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Erstes Kapitel
Frodo spürte ein brennendes Gefühl im Hals. Er erwachte. Sofort bemerkte er den schrecklichen Schmerz in all seinen Gliedern und das Hämmern in seinem Kopf. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen. Er fühlte sich schwach und ihm war übel und er fühlte einen seltsamen, brennenden Schmerz hinten im Nacken. Er hatte noch nicht einmal die Kraft, die Augen zu öffnen.
Er spürte, wie eine kalte Hand ihn grausam fest am Arm packte und ruckartig an ihm zog. Das Hämmern in seinem Kopf wurde stärker und er schrie auf.
Frodo riß die Augen auf.
Das Erste, was er sah, sobald seine Augen klarer sahen, sandte einen puren Angstschock durch ihn. Er wurde am Arm gehalten von einem riesigen, gräßlichen Ork, der sich über ihn lehnte, seine gelben Zähne fletschend. Sein Griff war unerbittlich fest. Er hielt eine Flasche in der Hand mit einer brennenden Flüssigkeit, die er ihm gerade eingeflößt hatte. Viele weitere Orks standen um sie herum, mit ihren Messern spielend.
Ah, also ist der kleine Wurm jetzt endlich wach, oder nicht? spottete der eine, der ihn festhielt und immer näher kam. Frodo zappelte ein wenig, aber der Ork hielt ihn immer nur noch fester, seinen Arm verdrehend und Frodos erbärmlichen Versuch, sich zu befreien, mit einem Lachen quittierend. Mußt dich nicht überanstrengen, Kleiner, oh nein, sagte er. Du mußt deine Kraft aufsparen für all den Spaß, der später noch kommt. Frodo hörte auf zu zappeln und hing matt im Griff des Orks. Er konnte nichts tun, um es zu vermeiden, er hatte keine Kraft mehr, er fühlte sich so klein und voller Angst. Wie war er hierhin gekommen? In seinem Kopf wirbelten angstvolle und verwirrte Gedanken umher. Was konnte ihm zugestoßen sein? Er versuchte, nachzudenken, aber der Ork schüttelte ihn wieder, einen blinden Schmerz verursachend, der durch Frodos Kopf schoß und er schrie auf.
Die Orks kicherten böse und raunten sich gegenseitig etwas in ihrer eigenen schrecklichen Sprache zu. Plötzlich sagte der Ork, der Frodo festhielt, scheinbar derjenige, der das Sagen hatte, scharf in der Gemeinsamen Sprache: Zieht ihn aus.
Bevor Frodo wußte, wie ihm geschah, packten ihn viele weitere starke Hände aus allen Richtungen. Sie rissen an ihm, ziehend, zerrend, kneifend, ihre Krallen bohrten sich ins Fleisch, bis er blutete. Einige schreckliche Momente lang konnte er nur Orkfratzen sehen, von überall her auftauchend, alles, was er fühlte, waren die Hände, nach ihm greifend und grapschend. Er zitterte wie versteinert, als die vielen Hände an seiner Kleidung, seinen Haaren, allem zogen. Aber der Angriff der Orks hatte einen plötzlichen Funken Energie in Frodo entzündet und er versuchte verzeifelt, sich zu befreien. He zappelte gegen sie mit all seiner Kraft, die sein schmerzender Körper entbehren konnte, ihre grapschenden Hände wegschlagend. Loslassen! Laßt mich los! schrie er, aber seine Stimme war nicht mehr als ein angstvolles Quieken, das die Orks in Lachen ausbrechen ließ. Aber Frodo hörte nicht auf zu zappeln, trotz seiner schnell schwindenden Kraft.
Aber die Orks wurden ziemlich genervt vom Zappeln des Hobbits; sie hatten nicht erwartet, daß er überhaupt genug Kraft hatte, um sich zu wehren. Kankras Opfer waren normalerweise extrem schwach, selbst nachdem sie wieder erwachten.
Einer der Orks hielt schnell Frodos Arme fest, denn er schlug noch immer um sich, und zerrte sie hinter seinen Rücken, während ein anderer ihm mit der flachen Hand ins Gesicht schlug. Hör auf zu zappeln, du Winzling, oder wir fangen mit dem Spaß noch früher an! Aber Frodo war taub den Drohungen des Orks gegenüber, sein einziger Gedanke galt der Flucht. Diesen schrecklichen Händen zu entfliehen, die ihn von überall her packten. Er versuchte, sich aus seinem Griff zu lösen, aber der Ork, sichtlich verärgert, verdrehte Frodos Arme hinter seinem Rücken, bis er einen gequälten Schrei ausstieß. Aber er hielt Frodos Arme noch genau so fest und alles, woran er denken konnte, war der stechende Schmerz in den Schultern. Frodo schloß seine Augen fest und wünschte, es wäre alles vorbei. Er fühlte sich völlig hilflos, als die anderen damit fortfuhren, alles wegzunehmen, was er hatte.
Urplötzlich hörte es auf. Die Orks ließen los und Frodo wurde hart zu Boden geworfen, kalt, nackt und voller Schmerzen. Aber bevor er überhaupt wieder zu Sinnen kommen konnte, riß eine starke Hand an seinen dunklen Locken, sein Gesicht hochzerrend. Er konnte den heißen Atem auf seinen Wangen spüren, aber öffnete seine Augen nicht. Er wollte dem Schmerz der Realität nicht ins Auge sehen.
Sieh mich an, du Ratte! brüllte der Ork und zog Frodos Kopf weiter zurück, bis er vor Schmerzen wimmerte und zögernd die Augen öffnete.
Ein Ork, derselbe, der ihn vorher schon gepackt hatte, grinste böse auf ihn hinab. Der Ork begann zu sprechen, seinen Griff in Frodos Haaren nicht lockernd. Jetzt bist du ruhig und benimmst dich und alles wird einfacher für dich, verstanden? Denn wir haben Möglichkeiten, dich ruhig zu stellen, die dir nicht gefallen dürften. Der Ork zog Frodos Kopf noch weiter zurück, bis er einen Schrei ausstieß.
Gugruk, knurrte einer der anderen Orks, aufschauend, während er und die anderen Frodos Habe durchwühlten. Frodo schoß etwas durch den Kopf. Der Ring! Sie haben ihn! Nein, jetzt ist alles hoffnungslos! Er stöhnte vor Verzweiflung. Hört auf rumzuspielen, wir werden unseren Spaß später haben, sagte der Ork.
Halt die Klappe, Ushnukh, oder ich werde dich melden! gab Gugruk zurück. Dann drehte er sich wieder zu Frodo. Nun, ich werde bald genug zurück sein, und dann wird der richtige Spaß anfangen. Gugruk grinste ihn an, wieder seine grauenvollen Zähne entblößend. Frodo duckte sich. Gugruk kicherte, immer noch an Frodos Haaren zerrend.
Frodo keuchte vor Angst und vor Schmerz traten ihm Tränen in die Augen. Alles, was er sehen konnte, waren diese gräßlichen gelben Augen, die ungnädig auf ihn herabstarrten.
Gugruk lachte wieder, offensichtlich zufrieden mit sich, und ließ Frodo los, der schwach auf dem Boden zusammenbrach. Dann scheuchte Gugruk all die anderen fort, die schon unter Murmeln und Fluchen verschwunden waren.
Frodo lag einige Zeit lang einfach nur da - nackt, das Gesicht am kalten Steinboden, zu verängstigt, um sich zu bewegen. Seine Ohren lauschten angestrengt auf jedes Geräusch, aber da war nichts mehr, seit die Orks verschwunden waren. Alles, was er hören konnte, war das laute Pochen seines eigenen Herzens.
Langsam stützte er sich auf seine Ellbogen und sah sich mit müden Augen sein Gefängnis an. Er war in einem großen kreisrunden Raum, wahrscheinlich ganz oben im Turm. Es war alles aus grauem Stein errichtet und völlig leer, außer einem kleinen Bündel in einer Ecke und einem winzigen Fenster hoch oben, durch das nicht ein einziger Strahl des Tageslichtes fiel. In der Mitte des Fußbodens war eine Falltür, kaum sichtbar, denn sie verschmolz mit dem grauen Steinfußboden. Sie war der einzige Ausweg.
Frodo zitterte unkontrollierbar. Sein ganzer Körper war erfüllt von einem stumpfen, hämmernden Schmerz und in seinem Kopf pochte es noch immer. Er konnte noch immer keinen klaren Gedanken fassen. Wie bin ich hergekommen? Was ist geschehen? Aber er hatte keine Antworten.
Langsam kroch er hinüber zu dem Bündel in der Ecke und wickelte die dünnen Fetzen um sich, rollte sich zu einer Kugel zusammen und zog die Knie an die Brust. Aber der dünne, schmutzige Fetzen half ihm kaum dabei, die Kälte in seinen Knochen zu lindern.
Frodo schloß seine Augen ganz fest, um die schreckliche graue Welt um ihn herum auszuschalten und versuchte, wieder einmal, sich auf seine völlig verwirrten Gedanken zu konzentrieren.
Sein Verstand schien vernebelt, aber langsam begannen die Dinge in seinen Kopf zurückzukehren. Und urplötzlich erinnerte er sich. Er konnte sich ganz deutlich an alles erinnern. Der Ring, die Queste, die furchterregenden Schwarzen Reiter. Der Ring!
Sie haben ihn, dachte Frodo beunruhigt. Er fühlte sich seltsam ohne die ständige Präsenz des Ringes um seinen Hals und verspürte einen starken Wunsch, ihn wiederzuhaben.
Auf einmal erinnerte Frodo sich an die schrecklichen Visioen, die er in Galadriels Spiegel im fernen Lothlorien gesehen hatte. Wie lange es schon vergangen zu sein schien, fast als wäre es nur ein Traum. Aber nein, er konnte sich deutlich an alles erinnern.
Das Auenland, sein Heim, zerstört. Verwüstet von Orks. Alles, alles brannte. Alles war weg. Alles, was er je kannte und geliebt hatte, für immer verloren.
Das ist, was geschieht, wenn du fehlschlägst. Das hatte sie gesagt.
Nein, nein! Frodo schlug die Augen auf, aber er sah nicht, was ihn umgab. Er sah stattdessen die Gesichter der anderen Gefährten. Sie hatten ihr Leben riskiert, um mir zu helfen und ich habe versagt und all ihre Hoffnungen zerstört, dachte er verzweifelnd. Er sah die Gesichter seiner Freunde unter den Hobbits, seinen lieben Bilbo, sein Zuhause.
Alles wird verloren sein. Alles wird zerstört sein. Alles wird in Dunkelheit fallen und ich werde der Grund sein. Ich werde verantwortlich gemacht für die Zerstörung von ganz Mittelerde. Er schloß seine Augen wieder und trotz all seines Widerstandes begannen Tränen, über sein Gesicht zu kullern. Gandalf, du hast dich falsch entschieden. Der Rat sollte mir diese Aufgabe nie anvertraut haben, dachte Frodo bitter.
Aber wie war das alles passiert? Wie war es gekommen, daß er nun hier war?
Frodo versuchte verzweifelt, sich weiter zu erinnern. Er konnte sich daran erinnern, daß er die Gefährten verlassen hatte, mit Sam. Und dann...
Plötzlich stürmte alles wieder auf ihn ein. Der lange Marsch durch die Emyn Muil. Gollum. Die Totensümpfe und die lange Schwärze von Mordor. Selbst Faramir und seine Männer, die Freundlichkeit, die sie ihnen gegenüber gezeigt hatten.
Dann erinnerte er sich an Gollum, Gollums Versprechen, ihnen den Weg nach Mordor zu zeigen. Und der lange, finstere Tunnel, durch den er sie geführt hatte. Und die endlose Dunkelheit.
Und die Augen. Die vielen gräßlichen, leuchtenden Augen, die sie durch die Finsternis gejagt hatten. Und der Gestank. Der schreckliche Gestank einer riesigen, furchteinflößenden Gestalt, die in der undurchdringlichen, erstickenden Dunkelheit der Tunnel herumlungerte. Jagend, immer jagend.
Und dann erinnerte Frodo sich daran, Licht gesehen zu haben. Endlich, ein Ende der Dunkelheit! Er erinnerte sich daran, darauf zugerannt zu sein, Sam rufend, der hinter ihm war. Dann ein schrecklich stechender Schmerz im Nacken. Dann Schwärze.
Frodo faßte sich in den Nacken - ja, er war noch immer wund. Aber was war geschehen? War die grauenhafte Kreatur ihnen nach draußen gefolgt? Aber dann... Sam!
Frodo schlug wieder die Augen auf, dieses Mal weiteten sie sich vor Schrecken. Was ist aus Sam geworden, wenn ich hier bin, in diesem Turm voll von Orks? Und wie haben die Orks mich überhaupt gefunden?
Vielleicht war das Monster von Sam gestört worden und ihm stattdessen gefolgt, dachte Frodo bei sich. Und dann haben mich die Orks gefunden. Er vergrub das Gesicht in den Händen. Also was ist aus Sam geworden?
Er malte sich aus, wie Sam irgendwo tot lag, bleich und leblos. Kein Glanz in den Augen und kein fröhliches, beruhigendes Lächeln auf seinem Gesicht. Völlige Leere. Und dann beugte sich eine bedrohliche Kreatur über ihn, wartend, die Beute zu verschlingen.
Oh, Sam! Wie konnte das passieren?
Er hätte nie mit mir kommen dürfen, dachte Frodo. Das war mein Schicksal, nicht seines und ich hätte es nie zulassen dürfen, daß er mitkommt. Und jetzt... jetzt... Unzählige Tränen schossen Frodo in die Augen.
Was habe ich getan?
Aber was, wenn Sam noch immer lebte? Was, wenn er durch irgendein Wunder geflohen war?
Er würde kommen und nach mir suchen, dachte Frodo und fühlte sich elend. Das darf er nicht! Wenn er noch lebt, wird es ihn in noch größere Gefahren bringen, wenn er herkommt.
Sam, mein Guter, wenn du immer noch da draußen bist, flehte Frodo innerlich, bitte, bitte, bleib weg von hier. Was auch immer du tust, komm nicht um mich zu suchen, bitte. Du verdienst es nicht, zu sterben. Paß einfach so gut wie möglich auf dich selbst auf. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du dein Leben verlieren würdest bei dem Versuch, mir zu helfen. Mir kann niemand mehr helfen, lieber Sam.
Aber das sanfte, liebevolle Gesicht von Sam erschien in Frodos Kopf, er schenkte ihm ein warmes Lächeln.
Frodo dachte zurück an jeden sonnigen Morgen, an denen Sam täglich fröhlich hereinkam und ihm einen guten Morgen wünschte. Wie er sang oder einfach vor sich hin pfiff, wenn er zur Arbeit in den Garten ging.
Diese einmal gewohnten und tröstenden Gedanken wurden zu schmerzhaften Erinnerungen für Frodo, als Sams lächelndes Gesicht vor seinem inneren Auge verschwamm. Die Tränen flossen stumm über Frodos Gesicht, als er in der Ecke des dunklen Raumes saß hoch oben im Turm, schrecklich allein.
Dann plötzlich vernahm er heisere, wütende Schreie und lautes Klirren von Metall gegen Metall von unten. Es klang so, als würde ein Streit beginnen. Aber Frodo hielt seine Augen fest geschlossen, sich an Sams Gesicht klammernd, denn das war sein einziger Trost, und er versuchte verzweifelt, die Geräusche von unten auszublenden.
Und er wußte, daß wenn Sam da draußen war, er ihn nie einfach vergessen, nie verlassen würde. Eine unkontrollierbare Verzweiflung stieg in seinem Herzen auf, denn trotz all seiner Versuche, er konnte die furchtbare Sehnsucht nicht unterdrücken, die er nach diesem Gesicht hatte, diesem Lächeln, nach Sams Armen, in die er sich flüchten konnte. Und er wußte, es war unmöglich.
Laute, schallende Fußtritte näherten sich. Die Orks kehrten zurück. Frodo rollte sich noch enger zusammen, sich in den Fetzen versteckend und sein Gesicht im rauhen Stoff vergrabend. Tränen durchnäßten den Stoff, während er noch immer an der Vision von Sam festhielt. Sie war so klar, als würde er genau vor ihm stehen.
Ich werde dieses Gesicht nie wiedersehen, dachte Frodo verzweifelt, alle Hoffnung verlierend, die er gehabt hatte, denn die Fußtritte hielten an, nun ganz nah, und mit einem Knall flog die Falltür auf.
Drittes Kapitel
Die Falltür öffnete sich krachend. Frodos Herz begann wieder zu rasen. Verzweifelt klammerte er sich an Sams Bild, als wäre es ein Rettungsseil.
Ein Paar Füße, die in schweren Stiefeln steckten, stampften über den Boden. Eine kräftige Hand packt e Frodos Schulter unsanft. Er fühlte heißen, fauligen Atem auf seinen feuchten Wangen. Der Ork schüttelte ihn ein wenig und trotz all seiner Versuche schmolz die tröstende Vision von Sam dahin, ganz langsam erstickt von seiner Furcht. Er öffnete seine Augen.
Das riesige schwarze Gesicht Gugruks grinste auf ihn hinab. Als der Hobbit seine Augen öffnete, griff Gugruk unnachgiebig nach seinen Oberarmen und zog ihn dicht an sich heran, sodaß ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren, und begann in einem drohenden Grollen zu sprechen.
Gut, du Kröte, ich warte nicht länger auf diese nichtsnutzigen Menschen, daß sie ihren lahmen Hintern herbewegen. Ich will Antworten, und zwar jetzt. Frodos Arme begannen sehr zu schmerzen und er versuchte, sich aus dem Griff des Orks zu winden, aber er hielt ihn nur noch fester. Jetzt weiß ich, daß du etwas hast, das der Herr will. Frodos blaue Augen weiteten sich und Gugruk grinste. Was ist es?
Frodo blieb still. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er starrte einfach nur in das furchtbare Gesicht, völlig erstarrt. Ein Blitz, der Wut verriet, zeigte sich in Gugruks gelben Augen.
Nun? WAS IST ES? schrie Gugruk in einer ohrenbetäubenden Lautstärke in Frodos Gesicht. Frodo blieb still. Er war gelähmt vor Angst und nicht sicher, ob er überhaupt in der Lage gewesen wäre zu antworten, selbst wenn er gewollt hätte.
Antworte mir! Gugruk schlug Frodo quer übers Gesicht, und er fiel taumelnd zu Boden. Für einen Moment drehte sich alles und Frodo konnte nicht mehr sagen, wo welche Richtung war. In seinem Kopf hämmerte alles. Er konnte Blut schmecken. Dann spürte er, wie er vom Boden hochgezogen wurde und langsam konnten seine Augen das gräßliche Orkgesicht wieder erfassen, dessen Augen vor wahnsinnigem Verlangen glänzten.
Er sucht nach dem Ring, dachte Frodo schwach. Er sucht ihn, aber er weiß nicht, was es ist, nur, daß er wichtig ist. Mit wachsender Angst dachte er: Es macht ihn völlig verrückt.
Ich weiß, daß du es getragen hast. Das, was der Herr die ganze Zeit sucht, knurrte er, sein Gesicht wieder dicht an Frodos. Sein Atem roch nach altem Fleisch und Frodo versuchte, die Luft anzuhalten, aber sein Herz pochte zu schnell vor lauter Angst. Gugruk zog ihn dichter heran. Sag mir die Wahrheit. Wo ist es? Seine Stimme war leise, aber bedrohlich.
Was soll ich tun? dachte Frodo verzweifelt. Er konnte seinen Blick nicht von diesen furchtbaren Augen lösen, die sich in ihn bohrten, nach einer Antwort suchten. Frodo rang mit sich selbst, um sprechen zu können. I-ich w-weiß nicht, w-was du m-meinst- murmelte er.
Du weißt, was ich meine! brüllte Gugruk zurück, wieder mit unbändiger Wut in den Augen. Er konnte seinen Zorn nicht länger kontrollieren. Er schüttelte Frodo gnadenlos und brutal. Lüg mich nicht an, du elende Ratte! brüllte er, Frodo immer noch schüttelnd, der zu schwach war, um sich zu wehren, immer noch mit Kankras Gift in den Venen. Frodos Kopf schlug vor und zurück und er schrie auf, als ein stechender Schmerz durch seinen Nacken fuhr, er dachte, sein Genick müßte im nächsten Moment brechen, wenn das nicht aufhörte...
Dann wurde er zu Boden geworfen mit großer Kraft und prallte gegen die Wand, wo er schmerzerfüllt liegenblieb. Gugruk brüllte vor Wut und Frodo spürte einen gewaltigen Tritt in der Seite, der ihm den Atem nahm. Er lag dort, nach Luft schnappend und ein weiterer Tritt folgte. Tränen der Wut und völliger Verzweiflung traten in Frodos Augen, als er verzweifelt versuchte, sich vor den wilden Schlägen zu schützen.
