Gegenwart

Es ist an der Zeit zu enthüllen, was verborgen und geheim geblieben war, jetzt da die Elben in das Bewusstsein der Menschen zurückkehren. Zeit, die letzte Wahrheit zu erzählen...


Historiker wie Prof. Tolkien können immer nur Fragmente der Vergangenheit ans Licht bringen, doch werden sie nie alle Geschehnisse entdecken und weitergeben können. Und doch bin ich ihm mehr als dankbar, dass er die Erinnerung und das Wissen um Mittelerde bewahrt hat.
Wie ich so sicher sein kann, dass er in seinen Forschungen nicht alle Einzelheiten entdeckte? Weil ich, so unglaublich es für euch klingen mag, Teil dieser Geschichte war. Vor allem in den Dingen, die Prof. Tolkien verborgen blieben, spielte ich eine nicht unerhebliche Rolle. Eine Rolle, die ich nicht immer gern übernahm, aber nicht einmal die Valar haben die Macht ihr Schicksal zu beeinflussen.

Ihr werdet euch nun fragen, wer ich bin, dass ich so lange auf der Welt wandeln konnte und weshalb ihr nie von mir erfahren habt – ihr sollt eure Antwort erhalten.
Nun, ich bin, was nicht sein dürfte – ein Kind der Valar.
Man nannte mich Elehin, geboren auf Valinor vor der Ankunft der Elben, Tochter Manwes und Vardas.
Wie auch die Erschaffung der Zwerge durch Aule, so war auch meine Existenz nicht in Erus Plan vorgesehen, doch aus Liebe zueinander setzen sich meine Eltern darüber hinweg.
Eru liebt alles Leben und so liebte er auch mich und ließ zu, dass ich mich entwickeln und wachsen konnte. Doch gebot er, dass ich das einzige Kind der Valar bleiben müsse und niemals eines seiner Kinder von meiner Abstammung erfahren dürfe.
Letzteres war nicht das einzige Gebot gegen das ich während meiner langen Lebenszeit verstieß...

Vergangenheit

Meine Kindheit auf Valinor war einsam, da es keine Spielgefährten gleichen Alters für mich gab und so folgte ich jenen, die nie Kinder gewesen waren, auf Schritt und Tritt.
Von Aule erlernte ich die Kunst des Schmiedens, während mich dessen Gemahlin Ya-vanna, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Vána, alles über Pflanzen und Vögel lehrte. Vánas Gemahl Orome brachte mir das Reiten und Jagen bei, Ulmo zeigte mir die Weiten und Tiefen der Gewässer und Tulkas unterwies mich in den Fertigkeiten des Kampfes. Nienna lehrte mich Mitleid und Geduld und selbst von Melkor lernte ich.

Doch Eru hatte Mitleid mit mir, die ich nicht immer dem Denken und Handeln der "Erwachsenen" zu folgen vermochte und so erschuf er ein kleines Volk zu meiner Unterhaltung, bei dem selbst die Erwachsenen nicht größer waren als ein Kind. Sie teilten mein kindliches Vergnügen am Spielen, Tanzen und Lachen. Ich gab ihnen den Namen "Kemmbar" (Bodenbewohner), da sie das Erdreich als Wohnstätte bevorzugten. Euch sind sie heute als Kuduk, Halblinge oder Hobbits bekannt.
Damit sie jedoch nicht zum ersten Geschlecht Erus wurden, entschied er, dass sie ähnlich wie die Zwerge, in einen Schlaf des Vergessens gelegt werden sollten, sobald meine Körpergröße die ihre überschreiten würde. Nach der Ankunft der Elben und Menschen sollten auch sie Arda bewoh-nen und bereichern. Und so bewahrte ich mir bis heute meine Liebe zu diesem lebensfrohen Volk, trotz der Trauer die ich als Kind bei der Trennung von ihnen empfand.
Es war eine schöne Zeit, aber auch eine, die von Furcht und Angst geprägt war. Der Name dieses Schreckens lautete Melkor. Für ihn, der lieber zerstörte als zu erschaffen und zu dessen Ziel es geworden war meine Familie zu vernichten, stellte ich eine perfekte Beute dar, denn durch mich sah er eine hervorragende Möglichkeit in gleichem Maße Eru und die Valar zu quälen. Einzig der Vorsicht meiner Eltern und der Unterstützung der übrigen Valar, insbesondere der Stärke Tulkas, habe ich es zu verdanken, dass ich nicht in seine Hände geriet.
Doch die Zuneigung seiner Feinde zu mir schürte nur seinen Zorn gegen mich und er nahm ihn schließlich mit in die Verbannung. Damals ahnte ich nicht, dass noch eine Zeit kommen würde, in der ich das ganze Ausmaß dieses Hasses zu spüren bekommen sollte – doch dazu später...

Liebe

Diejenigen unter euch, die an Elben und die Macht der Ainur glauben, werden die Geschichte Ardas kennen; die unter euch, die nicht glauben, sollten die Erzählungen hö-ren und daraus lernen, doch andere haben diese Wahrheiten bereits niedergeschrieben und hier ist weder Zeit noch Ort, sie zu wiederholen.

Als die Elben nach Valinor kamen, gehorchte ich Erus Gebot und zeigte mich als eine der ihren. Es gefiel mir in der Gemeinschaft der Erstgeborenen und so blieb ich bei ihnen. Auch als sie Valinor verließen folgte ich ihnen, um an ihren Freuden, ih-rem Schmerz, ihren Fehlern und ihren Erfolgen teilzuhaben – all dies hatten die Valar schon vor langer Zeit aufgegeben. In gleicher Weise weckten auch die zweitgeborenen Kinder Erus – die Menschen – mein Interesse und so lebte ich abwechselnd zwischen Elben und Men-schen. Immer sahen sie in mir nur eine der ihren, obwohl die Menschen etwas elbisches und die Elben auch etwas menschliches in mir ausmachten, viele vermuteten daher, dass ich eine Maia sei. Sie waren meine Freunde und meine Familie und ich lachte, kämpfte und weinte mit ihnen.
Schließlich, nach dem Untergang Númenors, wanderte auch ich mit Elendils Sippe nach Mittelerde.
Dort begann jene Wahrheit, von der ich euch berichten will.

Viele Jahrhunderte wanderte ich durch Mittelerde und erfreute mich an dem Leben das dort erblühte. Ich besuchte die Elben Bruchtals, Lothlóriens und des Gründwaldes, ich verfolgte die Ansiedlung meiner geliebten Hobbits im Auenland und lernte das Leben der Menschen Rohans und Gondors kennen. Dort, in Gondor, geschah es, dass ich zum ersten Mal in mei-nem unermesslich langen Leben mein Herz verlor.

Denethor II. war zu jener Zeit Truchsess der Stadt und seine Söhne Boromir und Faramir die heldenhaften Verteidiger der Menschen, die dort lebten. Erbittert kämpften sie gegen Sauron und dessen abscheuliche Kreaturen. Sauron, der die Lust seines Herrn Melkor nach Zerstörung und Tod in sich aufgenommen hatte.
Olórin, den ihr besser unter dem Namen Gandalf kennt, hatte mich gebeten dort mehr über das Vorhaben Saurons in Erfahrung zu bringen. Doch Saurons Pläne waren bald für jeden offensichtlich und so blieb ich, um bei der Verteidi-gung der Menschen meinen Beitrag zu leisten.
Es gab noch einen anderen Grund, der mich veranlasste zu bleiben – Boromir. Während ich in Gondor verweilte, verbrachten wir viele Stunden miteinander und bald spürte ich, dass ich mehr in ihm sah als nur den Krieger und Kämpfer. Ich spürte in ihm die Stärke, den Mut und die Entschlossenheit für seine Heimat und sein Volk zu kämpfen und zu sterben, aber auch die Verzweiflung und Furcht, die diese große Aufgabe über ihn brachte. Er war nur ein Mensch und ich liebte ihn dafür.
Seine Pflichten ließen jedoch keine Zeit seine Gefühle für mich zu erforschen und noch heute frage ich mich, ob Eru meinetwegen den Traum zu ihm schickte, der ihn nach Bruchtal führte. Wie sollte ich ihn lieben ohne mich ihm zu offenbaren? Vielleicht war es Erus Versuch genau diesen Konflikt zu vermeiden.
Doch schon als Kind ging ich immer jenen Weg, der mir am meisten zusagte, mochte er auch Gefahren bergen und so folgte ich Boromir - heimlich, nur um in seiner Nähe zu sein. Unentdeckt blieb ich auch als die Gefährten Bruchtal verließen und ihre gefahrvolle Reise began-nen. Gandalf jedoch, der schon in meinen Kindertagen ein treuer Freund gewesen war, spürte meine Anwesenheit und er war dankbar, als ich ihm in Moria in den Abgrund folgte.
Bereits auf dem Caradhras hatte ich vergeblich versucht ihnen zu helfen, indem ich die Winde, die doch meinem Vater unterstanden, zurückbefahl. Doch die widerstreitenden Mächte – Gut gegen Böse – entfesselten ein Chaos aus Sturm und Schnee. Mein Eingreifen verschlimmerte die Situation nur und daher ließ ich ab von meinem Tun. Statt dessen wandte ich mich um und eilte zu den Toren von Moria, den ich ahnte, dass Gandalf diesen Weg wäh-len würde. Als ich dort eintraf, waren die Gefährten jedoch schon innerhalb der Minen und das Tor war zerstört. Aber es gibt viele Wege, die nach Moria führen, doch nur wenigen sind sie bekannt. Lange brauchte ich, um den verborgenen Eingang zu erreichen und länger noch, um den Pfad auszumachen, dem Gandalf gefolgt war. Zu spät kam ich daher, denn als ich endlich die Brücke erreichte, hatten sie die Minen bereits verlassen, wie mir ein herumstreu-nender Ork, kurz vor seinem von mir herbeigeführten Ende, verriet. Ich wusste nun, dass sie verfolgt wurden, doch etwas hielt mich zurück – Gandalfs Anwesenheit war noch immer spürbar! So folgte ich seiner Spur über den Abgrund der Brücke, bis hinauf zum Celebdil. Gegen den Balrog vermochte ich ihm leider nicht mehr zu helfen, als ich den Gipfel erreichte, war der Balrog bereits erschlagen und Gandalf lag tot vor mir. Doch der Leib ist für einen Istari nur eine leere Hülle, die er mit seiner Macht ausfüllt und so bat ich Eru ihn in einen neuen Körper zu kleiden, da seine Aufgabe noch nicht erfüllt sei. Ihr wisst bereits, dass Eru mein Flehen erhörte und ich bin ihm dankbar dafür.
Galadriel hatte Gwaihir ausgesandt, um nach Gandalf zu suchen und ich bat ihn, mir seinen Bruder Landroval zu schicken, dass er auch mich nach Lórien bringe. Ich blieb noch einige Zeit dort, um Gandalf bei seiner Genesung und der Gewöhnung an sein neues Selbst beizuste-hen. Mein Herz jedoch zog mich zu Boromir, denn ich wusste von den Orks, die ihn und seine Gefährten verfolgten und ihr Vorsprung war bereits groß. Gandalf hatte andere Aufgaben, denen er folgen musste und so trennten sich unsere Wege.

Als ich endlich die Lagerstätte der Gefährten am Parth Galen erreichte, musste ich feststellen, dass ich erneut zu spät kam. Ein schrecklicher Anblick bot sich mir, der mir das Herz zerriss – Ara-gorn gebeugt über Boromirs Körper, der von Pfeilen durchbohrt am Stamm eines Baumes lag. Er starb und ich vermochte nicht zu helfen, denn wie konnte ich mich ihnen nähern ohne meine Anwesenheit erklären zu müssen. Hinter Bäumen verborgen beobachtete ich, wie sie Boro-mirs Körper in ein Boot legten, um seinen Leichnam dem Fluss zu übergeben.
Ich konnte es nicht ertragen, dass der Mann den ich liebte nicht mehr leben sollte und so flüsterte ich dem Fluss ein Lied, während mir Tränen über das Gesicht rannen.
Meinen Worten gehorchend nahm der Anduin das Boot an und trug es zu den Rauros Fällen, außer Sicht der verbliebenen Gefährten Aragorn, Gimli und Legolas. Die tosenden Wassermengen berührten das Boot kaum, es glitt sanft die Fälle hinab und wurde dort ans Ufer gespült.

Atemlos erreichte ich endlich die Stelle, an der das Boot gestrandet am Ufer lag. Meine Kleider waren zerrissen, von den Dornensträuchern durch die ich mich in meiner Eile und Verzweiflung gedrängt hatte, doch all dies nahm ich kaum wahr, ich sah nur Bo-romirs friedvolles Gesicht durch einen Schleier von Tränen.
"Eru! Wie konntest du dies geschehen lassen? Wieso musste er sterben?"schrie ich dem Himmel entgegen. Verzweiflung und Wut hatten sich in mein Herz geschlichen und verwandelten sich dort in Hass gegen Erus Ungerechtigkeit.
Zum ersten Mal verstieß ich damals gegen Erus Pläne und Gebote – ich gab Leben!
Ohne zu wissen, was ich tat, griff ich instinktiv in mein astrales, inneres Wesen, meinen Kern aus strahlend gleißendem Licht und halbierte die Lebensenergie, die Eru mir geschenkt hatte. Diese pflanzte ich tief in Boromirs Herz ein und teilte so mein Leben, meine Macht, mein Wesen und mein Herz mit ihm.
Mit einem letzten Kuss auf seine leblosen, kalten Lippen schob ich das Boot zurück in die Strömung.

Wie betäubt stand ich am Ufer und blickte dem davongleitenden Boot nach, von dem nun ein helles Strahlen ausging. Meine Tränen waren versiegt, mein Körper nunmehr eine leere Hülle. Langsam sank ich zu Boden und die tiefe Schwärze der Bewusstlosigkeit umfing mich.

Trauer

Als ich meine Augen wieder öffnete, erblickte ich den seidenen Baldachin eines reich verzierten Himmelbettes. Sterne waren in den feinen Stoff gewebt und das Bettzeug in dem ich lag, aus wertvollem Samt gearbeitet. Alles schien mir so vertraut.
Jemand sprach zu mir: "Hab keine Furcht, Elehin, du bist wieder daheim."
Natürlich mussten mir diese Räumlichkeiten vertraut sein, denn ich befand mich wieder im Ilmarin, auf dem Gipfel des Taniquetil und es war die Stimme meines Vaters, die mit mir sprach. Er saß in einem hohen Stuhl in der anderen Ecke des Raumes und betrachtete mich mit traurigem Blick.

Mir ist bewusst, dass ihr nun gern mehr über das Aussehen meines Vaters erfahren würdet, doch ich kann und will euch nicht von der wahren Gestalt der Valar berichten – einige Geheimnisse müssen gewahrt bleiben. Doch eines kann ich euch verraten: da mein Vater meine Liebe zu Elben und Menschen kannte, nahm er mir zu Gefallen oft eine entsprechende Gestalt an. Dabei kombinierte er die Schönheit und Anmut der Elben mit der Kraft und Stärke der Menschen. Der Anblick, der sich mir in jenem Moment bot, war der eines sehr großen, muskulösen Mannes mit langen, glänzenden schwarzen Haaren, die bis auf seine kräftigen Schultern fielen. Seine Augen schimmerten im Blau des Himmels und sein Antlitz strahlte trotz der harten männlichen Züge Güte und königliche Erhabenheit aus.
Mein eigenes Äußeres hatte ich dem seinen entlehnt und einer weiblichen Form angeglichen. Nur ist mein Haar deutlich länger und meine Augen sind nicht azur, sondern schwarz mit glühenden Funken darin, dem nächtlichen Sternenhimmel meiner Mutter ähnlich.

"Eru zürnt dir wegen deiner Tat, deshalb ließ er dich durch Gwaihir hierher bringen, damit ich dich von den Folgen deines Handelns unterrichte." sagte er.
"Was ist mit Boromir? Lebt er, ist er wohlauf?", fragte ich ihn, denn mehr war für mich nicht von Bedeutung.
"Mir erscheint es jetzt wichtiger, was Eru für dein weiteres Schicksal bestimmt hat, dies sollte nun deine Sorge sein.
Du hast eigensinnig und überheblich gehandelt! Du hattest kein Recht einem Menschen deine Lebenskraft zu schenken!"
"Oh, Vater, du solltest doch besser als jeder andere wissen, zu welchen Entscheidungen man aus Liebe fähig ist! Ich wäre nicht hier, wenn nicht auch du gegen Erus Willen gehandelt hättest!", entgegnete ich ihm. Ich wurde zornig, weil ich von ihm mehr Verständnis erwartet hatte. Doch mein Zorn verrauchte, als ich in seine Augen sah – es waren keine Anschuldigungen darin, keine Wut, nur Traurigkeit.
"Verzeih' mir Vater, ich weiß, dass ich unrecht gehandelt habe, aber ich liebe Boromir, so wie du meine Mutter liebst. Und um sein Leben zu retten, würde ich jede Strafe riskieren; es wäre mir gleich.
Nur bevor du mir berichtest, welche Bestrafung Eru für mich vorgesehen hat, sag mir wie es ihm geht. Ich bitte dich."
Langsam kam mein Vater auf mich zu und schloss mich in seine Arme. "Er lebt, meine Tochter.", sagte er und löste sich sanft aus der Umarmung, um mir in die Augen zu sehen. "Ulmo führte das Boot, in dem er ruhte, den Anduin hinab und brachte ihn auf Erus Geheiß zu den grauen Anfurten. Dort wurde er Círdan übergeben, dass er über ihn wache, bis der dunkle Herrscher vernichtet oder Mittelerde untergegangen ist."
"Soll das bedeuten, dass er nicht zu seinen Gefährten und seinem Volk zurückkehren darf, bis der Krieg entschieden ist?", fragte ich ihn. Diese Aussicht erschreckte mich, da ich wusste welche Qual es für Boromir bedeuten würde untätig zu warten.
"Elehin, er starb in der Verteidigung zweier Hobbits, nachdem er versucht hatte dem Ringträger den Herrscherring zu entreißen. Die Gefahr ihn zurück zu senden, obgleich seine Freunde und seine Familie ihn für tot halten, ist zu groß."
Es tat weh, doch ich wusste, er sprach die Wahrheit. Da ich erst auf die Gemeinschaft am Amon Hen getroffen war, als Boromir seine letzten Atemzüge tat, wusste ich nichts von dem, was zuvor geschehen war.
Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass Boromir wieder dem Ring verfallen würde? Wel-che Auswirkungen würde seine unerwartete Rückkehr von den Toten auf alle anderen Mit-streiter im Kampf für das Gute haben? Würden sie ihn womöglich als ein grausames Spiel Saurons erachten?
Zu viele Fragen, auf die es keine Antworten gab.

"Und nun sag mir, welche Strafe Eru für mich vorgesehen hat.", bat ich ihn, unsicher darüber was mich erwarten würde.
Manwe wandte den Kopf ab, damit ich die Tränen in seinen Augen nicht sehen konnte und sagte: "Nie wieder darfst du Aman verlassen und nie wieder Kontakt zu Elben oder Menschen haben. Nur hier, in der Heimstätte der Valar darfst du dich aufhalten."
Der Schock traf mich tief, nun verstand ich Vaters Tränen. Bis zum Ende aller Zeiten sollte ich in einem goldenen Käfig gefangen sein. Ich würde Boromir nie wieder sehen, sollte nie wieder mit den Elben singen, nie mehr mit den Menschen auf Jagd gehen oder mit den Hob-bits das Leben genießen. Mein Vater wusste um meine Liebe zu all diesen Dingen, meinen Drang nach Freiheit und meine Neugierde auf alles Neue und Unbekannte. Er wusste, wel-chen Schmerz mir diese Zukunft bereiten würde.
Doch hatte ich nicht gesagt, dass es mir gleichgültig wäre, welche Strafe ich riskierte, solange nur Boromir am Leben bliebe? Wie konnte ich mich also widersetzen?
"Welche Konsequenzen hat Eru vorgesehen, sollte ich seinen Anordnungen zuwider handeln?"
Er antwortete: "Solltest du jemals wieder einen Fuß auf Mittelerde setzen oder ein Wort wechseln mit Elb oder Mensch, wird Eru die Lebenskraft, die du Boromir geschenkt hast für sich zurückfordern – er würde sterben. Niemals zuvor hat ein Valar seine Macht mit einem Sterblichen geteilt und so vermag niemand vorherzusagen, wie lange Boromirs Leben währen mag."
Eru hatte die Strafe wohl gewählt, denn wie konnte ich sein Leben aufs Spiel setzen, da ich es doch gerade erst gerettet hatte.

So blieb ich also auf dem Taniquetil und meine Tage waren einsam und leer. Die einzige Freude, die es für mich gab, waren die Nachrichten der Valar und Maiar, die immer noch Mittelerde besuchten. Sie berichteten mir von den Geschehnissen in Rohan und Gondor und meine Freude wandelte sich in Trauer und Furcht.
Auch Gwaihir, der König der Adler, zählte zu den Boten, die ich ausschickte, um Nachricht von Boromirs Befinden zu erhalten. Wie ich befürchtet hatte, litt er schrecklich unter der Untätigkeit, die ihm aufgezwungen wurde. Es schmerzte mich zu wissen, dass er nun für meine Tat so leiden musste, dabei wusste er selbst nicht einmal davon, denn er hatte keine Erinnerung an das, was geschehen war, nachdem ihn die Pfeile der Orks getroffen hatten. Die Elben hatten ihn zwar davon unterrichtet, dass er gestorben und wieder zu den Lebenden zurückgekehrt sei, doch erklärten sie dies als eine wundersame Gabe Erus. Nun, in gewisser Weise traf dies auch zu.

So vergingen die Stunden des Tages für mich mit Warten auf Nachrichten über den Ausgang des Krieges. Und die Tage erschienen länger als gewöhnlich...

Alte Ängste

Doch schließlich kam er, der Tag auf den alle Bewohner Ardas gehofft hatten, der Tag, an dem der Herrscherring zerstört und Sauron mit ihm vernichtet wurde. Es bedurfte keiner Nachrichten, um uns dies mitzuteilen, wir spürten die Erschütterung, die das Auslöschen seiner Macht mit sich brachte. Und einige Zeit später ein weiteres kleineres Erbeben, als Saruman schließlich sein Leben ließ.

Die folgenden Wochen vergingen mit großen Feiern und Festlichkeiten – Mittelerde war gerettet! Und trotz meiner Isolation war es auch für mich eine Zeit der Freude, vor allem, da Boromir endlich in seine Heimat zurückkehren durfte. Über Gwaihir erfuhr ich, dass man ihn dort mit offenen Armen und voller Freude empfangen hatte, es war eine Zeit der Wunder und als eben solches erkannte man auch die Rückkehr Boromirs von den Toten. Am Anfang trauerte er noch um den Tod seines Vaters, doch das Glück über die Vermählung seines Bruders Faramir mit Éowyn und die Freude über Aragorns Krönung zum König von Gondor und Arnor, halfen ihm rasch darüber hinweg. Er selbst wurde zur rechten Hand König Elessars, wie sich Aragorn fortan nannte, zu seinem Heerführer und treuesten Berater.
Doch meine Freude über Boromirs Glück wurde getrübt durch die steigende Zahl von Schiffen, die unsere Gestade anliefen, denn immer mehr und mehr Elben verließen Mittelerde, um ihr weiteres Leben in Aman zu verbringen. Die Aussicht, dass Mittelerde bald ohne Elben sein sollte betrübte mich, denn so würde auch der besondere Glanz dieser Lande bald verblas-sen.
Galadriel, Elrond und sogar Frodo und Bilbo Beutlin trafen in Aman ein – bekannte Gesich-ter, doch ich durfte mich ihnen nicht einmal nähern. Einzig Gandalf blieb, um mir aus erster Hand zu berichten, was er gesehen und erlebt hatte.

Der Beginn des vierten Zeitalters zeichnete sich durch Frieden, Ruhe und Zufriedenheit aus – wie blind wir doch damals waren...
Beruhigt durch das Ende des dunklen Herrschers, bemühte sich keiner über die Folgen nachzudenken, die das Verschwinden des Bösen haben mochte. Niemand stellte sich die Frage, welche Auswirkungen die von Sauron und Saruman freigesetzten Energien gehabt haben mochten.

