Sechstes Kapitel: Die Konfrontation
Am nächsten Morgen erwachte Krümel früh nach einem wirren Traum, an dessen Inhalt er sich nicht erinnern konnte, aber er hinterließ ihn mit einem unguten Gefühl im Bauch.
Er sprang aus dem Bett und stürzte in Melis Zimmer, in dem sie noch immer friedlich schlafend unter der Decke lag. Er kam sich verrückt vor, aber da es nicht mehr allzu früh war, weckte er sie einfach und sah sie flehend an.
"Krümel..." flüsterte sie schlaftrunken und rieb sich die Augen, als sie ihn sah. Sie streckte sogleich eine Hand nach ihm aus und zog sich zu sich heran mit einem Lächeln, was ihn sofort beruhigte.
"Was ist los?" murmelte sie.
"Ich... ich habe irgendein wirres Zeug geträumt und dachte... also ich wollte nach dir sehen und wissen, ob noch alles so ist wie... gestern... oder ob ich mir das nur eingebildet habe."
Melethiell richtete sich auf und zog ihn an sich. Sie fand es nicht albern, was er tat und sagte, sie konnte es sehr gut verstehen. Immerhin hatte er jahrelang nicht bekommen, was er sich wünschte, und daß er es jetzt doch hatte, schien ihm wie ein Traum, nicht wie die Wirklichkeit. Natürlich hatte er Angst, daß ihm sein Glück so schnell wieder abhanden kam, wie er es nun doch bekommen hatte.
"Danke", flüsterte er und sie strich ihm über den Kopf.
"Ach, wofür denn, Krümel? Alles ist in Ordnung. Ich lasse dich nicht mehr allein."
Die beiden saßen lange so da und dann stand Melethiell auf, zog sich kurzerhand um, obwohl Hamfast noch mitten im Raum stand, und grinste, als sie sein verwirrtes Gesicht sah.
"Was denn?" fragte sie und warf einen Blick auf die immer noch schlafende Goldfranse.
"Hast du das nicht schon gesehen?"
Hamfast sagte gar nichts, sondern schluckte nur und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Doch, er hatte sie am letzten Abend so gesehen, aber das war alles so neu...
Sie meinte es wirklich ernst, ihr ganzes Verhalten, was sie sagte und tat, alles zeigte ihm, daß sie seine Liebe jetzt wirklich erwiderte.
Sie frühstückten gemeinsam etwas und während dieses Frühstücks saß Hamfast neben ihr und wandte seinen Blick nicht mehr von ihr, starrte sie verträumt an und lächelte verklärt.
"Das ist toll", sagte Melethiell irgendwann und nahm einen Schluck Milch. Er runzelte fragend die Stirn.
"Na, jetzt sehe ich, was ich dir bedeute. Jetzt traust du dich endlich, es mir zu zeigen, und das ist sehr gut so! Das hatte mir immer gefehlt, aber jetzt... Hamfast... ich liebe dich wirklich."
Er schluckte und spürte Tränen in den Augen. Er konnte es einfach nicht fassen, mit einem Male fühlte er sich leicht und glücklich, sein Leben hatte einen Sinn und war einfach erfüllt.
Melethiell legte ihre Hände auf seine und dann standen die beiden irgendwann auf und aus der Tasche ihres Kleides zog sie das Armband und die Kette von Anson hervor.
"Sie sind beide schön... aber ich ertrage es nicht, sie zu sehen. Ich will diese Sachen niemals wieder sehen müssen!"
Melethiell starrte ins Herdfeuer und dann noch einmal auf die beiden hübschen Schmuckstücke, doch bevor Hamfast etwas sagen konnte, warf sie beides ins Feuer.
Aber er konnte es gut verstehen.
Ihr ganzes Andenken an Anson wurde in seinem Beisein völlig vernichtet und verschwand. Hamfast zog sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.
Er konnte ihren Atem und ihre Wärme spüren. Überglücklich schloß er die Augen und biß sich auf die Lippen, weil er einfach nicht glauben konnte, daß es der Wahrheit entsprach, was er erlebte.
Aber dann sah sie ihn an und küßte ihn und drückte seine Hand.
Es war echt.
Sie waren an diesem und den folgenden Tagen nicht mehr voneinander zu trennen. An diesem Tag verbrachten sie jede Minute miteinander und als Hamfast abends recht früh schlafen ging, erinnerte Melethiell sich erst daran, daß er ja einer Arbeit nachging und ließ ihn gewähren. Am Morgen war er dann verschwunden, bevor sie überhaupt aufstand, und sie setzte es sich dann in ihrer Sturheit in den Kopf, zum Bäcker zu gehen und zu fragen, ob er sie in das Konditorhandwerk einweisen würde.
Sie sagte niemandem mehr etwas, denn sie hatte einfach das dringende Bedürfnis, auch etwas tun zu müssen, damit sie nicht den ganzen Tag herumsaß und an Hamfast dachte.
Bei Anson war es ihr noch egal gewesen, aber Krümel spukte ihr ununterbrochen im Kopf herum und sie wußte, daß sich das niemals mehr ändern würde.
Sie hatte jetzt ein neues Leben und da sollte all das zugehören, was sie sich wirklich wünschte.
Den Bewohnern Beutelsends fiel nichts dazu ein, als sie die beiden plötzlich Hand in Hand zusammen herumlaufen sahen. Es wunderte niemanden wirklich, jeder hatte es irgendwo geahnt, aber dennoch nicht mehr für möglich gehalten.
Daß es nun jedoch so war, erschien niemandem wirklich seltsam.
Besonders Frodo schien mit der Situation sehr zufrieden zu sein, er sah seine Tochter einfach gern mit Sams Sohn zusammen. Unverfänglich natürlich...
Als Hamfast am ersten Tag der neuen Woche in der Werkstatt erschien, traute der alte Straffgürtel seinen Augen nicht. Die Wangen des Jungen glühten rot vor Glück, in seinen Augen war Leben und ein seltsamer Glanz, er lächelte offen und begrüßte den Tischler fast überschwenglich.
Es dauerte nicht besonders lang, bis der Tischler fragte: "Darf ich neugierig sein, mein Junge? Was ist denn vorgefallen, daß du so... glücklich bist?"
Hamfast lächelte, als er den alten Straffgürtel ansah.
"Wissen Sie... Sie hatten Recht. Mein Mädchen ist auf den Geschmack gekommen. Mein Leben ist seit zwei Tagen ein anderes!"
Der Tischler grinste und nickte wissend. "Hör nur auf einen alten Mann, manchmal weiß auch ich, wovon ich spreche. Ich wußte es doch! Ich habe das geahnt."
Daß Hamfast darüber überhaupt sprach, war schon erstaunlich genug, aber plötzlich ging ihm seine Arbeit so unglaublich leicht und sicher von der Hand, er war ein völlig veränderter Junge, nicht mehr so in sich gekehrt wie all die Jahre zuvor. Weil Hamfast sich in der Werkstatt wohlfühlte, fiel es ihm dort leicht, zu zeigen, wie er fühlte. Zuhause benahm er sich weniger auffällig, nur in Melis Gegenwart war er ebenfalls ein anderer, er wich nicht mehr von ihrer Seite.
"Und wer ist dein Mädchen?" fragte der Tischler.
"Melethiell ist ihr Name, sie ist Frodo Beutlins Tochter", sagte Hamfast und blickte dabei auf seine beiden Armbänder, die ihn seit jeher an sie erinnerten.
"Ah! Natürlich, der Name sagt mir etwas. Sie wohnt doch in Beutelsend bei dir, oder nicht?"
"Ja, sie war immer schon meine Freundin..."
Mehr mußte Hamfast nicht sagen, der Tischler verstand schon, worum es ging.
Drei Tage eines völlig neuen Lebens waren ins Land gegangen. Hamfast hatte nicht früher gehen wollen, bis der Tischler ihn aus der Werkstatt geworfen hatte mit den Worten: "Du wirst den Tisch nicht heute fertigmachen. Dein Mädchen wartet zuhause auf dich und der Tisch wird dich wohl kaum bis morgen vermissen!"
Hamfast lachte und schulterte seine Tasche, dann machte er sich auf den Heimweg. Melethiell hatte ihm erzählt, daß sie beim Bäcker gewesen war und dieser ihr tatsächlich angeboten hatte, die Kunst der Herstellung wundervoller Leckereien zeigen zu wollen. Aber dennoch, das wußte Hamfast, saß sie jetzt noch zuhause und wartete mit Sicherheit auf ihn. Er freute sich, wieder zu ihr zurückzukommen.
Zwar hatte er in seinem Leben nicht viel Zeit ohne sie verbracht, aber jetzt vermißte er sie in jeder Minute, in der er nicht bei ihr war, schrecklich.
Die goldene Herbstsonne schien wärmend auf ihn hinab, kleine Fliegenschwärme durchbrach er, als er über den Weg nach Hobbingen spazierte, und er pflückte im Vorbeigehen ein buntes Sträußchen voller frischer Feldblumen.
Er war noch nicht weit von Oberbühl entfernt und näherte sich erst dem Wäldchen, als er hinter sich eine wohlvertraute, aber höchst unangenehme Stimme hörte.
"Laß mich raten, für wen die Blumen sind!"
Hamfast hielt inne und blieb stehen, dann drehte er sich wutschnaubend um und erstarrte erneut, als er sah, daß Anson nicht allein war.
"Was willst du?"
"Wir haben dich gerade vorbeigehen sehen und dachten, daß wir uns doch mal nach euch erkundigen müßten! Sehe ich das also richtig, daß du mir mein Mädchen weggeschnappt hast, ja?" rief Anson. Er kam mit seinen drei Freunden näher und Hamfast verfluchte es, daß er mit so etwas in seiner momentanen Stimmung nicht gerechnet hatte. Jetzt stand er vor einem massiven Problem, denn die Kerle suchten Streit.
"Siehst du nicht, du Trottel. Mit deinem dummen Versuch, sie zu verführen, hast du sie ganz allein in die Flucht geschlagen!" gab Hamfast zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde jetzt nicht weglaufen.
"Ach, ist das so? Und dann kam der Spion und hat die Ehre der Jungfrau gerettet, oder wie? Sieht sie dich jetzt als Helden?" fragte Anson giftig. Hamfast hielt die Luft an, um ruhig bleiben zu können.
