gen Süden. Es wurde dunkel in den Weiten Mittelerdes, und scheinbar ging die Welt zur Ruhe. Der Wind hatte auf Westen gedreht, und graue Wolken zogen auf, die ergiebigen Regen versprachen. Wenn den Herren jetzt der Sinn nach einer Schlacht stand, dann würde es eine Schlammschlacht werden. Elendil grinste bei dem Gedanken, daß er sich so mal so richtig dreckig machen könnte – und er hätte eine gute Ausrede. Seine Gedanken schweiften von Mittelerde ab. Er dachte an seine Kindheit in Númenor. Wie gut hatte er es doch gehabt: keine Überfälle, kein Krieg, keine Not. Gut, als Sohn eines Getreuen konnte er sich nicht überall in Númenor blicken lassen, aber irgendwie schien ihn das nicht sonderlich gestört zu haben. Hier lebten die Kinder in ständiger Angst vor dem nächsten Orküberfall, und Leid und Not gehörten hier zum Alltag.
Irgendwo in der Ferne schlugen plötzlich Flammen hoch, und Elendil schreckte aus seinen Gedanken hoch. Da war etwas im Gange, und sein Gefühl sagte ihm, daß das nichts Gutes war. Rasch hatte er seine Rüstung angelegt und schon polterte er die Treppe zur Gaststube hinunter. Dort rief er die anderen zusammen.

„Im Süden wurde eben der Ausbruch eines Feuers beobachtet“ sagte er. „Mag sein, daß dies vielleicht nichts mit dem Feind zu tun hat. Ich werde trotzdem auf einen kleinen Patrouillenritt gehen. Wer kommt mit?“

Selbstredend wollte kein Númenórer zurückbleiben. Elendil meinte, es wäre nicht nötig, diejenigen ihrer Gruppe zu wecken, die sich bereits zur Ruhe begeben hatten. Sein Vater war unter ihnen.

„Vielleicht ist es ja nichts Ernstes“ meinte Arathis. „Das gäbe Ärger, wenn wir deswegen alle aus dem Bett rufen. Verstärkung könnten wir aber immer noch holen, wenn es sein müßte.“

Ohne weitere Verzögerungen galoppierten sie los, und das sollte sich rasch als eine kluge Entscheidung erweisen. Orks hatten sich um Archet herumgeschlichen und griffen es jetzt von Norden her an, wo es am wenigsten geschützt war. Die Dorfbevölkerung wehrte sich tapfer, und die Númenórer fielen ein wie die sense ins Gras. Der Kampf war rasch entschieden: die Orks waren schlecht ausgerüstet, so daß ihre Überzahl wertlos war.

„Du hattest recht, Arathis: wir hätten Ärger bekommen, wenn wir deswegen Alarm gegeben hätten. Aber was jetzt? Sollen wir zurück und den nächsten Angriff abwarten oder unsererseits angreifen? Die Orks wissen jetzt, daß sie mit einem Angriff gut bewaffneter Krieger zu rechnen haben, und jeden Tag, den wir länger warten spielt ihnen in die Hände.“

„Was du sagst hat Gewicht, Elendil“ erwiderte Arathis. „Jetzt finde ich aber, daß dein Vater wenigstens über unser weiteres Vorgehen benachrichtigt werden sollte.“

„Bevor wir das tun möchte ich wissen, wie die anderen darüber denken“ entgegnete Elendil. „Schließlich nehmen wir alle eine ganze Menge auf unsere Kappe, wenn wir jetzt weitermachen.“

Die anderen Ritter und Krieger waren sehr wohl Elendils Meinung, das heißt sie waren dafür, unverzüglich das Orklager anzugreifen. Einer der Dorfbewohner wurde nach Bree geschickt, um die anderen zu verständigen, und die Númenórer zogen los. Kundschafter des Breelands hatten herausgefunden, wo das Orklager lag und führten die Kämpfer jetzt dorthin. Sie meinten, es wäre keinen Tagesritt entfernt, wenn das númenórische Pferd galoppiert.

„Sehr gut“ meinte Elendil. „Bei Tagesanbruch greifen wir an. Dann sind die Orks am schwächsten. Auf geht’s!“