Doch wir sollten es bald erfahren, denn der Meister allen Übels war zurückgekehrt, Melkor war zurück!
Wie dies möglich war, fragt ihr euch? Sauron und Saruman waren Maiar, die große Macht innehatten, welche bei ihrer Vernichtung in Form von magischer Energie freigesetzt wurde. Die Folge war eine Erschütterung Eas, wodurch ein Riss im Gefüge der Welt entstand. Nur ein kleiner Riss, doch er reichte Melkor, um sich aus seiner Verbannung zu befreien.

Anfangs bemerkte niemand etwas davon und ich vermute, dass Melkor sich bewusst unauffällig verhielt, um erforschen zu können, wie sich die Welt in seiner Abwesenheit verändert hatte. Bald jedoch hörten wir von Unruhen auf Mittelerde – Orks griffen in Horden die Siedlungen der Menschen an, Warge streiften wieder durch die Wälder. Zuerst sahen wir es als Nachwirkungen des Ringkrieges an, doch viele Monate später drangen Berichte zu uns, die weitaus schlimmeres verhießen – Balrogs und Drachen waren gesehen worden!
Schließlich entschied mein Vater, dass es an der Zeit sei den Rat der Valar einzuberufen, um die Geschehnisse zu besprechen. Vier Jahre waren nun vergangen, seit der Eine Ring vernichtet worden war.
In der großen Halle auf dem Taniquetil kamen alle Valar und Maiar unter der Führung Manwes zusammen. Mein Vater erhob sich vor der Versammlung und sprach: "Meine Freunde, schlimme Kunde hat uns erreicht: die dunklen Geschöpfe Melkors sind nach Mittelerde zurückgekehrt und bringen Tod und Verwüstung über die Menschen. Lange waren diese Wesen von der Oberfläche der Welt verschwunden, doch nun kehren sie in einer Zahl zurück, wie wir sie seit Jahrhunderten nicht gesehen haben.
Doch schlimmer noch: Varda, meine Gemahlin, entdeckte bei der Pflege ihrer Sterne einen Riss im Gewölbe der Welt und so vermuten wir, dass Melkor selbst aus seiner Verbannung entkommen sein könnte!"
Rufe wurden laut: "Melkor? Wie kann das sein? Das ist nicht möglich! Er konnte nicht entkommen." Einige hatten sichtlich noch nichts von dem erfahren, was sich auf Mittelerde zutrug.
Mandos erhob als erster seine Stimme: "Welche Beweise gibt es für das, was du sagst? Denn es erscheint mir wenig wahrscheinlich, dass er wieder auf Arda weilt. Er bräuchte eine Festung, an der er Orks und Balrogs um sich versammeln und ein Nest, in dem er sein grässliches Drachengewürm züchten kann. Wo sollte er sich verbergen, ohne dass wir Notiz davon genommen hätten?", fragte er.
Manwe antwortete "Gwaihir und Orome durchstreifen derzeit Mittelerde auf der Suche nach besagtem Ort, denn es ist wahr, er benötigt eine Feste von der aus er seine dunklen Pläne ausführen kann. Und ich möchte auch Ulmo bitten, seine Geschöpfe nach ihm Ausschau halten zu lassen."
"Gerne will ich dies tun," erwiderte Ulmo "aber sollte es wirklich Melkor sein, wie gedenkst du seiner Herr zu werden?"
An dieser Stelle mischte sich Tulkas ein: "Wir werden seine Brutstätte des Bösen mit Tod überziehen und ihn in Ketten legen, wie wir es schon einmal getan haben!" Sein Gesicht sprühte vor Zorn gegen seinen alten Widersacher.
"Tulkas", sagte Mandos daraufhin, "ich schätze deinen Mut und deine Kraft, doch gewiss wird Melkor ein zweites Mal nicht so leicht zu fangen sein. Und überhaupt frage ich mich, ob es uns kümmern muss? Wir hatten uns von der Welt der Menschen und Elben gelöst, es sind ihre Probleme, sollen sie selbst eine Lösung finden."
Rot vor Zorn erhob ich mich von meinem Platz. "Ich kann nicht glauben, was ich da höre. Das kannst du nicht wirklich meinen, Mandos! Die Menschen mögen sich gegen Balrogs und Drachen behaupten, wie sie es schon vor Jahrhunderten taten, doch damals standen ihnen die Elben zur Seite. Die Zahl der Menschen allein ist heute zu gering, um gegen solche Feinde lange zu bestehen. Und selbst wenn sie die Kraft dazu besäßen, wer von ihnen könnte gegen Melkor bestehen?", schrie ich ihn an.
Mandos wandte sich ab und ignorierte meine Worte, als sei ich ein Kind, dass nicht verstehen kann wovon Erwachsene sprechen.
"Sieh mich an, Mandos! Schon lange bin ich kein Kind mehr. Ich gehöre zu den Valar ebenso wie du. Und ich halte es für unsere Pflicht den Menschen beizustehen, denn sonst wäre unsere Freude um Saurons Vernichtung umsonst, wenn er am Ende doch gewinnt und die Menschheit vernichtet wird!"
"Schweig, du undankbares Kind!" zischte er mir wutentbrannt entgegen. "Was weißt du schon von den Valar? Dein Leben verbrachtest du unter Menschen und Elben, als seiest du eine von ihnen. Und wie gedenkst du den Menschen zu helfen? Hast du die Strafe vergessen, die dir für dein schändliches Handeln gegen Erus Gebote auferlegt wurde? Wärst du bereit das Leben deines Geliebten zu opfern, um andere zu retten? Rede nicht vom Krieg, wenn du nicht selbst bereit bist zu kämpfen, mein Kind!" Sein hämisches Gesicht bei diesen Worten trieb mich zur Weißglut! Auch mein Vater und meine Mutter waren bei seinen beißenden Worten von ihren Plätzen aufgesprungen.
Doch bevor einer von uns etwas darauf erwidern konnte, kam Gwaihir durch eine Fensteröffnung hereingeschwebt und sprach: "Vergebt mir mein Eindringen, ihr Herren, aber ich bringe wichtige Kunde. Ich flog gerade über Angmar, als ich ein Brennen am Boden erblickte, dass kein Feuer sein konnte, da es von Dunkelheit durchzogen war. Als ich näher heranflog, erkannte ich, dass es eine Meute von Balrogs war, die sich um Nester junger Drachen scharrten.
"Angmar!" rief mein Vater. "Wir waren wahrlich blind, denn immer schon suchte sich das Böse jene Stätten, die schon einmal von der Dunkelheit beherrscht wurden.
Verzeih meinen Ausbruch, treuer Freund, bitte fahre fort mit deinem Bericht."
"Den Blicken der Balrogs wäre ich entgangen, da ich weit von ihnen entfernt blieb, doch die Drachen witterten meine Anwesenheit und schlugen Alarm. Eine Gestalt tauchte plötzlich auf, einem Menschen ähnlich, in schwarzer Gewandung und mit langem schwarzem Haar das ihm bis auf den Rücken fiel. Doch als ich seine Augen sah, wusste ich, dass es kein Mensch sein konnte – sie waren rot und leuchteten wie frisches Blut!
Er muss eine Sehkraft haben, wie sie sonst nur in meiner Sippe vorkommt, denn er entdeckte mich und rief: "Großer Adler, berichte deinen Herren, den Valar, dass Melkor zurückgekehrt ist! Sage Manwe, dass ich gekommen bin um Rache zu nehmen an allen Kindern Erus und auch an den seinen. Flieg und berichte!" Dies waren seine Worte und ich kam so schnell ich es vermochte, um sie euch zu berichten. Doch es schmerzt und betrübt mich sie auszusprechen."

Da war sie wieder, die alte Angst. Melkors Drohung galt erneut auch mir und ich sah die Furcht in den Augen meiner Mutter. Ich ging zu ihr und schloss sie in meine Arme. "Sorge dich nicht, Mutter. Er hat mich früher nicht bekommen, er wird es auch jetzt nicht schaffen." Doch ich war mir selbst dieser Worte nicht sicher.
"Nicht solange noch Kraft in mir ist!" Es war Tulkas, mein ewiger Beschützer, der neben uns stand und beruhigend seine Hände auf unsere Schultern legte. "Elehin hat recht, wir können nicht tatenlos herumsitzen und die Kinder Erus ihrem Schicksal überlassen. Wir müssen handeln!"
"Doch ich frage mich, ob Elehin immer noch so leicht dazu bereit ist?" Erneut verspritzte Mandos sein Gift. "Jetzt, da nicht nur das Leben deines Geliebten, sondern auch dein eigenes auf dem Spiel steht? Glaubst du wirklich, du wärst Melkor gewachsen und mutig genug?"

Das Maß war voll. Ich riss mich von Varda und Tulkas los und stand mit ein paar Schritten direkt vor Mandos. Nur weniger Zentimeter waren unsere Gesichter voneinander entfernt, als ich ihn am Hals packte und nah an mich heranzog. "Oh Mandos, ich bin froh, dass ich nicht über deinen Mut und deine Taten urteilen muss. Wie sollte man auch über&Mac226;Nichts’ urteilen?
Doch eines sage ich dir, ich werde mich Melkor entgegenstellen – ob ich ihm gewachsen bin oder nicht, mag die Zukunft zeigen. Und was das Leben Boromirs betrifft, so ist es ohnehin verwirkt, wenn niemand versucht Melkor aufzuhalten. Sein Leben vermag ich nicht zu retten, aber das Leben vieler anderer vielleicht. Stünde Boromir vor dieser Wahl, so würde er ebenso entscheiden wie ich.
Doch wenn du nicht mehr vermagst, als das wenige an Hoffnung, das wir haben schlecht zu reden, dann solltest du besser schweigen, bevor du zum Schweigen gezwungen wirst!"
Mit diesen Worten stieß ich ihn von mir, drehte mich um und verließ ohne ein weiteres Wort die Halle. Mein Weg führte mich zu meinen eigenen Räumlichkeiten und als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, brachen die Tränen hervor, die ich Mandos nicht hatte zeigen dürfen.
Ich brach auf meinem Bett zusammen und weinte und schluchzte vor Trauer, Wut und Verzweiflung: Gerade hatte ich den Mann, den ich liebte zum Tode verurteilt!

Neue Hoffnungen

Ich ging hinüber zum Fenster und blickte auf Arda, das mir so vertraut und jetzt doch so fremd und voller Gefahren schien. Zu vieles war geschehen in den vergangenen Jahren.
Hatte ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Oder waren es nur meine Arroganz und Eitelkeit, die durch Mandos Worte angefacht worden waren?
Ich dachte noch immer über diese Fragen nach, als plötzlich meine Mutter den Raum betrat. Sie stellte sich neben mir an das Fenster und sagte "Ich sehe die Tränen in deinen Augen und spüre den Zweifel, der dich bedrückt, doch glaube mir, du hast die richtige Wahl getroffen."
Ich war überrascht. "Du liest meine Gedanken und kennst mich besser als ich mich selbst, doch wie kannst du dir so sicher sein? Worin begründest du deine Überzeugung, wo sie mir doch fehlt?"
Sie lächelte mich an und antwortete: " Ich bin nicht nur eine Valie, sondern auch eine Frau, die die Liebe kennt. Auch ich verstieß einst gegen Erus Gebote, aus Liebe zu Manwe und ich bin froh, dass ich es tat." Bei diesen Worten streichelte sie zärtlich mein Gesicht und ich spürte die unendliche Liebe und Zuneigung, die sie für mich empfand. "Es schmerzt mich sehr, dich so leiden zu sehen und ich wünschte, es gäbe einen Weg dieses Leid von dir zu nehmen. Leider gibt es jedoch keinen.
Wenn du Valinor verlässt, wird Boromir sterben, doch bedenke: solltest du bleiben, werden auch einige der Valar zu deinem Schutz hier verweilen. Denke nur an Tulkas. Er liebt dich wie eine Tochter und er könnte nicht ertragen dich schutzlos zurück zu lassen, während er in Mittelerde kämpft. Mag sein Hass gegen Melkor auch noch so groß sein.
Könntest du ertragen, dass womöglich Menschen sterben müssten, nur weil ihnen Tulkas Kraft im Kampfe fehlte? Dafür kenne ich dich zu gut und ich weiß, dass du niemals das Le-ben eines Einzelnen über das Vieler stellen würdest."
"Deine Worte machen Sinn" sagte ich, "und doch peinigen mich Zweifel, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt."
"Du weißt, dass dem nicht so ist und es ist an der Zeit, dich deinem Feind und deinen Ängsten zu stellen. Es war dein Herz, dass in der Halle zu Mandos sprach und deinem Herzen hast du immer schon gehorcht – folge ihm auch jetzt!" Der Rat meiner Mutter war weise und wie sollte ich nicht ihren Worten folgen.
"Am Fuße des Berges haben sich bereits jene Valar und Maiar versammelt, die mit dir ge-hen wollen. Also beeile dich und geh zu ihnen."
"Was ist mit dir, Mutter, kommst du nicht mit uns?" fragte ich sie.
"Nein, mein Kind, ich werde bleiben, auch wenn ich dich nur ungern ziehen lasse. Mandos jedoch hat einige von seiner Meinung überzeugen können und so bleibe ich, um ihr Treiben im Auge behalten zu können. Wenn sie euch schon nicht helfen, dann sollen sie auch keine Gelegenheit bekommen euch zu schaden.
Nun geh mein Kind und nimm meine Liebe mit dir." Mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Stirn zum Abschied, schob sie mich sanft zur Tür und hinaus in mein Schicksal. Und so begab ich mich zu jenen, die vereint gegen Melkor kämpfen wollten.

Mein Vater, Eonwe, Yavanna, Aule, Orome, Tulkas und Gandalf warteten bereits auf mich. Ein trauriger Blick lag in den Augen Manwes, als er auf mich zutrat. "Verzeih mir, Elehin, doch ich darf dich nicht begleiten." sagte er und fügte rasch hinzu "Glaube mir, dürfte ich selbst entscheiden, ich folgte dir überall hin, selbst in die äußere Leere. Eru jedoch versagt es mir. Auch deine Mutter, Yavanna und Aule müssen bleiben, so lautet sein Befehl. Einzig Orome, Tulkas, Eonwe und Olórin erhielten seine Erlaubnis, wie er sie auch dir erteilt. Ja, Tochter, höre seine Worte aus meinem Mund:" und mit einem Mal veränderte sich seine Stimme, tief und dröhnend klang sie nun. "Elehin gestatte ich ihre eigene Wahl zu treffen, doch von den Folgen ihres Handelns sei sie nicht befreit. Der Weg steht ihr frei, doch die Strafe ist nicht von ihr genommen. Orome und Tulkas sollen sich nach Mittelerde begeben und alle Maiar, die sich ihnen anschließen wollen. Doch allen übrigen Valar, die ihren guten Absichten folgen möchten, sei der Weg dorthin verboten und versperrt."
Und wieder wuchs der Zweifel in mir. Meine Mutter hatte mir die Wahrheit verheimlicht, um meine Gefühle nicht zu verletzen, doch aus welchem Grund versagte mir Eru die Hilfe meiner Familie? Sollte es eine weitere Strafe für mich sein? Nein, diesmal durfte ich es nicht schlecht beurteilen, denn meine Mutter hatte weise gesprochen. Es mussten starke Mächte in Valinor verweilen, um uns auch hier unterstützen zu können. Außerdem gab es keinen Grund zur Klage, denn die stärksten und mächtigsten der Valar sollten den freien Völkern Mittelerdes beistehen.
Und auch Aule gab mir Hoffnung. "Mag sein, dass Eru uns versagt hat an einem Kampf ge-gen Melkor teilzunehmen, nicht aber unseren Verbündeten auf Mittelerde!" Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, denn er war sehr stolz, dass er eine Möglichkeit gefunden hatte zu helfen ohne sich Erus Befehl zu widersetzen. "Manwe schickt seine Adler zu deiner Unterstützung, Yavanna wird den Ents und ich den Zwergen eine Nachricht zukommen lassen, dass sie deinen Worten folgen und alles tun werden, was in ihrer Macht steht."

Die Hoffnung, die gerade noch zu schwinden drohte, wuchs wieder an. Für die Schlacht ge-gen Melkor war die Abwesenheit meiner Eltern ein schwerer Verlust, doch die Hilfe ihrer Gefolgschaft war von großem Nutzen für unsere gemeinsame Sache. Eine Frage musste aber noch beantwortet werden: "Es schmerzt mich sehr auf euch verzichten zu müssen, doch es freut mich Adler, Zwerge und Ents auf unserer Seite zu wissen. Was aber ist mit den Elben? Einige von ihnen haben sich nicht an die Valar gebunden und sind frei ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Werden auch sie uns folgen?" fragte ich.
Manwe antwortete darauf "Schon vor der Versammlung der Valar hatte ich die Führer der Elben zu einem Treffen gerufen, da ich bereits ahnte, wohin uns unser Weg führen würde. Nach der Versammlung beriet ich mich also mit ihnen über das, was nun zu tun ist. Es gab einige unter den Anführern, die anfangs nicht bereit waren zu helfen, da sie die Menschen nie oder nur wenig kennen gelernt hatten. Daher wollten sie unser Vorhaben nicht bereitwillig unterstützen."
"Wie also haben sie entschieden?" fragte ich und befürchtete das Schlimmste.
Er antwortete: "Bevor diese Wenigen endgültig ablehnen konnten, ergriffen Elrond und Galadriel das Wort. Sie berichteten von dem Mut, der Stärke und dem edlen Gemüt der Menschen. Frodo war bei ihnen und erzählte von den großen Taten der Menschen während des Ringkriegs. Ihr Enthusiasmus, aber auch ihre Wut über den Mangel an Ehrgefühl und Mitleid, den jene anderen Elbenführer zeigten, war deutlich zu spüren. Und so beschlossen schließlich alle gemeinsam, den Valar in den Krieg gegen Melkor zu folgen!"
Ich war überglücklich, als ich diese Botschaft hörte. Ohne die Elben Valinors standen unsere Chancen schlecht gegen Melkor und dessen Bestien zu bestehen. Mit ihrer Hilfe jedoch gab es neue Hoffnung für Mittelerde!

Die nächsten Tage dienten der Vorbereitung auf das, was vor uns lag. Proviant, Ausrüstung, Waffen, Pferde – alles musste für unsere Überfahrt vorbereitet und auf die Elbenschiffe gebracht werden. Es waren unruhige Tage, nicht nur wegen der Gefahren, die uns in Mittelerde erwarten würden, sondern auch, weil der gerade Weg nach Aman zum ersten Mal in entgegengesetzter Richtung befahren werden sollte. Círdan, der mit dem letzten Schiff Mittelerde verlassen hatte und nun die Aufsicht über sämtliche Schiffe führte, war deswegen sehr besorgt, doch er vertraute darauf, dass Manwe die Winde zu seinen Gunsten lenken würde.

Von der Überfahrt mit jenen magischen Schiffen kann ich euch nicht berichten, da ein ge-naues Wissen um den geraden Weg nicht für euch bestimmt ist. Nur soviel sei euch gesagt: der Abschied fiel allen – Elben wie Valar – äußerst schwer, denn die Furcht war groß. Zwei Wochen waren seit der Versammlung vergangen, als die Schiffe endlich aufbrachen und weitere fünf vergingen während der sturmumtosten Fahrt zu den grauen Anfurten. Círdan war sehr befriedigt über seine Künste als Seefahrer und darüber, dass Manwe sein Wort gehalten hatte, als schließlich alle 17 Schiffe das sichere Ufer erreichten.

Unser nächstes Ziel sollte Arnor sein, welches nun endlich wieder Teil des Königreiches von Gondor war und somit unter Aragorns Herrschaft stand. Von den Adlern hatten wir erfahren, dass er sich dorthin zurückgezogen hatte, um seine Truppen zu versammeln.
Mittelerde war zu einem gefährlichen Ort geworden und wir waren froh, dass wir über hervorragende Waffen und Rüstungen verfügten – geschmiedet von Elben unter Anleitung Aules. Am Tag unserer Abreise hatte Aule mir eine Ausrüstung übergeben, die er selbst angefertigt hatte, bestehend aus einem Brustharnisch aus gehämmertem Mithril, der exakt den Formen meines Körpers angepasst war. Dazu reichte er mir ein Schwert mit Scheide, in welche in elbischer Schrift die Worte "Nai calyuva i cala elenlya mordo" (Möge das Licht deines Sterns die Dunkelheit erhellen) eingraviert waren. Ein helles Strahlen ging von diesem Schwert aus, wie es die Sterne am Nachthimmel aussenden. Die Schwertscheide, wie auch die Jagdhose, die ich trug, waren aus dem Leder der weißen Rinder Oromes gefertigt.
Und auch die Pferde, auf denen wir ritten, waren besonderer Natur, denn es waren Mearas, Abkömmlinge von Oromes Hengst Nahar, auf dem er auch jetzt ritt. Gandalf wurde wie gewohnt von seinem treuen Freund Schattenfell getragen, der bei unserer Ankunft bereits in Mithlond wartete. Ich selbst bekam von Orome eine Stute, eine der ersten Töchter Nahars auf Valinor, die ihrem Aussehen entsprechend "Silberglanz" genannt wurde.

Am Mittag des zweiten Tages entdeckten wir eine Gruppe von Reitern am Horizont. Es galt Vorsicht zu wahren, denn schon an unserem ersten Tag hatten wir Spuren von Orks und auch von Balrogs am Ufer entdeckt. Scheinbar hatten sie an diesen Gestaden nach verbliebenen Elben gesucht. So schickten wir Späher aus, um zu erkunden, ob es sich um Freund oder Feind handeln mochte. Dabei waren die Adler, die uns begleiteten, von besonderer Bedeu-tung, da sie aus weiter Entfernung beobachten konnten, ohne selbst entdeckt zu werden. Landroval, Gwaihirs Bruder, kehrte als Erster zu uns zurück.
"Was hast du gesehen, mein Freund?" fragte Gandalf und Landroval berichtete. "Es ist eine große Schar Berittener, 150 Mann stark und sie tragen das Banner Gondors! Bestien des dunklen Herrschers vermag ich in ihrer Nähe nicht auszumachen."
"Vermutlich handelt es sich um eine Wachmannschaft aus Arnor, die diese Gegend kontrolliert. Ich denke, wir sollten uns ihnen nähern, denn bei den Gefahren, die vor uns liegen, brauchen wir jeden Verbündeten" riet Gandalf. Er hatte die Führung unserer Armee übernommen, da sonst kaum einer so gut mit den Wegen und der Landschaft Mittelerdes vertraut war wie er. Eonwe jedoch, als Manwes Herold, sollte in der Schlacht die Truppen befehligen, während Gandalf die Richtung vorgab und die Kontakte zu den Völkern Mittelerdes herstellte, mit denen er bestens vertraut und bekannt war.
So näherten wir uns also der Gruppe von Reitern, die euch mit einer Zahl von 150 sehr groß erscheinen mag, aber im Vergleich zu der Vielzahl an Elben, die uns folgte, winzig erschien.

Die Reiter kamen in Sicht, doch stand die Sonne mittlerweile ungünstig, denn sie blendete uns und erlaubte es nicht, die Gesichter der Einzelnen genauer auszumachen. Endlich schob sich eine Wolke vor die Sonne und ich sah einen einzelnen Mann an der Spitze des Trosses reiten. Direkt hinter ihm, an den Flanken seines Pferdes, zwei weitere Reiter, doch diese zwei waren keine Menschen, sondern ein Elb und ein Zwerg – Legolas und Gimli!
Doch die Anwesenheit der beiden erschütterte mich nur wenig, es war der Mann, der sie führte bei dessen Anblick mich eine Woge neu gewonnener Hoffnung überflutete und mein Herz vor Freude überquellen ließ. Ihr Anführer war Boromir!