"Es braucht keinen Helden, um die Ehre eines Mädchens zu retten! Es braucht nur einen dummen kleinen Jungen, um sie zunichte zu machen!"
Hamfast sprach sehr ruhig, weil Anson nun vor ihm stand, und gerade das machte die Sache nur noch bedrohlicher. Ansons Freunde standen mit verächtlichen Blicken hinter ihm und warteten.
"Ein dummer kleiner Junge? Wirklich, wir hätten dir vor ein paar Tagen zeigen müssen, was wir von dir halten. Dann würdest du jetzt nicht so großspurig daherreden!" sagte Anson. Hamfast lachte leise.
"Du drohst mir? Was willst du tun, mir den Hals umdrehen? Das bringt sie dir nicht zurück, sie hat alles, was sie von dir besaß, längst verbrannt und wird dich niemals zurück wollen! Du hättest dir früher überlegen sollen, was sie dir bedeutet, aber... es ist nicht sie, die dir zu schaffen macht. Ich habe deinen Stolz verletzt, was?"
Hamfast wußte im nächsten Augenblick, daß er damit einen Fehler gemacht hatte, aber er war sich nicht zu fein, sich mit Anson um Melethiell zu prügeln, wenn dieser darauf aus war. Hamfast war aus den meisten Konfontationen siegreich hervorgegangen, weil er einen harten Schlag und die richtige Überzeugung besaß.
"Mein Stolz? Den hast du mir nicht verletzt, aber daß diese verklemmte Ziege weggelaufen ist, habe ich deinem Gerede zu verdanken, oder? Wie hast du ihr denn erklärt, daß du sie willst? Oder willst du sie gar nicht? Bist du nicht manns genug, sie so richtig rannehmen zu wollen?"
Hamfast schluckte. Seine Augen verengten sich, er bekam es langsam mit echtem Zorn zu tun, der in ihm aufsteigen wollte, aber diesmal wollte er nicht anfangen. Er zwang sich, ruhig zu bleiben.
Aber Anson wußte noch etwas hinzuzufügen.
"Oder nein... sie läßt dich nicht! Ach ja, und unser ehrenvoller Held bringt es nicht fertig, ihr zu zeigen, wo es langgeht. Da will er sie haben und kriegt es auch nicht. Sehr gut!"
Anson brüllte vor Lachen und hielt sich den Bauch. Seine Freunde guckten Hamfast spöttisch an, der Anson am liebsten an den Kopf geworfen hätte, daß er noch am selben Abend mit Melethiell weiter gegangen war, als sie Anson jemals hätte gehen lassen. Aber wenn man das über sie erzählte, würde das böse Gerüchte geben, denn die Leute verstanden meist nichts.
"Ich werde sie auch bestimmt, weil ich mich nicht unter Kontrolle habe, aus purem Egoismus ins Unglück stürzen! Mir ist es nicht egal, daß sie so jung Mutter werden könnte! Solche Kerle wie du sind doch Abschaum!"
Hamfast wußte gar nicht mehr, was er daherredete, er wollte aber lieber unsinnig diskutieren als Anson in eine Prügelei zu verwickeln. Melethiell verabscheute das.
Aber auch wenn er nun nicht damit angefangen hatte - es war zu spät.
Anson war sehr flink und bevor Hamfast wußte, was geschah, spürte er einen scharfen und tauben Schmerz an der Nase, Blut schoß heraus und rann bis zu seinem Kinn hinab, er sah für einen Augenblick nur noch Sterne, aber dann sah er rot.
Er ließ seine Tasche fallen und warf sich mit voller Kraft gegen Anson, den er zurückwarf gegen seine Freunde. Er schlug ihm den Ellenbogen in den Magen und sah fast zufrieden, wie Anson nach Luft schnappend in die Knie ging.
"Dreckige Ratte!" brüllte Mosco und schoß vor gegen Hamfast, der vor dem gezielten Schlag gegen sein Auge gerade in Deckung gehen konnte und Mosco ins Leere laufen ließ. Er hatte aber nicht mit Milo gerechnet, der hinterherkam und seinen Kopf in Hamfasts Bauch rammte.
Er verspürte Übelkeit, bekam keine Luft und landete rücklings auf dem sandigen Boden, wollte Milo mit den Füßen abwehren, doch in diesem Moment stand Anson neben ihm und trat ihm hart mit der Ferse in die Seite.
Hamfast wurde fast schwarz vor Augen. Er krümmte sich zusammen und spürte weitere Tritte in seinem Rücke, von Anson gingen jedoch Tritte aus, die er in seinem Schritt spürte.
Er brüllte vor Schmerzen und fühlte, wie Schmerzenstränen ihm in die Augen schossen. Von hinten wurde er gepackt und hochgezogen, ein anderer hielt ihm die Arme auf dem Rücken verdreht fest und dann blickte er Anson direkt in die zornerfüllten Augen.
"Mistkerl", preßte er keuchend hervor, er war unbeugsam und wollte sich für Melis Ehre in Stücke reißen lassen, wenn es denn so sein sollte.
Anson lachte und ließ seine Faust in Hamfasts Gesicht landen, genau auf seinem linken Auge, so daß sogar seine Braue blutig aufplatzte. Hamfast reagierte schnell und schlug mit dem Kopf nach hinten, um seinen Kontrahenten im Rücken zu erwischen, und hatte tatsächlich Glück. Mosco brüllte auf vor Schmerz und ließ los, taumelte nach hinten und war außer Gefecht. Hamfast hatte ihm unwissentlich fast die Nase gebrochen.
Er ballte die Hände zu Fäusten und als Anson ihm erneut ins Gesicht schlagen wollte, rammte Hamfast nun seinerseits sein Knie in Ansons Lendengegend und wich dem gut gezielten Schlag gerade noch aus.
Brüllend wie ein Stier sackte Anson halb in sich zusammen, dann schaltete Milo sich wieder ein und schlug Hamfast so ins Gesicht, daß dieser spürte, wie sich der metallische Geschmack von Blut in seinem Mund ausbreitete. Schmerz schoß durch seinen Kopf, ein Zahn hatte sich irgendwo gelockert, die Lippe war aufgeplatzt und dann kam noch ein Schlag in seine Seite, bevor er endgültig wieder in die Knie ging und sich nicht mehr aufrecht halten konnte.
Anson schlug ihm den Ellenbogen in die Wirbelsäule und riß seinen Kopf an den Haaren wieder hoch, bevor er ihn mit dem Rücken zu Boden warf und ihn schief ansah. Dann fiel sein Blick auf Hamfasts Armbänder, denn dieser hatte die Arme um seinen Leib geschlungen, um sich vor Tritten schützen zu können.
"Was ist das denn?" fragte Anson grinsend, denn er erinnerte sich zu gut an Melethiells ähnlich aussehendes altes Armband. Hamfast hatte dieselben...
"Jetzt verstehe ich!" rief er und packte Hamfasts Handgelenk, umklammerte die Armbänder beide zugleich und riß so hart daran, daß die Fäden sich in Hamfasts Haut schnitten, bevor die Armbänder zerrissen und zu Boden fielen.
"Nein!" brüllte Hamfast und schaffte es, obwohl er am Boden lag, sein Bein zwischen Ansons Beinen hindurch zu schieben und ihm die Beine wegzutreten, so daß er ebenfalls zu Boden ging.
"Verschwinde!" brüllte Hamfast dann und trat Anson mehr unabsichtlich gegen das Kinn, als er ihn eigentlich am Bauch erwischen wollte und abrutschte.
Anson brüllte derart laut vor Schmerz, daß seine Freunde von Hamfast abließen und sich um ihn kümmerten, der den Unterkiefer durch den Tritt angebrochen hatte. Sofort stand Hamfast stolpernd auf und griff, während ihm das Blut in sein Auge lief, nach seiner Tasche und eilte hinkend in Richtung des Waldes. Als er sich umsah, stellte er zwar fest, daß niemand ihm folgte, aber er schlug sich dennoch ins Unterholz und lief keuchend, so gut er das unter seinen Schmerzen konnte, weiter in Richtung Bühl.
Der hatte ihm ihre Armbänder genommen. Hamfast haßte ihn dafür am meisten.
Seine Rippen waren geprellt. Seine Lunge fühlte sich noch immer an, als sei sie stark eingedrückt, er bekam kaum Luft und kämpfte um jeden weiteren Schritt nach vorn.
Als er sich das Blut über dem Auge fortwischen wollte, klebte es sofort an seiner ganzen Hand und tropfte schon von seinen Fingern. Die Platzwunde über seinem Auge blutete so stark wie die anderen Verletzungen in seinem Gesicht zusammen.
Als er an sich hinabschaute, entdeckte er die vielen Blutflecken auf seinem Hemd. Seine Hose war an den Knien zerschrammt und überall schmutzig, der Schnitt in der Haut an seinem Handgelenk blutunterlaufen, da, wo die Armbänder gewesen waren.
Er hielt einen Arm um seinen Bauch gelegt und hielt damit auch die Tasche fest, mit dem anderen Arm ruderte er darum, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Oft strauchelte er, aber er fing sich immer und kämpfte sich weiter voran.
Er hustete und spuckte Blut. Der lockere Zahn in seinem Mund löste sich, als er eine hastige Bewegung machte, und er würgte, als er ihn fast verschluckt hätte.
Er konnte vor lauter Tränen nichts mehr sehen und fing den unteren Eckzahn in seiner Hand auf, als er ihn ausspuckte.
Er haßte Anson so sehr.
Sein Atem ging pfeifend, die Schläge in seinen Oberkörper waren äußerst hart und aggressiv gewesen. Hamfast taumelte voran und schleppte sich den Bühl hinauf. Als er endlich das Gartentor von Beutelsend erreicht hatte, hielt er sich daran fest und schnappte nach Luft, dann sackte er in sich zusammen und verlor scheppernd seine Tasche.
Es war an der Zeit, um die er für gewöhnlich immer nach Hause kam, und deshalb hatte Melethiell hin und wieder aus dem Wohnzimmerfenster geschaut, um ihn kommen zu sehen. Sie hatte gesehen, wie er zu Boden ging, und schrie entsetzt auf.
Ohne noch nachzudenken hastete sie vor die Tür und kniete sich zitternd auf dem Gartenweg neben Hamfast, der stöhnend dalag und die Augen nicht mehr öffnete.