Rasch ritten sie durch die Düsternis der Nacht. Sie waren keine fünf Stunden unterwegs gewesen, als vor ihnen ein schwacher Feuerschein zu sehen war, der rasch heller wurde. Rauhe Gesänge waren zu hören. Es war mehr als unzweifelhaft, daß sie das gefunden hatten, was sie suchten. Leise schwärmten sie aus. Das Lager war unterhalb eines Felsabbruchs, so daß die Feinde nur nach Norden oder Westen fliehen konnten, nach Süden und Osten verhinderte eine steile Felswand Überraschungsangriffe, aber auch eine rasche Flucht. Elendil hatte seine Leute rasch postiert.
Bei Sonnenaufgang blies er drei kurze Stöße auf dem Horn, und der Angriff begann. Die Orks hatten den berittenen und gepanzerten Streitern nicht viel entgegenzusetzen. Die Númenórer ließen einen Pfeilhagel auf das Orklager niederprasseln. Ihre gefürchteten Stahlbogen hatten eine Reichweite, die das Dreifache eines Eschenbogens betrug, und so fanden viele Orks ihr Ende, ohne je einen Númenórer gefährdet zu haben.
Der verbliebene Rest kämpfte erbittert, aber an die Felswand gedrängt und eingeschlossen war eine Flucht unmöglich. Es war ein grausames Gemetzel, und Elendil wandte sein Gesicht voller Abscheu ab. Ihm war klar, daß der Feind noch viel grausamer gewesen war, aber dennoch fragte er sich, ob das sein mußte. Aber allein der Versuch, einen Ork gefangenzunehmen hatte dreien seiner Gefährten schwere Verwundungen eingebracht, und so ließ Elendil die Schlacht weiterlaufen.
Nach einer Dreiviertelstunde war der Kampf entschieden, und Elendil fragte sich, wieso sein Vater auf Verstärkung warten wollte. Die Númenórer hatten nur einige Verwundete zu beklagen, aber kein Feind war am Leben geblieben. Und er fragte sich, was sie jetzt eigentlich tun sollten.
Diese Frage wurde bald beantwortet: gegen Mittag meldeten die Wachen, daß ein Heer sich dem Schlachtfeld näherte. Es kam aus Bree, und Valandil ritt an der Spitze. Elendil staunte, denn viele Elben marschierten mit. Gil-galads Heer war doch gekommen.

„Ja, was muß ich denn da sehen?“ rief Valandil mit gespieltem Entsetzen. „Ihr hattet den ganzen Spaß und uns nichts übrig gelassen?“

„Das war nichts als eine bessere Übungsstunde“ gab Arathis zurück. „Unser Herr Elendil hat sich recht tapfer geschlagen, aber allzu gefährlich wurden uns die Orks nicht gerade.“

„Wir hatten keine Stunde Arbeit mit denen“ ergänzte Elendil. „So ganz kann ich ja nicht glauben, daß diese wenigen Orks die ganze Oststraße in Angst und Schrecken versetzt haben. Mit Sicherheit gibt es noch mehr in der Gegend.“

„Da magst du recht haben“ entgegnete Valandil. „Kundschafter sind bereits ausgeschwärmt und suchen die Gegend nach weiteren Orklagern ab. Wir müssen wachsam bleiben, da gibt es keinen Zweifel, aber einen kleinen Grund zum Feiern hätten wir. Immerhin hat mein Sohn seine erste größere Schlacht bestanden.“

„Es mögen nur zu rasch noch weitere folgen“ sagte Elendil. „Irgendwie habe ich da so ein ungutes Gefühl: da ist noch nicht alles vorbei. Für meinen Teil wäre ich beruhigter, wenn wir jetzt nur noch wachsamer wären. Sicher wird der Feind bald reagieren.“

„Wenn wirklich jemand diese Orkgruppen von zentraler Stelle aus befehligt“ antwortete Valandil. „Wir werden das sicher bald herausfinden. Einstweilen sollten wir nach Bree zurückreiten. Es gab Verwundete, hörte ich?“

„Das ist richtig. Vier hat es erwischt, und sie werden für ein paar Wochen ausfallen. Aber zum Glück ist keiner gefallen.“

Valandil hörte diese Nachricht gern, und sie machten sich auf den Rückweg in die Stadt. Unterwegs mußte Elendil alles erzählen, was ihnen seit dem gestrigen Abend passiert war, und Valandil hörte nachdenklich zu.

„Irgendwie scheinen die Orkgruppen untereinander zu kommunizieren, aber wir wissen nicht, wie“ sagte er, als Elendil geendet hatte. „Daß es mehrere sind steht außer Zweifel. Ein Orklager allein kann keine Straße auf hundert Meilen bedrohen. Aber ich glaube nicht, daß noch mehr hier in der Nähe sind. Orks können sich untereinander nicht ausstehen, heißt es, und oft schon haben Streitigkeiten untereinander ganze Heere kampfunfähig gemacht und uns fiel der Sieg quasi in den Schoß. Weiter östlich dürften sich wegen der Nähe zu den Elben keine Feinde aufhalten. Wir werden im Westen suchen müssen.“

„Das klingt logisch“ sagte Elendil. „Aber können wir mit Logik rechnen, wenn wir es mit Orks zu tun haben? Ich hätte mein Lager nie an einer Stelle aufgeschlagen, wo ich so leicht in die Ecke gedrängt werden kann wie da drüben.“ Er zeigte auf die Felswand, die nun schon ein gutes Stück hinter ihnen lag.