Schicksal

Er war es tatsächlich! Doch wie war das möglich? Bei meinem ersten Gespräch mit den Elben hätte es nach Erus Worten Boromirs Tod bedeuten müssen. War all mein Zweifeln, meine Angst und meine Trauer umsonst gewesen? So schien es, denn noch während ich ungläubig starrend auf Silberglanz verweilte, stieg Boromir bereits von seinem Pferd, um seine Freunde zu begrüßen. Was machte ich mir unnötige Gedanken? Boromir lebte und die Erklärung dazu mochte warten!
So sprang ich vom Pferd und lief auf die Gruppe von Männern zu, die sich mit Umarmungen und freundschaftlichem Schulterklopfen gegenseitig willkommen hießen. Gandalf, Boromir, Frodo, Legolas, Gimli – und siehe da! aus den hinteren Reihen des Reitertrupps kamen zwei weitere kleine Gestalten angelaufen – Merry und Pippin gesellten sich zu ihren alten Freunden!
Außer Aragorn und Sam waren die Gefährten von einst nun wieder vereint und ihre Wiedersehensfreude war entsprechend groß.
Langsam ging ich auf sie zu, um ihre enge Gemeinschaft nicht zu stören, doch Gandalf bemerkte mich, griff mich am Arm und zog mich in die Gruppe seiner Freunde. Fröhlich wurde ich begrüßt von Legolas, den ich von meinen Besuchen im Düsterwald gut kannte und auch von Gimli, denn auch bei den Zwergen des Einsamen Berges war ich wohl bekannt. Selbst Merry und Pippin hießen mich als Mitstreiterin willkommen. Einzig Boromir, dessen Umarmung ich mehr als alles andere ersehnte, sah mir nicht einmal in die Augen. Er wandte sich von mir ab und Gandalf zu. "Wir haben jetzt keine Zeit für derlei Freundschaftsbekundun-gen." sagte er barsch und fuhr dann etwas sanfter fort "So sehr ich mich freue euch alle wiederzusehen, doch es gibt wichtigeres zu besprechen. Das Böse ist erneut unterwegs, doch wie ich sehe, wisst ihr bereits davon. Warum sonst solltet ihr eine so große Streitmacht mit euch füh-ren. Ihr hattet Mittelerde verlassen und es scheint mir kein gutes Zeichen, dass ihr zurückge-kehrt seid."
"Leider ist es das auch nicht." antwortete Gandalf. "Wir kamen in so großer Zahl zurück, um einen Krieg zu führen, einen Krieg gegen einen Feind schlimmer und dunkler noch als Sau-ron! Morgoth, der schwarze Feind, treibt sein Unwesen auf Mittelerde! Wir sind hier, um uns ihm entgegenzustellen und freuen uns über jeden Verbündeten, der sich uns anschließen möchte in diesem Kampf."
"Morgoth!" schrie Boromir und es stand Furcht in seinen Augen. "Das ist schrecklicher, als alles was wir befürchten konnten. Aber es erklärt all die Schrecken, die wir gesehen haben – Balrogs, Drachen und auch die Bestien, die schon Sauron über uns brachte. Es erklärt die Verwüstungen und die Angst unter der Mittelerde leidet."
"Verzeih Boromir, doch hier und jetzt ist keine Gelegenheit diese Dinge zu besprechen. Der Tag neigt sich dem Ende und wir haben noch viele Meilen vor uns, bevor wir Arnor errei-chen, denn dorthin führt uns unser Weg." sagte Gandalf.
"Auch wir befinden uns auf dem Weg dorthin, denn wir wurden ausgeschickt, um zu erforschen wo die Quelle des Übels liegt und zu sehen, ob noch immer Elben an den grauen Anfurten verweilen, die bereit wären uns mit ihrer Weisheit zu helfen. Doch nun habe ich beide Antworten zugleich erhalten, denn wie mir scheint, begleiten euch sämtliche Elben, die die grauen Anfurten je erblickt haben!" lachte er. "So lasst uns gemeinsam reisen. Aragorn wird sich freuen euch in Annúminas begrüßen zu können, denn dort ließ er seine Truppen sammeln. Scheint es doch so, als käme die Gefahr diesmal aus dem Norden."
Pippin mischte sich nun ins Gespräch ein, zu Frodo gewandt sagte er: "Freu dich, Frodo, denn wenn wir dort sind, wird unsere Gemeinschaft wieder vollzählig sein! Dein treuer Freund Sam ist bereits dort. Und er wird sich ebenso freuen dich wiederzusehen wie wir." Mit diesen Worten fielen sich die Hobbits einmal mehr in die Arme und man hörte Frodo unter einem Anflug von Tränen wispern "Sam, mein guter alter Sam. Also werde ich ihn doch noch ein-mal sehen können. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet."
Merry und Pippin hatten sich der Gruppe um Boromir angeschlossen, als diese auf dem Weg nach Mithlond das Auenland durchquerten. Sam hatte schon zuvor Beutelsend verlassen, um Aragorn zu besuchen und diesen nach einer Erklärung für die offensichtliche Aufrüstung zu einem Krieg zu befragen, die sie in ihrer Umgebung bemerkt hatten. Wie Merry und Pippin berichteten, waren sie zurückgeblieben, um die Sicherheit des Auenlandes zu gewährleisten und im Falle einer stärkeren Bedrohung König Elessar informieren zu können, denn auch die sonst so friedliche Heimat der Hobbits war bereits von Orks heimgesucht worden.
Schließlich erhob Eonwe seine Stimme: "Ich freue mich, dass alte Bande neu geschlossen werden, doch es bleiben uns nur noch wenige Stunden Tageslicht. Steigt auf eure Pferde und setzt eure Unterhaltung auf dem Wege fort!" Als Herold Manwes war Eonwes Stimme geübt darin über jeglichen Lärm hinweg zu donnern. Sie erreichte das Ohr eines jeden und gebot seinen Worten zu folgen.

So setzten wir unsere Reise fort und ich lauschte den Gesprächen der Menschen, die mir von den Untaten Melkors berichteten. Über ganze Dörfer, die vom heißen Atem der Drachen niedergebrannt worden waren, von Männern und Frauen, die von Orks verschleppt und gefoltert wurden, von Kindern, die den Peitschen der Balrogs erlegen waren. Ich selbst sprach nicht viel, zu sehr quälten mich die Erzählungen, die ich zu hören bekam. Und immer wieder glitten mein Blick und meine Gedanken zu Boromir, der meine Anwesenheit offensichtlich nicht wahrnehmen wollte. Wann immer ich mein Pferd neben ihn lenkte, ließ er sich zurückfallen oder trieb sein Pferd stärker an, als wollte er meine Nähe vermeiden.

Als es dunkel wurde, suchten wir uns einen Platz um zu rasten und ein Lager aufzuschlagen. Unsere Zahl war groß und so war es schon recht spät, als wir endlich eine ausreichend große Wiese gefunden hatten, die zudem noch auf drei Seiten von Wald begrenzt wurde, während die vierte Seite zur Straße hin offen lag. Ein Feuer wurde entfacht und eine Abendmahlzeit bereitet. Nach dem Essen wurde dann erneut geredet, hauptsächlich über die Geschehnisse in Mittelerde, da Gandalf sich weigerte mehr von seinem Wissen preiszugeben, bevor Aragorn ebenfalls davon hören konnte. Ich verließ das Lager, denn ich hatte genug von den Geschichten über Leid und Tod – wir würden selbst noch genug davon zu spüren bekommen – und begab mich zu den Pferden. Sie waren an der Westseite der Bäume in Reihen angepflockt worden, nur Nahar, Silberglanz und die übrigen Mearas bewegten sich frei, wie es ihre Natur war. Als ich mich den Pferden näherte kam Silberglanz auf mich zu getrabt und leckte mir die Hand – wir waren mehr als nur Reiter und Ross, wir waren Freunde geworden.
Während ich den Hals der Stute streichelte, bemerkte ich Boromir, der die Reihen der Pferde entlang ging und schließlich bei seinem nachtschwarzen Hengst stehen blieb. Ich ging zu ihm.
"Ein herrliches Ross. Wie ist sein Name?" fragte ich.
Boromir erschrak, denn er hatte nicht bemerkt, dass ich mich genähert hatte. "Sein Name ist Nachtstern." sagte er und wandte sich zu gehen.
"Weshalb?" fragte ich.
"Weshalb was?" gab er verwirrt zurück.
"Weshalb wendest du dich von mir ab? Hast du vergessen, dass wir einander kennen? Du behandelst mich, als sei ich eine Fremde oder gar ein Freund des Feindes. Ich würde gerne die Gründe dafür erfahren, denn dein Verhalten schmerzt mich."
"Es schmerzt dich?!" schrie er mich an. "Bevor du mich nach meinem Verhalten fragst, solltest du deines erst begründen! Du bist nicht die einzige die Schmerz empfindet!"
"Wie meinst du das?" fragte ich ihn, erschüttert über diesen unerwarteten Ausbruch von Zorn.
"Glaubst du, es hat mir keine Schmerzen bereitet, als du plötzlich verschwunden warst? Nach dem Untergang Saurons kehrte ich nach Gondor zurück, doch du warst nicht dort und niemand wusste wohin du gegangen warst. Man erzählte mir, du habest Gondor am selben Tag verlassen, an dem ich nach Bruchtal aufbrach.
Ein Jahr lang durchstreifte ich danach Mittelerde auf der Suche nach dir, doch ich konnte dich nicht finden und auch sonst gab es keine Nachricht von deinem Verbleiben.
Und mit einem Mal stehst du vor mir, begleitet von einem riesigen Elbenheer und all jenen an deiner Seite, die Mittelerde in Richtung Aman verlassen hatten. An deiner Seite reiten drei Krieger, die weder Elb noch Mensch sind und die selbst Gandalf gebieten."
"Was erwartest du nun von mir?" fragte ich und unter Tränen sagte ich: "Gerne würde ich dir sagen wo ich mich aufhielt und wer ich bin, dass ich solch mächtige Wesen meine Freunde nenne, doch leider kann ich es nicht." Es schmerzte mich so sehr nicht offen sein zu dürfen zu dem Mann, den ich liebte.
"Wieso kannst du es nicht?" er klang jetzt sehr traurig und enttäuscht. "Doch wahrscheinlich liegt es an mir, denn ich hatte nach unserer gemeinsamen Zeit in Gondor geglaubt, dass uns mehr verbindet als nur Freundschaft. Offensichtlich habe ich mich geirrt." Unendlicher Schmerz lag in seiner Stimme und noch bevor ich etwas erwidern konnte, wandte er sich ab und lief zum Lager zurück.
Verstört blickte ich ihm nach und dachte "Oh Eru, warum quälst du uns so? Immer wieder führt mich mein Weg zu ihm und doch dürfen wir nicht zusammen sein. Selbst jetzt nicht, da er seine Gefühle für mich offenbart hat. Warum verwehrst du uns, was selbst den einfachsten und ärmsten aller Völker erlaubt ist – zu lieben und geliebt zu werden? Ist es mein Schicksal auf ewig allein zu bleiben?"
"Nein!" entschied ich. "Das werde ich nicht akzeptieren!"
Auf meinen Pfiff hin kam Silberglanz herbeigeeilt. Schnell sprang ich auf ihren Rücken, um Boromir zu folgen, er sollte endlich die Wahrheit über mich erfahren!

Weit kam ich nicht, denn das Schicksal schlug erneut zu und diesmal besonders hart. Ich war nur wenige Schritte weit geritten, als der Nachthimmel über mir sich feuerrot färbte. Wie ein Scherenschnitt auf rotem Grund zeichnete sich die Silhouette eines riesigen Drachen ab.
Alles geschah daraufhin unglaublich rasch und völlig unerwartet: ein Dutzend Drachen durchschnitten den Himmel und ließen ihr Feuer auf uns niedergehen, Warge und Orks brachen sich Bahn durch die umgebenden Bäume, gefolgt von der schrecklichsten aller Kreaturen Melkors - Balrogs.
Melkor hatte uns seinen Willkommensgruß entsandt!
Schreie wurden laut und überall im Lager wurde Alarm geschlagen. Der Feind hatte uns überrascht, doch wir waren nicht unvorbereitet, da wir seit unserer Ankunft einen Angriff befürchteten. Jeder einzelne trug seine Waffen ständig bei sich und jetzt war die Zeit gekommen sie zu benutzen.
Geschwind wendete ich Silberglanz und lenkte sie zurück zu den angepflockten Pferden, die vor Angst halb wahnsinnig waren. So schnell ich es vermochte befreite ich sie von ihren Fesseln. Auf Valarin sprach ich zu ihnen und meinem Befehl gehorchend beruhigten sie sich und rannten in gestrecktem Galopp auf das Lager zu, zurück zu ihren Herren. Alles was sich ihnen in den Weg stellte, trampelten sie nieder, sei es Ork oder Warg.
Ich bestieg erneut Silberglanz und eilte wie vom Wind getragen und mit gezücktem Schwert auf die Kämpfenden zu. Ein Ork stellte sich mir in den Weg, doch bevor er noch seine Axt heben konnte, hatte ich seinen Kopf vom Rumpf getrennt. Ähnlich erging es auch drei Wöl-fen, bis ich mein Ziel erreicht hatte.
Es war ein schrecklicher Anblick, der sich mir bot: am Himmel attackierten die großen Adler die verletzbare Unterseite der Drachen, mit kläglichem Erfolg, denn viele Adler verloren in dieser Nacht ihr Leben. Unterstützt wurden sie von den Elben, die hunderte von Pfeilen in die Nacht schossen.

Doch endlich hatten wir Erfolg! Gwaihir hatte sich in den Bauch eines Drachen verkrallt und hackte wutentbrannt mit seinem Schnabel auf die Herzgegend ein. Schließlich ergoss sich ein Schwall von Blut und dem Drachen entrang sich ein letzter Schrei.
Doch unser Erfolg wurde zu unserem Leid. Gwaihir hatte sich zwar schnell und ohne Gefahr vom Drachen befreien können, doch das herabströmende Blut traf viele der am Boden stehenden Elben und Menschen. Viele starben unter Qualen an diesem glühend heißen Gift.

In der Nähe des Lagerfeuers tobte der schlimmste Kampf – drei Balrogs waren dort angetre-ten und kämpften gemeinsam gegen meine Freunde.
Eonwe und Orome kämpften gegen einen der Balrogs und es wahr offensichtlich, dass er ihrer Übermacht nicht lange würde standhalten können.
Tulkas, der nie eine Waffe außer seinen Händen gebrauchte, rang mit der zweiten Bestie, scheinbar unempfindlich gegen die Flammen, die dem Untier entströmten. Und trotz der mächtigen Flammenpeitsche, konnte sich der Balrog mit der Kraft des mächtigen Valar nicht messen.

Legolas feuerte einen Pfeil nach dem anderen auf den dritten näherkommenden Balrog ab, Gandalf schleuderte ihm Feuerbälle entgegen, Gimli erwehrte sich der glühenden Peitsche mit seiner Axt, wie Boromir mit seinem Schwert. Sie waren es, die am meisten meiner Hilfe bedurften und so eilte ich zu ihnen. Zwischen Boromir und Gimli baute ich mich auf, um sie mit meinem Schwert zu unterstützen. Boromir, der links von mir stand, bewegte sich auf die Bäume zu, um den Balrog von hinten anzugehen. Den Rücken zum Wald gerichtet, bewegte er sich auf das Untier zu und so sah er nicht, was plötzlich hinter ihm durch die Bäume brach. Ein vierter Balrog kam direkt auf Boromir zu und holte bereits mit seiner Peitsche zum Schlag aus!
Panik durchflutete mich und ein unbändiger Hass auf Melkor und seine abstoßenden Kreaturen. Und da geschah es: ein strahlend weißes Feuer entströmte meinem Körper und hüllte mich in gleißendes Licht. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das Monster. Es schien mir, als hätte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren. Ein blendend weißer Feuerball schoss aus meiner Hand direkt auf den Balrog zu, bei dessen Berührung er in tausend Stücke zersprang, die als feiner Staub zu Boden rieselten. Doch die Kugel aus Licht wurde dadurch nicht gebremst, sie flog weiter, beschrieb einen Bogen an den Bäumen hoch und in den Himmel hinauf. Dort oben zersprang sie und entlud sich in Strahlen heller als die Sonne. Den Drachen, die von den Strahlen getroffen wurden, erging es wie dem Balrog und ihr Staub regnete auf unsere Köpfe nieder, während die Adler unbeeinflusst von dem auf sie treffenden Licht weiter ihre Kreise durch die Nacht zogen. Wie ein Feuerwerk wirkte das kurze Aufglühen, das erschien, wann immer ein Strahl auf einen Drachen traf und selbst die Adler leuchteten in einem silbrigen Glanz.
Verwirrt verfolgte ich das Schauspiel, das sich mir bot und langsam verblasste das Feuer, das mich umhüllte und mit ihm meine Kraft – bewusstlos glitt ich zu Boden.

Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, fand ich mich auf einer weiten, grünen Ebene, auf einem Stein sitzend wieder. Bis zum Horizont gab es nichts weiter als saftiges grünes Gras zu sehen, es schien weit und breit niemand da zu sein.
"Wo bin ich hier und wie kam ich hierher?" fragte ich mich. Und eine tiefe, dröhnende Stimme antwortete in meinem Kopf: "Dein Körper ist in Sicherheit bei deinen Freunden, es ist nur dein Geist, der in meiner Welt verweilen kann."
"Und wer bist du? Wo befindet sich deine Welt?" fragte ich die Stimme.
"Du weißt wer ich bin!" hörte ich die Antwort und ja, ich wusste es. Es war die Stimme Erus, die zu mir sprach! "Meine Welt ist überall!" sagte er und mit einem Mal tauchte ein kleiner Hobbit vor mir aus dem Nichts auf. Von seiner äußeren Erscheinung hätte es sich um einen Verwandten Frodos oder Bilbos handeln können, denn seine Gesichtszüge ähnelten den ihren. Auch die Kleidung, die er trug, war typisch für Hobbits in Grün- und Brauntönen gehalten. Einzig seine Augen zeigten deutlich, dass er kein Halbling war und auch sonst keinem lebenden Wesen ähnlich, denn sie waren silberfarben und glänzten wie ein Spiegel. Doch als ich in diese Augen blickte, war es nicht mein Spiegelbild, das ich dort sah, sondern Ea – die Gesamtheit seiner Schöpfung.
"Es wird leichter für dich sein, mit einer Gestalt zu sprechen, die dir vertraut erscheint, denn es gibt vieles über das wir reden müssen.
Du hast viele Fragen und es ist an der Zeit, dass du Antworten darauf erhältst. Also lege Furcht und Verwirrung ab und frage!"
Und wirklich, alle Angst war von mir gewichen und ich fühlte mich ruhig und sicher.
"Aus welchem Grund hast du Boromirs Leben verschont? Weshalb hast du die Strafe, die du mir auferlegt hattest nicht wahr gemacht?" fragte ich ihn also. Es war die Frage, die mir so sehr am Herzen lag.
"Strafe verdient nur jener, der Unrecht handelt. Als du Boromir ins Leben zurück holtest, hast du aus Egoismus und Eigennutz gehandelt, denn es war nicht um seinetwillen, dass du ihn retten wolltest. Einzig um deinetwillen wolltest du sein Leben retten, da du nicht ertragen wolltest ohne ihn zu sein." antwortete Eru. Und er sprach die Wahrheit, denn in jenem Moment durchlebte ich erneut, was ich damals bei Boromirs Tod gefühlt hatte. Wut, Zorn, Einsamkeit und Angst waren die Quelle meines Handelns gewesen.
"So hatte ich doch eine Bestrafung verdient. Weshalb aber hast du ihn verschont? Weil ich es war, die das Unrecht begangen hat und er frei war von jeder Schuld?"
"Ja, auch aus diesem Grund, denn ich konnte ihn für dein Verhalten nicht leiden lassen. Doch auch dich konnte ich nicht länger strafen, nachdem du dich entschieden hattest den Völ-kern Mittelerdes im Kampf gegen Melkor zu Hilfe zu eilen. Diese Entscheidung fälltest du uneigennützig und aus Liebe zu meinen Kindern. Du warst bereit deine Liebe zu opfern zum Wohle anderer – solch edles Handeln musste ich belohnen, daher erlaubte ich dir zu deiner Liebe zurück zu kehren." In seiner Stimme lagen Zuneigung und Wärme und ich war glück-lich, dass er mir vergeben hatte.
"Doch du hast noch eine andere Frage. Stelle sie!" sagte er.
"Woher kam die Kraft, die ich im Kampf gegen den Balrog freigesetzt habe? Das gleißende Licht? Und weshalb habe ich nicht wie alle anderen Valar eine spezielle Gabe oder eine bestimmte Verantwortung? Weshalb hält mich das Schicksal von dem Mann, den ich liebe fern?" die Fragen sprudelten aus mir heraus, zu lange hatte ich sie mir schon selbst gestellt und auf eine Antwort gewartet.
"Dies sind nur Teile der Frage, die du mir eigentlich stellen willst. Sprich aus, was dich dein Leben lang bedrückte. Stell die eine Frage, die alles beinhaltet, was du zu erfahren wünschst."
Ich überlegte kurz, welche Frage er meinen könnte und mir wurde schnell bewusst, dass ich sie kannte. Ein Rätsel, das ich mein Leben lang nicht zu lösen vermocht hatte.
"Gut", sagte ich "dann verrate es mir: Wer oder was bin ich wirklich?"
"Ja, endlich erkennst du, worum es tatsächlich geht. Und ich will dir deine Frage beantworten, so wie ich es versprach.
Du weißt bereits, dass du dich von den übrigen Valar unterscheidest, die alle über eine spezielle Fähigkeit oder Gabe verfügen. Manwe befiehlt den Winden, Varda herrscht über die Sterne, Yavanna über die Pflanzen, Ulmo über die Gewässer; einem jeden von ihnen ist eine bestimmte Macht überantwortet. Auch du verfügst über eine eigene Macht, doch ist sie dir bisher noch nicht bewusst geworden.
Deine Eltern gaben dir den Namen Elehin, der in der Sprache der Menschen "Sternenkind" bedeutet. Die Elben Mittelerdes nennen dich manchmal Meneliëll, Himmelstochter. Und auch ich gab dir einen Namen, in jenem Moment, als deine Mutter dich empfing – er lautet Bal-lira."
"Mächtiges Lied?" fragte ich. "Wieso nanntest du mich&Mac226;Lied’?"
"Weil es das beschreibt, was du bist." antwortete er. "Die Valar sind die einzelnen Töne oder eine einzelne Melodie, doch du bist die Summe all dessen – das Lied, das ihnen ent-springt. Hast du nie bemerkt, dass du über ihre Fähigkeiten genauso verfügst wie sie selbst? Das du wie Ulmo den Flüssen befehlen kannst oder den Wind beeinflusst, wie dein Vater es tut?"
Warum hatte ich es nie bemerkt? Allzu oft hatte ich getan, wozu sonst nur die Mächtigsten fähig waren. Als ich Boromir auf dem Anduin treiben sah, befahl ich dem Fluss ohne nachzudenken und er folgte meinem Befehl. Nie hatte ich wirklich bemerkt wozu ich fähig war, es schien mir selbstverständlich.
"Ja", sagte ich, "seit jeher verfügte ich über ihre Gaben. Und ich wäre mir dessen womög-lich nie bewusst geworden, hättest du es nicht laut ausgesprochen."
Bei diesem Gedanken überkam mich plötzlich Furcht, als mir die volle Bedeutung seiner Worte klar wurde und so fragte ich: "Aber wenn alle Kräfte der Valar in mir sind so müsste auch Melkors Melodie mein Wesen bestimmen. Auch das Dunkle und Böse wäre dann ein Teil von mir."
"Es mag dir hart erscheinen," sagte er, "doch es ist wahr. Auch du trägst den Samen von Zerstörung und Dunkelheit in dir. Es ist Teil deines Wesens."
Ich wollte aufschreien, wollte ihm sagen, dass das nicht wahr sein könnte. Meine Erinnerung jedoch hielt mich zurück, denn ich dachte zurück an jene Momente, an denen ich angefüllt war mit Wut und sogar Hass gegenüber Eru und seinen Gesetzen. Wie konnten mich derartige Gefühle übermannen, wenn sie nicht zu mir gehörten. Oder sollte ich Sauron ähnlich sein, der von der Musik des Bösen verführt worden war?
"Muss ich nun fürchten, dass ich ein ähnliches Schicksal wie Sauron erleide? Dem dunklen Fürsten verfalle und mich abwende vom Guten?" Der Zweifel nagte an mir, denn wie konnte ich mich jetzt noch meiner Gefühle und Entscheidungen sicher sein?
"Zuerst höre die ganz Wahrheit, bevor du dich deinen Ängsten ergibst." antwortete Eru. Seine Stimme beruhigte mich und ich nickte, damit er fortführe. "Ich sagte dir bereits, dass auch du über eine spezielle Gabe verfügst und sie ist einzigartig unter den Valar. Deine Macht ist die der Gefühle, aus ihnen gewinnst du deine Kraft. Als du Boromir vor dem Balrog bewahrtest, war dies nur möglich durch deine Emotionen. In deinem Innersten sammeltest du Liebe, Hass und Angst und wandeltest sie um in magische Energie, mit der du die Feinde vernichten konntest. Dies ist die Gabe, die ich dir schenkte. Nur durch diese Fähigkeit warst du überhaupt in der Lage Boromir ins Leben zurück zu bringen, kein anderer Valar hätte dies vermocht.
Doch deine Stärke ist auch deine Schwäche. Schließlich erlebst du nicht nur positive, sondern auch negative Gefühle und damit bist du immer wieder in der Gefahr ihnen zu erliegen. Melkor weiß über deine Schwäche und aus diesem Grund versucht er seit jeher dich in die Hände zu bekommen. Nicht allein um den Valar zu schaden, auch weil er hofft dich zu einer starken Mitstreiterin an seiner Seite formen zu können."
"Doch wie kann ich mich dagegen wehren?" flehte ich zu wissen. "Wie kann ich vermeiden, dass die Dunkelheit auch mich verschlingt? Sauron erlag ihr, wie auch Saruman, der einst gut war und selbst Boromir war ihr schon einmal nicht gewachsen."
"Nur eines kann ich dir noch mitteilen, dann sind meine Antworten für dich erschöpft: es ist dein Schicksal, die Entscheidung in diesem Kampf zwischen Dunkelheit und Licht herbeizuführen! Deine Macht wird entscheiden, ob das Gute oder das Böse den Sieg davonträgt - so bestimmt es dein Schicksal. Doch für welche Seite du dich entscheiden wirst, liegt einzig bei dir.
Mehr werde ich dir nicht sagen, denn es ist Zeit, dass du zu den deinen zurückkehrst."