"Krümel!" schrie sie und griff nach seiner Hand, an der sie seine Armbänder nicht mehr finden konnte. Nur Blut.
Er war überall voller Blut. Hastig kramte sie ihr Taschentuch hervor und tupfte damit über sein Gesicht, was er mit einem Schmerzensschrei bedachte. Er zuckte zusammen und blinzelte.
"Meli..." flüsterte er und hustete, spuckte Blut, rang nach Luft.
"Was in aller Welt ist geschehen?" fragte sie mit bebender Stimme und setzte sich hinter ihn, zog ihn hoch und lehnte ihn an sich, dann legte sie die Arme um ihn und wiegte ihn hin und her.
"Diesmal hat er angefangen, glaube mir, er hat... er hat dich so sehr beschimpft, daß ich es ihm heimgezahlt habe und dann hat er zugeschlagen..."
"Wer?" fragte sie und wußte die Antwort dennoch.
"Anson... dieser elende Hund..."
In der Tür stand nun Frodo, der seine Tochter gehört hatte, und im nächsten Augenblick war auch Rosie da.
"Oh nein!" rief sie und lief zu Hamfast und Melethiell. Der Junge sah zu seiner Mutter und verzog das Gesicht.
"Ich wollte das nicht, ehrlich..."
"Frodo, wir müssen ihn hineinbringen! Hilf mir!" rief Rosie, die ihrem Sohn noch gar nicht zuhörte.
Frodo stand im nächsten Augenblick neben ihr und schaffte es gemeinsam mit seiner Tochter, Hamfast wieder auf die Beine zu bringen und ihn zu stützen, damit er es in die Höhle schaffte.
Sie legten ihn auf sein Bett. Als Rosie sein Hemd aufknöpfte, sah sie überall Blessuren, Rötungen und Abschürfungen auf seinen Rippen. Eine war sogar schief, sie schien gebrochen.
"Wer war das?" fragte Rosie. Hamfast hustete.
"Das war Anson... der wollte das wohl..."
"Den erschlage ich, wenn er mir begegnet!" rief Melethiell wutentbrannt. Sie hielt Hamfasts Hand und war Rosie dabei behilflich, das Blut abzuwaschen und Hamfast saubere Kleidung anzuziehen.
Frodo holte Liliane herbei, die mit Nadel und Faden kam, um Hamfasts Wunde über dem Auge zu nähen. Sie hatte damit keine Schwierigkeiten, bei einigen der Kinder hatte sie böse Wunden bereits genäht, aber Melethiell konnte nicht hinsehen, als ihre Mutter das tat.
Hamfast ließ es stillschweigend über sich ergehen, er spürte diesen Schmerz kaum, er war nur froh, zuhause zu sein, bei Melethiell und mit einem weichen Bett im Rücken.
Sie hatte Tränen in den Augen. Sie war schuld daran, das glaubte sie zumindest.
Als alle bereits gegangen waren, saß sie neben ihm auf dem Bett und streichelte ihm zärtlich über die Wange. Hamfast lächelte.
"Dafür war es gut. Wirklich, ich habe diesmal nicht angefangen, aber ich... ich mußte doch... ich..."
"Hör auf", sagte sie. "Ich bin nur froh, daß du wieder bei mir bist!"
"Aber er hat mir die Armbänder genommen..."
"Ich mache dir neue. Ach Krümel..." Sie wischte sich scheu über die Augen und drückte seine Hand. Inzwischen haßte sie Anson, aber Krümel liebte sie über alles, sie spürte es allzu deutlich.
Er fühlte sich entsetzlich, aber seit er bei Melethiell war, ging es ihm ein wenig besser. Er blickte unentwegt zu ihr hoch und strich über ihre Hand, die noch immer zitterte.
"Ach, meine Liebe, der kommt nicht mehr. Ich habe ihm fast den Kiefer gebrochen, glaube ich, das müßte ihm doch reichen... Er hat Sachen gesagt, die... also... ich wollte mich wirklich nicht mit ihm schlagen, aber er hat das angezettelt, er war doch darauf aus! Und ich konnte mir das nicht anhören, er wollte dich tatsächlich nur für... ich... ich könnte ihn umbringen!"
Melethiell schüttelte den Kopf, sagte aber nichts dazu.
"Das tut vielleicht weh!" sagte er. Melethiell gab ihm einen Kuß auf die Wange und lächelte.
"Das glaube ich dir. Aber das wagt der nicht noch einmal. Ich hätte nicht gedacht, daß er so sein kann..."
Sie war gründlich auf ihn hereingefallen. Er war so freundlich zu ihr gewesen, um zu verschleiern, daß er eigentlich das genaue Gegenteil war, ein selbstsüchtiger Angeber. Sie hätte es niemals für möglich gehalten, aber die Liebe hatte sie blind gemacht.
Rosie kam mit einem Kräutertee für ihren Sohn. Auuch von ihr wurden keine Vorwürfe laut, niemand sagte etwas, denn diesmal war er ernstlicher verletzt als jemals zuvor und sie wußten alle, daß das nicht seine Absicht gewesen sein konnte. Er legte sich nicht allein mit vieren an.
Seit die Eltern gehört hatten, was Ansons Absichten mit Melethiell gewesen waren, waren sie eigentlich nur noch froh, daß sie ihn los war und nun zu Krümel gehörte. Es wunderte niemanden, daß Anson nun wütend auf Hamfast war und dieser auch nicht gerade Ansons bester Freund. Zu Recht, wie man fand.
Hamfast blieb einfach im Bett liegen und rührte sich nicht. Er tastete nur vorsichtig nach seiner angebrochenen Rippe, die höllisch schmerzte, und befand den Gedanken für besser, sich nicht zu bewegen.
Er fühlte sich wirklich nicht gut. Er schloß die Augen und schlummerte bald vor sich hin, weil der Tee ihn ein wenig beruhigt hatte, und darauf hatte Melethiell nur gewartet.
Sachte stand sie auf und verließ sein Zimmer, während sie überlegte, ob sie jemanden mitnehmen sollte. Sie entschied sich dagegen, konnte es aber nicht lassen, ins Wohnzimmer zu schleichen und dort den zwergischen Mithrildolch von der Wand zu nehmen, den ihr Vater einst von Gimli geschenkt bekommen hatte.
Sie hätte lieber ein Küchenmesser genommen, aber Rosie war in der Küche und würde es bemerken.
Ohne etwas zu sagen, nahm sie ihren Umhang und warf ihn über, dann verließ sie Beutelsend und steckte den Dolch in die Tasche.
Sie war auf dem Weg nach Oberbühl. Da gab es etwas zu klären.
Eine Wolke schob sich vor die Sonne, als Melethiell das Wäldchen erreichte. Als sie es hinter sich gelassen hatte, sah sie plötzlich den Ort des Geschehens, denn im aufgewühlten Sand waren noch Blutspuren zu erkennen.
Anson würde etwas erleben. Sie wollte gar nicht genau wissen, was er alles gesagt hatte, nur sollte er das niemals wieder tun.
Ihr erster Weg führte sie jedoch zur Werkstatt des alten Straffgürtel. Sie war zwar geschlossen, aber der Mann wohnte nebenan mit seiner Familie und so klopfte Melethiell dort entschlossen an der Tür.
Es dauerte nicht lange, bis der Tischler selbst öffnete und ein erstauntes Gesicht machte. Er hatte Melethiell zuletzt vor Jahren einmal bewußt gesehen und wußte sie deshalb nicht sofort einzuordnen.
"Ich komme wegen Hamfast", begann sie. Der Tischler blickte überrascht, dann bat er sie herein.
"Nun, junge Dame, komm doch herein! Wir müssen nicht vor der Tür sprechen."
Melethiell folgte ihm und setzte sich ihm gegenüber in die Küche.
"Du bist seine Freundin, habe ich Recht?" fragte der alte Straffgürtel. Sie nickte.
"Er wurde auf dem Heimweg von Milo und seinen Freunden überrascht. Es war wegen mir, sie hatten einen heftigen Streit und begannen schließlich auch, sich zu prügeln. Er war verletzt, als er zuhause ankam, und wahrscheinlich hat er einen Rippenbruch. Er wird in den nächsten Tagen nicht zur Arbeit kommen können, Herr Straffgürtel."
Der Tischler erwiderte ihren Blick ungerührt. Was er da hörte, wunderte ihn nicht wirklich, aber es entsetzte ihn umso mehr.
"Das ist keine gute Nachricht. Danke, daß du mir Bescheid gegeben hast, dafür habe ich großes Verständnis! Diese streitsüchtige Bande hat doch darauf nur gewartet. Man darf froh sein, daß nichts schlimmeres passiert ist!"
Melethiell nickte. "Ja, die anderen Jungs scheinen auch verletzt zu sein, so wie er sagte, er hat das nicht so leicht auf sich sitzen lassen. Er ist da manchmal zu aufbrausend..."
"Ach was", winkte der Tischler ab, "er ist ein guter Junge und er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und er hat dich wirklich sehr gern. Grüß ihn von mir, er soll wieder zu mir kommen, wenn es ihm besser geht. Eine Auszeit täte ihm ohnehin ganz gut!"
Es war für den alten Hobbit eine seltsame Situation, nun dem Mädchen gegenüberzusitzen, über das er doch des öfteren nachgedacht hatte. Aber sie paßte gut zu Hamfast, da bestand kein Zweifel, und sie war genauso freundlich wie der Junge.
Der Tischler geleitete sie wieder zur Tür, wo sie sich verabschiedete und zuerst so tat, als ginge sie in Richtung Hobbingen davon. Allerdings schlug sie dann einen anderen Weg ein und lief mitten nach Oberbühl hinein bis zu dem Ort, der heimlicher Treffpunkt für Anson und seine Freunde war. Er hatte ihr diesen Platz, den Hamfast auch kannte, einmal gezeigt.
Sie würde ihn zur Rede stellen und ihm sagen, daß er sie ein für allemal in Ruhe lassen sollte.
Aber ihr war ein wenig mulmig zumute, da sie nun wußte, womit sie bei Anson rechnen mußte. Deshalb hatte sie auch den Dolch bei sich.
Und in der Tat, die Jungs waren dort, wo Meli sie vermutete. Sie hatten sich zuerst dorthin geflüchtet, um dort festzustellen, was sie alles davongetragen hatten. Nur Ponto hatte sich herausgehalten und war unverletzt, aber Mosco hatte fast einen Nasenbeinbruch und Ansons Unterkiefer war in der Tat angebrochen. Hamfasts Tritt war äußerst hart gewesen.
