Mit Tränen in den Augen schlug Frodo die Abzweigung zum Beutelhaldenweg ein. Er rannte nicht mehr, er blieb vor der Hecke stehen und sah keuchend zu Sam hinunter, der geistesabwesend Unkraut ausriß. Schließlich bemerkte er Frodo und hob den Kopf.
Was machst du hier? fragte er. Er konnte es sich schon fast denken und war nicht erfreut.
Frodo blieb stumm. Er konnte nicht sprechen. Tränen liefen über seine Wangen, er warf Sam einen flehenden und hilfesuchenden Blick zu, der den Gärtner wirklich aufrüttelte. Er warf das Werkzeug beiseite, kam durchs Tor hinaus und lief auf Frodo zu, dann nahm er ihn tröstend in den Arm und biß sich auf die Lippen.
Frodo mußte ihm nicht sagen, wie er sich fühlte. Das konnte Sam sich denken, denn er hatte genau dieselben Befürchtungen. Aber im Gegensatz zu Frodo wußte er, daß Liliane nicht gehen würde. Er hatte es im Gefühl, er hatte die beiden doch am Tag zuvor noch verliebt herumalbern sehen und brauchte sich nicht zu fragen, worin das wohl geendet hatte.
Schluchzend lehnte Frodo sich an ihn. Sam hielt seinem Ausbruch stand und sagte: Herr Frodo, mach dir keine Sorgen, es wird sich dadurch nichts ändern! Glaub deinem Sam.
Erst kam keine Antwort. Sam spürte die Tränen seines Freundes und seufzte leise. Er konnte ihn schon verstehen.
Sam, warum hat sie das getan?
Was, Herr Frodo?
Ihn umarmt... hast du das nicht gesehen? Ich meine, ich... ich verstehe sie, aber ich war doch da und... und dann bietet sie ihm an, daß er kommen kann... nach Beutelsend, Sam! Wo ich mit meiner Familie lebe... Ich will das alles nicht, Sam...
Oh... ich verstehe. Aber weißt du, er war sieben Jahre nicht hier, sie hat nicht mehr an ihn gedacht, weil sie ihn doch für tot hielt und - glaubst du denn, daß sie ihn noch liebt? Jetzt, wo sie dich hat?
Aber wenn sie jetzt mit ihm zusammen... sie hat doch immer gesagt, daß sie ihn so geliebt hat, vielleicht tut sie das wieder, das wäre... das wäre... nein...
Nein, Herr Frodo. Sieh mal, er hat doch gesagt, daß er sie gar nicht zurückhaben will und sie hat doch bestimmt auch gerade noch etwas gesagt, oder nicht?
Frodo bejahte es und hob den Kopf.
Sie wird dir gesagt haben, daß sie nicht gehen wird, weil... naja, denk doch auch mal an die Kinder und was ihr erlebt habt, ihr liebt euch doch so sehr!
Fassungslos sah Frodo seinem Freund direkt ins Gesicht.
Genau das hat sie gesagt, Sam, woher weißt du das?
Weil es so ist und ich genau weiß, daß sie dich nicht weniger liebt als du sie. Daran kann auch er nichts ändern. Verstehst du, nur weil er zurückgekehrt ist, bedeutet er keine Konkurrenz! Das haben sie beide gesagt und du weißt doch, daß du ihr glauben kannst. Und er ist ein ehrenhafter Hobbit, ich habe mit ihm gesprochen und soviel verstehe ich noch von den Leuten.
Frodo wandte ein, daß die beiden viel reden konnten und nachher dennoch anders darüber dachten, Gefühle konnten sich ändern.
Ach, Herr Frodo... glaubst du das denn, nur weil sie ihn umarmt hat? Was hättest du denn getan?
Frodo zuckte hilflos mit den Schultern. Aber verbieten will ich es nicht, das wäre auch nicht gut... ich will nicht egoistisch sein, aber wenn sie ginge, Sam, wäre es das Ende...
Sam nickte. Das weiß sie. Sieh mal, sie hat ihn doch eigentlich vergessen und er weiß nichts mehr von ihr. Er wird sich nicht dazwischen drängen und sie wird nicht gehen. Ich war immer so froh, daß sie deine Frau ist, weil sie dich wirklich verdient hat und das weiß sie. Erinnere dich doch daran, was sie vor drei Monaten getan hat, als Lutz hier war.
Frodo zog die Brauen zusammen und seine Augen verengten sich vor Wut. Gerade von dem wollte er nun wirklich sprechen!
Sie ist gegangen und hat riskiert, daß Lutz alles von ihr bekommt, was er haben will, weil sie dir helfen wollte. Stell dir das doch mal vor! Hast du das schon vergessen?
Frodo seufzte. Aber das war vor drei Monaten und da war Gundbert nicht hier...
Herr Frodo! Du machst es einem aber auch schwer!
Sam stöhnte. Warum nur hatte Frodo so gar kein Vertrauen mehr? Er konnte ihn verstehen, aber sein Mißtrauen konnte alles mehr zerstören als das, was Gundbert je anrichten könnte.
Er hat sie gerettet und zu dir gebracht! Denk doch daran. Denk überhaupt erst einmal nach. Am besten gehst du nach Hause und setzt dich ruhig hin und vielleicht sprichst du einfach mit ihr, dann brauchst du keine Angst zu haben.
Frodo runzelte fragend die Stirn. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht besonders.
Meinst du?
Ja. Geh einfach und hör auf, an ihrer Liebe zu zweifeln. Glaubst du denn nicht, daß ihr das weh tut?
Daran hatte Frodo noch nicht gedacht. Er war so in seine eigene Verzweiflung vertieft gewesen, daß er völlig blind an nichts anderes mehr gedacht hatte.
Du hast Recht, Sam... ich gehe.
Danke... sie hatte ihm gedankt.
Carl war völlig verwirrt, als er durch die Straßen Hobbingens lief nach Wasserau, er spürte noch ihre Umarmung, doch viel deutlicher spürte er ihre Fäuste auf seiner Brust. Sie hatte jedes Recht, so zu reagieren, er trug an allem ganz allein selbst die Schuld und niemand sonst. Warum war er auch nicht zurückgekehrt? Er konnte es nicht verstehen. Nicht mehr. Monatelang war er zu krank gewesen, die fehlende Sonne hatte ihm im Winter nicht viel geholfen, erst im Frühjahr hatte er sich erholt.
Zu einer Zeit, in der sie jede Hoffnung hatte aufgeben müssen, sie hatte um ihn getrauert, das wußte er. Ihr Verhalten war der beste Beweis dafür, denn die alten Wunden waren sichtlich wieder aufgebrochen.
Natürlich hatte sie die Fassung verlieren müssen, als sie einander gegenüberstanden. Sie hatte ihn längst vergessen, ihre Liebe vergessen, was einfach so sein mußte... denn Carl hatte gesehen, wie sehr sie nun Frodos Liebe erwiderte.
Er konnte ihr nicht böse darum sein! Daß sie ihn ebenso geliebt hatte, würde er nie in Frage stellen.
Er hätte sofort zurückkehren müssen, über seinen Schatten springen, dann wäre sie nicht mehr einsam und traurig gewesen. Alles nur wegen ihm.
Er hoffte, daß sie ihn nun nicht haßte.
Wenn er damals gekommen wäre, hätte sie vielleicht Frodo nie getroffen... der Bürgermeister hatte gesagt, daß sie im Sommer geheiratet hatten. Schon so bald. Aber Carl hätte rechtzeitig da sein können, um wieder der Alte zu werden...
Er zitterte unwillkürlich, als er daran dachte, daß er sie vor Minuten noch im Arm gehalten hatte. Sie war ihm einfach um den Hals gefallen.
Ihre Wärme... ihr Gefühlsausbruch hatte mehr ausgedrückt, als sie je mit Worten hätte sagen können.
Und so sehr Carl es auch verwünschte, er hatte gespürt, wie angenehm ihre Gegenwart war. Sie war hübsch, sie war so gut, eigentlich schon viel zu gut für ihn... aber sie hatte ihm einst ihre Liebe geschenkt, bevor er sie feige im Stich gelassen hatte. Carl schluckte. Was sollte er erwarten? Es war vorbei. Von ihrer gemeinsamen Zeit wußte er nichts mehr, ganz im Gegensatz zu ihr. Es wäre nie dasselbe gewesen, das würde es auch jetzt nicht sein.
Schon gar nicht mit den beiden Kindern. Sie zwangen ihn mehr als alles andere, seine eigenen verwirrten Gefühle zu ignorieren. Kein Recht der Welt hatte er, sie nun wieder an seiner Seite haben zu wollen.
Daß Frodo seinen Anblick nur schlecht ertragen hatte, war ihm nicht entgangen und es tat ihm leid, denn er konnte ihn verstehen. Aber er war nicht eifersüchtig, weil es alles vergangen war. Für Carl stand es außer Frage, daß Frodo nun derjenige war, der ihr ewige Liebe und Treue geschworen hatte und das sollte auch so bleiben. Es schmerzte Carl nicht so sehr, Frodo mit ihr zu sehen, wie es wohl umgekehrt der Fall sein mußte.
Weil er sich an nichts mehr erinnerte. Und seine nun neu aufflammenden Gefühle mußte er einfach unterdrücken und das konnte er auch.
Bereits in diesem Moment faßte er einen Entschluß. Es wäre das beste für alle.
Niemals würde er sich dazwischendrängen.
Allerdings hatte er bemerkt, wie deutlich Liliane ihre Gefühle gezeigt hatte. Auch wenn ihr Herz nun Frodo gehörte, so hatte Carl gesehen, daß er tatsächlich immer noch einen Platz darin zu haben schien und das gefiel ihm nicht unbedingt. Das würde es ihr nur schwer machen.
Er mußte es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Frodo würde darunter auch leiden, ebenso die Kinder.
Alles wegen ihm.
Er war schrecklich schuldbewußt, fast schon zu sehr. Er lastete sich alles an, wirklich alles.
Überhaupt, Frodo war nicht nur irgendwer! Carl hatte nun zweifelsfrei erkannt, wer er wirklich war. Der Wirt hatte keinen Unsinn erzählt - Frodo Beutlin, der Abenteurer, war der Ringträger mit den neun Fingern, Carl hatte es gesehen.
In gewisser Weise schreckte ihn auch das ein wenig. Er schien zwar ein normaler Hobbit zu sein, Carl hatte ja auch gehört, wie die Leute über ihn sprachen. Scheinbar wußte wohl niemand, was er alles getan und erlitten hatte.
Er hatte diese Liebe verdient...
Aber einige Fragen hatte er, er war froh, daß sie ihm Antworten geben wollte, denn die wünschte er sich schon. Keine Ansprüche außer diesem.
Unversehens war er in Wasserau angekommen und begab sich schweigend auf sein Zimmer, wo er sich aufs Bett legte und gegen die Decke starrte.
Warum nur hatte er das alles getan? Sie hätte ihm eine schallende Ohrfeige verpassen müssen und es wäre gerecht gewesen.
Einfach weil er zu bequem gewesen war... weil er gedacht hatte, daß er sich an sie erinnern müßte und sie nach ihm hätte suchen müssen... so einfach war das nicht.
Tut mir leid, flüsterte er. Denn er erinnerte sich an ihre Worte, daß sie auch hatte sterben wollen, daß ihr Leben ohne ihn nichts wert gewesen war.
Carl war so glücklich, daß es nun doch wieder einen Sinn hatte auch ohne ihn. Das Leben ging weiter. Hätte sie bis heute trauern sollen?
Nein. Es war ihr gutes Recht, wieder zu leben, glücklich zu sein.
Und das war sie. Er hatte es gesehen. Das war gut so!
Er holte tief Luft. Was da aus ihm sprach, war ein seltsames Gefühl. Es war keine Erinnerung, das ging tiefer. Sie berührte sie an einer Stelle in seiner Seele, die bislang verborgen geblieben war.
Es war irgendwo tief in seinem Herzen, wo die Liebe in Vergessenheit geraten war, aber eines fiel ihm plötzlich ein: Er hatte einmal gesagt, daß er sie immer glücklich sehen wollte. Warum ihm das so unerwartet einfiel, wußte er nicht, aber er hatte es tatsächlich einmal gesagt. Die Erinnerung war stark.
Und es war seine noch immer irgendwo vorhandene Liebe für sie, die allerdings nicht mehr dieselbe sein konnte. Das war gar nicht möglich, er mußte sie noch mehr geliebt haben.
Aber aus lauter Liebe wollte er sie loslassen, weil er sie glücklich sehen wollte. Er mußte verschwinden und sie mit ihrer Familie allein lassen. Weiterhin wie tot für sie sein, damit sie so weiterleben konnte, wie es am besten war.
Die Traurigkeit war aus seinem Herzen verschwunden. Das Gefühl, etwas Gutes zu tun, überwog, es war ein gutes Gefühl, es freute ihn. Es schmerzte nicht, loszulassen.
Reich mir mal bitte den Käse!
Rosie warf Liliane einen flüchtigen Blick zu, ließ die Speckstücke zwischen den Pilzen verschwinden und nahm dankend den Käse von Liliane entgegen, dann legte sie ihn in den Topf und stellte diesen aufs Herdfeuer. Es würde eine Weile dauern, bis er geschmolzen war und mit Kräutern zu einer Soße verarbeitet werden konnte, aber wenn es soweit war, würde sie eins ihrer Kinder an den Hammelbeinen packen und nach allen schicken, seinen Geschwistern, seinem Vater und Frodo.
Liliane schnitt einen Laib Brot in Scheiben, doch als unerwartet Frodo in der Küchentür stand und sie ansah aus roten Augen, wäre sie fast vor Schreck abgerutscht.
Sie legte schnell das Messer hin und ging auf ihn zu. Er richtete sich unversehens auf und atmete hörbar aus, was sie zögern ließ.
Liliane ließ die Arme wieder sinken und sah ihn flehend an. Tränen glitzerten in seinen Augen und er wandte sich schon wieder ab, um zu gehen, aber sie hielt ihn fest und zog ihn an sich, schloß ihn in die Arme und strich mit den Händen über seinen Rücken.
Er umklammerte sie regelrecht und holte tief Luft. Es tat so unglaublich gut, sie an sich zu spüren, den Duft der Seife in der Nase zu haben, die sie so mochte, einfach ihre Wärme zu spüren und ihre Nähe...
Rosie beobachtete die beiden nur kurz, dann wandte sie sich ab und ließ sie in Ruhe, indem sie sich weiter um das Essen kümmerte.
Frodo vergrub das Gesicht in ihren Locken. Sie spürte, wie sich seine Finger in ihren Rücken krallten und er am ganzen Leib zu zittern begann. Liliane richtete den Blick zur Decke und legte eine Hand an seinen Kopf, strich über seine Haare und seine Wange.
Frodo hob den Kopf, dann küßte er sie auf ihre rosige Wange und lächelte ehrlich.
Ich bin unmöglich, murmelte er. Liliane erwiderte sein Lächeln.
Stimmt. Einfach so wegzulaufen! Aber mach dir keine Gedanken, ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Sag mir, wenn ich etwas falsch mache, ich will dich nicht verletzen... aber ich weiß auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es war wie ein Schock und das ist es noch. Aber du verstehst hoffentlich, daß ich ihn nun nicht einfach ignorieren kann! Nur ich kann ihm helfen und das möchte ich auch, aber nicht lange. Vertraust du mir? Bist du damit einverstanden?
Frodo wußte nicht, was er sagen sollte. Warum durchschaute sie ihn immer sofort? Das wurde ihm unheimlich. Sie kannte ihn besser als er sich selbst.
Zweifle nicht, Frodo. Bitte.
Er nickte langsam. Ja... er wollte es versuchen, er wollte sein bestes geben. Ihre liebevolle Umarmung hatte so gut getan.
Danke.
Sie klang so erleichtert. Er spürte, wie sich ihre Hand um seine schloß und sie ihn mit sich ins Schlafzimmer zog. Dort setzte Frodo sich aufs Bett, während Liliane noch den schlafenden Perhail aus der Wiege nahm und ihn seinem überraschten Vater in die Arme drückte.
Was... begann Frodo. Liliane schmiegte sich an ihn und strich ihrem kleinen Sohn über die Nase.
Warum haben wir ihn und Meli? fragte Liliane provozierend. Frodo sah noch immer auf seinen schlummernden Sohn und hob dann den Blick.
Weil... muß ich dir das jetzt erklären?
Sie grinste. Nein. Das meinte ich nicht. Aber es war doch Liebe, oder nicht?
Mit einem versonnenen Lächeln nickte Frodo. Oh, und wie, er liebte sie so sehr, daß es fast schmerzte. Besonders der Gedanke, sie zu verlieren zerriß ihn fast.
Siehst du. Und du glaubst doch nicht wirklich, daß daran jemand irgendwann etwas ändern könnte? Niemand auf dieser Welt, kein König und kein Held, könnte dir jemals meine Liebe streitig machen!
Frodo lächelte, er war gerührt, er drückte ihr Perhail in die Arme und umarmte sie zärtlich. Die beiden schenkten sich einen tiefen Kuß und Frodo lehnte seinen Kopf an ihren.
Liliane schloß die Augen. Da war sie wieder, diese große Geborgenheit, sie entspannte sich und genoß es, mit ihm so zu sitzen.
Allerdings währte diese traute Zweisamkeit nur genau so lange, bis Perhail sich schreiend meldete und nach Aufmerksamkeit verlangte. Er blickte in die liebevollen Gesichter seiner Eltern und quietschte. Frodo ärgerte ihn ein wenig, er streckte ihm seinen Finger hin und wollte ihn den kleinen greifenden Händen immer wieder entziehen, aber Perhail war schneller.
Liliane kicherte. Ihr zwei seid schrecklich anhänglich, weißt du das?
Spöttisch grinsend meinte Frodo dazu nur: Klar. Von wem er das hat, ist damit wohl klar!
Aber deswegen wirst du ihn wohl nicht für mich füttern, oder?
Nein. Du bist dran.
Schulterzuckend stand Liliane auf. Wenn seine Liebe bei etwas aufhörte, dann bei der Fürsorge für die Kinder. Er erledigte seinen Anteil an Arbeit geduldig und voller Liebe, aber er wußte ebenso ganz genau, wann Liliane an der Reihe war. Das kannte sie schon. Es war halt lästig, den Kleinen zu wickeln und zu füttern - besonders, wenn mehr Brei auf der elterlichen Kleidung landete als in seinem Magen - und noch dazu war Frodo überhaupt schrecklich faul. Er tat alles für Liliane und nahm ihr viel ab, aber manchmal war sein innerer Schweinehund einfach größer als seine Liebe.
Genauso interessierte es sie manchmal überhaupt nicht, was er wollte, sie verstand es, ihren Willen durchzusetzen. Manchmal tat ihm das sogar richtig gut.
Während Frodo vom Geschrei im Flur aus dem Zimmer gelockt wurde und seine Tochter überfallen und durchkitzeln wollte, wiegte Liliane Perhail in den Armen und dachte weiter nach.
Sie liebte Frodo so sehr, sie liebte es, daß er ein wenig verrückt war und manchmal eine unerträgliche Nervensäge sein konnte. Daß er sie auf Händen trug außer beim Windelwechseln konnte sie kaum wieder gutmachen - aber sie versuchte es immer und glaubte, daß es ihr ganz gut gelang.
Plötzlich schlich sich ihr ein Vergleichsgedanke in den Kopf, für den sie sich sofort schrecklich schämte.
Sie glaubte, Gundbert niemals so sehr geliebt zu haben wie Frodo. Oder war es zu lange her? Ihre Gefühle für Frodo waren so immens, daß sie manchmal gar nicht wußte, wie sie ihn davon wissen lassen konnte. Aber er wußte es.
War es bei Gundbert auch so gewesen? Sie erinnerte sich daran, wie sie unter seinem Verlust gelitten hatte - aber die Liebe? Es war immer so schön mit ihm gewesen. Er hatte sie ebenso auf Händen getragen.
Aber dennoch war es nicht das Gleiche gewesen.
Lag es an den gemeinsamen Erlebnissen? Tat sie Gundbert Unrecht? Er hatte nie das für sie tun können, was Frodo getan hatte. Die Gelegenheit hatte er nie gehabt.
Aber Frodo war in bitterer Kälte und unter großen Schmerzen mit letzter Kraft zu ihr gekommen, er wollte sie retten, sie befreien, er hätte sich für sie geopfert - was er vor nicht allzu langer Zeit wirklich getan hatte und sie umgekehrt ebenso.
Doch, natürlich hätte Gundbert das auch getan... aber hatte Frodo nicht sogar einmal gesagt, daß er alles, was er in seinem Leben hatte erleiden müssen, noch einmal auf sich nehmen würde, nur um bei ihr zu sein?
Es war nicht recht, die beiden zu vergleichen, aber sie tat es. Und ihr Gefühl sagte ihr, daß sie niemals jemanden so geliebt hatte wie Frodo.
Im gleichen Augenblick schämte sie sich schrecklich für diesen Gedanken, sie wollte ihn verjagen, aber das ging nicht.
Sie hatte um ihn gekämpft und wußte genau, warum.
Schließlich trat sie aus dem Schlafzimmer und lachte laut, als sie sah, wie Frodo bäuchlings am Boden lag, Hamfast thronte siegreich auf ihm und Meli versuchte dennoch vergeblich, ihren Fuß aus Frodos Umklammerung zu befreien.
Papa! Laß mich! schrie sie übermütig und kicherte.
Diese ständigen Neckereien bereiteten ihnen immer wieder viel Freude.
Das war unbezahlbar, dachte Liliane still bei sich.
Am nächsten Morgen erwachte Liliane davon, daß Frodo sie fest in seine Arme zog und seinen Kopf in ihren Nacken bettete. Ihr Kopf lag auf seinem Arm, den anderen hatte er gerade um ihren Bauch geschlungen. Sie blinzelte vorsichtig zur Seite. Er hatte die Augen wieder geschlossen, aber sie wußte, daß er nicht schlief.
Frodo war früh erwacht und konnte dem Wunsch nicht widerstehen, sie in die Arme zu schließen. Er schmiegte sich an ihren Rücken und hoffte, daß er sie nicht weckte.
Liliane legte ihre Hand auf seine und drückte sie sanft. Sie mochte es, wenn sie sich an ihn kuscheln konnte, es gab ihr ein Gefühl von enormer Geborgenheit.
Er lächelte leicht. Ein Auge öffnete er, küßte sie in den Nacken und seufzte zufrieden. Aufgewacht war er mit dem erleichterten Gedanken, daß sie bei ihm war, immer noch, und daß sich den ganzen gestrigen Abend völlig normal verhalten hatte, so als wäre nie etwas passiert. Er vertraute ihr einfach.
Liliane war froh, daß er ihr nun wieder ein Zeichen gab, was er dachte. Oft sagte er nichts, das wußte sie, manchmal fiel es ihm einfach zu schwer, mit ihr zu sprechen.
Sie löste sich ein wenig aus seiner Umarmung, drehte sich zu ihm und begann, ihn zu küssen, als sie die Arme um ihn schlang. Frodo war überrascht. Eigentlich war sie meist ungenießbar, wenn sie wach wurde, dafür schlief sie viel zu gern, aber davon diesmal keine Spur.
Als ob Perhail darauf gelauert hätte, daß seine Eltern wach würden, verhalf er sich schreiend zu seinem Recht und diesmal brachte Frodo es wirklich fertig, aufzustehen und nach ihm zu sehen.
Oh... die Windeln... bemerkte er, als er den Kleinen auf den Arm hob. Liliane grinste.
Du bist dran, das weißt du!
Frodo verzog das Gesicht. Leider war ihm das klar.
Aber weil sie ihn nicht ärgern wollte, stand sie auch auf und zog sich um. Frodo nutzte die Gelegenheit und zwickte sie frech in die Seite.
Schuft! rief sie und schlug ihm auf die Finger.
Oh... jetzt bin ich getroffen! behauptete er und wandte sich beleidigt ab. Liliane stöhnte.
Tu nicht so. Oder willst du etwa... ich weiß, was du willst!
Sie warf sich von hinten auf ihn, er landete auf dem Bett und sie auf ihm, machte sich schwer und begann, ihn ausgiebig zu kitzeln.
Nein! schrie Frodo gequält, aber da er auf dem Bauch lag, hatte er keine Chance, sich zu verteidigen.
Liliane, hör auf! Bitte! rief er, aber die Decke erstickte seine Stimme. Sie folterte ihn ein wenig, hörte dann aber auch irgendwann auf und rollte sich zur Seite. Keuchend blieb sie liegen und wandte ihm den Kopf zu. Er zögerte gar nicht lange und legte sich mit einem breiten Grinsen auf sie.
Dir muß kalt sein, so ganz ohne etwas an...
Vor allem im Sommer! erwiderte sie kurz. Aber er ließ es sich trotzdem nicht nehmen, sie zu küssen und ihr die Locken aus dem Gesicht zu streichen, doch dann stand er auf und ließ von ihr ab. Er griff nach ihrem Kleid und half ihr beim Anziehen. Als er den letzten Knopf geschlossen hatte, zog er sie wieder in seine Arme und legte den Kopf auf ihre Schulter.
Du wirst mich nicht los! drohte er gespielt.
Furchtbare Vorstellung, Herr Beutlin!
Sie alberten noch ein wenig herum, ungeachtet des Geschreis ihres Sohnes, der auf seine neue Windel wartete. Irgendwann erbarmte Frodo sich dann doch. Perhail strampelte mit den Beinchen in der Luft herum und quiekte begeistert, als sein Vater sich über ihn beugte und verrückte Grimassen schnitt.
Frodo, er wird nie Respekt vor dir haben, wenn du das tust...
Das kenne ich doch schon von dir!
Oh! Das ist nicht wahr. Ich habe doch... nein, ich habe nicht immer Respekt vor dir, das ist wahr...
Bei deinem Dickschädel...
Sie drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange, nahm Perhail in die Arme und sagte: Der Dickschädel geht frühstücken.
Frodo folgte ihr und hatte aber, entgegen seinen Hoffnungen, beim Frühstück gar keine Ruhe. Meli und Hamfast jagten sich übermütig um den Tisch und zwischen Hobbit- und Tischbeinen hindurch. Frodo hielt ein Fläschchen mit warmer Milch für Perhail in der Hand und versuchte vergeblich, ihn zu füttern. Schließlich stimmte er schreiend in den Chor mit ein, was nur so lange dauerte, bis Sam in die Küche kam und Ruhe! donnerte. Er wußte, daß er sich nicht anders Gehör verschaffen konnte.
Die Kinder hielten inne und setzten sich schließlich an den Tisch. Die größeren folgten zum Schluß und sie begannen zu frühstücken. Wieder einmal war die Küche übervölkert und in Windeseile war der Tisch leergeputzt. Laut brüllend und kreischend verschwanden die Kinder durch die Haustür und entflohen in die Umgebung, um Bauern und anderen Leuten auf die Nerven zu gehen.
Frodo widmete sich wieder Perhail, der noch immer schrie, aber weder Hunger haben konnte noch in die Windel gemacht hatte.
Meli und Krümel, die beiden Unzertrennlichen, kamen wieder in die Küche.
Mama? begann das Mädchen.
Was ist denn? fragte Liliane und trocknete ein weiteres Messer ab.
Da ist jemand, der dich sprechen will.