Entscheidungen

Plötzlich wurde es dunkel um mich herum und Erus letzte Worte klangen wie in einem Traum. Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem Bett liegend wieder. Woran lag es bloß, dass ich, wann immer ich das Bewusstsein verlor, in einem fremden Bett erwachte? Doch diesmal befand ich mich nicht in Valinor und es war nicht mein Vater, der mich von einem Stuhl neben der Lagerstatt leise beobachtete. Es war Gandalf, der lächelte, als er sah, dass ich wach war.
"Endlich bist du wieder bei uns!" sagte er fröhlich. "Es hat auch lange genug gedauert. Wie geht es dir?"
"Mir geht es gut." sagte ich. "Doch es würde mir noch besser gehen, wenn ich wüsste, wo ich bin und wie lange ich eigentlich geschlafen habe."
"Dann kann ich für Besserung sorgen." grinste Gandalf. "Du bist in Annúminas, in Aragorns Palast und wir haben drei Tage darauf gewartet, dass du wieder zu Bewusstsein kommst."
"Drei Tage?" fragte ich schockiert. "Es kam mir nicht so lange vor. Doch scheinbar vergeht die Zeit in dieser Welt anders." grübelte ich laut vor mich hin.
"Was meinst du mit&Mac226;dieser Welt’? Warst du in einer anderen?" Gandalf schien besorgt zu sein.
"Ja und nein. Während ich schlief, war ich bei Eru und sprach mit ihm. Es war seine Welt in der ich mich befand, doch ist seine Welt ja auch die unsere. In seiner Nähe jedoch scheinen Raum und Zeit nicht mit dem überein zu stimmen, was uns bekannt ist.
Davon möchte ich aber jetzt lieber nicht sprechen. Sag mir lieber, was geschehen ist, nachdem ich das Bewusstsein verlor. Wie geht es Boromir?"
"Nun gut, berichte mir von deinem Erlebnis, wann immer es dir recht erscheint." Er schien verwirrt über meine Worte und hätte wohl gern mehr erfahren, wollte mich aber nicht drän-gen. "Nachdem du den Balrog und sämtliche Drachen vernichtet hattest, versuchten die Orks mit ihren Warge zu fliehen. Sogar die Balrogs traten den Rückzug an, deine Tat hatte ihnen allen große Angst eingejagt. Die Valar töteten zwei der Balrogs, doch der dritte konnte ent-kommen. Bei den Orks gab es nahezu keine Überlebenden, den deine Magie hatte die Kamp-feslust der Elben und Menschen erneut angefacht und so verfolgten sie jeden einzelnen bis sie ihn niedergestreckt hatten."
"Ich sah, dass auch einige unserer Männer getötet wurden durch das giftige Blut des Drachen. Wie viele unserer Freunde haben wir zu betrauern?" Die Frage schmerzte mich, doch ich musste es wissen.
"Siebzig unserer Mitstreiter verloren ihr Leben durch die Bestien Melkors. Sie wurden ehrenvoll bestattet – Menschen wie Elben – und wir werden unsere Chance nutzen Melkor für diese Grausamkeit zu bestrafen." zischte er wütend. "Wenn du dich wieder wohl genug fühlst, werden wir heute in Aragorns Saal eine Versammlung abhalten, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen.
Doch genug davon! Du hattest nach Boromir gefragt. Jeden Tag war er hier an deiner Seite, um über dich zu wachen. Vor einer Stunde schickte ich ihn schließlich weg, damit er selbst auch ein wenig Ruhe finden möge. Ich versprach ihn zu benachrichtigen, wenn du wieder zu dir kommst und das sollte ich nun auch erfüllen." Er erhob sich von seinem Stuhl und verließ das Zimmer und überließ mich meinen Gedanken. Wie konnte ich ihm sagen, was Eru mir mitgeteilt hatte? Ich wusste ja selbst nicht, wie ich mit diesem Wissen umgehen sollte. War es denn überhaupt möglich, dass ich alles vergessen könnte, all die Liebe, die ich für Elben und Menschen empfand, und mich dem dunklen Lord unterordnen würde?
Diese dunklen Gedanken verdrängte ich jedoch schnell, denn Gandalfs Worte kamen mir in den Sinn: Boromir hatte an meinem Bett gewacht! Sollte das bedeuten, dass er mich doch liebte trotz der Zweifel, die er meinetwegen ertragen musste? War das möglich?
Meine Entscheidung bestand nach wie vor: Boromir musste erfahren, wer ich wirklich bin! Auch die Zweifel, die Erus Worte in mir geweckt hatten, vermochten daran nichts zu ändern.

Die Tür öffnete sich schließlich und Boromir trat zu mir ans Bett. Wie froh ich war ihn zu sehen. Er nahm meine Hände und küsste sie sanft. "Ich bin glücklich, dass du wieder unter uns weilst." sagte er. "Es tut mir leid, was ich bei den Pferden zu dir gesagt habe, denn ei-gentlich ist es nicht wichtig, wo du warst oder wer du wirklich bist. Nur unsere Gefühle für-einander sind von Bedeutung! Aus Angst um mich hast du den Balrog vernichtet und wenn ich auch nicht verstehe, was dort geschehen ist, so weiß ich doch, dass es ein Zeichen deiner Zuneigung zu mir war. Zumindest hoffe ich das." Den letzten Satz sprach er leise und unsi-cher, schließlich hatte ich ihm meine Liebe bisher nicht gestanden.
"Du brauchst nicht mehr zu hoffen, du sollst wissen, dass es aus Liebe zu dir geschah. Und aus Liebe zu dir, will ich dir auch sagen, was du an jenem Abend zu erfahren wünschtest." Und so erzählte ich ihm alles. Über meine Abstammung, meine Zeit in Valinor, meine Wanderungen durch Mittelerde. Auch das was ich von Eru erfahren hatte verschwieg ich ihm nicht. Doch als ich ihm von jenem Tag berichtete, als er sein Leben verlor und ich es ihm wiedergab, standen Tränen in seinen Augen.
"Nie hätte ich zu hoffen gewagt, dass ein so mächtiges Wesen wie du sein Herz für mich öffnen könnte. Doch du hast mir nicht nur einen Platz in deinem Herzen erlaubt, sondern es sogar mit mir geteilt. Ich schäme mich für den Zweifel, den ich an deinen Gefühlen hatte, denn keine Frau hätte jemals so viel für einen Mann geopfert, wenn sie ihn nicht liebte.
Wie aber kann ich dir jemals bezeugen, dass ich ebenso viel für dich empfinde, wie du für mich? Wenn du einen Beweis für meine Liebe verlangst, so nenne ihn. Ich werde tun, was immer du verlangst."
"Nein, Boromir, das ist nicht nötig" sagte ich. "Deine Worte allein sind mir Beweis genug. Ich bin zufrieden zu wissen, dass meine Abstammung und meine Fähigkeiten dich nicht erschrecken und du bereit bist zu mir zu stehen. Mit dir zusammen zu sein, ist alles, was ich mir je erträumt habe."
Es schien, als wollte er das Thema noch nicht beenden, doch ich zog ihn sanft zu mir hinab und versiegelte seine Lippen mit einem Kuss. Mehr als vier Jahre hatte ich gehofft und gewartet, dass dieser Moment kommen würde und nun, obwohl ich wusste, dass uns noch viel Schlechtes bevorstand, genoss ich diesen Augenblick. Eonwes Eintreffen jedoch unterbrach abrupt unser erstes zärtliches Beisammensein: "Verzeiht mir, Herrin." sagte er. "Doch die Zeit drängt, denn die freien Völker Mittelerdes sind nun bereit. Der Rat wird einberufen.
Gandalf berichtete, dass ihr wieder bei Kräften seid, daher bitte ich euch mir zu folgen."

Und so begaben wir uns auf den Weg zu Aragorns Halle, zu einer Versammlung, wie sie nie zuvor und niemals danach wieder gesehen wurde. König Elessar saß auf seinem Thron; der Elendilmir, das Zeichen seiner edlen Abstammung, leuchtete auf seiner Stirn, sein Schwert Andúril an seiner Seite. Neben ihm, auf der linken Seite, saß Arwen, seine wunderschöne Braut. Boromir, als sein Stellvertreter und Berater, nahm an seiner rechten Seite Platz.
In einem großen Kreis waren all die anderen versammelt, die Vertreter und Gesandten der freien Völker:
Orome und Tulkas für die Valar, Eonwe und ich für die Maiar, da ich mich noch immer nicht als Valie zu erkennen geben durfte. Für die Istari waren Gandalf und Radagast zugegen.
Die Elben wurden repräsentiert von Legolas und seinem Vater Thranduil aus Eryn Lasgalen, wie der Düsterwald nunmehr genannt wurde. Aus Imladris waren Elronds Söhne Elladan und Elrohir angereist, gefolgt von Celeborn, der nach Bruchtal gegangen war, nachdem Galadriel Lórien verlassen hatte. Lórien wurde daher durch Haldir und seine beiden Brüder vertreten, während Galadriel, Elrond und Gildor für die Elben Amans sprechen sollten. Ja selbst die Elben, die schon einmal in Mandos Hallen verweilten, hatten einen Vertreter erwählt – Glorfindel – da er selbst vor langer Zeit schon den Weg des Todes der Elben über Mandos Hallen gegangen war und auch wie sie jetzt die Erlaubnis erhalten hatte, nach Mittelerde zurückzukehren.
Die Elben hatten, trotz ihrer hohen Zahl, nur zwei Vertreter entsandt. Gimli und Thorin III. sollten für die Zwerge aus Aglarond, des Erebor und der Eisenberge das Wort führen.
Für die Hobbits standen Merry, Pippin und Sam, zu denen sich auch noch Frodo gesellte. Bilbo war aufgrund seines fortgeschrittenen Alters in Aman geblieben.
Von den großen Adlern waren Gwaihir, Landroval und Meneldor mit uns gekommen. Und selbst die Ents waren dem Aufruf der Valar gefolgt und wurden nun durch Fangorn, den ältesten und weisesten ihrer Art, vertreten.
Auch die Könige und Herren der Menschen waren zugegen. Neben den bereits erwähnten, waren dort Faramir aus Ithilien, Éomer aus Rohan und Bard III. aus Thal.
Diese einzigartige Gemeinschaft war hier zusammengekommen, um eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, über das Leben, die Zukunft und das Schicksal Mittelerdes!

Verbündete

Aragorn erhob sich. "Ich heiße die Vertreter der freien Völker in meiner Halle willkommen! Leider ist es kein fröhlicher Anlass, der uns hier zusammenkommen lässt, sondern die Furcht vor einem erneuten Dunkel, das uns bedroht.
Und obschon ich König dieser Lande bin, so sind unter uns Wesen von weit höherer Macht und Weisheit als der meinen, daher überlasse ich es ihnen das Wort zu führen. Und so bitte ich Eonwe, den Abgesandten Manwes, den Vorsitz dieser Versammlung zu übernehmen."
Mit einer Geste deutete er auf Eonwe, der sich daraufhin erhob.
"Ich danke dir, Elessar." begann er. "Im Namen des Herrn der Valar will ich zu euch sprechen. Auch ich bin erfreut zu sehen, dass alle Völker dem Ruf Elessars und der Valar gefolgt sind, um gemeinsam über die Zukunft Mittelerdes zu beratschlagen. Denn eine neue Gefahr, schrecklicher noch als Sauron, bedroht alles Leben. Melkor, den ihr Morgoth nennt, ist aus der äußeren Leere entkommen und nach Mittelerde zurückgekehrt!"
Wie jedes Mal, wenn der Name des Bösen fiel, ging ein Raunen durch die Versammelten, Ausdruck von Verblüffung und Furcht.
"Ja, es ist wahr." fuhr Eonwe fort. "Der Meister Saurons ist zurück und bringt erneut Tod und Zerstörung über uns. Vier Jahre lang hielt er sich in seiner Feste Carn Dûm in Angmar verborgen, um seine finsteren Pläne zu schmieden. Das Reich des Hexenkönigs ist wieder in den Fängen der Dunkelheit. Dort versammelt er die Sklaven der Finsternis um sich: Orks, Trolle, Warge, Balrogs und Drachen. Welches Ausmaß seine Macht in dieser Zeit angenommen hat, vermag keiner zu sagen."
An dieser Stelle ergriff Éomer das Wort: "Vergebt mir, Herr, dass ich euch unterbreche, doch ihr erwähntet Morgoth Pläne. Wisst ihr bereits, welcher Art diese sind?"
Daraufhin erhob sich Galadriel, das Abbild von Schönheit und Anmut unter den Elben, doch an jenem Tag gezeichnet von seelischem Schmerz. Mit einem Nicken gebot ihr Eonwe zu sprechen. "Ich kenne die Antwort auf deine Frage, Éomer, König von Rohan, denn sie war und ist immer die gleiche, alle Zeitalter der Welt hindurch. Melkor sinnt auf Zerstörung, auf die endgültige Vernich-tung aller Schönheit und allen Lebens.
Erinnert ihr euch an die Lieder Beleriands, die das Leid beschreiben, das jener dunkle Herrscher über uns brachte? Viele von uns" und dabei deutete sie auf die Elben, die uns aus Aman gefolgt waren. "erlebten diesen Schrecken und bekämpften ihn." Trauer, aber auch Zorn waren in ihrer Stimme, da die alten Erinnerungen geweckt worden waren.
"Es ist genug, Galadriel." besänftigte Eonwe. "Die Menschen hier sind zu jung, um die Schrecken Morgoth zu kennen und ich wäre glücklicher, könnten sie auf ewig von diesem Wissen frei bleiben. Doch diese Hoffnung ist umsonst, denn auch sie werden sich der Gefahr stellen müssen.
Es ist nun an euch, den freien Völkern, zu entscheiden, ob ihr kämpfen oder untergehen wollt, denn das Schicksal der Welt legte Eru in eure Hände."
"Oh, nein," dachte ich. "in meine Hände legte er es. Doch welche Hilfe wäre es, wüsstet ihr von seinen Worten?"
Aragorn erhob sich nun wieder. "Meine Freunde!" sagte er. "Ich denke es ist an der Zeit ein letztes Bündnis einzugehen, ein Bündnis nicht nur zwischen Elben und Menschen, sondern zwischen allen Völkern Mittelerdes im Kampf gegen das Böse!
Und so frage ich euch: seid ihr bereit für unser Leben und unsere Freiheit zu kämpfen und zu sterben?"
Ein Sturm brandete durch die Menge, alle sprangen von ihren Sitzen und reckten ihre Waffen gen Himmel, nicht einer war darunter, der sich nicht der Menge anschloss. Sie riefen "Ja, auf in den Krieg!" und "Gemeinsam strecken wir selbst Morgoth nieder!". Viele Schreie in die-sem Sinne wurden ausgestoßen. Und obwohl es mein Herz erfreute, ihren Mut zu spüren, er-füllte mich doch auch Traurigkeit. Waren sie sich der Gefahr wirklich bewusst? Wussten sie, dass es die Dagor Dagorath war, die ihnen bevorstand? Die Schlacht der Schlachten und wohl auch die letzte Schlacht, die Arda für immer verändern würde.

Die Kampfeslust der Anwesenden nahm überhand und so bedeutete ich Eonwe mit einem scharfen Seitenblick sie wieder zur Ruhe und zur Vernunft anzuhalten. Erneut bewies Eonwe, dass er des Amtes als Herold meines Vaters würdig war, als er sich in die Menge der Krieger begab und für alle vernehmbar sprach: "Beruhigt euch, meine Freunde! Ich ehre euren Mut und eure Tapferkeit, doch dies allein wird nicht reichen, um Morgoth und seine Heerscharen zu besiegen."
Stille trat ein und viele verunsicherte Gesichter wandten sich ihm zu. Schließlich trat Boromir zu ihm und sagte "Nein, Herr, ihr habt Recht. Mut und Tapferkeit sind nicht die einzigen Mittel, die wir benötigen, um gegen einen solch mächtigen Feind zu bestehen. Im Kampf werden uns diese Eigenschaften von größtem Nutzen sein, doch noch hat der Krieg nicht begonnen. Bevor wir unsere Waffen schärfen, sollten wir unseren Verstand und unser Wissen bemühen, um Pläne zu schmieden, wie wir dem dunklen Feind entgegentreten wollen."
Und erneut wurden die Stimmen in der Halle lauter und die Verwirrung auf den Gesichtern einiger noch deutlicher. Bard III. war es, der aussprach was alle dachten. "Verzeiht mir, doch ich hatte angenommen, dass die edlen Herren aus Valinor unsere Führung übernehmen würden. Sie, die sie den Feind besser kennen als jeder andere in diesem Raum. Schon in vergangenen Zeitaltern kämpftet und siegtet ihr gegen ihn. Und so bitte ich euch also: Leitet und führet ihr uns auf unserem Weg zum Sieg!" Mit den letzten Worten beugte er das Knie, um den Valar seine Ehrerbietung zu erweisen.
"Nein!" donnerte Tulkas plötzlich. "Keiner von euch soll sich vor uns verbeugen oder uns in irgendeiner anderen Form zu Diensten sein! Wir sind nicht als Herrscher hierher gekom-men, sondern als Verbündete in einer Schlacht gegen einen gemeinsamen Feind. Würden wir euer Geschick leiten, so wären wir nicht anders als Melkor und ihr nicht mehr als die sklavi-schen Orks, die ihm folgen. Was euch von ihnen jedoch unterscheidet, ist eure Freiheit euer Handeln selbst zu bestimmen. Lenkten wir euer Schicksal, so würdet ihr diese Freiheit verlie-ren und uns eine Macht überantworten, die uns nicht zusteht und derer wir auch nicht verlan-gen.
Es ist an euch allein, euer weiteres Vorgehen zu entscheiden! Lenken werden wir euch nicht, doch unser Wissen und unsere Erfahrung stehen euch zur Verfügung. Unser Platz ist an eurer Seite, jetzt wie auch in der Schlacht."
"Weise sind die Worte der Valar." sagte Boromir. "Denn nicht ohne Grund nennen wir uns die&Mac226;freien’ Völker Mittelerdes und diese Freiheit ist es schließlich, für die wir kämpfen wollen. Herr Eonwe sprach ebenso weise, was das Schmieden von Plänen betrifft, denn wir können nicht einfach nach Angmar marschieren und hoffen den Feind auf seinem eigenen Gebiet zu überrumpeln. Nur wenig wissen wir über seine Truppen, deren Stärke und Verteilung. Und auch das wiedererrichtete Carn Dûm, die Hauptstadt des Übels, ist uns völlig fremd. Doch scheint es, dass wir tief in das Herz der Stadt vordringen müssen, um Morgoth zu erreichen, sollte er sich dort aufhalten. Unser oberstes Ziel sollte es daher sein, zu ergründen, wo er sich befindet, wie stark die Besatzung ist, die ihn schützt und welche Wege dorthin führen. Es ist fraglich, ob unsere Kraft ausreicht, um zuerst die Verbündeten Morgoth zu besiegen und uns danach noch ihm selbst zu stellen. Richten wir unser Augenmerk aber zuerst auf ihn, werden nach unserem Sieg die überlebenden Feinde ein Leichtes sein."
"Du willst also Späher aussenden, um den Widersacher zu beobachten, wenn ich dich rich-tig verstehe?" fragte Gandalf. "Ein guter Plan, doch leider scheint er nicht durchführbar. Wir sandten bereits Adler aus, um Angmar auszukundschaften, doch die Drachen, die das Land bewachen, entdeckten sie sehr schnell, so dass wir nur spärliche Informationen erhielten. Dieser Weg ist uns daher versperrt. Wir wissen aber, dass er einen starken Verteidigungsring um das Land gezogen hat, der von einer Unzahl seiner Soldaten kontrolliert wird. Weder zu Luft noch zu Land können wir uns nähern ohne sofort entdeckt zu werden und es ist noch ein langer Weg, bis man Carn Dûm erreicht. Wir würden zu viele Leben riskieren, wollten wir nach einer Schwachstelle in dem Wall suchen und bis in die Stadt vordringen. Solltest du oder ein anderer einen Pfad in dieses verfluchte Gebiet kennen, so wäre ich allerdings erfreut davon zu erfahren."
"Für Kundschafter ist mir kein Durchgang bekannt." antwortete Boromir. "Doch als solcher gedenke ich auch nicht hinein zu gelangen, sondern als einer der ihren!"
Alle Gesichter wandten sich ihm zu. Späher nach Angmar zu entsenden klang für alle zugleich nach einer Hoffnung, aber auch nach unendlicher Gefahr. Doch Boromir fuhr unbe-irrt fort. "Von Éomer und Faramir weiß ich, dass viele Menschen aus dem Osten und dem Süden nach Angmar aufgebrochen sind. Und selbst aus Gondor und Rohan ziehen einige zu ihm, jene, die den alten Kult Númenors, der Melkor verehrte, nicht vergessen hatten. Unter dem Deckmantel dieses Kultes könnten wir unbehelligt bis in das Zentrum der Dunkelheit gelangen.
Einige der Elben aus Aman wissen sicherlich mehr von der Verehrung Melkors auf Númenor und könnten dieses Wissen mit uns teilen, um damit die Täuschung perfekt zu machen."
"Dein Plan birgt viele Gefahren." zweifelte Gandalf. "Doch ich denke, dass er uns gute Möglichkeiten eröffnet. Nur wenige wären nötig, um ein solches Unterfangen durchzuführen, doch der Nutzen, den es uns brächte, wäre groß. Wer aber soll diese waghalsige Reise auf sich nehmen?"
Darauf erwiderte Boromir "Keiner kann zu einer solchen Aufgabe gezwungen werden, daher hoffte ich, dass es Freiwillige geben würde, die bereit dazu wären. Leider ist es nur den Menschen möglich sich dem Bösen zu nähern, da weder Elben, Zwerge noch eines der anderen Völker je zu seinen Untertanen zählte.
Sollte sich also dieser Rat hier für mein Vorhaben entscheiden, so will ich der erste sein, der sich meldet.
Und ich frage euch: Wer von euch würde mit mir kommen?" Die Frage ausspre-chend, wandte er sich den Führern der Menschen zu.