„Wir dürfen keine Möglichkeit offenlassen, da gebe ich dir recht. Aber die Elben haben die Lande zwischen der Wetterspitze und Bree gut erkundet und nur wenige, versprengte Feinde gefunden. Wir können uns ziemlich sicher sein, wenn wir sagen, daß es da keine feindlichen Lager gibt.“

„Dann laßt uns im Westen suchen. Wer meldet sich freiwillig für eine Expedition in den Alten Wald?“

„Der, der fragt“ lachte Valandil. „Aber im Ernst: das könnte unser nächstes Ziel sein. Das hängt davon ab, was die Kundschafter berichten. Gerne reite ich nicht da hin, aber wenn es sein muß, muß es eben sein.“

„Wir können wohl nur abwarten“ meinte Elendil achselzuckend.

Die Sonne ging gerade hinter den Turmbergen unter, als sie endlich Bree erreichten. Elendil freute sich auf ein gutes Abendessen und ein warmes, weiches Bett und er wünschte sich nichts sehnlicher als eine ruhige Nacht. Tatsächlich hatte er seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen, und er meinte, noch eine Stunde länger reiten und er würde im Sattel einschlafen. Aber erstens kommt es anders zweitens als man denkt, wie man in Mittelerde so zu sagen pflegt, und Elendil hatte alles andere als eine ruhige Nacht. Der Bürgermeister erwartete einen vollständigen Bericht, und anschließend gab es ein kleines Festmahl für fünfzig Krieger. Zu Essen gab es mehr als genug, und noch reichlicher floß das Bier. Elendil hatte sich (im Vergleich zu den anderen) zurückgehalten, trotzdem war er der erste, der am Tisch einnickte. Aber ihm war kein langer Schlaf vergönnt: noch während die Númenórer an den Tischen saßen und zechten kam ein Bote hereingestürmt. Atemlos berichtete er, daß ein Orkheer von Norden her auf Bree zumarschieren würde.

„Na, dann steckt da doch eine von langer Hand geplante Aktion des Feindes dahinter“ brummte Elendil, als Valandil und Arathis es endlich geschafft hatten, ihn zu wecken. „Ich finde, wir sollten sie möglichst weit vor Bree stellen.“

„Aber das bedeutet ja, sofort aufzubrechen“ reif Arathis entsetzt. „Das kann wohl doch nicht dein Ernst sein, Elendil!“

„Nach Späßen ist mir nicht zumute. Und wir müssen den Feind so weit draußen wie nur möglich stellen. Nur so können wir sicher gehen, daß die Zivilisten nicht in Gefahr geraten. Und außerdem bin ich ausgeschlafen.“

„Das will ich mal lieber nicht nachprüfen“ meinte Valandil. „Aber du hast recht: wir dürfen keine Zeit vertrödeln, außerdem haben wir ja noch ein Elbenheer. Ich werde sofort nach den Heerführern schicken. Von unseren Leuten kommt nur mit, wer sich zu einem langen Ritt und hartem Kampf in der Lage fühlt.“

Valandil verließ die Gaststube und Elendil setzte sich brummelnd wieder hin. Nach zwei Minuten sprang er plötzlich auf, ließ sich vom Wirt ein paar Braten einpacken, zog seinen Mantel an und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.

„Wohin des Weges?“ fragte Arathis neugierig.

„Na, ich werde mein Pferd satteln und alles für den Aufbruch vorbereiten. Irgendwie kann ich nicht zurückbleiben, wenn die anderen in die Schlacht ziehen. Mein Herz sagt mir, daß nachher noch jeder Mann gebraucht wird.“

„Aber du kommst erst von einer Schlacht und solltest dich ausruhen. Ich finde, jetzt ist es an der Reihe der Elben, die Feinde zu bekämpfen.“

„Schon, aber da steckt doch eine Taktik des Feindes dahinter: während wir weit im Süden mit ein paar Orks beschäftigt sind greift das Hauptheer von Norden an. Sie rechnen sicher damit, daß König Gil-galad sich nicht so einfach von den Seehäfen abschneiden läßt und deshalb ein Heer nach Bree geschickt hat und werden ihre Truppenstärke entsprechend angepaßt haben. Genau deswegen finde ich, jeder der kann sollte mitreiten.“

„Messerscharf erkannt“ staunte Arathis. „Na gut, ich rede mal mit den anderen. Und du brauchst dich nicht so zu beeilen: die Elben- Heerführer werden sicher erst einiges zu bereden und zu diskutieren haben.“