Milo wischte sich noch das Blut aus dem Gesicht, er hatte einige Schürfwunden abbekommen, war aber ansonsten wohlauf.
Melethiell stand in einiger Entfernung und lauschte auf die leisen, wütenden Stimmen der Jungs, die sich natürlich gründlich über ihren Krümel aufregten, der ihnen ordentlich zugesetzt hatte.
Melethiell lag im Gebüsch hinter dem Versteck zuerst nur auf der Lauer und wollte wissen, was die Jungs ausheckten. Und in der Tat waren sie ganz schön wütend.
"Der soll mir nochmal unter die Augen treten und ich breche ihm seine Nase richtig!" fluchte Mosco und klang dabei aufgrund seiner dick angeschwollenen Nase etwas seltsam. Milo nickte zustimmend und mit einem düsteren Gesichtsausdruck.
"Der wollte wirklich was auf die Nase haben. Ich dachte bloß, als der da an uns vorbeispazierte, daß das ein Witz ist. Ein schlechter Witz. Das interessiert den nicht mal, der kommt einfach an und..."
"Also ich erinnere dich ja nur ungern daran, aber die Beutlin wär auch ohne den nicht zurückgekommen. Nicht nach dem Geschrei, das sie veranstaltet hat wegen dir..." unterbrach Ponto seinen Freund.
"Ja danke", murrte Anson und betastete weiter vorsichtig seinen Unterkiefer, wobei er schmerzhaft das Gesicht verzog. "Ich weiß das auch. Aber ich könnte trotzdem wetten, daß er daran beteiligt war!"
"Wir sollten ihm eine gewaltige Abreibung dafür verpassen", schlug Milo vor, während er zum Weiher vortrat und sein lädiertes Gesicht im Spiegelbild auf dem Wasser betrachtete. Dann fuhr er fort.
"Wir schnappen ihn uns, sobald er einen Fuß vor die Tür setzt, und setzen ihn in der Hütte fest. Da kann er uns dann kennenlernen! Verdient hat er es..."
"Er hat sie gegen mich aufgehetzt!" zischte Anson, was Melethiell überraschte. Scheinbar machte es ihm doch mehr aus, als sie vermutet hatte. Sie war ihm tatsächlich wichtig gewesen, in welcher Form auch immer, doch mit seiner Frage und seinem anschließenden Verhalten hatte er sie wirklich nicht gerade erfreut.
Sie überlegte schon, ob sie ihm die Wahrheit sagen sollte, nur wurde ihr bewußt, daß da etwas im Gange war, als die Jungs fortfuhren mit ihrer Diskussion.
"Der ist eben davongerannt wie ein Feigling!" fiel nun auch Mosco mit ein. "Ich hätte gut Lust, ihm zu zeigen, daß er die Angst auch wirklich haben darf! Ich könnte ihm jeden Knochen brechen, dieser arrogante..."
In diesem Moment lief neben Meli irgendein Tier durchs Unterholz und raschelte in den auf dem Boden liegenden Blättern. Sie schrak zusammen und lauschte auf die Jungs, die nicht weitersprachen, sondern sich sofort belauscht vorkamen. Sie waren alarmiert.
"Da ist einer", sagte Anson und Melethiell spürte, wie ihr heiß wurde. Er durfte sie nicht sehen!
Aber da kam er schon, er spähte ins Dickicht hinein und konnte sie sehen, weil sie ein so buntes Kleid trug.
"Ausgerechnet. Jetzt fängst du auch schon so an. Was soll das?" rief er. Melethiell stand auf.
"Was das soll? Eigentlich wollte ich kommen und dir sagen, wie scheußlich ich es finde, was ihr getan habt! Er hat nichts damit zu tun, also laßt ihn in Ruhe!"
"Und was gibt es zu belauschen?" fragte Anson und schlug sich hinein ins Dickicht. Melethiell stand auf und blickte ihm fest in die Augen.
"Ihr werdet ihm nichts mehr tun. Ihr seid so dumm! Warum tut ihr das alles?"
Ansons Gesichtsausdruck erhärtete sich. Er trat auf sie zu und packte sie unsanft an den Handgelenken. Melethiell hatte gar nicht reagieren können, so schnell war er dabei.
"Der hat es nicht anders verdient!" brüllte er wütend. Melethiell wurde rot vor Zorn.
"Ach nein? Hätte mir ja gerade noch gefehlt, daß ich einem Dreckskerl wie dir meine Unschuld schenke! Du widerst mich an, weißt du das? Hamfast hat mir die Augen geöffnet, weiter nichts, ich wär auch von selbst dahinter gekommen, wie gemein du bist!"
Anson wußte darauf im ersten Moment nichts zu erwidern, doch dann wurde sein Griff fester und er drehte sich halb um, weil er zu den anderen zurückgehen wollte.
"Laß mich los! Das tut weh!" schrie Melethiell und wollte stehenbleiben, aber er zerrte sie mit sich zu seinen Freunden, die mit vor der Brust verschränkten Armen dastanden. Milo grinste schief.
"Wen hätten wir denn da?" fragte er spöttisch. Melethiell schnaubte vor Wut.
"Bist du blind?" fauchte sie ihn an. Milo lachte.
"Wie süß. Kaum hauen wir dem Mistkerl eine rein, stehst du hier und beklagst dich. Herrlich. Was willst du jetzt tun?"
"Laßt es einfach sein! Hamfast hat damit nichts zu schaffen, ihr könnt doch nicht so dumm sein, daß ihr das nicht begreift! Ihr habt schon genug kaputtgemacht!"
Die vier Jungs sagten dazu überhaupt nichts. Anson grinste schief, Milo kicherte unterdrückt und dann sagte Anson: "Schön, ja, das kannst du sehen, wie du willst. Dein Hamfast hätte mir fast den Kiefer gebrochen, ich finde, das sollte er zurückbekommen!"
"Und er hat Rippen gebrochen! Was wollt ihr denn noch?"
Anson warf ihr einen unmißverständlichen Blick zu, dann drehte er ihr plötzlich unsanft die Arme auf den Rücken und packte sie mit dem anderen Arm, damit sie sich nicht mehr aus seiner Umklammerung herauswinden konnte.
"Laß mich los, verdammt! Was soll das?" schrie sie.
"Du gehst jetzt nirgendwohin. Er wird schon kommen, wenn du nicht wieder zuhause auftauchst, und dann darfst du zugucken bei dem, was wir mit ihm machen! Die Abrechnung kommt noch!"
"Nein!" schrie Melethiell und wollte nach Anson treten, aber es war zwecklos. Er hatte einen wahrhaft eisernen Griff und sich in den Kopf gesetzt, daß Melethiell nun mitkam.
"Laß mich!"
Sie wehrte sich nach Leibeskräften, doch ohne Erfolg. Die vier Jungs schlugen sich tiefer in den Wald hinein und schleppten Melethiell mit zu ihrer geheimen Hütte, die kaum jemand kannte. Es war kaum mehr als ein schief zusammengehämmerter Bretterverschlag, doch er erfüllte seinen Zweck, hatte ein Dach, eine verschließbare Tür und ein kleines Fenster, welches tatsächlich eine Glasscheibe hatte.
Wenn das Wetter schlecht war oder sie ganz unter sich sein wollten, zogen die Jungs sich dorthin zurück und jetzt war ihnen dieses Versteck wirklich willkommen.
"Das könnt ihr nicht machen! Das ist jetzt kein Spaß mehr! Hört auf!" schrie Melethiell, bis Anson plötzlich genug davon hatte, sie rücklings gegen die Hüttenwand warf und ihr erst eine Ohrfeige verpaßte und ihr dann den Mund zuhielt.
"Ich kann mich nicht daran erinnern, dich um deine Meinung gefragt zu haben!" bellte er, während ihr Tränen in die Augen schossen.
Ihre Hand glitt in die Tasche ihres Kleides, wo sie den Dolch umklammerte, aber noch wollte sie ihn nicht verwenden. Es war allerdings gut, zu wissen, daß er noch dort war.
Er hatte sie geschlagen. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun, er brachte es auch fertig und...
Sie schluckte hart.
"Das hast du nie, Anson, niemals wirklich!" entgegnete sie mit erstickter Stimme. Sie begann, ihn regelrecht zu hassen, und das war etwas, das sie sich zuvor nicht im Entferntesten hatte vorstellen können.
"Nein. Euch Mädchen darf man gar nicht fragen, so verklemmt, wie ihr seid! Dabei steht es uns doch zu!" erwiderte er hart. Melethiell zuckte zusammen.
"Das tut es nicht! Wenn du es wagst..." begann sie, aber daraufhin ließ er sie vorerst los und schubste sie in die kleine Hütte.
"Nein, das werde ich jetzt nicht. Du kratzt mir nur die Augen aus."
Melethiell schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Ob du mich nun einsperrst oder gleich über mich herfällst, macht keinen großen Unterschied! Und dann noch Hamfast verprügeln - ist dir eigentlich klar, was du hier tust?" fragte Melethiell. Anson zuckte mit den Schultern.
Nein, es war ihm nicht klar, aber es war ihm auch gleichgültig. Seine Wut war so groß, daß es ihn nicht mehr kümmerte.
"Glaubst du, der kommt, Anson?" fragte Mosco von draußen. Die Tür war geschlossen und Anson war allein mit Melethiell in der Hütte.
"Klar kommt der, keine Frage!" erwiderte Anson grinsend und rieb sich die Hände.
"Ich geh mal Ausschau halten", tat Milo kund und verschwand, als Anson darauf nichts erwiderte.
Melethiell starrte ihn düster an und wollte irgendwie zur Tür gelangen, aber er stand mitten im Weg, deshalb konnte sie nichts tun.
Melethiell wurde nervös. Ja, sobald Hamfast merkte, daß sie fort war, würde er sich auf die Suche begeben und sie war sicher, daß er wußte, wo sie zu finden war. Er durfte nicht kommen... aber sie hatte sich in eine gefährliche Situation begeben, die sie extrem unterschätzt hatte. Anson und seine Freunde waren derart außer sich, daß sie jetzt zu allem bereit schienen, und das machte ihr Angst. Das mußte sie zugeben.