Unerwartet hörte es auf. Sie ließen Frodo verwundet und schwer atmend zurück. Er lag am Boden, die Augen fest geschlossen, eine Seite seines Gesichts gegen die kalten Steine des Fußbodens gepreßt. Er wagte es nicht, sich zu bewegen.
Er hörte, daß Gugruk noch immer im Raum war, er brummte und atmete laut. Was hatte er vor?
Bitte, laß ihn mich hier liegenlassen. Bitte, dachte Frodo verzweifelt. Laß ihn mich einfach nur alleinlassen.
Aber Gugruk konnte Widerstand nicht vertragen und, alle Befehle außer Acht lassend, packte er Frodos Kopf und zerrte ihn noch einmal hoch, und im selben Moment glitt die scharfe Klinge seines Schwertes an den Hals des Hobbits.
Frodos öffnete sofort die Augen, als er die Berührung des kalten Metalls auf seiner Haut spürte. Er hielt die Luft an und sein Herz schlug wie wild bis an die Rippen.
Du wirst mir sagen, wo es ist, brummte Gugruk, immer noch mit dem bedrohlichen Glanz in den Augen, oder ich schneide dir die Kehle durch.
Frodo schaute nur zu ihm hoch, die Augen geweitet vor Angst. Er konnte nicht sprechen.
In diesem Moment flog die Tür wieder auf und Frodo konnte hören, wie mehrere Orkstimmen zur selben Zeit losbrüllten. Gugruk ließ schnell das Schwert sinken und ließ Frodo los, der zu Boden sank.
Frodo hob langsam den Kopf, um sehen zu können, was geschah. Drei weitere Orks, genauso häßlich, aber nicht ganz so groß wie Gugruk, hatten den Raum betreten und riefen sich gegenseitig in ihrer eigenen Sprache etwas zu. Die überraschte Wut der anderen war offensichtlich. Ganz abrupt gingen sie über zur Gemeinsamen Sprache und Frodo konnte sie verstehen.
Also dachtest du einfach, du könntest hier hochkommen und alles selbst aus ihm rausquetschen, oder nicht? sagte einer laut. Dachtest wohl, du wärst der, der sich den Preis beim Herrn holen könnte, was?
Der Gefangene sollte ausgezogen werden und so belassen werden, bis neue Befehle kommen, sagte ein anderer. Oder willst du uns alle umbringen?
Die anderen begannen einheitlich laut zu brüllen und so war es für Frodo unmöglich, herauszufinden, was sie sagten. Sein Kopf begann wieder schrecklich zu schmerzen und er bettete ihn auf seinen Arm, immer noch angestrengt lauschend.
Klappe halten! brüllte Gugruk und sofort hörten die anderen auf. Er war blind vor Wut und dieser Zwischenfall hatte das Faß zum Überlaufen gebracht. Ich bin Gugruk! Ich habe die Verantwortung hier! Mir schreibt keiner was vor! Ich habe es satt, Befehle von diesen dreckigen Schweinen entgegenzunehmen, die der Herr als Boten schickt. Ich will endlich Antworten! Und dann ging er über zu einem einheitlichen Fluchen in seiner eigenen Sprache, das die anderen aufzubringen schien, und einer trat vorwärts.
Wie ein Blitz und bevor irgendjemand reagieren konnte, machte Gugruk einen Satz vorwärts, sein Schwert ziehend und es durch die Luft schwingend, und flink köpfte er den anderen Ork, dessen Körper mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fiel.
Sein Kopf rollte über den Boden, bis er vor Frodo zum Stillstand kam, der zurückschreckte. Aber er konnte seinen Blick nicht von den weit offenen, glasigen Augen des Orks lösen. Augen, die noch einen Ausdruck von Überraschung zeigten. Sie starrten ihn reglos an, bis er endlich wegschaute, nach Luft ringend, geschockt von der Tatsache, wie schnell ein Leben beendet sein konnte. Dieser Kopf hatte einem lebenden, atmenden Wesen gehört, nur Augenblicke zuvor. Nur ein kurzer Moment und ein ganzes Leben war vorbei.
Frodo begann zu zittern und rutschte weiter vom Kopf des Orks weg, dessen Blick immer noch leer in die Luft starrte. Würde ihm das passieren?
Gugruk schaute befriedigt auf das, was er getan hatte. Aber der wahnsinnige Blick, der in seinen Augen gewachsen war, seit er den Raum das erste Mal betreten hatte und Frodo befragt hatte, verging langsam. Laßt euch das eine Warnung sein, bemerkte er den anderen gegenüber, die nun ein wenig verschreckt aussahen. Niemand stellt meine Autorität in Frage. Wer das tut, wird auch so enden.
Er wandte seinen Blick zu dem kleinen Hobbit, der am Boden lag und mit angstgeweiteten Augen auf das starrte, was Gugruk getan hatte. Dieser kicherte, die dumme Ratte hatte wahrscheinlich noch nie gesehen, wie eine Kreatur so umgebracht wurde. Er streckte seine Hand aus und packte Frodo wieder an der Schulter. Frodo zuckte zusammen und sein erstarrter Blick wanderte nach oben, um Gugruk anzusehen. Wenn du nicht willst, daß dir das auch passiert, sagte Gugruk, die offensichtliche Angst des Hobbits belächelnd, lernst du besser, zu kooperieren. Die Befrager werden Widerstand nicht dulden.
Gugruk ließ Frodo los. Er landete geschwächt am Boden, zitternd und schmerzerfüllt. Gugruk ließ seine Blicke dann durch den Raum schweifen, spuckte auf den Boden und schlurfte hinaus. Die anderen folgten ihm, sich gegenseitig etwas zuraunend. Der Körper des toten Orks ließen sie auf dem Boden zurück, in einer Blutlache.
Schon schwang die Tür wieder zu und wurde geschlossen und alles, was zurückblieb, war der kleine Hobbit auf dem Boden, der leise schluchzte.
Viertes Kapitel
Nicht lange nachdem die Orks gegangen waren, war Frodo eingeschlafen aufgrund völliger Erschöpfung. Er war zurückgekrochen in die dunkle Ecke, die am weitesten von der Tür entfernt war, und hatte sich wieder unter der dünnen Decke zusammengerollt.
Während er schlief, wurde Frodo von Alpträumen verfolgt, in denen Sam vor ihm stand mit seinem aufmunternden Lächeln, das Frodos Herz erwärmte. Aber als Frodo die Hand nach ihm ausstreckte, fühlte er viele Hände nach sich greifen, die ihn immer fortzerrten. Dann verschwand er langsam im Schatten und hinterließ nichts als die schrecklichen Kreaturen mit ihren Klauen, die sich in der Dunkelheit versteckten. Sam! rief Frodo, blind in die Dunkelheit greifend, Sam, verlaß mich nicht! Bitte! Aber Sam war verschwunden.
Frodo war so sehr verloren in seinen Alpträumen, daß er nicht die hallenden Schritte hörte, die sich wieder einmal näherten.
Die Falltür öffnete sich und ein Mann und mehrere Orks kamen hinein. Sie kamen der zitternden kleinen Gestalt näher, die sich auf dem Boden hin- und herwarf und ihre dünne Stimme murmelte etwas, das sie nicht verstehen konnten. Seine Stirn war schmerzzerfurcht und Tränen rannen über seine Wangen, doch seine Augen waren fest geschlossen.
Weck ihn, Drenymer. Worauf wartest du? brummte einer der Orks ungeduldig.
Der Mann machte ungeduldig einen Schritt vorwärts, packte eine Handvoll der dunklen Locken und warf die kleine Gestalt brutal gegen die Wand.
Frodo landete stöhnend auf dem Boden. Über seinen Rippen hatte er unzählige blaue Flecken und alles war angeschwollen. Er öffnete langsam die Augen. Es dauerte einen Moment, bis er scharf sehen konnte, in seinem Kopf hämmerte es so sehr.
Auf einmal entdeckte er, daß die Gesichter des Mannes und einiger der größten, am bösesten aussehenden Orks, die er je gesehen hatte, auf ihn herabstarrten. Er erkannte Gugruk als einen von ihnen und schüttelte sich. Gugruk blinzelte auf ihn hinunter hinter Drenymers Rücken.
Drenymer selbst hatte schulterlanges, strähniges schwarzes Haar und nervös blinzelnde, kalte Augen. Die Orks schauten auf Frodo herunter mit ihren gelben Augen, zähnefletschend und mit den Griffen ihrer Schwerter herumspielend. Einige von ihnen hatten ebenfalls Peitschen.
Frodo schnappte nach Luft und wollte zurückrutschen, aber Drenymers Hand schnellte vor und er griff unsanft nach seinem Handgelenk und zerrte ihn nach vorn. Der Fetzen fiel zu Boden.
Du gehst nirgendwohin, Halbling, knurrte er, seinen kalten Blick auf Frodo ruhen lassend. Du hast einige Informationen, die wir wollen. Sein Griff um Frodos Handgelenk wurde fester und er begann seinen Arm langsam in eine schmerzhafte Position zu drehen. Wenn du nun ohne viel Ärger antwortest, wirds viel einfacher für dich. Er verdrehte Frodos Arm noch weiter. Frodo biß hart die Zähne zusammen.
Also, was hatten du und dein Kumpan vor, als ihr durch die Dunklen Lande gewandert seid?
Frodos Augen weiteten sich daraufhin. Sein Kumpan? Sie wußten von Sam? Wie? Der Mann sah Angst in Frodos Augen aufblitzen und grinste. Er drehte das Handgelenk weiter, bis Frodo aufschrie.
Antworte mir! flüsterte er in Frodos Ohr. Was habt ihr gemacht? Frodo hatte nichts, um zu antworten.
Sein erster Gedanke war, daß er gar nichts antworten dürfe. Er mußte Sam beschützen. Er schüttelte sich bei dem Gedanken an das, was Sam zustoßen würde, wenn sie auch ihn fanden.
Nein, das konnte er nicht ertragen. Er konnte es nicht zulassen, daß sie Sam weh taten. Und der Rest der Gemeinschaft war immer noch da draußen - er konnte ihr Vertrauen nicht verraten. Nein, er würde seine Freunde nicht in Gefahr bringen. Er war bereit, Schmerzen zu ertragen, selbst den Tod, bevor er das tun würde.
Drenymer übte noch immer einen großen Druck auf Frodos Arm aus. Frodo biß die Zähne zusammen vor Schmerz. Er konnte sich aus dem schmerzhaften Griff nicht herauswinden.
Wut blitzte auf in Drenymers kalten Augen und in einer schnellen Bewegung zerrte er hart an Frodos Handgelenk und das laute Knacken eines brechenden Knochens war im Raum zu hören. Frodo schrie vor Schmerzen, als er losgelassen wurde und rücklings auf dem Boden landete, und er legte seine Hand um das schmerzende Handgelenk. Er dachte, er würde bald ohnmächtig werden vor Schmerzen. Er bemühte sich, aufzuschauen, undTränen des Schmerzes liefen über seine Wangen.
Drenymer sah grimmig auf ihn herab, mit einem Ausdruck in den Augen, der Frodos Blut gefrieren ließ. Keine Gefühlsregung. Frodos Schmerzen ließen ihn völlig kalt. Es war in diesem Moment, als Frodo erkannte, daß dieser Mann alles tun würde, um seine zugewiesene Aufgabe zu erfüllen. Bei ihm war kein freier Wille mehr übrig. Er war absolut kontrolliert von Saurons Willen. Frodo begann zu zittern und bereitete sich auf das vor, was noch kommen würde.
In diesem Augenblick trat Drenymer nach vorn und packte Frodo an den Handgelenken, zerrte ihn hoch und zwang ihn, auf seinen zitternden Beinen zu stehen. Frodo schrie auf in Angst und wegen den quälenden Schmerzen, aber Drenymer ließ nicht los, er hielt Frodo fest und zog ihn an sich heran.
Tat das weh? fragte er leise. Frodo konnte kaum klar denken vor lauter Schmerzen und gab keine Antwort. Denn das ist erst der Anfang, fuhr er fort. Es sei denn, du antwortest mir jetzt. Wo kommst du her? Warum bist du hier? Wer hat dich geschickt? Frodo biß sich auf die Lippen und versuchte, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. In seinem Handgelenk hämmerte es und er sah schwarze Punkte vor seinen Augen. Er sah Drenymer nicht an, sondern starrte auf den Steinboden.
Der Mann stieß ein frustriertes Knurren aus und ließ Frodo los. Aber er hatte kaum einen Moment der Erleichterung, bevor er Drenymers Hand an seiner Kehle spürte und er zwang ihn dazu, in seine kalten, dunklen und leeren Augen zu sehen. Drenymer erhöhte den Druck und schnitt Frodo die Luft ab, und er begann nach Luft zu ringen. Er klammerte sich an die Hand, die ihn festhielt und nicht losließ.
Unkontrollierte Wut zeigte sich in Drenymers Augen, weil ihm Widerstand geleistet wurde. Ich breche dir das Genick, zischte er. Frodo konnte nicht atmen. Er brauchte Luft. Er kämpfte, aber kein bißchen Luft drang in seine Lungen vor. Er begann, schwächer zu werden.
Drenymer lächelte grimmig, als er sah, wie Frodos Blick unscharf wurde. Frodo selbst fühlte sich, als würde der Boden unter ihm wegbröckeln und er fiel. Dunkelheit kroch in die Ecken seines Blicks. Er konnte nicht atmen, brauchte Luft. War es so, wenn man starb?
Aber gerade, als die Welt zu entschwinden drohte, spürte Frodo, wie der eisenharte Griff nachließ und plötzlich konnte er wieder atmen. Er landete schwach auf dem Boden, hustend, nach Luft schnappend und sie kehrte in seine Lungen zurück, endlich. Langsam konnte er wieder klar sehen. Er konnte den großen Mann über sich stehen sehen und die Orks starrten auf ihn herab. Sie sahen belustigt aus.
Dann began Drenymer dunkel grollend zu sprechen: Es ist nutzlos, nicht nachzugeben, sagte er, wir werden alles aus dir herauspressen, was du weißt, früher oder später. Einige der Orks kicherten daraufhin, aber der Mann ignorierte sie. Es ist Unsinn, sich über deinen Kumpan noch Sorgen zu machen. Daraufhin hob Frodo den Kopf und suchte nach Drenymers finsterem Gesicht. Angst griff nach ihm. Was hatten sie getan? Drenymer sprach langsam weiter und ein Grinsen zeichnete sich in seinen Mundwinkeln ab.
Er ist tot. Wir haben ihn umgebracht.
Frodos Herz setzte für einen Moment aus. Die Zeit stand still. Mit leerem Blick starrte er zurück, so als ob er den Mann nicht gehört hätte, aber seine Augen weiteten sich vor Schreck. Sam? Tot? Das war, was er befürchtet hatte, aber er hatte nie damit gerechnet, wie diese Worte tatsächlich einschlagen würden. Er ist tot. Tot. In diesem Augenblick schienen alle Erinnerungen, die er an Sam hatte, wie eine Flut auf ihn einzustürzen. Sam war immer dagewesen, er war sein Rettungsseil. Wie konnte er weg sein? Dann langsam kehrte er in die Realität zurück.
Er ist weg. Für immer weg. Er wird nie zurückkehren.
Ein Schluchzer purer Verzweiflung stieg aus den Tiefen von Frodos Herz hoch und die Vision verschwamm als ein Wasserfall von Tränen über seine Wangen strömte. Frodos Gedanken schwirrten umher. Im Bruchteil eines Augenblickes war seine gesamte Welt eingestürzt. Sein Herz war in eine Million Stücke zersprungen.
Schluß mit dem Geplärre! bellte Drenymer, trat vor und schlug Frodo hart ins Gesicht. Er stieß ihn vorwärts auf den Steinboden. Aber Frodo kümmerte es nicht. Er war wie gefühllos durch Schock und Trauer. Er war gefühllos gegenüber dem stechenden Schmerz im Gesicht, seiner geprellten Rippen und seinem Handgelenk. Alles, was er fühlte, war der schreckliche Schmerz in seinem Herzen. Jetzt antworte mir. Drenymers Stimme war eisig kalt.
Aber Frodo hatte genug. Sam war tot. Alles war verloren. Er fühlte nichts außer überwältigender Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Langsam drehte er sein tränenüberströmtes Gesicht zu dem Mann.
Nein. Seine Stimme war mehr wie ein Krächzen und kaum hörbar. Er fixierte Drenymers Augen. Er war schrecklich verängstigt, aber versuchte, weiterzusprechen. Eine solche Antwort werdet Ihr nicht von mir bekommen. Es kümmert mich nicht, was Ihr tut. Mein Auftrag ist fehlgeschlagen.
Drenymer hatte ein gefährliches Glitzern in den Augen, das Frodo einige Angst einjagte. Er wurde ungeduldig. Die kleine Kröte kooperierte nicht. Nun, dazu würde er ihn noch kriegen. Er würde nicht gehen, bevor seine Aufgabe erfüllt war.
Er drehte sich um und gab einigen Orks ein Zeichen, die vortraten und so aussahen, als würden sie es kaum abwarten können. Gugruk war dabei.
Drenymer trat zurück, als sie sich Frodo näherten. Das würde es sein, dachte er, so bringt man ihn schon zum Singen. Er konnte es nicht ewig zurückhalten.
Frodo verstand nicht, was geschah. Sein Kopf lag wieder auf seinem Arm. Alles vor ihm war schummerig. Ihm war schlecht.
Der nächste Ork trat direkt neben Frodo, der noch immer auf dem Boden lag. Sein Atem wurde flacher und rauher. Der Ork löste langsam eine Klammer, die eine lange Peitsche an ihrem Griff befestigte, rollte sie ab und hob sie über seinen Kopf. Bevor Frodo wußte, wie ihm geschah, schwang er sie durch die Luft und ließ sie mit einem Knall auf dem Rücken des Hobbits niedersausen.
Frodo fühlte den höllischen Schmerz und schrie vor Angst. Er drehte den Kopf gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Ork die Peitsche ein zweites Mal hob. Frodo versuchte, ihr auszuweichen, aber schnell wie ein Blitz waren zwei weitere Orks bei ihm. Sie griffen unnachgiebig nach ihm und nagelten ihn am Boden fest, als das Zischen ein zweites Mal zu hören war und die Peitsche noch einmal traf. Frodo schrie wieder. Das wurde wiederholt, immer wieder.
Durch den Peitschenknall und Frodos eigene gequälte Schreie rief der Mann: Gib doch nach. Du kannst jederzeit nachgeben und es wird aufhören. Gib nach und antworte mir, oder es wird nur noch schlimmer werden. Durch seinen blinden Schmerz hindurch hörte Frodo ihn, aber er würde nicht nachgeben. Er würde ihm gar nichts sagen. Er würde seine Freunde nicht verraten und Drenymer diese Befriedigung verschaffen.
Frodo biß sich auf die Lippen und versuchte, die Schreie zu ersticken, die aus seiner Kehle zu entweichen drohten. Er biß so fest, daß er bald Blut schmeckte und spürte, wie es über sein Kinn lief. Wie verrückt zappelte er, aber die Griffe, die ihn festhielten, ließen nicht nach. Frodo hörte Gelächter, leises Gelächter nahe seinem Ohr. Er wußte, daß es Gugruk war. Gugruk, der ihn auslachte.
Bitte aufhören. Mach, daß das aufhört. Frodos Verstand war vernebelt von Schmerz und Angst. Er hatte einen letzten flüchtigen Gedanken, bevor er das Bewußtsein verlor. Sam. Dann sah er nichts mehr.
Die Orks fuhren mit der teuflischen Quälerei fort, bis der kleine Hobbit nicht mehr zappelte und ganz still lag. Dann gab Drenymer dem Ork ein Zeichen, aufzuhören. Flink rollte er die Peitsche wieder auf, leise kichernd, und die anderen ließen Frodo los und traten zurück. Der Hobbit lag noch immer bewußtlos am Boden. Sein Rücken war blutverschmiert.
In diesem Moment war Drenymer mehr als wütend, daß die kleine Kröte nicht nachgegeben hatte. Er stand für einen Moment zweifelnd da. Sehr bald war seine Verwirrung in Wut umgeschlagen und er gab der mitleiderregenden, blutenden Gestalt, die auf dem Boden lag, einen Tritt. Er hörte ein Stöhnen.
Ein weiterer teuflischer Tritt beförderte Frodo zurück in die Realität. Sobald er wieder zu Bewußtsein gelangt war, konnte er sich auf nichts anderes konzentrieren als die Schmerzen. Sein Handgelenk hämmerte, seine Seiten schmerzten und sein Rücken fühlte sich an, als würde er brennen. Er wäre fast zurück in die stille Dunkelheit gefallen.