Liliane drehte sich um und ihr Blick traf auf Frodos, der erstarrt war und die Luft anhielt. Mit einem Schlag war alles wieder da, die Angst, alle Befürchtungen, der ganze vorige Tag stieg wieder in ihm hoch mit all den scheußlichen Gefühlen und Sorgen.
Ja... ich komme.
Siebtes Kapitel: Spurensuche
Carl hatte es sich schwergemacht. Lange hatte er überlegt, ob er wirklich gehen sollte und wann. Aber Liliane konnte ihm so vieles sagen, was er unbedingt wissen mußte und deshalb entschloß er sich dazu, es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Es lange herauszuzögern half nicht besonders.
Er war früh aufgebrochen nach Hobbingen. Mittlerweile fand er den Weg blind. Seinen Rucksack hatte er mitgenommen und unterwegs noch einen großen Kuchen erstanden, den er als Dank mitbringen wollte.
Aber seine Füße wurden ihm so schnell schwer. Carl hoffte, daß es wegen ihm keine Probleme gab!
Aber er hatte noch weiter nachgedacht. Was würde er Liliane schon bieten können? Einen Mann, der sich nicht richtig an sie erinnerte und ihr nichts geben konnte, denn er hatte doch nichts!
Allein daß er Beutelsend von außen gesehen hatte, verriet ihm allzu deutlich, daß Frodo nicht gerade arm war. Er konnte ihr doch alles bieten! Und was hatte er selbst? Nichts. Die Kinder, wie sie dort lebte, wie er sie liebte... immer wieder hielt Carl es sich vor, aber er konnte nicht umhin, sich einzugestehen, daß er sie fast zu sehr mochte. Aber das war nicht von Interesse! Niemand durfte es merken, sie selbst nicht und schon gar nicht Frodo.
Schließlich hatten ihn seine schweren Füße doch vor die Tür getragen und er wollte gerade klopfen, als von innen geöffnet wurde und einige Kinder herausgestürmt kamen, ohne sich um ihn zu kümmern.
Schließlich kamen zwei kleinere Kinder ruhiger hinterhergetrottet, während Carl noch immer irritiert vor der Tür stand, die offen war.
Hallo! Möchtest du zu meinem Papa? fragte der Junge. Er mußte ein Sohn des Bürgermeisters sein, aber da Mädchen neben ihm war zweifellos Lilianes Tochter.
Nein, ich möchte zu deiner Mutter, Kleines! erklärte Carl und zwinkerte ihr zu. Zu gern wollte er wissen, wie sie wirklich hieß, er hatte nur ihren Spitznamen aufgeschnappt.
Wortlos drehten die zwei sich um und verschwanden wieder. Carl zog es vor, zu warten, er war etwas verunsichert.
Es dauerte nicht lange, bis er Liliane kommen hörte. Sie schien erraten zu haben, daß er vor der Tür stand, sie war gar nicht überrascht und bat ihn sofort wie selbstverständlich herein.
Guten Morgen, sagte er verlegen. Ich hoffe, ich störe nicht.
Nein, gar nicht. Wir sind gerade mit dem Frühstück fertig. Komm mit.
Mama... wer ist denn das? kam es vom Flur. Im nächsten Moment bogen die zwei Kinder wieder um die Ecke. Liliane lächelte.
Das ist Carl, mein Liebes, ich kannte ihn früher gut.
Wie gut? fragte Meli neugierig.
Oh... ziemlich gut, denke ich.
Die beiden bauten sich vor den Erwachsenen auf. Scheinbar hatten sie sich in den Kopf gesetzt, alles über den neuen Bekannten herausfinden zu wollen.
Nun laßt uns doch ins Wohnzimmer, ja? bat Liliane die beiden, die nur widerwillig Platz machten.
In der Küche saß Frodo in Lauerstellung am Tisch. Sam warf ihm einen nachdenklichen Blick zu und Rosie dachte sich auch ihren Teil. Liliane war wortlos aus der Küche gelaufen und sprach mit Carl, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt, so als sei er nicht ihr totgeglaubter Mann von damals.
Liliane und Carl gingen dann ins Wohnzimmer, aber immer mit den Kindern im Schlepptau. Die beiden blieben in der Tür stehen und linsten vorwitzig in den Raum. Carl stellte auf Lilianes Anweisung den Kuchen auf den Tisch.
Das wäre nicht nötig gewesen! murmelte sie, während sie einige Kastanien vom Sofa pflückte und in eine Schublade warf. Die Kinder ließen wirklich alles liegen.
Setz dich ruhig. Und ihr... wollt ihr denn immer alles wissen?
Die Kinder nickten eifrig. Liliane und Carl sahen sich kurz an, dann gab sie ihnen einen Wink und sie kamen zu ihr aufs Sofa.
Also, da ihr ja sonst keine Ruhe gebt... ich kannte Carl früher sehr gut, genauso wie Papa jetzt. Aber er war ganz lange fort und er ist deshalb nicht zurückgekehrt, weil er sich nicht mehr erinnern konnte. Dann habe ich Papa kennengelernt und... ja, dann kamst du auch schon, Liebes.
Meli saß auf ihrem Schoß und blinzelte abwechselnd zu ihrer Mutter und zu Carl.
Wart ihr denn auch verheiratet? fragte Krümel neugierig. Liliane nickte. Das waren wir. Aber es ist schon ganz lange her, viel länger, als ihr alt seid!
Mit großen Augen starrten die beiden sie an. Carl grinste. Sie waren zwei nette Kinder, er mochte sie auf Anhieb.
Und... und dann bist du ja zweimal verheiratet! Hab ich dann einen neuen Papa? fragte Meli. Liliane schüttelte den Kopf.
Nein, du hast nur deinen Papa und sonst keinen. Und nur mit Papa bin ich noch verheiratet, mit Carl nicht mehr. Aber jetzt verschwindet, ihr zwei!
Murrend erhoben sich die beiden und verließen das Zimmer, aber nicht, ohne weiter auf dem Flur zu lauschen.
Liliane seufzte. Ich kann es mir doch selbst nicht erklären, wie soll ich es ihr erklären?
Carl zuckte mit den Schultern und sog tief die Luft ein.
Das ist eine gute Frage. Ich kann es selbst noch immer nicht glauben, es ist so eigenartig... ist Frodo denn nicht hier? fragte er sofort. Er wollte nicht, daß es seinetwegen Ärger hab.
Er sitzt in der Küche mit Perhail, unserem Sohn.
Carl nickte langsam.
Elbisch, oder? Der Name.
Ja, elbisch für Samweis. Wir haben ihn nach Sam genannt.
Oh... und eure Tochter?
Sie heißt Melethiell. Ihr vierter Geburtstag ist gerade vorbei. Perhail wurde Anfang des Jahres geboren.
Carl schwieg. Ihre grünen Augen verrieten nichts von ihren Gefühlen. Langsam wurden seine Handflächen feucht, er war nervös, er fühlte sich einfach genötigt, etwas zu sagen.
Liliane... mir sind nur zwei Dinge von damals geblieben. Wenn du erlaubst...
Er griff zu seinem Rucksack und ließ nach einem bestätigenden Nicken von ihr die Hand darin verschwinden. Flink zog er sein zerlumptes Hemd und die verschlissene Hose heraus.
Als Liliane die beiden Kleidungsstücke erblickte, schlug die die Hände vor den Mund und begann zu zittern. Nie hatte sie vergessen, was er damals getragen hatte. Und nun sah sie die Stücke, allerdings in einem völlig anderen Zustand. Sie waren völlig zerrissen und schmutzig.
Mit langsamem Kopfschütteln streckte sie die Hände aus und Carl reichte ihr das Hemd und die Hose. Flink griff sie nach dem rechten Ärmel und zeigte ihm eine lange Naht.
Das Loch habe ich dir geflickt, du warst an einem Dornbusch hängengeblieben, als du einen Keiler verfolgt hast...
Ungläubig starrte Carl sie an. Jedes einzelne ihrer Worte erzeugte Bilder in seinem Kopf. Ja, er sah das panische Wildschwein vor sich wegrennen, er selbst hielt ein Jagdmesser in der Hand und spürte plötzlich den tiefen Kratzer am Arm.
Er drehte die Innenseite des Armes hoch und sah eine winzige längliche Narbe.
Tatsächlich... und woher stammt diese? Er deutete auf den langen Schnitt entlang seines Unterarmes.
Du bist beim Häuten eines Rehs mit dem Messer abgerutscht und warst nachher ganz blaß, so sehr hat es geblutet. Tagelang hast du im Bett gelegen und Fieber gehabt, ganz stark...
Liliane fiel es unsäglich schwer, darüber zu sprechen, weil auch sie diese Bilder im Kopf hatte. Ihre Finger krallten sich in den groben Stoff seines alten Hemdes. Beide Kleidungsstücke untersuchte sie genau, zu jedem von ihr geflickten Loch hätte sie eine Geschichte erzählen können, aber sie tat es nicht.
Sie hatte die Sachen so oft gewaschen und nun hielt sie beides wieder in den Händen! Sie konnte es kaum glauben. Seine Sachen.
Da fällt mir ein... ich habe so oft etwas in der Hemdtasche gesucht. Hatte ich etwas, das dort war? fragte Carl.
Eine goldene Taschenuhr hast du besessen und immer dort bei dir getragen.
Eine Taschenuhr?
Sie nickte. Sie brachte es nicht fertig, ihm zu sagen, daß sie die Uhr lange gehabt und schließlich Frodo gegeben hatte. Was sollte sie machen? Sollte sie Frodo die Uhr nehmen, um sie ihm nun zurückzugeben? Sie konnte es Carl nicht sagen... sie mußte erst überlegen.
Gibt es noch etwas von meinen Sachen?
Liliane erklärte ihm, daß Estella und Merry nun in ihrem alten Haus wohnten und es dort noch einige Dinge von ihm gab.
Wie... wie haben wir uns getroffen? fragte Carl.
Es war auf einem Geburtstag in Neuburg gewesen, erzählte sie ihm, dort war sie ihm begegnet und sie hatten getanzt und gelacht.
Du warst schrecklich betrunken und hast schon nach kurzer Zeit jedem, der in der Nähe stand, von deinem Plan erzählt, daß ich deine Frau werden sollte. Damals war ich noch gar nicht volljährig, aber du hattest es dir nun einmal in den Kopf gesetzt und mir geduldig den Hof gemacht, ohne zu merken, daß ich längst dieselbe Idee gehabt hatte...
Alles hatte sich furchtbar über ihn amüsiert, aber das sagte sie ihm nicht.
Und geheiratet haben wir wann?
Das war 1418... vor 19 Jahren. Du warst damals schon 37, dein Geburtstag ist der 17. Februar.
Carl nickte. Er hatte immer ein Fest an dem Tag gefeiert, an dem sich seine Rettung durch Harlorn gejährt hatte. Von ihm begann er dann zu erzählen, dem Fischerhaus am Deich, in dem Harlorn und Minira lebten.
Ich kann mich daran erinnern, wie er mich aus dem Wasser zog. Mir war übel von dem vielen Wasser, das ich geschluckt hatte. Daß ich immer noch lebte, erschien mir in diesem Moment als eine Qual. Es war so schrecklich kalt und ich war naß, ausgehungert und krank. Ich weiß nicht, wieviele Tage ich im Wasser gelegen habe. Äste waren im Fluß gewesen, an denen ich mich festgekrallt habe, aber mir hat immer die Kraft gefehlt, ans Ufer zu kommen. Mir fehlte die Kraft zum Leben. Harlorn hat mich schnell in sein Haus gebracht und vors Feuer gelegt, der Arzt war gekommen und ich habe heißen Tee bekommen und andere gute Sachen. Dann habe ich wieder geschlafen, tief und fest und in Ruhe, aber es fühlte sich an, als würde ich noch immer wie im Wasser schweben. Fieberträume... dann wurde ich wach und man fragte mich, wer ich sei und woher ich komme. Ich wußte es nicht. Aufstehen konnte ich noch nicht ohne Hilfe und ich war zu erschöpft, um an mein Leben zu denken, das ich vor dem Unfall geführt hatte. Und dann bin ich geblieben, weil ich nicht mehr weg wollte von den guten Menschen.
Er erzählte von seinem Leben bei den Fischern, sehr bunt und ausgeschmückt beschrieb er die Gegend und das Fischerspaar. Liliane konnte sie sich gut vorstellen und hörte ihm gespannt zu. Es war das Leben ihres Mannes, nachdem sie getrennt worden waren. Sie mußte es einfach wissen.
Es verging viel Zeit darüber, bis er endete. Schließlich bat er sie, zu erzählen und das tat sie auch. Von der Unwetternacht, in der er verschwunden war, wollte sie zuerst erzählen, denn es fiel ihr unglaublich schwer.
Und die Blitze zuckten, als ich mit meinem Vetter durch den Regen lief auf der Suche nach dir... Sie schluckte und machte eine Pause, aber gegen die aufsteigenden Tränen konnte sie nicht kämpfen. Ungehindert rollte eine Träne über ihre Wange, schließlich war ihr Gesicht tränenüberströmt, aber sie kämpfte darum, weiterzusprechen, es ihm zu sagen.
Carl beugte sich vor und legte seine Hände auf ihre, die sie auf den Tisch gelegt hatte. Liliane ließ ihn gewähren.
Es war... es war so schrecklich, deine Sachen zu sehen und zu wissen, daß du nicht zurückkommst... du hast mir so gefehlt...
Alles stieg wieder in ihr hoch, alles, was vor fast acht Jahren geschehen war. Doch ihm zuliebe kämpfte sie sich durch die Erinnerungen und erzählte davon. Und sie war ehrlich.
Ich wollte nicht mehr aufstehen, weil ich es haßte, so allein zu sein. Und dann bin ich an den Fluß gegangen und wollte dir folgen, weil ich nicht ohne dich sein wollte...
Sie zog eine Hand weg und wischte sich die Tränen aus den Augen. Carl schloß die Augen. Ihr Bericht erschütterte ihn zutiefst und er konnte sich kaum vorstellen, was sie durchgemacht hatte.
Aber schlimmer war, daß die Leute sagten, du wärst gegangen, du wärst nicht tot, sondern hättest mich im Stich gelassen. Überall dieses Gerede! Es war furchtbar, aber ich habe es diesen Nichtsnutzen und Trunkenbolden zurückgezahlt, als ich konnte. Es ging mir weitaus besser danach! Als Witwe hat man es nicht leicht, aber wo kein Ruf mehr zu verlieren war, waren auch keine Sorgen mehr.
Das haben sie gesagt? Warum haben die Leute das getan? fragte Carl ratlos.
Weil wir zurückgezogen gelebt haben und... Sie machte eine Pause. Zwangsläufig würde es ihn verletzen, aber sie ahnte, daß er die Frage ohnehin gestellt hätte.
Weil wir keine Kinder hatten.
Eine Totenstille kehrte im Zimmer ein. Die beiden starrten sich stumm an. Carl rechnete kurz. Zehn Jahre waren sie verheiratet gewesen...
Das... ich meine, du hast doch jetzt zwei... wir hatten keine? Warum?
Liliane zuckte hilflos mit den Schultern. Ich weiß es nicht... Wir hatten es uns so sehr gewünscht, so lange, aber es ist keines gekommen... nie. Nie in all den Jahren.
Carl schluckte. Die Konsequenz dessen, was sie gesagt hatte, traf ihn wie ein Schlag. Mit Frodo hatte sie Kinder, mit ihm keine... Es lag an ihm! Anders konnte es nicht sein.
Mit starrem Blick stierte er auf den Tisch. Ein Bild tauchte vor ihm auf, er sah sie weinen und er tröstete sie, versprach ihr alles, wollte es mit der nötigen Geduld versuchen, er hatte es sich auch gewünscht...
Tut mir leid, murmelte er plötzlich.
Nein, Carl! rief sie und es kam ihr eigentümlich vor, ihn so zu nennen, aber es half ihr auch sehr. Er war nicht mehr ihr Gundbert.
Ich hatte immer gedacht, ich hätte Schuld, ich glaubte, nie welche haben zu können, bis dann plötzlich eines kam... aber dafür konnte keiner von uns etwas!
Sie starrten sich an.
Deine Tochter ähnelt ihm sehr, sagte Carl. Und dir. Sie wird einmal sehr hübsch werden.
Sie wußten beide nicht, was sie dazu sagen sollten. Carl dachte stumm bei sich, daß es gut war, solange sie nun Kinder hatte.
Du... erzählst du mir von Frodo? Wie ihr euch kennengelernt habt? Nur, wenn du es willst... sagte er zögerlich. Liliane tat es.
Sie hatte ihn damals losgelassen und Platz für Frodo in ihrem Herzen gehabt, ihn nach langem Kampf endlich geknackt, so nannte sie es, denn es war schwierig mit ihm gewesen.
Ich... ich hatte mich daran erinnert, daß du einmal gesagt hast, du wolltest mich immer glücklich sehen... das war ich dann.
Ich weiß, sagte er.
Was meinst du?
Daß ich das gesagt habe. Ich habe mich daran erinnert.
Liliane war sprachlos.
Also... begann sie, aber sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Wie konnte es nur sein?
Carl nickte. Wirklich. Und es ist gut so, das weiß ich. Sieh doch deine Kinder und wie sehr er dich liebt. Ihr müßt euch so gefreut haben, als Melethiell geboren wurde!
Liliane nickte. Sie hatte Frodo die Schwangerschaft erst verschwiegen und nachher gedacht, ihn genauso verloren zu haben wie Gundbert, sie hätte allein da gestanden...
Ja... in Gondor hatte ich damals bemerkt, daß es soweit war. Bei Perhail war es genauso, auch damals waren wir zu Besuch beim König, einem alten Freund von Frodo...
Sie wollte das jetzt nicht auch noch erklären, aber Carl sagte von sich aus: In unserem Dorf hatte man von dem Ringträger gesprochen. Ich weiß, daß er es ist.
Überrascht sah sie ihn an.
Du weißt es? Aber wie...
Das Geschwätz der Wirte über Herrn Beutlin, den Abenteuer. So nennen sie ihn. Aber ich habe ihn erkannt, denn unter den Menschen wissen mehr von seinen Verdiensten als hier, glaube ich. Man hat immer gesagt, daß man ihn an dem fehlenden Finger erkennt und so habe ich mir ein Bild machen können.
Was mußte er jetzt nur denken? Liliane war verwirrt. Es klang so völlig abgeklärt.
Die beiden starrten sich wieder an. Carl griff nach seinen Sachen, die auf dem Tisch lagen, und sprang plötzlich auf. Die Situation wurde ihm eindeutig zu unangenehm.
Ich... ich denke, ich werde nun gehen müssen, weil... es wird zuviel, ich... ich komme wieder, wenn du möchtest.
Liliane sagte nichts, sie nickte nur. Er sollte kommen, sie war einverstanden.
Mit einem Mal hatte er es sehr eilig, er packte seine Sachen und verließ Beutelsend.
Liliane blieb ratlos im Flur stehen. War etwas falsch gelaufen?
Sie sah zu Boden und wollte in die Küche gehen, doch als sie am Schlafzimmer vorbei kam, hörte sie lautes Schluchzen noch durch die geschlossene Tür.
Es war Frodo und er weinte bitterlich.
Achtes Kapitel: Verletzte Gefühle
Sam hatte sich Frodo gegenüber an den Tisch gesetzt und bemerkte genau, wie sehr sein Freund argwöhnte. Sam konnte gut verstehen, daß Frodo keinen besonderen Gefallen daran finden konnte, daß Carl nun hier in Beutelsend mit Liliane saß und sie sich unterhielten, als wäre nichts dabei.
Frodo haßte sich stumm für sein Mißtrauen, denn eigentlich war doch nichts dabei, beide wollten sie nur über Carls Leben reden, damit er wußte, wer er eigentlich war - aber er hatte diese ständige Angst, daß die Erzählung dieser Erinnerungen vielleicht die beiden doch zu sehr an die schöne Zeit von damals erinnerten. Das konnte niemand vorhersagen. Was sollte werden, wenn Liliane plötzlich einfiel, wie gern sie mit Carl zusammen gewesen war?
Frodo wußte, daß sie wohl kaum gehen würde. In jeder seiner Überlegungen schwang auch immer der Gedanke an die Kinder mit. Jeder würde an sie denken, würde daran denken, daß sie zusammen mit Vater und Mutter aufwachsen sollten.
Nein, gehen würde sie nie.
Aber was, wenn sie sich von ihm entfremdete? Wenn der kaum erfüllbare Wunsch, in ihr altes Leben zurückzukehren und zu ihm, ihr Liebe für Frodo langsam einschlafen und sterben ließ?
Es konnte sein. Wenn sie zwischen beiden hin- und hergerissen war, lieber zu Carl gehen würde und dennoch bei Frodo blieb, dann würde es bedeuten, daß eine unüberwindliche und unsichtbare Mauer sie trennen würde, sprechen würde sie nicht mit ihm darüber, sie würde sich zurückziehen, das Vertrauen würde verschwinden...
Frodo sprang auf, ignorierte Sams Versuch, ihn zurückzuzhalten und stürmte mit Perhail verbittert aus der Küche. Sam war ebenfalls aufgesprungen und hatte ihn festhalten wollen, aber manchmal gab es einfach Situationen, in denen Frodo keine Vernunft mehr walten ließ.
Er lief den Flur entlang und sah, wie Krümel und seine Tochter neben der Tür hockten und lauschten. Frodo brauchte nur aufzutauchen und die beiden mit einem strengen Blick zu bedenken, da trollten sie sich schon und verschwanden im Mädchenzimmer. Daß es unrecht war, wußten die beiden genau.
Mit halbem Ohr hörte Frodo, wie Carl nach ihm fragte. Ein wenig Sorge schwang in seiner Stimme mit und Frodo seufzte. Es schien so, als sei es Carl unangenehm, einfach so aufzutachen. Solange er nicht vergaß, daß Frodo da noch existierte, mußte dieser sich wenig Sorgen machen. Er hatte Carls Worte vom Vortag noch im Ohr und glaubte ihm, daß er keinen Anspruch erhob - aber er konnte sich nie gewiß sein, was mit Liliane war.
Er betrat das Schlafzimmer und legte Perhail in die Wiege.
Sein Sohn. Sein geliebtes Kind, der größte Liebesbeweis, den es gab... er erinnerte sich noch genau an beide Geburten. Jedes Mal wäre er bis ans Ende der Welt gelaufen, wenn es dort etwas gegeben hätte, das Lilianes Schmerzen hätte lindern können und er hatte nicht nur einmal fast schon ein schlechtes Gewissen gehabt, denn es waren ja auch seine Kinder, mit denen sie zu kämpfen hatte. Er hatte nur für sie da sein und ihr Mut zusprechen können, aber dann zu sehen, daß allein aus ihrer Liebe so wunderschöne kleine Kinder entstanden waren, war wie ein Wunder für ihn.
Das Glück hatte keine Grenzen gekannt... aber würde sie all das vergessen, nun da Carl da war? Er hatte noch so gut im Gedächtnis, wie sie von ihm erzählt hatte, er vergaß nie, welche Angst Liliane vor Gewittern hatte, alles in Anbetracht dessen, daß es mit Carl zu tun hatte. Und er sah, wie sie nun ihm gegenüber reagierte.
Hatte sie Frodo nur etwas vorgespielt?
Er starrte aufs Bett. Gekitzelt hatte sie ihn, so wie immer, geneckt und geärgert hatte sie ihn. Das liebte sie, es war so normal gewesen... aber nun war nichts normal.
Er sah die Gefahr, daß sie ins Schwanken kam und sich von ihm löste, von seiner Liebe löste und sich insgeheim nach Carl sehnte. Dann hätte niemand sie mehr.
Er zögerte und überlegte, aber dann verließ er das Schlafzimmer und stellte sich seinerseits neben die offene Wohnzimmertür. Er mußte einfach wissen, was geschah, was Liliane tat, und er haßte sich wieder dafür. Er durfte ihr nicht mißtrauen und wollte ihr so gern glauben, daß es überflüssig war - aber er konnte nicht anders. Er wäre gestorben im Schlafzimmer, er wollte sich nur vergewissern und davon überzeugen, daß alles in Ordnung war. Dann würde er nie wieder etwas sagen.
Er hörte, wie Liliane von ihren Kindern sprach. Was hatte das nun zu bedeuten? Warum tat sie das? Wollte sie Carl damit deutlich machen, daß ihre Familie ihr wichtig war?
Es klang so vertraut, wie sie mit ihm sprach.
Frodo hörte, wie Carl etwas auszupacken schien. Aus dem, was die beiden weiter sagten, erschloß er, daß es um Kleidungsstücke gehen mußte. Natürlich, etwas anderes konnte er schlecht besitzen, er hatte weiter nichts mehr.
Doch dann begann Liliane zu erzählen, sie berichtete von verschiedenen Ereignissen, die lange zurücklagen, aber es fiel ihr so gar nicht schwer, sie tat es einfach, sie holte es alles wieder zurück.
Dann plötzlich hörte Frodo Carl fragen: Ich habe so oft etwas in der Hemdtasche gesucht. Hatte ich etwas, das dort war?
Er schluckte. Zeitgleich erwähne Liliane die Uhr und Frodo biß sich auf die Lippen. Bei den Valar, die Uhr, seine Uhr, natürlich...
Doch sie machte keine Anstalten, etwas von ihrem Verbleib zu sagen. Frodos Herzklopfen beruhigte sich wieder. Wenn sie nun aufgesprungen wäre und die Uhr geholt hätte, wäre er wahrscheinlich tausend Tode gestorben.
Sie begannen von längst vergangenen Zeiten zu sprechen, von ihrem Kennenlernen, Carl berichtete von seinem Leben nach dem Unfall und sie verstrickten sich immer mehr in ihren Berichten.
Es klang normal. Liliane verhielt sich nicht außergewöhnlich. Nicht, bis sie von ihrem Leben nach seinem Unfall zu erzählen begann, von der Unwetternacht und ihrer Trauer.
Das Zittern in ihrer Stimme entging Frodo nicht, schließlich hörte er sie schluchzen und mit gepreßter Stimme weitersprechen.
Es war... es war so schrecklich, deine Sachen zu sehen und zu wissen, daß du nicht zurückkommst... du hast mir so gefehlt... Ich wollte nicht mehr aufstehen, weil ich es haßte, so allein zu sein. Und dann bin ich an den Fluß gegangen und wollte dir folgen, weil ich nicht ohne dich sein wollte...
Jedes einzelne Wort versetzte Frodo einen schmerzhaften Stich ins Herz, er zuckte zusammen und wollte sich die Ohren zuhalten, es konnte doch nicht sein, daß es sie noch immer dermaßen berührte und bewegte... das war unmöglich, es war so lange er und sie hatte doch jetzt ihn!
Verdammt, bedeutete er ihr denn nichts?
Frodo wandte sich ab und lief zurück ins Schlafzimmer. Langsam verlor er völlig die Fassung, hin- und hergerissen zwischen Selbstvorwürfen und Anklagen an sie. Er haßte sich dafür, ihr das alles zu unterstellen, aber andererseits sagte er sich immer, daß er doch nicht nur wild herumphantasierte!
Wie konnte sie das nur sagen in dem Wissen, daß Frodo zwei Zimmer weiter saß und vielleicht alles hörte? Wie konnte sie das nur tun in Beutelsend?