Hamfast stöhnte und setzte sich aufrecht. In seinem Kopf hämmerte der unnachgiebige Schmerz, er spürte auch seine angebrochene Rippe allzu deutlich, aber davon ließ er sich jetzt nicht beeindrucken.
Melethiell schien gegangen zu sein, als er eingeschlafen war, aber jetzt wollte er nach ihr sehen und mit ihr sprechen.
"Meli?" rief er, als er sich an den Türrahmen lehnte und in den Flur hinausschaute.
"Wo bist du?"
Es kam keine Antwort.
"Mama?"
"Was ist denn, Hamfast?"
"Wo ist denn Melethiell?"
"Ich weiß es nicht, mein Junge."
Hamfast stöhnte, löste sich von der Wand und schwankte durch den Flur. Er hätte nie gedacht, daß seine Verletzungen ihm derart zusetzen konnten. Ihm tat alles weh, wahrscheinlich war er in wenigen Tagen am ganzen Körper grün und blau.
Er hatte es geahnt. Hamfast kannte sie fast schon zu gut, er hatte damit gerechnet, daß sie unüberlegt loslaufen und Anson ihre Meinung mitteilen würde.
Ihr Mantel war fort. Er mußte sich im Flur nur umsehen und stellte das sofort fest.
"Na wunderbar", brummte er und überlegte, was jetzt zu tun war. Er war nur vorübergehend eingenickt, aber scheinbar hatte ihr die Zeit gereicht, um zu verschwinden.
Sie konnte so dumm sein. Warum war sie so stur?
Dann würde er ihr folgen. Sie konnte noch nicht allzu lang fort sein, also konnte er sie noch einholen, denn er bezweifelte, daß sie Anson sofort fand.
Aber er brauchte diesmal Schutz. Das Schwert seines Vaters mitzunehmen fand er vermessen, und so kam er auf die gleiche Idee wie Melethiell kurz zuvor. Er wollte im Wohnzimmer nach dem Mithrildolch greifen - aber er war fort.
Ihm stockte der Atem. Was bei den Valar hatte sie vor?
"Hier bist du."
Hamfast fuhr herum und sah seinem Bruder Pippin ins Gesicht.
"Ich wollte sehen, wie es dir geht", sagte der Ältere und kam näher. "Mama sagte, du hättest dich mit Anson geschlagen."
"Unschwer zu erkennen, oder?" erwiderte Hamfast. Sein Auge war dick angeschwollen, seine Lippe an einer Stelle ebenfalls.
"Hast du dir etwas getan?" fragte Pippin.
"Eine Rippe scheint angebrochen, aber es geht. Nur hätte ich gern einen Verband dafür."
Pippin nickte und verschwand für einen Moment. Hamfast hörte ihn irgendwo rumoren, er ließ sich derweil auf das große Sofa fallen und starrte die an der Wand hängenden Schwerter an.
Wenn Anson ihr etwas zuleide tat, würde er ihn umbringen. Hamfast verlor den Verstand beim bloßen Gedanken daran, daß Melethiell etwas zustoßen könnte.
Er konnte auch nicht mehr klar denken.
Pippin kehrte mit einem langen Leinentuch zurück und schlug es doppelt, bevor er es um den nackten Oberkörper seines Bruders wand, vorsichtig, aber fest genug, um den Bruch zu fixieren.
"Geht es so?" fragte er besorgt. Hamfast nickte mit grimmigem Gesicht.
"Was ist denn?" wollte Pippin wissen.
"Sie ist weg. Wahrscheinlich ist sie zu ihm gegangen wegen mir."
"Wie meinst du das?" Pippin verstand nicht gleich, was Hamfast damit sagen wollte, aber dann wurde sein Bruder genauer.
"Sie ist zu Anson gegangen und wird ihn zurechtweisen wollen. Das halte ich für keine gute Idee."
"Ich auch nicht", murmelte Pippin zustimmend. "Und jetzt?"
"Ich muß sie suchen. Es ist mir egal, was dann passiert, aber ich muß sie finden!"
Pippin verzog das Gesicht. Diese Idee seines Bruders fand er nicht besonders schlau, er überlegte, ob er nicht jemand anderen damit betrauen konnte, aber Hamfast knöpfte sich bereits sein Hemd wieder zu und ging Richtung Küche.
"Warte!" rief Pippin. "Was ist mit Papa oder Onkel Frodo?"
"Sind doch nicht hier, oder? Alle sind weg!"
Ja, leider, das mußte Pippin einsehen. Wohin sie alle verschwunden waren, konnte er auch nicht sagen, er war erst vor kurzem nach Hause gekommen.
"Dann komme ich aber mit!" rief Pippin hinter Hamfast her und folgte ihm. Die beiden liefen an ihrer Mutter vorbei und griffen sich kurzerhand zwei der längsten Küchenmesser, ohne dazu etwas zu sagen.
Rosie starrte sie an.
"Was habt ihr denn vor?" fragte sie.
"Wir gehen Melethiell suchen", sagte Hamfast. "Sie ist fort."
Rosie blickte mit großen Augen auf die Messer in den Händen ihrer Söhne.
"Das ist nicht euer Ernst, oder?"
Sie nickten. "Doch", sagte Hamfast und erklärte seiner Mutter, daß er keine Wahl hatte. Er hatte an diesem Tag gesehen, wie skrupellos und brutal Anson sein konnte, damit hatte nicht einmal er gerechnet. Und er malte sich inzwischen die schrecklichsten Dinge aus, die Anson mit Melethiell anstellen konnte. Allem voran der Gedanke, daß er sich diesmal vielleicht mit Gewalt nahm, was er immer schon gewollt hatte...
Hamfast wußte nicht, was er dann tun würde. Es erschien ihm nicht einmal mehr abwegig, Anson dafür umzubringen, der Gedanke spukte ihm tatsächlich ihm Kopf herum und machte ihm gleichzeitig Angst.
Das konnte er nicht.
Aber er würde Anson schon zeigen, waer sich erlauben konnte und was nicht. Irgendwie würde er das schaffen.
"Wollt ihr nicht...?" begann Rosie, aber die Jungs schüttelten den Kopf. Sie wollten nichts, sie wollten jetzt losziehen, und das taten sie auch.
Als sie zur Tür gingen, begegneten sie Melethiells Bruder auf dem Flur.
"Was macht ihr?" fragte der Halbwüchsige. Hamfasts grimmiger Blick sprach jedoch schon Bände für ihn.
"Wir werden uns ein wenig mit Anson unterhalten", erwiderte er dann und verließ Beutelsend, dicht gefolgt von Pippin.
Perhail starrte den beiden sprachlos hinterher. Er wußte, daß Hamfast wütend war, das hatte er gehört. Und wenn Hamfast wütend war, war man besser nicht sein Gegner. Da war er genau wie sein Vater, der auch für Frodo gemordet hatte, sie alle kannten die Geschichten.
"Kannst du das überhaupt?" fragte Pippin.
"Was?" erwiderte Hamfast und bog am Fuße des Bühls ab auf den Weg nach Oberbühl.
"Nun... dich ihm so gegenüberstellen. Schon vergessen, was er vorhin mit dir gemacht hat?"
"Das tut nur weh. Solange ich mich noch bewegen kann, ist das nicht schlimm!"
Er spürte deutlich, wie gut ihm seine Ruhepause im Bett getan hatte. Zwar bewegte er sich noch recht mühsam angesichts seines Rippenbruchs, aber er hatte zumindest keine größeren Schwierigkeiten.
Sie sagten nichts für eine ganze Weile. Hamfast hatte nun genauso überstürzt gehandelt wie Melethiell zuvor, aber es war ihm egal, daß er jetzt keinen Plan hatte. Er würde nun durch Oberbühl laufen und nach Meli suchen, oder nach den Jungs, ganz egal. Sobald er einen traf, hatte er alle gefunden.
Pippin musterte ihn neugierig von der Seite. Sein Bruder war mit einem Mal noch kompromißloser als je zuvor, aber Pippin wußte auch, warum. Wenn es um Melethiell ging, hatte für Hamfast der Spaß immer schon aufgehört, und daß er nun für sie erst recht durchs Feuer ging, wunderte Pippin wirklich nicht.
Er stand aber hinter seinem Bruder, er hatte zwar nur eine vage Ahnung, worum es im Moment ging, aber die Gefahr war groß und sie mußten schnell handeln.
Zum Glück hatten sie Oberbühl bald erreicht. Hamfast wurde langsamer und hielt aufmerksam Ausschau, beobachtete alles, was sich bewegte, so gut er das mit einem Auge konnte. Sein zweites war so dick zugeschwollen, daß er gar nichts mehr dadurch sehen konnte.
Alles war ruhig. Die beiden schlichen auf die ersten Häuser zu und pirschten über die erste Straße, aber kaum daß sie an der Kreuzung im Dorf angekommen waren, blieb Hamfast hinter einer Ecke stehen.
"Da vorn ist einer von ihnen. Das ist Milo, ein wirkliches Ekel. Ich wette, es gibt einen Grund dafür, daß er dort steht!"
Pippin linste auch einmal um die Mauerecke an der Bäckerei und entdeckte Milo ebenfalls, der vor der Schmiede herumlungerte.
Die Abenddämmerung hatte inzwischen eingesetzt. Sie kam an diesem Tag früh, da der Himmel sich in kürzester Zeit zugezogen hatte. Jetzt war er mit einer Wolkendecke verhüllt.
"Dann sollten wir ihn doch mal fragen, was er dort tut, oder was meinst du?" flüsterte Pippin. Hamfast nickte und beschloß, ohne große Unschweife auf Milo zuzugehen. Er schreckte jetzt vor nichts mehr zurück, wenn es darum ging, etwas über Melethiells Verbleib zu erfahren.
Hamfast löste sich von der Wand und freute sich nicht gerade darüber, daß er nun etwas unansehnlich aussah, aber Milos Äußeres war nicht wesentlich beeindruckender.
"Nichts zu tun?" fragte Hamfast, während er auf Milo zuspazierte, der ihn noch gar nicht bemerkt hatte.
Der rundliche Hobbit schrak zusammen, dann erhellte sich sein Gesicht und er grinste fies.
"Tatsächlich, Anson hatte Recht. Da bist du auch schon!"
Pippin und Hamfast bauten sich gemeinsam vor Milo auf, der sich davon noch nicht beeindrucken ließ.