Arathis sollte recht behalten, die Heerführer der Elben und Valandil brüteten stundenlang über Karten des Breelands. Elendil fand sogar noch ein wenig Zeit, sich zur Ruhe zu begeben, aber noch vor Sonnenaufgang zog das Heer los. Natürlich wollte kein Númenórer zurückbleiben, aber die müdesten hatte Elendil in Bree gelassen. Sie sollten die Stadt vor versprengten Feinden schützen, denn die Heerführer rechneten nicht damit, im Falle eines Sieges das Heer vernichten zu können.
So kam es, daß sie zur Stunde des Sonnenaufgangs schon außer Sichtweite der Stadt waren. Rauchwölkchen zeigten, daß rechter Hand von ihnen der Weiler Stadel lag. Aber sie hielten sich genau nach Norden, und bald wurde das Gelände unwegsamer. Kundschafter schwärmten aus, und nicht alle kehrten zurück. Diejenigen, die die Rückkehr schafften berichteten, daß das Orkheer keine halbe Wegstunde in nordöstlicher Richtung lagerte.
Elendil war dafür, anzugreifen solange die Sonne hoch am Himmel stand. Zu dieser Tageszeit waren die Orks erfahrungsgemäß am schwächsten, dennoch würden sie ein hartes Stück Arbeit vor sich haben: die Kundschafter schätzten, daß etwa zweitausend Feinde im Tal vor ihnen lagerten.

„Und wenn sie Trolle haben, so werden sie ihnen wenig nützen. Heißt es nicht, daß sie in der Mittagssonne zu dem werden, aus dem sie sind? Sie werden in den Wäldern bleiben müssen oder untergehen.“

„Oder sie machen uns in der Nacht zu schaffen, lange nachdem wir die Orks besiegt haben“ sagte einer der Elbenführer. „Aber Ihr sprecht wahr: das Tageslicht wird ihnen schaden, und sie werden versuchen, in die Schlacht einzugreifen, wenn wir die Orks angreifen. Aber es wäre töricht, bis zur Nacht zu warten. Wir könnten uns gleich nach Bree zurückziehen.“

Das wollte natürlich keiner, und so stellten sie sich in Schlachtordnung auf. Die Elben postierten sich auf den umliegenden Hügeln, und die númenórischen Bogenschützen gaben das Zeichen zum Angriff. Aber in südlicher Richtung, dort wo das Tal sanft in der Ebene auslief wartete eine tödliche Falle auf die vorrückenden Orks. Dort hatten sich die númenórischen Ritter unter Elendils Führung zu einem waffenstarrenden Keil formiert, der gefürchteten thangail. Die stürmte nun vor, und alles, was sich den Rittern in den Weg stellte wurde niedergemäht. Die Númenórer drangen weit in das feindliche Heer vor, und Elendil selbst erschlug den Hauptmann, einen fetten Ork, der den gewandten Schlägen des jungen Númenórers nichts entgegenzusetzen hatte.
Elendils Zweikampf hatte keine zehn Minuten gedauert, aber er brachte die Wende in der Schlacht. Bislang hatten die Verbündeten Mühe gehabt, sich gehen die verbissen fechtenden Orks zu behaupten und es war noch schwieriger gewesen, Gelände zu gewinnen. Viele Elben und sogar einige Númenórer waren gefallen, aber jetzt versuchten die verbliebenen Orks in jede Richtung zu fliehen, die ein Entrinnen aus dem Gemetzel zu versprechen schien.
Plötzlich ertönten Schreckensrufe aus dem nahen Wald: Trolle hatten die dort postierten Bogenschützen angegriffen. Als diese plumpen und nicht allzu intelligenten Wesen sahen, daß ihre Freunde draußen auf dem sonnigen Schlachtfeld in arge Bedrängnis geraten waren, gerieten sie in blinde Wut und stürmten laut schreiend voran.
Doch siehe! Kaum hatten sie den schattigen Wald verlassen ebbte das Gebrüll ab. Statt dessen war ein Knistern und Knirschen und Poltern zu hören, so wie wenn eine Steinlawine im Gebirge zu Tal geht. Die Trolle wurden wieder zu dem, aus dem sie durch bösen Zauber erschaffen worden waren: zu Stein, und da sie schnell gerannt waren fielen sie durch den Schwung auseinander, sobald sie erstarrt waren. Viele Orks kamen durch die zerfallenden Trolle zu Schaden, und Elendil bog sich vor Lachen.

„Das war der dümmste Angriff, den ich je gesehen habe“ gluckste er. „Daß Trolle ja nicht gerade intelligent sind ist bekannt, aber so was Dummes hab ich ja noch nie gesehen!“

Die wenigen verbliebenen Orks leisteten nach diesem fehlgeschlagenen Versuch, ihnen zu Hilfe zu kommen nur noch wenig Widerstand, und nur wenig später war die Schlacht vorbei. Viele Elben lagen tot und erschlagen auf dem Schlachtfeld, und drei númenórische Krieger würden nie mehr die geliebten Klippen ihrer Heimat wiedersehen. Und so empfand Elendil trotz ihres Sieges keine Freude. Er dachte an die Familien der Erschlagenen, und er fragte sich, wie man ihnen die Nachricht überbringen sollte. Niedergeschlagen ritt er über das Schlachtfeld zu den anderen.
Die Elben sangen mit hellen Stimmen ein Siegeslied, und Valandil begrüßte seinen Sohn voller Freude. Sein Arm war in Leinen, eine Orkaxt hatte ihre Spuren hinterlassen.