Seine Eifersucht quälte ihn selbst so schrecklich, daß er es kaum in Worte fassen konnte, er fand es unhaltbar, welche Gedanken er einfach so entwickelte, er ertrug es nicht einmal, daß sie unter seinem Dach so redete... was sollte das überhaupt heißen? Beutelsend war natürlich noch immer in seinem Besitz, aber bis heute war es nie wichtig gewesen. Und jetzt wollte er den Konkurrenten am liebsten meilenweit wegwünschen und aus Beutelsend heraus. Warum trieben sich alle ungefragt dort herum? Orks brachen einfach so ein, Lutz Farning plante dort die größten Schandtaten und nun war dort jemand, der Frodo ungewollt Lilianes Liebe streitig machen konnte... das war das Schlimmste von allem!
Zitternd kniete er sich vor die kleine Kommode neben dem Bett, zog die Schublade auf und holte die Taschenuhr zielstrebig mit einem Griff heraus.
An der Bettkante entlang sank er zu Boden mit der Uhr in der Hand und starrte sie an.
Sie war nicht mehr rechtmäßig in seinem Besitz und er wollte sie auch überhaupt nicht mehr haben. Das war nicht sein Recht.
Welches Recht hatte er überhaupt noch?
Er mußte Carl die Uhr zurückgeben, sie schien doch so wertvoll für ihn zu sein, er würde es tun. Ungeachtet der Tatsache, daß Liliane sie ihm wohl aus Liebe geschenkt hatte... die Uhr ihres Mannes.
War das ein Trick gewesen?
Frodo umklammerte die Uhr fester und spürte, wie ihm bei diesem Gedanken die Tränen in die Augen stiegen. Wie konnte er es nur wagen, so etwas zu denken?
Er hatte ihr seinen Elbenstein gegeben, den größten Schatz, den er besessen hatte, denn sie war ihm noch viel mehr wert.
Er hatte die Uhr damals nicht annehmen wollen, so als hätte er gewußt, daß er sie nicht haben sollte. Und er wollte sie Carl liebend gern zurückgeben, auch wenn dieses Liebesgeschenk ihm etwas bedeutete, aber eigentlich hatte er Carl mehr genommen als das...
Er schämte sich so für alles. Seine Gedanken, daß er nun an seiner Stelle war... und Carl würde noch verletzter sein, wenn er erfuhr, warum er damals keine Kinder mit Liliane gehabt hatte.
Es wurde immer schlimmer.
Frodo ließ die Uhr aufs Bett fallen, schlang die Arme um seine angezogenen Beine und bettete die Stirn auf die Knie. So elend hatte er sich seit langen Jahren nicht gefühlt, seit sehr langer Zeit nicht mehr.
Tränen nahmen ihm die Sicht, er tat überhaupt nichts mehr dagegen, in ihm kämpften die Gefühle gegeneinander und überschattet von der immensen Liebe, für die er auch kämpfen würde, er wollte Liliane nicht verlieren... aber wenn es so war, konnte er wahrscheinlich nichts dagegen tun und das war das schlimmste.
In ihm verkrampfte alles, es fiel ihm sogar schwer, zu atmen, als er sich mit den Fingern in seine Hose krallte und von Schluchzern geschüttelt laut und verzweifelt zu weinen begann. Er wußte, sie würde ihn nicht hören, aber eigentlich war es ihm ganz egal. Vom Weinkrampf ergriffen sank er in sich zusammen und spürte nur diese tiefe Leere in sich, so würde es sein, wenn er sie verlor.
Es wäre sein Tod, denn sein Leben hätte keinen Sinn mehr.
Gandalf hatte damals sein Leben für ihres riskiert und Frodo wußte, daß er es für ihn getan hatte, damit er sie nicht verlor...
Nein... flüsterte er tonlos. Seine Augen brannten. Er haßte sich wieder, er wollte überhaupt nicht weinen, aber er konnte nicht anders. Es war so entsetzlich.
Er glaubte immer, daß es unrecht sei, aber er kam dennoch nicht dagegen an.
Tränen strömten ungehalten über seine Wangen. Frodo vergrub sich in seinem Schmerz und zuckte zusammen, als er plötzlich eine vorsichtige Berührung auf seinem Arm spürte.
Schwer schluckend hob er den Kopf und seine Augen wurden groß vor Überraschung, als er seiner kleinen Tochter ins Gesicht blickte.
Meli... du? Liebes...
Oh nein. Das hätte nicht passieren dürfen. Sein Mädchen durfte nicht denken, daß etwas nicht in Ordnung war, aber Kinder merkten das sofort.
Warum bist du traurig, Papa?
Komm mal her, Kleines, komm mal zu Papa... Frodo erhob sich mühsam, setzte sich aufs Bett und zog seine Tochter an sich, als sie sich auf seinen Schoß gesetzt hatte.
Sie war noch so klein, so jung und wußte noch so wenig von der Welt. Aus großen blauen Augen sah Melethiell ihren Vater an, der sich verlegen die Tränen wegwischte, aber nicht gegen neue kämpfen konnte.
Meli schmiegte sich an ihn und wartete geduldig. Sie lauschte auf den Herzschlag ihres Vaters und kuschelte sich zufrieden in seine Umarmung. Diese Geborgenheit war wichtig für sie.
Es... du brauchst dir keine Sorgen zu machen, meine kleine Prinzessin. Dein Vater sieht nur Gespenster und... es ist ja mein eigener Fehler.
Meli verstand nicht, was er damit sagen wollte, aber sie hatte ohnehin einen richtigen Verdacht.
Der Mann, der jetzt bei Mama ist... bist du wegen dem Mann traurig, Papa?
Frodo biß sich wieder auf die Lippen und starrte auf die Tür, dann nicke er stumm.
Ja, Liebes, aber ich glaube, ich muß gar nicht traurig sein. Nur bin ich es trotzdem und weiß gar nicht, warum.
Mama hat gesagt, daß sie mit ihm verheiratet war, bevor du mein Papa geworden bist! erklärte Melethiell. Widerwillig mußte Frodo lächeln über ihre Worte.
Ja, das ist richtig. Aber dann dachte sie, Carl wäre tot und so haben wir dann geheiratet. Niemand wußte, daß er eines Tages wiederkommen würde.
Und mit ihm ist sie nicht mehr verheiratet? Du bleibst ganz allein mein Papa?
Eigentlich schon... antwortete Frodo und schluckte. Seine Hand strich über ihre wüsten Haare in einer liebevollen Geste.
Das ist gut. Der Mann will also nicht wieder der Mann von Mama sein?
Wieder mußte Frodo lächeln, auch wenn sie manchmal nicht genau wußte, wie sie es sagen sollte, meinte sie immer das richtige. Ein kluges und liebes Mädchen war sie.
Nein. Es bleibt alles, wie es ist. Er möchte nicht, daß sie wieder bei ihm ist.
Und... Meli zögerte. Ihr Instinkt sagte ihr genau, was Tatsache war, sie wußte genau, daß ihr Papa ihre Mama unheimlich gern hatte und sich um sie genauso viele Sorgen machte wie um sie und ihren Bruder.
Und möchte Mama das? Bist du deshalb traurig?
Frodo seufzte unglücklich. Meli spürte genau, daß ihr Papa große Sorgen hatte und das gefiel ihr überhaupt nicht. Es war so seltsam gewesen, als der Mann vor der Tür gestanden hatte, nun sprach er mit Mama, war einmal ihr Mann gewesen und Papa machte sich Sorgen...
Noch wußte sie wenig von Liebe, aber daß sie auch unglücklich machen konnte, das hatte sie schon gehört. Elanor, die schon fast erwachsen war in ihren Augen, war furchtbar viel traurig gewesen vor ein paar Monaten, als einer der Jungen aus dem Dorf nicht mit ihr, sondern mit einem anderen Mädchen auf dem Maifest getanzt hatte. Meli und Krümel waren in der Nähe gewesen, als Elanor mit einer Freundin zusammen weggegangen war und geweint hatte. Wieder hatten Krümel und sie gelauscht und dabei aufgeschnappt, daß Elanor gern an der Stelle des anderen Mädchens gewesen wäre.
Meli fand es unfair, sie war mit Krümel gegangen und hatte gesehen, daß das andere Mädchen gar nicht so hübsch gewesen war wie Elanor. Daraufhin hatte sie ihre Mama gefragt, warum der Junge nicht mit Elanor getanzt hatte und hatte dann erfahren, daß er sich wohl anders entschieden hatte.
Elanor war unglücklich verliebt und hatte deshalb Liebeskummer.
War das mit Papa auch so? Er und Mama waren doch glücklich...
Frodo spürte, wie seine Tochter plötzlich erstarrte und fragte: Mama geht doch nicht weg, oder? Mama läßt uns doch nicht alleine?
Ich weiß es nicht... flüsterte Frodo leise und begann erneut zu weinen. Er konnte nichts dagegen tun. Meli nahm seine rechte Hand und legte ihre kleinen Hände um sie.
Ihr Papa war doch ein Held! Onkel Sam hatte es gesagt. Onkel Sam war sogar überall dabeigewesen und hatte Papa geholfen, den Ring zu zerstören, der doch so böse war. Und bevor sie geboren wurde, waren sie wieder im dunklen Land Mordor gewesen, wo ein böser Zauberer Onkel Aragorn erpressen wollte... Papa hatte Mama geholfen und er hatte gesagt, daß er auch immer schon an seine Tochter gedacht hatte, noch bevor er wußte, daß sie ein Mädchen würde, bevor sie geboren wurde.
Papa war ein Held. Der Mann wahrscheinlich nicht.
Es durfte nicht so sein wie bei Elanor und dem anderen Mädchen! Sie wollte nicht, daß Mama sich gegen Papa entschied...
Davor schien er Angst zu haben. Aber wenn er doch ein Held war...
Papa, sag Mama doch, daß sie nicht weggehen soll, ich habe sie doch auch lieb, murmelte Meli und schniefte verlegen. Jetzt begann Frodo noch viel lauter zu weinen, er preßte seine Tochter an sich und versprach: Das werde ich, Meli, du brauchst keine Angst zu haben, Mama hat uns auch lieb, das weiß ich...
Wenn er noch mehr hatte sagen wollen, so konnte sie es nicht verstehen, weil er so verzweifelt weinte. Sie streichelte seine Hand und wollte ihn trösten, doch es blieb erfolglos.
Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür. Liliane blieb für einen Moment darin stehen und starrte die beiden sprachlos an. Schließlich hob Frodo den Blick und wandte ihn nicht mehr von ihr ab.
Was ist denn mit euch los? fragte sie. Ein böser Verdacht keimte in ihr auf.
Mama! schrie Melethiell, riß sich von Frodo los und lief zu Liliane. Schnell schlang sie ihre kleinen Arme um den Rock ihrer Mutter und klammerte sich an ihre Beine.
Mama, du mußt doch bei uns bleiben, wir haben dich doch lieb! rief das Mädchen und legte den Kopf in den Nacken, um ihre Mutter ansehen zu können.
Sprachlos sah Liliane zu Frodo, der es nicht wagte, zu den beiden zu sehen. Fast stand in ihrem Blick ein Vorwurf geschrieben. Was hatte Frodo der Kleinen nur in den Kopf gesetzt?
Liebling... Liliane kniete sich vor ihre Tochter und schloß sie sanft in die Arme.
Ich habe euch doch auch lieb, dich und Papa und Fael. Wie kommst du denn darauf, daß ich weggehen könnte? Das würde ich nie tun!
Aber der Mann... Papa ist ganz traurig und... und... ich will jetzt aber, daß du bei Papa bleibst, denn ich will keinen anderen Papa!
Du bekommst auch keinen anderen Papa, ich habe dir doch gesagt, daß alles so bleibt, wie es ist. Anders wäre es nicht richtig. In Ordnung? Mach dir keine Sorgen, es ist alles gut.
Melethiell strahlte. Mama hatte noch nie gelogen, das tat man schließlich auch nicht, außerdem war Papa der Beste und das wußte Mama auch, sonst hätte sie ihn nicht geheiratet.
Sie flüsterte ihrer Mutter leise ins Ohr: Papa ist doch ein Held und deshalb ist keiner so wie er!
Liliane lachte. Du hast Recht, Liebes. Deshalb mag ich Papa auch! Aber jetzt laß uns mal allein und geh zu Krümel, in Ordnung? Außerdem hast du Mia noch nicht gefüttert.
Meli wurde rot. Stimmt, ihr Kätzchen hatte sie bislang vergessen...
Sofort lief sie hinaus und verschwand.
Frodo hatte sich inzwischen die Tränen weggewischt und sah zu, wie Liliane langsam die Tür schloß und auf ihn zukam.
Du bist so dumm, Frodo.
Überrascht sah er sie an, als sie sich neben ihn setzte und sich ihm zuwandte.
Was soll ich dazu sagen? Warum habe ich dir gestern lang und breit versucht zu erklären, daß du deine Eifersucht begraben kannst? Nur, damit du sie nun wieder auspackst und selbst unsere Kleine in Angst und Schrecken versetzt?
Sie wußte im nächsten Moment schon nicht mehr, warum das angriffslustiger klang, als es eigentlich gemeint war. Aber sie konnte seine ewige Paranoia nicht ausstehen. Er machte ihr damit das Leben zur Hölle.
Nichts war, gar nichts... natürlich war es auch für sie schwierig, aber für sie stand fest, daß sie nicht gehen wollte. Niemals.
Er hatte es doch geglaubt! Und kaum war Carl aufgetaucht, stellte er sich sofort auf den Kopf und rastete völlig aus.
Ach, aber du hältst es für nötig, ihm zu erzählen, wie schrecklich du ihn vermißt hast, ja? warf Frodo ihr an den Kopf. Er fühlte sich empfindlich getroffen, denn sie sah einiges falsch in seinen Augen.
Er konnte sich nicht daran erinnern, einmal so mit ihr gestritten zu haben und er wußte, daß es erst der Anfang war.
Liliane erstarrte.
Das ist nicht dein Ernst, oder? Du willst mir damit nicht sagen, daß du gelauscht hast?
Frodo zuckte mit den Schultern. Bei diesen Heimlichtuereien bleibt mir wohl nichts anderes übrig.
Frodo! Ich weiß nicht ganz, warum du dir das alles anhören solltest! Wie du ja nun siehst, hat es dich auf dem falschen Fuß erwischt. Warum in aller Welt vertraust du mir nicht? Du hast mir doch gestern geglaubt! Ist das alles wieder dahin und vergessen? Es hat sich nichts geändert, Frodo! Er will mich nicht zurück und ich will bei euch bleiben, ich rede nur mit ihm über den, der er einmal war. Und warum sollte ich ihm nicht sagen, daß ich ihn vermißt habe? Glaubst du, daß das immer noch so ist? Glaubst du das?
Sie schrie fast.
Nein, aber ich habe genug gehört, erwiderte Frodo leise und starrte zu Boden. Selbst die Kleine merkt das schon. Sie ist ganz von allein damit herausgerückt, daß sie glaubt, du könntest uns allein lassen. Wie findest du das? Selbst sie merkt, wie du dich verhältst! Ich habe ganz einfach Angst! Ich will dich nicht einfach verlieren!
Das wirst du nicht, Frodo! Glaub mir endlich! schrie Liliane wütend und verzweifelt. Wieder redete sie gegen eine Wand, hatte sie das Gefühl.
Wie soll ich es, wenn du ihn einlädst?
Frodo! Meinst du nicht, daß ihm wenigstens das zusteht?
Er gab keine Antwort. Natürlich... sie hatte Recht, aber er ertrug es nicht. So hüllte er sich in Schweigen, aber Liliane war es satt.
Es ist ungerecht, verstehst du? sagte sie. Hast du eine Ahnung, wie weh dein Mißtrauen mir tut?
Sie stand auf, stellte sich vor ihn, aber er bewegte sich nicht. Er konnte nicht. Sie hatte ihn so sehr getroffen, daß er überhaupt nichts mehr sagen konnte.
Mit Tränen in den Augen wandte Liliane sich ab und rannte aus dem Schlafzimmer, warf die Tür mir einem lauten Knall hinter sich zu und ließ ihn allein.
Von dem Krach wurde Perhail wach und begann zu schreien. Frodo konnte sich nicht überwinden, aufzustehen und nach ihm zu sehen. Der Kleine würde sich schon beruhigen.
Seine Lippe zitterte und er spürte, wie ihm erneut dicke Tränen über die Wangen kullerten. Es zerriß ihm das Herz.
Hatte er sich je mit ihr gestritten? Wegen Kleinigkeiten vielleicht und niemals derart böse...
Er vergrub das Gesicht in den Händen und warf sich dann aufs Bett, rollte sich zusammen und schlug mit der Faust in die Decken.
Was hatte er nur getan?
Sam hatte sich nicht bewegt, seit er sich wieder gesetzt hatte, nachdem Frodo aus der Küche gelaufen war. Rosie hatte die letzte Tasse gerade weggeräumt und setzte sich zu ihm.
Was ist? Woran denkst du? fragte sie. Sam gab keine Antwort, sondern starrte nur düster vor sich hin.
Er konnte sie beide verstehen, aber daß Frodo schwer mit sich rang, beschäftigte ihn am meisten. Was hier geschah, hatte auch er nie voraussehen können. Nie hatte er es gefürchtet, er hatte immer nur gesehen, wie sehr Liliane und Frodo sich liebten und war so glücklich darüber, daß Frodo endlich einen wirklichen Sinn im Leben gefunden hatte. Der hatte ihm gefehlt, ohne daß er es wußte.
Sam war immer sicher gewesen, daß Liliane ihm nie weh tun würde. Aber jetzt tat sie es, ohne es zu wollen, das hatte er deutlich genug gesehen.
Sam. Was ist los?
Ach... ich weiß nicht. Ich mache mir so meine Gedanken. Herr Frodo hat solche Angst, daß sie gehen könnte.
Das würde sie nicht, Sam, sie kam gestern völlig aufgelöst hier an und hat mir gesagt, wie ungerecht sie es findet, daß er ihr mißtraut. Sie liebt ihn sehr, das wissen wir doch beide. Aber warum Frodo das nicht sieht, verstehe ich nicht.
Es ist mir ein Rätsel. Aber gefallen tut mir das alles nicht. Carl ist ein guter Mann, er stellt keine Ansprüche, aber ich verstehe, wovor Herr Frodo sich fürchtet. Frau Liliane könnte auch ohne Carls Zutun ins Schwanken kommen. Niemand weiß das.
Sam fürchtete sich davor, was passieren würde, wenn Liliane ginge. Frodo würde das nicht verkraften, es würde ihn brechen. Sam erinnerte sich zu gut daran, mit welcher Energie Frodo durch Mordor gelaufen war, immer hinter ihr her, um bei ihr zu sein und sie zu retten. Sie hatte diese tiefe Liebe immer erwidert.
Er verstand ihn gut, denn er fühlte genauso, wenn er an Rosie dachte. Aber sie sah die Dinge immer so, wie sie waren, sie argwöhnte nicht so viel. Auch Liliane tat es nicht.
Entweder lag es daran, daß sie beide Frauen waren und ohnehin anders darüber dachten oder es war, weil sie nie das kennengelernt hatten, was Sam und Frodo erlitten hatten.
Sie schwiegen und lauschten auf das, was geschah. Carl blieb nicht lange und ging bald wieder, dann hörten sie irgendwann, wie Stimmen laut wurden und dann plötzlich knallte eine Tür laut zu. Unmittelbar danach fiel die Haustür ins Schloß.
Sam stand auf und sah zum Fenster hinaus. Er konnte niemanden sehen.
Jetzt haben sie sich auch noch gestritten, murmelte er düster. Rosie stand ebenfalls auf und sagte: Ich rede jetzt mit ihm.
Und was willst du ihm sagen? fragte Sam irritiert.
Warte nur ab.
Hoffentlich war er nicht so schrecklich unzugänglich, wie er sich zeitweise einmal zeigte, das würde sie viele Nerven kosten.
Liliane hatte sich vor der Haustür auf die Bank gesetzt. Weiter trugen ihre Beine sie nicht.
Niemand war unterwegs, sie war ganz allein dort und stellte die Füße auf die Bank. Mit angezogenen Beinen blieb sie still sitzen.
Tränen glitzerten auf ihren Wangen. Sie weinte leise und voller Hilflosigkeit und Verzweiflung, denn er hatte ihr so weh getan. Irgendwo in der Ferne am Horizont verlor sich ihr Blick.
Frodo zerstörte mehr, als sie je zerstören könnte. Vielleicht hatte sie nicht die richtigen Worte gewählt, das war ihr schon klar, aber sie hielt es nicht aus, daß er ihr so sehr mißtraute. Es schmerzte unglaublich. Jetzt hatte er sogar schon gelauscht. Sie verstand, daß er so am Boden zerstört war. Je nachdem, was er gehört hatte, war er mit Sicherheit alles andere als erfreut gewesen, aber daß er ihr immer vorwerfen mußte, daß sie ihn verlassen wollte...
Was hatte sie nur falsch gemacht? Sie hatte falsch von Gundbert gesprochen, als sie der Meinung gewesen war, daß er tot sei und nie zurückkehren würde. Frodo erinnerte sich bestimmt an die Art und Weise, wie sie über ihn gesprochen hatte.
Aber daß er ihr einfach so sehr mißtraute, hatte sie nie erwartet. War es ihm entgangen, wie sehr sie ihn liebte?
Es war für sie nicht nachvollziehbar.
Was lief falsch? Normalerweise hätte doch dieses Mißtrauen nie Fuß fassen können...
Er hate sein Vertrauen in sie verloren und sie verstand nicht, warum.
War er so verletzlich, daß er schon bei jedem Problem um ihre Liebe fürchtete? Das war eine Seite an ihm, die sie nicht kannte.
Wenn bloß an ihrer Liebe nichts bröckelte... hoffentlich war es nur sein empfindsames Wesen, auf dem das Mißtrauen begründet war.
Sie wischte die Tränen von ihren Wangen. Wenn es noch lange so weiterging, würde er alles zerstören, denn das hielt sie nicht aus. Ewig konnte er das nicht mit ihr machen.
Ihre Liebe bekam Risse. Carl würde irgendwann wieder verschwinden, aber ob es dann besser würde?
Nach diesem Streit... hoffentlich würde alles wieder so werden, wie es gewesen war. Wo war die Liebe hin? War sie schon längst verloren?
Sie senkte den Kopf und schluchzte.
Sie wollte das alles nicht. Schon wieder lief es falsch.
War sein Mißtrauen wirklich begründet? Liliane versuchte erneut, es herauszufinden. Eine Weile überlegte sie und schließlich fragte sie sich, was geschehen wäre, wenn Carl viel früher aufgetaucht wäre. Was hätte sie ohne die Kinder getan? Was hätte sie gemacht, kurz nachdem sie Frodo geheiratet hatte?
Oder nachdem sie ihn überhaupt getroffen hatte?
Nein. Da war ihre Liebe noch zu neu gewesen, alles war noch ungewiß, aber nach ihrer Hochzeit und dem Umzug... Frodo tat alles für sie, sie hatte Gundbert tot geglaubt und liebte Frodo über alles.
Sie konnte sich die Frage nicht richtig beantworten. Möglicherweise hätte sie auch damals schon Frodo nicht mehr verlassen, aber jetzt? Nach all dem, was geschehen war, nach der langen Zeit und mit den Kindern?
Niemals! Wie kam er nur auf diese verrückte Idee?
Sie würde nicht gehen. Sie liebte Carl nicht mehr.
Das einzige, was sie sich wirklich vorwerfen konnte, bezog sich auf etwas, was nie wieder gutzumachen war. Sie hatte vielleicht nicht genug gesucht und die Hoffnung zu schnell aufgegeben.
Sie hatte immer gedacht, sie hätte gespürt, daß er tot war, nicht mehr am Leben sein konnte. Manchmal wußte sie Dinge einfach... nur in diesem Falle hatte sie völlig falsch gelegen. Aber das war darauf begründet gewesen, daß er nie zurückgekehrt war. Das hätte er eigentlich getan, er hatte sie geliebt, aber da er nichts mehr von ihr wußte...
Im Prinzip war er immer noch wie tot für sie, weil er nicht mehr derselbe war. Sie mußte ihm alles erklären, was geschehen war, fast wie bei einem Kind. Es würde nie mehr dasselbe sein, nie wieder. Ihr Gundbert von damals war also wirklich gestorben. Carl war ein anderer. Er sah sogar anders aus.
Sie hätte vielleicht auch länger warten müssen... nur wußte sie jetzt, daß es sieben Jahre, fast acht gewesen wären, die sie hätte warten müssen auf jemanden, den sie nicht mehr kannte.
Es war falsch gelaufen. Beide hatten sie nicht nach dem anderen gesucht. Die Liebe hatte es nicht ausgehalten. Gundbert hatte sie vergessen, selbst an seine Uhr hatte er sich entfernt erinnert, aber nicht an sie...
Konnte sie Gewohnheiten und Gefühle vergleichen? Von der Intensität her...
Er hatte sie vergessen, so wie sie ihn bald nicht mehr in ihrem Leben hatte. Er war fort und so sollte es bleiben.
Hätte sie denn bis zur Küste dem Brandywein folgen sollen, um ihn zu finden?
Es war alles Unsinn, wohin sie auch dachte.
Ihre Liebe war nicht stark genug gewesen... bei Frodo hätte sie es getan, sie würde ihn suchen, aber nun wußte sie auch, was alles möglich war in Mittelerde.
Sie liebte Frodo mehr und er stieß sie nun zurück.
Es schmerzte so sehr. Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Daß ausgerechnet er so etwas je tun würde, hatte sie nicht erwartet. Es war so furchtbar.
Sie war doch dazu bestimmt, nun seine Frau zu sein, es war doch so schön, eine solche Liebe hatte sie mit Gundbert nicht geteilt. Aber das war eine andere Situation gewesen. Sie und Frodo hatten anfangs nur sich gehabt, sie hatten beide schreckliches erlebt. Das veränderte jeden.
Sie waren einander so wichtig... sie wußte auch, warum er sie so verletzte, weil er sich auch verletzt fühlte und seine Liebe so groß war.
Aber das war ihre doch auch... warum sah er es nicht? Warum war er so blind?
Sie hatte Gundbert loslassen können und es war gut so gewesen. Zwar verstand sie nun nicht mehr, warum er ihr einmal im Traum erschienen war, aber es war auch gleichgültig. Es hatte sie damals gerettet. Vermutlich hatten nur ihre eigenen Gefühle zu ihr gesprochen in der Form, wie er es wohl getan hätte. An seiner Stelle...
Sie hatte sich schon viel zu weit von ihm entfernt. Nicht einmal dieser Traum hatte noch irgendeine Bedeutung. Es war vorbei. Sie gehörte jetzt zu Frodo, aber er wies sie zurück.
Sie stand auf und lief wieder hinein. Dabei wäre sie fast in Sam geprallt, der sie eigentlich gerade suchen wollte, und sah ihn seufzend an.
Frau Liliane... habt ihr euch gestritten? fragte er vorsichtig. Sie nickte.
Das haben wir.
Die beiden gingen ins Wohnzimmer und setzten sich dort hin. Sie erzähle ihm alles, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war und sah ihn fragend an. Sam nickte langsam.