Drenymer trat vor. Sein ganzer Körper verriet seine Wut. Frodo kniff seine Augen zu. Er wurde fast verrückt vor Schmerzen. Er dachte nicht, daß er noch mehr Schmerzen ertragen könnte, ob seelisch oder physisch. Er begann zu weinen. Er war so müde, sein Körper war müde und sein Verstand. Der Schmerz in seinem Herzen kämpfte mit der Liebe zu Sam. Aber Sam war fort. Es gab keinen Grund mehr, noch weiterzuleben. Frodo begann, sich nach dem Tod zu sehnen. Er wollte einfach, daß alles aufhörte. In Ohnmacht fallen und sterben. So konnte er bei Sam sein und alle Schmerzen hinter sich lassen. Er hielt das nicht mehr aus. Seine Auftrag war fehlgeschlagen. Mittelerde würde zerstört werden. Er verdiente es, zu sterben.
Frodo lag da und wartete, fürchtete das, was als nächstes kommen würde. Aber nichts geschah. Dann, ganz dünn durch seine eigenen vernebelten Gedanken, hörte Frodo einen Ork harsch sprechen. Er hörte genauer zu. Ja, es war Gugruk. Es dauerte einige Augenblicke, bevor Frodo verstand, was er sagte.
... verrückt! Dämliche Zeitverschwendung! Greif durch! Zeig ihm, wer hier Boss ist! Du weißt nicht, was du tust! Du spielst bloß mit ihm. Du mußt zum Punkt kommen! Ich werde hier nicht mehr weiter stehen und zugucken. Ihr dreckigen Schweine wißt nie, wie man was macht!
Dann begann Drenymer, zurückzubrüllen. Es schient, daß er nun sehr wütend war. Die anderen Orks fielen bald mit ein und ihr Gebrüll hallte an den Steinwänden wider und hämmerten in Frodos schmerzendem Kopf. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Er hatte keine Kraft mehr.
Eine plötzliche Bewegung in der Nähe brachte Frodo dazu, seine Augen einen kleinen Spalt weit zu öffnen. Gugruk und der Mann standen sich nun ganz nah gegenüber und brüllten noch immer. Gugruk umfaßte den Griff seines Schwertes. Er schien ihn zu bedrohen. Frodo schnappte nach Luft. Langsam erhob er sich und versuchte, nicht bemerkt zu werden, bis er sich auf seine Arme stützen konnte und er rutschte weiter weg von den beiden. Sein Herz raste. Bald fühlte er wieder die Mauer im Rücken. Schwer atmend ließ er sich wieder zu Boden sinken. Es war äußerst schmerzhaft, sich zu bewegen.
Er schloß seine Augen, keuchte und kämpfte darum, nicht das Bewußtsein zu verlieren. Bald nahm die Lautstärke des Gebrülls zu und entfernt bemerkte Frodo das Geräusch von aneinander reibendem Metall, als Waffen gezogen wurden.
Fünftes Kapitel
Genau in diesem Moment hörte Sam Gamdschie ein Geräusch und blickte hoch. Er hörte genauer hin. Was war das? Er hörte es wieder. Ein dumpfer Knall und Geschepper. Es klang so, als würde es dort oben zu Handgreiflichkeiten kommen.
Also das ist der Ort, wo die letzten dieser häßlichen Brutalos sind, dachte er grimmig, den Griff des kleinen Schwertes umklammernd, das er in der Hand hielt. Als Sam weiterging, den dunklen steinernen Korridor hinunter, begann Stich langsam ein fahles Blau anzunehmen, das immer heller wurde mit jedem seiner Schritte.
Er hörte einen besonders lauten Knall, der hinunterschallte über alle Etagen und Sam beschleunigte seine Schritte mit wachsender Angst. Seine Gedanken wanderten sofort zu Frodo. Was konnte dort oben geschehen? Er hatte das schlechte Gefühl, daß es etwas mit dem Gefangenen zu tun hatte.
Hör auf zu trödeln, Sam Gamdschie, sagte er sich selbst, nun in einen schnellen Trott verfallend. Trotz allem, was er sich sagte, begannen furchtbare Gedanken Sams Verstand zu plagen. Was, wenn Herr Frodo bereits tot was?
Sam erstickte einen kleinen Schluchzer. Nein, nein, das würde er nicht zulassen. Er braucht dich, Sam, sagte er entschlossen zu sich selbst. Denk nicht an sowas, er braucht dich.
Er hielt am Fuße einer Wendeltreppe an, die sich den ganzen Turm hoch wand. Für einen Moment hielt er inne, dann rannte er weiter, gedrängt vom wiederkehrenden Geräusch, das von oben kam.
Urplötzlich hörte Sam ein Geräusch, das sein Blut gefrieren ließ, ein Geräusch, das er insgeheim gefürchtet hatte, seit er diesen schrecklichen Turm betreten hatte. Und es war kein Ork.
Ein erstickter, aber dennoch lauter Schrei zerriß die Luft. Ein gequälter Schrei, gefolgt von vielen seltsamen und entfernteren Geräuschen. Sam hörte genauer hin. Eine Peitsche knallte. Die Schreie waren noch einige Momente lang zu hören, jeder noch voller Schmerz als der letzte. Sam flog nahezu die Stufen hinauf und konnte nichts mehr sehen vor lauter Tränen. Er wußte, wessen Schreie es waren. Es konnte kein Irrtum sein.
Eine schreckliche Wut und Haß entflammten in seinem Herzen und die noch stärkere Liebe zu seinem Herrn spürte er im ganzen Körper. Wenn er jemals einen Ork zu fassen bekam, egal welchen an diesem Ort, er schwor sich, er würde ihn mit seinen bloßen Händen sofort töten, auch ohne ein Schwert, so groß war seine Wut. Dann hörten die Schreie auf, aber die gnadenlos knallenden Geräusche hielten an.
Sam quälte sich weiter die Treppe hoch und schnappte angestrengt nach Luft und es schnürte ihm die Kehle zu. Dann wurde alles still. Sam stoppte für einen Moment und versuchte, ruhiger zu atmen, damit er besser hören konnte. Alles war ruhig.
Er eilte weiter, so schnell er konnte, mit erhobenem Schwert vor seinem Körper. Schließlich endeten die Stufen und er fand sich selbst wieder in einem kreisförmigen Raum, der so steinern grau war wie alles andere auch. Einige dunkle Gänge gingen von ihm ab. Sam hatte keine Ahnung, wohin er sich wenden sollte. Keine Geräusche halfen ihm bei seiner Suche.
Sam machte eine Pause, um wieder zu Atem zu kommen und sich dafür zu entscheiden, wo er als nächstes hingehen sollte. Er fühlte sich komplett verloren, als er der völligen Hoffnungslosigkeit der Situation gewahr wurde. Welche Hoffnung hatte er gehabt, Frodo an einem solch riesigen Ort zu finden?
Sam schloß die Augen, verschloß sie vor der grausamen Eintönigkeit der Welt um ihn herum und versuchte, seinen Verstand zu vesänftigen und klar zu denken. Aber als seine Augen geschlossen waren, spukte ein Anblick durch seinen Kopf, den er nie wieder sehen wollte. Eine Vision, die ihm seinen Herrn zeigte, der wie tot auf dem kalten Boden lag, nahm vor seinem inneren Auge Gestalt an. Er war so bleich und er konnte nicht sehen, daß er atmete wie sonst immer. Und als Sam seine Hand ausstreckte, um ihn zu berühren, war er so kalt.
Sams Augen öffneten sich wieder. Er fürchtete mehr als jemals zuvor, daß sich ihm ein ähnliches Bild bieten würde, wenn er sich nicht beeilte. So voller drängender Gedanken an Frodo, versuchte Sam, seine widerspenstigen Beine zu bewegen.
In diesem Augenblick verspürte er einen eisigen Windhauch, der durch einen Spalt in der Wand kam, und Sam zitterte. Seine kleine Fackel, die er in der Hand hielt, verlöschte - die einzige Lichtquelle, die er hatte.
Sam schnappte nach Luft, als er sich in völliger und endgültiger Dunkelheit wiederfand. Nicht ein einziges Licht war zu sehen, es waren keine Fackeln entlang der ominös aussehenden Flure, die von dem Raum wegführten.
Noch immer war alles ruhig und Sam konnte das Pochen seines eigenen Herzens hören. Zögernd machte er einen Schritt nach vorn und tastete sich an den kalten Wänden entlang. Er schlich diesen Weg entlang und spähte aus in die tintenschwarze Dunkelheit mit aller Kraft.
Überraschend fand er sich auf der anderen Seite des Raumes wieder, den er von der Treppe aus betreten hatte und hatte all die Öffnungen der Gänge nicht bemerkt.
Plötzlich verschwand die Wand, an die er sich gelehnt hatte und Sam wäre fast gefallen, denn er verlor das Gleichgewicht. Mit ausgestreckten Armen fand er die Wand wieder. Er war in einer Ecke direkt bei dem letzten Eingang, den er zuvor nicht gesehen hatte, da er in Schatten verborgen gewesen war.
Urplötzlich brachen mehrere laute Stimmen aus dem Nichts die Stille, scheinbar in eine hitzige Diskussion verwickelt. Sam sprang auf und sein Herz raste. Mehr als alles andere war er dadurch zusammengefahren, daß die Stimmen scheinbar von einem Ort genau über ihm kamen und sie hallten in den Gängen wider. Aber wie konnte das sein? Er hatte keine weitere Treppe gesehen, die hinauf führte. Sam hielt an und hörte angestrengt dem zu, was sie sagten.
... spielst bloß mit ihm. Krieg ihn in den Griff! Bring ihn zum Reden!
Diese besonders gräßliche Stimme schien weiterzusprechen, immer weiter, aber Sam verschwendete keine weitere Zeit. Er wußte, wen sie meinten. Er mußte Frodo finden. Jetzt.
Sam begann, sich seinen Weg aus der Ecke zu suchen, so schnell er konnte, als er plötzlich in etwas hohes und hartes lief und es beinahe umstieß. Er fing es, bevor es fiel, und stellte es wieder dorthin, wo es vorher gewesen war.
Vorsichtig begann Sam, das ganze Ding abzutasten und wollte nicht unnötig Zeit verschwenden. Es war aus Holz und größer als er. Er fühlte Sprossen. Eine Leiter! Natürlich, eine Falltür würde zur Spitze des Turms führen! Und das war, wo Frodo sein würde.
Ohne überhaupt eine Sekunde nachzudenken, hastete Sam die Leiter hoch, während sein Herz schmerzhaft gegen seine Rippen hämmerte. Als sein Kopf gegen die Tür stieß, suchte er nach dem Griff, öffnete und ließ die Tür zu Boden krachen. Sam rang nach Luft bei dem sich ihm bietenden Anblick.
Mehrere große schwarze Orks und ein Mann waren in dem kleinen kreisrunden Raum, in dessen Mitte jeder gegen jeden mit dem Schwert zu kämpfen schien. Sie hatten alle ihre Waffen gezogen und holten aus, aufeinander zielend. Eine kleine, lockenköpfige Gestalt lag in der Ecke, gefährlich nahe bei ihnen und voller Blut. Frodo. Er war kaum zu erkennen, aber Sam wußte, daß er es war. Er bewegte sich nicht.
Aber bevor Sam sich überhaupt nur bewegen konnte, geschah etwas, das sein Herz fast zum Stillstand brachte.
Der Mann blockte einen schweren Schlag einer dunklen Orkklinge ab und brachte den Ork zum Stolpern. Er ging in die Knie und ließ das Schwert fallen. Trotz allem, er verschwendete keine Zeit und zog ein kurzes, krummes Messer aus seinem Gürtel. Der Ork versuchte, wieder auf die Füße zu kommen, aber er war nicht schnell genug. Der Mann trat geschwind vor im Bruchteil einer Sekunde und schlug dem Ork den Kopf ab.
Für einen kurzen Moment taumelte der Körper, dann fiel er - genau auf Frodo und stieß das krumme Messer tief in den Rücken des Hobbits.
Ein herzzerreißender Schrei zerriß die Luft.
Sechstes Kapitel
Sam stand unter Schock und rührte sich nicht. Er hätte sich nicht bewegen können, wenn er gewollt hätte. Sein Herz schien zu schlagen aufgehört zu haben, als er völlig leer auf die blutende Gestalt am Boden starrte.
So schienen Stunden zu vergehen. Sam war wie versteinert, stand immer noch auf den obersten Sprossen der Leiter, den Kopf durch die Falltür gesteckt und er starrte auf den reglosen Körper seines Herrn. Sams Gedanken schienen sich so langsam zu bewegen. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Aber in Wirklichkeit waren es nur kurze Momente gewesen, seit es geschehen war. Drenymer, der den wütenden Gugruk abgewehrt hatte, schaffte es schließlich, sein blutverschmiertes Schwert in den Rücken des Orks zu rammen. Gugruk brüllte laut, dann verstummte er. Drenymer fuhr herum, mit vor wahnsinnger Wut blitzenden Augen, und wurde dessen gewahr, daß Sam da war.
He! rief er überrascht. Dann raste er vorwärts mit dem Schwert hoch über den Kopf erhoben und bereitete sich auf den Schlag vor. Sam bemerkte das gerade rechtzeitig und duckte sich, als das Schwert auf ihn niedersausen sollte. Die Leiter schwankte und er klammerte sich verzweifelt daran fest, sah dabei, daß das Schwert zu Boden krachte und er hörte den Mann über sich brüllen vor Wut, weil er sein Ziel verfehlt hatte.
Aber Sam hatte keine Zeit, sich zu orientieren, als er schon eine große Hand spürte, die ihn fest am Kragen packte. Er schnappte nach Luft, als er unsanft nach oben gezerrt und dann zu Boden geworfen wurde, genau vor Drenymers Füßen.
Sam hielt blitzschnell Stich vor sich. Flammende Wut war in seinen Augen. Aber ebenso machte sich überwältigende Angst in seinem Herzen breit. Der Mann war soviel größer als er. Drenymer sprach weiter, zu ihm gewandt.
Du mußt also die andere kleine Ratte sein, was? brummte er und stieß Sam weiter und weiter zurück. Der arme Hobbit konnte fast nichts tun, um sich zuverteidigen. Urplötzlich schnitt ein schnell gezielter Stoß in Sams Arm und sofort begann das Blut zu fließen, was den Hobbit dazu brachte, sein Schwert fallenzulassen.
Drenymer kickte es schnell über den Boden außerhalb von Sams Reichweite und grinste böse auf ihn herab.
Du bist zu spät, Halbling, fuhr er fort und griff Sam wieder an, wenn auch nicht so hart wie möglich. Er wollte diesen leiden lassen, bevor er ihn fertigmachte. Sieh ihn dir an. Dein Freund stirbt da drüben. Aber das ist sowieso egal. Wir haben, was wir wollten, da bin ich mir sicher. Und jetzt werde ich dich auch töten. Deine Mission ist fehlgeschlagen.
Sam hob seinen Blick wieder mit angstgeweiteten Augen und umklammerte seinen blutenden Arm. Er fühlte, wie Tränen in seine Augen stiegen. Obwohl er es nicht zugeben wollte, hatte Sam insgeheim gewußt, daß Frodo wahrscheinlich schrecklich leiden würde und wenn er nicht bald Hilfe bekam, würde er wahrscheinlich nicht überleben.
Sam stolperte, als er die Schläge abwehrte und konnte nichts mehr sehen vor lauter Tränen. Er hörte noch immer den furchtbaren, gequälten Schrei in seinem Kopf widerhallen.
Ein weiterer schwerer Schlag zielte auf ihn ab und er versuchte, sich zu schützen. Dann ein weiterer und noch einer, die ihn nur um Zentimeter verfehlten. Er wußte nicht, wie lange er noch so weitermachen konnte, er fühlte, daß er schwächer wurde.
Plötzlich stolperte Sam sehr, ihm wurde schwindelig und er fiel zu Boden. Sein Kopf schlug auf dem harten Boden auf. Vage hatte er bemerkt, daß sie sich Frodo genähert hatten, der noch immer mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag in der Lache seines eigenen Blutes.
Sam hob den Kopf, um Drenymer vor sich stehen zu sehen, grinsend und zufrieden. Sam sah ihn an mit vor Angst und Schmerz glasigen Augen. Er schien seinen Tod ganz nah zu spüren, er konnte ihn fast riechen.
Nun, das ist das Ende, lieber Herr, dachte er bei sich, zumindest werden wir zusammen sterben. Damit bettete er seinen Kopf auf den Boden voller Verzweiflung und wartete darauf, daß der letzte Schlag fiel.
Frodo gelangte langsam wieder zu Bewußtsein. Seine Schmerzen waren so stark, daß sie gar nicht mehr als solche zu beschreiben waren. Er spürte nichts außer seinem eigenen Leiden. Er war voller Blut und konnte kaum denken, als er nach Luft schnappte. Aber ein bekannter Schrei hallte im Raum wider und bahnte sich einen Weg durch seinen vernebelten Verstand.
Sam?
Er kämpfte mit aller Kraft, um seine Augen zu öffnen. Er dachte, er würde verschwommen Sam auf dem Boden liegen sehen. Er blutete. Und Drenymer stand über ihm mit dem Schwert vor sich und bereitete sich auf den Schlag vor.
Nein, dachte Frodo schwach, das darf nicht sein, nicht Sam.
Dann bemerkte er Stich, sein eigenes kurzes Schwert, das vor ihm lag. Langsam streckte er die Hand aus und suchte nach dem Griff. Die Schmerzen, die diese kleine Bewegung hervorrief, waren unbeschreiblich und Frodo kämpfte mit sich selbst, um nicht das Bewußtsein zu verlieren. Schließlich umklammerte er es, hielt inne für einen Moment und versuchte, den Kampf zu gewinnen mit aller Kraft.
Mit der Stärke, die er noch aufbringen konnte, hob Frodo langsam das Schwert mit einer Hand. Der schreckliche Schmerz, der sofort folgte, war fast unerträglich für den verletzten Hobbit, aber er würde nicht nachgeben, nicht bis er tot war. Sam brauchte ihn.
Frodo hob das kleine Schwert, so hoch er konnte, und stach in den Wadenmuskel des großen Mannes vor sich.
Drenymer schrie auf und fiel auf den Rücken, das Schwert fiel scheppernd neben ihn zu Boden. Frodo ließ den Arm sinken und fiel in Ohmacht.
Der Mann suchte sofort nach seiner Waffe, um ihrer wieder Herr zu werden und stöhnte vor Schmerzen. Aber Sam hatte schnell wieder Stich ergriffen, das aus Frodos Hand gefallen war und ohne auch nur eine Denkpause zu machen, tat er das, was ihm sofort in den Kopf kam. Es war auch nichts anderes möglich zu tun. Wenn er nun nichts tat und Drenymer sein Schwert wieder erlangte, war alles verloren. Damit kroch Sam vorwärts und erhob sich, die Klinge in die Brust des Mannes stoßend.
Drenymer sah Sam einen Moment lang überrascht an, griff an seine Wunde und das Blut quoll über seine Hände. Und Sam sah den Mann für einen Moment an, den, der seinen Herrn gnadenlos verletzt hatte, seinen lieben Herrn, der schon soviel erlitten hatte. Und Sam sah, wie der Mann den letzten Atemzug nahm.
Sam saß wie erstarrt, immer noch mit Stich in der Hand erhoben, vor dem Toten und der Schock und das Entsetzen über das Töten von etwas anderem als einem Ork erfüllten ihn.
In diesem Augenblick hörte er einen leisen, schmerzerfüllten Schrei im Raum und Sam dachte nicht mehr an den toten Mann, als er zu seinem Herrn eilte.
Siebtes Kapitel
Sam ging neben Frodo in die Knie, der mit leerem Blick zu ihm hochsah mit glasigen Augen und sein nackter Körper war blutüberströmt.
Sam ergriff Frodos Hand und war überrascht, als er die Kälte spürte. Langsam begann Frodo, ihn zu fixieren.
Herr Frodo? flüsterte Sam mit zitternder Stimme und rieb die eisige Hand.
Herr Frodo, ich bin es, Sam.
Sam.
Ja, Herr.
Sam. Ich dachte - du wärst... tot... flüsterte Frodo tonlos. Tränen strömten über Frodos Gesicht, als Sam auf ihn hinuntersah. Sam war nicht tot. Er war lebendig und hier bei ihm.
Sam sah Frodo langsam von Kopf bis Fuß an und unterdrückte ein Schluchzen. Sein Rücken war voller Peitschenstriemen und Blut, ein Handgelenk stark angeschwollen und scheinbar gebrochen. In seinem Gesicht und an seine Rippen waren Schürfwunden, aber das war nichts verglichen mit dem grauenhaften Anblick der Stichwunde mitten auf seinem Rücken, die unaufhörlich blutete. Zuviel Blut.