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich die Worte "...so will ich der erste sein, der sich meldet" aus seinem Mund vernahm. Der Mann, den ich liebte wollte in die Brutstätte des Bösen vordringen und ich konnte und durfte ihm nicht einmal folgen. Nein, diesmal gab es keine Möglichkeit heimlich mit ihm zu gehen, denn meine Anwesenheit würde ihn und alle, die mit ihm gingen in allergrößte Gefahr bringen.
Gerade erst hatten wir zueinander gefunden und obwohl mir bewusst war, dass es keine Aussicht auf ein friedliches gemeinsames Leben gab, bevor Melkor nicht besiegt war, war ich doch nicht bereit mich jetzt schon wieder von ihm zu trennen.

Nur am Rande bemerkte ich die Zustimmung der Versammelten und wie sich einige, darunter sein Bruder Faramir, ebenso wie Éomer, seinem Vorhaben anschlossen. Man beschloss, in den Heeren der Menschen nach weiteren Freiwilligen zu suchen und in drei Tagen abmarsch-bereit zu sein. Bevor schließlich alle die Halle verließen, um ihren zugeteilten Aufgaben der Vorbereitung nachzugehen, sprach Orome noch ein paar abschließende Worte. "In drei Tagen machen sich die Menschen auf den Weg nach Angmar und Carn Dûm, um das Lager des Bö-sen auszukundschaften und nach Schwächen zu suchen, die uns helfen könnten Morgoth zu vernichten. Helfen wir ihnen also, soweit es unsere Kräfte vermögen.
Manchmal, so scheint es, muss sich das Licht mit der Dunkelheit verbünden, um danach umso heller zu erstrahlen!"



Verräter

Allein blieb ich in der Halle mit meinen Gedanken zurück, während alle anderen ihren Aufgaben nachgingen. Die Anführer der Menschen suchten nach weiteren aus ihren Reihen, die bereit wären dies Wagnis einzugehen, die Elben Amans sollten sie bei ihrem Vorhaben durch ihr Wissen über den alten númenorischen Kult unterstützen. Meine Verwandten, die Valar, sollten ihnen mit ihren Kenntnissen über Melkor selbst zur Seite stehen, alle übrigen waren mit der Beschaffung von Waffen, Ausrüstung, Proviant und der Suche nach einem geeigneten Pfad beschäftigt. Mir war keine Aufgabe übertragen worden und da es ausreichend Helfer für die einfacheren Tätigkeiten gab, ging ich nicht mit ihnen.
Nach einer Weile untätigen Herumsitzens begab ich mich hinaus auf die große Terrasse, die um die Versammlungshalle herum verlief. Auf der Südseite des Gebäudes mündete sie in ei-nen kleinen Garten, dessen Gewächse, wie ich später erfuhr, von Sam angepflanzt und ge-pflegt worden waren. Eine steinerne Bank befand sich dort, am Rande eines Fischteichs. Dort ließ ich mich nieder und betrachtete den Sternenhimmel über mir, denn die Nacht war bereits hereingebrochen.
Die Sterne meiner Mutter erfüllten mein Herz mit Sehnsucht nach Valinor und meiner Familie, denn hier war es mir kaum möglich ich selbst zu sein. Was man hier in mir sah, schien keinen Nutzen zu bringen, für das, was vor uns lag. Umso mehr lasteten die Worte Erus auf mir, dass meine Entscheidungen das Schicksal dieser Völker bestimmen sollten. Wer war ich denn schon, dass mir solche Macht zustünde, wenn nicht einmal der Mann meines Herzens seine Pläne mit mir teilen wollte? Auch das beschäftigte mich, während ich dort saß und den Duft der Blumen einatmete – warum hatte Boromir mich nicht eingeweiht? Er musste doch wissen, wie sehr es mich schmerzen würde ihn in solche Gefahr ziehen zu lassen.
Doch womöglich war ich zu hart ihm gegenüber, denn wir hatten nur wenig Zeit füreinander gehabt, bevor wir in die Versammlung berufen worden waren. So mag es sein, dass es keine Gelegenheit für ihn gegeben hatte mit mir darüber zu sprechen. Später hatten ihn seine Verpflichtun-gen davon abgehalten. Nicht noch einmal wollte ich selbstsüchtig handeln oder auch nur den-ken, denn die Strafe Erus dafür hatte ich bereits kennen gelernt. Auch fürchtete ich, mit der-artigen Gedanken vielleicht schneller der Macht Melkors zu verfallen.
Lange noch saß ich auf jener Bank und dachte über meine Rolle in diesem Kampf der Mächte nach.
Schließlich hörte ich Schritte, die sich mir näherten.
"Ich hatte nicht erwartet, dich noch hier zu finden, obwohl ich gehofft hatte noch mit dir sprechen zu können." Es war Boromir, der sich zu mir an den Teich setzte und mir den Arm liebevoll um die Taille legte.
"Es tut mir leid, dass ich dich in der Halle so überraschen musste mit meiner Entscheidung, ich wusste, sie würde dir nicht gefallen." fuhr er fort. "Daher behielt ich sie für mich, denn nur du hättest meinen Entschluss zum Wanken bringen können. Doch ich musste es tun."
"Kennen wir einander schon so gut, dass wir die Gefühle und Reaktionen des anderen vorhersagen können?" fragte ich ihn.
"Wir teilen uns ein Herz – können sich Liebende näher sein als das? Und lag ich mit meinen Befürchtungen denn so falsch?" gab er zurück.
"Nein." sagte ich. "Du hattest Recht damit. Hätte ich zuvor davon gewusst, so hätte ich versucht dich zurückzuhalten, da ich dir nicht folgen darf. Doch wären mir deine Gründe bekannt, die dich scheinbar zu deinem Handeln zwingen, würde ich deinen Entschluss vielleicht verstehen oder könnte ihn zumindest leichter akzeptieren."
Er setzte sich rittlings auf die Bank, um mich in seine Arme schließen zu können, meinen Kopf an seine Schulter gelehnt, flüsterte er "Du solltest wissen, dass es nur gute und wichtige Gründe sein können, um mich von dir zu trennen, denn seit unserer ersten Begegnung damals in Gondor liebe ich dich." Er wandte den Kopf, blickte mir in die Augen und küsste mich zärtlich.
"Warum gehst du dann?" fragte ich verzweifelt.
"Unseretwegen." antwortete er. "Und auch um meiner Selbst willen. Ich träume von unserer gemeinsamen Zukunft, in der wir ohne Kämpfe in Frieden leben, doch Morgoth steht diesem Traum im Wege. Zu wissen, dass, solange er existiert, keine Hoffnung auf eine Zeit voller Glück und Zufriedenheit besteht, weil dein Leben ständig bedroht sein würde, kann ich nicht ertragen. Und mein Verstand sagt mir, dass es nur diesen einen Weg gibt, um meinen Traum wahr werden zu lassen.
Außerdem will ich das Monster mit eigenen Augen sehen, dass jene so hasst, die ich so sehr liebe. Ich will den Schrecken deiner Jugend erblicken und eine Möglichkeit finden ihn zu vernichten, damit du endlich frei sein kannst von der Angst, die er verbreitet!
Aber auch für mich selbst will ich es tun, denn der Schandfleck auf meiner Seele, den ich erhielt, als ich damals auf dem Amon Hen der Macht des Herrscherrings erlag, brennt tief und lastet schwer auf mir. Wie kann ich dich, ein Wesen von solcher Reinheit wahrhaft lieben, wenn immer wieder die Furcht in mir auflodert, dass ich erneut dem Schatten verfalle? Ich muss nach Angmar gehen, um mir selbst zu beweisen, dass das Gute in mir stärker ist, dass ich dem Dunkel widerstehen kann!"
Nun schloss ich ihn fester in meine Arme. "Ich verstehe nun." sagte ich. "Die damaligen Geschehnisse mit Frodo und dem Ring belasten dich sehr. Und so sehr ich auch glaube, dass du bisher schon zur Genüge gezeigt hast, dass du auf der Seite des Lichts stehst, hilft es doch wenig, wenn du nicht selbst überzeugt bist. Nicht gerne lasse ich dich gehen, doch wenn es für die Heilung deiner Seele notwendig ist, habe ich keine andere Wahl." Tränen stiegen in mir auf, doch ich wusste, dass ich ihnen nicht freien Lauf lassen durfte. "Meine Angst um dich ist groß, doch was wäre es für eine Liebe, wenn ich dich nicht unterstützte in allem was dir wichtig erscheint."
"Ich danke dir." hauchte er in mein Ohr. "Und bedenke, noch verbleiben uns drei gemeinsame Tage." Wieder zog er mich an sich und küsste mich erneut, leidenschaftlicher noch als zuvor.

Die drei Tage vergingen wie im Fluge und schnell war das Wenige, das wir an Zeit füreinan-der, neben den Vorbereitungen für die Reise, hatten, verbraucht. Der Tag des Abschieds war gekommen. Stolz stand Boromir neben seinem schwarzen Hengst, sein dunkles Haar glänzte in der Sonne und seine Augen funkelten in Erwartung dessen, was vor ihm lag. Sein Bruder Faramir, der ihm so ähnlich und doch so anders war, stand neben ihm und verabschiedete sich von seiner Gemahlin Éowyn. Boromir trat zu mir, nahm mich in seine kräftigen Arme und küsste mich auf die Stirn. "Vergiss nicht, was ich dir in der letzten Nacht versprach." flüsterte er, unhörbar für alle Umstehenden. "Ich werde dem Bösen widerstehen und zu dir zurückkehren. Zweifle nie daran!" Nach einem letzten Kuss zum Abschied sprang er auf sein Pferd und ritt ohne ein weiteres Wort davon.

Wieder blieb ich allein zurück und mein Herz schmerzte vor Sehnsucht und Angst um ihn. An der Seite seines Bruders ritt er dahin, in der Maske eines Verräters seines Volkes, in ein ungewisses Schicksal.
Éowyn trat schließlich zu mir und legte mir tröstend eine Hand auf die Schulter. "Du bist nicht allein in deinem Schmerz, Elehin." sagte sie. "Denn ich fühle ebenso wie du. Sooft ei-nen das Schicksal auch trennen mag, von jenen, die man liebt, wird es doch nie leichter es zu ertragen." Es schien, als hätte ich nach langen Jahren endlich eine Freundin gefunden, die nachempfinden konnte, welche Qual ich durchlebte. War doch auch sie eine Schildmaid, die lieber ihrem Gatten in den Krieg folgen würde, als einsam zurück zu bleiben.
Gemeinsam gingen wir zum Palast Aragorns zurück, uns gegenseitig tröstend über den gleichen Kummer.

Die Tage vergingen und immer öfter mussten wir uns der Angriffe der Orks erwehren, die das Land überschwemmten. Melkors Macht wurde spürbar größer, doch Nachrichten unserer Kundschafter blieben weiterhin aus. Zwei Wochen waren seit ihrer Abreise vergangen, als die Träume anfingen. Die Stunden des Tages waren bereits schrecklich genug, verbrachte ich sie doch mit Warten und Bangen auf Neuigkeiten von Boromir und seinen Gefährten, doch nun wurde ich auch noch in meinen Nächten gequält. Unheilvolle Träume suchten mich heim, in denen ich miterleben musste, wie Boromir von den Sklaven Melkors gefangen genommen und gefoltert wurde. Jede Nacht durchlebte ich diese Schrecken, doch waren sie nicht immer gleich, denn mit dem Fortschreiten der Tage, verschlechterte sich auch der Zustand Boromirs.
In der dritten Woche seiner Abwesenheit durchlebte ich den schlimmsten aller Alpträume: wie zuvor fand ich mich im Schlafe in den Verliesen Angmars wieder - kalt, dunkel und feucht waren sie. Ich sah Boromir, der an einer Wand des Kerkers angekettet war. Grausam hatten sie sein Gesicht zerschlagen und seinem Körper Wunden zugefügt. Doch statt der Orks, die zuvor die Foltermeister meines Geliebten waren, trat in dieser Nacht Melkor hervor! Er schien direkt vor mir zu stehen und mir in die Augen zu blicken. Schließlich sprach er: "Siehe Ele-hin, deine Liebe ist mir nicht länger verborgen und ich weiß sie zu meinem Vorteil zu nut-zen!" Mit diesen Worten erhob er eine Peitsche, holte aus und zog sie knallend über Boromirs Brust.
Schweißgebadet und zitternd vor Furcht wachte ich auf und war mir nicht sicher, ob es meiner oder Boromirs Schrei war, der mir in den Ohren hallte.
Rasch zog ich mir etwas an und rannte zu Gandalfs Räumlichkeiten. Er schlief noch, als ich ins Zimmer polterte, doch der Lärm, den ich verursachte und mein ständig vor mich hin gemurmeltes "Sie haben Boromir gefangen, sie quälen ihn!" weckten ihn schließlich.
"Beruhige dich." sagte er. "Was ist denn geschehen?" Er stieg aus dem Bett und sein weißes Nachtgewand wehte um seinen alten ausgemergelten Körper. Doch wie immer bewies er, dass er nicht so schwach war, wie sein Äußeres vermuten ließ, als er mich mit sanfter Gewalt festhielt und mich auf einen Stuhl in der Nähe des Bettes setzte. Er selbst nahm auf der Bettkante Platz, sah mich eindringlich an und sagte "Ich sehe die Angst und Panik in deinem Gesicht, doch zuerst musst du dich beruhigen! Dann erzähle mir, weshalb du glaubst, dass Boromir gefangen genommen wurde."
Ich atmete einige Male tief durch und dann berichtete ich ihm von meinen Träumen. Als ich geendet hatte, fragte er "Weshalb bist du nicht früher damit zu mir gekommen?"
"Weil ich es nicht für wichtig hielt." antwortete ich. "Ich glaubte, es seien nur Auswirkungen meiner Ängste um Boromir. Éowyn hatte mir erzählt, dass sie seit Faramirs Abreise unter ähnlichen Alpträumen leide. Erst als Melkor mich direkt ansprach, bemerkte ich den Unterschied zu anderen Träumen."
"Du scheinst vergessen zu haben, dass Melkor über alle Fähigkeiten der Valar verfügt und daher ebenso wie Irmo über die Träume herrschen kann." erinnerte Gandalf mich. "Und ich vermute, dass er diese Gabe nun benutzt hat.
Doch was den Wahrheitsgehalt des Traumes betrifft, vermag ich nichts zu sagen. Vielleicht wäre es von Vorteil, wir holten uns bei Irmo selbst Rat dazu, der er doch der Meister der Visionen ist. Ich werde dies sogleich mit Tulkas, Orome und Eonwe besprechen und einen Adler zu Irmo entsenden.
Doch du gehst nun besser wieder zu Bett. Es hilft weder uns noch dir, wenn du wegen dieser Dinge keine Ruhe mehr fändest."
Ich dankte ihm und ging in mein Schlafgemach zurück, doch an Schlaf war nicht zu denken, meine Angst war zu groß. Doch nach einiger Zeit siegte schließlich die Erschöpfung und ich glitt in einen unruhigen, doch traumlosen Schlummer.
Hätte ich geahnt, welche Schrecken der Tag noch bringen würde, ich hätte mir gewünscht nicht zu erwachen.
Noch in der Nacht hatte Gandalf einen Adler nach Valinor ausgeschickt, dass dieser Irmo von meinen Träumen berichte und Rat einhole, ob es sich um Realität oder eine Täuschung Melkors handle.
Als sich der Tag dem Ende neigte, kehrte der Adler zurück, doch es waren keine guten Nachrichten, die er brachte. Folgendes teilte er uns mit: "Edle Ainur, ich erbitte eure Verzeihung, denn es war mir nicht möglich den Herrn Irmo in den Unsterblichen Landen zu finden. Lange kreiste ich in der Luft, doch ich sah ihn nicht. Dann rief mich mein Herr, Manwe, zu sich und gab mir eine Botschaft für euch mit.
So lauteten seine Worte: ’Schlechte Kunde übermittle ich euch, denn es zeigt sich, dass selbst die Valar nicht vor Verrat geschützt sind. Die Feanturi, Mandos und Irmo, haben Valinor verlassen und sich nach Mittelerde aufgemacht! Seit eurer Abreise schürte Mandos die Flamme des Zweifels und des Bösen hier auf Aman. Lange versuchte er alle davon zu überzeugen, dass euer Weg der falsche sei und am Ende sprach er sich sogar für Melkor aus. Wut und Zorn loderten in ihm, als seine Hallen geleert und er somit seiner Macht beraubt wurde. Und sein Zorn erstreckt sich nunmehr auch auf die Elben, weil sie mit euch gingen, um den Menschen zu helfen. Mit seinem Hass vergiftete er schließlich auch das edle Gemüt seines Bruders. Beide gingen sie und schlossen sich Melkor an.
Ich wünschte, ich hätte bessere Kunde für euch, doch verzagt nicht, denn eure Kraft ist immer noch stärker als die ihre.’
Diese Botschaft befahl er mir euch zu überbringen."

"Elende Verräter!" schrie Tulkas. "Wie können sie sich gegen uns wenden? Gemeinsam kämpften wir einstmals gegen das Dunkel und jetzt, da wir sie am meisten brauchen, wenden sie sich von uns ab und ihm zu." Er kochte vor Wut und ich verstand seine Gründe nur allzu gut. Was war geschehen, dass zwei so noble Wesen zu Verrätern an der Schöpfung Erus werden konnten? War Melkors Macht und Einfluss so groß, dass selbst die Valar sich ihrer nicht mehr erwehren konnten?
"Wie war es überhaupt möglich, dass sie nach Mittelerde gelangten?" unterbrach Orome meine Gedanken. "Eru selbst hatte den Valar den Weg versperrt und nur Tulkas und mir erlaubt zu gehen. Wie hatten sie also Valinor verlassen können? Manwe muss sich irren, sie können nicht hier sein."
"Doch sie können!" erwiderte ich. "Den Erus Worte lauteten:&Mac226;allen übrigen Valar, die ihren guten Absichten folgen möchten, sei der Weg dorthin verboten und versperrt.’ Sie aber kamen nicht mit guten Absichten und so war ihnen der Weg offen!"
"Und schlimmer noch," meinte Gandalf "denn Eru kennt das Schicksal Eas und so ist der Verrat der Feanturi Teil des großen Spiels um die Zukunft Mittelerdes!"

Macht

"Neue Gefahren stehen uns bevor durch ihren Verrat." fuhr er fort. "Wenn selbst Mandos, der sonst ohne Leidenschaft das Schicksal verkündete, nun so starke Gefühlsregungen offenbart. Und Irmo, der es sonst liebte in Ruhe in seinen Gärten zu verweilen, könnte nun selbst der Verursacher von Elehins dunklen Träumen sein.
Wenn selbst die Mächtigen der Aratar bereits dem Schatten verfallen, welche Hoffnung bleibt dann für die Menschheit?"
Auch ich stellte mir diese Frage, doch weniger in bezug auf die Menschen. Wie sollte ich die Kraft aufbringen, woher den Mut nehmen, der Macht zu widerstehen, wenn nicht einmal die Stärksten unter uns dazu in der Lage waren?

"Es gibt immer Hoffnung, solange es Menschen gibt, die bereit sind zu kämpfen!" Tulkas versuchte uns trotz der schlechten Nachrichten Mut zu machen, denn es gab nichts, was seiner Natur ferner wäre, als aufzugeben.
"Du hast Recht, Tulkas." sagte ich. "Wir können den Sinn und Willen der Valar nicht ändern, doch müssen wir uns ihnen auch nicht ergeben.
Doch was sollen wir jetzt wegen meiner Träume unternehmen? Es bleibt uns niemand mehr, der uns unsere Fragen beantworten könnte.
Es sei denn..." Eine Erinnerung war kurz in meinem Verstand aufgeflammt.
"Es sei denn, was?" verlangte Gandalf zu wissen.
Ich konnte nicht länger schweigen, einen Teil des Geheimnisses, dass ich in mir verbarg, musste ich preisgeben. "Als ich nach dem Kampf mit den Balrogs hier in Annúminas erwachte, berichtete ich dir von meinem Zusammentreffen mit Eru. Nicht alles, was dort gesprochen wurde, erzählte ich dir, Gandalf, und auch fürderhin werde ich einiges für mich behalten. Eines jedoch, das Eru mir offenbarte, mag in unserer Situation nützlich sein. Nach Erus Worten und auch aus meiner eigenen Erfahrung, stehen mir ebenso wie Melkor alle Ga-ben der Valar zur Verfügung."
"Nur wenig überraschen mich deine Worte." sagte Orome. "Denn selbst als du ein Kind warst und mich auf meinen Ausritten begleitetest, verfügtest du über mehr Fähigkeiten als ich bei anderen unserer Art je wahrgenommen habe. Wie aber gedenkst du diese einzusetzten?"
Ich antwortete "Auch ich will Irmos Macht nutzen, um in ihre Träume zu schauen, ihnen zeigen, dass sie nicht unentdeckt geblieben sind. Und auch Boromirs Geist will ich besuchen, um zu erfahren, ob er wirklich in Gefahr schwebt oder wir nur einer Täuschung der dunklen Valar erliegen."
"Ein guter Plan und eine gute Bezeichnung für die Verräter an Ea! Fortan sollen jene nunmehr &Mac226;Morivalar’ genannt werden, während ihr als&Mac226;Vanyevalar’ erstrahlen möget!" rief Eonwe aus.

Wir gingen auseinander, nachdem wir uns geeinigt hatten, dass ich in der kommenden Nacht meine Kräfte erproben sollte.
Angst schlich sich in mein Herz, denn die Nacht stand bevor und ich wusste nicht, welche Schrecken mich erwarten mochten. Noch weniger wusste ich, wie ich die Macht Irmos in mir hervorrufen sollte.
Auf meinem Bett liegend entschied ich, dass ich zuerst nach Boromir suchen wollte, denn der Gedanke an ihn war mir angenehm. Zu Anfang konzentrierte ich mich auf seine Person und erinnerte mich an die Details seines schönen Gesichts. Langsam und vorsichtig schickte ich meine Sinne in die Welt hinaus, nach den Schwingungen seines Geistes tastend. Lange Zeit suchte ich und fand doch nichts. Als ich schon bereit war den Versuch aufzugeben, spürte ich plötzlich seine Gegenwart – Wärme, Liebe und Zuneigung durchfluteten mich. Sacht bahnte ich mir einen Weg in seine Träume und wurde jäh erschüttert von einer Woge des Schmerzes und der Verzweiflung. Mit aller Macht versuchte ich mich gegen diese quälenden Gefühle zu stemmen und einen Schimmer von Liebe und Hoffnung in ihm zu entfachen. Doch die Belastung war zu stark für mich, die ich derartige Kontakte nicht gewohnt war, und die Verbindung zwischen uns zerbrach.
Im letzten Augenblick aber, bevor unser Band zerriss, spürte ich einen Funken der Freude in ihm, wie der Anflug eines Lächelns.