Ja... ich verstehe. Und du hast Recht. Herr Frodo ist einfach so. Ohne dich wäre sein Leben nichts mehr wert und deshalb fürchtet er sich so. Bei euch ist alles in Ordnung, es liegt an seinem Wesen allein. Ich kenne ihn schon lange genug, um das zu wissen.
Aber wenn er mich doch liebt, warum weist er mich dann so ab?
Sam zuckte mit den Schultern. Frodo war wohl verletzt... aber das rechtfertigte es in keinster Weise.
Aber geh nun nicht fort, sei jetzt einfach nur bei ihm, vielleicht hilft das schon. Sam war hilflos. Bereinigt war die Situation noch lange nicht, aber er wußte keinen besseren Rat. Es war schwierig mit Frodo.
Rosie klopfte zaghaft an die Tür. Es kam keine Antwort, aber sie öffnete trotzdem. Sie wußte, daß Frodo dort sein mußte, er wäre nie derjenige gewesen, der fortgelaufen war.
Er lag still auf dem Bett und starrte vor sich hin. Perhail weinte in der Wiege und Rosie ging kommentarlos hin, um den Kleinen zu nehmen und zu trösten. Sofort hörte er zu weinen auf, als er in ihren Armen lag und sie zu Frodo ging.
Du vertraust ihr nicht, richtig? fragte sie vorsichtig. Frodo zuckte mit den Schultern. Eigentlich wollte er jetzt lieber seiner Ruhe haben, aber die gönnte sie ihm nicht. Sie wußte, wie gern er sich in seinem Elend vergraben wollte, aber sie spielte nicht mit.
Aber damit tust du ihr unrecht. Gestern kam sie weinend nach Hause und erklärte mir, daß es sie sehr verletzt hat, daß du nicht an ihre Liebe glaubst. Es ging ihr nicht gut. Sie liebt ihm nicht mehr, sie tut nur das, was notwendig ist. Es ist doch wichtig, daß Carl etwas über sein Leben erfährt. Damit will sie dir nicht weh tun! Vertrau ihr doch einfach, bald wird er fort sein und alles ist dann wieder gut.
Frodo gab keine Antwort. Ja, sie hatte Recht, natürlich hatte sie das, aber er konnte nicht aus seiner Haut, es war ihm unmöglich, sein Mißtrauen zu vergessen. Es ging nicht, es war einfach da und ließ sich nicht vertreiben.
Frodo, hörst du mir eigentlich zu?
Ja, natürlich.
Also, dann sag mir, wie du darüber denkst. Ist das in Ordnung? Oder besteht tatsächlich ein Anlaß, daß du ihr nicht vertrauen kannst?
Er seufzte. Nein. Aber ich kann trotzdem nicht anders und es tut mir so schrecklich leid... ich kann nicht anders! Es geht nicht! Ich weiß, daß sie ehrlich ist, aber ich habe einfach Angst und schäme mich dafür, daß ich das tue.
Es tat gut, das auszusprechen, er hoffte, daß sie es verstände. Und sie nickte langsam.
Das ist wahre Liebe und dafür gibt es auch keine Erklärungen, das ist wahr. Aber eines kannst du glauben, und das sage ich dir ganz ehrlich: Nicht jede würde verstehen, daß du so bist, wie du bist. Ich verstehe es auch nur, weil Sam es mir erklärt hat. Aber sie liebt dich so sehr, daß sie sich nicht um das kümmert, was einmal war. Wenn es dir schlecht geht, fürchtet sie sich nicht, sie akzeptiert es als einen Teil von dir. Andere könnten das nicht, aber du bist ihr wichtiger als alles andere. Das hat sich nicht verändert, glaube es mir, Frodo. Tu ihr nicht zu Unrecht weh.
Frodo setzte sich nun neben sie und sah sie an. So ehrlich hätte Sam mit ihm nie gesprochen, aber Rosie konnte es, genau wie Liliane. Rosie war wirklich warmherzig und nicht dumm, was viele Dinge anging. Sie war nie aus dem Auenland fortgewesen und verstand dennoch so viel.
Es war gut, daß sie mit ihm gesprochen hatte, das wußten sie in dem Augenblick beide. Frodo lächelte und nahm ihr seinen Sohn ab.
Ich stelle mich manchmal wirklich an, oder?
Rosie lachte. So hätte ich es nicht gesagt, aber ich sehe, du kennst dich gut...
Er fand das gar nicht lustig. Damit machte er viel falsch, das wußte er genau.
Und was soll ich jetzt tun?
Weise sie nicht ab. Im Moment könnt ihr nicht miteinander reden, deswegen bin ich gekommen, aber wenn ihr euch gleich seht, zeige ihr, daß du ihr nicht böse bist. Sie wird dir verzeihen, das weiß ich, denn auch das ist Liebe.
Damit stand sie auf und warf ihm ein ermutigendes Lächeln zu.
Ihr habt doch schon ganz andere Sachen bewältigt!
Ja... natürlich, dachte Frodo. Mit Schwertern und hinterhältigen Tricks, um Leben zu retten.
Aber welche Waffe nun zu ziehen war, stand auf einem ganz anderen Blatt.
Neuntes Kapitel: Die Entscheidung
Carl war noch völlig verwirrt. In seinem Kopf sah es schlimmer aus als auf einem Schlachtfeld, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, da waren so viele Bilder... Wann auch immer man ihn auf irgendetwas stieß, fiel ihm noch viel mehr dazu ein.
Liliane hatte gesagt, daß es eine Taschenuhr war, die er einst besessen hatte. Es stimmte, Carl sah die Uhr wieder vor sich, das schlichte goldene Schmuckstück und er wußte wieder, daß er sie gern bei sich getragen hatte, gern und viel. Von seinem Vater hatte er sie geerbt.
Aber wo war nur diese Uhr hin? Wahrscheinlich hatte er sie an den Fluß verloren wie wohl alle anderen Sachen auch. Sie hatte von diesem Gewitter erzählt... er konzentrierte sich darauf, sich die Bilder wieder ins Gedächtnis zu rufen. Und dann fiel ihm schlagartig alles wieder ein, er hatte gejagt, wollte nach Hause und da war ein Floß am Ufer des Flusses, das ihn noch auf die andere Seite bringen sollte. Er war ins Wasser gefallen.
Danach mußte er sie gar nicht genauer fragen, er wußte es wieder! Und er würde es ihr sagen... er hatte zu ihr nach Hause kommen wollen, auch das wußte er plötzlich wieder. Er mußte es ihr unbedingt sagen! Er wollte zu ihr zurück und das Gegenteil war eingetreten.
Sie hatte den Namen Merry erwähnt. Auch dieser sagte ihm etwas, aber noch fehlten ihm das Gesicht und passende Erinnerungen zu dem Namen. Aber dieser Merry lebte nun mit Lilianes Kusine in ihrem alten Haus, wo sie gewohnt hatten, bevor alles mit einem Schlag zerrissen worden war.
Carl lief völlig in Gedanken nach Wasserau zurück und setzte sich dort am Wegrand auf einen großen Stein, mitten in der Sonne, um weiter nachzudenken.
Sie hatte so von ihrem Kennenlernen erzählt, daß er diesen Abend wieder vor sich sah. Er hatte sich aufgeführt wie ein völlig betrunkener Idiot, das wußte er noch, aber nur so hatte er den Mut gehabt, sie anzusprechen. Sie war so hübsch gewesen, hatte ein wunderschönes Kleid getragen, das ihr wunderbar stand.
Verschiedene Situationen tauchten wieder vor ihm auf. Ein Freund, dessen Namen ihm entfallen war, hatte einen ziemlich kleingeistigen Kommentar zum zugegebenermaßen etwas tiefen Ausschnitt ihres Kleides abgegeben und Carl wußte noch gut, wie dumm er das gefunden hatte. Er konnte jedoch so oder so nicht mehr die Augen von ihr lassen, ihre ganze Ausstrahlung hatte ihn sofort gefangengenommen. Er stand kurz vor der Volljährigkeit und hielt verstärkt Ausschau nach hübschen Mädchen.
Und er hatte geduldig gewartet, bis auch sie volljährig war und ihn heiraten durfte. Jeder in der Gegend hatte darüber gegrinst, wie er ihr den Hof gemacht hatte.
Wie von selbst kehrten auch die Bilder ihrer Hochzeit in seine Erinnerung zurück. Es war schon kalt gewesen, mitten im Winter, aber sie hatten sich die Treue geschworen im zugeschneiten Wald. Dann waren sie, weil es ihnen draußen viel zu kalt war, klammheimlich zurückgekehrt und in sein Zimmer geschlichen, ohne daß seine Eltern es bemerkten und hatten dort den restlichen Tag und die Nacht ungestört in verliebter Zweisamkeit verbracht.
Ihm wurde ganz warm ums Herz, als er daran dachte. Er war so glücklich gewesen, daß jemand wie sie ihr Herz von ihm hatte stehlen lassen.
Es war schon so lange her. Das war zugleich auch der Anfang einiger Schwierigkeiten gewesen. Daß sie ungewollt kinderlos blieben über viele Jahre, war mit der Zeit zu einem echten Problem geworden. Ihr Vater hatte sich sehr betrübt gezeigt und auch seine Eltern hatten sich bis zu ihrem Tod so sehnlich Enkel gewünscht, aber die bereits angelegten Kinderzimmer im Haus blieben immer leer.
Carl überlegte. Woran hatte das nur gelegen? Man sagte immer, daß Kinderkrankheiten gefährlich sein konnten, das hatte er bei den Menschen gehört, aber ob er eine gehabt hatte, wußte er nicht. Es war seine Schuld gewesen und er wußte nicht einmal, warum.
Betrübt seufzte er. Dabei waren ihre Kinder beide wirklich liebenswert. Ihre Tochter war wirklich hübsch, sie trug einige der markanten Gesichtszüge ihres Vaters und hatte seine Augen, aber alles andere hatte sie von ihrer Mutter.
Und den kleinen Jungen hatte er bislang nur von fern gesehen. Wie gern hätte er auch einen gehabt! Auch jetzt noch.
Mit Frodo hatte sie nun dieses Glück. Er war ein außergewöhnlicher Hobbit, glaubte Carl, immerhin hatte Liliane davon gesprochen, daß sie mit ihm im fernen Gondor beim König gewesen war!
Frodo konnte ihr so vieles bieten. Beutelsend hatte Carl sehr beeindruckt und er selbst hatte nur noch Silberstücke für einige Tage, daß er satt werden konnte.
Das Wochenende stand vor der Tür und er würde in der Küche beim Wirt helfen, aber bald würde er nach Bockland gehen und dort wirklich Arbeit suchen und eine Unterkunft. Vielleicht konnte er bei Merry und Lilianes Kusine Unterstützung erbitten... er mußte sie fragen.
Alles über sein Leben würde er nie erfahren können, die Löcher in seiner Erinnerung, die langsam zurückkehrte, würden bleiben. Es war ein eigenartiges Gefühl gewesen, Liliane gegenüberzusitzen und zuzuhören, wie sie von seinem Leben erzählte.
Carl trieb sich den ganzen restlichen Tag in der Umgebung herum und versuchte, sich zu erinnern. Manches fiel ihm auch ein, wenn er an ihre Worte dachte, aber er spürte schnell, daß er noch einmal zurückkehren und sie fragen mußte.
So vieles war schon geschehen, seit er zurückgekehrt war. Er hatte mehr erfahren, als ihm lieb war und dabei konnte er ungewollt noch großen Schaden anrichten allein dadurch, daß er da war. Er wußte nicht, ob es ihm gefallen sollte, daß er Frodo noch nicht ein einziges Mal an diesem Tag gesehen hatte. Hoffentlich gab es keine Probleme durch seine Anwesenheit... daß es Frodo sehr mitgenommen hatte, war ihm nicht entgangen. Sein Auftauchen war für jeden wie ein Schock.
Er hatte auch noch nicht mit dem Bürgermeister weiter über den Toten gesprochen, der wohl noch immer im Wald lag. Sollten ihn die Wölfe holen, ihm war es egal, er schüttelte sich noch immer voll Abscheu bei dem Gedanken, was alles hätte geschehen können, wenn Carl nicht eingegriffen hätte.
Aber er kannte diesen Typ Mensch. Irgendwann war ihm etwas ähnliches an bösen Absichten bezüglich Liliane zu Ohren gekommen. Da war ein Bild in seinem Kopf von einem schmutzigen, unrasierten Kerl, der sich vor ihm aufbaute und hämisch grinsend verkündete, daß er sich noch holen würde, was ihm zustand.
Dir steht gar nichts zu! hatte Carl gebrüllt und einen Stuhl erhoben, um ihn herauszujagen, aber Angst hatte er gehabt.
Menschen im Auenland... das hatte es schon vorher einmal gegeben. Er mußte Liliane fragen, was da vorgefallen war.
Überhaupt mußte er sie einiges fragen und das würde er am nächsten Tag auch tun. Dann hatte er es hinter sich gebracht. Lange hielt er dieser Situation nicht mehr stand, er hätte sie zurückgewollt, wenn er nicht gesehen hätte, was er damit alles zerstören würde. Er erinnerte sich so an sie, wie sie gewesen war, aber sie sah bestimmt jemand anderes in ihm.
Nein, er durfte darauf nicht hoffen, es stand ihm auch gar nicht zu nach all den vertanen Chancen. Er mußte bald gehen und versuchen, das zu vergessen, neu anzufangen. So wie sie.
Er beschloß irgendwann, das Schlafzimmer zu verlassen. Perhail war nicht wieder eingeschlafen, aber blieb ruhig. Vergnügt quietschte und gluckste er, als sein Vater mit seinen winzigen Fingern spielte, der Kleine wollte sich immer wieder an seinem festklammern. Er strampelte in Frodos Armen und bekam schließlich einen Knopf seines Hemdes zu fassen, den er begeistert zu bearbeiten begann. Bald würde er Zähne bekommen, dann würde er alles anknabbern, was nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurde, aber noch spielte er mit den kleinen Fingern am Knopf.
Frodo linste ins Kinderzimmer und sah, wie Meli und Krümel gemeinsam vor der kleinen Katze lagen und ihr beim Fressen zuschauten. Krümel schnipste mit den Fingern nach Mias Schwanzspitze, was Meli mit einem Stoß in die Seite bedachte. Entrüstet sah Krümel sie an.
Das tat weh! stellte er fest.
Hör auf, Mia zu ärgern! forderte hingegen Meli.
Rosie trat Frodo gegenüber auf den Flur. An der Hand hielt sie ihre jüngste Tochter Primula, die den Mittagsschlaf zu früh beendet hatte, aber nicht mehr ins Bett zu bewegen war.
Grinsend schauten sich die beiden Eltern an. Zu tun hatten sie immer etwas mit dem Nachwuchs.
Frodo wollte in die Küche gehen und Tee kochen. Allerdings kam er am Wohnzimmer vorbei, wo Liliane allein auf dem Sofa saß. Sam war in den Garten gegangen.
Im Türrahmen blieb Frodo stehen und zuckte überrascht zusammen, als er die kleine Hand seines Sohnes auf dem Bauch spürte. Er hatte sie ins Hemd gesteckt und fand die Tatsache, daß er seine Hand nicht mehr sehen konnte, unglaublich interessant.
Liliane und Frodo sahen sich an. Er bemerkte, daß ihre Augen nun gerötet schienen und das schlechte Gewissen pochte in seinem Hinterkopf. Daran war er wohl schuld. Er hatte alles falsch gemacht.
Es tut mir leid, sagte er. Liliane reagierte gar nicht. Sie wußte, daß es ihm schwer fiel, aber sie wollte eine richtige Entschuldigung und nicht eine, die er schnell ausgesprochen hatte, während er ihr nicht einmal gegenüber saß.
Nein, zurückstoßen würde sie ihn wohl nicht, aber diesmal war er an der Reihe. Es tat noch immer so weh. Er würde sich etwas gutes einfallen lassen müssen, denn so leicht würde sie sich diesmal nicht erweichen lassen.
Liliane?
Es tut dir leid... mehr fällt dir dazu nicht ein?
Sie hob den Kopf und sah ihn verbittert an. Er konnte sehen, was er angerichtet hatte.
Was soll ich dir denn sagen? Soll ich dir versprechen, daß ich ihn mit offenen Armen begrüße, wenn er das nächste Mal kommt?
Für einen Moment kehrte bedrohliche Stille ein, dann sagte sie: Geh und laß mich einfach in Ruhe, sonst streiten wir uns doch nur wieder. Denk doch einfach mal darüber nach, was du mir unterstellt und ob du nicht vielleicht Unrecht hast!
Mit gesenktem Kopf ließ Frodo sie allein und ging in die Küche, wo Rosie mit Primula am Tisch saß und ihr eine Geschichte erzählte. Frodo setzte sich stumm dazu und lauschte ihren Worten, um sich von seinen trübsinnigen Gedanken abzulenken.
Unversehens schlief Perhail schließlich wieder ein. Frodo strich seinem Sohn liebevoll über den Kopf.
Wo war bloß die Liebe, die ihm das Leben geschenkt hatte?
Irgendwie verging dieser Tag. Liliane hatte sich schon im nächsten Moment dafür verflucht, Frodo fortgeschickt zu haben, aber er kehrte nicht zurück. Er nahm es zu wörtlich, was sie gesagt hatte.
Traurig setzte sie sich im Wohnzimmer mit einem kleinen Schürzchen hin, das sie für Goldfranse nähen wollte und so verging Minute um Minute zwar schleppend, aber stetig und es wurde Abend.
Beim Essen lärmten die Kinder wieder so laut sie konnten, aber Frodo und Liliane saßen stumm am Tisch und aßen mit nicht besonders großem Appetit. Irgendwann hatte Frodo es satt und bat Sam, mit ihm für eine Pfeife ins Wohnzimmer zu gehen.
Liliane sah den beiden zwiegespalten hinterher. Jetzt lief er schon vor ihr weg. Wenn er doch nur nicht immer alles so wörtlich nehmen würde!
Sie brachte Meli ins Bett und traf sich nachher wieder mit Rosie in der Küche. Elanor und ihr Bruder Frodo saßen dabei, während die anderen älteren Kinder in ihren Zimmern noch etwas spielten. Die Kleinen schliefen schon.
Liliane musterte Elanor, die an einer Puppe für Margerite nähte. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Tochter zu ihr gekommen war und ihr von dem Jungen auf dem Maifest erzählt hatte, wegen dem Elanor so traurig gewesen war.
Inzwischen kümmerte es das Mädchen nicht mehr, aber Liliane konnte sich so gut vorstellen, wie sie sich gefühlt hatte. Elanor war so hübsch, ihre blonden Locken hatten schon viele der gleichaltrigen Jungs und auch ältere verzaubert, aber sie bildete sich darauf nichts ein. Sie verdankte es Sams bodenständiger Erziehung, daß sie ein liebenswertes junges Mädchen war.
Ihr Bruder war Sam wie aus dem Gesicht geschnitten. Daß er Frodos Namensvetter war, erfüllte den Jungen mit großem Stolz. Das konnte er auch sein, sein Onkel Frodo war schon ein ganz besonderer Hobbit.
Aber manchmal auch ganz besonders schwierig. Probleme hatten sie noch nie gehabt, sie hatten jeden Tag aufs Neue entdeckt, wie schön es war, einander zu haben und er hatte sie schon oft mit verrückten Sachen überrascht. Doch er hing schon fast zu sehr an ihr. In diesem Moment fühlte sie sich dadurch aber nicht geehrt, sondern vielmehr gefangen.
Rosie merkte, daß Liliane noch immer unglücklich zu sein schien. Sobald die Kinder die Küche verließen, legte sie ihre Hand auf die von Liliane und sagte: Er schämt sich regelrecht und es tut ihm sehr leid. Ich habe mit Frodo gesprochen und glaube, was er mir gesagt hat. Er weiß, daß er etwas falsch macht, aber er kann nicht dagegen an. Vielleicht ist das einzige, was hilft, daß Carl hier nicht ständig auftaucht. Wollte er noch oft kommen?
Liliane schüttelte den Kopf. Nein. Er weiß auch um all das, aber ihm unterstellt Frodo auch nichts. Er mißtraut mir. Ich weiß auch, warum das so ist, aber das macht es nicht leichter.
Willst du nicht noch einmal mit ihm sprechen? Ich hole Sam in die Küche und dann habt ihr eure Ruhe.
Liliane nickte. Rosie stand also auf und schaffte es, Sam in die Küche zu bewegen, was dieser nur sehr unwillig tat. Welcher Plan dahintersteckte, wußte er. Er hatte Frodo gesagt, worüber er am Nachmittag mit Liliane gesprochen hatte. Das schlechte Gewissen in Frodo tobte immer lauter. Er wußte es doch alles... alles davon, es war ihm alles klar.
Aber schließlich ging Sam und an seiner Statt kam Liliane ins Wohnzimmer.
Sollen wir schlafen gehen? fragte sie. Frodo zuckte mit den Schultern. Er hatte seine Pfeife bereits weggelegt und war schrecklich müde.
Immerhin hieß das, daß sie zusammen sein würden... war das nun gut oder schlecht?
Er stand auf und folgte ihr ins Schlafzimmer. Stumm zogen sie sich um und legten sich ins Bett. Liliane lag auf dem Rücken und starrte wortlos an die Decke. Irgendwie wollte ihr nichts einfallen, was sie hätte sagen können.
Frodo legte seine Hand auf ihre. Sie war nur kurz angespannt, aber er merkte es trotzdem. Eigentlich wollte sie jetzt von ihm in den Arm genommen werden, aber sie brachte es nicht fertig, auch nur ein Wort herauszubringen.
Frodo hätte so gern alles wieder gut gemacht, er wollte sie trösten und ihr zeigen, daß es ihm leid tat, aber er konnte nicht. So lagen sie dann beide da und keiner brach das Schweigen.
Schließlich wurde er fast vom Schlaf übermannt, merkte aber, wie Liliane plötzlich ihre warme Hand um seine legte. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Frodo war schlagartig wieder wach.
Er wandte den Kopf zu ihr. Sie schien ganz leicht zu zittern und er hörte, wie sie stoßweise atmete. Schließlich erhob er sich und sah dann, wie im fahlen Dämmerlicht Tränenspuren auf ihren Wangen glänzten. Starr blickte sie ins Nichts und wollte nicht merken, wie er sie ansah.
Frodo legte sich hinter sie und legte den Arm um sie. Nichts geschah. Sie merkte, daß er um Verzeihung bat, aber sie war noch immer zu verletzt, um sie ihm zu gewähren.
Frodo merkte genau, daß sie überhaupt nicht reagierte. Ein schwerer Kloß im Hals nahm ihm die Luft zum Atmen und er lag noch lange wach, als sie schon längst eingeschlafen war.
Es wurde sehr gefährlich, das merkte er. Ihm war bewußt, daß nicht sie alles zu zerstören drohte, sondern er selbst... die von ihm so gefürchtete Distanz war längst da. Es war bereits zu spät.
Aber würde er sich zurücknehmen können, wenn Carl wieder auftauchte?
Am nächsten Morgen hatte sich nichts geändert. Frodo wurde zuerst wach und stand leise auf, um sich umzuziehen. Die goldene Taschenuhr steckte er dabei ein und verließ das Schlafzimmer.
Vom Einklinken der Tür wurde Liliane schließlich wach und sah, daß das Bett neben ihr leer war. Sofort stiegen ihr wieder Tränen in die Augen. Jetzt traute er sich nicht einmal mehr, sie zu wecken.
Wie weit war es schon gekommen? So konnte das nicht weitergehen... sie fürchtete diesen Tag. Sie fürchtete, daß Carl kommen würde und sie fürchtete, daß er nicht kam, denn was würde sie dann tun?
Was sollte sie Frodo nur sagen? Er tat ihr immer mehr weh, ohne es zu wollen, aber leider war es so.
Als sie in die Küche kam zum Frühstücken, setzte sie sich wortlos neben ihn und machte denselben Fehler wie er: Sie beachtete ihn in diesem Moment überhaupt nicht.
Es wurde von Minute zu Minute schlimmer. Nach dem Frühstück stand Frodo sofort auf und ging, während Liliane sitzenblieb und auf etwas wartete, von dem sie nicht einmal wußte, was es war. Sie wartete nicht auf Carl, nicht auf irgendetwas, was sie benennen konnte - außer vielleicht der Tatsache, daß sie sich nicht länger mit Frodo streiten wollte.
Es dauerte nach dem Frühstück nicht lange, bis es an der Haustür klopfte. Liliane stand sofort selbst auf und ging nachsehen. Auf dem Weg zur Haustür kam sie an Frodos Arbeitszimmer vorbei, in dem er saß und aus dem Fenster starrte.
Für einen kurzen Moment blieb sie stumm stehen und wollte ihren Augen nicht trauen, aber dann holte sie tief Luft und ging weiter.
Frodo hatte sich ins Zimmer gesetzt und eigentlich an nichts gedacht, aber dann begann er unwillkürlich, aus dem Fenster zu schauen. Er suchte nach Carl, er wartete darauf, ob er kam und wann er das tat. Er wollte es sehen.
Liliane hatte ihn beim Frühstück wieder völlig ignoriert und er wußte nicht warum, aber er stellte keine Fragen mehr. Er war in völlige Lethargie verfallen, da saß sie in der Küche und nicht bei ihm, weil er gegangen war, er war ergriffen von einem ohnmächtigen Schweigen und stummer Verzweiflung. Er machte bestimmt etwas falsch, aber er fühlte sich so elend, daß er nicht mehr wußte, was es war.
Schließlich kam Carl. Frodo blieb reglos auf dem Stuhl sitzen und biß sich auf die Lippen. Heute würde er nicht lauschen, ganz bestimmt nicht, er hatte schon spioniert, ob er käme und das war auch nicht rechtens. Langsam mußte Schluß sein. Er wollte nicht noch mehr Fehler machen.
Er hörte Stimmen im Flur und schloß die Tür. Nein, er wollte es nicht wissen, diesmal nicht, es ging ihn gar nichts an.
Er stand vor Bilbos altem Bücherschrank und wühlte in den aufgetürmten Landkarten. Ja, weit weg wünschte er sich jetzt, weg von Zweifel und Schuld.
Guten Morgen, begrüßte Liliane Carl, aber es klang sehr zurückhaltend. Er erwiderte mit einem Lächeln den Gruß und folgte ihr hinein.
Ein Anliegen hätte ich da, sagte er dann und sie sah ihn an.
Ich möchte noch einmal mit dem Herrn Bürgermeister sprechen.
Liliane nickte. Er ist in der Küche.
Gemeinsam gingen sie hinein.
Guten Morgen, sagte Carl nun wieder. Sam erhob sich, als er ihn sah.
Willkommen! Was kann ich für Euch tun?
Es geht um den Mann... im Wald. Er liegt dort sicher noch und... und überhaupt, ich habe mir Gedanken gemacht, ich habe immerhin Schuld...
Nein! rief Sam. Nein, Ihr habt Euch verteidigt und Liliane gerettet, das steht außer Frage. Aber keine Sorge, ich habe die Landbüttel geschickt, sie haben ihn dort begraben. Es ist bereits alles in bester Ordnung.
Erleichterung stand in Carls Gesicht geschrieben. Er hatte sich wirklich Gedanken gemacht, aber da niemand ihm etwas vorwarf, war er beruhigt.