Unzählige Tränen rannen über Sams Wangen, als er das sah, und er konnte ein Schluchzen aus purer Angst und Verzweiflung nicht länger unterdrücken und es entwich seiner Kehle. Er sah sich für einem Moment in dem Raum um, in dem die Körper der toten Orks und des Mannes lagen. Sie hatten es Frodo angetan.
Er bereute es nicht länger, den Mann getötet zu haben und seine Verzweiflung war schnell von einer immensen Wut verdrängt worden, die in seinem Herzen entflammte. Er starrte auf die Waffe, die seinem Herrn diese Schmerzen zugefügt hatte und er packte sie, um sie voller Zorn durch den Raum zu werfen. Sie schepperte, als sie auf die Wand traf und fiel rasselnd zu Boden. Aber Sam kehrte sofort in die Wirklichkeit zurück, als Frodo seine Hand fest umklammerte und nach Luft schnaffte. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und voller Angst und er verkrampfte, als ein stechender Schmerz durch seinen kleinen verletzten Körper fuhr.
Sam! keuchte er mit einem Blick, der seinen Schmerz verriet.
Ich bin hier, Herr Frodo, ich bin hier, flüsterte Sam flehend und Frodos Griff war so stark, daß es ihm wehtat. Aber nichts konnte ihn dazu bewegen, ihn wegzustoßen.
Es ist in Ordnung, ich bin hier, flüsterte er besänftigend, bis es vorbei war und Frodo das Bewußtsein verloren hatte.
Der Blutfluß verlangsamte sich nicht, tatsächlich nahm er eher zu. Und sein Herr war schon so bleich. Sam nutzte die Gelegenheit und nahm seinen eigenen grauen Elbenmantel ab und holte eine kleine Decke aus seinem Rucksack und wickelte Frodos blutenden, zitternden Körper ein. Er versuchte alles, um die Wunde mit Stoff zu verbinden, aber was auch immer er dazu benutzte, war nach wenigen Minuten bereits blutgetränkt.
Sam weinte. Er war so voller Angst um das Leben seines Herrn. Was, wenn er es nicht schaffte? Was würde er ohne ihn tun?
Sam strich Frodos schweißnasse Locken zurück , hob ihn hoch und nahm ihn in die Arme.
Halt durch, Herr Frodo, halt durch, flüsterte er in sein Ohr.
Alles wird wieder gut. Aber er hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Es gab keine Möglichkeit, Hilfe zu holen. Sie saßen fest in diesem schrecklichen Turm. Es gab keine Möglichkeit, Frodo in seinem augenblicklichen Zustand wegzubringen. Jede Bewegung konnte das Blut dazu bringen, noch stärker zu fließen und das konnte er nicht wagen.
Sam, sagte Frodo leise und Sam zuckte zusammen, dann sah er in das tödlich bleiche Gesicht seines Herrn, der kraftlos in seinen Armen lag. Sam war nun auch voller Blut.
Sam, es tut weh, flüsterte Frodo und vergrub sein Gesicht an Sams Schulter. Warum tut es nur so weh?
Sam hatte nicht den Mut, zu antworten, hielt ihn nur ganz fest und schluchzte.
Frodos Verstand war vernebelt. Er konnte sich nicht daran erinnern, was geschehen war. Er war verletzt, aber er wußte nicht, was geschehen war oder wo er sich befand. Verschwommene Erinnerungen an gräßliche Orkfratzen, die auf ihn herabstarrten aus der Dunkelheit, schwirrten durch seinen Kopf. Und Erinnerungen an Schmerzen und Angst und Ungewißheit.
Aber da war noch Sam. Sams wohlbekanntes Gesicht sah ihn an und er hielt seine Hand. Sam. Ein heiseres Krächzen, mehr war es nicht.
Frodo bemühte sich, Sam in die Augen zu sehen. Er konnte es kaum glauben. Sam war wirklich da. Aber dann schien sich ein Schleier über seine Augen zu legen und er konnte nichts in seiner Umgebung mehr erkennen.
Dann zuckte ein unerträglicher Schmerz durch seinen Körper und er schrie leise auf. Er dachte, Sam würde ihm etwas zuflüstern, aber er war sich nicht sicher.
Frodo fühlte die Hitze und etwas klebte. Blut. Er blutete. Vage erinnerte er sich an Orks und einen Mann, verwickelt in einen Kampf und Schwerter klirrten. Dann ein schrecklicher Schmerz. Dann nichts mehr. Aber Sam war irgendwie dagewesen. Frodo konnte sich nicht an das erinnern, was danach gewesen war, es war weg. Dann spürte er, wie er langsam das Bewußtsein verlor.
Sam saß da, die Momente verstrichen nur langsam und seine Tränen fielen auf Frodos Lockenkopf. Er konnte sie nicht zurückhalten. Er wußte, er verschwendete wertvolle Zeit, trotz allem, und versuchte, sich zusammenzureißen.
Aber er wußte nicht, was er für Frodo tun konnte. Er hatte keine Fähigkeiten, zu heilen. Und das war schlimm. Er brauchte jemanden wie Streicher. Er würde wissen, wie er helfen könnte. Plötzlich wünschte er die starke, dunkle Gestalt des Waldläufers zu sich, er könnte seinem Herrn helfen! Aber Streicher war Meilen über Meilen entfernt. Und Sam fühlte sich so verloren wie noch nie zuvor.
Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als Frodo nach Luft rang und schwer hustete. Sam richtete ihn ein wenig auf und rieb seine Händ besänftigend, versuchte, ihm zu helfen. Blut. Er hustete Blut. Es rann über sein Kinn.
Sam schnappte nach Luft. Es war schlimmer, als er zuerst angenommen hatte. Er hatte innere Blutungen, die Wunde war so tief.
Ruhig jetzt, Herr Frodo, sagte er und versuchte, seine Stimme aufrecht zu erhalten, und bettete Frodo wieder in seine Arme.
Frodo selbst schnappte nach Luft mit aufgerissenen Augen. Ein schrecklicher Schmerz war durch seinen Körper gezuckt mit jedem Husten. Er schmeckte Blut. Sein Atem wurde schneller vor lauter Angst. Was geschah mit ihm? Alles tat so weh. Aber der Hustenanfall hatte ihn sehr erschöpft und er hatte keine Kraft mehr, nachzudenken. Sein Verstand setzte aus und er wurde bewußtlos.
Sam war fassungslos. Frodo war verletzt und er konnte ihm nicht helfen. Er würde schnell einen geschickten Heiler brauchen, der ihm half. Es gab nichts, was er tun konnte.
Nichts, was ich tun kann, dachte Sam langsam und ließ sich den schrecklichen Gedanken langsam durch den Kopf gehen. Ich kann ihm nicht mehr helfen.
Er saß da mit Frodo in seinem Schoß und ganz langsam wurde es ihm schmerzhaft bewußt, daß sein geliebter Herr starb. Alles im Raum war totenstill außer dem rasselnden Atem des verwundeten Hobbits.
Frodo fühlte nichts außer Schmerzen. Jeder Atemzug war eine Qual. Er wünschte, er könnte einfach nur aufhören zu atmen und sterben. Das war es nicht mehr wert. Die Aufgabe war fehlgeschlagen. Er wollte nichts mehr, außer daß die Schmerzen aufhörten und er endlich die Augen schließen und für immer schlafen könnte.
In seinem vom Schmerz gelähmten Verstand tauchten Bilder seiner Heimat auf. Das Auenland. Beutelsend. Bilbo. Sein lieber Bilbo! Er würde ihn niemals wiedersehen. Ein Schluchzen entwich seiner Kehle und brachte unerträgliche Schmerzen mit sich, die ihn gequält schreien ließen. Wenn doch nur endlich alles zuende wäre.
In seinem Herzen wußte Frodo, daß er starb. Er fragte sich kurz, wie es sich wohl anfühlte, zu sterben. Und er würde allein in diesem schrecklichen Turm sterben. Aber nein, Sam war da. Er hatte ihn zuvor gehört oder dachte, daß er ihn gehört hatte. Ja, er konnte ihn spüren. Jemand hielt ihn fest.
Frodo versuchte verbissen, die Augen zu öffnen und sah verschwommen hoch zu Sam. Tränen strömten über sein Gesicht bei diesem Anblick. Er war so froh, ihn lebend zu sehen. All seine Erinnerungen schienen trotzdem noch verwirrt. Er konnte sich immer noch nicht genau daran erinnern, was geschehen war, in einem Moment schien er zu denken, daß Sam da war, und das war ein tröstender Gedanke, doch im nächsten Moment war er umgeben von gräßlichen Orkfratzen. Er wußte nicht mehr, was echt war und was nicht.
Achtes Kapitel
Als die schmerzvolle Erkenntnis ihn erst eingeholt hatte, fühlte Sam sich völlig hilflos beim Anblick seines Herrn, wie er sterbend und leidend in seinen Armen lag. Und er konnte nichts tun.
Sam... Die Flüsterstimme war so leise, daß Sam sich nicht ganz sicher war, ob er sie überhaupt gehört hatte. Aber dann sah er hinunter zu seinem Herrn und sah, daß beide erschreckend blaue Augen offen waren und sich bemühten, ihn anzusehen.
Sam versuchte sein Möglichstes, ein tapferes Lächeln für seinen Herrn aufzusetzen, obwohl er bezweifelte, daß es wirklich funktionierte. Die Muskeln in seinem Gesicht schienen vergessen zu haben, wie es ging.
Sam, wiederholte Frodo unter großen Schwierigkeiten. Nach jedem Versuch zu sprechen mußte er eine Pause machen und Luft holen und verzog das Gesicht aufgrund der schrecklichen Schmerzen, die es verursachte.
Ja, Herr Frodo? Dein Sam ist hier. Frodo drückte Sams Hand leicht und schloß langsam die Augen, obgleich er fortfuhr und zu sprechen versuchte.
Sam. Der Ring... alles ist verloren... der Ring... sie haben ihn, Sam... Frodo schnappte nach Luft, als wiederum der Schmerz durch seinen Körpder zuckte. Dieses Mal war er unfähig, den lauten Schrei zu unterdrücken, der Sams Herz zu zerreißen schien.
Als der Schmerz nachließ, abgesehen vom dumpfen Hämmern, das die ganze Zeit gegenwärtig war, lag Frodo kraftlos in Sams Armen und atmete schwer, aber flach, mit vor Schmerz geschlossenen Augen und schluchzte.
Sam hielt ihn fester. Ruhig jetzt, es ist gut, flüsterte er in Frodos Ohr, verzweifelt versuchend, nicht auch noch zu weinen. Es funktionierte ohnehin nicht und bald strömten wieder die Tränen über sein Gesicht. Er machte einen hastigen Versuch, sie wegzuwischen. Versuche jetzt nicht, zu sprechen, Herr Frodo. Bleib ruhig, bitte, und alles wird wieder gut.
Nein, Sam, begann Frodo wieder schwach. D-du verstehst nicht. Der Ring. Er ist fort. Das schreckliche Gefühl der Leere war zurückgekehrt, das er zuvor schon gespürt hatte bei der Entdeckung, daß er fort war. Ohne ihn hatte er keinen Lebenswillen mehr.
Langsam erreichten Frodos Worte Sams schläfrigen Verstand und er setzte sich plötzlich auf, um den Ring an seiner Kette um den hals abzunehmen. Die plötzliche Bewegung ließ Frodo schmerzhaft nach Luft schnappen und er hielt Sams Hand ganz fest, bis es vorbei war.
Oh, Herr Frodo! Es tut mir so leid! entfuhr es Sam, entsetzt, daß er seinem Herrn noch mehr Schmerzen verursacht hatte. Bitte vergib mir!
Es ist gut, Sam, flüsterte Frodo und schnappte noch immer nach Luft aufgrund des Schmerzes. Es tut... gar nicht so weh.
Sam riß sich aus seinen furchtvollen Gedanken und erinnerte sich an den Ring. Langsam zog er ihn über seinen Kopf und versuchte vorsichtig, Frodo nicht zu bewegen. Aber sein Herr schien in diesem Moment zu sehr mit Atmen beschäftigt zu sein, um es zu merken.
Herr Frodo, flüsterte er aufgeregt. Er ist nicht weg, der Ring ist... ich habe ihn hier bei mir.
Frodos Augen öffneten sich sofort wieder und obwohl er nur vernebelt sehen konnte, sah er den leuchtend goldenen Gegenstand sofort, der an der Kette baumelte, die sam hochhielt.
Er schnappte nach Luft. Sam... wie... wie hast du... Dann hielt er inne. Es war egal, wie. Alles, was zählte, war, daß der Ring nicht verloren war.
Plötzlich schien der Ring Besitz von seinem Verstand zu ergreifen und Frodo hörte sich selbst sprechen: Gib ihn mir! Er ist mein! mit einer Stimme, die kalt wie Eis war. Er konnte sich nicht daran erinnern, das jemals gesagt zu haben. Alles, was er spürte, war das starke Verlangen, den Ring wieder in seinem Besitz zu haben. Jetzt.
Sam sah zu seinem Herrn wie aufgeschreckt. Vor einer Sekunde hatte Frodo in seinen Armen gelegen, völlig erschöpft, nach Luft ringend und schluchzend. Nun sah er aufmerksam zu ihm und kalte Wut blitzte in seinen Augen, obwohl seine Wangen noch immer feucht von Tränen waren. Er hatte Frodo noch nie so sprechen hören und er fürchtete sich.
G-gut, Herr Frodo, stammelte er und bewegte sich, um ihm den Ring zu geben, aber Frodos Hand war bereits hochgeschossen und hatte ihn geschnappt, ihn fest in der kleinen Faust haltend.
So schnell, wie das seltsame Gefühl von seinem Herrn Besitz ergriffen hatte, verschwand es wieder und ließ ihn so erschöpft zurück, wie er auch zuvor ausgesehen hatte. Er sank zurück in Sams Umarmung und wimmerte wieder vor Schmerzen, schloß seine Augen und atmete schwer.
Sam strich sanft eine dunkle Locke von der bleichen Stirn seines Herrn, wischte die dunkle Spur von Blut aus seinem Mundwinkel und seufzte, als Trauer all seine anderen Sorgen dämpfte.
Frodo befand sich in einem extremen Zustand des Schmerzes, obwohl er seltsam vom kalten Metall in seiner Hand getröstet wurde. Er hatte den Ring wieder. Das leere Gefühl war verschwunden, doch nur ersetzt worden vom brennenden Schmerz, der durch seinen ganzen Körper fuhr und ihm keinen Frieden gönnen wollte.
Die Schübe des Schmerzes, die ihn quälten, kamen nun öfter und obwohl er Sams kühlende Berührung auf der Stirn fühlte und den Druck seiner Hand gegen seine eigene, konnte Frodo nicht einmal die Kraft aufbringen, seine Augen zu öffnen oder dankbar seine Hand zu drücken. Denn er war sehr dankbar, daß Sam bei ihm war. Es ängstigte ihn, sich vorzustellen, wie es sein würde, das nun allein durchzumachen.
Plötzlich spürte Sam, wie sein Herr verkrampfte und sein Atem ging schneller, aber schwächer, als ob er nur halb atmen würde. Frodos Augen waren fest geschlossen, dunkel umrandet und seine Stirn schmerzzerfurcht.
Sam sah ihn erschrocken an. Oh Elbereth, was geschah nun mit ihm? Ganz plötzlich begann Frodo völlig zu versteifen und wandte sich vor Schmerz in Sams Armen, laut schreiend. Sam versuchte, ihn zu beruhigen, aber es war umsonst. Er fuhr fort, krampfartig zu zittern und warf sich von links nach rechts mit einem Ausdruck purer Qual auf den sanften Gesichtszügen. Sam konnte es kaum ertragen. Was war es, das er durchmachte?
Frodo wußte nicht einmal, was vor sich ging, es ging so schnell. In einem Augenblick lag er ganz still und konzentrierte sich darauf, langsam zu atmen, weil es so weniger schmerzhaft schien. Im nächsten Moment kam ein so unerträglicher Schmerz, völlig anders als alles, was er je zuvor in seinem ganzen Leben gespürt hatte, doch er ergriff Besitz von ihm.
Er begann zu zucken in Sams Armen und schrie auf. Er konnte es nicht kontrollieren, es schmerzte so sehr. Der scharze, brennende Schmerz fuhr durch seinen ganzen Körper und hörte nie auf.
Bitte, laß es aufhören, war der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf schoß.
Dann, so plötzlich wie es begonnen hatte, hörte es auch wieder auf. Der unerträgliche Schmerz war verschwunden. Tatsächlich war selbst das Hämmern, das vorher immer dagewesen war, verschwunden.
Herr Frodo? rief Sam und sah ängstlich auf das blasse, schweißnasse Gesicht seines Herrn. Nur einen Augenblick zuvor hatte er sich wild herumgewälzt, offensichtlich aufgrund des Schmerzes. Aber dann lag er plötzlich reglos in seinen Armen, wieder einmal ganz still. Herr Frodo? wiederholte Sam, diesmal lauter und voller Angst. Herr Frodo? Geht es dir gut? Was ist geschehen?
Langsam öffnete Frodo die Augen und sah verschwommen hoch zu Sam. Trotz der Tatsache, daß der zuvor dauerhaft quälende Schmerz nun verschwunden war, war sein Atem schwächer als je zuvor und er kämpfte darum, genug Luft zu bekommen. Eine graue Dunkelheit war vor seinen Augen. Er konnte gerade Sams Gestalt ausmachen, die sich über ihn beugte.
Das war es. Das mußte es sein. Selbst der Schmerz verließ ihn nun.
Sam, bemühte er sich, zu sagen, doch es kam in einem so leisen Flüstern, daß er bezweifelte, Sam hätte es überhaupt gehört und er glaubte nicht, lauter sprechen zu können. Wie durch ein Wunder hatte Sam es aber doch gehört und kam näher heran. Herr Frodo?
Sam. D-danke. Sam richtete sich überrascht auf.
Wofür, Herr Frodo?
Es dauerte einige Augenblicke, bevor Frodo wieder genug Luft hatte, um zu sprechen. Für alles, Sam, er machte eine Pause und holte Luft, dafür, daß du jetzt hier mit mir bist.
Tränen strömten über Sams Gesicht deswegen und er sah, daß Frodos Gesicht gleichermaßen tränennaß war, obwohl er sie schon zu unterdrücken versuchte, weil ihm das Sprechen so schwer fiel.
Oh nein, Herr Frodo, sag jetzt sowas nicht, flüsterte nun auch Sam leise. Sein Herr verabschiedete sich und er hielt es kaum aus. Alles wird wieder gut, du wirst sehen. Er schluchzte trotz aller Versuche, selbst sicher zu klingen.
Frodos Augen waren feucht von Tränen und sein Blick ruhte auf Sam, trotz der Mühe, die er hatte, um den Blick aufrechtzuerhalten. Er würde nicht wegsehen, nicht jetzt. Frodo drückte schwach Sams Hand und sein Atem wurde immer schwächer, Zug um Zug. Er tat sein Möglichstes, um zu lächeln, auch wenn seine Mundwinkel sich kaum hoben. Danke, flüsterte er wieder, kaum hörbar, aber Sam hörte ihn dennoch. Ich liebe dich, Sam.
Frodos Atem verlangsamte sich weiter und plötzliche Panik ergriff Sam. Nein, nein, nein. Das konnte nicht sein. Nicht Frodo. Nicht sein lieber Herr. Nein.
Herr Frodo? schrie er. Herr Frodo, was ist los?
Frodos Augen schlossen sich langsam. Nichts ist los, Sam, flüsterte er, du hast dir immer zu viele Sorgen gemacht.
Noch immer war ein schwaches Lächeln auf seinen Lippen. Es geht mir gut, Sam, es tut nicht einmal mehr weh.
Seine Stimme versagte schließlich.
Er wußte nicht, wie er es geschafft hatte, aber er lächelte. Frodo spürte nun überhaupt keinen Schmerz mehr, aber der graue Schleier vor seinen Augen wurde dicker mit jedem Moment. Er versuchte alles, um für Sam tapfer zu bleiben, aber es spürte die Tränen auf seinen Wangen. Er hatte kaum noch Luft in den Lungen und er hatte keine Kraft mehr, um zu sprechen. Er schloß einfach nur seine nun nutzlosen Augen und umschloß Sams Hand mit aller verbliebenen Kraft.
Herr Frodo?! schrie Sam. In dem Moment, als Frodo gesagt hatte es tut nicht einmal mehr weh, wußte er es. Er wußte, daß es zu spät war und er konnte nichts tun, um es zu verhindern. Doch der Gedanke ängstigte ihn noch immer.