"Ich nehme also an, du weißt genau, wo Melethiell steckt?"
Milo grinste weiter. "Klar."
Mehr sagte er dazu nicht, aber Hamfast ließ sich davon nicht gleich provozieren. Er blieb noch ruhig.
"Und wann hast du vor, mir das auch mitzuteilen?" fragte er.
"Och... wenn du so erpicht darauf bist, Anson in seiner jetzigen Laune zu begegnen, soll es nicht an mir liegen..."
"Anson ist mir völlig egal, du Angeber. Ich will wissen, was mit Melethiell ist!"
Milo lachte heiser. Er fand Hamfasts Auftreten in diesem Moment zu köstlich.
Aber Pippins Geduldsfaden riß zuerst. Er hatte nicht vor, sich stundenlang von Milo piesacken zu lassen, so zog er flink sein Messer und hielt es Milo mit einem desinteressierten Gesichtsausdruck entgegen.
"Verkürzen wir die Diskussion. Du wirst uns sofort hinbringen, oder du lernst mich kennen!" zischte Pippin scharf.
"Von mir aus..." erwiderte Milo gelassen und grinste weiter, als er Hamfast in seinem augenblicklichen Zustand sah.
Damit drehte er sich um, aber Pippin blieb neben ihm und Hamfast ging an Milos anderer Seite. Beide wußten sie, daß es leider nicht falsch gewesen war, bewaffnet fortzugehen, das konnte ihnen viel Ärger ersparen.
"Was habt ihr mit ihr gemacht?" fragte Hamfast. Milo sah ihn schief an.
"Noch nichts, soweit ich weiß... aber wir dachten, daß du bestimmt auftauchst, wenn sie bei uns ist. Hat ja geklappt. Vielleicht überraschen wir die beiden ja in einem ungünstigen Augenblick, Anson sagte da etwas..."
Hamfast ballte eine Hand zur Faust. Er nahm sich vor, Milo jetzt nicht wie seinem Kumpan die Nase zu brechen, er sah ihn nicht einmal an.
Anson würde ihn kennenlernen, wenn er das tat.
Aber sie hatten es nicht weit und Melethiell war auch noch gar nicht lange in der Hütte im Wald, als sie dort eintrafen. Mosco und Ponto lungerten immer noch vor der Tür herum und begannen ganz aufgeregt an die Tür zu klopfen, als sie Milo mit seinen beiden Begleitern kommen sahen.
"Anson! Besuch!" rief einer und schon ging die Tür auf. Anson trat heraus und verriegelte die Tür direkt hinter sich, was Hamfast sofort wieder aufregte.
"Du kannst sie auch rauslassen, ich weiß, daß sie hier ist!" sagte Hamfast sofort und verschränkte vorsichtig die Arme vor der Brust, was aber direkt schmerzte wegen dem Knochenbruch.
"Noch nicht. Interessant, du hast sogar Verstärkung mitgebracht! Ich weiß nicht, ob die Idee so gut war..." Anson sprach mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme, aber er hatte kaum geendet, als plötzlich Melethiell voller Wut von innen mit den Fäusten gegen die Tür hämmerte.
"Hör jetzt endlich auf, Anson! Mach die Tür auf!"
Er schielte grinsend zur Tür und lachte böse.
"Das könnte dir wohl so passen! Nein, ich will mich allein mit deinem Hamfast unterhalten!"
"Scheusal!" schrie Melethiell von drinnen und warf sich einmal so kräftig gegen die Tür, daß diese fast aus den Angeln sprang. Mosco grinste, aber Hamfast wunderte das nicht. Natürlich war sie wütend.
"Laß nur, der kriegt seinen Denkzettel!" rief er zu Melethiell, was diese kurzerhand mißbilligte.
"Machst du da jetzt schon mit? Hamfast, laß uns einfach nur gehen!"
"Das würde ich ja", sagte er leise, "aber hier will jemand unbedingt wissen, wie es ist, wenn ich wirklich wütend werde!"
Hamfast und Pippin fanden sich jetzt zu zweit zwischen den vier gegnerischen Jungs wieder, die alle sehr angriffslustig aussahen.
"Und?" fragte Hamfast. "Was ist dein toller Plan, Anson?"
"Nun, ich weiß nicht... wenn ich jetzt die Tür öffne und du reingehst, um sie zu holen, könnte das ein Fehler sein!"
Hamfast bemerkte ein finsteres Blitzen in Ansons Augen, das ihm ganz und gar nicht gefiel.
"Ach ja? Glaubst du, ich fürchte mich vor dir?"
"Schluß jetzt, das ist kindisch!" zischte Pippin seinem Bruder ins Ohr, aber dieser reagierte nicht.
"Mach auf", sagte er zu Anson und griff wieder in seine Hosentasche, in der das Messer lag.
Anson war völlig verrückt. Er war ein dermaßen selbstverliebter Angeber, daß er Hamfasts bloße Existenz nicht ertragen konnte. Und das war das Gefährliche an der Situation.
Anson entriegelte die Tür tatsächlich, Melethiell öffnete sie schon von selbst und Hamfast trat auf sie zu, doch darauf hatte Anson nur gewartet. Er wollte Hamfast packen und hineinstoßen, als er an ihm vorbeigingg, allerdings hatte Hamfast geahnt, daß er etwas im Schilde führte.
Er griff blitzschnell nach Melethiells Hand, als sie ihm entgegenlief. Gleichzeitig schlug er mit einem Arm nach Anson, was diesen rücklings gegen die Hüttenwand warf.
Anson schnappte nach Luft und brüllte wutentbrannt auf, doch dann hielt er ebenfalls im Nu ein Messer in der Hand und war so flink, daß er es schaffte, die Klinge an Melethiells Hals zu halten.
"Ha! Was sagst du jetzt?" höhnte er. Hamfast hielt inne, ließ ihre Hand aber nicht los, als sie sich an ihn klammerte.
"Anson, hör auf, das bringt nichts! Du übertreibst maßlos, das ist es alles nicht wert, niemand will dir etwas! Kannst du es nicht ertragen, daß jemand deinen Stolz verletzt?" versuchte Hamfast, ihn zu beschwichtigen. Ihm wurde heiß, aber Melethiell stand noch ganz ruhig neben ihm.
"Schluß jetzt!" brüllte Pippin von der Seite und wandte sich den drei anderen Jungs zu.
"Bringt ihn zur Vernunft, bevor etwas passiert!"
Langsam bekam er es mit der Angst zu tun. Daß sie alle derart in Unvernunft verfielen, hatte er nicht ahnen können.
Ponto rührte sich nicht vom Fleck. Milo wollte etwas sagen, aber Anson war schneller.
"Das ist eine Sache zwischen mir und ihm! Wir werden das unter uns regeln, und zwar ohne euch!"
Die anderen sagten alle nichts. Anson starrte Hamfast in die Augen und zischte: "Laß sie los oder es wird dir leid tun!"
Melethiell schüttelte leicht den Kopf, aber Hamfast tat ihr zuliebe, was Anson verlangte. Er packte sie, zog sie an sich und ging mit ihr rückwärts in Richtung Unterholz.
"Ich würde an deiner Stelle mitkommen!" rief er Hamfast zu, der völlig irritiert dastand und nicht wußte, was er tun sollte.
Er nickte Pippin zu, der stehenblieb, dann folgte er Anson, weil er Melethiell schützen wollte.
Sie schlugen sich ins Dickicht. Melethiell wurde eisern von Anson festgehalten, während sie wie erstarrt auf sein Messer blickte.
Daß Hamfast auch eines zog, bemerkte sie erst im nächsten Augenblick.
"Warum tust du das überhaupt?" fragte Hamfast plözlich. Anson blieb stehen und starrte ihn giftig an.
"Du elender Mistkerl hast es nicht anders verdient, sie war mein Mädchen und es steht ja wohl außer Frage, daß du sie mir weggenommen hast! Du hast nichts weiter als Prügel verdient, das hast du ja gesehen, und wir hätten das auch unter uns ausmachen können..."
"Na los, ich schlage mich gern wieder mit dir, wenn es sein muß. Aber meinst du nicht, daß du maßlos übertreibst? Es kommt doch vor, daß man jemanden nicht mehr liebt, und du weißt ganz genau, daß du das wolltest, wovor ich sie gewarnt habe! Was ist also dein Problem?" erwiderte Hamfast ruhig, aber er umklammerte sein Messer immer fester. Er konnte nicht glauben, aus welcher Lappalie dieser Konflikt entstanden war.
"Sie war mir mehr wert, als du glaubst! Und außerdem tut man sowas nicht mit mir!" brüllte Anson zornig. Hamfast runzelte fragend die Stirn.
"Was sie dir wert war, habe ich gemerkt. Du hast sie behandelt, als wäre sie dein Spielzeug! Dein Stolz geht dir wirklich über alles, was?"
In diesem Augenblick rastete Anson völlig aus, denn Hamfast hatte Recht. Er stieß Melethiell hart in Hamfasts Richtung, der das Messer fallen ließ, um sie auffangen zu können.
Sie fiel in seine Arme, sonst wäre sie auf dem Boden aufgeschlagen, und er drückte sie fest an sich.
"Hör jetzt auf, das ist wirklich zuviel!" rief Hamfast und ging in die Knie, um nach dem Messer im Gras tasten zu können.
"Nein!" brüllte Anson und wollte sich mit erhobener Klinge auf Hamfast stürzen. Dieser stieß Melethiell zur Seite weg und warf sich zu Boden, so daß Anson ins Leere sprang.
Aber er konnte sein Messer nicht mehr finden.
Er wußte nicht, warum Anson ihn so entsetzlich haßte, aber er wollte ihm tatsächlich ans Leben. Hamfast schluckte hart und rollte sich zur Seite, wobei er einen Schmerzensschrei aufgrund seines getroffenen Rippenbruchs nur knapp unterdrückte.
Anson saß aufrecht neben ihm und wollte ihn mit dem Messer treffen. Melethiell schrie auf, als sie das sah, und nur so wich Hamfast schnell genug aus, damit das Messer sich nicht in seine Schulter bohren konnte.