Er folgte Liliane schließlich ins Wohnzimmer. Beharrlich ließ sie auch diesmal die Tür offen stehen, Frodo sollte lauschen, wenn er wollte. Sie wollte die Tür nicht deshalb schließen, es erschien ihr albern.
Liliane, ich... ich habe gestern viel nachgedacht und mich an einige Sachen erinnert. Es gibt etwas, das ich dir unbedingt sagen muß.
Carl sah betreten auf seine Hände, er brachte es eigentlich ungern zur Sprache, aber es war wichtig und sie sollte es wissen.
Ja, sprich nur!
Es... der Tag, an dem das Unwetter getobt hatte...
Liliane erstarrte. Daß er davon sprechen würde, hatte sie nicht erwartet, aber sie beschloß, erst einmal abzuwarten.
Es war ruhig im Raum, sie hörten nur Kichern und Geschrei aus den Kinderzimmern, als Carl weitersprach.
Ich hatte gerade die Beute verkauft, die ich erlegt hatte an dem Tag und habe die Wolken aufziehen sehen. Als ich am Ufer stand, regnete es bereits und der Sturm zog auf, aber da war dieses Floß und ich überlegte, ob ich noch über den Fluß fahren sollte oder nicht. Diese Entscheidung ist schuld an allem...
Sie war sprachlos. Wie versteinert starrte sie ihn an und wartete ab.
Ich... ich hätte es nicht riskieren sollen, das weiß ich, es war längst viel zu gefährlich und es war mein Fehler, aber ich wollte zurück zu dir... ich wollte nicht, daß du Angst haben mußt. Gestern ist es mir eingefallen. Und ich weiß, daß mein letzter Gedanke, als ich unterging und das Bewußtsein verlor, dir galt... es tat mir so leid...
Tränen standen ihm mit einem Mal in den Augen und Liliane legte ihre Hände auf seine.
Das wußte ich nicht... flüsterte sie tonlos und voller Erschütterung. Er nickte stumm.
Ich habe genau das falsche getan...
Er schluckte die Tränen herunter. Sie sollte sich nicht verpflichtet fühlen, ihm Trost zu spenden oder ein schlechtes Gewissen haben, aber sie sollte es wissen.
Geschockt starrte sie auf den Tisch. Er war bewußt das Risiko eingegangen wegen ihr... und damit hatte die Liebe sich noch selbst zerstört! Es war unfaßbar.
Ich hätte das nicht tun dürfen... es hat alles kaputt gemacht...
Carl, man kann nie alles richtig machen, aber du hast das Richtige gemeint! sagte sie. Er nickte.
Aber das ist vorbei und eigentlich möchte ich jetzt nur noch ein neues Leben anfangen, verstehst du? Deswegen bin ich hier, ich habe noch einige Fragen. Ich möchte nach Bockland gehen und mir dort Arbeit suchen und etwas, wo ich leben kann. Sag, kann ich irgendwo Hilfe erwarten?
Sie sagte ihm, daß er nur zu Fredegar oder Merry gehen sollte. So begann sie, von beiden zu erzählen und von gemeinsamen Erlebnissen, die schon lange zurücklagen, aber Carl konnte sich dann wieder an sie erinnern. Er fragte auch nach seinen Eltern, von denen sie viel erzählte.
Liliane, habe ich dir denn jemals etwas von einer schweren Kinderkrankheit erzählt, die ich hatte? wollte er plötzlich ganz unvermittelt wissen. Sie überlegte kurz, dann sagte sie: Ich weiß nicht... doch halt, ich glaube, du sagtest einmal, daß du die Masern gehabt hast, soweit ich mich erinnern kann... warum fragst du das?
Bei den Menschen, sagte er, gab es einmal den Fall, daß ein junger Mann keine Kinder mit seiner Frau haben konnte und der Dorfarzt, der in Gondor ausgebildet worden war, erklärte dann, daß es wohl daran liegen mußte, daß der Mann als Kind Masern hatte...
Es traf sie wie ein Schlag. Was er gesagt hatte, war eindeutig und ließ keinen Zweifel zu. Aber daß sie jemals eine Erklärung finden würden, hatte sie nicht erwartet.
Und du meinst... begann sie, brach dann aber ab. Sie konnte es nicht fassen. Warum hatte sie davon noch nie gehört? All die Jahre hatten sie umsonst gehofft...
Carl nickte. Dann muß das der Grund sein. Das fiel mir gestern ein.
Sie drückte seine Hand. Wie er sich fühlen mußte, wußte sie zu gut, lange Jahre hatte sie sich ebenso die Schuld gegeben. Es mußte furchtbar für ihn sein, zu wissen, woran es lag.
Und dann... sag, Menschen waren doch auch früher schon im Auenland gewesen, oder? Ich habe mich an einen häßlichen Kerl erinnert, den ich einmal aus dem Haus gejagt haben muß, weil er wüste Drohungen ausstieß. Was kann denn das gewesen sein?
Das wußte Liliane noch zu gut. Es war auch noch nicht besonders lange her, daß Lutz Farning sich wieder im Auenland gezeigt hatte und sie problemlos wiedererkannte. Sie begann von der Belagerung und Carls Kampf gegen die Besatzer zu erzählen, vor denen sie sich sehr gefürchtet hatte.
Was? Ich habe das ganze Pfeifenkraut aus ihrem Lager gestohlen? rief er ungläubig und lachte. Sie nickte und lachte ebenfalls.
Ja, es war wirklich zu komisch, wie sie dann durch unser Haus gelaufen sind, sich gegenseitig angebrüllt haben und sich wunderten, warum das Zeug nicht zu finden sei... dabei hatten wir es längst verteilt!
Er grinste schadenfroh. Sehr gut. Das haben die Schufte verdient! Und die waren vor kurzem wieder hier?
Liliane nickte. Ja, das waren sie. Sam hatten sie entführt und alles hier kurz unter Kontrolle gebracht. Lutz, dieses Scheusal, hat sich dann hier breitgemacht und hatte Spaß daran, sich hier alles zueigen zu machen. Hier in Beutelsend hatte er gesessen und alles herumkommandiert, dieses Ekel!
Sie war noch immer aufgebracht, wenn sie daran dachte, aber unwillkürlich kroch die Erinnerung in ihr hoch, zu was er alles fähig gewesen war und schluckte schwer. Daß sie zu zittern begann, merkte sie gar nicht.
Aber er hat doch weiter nichts verbrochen, oder?
Nein. Frodo hat es zu verhindern gewußt, sagte sie leise. Sie hatte es nie vergessen.
Das ist gut. Du sagtest doch gestern, du seist mit ihm einmal in Gondor gewesen... wie war das? Habt ihr die Weiße Stadt gesehen, die so berühmt unter den Menschen ist?
Liliane lächelte gedankenversunken. Sie hatte Minas Tirith sofort und immer gemocht, obwohl dort so vieles geschehen war, woran sie sich nur ungern zurückerinnerte.
Sie ist wundervoll. Der König regiert dort, Aragorn, er ist ein Freund von Frodo und Sam. Sie haben schon viel zusammen erlebt und vor vier Jahren war ich auch dabei. Es gab Krieg. Das war nicht schön... aber ich war ja verrückt genug, mit in diese Wildnis zu gehen und dachte, Frodo wäre im Kampf gefallen, aber er ist gekommen und hatte gar keine Angst. Stell dir vor, sogar das Schwertkämpfen haben sie mir damals gezeigt!
Ein wenig erzählte sie von diesem Abenteuer und Carl lauschte gebannt. So etwas hatte er ihr nicht zu berichten, aber das wollte er auch gar nicht.
Und... Frodo... was sagt er denn dazu, daß ich hier so einfach auftauche? Ist das überhaupt in Ordnung für ihn? fragte er dann. Liliane sah ihn nicht an, aber schließlich antwortete sie ihm ehrlich.
Nein. Nein, das ist es ganz und gar nicht, aber dafür kannst du nichts. Er... Frodo ist furchtbar anhänglich, er will mich nicht verlieren und so sehr ich ihm immer beteuere, daß ich nicht gehen würde... ich will es ja auch nicht, obwohl ich verwirrt bin und... warum nur ist das so schwierig?
Carl seufzte. Das war seine Schuld, er wußte es, es konnte gar nicht anders sein und es tat ihm auch schrecklich leid.
Verstehst du? Du willst ja schließlich auch nicht, daß ich wieder zu dir komme, oder vielleicht willst du es doch und sagst es nicht, aber du bist nicht mehr derselbe und es zerreißt mir das Herz, wenn ich mir überlege, ohne Frodo zu sein. Und er unterstellt mir, ich würde ihn belügen, er mißtraut mir, seit du hier bist und das so völlig grundlos! Er versteht nicht einmal, wie wichtig es ist, daß du etwas über dein Leben erfährst... er macht mir das Leben regelrecht zur Hölle seitdem, aber ich muß doch mit dir reden...
Liliane wußte in dem Moment nicht recht, warum sie ihm das alles erzählte, aber insgeheim hoffte sie auf Verständnis, auf Trost von ihm, den konnte sie nun wirklich brauchen, so sehr verletzte Frodo sie. Er mußte nur so weitermachen und sie würde bald kein Verständnis mehr für ihn haben. Es war so frustrierend, ihn so zu erleben...
Das... das wußte ich nicht... murmelte Carl. Alles wegen ihm... wenn er doch nur nie aufgetaucht wäre! Er verfluchte es so sehr...
Eine Träne lief über ihre Wange, sie wollte sie verlegen wegwischen, aber dann brach es aus ihr heraus. Sie wollte so gern nur ein wenig Verständnis von Frodo und keine Ablehnung...
Carl stand auf. Er konnte es nicht ertragen, sie weinen zu sehen, er kniete sich vor sie und nahm ihre Hände, doch sie zog sie sofort weg und umarmte ihn schluchzend.
Tröstend legte er seine Arme um sie. Er konnte es gut verstehen, wie sie sich fühlte, sie war hin- und hergerissen und hatte sich dennoch entschieden, aber Frodo stieß sie ungnädig zurück und konnte ihr fälschlicherweise nicht vertrauen.
Das hättest du nie getan, Gundbert, du hättest mir niemals so weh getan... flüsterte sie leise und unter Tränen. Er schrak hoch. Was hatte sie da gesagt? Und warum sprach sie ihn plötzlich mit seinem alten Namen an?
Liliane, das darfst du nicht sagen! Frodo meint es doch nicht böse... ihr liebt euch doch, vergiß das nicht!
Gundbert... flüsterte sie. Sie brach fast zusammen unter der Last ihrer eigenen Gefühle, es wurde ihr alles zuviel, aber es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.
Ein wenig Verständnis tat jetzt so gut! Sie hoffte, daß er sie nie mehr loslassen würde, sie spürte Liebe bei ihm, Liebe, die sie bei Frodo im Moment wirklich vermißte.
Stumm blieben die beiden sitzen und Carl ließ sie weinen, bis er merkte, daß sie ihn gar nicht mehr loslassen wollte. Ihm wurde heiß. Das ging nicht, er mußte es sofort beenden, hier und jetzt. Sie würde sonst einen schrecklichen Fehler machen, den er nicht verantworten konnte, er durfte es nicht zulassen! So schwer es ihm auch fiel...
Liliane, nein. Du gehörst nicht mehr zu mir. Ich... ich werde jetzt gehen. Ich werde verschwinden aus eurem Leben, denn ich bin doch der Grund für Frodos Mißtrauen, also muß ich jetzt fort.
Er löste sich von ihr und stand auf. Verzweifelt stand sie ebenfalls auf und rang nach Fassung, aber er blieb stark und nickte noch einmal bekräftigend.
Laß mich gehen, bevor es zu spät ist. Du gehörst zu Frodo und deinen Kindern, das weißt du auch. Ich gehe nach Bockland und werde euch in Ruhe lassen, dann wird alles wieder gut und es ist, als wäre ich immer noch fort so wie die letzten sieben Jahre...
Aber dann trat er auf sie zu, küßte sie schnell auf die Wange, wandte sich ab und verließ den Raum. Hastig lief er den Flur hinunter, aber sie folgte ihm nicht mehr, sie hatte sich auf das Sofa fallen lassen und die Hände weinen vors Gesicht geschlagen. Alles entgleiste immer mehr und er hatte es gemerkt.
Carl stand schon vor Beutelsend und wollte durch den Garten verschwinden, als er eine Stimme hinter sich hörte.
Einen Moment noch...
Er blieb stehen und drehte sich um. Da saß Frodo hinter ihm auf der Bank, er hatte ihn gar nicht gesehen, aber er war es. Und er streckte die Hand aus, in der etwas Goldenes lag, das Carl sofort wiedererkannte.
Aber... begann Carl. Frodo stand kopfschüttelnd auf, nahm Carls Hand und legte die Taschenuhr hinein.
Liliane hat sie mir geschenkt und ich wollte sie nicht annehmen, weil sie doch ihre Erinnerung an dich war. Aber dann hatte ich sie doch all die Jahre bis jetzt, aber du bist nicht tot und deshalb steht sie mir nicht zu. Dir bedeutet sie mehr als mir, also nimm sie. Ich habe dir so vieles genommen und... verzeih...
In Frodos Augen glänzten Tränen. Carl war fassungslos. Etwas derartiges hatte er nicht erwartet, aber seine Hand schloß sich um die Uhr. Sie fühlte sich vertraut an.
Du hast mir nichts genommen. Sie hat sich für dich entschieden. Und nun geh und sieh nach ihr, denn sie braucht dich, da bin ich sicher. Ich gehe und werde nicht zurückkehren, ich gehe nach Bockland und werde dort ein neues Leben beginnen. Tut mir leid, daß ich einfach... ich hätte nicht auftauchen dürfen. Aber leb wohl und paß gut auf sie auf...
Damit wandte Carl sich schwer schluckend ab, steckte die Uhr in die Tasche und verließ mit Tränen in den Augen schnell den Garten.
In diesem Moment ging die Haustür auf und Liliane erschien. Traurig starrte sie Carl hinterher, ihr Blick ging an Frodo vorbei und dann lief sie schluchzend ins Haus zurück, ohne sich weiter um Frodo zu kümmern.
Frodo hatte die ganze Zeit in seinem Zimmer gesessen und nichts getan, sich seinen Gedanken hingegeben und war in Zweifeln und Angst versunken, bis er sich entschlossen hatte, etwas Tee zu kochen und sich damit etwas Gutes zu tun. Vielleicht half es. Meist beruhigte die Wärme ihn und darauf vertraute er nun.
Er wartete nur darauf, daß Carl wieder ging, er wollte ihm seine Uhr zurückgeben, aber er wollte nicht, daß Liliane es sah. Er mußte sie ihm geben, wenigstens das, wenn er sonst schon alles falsch machte, dann mußte er dieses wenigstens richtig machen.
Doch als er den Flur entlangkam, hörte er die beiden nur leise sprechen im Wohnzimmer. Unwillkürlich sah er durch die Tür und sah die beiden dort eng umschlungen am Sofa, Liliane klammerte sich an Carl und schien zu weinen.
Frodo hatte sich zwingen wollen, nicht auszurasten, es einfach hinzunehmen und ihr glauben zu wollen, weil er nicht alles zerstören wollte - aber das war zuviel. Er konnte die beiden nicht einfach so allein lassen im guten Vertrauen darauf, daß Liliane sich von ihm nicht abwenden und zu Carl gehen würde. Was er da sah, raubte ihm den Atem, denn ihn würdigte sie keines Blickes mehr, was ihm ganz recht geschah, aber Carl fiel sie um den Hals?
Er war fassungslos, wandte sich ab und lief vor die Tür, um Luft zu schnappen. Der frische Duft des frühen Herbstes strömte in seine Lungen, als er tief Luft holte und die Tränen unterdrücken wollte.
Wieder war etwas in ihm schmerzhaft zerbrochen, er konnte es kaum glauben, was er da gesehen hatte.
Es war zu spät. Jetzt hatte er sie endgültig verloren und was hatte er getan? Zugesehen hatte er, mit seiner Eifersucht hatte er dazu beigetragen und das Falsche getan!
Elbereth, wie konnte ich nur? flüsterte er mit zitternder Stimme und ließ sich schwer auf die Bank sinken. Er schluckte. Bei den Valar, er hatte noch nie soviele Fehler auf einmal in seinem Leben gemacht.
Er sah, wie er alles verlor. Sie entglitt ihm zwar auch ohne sein Zutun, aber dieses hatte es nicht gerade besser gemacht.
Er biß sich so fest auf die Lippen, daß es weh tat, aber er blieb still sitzen und hoffte, im nächsten Moment einfach tot umzufallen und nichts mehr spüren zu müssen von dem Schmerz und der Leere, die in ihm waren.
Als Carl kurz darauf hinauslief und schnellstens verschwinden wollte, hielt er ihn einem Reflex gleich auf und brachte es hinter sich, er gab ihm einfach die Uhr, weil es so sein mußte und es ihm dann besser gehen würde.
Was Carl dann sagte, ließ Frodo wieder so sehr seine Fehler erkennen, daß er glaubte, daran ersticken zu müssen.
Sie hatte sich für ihn entschieden... sie brauchte ihn... und Carl würde gehen...
Ich hätte nicht auftauchen dürfen. Aber leb wohl und paß gut auf sie auf...
Damit verließ er dann den Garten und verschwand. Frodo sah ihm nach, genau wie Liliane, die zur Tür kam, aber ihn gar nicht beachtete und dann sofort wieder verschwand.
Sofort lief Frodo ihr hinterher, sah, wie sie im Schlafzimmer verschwinden wollte und folgte ihr. Er warf die Tür hinter sich zu und sie fuhr herum, denn daß er ihr nachgekommen war, hatte sie nicht bemerkt.
Welches Spiel spielt ihr? Hast du ihn gebeten, hierzubleiben? Wollte er nicht? Hat wenigstens er eingesehen, daß... begann Frodo, aber dann biß er sich auf die Zunge. Das hatte er alles nicht sagen wollen, aber so sah es doch aus. Sie hatte sich Carl um den Hals geworfen, dieser hatte gesehen, wie sie schwankte und war, weil er klarer denken konnte als sie in diesem Moment, aufgebrochen, um sie nicht vollends an sich zu binden...
Aber geh doch, wenn du mir meine Fehler nicht verzeihen kannst, geh und zerstöre alles, du bist ja nicht allein... brachte Frodo dann stockend und verzweifelt hervor. Er wußte, daß es falsch war, aber er hatte es nicht zurückhalten können.
Liliane sagte gar nichts. Das schockte Frodo noch mehr, denn bislang hatte sie sich immer verteidigt, aber sie tat es nicht mehr.
Warum sagst du nichts? Habe ich doch Recht? Willst du zu ihm zurück?
Liliane spürte, wie jedes seiner Worte ihr Herz weiter in Stücke reißen wollte. Er hatte Recht, ja, sie hatte schon fast gehen wollen aus lauter Verzweiflung, er mußte wieder gelauscht haben und nun war alles verloren.
Liliane! Sag doch endlich, was du willst, aber hör auf, mich anzulügen! Warum tust du das alles?
Sie hatte ihn bislang nicht angesehen, aber nun hob sie den Kopf. Aus ihren Augen sprach Verzweiflung, als sie rief: Du tust mir so weh, Frodo, du treibst mich doch fast dazu! Wenn du meine Liebe mit Füßen trittst... ich halte das nicht aus! Aber mach nur weiter, ich sollte vielleicht wirklich gehen, da du mir ja einfach nicht glaubst...
Er wandte sich ab und lief aus dem Zimmer, ließ die Tür offen und verschwand irgendwo, sie hörte nicht mehr hin. Sie machte einen Schritt zur Wand hin, lehnte sich zitternd dagegen und glaubte, sterben zu müssen, weinte, obwohl sie nicht erwartet hatte, noch Tränen übrig zu haben.
In der Wiege begann Perhail zu weinen, er schien zu spüren, daß seine Mutter todunglücklich war. Schluchzend holte sie ihn aus der Wiege, dann schloß sie die Augen und lief in Frodos Arbeitszimmer, wo sie nach einem Blatt Papier und der Feder griff, den Kiel ins Tintenfaß tauchte und schrieb: Du hast mich zuletzt soweit getrieben, daß ich wirklich am liebsten gegangen wäre. Jetzt gehe ich, damit du siehst, wohin du uns gebracht hast. Wenn du es dir endlich anders überlegst und mir wieder vertraust, dann wirst du mich bei Rosies Vater finden. Noch ist es nicht zu spät. Ich liebe dich aufrichtig, so wie ich noch nie zuvor jemanden geliebt habe. Liliane
Auf ihrem linken Arm lag Perhail, in der rechten Hand hielt sie den Zettel und legte ihn aufs Bett. Dann griff sie an der Garderobe im Flur nach ihrem Mantel, den sie von Frodo hatte, und verließ Beutelsend. Sie war völlig am Ende.
Zehntes Kapitel: Neues Glück
Rosie war zum Spielen mit den Kindern ins Mädchenzimmer gegangen, aber Sam saß in der Küche am Tisch und schnitt Bohnen klein, als plötzlich Frodo laut schluchzend vor ihm stand und etwas sagen wollte, aber die Kraft dazu nicht mehr hatte.
Sam sprang auf und nahm seinen völlig aufgelösten Freund in die Arme. Er hatte wieder gehört, daß die beiden sich gestritten hatten. Es wurde immer schlimmer, das konnte er sehen. Bald mußte etwas geschehen, sonst war es zu spät.
Ganz ruhig, Herr Frodo, versuchte Sam ihn zu besänftigen. So hatte er ihn seit vielen Jahren nicht erlebt, aber das machte ihm nur noch deutlicher, wie ernst die Lage war.
Frodo konnte sich aber lange nicht beruhigen. In unzusammenhängenden Sätzen brachte er heraus, was vorgefallen war und Sam verstand.
Es war ernst. Frodos Eifersucht hatte sie fast zu Carl getrieben. Das durfte nicht wahr sein.
Komm, wir gehen jetzt beide zu ihr und ihr sprecht darüber. Langsam muß Schluß sein. Carl ist fort und ihr habt wieder eure Ruhe. Komm, Herr Frodo.
Willenlos ließ Frodo es geschehen, er folgte Sam zum Schlafzimmer, aber es war leer. Verwirrt wischte er sich die Tränen aus den Augen, dann fiel sein Blick auf den Zettel. Er lag auf den Decken und tat ganz unschuldig, aber was die beiden Hobbits dann lasen, raubte ihnen beiden den Atem. Frodo ging zitternd in die Knie und verbarg das Gesicht in den Händen.
Sie hatte Recht, natürlich hatte sie Recht...
Sam las den Zettel erneut und versuchte, es zu verstehen. Liliane wollte noch immer nur bei Frodo sein, das las er deutlich heraus und sie war so verzweifelt, daß sie fortgelaufen war. Frodo sollte sehen, wohin er es getrieben hatte. Aber sie liebte ihn und wollte ihm gern verzeihen.
Herr Frodo! rief Sam. Frodo, komm, wir müssen ihr folgen! Komm, oder willst du, daß sie glaubt, du hast sie aufgegeben? Herr Frodo...
Liliane war schrecklich impulsiv, aber vielleicht hatte sie das einzig Richtige getan, indem sie es darauf ankommen ließ. Sie war bereit, zu verzeihen, sie liebte ihn einfach, aber Frodo mußte mitziehen.
Dieser konnte es nicht glauben. Sie war fortgegangen. Nun war es aus. Zu spät.
Wie durch dichten Nebel drang Sams Stimme an sein Ohr. Er sollte kommen... wohin denn? Er konnte jetzt nichts, Liliane war fort, sie hatte ihn verlassen, sie war weg...
Herr Frodo! rief Sam erneut und rüttelte an seiner Schulter. Aufgeschreckt sah Frodo zu ihm hoch.
Sam...
Nun komm schon, sie kann nicht lange fort sein, wir holen sie ein! Komm jetzt endlich! Oder willst du sie verlieren?
Sam wußte, es war dringend. Frodo begriff noch überhaupt nichts, er war wie gelähmt und hatte eine unglaubliche, fürchterliche Angst, aber Sam zog ihn mit Gewalt hoch, zerrte ihn zur Tür und durch den Garten auf den Weg.
Sam, was machen wir? fragte Frodo verstört. Er wollte sich am liebsten in eine Ecke legen und sich von seinen Seelenqualen umbringen lassen, aber Sam ließ ihn nicht los, sondern marschierte zielstrebig voran.
Wir folgen ihr nach Wasserau! Schneller, dann holen wir sie ein! Es gibt nur einen Weg, Herr Frodo!
Noch immer verstand Frodo nichts. Er wußte nur, daß sie gegangen war und daß es ihn schier zerreißen wollte. Woher nahm Sam nur diese Energie?
Als sie durch Hobbingen liefen, fragte Sam jeden, den er sah, nach Liliane.
Frau Beutlin war vor ein paar Minuten hier, sie ist dort entlang gegangen... antwortete der alte Schreiner, der sich an den Brunnen gesetzt hatte und Sam und Frodo hetzten hinterher. Sie hatten kaum das offene Feld erreicht, als sie Liliane bereits sahen, sie folgte dem Verlauf des Weges einen Hügel hinauf.
Frau Liliane! schrie Sam, so laut er konnte, formte die Hände zu einem Trichter und verstärkte den Ruf damit.
Warte doch!
Sie hatte es gehört, denn sie blieb stehen und drehte sich um. Sam winkte und zog Frodo weiter mit sich, aber das hätte er nicht gemußt, denn nun lief er, als hätte ihr Anblick ihm Flügel verliehen.
Liliane hatte eine Entscheidung heraufbeschworen, das war ihr klar. Aber eine andere Chance war ihnen nicht mehr geblieben, etwas derartiges hatte geschehen müssen, um ihn endlich wachzurütteln.
Es war immer noch riskant, bis er sich einmal aufraffen konnte, etwas zu tun, konnte viel Zeit verstreichen, aber sie wollte es nun wissen. Wenn es ihm leid tat und er ihre Liebe nicht verlieren wollte, würde er kommen. Ihre Nachricht war wohl deutlich genug gewesen.
Eilig hatte sie es nicht. Perhail war ganz ruhig, ihn hatte sie mitgenommen, weil er noch so klein war und sie am besten mit ihm umgehen konnte. Ansonsten hatte sie nichts genommen, weil sie gar nicht wirklich gehen wollte und das sollte Frodo auch merken. Es war nur ein letzter Hilferuf, den er hoffentlich erhörte...
Sie dachte an nichts, als sie nach Wasserau lief, bei Bauer Kattun würde sie eine Zuflucht finden und war nicht weit von zu Hause. Es empfahl sich in jeder Hinsicht, also tat sie es.
Doch daß sie so bald schon Sams Stimme hinter ihr rufen hören würde, hatte sie nicht erwartet. Es überraschte sie sehr, aber sie war so froh, ihn und Frodo zu sehen.
Es war wohl Sams Verdienst, daß es so kam, aber daß Frodo plötzlich auf sie zu lief, so schnell er konnte, war ganz allein sein Wille.
Sam folgte ihm etwas langsamer. Liliane blieb nicht stehen, sie ging auf Frodo zu, der sich durch nichts mehr aufhalten ließ und ihr schließlich mit einem liebevollen Lächeln gegenüberstand. Er schloß sie nicht so fest in die Arme, wie er gewollt hätte, weil sie noch Perhail festhielt, aber er lächelte voller Wärme und Güte, als er sie sah, was sie sehr rührte.