Herr Frodo! Bitte sieh mich an, schluchzte er verzweifelt. Dann spürte er den leichten Druck an seiner Hand. Frodo war noch immer bei ihm, er hielt noch immer seine Hand. Sam drückte seine Hand, schluchzte und sah hinab auf den blutigen Körper seines Herrn, sah auf seine Brust, die sich alle paar Sekunden hob und senkte.
Dann, ganz langsam, hörte die Bewegung der winzigen Atemzüge, die Frodo noch nehmen konnte, auf und er log dort bewegungslos und totenbleich in Sams Armen.
Sam schnappte panisch nach Luft und legte dann seine Hand auf Frodos Brust, um nach dem Herzschlag zu fühlen. Die Augenblicke vergingen langsam und da war nichts als Stille. Kein noch so geringer Schlag war zu spüren.
Frodo lag völlig reglos in Sams Armen. Kein Zeichen des Atems. Kein Herzschlag. Und langsam begriff Sam, daß die kleine Hand, die er in seiner eigenen hielt, tödlich kalt und unbeweglich in seinem Griff lag. Kein geringster Druck war mehr zu spüren.
Sams lauter Aufschrei der Verzweiflung hallte wider an den Wänden.
Neuntes Kapitel
Frodo hatte keine Kraft mehr, um noch zu sprechen. Nicht mal mehr genug, um Lebewohl zu sagen. Eine schreckliche Traurigkeit hatte sich seiner bemächtigt. Er hielt sich an Sams Hand fest, die so warm und tröstend war, und konzentrierte sich aufs Atmen. Er schloß die Augen, wohlwissend, daß er nicht die Kraft haben würde, sie noch einmal zu öffnen.
Langsam spürte er, als würde er weggleiten und der Schmerz, der allgegenwärtig gewesen war, war völlig verschwunden. Er spürte nichts mehr. Zuerst hatte er Angst, er wollte Sam nicht verlassen. Nicht hier, nicht in diesem schrecklichen Turm.
Dann wurde er sehr müde und er ergab sich in diese Müdigkeit. Es war wundervoll, keine Schmerzen mehr zu spüren. Die Schwere, die aufgrund des Ringes auf seinem Herzen lastete, war weg und er fühlte sich plötzlich ganz. So ganz, wie er sich nicht mehr gefühlt hatte, seit das alles begonnen hatte. Er spürte, wie seine Mundwinkel sich bewegten - lächelte er tatsächlich?
Dann tauchte noch einmal eine Vision seines geliebten Sam vor seinem inneren Auge auf. Sam, lächelnd und glücklich, stand im Sonnenschein und sah so aus, als wäre er gerade von einem guten Tag der Arbeit im Garten zurückgekehrt. Das war der Sam, den er so gut kannte.
Und mit diesem Gedanken fühlte Frodo endlich Zufriedenheit, Frieden und Glück. Dann spürte er nichts mehr.
Der Schrei der Qual, den Samweis Gamdschie in diesem schlimmsten Moment der Verzweiflung ausstieß, hallte in den Gängen des Turmes von oben bis unten wider und hämmerte gegen die kalten Steinwände. Jeder, der ihn hörte, spürte die Trauer in seinem eigenen Herzen, so gewaltig war der Schrei - alle, außer Orks.
Zwei Orkwachen betraten den Turm, gerade nach Beendigung des Dienstes. Sie fielen ein, kümmerten sich nich darum, ruhig zu sein und brummten sich laut an. Für einige Zeit waren sie sich überhaupt nicht dessen bewußt, daß alles im Turm schiefgelaufen war, und sie führten ihre laute Diskussion fort.
Einer beklagte sich lautstark: Ich kann das nicht glauben. Alle rennen rum. Alles ist total außer Kontrolle hier! Hast du gehört, warum alle hier so aufgekratzt rumliefen?
Hast dus noch nicht gehört? antwortete der größere der beiden.
Du hast nicht den Hauch einer Ahnung. Eine große Gruppe Kerle lief an meinem Posten vorbei, nicht lange nachdem ich meinen Dienst angetreten hatte, und sie schienen wegen irgendwas ziemlich kaputt zu sein. Ich wollte wissen, was los war, und einer brüllte was von "letzte Nacht an der finsteren Herrin vorbeigekommen.
Der erste sah erstaunt aus. Keiner kommt an Kankra vorbei!
Naja, das dachten wir bisher, zischte der andere. Scheinbar ist das nicht so unmöglich, zumindest nicht für Elben.
Elben? Wie kommt ein stinkender Elb hier rein? Die Wachen -
Sie haben sich an den Wachen vorbeigeschlichen, in Ordnung soweit, und das hat noch keiner geschafft. Zumindest keiner, der hier nicht erwünscht war. Es mußte ein Elb sein, sie sind die einzigen, die durch Zauber an den Wachen und Kankra vorbeikommen. Ich hab gehört, sie ist sogar verwundet. Hab das Blut am Boden mit meinen eigenen Augen gesehen.
Die schon ungläubigen Augen des anderen wurden immer größer. Klar, fuhr der zweite fort, und Dutzende Trupen sind losgeschickt worden, um diesen Elbenkrieger zu suchen. Er kann nicht weit sein. Sie sagten auch, daß sie einen Spion oder irgendwas in der Nähe des Ortes entdeckt haben, wo der Kampf zwischen Kankra und ihrem Gegner stattgefunden hat. Irgendeine kleine Ratte, meinten die. Natürlich ist der in den Turm gebracht wurden, aber er muß mit dem Elben unterwegs gewesen sein, und der Elb ist gezwungen, zurückzukommen. Sieht nicht nach Elben aus, einen Kumpanen zurückzulassen.
In diesem Moment hörte der große Ork auf, zu sprechen, als er den überraschten Ausdruck im Gesicht des anderen sah.
Was glotzt du so? fragte er, dann sah er sich in dem Gang um, in dem die beiden standen und starrte. Über die ganze Länge der Halle waren Orkkörper verteilt und überall war schwarzes Blut. Der Ort stank nach Tod.
Was ist hier passiert? bellte er, zog sein Schwert und sah sich skeptisch um, als ob er fürchtete, daß irgendein unerwarteter Feind auf sie zuspringen könnte. Sag nicht, sie waren hier und hatten wieder Streß - die beste Zeit, sich selbst auszuschalten!
Der kleinere von beiden, der sich auch vorsichtig umsah, sagte: Was, wenn der dreckige Elb schon hier it? Ich wette, er ist er, der all die Typen getötet hat - das kann nur ein Elb machen. Er ist wahrscheinlich gerade wiedergekommen, um nach seinem Freund zu suchen. Erinnerst du dich nicht an das Geräusch, daß wir auf unserem Weg hierher gehört haben?
Ja, wie ein Schrei oder sowas. Aber es gibt einen Haufen Gefangene, die hier im Turm gefoltert werden. Es war wahrscheinlich nur- Er klang zweifelnd.
Irgendwas seltsames war hier los und ich wette, das hat alles mit dem Elbenkrieger zu tun, über den alle quatschen.
Der größere Ork dachte für einen Moment darüber nach, was nach harter Arbeit aussah. Schließlich sagte er: Du könntest ausnahmsweise Recht haben. Aber er ist hier jeden losgeworden in dem Turm, so siehts aus. Wenn irgendwer noch hier wäre, hätten sie nach Verstärkung gerufen.
Naja, sollten wir nicht gehen und einen Untersuchungstrupp holen?
Nein, zuviel Zeitverschwendung. Wir müssen diesen stinkenden Elbenkrieger finden, wo auch immer der steckt, und ihn aufhalten, bevor er sich mit dem Gefangenen aus dem Staub macht! Ich hab gehört, die kleine Ratte ist dem Herrn sehr wichtig. Scheinbar hat er einen seiner Männer hergeschickt, um ihn zu verhören. Mann, der muß auch tot sein. Aber es gibt keinen Ork, der Drenymer killen könnte, ich hab gehört, daß er es ist, den sie geschickt haben.
Sie standen still für einige Zeit, starrten auf die Körper und lauschten auf alle Geräusche. Aber da waren keine.
Schließlich brach der Größere die Stille. Ich hab gehört, daß der Gefangene ganz oben ist. Wenn der Elb noch hier ist, dann wette ich, ist er da oben. Und damit trotteten sie beide den gang hinunter, lauschten und schauten sich aufmerksam um, um alles zu bemerken. Aber es war still.
Sam saß noch immer so da, klammerte sich an dem Bündel von blutgetränkten Decken fest. Er war voller Blut, seinem und dem seines Herrn. Sein eigener verwundeter Arm war nicht mehr wichtig. Er war blind allen Schmerzen gegenüber, die er hatte. Nichts spielte mehr eine Rolle-
Sams Welt war über ihm zusammengebrochen, als Frodo aufgehört hatte zu atmen. Es gab keine Vergangenheit oder Zukunft mehr für ihn - nur die schreckliche Gegenwart. Frodo war am Ende dorthin gegangen, wohin Sam ihm nicht folgen konnte. Er war allein. Ganz allein.
Nach seiner plötzlichen Reaktion bemerkte Sam, daß er eigentlich gar keine Gefühle mehr hatte. Er saß regungslos und sah auf das schöne Gesicht seines Herrn, das er nicht scharf fixieren konnte, und war verstört von seinem unaufhörlichen Tränenfluß. Er unternahm keinen Versuch, ihn zu stoppen.
Langsam, als ob seine Glieder vergessen hätten, wie sie sich bewegen konnten, setzte er sich auf und strich über die Stirn seines Herrn. Kalt - so kalt. Er umarmte den kleinen reglosen Körper ganz fest und vergrub sein tränenüberströmtes Gesicht in den dunklen Locken, und hoffte vergeblich, ein schwaches Atmen oder einen leisen Herzschlag zu vernehmen. Wenn nur Frodo ihn mit dem freundlichen Lächeln ansehen würde, das Sam so gut kannte, aber so lange nicht gesehen hatte. Wenn er nur Sams Hand nehmen und sagen würde, daß alles in Ordnung war. Sam schloß seine Augen ganz fest und wünschte so sehr, daß dieser schreckliche Alptraum aufhören würde -
Ohne es zu merken, war Sam auf den Boden gerutscht und eingeschlafen vor Erschöpfung und Trauer. Er erwachte kurze Zeit später und lag noch immer neben Frodo. Aus Gewohnheit streckte er die Hand aus, um seinen Herrn zu wecken und flüsterte leise seinen Namen. Dann sah er das Blut. So viel dunkles Blut überall. Und die Körper des Mannes und der Orks lagen in dem kleinen Raum im Turm. Er war wieder aufgewacht in den Alptraum, der seine Wirklichkeit war.
Er preßte die Hand, die noch immer seine eigene umklammerte. Eisig kalt. Er saß für einen Moment verzweifelt da, wie schon zuvor. Er war leer, keine Gefühle, ob gut oder schlecht. Wie hatte er das zulassen können? Die Trauer lag so schwer auf ihm, daß er die Augen schloß und nur den schrecklichen Schmerz im Herzen fühlte.
Es tut mir leid, Gandalf, flüsterte er, fast tonlos, in die Dunkelheit.
Ich habe dich enttäuscht. Ich habe ihn verloren.
Langsam öffnete Sam seine Augen wieder, bereit, seine Umgebung zu sehen, sich der Realtität zu stellen. Was sollte er nun tun? Er war allein in der Spitze eines Orkturms in Mordor.
Langsam wanderte Sams Blick, ohne daß er es wollte, zu seinem Herrn, der in seinen Armen lag und kam zum Stillstand auf dem strahlend glitzernden Gold um seinen Hals. Der Ring. Das verfluchte Objekt, das all das Böse gebracht hatte. Es hatte Frodo schwer verwundet, ihm für immer Narben zugefügt - und nun hatte es ihm seinen Herrn genommen.
Er starrte hinab auf den Ring, der unschuldig zurück auf ihn hochzuschauen schien und das wenige trübe Licht reflektierte, das durch das winzige hohe Fenster zu kriechen begann. Das finstere Glühen Mordors.
Dann bewegten Sams Augen sich nach oben zum Gesicht seines Freundes. Und er sah für einen Moment ungläubig dorthin. War das ein Lächeln, was er sah? Eine winzige nach oben gerichtete Bewegung der Lippen? Ja, das war es. Frodos Gesicht, obwohl bleich und verschrammt, gezeichnet von Falten der Sorge, des Schmerzes und der Trauer, in diesem Moment sah es friedlich und zufrieden aus.
Er sah so aus, als würde er schlafen und friedliche Träume haben, sicher und getröstet. Sams Augen glänzten von Tränen als er, obwohl er gar nicht wollte, auch lächelte. Es fühlte sich seltsam an, in einem Augenblick zu lächeln, in dem alles Zufriedenstellende nur allzu weit entfernt war. Aber in diesem Moment hallte ein Geräusch in seinem Kopf wider. Frodos Lachen. Frodo, der auf den Treppen von Cirith Ungol lachte, als sie miteinander sprachen. Es hatte auch da schon seltsam angemutet, seinen Herrn gegen die stinkende Dunkelheit lachen zu hören. Aber das Geräusch war wundervoll. Er konnte es jetzt fast hören.
Die bisher unvergossenen Tränen in seinen Augen flossen schließlich ungehindert, strömten über sein Gesicht. Aber noch immer lächelte er. Lächelte hinunter zu seinem Herrn. Er strich eine Strähne von Frodos Locken aus seinem Gesicht. Es war so - es gab kein anderes Wort dafür - glücklich.
Und dann verstand Sam. Frodo war frei. Endlich frei vom Ring und all den weltlichen Sorgen. Frei von der Verantwortung, die er gespürt hatte und dem Druck seiner Pflicht. Frei von der Aufgabe. Für immer. Und nun war er da, wo Frieden war. In seinem Gesicht war kein Schatten mehr, der die Gesichtszüge verdunkelte. Er war nur Frodo. Der liebe Herr, den er so geliebt hatte - sein bester Freund.
Und Sams Lächeln wurde sogar breiter. Frodo war endlich glücklich.
Sanft nahm Sam den Ring an seiner Kette vom Hals seines Herrn und bettete seinen Kopf wieder nach unten. Der Ring würde ihn nicht länger belasten und beeinflussen.
Jetzt hielt Sam ihn in Blickhöhe, er drehte sich langsam an der Kette und reflektierte noch immer das trübe Licht vom Fenster. Und er wußte, was er zu tun hatte. So wie zuvor - er konnte die Aufgabe nicht einfach beiseite legen, so sehr er auch wollte, und hier bleiben mit seinem Herrn. Er mußte zuende bringen, was Frodo begonnen hatte. Er würde den Ring zerstören, so wie er seinen Freund zerstört hatte. Er würde ihn für immer loswerden. Für Frodo.
Die beiden Orks kamen weiter die Gänge hoch und durch die Treppenhäuser, mit wachsamen Augen und gespitzten Ohren, die nach allem Ausschau hielten. Ein Elb würde flink und leise sein. Aber sie würden sich davon nicht täuschen lassen. Trotz der Tatsache, daß der wahrscheinliche Elbenkrieger fast eine ganze Truppe Orks getötet hatte, gingen sie weiter, entschlossen, ihn zu finden und ihn in einem Überraschungsmoment zu schnappen, bevor er sich mit dem wertvollen Gefangenen aus dem Staub machen konnte. Sie würden dafür sicherlich belohnt werden-
Einige Zeit später waren sich noch immer auf dem Weg und bewegten sich zur Spitze des Turmes, wenn auch langsam, aber so machten ihre schweren Stiefel keinen großen Lärm.
Was gesehen? fragte der eine, der eine Fackel hochhielt und versuchte, die Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises zu durchdringen.
Nix, brummte der andere. Aber er muß hier irgendwo stecken!
Schließlich gelangten sie zum Ende der letzten Treppenflucht. Sie landeten unter der Turmkammer. Schnell sahen sie sich um und warfen den Lichtstrahl der Fackel in jede Ecke.
Dann stieß der kleinere Ork den anderen mit dem Ellbogen in die Seite und zeigte auf die entferntere Wand.
Oh, knurrte der größere, was zum-?
Halt die Klappe! flüsterte der andere, der immer noch auf die entferntere Wand zeigte. Überraschend holte der andere auf und folgte dem Blick seines Partners. Dort stand eine Leiter an der Wand - eine Leiter, die geradewegs zu der Falltür in der Decke führte, die in diesem Augenblick geschlossen war.
Siehste das? flüsterte der kleinere. Das ist, wo er hoch ist, genau da. Ich hoffe, er ist immer noch da.
Langsam und leise, so wie Orks gehen können, bewegten sich die beiden quer durch den Raum nach vorn und begannen, hinaufzuklettern. Jetzt hatten sie diesen Elben-
Sam hatte sich den Ring um den Hals gehängt, wieder einmal überrascht von dem ungeheuren Gewicht von etwas so kleinem. Er hatte herausgefunden, was es war, das er nun tun mußte, aber das bedeutete nicht, daß er es eilig hatte, es zu tun. Er wollte seinen Herrn nicht verlassen. Nicht wieder - nach dem, was das letzte Mal passiert ist. Aber was konnte er tun?
In Sams Kopf hämmerte es. Er wollte nicht mehr denken. Er wollte einfach wegschweben in den Schlaf mit Frodo neben sich und alles vergessen. Aber er wußte, das durfte er nicht. Jede Sekunde, die er verschwendete, war der Verlust wertvoller Zeit. Er würde nicht ewig in diesem Turm alleine sein. Mehr Orks würden kommen, da war er sich sicher. Und dann würde er keine Chance haben, zu fliehen.
Er zog Frodo wieder fest an sich. Was mache ich jetzt, Herr Frodo? fragte er laut.
He, hast du was gehört? Der kleinere der beiden Orks hatte begonnen, die Leiter hinaufzusteigen und der andere wartete darauf, zu folgen, beide mit den Schwertern griffbereit.
Was gehört?
Klang wie ne Stimme. Eine leise Stimme, trotz allem. Sie klang ängstlich. Ich denke nicht, daß ein Elb so klingen würde.
Es ist wahrscheinlich die kleine Ratte, die da oben hockt. Aber er redet mit einem, der Elb muß mit ihm da oben sein. Los jetzt, Bewegung!
Sam hatte nicht erwartet, eine Antwort auf seine Frage zu bekommen, auch nur eine Stimme zu hören. Aber da war eine. Eine Art geflüstertes Grummeln kam von unterhalb der Falltür. Sofort schlossen sich seine Arme enger um seinen Herrn und seine Blickte wanderten zu Stich, das auf halbem Wege durch den Raum neben dem Körper des toten Mannes lag. Er dachte auch an seinen verletzten Arm, der dumpf hämmerte und noch immer ein bißchen blutete. Es war ein tiefer Schnitt gewesen.
Sein Herz pochte in seiner Brust, Sam hatte kaum Zeit, zu handeln, bevor die Falltür aufflog und der große häßliche Kopf ihn durch die Tür anstarrte.
Zehntes Kapitel
Der kleinere Ork warf die Tür mit einer solchen Kraft zurück, daß sie auf den Scharnieren noch einmal zurücksprang. Er schaute für einen Moment in schockiertem Unglauben auf das, was sich ihm offenbarte. Tote Körper von einem Mann und Orks waren in der Kammer verstreut. Er sammelte sich genug, um seine Stimme wiederzuerlangen.
Hey! Sie - sie sind alle tot hier oben - alle! Er hatte sich immer noch nicht von seinem Platz auf der obersten Sprosse der Leiter wegbewegt, sein Kopf spähte durch die Türöffnung.
Der größere Ork blieb hinter ihm auf dem Boden. Was ist mit dem Gefangenen? rief er. Siehst du ihn?
Der kleine Ork hatte den Gefangenen nicht gesehen, als sie ihn in den Turm gebracht hatten, aber er wußte, daß er sehr klein war und, aus irgendeinen seltsamen Grund, hatte er ein Gerücht über haarige Füße gehört. Er hatte es nicht geglaubt in diesem Moment, aber er versuchte, sich an all das zu erinnern, daß er über die mysteriöse Kreatur gehört hatte, die sie gefunden hatten, als sein Blick durch den Raum glitt und nach etwas anderem als Orkkörpern suchte.
Dann sah er ihn. Weitab nahe der letzten Ecke lag eine viel kleinere Gestalt als ein Ork mit einem Kopf voller dunkler Locken, gerade sichtbar von wo der Ork stand und - unglaublich, aber wahr - mit haarigen Füßen. Aber der kleine Körper lag reglos, gewickelt in eine blutgetränkte Decke. Es war kein Orkblut.
Und? kam das ungeduldige Brummen von unten. Ist er tot?
Ich - keine Ahnung. Weiß nicht. Sieht aber ziemlich blutig aus.