Nun hatte ich die Antwort auf meine Frage: es war kein Trick Melkors, Boromir war tatsächlich in den Kerkern Angmars gefangen. Aber woher wusste Melkor, dass ich diesen Mann liebte? Es blieb mir nichts anderes übrig, als auch die Verbindung zu Melkor zu suchen, um Antwort auf meine Frage zu verlangen. Meine Angst davor war groß, denn ich fürchtete seinen dunklen Einfluss. So viele Wesen des Lichts waren seinetwegen schon zu Schatten geworden, wie würde ich seiner Macht begegnen?"
Ich hatte keine Wahl, zumindest keine, die ich akzeptieren konnte und so konzentrierte ich mich erneut, diesmal auf das narbenverzerrte Gesicht des Schreckens.
Die Verbindung zu ihm kam in einem Wimpernschlag zustande und ließ mich überrascht aufschreien. Kälte und Grausamkeit fühlte ich in seinem Innersten, dass es mir den Atem verschlug. Anders jedoch als bei Boromir, war er sich meiner Gegenwart sehr wohl bewusst, denn ich hörte, wie er zu mir sprach. "Ich heiße dich willkommen, Elehin, mein Geist steht dir offen." Plötzlich veränderte sich das Bild in meinem Verstand, statt schemenhafter Figuren und wirbelnder Schatten sah ich mich in meinen letzten Traum versetzt. Erneut stand ich in Angmars Verliesen, noch immer litt Boromir dort in Ketten und Melkor selbst stand vor mir. Meine Sehnsucht nach Boromir war stärker als die Angst vor dem dunklen Herrscher und so rannte ich auf ihn zu und rief seinen Namen. Doch er zeigte keine Regung, kein Anzeichen, dass er meine Anwesenheit wahrgenommen hätte und als ich nah genug bei ihm war, um ihn zu berühren glitten meine Finger wie Luft durch ihn hindurch.
"Er kann dich weder sehen noch hören, denn an diesem Ort bist du nur ein Schemen deiner Selbst." erklärte Melkor.
"Weshalb reagiert er dann nicht auf deine Anwesenheit und deine Worte?" fragte ich zornig.
"Weil auch mein Körper, wie der deine, an einem anderen Ort weilt." antwortete er. "Ich wählte diesen Platz, um dir zu zeigen, was du zu wissen begehrst. Ja, ich kenne die Frage, die dir auf der Seele brennt: woher weiß ich von deiner Liebe zu ihm? Ach, wenn du nur ahntest, wie ähnlich wir uns wirklich sind, dann würdest du verstehen.
Doch du weigerst dich, dies zu erkennen und so muss ich es dir erklären. In der Nacht, in der du gegen meine Diener kämpftest, entludst du deine Macht in Form eines strahlenden weißen Lichts. Vielleicht weißt du bereits, dass dies eine Erscheinung deiner wahren Kraft, deiner Gefühle, war. Was du offensichtlich nicht weißt, ist, dass ich aufgrund unserer ähnlichen Fähigkeiten in der Lage bin die Ausbrüche deiner Macht zu entdecken und zu lesen. Mit dei-nen Strahlen hast du zugleich deinen Emotionen freien Lauf gelassen, die mich hier in Carn Dûm in einer Welle von Gefühlen und Bildern erreichten. Und so sah ich auch ihn, den Mann, dem dein Herz gehört und ich wusste, ich würde einen Weg finden um seiner habhaft zu werden. Das er selbst zu mir kommt, war allerdings auch für mich eine Überraschung." Das Grinsen in seinem Gesicht verursachte mir Übelkeit.
"Was hast du nun mit ihm vor?" verlangte ich zu wissen.
Er lächelte wieder und seine Augen funkelten wie blutige Rubine. "Das hängt allein von dir ab. Ich erwarte dich innerhalb der nächsten zwei Tage in meinem Palast, andernfalls wird er sterben! Solltest du aber zu mir kommen, dann werde ich ihn und auch seinen Begleiter frei lassen. Entscheide selbst, doch bedenke, dass du deinem Schicksal nicht entkommen kannst."
So plötzlich, wie der Kontakt zu ihm entstanden war, brach er nun auch wieder ab.

Die Zeit war also endlich gekommen – ich musste mich Melkor stellen und herausfinden, ob ich ihm widerstehen könnte. Noch war das Heer der freien Völker nicht in der Lage dem Feind die Stirn zu bieten. Würde ich aber Bo-romir und Faramir befreien, würden deren Informationen die Waagschale womöglich zu unse-ren Gunsten verändern.
Mir war bewusst, dass ich weder Valar noch Elben von meinem Vorhaben unterrichten durfte, dies würde sie nur zu voreiligen Handlungen verleiten, einer Person aber musste ich mich anvertrauen – Éowyn. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht einmal geahnt, dass auch Faramir in den Fängen der Dunkelheit sein könnte. Ich empfand es als meine Pflicht es ihr zu sagen und alles in meiner Macht stehende zu unternehmen, um ihn frei zu bekommen, denn nur aufgrund meiner Liebe zu seinem Bruder musste er soviel Leid ertragen.
Und doch wusste ich, dass ich den Worten Melkors nicht trauen durfte.
Schnell packte ich einige Habseligkeiten zusammen, um dann ebenso geschwind und vor al-lem ungesehen zu Éowyn zu eilen. Ich berichtete ihr von meinen Träumen und dem Gespräch mit Melkor und bat sie, alle anderen erst einen Tag nach meinem Verschwinden zu unterrich-ten. Tränen rannen ihr übers Gesicht, als sie von Faramir hörte, doch ich verschwieg ihr, dass es meine Liebe war, die ihn in diese Lage gebracht hatte. Sie hielt mich für eine Maia, wie also hätte ich ihr in der Kürze der Zeit alle Zusammenhänge erklären können? Und obwohl sie nicht verstand, weshalb Melkor mich im Tausch gegen diese beiden Männer wollte, vertraute sie mir, dankte mir und ließ mich ziehen. Gerne wäre sie mit mir geritten, doch sie wusste, dass dies nicht möglich war.

Endlich wieder unter freiem Himmel stehend, im Licht der Sterne, rief ich Silberglanz zu mir. Ich schulterte meine wenige Habe, bestieg mein Pferd und ritt Richtung Angmar. Bald würde ich mich mit der Macht des Feindes messen müssen.

Schwäche

Silberglanz flog über das Land, angetrieben von meiner inneren Unruhe. Keinen Gedanken hatte ich daran verschwendet, welchen Pfaden ich folgen sollte, wie ich mich den Wachen Melkors erwehren würde oder was ich zu tun gedachte, wenn ich mein Ziel erreichte. Mein Verstand summte bei dem Gedanken, dass nach all den langen Zeitaltern nun schließlich der Moment bevorstand, an dem sich mein Schick-sal entscheiden würde. Lange hatte ich diesen Augenblick herbeigesehnt und viel darüber nachgedacht, doch jetzt war keine Zeit zu denken, jetzt zählten nur noch meine Taten.

Es war ein leichtes Angmar zu durchqueren, denn es schien, als habe Melkor seine Die-ner über mein Kommen informiert. Wo immer mir Orks oder Balrogs begegneten, liefen sie rasch auseinander und flohen, wenn ich ihnen die Gelegenheit dazu gab. Keiner von ihnen wagte es mich anzurühren oder sich gegen mein Schwert zu wehren. Der dunkle Herrscher musste eine hohe Strafe ausgesetzt haben für jene, die mir ein Leid zufügen wollten.
Dank Silberglanz Geschwindigkeit erreichte ich die Tore Carn Dûms am Mittag des nächsten Tages. Ein schrecklicher Anblick, der sich mir bot, denn die Mauern waren aus schwarzem Stein gehauen und schienen rötlich zu glänzen, als seien sie mit Blut befleckt. Der Gestank der Orkbehausungen schlug mir entgegen und ich musste gegen den Anflug von Übelkeit ankämpfen, der mich zu überwältigen drohte. Überall sah man Uruk-hai und Balrogs umherlaufen und ihren schändlichen Werken nachgehen, nur Orks sah ich keine, vermutlich hatten sie sich in ihre dunklen Höhlen zurückgezogen.
Melkors Palast war auf einem Hügel in der Mitte der Stadt (wenn man diesen Ausbund an Schmutz als Stadt bezeichnen konnte) errichtet worden. Die Krönung all der Scheußlichkeit, mit vielen Türmen und Zinnen ausgestattet, die kalt in der Sonne glänzten. Um den höchsten Turm zogen Drachen ihre Bahnen durch Wolken von Nebel und Rauch, der sich aus den unterirdischen Werkstätten darunter erhob. Ein Stich durchschnitt mein Herz, wie eine Klinge aus Eis, als ich dies erblickte. Doch nun gab es kein Zurück mehr, ich musste in dieses Gebäude gelangen, hinein in Kälte und Dunkelheit.

Am Tor angelangt, traf ich auf zwei Balrogs, die zur Bewachung des Eingangs abgestellt waren. Doch sobald sie mich erblickten, wandten sie sich um und öffneten die schweren Türen, um mir Einlass zu gewähren. Ich zwang Silberglanz zu einem leichten Trab, denn ich spürte, dass die Stute zu scheuen begann. Sie war mehr als ein Pferd, sie war ein Freund, dem man vertrauen konnte. Doch in einer solchen Umgebung musste auch sie sich bemühen, nicht ge-gen die eigenen Instinkte zu verlieren, die sie zur Umkehr zwangen. Länger konnte ich es ihr nicht zumuten und so stieg ich ab und entließ sie durch das offene Tor, denn ich wusste sie würde dort draußen auf mich warten. Mit vorsichtigen Schritten näherte ich mich der großen Treppe, die zum Eingang des Palastes führte und sah wie sich dort die Tür öffnete. Melkor stand dort, eine schaurige, geschundene Kreatur, mit der man Mitleid hätte, wüsste man nicht, dass es das Böse war, dass ihn so verunstaltete. Trotz allem war ihm ein Rest seiner Wirkung geblieben, die ihn dazu befähigt hatte, Menschen, Elben und Zwerge ins Verderben zu ziehen. Noch immer war sein Gesicht schön, wären da nicht die alten Narben gewesen, die es durch-zogen.
Als ich den oberen Teil der Treppe erreicht hatte, schenkte er mir ein verführerisches Lächeln, bevor er mich willkommen hieß. "Ich wusste, dass du kommen würdest! Und wie ich sehe, haben sich meine Diener an meinen Befehl gehalten, dich nicht anzurühren. War die Reise angenehm?"
"Du weißt sehr wohl, dass ich nicht hier bin, um mit dir zu plaudern." zischte ich. "Meine Reise ist weder für dich noch für mich von Bedeutung, also lass die Spielchen. Ich bin hier, also erfülle dein Wort und lass Boromir und seinen Begleiter gehen!"
"Nicht so voreilig, meine Liebe. Tritt ein und gib mir die Möglichkeit dir meine Gastfreundschaft zu beweisen, wie es sich geziemt."
"Auch darauf lege ich keinen Wert! Dann führe mich zumindest zu deinen Gefangenen, dass ich sehe, ob sie noch am Leben sind und du die Wahrheit gesprochen hast, obwohl es nicht deine Art ist." verlangte ich.
"Dann folge mir." sagte er und schritt voran in seine widerwärtige Behausung. Er führte mich in die Gewölbe, die tief unter den Mauern der Stadt verliefen. Eine Vielzahl von Gängen verliefen in alle Himmelsrichtungen, man fühlte sich wie in einem Labyrinth. Schließlich kamen wir zu einer verschlossenen Kammer, die er mit einem Fingerzeig öffnete und ließ mich ein. Der Raum jedoch war leer, bis auf eine Kette, die an der Wand befestigt war, ein paar Kleiderfetzen und einem einzelnen Stuhl in der Mitte des Raumes.
"Was soll das?" schrie ich. "Weshalb bringst du mich hierher? Ist es, wie ich erwartet habe, nur wieder ein Zeichen deiner schwarzen Seele, dass du dein Wort brichst? Wo hast du die beiden Menschen hinbringen lassen?"
"Meine Seele ist schwarz, ja, aber ein gegebenes Wort halte ich." antwortete er. "Ich ließ die beiden frei, nachdem ich von meinen Dienern erfahren hatte, dass du auf dem Weg zu mir bist. Sieh selbst!" Mit diesen Worten nahm er meine rechte Hand und legte sie auf seine Stirn. Sofort bestand wieder der geistige Kontakt zwischen uns und ich sah vor meinem inneren Auge, wie Denethors Söhne, geschunden und gebeugt, vor die Tore der Stadt geführt und davongejagt wurden. Danach nahm Melkor meine Hand herunter und hielt sie in der seinen fest. "Ich habe keinen Grund dich zu belügen, denn es ist nicht mein Wille dich zum Feind zu haben. Als treue Mitstreiterin wünsche ich dich an meiner Seite."
Mir schauderte ob diesen Wunsches, angeekelt entriss ich ihm meine Hand und wich zurück.
"Ich halte meine Versprechen." fuhr er fort. "Doch ich versprach nicht, dich wieder gehen zu lassen! Hier in diesem Raum, in dem dein Geliebter gelitten hat, sollst du bleiben und deine Entscheidung für die Seite des Lichts gut überdenken." Ein Schaudern überkam ich erneut, als ich den Hass in seinem Gesicht sah. Leise sang er einige Sätze in der schwarzen Sprache vor sich hin und obwohl ich deren Bedeutung nicht kannte, wusste ich doch, dass er einen Bann über mich gelegt hatte, der mich in diesem Raum festhalten würde, bis er mich davon befreite. "Denke nach, bis ich zurück bin! Dann wirst du die Überraschung, die ich dir bringe vielleicht eher zu würdigen wissen." Knallend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Es war nichts anderes zu erwarten gewesen, von Anfang an, hatte ich damit gerechnet, dass ich nicht wieder würde gehen können. Und doch, jetzt da ich hier saß, war es nur die Freude über Boromirs und Faramirs Rettung, die mich davon abhielt zusammenzubrechen. Zumin-dest ihrer Freilassung konnte ich gewiss sein, denn ich spürte instinktiv, als ich Melkors Geist betrat, dass dies der einzige Ort war, in dem ihm das Lügen versagt blieb. Was aber hatte er jetzt mit mir vor? Welche &Mac226;Überraschung’ wartete auf mich?
Obwohl ich ahnte, dass der Ausgang für mich versperrt blieb, verbrachte ich die Zeit des Wartens auf seine Rückkehr damit, den Raum zu untersuchen. Die Tür war verschlossen und weder körperliche Anstrengung noch alle Magie, die ich wirkte, vermochte diese zu öffnen. So erkundete ich den Rest der kleinen Zelle und fand auch hier keine Möglichkeit zu ent-kommen. Schließlich untersuchte ich die Gegenstände, die ich vorfand und stellte schnell fest, dass die Kleidungsfetzen auf dem Boden von Boromir stammten. Auch seine Brosche, die er damals in Lórien von Galadriel empfangen hatte, war darunter. Ich nahm sie an mich und befestigte sie unterhalb meines Brustharnisches an meiner Kleidung – direkt über meinem Herzen. Neue Kraft durchflutete mich, bei dem Gefühl doch etwas Schönheit der Elben in diese kalten Mauern bei mir zu haben. Auch war es für mich eine Erinnerung an die Men-schen und ihre neu erstarkte Bindung zu den Elben - es blieb immer noch Hoffnung.

Die Tür öffnete sich und Melkor trat ein, gefolgt von vier weiteren Männern. Erwartet hatte ich bereits Mandos und Irmo neben ihm zu sehen, doch der Anblick von Alatar und Pallando, den blauen Zauberern, Mitglieder der Istari, erschütterte mich.
"So ist also meine Überraschung gelungen! Denn ich sehe an deinem Gesicht, dass du verwundert bist über meine neugewonnen Anhänger." spottete Melkor. "Doch noch immer wehrst du dich gegen die Macht der Dunkelheit. Gib deinen Kampf auf, zuviel in dir ist ebenso dunkel wie ich."
"Niemals!" schrie ich. Doch ich wusste, die Schlacht zwischen Finsternis und Licht um den Preis meiner Seele hatte soeben begonnen!

Melkor begann: "Warum machst du es dir so schwer? Spürst du nicht, wie ähnlich wir einander sind? Das Schicksal trieb ein seltsames Spiel. Du bist das Kind meines Bruders und doch bist du meiner Seele näher verwandt, als der seinen."
Ich schrie auf. "Niemals war ich oder werde ich dir enger verbunden sein, als meinen Eltern! Sie waren es, die unter deiner Boshaftigkeit und Grausamkeit zu leiden hatten. Immer waren sie da, um mich vor deinen Angriffen zu schützen. Liebe ist es, die sie geben, wo in dir nur der Hass wohnt. Und die Liebe war und wird es immer sein, die mein Leben leitet! Warum sollte ich also dem Hass näher sein?"
Mit betrübtem Gesichtsausdruck antwortete er "Es schmerzt mich, dass du mich so siehst. Nicht immer war es der Hass, der mich regierte, denn einst handelte auch ich aus Liebe. Ebenso wie du verstieß ich gegen Erus Gebote, weil ich diese Welt interessanter und wert-voller gestalten wollte. Weil ich verhindern wollte, dass die Kinder Erus zu Sklaven der Valar würden. Ich wollte nicht zerstören, sondern der Natur, wie auch den Elben und Menschen Freiheit verschaffen, von den Ketten, die Eru und die Valar ihnen auferlegt hatten."

Nie zuvor hatte ich Melkor so sprechen gehört. Jahrhundertealter Schmerz lag in seiner Stimme. Qualen, die er erlitten hatte, weil man seine Motive missverstand.
Vorsicht war für mich nun geboten, denn schon seit Anbeginn der Zeit war der dunkle Fürst dafür bekannt, dass er mit seiner Stimme betören konnte.
"Meine Versuche mich dir zu nähern, nennst du Angriffe." fuhr er fort. "Eru und selbst meine eigene Familie hatten mich aus ihrer Gemeinschaft verbannt, weil sie die Gründe für mein Handeln nicht kannten oder nicht akzeptieren konnten. Ich verstehe das, denn es widersprach ihren Plänen. Wie aber sollte ich mich dir nähern, da ich von deinen Eltern – meinem eigenen Bruder – abgelehnt wurde?
Endlich war ich nicht mehr allein, denn es gab noch ein Wesen, das mir ähnlich war. Ebenso wie ich, mit allen Fähigkeiten der Valar ausgestattet und ebenso rebellisch gegen alle Ge- und Verbote. Nicht ohne Grund, entsteht der geistige Kontakt zwischen uns so rasch und ungehindert. Es ist, als seiest du meine Tochter, ein Abbild meiner Selbst. Und doch durfte ich nicht einmal mit dir sprechen! Doch erinnere dich, wie eng verbunden wir während deiner Kindheit waren, bevor man mich verstieß. Kannst du noch immer nicht verstehen, wie sehr mich diese Trennung, von allem was ich liebte, quälte und mein Herz verdunkelte?"

Bilder blitzten in meinem Kopf auf, Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Dinge, die ich vergessen hatte. Ich sah, wie ich Seite an Seite mit Melkor die Welt durchstreifte. Ein kleines Kind, neben einem groß gewachsenen, wunderschönen Mann. Gefühle erwachten bei diesen Gedanken – Zuneigung zu diesem dunklen Valar, der mich spüren ließ, dass er mich verstand und mich akzeptierte, wie ich war. Ja, ich erinnerte mich. Melkor war es, der mich gelehrt hatte meinem Herzen zu folgen und dass ich zu diesem Zweck auch manchmal Grenzen überschreiten müsse. Er hatte mir gezeigt, dass auch die Werke des Bösen, wie Feuer und Finsternis, ihre eigene Schönheit besitzen, dass Zerstörung und Tod zu Neuem und Schönerem führen können. So wie eine verwelkte Blume Nahrung spendet für andere Pflanzen, das Aufbrechen der Landmassen zu wunderschönen Bergen führt oder der Ausbruch eines Vulkans uns neues fruchtbares Land schenkt.
Er sprach die Wahrheit – wir waren einst Freunde gewesen, bis mich die Lehren und Berichte der anderen Valar von ihm entfremdeten. Ich spürte, wie mein Widerstand gegen ihn schwächer wurde, doch noch war ich nicht ganz überzeugt.
"Es mag sein, dass wir einander vertraut sind." sagte ich. "Doch aus welchem Grund ließest du meinem Vater berichten, dass du dich nicht nur an allen Kindern Erus, sondern auch an den seinen rächen würdest, wenn du mir doch nur nahe sein willst?"
"Ja, ich richtete diese Worte an Gwaihir, dass er sie deinem Vater übermittle." antwortete er. "Auch will ich mich an Eru und den Valar rächen, für das, was sie mir angetan haben. Denn wenn auch meine Motive einst gut waren, so hat mich doch die dauerhafte Ablehnung Erus und der Kampf mit den Valar bitter gemacht. Du solltest verstehen können, wie ich emp-finde, denn auch du wurdest wegen deiner Andersartigkeit nie wirklich akzeptiert, weder von den Valar, noch von Elben oder Menschen. Auch du warst verletzt, als man dich nach der Rettung Boromirs nach Aman verbannte. Du hattest gegen Erus Gebote verstoßen, doch hiel-test du diese Strafe wirklich für angemessen? Ich denke nicht. Warum bist du aber so sicher, dass Erus Strafen mir gegenüber immer gerechtfertigt waren?"

Er verwirrte mich, denn ich vermochte seinen Worten nichts entgegen zu setzen. Erus Strafe empfand ich damals als ungerecht, mochte es also sein, dass auch Melkor derartiges widerfahren war? Eine Weile dachte ich darüber nach, bis mir bewusst wurde, dass er meine ursprüngliche Frage gar nicht beantwortet hatte.
"Ich lobe deine Raffinesse, Melkor!" sagte ich. "Meinen Geist suchst du zu verwirren, indem du, tückisch wie du bist, ein anderes Thema wählst. Meine Frage lautete aber: Warum schließt deine Rache mich mit ein?"
"Verzeih’ mir, aber die Dinge, die ich aussprach, lagen mir auf der Seele. Seit undenklichen Zeiten zerfrisst es mir das Herz, dass Wesen wie du und ich so missverstanden werden und dafür so leiden müssen." sagte er. "Deine Frage aber, will ich dir beantworten. Meine Rache gilt Eru und den Valar, nicht dir, den Elben oder Menschen. Leider seid ihr jedoch der Weg, der zu meinem Ziel führt. Ich will euch kein Leid zufügen, sondern euren Geist und eure Seelen von den Fesseln befreien! Du, wie auch Erus Kinder, sollt eure eigenen Entscheidun-gen fällen können, frei von den Regeln und Erwartungen höherer Mächte. Nicht sie sollen es sein, die euch Gesetze, Regeln und Moral auferlegen, ihr selbst sollt dies tun. Und ich weiß, wenn ihr eure Freiheit endlich annehmt und euch aus der Abhängigkeit von den Valar löst, wird meine Rache vollendet sein. Wenn die Mächtigen ihre Macht verlieren, habe ich mein Ziel erreicht, denn dies wird schmachvoller und schmerzhafter für sie sein, als alle üblen Ta-ten, die ich ersinnen könnte."

Bevor ich etwas erwidern konnte, ergriff Mandos nun das Wort. "Ich sehe den Zweifel in deinem Gesicht, Elehin. Doch bedenke, wenn Melkor die Dunkelheit verkörpert, so bin auch ich Teil dieser Finsternis geworden. Aber glaubst du wirklich, dass so viele das "Böse" in sich tragen könnten, wenn es nicht Teil unserer Welt wäre. Sauron, Saruman, Alatar, Pallando und selbst mein Bruder Irmo und ich selbst. Du kennst uns als Verfechter des Lichtes und nun sollen wir mit einem Mal zur Finsternis gehören? Melkors Gründe hast du vernommen, es sind auch die unseren und sie stehen nicht für die Vernichtung unserer Welt, sondern für ihre Freiheit!
Antworte nicht sogleich, sondern überdenke, was du heute gehört hast. Wäge ab, ob unsere Argumente dein Wohlwollen finden können, doch verwerfe sie nicht vorschnell. Darum allein bitte ich dich. Trotz unseres Streites in Valinor waren wir einander immer freundlich geson-nen und ich hoffe, du erinnerst dich daran. Nun lassen wir dich allein, um deine Gedanken nicht weiter zu stören."
Mit diesen Worten verließen sie den Raum und wieder einmal blieb ich allein zurück. Wie sollte ich reagieren? Mein Leben lang war ich davon überzeugt, dass Melkor nur Tod und Zerstörung suchte. War es möglich, dass ich mich irrte?
Die Tür öffnete sich noch einmal und vier Orks traten ein. Sie trugen ein großes gemütlich wirkendes Bett auf ihren unförmigen Schultern und stellten dieses schließlich in eine Ecke des kargen Raumes. Mit einer Verbeugung, die eher lächerlich als höflich wirkte, verließen sie mich wieder.
Verwirrt und von meinem langen Ritt hierher ermüdet, legte ich mich nieder. Ich griff, nach Hoffnung und einer Antwort suchend, nach Boromirs Brosche, die unter meiner Kleidung verborgen war. Eine Welle von Wärme durchflutete mich und während ich noch das Schmuckstück umklammert hielt, schlief ich schließlich ein.