Schließlich stand Sam hinter ihm, Liliane löste sich kurz von Frodo und reichte Sam ihren kleinen Sohn, den er schnell entgegennahm und dann den Hügel wieder hinunterlief.
Nun konnte er die beiden zweifellos alleinlassen und nach Hause gehen.
Frodo zog sie an sich und drückte sie so fest, daß ihr fast die Luft wegblieb. Sie schlang die Arme um ihn und legte den Kopf auf seine Schulter. Das tat so gut.
Tu das nie wieder, Liebes, ich wäre fast gestorben, denn du hattest doch Recht... flüsterte Frodo. Liliane hob den Kopf und erwiderte nun sein Lächeln, dann kam sie näher und küßte ihn sanft. Er erwiderte den Kuß und war mit einem Schlag so glücklich, daß er glaubte, platzen zu müssen.
Er spürte ihre Wärme, er spürte ihre Tränen und strich ihr zärtlich über den Kopf. Ein verfluchter Narr war er, daß er je geglaubt hatte, sie würde ihn belügen. Fast hätte er sie dazu erst gebracht, aber sie hatte sich gewehrt, aus Liebe.
Liliane, ich war wirklich dumm, da hast du Recht. Aber meine Liebe ist so groß, ich hatte eine schreckliche Angst, dich zu verlieren, ich war einfach blind und dumm... verzeih mir das, bitte, ich will doch nur, daß es so wird wie vorher...
Sie sah ihn an und er strich mit dem Finger über ihre tränennasse Wange.
Das will ich auch, sagte sie. Das und nichts anderes. Und es war mein Ernst: Niemanden könnte ich je so lieben wie dich, Frodo. Ich verzeihe dir alles, wenn du mir nur wieder vertraust!
Er versprach es ihr allzu gern. Sie hatte genau das erreicht, was ihre Liebe noch retten konnte, und das war geschehen.
Sie standen lange engumschlungen auf dem Hügel. Frodo genoß es so sehr, sie wieder ganz für sich zu haben und sie schmiegte sich erleichtert an ihn.
Irgendwann jedoch machten die beiden sich auf den Rückweg nach Hause, wenn auch nicht den direkten. Frodo hatte den Arm um sie gelegt und sie bettete den Kopf auf seine Schulter. Sie spazierten ungestört durch Wiesen voller dunkelblauer Kornblumen und sagten ganz lange nichts, doch als sie sich dem Wald näherten und dann zwischen den Bäumen verschwanden, sagte Frodo plötzlich: Ich habe deine Liebe manchmal gar nicht verdient, ich verletze dich und du verzeihst mir trotzdem... warum schenkst du mir dein Herz?
So eigenartig seine Frage klingen mochte, Liliane wußte, daß er sie im vollen Ernst gestellt hatte und bemühte sich nach einer Pause, ihm eine ebenso ernsthafte Antwort zu geben.
Es ist einfach Liebe, Frodo. Ich habe dich gesehen und sehr schnell stand für mich fest, daß du mir viel bedeutest. Und eines mußt du auch sehen: Bislang hatten wir noch nie ein solches Problem. Im Gegenteil, es ist doch immer so schön, aber jetzt haben wir wohl deutlich genug gesehen, wieviel wir uns bedeuten. Ich liebe dich einfach um seiner selbst willen, weil du so bist, wie du bist. Anders kann ich es nicht sagen.
Aber... aber ich kann doch unausstehlich sein, wie du weißt, und da sind doch auch schon Dinge geschehen, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen mag! warf er ein.
Ach Frodo... ich habe dir immer gesagt, daß das nicht für mich zählt. Und wenn dir deine Vergangenheit ewig nachschleicht, dann soll sie das tun, ist das wichtig? Außerdem ist niemand fehlerlos. Ich möchte nicht wissen, wie oft du mich unerträglich findest. Ja, vielleicht bist du sehr anhänglich und eine Nervensäge, zu still und in dich gekehrt, aber genauso weiß ich, daß du mich nie im Stich lassen würdest, du bist ein fürsorglicher Vater und mir ein liebevoller Mann. Sieh doch mal die guten Seiten!
Arm in Arm schlenderten die beiden über den staubigen Waldweg auf eine kleine Lichtung zu, die sonnenüberflutet vor ihnen lag. Ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, waren sie sich einig, sich dort hinzusetzen und das taten sie auch. Frodo lehnte sich mit dem Rücken an einen massiven Baumstamm und zog Liliane auf seinen Schoß. Sie kuschelte sich in seine Umarmung und schloß verträumt die Augen. Einfach nur zusammen zu sein war das schönste, was sie sich in diesem Moment vorstellen konnte.
Jetzt waren wir nicht einmal lange zerstritten und es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Hoffentlich geschieht das nie wieder, es war so schrecklich... murmelte Frodo gedankenversunken und strich ihr über den Kopf in einer liebevollen Geste.
Ich habe dich regelrecht vermißt, erwiderte sie dann. Kannst du dir das vorstellen?
Frodo lächelte. Das kann ich. Mir ging es genauso. Aber eines muß ich ja zugeben: Ich verstehe, warum du ihm die Treue geschworen hattest. Er ist ein guter Mann.
Mit einem spöttischen Grinsen sah Liliane zu ihm hoch.
Keiner von euch beiden hätte meine Liebe bekommen, wenn es nicht so wäre. Ob du es glaubst oder nicht. Aber du mußt dich nicht mit ihm messen, ich kann nicht ohne dich sein!
Sie richtete sich auf und küßte ihn zärtlich. Frodo glaubte es ihr aufs Wort und erwiderte den Kuß. Allerdings sah er sie überrascht an, als er auf einmal ihre Hand unter seinem Hemd spürte. Flink hielt er sie fest und bedachte sie mit einem freundlichen, aber bestimmten Blick.
Du wirst mich nicht schon wieder kitzeln! sagte er, was sie ein wenig verwirrte.
Wer sagt dir denn, daß ich dich kitzeln will?
Nun... ich habe da so meine Erfahrungen gemacht... Er lachte. Sie tat beleidigt und zog ihre Hand wieder zurück.
Dann eben nicht. Deine Erfahrung trügt dich, Frodo Beutlin.
Wieder griff er nach ihrer Hand, aber diesmal zog er sie zu sich und legte sie auf seine Brust.
Wenn das so ist, will ich nichts gesagt haben.
Stirnrunzelnd sah sie ihn an, doch dann setzte sie sich so, daß sie ihm zugewandt war und küßte ihn wieder, während sie erneut ihre Hand unter seinem Hemd verschwinden ließ. Allerdings konnte sie es sich nicht verkneifen, ihn sanft in die Seite zu zwicken, was ihn zusammenzucken ließ.
Hattest du nicht gesagt... begann er, aber sie küßte ihn wieder und ließ ihm so keine Möglichkeit, den Satz zu einem Ende zu bringen.
Er zog sie ganz dicht an sich und küßte sie oberhalb des weißen Elbensteins, der an einer feinen Silberkette um ihren Hals hing. Dabei legte er eine Hand auf ihr Knie und begann mit dem Saum ihres Kleides herumzuspielen.
Liliane streckte den Arm aus und pflückte eine große reife Frucht von dem Brombeerstrauch, der neben dem Baum wuchs und nahm die Beere zwischen die Zähne. Frodo kam näher und wollte ihr die Brombeere stehlen, aber sie war schneller und er ergatterte kein Stückchen der Beere, als seine Lippen auf ihre trafen. Lachend pflückte sie eine zweite und hielt sie ihm als Wiedergutmachung hin, die er sofort annahm.
Wieder versanken die beiden in einem tiefen Kuß, doch dann sagte Frodo: Du schmeckst richtig süß!
Du aber auch, erwiderte sie und fuhr dann fort, ihn unter seinem Hemd zu streicheln. Genießerisch schloß er für einen Moment die Augen, doch er zögerte nicht lange und legte seine Hände auf ihre Brust. Seine Berührung ließ sie für einen Moment zittern und ihr Herzschlag wurde schneller, als er sie liebevoll streichelte, dann ließ er seine Hände unter ihrem Rock verschwinden. Liliane hielt überrascht die Luft an und biß sich auf die Lippen, aber dann ließ sie es geschehen und öffnete im Gegenzug die Knöpfe an seiner Hose.
Ihre Blicke trafen sich, Frodo lächelte glücklich und strich über ihre Wange, als er sie plötzlich ganz nah spürte. Liliane legte die Arme um ihn, während er sie zärtlich streichelte und noch gar nicht glauben konnte, daß er ihr so nah war. Da war die Liebe wieder, sie wuchs ins Unermeßliche. Sein Herz klopfte aufgeregt und in seinem Bauch begann es zu kribbeln. Schließlich versanken die beiden in einem langen Kuß und Liliane löste sich nur kurz aus seiner Umarmung, um sich gleich darauf wieder an ihn zu lehnen und auf seinen Herzschlag zu lauschen. Sie spürte seinen schnellen Atem, er spielte mit den Fingern in ihren Locken und lehnte sich seufzend an den Baum.
Dann brach er das Schweigen und sagte: Liliane, ich würde alles tun, um bei dir zu sein. Und zu wissen, daß du meine Liebe erwiderst, ist so schön, daß ich es nicht in Worte fassen kann!
Sie strich ihm über die Wange und lächelte. Meine Liebe wird dir immer gewiß sein.
Sie blieben noch eine Weile so sitzen, doch schließlich machten sie sich endgültig auf den Heimweg.
Sam saß auf der Bank vor der Tür, als er die beiden kommen sah, er hielt Perhail im Arm und sah, wie die Augen der beiden vor Freude und Glück glänzten. Sie kamen Arm in Arm auf ihn zu und setzten sich dann zu ihm.
Es erfüllte Sam mit Erleichterung, die beiden so einträchtig zu sehen.
Mami! Papi!
Aus einer hinteren Ecke des Gartens kam Meli herbeigelaufen. Hinter ihr stand Krümel und sah seiner Freundin nach, wie sie zu ihren Eltern lief, die sie glücklich beisammen erblickte, und ihrer Erleichterung Luft machte.
Das Mädchen breitete die Arme weit aus und wurde von ihren Eltern lachend aufgefangen. Frodo und Liliane knieten sich vor ihr kleines Mädchen und sahen erst sich an, dann lächelten sie ihr zu und Liliane sagte: Alles ist gut, Liebes, wie versprochen!
Meli strahlte übers ganze Gesicht. Sie hatte nicht vergessen, daß bei Mama und Papa etwas nicht in Ordnung war, aber jetzt war wieder alles gut.
Und nur mein Papa ist mein Papa?
Ja, Liliane lachte, das ist er. Und dein Papa ist der Allerbeste!
Frodo setzte sich wieder auf die Bank und nahm Sam seinen Sohn ab. Liliane stand auf und weil sie den Verdacht entwickelte, daß Frodo Sam bestimmt noch etwas zu erzählen hatte, ging sie nach Beutelsend hinein und Meli kehrte zu Krümel zurück, um weiter mit seinen bunten Glaskugel in der Sandgrube zu spielen.
In der Tat blieb Frodo bei Sam sitzen und wiegte seinen schläfrigen Sohn in den Armen. Erst starrte er ganz lange in die Ferne, bevor er sich Sam zuwandte und sagte: Du hattest ja so Recht, Sam! Ich bin überglücklich, daß wenigstens du noch klar gedacht und mich dazu gebracht hast, ihr zu folgen. Sie hatte nur darauf gewartet, verstehst du, wir haben noch darüber geredet und... nun ja, ich glaube, es ist alles wieder wie vorher.
Sam lächelte und legte Frodo seine Hand auf die Schulter.
Das ist gut, Herr Frodo. Ihr beiden gehört einfach zusammen, das habe ich auch immer zu Rosie gesagt. Sie ist eine gute Frau.
Liliane fand Rosie auf dem Sofa liegend, aber sie schlief nicht. Sie hatte sich nur hingelegt und erklärte kurz, daß das Baby ihr wieder zu schaffen machte. Verständnisvoll nickte Liliane. Das kannte sie gut.
Lautes Geschrei und Gekicher drang aus einem der Kinderzimmer, aber darum kümmerten die beiden sich nicht. Solange die Kinder beschäftigt waren, störten sie sich nicht daran.
Ich habe mich vorhin wirklich gewundert, wo ihr alle geblieben wart, aber dann kam Sam mit dem Kleinen zurück und erklärte mir kurz, was du getan hast, sagte Rosie. Hat Frodo es verstanden?
Liliane nickte. Wenn er etwas wirklich weiß, dann weiß er jetzt, daß seine Eifersucht überflüssig war. Wir haben darüber geredet und ich habe gesehen, daß sofort alles vergessen war. Er ist nicht eifersüchtiger als liebevoll. Ich kann ihn auch verstehen... und zuguterletzt hatte er mich fast soweit gebracht, daß das eingetreten wäre, was er die ganze Zeit vermeiden wollte, glaube ich...
Rosie setzte sich langsam aufrecht und nahm noch einen Schluck aus der Teetasse. Langsam verflog die Übelkeit doch.
Frodo ist schon jemand ganz besonderes, denke ich, aber das weißt du ja. Doch was wird jetzt aus Carl?
Liliane zuckte mit den Schultern. Carl hatte gesagt, daß er gehen wollte. Ein wenig vermißte sie ihn auch, sie dachte daran, daß er wohl kaum je wieder in Beutelsend auftauchen würde, aber das war besser so.
Nach all den Jahren hatte sie ihn nur so kurz gesehen, aber sie wußte, länger hätte es nicht sein dürfen. Sie hätte nicht aufgehört, Frodo zu lieben, aber sie hätte auch die liebenswerten Seiten an Carl wiederentdeckt. Es gab keine gemeinsame Zukunft für ihn und sie, aber zum Schluß war es eine sehr schwierige Angelegenheit gewesen.
Sie würde ihn gern wiedersehen, das eine oder andere Mal, aber es war besser, das nicht zu tun. Allein zu wissen, daß er lebte und nicht völlig unglücklich war, das reichte ihr schon. Er gehörte nicht mehr dazu, aber vergessen würde sie seine Zeit mit ihm nie.
Frodo betrat das Wohnzimmer. Liliane und Rosie hatten sich schweigend angesehen, nachdem Liliane erklärt hatte, wie sie über all das dachte.
Sie stand auf und ging zu Frodo, dann verließen die beiden das Wohnzimmer und er flüsterte: Ich habe einen furchtbaren Hunger!
Ich auch... nach dem vielen Ärger und vorhin im Wald...
Die beiden lächelten sich an und verschwanden heimlichtuerisch in der Speisekammer, die sie halb plünderten. In der Küche setzen sie sich hin und aßen sich satt an vielen guten Dingen, bis sie nicht mehr konnten und schließlich aneinandergelehnt auf der Bank saßen und stumm träumten.
Er hatte sie nicht verloren und das würde er auch nie, die Mutter seiner Kinder, sie, die ihm mehr bedeutete als alles andere auf der Welt.
Carl griff nach dem kurzen, scharfen Fleischmesser und schnitt ein Stück von der Haxe ab. Über dem Feuer in der großen Pfanne brieten bereits einige Stücke in einer köstlich riechenden Kräutersoße und Tolman, der andere Koch im Grünen Drachen, schnitt Gurken klein.
Das Wochenende war fast vorbei und aus dem Schankraum drang lautes Gelächter. Bella, die junge Kellnerin, zapfte neues Bier vom Faß im Verbindungsgang zwischen Küche und Wirtsstube, nach dem schon lauthals verlangt wurde.
Carl beeilte sich mit dem Fleisch. Bald mußte es gut sein, damit die Gäste ihre bestellte Mahlzeit bekamen.
Der Wirt hatte am Vorabend, dem zweiten Tag in der Küche für Carl, bereits verlauten lassen, daß er zufrieden mit ihm war und Carl wußte, er würde einen guten Lohn bekommen.
Sein erster Weg würde ihn zum Schneider führen, er brauchte dringend neue Sachen, die ihn nicht mehr so sehr von den anderen Hobbits unterschieden. Er hatte es satt.
Aber so zufrieden der Wirt auch war, auf keinen Fall würde Carl länger in Wasserau bleiben als nötig. Es war ihm zu dicht an Hobbingen. Vier Tage war es hier, daß er Beutelsend verlassen und zum letzten Mal gesehen hatte. Vier lange, elend lange Tage, in denen er viel nachgedacht hatte.
Von den schnellen Schneidebewegungen schlug die Uhr in seiner Hemdtasche gegen seine Brust. Es war gut, sie zu spüren, sie gehörte dort hin und nun war sie wieder an ihrem Platz. Immer hatte er sich unbewußt an sie erinnert, sie regelrecht vermißt, aber sie war wieder da.
Er konnte nicht vergessen, wie großherzig Frodo sich gezeigt hatte, indem er ihm die Uhr einfach zurückgegeben hatte. Liliane hatte wirklich keinen schlechteren Mann verdient, Frodo war ihrer mehr als würdig und ein wundervoller Vater für die beiden süßen Kinder.
Carl wollte ihn am liebsten hassen, manchmal, aber das konnte er gar nicht. Und oft wollte er es auch nicht. Ihm durfte er es nicht anlasten, daß er selbst fort gewesen war. Wer hatte Liliane denn allein gelassen? Frodo hatte das nie getan, er hätte es auch nie getan, aber Carl... einfach fort. Weg. Und sie hatte er dadurch verloren.
Sein Herz war ihm schwer, er vermißte sie wirklich und bereute es bitter, je gekommen zu sein. Er hatte schon genau gewußt, warum er sieben Jahre lang untätig bei den Fischern geblieben war, das hatte manchen vieles erspart, aber so geschah es alles etwas später und mindestens ebenso unschön.
Was hatte er nur ausgelöst!
Aber er spürte noch ihre Umarmung und ihre Tränen, er spürte sie, als wäre es erst Minuten her, daß er dort gewesen war.
Er würde nie mehr zurückgehen, er würde ihr nicht mehr unter die Augen treten, das war für sie beide besser und leichter. Das konnte er weder ihr, noch Frodo und den Kindern antun.
Die Kinder... er hätte es gern gehabt, daß es seine gewesen wären, aber was war? Er war ganz allein und würde nie Kinder haben können.
Sollte er nicht doch zu den Fischern zurückkehren? Alles im Auenland wieder aufgeben und sich zurückziehen?
Aber er gehörte dort hin, das spürte er ganz deutlich und er würde am nächsten Morgen aufbrechen, nachdem er beim Schneider wohl hoffentlich etwas billiges erstehen konnte, um über die Runden zu kommen. Dann würde er nach Bockland gehen und Fredegar suchen, der wohl ein guter Freund gewesen sein mußte.
Es würde ihn genauso schockieren wie Liliane auch, ganz bestimmt, aber was sollte er tun? Irgendwo mußte er hin, er hatte kaum Geld. Aber dann würde er sich irgendwann etwas eigenes suchen, wo er leben konnte, vielleicht weiter im Süden des Auenlandes und somit näher zu den Fischern...
Er fühlte sich immer noch schrecklich heimatlos, wurzellos, völlig ohne Platz im Leben. Das verfluchte Unwetter hatte ihm bis auf sein Leben alles genommen.
Aber so traurig er war, Liliane für immer verloren zu haben, umso glücklicher war er, zu wissen, daß es ihr wenigstens gut ging. So hatte es nun alles seine Richtigkeit.
Als er vor vier Tagen von Beutelsend gekommen war, hatten seine Füße ihn gar nicht mehr nach Wasserau tragen wollen, unterwegs hatte er sich am Wegesrand auf einen Stein gesetzt und bittere, traurige Tränen geweint.
Aber er hatte sie zurückweisen müssen, so leid es ihm getan hatte, es wäre doch nicht richtig gewesen! Er hatte doch genau gemerkt, daß sie nur Trost bedurft hatte, nicht wirklich zu ihm hatte gehen wollen, sie wollte eigentlich nur zu Frodo.
Es wäre doch ein Verbrechen gewesen, Verrat an sich selbst, wenn er es zugelassen hätte, sie gedrängt hätte, zurückzukommen... vielleicht hätte sie es noch getan.
Er konnte es nicht tun. Er hatte Frodos Narben gesehen, wußte, was er alles getan hatte und vielleicht war es noch viel mehr gewesen, hatte er es denn nicht verdient?
Es war furchtbar, Carl hatte geweint, er war so traurig, hatte einfach nur gearbeitet, weil er mußte, auch wenn er am liebsten nichts getan hätte außer vielleicht wegzulaufen.
Er drehte das Fleisch in der Pfanne. Als er mit einer Gabel hineinstach, stellte er fest, daß es bereits gar war und holte Teller, um es anrichten zu können.
Tolman hatte das ganze Gemüse gemischt und legte es auf dem Teller daneben.
Bella! rief er und das Mädchen kam, holte die fertigen Teller und brachte sie den Gästen.
Carl lehnte sich an einen Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Er schwitzte, in der Küche war es trotz dem offenen Fenster sehr warm.
Ein Stück Kümmelkuchen zum Nachtisch! rief Bella in die Küche. Tolman ging zur anderen Seite des Tisches und schnitt ein Stück ab, um es Bella zu bringen. Carl beobachtete ihn dabei und nahm schließlich einen Schluck Wasser.
Irgendwie ging es weiter. Schließlich tat er etwas, er fing etwas an mit seinem Leben. Das mußte er auch. Fünfundfünfzig Jahre, das war kein Alter für einen Hobbit. Er konnte noch so viel tun.
Und das würde er auch.
Er ging hinüber zum Fenster und sah hinaus. Es wurde Herbst, die Sonne ging früher unter als im Sommer und die ersten Sterne blinkten am Himmel, der sich langsam blauschwarz färbte fern des Horizonts.
Freiheit. Die hatte er. Wenn ihm sonst schon nichts geblieben war, dann hatte er zumindest seine Freiheit.
Am Morgen war er, wie in all den Jahren zuvor, wieder allein aufgewacht, aber dieses Mal fühlte er sich auch allein.
Er packte geschwind seine Sachen, ging hinunter in die Küche und setzte sich dort zu den Wirtsleuten, um zu frühstücken. Der Wirt bemerkte Carls Rucksack und fragte, ob er denn wirklich gehen wolle, denn er erinnerte sich daran, daß Carl es bereits angekündigt hatte.
Ja, ich möchte wirklich weiterziehen, etwas weiter westlich fühle ich mich vielleicht heimischer und hier habe ich nun alles gesehen.
Der Wirt nahm es schulterzuckend hin, aß weiter und nach dem Frühstück stand er auf, verließ die Küche kurz und kehrte daraufhin mit zahlreichen Silbermünzen zurück.
Das soll Euer gerechter Lohn und eine Hilfe auf dem Weg sein. Aber wenn Euer Weg euch wieder herführen sollte, so kommt doch und besucht uns!
Carl nahm dankend und überrascht die Münzen entgegen, es war wirklich gutes Geld, das er bekam und er versprach, zu kommen, sollte er in der Gegend sein.
Damit verabschiedete er sich schließlich und verließ das Wirtshaus unbehelligt, aber sein Weg führte ihn zuallererst zum ortsansässigen Schneider. Dieser öffnete gerade seinen Laden und freute sich über die frühe Kundschaft.
Guten Morgen, der Herr! Wie kann ich Euch behilflich sein? fragte der Mann freundlich. Wieder spürte Carl neugierige Blicke auf sich ruhen und erwiderte: Ich brauche eine robuste Hose und ein Hemd dazu, vielleicht zwei, um endlich etwas angemessener gekleidet zu sein!
Wissend nickte der Schneider und eilte zu dem Schrank an der Wand, der vollgestopft war mit verschiedenen bereits angefertigten Sachen.
Verstehe... Ihr seid nicht von hier, habe ich Recht?
Carl nickte. Richtig. Ich bin auf Wanderschaft.
Soso... hier habe ich etwas für Euch, denke ich, ich muß ja von keiner außergewöhnlichen Größe ausgehen... murmelte der Mann geflissentlich und wies Carl den Weg in ein winziges Nebenzimmer, wo er die Sachen anziehen und auf den Sitz überprüfen sollte.
Maßgeschneidert ist es ja nicht, aber von den gängigen Größen unter uns Hobbits habe ich immer schnell etwas zur Hand, erklärte der Schneider, während Carl die Tür hinter sich schloß und kurz darauf erleichtert feststellte, daß diese Sachen auf Anhieb gut saßen.
In Anbetracht seines hohen Lohns nahm er gleich zwei Hemden und Hosen, für die er einen angemessenen Preis zahlte. Die Sachen, die er probiert hatte, behielt er gleich angezogen und machte sich dann auf den Weg aus Wasserau heraus gen Westen.
Er war in Wanderlaune und das machte sich durch sein halbwegs fröhliches Pfeifen bemerkbar. Die abgeernteten Felder lagen zu seinen Seiten, ein seltsamer Herbstgeruch war in der Luft - warm, etwas modrig fast, es roch nach Stroh und Heu und vielen anderen seltsamen, eigentümlichen Dingen. Fliegenschwärme tanzten am Wegrand, der von Hahnenfuß und anderen Blumen gesäumt war. Immer wieder schoben sich Wolken vor die Sonne, aber das störte Carl nicht.
Immer auf der Großen Oststraße wanderte er weiter, er passierte Wälder und kleine Bächlein und fragte sich, wer Fredegar denn war, ob er sich an ihn erinnern konnte.
Er war Lilianes Vetter... aber ihm fiel kein Gesicht dazu ein. Aber er würde es ja sehen, wenn er erst die Brandyweinbrücke hinter sich gebracht hatte und dann südlich weiterlief nach Bockland hinein. In der Nähe von Bockenburg sollte Fredegar Bolger wohl leben, danach würde er noch fragen müssen.
Er ließ sich Zeit, am Abend erreichte er früh Froschmoorstetten und blieb dort über Nacht.
Es war ein äußerst angenehmes Gefühl, nicht ständig seltsam angeschaut zu werden und als fremd erkannt zu werden. Er trug nun ein schlichtes graues Hemd über einer braunen Kniehose. Fremd fühlte es sich an, aber dennoch nicht unangenehm. Er würde sich daran gewöhnen, denn so trug man es hier.
Am nächsten Tag lief er weiter und änderte seinen Plan ein wenig. Vom Wirt hatte er sich eines besseren belehren lassen bezüglich des Weges nach Bockland, er würde nicht die Brücke passieren, sondern am Abend Stock erreichen weiter südlich und dann am nächsten Tag etwas tun, das ihm eigentlich hätte widerstreben müssen, ihm eigenartigerweise jedoch kein Unbehagen bescherte.
Die Bockenburger Fähre stellte für ihn eine große Abkürzung dar und er sah keinen Grund, weshalb er sie nicht benutzen sollte. Natürlich würde er es nicht tun, wenn die Witterung es nicht zuließ, aber er hatte nie Angst vor Wasser gehabt. Natürlich war die Fähre der Grund dafür, daß er aus dem Leben gerissen worden war, aber er fand es unsinnig, sie deshalb zu fürchten.
Es war die Fähre, die alles verändert hatte an diesem Tag des Unwetters, aber es konnte ja auch sein, daß es ihm in irgendeiner Form half, alles zu vergessen.
Er würde sie nehmen.