Der größere Ork brummte frustriert und stieß den anderen kraftvoll durch die Öffnung und in den Raum, bevor er selbst hastig die Leiter erkletterte.
Er brauchte auch einen Moment, in dem er nur geschockt starrte. Endlich brach er die Stille. Stell dir vor, den Mann besiegt - der Elb muß hier irgendwo sein. Ich kann es kaum erwarten, bis ich ihn finde und seinen dreckigen Kopf abschlage - wo ist die kleine Ratte, die sie hier festgehalten haben?
Der andere Ork deutete in die Ecke, in der Frodo lag und beide machten sie sich zum ihm auf den Weg hinüber. Er ist erstochen worden, kommentierte der große Ork.
Verdammt, der Mann hat seine Aufgabe verdammt ernst genommen, was? sagte der andere. Sieh, was sie mit dem kleinen Würmchen gemacht haben. Sieht aus, als hätten sie vorher eine Nummer mit ihm abgezogen. Vielleicht will der Herr ihn nach allem überhaupt nicht.
Es gab eine Pause, in der die Orks überlegten, was zu tun sei. Sie hatten niemals etwas wie das erwartet.
Ist er tot? Der kleinere Ork trat vor, um einen näheren Blick auf den Hobbit zu werfen.
Seltsames kleines Ding, was?
Ja, antwortete der Größere, der Knabe ist mehr als tot, trotz allem. Er nützt uns nix mehr.
Muß wohl nicht kooperiert haben, brummte der kleinere der beiden. Drenymer was wirklich hart, wenns drauf ankam.
Nun, wenn wir erstmal den Elbenburschen haben, sollte der Herrscher zufrieden mit uns sein...
Aber was ist mit dem da? Er deutete wieder auf Frodo und der große Ork sah hinab. Klang wirklich wichtig, daß wir ihn am Leben halten.
Na, das hat ja jetzt nicht geklappt, oder? Guck ihn dir an- Der große Ork hob den Fuß, um Frodos kleinem Körper einen harten Tritt in die Seite zu geben. In diesem Moment kam eine kleine, aber wütende Gestalt aus einer dunklen Ecke ganz hinten gestürmt und riß ein kurzes Schwert hoch.
Sam verbrachte einen Augenblick voller Panik und Angst und überlegte, was er tun sollte. Frodo lag noch immer in seinen Armen, den seltsamen Ausdruck von Frieden auf seinem Gesicht, das noch immer gezeichnet war von Sorgen und Schmerzen. Das letzte, was Sam verlassen wollte, war er. Er konnte nicht - er würde seinen Herrn nicht verlassen.
Aber er wußte, daß er es mußte.
Der Ring wog schwer an seinem Hals wie ein ständiger Denkzettel - die unmögliche Aufgabe lag noch immer vor ihm. Und er war allein. So schrecklich, wie es sich anfühlte, Sam wußte, wollte er den Ring schützen und damit weitermachen, was er beschlossen hatte, mußte er auch sich selbst schützen. Er durfte nicht gesehen werden.
Schnell wie ein Blitz flog er fast die wenigen Schritte zwischen sich und Stich. Er schnappte das Schwert und versteckte sich in der dunklen Ecke, die am weitesten weg war vom Eingang im Boden, auf einmal dankbar für die dämmrige Düsternis des Tageslichts in Mordor. Flink versteckte er das Schwert, das hellblau erstrahlte als Warnung, unter seinem Mantel und beobachtete, wie die Falltür offen schwang und er schreckliche Kopf eines Orks über die Kante spähte und umherblinzelte.
Wut kochte in Sams Venen, als er eines dieser Monster sah. Er spürte, daß da genug Wut und Trauer in diesem Moment in ihm waren, um 20 Orks zu töten. Aber nein - so sehr er es auch haßte, er mußte sich verstecken und abwarten, während Frodo dort ganz offensichtlich lag. Er biß die Zähne zusammen, als er zusah.
Der Ork sah sich einige Augenblicke lang dümmlich um und sah auf das, was sich da vor ihm offenbarte. Sam brauchte einen Moment, um sich über die Dummheit dieser Kreaturen zu wundern. Seine Gedanken waren schnell unterbrochen und er sah den kleineren Ork hinüber zeigen, dorthin, wo Frodos Körper noch immer lag und Sam folgte dem Blick des anderen, bis er zur Ruhe kam auf der kleinen Gestalt des Hobbits.
Beide Orks huschten schnell hinüber zu Frodo und fuhren fort, sich anzubrummen, kaum hörbar. Sam konnte nur die Worte ausmachen mehr als tot - nützt uns nichts - und er sah, wie der größere Ork einen großen gestiefelten Fuß hob und Frodo einen unsanften Tritt gab, um ihn umzudrehen.
Sams Wut kochte über - er konnte es nicht ertragen, untätig herumzusitzen und zuzusehen, wie sein Herr so behandelt wurde, ob lebendig oder tot. Ohne überhaupt kurz nachzudenken über die Konsequenzen, stürmte Sam aus seinem Versteck, die Klinge von Stich vor sich und mit einem leisen, halb erstickten Wutschrei rannte er auf die beiden zu.
Sie hatten keine Zeit, zu reagieren. Bevor einer der beiden auch nur wußte, wie ihm geschah, grub sich Stichs kurze Klinge im Rücken des großen Orks. Seine Augen weit offen vor Schock für einen Moment, bevor die Klinge ihr Ziel fand und in sein Herz stach. Ein Blutfluß tropfte aus seinem Mund, bevor er kopfüber zu Boden fiel, wo er stand.
Ohne die Größe des großen Orks zwischen ihnen, starrte der kleine, aber mächtige Angreifer, der ein kurzes Schwert mit blauer Klinge hielt, die blutverschmiert war, mit großen Augen auf das, was er getan hatte. Der kleinere Ork hatte sich noch nicht bewegt, seine Füße schienen verwurzelt mit dem Boden, wo er stand.
Sam verschwendete keine Zeit. Bevor der übrige Ork wußte, was geschehen war, war Sam auch schon auf der anderen Seite des Raumes und nahe der Falltür. Er warf einen letzten Blick zurück auf seinen Herrn, bevor er sich hastig umdrehte. Er wollte sich nicht so an Frodo erinnern - wie er da so verwundet, bleich und blutig lag. Auf Wiedersehen, lieber Herr. Ich werde niemals die Taten vergessen, die du vollbracht hast, dachte er bei sich selbst.
Selbst als er sich umdrehte, um die Leiter hinunterzujagen und im Gang zu verschwinden, aus dem er gekommen war, konnte Sam das zufriedene Lächeln auf Frodos Gesicht sehen. Er wußte, daß dieses Bild für immer in ihm erhalten bleiben würde. Und so rannte er weiter, blind vor Tränen, den Ring verfluchend, als er lief.
Schon konnte Sam sein enormes Gewicht um seinen Hals spüren, wenn es doch nur nicht wegen diesem üblen Ding wäre, dann hätte er für immer bei seinem Herrn bleiben können, ihn bald dorthin begleitend, wohin er gegangen war. Aber nein - er mußte noch etwas erledigen. Er fühlte sich schrecklich, wie er rannte, um sich zu retten, während sein Herr tot an diesem schrecklichen Ort lag. Aber er mußte sich daran erinnern, er rannte nicht, um sein eigenes Leben zu retten, sondern die Zukunft von Mittelerde lag nun in seinen Händen.
Das sandte ein Zittern über seinen Rücken, aber er wußte, er konnte die Aufgabe nicht einfach wegschieben. Es würde so sein, als würde er um Tod und Leid für das handeln, worum er sich gekümmert hatte, obwohl der, um den er sich am meisten gekümmert hatte, schon von ihm genommen war. Sobald die Aufgabe erledigt war, sobald sie vollbracht war, dann könnte er sich hinlegen und zu seinem Herrn zurückkehren und seine Seite niemals mehr verlassen - mit diesem Gedanken spornte er seine müden Beine an, er stolperte weiter nach unten.
Sam sah sich um an dem Ort, an dem er sich jetzt befand. Mehrere andere Gänge führten hinaus, aber er lief zu dem, der direkt vor ihm lag. Er sah so aus wie der, von wo er gekommen war -
Einen Moment später wäre Sam fast auf etwas getreten, das in seinem Weg lag und er hielt an, um zu sehen, was es war. Die Geräusche des Orks, der ihn jagte, waren nun weiter weg. Er schien einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Sam sah, daß er über einen weiteren toten Ork gestolpert war. Er zog eine Grimasse, aber trat trotzdem näher. So schnell er konnte mit seinen zitternden Händen, nahm er das Kettenhemd, einen Mantel und ein kleines Messer von dem Toten und nahm sie an sich. Hoffentlich würde ihm das helfen, sich in die Umgebung Mordors einzufügen. Er schauderte bei dem Gedanken und eilte weiter.
Da waren keine Geräusche mehr. Vielleicht hatte der Ork völlig seine Spur verloren. Sam hielt die Augen trotzdem offen, sein Herz hämmerte so laut in seiner Brust, daß er fürchtete, sein Feind müsse es mit Sicherheit hören. Sam hielt an. Es war zu ruhig-
Er hörte das leichte Kratzen hinter sich eine Sekunde zu spät. Der Ork stürmte um die Ecke mit dem Schwert hoch erhoben und ließ es auf den aufgeschreckten Hobbit niedersausen.
Sam wehrte den Schlag ab, die Klinge verfehlte nur knapp sein Gesicht, und fuhr fort, schneller zu laufen, als er es je für möglich gehalten hätte und dankte für seine Hobbitreflexe. Er hörte den Ork stolpern und in Wut brummen, als er sich umdrehte und Sam in beängstigender Geschwindigkeit folgte. Bald war der Ork wieder genau hinter ihm. Sam schlitterte um die letzte Ecke und sah sich einem leeren Gang gegenüber. Keine Biegungen oder Türen führten aus ihm heraus. Er konnte sich nirgends verstecken.
Er konnte sich nirgendwohin wenden und Sam saß in der Falle. Dann fiel es ihm ein - es war das Einzige, was er tun konnte, obwohl es das letzte war, was er tun sollte. Er holte tief Luft und ließ den Ring auf seinen Finger gleiten. Die Welt schien sich zu verändern, obwohl er noch immer sehen konnte.
Sam drückte sich gegen die Wand und sah, wie der Ork vorbeirannte und ihn noch nicht einmal ansah. Er hielt die Luft an, bis er die Schritte des Orks nicht länger hören konnte, dann lief er ihm hinterher.
Er hatte Recht gehabt, das war der Ausweg. Er konnte den Eingang sehen und eilte hindurch. Er war draußen. Und da waren die schrecklichen Wächter des Tores. Obwohl sie ihn nicht sehen konnten, wußten sie um seine Gegenwart. Er konnte ihre Bedrohung wachsen spüren und gab fast nach, er war so müde. Aber dann kehrten seine Gedanken zu Frodo zurück und der Gedanke drängte ihn weiter. Er konnte jetzt nicht aufgeben. Er war dem Turm entflohen. Wie zuvor erhob Sam die Phiole Galadriels, die er noch immer trug, hoch über seinen Kopf und ohne es überhaupt zu begreifen, rief er Worte, deren Bedeutung er noch nicht einmal kannte. Sie lagen ihm einfach auf der Zunge.
Gilthoniel, A Elbereth! Aiya elenion ancalima! Und damit eilte er an ihnen vorbei.
Als er einmal an den Wächtern vorbei war, lief und lief er scheinbar ewig, vergaß fast, daß er noch immer den Ring anhatte. Als er lief, hörte Sam einen lauten kreischenden Ausruf, wie er sich in die Nacht erhob. Einige Momente später wurde er beantwortet. Er lief schneller, fühlte mehr denn je die glühenden Fenster des Turms in seinem Rücken.
Plötzlich hatte er ein großes Auge vor seinem Blick. Sam wußte, daß Er es war, er hörte, wie ihn eine dunkle Stimme rief. Angst bedeckte sein Herz wie Eis und in Panik zog er den Ring ab und lief weiter, getrieben von seiner Angst.
Nach etwas, das sich wie stundenlanges Laufen anfühlte, brach Sam schließlich hinter einem großen Felsblock, jetzt weit entfernt vom Turm, und weinte, bis all seine Tränen vergossen waren und sein Herz erschüttert. Endlich fiel er in einen erschöpften Schlaf.
Elftes Kapitel
Langsam kehrte das Bewußtsein zu Sam zurück. Sein Verstand begann zögerlich zu arbeiten, als er versuchte, der Verwirrung Herr zu werden., Er war müde - müder, als er sich erinnern konnte, jemals gewesen zu sein. Er konnte nicht einmal die Augen öffnen und alles tat weh. Jeder Muskel und jedes Gelenk schienen zu schreien.
So sehr es es versuchte, Sam konnte nicht ausmachen, wo er sich befand. Er lag auf etwas recht weichem und nahm durch die geschlossenen Augen schwaches Licht wahr.
Das Tageslicht von Mordor.
Sein Mut sank, als er wieder begriff, wo er sein mußte. Es war immer ein Kampf, als er sich dazu zwang, sich daran zu erinnern, wo er war, nach wenigen kurzen Stunden von Schlaf, die er zu nutzen wagte, gerade genug, um ihn wach zu halten und auf seinen Füßen auf dem nächsten Marsch durch die Dämmerung.
Er streckte schwach eine Hand aus und unter großen Schwierigkeiten und tastete nach dem Boden neben ihm, hoffend, seinen Herrn neben sich liegend zu finden.
Zu seinem Entsetzen merkte Sam, daß er nicht nur Frodo nicht neben sich fand, sondern auch den Boden nicht. Sein Arm schien über die Kante von irgendwas zu hängen, auf dem er lag, was scheinbar hoch über dem Boden stand.
Sam öffnete müde die Augen und im gleichen Moment fuhr er hoch und sah sich aufgeregt um. Das brachte sofort eine Welle des Schwindels mit sich und ein schrecklicher Schmerz schoß durch seinen Kopf. Leise schrie er auf und fiel zurück in die Kissen. Kissen. Er schnappte nach Luft und trotz des Schmerzes öffnete er seine Augen wieder und sah sich vorsichtiger um.
Er war in einem kleinen, aber gemütlichen Raum, der aussah, als gehöre er zu einer Art Haus der Heilung. Er war offensichtlich für Menschen, dachte er, als er die Größe des Bettes bemerkte, in dem er lag, und auch die anderen Möbel.
Sam starrte mit großen Augen auf seine Umgebung für eine Weile. Langsam hob er die Hand und kniff sich selbst, um sich zu überzeugen, daß es kein Traum war. Es tat weh. Das war real. Aber wie?
Sein Kopf war sofort voller Fragen. Er lag in dem großen Bett und fühlte sich so schrecklich klein und verängstigt. Warum wußte er nicht, wo er war? Nichts davon machte Sinn. Wo war er? Wo war Frodo? Frodo! Und dann erinnerte er sich - erinnerte sich an alles.
Er konnte sich an den großen schwarzen Turm erinnern, viele Orks, und Frodo. Diese Bilder schienen so klar wie Tageslicht für Sam, denn sie hatten sich unzählige Male vor ihm abgespielt, seit es geschehen war, und verfolgten ihn auch noch im Schlaf. Frodo lag in seinen Armen, bleich und voller Blut, schnappte nach Luft und Sam, konnte nichts tun. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so hilflos gefühlt. Sein Herr litt und er konnte nichts tun, um die Schmerzen zu lindern, außer da zu sein.
Er war so verängstigt gewesen, als Frodos Atemzüge weniger geworden waren und langsamer, von Mal zu Mal mehr angestrengt. Frodo hatte gesagt, daß er ihn liebte. Irgendwie hatte er die Kraft aufgebracht, diese wenigen Worte auszusprechen.
Aber Sam verdiente seine Liebe nicht. Nicht nach allem, was er getan hatte. Er hätte ihn nie verlassen dürfen - wenn er es nicht getan hätte, wäre nicht davon geschehen. Aber jetzt war Frodo fort.
Ein ersticktes Schluchzen brach aus ihm heraus und er vergrub sein Gesicht im Kissen und ließ die Tränen fließen. Es war seine Schuld. Alles seine Schuld. Er hatte gedacht, in ihm könnten gar keine Tränen mehr sein, aber das stellte sich nun als falsch heraus. Langsam kehrte auch der Rest seiner Erinnerung zurück.
Er hatte seinen Herrn verlassen. Er hatte sich umdrehen müssen und weglaufen. Er konnte sich noch immer daran erinnern, wie Frodo ausgesehen hatte, als er ein letztes Mal zu ihm zurückgeblickt hatte. Obwohl er voller Blut und wie zerschlagen war, war noch immer ein Lächeln auf seinen Lippen. Einen Schatten von Frodo, den er so gut gekannt hatte, konnte er noch sehen. Er erinnerte sich daran, wie er aus dem Turm lief und endlich entfhloh. Er war dazu verdammt gewesen, die Aufgabe zu erfüllen für Frodos Andenken. Nun kümmerte ihn nichts anderes mehr.
Viel von der Zeit danach war nur noch verschwommen für ihn. Er wußte nicht mehr und es kümmerte ihn nicht, ob es Tag oder Nacht war, er lief nur weiter. Sein Leben verwandelte sich in einen einzigen Alptraum - der lange schmerzvolle Marsch durch Mordor, er fühlte sich immer verfolgt, zwang seine müden Glieder weiter, selbst als er sich dem Zusammenbruch vor Schwäche und Trauer nahe fühlte. Das nie nachlassende Gewicht des Rings war immer um seinen Hald und das wachsende Gefühl von kaltem Übel in der Luft.
Und so war er vorangestolpert mit einer immer schrumpfenden Quelle für Nahrung und ohne jede Quelle für Wasser. Er verzweifelte und glaubte nicht, seine Aufgabe jemals zu erfüllen. Dann dachte er an Frodo und lief immer weiter. Er würde es schaffen und dann zu seinem Herrn gehen.
Er konnte sich daran erinnern, daß endlose Tage wie dieser vergangen waren und endlich hatte er den verfluchten Berg erreicht, für den er so weit gereist war, um ihn zu erreichen. Er zwang sich jedes Mal, aufzuwachen, wenn er einschlafen wollte und versuchtem das extreme Bedürfnis, dort zu bleiben und ewig zu schlafen, zu ignorieren. Dann sah er herab auf das böse Ding, das er trug, das ihn unschuldig anblitzte und er ging weiter. Er war nah, so nah daran, diese schreckliche Aufgabe zu vollenden, die Aufgabe, die vom Zerstören des Rings dazu geworden war, einen weiteren Tag am Leben zu bleiben.
Sam hatte sich seinen Weg über die letzten verbliebenen Meter erkämpft. Er war fast da, er konnte kaum dem Wunsch widerstehen, nun aufzugeben. Er hätte schon vor langem die Aufgabe zurücklassen können, um seinem Herrn wieder nah zu sein, aber da war eine treibende Kraft, die ihn immer weiter laufen ließ. Er konnte nicht aufhören, nicht bevor er sein Versprechen erfüllt hatte. Er hatte es versprochen, Frodo versprochen. Er konnte jetzt nicht aufgeben. Noch nicht. Und er riß sich zusammen und schnappte nach Luft und fuhr langsam fort mit seinem Aufstieg.
Dann war es geschehen, eine kleine, beängstigend dünne Kreatur sprang aus den Schatten heraus auf ihn zu und warf Sam zu Boden. Gollum.
Sam kämpfte mit wilder Wut. Wut für seinen verlorenen Herrn, den er wegen diesem schleichenden Verräter verloren hatte und Wut über die Möglichkeit, den Ring, der Grund für alles, weggenommen zu bekommen so nahe am Ende, Wut darüber, daß die elende knöcherne Kreatur lebte und Frodo fort war. Unkontrolliert schluchzend und es nicht bemerkend, kämpfte Sam mit Gollum. Er hielt Stich in der Hand, er hatte ihn in die Ecke gedrängt.
Gollum hörte sofort auf, zu kämpfen und kauerte sich wimmernd auf den Boden und bettelte, daß sein Leben verschont werden möge. Innerlich lachte Sam grimmig - er hatte weder die Kraft noch den Atem, es laut zu tun. Es gab nichts, das ihn davon abhalten würde, dieses ärmliche Wesen jetzt zu töten - doch nein. Urplötzlich schien der Gedanke an seinen Herrn aus dem Nichts zu ihm zurückzukehren.