„Na, das war ein mächtiger Vorstoß, mein Junge“ meinte er anerkennend. „Ihr seid ja durch das feindliche Heer geritten als ob es ein Weizenfeld gewesen wäre.“

„Na, ganz so einfach war es nicht, und wir haben drei Leute dabei verloren“ brummte Elendil. „Ich wollte, wir wären etwas vorsichtiger gewesen.“

„Du brauchst dir deswegen keine Vorwürfe zu machen. Hättest du gezaudert, dann hätten die Orks das als Zeichen der Schwäche angesehen und sie hätten dich noch heftiger angegriffen. Und dann wären mehr Leute gefallen. Und denke daran: nur mit Bogenschützen alleine kannst du keine Schlacht gewinnen. Nicht nur ich finde, daß du deine Sache mehr als gut gemacht hast. Arathis meint, du solltest zum Ritter geschlagen werden.“

„Aber nicht hier“ sagte Elendil plötzlich. „Laßt uns unsere Gefallenen begraben, und dann reiten wir zurück nach Bree. Mir wird schon schwindlig wenn ich daran denke, daheim die schlechten Nachrichten überbringen zu müssen.“

Sie legten ein großes Hügelgrab für die gefallenen Elben und ein kleineres für die Númenórer an, und sie arbeiteten den ganzen Abend und die Nacht hindurch. Und als am nächsten Morgen die Sonne aufging hielten sie die Totenfeier und ehrten die Gefallenen, und dann machten sie sich daran, die toten Orks zu beseitigen. Sie legten sie auf einen großen Haufen und zündeten ihn an. Der Rauch war weithin zu sehen und der Gestank von verbranntem Orkfleisch setzte sich überall fest. Elendil war froh, als sie diese unselige Stätte endlich verließen und wieder gen Süden ritten.
In Bree wurden sie von einer jubelnden Stadtbevölkerung empfangen. Schlimme Gerüchte hatten die Runde unter den Menschen gemacht; um so erleichterter waren die Breeländer, als der Bote mit der Siegesnachricht eingetroffen war. Auf einmal wollte niemand die Gerüchte in die Welt gesetzt haben, und alle bereiteten sich darauf vor, dem siegreichen Heer einen prächtigen Empfang zu bereiten. Alle Häuser waren mit Blumen und Girlanden geschmückt, zu beiden Seiten der Hauptstraße standen jubelnde Menschen mit Blumen in den Haaren und Siegeskränzen in den Händen.
Langsam ritten sie durch die Stadt zum Rathaus, das in der Mitte von Bree auf der Westseite des Marktplatzes stand. Es war ein prächtiges Gebäude mit vier Stockwerken, die Balken des Fachwerks mit reichen Schnitzereien verziert und die Gefache bunt bemalt. Vor der Tür standen der Bürgermeister und die Stadträte in prächtigen Gewändern. Die Stadtwache bildete ein Ehrenspalier.

„Welch eine Pracht“ murmelte Elendil leise. „Wie wäre wohl der Empfang gewesen, wenn wir nicht gesiegt hätten?“

„Es hätte keinen Empfang gegeben“ antwortete Valandil, der Elendils Worte gehört hatte. „Es hätte kein Bree mehr gegeben, in das wir hätten zurückkehren können.“

„Dann laßt uns froh sein, daß es diese Stadt noch gibt.“

Das Herr sammelte sich auf dem Marktplatz, und der Bürgermeister hielt eine nicht allzu lange Ansprache. „Ihr Herren, die Ihr weit gereist seid, um unsere schöne Stadt vor Feinden zu retten, die nichts außer Vernichtung im Sinn haben, höret nun Worte des Dankes von den Menschen von Bree: Eure Taten können wir nicht hoch genug loben und preisen, auch wenn sie für Euch bloße Kleinigkeiten sein mögen. Für uns bedeutet die siegreiche Schlacht vor allem anderen wieder ein sicheres Leben in der Stadt und außerhalb davon. Und Handel und Handwerk mögen in allen Ländern, unseren und Euren jetzt wieder aufblühen, jetzt da die große Oststraße wieder sicher zu bereisen ist.
Ich hoffe, die Herren der Elben werden es mir nicht allzu übel nehmen, aber unser besonderer Dank gilt den Streitern aus dem fernen Númenor. Unverhofft kamen sie und brachten uns unverhoffte Hilfe, befreiten unsere Verschleppten und brachten Hoffnung in die Dörfer des Breelands, wo es fast schon keine Hoffnung mehr gab. Viele fragen sich, was die Númenórer bewegt, die Sicherheit ihrer Insel zu verlassen und sich der Gefahren Mittelerdes auszusetzen, und noch vielen mehr erscheint dies als ein Wunder. Habt deshalb unseren besonderen Dank!“