Als er am nächsten Morgen dorthin aufbrach, war er sich immer noch sehr sicher und er lief solange entlang des Brandywein, bis er den Anlegeplatz des Floßes entdeckte.
Mit einem Mal stand Carl doch sehr unschlüssig davor. Nun, da er sie wirklich vor sich sah, erinnerte er sich plötzlich in aller Deutlichkeit an das Unwetter, wie es tobte und wie es sich angefühlt hatte, auf dem schwankenden Floß zu sitzen und plötzlich zu kentern.
Es war scheußlich gewesen.
Keine faulen Ausreden, murmelte Carl zu sich selbst und setzte langsam einen Fuß auf das Fährfloß, dann den zweiten. Seine Knie begannen zu zittern und er spähte erst hoch in den Himmel, dann flußaufwärts und stromabwärts, aber etwas bedrohliches fand er nirgendwo.
Er löste die Taue und das Floß legte langsam vom Ufer ab. Wie durch Zauberhand geleitet schwamm es langsam hinüber auf die andere Seite des Flusses. Der Wellengang war nur leicht und schaukelte das Floß ganz sanft, aber dennoch war Carl seltsam zumute. Wenn er die Augen schloß, sah er, wie er sich daran festklammerte, auf seine Sachen sah, seinen Bogen verschnürte und dann kippte das Floß auch schon um.
Doch diesmal geschah nichts dergleichen, nach einer ruhigen Überfahrt stieß das Floß schließlich an den jenseitigen Anlegesteg und Carl vertäute es dort ordnungsgemäß, bevor er sich auf den Weg nach Bockenburg machte.
Er bekam es plötzlich mit echter Angst zu tun. Er wußte doch nun, wer er war, daß er dort gelebt hatte... wenn man ihn nun erkannte? Wenn jeder ihn erkannte?
Aber einen Vorteil konnte er immer noch ausschöpfen. Er war nun Carl Boffin, nicht Gundbert Boffin, und das würde er außer seinen damaligen Freunden jedem sagen, der ihn fragte.
Irgendjemanden mußte er nun nach Fredegar fragen. Es führte kein Weg daran vorbei.
Er hatte bislang immer gepfiffen, während er unterwegs war, aber das gab er nun auf. Es gab im Augenblick keinen Grund, vergnügt zu sein.
Als er um einen kleinen Hügel bog, sah er die ersten kleinen Häuser und Höhlen von Bockenburg bereits vor sich liegen. Dieses alberne Gerede über Bockland, das er gehört hatte, bewahrheitete sich in keiner Form, denn nichts war dort anders, so schien es ihm.
Unbeirrt lief er weiter und zögerte nicht, den ersten, den er traf, nach Fredegar zu fragen.
Mein Herr, sprach er einen ihm entgegenkommenden Hobbit an, der einen Karren zog, wo finde ich denn Fredegar Bolger? Er soll in der Nähe wohnen.
Ach! rief der Mann. Der Dicke! Den habe ich vor ein paar Minuten mit dem Schmied vor dessen Werkstatt gesehen. Vielleicht ist er noch dort. Geht nur hier die Straße entlang und Ihr werdet die beiden sehen, Ihr könnt es nicht verfehlen.
Habt Dank! rief Carl noch, der Mann hob die Hand und ging weiter, ohne sich umzudrehen.
Nun wurde es wirklich brenzlig, er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache, aber er mußte sich dem stellen, was nun auf ihn zukam.
Tatsächlich dauerte es nicht lange und Carl war mitten im Dorf, folgte immer weiter dem Weg und sah schließlich auf einem nur wenig bevölkerten kleinen Platz vor einer durch ein entsprechendes Schild gekennzeichnete Schmiedewerkstatt zwei Hobbits plaudernd vor der Tür stehen.
Er hielt inne und betrachtete sie beide. Ohne zu wissen, welcher von ihnen der Schmied war, erkannte er Fredegar sofort. Erstens, weil er wirklich nicht gerade dünn war und zweitens, weil er ihn ohnehin kannte. So schnell, daß er all die Eindrücke kaum verarbeiten konnte, erschienen ihm verschiedene Bilder, die ihn mit Fredegar zeigten. Er hatte sich kaum verändert.
Vieles kehrte in seine Erinnerung zurück, als er dort stand und Fredegar musterte. Dann ging er schließlich zögerlich auf ihn zu und wußte gar nicht, was er sagen sollte, aber in diesem Augenblick wurde Fredegar auch schon seiner gewahr.
Zuerst warf er Carl nur einen flüchtigen Blick zu, doch unmittelbar darauf wandte er den Kopf noch einmal zu ihm und starrte ihn ungläubig an. Seine Blicke wanderten an Carl herauf und herunter, er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber brachte keinen Ton heraus. Einen Schritt kam er auf Carl zu, legte den Kopf ein wenig schief und schüttelte ihn dann leicht und voller Verwirrung, während er die Augen nicht mehr von ihm abwandte.
Der Schmied schwieg inzwischen und betrachtete die beiden interessiert, er wunderte sich über Fredegars überraschende Reaktion auf den Neuankömmling.
Mo-moment. Vielleicht mache ich mich jetzt lächerlich, aber ich... Gundbert? stotterte Fredegar. Carl nickte und Fredegar entgleisten sämtliche Gesichtszüge.
Aber wie... wie ist das möglich? Wir glauben seit Jahren, daß du tot bist! Was wird hier für ein Spiel gespielt?
Doch so skeptisch, wie er klang, war er nicht, denn er breitete die Arme aus und klopfte Carl auf den Rücken, der ihn ebenfalls freundschaftlich umarmte.
Die beiden entschuldigten sich kurzerhand beim Schmied und gingen allein die Straße entlang.
Es... es klingt jetzt vielleicht dumm, aber warum bist du nicht tot? Wo warst du in den acht Jahren?
Das ist eine lange Geschichte... aber eines solltest du von Anfang an wissen: Ich habe damals mein Gedächtnis verloren und bis heute ist nicht viel davon zurückgekehrt. Bis jetzt wußte ich nicht einmal mehr, wie du aussiehst, oder daß du überhaupt existierst. Vieles mußt du auch mir sagen, nicht nur umgekehrt... antwortete Carl langsam. Noch immer starrte Fredegar ihn an, dann blieb er plötzlich stehen und nahm seine Hand.
Aber du bist es wirklich... du lebst! Du stehst vor mir wie eh und je... es ist nicht möglich... aber was weißt du denn noch alles?
Ich wußte nichts mehr. Gar nichts, nicht einmal mehr meinen Namen. Den habe ich vor wenigen Tagen erst erfahren, aber ich trage meinen neuen Namen auch weiter. Carl haben sie mich damals genannt. Und das hat Liliane auch getan.
Fredegars Augen wurden immer größer mit jedem von Carls Worten. Kurz erzählte Carl, was nach dem Unwetter mit ihm geschehen war und wie er seitdem gelebt hatte. Damit war er beschäftigt, bis sie Fredegars kleines Haus außerhalb des Ortes erreicht hatten. Carl blieb kurz stehen und sah es genau an. Auch dieses Haus kam ihm sehr bekannt vor, nun da er es sah.
Hier... hier wohne ich, erklärte Fredegar. Carl nickte. Ich weiß, wenn ich es sehe, fällt es mir alles ein. Es ist eine wahre Entdeckugnsreise, das Auenland zu durchwandern!
Fredegar bat ihn kurz herein und Carl setzte sich in der Küche auf die Bank. Er zog seine alten, zerrissenen Sachen aus dem Rucksack und zeigte sie auch Fredegar, der sie kopfschüttelnd nahm und sagte: Ja, die hast du viel getragen, das weiß ich noch. Ich habe dich oft darin gesehen. Bei meinem Großvater, ich kann es kaum glauben, daß du lebst... aber sagtest du nicht etwas von Liliane?
Ja... sagte Carl langsam. Er schuldete wohl auch Fredegar einige Erklärungen. Liliane hatte ihm gesagt, daß sie nach seinem Verschwinden mit den beiden zusammen gelebt hatte und so ging es die zwei auch etwas an.
In Wasserau habe ich sie mit ihrer Tochter auf dem Markt gesehen und dann für eine Weile beobachtet, um herauszubekommen, warum ich sie kenne. Es war wie ein Schock, als ich mich erinnert habe, und immerhin hat sie ja nun Frodo und die Kinder... Ich wußte nicht, was ich tun sollte, aber durch viele unglückliche Zufälle bin ich schließlich auf sie getroffen und konnte ihr das nicht ersparen. Sie war entsetzt, wie du dir denken kannst, völlig verzweifelt und verwirrt. Es war sehr schwierig und ich habe nicht so viel mit ihr gesprochen, wie ich gewollt hätte, weil mein plötzliches Auftauchen alles andere als unproblematisch war. Deshalb bin ich vor etwa einer Woche gegangen und habe auch nicht vor, zurückzukehren... es hat sie zu sehr belastet und mich auch, um ehrlich zu sein.
Stumm hatte Fredegar ihm zugehört und stand schließlich unvermittelt auf.
Bevor du alles doppelt erzählst, komm doch mit mir zu Merry und Estella, wenn es dir recht ist. Sie werden es ebenfalls wissen wollen.
Carl war höchst einverstanden damit und folgte Fredegar.
Warum leben die beiden jetzt in unserem alten Haus? fragte er. Fredegar lachte daraufhin und Carl sah ihn fragend an.
Ach... ich würde jetzt am liebsten sagen: `Du kennst doch die Brandybocks´, aber das tust du ja gar nicht mehr. Die Sache ist einfach die, daß die beiden kurze Zeit nach ihrer Heirat im Brandyschloß gelebt haben und einige überbesorgte Verwandte von Merry ständig mit Ratschlägen und neugierigen Blicken hinter den beiden her waren. Immerhin braucht der zukünftige Herr im Brandyschloß auch einen Nachfolger und Merry sagte mir, daß Estella ganz wahnsinnig wurde durch das ständige Getue seiner Verwandtschaft. Sie muß wohl gesagt haben, daß sie selbst entscheiden wollte, wann sie ein Kind in die Welt setzt und nicht seine Familie, also haben die beiden sich vorerst zurückgezogen, um ihre Ruhe zu haben.
Carl grinste. Das klang ganz nach Hobbitsitten, soweit er das beurteilen konnte, aber er konnte es sich lebhaft vorstellen.
Das ist ja wunderbar, sagte er mit ironischem Unterton.
Je näher sie dem Haus kamen, umso vertrauter war die Gegend für ihn und er sagte plötzlich: Ich erkenne es alles wieder. Alles, was ich sehe. Es ist eigenartig.
Fredegar konnte noch nicht viel Verständnis für die Nöte seines Freundes aufbringen, er mußte es erst begreifen, aber schließlich sahen sie das Haus vor sich und alle Gedanken daran waren erst einmal vergessen.
Nun hieß es, die nächsten Ahnungslosen in einen Schock zu versetzen.
Das... das ist unser Haus... hier haben wir gelebt! Hier haben wir alles getan, ich bin abends immer hierher zurückgekehrt genau wie jetzt, ich hatte mich auf sie gefreut...
Fredegar traute sich nicht, ihn anzusehen. Er hatte sich bereits seinen Teil zu Liliane gedacht, denn er sah Carl schließlich nicht umsonst ganz allein.
Sie näherten sich immer mehr und Carl lief voran zum Gartentor, schob den Riegel zurück und lachte.
Quietscht wie eh und je, bemerkte er. Fredegar schüttelte den Kopf, es war doch alles nicht möglich...
Dann standen sie vor der Tür. Fredegar klopfte und stellte sich ein Stück vor Carl, um die beiden Freunde schonend vorzubereiten.
Es war Merry, der ihnen öffnete.
He! Dickerchen! Schön, daß du da bist! Wen hast du mitgebracht?
Im Hintergrund erschien Estella, Carl spähte über Fredegars Schulter hinweg und musterte die beiden Hobbits gespannt. Auch sie erkannte er ohne weiteres, als er sie sah.
Merry, Estella, ihr werdet es nicht für möglich halten, aber es ist wahr. Ich wollte es selbst kaum glauben, als ich ihn gesehen habe, aber er ist es.
Er trat einen Schritt zur Seite, so daß die anderen Carl nun sehen konnten und Estella schlug sogleich erschrocken die Hände vor den Mund. Merry war ein wenig forscher, zwar blieb ihm auch der Mund offen stehen, aber er trat auf Carl zu und murmelte: Gundbert?
Ähnlich wie Fredegar wußten die beiden nicht, ob sie lachen oder weinen sollten, sie glaubten zu träumen und nicht wieder zu erwachen und sie glaubten es erst, als sie ihn berührten. Carl umarmte sie nacheinander ganz vorsichtig und sah in Estellas Augen Tränen glitzern.
Hast du... hast du sie wiedergesehen? fragte sie leise. Carl nickte.
Durch sie bin ich nur auf euch gestoßen.
Sie gingen ins Haus und Merry und Estella eilten voran ins Wohnzimmer, aber Carl kam gar nicht hinterher. Er bestaunte das Haus, seine Erinnerung füllte sich mit jedem Blick weiter auf, er saugte alle Eindrücke ein und wußte mit einem Mal wieder so vieles.
Mein Haus... flüsterte er tonlos. Hier hatte er tatsächlich mit Liliane gelebt.
Er folgte Fredegar ins Wohnzimmer, wo sie sich dann zu viert hinsetzten. In aller Ausführlichkeit erzählte Carl wieder von seinem Unfall und der Zeit danach, seinem Leben bei den Fischern und dem Wunsch, seine Wurzeln zu finden im Auenland. Merry kochte zwischenzeitlich Tee und tischte Kuchen auf, Carl zeigte seine alten Sachen und seine Taschenuhr, dann stand Estella auf und führte ihn ins Schlafzimmer zum Schrank, den sie öffnete und sagte: Das ist alles, was dir gehört, wir haben es immer aufgehoben.
Carl kniete sich vor den Schrank und ließ seine Blicke über alles schweifen. Alles seine Sachen. Sein altes Jagdmesser lag noch dabei, aber sein kaputter Bogen war inzwischen fort und auch die Pfeile. Einiges zog er heraus und fragte dann: Hat Liliane denn nichts mehr?
Nein. Sie hat bis auf deine Uhr alles hiergelassen, als sie nach Beutelsend gegangen ist. Nur die Erinnerung hat sie mitgenommen. Gundbert, du glaubst nicht, wie sehr du ihr gefehlt hast.
Er schaute hoch und legte das Hemd, das er in der Hand hielt, aufs Bett und setzte sich.
Sie hat mir vieles erzählt, auch vieles, was mich sehr traurig gemacht hat. Ich wußte das alles nicht, ich habe das auch nicht gewollt... es tut mir alles schrecklich leid. Aber ich weiß, daß sie wieder glücklich ist, ich habe sie mit ihrer Familie gesehen und das war etwas besonderes, etwas ganz eigenartiges.
Estella setzte sich neben ihn und fragte: Du warst bei ihr und bist nun doch hier - was ist geschehen?
Als ich einmal wußte, wer sie ist, war ich hin- und hergerissen, aber mußte mich den Tatsachen doch stellen und habe sie in tiefe Verzweiflung gestürzt, als ich aufgetaucht bin. Sie war ganz verwirrt, aber ich habe sie mit Frodo gesehen und die Kinder waren auch da... verstehst du, ich konnte und wollte mich dort nicht hineindrängen, ich hatte meine Chance vertan und muß mir nun mein eigenes neues Glück suchen. Es ist viel besser so, auch wenn sie mir fehlt, das gebe ich ehrlich zu.
Estella nahm seine Hand und lächelte ihn ermutigend an.
Das bist du, Gundbert. Du und kein anderer, deine alte Güte spricht aus dir. Deswegen hat sie dich so geliebt, du bist so warmherzig und ich sehe, daß du sie liebst - du stellst ihr Glück über deins und das... das kann nicht jeder.
Tränen schossen ihm in die Augen und die beiden umarmten sich fest.
Ich kenne dich wieder... flüsterte er. Estella lächelte. Das merkte sie, die alte Vertrautheit stellte sich ein. Sie hatten sich sehr gemocht.
Sie hat dich nie vergessen, auch nicht über ihre Liebe zu Frodo und den Kindern. Du hast immer einen Platz in ihrem Herzen und... es ist so schrecklich hart, aber was ihr beschlossen habt, ist wohl die einzige Möglichkeit, überlegte Estella. Er tat ihr so schrecklich leid, aber sie wußte genausogut wie er, daß es für ihn zu spät war. Er konnte ihre Familie nicht mehr auseinanderbringen, ohne sich dafür schämen zu müssen.
Fredegar war lange bei Merry und Estella geblieben mit Carl, aber er nahm ihn schließlich mit zu sich. Sie hatten über vieles gesprochen, über ihre Zeit ohne ihn, er hatte von den Begebenheiten des Zusammentreffens mit Liliane und ihrer Familie gesprochen und es blieb keinem verborgen, wie sehr es ihn mitgenommen hatte.
So war es auch das beste, daß er zwar seine Sachen mitnahm, aber vorerst bei Fredegar blieb. In seinem alten Haus mochte er nicht bleiben, die Erinnerungen schmerzten zu sehr. Er vermißte Liliane und mußte damit aufhören. Er hatte fast fluchtartig das Schlafzimmer verlassen, als er seine Sachen einmal herausgeholt hatte und sah nicht zurück, als er mit Fredegar am Abend aufgebrochen war.
Für seinen alten Freund war es kein Problem, ihn bei sich zu beherbergen und vorerst mit über die Runden zu bringen, er verdingte sich sehr gut als Schreiner und Carl half ihm, so gut er konnte. Er bemühte sich allerdings, als Carl Boffin und nicht als Gundbert neue Arbeit zu finden. Zwar meinten viele, ihn irgendwie zu kennen, aber weil er darauf beharrte, Carl zu heißen, stellten sie weiter keine Fragen. Seine Gesichtszüge konnte er schelcht verändern, aber er bemühte sich, ein wenig anders aufzutreten als damals, wobei ihm Fredegar tunlichst Hilfe leistete.
Er wollte dem Gerede aus dem Weg gehen. Fredegar hatte ihm erzählt, was damals alles gesagt worden war, nachdem Liliane ohne ihn leben mußte und auf Nachrede dieser Art konnte er getrost verzichten. Jeder würde eine Meinung dazu haben, daß seine Frau nun nicht mehr bei ihm war, doch sie hatten sich geeinigt und deshalb ging es niemanden mehr etwas an, fand er.
Er fand dennoch so schnell keine Arbeit, die ihm wirklich lag, seine besonderen Fähigkeiten lagen im Jagen und Kochen, doch jagen wollte er nicht mehr und als Koch fand er keine Beschäftigung. Kurzerhand half er Fredegar beim Schreinern dahingehend, daß er nötige Botengänge erledigte und innerhalb kurzer Zeit auch im Handwerklichen Unterstützung leisten konnte.
Es ging eben doch weiter. Mit Fredegar verstand er sich blendend und dieser erzählte ihm viel von seinem Leben und seiner Vergangenheit, aber manches kümmerte ihn gar nicht besonders, denn er lebte nun als Carl und das war auch gut so. Er mußte nicht alles von damals wissen, das war ein anderes Leben gewesen.
Das neue würde auch noch irgendwo hinführen.
Elftes Kapitel: Neues Glück
Pfeifend saß Carl einige Wochen später an einem sonnigen Herbsttag auf dem Kutschbock. Sein Weg führte ihn nach Neuburg zu einem Holzfäller und er hatte den Ponykarren mitgenommen, um Fredegar genügend neues Holz holen zu können. Kein Wässerchen konnte er trüben an diesem Tag, seine Laune war prächtig, er steckte voller Tatendrang und Lebenslust und hatte sich allmählich wirklich eingelebt in seiner alten Heimat. Fredegar half ihm sehr, ins Leben zu finden und etwas mit sich anzufangen. Er fand sich zurecht und auch, wenn es immer wieder Augenblicke gab, in denen er sich seiner Einsamkeit bewußt wurde, so wurden diese doch immer seltener und verflogen meist schnell.
Die beiden Ponys trabten im Gleichschritt über den sandigen, mit Kieseln durchsetzten Weg, wirbelten dabei mit ihren klappernden Hufen viel Staub auf und zogen brav den Karren hinter sich her, der unbeladen recht leicht war.
Carl verlor sich in freudigen Träumen von einer guten Pfeife. Das Kraut aus dem Südviertel war weithin als das beste bekannt und auch er hatte es inzwischen sehr für sich entdeckt. Nur gut, daß Fredegar viel zuhause hatte vom Alten Toby.
Die Wagenräder hinterließen tiefe Rillen im knirschenden, trockenen Sand, der Karren schaukelte hin und her und Carl träumte weiter. Zwar sah er Neuburg schon vor sich, aber er hatte es nicht eilig.
Die Ponys erreichten das Dorf schließlich. Carl lenkte den Karren durch die Straßen und hielt erst an, als sie den großen Holzfällerhof erreicht hatten. Es war keine große Angelegenheit, dem Mann Bescheid zu geben, daß er die bestellte Ladung nun verkaufen konnte. Der Holzfäller winkte sogleich den beiden Gesellen, die alle Bretter auf den Karren laden sollte. Carl wollte schon helfen, aber der Holzfäller winkte ab.
Laßt gut sein. Die Jungs können ein wenig Arbeit vertragen, sie waren etwas faul in den letzten Tagen! Geht und erfrischt euch im Gasthaus, in einer halben Stunde werden die beiden sicherlich fertig sein.
Schulterzuckend wandte Carl sich zum Gehen, denn die Idee mit dem Gasthaus war gar nicht schlecht. Ein erfrischender Becher Apfelsaft schwebte ihm vor, auch wenn er sich den noch nicht verdient hatte.
Er beschloß, eine Abkürzung zu nehmen und lief durch eine kleine Gasse. Vor sich hin träumend bemerkte er nicht, wie einige Meter vor ihm auf der linken Seite eine Tür geöffnet wurde und eine Frau trat heraus, die einen großen Korb in den Armen trug und deshalb nicht ganz sehen konnte, was sich vor ihr abspielte.
Die beiden bemerkten einander erst, als es zu spät war und sie aufeinander prallten. Der Zusammenstoß war unsanft, Carl rannte sie um und sie verlor den Korb. Das hohe Behältnis war voller Äpfel, die über den Weg kullerten und schließlich weit verstreut um die beiden verdutzten Hobbits herumlagen.
Carl suchte nach Worten, er war noch völlig überrascht und starrte die Frau mit den hellbraunen Locken an, die ihm gegenüberstand und sich an die Hauswand lehnte, als sie die Bescherung fassungslos vor sich sah.
Es tut mir leid, ich habe nicht aufgepaßt, bitte vielmals um Entschuldigung! sagte Carl und bückte sich sofort, um die Äpfel wieder aufzusammeln.
Nein, bitte, rief die Frau und kniete sich ihm gegenüber, ich habe nicht aufgepaßt, es war mein Fehler, laßt nur... ich mache heute alles falsch...
Dann stützte sie sich mit der Hand am Boden ab und legte die andere Hand an die Stirn. Sie schüttelte angesichts des Mißgeschicks den Kopf und begann stumm, die Äpfel aufzusammeln, ohne weiter Notiz von Carl zu nehmen, der noch vor ihr kniete und sie musterte.
Plötzlich wurde er dessen gewahr, daß sie Tränen in den Augen hatte und verbissen schluckend einfach weitermachte.
Was... ich bitte Euch, so laßt mich Euch doch helfen, es ist doch auch meine Schuld!
Sie hob den Kopf. Über ihre Wange lief eine einzelne Träne, ihre Lippen bebten und sie starrte ihn aus dunklen, traurigen Augen an.
Es tut mir leid, sagte Carl noch einmal, aber sie blieb noch immer stumm. Er war verwirrt.
Doch plötzlich brach sie laut schluchzend in Tränen aus und ließ sich auf den Boden sinken. Weinend blieb sie vor ihm sitzen und schlug die Hände vors Gesicht. Carl war erschüttert.
Ich... ich ersetze Euch alles, wenn Euch das hilft, ich...
Nein, sagte sie überraschend, es ist nicht deswegen, ich... ich bin so ungeschickt und habe es doch verdient, ich...
Nun verstand er überhaupt nichts mehr. Irgendetwas lag dort sehr im Argen, das merkte er sofort, sie war todunglücklich und gerade ein Unfall wie dieser hatte ihr noch gefehlt im Augenblick.
So weint doch nicht, bitte, steht auf und... und... Er wußte nicht, was er tun sollte. Er fühlte sich völlig hilflos, doch in diesem Moment hörten die beiden Babygeschrei aus dem Haus, vor dem sie saßen. Die Frau hob den Kopf, stand auf und lief ins Haus hinein.
Völlig entgeistert saß Carl vor der Tür, starrte ihr nach und wandte den Blick dann auf die unzähligen Äpfel, die überall lagen.
Sie hatte die Tür offen stehen lassen, aber er begann einfach, die Früchte wieder einzusammeln und in den Korb zurückzulegen. Manche hatten schon weiche Druckstellen. Er hätte besser aufpassen müssen, schalt er sich wütend.
Schließlich hatte er alle Äpfel wieder in den Korb gelegt und blieb ratlos vor der Tür stehen. Er hörte die Frau leise sprechen und das Babygeschrei verebbte, aber ansonsten rührte sich nichts.
Seltsam, dachte er, aber er konnte nicht so einfach verschwinden und so betrat er zögerlich das Haus und ging langsam durch den Flur.
Ich... ich habe sie wieder aufgesammelt, sagte er und ihre Blicke trafen sich. Die Frau stand ihm gegenüber in einem Zimmer und wiegte ein winziges Baby in den Armen, das inzwischen verstummt war.
D-danke für Eure Freundlichkeit, ich hätte Euch nicht so einfach stehen lassen dürfen... bitte entschuldigt mein unhöfliches Verhalten, ich... ich weiß nicht, was in mich gefahren ist! Kommt doch und setzt Euch mit mir für einen Tee in die Küche. Das bin ich Euch nun schuldig.
Schulterzuckend folgte Carl ihr dann und setzte sich auf ihr Geheiß auf die Bank. Unschlüssig stand sie mit dem Kind auf dem Arm vor dem Herdfeuer, auf dem der Teekessel stand, und war ganz offensichtlich durch das Kind etwas überfordert mit der Hantiererei.
Wenn Ihr erlaubt, nehme ich das Kleine, das wäre einfacher, bot Carl mit einem Lächeln an. Bedenkenlos drückte ihm die Frau das Baby in den Arm und setzte den Teekessel auf den Herd. Es dauerte nicht lange und der Tee war fertig, sie goß ihm und dann sich etwas in die Tassen und setzte sich dann auf die andere Seite des Tisches.
Noch immer hielt Carl das kleine Kind auf dem Arm.
Wie heißt es? fragte er, als er sich von den leuchtend blauen Augen des Babys verzaubern ließ, das krause helle Löckchen hatte und ihn neugierig ansah.
Sie heißt Mailina, erwiderte die Frau. Entschuldigt, wie unhöflich, ich sollte mich auch vorstellen... Rosalie Stolzfuß ist mein Name.
Freut mit sehr, ich bin Carl Boffin aus Bockenburg.
Willkommen. Danke für die Hilfe, scheinbar mag meine Tochter Euch! Sie fühlt sich wohl, das sehe ich.