Frodo würde das nicht wollen. Trotz allem, was Gollum getan hatte, würde er es nicht wollen. Es war seltsam - wie konnte Sam es wissen? Aber das Gefühl hielt an, ein regelrechter Zug von Gedanken. Frodo hätte nicht gewollt, daß Gollum getötet würde. Sam holte tief Luft und sah auf Gollum herab. So sehr Sam ihn auch loswerden wollte, er wußte, er konnte ihn nicht töten. Er hate weder Kraft noch Zeit zu verlieren. Nicht jetzt, er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Und wollte jemanden sehen. Er drehte sich um und rannte den Weg zum Berg hinauf, ohne zurückzuschauen.
Hinter ihm sah Gollum überrascht hoch, von wo er saß. Er hatte erwartet, den kalten Biß von Stahl bald zu spüren und den schwarzen Tod auf sich zurasen. Aber er lebte immer noch und der grausame Hobbit war geflohen. Ein teufliches Grinsen blitzte in Gollums Gesicht auf und er kroch leise hinter Sam her.
Er hatte es geschafft. Sam hatte es vollbracht - zu den Schicksalsklüften. Hier war er, das rasende und tobende Feuer brüllte unter ihm, der ganze Boden zitterte. Er hatte es geschafft, mußte es nun noch ein für alle Mal loswerden.
Er griff unter sein Hemd und zog den Ring hervor, der an seiner goldenen Kette glitzerte von den speienden Flammen. Er löste ihn und trat vor. Er konnte das heiße Feuer vor seinem Gesicht spüren, aber er ignorierte es. Nichts kümmerte ihn mehr, nur noch, den Ring loszuwerden - das Ding, das für so viel Traurigkeit und Leid verantwortlich war. Verantwortlich für so viele unschuldige Leben. Das Ding, das seinen lieben Herrn hatte leiden lassen, das sein Leben viel zu früh genommen hatte, wo er doch noch immer sicher im Auenland sein sollte, glücklich und frei. Er spürte nichts außer Haß dafür.
Sam trat näher, jetzt war er genau an der Kante. Er hielt den Ring hoch über seinen Kopf mit einem entschlossenen Ausdruck in seinem Hobbitgesicht. Genau in diesem Moment kroch ein schreckliches Gefühl in ihm hoch - ein Gefühl von Verlangen, von Gier. Etwas, das Samweis Gamdschie vorher nicht gekannt hatte. Es war der Ring, er wußte es, aber er konnte es nicht aufhalten. So sehr er auch seine Ohren verschließen wollte und ihn ignorieren wollte, er konnte es nicht. Es war in seinem Kopf. Eine Stimme.
Tu es nicht, sagte sie ihm. Tu es nicht, du weißt, daß du es nicht willst. Was willst du hiermit beweisen?
Nein, nein, flüsterte Sam laut. Nein. Es ist für Herrn Frodo. Ich muß es tun.
Narr, murmelte sie. Kannst du es nicht sehen? Ohne den Ring wird es keine Hoffnung für dich geben, dich oder jemanden, um den du dich sorgst. Er ist die eine Waffe, die du brauchst. Er kann dir in vielerlei Hinsicht erstaunlich gut helfen. Er wird dir alles geben, was du willst, und mehr.
Nein, nein, kann er nicht, schluchzte Sam und seine ausgestreckte Hand zitterte. Nein, ich will nur eins. Ich will Herrn Frodo zurück. Kein Essen, kein Wasser, nichts. Ich brauche nichts außer Herrn Frodo hier bei mir. Dann würde ich mich glücklich hinlegen, um zu sterben und endlich Frieden zu finden. Nein, ich brauche nichts anderes.
Die Stimme kicherte leise in seinem Kopf. Aber natürlich kann ich dir das geben. Beanspruche ihn nur für dich, Sam. Dann wird Frodo wieder da sein, er wird genau hier neben dir stehen. Mit dem Ring in deinem Besitz kann jeder Wunsch wahr werden. Du wirst mächtiger sein, als du es dir jemals vorgestellt hast. Du kannst die Welt verändern, Sam, mach wieder das daraus, was einmal war. Willst du nicht nach Hause zurückkehren mit Frodo und alles so haben, wie es einmal war? Es kann alles geschehen, Sam. Du brauchst nur den Ring überzustreifen.
Sam hielt inne. Die Welt schien stillzustehen. Die Zeit ebenfalls. Frodo - Frodo konnte zu ihm zurückkommen. Es war unmöglich, aber er hatte es gehört.
Streife nur den Ring über, Sam.
Sam sah auf seine Hand, er hielt den Ring fest in der Faust, das Ding, das ihm seinen Herrn zurückbringen konnte. Er hatte seinen Arm sinken lassen, ohne es zu merken. Er streckte den Zeigefinger, Zentimeter davon entfernt, den Ring überzustreifen. Das war es, alles, was er tun mußte, um Frodo zurückzubekommen.
Nein, Sam! Eine andere, schwächere Stimme, seltsam bekannt, hallte in seinem Kopf wider, gerade als er den goldenen Ring auf den Finger stecken wollte.
Sam hielt inne und sah sich um. Es war, als wäre er aus Trance erwacht. Aber er hatte keine weitere Zeit mehr, um nachzudenken, als ein schwarzes Etwas aus einer dunklen Ecke auf ihn zusprang und gegen ihn prallte und ihn taumeln ließ. Gollum war ihm hinein gefolgt.
Gollum kämpfte wie ein wildes Tier - zerrend, krallend und er biß Sam, versuchte alles, um an den Ring zu kommen. Instinktiv schloß Sam seine Faust um den Ring und wehrte sich genauso erbittert. Sie purzelten übereinander in ihrem verzweifelten Kampf, zwei verbrauchte Körper in einem Krieg, der die Zukunft ihrer Welt bestimmte.
Näher und näher kamen sie an die Kante, aber keiner wollte aufgeben. Urplötzlich verlor Gollum seinen Halt und sein Rücken rutschte halb über die Kante und alles, woran er noch festhalten konnte, war Sams Hand, die noch immer den Ring in sich verborgen hielt.
Langsam begann er Sam auch zur Kante zu ziehen und versuchte im gleichen Moment über die Kante zurückzuklettern und den Ring aus Sams Hand zu entreißen. Sam wurde näher und näher an die Kante herangezogen. Seine Augen weiteten sich und ohne nachzudenken, ließ er Gollum los und den Ring und sah in erschüttertem Entsetzen, wie beide über über die Kante fielen und den feurigen Klüften tief unten entgegen. Er hörte einen letzten verzweifelten Schrei von Gollum, bevor er der Welt verloren ging.
Ssssschatzzzzzz-
Und dann war er fort. Sma blieb noch immer auf dem Bauch liegen, halb über der Kante, als die Erde gewaltsam zu zittern begann und flink rutschte er zurück. Feuer schoß in Fontänen überall um ihn herum hoch, es fühlte sich an, als würde der ganze Berg in einem Moment explodieren. Er hatte noch die Energie, um auf Händen und Füßen zu dem kleinen Eingang zurückzukriechen, wo er hindurchgekommen war und zurück auf den Hauptweg. Er kam wieder auf die Füße und stolperte wieder hinunter, während die Ausbrüche jeden Moment heftiger wurden.
Er hielt an. Er war schon ein ganzes Stück vorangekommen. Samweis Gamdschie stand ganz still, unbemerkt rollten die Tränen über sein staubiges Gesicht in Strömen. Er sah nach Osten, als der helle Fleck von Himmel langsam zurückkehrte, als die Dunkelheit vertrieben wurde. Die Sonne - da war sie, das erste richtige Licht, das er seit Ewigkeiten sah. Er fixierte diesen Punkt am Himmel, als sein Körper, völlig verausgabt, zusammensackte. Er hatte es endlich geschafft. Er war frei, bereit zu sterben. Ängstlich wie er war, wollte er nichts mehr, als zu sterben und allen Schmerz und alles Leid hinter sich zu lassen, seinen Herrn wieder zu treffen und in völliger Erlösung mit ihm immer zusammenzubleiben.
Das letzte, woran Sam sich erinnern konnte, bevor er das Bewußtsein verlor, war eine dunkle, geflügelte Gestalt, die sich zu ihm niedersenkte. Zuerst dachte er, es sei ein Schwarzer Reiter, aber nein, das konnte nicht sein. Ein Adler? Ein Gedanke an Bilbos alte Geschichten kamen ihm in den Kopf.
Dann wurde alles schwarz.
Als er in dem seltsamen Bett lag, das in dem seltsamen Raum stand, schluchzte Sam noch immer verzweifelt. Hier war er nun, hatte es alles überlebt, doch Frodo war fort. Alles, was er je gewollt hatte, war der Tod, alles hinter sich zu lassen und bei seinem Herrn zu sein. Und hier war er noch, verdammt dazu, ein Leben ohne ihn zu erleiden.
Zwölftes Kapitel
Die nächsten paar Tage waren einige der härtesten für Sam. Er wurde verfolgt von Alpträumen immer wenn er in Schlaf fiel. Und er träumte immer dasselbe.
Er war umgeben von Dunkelheit, die so finster schien, daß sie ihn erdrücken wollte und es lag ein schrecklicher Gestand in der Luft. Frodo rief zu ihm von irgendwo in der Dunkelheit, um Hilfe flehend. Sam wollte versuchen, zu antworten, aber er bekam keinen Ton heraus. Er wollte rennen, dorthin von wo die Schreie kamen, aber er war immer zu langsam und die Schreie wurden schwächer und schwächer und weiter entfernt. Dann sah er eine kleine Gestalt auf dem Boden vor sich liegem. Sie war voller Blut und tödlich blaß. Frodo. Er war zu spät - schon wieder.
Sam wachte jedes Mal schluchzend auf aus seinen Träumen und einige der sehr aufmerksamen Heiler kamen dann jedes Mal. Sie forderten ihn immer auf, davon zu erzählen, was ihn nachts quälte, aber er tat es nie und lag die restliche Nacht wach, als Frodos Schreie in seinem Kopf widerhallten.
Am nächsten Tag fand er nicht mehr Frieden. Alpträume verfolgten ihn nicht mehr, aber die Trauer lag schwer auf seinem Herzen wie eine Krankheit. Es gab keinen Moment an keinem Tag, in dem er ihr enormes Gewicht nicht spürte. Sam glaubte, daß es seine Strafe sein mußte. Er war für Frodos Tod verantwortlich und jetzt verfolgte ihn die Erinnerung in jedem Augenblick.
Er konnte nicht fliehen.
Tag und Nacht kamen kontinuierlich Heiler herein und gingen wieder, sorgten sich um ihn und er verbrachte kaum einen Moment allein. Sie sprachen ihn immer als Herr an. Das beschämte Sam ein wenig. Diese Leute glaubten, er sei ihr Retter. Sie dachten, er hätte das Böse aus der Welt geschafft. Er hatte nichts getan. Er hatte seine Aufgabe nicht erfüllt; er hatte versagt. Seine Aufgabe war es gewesen, seinen Herrn zu beschützen. Darin hatte er versagt. Er hatte den Ring getragen, um das zu tun, was sein Herr nicht mehr konnte. Aber auch darin hatte er versagt. Er war schwach gewesen und hatte auf das Böse gehört. Er war nur Sekunden davon entfernt gewesen, ihn für sich zu beanspruchen. Da war nur eins gewesen, das ihn davon abgehalten hatte.
Die seltsame leise Stimme, die ihn angerufen hatte, dort in den Schicksalsklüften, war etwas, das Sam nicht vergessen konnte. Er dachte darüber nach, was es gewesen sein konnte, aber es war ihm unmöglich, das festzustellen. So er er es versuchte, Sam konnte sich nichts mehr in Erinnerung rufen. Wie sie in seinem Kopf geklungen hatte. Er erinnerte sich nur daran, wie seltsam bekannt sie gewesen war. Etwas daran hatte ihn innehalten lassen. Die Stimme hatte die übermächtige Stimme des Ringes ausgeblendet und das tiefe, kalte Übel, das sich in Sams Knochen breitmachen wollte, war plötzlich verschwunden. Aber an mehr konnte er sich nicht erinnern.
Etwa eine Woche, nachdem Sam erwacht war, beschloß Gandalf, daß es an der Zeit war, ihn zu sehen. Er hatte von den Heilern unzählige Male gehört, wie der Hobbit in dem großen Bett lag Tag und Nacht, selten schlief, aber man konnte oft sein Schluchzen hören. Er aß wenig und da schien nichts in seinen Augen zu sein außer Trauer und Sorge in seinen Augen zu sein.
Natürlich wußte keiner der Heiler von der Bedeutung dessen, was der Kleine durchgemacht hatte. Aber nun hatte Sam sogar noch eine schwerere Aufgabe, schwerer als der Weg zum Schicksalsberg, und Gandalf fragte sich, ob er es schaffen würde. Er mußte geheilt werden, er war gebrochen und mußte es überwinden. Sein Körper wurde versorgt von den besten jungen Heilern im Lande; er hatte keine bleibenden sichtbaren Narben. Aber die Narben seiner Seele würden für immer bleiben. Es war Gandalfs Aufgabe, dabei zu helfen, daß sie verschwanden.
Es war für ihn selbst schwer genug gewesen, vom Tod des Ringträgers zu erfahren. Aber er wußte, niemandes Trauer, egal wie groß sie war, würde der von Samweis gleichkommen. Er hatte eine so schwere Zeit an der Seite seines Herrn ertragen und hatte Frodo immer über sich gestellt. Und dann war er Zeuge geworden von seinem Tod und war unfähig gewesen, es zu verhindern. Er wußte, daß dies Sam quälte, aber er bezweifelte, zu wissen, wie tief die Trauer des Kleinen ging.
All das ging ihm durch den Kopf, als der Zauberer sich langsam dem Zimmer des Hobbits näherte. Er stand vor der Tür und klopfte. Ein Diener eilte hinaus, verbeugte sich hastig, als er ihn erkannte, und lief den Gang hinunter. Gandalf stieß die Tür langsam ganz auf und trat über die Schwelle.
In dem großen Bett in der hinteren Ecke des Raumes konnte er gerade die kleine zusammengerollte Gestalt des Hobbits ausmachen, der unter den Decken begraben lag. Alles, was er von ihm sehen konnte, waren die sandfarbenen Locken auf seinem Kopf. Gandalf trat leise ein und schloß die Tür hinter sich, dann ging er durch den Raum zum bett und setzte sich auf die Kante.
Samweis?
Ein paar blutunterlaufener Augen linste über die Decke zu ihm und sie wurden plötzlich groß, voller Überraschung.
Im nächsten Moment saß Sam aufrecht im bett. Gandalf! rief er. Aber wie-?
Der Zauberer erhob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Das ist eine lange Geschichte und ein Bericht für demnächst, denke ich, antwortete er sanft. Sam schwieg und sah auf die Gestalt eines Freundes, den er für immer verloren geglaubt hatte.
Gandalf sah lange und fest zu der geschwächten Gestalt vor sich. Er sah furchtbar aus. Er war so dünn und bleich und er hatte dunkle Ringe unter den Augen, war nicht mehr der stämmige kleine Gärtner, der das Auenland an der Seite seines Herrn verlassen hatte. Und Gandalf wußte, daß diese Veränderungen nicht nur verursacht wurden durch die Entbehrungen in Mordor, Sie gingen tiefer als das, es war etwas anders an Samweis Gamdschie, das konnte er sehen. Etwas war fort. Dann wußte er es. Die Hoffnung, die immer in Sams grünen Augen gewesen war, war fort. Sie waren nun leer.
Als er ihn so ansah, füllten sich Sams Augen mit Tränen und sie liefen über seine Wangen. Sam hatte geglaubt, daß er eine Tränen mehr haben konnte, aber er begann zu weinen. Ohne ein Wort nahm der Zauberer sanft den Hobbit in die Arme, der von Schluchzern geschüttelt wurde und wiegte ihn hin und her. Sam hatte es nicht verdient, nicht nach allem, was er durchgemacht hatte. Er wirkte so klein und zerbrechlich. Das Licht in seinen Augen war schon lange verlöscht. Kleine Hände gruben sich in die vielen Falten seines Gewandes und Sam schluchzte unkontrolliert. Wie konnte der kleine Hobbit nur so viel ertragen haben?
Eine dünne, krächzende Stimme riß den Zauberer aus seinen Gedanken. Es- es tut mir leid, Gandalf, flüsterte Sam und seine Stimme wurde gedämpt durch das Leinen.
Es ist alles meine Schuld. I-ich habe mein Wort gebrochen. Ich habe ihn verloren. Es tut mir leid.
Es dauerte einen Moment, bis Gandalf sich seine Worte bewußt gemacht hatte. Dann erinnerte Gandalf sich an das, was er zu Sam gesagt hatte, als er mit Frodo im Auenland aufgebrochen war vor so langer Zeit. Er schloß die Augen vor Entsetzen. Er wußte, daß Sam sich vor Kummer verzehren mußte, als wäre der Tod seines Herrn nicht genug. Aber Frodo war mehr gewesen als nur sein herr, er war sein Freund gewesen.
Er schob Sam ein wenig von sich weg, um direkt in das kleine, tränennasse Gesicht zu sehen.
Es war nicht deine Schuld, Samweis, sagte er sanft. Sam öffnete den Mund um zu protestieren, aber Gandalf hob noch einmal seine Hand. Nichts davon, was geschehen ist, war je deine Schuld, du kontnest nichts tun, um es zu verhindern. Immer noch tropften Tränen von Sams bleichem Gesicht.
Erzähl mir, was geschehen ist, Sam.
Und das tat Sam. Er brachte alles hervor, die genaze Geschichte. Die Worte sprudelten nahezu heraus und als er einmal begonnen hatte, konnte er nicht mehr aufhören. Er war sich seiner dünnen, zitternden Stimme nicht bewußt, sein Bericht war oft unterbrochen von hervorbrechenden Schluchzern, denn er war verloren, verloren in der furchterregenden Erinnerung. Als er von Frodos Tod berichten sollte, hielt er inne und schwieg für einige Momente, starrte vor sich hin und ungehindert strömten stumme Tränen über sein Gesicht. Gandalf legte beruhigend seine Hand auf Sams Schulter und plötzlich holte Sam zitternd Luft und fuhr fort.
Er erzählte von seiner Entscheidung, den Ring zu nehmen und die Aufgabe zu vollenden, von seiner Flucht aus dem Orkturm, seiner Reise durch Mordor, seiner Auseinandersetzung mit Gollum und davon, wie es dazu gekommen war, daß Gollum mit dem Ring gefallen war. Eine solche Geschichte wird nie wieder in Mittelerde gehört werden wie die, die Samweis Gamdschie an diesem Tag erzählte. Obwohl er sich oft während der langen Jahre, die ihm geblieben waren, oft an die Geschichte erinnern würde, würde es nie dasselbe sein.
Als Sam geendet hatte, holte er tief Luft und sah hoch zu Gandalf, der seinen Blick erwiderte ohne einen Ausdruck in seinem gealterten Gesicht. Trotzdem, hinter diesen verschwiegenen Augen war alles in dem Zauberer in Aufruhr, wenn er daran dachte, was der Hobbit wirklich durchgemacht hatte - und überwunden.
Er hatte getan, was vielen Männern unmöglich gewesen wäre. Er hatte das Böse des Ringes bezwungen und die Aufgabe erfüllt. Doch mehr noch, er hatte es nicht für sich getan, auch nicht für Ehre oder Anerkennung. Er hatte nicht daran gedacht, über den Bewohnern Mittelerdes stehen zu können, als er dem Ring widersprochen hatte und Gollum in die Kluft hatte fallen lassen. Er hatte nur an eine Person gedacht, an denjenigen, für der er all das getan hatte. Die Liebe, die Samweis für seinen Herrn empfand, war wirklich verblüffend. Gandalf konnte sie fast spüren. Und er spürte dieselbe Liebe, gleich stark, wie sie zu Sam zurückgesandt wurde.
Nach einer langen Pause brach der Zauberer schließlich die Stille. Hast du je daran gedacht, was dich hat zögern lassen, Samweis? fragte er. Was war es, das dich aufgehalten hat, den Ring für dich zu beanspruchen? Was half dir, seine trügerische Stimme zu bezwingen?
Sam schaute hoch und machte ein nachdenkliches Gesicht. Sein lockiger Kopf lehnte an Gandalfs Arm. Die Erinnerung an die Reise hatte ihm viel abverlangt. Er fühlte den Schmerz in seinem Herzen viel stärker, auch wenn er irgendwie erleichtert war, es enedlich ausgesprochen zu haben.
Die Stimme, Gandalf, sagte er leise nach einer Weile. Sie war so vertraut, aber ich konnte sie nicht zuordnen und ich kann jetzt nicht sagen, wie sie klang. Er bemührte sich, die Erinnerung zurückzurufen, aber es war ihm unmöglich.