"Wenn es dich nicht gäbe, hätte Milo seine Arbeit noch und ich mein Mädchen! Keiner darf mich so lächerlich machen, schon gar nicht du!" brüllte Anson. Hamfasts Augen weiteten sich. Er konnte Ansons Beweggründe zwar nicht verstehen, die ihn zu einem solchen Verhalten bewegten, aber daß es ihm durchaus ernst damit war, konnte er ohne weiteres erkennen. Anson rastete völlig aus. Hamfast hatte seinen Stolz an einer Stelle verletzt, die er besser nicht angerührt hätte.
"Hör auf!" brüllte er und wollte aufstehen, aber Anson riß ihn mit sich zu Boden. Er verlor sein Messer dabei ebenfalls, dann rollten die beiden über den Waldboden.
Melethiell zuckte zusammen, als sie das sah, aber dann handelte sie. Während die beidden Jungs wieder in eine anfängliche Prügelei verwickelt schienen, suchte sie hastig auf dem Waldboden nach den Messern und steckte die beiden zu ihrem Dolch dazu, damit die Jungs nicht mehr an die Messer gelangen konnten.
Sie folgte ihnen. Anson setzte Hamfast schwer zu, der versuchte, den vor Wut blinden jungen Hobbit von sich herunterzustoßen. Anson würgte ihn, er wußte überhaupt nicht mehr, was er tat, doch dann sammelte Hamfast alle Kraft, die er hatte, und stieß Anson von sich.
Er hatte nur nicht bemerkt, daß sie einem Abhang gefährlich nahe gekommen waren. Hamfast hatte Anson unabsichtlich über die Kante gestoßen. Als er die Augen öffnete und sehen wollte, wo Anson geblieben war, konnte er ihn nicht mehr sehen.
Er setzte sich keuchend aufrecht. Melethiell hastete zu ihm und ging neben ihm in die Knie.
"Krümel..." flüsterte sie und umarmte ihn stürmisch. Hamfast konnte ihre Umarmung nicht erwidern, seine Blicke waren auf dem Abhang festgefroren und er kroch ein Stück nach vorn, um zu sehen, wo Anson geblieben war.
Der Abhang war extrem steil, es war Erde mit Felsblöcken durchsetzt und er war mit Sicherheit an die hundert Fuß hoch.
Und Anson hatte sich mit beiden Händen am nächsten Felsblock, keine zwei Fuß von der Oberkante enfernt, festgekrallt und versuchte vergeblich, mit den Füßen Halt zu bekommen. Er konnte jedoch ohne Hilfe nicht nach oben gelangen.
Hamfast und Melethiell knieten beide sprachlos über Ansons Kopf.
Er war nicht abgestürzt, aber er würde fallen, wenn sie ihm nicht halfen.
Hamfast zögerte nicht. Zwar brachte Anson es nicht einmal fertig, ihn um Hilfe zu bitten, obwohl er ihn bemerkt hatte, aber das war Hamfast egal.
Er legte sich über dem Abhang bäuchlings auf den Boden, Melethiell setzte sich auf seine Beine, um ihm Halt zu verschaffen, und er stöhnte schmerzerfüllt auf.
Er lag genau auf seiner Rippe.
"Nimm... meine Hand", stieß er hervor und reichte Anson die Hand. In dessen Augen war jeder Haß erloschen, denn der Schock über seine momentane todesgefährliche Situation wog schwerer als alles andere.
"Warum tust du das?" fragte Anson.
"Ich werde dich nicht sterben lassen, das ist mir der Streit doch nicht wert! Das sollte er dir auch nicht sein. Wir sollten aufhören, Fehler zu machen."
Ohne zu antworten packte Anson Hamfasts Hand und ließ sich von seinem Erzrivalen, der vor Schmerzen aufschrie, mühselig nach oben und in Sicherheit ziehen. Melethiell packte nach Kräften mit an, auch sie zog Anson hoch, dann schließlich lag dieser neben den beiden und rührte sich nicht.
"Verschwindet", brachte Anson mit geschlossenen Augen hervor.
"Es ist vorbei. Geht."
Hamfast erhob sich mühsam und tastete nach seiner verschobenen Rippe. Das war eindeutig zuviel für ihn gewesen.
Er half Melethiell auf und legte einen Arm um sie. Ein letztes Mal sah er zu Anson, der reglos liegenblieb, dann liefen die beiden durchs Unterholz davon.
"Pippin!" rief Hamfast und hörte kurz darauf seinen Bruder herbeilaufen. Die drei trafen kurz vor dem Waldrand aufeinander und ohne etwas zu sagen, liefen sie nach Oberbühl hinein.
"Wartet", sagte Pippin und lief einmal um die beiden herum. Dann begann er, den Dreck von der Kleidung seines Bruders abzuklopfen. Melethiell half ihm nach Kräften dabei.
"Nach Hause", sagte Hamfast und dann sah er zu Melethiell, die er nun hastig in seine Arme zog und gar nicht mehr loslassen wollte.
"Tu das nie wieder", flüsterte er und unterdrückte seine Tränen nur mühsam. Melethiell strich ihm zärtlich über den Rücken.
"Nein, es war dumm, ich weiß..."
"Ich liebe dich", sagte Hamfast und küßte sie liebevoll. Dann nahm er ihre Hand und zu dritt liefen sie nach Hause zurück.
Siebtes Kapitel: Im Mondschein
Sie hatten eigentlich keinen Ärger bekommen. Es waren nur alle froh, daß die drei wohlbehalten wieder zurück waren. Außerdem drohte ihnen nun von Anson nichts mehr.
An diesem Abend beschloß Hamfast bereits sehr früh, schlafen zu gehen. Er hatte nun lange genug mit seinen Eltern gesprochen, er hatte immer noch Schmerzen und war sehr erschöpft. So verabschiedete er sich sehr bald, aber Melethiell ging mit ihm.
"Ich möchte heute nicht allein sein", flüsterte sie, als die beiden im Flur standen. Hamfasts Augen wurden groß.
"Was meinst du damit?"
"Es wird wahrscheinlich eng... aber ich... würdest du heute Nacht bei mir bleiben? Wenn du magst... vielleicht ist ja genug Platz in meinem Bett..."
Einen kleinen Umzug hatte auch Perhail schon organisiert. Der mittlerweile zwanzigjährige Bruder von Melethiell hatte sein Bett kurzerhand ins Mädchenzimmer verfrachtet und beschlossen, daß er in der nächsten Zeit im Zimmer seiner Schwester schlafen würde, um auf sie aufpassen zu können. Melethiell sagte dazu nichts, denn vernünftig gesehen war das übertrieben - doch man konnte nie wissen und damit er seinen Frieden hatte, ließ sie ihn machen, was er wollte.
"Ich in deinem Bett?" fragte Hamfast. Melethiell nickte.
"Möchtest du nicht?"
"D-doch... aber... Mama und Papa... wir..."
Jetzt lachte sie belustigt. Sie wußte genau, was er sagen wollte.
"Ach komm. Wir sind doch brave Hobbits, oder? Die sollen sich nicht so anstellen, Goldfranse und Fael sind ja auch noch da und... naja, aber ich möchte eben, daß du da bist."
"Das wäre schön..." stimmte Hamfast zu. Und so war es beschlossene Sache. Er holte seine Sachen und zog sich um, dann schlüpften sie beide unter Melis Decke und versuchten irgendwie, zu zweit in ihrem Bett Platz zu finden.
Als Frodo noch einmal nach seiner Tochter sehen wollte, blieb er zur Salzsäule erstarrt in der Tür stehen, die beiden schliefen schon fast und bemerkten gar nicht seinen sorgenvollen Gesichtsausdruck.
Aber er ging wieder, ohne etwas zu sagen.
"Dein Papa macht sich Sorgen wegen mir", murmelte Hamfast schlaftrunken und zog Meli noch ein wenig dichter in seine Arme. Sie schmiegte sich zufrieden an ihn.
"Ach was. Der soll sich mal aufregen, er ist doch selber Vater!"
Hamfast kicherte. "Ja, aber da war er schon mit deiner Mutter verheiratet."
"Ich weiß, er hat bestimmt Angst wegen..." begann Meli und prustete los.
"Was denn?"
"Naja... also wenn du nach deinem dreizehnfachen Vater kommst..."
Hamfast blinzelte sie mit einem Auge an und guckte streng.
"Nur ein bißchen. Keine Sorge, ich verspreche dir, ich werde nie etwas tun, was du nicht willst, und vor unserer Hochzeit schon gar nicht."
Die beiden kicherten leise. Nein, Hamfast würde sich schon zurückhalten.
Aber das sah Frodo in diesem Moment plötzlich ganz anders.
"Wie siehst du denn aus?" fragte Liliane, als sie sein Gesicht sah.
"Ach, nichts."
"Lügner! Nun sag schon."
"Hamfast liegt im Bett unserer Tochter."
Er sagte das ganz ernst, aber irgendwie so trocken, daß Liliane ungehalten lachen mußte und sich bald nicht mehr halten konnte.
Sie ließ sich aufs Sofa fallen und hielt sich den Bauch.
"Allein?" fragte sie, als sie wieder Luft bekam.
"Nein, mit ihr!"
"Natürlich. Weshalb sonst sollte der Vater sich auch aufregen?"
Mit einem belustigten Lächeln verfolgte Liliane aufmerksam, wie Frodo unruhig herumlief und so zu tun versuchte, als hätte er keine Sorgen. Er war ein unsäglich schlechter Schauspieler, dem sie an der Stirn ablesen konnte, was ihm durch den Kopf ging.
Was ist, Herr Beutlin? fragte sie, während sie sich mit fast gelangweiltem Gesicht an den Türrahmen lehnte. Wie ein gehetztes Tier fuhr Frodo herum und sah sie nervös an.
Deine Ruhe möchte ich haben!
Daß du sie ganz offensichtlich nicht hast, ist kaum zu übersehen. Was hast du auf dem Herzen?
Liliane verschränkte seelenruhig die Arme vor der Brust, stand bequem in der Tür und schaute fast amüsiert zu Frodo, dessen entgeistertes Gesicht einfach zu komisch war für seine Frau.
Du kannst Fragen stellen! murmelte Frodo mit gedämpfter Stimme. Das können wir doch nicht machen, die beiden... die beiden sind nicht volljährig, sie... also wenn da etwas passiert, könnte ich keine Nacht mehr ruhig schlafen!