Jetzt ergriff Glorfindel, der Anführer des Elbenheeres das Wort. „Auch die Elben Mittelerdes sind den Getreuen Númenórern zu Dank verpflichtet. Unser König rief sie zu Hilfe, ohne sie eigentlich erwarten zu dürfen, und sie kamen wie schon so oft, um uns in unserer Not beizustehen. An unserer Nordgrenze herrscht Krieg: der Hexenkönig greift unser Reich wieder und wieder an, und gleichzeitig wollte er nach der Oststraße greifen, um uns von jeglicher Hilfe aus dem Westen abzuschneiden. Dies ist ihm nun gründlich mißlungen, aber ein Ende der Gefahr bedeutet das noch nicht. Er mag neue Angriffe starten, aber für eine Zeitlang wird Bree in Frieden leben.“

Zu guter Letzt sprach Valandil. „Euch mag es verwundern, daß wir uns ohne Not der Gefahren Mittelerdes aussetzen, aber dem ist nicht so. Auch die Númenórer kommen ursprünglich aus Mittelerde, wo ihre Vorväter mit den Elben gegen Morgoth gefochten hatten. Die Getreuen sind diesem alten Bündnis noch immer verpflichtet, und wir werden niemals aufhören, die Diener dieses Feindes zu verfolgen, wo immer sie auch sein mögen.“ Großer Jubel. „Als wir davon hörten, daß der Feind Bree bedroht, jene alte Stadt der Menschen an der alten Oststraße machten wir uns sofort auf den Weg. Es erweist sich auch für Númenor als Glücksfall, daß die Straße jetzt wieder sicher zu bereisen ist, denn nur so kann unser altes Bündnis mit den Eldar Bestand haben.“

Die Heerführer saßen ab und gingen in das Rathaus. Dort wollten sie noch ein paar abschließende Beratungen abhalten, ehe sich ihre Wege wieder trennten. Glorfindel sagte, er habe Botschaften seines Herrn erhalten, die er an die Númenórer weitergeben sollte. Auch hatte der Bürgermeister sie zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.

Nach einem Hoch auf die Valar und König Gil-galad und dem Gedenken an die Gefallenen zogen sich Elendil, Valandil und Glorfindel in einen Nebenraum zurück.

„Dieser Brief hat mich heute Mittag erreicht“ sagte Glorfindel und hielt eine versiegelte Rolle hoch. „Er ist an Herrn Valandil. Mein Herr hat wichtige Botschaften für Euch.“ Der Elb überreichte die Rolle. Valandil öffnete sie und las.

„König Gil-galad spricht von Gefahren für Númenor“ sagte er, als er geendet hatte. „Es scheint, als ob ein neuer Bürgerkrieg droht, aber das ist für die getreuen nichts Neues. Der neue König von Númenor ist durch widerrechtliche Heirat zu diesem Amt gekommen, und wir werden ihn nicht als unseren König ansehen können. Das verbieten die alten Gesetze, die von den Valar kommen.“

„Auch für mich sind diese Nachrichten nichts Neues“ sagte Glorfindel. „Mein Herr bittet Euch aber zu einer kleinen Unterredung. Er wartet auf dem Wachturm von Amon Sûl auf Euch. Es wäre angebracht, wenn Ihr mit kleinem Gefolge bald aufbrecht.“

Valandil beschloß, nur seinen Sohn Elendil zur Wetterspitze mitzunehmen. Die anderen sollten sich gen Westen aufmachen und in Harlond auf sie warten. Er erteilte entsprechende Anweisungen, und sie wollten früh am nächsten Morgen aufbrechen.

Bei Sonnenaufgang ritten Valandil und Elendil los. Glorfindel blieb noch in Bree, er ordnete sein Heer neu und wollte dann direkt zur Nordgrenze des Elbenreiches marschieren, um dort wieder in den ewigen Kampf gegen den Hexenkönig zu ziehen.
Die beiden ritten nicht allzu schnell. Bis zur Wetterspitze waren es mehrere Tagesritte, und Valandil wollte seinem Sohn unterwegs so viel von Mittelerde erzählen, wie es möglich war. Außerdem genossen sie das schöne Herbstwetter und vor allem die Tatsache, nicht dauernd anderen Reitern und Kutschen zu begegnen, wie es auf den Straßen Númenors der Fall war. Sie genossen die Ruhe und Einsamkeit der Oststraße, und außer einigen Zwergen, die zu den Minen in Lûhn unterwegs waren begegneten sie niemandem. Schließlich tauchte vor ihnen ein runder, großer Hügel auf, dessen Spitze von einem hohen Turm gekrönt war.