Gandalf sah wieder direkt auf den Hobbit hinab. Ich denke, Sam, daß die Stimme von Frodo war, der dort zu dir gesprochen hat. Sam öffnete den Mund und schnappte nach Ludt, aber Gandalf fuhr fort. Er ist bei dir, Sam, das weiß ich. Ich spüre es. Da ist so ein starkes Gefühl von Liebe und Freundschaft, das immer um dich herum ist. Er ist nie von deiner Seite gewichen, Samweis Gamdschie, und er wart dort, als der Ring zu dir sprach. Ich glaube, es war nahezu ein Wunder, daß diese leise Stimme den mächtigen und bösen Einfluß des Ringes übertönt hat, aber so war es. Seine Liebe war stärker als das Böse. Und, Sam, erinnerst du dich jetzt?
Sam sah Gandalf lange und fest an, erstaunt über seine Worte. Tränen waren in seinen Augen, eine Träne rollte über seine Wange. Endlich sprach er.
Das tue ich, Gandalf, flüsterte er. Jetzt erinnere ich mich. Es ist seltsam, aber plötzlich höre ich es so deutlich. Er ist es.
Er schluchzte leise und Gandalf war überrascht, ihn lächeln zu sehen, das erste Lächeln seit einer Ewigkeit. Er ist es, Gandalf! rief er wie ein begeistertes Kind. Es ist mein Herr Frodo. Er hat mich wirklich gerettet.
Sam lächelte noch immer breit, Tränen strömten derweil über seine Wangen. Es fühlte sich seltsam an, ein Gefühl, das er seit langem nicht mehr gefühlt hatte. Zu lächeln. Er richtete sich schnell auf mit einem Ausdruck des Staunens auf seinem bleichen Gesicht und spürte, wie sich seine Mundwinkel leicht hoben, ebenso seine Wangen. Wirklich, er lächelte.
Dreizehntes Kapitel
Samweis Gamdschie stand vor seinem offenen Fenster und schaute hinaus in den feuerroten Sonnenuntergang über der Stadt. Seine Zeit hier war vorbei. Er drehte sich um und warf einen Blick auf seine gepackten Sachen auf dem Bett; überall lag noch etwas im ganzen Raum verteilt. Er würde morgen abreisen, endlich würde er wieder nach Hause zurückkehren. So sehr, wie er das Auenland auch wiedersehen wollte, glaubte er, daß der ständige Schmerz, den er in seinem Herzen spürte, dort noch schlimmer sein würde zwischen so vielen Erinnerungen. Er kehrte nach Hause zurück, aber Frodo tat es nicht.
Viel war geschehen während der letzten paar Wochen. Aber es verschwamm alles vor Sam, es erschien ihm alles wie ein einziger verwirrender Tag, es kamen so viele Leute herein und gingen wieder, so viele neue Gesichter. Und die ganze Zeit über schien er das alles nur zu beobachten und nicht wirklich dort zu sein. Er war gefangen an einem Ort, den sie nicht kennen konnten und ertrank in seiner eigenen Traurigkeit.
Er hatte zu lernen begonnen, wie er seine Gefühle kontrollieren konnte oder zumindest so gut wie möglich zu verstecken. Sein Gesicht wurde wie eine Mauer und niemand konnte hindurchsehen. Niemand durfte von dem wissen, was ihn verfolgte. Aber zwei Personen schienen es jedes Mal herauszufinden, sie schienen immer zu wissen, wenn die Traurigkeit wieder zu groß wurde.
Einige Tage nach Gandalfs erstem Besuch waren Merry und Pippin gekommen, um Sam das erste Mal zu besuchen. Er saß allein in seinem Zimmer, starrte aus demselben Fenster und ging alles durch, was Gandalf ihm gesagt hatte. Er fand es erstaunlich, aber auf einmal konnte Sam Frodos Stimme immer deutlich in seinem Kopf hören, wann immer er es wollte. Manchmal tröstete sie ihn, aber die meiste Zeit bereitete sie ihm nur Schmerzen. Aber trotzdem wollte er sie nicht vergessen, sie war sein einziger Halt.
Merry und Pippin saßen für Stunden bei ihm an diesem Tag. Zuerst sagten sie nichts und saßen einfach nur neben ihm. Er konnte die Trauer in ihren Augen sehen und die Fragen, die sie ihm so gern stellen wollten. Er fragte sich, ob er es schaffen konnte, es alles noch einmal zu wiederholen. Aber das mußte er. So öffnete Sam sich ein weiteres Mal und berichtete Frodos Vettern von dem, was ihm passiert war. Als er fertig war, hatte Pippin seinen Kopf an Merrys Schulter vergraben. Merry sagte nichts, er sah nur zu Sam. Dann legte er seine Hand auf Sams Schulter. Danke, Sam.
Danach kamen sie jeden Tag zu Sam, gewöhnlich brachten sie etwas zu essen mit oder Geschichten. Mit der Zeit merkte Sam, wie er fast für einige Momente seine Sorgen vergessen konnte, wenn er Pippin zuhörte. Sie erzählten ihn von allem, was seit dem Tag geschehen war, an dem sie sich getrennt hatten und der nun schon Ewigkeiten zurückzuliegen schien. Sam bestaunte die bewundernswerte Größe, die die beiden nun erreicht hatten.
Irgendwie schien Frodo immer wieder in ihren Unterhaltungen aufzutauchen. Ob es nun eine Geschichte ihrer Kindheit war oder nur ein Gedanke, er schien immer dort zu sein. Die meiste Zeit, wenn Frodos Name genannt wurde, wurde Sam still und hörte eher zu als daß er sprach. Aber während einer besonders interessanten Geschichte von längst vergangenen Tagen im Auenland äußerte Sam sich auch und erzählte von seinen Ansichten. Merry und Pippin lächelten sich an, als Sam sich wegdrehte. Vielleicht würde er doch noch Heilung erfahren.
Sam sah in seine Tasche und suchte nach den wertvollen Dingen, die er zuerst nur hineingestopft hatte. Am Tag zuvor, als Merry und Pippin zu ihm gekommen waren, hatten sie etwas andere gebracht als den üblichen Imbiß und die Unterhaltung.
Sam hatte neugierig auf das Bündel geschaut, das in Pippins Armen lag, als er sich näherte.
Sam, sagte er ganz leise, sehr unüblich für Pippin, selbst nach allem, was geschehen war. Pippin öffnete den Mund, aber dann erkannte er, daß er kaum etwas anderes sagen konnte und er legte einfach das Bündel in Sams Schoß. Sam sah, daß seine grünen Augen feucht von Tränen waren.
Sam sah hinab auf das Bündel und schnappte nach Luft. Da lag Frodos grauer Elbenmantel aus Lorien, sein Mithrilhemd und Sams eigenes kurzes Schwert. Sam hielt den Stoff in seinen Händen und vergrub sein Gesicht darin. Merry und Pippin sahen einfach nur stumm für einige Momente auf ihn, als Sams schmale Schultern von Schluchzern geschüttelt wurden, dann kletterten sie auf das Bett, jeder auf eine Seite des Freundes.
Langsam hob Sam den Kopf und sah zu Pippin, sein Gesicht war tränenüberströmt. Es ist einfach nicht gerecht, Herr Pippin, brachte er stotternd hervor. Es war nicht gerecht. Ich hätte der sein sollen, der verletzt wurde, nicht er. Er hat es nicht verdient. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen, das hätte nicht passieren dürfen. Ich denke immer, daß ich es hätte vermeiden können, aber ich wußte nicht, was ich hätte tun sollen. Ich weiß, daß alle immer sagen, daß es nicht meine Schuld war, aber ich kann nicht anders als zu denken, daß es das war. Was, wenn da etwas gewesen wäre, das ich für ihn hätte tun können? Ich habe gar nichts getan, ich habe da nur gesessen und zugesehen, wie er starb. Er brach wiederum in Tränen aus, aber er wischte sie mit dem Handrücken weg und fuhr fort.
Ihr wißt nicht, wie das war, keiner weiß das. Einfach zu sehen, wie er mir dahinschwindet? Oh, ich hätte alles gegeben, um in diesem Moment mit ihm den Platz zu tauschen. Er hatte solche Schmerzen und war so verängstigt. Warum er? Warum nicht ich? Ich frage mich das noch immer und weiß nicht, warum. Und jetzt ist er weg, für immer weg. Und ich bin noch hier, ganz allein und ohne ihn. Manchmal frage ich mich, wie ich jemals ohne ihn leben soll. Was soll ich machen? Ich fühle mich so allein. Ich wünschte, er wäre hier. Was würde ich alles tun, um ihn noch einmal zu sehen. Es war das schwerste, was ich je getan habe, ihn zu verlassen, meine ich. Aber ich mußte. Ich hoffe, er kann mir vergeben.
Er machte eine Pause, starrte hinab auf seine geballten Fäuste, Tränen fielen auf das Bett und er unternahm keinen Versuch, den Fluß zu stoppen. Es tut mir leid, Herr Frodo, flüsterte er, so leise, daß Merry und Pippin sich gar nicht sicher sein konnten, daß sie es überhaupt gehört hatten.
Merry sah hinab auf den Mantel und das Mithrilhemd, die aufgeworfen in Sams Schoß lagen und bemerkte zum ersten Mal, daß auch ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Er vermißte seinen Vetter schrecklich, Frodo war immer für ihn da gewesen und jetzt war er fort. Aber er konnte sich nicht vorstellen, wie es für Sam gewesen sein mußte. Und auch wenn Sams Herz vom Tod seines Herrn erschüttert worden war, er hatte nicht aufgegeben. Er hatte weitergemacht. Es war wahrscheinlich Sam zu verdanken, daß die Welt noch Glück kannte. Es war nicht gerecht, daß die Welt sich wieder aufbaute und neu erblühte, wenn ihr kleiner Retter dort ganz allein saß, verloren in seiner eigenen Trauer.
Pippin saß einfach nur da und starrte auf Sam. Er hatte nur Stücke der Geschichte von Gandalf erfahren, aber es geradewegs von Sam zu erfahren, dem einzigen, der dabeigewesen war, war so anders. Seine Augen waren groß vor Schock und Trauer. War es wirklich das, was geschehen war? Pippin konnte fast spüren, wie sein Herz brach und er mit dem kleinen, mitgenommenen Hobbit neben sich mitfühlte. Das war das meiste, was Sam überhaupt zu jemandem darüber gesagt hatte, seit es geschehen war. Sie hatten alle gehofft, daß Sam in sich etwas finden würde, das helfen würde, die kaputten Stücke seines Lebens wieder aufzusammeln, damit er wieder weiterleben konnte. Nun sah er auf den trauernden Hobbit vor sich und fragte sich, ob es möglich war.
Ohne überhaupt ein Wort zu sagen, hielten die beiden ihn im Arm und ihre Tränen vermischten sich mit seinen. Sie saßen für eine lange Zeit dort stumm und dachten an das zurück, was sie in den vergangenen Monaten durchgemacht hatten und sie klammerten sich an die Kleidungsstücke, alles, was ihnen noch geblieben war von ihrem Freund.
Sam sah wieder auf den Mantel, den er nun in den Händen hielt und ging mit den Fingern hindurch. Er spürte wiederum Tränen in seine Augen steigen. Sie schienen immer dort zu sein und warteten darauf, fließen zu können. Er seufzte und preßte seine Wange in den weichen Stoff.
Mit der Zeit war er wieder mit der verbliebenen Gemeinschaft zusammengetroffen. Sam hatte immer erwartet, daß man ihn mit Fragen löchern würde und daß er alles wieder erklären mußte, aber überraschenderweise war das nicht der Fall. Sie waren still und bedrängten ihn in keinster Weise. Sam entschied, daß irgendjemand, wahrscheinlich Gandalf, schon mit ihnen gesprochen hatte. Und, anders als die anderen Leute, die er bei den kurzen Besuchen in seinem Zimmer gesehen hatte, sahen sie ihn nicht freundlich an, sondern er fand nur stille Trauer.
Er erfuhr, daß Aragorn gekrönt werden sollte und nach ein wenig Überredung hatte er zugestimmt, der Zeremonie beizuwohnen. Es war das erste Mal gewesen, daß er sein Zimmer verließ, seit er aufgewacht war. Alles war so laut gewesen und so viele Menschen waren dort, aber zum Schluß war er dennoch froh, daß er hingegangen war. Merry und Pippin standen neben ihm, jeder an einer Seite, und Merry nahm tröstend seine Hand, als Aragorn zu den Menschen über Siege und Niederlagen des Krieges sprach. Er erwähnte auch Frodo kurz und Sam konnte die stummen Tränen nicht zurückhalten.
Aber nun war alles vorüber und er wandte sich heimwärts. Wohin genau, wußte er nicht. Er war sich nicht einmal sicher, ob er nach Hause zurückkehren wollte ohne seinen Herrn. Welcher Art würden die neugierigen Fragen sein, die er dort zu beantworten hätte? Aber er wußte, daß er gehen mußte, das Auenland war der Ort, an den er gehörte.
Sam faltete den Mantel vorsichtig und legte ihn wieder unten in den Rucksack. Er packte auch den Rest seiner Habe noch ein und legte sich unter die Decke, dann sah er hinaus in den sternenklaren Nachthimmel. Wie sollte er so nur weiterleben?
Als Sam die Augen öffnete, sah er einen strahlend hellblauen Himmel über sich. Er runzelte die Stirn. Was ging hier vor? Langsam rollte er sich herum und erblickte das Gras, auf dem er lag. Langsam setzte er sich auf und sah sich um.
Sam?
Beim Klang dieser Stimme drehte er sich so schnell um, daß er fast gefallen wäre. Da stand Frodo hinter ihm, er sah so gesund und glücklich aus. Sam versuchte aufzustehen, aber er stolperte über seine eigenen Füße und landete wieder auf dem Gras mit einem dumpfen Geräusch, während er noch immer stutzig auf seinen Herrn vor sich starrte. Frodo unterdrückte ein Kichern und half Sam wieder auf die Beine. Nun stand Sam ihm Auge in Auge gegenüber, demjenigen, von dem er gedacht hatte, daß er ihn nie wiedersehen würde.
Frodos Augen leuchteten und funkelten vor Glück, als er Sam ansah. Langsam runzelte er nachdenklich die Stirn. Was ist los, Sam? Ist alles in Ordnung?
Langsam nickte Sam. Ja... mir geht es gut, es ist alles gut. Er stolperte über die Worte, so als ob er vergessen hätte, wie man sie aussprach. Ohne eine Warnung oder überhaupt nachzudenken umarmte er Frodo stürmisch und vergrub sein Gesicht an der Schulter seines Freundes und lachte laut. Frodo war völlig überrascht und wäre fast gefallen. Sam! Er lachte und erwiderte die Umarmung. Sam ließ ihn los und wich ein Stück zurück, er versuchte noch immer, es zu glauben.
Es geht dir gut, Herr Frodo? Frodo, noch immer ein wenig verwirrt, nickte langsam. Ja. Sehr gut, Sam.
Er lächelte und Sams Herz hüpfte vor Freude. Da war er, es ging Frodo gut.
Frodo lachte, als er Sams Gesichtsausdruck sah und Sam hätte nicht fröhlicher sein können. Es war so lange her, seit er dieses Lachen gehört hatte.
Der Rest des Tages war geprägt von Farbe und Glück. Er war im Auenland, draußen genau vor Beutelsend, es war alles wie vor langer Zeit. Alles war grün, der Garten sah wunderbar aus. Aber vor allem war er mit seinem Herrn zusammen, glücklich und frei. Sie verbrachten ihre Zeit mit spazierengehen, reden und lachen. Sie kamen vorbei an all den schönen Orten, die Sam so gut kannte und von denen er gedacht hatte, daß er sie nie wiedersehen würde. Er konnte es noch immer kaum glauben.
Frodo redete glücklich und nahezu ohne ein Ende zu finden. Sam wandte kaum die Augen von ihm ab und nahm alles gierig in sich auf. Sam? Frodo hatte aufgehört zu sprechen und nahm seine Hand. Sam drehte sich um und sah in besorgte blaue Augen. Dann plötzlich bemerkte er, daß er Tränen auf den Wangen hatte. Hastig wischte er sie weg.
Was ist los, Sam?
Nichts, murmelte Sam. Bin nur glücklich, glaub ich. Frodo runzelte die Stirn, aber er fragte nicht weiter.
Bevor Sam es merkte, war der Tag vorüber und sie waren nach Beutelsend zurückgekehrt. Weil sie den Tag mit Beerensammeln verbracht hatten, war keiner von ihnen wirklich hungrig und so saßen sie dann im Garten, genau dort wo Sam zuvor erwacht war und sahen zu den Sternen. Sie saßen für eine lange Zeit nur schweigend und waren einfach zusammen. Dann begann Frodo langsam zu sprechen.
Sam, sagte er leise und sah seinem Freund in die Augen. Es ist bald Zeit.
Sam sah verwundert aus. Zeit? Zeit für was?
Frodo seufzte und nahm seine Hand. Ich muß jetzt gehen, Sam. Ich kann nicht hierbleiben. Sam sah die Tränen in den blauen Augen seines Herrn.
Was? stammelte er und sein Herz begann zu rasen. Warum?
Frodo sah ihn ernst an. Du weißt warum, Sam, obwohl du es nicht wissen willst. Langsam stand er auf und zog Sam mit sich hoch. Es tut mir leid, Sam, ich wünschte von ganzem Herzen, daß ich bleiben könnte.
Ein leises Schluchzen entwich Sams Kehle. Nein, nein. Nicht schon wieder. Er konnte es nicht schon wieder tun. Es tut mir leid, daß ich dich schon einmal verlassen mußte, Sam, sagte Frodo und Tränen strömten nun über seine Wangen. Es tut mir leid. Ich war nicht stark genug.
Dann verstand Sam. Es war nicht echt, es war nicht real. Frodo war tot, er konnte jetzt gar nicht bei ihm sein. Aber dann streckte Frodo die Arme aus und umarmte ihn ganz fest. Nach einem kurzen Moment löste er sich wieder aus Sams Armen und lächelte unter Tränen.
Danke, Sam, für alles, das du je für mich getan hast. Du warst immer für mich da, immer.
Sam konnte es kaum aushalten. Seine Augen wandten sich nicht von Frodos ab. Das würde das letzte Mal sein, daß er ihn je sah. Er wünschte, diese Tag würde ewig dauern. Ich - ich habe versucht, dir zu folgen, Herr Frodo, stammelte er. Frodo schüttelte den Kopf. Nein, Sam. Du gehörst hierher. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir.
Er hob die Hand und wischte Sams Tränen weg. Bitte vergiß mich nicht, Sam, flüsterte er traurig. Sam schluchzte und nahm Frodos Hand in seine. Ich könnte dich nie vergessen, Frodo, sagte er und bemerkte nicht einmal, daß er nun zum ersten Mal das Herr ausgelassen hatte, seit er ihn kannte. Frodo lächelte und drehte sich um.
Sams Magen verkrampfte. Nein, noch nicht! Es gab etwas, das er wissen mußte. Warte! Frodo hielt inne. Frodo, warst das wirklich du dort oben? Wer hat nach mir auf dem Berg gerufen?
Frodo lächelte nur und antwortete nicht. Langsam drehte er sich wieder um und ging fort. Sam rief nach ihm, aber es war zu spät. Frodo war fort.
Sam erwachte mit Tränen auf den Wangen. Er schoß nach oben und sah sich nervös um und atmete schwer. Er lag im Bett in seinem kleinen Zimmer, seine gepackte Tasche lag auf dem Boden in der Nähe und die Sonne des frühen Morgens blinzelte durch das Fenster zu ihm. Er vergrub sein Gesicht in den Decken und weinte sich die Augen aus. Als er aufsah, war der ganze Raum erfüllt von Sonnenlicht. Es war alles ein Traum gewesen, aber es hatte so echt ausgesehen.
Sam schloß die Augen und konnte noch immer Frodos Lächeln vor sich sehen. Er hoffte, daß dieses Bild für immer in ihm bleiben würde.
An diesem Tag verließ Sam diesen Teil Mittelerdes und trat mit seinen Freunden die Heimreise an. Merry und Pippin waren erstaunt über die Veränderung in Sam. Noch am Tag zuvor war er traurig und still gewesen, hatte Stillschweigen bewahrt. Aber nun sah er sich eifrig um und lächelte viel öfter, als sie sich erinnern konnten, daß er es im letzten Monat getan hätte. Was war geschehen, das seine Genesung so schnell voranschreiten ließ?
Was geschehen war, war einfach, daß Samweis geheilt war, seine Seele und sein Körper. Er hatte das getan, was er zuvor nicht gekonnt hatte, was er nun gewollt hatte. Er hatte sich verabschiedet. Er hatte seinen Herrn ein letztes Mal gesehen und es war genug. Und als er sich heimwärts wandte, lächelte Sam, denn er wußte tief in seinem Herzen, daß Frodo glücklich und immer bei ihm war.