Carl grinste. Das hatte er auch schon gemerkt, das Mädchen strampelte vergnügt und begann leise zu quietschen in einer sehr hohen Tonlage.
Oh, sie ist hübsch, und es macht mir keine Umstände... ich mag Kinder.
Somit behielt er sie einfach weiter auf dem Arm und trank seinen Tee. Langsam begann Rosalie, zu erklären, warum sie sich ihrer Meinung nach so tollpatschig anstellte. Es war ihr äußerst unangenehm und deshalb wollte sie es unbedingt richtigstellen.
Ich war wieder nicht achtsam genug, da passiert so etwas dann... ich wollte meine Tochter nicht zu lange allein lassen, aber ich wollte die Äpfel dem Bäcker schnell bringen und so ist es halt passiert... ich habe so oft das Gefühl, solche Mißgeschicke würden mir ständig passieren. Ich habe soviel zu tun mit der Kleinen und dann kommt es immer zu so etwas.
Aber dann bittet doch Euren Mann, Euch zu helfen! murmelte Carl mehr zu sich selbst als zu ihr, aber damit traf er das Problem genau auf den Kopf. Das Gespräch entwickelte sich bald in eine Richtung, die sie beide nicht erwartet hatten.
Mein Mann... er ist dabei nicht besonders hilfreich. Und auch nicht zuverlässig. Nein, das tue ich doch lieber selbst!
In ihrer Stimme schwang eine große Traurigkeit mit, die Carl ab diesem Moment keine Ruhe mehr ließ. Sie ging aber nicht weiter darauf ein, sondern fragte ihn, was ihn nach Neuburg führte. Carl erzählte von seiner Arbeit mit Fredegar und nahm einen weiteren Schluck des köstlichen Tees.
Habt Ihr denn auch Kinder? fragte Rosalie unvermittelt. Carl schüttelte den Kopf.
Nein, ich hätte gern welche, aber ich bin leider auch nicht verheiratet. Bis vor kurzem war ich für eine lange Zeit außerhalb des Auenlandes und habe mich erst jetzt entschieden, hier wieder seßhaft zu werden.
Über ihrem Tee und dem Gespräch vergaßen die beiden völlig die Zeit. Carl erklärte, daß er lange Zeit bei Menschen gelebt hatte und schließlich sagte er auch, warum und daß er sich lange nicht getraut hatte, zurückzukehren.
Das ist ja furchtbar! murmelte Rosalie. Gab es denn gar nichts, was Euch dazu bewegt hätte, heimzukehren?
Wenn ich noch etwas gewußt hätte... aber ich habe mich an nichts mehr erinnert und so war es für mich alles sehr überraschend, als ich alte Freunde und Bekannte wiedergetroffen habe. Inzwischen geht es.
Und da war nichts in Eurem Leben, wofür sich eine Rückkehr gelohnt hätte?
Die beiden sprachen recht offen miteinander, aber Carl stand ihr mit einem eigenartigen Gefühl gegenüber. Dadurch, daß sie vor ihm zu weinen begonnen hatte, verspürte er das ständige Bedürfnis, etwas für sie tun zu wollen und so blieb es auch nicht bei dem üblichen Geschwätz zum Tee.
Doch, das gab es... ich bin verheiratet gewesen, aber wußte nicht mehr davon... meine Frau hielt mich für tot und hat wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet, und das ist eigentlich gut so...
Warum erzählte er das alles eigentlich?
Rosalie nickte langsam. Dann seid ihr auch unfreiwillig allein...
Ihre Blicke trafen sich. Carl spürte, wie Mailina in seinen Armen noch immer strampelte und fragte: Aber warum allein? Ihr habt doch einen Mann...
Sie zuckte mit den Schultern.
Geheiratet hatte sie Rufus Sandheber aus Bree, was ihren Eltern nie sonderlich gefallen hatte, denn die Hobbits aus Bree hielt man für ein wenig eigenartig. Und in der Tat hatte ihr Mann sich nicht als derjenige entpuppt, auf den Rosalie vertrauen konnte. Mit einigen Bekannten aus Bree ging er zwielichtigen Geschäften an der Grenze zur Wildnis nach mit seltsamen Gestalten. Viele mieden ihn und bald begann sie als werdende Mutter sich immer mehr Sorgen zu machen, aber als er eines Abends nach Hause kam, völlig betrunken und gereizt, begann ein fürchterlicher Streit und er hatte gebrüllt, daß er sie nie wiedersehen wollte.
Und tatsächlich war er seitdem nicht mehr zurückgekehrt, es war schon über ein halbes Jahr her und nun stand sie mit ihrem kleinen Mädchen ganz allein da. Sie war zu ihren Eltern zurückgekehrt, um ein wenig Hilfe zu haben, aber es war schwierig.
Die beiden konnten es nicht richtig begründen, aber sie fühlten sich sofort zueinander hingezogen, eine Vertrautheit baute sich schnell auf. Rosalie fand nichts dabei, diesem netten Mann aus der Fremde etwas von sich zu erzählen, der ihr doch so freundlich geholfen hatte. Wen ihre Tochter mochte, der mußte einfach ein gutes Herz haben.
Ebenso hatte Carl sich durch ihren Gefühlsausbruch dazu bewegen lassen, das von sich zu erzählen, das er in Bockenburg um jeden Preis hatte geheimhalten wollen. Es war sehr eigenartig, aber sie mochten sich einfach. Es war zu einem großen Teil dadurch begründet, daß ihr Aufeinandertreffen so anders verlaufen war. Aber das Gegenteil von dem, was Rosalie erwartet hatte, trat ein. Carl fand sie sehr sympathisch und gar kein bißchen tollpatschig. Er sah die Dinge etwas differenzierter, was sie bereits erwartet hatte, und fand nichts dabei, daß sie nun allein war. Zwar schlich sich ihm sofort der Gedanke in den Kopf, daß die Leute bestimmt viel über eine Mutter sagten, die allein war, aber er hatte heraushören können, daß sie ihrem Mann keine Träne mehr nachweinte.
Als sich die Sonne dem Horizont zuneigte, schreckten die beiden aus ihrer Unterhaltung hoch und Carl schlug sich mit der Hand an die Stirn.
Ich hätte vor Stunden schon wieder in Bockenburg sein müssen! Verdammt, Fredegar wartet doch auf mich... ich... es tut mir leid, aber ich muß jetzt aufbrechen. Aber ich fand es sehr schön bei Euch, das muß ich sagen. Habt Dank für den guten Tee!
Oh, ich... hoffentlich habt Ihr nun keinen Ärger meinetwegen! fürchtete Rosalie, aber Carl winkte ab.
Nein, Fredegar wird ein wenig maulen, aber zu spät ist es jetzt sowieso.
Damit verabschiedete Carl sich. Die ganze Zeit über hatte er Mailina auf dem Arm gehalten und gab sie erst jetzt wieder in die schützende Umarmung ihrer Mutter zurück, die Carl zur Tür brachte und ihm hinterhersah, wie er zum Hof des Holzfällers zurückkehrte.
Der Karren stand bis obenhin beladen vor dem Tor, die Gesellen hatten Feierabend gemacht und nur der Holzfäller selbst war noch dort und räumte auf.
Ach! Der Herr Boffin kommt doch noch. Ich habe mich schon gefragt, wo ihr gesteckt habt!
Carl zuckte mit den Schultern.
Ich habe keine Ahnung, warum ich die Zeit vergessen habe! Aber jetzt muß ich mich wirklich auf den Heimweg machen.
Er gab dem Mann noch seinen Lohn und setzte sich dann wieder vorn auf den Kutschbock, um nach Bockenburg zurückzufahren.
Es kühlte sehr schnell ab und im Nu war es dunkel. In der Tat war es spät am Abend, als er den Karren vor Fredegars Haus zum Stehen brachte. Dieser hatte gehört, wie Carl gekommen war und stellte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in die Tür.
Sehr pünktlich, mein Bester. Würdest du mir erklären, wo in aller Welt du jetzt noch herkommst?
Carl sah kleinlaut zu Boden und zuckte mit den Schultern.
Ich muß die Zeit vergessen haben. Es tut mir schrecklich leid, Fredegar, wirklich. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.
Wie hast du das bloß geschafft? Hattest du nichts zu tun? fragte Fredegar, der das Stalltor öffnete und die Ponys mitsamt Karren hineinführte.
Nein... ich habe Tee getrunken und mich unterhalten, da ist es dann wohl passiert... es tut mir wirklich leid!
Jaja, ich weiß, ich habe es ja gehört. Aber jetzt ist es ja zu spät und damit nicht mehr wichtig. Was war denn so interessant in der Unterhaltung?
Ach, vieles... vieles.
Damit ging Carl ins Haus, aß noch etwas und gab sich sehr schweigsam, bevor er zu Bett ging.
Es dauerte nur wenige Tage, bis er schrecklich ungeduldig wurde und das Gefühl einfach nicht mehr los wurde, daß er etwas tun mußte. Er wußte, wo Rosalie zu finden war, aber umgekehrt war das nicht so.
Zu Fredegar hatte er noch kein Wort über seine Begegnung verloren, weil er nicht wußte, was er hätte sagen sollen. Er war sich nicht einmal sicher, was er wirklich denken sollte. Er war am Tag nach seinem Besuch in Neuburg aufgewacht und hatte sofort ihr hübsches Gesicht vor Augen gehabt, die traurigen Augen, die bestimmt wunderschön waren, wenn Rosalie lächelte...
Ständig dachte er an sie und wußte ganz genau, was das bedeutete. Diesmal war es echt, es war neu - und es hatte mehr Zukunft. So hoffte er zumindest.
Als er auch nach Tagen immer noch das Gefühl hatte, sie zu vermissen und sie unbedingt wiedersehen zu müssen, war er sich sicher: Er hatte sich verliebt.
Der Jahreswechsel war vorüber, aber daß das neue Jahr so schnell Gutes bringen würde, hatte er nie zu erhoffen gewagt. Immer wieder mußte er an diesen Nachmittag denken, was alles geschehen war, wie sie sich unterhalten hatten...
Ein wenig schien sie ihn auch gemocht zu haben, glaubte er - hoffte er. Wenn sie es konnte, wenn sie einem Mann wieder vertrauen konnte, so würde er sich um ihre Liebe bemühen.
Es sprach doch nichts dagegen. Er war allein, Liliane mußte er vergessen und er dachte auch kaum noch an sie. Es machte ihn auch nicht mehr traurig.
Er wollte sich auf etwas Neues einlassen.
Also nahm er sich eines der Ponys, weil er den ganzen Weg nicht laufen wollte, und ritt an einem klaren Winternachmittag, der nach kommendem Schnee roch, nach Neuburg und stellte das Pony beim Holzfäller unter, bevor er wieder in die kleine Gasse ging und an der Tür klopfte.
Zu seiner Überraschung öffnete ihm ein alter Hobbit, wahrscheinlich Rosalies Vater, und fragte: Was kann ich für Euch tun?
Ich würde gern Rosalie besuchen, brachte Carl schüchtern hervor. Es war eine eigenartige Situation.
Kommt herein. Meine Tochter backt Kuchen.
Damit folgte Carl ihm und ging in die Küche. Rosalies Vater setzte sich in einem Nebenzimmer hin und spitzte interessiert die Ohren, weil er gern wissen wollte, welcher Art dieser Besuch war.
Carl betrat vorsichtig die Küche.
Hallo, Rosalie, sagte er dann und sie drehte sich um.
Carl! Du bist das? rief sie verwundert, aber dann lächelte sie und legte den Löffel aus der Hand, bevor sie auf ihn zukam.
Wie schön, dich wiederzusehen! Es freut mich sehr, wir haben uns schon viel zu lange nicht gesehen, stellte sie fest und bot ihm an, sich zu setzen. Carl war nicht überrascht, sondern erfreut über die warmherzige Begrüßung und entdeckte dann neben sich auf der Bank die kleine Mailina, die auf zwei Kissen lag und schlief.
Rosalie machte den Kuchen noch fertig, bevor sie sich zu Carl setzte und die beiden wieder zu reden begannen.
So ging es an diesem Tag und auch an einem der nächsten, bei seinem dritten Besuch war Rosalies Neugier geweckt und Carl nahm sie mit nach Bockenburg, um ihr zu zeigen, wie und wo er lebte.
Da sah Fredegar dann, warum sein Freund sich in der letzten Zeit so seltsam verhalten hatte. Er lächelte, aber schwieg still, denn er wollte sich noch nicht einmischen.
Carl und Rosalie fühlten sich immer stärker zueinander hingezogen, je öfter sie sich sahen und unterhielten. Er mochte ihre großherzige Art und sie faßte zu Carl schnell Vertrauen.
Als Carl sich eines Abends von ihr verabschiedete, hielt sie ihn plötzlich für einen Moment zurück und die beiden standen sich vor der Tür genau gegenüber. Sie nahm seine Hand und lächelte, doch sie sprachen kein Wort und schließlich küßten sie sich. Carl legte seine Arme um sie und sie erwiderte die Umarmung glücklich.
Am allerliebsten wäre er gar nicht mehr gegangen, aber er versprach, am nächsten Tag früh zurückzukommen und das tat er dann mit einem kleinen Strauß Schneeglöckchen in der Hand.
Rosalies Eltern, die inzwischen auch bemerkt hatten, was in ihrem Hause vor sich ging, waren nicht besonders überrascht, als Carl und Rosalie schließlich vor ihnen standen und ihnen mitteilten, daß sie die Absicht hatten, zu heiraten. Da Carl einen guten Eindruck auf sie gemacht hatte, zeigten die Eltern sich erfreut und so geschah es, daß die beiden einander an einem der ersten schönen Frühlingstage die Treue schworen, um ihre Liebe zu besiegeln.
Bei Carl war es für Rosalie ein ganz anderes, viel besseres Gefühl als bei ihrem ersten Mann, der sie allein gelassen hatte. Bei Carl fühlte sie sich sicher und gut aufgehoben.
Carl seinerseits nahm sich fest vor, sie nie wieder unglücklich sehen zu wollen und so schenkten die beiden sich die Liebe, von der sie nicht mehr geglaubt hatten, daß sie jemals wieder zu ihnen zurückkehren würde.
Ganz Neuburg stand Kopf, als Rosalie schließlich mit Carl ging und zusammen mit ihm vorübergehend bei Fredegar unterkommen wollte. Niemand hatte damit gerechnet, daß jemand verrückt genug sei, sich eines fremden Kindes anzunehmen, niemand hatte Rosalie eine Chance ausgerechnet, jemals wieder zu heiraten.
Aber die Leute sahen nur auf die Oberfläche und kümmerten sich um nichts mehr als solche Gepflogenheiten. Carl und Rosalie waren einfach nur glücklich. Natürlich hatte sie ihn einmal danach gefragt, ob er denn Mailina als sein Kind annehmen wolle und war überrascht gewesen, als er erwiderte, daß er sich das wünschte Allerdings erklärte er ihr auch, woran es lag und daß er nie eigene Kinder haben würde.
Die beiden liebten sich einfach trotz aller Widrigkeiten und Probleme, die es hätte geben können, aber so wurden sie einfach nur eine glückliche Familie. Carl hatte endlich das Gefühl, Vater zu sein und das kleine Mädchen würde einen Vater haben, wenn es aufwuchs.
Die beiden konnten sich nichts mehr wünschen als das und würden sich bald eine eigene Bleibe suchen, wenn Fredegar genug vom Babygeschrei hatte.
Das Frühstück war gerade vorüber und Frodo hatte sich erneut seines schreienden Sohnes angenommen, als es an der Haustür klopfte und er mit dem brüllenden Bündel auf dem Arm das Arbeitszimmer verließ, um zu öffnen.
Post aus Bockland für Frau Beutlin! verkündete der Botenjunge, der sich durch solche Zustelldienste etwas dazuverdiente. Mit einem freundlichen Grinsen reichte er Frodo den Brief und neigte den Kopf leicht, dann verabschiedete er sich und verließ den Garten zielstrebig wieder.
Post aus Bockland?
Frodo schaute auf den Umschlag und wollte feststellen, wer der Absender war, aber es stand nur seine eigene Adresse darauf, mit Lilianes Namen überschrieben, sonst nichts.
Er kannte die Schrift nicht. Sie sah nicht unsauber aus, aber ein wenig ungelenk vielleicht.
Liliane?
Im Wohnzimmer!
Frodo ging ins Wohnzimmer und ignorierte das Gebrüll seines Babys. Liliane saß auf dem Sofa und nähte für Perhail einen neuen Strampler, sah dann aber kurz von ihrer Arbeit auf.
Was gibt es denn?
Es kam gerade ein Brief für dich aus Bockland. Wer kann denn das sein?
Frodo reichte ihr den Brief und setzte sich neben sie. Liliane stellte ebenso fest, daß kein Absender verzeichnet war, aber sie betrachtete die Schrift nur kurz und wußte sofort, von wem der Brief stammte.
Er ist von Carl, sagte sie und sah Frodo direkt ins Gesicht. Ein wenig unerfreut sah er schon aus, sagte aber nichts und stand auf, dann verließ er das Wohnzimmer.
Du mußt nicht gehen! rief sie ihm hinterher. Er steckte noch einmal den Kopf zur Tür hinein und sagte: Lies erst einmal, dabei will ich dich nicht stören.
Schulterzuckend öffnete sie den Umschlag und zog den säuberlich zusammengefalteten Bogen des dicken Papiers heraus, entfaltete ihn und begann zu lesen.
Liebe Liliane,
es ist nun schon lange her, daß wir uns zuletzt gesehen haben, aber darüber bin ich nicht mehr unglücklich. Anfangs fiel es mir schwer, zu gehen und dich einfach zurückzulassen, auch wenn ich wußte, daß es dir besser nicht gehen kann. Ich habe dich mit Frodo glücklich gesehen und begriffen, daß in deinem Leben kein Platz mehr für mich ist. Es schmerzte anfangs sehr, aber daß ich fortgegangen bin zu Fredegar, hat mir geholfen.
Er und auch Merry und Estella waren gleichermaßen überrascht, als ich einfach vor ihrer Tür stand und sie sehen mußten, daß ich nicht tot war. Aber ich habe mich an sie erinnert und sie haben mich angenommen. Bei Fredegar habe ich lange gewohnt und ihm bei der Arbeit geholfen, was für mich lange der einzige Sinn im Leben war.
Das Auenland wieder verlassen wollte ich aber auch nicht und das war keine falsche Entscheidung, denn ich habe kurz nach dem Jahreswechsel eine liebe Frau getroffen, Rosalie Stolzfuß ist ihr Name, und wahrscheinlich wird es dich freuen, zu erfahren, daß sie bereits eine kleine Tochter namens Mailina hat. Sie hatte es nicht leicht, aber sie vertraut mir und ich habe mich sofort in sie verliebt.
Vor einigen Wochen haben wir geheiratet und sind nun endlich in den Süden Bocklands in ein eigenes Haus gezogen. Im nahen Gasthaus arbeite ich als Koch und wir werden bald einmal zu den Fischern reisen, damit auch Harlorn und Minira wissen, wie es mir ergangen ist.
Ich bin sehr glücklich mit meiner neuen Familie, genauso wie du es bist.
Vergessen werde ich dich nie, aber du fehlst mir nicht mehr und ich denke, das ist auch gut so.
Ich bin trotz allem froh, dich noch einmal gesehen zu haben und hoffe, daß du und Frodo immer glücklich sein werdet - aber daran hege ich keinen Zweifel.
Ihm danke ich, bitte sag ihm das und grüße ihn von mir. Er ist ein guter Mann für dich.
Alles Gute dir und deiner Familie!
Carl
Mit Tränen in den Augen ließ Liliane das Blatt sinken und holte tief Luft. Sie war glücklich über das, was sie gerade gelesen hatte.
Oft hatte sie noch an ihn gedacht, daran, wie es ihm erging und ob er es verkraftete, daß er sie verloren hatte.
Wie gut er es tatsächlich verkraftete, erleichterte sie sehr, sie freute sich wirklich für ihn, denn er hatte nichts anderes verdient. Daß etwas derartiges geschah, hatte sie gehofft, sie hatte es ihm gewünscht, aber nun hatte er nicht nur eine Frau - er war auch Vater. Daß es ihm ein großes Bedürfnis gewesen war, besonders das und überhaupt alles zu erzählen, konnte sie gut verstehen und sie war froh, daß sie es nun wußte.
Er schien sie noch gut zu kennen, das las sie aus dem Brief heraus.
Allerdings gab ihr eines zu denken: Er hatte seine Adresse nicht vermerkt und nur gesagt, daß er im Süden Bocklands wohnte - das war die immer noch anhaltende Trennung. Genausogut hätte er persönlich mit seiner Familie kommen können, aber sie wußte, warum er es nicht getan hatte.
Es war einfach besser so.
Warum Carl Frodo dankte, wußte sie. Frodo hatte ihr damals noch gesagt, daß er Carl seine Uhr zurückgegeben hatte. Im ersten Moment war sie traurig darüber gewesen, weil die Uhr doch ein Geschenk für ihn gewesen war, aber da Frodo es wirklich so gewollt hatte und es eigentlich rechtens war, war sie schließlich auch damit einverstanden.
Er hatte immer wieder gesagt, daß sie das größte Geschenk sei, daß man ihm machen könne und sie wußte, daß es der Wahrheit entsprach. Und sie hatte ihm die Kinder geschenkt...
Unwillkürlich legte sich ihre Hand um den weißen Elbenstein, den er ihr geschenkt hatte. Ein wahrlich königliches Geschenk, für das sie ihm nicht genug danken konnte.
Liliane stand auf und suchte Frodo. Er hatte sich in die Küche gesetzt und fütterte Perhail geduldig, der mit dem Geschrei seinen Hunger angemeldet hatte.
Hier, sagte sie und legte den Brief vor ihm auf den Tisch. Frodo sah sie fragend an, aber sie nickte bekräftigend und so las er schließlich selbst. Auch er zeigte sich, noch während er las, gerührt von Carls Brief und legte schließlich seine Hand auf Lilianes.
Er ist wirklich ein guter Mann. Du kannst glücklich sein, daß du ihn hattest!
Und nun bin ich glücklich, dich zu haben, Frodo.
Es war einer der ersten heißen Tage im beginnenden Mai, als Meli und Krümel ins Haus gerannt kamen. Meli lief zu ihrer Mutter und klammerte sich an ihr Bein, bevor sie zu Liliane hochschaute und sagte: Ein Gewitter kommt, Mami! Die Wolken sind böse!
Unwillkürlich mußte Liliane lächeln, auch wenn ihr diese Nachricht gar nicht gefiel. Das letzte Unwetter lag bereits einige Zeit zurück, aber sie bekam immer noch Angst, wenn etwas sich zusammenbraute.
Sind denn alle auf dem Weg nach Hause? fragte sie. Meli und Krümel nickten eifrig.
Ja, alle kommen nach Hause, sagte Sams Sohn.
In der Tat war es so. Ihren Eltern, aber auch Tante Liliane zuliebe waren bald alle Kinder von Sam und Rosie nach Hause zurückgekehrt, doch es dauerte gar nicht lange, bis sie das erste dumpfe Donnergrollen hörten und auch schnell Blitze am Himmel zucken sahen.
Dann setzte der sintflutartige Regen ein, erst ganz unscheinbar und dann so, als öffnete der Himmel seine Schleusen. Liliane hatte sich mit ihrer Tochter aufs Sofa gesetzt und versuchte stetig, sie zu beruhigen, auch wenn sie selbst mit aufsteigender Panik zu kämpfen hatte.
Aber sie wollte nicht zu Frodo gehen, sie wollte ihm diesmal zeigen, daß sie es aushielt, daß sie keine Angst mehr hatte, es war ja immerhin eine Erinnerung an Gundbert und das wollte sie Frodo nicht mehr spüren lassen.
Frodo war nach dem Mittagessen schlafen gegangen und lag wohl immer noch im Bett, denn lange rührte sich auch nichts. Liliane saß zitternd auf dem Sofa und hielt die Augen geschlossen vor lauter Angst. Meli spürte, daß ihre Mutter genauso viel Angst hatte wie sie selbst.
Krachend tobte ein weiterer Donnerschlag, fast genau über ihren Köpfen und als direkte Folge auf einen gleißend hellen Blitz, der in der Nähe niedergegangen war. Liliane zuckte zusammen und Meli schrie ängstlich und erschrocken.
Ruhig, mein Liebes, nichts passiert...
Aber da konnte sie sich nicht einmal selbst wirklich sicher sein, denn das Gewitter hatte seinen Höhepunkt erreicht und wütete nun genau über Hobbingen.
Erneut zuckte ein Blitz über den schwarzen Himmel und ein brüllender Donner folgte sofort mit ohrenbetäubendem Getöse.
Liliane zog Meli in ihre Arme, dann sprang sie auf und lief zum Schlafzimmer, doch Frodo war inzwischen aufgewacht und kam ihr bereits entgegen.
Frodo! rief sie. Ist alles in Ordnung?
Er legte seinen Arm um die Schultern seiner Frau, dann gingen sie ins Wohnzimmer zurück und er mußte sich dann alle Mühe geben, Liliane und auch seine Tochter zu beruhigen.
Ich... ich hatte plötzlich solche Angst, daß dir etwas passiert, es ist doch... sagte Liliane, aber wurde von einem weiteren Donnergrollen übertönt. Meli schrie erneut auf und drückte sich in die Umarmung ihres Vaters.
Es ist genau hier, ich... ich fürchte es wie den Tod...
Frodo zog Liliane an sich und strich ihr tröstend über den Kopf.
Ich weiß. Du kannst nicht anders, es ist in dir, genauso wie ich bei jeder kleinen Spinne schreiend davonlaufe... aber mir geht es gut, Liebes. Hab keine Angst.
Und doch verschwendete Liliane keinen einzigen Gedanken mehr an Carl, der ja nicht tot war, sondern sie fürchtete nur um das Wohl ihrer Familie. Meli lag in Frodos Armen und Liliane saß mit angezogenen Beinen an ihn gelehnt, solange, bis es vorbei war.
Als sie vor die Tür traten, sahen sie, daß sie Welt nicht untergegangen war, obwohl es zeitweise so ausgesehen hatte.
Es wurde noch ein schöner Tag mit goldenem Sonnenuntergang. Noch etwas später, als es längst dunkel war, gingen die Hobbits in Beutelsend alle schlafen und Frodo gähnte laut, als Liliane zu ihm unter die Decke kroch und sich an ihn kuschelte.
Er schlief sehr schnell ein, aber sie dachte noch immer ein wenig nach, während sie auf seinen ruhigen, gleichmäßigen Atem lauschte.
Sie lag so dicht an ihm, daß beim besten Willen nichts mehr zwischen die beiden gepaßt hätte, sie spürte seine Wärme und seinen Herzschlag, als sie die Hand auf seine Brust legte.
Er bewegte sich leicht, wachte aber nicht auf.
Ihn zu verlieren würde sie nicht verkraften, sie liebte ihn zu sehr. Es war so schön, in seiner Nähe zu sein, er hatte den Arm um sie geschlungen, als würde er sie nie wieder gehen lassen, aber gehen wollte sie auch nicht.
Sie küßte ihn auf die Wange.
Ich liebe dich, Frodo Beutlin, flüsterte sie und schloß die Augen, als sie sich an ihn gekuschelt hatte.