Finsternis

Ein unruhiger Schlaf war mir vergönnt, Träume suchten mich heim. Visionen von Irmo und Melkor entsandt, um mich auch in ihrer Abwesenheit zu beeinflussen? Ich war mir nicht sicher. Wie lange ich dort lag und nicht zwischen Wachen und Schlafen zu unterscheiden vermochte, kann ich nicht sagen. Mir erschien es als seien es Monate gewesen, in denen ich die unterschiedlichsten und schrecklichsten Momente meines Lebens erneut erdulden musste. Aber auch andere Dinge sah ich, von denen ich nicht wusste, ob sie Wirklichkeit oder Traum waren. In einem Alptraum schien ich gefangen.

Ich erlebte erneut jene Blicke, die mir Elben und Menschen zuwarfen, die mich nicht einzuordnen wussten. Das Gefühl, dass man empfindet, wenn man anderen begegnet und als Fremde betrachtet wird. Vor allem die Menschen hatten mir oft Zweifel und manchmal sogar Angst entgegengebracht. Doch diesmal hörte ich die Worte, die sie hinter meinem Rücken sprachen: "Sie ist kein Mensch, dessen kann man gewiss sein! Und mächtiger noch als die Elben ist sie. Ein kalter Schauer durchfährt mich bei ihrem Anblick! Besser ist es ihren Weg zu meiden."
Immer und immer wieder durchlebte ich dies und ich hörte eine Stimme, wie die meiner Mutter, die zu mir sprach. "Siehst du mein Kind, nie bist du wirklich von Menschen oder Elben akzeptiert worden. Niemals werden sie dich als eine der ihren erkennen. Melkor jedoch, der auch mein Freund ist, liebt dich um deiner selbst willen."
Danach folgte die Stimme meines Vaters, die sprach "Eru zwingt dich dazu, dich selbst zu verleugnen und damit die Macht, die in dir wohnt, ungenutzt in dir ruhen zu lassen. Vieles aber könntest du erreichen und verändern, wenn du nur offenbaren dürftest, wer du bist und über welche Kräfte du verfügst. Niemals wieder würdest du dich nutzlos fühlen müssen – höre auf Melkor, denn er bietet dir diese Freiheit an."
Und plötzlich durchlebte ich erneut die große Versammlung in Annúminas. Wieder saß ich unter den Maiar, als sei ich eine der ihren und eine Welle von Wut und Verärgerung durchströmte meinen Geist. "Ich bin eine Valie und stehe damit über den Maiar, warum also soll ich unter diesen niederen Wesen sitzen?" hörte ich meine eigene Stimme aufschreien. Ohne Sinn und Zweck erschien mir meine Anwesenheit, da ich doch keinen Einfluss auf die Entscheidungen der anderen nehmen durfte. Mit einem Mal stand Melkor mit seinem neu gewonnenen Gefolge neben mir in der Versammlungshalle und ich hörte seine Worte: "Stell dich an meine Seite und ich gebe dir die Chance, deine Macht auszuleben! Sieh’ doch, ich bringe gleichgesinnte Freunde, die deiner Hilfe und deines Rates bedürfen. Im Gegensatz zu jenen hier" und dabei zeigte er auf die Teilnehmer der Versammlung "brauchen wir dich. Wir sind deine Familie und wollen nicht, dass du dich verstellen musst, denn wir wissen, wer du wirklich bist."
Nach diesen Worten wurde ich zu jenem Moment zurückversetzt, an dem ich den Balrog und die Drachen vernichtet hatte. Jener Augenblick, an dem ich zum ersten Mal meine ganze Macht freisetzte. Und ich fühlte die Größe und Erhabenheit, die mich voller Glück erfüllten.
Während ich dieses Gefühl der Stärke noch auskostete, veränderte sich das Bild vor meinem inneren Auge und so sehr ich auch versuchte mich dagegen zu wehren, ich vermochte es nicht. Nun stand ich auf den Zinnen von Carn Dûm und sah Boromir im Hof der Festung ste-hen. Trotz der großen Distanz vernahm ich seine Worte genau. "Es wird mir eine Ehre sein, in deinen Diensten zu stehen und dein Werk zu tun, hoher Herr." Aus einer Ecke, die ich nicht hatte einsehen können, trat Melkor auf ihn zu und sagte "Meine Dankbarkeit für deine Hilfe ist dir gewiss, Boromir. Es ist mir eine Freude zu sehen, dass auch du endlich verstanden hast, dass mein Weg der richtige ist. Noch immer ist es aber mein Wunsch, dass auch die Frau, die du liebst, einsehen möge, dass ich nicht nur Übles im Sinn habe." Und Boromir antwortete: "Sie wird hierher kommen und so wirst du die Gelegenheit bekommen, sie von deinen edlen Plänen zu überzeugen, wie du auch mich überzeugt hast." Mein Herz schrie auf vor Pein, als ich diese Worte vernahm. Boromir, ein Diener der Dunkelheit? Ich wälzte mich stärker auf meiner Schlafstatt und versuchte verzweifelt diesem Alptraum zu entkommen, der mich gefangen hielt. Noch immer hielt ich mit meiner Hand die Brosche umklammert und vor lauter Qual verstärkte ich meinen Griff, bis das Schmuckstück schmerzhaft in mein Fleisch drückte und Blut hervortrat. Doch all das bemerkte ich kaum, denn mein Verstand hatte sich von meinem Körper entfernt und ging nun einen anderen, schrecklicheren Weg.

Ich hörte Irmos Stimme, gemischt mit jenen der Ithryn Luin. "Beende den Kampf in deinem Inneren, denn du weißt bereits wohin du gehörst. Ja, auch dein Liebster schloss sich uns an, wie auch du dich uns anschließen wirst. Doch unter den unseren wirst du keine Dienerin sein, sondern eine Herrscherin!"

Finsternis, aber auch Ruhe umfing mich und ich schlief für eine Weile ruhig. Man gewährte mir aber nur eine kurze Pause von dieser Marter, der man mich aussetzte, denn schon bald setzten die Träume und Stimmen erneut ein.
Diesmal war es Gandalf, den ich zu hören glaubte. Ruhig und voller Sanftmut sagte er zu mir "Elehin, bedenke, wer du wirklich bist. Du glaubst nun zu wissen, welche Fähigkeiten tatsächlich in dir schlummern, doch glaube mir, es ist nur wenig, was du zu erkennen fähig bist. Es ist wahr, dass du aus deinen Gefühlen deine Macht ziehst, doch dies waren nur selten positive Gefühle." Ich durchlebte erneut jene beiden Momente, in denen ich meine Kraft eingesetzt hatte, die Wiederbelebung Boromirs und die Vernichtung von Melkors Schergen, und die Emotionen, die ich zuvor empfunden hatte und die der Auslöser jener Taten waren – Hass, Trauer und Wut. Gandalf fuhr fort. "Noch ist dir aber nicht bewusst, dass du noch eine andere Gabe besitzt. Du kannst auch die Gefühle anderer beeinflussen und schon oft hast du es getan."
"Das ist nicht wahr!" versuchte ich zu antworten, doch es war nicht mehr Gandalf, sondern Boromir, der vor mir stand. Ich war zurückversetzt worden nach Gondor, in die Zeit, in der ich Boromir kennen und lieben gelernt hatte. Er stand vor mir und ich sah, wie meine Liebe, spinnwebartigen hellen Strahlen gleich, in sein Herz wanderte und dort ein Feuer entfachte, dass zuvor nicht existiert hatte.
Plötzlich war ich wieder in Valinor, am Ende der Versammlung der Valar. Und auch hier sah ich die Strahlen, diesmal schwarz gefärbt, die aus meinem wutentbrannten Herzen zu Mandos wanderten, um dort sein Herz in Dunkelheit zu hüllen.
"Wie kann das sein?" verlangte ich zu wissen. "Wenn ich auch meine Gefühle auf andere übertrug, so habe ich doch nur geweckt, was dort bereits schlummerte. So auch bei Boromir. Er liebte mich bereits und ich verstärkte den Funken nur zu einer Flamme."
Nun war es Boromir, der antwortete. "Nein, Elehin, es gab keinen Funken. Erinnere dich an unser Zusammentreffen, nachdem du Valinor mit den Elben verlassen hattest. In mir war nur Wut und Abneigung gegen dich, eine Folge des Bannes, den du auf mich gelegt hattest. Denn in deiner langen Abwesenheit von Mittelerde und somit von mir, hatte mein Gefühl für dich nachgelassen, da es von dir nicht mehr genährt werden konnte. Nachdem du aber zurückgekehrt warst und im Kampf gegen den Balrog deine Liebe erneut freigelassen hattest, erst da wurde die Flamme in mir neu entzündet. Wie sonst kannst du dir erklären, dass ich nach dem Kampf sofort wieder der Diener deiner Liebe sein wollte?"
Er liebte mich also nicht? Und zudem war er zu Melkors Gefolgsmann geworden? Mein Verstand und mein Herz brannten vor Schmerz, denn ich konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging und weshalb sich alles um mich herum so sehr verändert hatte. Ich konnte und wollte meine Liebe und somit Boromir nicht aufgeben!
Doch nun stand er direkt vor mir und blickte mir hasserfüllt ins Gesicht. "Gehasst habe ich es, dich berühren zu müssen!" zischte Boromir. "Genossen habe ich die Zeit, in der ich frei war von dir und deinem Fluch, den du über mich gelegt hattest! Alles würde ich tun, um nie wieder deinen Wünschen zu Willen zu sein! Ich ging in Melkors Auftrag, doch nur, um möglichst weit von dir entfernt sein zu können – er kann mir die Freiheit von den Valar verschaffen, doch von dir werde ich dadurch nicht befreit. Nur dein Tod kann dies bewirken und dafür werde ich Sorge tragen! Solltest du mir nochmals unter die Augen treten, werde ich selbst für deine Vernichtung sorgen, Elehin!"

Ich brach zusammen, denn ich war dem Angriff der Dunkelheit auf meine Seele nicht länger gewachsen. Finsternis senkte sich über mich und drang schließlich auch in mein Herz. Der Kampf um meine Seele war entschieden – die Dunkelheit hatte den Sieg davon getragen. Mein letzter Gedanke, bevor ich mich ergab, lautete: "So soll es denn sein! Wenn es meiner Macht bedarf, um mich vor dir zu schützen und damit du mich liebst, so will ich diese auch benutzen!"

Als ich meine Augen öffnete, spürte ich, wie die Macht der Finsternis meine Adern durchströmte. Es war ein herrliches Gefühl, nicht mehr nutzlos an der Seite verharren zu müssen und zu fühlen, dass man selbst in den Lauf der Welt eingreifen könnte. Nie wieder musste ich den Zweifel der Kinder Erus ertragen, nie wieder mich verstecken oder mich den Geboten anderer beugen. Ich genoss die Kraft, die ich in mir spürte und die nun endlich zur vollen Entfaltung kommen durfte. Mein Entschluss war gefallen, ich würde Melkor helfen, die Kinder Erus von ihren Fesseln zu befreien, damit auch sie die Schönheit der Dunkelheit erkennen mochten. Und in gleichem Maße würde auch ich mich rächen für all die Lügen meiner Eltern, der Kinder Erus und auch an Boromir. Rächen für den Schmerz, den sie mir damit über all die langen Jahrhunderte zugefügt hatten.
Endlich hatte auch ich meine Freiheit gewonnen, frei von der Liebe und frei, die Grenzen meiner Macht zu erkunden.

Als ein Teil der Schatten konnte mich auch der Bann Melkors nun nicht mehr in den Mauern meines Gefängnisses halten und so verließ ich den Raum, um meinem Befreier zu danken. Doch Melkor erwartete mich bereits vor der Türe. Mit offenen Armen hieß er mich willkommen. "Ich freue mich," sagte er "dass du endlich den richtigen Weg gefunden hast. Sei willkommen in deiner neuen Familie, meine Tochter!" Und sogleich umarmten mich auch Mandos, Irmo, Alatar und Pallando, die ebenfalls neben Melkor auf mich gewartet hatten. Gemeinsam verließen wir die Verliese und begaben uns hinauf in den Thronsaal. Ja, ein Thronsaal war es, denn der dunkle Fürst ließ sich in eben jenem Moment von den Zinnen seines Palastes als neuen Herrscher Mittelerdes ausrufen. "Und du wirst meine Prinzessin sein." sagte er. "Wie meine Tochter sollst du an meiner Seite sitzen und mit mir gemeinsam über das Schicksal der Völker richten und für ihre Freiheit kämpfen!" Und leise flüsterte er: "Möge die Finsternis endlich den Sieg über das Licht davontragen!"

Licht

Bevor noch sein letzter Satz tiefer in mein Bewusstsein eindringen konnte, waren von draußen andere Geräusche zu vernehmen. Die Fanfaren Melkors wurden übertönt vom Klang eines Horns – unverkennbar der Schall Valarómas, Oromes Horn. Das Treiben in Melkors Palast wurde hektischer, Orks und andere seiner sklavischen Kreaturen rannten durch Hallen und Gänge. Schließlich trat einer von ihnen vor seinen dunklen Herrscher. "Vergebt mir, Meister." sagte er. "Aber eine Armee des Feindes hat sich vor den Mauern der Burg versammelt. Unzählige Elben und Menschen stehen vor den Toren und verlangen euch zu sehen. Und an ihrer Spitze sind Wesen, die mir nicht geheuer sind, von einem strahlenden Licht umgeben."
Melkors Gesicht verzog sich vor Zorn und er schrie "Und wie konnte es geschehen, dass sie bis an die Mauern meine Festung gelangen konnten, ohne von meinen eigenen Heerführern entdeckt und aufgehalten zu werden?" Daraufhin packte er den Ork am Hals und schleuderte ihn mit enormer Kraft gegen die Wand. Mit einem dumpfen Aufprall schlug er auf und rutschte leblos zu Boden – Blut tropfte von seinem Hinterkopf auf die schmutzigen Fliesen. Von dem grausamen Ableben seines Gefährten schockiert und aus Angst vor dem Zorn seines Meisters, wagte sich ein weiterer Ork nur vorsichtig nach vorn. "Herr, wir konnten sie nicht se-hen." sprach er. "Nebel kam auf und nahm uns die Sicht, er umhüllte alles Land um uns herum. Erst als sie vor unseren Toren standen erkannten wir sie. An ihren Gürteln und Sattelknäufen trugen sie die Köpfe unserer Wachen. Heimlich und unerkannt müssen sie sich angeschlichen haben, dass keiner unserer Männer überlebte und Warnung geben konnte." Schnell zog er sich nach diesen Worten zurück, um nicht als Nächster Opfer seines unbarmherzigen Herrschers zu werden.

Ich selbst empfand nichts, weder beim Tod des Orks noch bei der Nachricht der Ankunft der Krieger des Lichts. Die Folter Melkors hatte mich kalt und taub zurückgelassen. Nacht herrschte über mich.

"Wenn sie mich sehen wollen, so sollen sie ihren Willen haben!" herrschte Melkor. "Kommt meine dunklen Gefährten, wir werden ihnen zeigen, was sie nicht zu sehen erwartet haben." Dann wandte er sich zu mir und sprach mit fast zärtlicher Stimme "Folge mir, Elehin, und schau dir jene an, die dich so lange gequält haben. Heute wirst du die Gelegenheit erhal-ten, dich endgültig von ihnen zu lösen. Heute wirst du ihren Untergang herbeiführen."
Wie eine Marionette folgte ich ihm auf den Balkon des Turmes, der den Toren am nächsten gelegen war. Erst hier, im Lichte der Sonne, erkannte ich, dass meine Kleidung sich ebenso nachtschwarz verfärbt hatte, wie mein Geist. Die einstmals blendend weiße Jagdhose, die ich trug, ebenso wie das Mithril meines Harnisches. Einzig mein bleiches Gesicht und meine weißen Hände leuchteten aus dieser dunklen Erscheinung noch hervor.

Vom Tor her hörte ich die Stimme Eonwes: "Heermeister des Schreckens, höre meine Worte! Wir sind gekommen, eine der unseren zurückzufordern und deinem Treiben auf ewig ein Ende zu setzen. Bring Elehin heraus und ergib dich unserer Macht! Nutze die letzte Chance, die wir dir bieten!"
Melkor lachte laut auf und erwiderte "Keine der euren befindet sich in meiner Gewalt. Wen also soll ich euch ausliefern. Jene, die bei mir sind, sind aus freien Stücken an meiner Seite." Er bedeutete den abtrünnigen Valar und Maiar nach vorn zu treten, so dass sie von den Untenstehenden gesehen werden konnten. Bei ihrem Erscheinen erschallte ein lautes Gebrüll von den Toren. Gandalfs Stimme übertönte sie jedoch alle. "Soweit ist es schon gekommen? Mehr Widerstand und Stärke hätte ich von den Ithryn Luin erwartet! Schwach und gierig seid ihr also geworden, dass ihr euch dem Bösen zu Diensten stellt. So möget auch ihr das gleiche Schicksal erfahren, wie jener, dem ihr folgt.
Noch aber könnt ihr euch von ihm abwenden und zum Licht zurückkehren. Nutzet diese Möglichkeit, bevor euch dasselbe Schicksal wie Saruman ereilt!"
Doch die beiden Zauberer lachten nur ob der Hoffnung, die Gandalf ihnen schenken wollte. "So sei es denn!" schrie Gandalf. "Ihr habt eure Entscheidung getroffen. Doch Elehin gehört nicht zu jenen Verrätern – lass sie frei, Melkor!"
"Ich sagte euch bereits, dass hier keine der euren mehr verweilt. Zwar ist Elehin bei mir, doch sie hat die Freiheit zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt. Mir scheint aber, dass sie nicht den Wunsch hat sich euch anzuschließen." Mit diesen Worten nahm er mich am Arm und zog mich ebenfalls zum Rand des Balkons. Ich blickte hinab auf die Gesichter jener, denen ich so sehr verbunden gewesen war, die ich geliebt hatte. Doch was ich sah, war nicht mehr die Schönheit und Anmut, die ich kannte. Fratzen waren es, die ich erblickte, die geifernd zu mir aufschauten und die Ekel und Abscheu in mir hervorriefen. Die Worte, die sie sprachen klangen wie ein Zischen und doch hörte ich geflüsterte Sätze hindurch. "Sie ist ein schreckliches Wesen und wird niemals wirklich zu uns gehören, doch ihre Macht brauchen wir, wenn wir Melkor besiegen wollen." tuschelten sie. Und von den Valar vernahm ich: "Wir müssen sie zurückbekommen, sonst verlieren wir die Herrschaft über die Völker Mittelerdes." Je mehr ich hörte, desto sicherer wurde ich, dass meine Entscheidung gegen sie die richtige war. Melkor, Mandos und die anderen hatten die Wahrheit gesprochen. Und so trat ich vor, angefüllt mit Zorn über die Lügen und die Heimtücke, mit der ich über all die Jahre im Zaum gehalten wurde. "Auch ich habe eine Entscheidung getroffen! Freiwillig und ohne Zwang bin und bleibe ich an Melkors Seite und werde gemeinsam mit ihm eure Lügen und euren Verrat gegen die Kinder Erus aufdecken. Mit ihm werde ich für die Freiheit Mittelerdes von den Valar und auch von Eru selbst kämpfen!"
Boromir trat vor und leise, wie aus weiter Ferne, hörte ich wie eine Stimme flüstern: "Elehin, erinnere dich an deine Liebe! Nicht nur zu mir, sondern auch zu allen anderen Wesen dieser Erde. Denk an das Ver-sprechen ..." Die letzten Worte schienen, als würden sie vom Wind davongetragen – ich konnte sie nicht mehr hören. Doch die leisen Töne wurden von einer stärkeren Stimme über-lagert, der Stimme Boromirs "Fort ging ich von dieser Festung im Auftrag Melkors und in dem Willen sein Werk zu tun. Als ich aber schließlich wieder frei war, von dem Bann, den deine Macht mir auferlegt hatte, erkannte ich, dass ich ihm nur aus Liebe zu dir gefolgt wäre. Nun aber bin ich frei von dir und ich bin froh darüber! Schrecklich wäre es für mich, eine solche Kreatur wie dich lieben zu müssen. Gerne helfe ich jenen, die dich vernichten wollen, um dir nie wieder nah sein zu müssen!"

So waren also meine Träume Wirklichkeit geworden.
Mein Zorn wuchs ins Unermessliche und so schrie ich "Dann sollst du den Versuch bekommen mich zu vernichten und dabei untergehen!" Schwarze Flammen loderten um mich auf und züngelten an meinem Körper entlang. Langsam sammelte ich die Kraft in meinen Hän-den, um sie anschließend auf die Menge vor den Toren hinabzuwerfen. Den Auf-schrei der Menschen und Elben wartete ich nicht einmal mehr ab, sondern machte mich auf den Weg hinunter, denn ich wollte im Kampf ihre Gesichter sehen. Die Schergen Melkors folgten mir und auf meinem Weg hörte ich sein triumphierendes Lachen.

Das Ende

Als ich den Hof erreicht hatte, wurden mir die Tore sofort geöffnet. Scharen von Menschen, Elben und Orks trafen nun aufeinander. Mir stellte sich niemand in den Weg, schnellt flüchteten sie aus Angst vor meinen Fähigkeiten. Doch die letzte Schlacht, die Dagor Dagorath hatte begonnen! Überall ent-brannten die Kämpfe: Menschen und Elben wehrten sich mit Schwert und Schild gegen die nun angreifenden Orks und Warge. In der Luft schlugen Adler und Drachen aufeinander ein, Ents und Trolle versuchten einander nieder zu ringen. Die Valar des Lichts nutzten ihre Fä-higkeiten im Kampf gegen die Balrogs, die ihre Feuerpeitschen auf sie niedergehen ließen.
Die Demonstration meiner Macht hatte den Sklaven der Dunkelheit Mut gegeben und so stürmten sie los, um mit aller Kraft den Feind zu besiegen. Melkor selbst griff nur wenig in die Schlacht ein, doch jeder, der sich ihm näherte, fand ein grausames Ende.

Die Welt schien erfüllt vom Geruch des Blutes und der Feuer und dem Schreien der Sterbenden. Unbeeindruckt lief ich durch das Getümmel und suchte nach meinen Opfern. Menschen und Elben waren mir gleichgültig und auch den anderen Wesen des Lichts schenkte ich keine Aufmerksamkeit. Meine Suche galt Boromir und den Valar, die für ihre Schandtaten büßen sollten. Boromirs Worte hatten etwas in mir zerrissen und so war es mir einerlei, wer den Krieg gewinnen mochte, solange ich meine Rache bekam.

Schließlich entdeckte ich die Valar und entlud meine Macht gegen sie! Und selbst sie, die mächtigsten aller Geschöpfe Ardas, hatten meiner Kraft nichts entgegen zu setzen. Sie schrieen auf vor Pein, als mein Feuer sie berührte und lagen schließlich reglos zu Boden.
Auch die Maiar bekamen zu spüren, was ich über Jahrhunderte hatte unterdrücken musste. Schneller noch als die Valar waren sie besiegt. Doch waren sie nur ein Teil meiner Rache, denn noch galt es jenen zu finden, der meine Gefühle verletzt und mich mit einem halben Herzen zurückgelassen hatte. Warum nur, fragte ich mich, war ich damals überhaupt bereit gewesen ihm etwas zu schenken, was mir allein zustand und dessen er nicht einmal würdig war?
Meine Wut und mein Hass galten nun Boromir allein, denn selbst als Teil der Finsternis sah ich keinen Weg an Eru selbst Vergeltung zu üben. So durchschritt ich weiterhin das Schlachtfeld. Die Krieger des Lichts, geschwächt durch den Verlust ihrer größten Kämpfer, stellten für mich keinerlei Hindernis dar. Und selbst die Schergen der Dunkelheit mieden mich und liefen eilig davon, sobald sie mich kommen sahen.