„Das, Elendil, ist die Wetterspitze oder der Amon Sûl, wie die Elben ihn nennen. Auf diesem Turm wartet König Gil-galad auf uns. Verneige dich höflich und sprich nur, wenn es von dir erwartet wird. Überlaß das Reden mir.“

Elendil nickte, und sie ritten zu. Quer über die Straße war eine Sperre gelegt worden, und rechts und links standen viele gut gerüstete Elben. Mit einem Handzeichen geboten sie den Reitern anzuhalten.

„Wer seid Ihr, und was ist Euer Auftrag?“

„König Gil-galad rief uns zu sich“ antwortete Valandil. „Ich bin Valandil aus Númenor, und das ist mein Sohn Elendil.“

„Der Herr erwartet Euch bereits. Reitet rasch hinauf zum Turm, gleich hier diesen Weg hinauf. Eilt Euch!“

Die Elben öffneten die Sperre und ließen die Reiter passieren. Gleich hinter der Sperre wand sich ein schmaler Weg den Hügel hinauf. Sie schlugen ihn ein, und nach einer halben Stunde waren sie oben und saßen ab. Elben führten ihre Pferde weg, und die Reiter wurden in ein hohes Turmzimmer mit Fenstern nach Westen geleitet. Dort wurden sie für einen kurzen Moment allein gelassen und Elendil sah sich staunend um. Viele Bücher standen in hohen Regalen, und ein kunstvoll gearbeitetes Teleskop stand am Fenster.

„Meine Herren, der Herr Gil-galad“ sagte ein Kammerdiener, verbeuge sich und zog sich zurück. Ein reich gekleideter, hochgewachsener Elb folgte ihm. Valandil und Elendil verbeugten sich tief.

„Willkommen auf Amon Sûl, meine Herren“ sagte Gil-galad. „Große Taten habt ihr vollbracht, und doch wünschte ich, Ihr hättet uns in einer friedlicheren Zeit besuchen können. Euer Kommen war genau zur rechten Zeit.“

„Wir danken Euch für die freundliche Aufnahme“ antwortete Valandil. „Fürwahr, die Zeiten sind gefährlich geworden, nicht nur in Mittelerde. In Númenor herrscht Unruhe, und der Schatten lastet auf unserem Volk dunkler denn je. Der neue König versteht es nicht, das Volk wieder zu einen; nein, er spaltet es noch tiefer.“

„Ja, große Gefahr wird daraus erwachsen“ sagte Elendil plötzlich. „Ich sehe einen Krieg aufziehen, den die Welt so noch nicht gesehen hat, und der Schatten der Furcht wird lang und länger werden. Feuer und Wasser wird vieles von dem, was wir lieben verschlingen.“

„Man sagte mir, Ihr hättet die seltene Gabe der Voraussicht, junger Herr Elendil“ antwortete der König staunend. „Sagt mir, was Ihr seht.“

„Not und Kampf und Krieg“ entgegnete Elendil. „Nun, für Euch mag das nichts Neues sein, aber ich sehe dies nicht in Mittelerde und nicht in Númenor. Wo genau das sein wird, wenn es je eintreffen sollte kann ich nicht sagen. Welches Land das ist kann ich nicht sehen.“

„Und doch sprecht Ihr nur allzu wahr, fürchte ich. Auch ich sah in meinen Träumen dasselbe, und mein Herz ist in Unrast. Deswegen habe ich Euch herrufen lassen: Was geht in Númenor vor? Was passiert im Land der Gabe?“

Daraufhin erstattete Valandil einen vollständigen Bericht von allem, was seit der Krönung des neuen Königs passiert war. Die Königstreuen hatten gleich nach der Krönung viele verschwinden lassen, die nicht ihrer Meinung waren, und die Getreuen hatten einen Zulauf wie noch nie gehabt. Viele junge Männer verweigerten den Dienst in den königlichen Truppen und wurden dafür hart bestraft, wenn sie sich nicht zu den Getreuen absetzen konnten. Andere mußten fliehen, weil sie wegen Nichtigkeiten in den Kerker geworfen werden sollten. Valandil sah in vielen Anschuldigungen nur einen Vorwand, anders denkende zu beseitigen, weil sie eine Gefahr für den König zu sein schienen.

„Jedes Kind in Númenor weiß, daß der König die Krone unrechtmäßig erschlichen hat. Jedes Kind weiß, daß eine Heirat unter derart nahen Verwandten verboten ist, und doch darf es keiner sagen, wenn er sich nicht in höchste Gefahr begeben will. Und so spaltet der König das Volk statt es zu einen, wie es die Pflicht jedes Königs ist. Und er läßt die Getreuen verfolgen, wo er nur kann, und wir haben uns in unsere Gebiete zurückgezogen und verlassen sie nicht mehr. Damit ist Númenor faktisch zweigeteilt, was es in unserer Geschichte noch nie gegeben hat. Ich bin mir sicher, daß der König dies nicht lange dulden will.“

„Ihr sprecht also von einem zweiten Bürgerkrieg, der dem Land der Gabe droht“ sagte Gil-galad. „Wieder werden Númenórer gegen Númenórer kämpfen und alle wissen, daß dies nicht sein darf, denn das sind die Worte der Valar.“

„Alle kennen diese Worte, aber längst nicht mehr alle folgen ihnen“ entgegnete Elendil. „Und ich fürchte, daß der König nach außen Krieg führen will, um damit innen das Land zu einen. Nur weiß ich nicht, wer der Gegner sein soll. Eines ist klar: Ihr könnt das nicht sein, weil wir Euch sofort zu Hilfe eilen würden und das Land damit erst recht geteilt wäre.“

„Dennoch sind es Worte von übler Bedeutung“ antwortete der Elb. „Denn wo soll dieser Feind denn stehen? Die einfachen Völker Mittelerdes? Die sind zu schwach, den Númenórern zu einer ernsten Gefahr zu werden. Selbst wenn sie sich alle zusammentun würden und einen der großen Häfen im Süden angreifen würden, so würden sie keinen Erfolg damit haben. Oder gibt es weit im Süden etwa ein mächtiges Volk, das wir nicht kennen? Ich glaube es nicht. Wer also wird dieser Feind sein?“

„Bestenfalls der Hexenkönig“ erwiderte Valandil. „In diesem Fall hätte diese Politik des Einens nach innen mittels Gewalt nach außen sogar sein Gutes. Ich bin mir sicher, daß die vereinten Streitkräfte des Königs und der Getreuen den Orks ein rasches Ende bereiten könnten. Nur glaube ich nicht so recht daran.“

„Dann bleibt den Getreuen nur, wachsam zu sein“ sagte König Gil-galad.

Sie blieben noch einige Tage auf dem Amon Sûl und erfuhren viel von dem, was in Mittelerde in den letzten Jahren passiert war. Der Feind im Norden schien wieder zu erstarken, aber dafür gab es wenig Schwierigkeiten an der Ostgrenze. Es schien, als ob der Hexenkönig die Orks des Nebelgebirges in den Norden abgezogen hätte, um die Elben von dort aus massiert anzugreifen und so einen Durchbruch zu schaffen. Es ging das Gerücht von einem Reich im Süden um, das angeblich von Sauron beherrscht werden sollte. Aber in den Süden reiste in diesen Tagen niemand, und so konnte keiner sagen, was an diesen Gerüchten Wahres war. Angeblich sollte eine Dunkelheit über der Südküste Mittelerdes liegen.
Elendil nutzte die Gelegenheit, alles über Mittelerde zu lernen, was er lernen wollte (und konnte) und er erhielt viele Abschriften von Büchern elbischer Gelehrter, die er zu Hause in Ruhe studieren wollte.
Aber der Tag ihres Aufbruchs war gekommen, und in nicht allzu großer Eile ritten sie zu den Häfen an den Grauen Anfurten. In Bree machten sie einige Tage Halt. Seit der Schlacht hatte sich kein Feind mehr blicken lassen.
Sie hatten wieder auf der Anhöhe nahe dem Alten Wald gerastet. Von der Orkspur war fast nichts mehr zu sehen, und Elendil staunte, wie rasch sich die Natur von solchen Wunden erholte. Wieder schien es ihm, als ob eine Elbenmaid in dem Haus unter ihnen singen würde, aber auch dieses Mal hatte er keine Zeit, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Ihm schien, als ob ein untersetzter Mann in bunten Kleidern einen Pfad entlangtänzeln würde, aber als er sich verwundert die Augen rieb, sah er nichts mehr.

„Wer weiß, was es noch Wunderliches in diesen weiten Landen gibt“ dachte er kopfschüttelnd. „Wer weiß, ob ich das jemals herausfinden werde.“

Nach einem weitgehend ereignislosen Ritt waren sie in Harlond angekommen, wo die Schiffe bereits abfahrbereit waren, und nach einem letzten Abend in Círdans Haus stachen sie in See. Die Überfahrt verlief ruhig, und es war schon Winter, als sie endlich die vertrauten Gestade von Númenor sahen. Sie waren wieder zu Hause, aber im Grunde seines Herzens wußte Elendil, daß er eines Tages nach Mittelerde zurückkehren würde.