Endlich sah ich ihn, verwickelt in einen Kampf mit einem Balrog. In der dunklen Sprache gebot ich dem Feuerwesen sich zu entfernen und selbst dieser mächtige Maia lief eilends vor meiner Macht davon. Nun stand mir Boromir allein gegenüber. Wie schon zuvor erfüllte ein Stimmengewirr meinen Verstand – die eine flüsternd und sanft, die andere dröhnend und kräftig. Letztere schien mir die Stimme dieses verhassten Mannes zu sein, der mich verhöhnte und verspottete, dass ich derart verblendet gewesen sei ihm mein Herz zu schenken.
Die andere Stimme sprach leisere Worte und mein Kopf begann zu schmerzen, da ich sie nicht verstand und doch verstehen wollte. Unbewegt stand ich da und konnte mich nicht rüh-ren, da die Stimmen in meinem Kopf langsam zu einem Sturm anhoben, die Worte flossen ineinander und ergaben keinen Sinn mehr. Zornentbrannt blickte ich Boromir an, denn ihn sah ich als Auslöser dieser Qual. All meine Energie konzentrierte ich in mir zusammen, in der Hoffnung ihm Einhalt gebieten und endlich vernichten zu können – ich musste diesem Schmerz ein Ende machen!
Ein letztes Mal blickte ich in sein Gesicht. Er war näher an mich herangetreten und schien mich berühren zu wollen. Noch mehr Zorn wallte in mir auf, doch als ich sein Gesicht ge-nauer betrachtete, sah ich dort nicht das hämische Grinsen, dass ich erwartet hatte und auch keine Genugtuung ob meiner Qualen. Es waren Tränen, die ich sah, und die über sein Antlitz rannen. Sein Ausdruck zeigte, dass auch er litt – um meinetwillen! Ich bemerkte auch, dass seine Lippen sich bewegten, doch ich konnte nicht erkennen, was er zu sagen versuchte.
Plötzlich verspürte ich einen Schmerz direkt an meiner Brust, als wollte mir das Herz zerreißen. Als ich mit der Hand jene Stelle berührte, die mir soviel Pein bereitete, spürte ich einen Gegenstand. Verwirrt hob ich meinen Brustharnisch und entdeckte die Brosche, die ich in Melkors Kerker gefunden und mir über dem Herzen angesteckt hatte. Ich betrachtete sie, als sähe ich sie zum ersten Mal in meinem Leben. Anders als meine anderen Kleidungsstücke, war sie nicht schwarz geworden, sondern strahlte in ihrem vollen Glanze und ganzer Pracht. Erinnerungen überflutete mich, dies war Boromirs Brosche und sollte mich an ihn und an all die Schönheit der Elbenwerke erinnern.

Von der Brosche zu Boromir blickte ich und meine Verwirrung stieg. Was war geschehen? Ich fühlte die Dunkelheit in mir, doch war ich nicht einst von Licht durchdrungen gewesen? Und mit einem Male war mein Kopf wieder frei von der Vielzahl von Stimmen und ich hörte, was jene sanfte Stimme mir zu sagen versuchte: "Elehin, erinnere dich an deine Liebe! Nicht nur zu mir, sondern auch zu allen anderen Wesen dieser Erde. Denk an mein Versprechen! Ich versprach, dass ich dem Bösen widerstehen und zu dir zurückkehren würde. Hier bin ich nun. Auch du kannst erreichen, was mir gelang!" Es war Boromirs Stimme, die meinen Geist mit Wärme und Zuneigung erfüllte. Ich erinnerte mich seiner Worte, die er am Tage unseres Abschieds gesprochen hatte, bevor er von Melkor gefangen genommen worden war. Schließlich blickte ich zu Boromir, unschlüssig, wie ich zu ihm stehen sollte und endlich vernahm ich auch die Worte, die seinen Mund verließen: "Kämpfe gegen das Böse in dir an! Die Liebe in dir ist stärker als die Macht Morgoth. Ich liebe dich und wenn es sein muss, so werde ich dir auch mein Leben schenken, wenn es dich nur wieder zurück zu den deinen bringt." Und dann schrie er gen Himmel "Eru, erhöre mein Flehen! Führe Elehin zurück ins Licht, wie du auch mich dereinst durch ihre Hände geführt hast."
Nun erkannte ich auch die andere Stimme, die laut und dröhnend in meinem Kopf geklungen hatte. "Es ist dein Schicksal, die Entscheidung in diesem Kampf zwischen Dunkelheit und Licht herbeizuführen! Deine Macht wird entscheiden, ob das Gute oder das Böse den Sieg davonträgt – so bestimmt es dein Schicksal! Doch für welche Seite du dich entscheiden wirst, liegt einzig bei dir."
Es war Eru, der mir meinen Weg vorausgesagt hatte. Ja, ich war ein Teil des Lichts, doch hatte ich die Finsternis in meine Seele gelassen.
Ich hörte und ich erinnerte mich! Vor mir stand der Mann, den ich liebte und der auch mich liebte. Melkors Einflüsterungen, seine Verführungen und seine Folter hatten mich in die Dunkelheit geführt, doch dorthin gehörte ich nicht. Langsam, wie ein Gift, verließ die Schwärze aufgrund dieser Erkenntnis meinen Körper und befreiten meine Seele. Ich blickte um mich und erst jetzt erkannte ich, wie viel Unheil mein Handeln bewirkt hatte. Wieder einmal hatte ich mich von Egoismus und Selbstsucht leiten lassen und dadurch Tod und Schmerz über viele gebracht.
Die Kälte wich aus mir und Trauer übernahm ihren Platz. Immer noch stand ich bewegungs-los auf dem Schlachtfeld und Tränen strömten über mein Gesicht, denn ich hatte jene verletzt, die ich liebte. Und während ich noch dastand und mich selbst wegen meiner Taten verab-scheute, wandelte sich mein Äußeres wieder von Schwarz zu Weiß. Boromir lief auf mich zu und schlang seine Arme um mich. Er küsste mich und sprach "Niemals hätte ich aufgegeben! Ein Teil von dir lebt in mir und daher weiß ich, dass du voller Liebe bist und der Zorn dich niemals ganz beherrschen kann. Ich wusste, dass du zu mir zurückkehren würdest, wie auch ich immer zu dir zurückkehren werde."
Weitere Menschen, wie auch Elben kamen zu mir, umarmten mich und freuten sich über meine Heimkehr ins Licht. Ihre Liebe hüllte mich ein und wärmte mich, obwohl ich ihnen doch soviel Leid zugefügt hatte.

Doch der glückliche Moment wurde jäh unterbrochen. "Unnützes, widerspenstiges Kind! So leicht wendest du dich dem Feind zu!" Es war Melkor, der auf der Mauer seiner Festung stand und mit wutentbranntem Gesicht auf uns herabblickte. "Helfen solltest du mir, diese Würmer zu vernichten, doch kaum sind sie freundlich zu dir und umgarnen dich, wechselst du auf ihre Seite. Zeit und Mühe habe ich investiert, um deine reine Seele zu bekehren. Unbeständig ist dein Handeln und mir nicht mehr von Nutzen. Wenn du nicht zu mir gehörst, dann sollst du auch nicht zu ihnen gehören!" Seine Körper spannte sich an und ich sah, wie er seine Energie sammelte, um sie gegen mich zu richten, mich zu vernichten. Doch in mir regte sich keine Furcht, zu sehr wurde ich beruhigt von der Liebe der Wesen um mich herum. "Es ist wahr, ich war wechselhaft." sagte ich. "Doch nur, weil mir deine Welt nicht vertraut war, überließ ich mich ihr. Jetzt da ich sie kenne, weiß ich, dass ich sie nicht will und auch die Macht nicht, die du mir anvertraut hast. So gebe ich dir zurück, was du mir geschenkt und was du mich gelehrt hast. Und noch mehr, denn ich gebe dir auch all jenes, was mich die Geschöpfe Ardas je gelehrt haben!" Mir war kaum bewusst, was ich dort sprach, doch als die Worte meinen Mund verlassen hatten, wusste ich, was ich zu tun hatte. All die Liebe, die mir von den Umstehenden vermittelt wurde, ließ ich in mein Innerstes fließen und sammelte sie dort. Ebenso nahm ich den Hass und die Furcht auf, die von Melkors Sklaven ausging und fügte sie hinzu. Zu einem großen rotglühenden Feuerball formte ich die Gefühle, die von allen Wesen in meiner Umgebung ausgingen – denn nun wurde mir bewusst, dass dies meine eigentliche Macht war! Es geschah langsam wie in einem Traum, während Melkor seinen Arm gegen mich richtete, sah ich ihn voller Trauer und Mitleid an und das rote Feuer in meinen Händen bewegte sich, wie von Gedanken gelenkt, auf ihn zu. Schließlich ließ auch er seine Macht frei, doch glitt sie direkt auf die meine zu. Mit Erstaunen und Angst sah Melkor, wie seine schwarze Kraft von der meinen absorbiert wurde, sie verschwand darin, als habe sie nie existiert. Das rote Feuer jagte nun schnell auf Melkor zu und traf ihn schließlich. Doch anders als damals bei den Bal-rogs zerschmetterte die Kraft ihn nicht, sondern drang langsam in seinen Körper ein. Es schien fast, als würde sich seine Brust öffnen, damit der Feuerball ungehindert in ihn gelan-gen könne. Melkors Gesicht zeigte einen Ausdruck von extremer Verwirrung, Angst und Ver-zweiflung und zugleich so intensiven Hass, wie ihn nie wieder ein lebendes Wesen erblicken wird. Als das Feuer zur Gänze in seinem Körper verschwunden war, ging einen Raunen durch die Menge. Die freien Völker stöhnten vor Furcht, während die Armeen des Bösen jubelten, da sie ihren Herrscher siegreich wähnten. Auch Melkor lachte triumphierend und rief "So wenig vermag also deine Macht bei mir zu bewirken! Und ich glaubte, dass deine Stärke unübertrefflich sei. Wie sehr ich mich doch irrte." Er lachte schallend, doch ich flüsterte nur "Du irrtest nicht, denn immer wird es eine Macht geben, die die meine übertrifft. Doch du bist nur Morgoth und nicht Ilúvatar!"
Plötzlich sah man ein Glühen im Inneren Melkors, dass sich weiter ausbreitete. Erstarrt vor Schreck blickte er auf seine Brust hinab, nicht fähig zu glauben, was dort geschah. Das Glü-hen veränderte sich zu einem Strahlen, dass bald seinen ganzen Leib ausfüllte und schließlich durch seine Haut nach außen brach. So hell leuchtete er in allen Farben, dass jene, die zu ihm blickten, die Augen abwenden mussten. Ich jedoch sah weiterhin zu ihm auf und erblickte das Ende des Bösen. Das Licht breitete sich immer weiter aus, bis der Rand des glühenden Kreises auch aus meinem Blickfeld entschwunden war. Begleitet wurde es von einer Musik, die dem Gehör Schmerz bereitete, weil sie misstönend und unmelodisch klang. Beides schien sich über die ganze Welt zu breiten, bis es schließlich schlagartig und völlig unerwartet verging. Stille und normales Tageslicht waren zurückgekehrt und von Melkor war nichts zurück geblieben.

Keiner vermochte zu glauben, was geschehen war. So lange hatten Gut und Böse gegeneinander gefochten, dass niemand zu hoffen wagte nun könne endlich Frieden herrschen. Seltsamerweise erkannten die Gefolgsleute der Finsternis zuerst, welche Bedeutung das Geschehen hatte. Obwohl sie noch geschockt und verdrossen einher blickten, nicht begreifend, wie es möglich war, dass ihr Herr eine so endgültige Niederlage erfahren konnte, legten sie ihre Waffen nieder und ergaben sich uns oder verließen schweigend und trostlos das Schlachtfeld. Die Kempen des Lichts ließen sie ziehen, denn sie ahnten doch tief in ihrem Inneren, dass weder Orks noch Balrogs sich je wieder zusammenschließen würden. Das Böse hatte seinen Heerführer verloren und lange würde ihm keiner mehr nachfolgen.

Ein neuer Anfang

Auch ich nutzte nun endlich die Gelegenheit, um mich umzusehen und das Ausmaß der Schlacht in mich aufzunehmen. Meine Umnachtung hatte mich blind gemacht für das, was um mich herum geschehen war und so erkannte ich erst jetzt, wie viele Leben all dies gekostet hatte. Tausende von Orks, Warge und auch Trolle lagen tot oder sterbend auf der blutgetränkten Erde. Aber auch eine schrecklich große Anzahl von Elben und Menschen lagen an ihrer Seite. Jede Rasse hatte große Verluste erlitten.
Mein Blick wanderte weiter und schließlich entdeckte ich eine Gruppe, die sich um einige am Boden liegende Körper versammelt hatte. Aragorn, Éomer, Faramir, Legolas, Gimli, Elrond, Galadriel, die vier Hobbits und einige andere bekannte Gesichter entdeckte ich dort. Mein Herz machte einen Sprung vor Freude, als mir bewusst wurde, dass die Gefährten von einst, wie auch viele meiner übrigen Freunde, den Kampf heil überstanden hatten. Doch als ich mich ihnen näherte, Boromir an meiner Seite, erstarrte ich und empfand nunmehr Trauer, Schmerz und Schuld. Vor ihnen lagen die Leiber der Valar und Maiar, die durch mein Han-deln den Tod gefunden hatten.
Ich sank auf die Knie, weinend und schluchzend. Den Anblick ihrer reglosen Körper konnte ich nicht ertragen! Wie konnte ich weiterleben, da ich ihnen dies angetan hatte. Doch ich musste mich dem aussetzen, durfte nicht zurückschrecken vor meiner eigenen Schuld. Und so näherte ich mich ihnen, immer noch auf Knien, und berührte ihre Hände und ihre blassen Gesichter. Tränen rannen mir herab und tropften sanft auf ihre Haut.
"Vergebt mir!" schrie ich. "Dumm und arrogant war ich und nichts kann dies jemals entschuldigen. Mein Leben würde ich geben, dass ihr nur zurückkehrtet zu den Menschen, die eure Hilfe mehr benötigen als die meine. Nichts bin ich im Vergleich zu euch, die ihr immer für das Licht kämpftet. Geliebt habt ihr mich, doch wie habe ich es euch gedankt? Mit dem Tode.
Besser ist es, wenn ich diese Welt verließe, dass ich nie wieder jemandem Schaden zufügen möge. Denn nichts vermag die Schuld, die ich auf mich geladen habe, jemals auszugleichen."
Einem jeden von ihnen wandte ich mich zu, nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn ein letztes Mal. Mein Entschluss war gefasst, ich würde in die Leere gehen, in der einst Melkor gefangen war, denn wie er, so war auch ich eine Gefahr.
Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir: "Wie kannst du es wagen, Mittelerde verlassen zu wollen, da es deiner Hilfe und deiner Macht am meisten bedarf?" Ich blickte mich rasch um, denn ich konnte nicht glauben, was ich gerade gehört hatte und vor allem nicht, dass es seine Stimme war! Und doch, Gandalf blickte mich mit sanfter Miene an und lächelte mir zu! Er hatte sich aufgerichtet, damit er mich besser in Augenschein nehmen konnte. Im gleichen Augenblick, da ich zu ihm stürmte, um ihn vor Freude zu umarmen, bewegten sich auch all die anderen wieder. Orome, Tulkas, Eonwe, wie auch Radagast erhoben sich! Ebenso erging es den Menschen und Elben, die zuerst meine Macht zu spüren bekommen hatten – überall regten sich die Lebenden!
Unter Tränen schluchzte ich, an Gandalfs Hals gepresst, hervor: "Wie kann das sein? Mit meiner Macht hatte ich euch getroffen und diese Kraft hat sogar Melkor vernichtet. Weshalb lebt ihr, während er doch vernichtet wurde?"
Eine dröhnende laute Stimme erhob sich daraufhin. "Weil nicht du über Leben und Tod entscheidest!" Es war Eru und nicht nur die Valar vernahmen seine Worte, auch Menschen und Elben lauschten ihr andächtig und blickten suchend gen Himmel, in der Hoffnung den Ursprung der Stimme ausfindig machen zu können. Doch Eru zeigte sich uns nicht, sondern sprach weiter. "Nur in meiner Macht liegt es, darüber zu entscheiden, wann ein Valar diese Welt verlässt. Melkors Zeit war zu Ende und ich lies zu, dass sein Lied verstummt. Euer Gesang aber ist noch nicht beendet! Nur durch deine Liebe kannst du, Elehin, deine Macht wirken und Liebe war es, die Melkors Vernichtung herbeiführte. Doch gegen die Valar setztest du deinen Hass und deinen Zorn, obwohl noch immer Liebe zu ihnen in deinem Herzen wohnte. Aus diesem Grunde, warst du nicht in der Lage sie zu vernichten. Melkor jedoch sandtest du all die Zuneigung, die du empfingst und dazu den Unmut seiner Sklaven, der ihm vertraut war. Nur so konntest du ihn wahrhaft auf ewig verletzen. Niemals wieder kann er in diese Welt zurückkehren, denn sein Leib wurde aufgelöst und seine Energie ver-streut.
Eine neue Zeit bricht an, die Welt möge nun den Menschen gehören. Melkors Wunsch wird sich schließlich erfüllen, denn ich befreie die Menschen von jenen Wesen, die mächtiger sind als sie, damit sie lernen ihr Leben selbst zu führen. Ohne Anleitung und Rat der Valar oder Elben."
Und an die Valar gewannt fügte er hinzu: "Begebt euch wieder nach Valinor, denn dort sollt ihr verweilen. Das Schicksal der Welt zu betrachten ist nicht mehr eure Aufgabe! Die Men-schen sollen ihren Weg finden ohne euren Einfluss und eure Hilfe." Schließlich wandte er sich auch an die Elben. "Auch ihr, als meine erstgeborenen Kinder, werdet euch den Valar anschließen und nach Aman gehen. Doch nicht sogleich, denn noch kann euer Rat den Men-schen von Nutzen sein. Erst wenn Mittelerde wiederhergestellt ist, sollt ihr zu mir kommen. Einige mögen verweilen, doch sie dürfen sich fortan nur jenen Menschen offenbaren, die von ihrer Existenz wissen.
Du aber, Elehin, wirst auf Mittelerde bleiben, als unser Beobachter. Denn es wird eine Zeit kommen, fern von dem heutigen Tag, an dem die Menschen sich jener weisen Wesen erin-nern. Eine Zeit, in der das Wissen der Menschen ihren Höhepunkt erreicht haben wird, Weis-heit und Güte jedoch verloren gehen. Dann erst, wenn sie unserer Hilfe am meisten bedürfen, werden die Geschöpfe Amans zurückkehren! Doch bis dahin wirst du unsere Botschafterin bleiben. Auch einen der Menschen werde ich erwählen, wenn seine Zeit gekommen ist, dass er nach Valinor komme, um dort zu rasten. Wenn der Tag kommt, an dem die Freund-schaft der Rassen erneuert werden wird, wird er der Botschafter der Menschen sein, dass er berichte, was er auf Valinor erlebt.
Um die Seelen und Herzen der Menschen, die da kommen zu schützen, soll jedoch die Dagor Dagorath und die Vernichtung Melkors ein ewiges Geheimnis bleiben! Niemand von euch, darf jemals über sie sprechen oder von ihr berichten, so nicht euer Gegenüber es selbst miter-lebte. Dieses Schweigen lege ich euch auf. So soll es sein und so wird es sein!"

Vergangenheit

Schweigen trat ein, nach diesen Worten. Bedrückt auch durch das Wissen, dass eine Trennung von liebgewonnenen Freunden uneisweichlich sein sollte. Alle Völker Mittelerdes hatten hier miteinander für eine gemeinsame Sache gekämpft und nun wurde ihnen gesagt, dass sie sich auf ewig voneinander trennen sollten. Kaum jemandem war dieser Gedanke angenehm.
Doch ihr wisst, dass Eru die Wahrheit sprach. Lange noch blieben die Elben, um den Menschen beim Wiederaufbau zu helfen, doch am Ende verließen sie unsere Gestade und machten sich gen Westen auf. Nur wenige von ihnen blieben, versteckt in den Wäldern, um ihre Unsterblichkeit in Einsamkeit zu verbringen. Haldir war einer von ihnen, doch das ist eine an-dere Geschichte...

Auch andere Völker wurden nach Valinor gerufen und so gingen Frodo, Bilbo und zuletzt auch Sam von den Hobbits, um dort zu leben. Auch sie sollten Beobachter für ihre Art sein, dass sie berichten könnten von ihrem Leben, wenn der "Tag der erneuerten Freundschaft", wie er fortan genannt wurde, kommen würde. Auch Gimli bestieg mit seinem engen Freund Legolas viele Jahre später ein Schiff, um die Zwerge in Valinor zu vertreten.

Selbst Mandos, Irmo und die Ithryn Luin begaben sich dorthin zurück, da der wahrhaft Böse diese Welt endgültig verlassen hatte, waren auch sie befreit davon. Auch hatten sie schließlich erreicht, wofür sie zu kämpfen gedachten: die Freiheit der Menschen von den Valar. Eru vergab ihnen ihre Missetaten und sie zeigten sich wieder freundlich und besonnen, als habe es diese Zeit der Dunkelheit für sie nie gegeben.

Ich blieb zurück, wie Eru es gewünscht hatte und ich war froh darüber, denn ein Leben voller Liebe, mit Boromir an meiner Seite, stand mir bevor.
Die Geschehnisse jener Zeit wurden euch von Professor Tolkien berichtet und so wisst ihr, welchen Weg die Gefährten und ihre Freunde einschlugen. Und so wisst ihr auch, dass Aragorn, König Elessar, starb. Doch ist euch eines bis heute verborgen geblieben, denn er war der Auserwählte Mensch, von dem Eru in seiner Prophezeiung sprach. Während ich mit Arwen und Boromir noch an seinem Grab stand und sein Ableben betrauerte, hörte ich Erus Stimme in meinem Kopf und er offenbarte mir dies. Aragorn sollte als Vertreter der Menschen zu ihm kommen und dort mit Arwen leben, denn obwohl sie die Sterblichkeit gewählt hatte, wollte Eru sie nicht voneinander trennen.

Gegenwart

Ein langes und erfülltes Leben war mir vergönnt, denn die Liebe zwischen Boromir und mir wuchs mit den Jahren und wurde tiefer und auch unter den Menschen hatte ich viele Freunde. Vieles hat sich seitdem verändert und nicht immer war ich davon erfreut, doch es ist der Weg der Menschen und ich habe keine Macht über sie. Obwohl ich zugestehen muss, dass ich einige von ihnen mit meiner Kraft berührte, die noch immer in mir wohnt, um Gefühle freizulegen, die sonst im Verborgenen geblieben wären.
Nun werdet ihr euch fragen, wie ich euch von all dem berichten konnte, da Eru es doch untersagt hatte. Nun, bereits zu Beginn meiner Geschichte erzählte ich euch, dass ich schon immer dazu neigte Erus Gebote zu missachten – so auch diesmal. Es drängte mich sehr danach, euch zu offenbaren, was ihr wissen solltet.
Denn Melkor mag vernichtet worden sein, seine Musik jedoch fand Eingang in die Lieder der Menschen! Wie Eru sagte, hatte sich die Energie des Bösen verstreut und konnte so in die Herzen der Menschen dringen, wenn sie ihr nur Raum dazu ließen. Ihr selbst kennt die Auswirkungen, die seine dunkle Kraft noch heute inne hat. Daher fordere ich euch auf: ver-schließt euch gegen ihn! Lasst ihn nicht Teil von euch werden. Zu viele sind bereits wieder dem Schatten anheim gefallen.

Ich sehne mich danach, nach Valinor zurückzukehren, denn der Schatten scheint stärker zu werden. Doch stehe ich nun allein, mich gegen ihn zu stellen, denn Boromir starb vor zwei Monaten, die Hälfte meines Wesens reichte doch nicht aus, um ihm Unsterblichkeit zu gewähren. Nach all den Jahrhunderten der Gemeinsamkeit drückt die Einsamkeit umso stärker auf meine Seele.
Noch aber habe ich Hoffnung, denn wenn ihr meine Geschichte vernommen habt, mag sich das Schweigegebot Erus langsam lösen. Wenn ihr zu jenen Auserwählten ge-hört, die die letzte Wahrheit erfahren durften, so mag der Tag der erneuerten Freundschaft, der Tag, an dem ich meine Familie und meine Freunde wiedersehen darf, nahe sein. Vergesst nicht, was ihr hier erfahren habt und gebt es weiter an jene, die zu wissen begehren. So dass der Weg frei werde für Elben, Hobbits, Zwerge, Ents und auch die Valar und Mittelerde wieder zu blühen beginne!

ENDE