Ungehalten prustete Liliane los vor Lachen und ging ins Wohnzimmer, dann schloß sie die Tür hinter sich, damit niemand zuhören konnte, und konnte kaum aufhören zu kichern. Frodo blickte sie todernst und verständnislos an, weil er nicht begreifen konnte, wie sie als Mutter die Brisanz der Situation nicht erkannte.
Würdest du mir erklären, was daran so lustig ist? Unsere Tochter ist gerade vierundzwanzig Jahre alt!
Auf diese Worte hin hielt Liliane sich den Bauch und lehnte sich an die Wand, weil sie sich anders nicht halten konnte, so sehr lachte sie.
Du... du bist verrückt, Frodo! stellte sie gelassen fest, als sie wieder Luft bekam. Erstens ist Hamfast ebenfalls vierundzwanzig Jahre alt - was ich gar nicht so jung finde - und zweitens mußt du dir mal überlegen, daß die beiden zusammen in diesem Haus, gemeinsam unter diesem Dach, aufgewachsen sind! Du kannst ihnen doch nicht verbieten, hier zusammen zu leben!
Frodo war langsam auf Liliane zugegangen und stand nun vor ihr, er hatte sich beruhigt, aber er nahm ihre Hände sanft in seine und seufzte, dann sah er sie an.
Das nicht. Aber die beiden können doch nicht einfach... sie... sie liegen jetzt zusammen in einem Bett drüben, ich meine... ich würde es mir nie verzeihen, wenn...
Hör mal, unterbrach Liliane ihn. Du bist doch daran gar nicht beteiligt! Es geht dich auch gar nichts an, was die beiden tun. Und falls du das vergessen haben solltest, auch unser Sohn schläft in diesem Raum, genau neben ihnen, und solange das der Fall ist, wird da überhaupt nichts passieren! Was stellst du dir vor? Wenn sie vor hätten, dich ins Unglück zu stürzen und uns alle mit dir, dann könnten sie das auch ganz woanders und würden das auch mit Sicherheit woanders tun. Du kannst sie nicht kontrollieren, dafür sind sie zu alt! Und außerdem reden wir hier über Sams Sohn. Hamfast ist wie sein Vater, er ist ein junger Hobbit, der weiß, was Ehre ist. Er hat nämlich welche. Er ist gewiß der letzte, der jetzt darauf erpicht wäre, Vater zu werden und sich und unsere Tochter damit unglücklich zu machen!
Frodo starrte sie reglos an. Natürlich wußte er, daß Hamfast zu verantwortungsbewußt war, als daß er jetzt einen derartigen Fehler begehen würde - aber er wußte auch, daß seine Tochter so frech wie ihre Mutter und manchmal auch so hitzköpfig war...
Warum nur sind sie nicht volljährig, meinetwegen soll sie ihn heiraten, sie darf sich ja aussuchen, wen sie heiraten will, bei den Valar... aber... doch nicht jetzt schon, sie ist... noch so jung! stammelte Frodo verwirrt. Er wußte nicht, wie er damit ungehen sollte.
Liliane seufzte und faßte ihn am Arm, um ihn sanft, aber bestimmt zum Sofa zu dirigieren, wo er sich setzen sollte. Ihm gegenüber nahm sie im Sessel Platz, nahm seine Hände und versuchte, ihn zu beruhigen.
Sie ist nicht mehr dein kleines Mädchen, Frodo. Sieh sie dir an, sie ist eine Frau geworden, genau wie dein Sohn auch erwachsen wird. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, sie ist erwachsen und sie verhält sich auch so. Ich in ihrem Alter habe auch nach netten Jungs Ausschau gehalten, ich war nur drei Jahrer älter, als ich Gundbert zum ersten Mal begegnet bin! Wir hätten damals auch genügend Unfug anstellen können, aber wir haben es nicht getan. Du weißt doch selbst, daß man das nicht muß!
Du mußt dich daran gewöhnen, daß du nicht mehr auf sie aufpassen mußt. Das tut Hamfast jetzt, das hat er immer schon getan. Mir war klar, daß es so kommen würde! Und es ist gut so. Sie könnte keinen besseren finden als Sams Sohn. Er trägt sie auf Händen!
Das wußte Frodo alles selbst. Aber er wußte ebenso, daß manchmal der Verstand aussetzen konnte, das kannte er, seit er Liliane begegnet war... sie hatte ihn verändert, und sie hatte etwas an sich, das ihn fesselte. Manchmal war er so verrückt nach ihr, daß er nicht mehr darüber nachdachte, was er eigentlich tat. Nur war er mit ihr verheiratet...
Alles war anders in dieser Situation. Es war unvermeidlich, daß die beiden zusammen waren, denn sie waren gemeinsam aufgewachsen und lebten noch immer zusammen. Daran gab es nichts zu rütteln, nur war das etwas, was es sonst nirgends gab.
War man unverheiratet, lebte man zuhause bei Eltern und Familie, man konnte erst mit jemandem zusammen sein, wenn man das Treueversprechen geleistet hatte. Das geschah für gewöhnlich jedoch nicht vor der Volljährigkeit.
Frodo hielt diese eigentlich ungeschriebenen Regeln im Auenland zwar für etwas überkommen und hatte sich mit Liliane ebenso darüber hinweggesetzt wie seine Tochter und Sams Sohn es gerade taten... wenn auch unfreiwillig, aber das änderte nichts an der Tatsache.
Er fiel auch so schon genug auf. Zwar kümmerte ihn das Gerede der Leute nicht, aber er wurde inzwischen alt, er war immer anders gewesen und konnte damit leben - aber er war auch immer unabhängig gewesen, gebildeter, einfach freier.
Aber die Kinder waren es nicht. Sie hatten sich anders in dieser Welt zurechtgefunden als er, sie würden immer dort leben, liebten ihre Heimat und mußten mit den Regeln dieser Gemeinschaft zurechtkommen. Es würde sie vor unüberwindbare Probleme stellen, wenn sie jetzt einen Fehler machten. Selten war es passiert und dumm fand Frodo die Ausgrenzung speziell der Mädchen, die als unverheiratete Mütter dastanden, aber so war es nun mal.
Er hätte nichts einzuwenden gegen eine Heirat, aber noch war es bei weitem zu früh.
Er wollte sich am liebsten alle Haare ausreißen. Seinetwegen konnten die beiden machen, was sie wollten, doch die Bewohner Beutelsends wurden immer skeptisch betrachtet, ungeachtet der Tatsache, daß die Leute Sam als Bürgermeister hoch schätzten.
Es war wegen ihm. Gamdschies waren anders angesehen als er mit seiner Familie.
Frodo wußte an der Liebe der Kinder nichts zu verteufeln, aber er wußte, wie vorsichtig sie sein mußten. Hoffentlich waren sie es...
Frodo?
Lilianes Stimme riß ihn aus seinen wirren Gedanken. Er verzog das Gesicht.
Frodo, mach dir keine Sorgen. Es wird nichts geschehen. Mir gefällt es zwar nicht, wie sehr sich jetzt die Meinung anderer in unser Leben einmischt, aber die Kinder wissen selbst, wie sie sich verhalten müssen. Ich finde es genauso albern wie du und die beiden werden es auch nicht gutheißen, aber sie wissen darum.
Liliane sprach unwissentlich seine Gedanken aus. Auch ihr war es gleichgültig, was die Kinder taten, aber sie hatte einst Ausgrenzung kennengelernt.
Und dennoch fürchtete sie nicht, daß die beiden unüberlegt handelten.
Komm schon, sagte sie. Laß die beiden, sie fühlen doch nicht anders als wir. Es ist nur Liebe, und Liebe ist in erster Linie ein Gefühl.
Damit erhob sie sich und zog Frodo hinter sich her. Sie wollte endlich schlafen gehen, und sie würde auch dazu in der Lage sein, ein Auge zuzutun.
Von diesem Tag an blieb es dabei. Hamfasts Zustand besserte sich schnell, die Schwellung seines Auges ging zurück und er konnte spüren, wie der Bruch an seiner Rippe langsam wieder verheilte.
Schon gegen Ende der nächsten Woche stand er wieder beim Tischler vor der Werkstattür, aber der alte Straffgürtel wollte ihn nicht sehen. Es war noch zu früh, befand er, und so wurden Hamfasts Ferien verlängert.
"Bevor der Bruch nicht verheilt ist, lasse ich dich nicht arbeiten! Du bist mir wirklich schon zu fleißig", sagte er augenzwinkernd. Aber Hamfast streunte einmal durch die Werkstatt und sah sich alles an, es roch fast wie ein Zuhause, das er vermißte.
Der Tisch war inzwischen fertig, der Tischler hatte sich darum gekümmert, und er kam mit seiner Arbeit auch ohne Hamfast gut nach.
Also ging Krümel unverrichteter Dinge wieder nach Hause und konnte ein wenig faulenzen.
Perhail zog natürlich aus dem Zimmer seiner Schwester wieder aus, sogar Goldfranse wollte das angesichts Hamfasts Daueraufenthalt tun, aber Melethiell bat sie, zu bleiben.
"Keine Sorge, wir werden dich schon nicht nerven", sagte sie. "Und außerdem geben unsere Eltern Ruhe, wenn jemand mit im Zimmer schläft!"
Sam hielt Hamfast natürlich wieder hochpeinliche und noch dazu endlose Vorträge, aber Melethiell war frech genug, plötzlich hereinzuplatzen und zu sagen: "Als würde ich ihn in Beutelsend verführen!"
Sam erwiderte nichts vor Schreck, aber die beiden standen ihm lachend gegenüber und kochten ihm auch eine Tasse Tee, damit er wieder Farbe im Gesicht bekam.
Sie gewöhnten sich alle daran. Hamfast hatte sein Bett neben Melethiells gestellt und schlief nun immer bei ihr und seiner älteren Schwester in einem Raum. Im Prinzip gab es dagegen auch nichts zu sagen, da sie schon unter einem Dach lebten, konnten sie auch im selben Zimmer schlafen.
Aber es sollte eines nachts eins seiner langjährig wohlgehüteten Geheimnisse offenbaren.
Melethiell lag mit dem Rücken zu ihm, aber in seinen Armen und schlummerte fest. Sie lächelte im Schlaf und träumte irgendetwas schönes, jedoch nicht so Hamfast.
Er begann plötzlich, sich unruhig herumzuwälzen, kalter Schweiß stand ihm in Tropfen auf der Stirn und seine Lippen formten sich tonlos zu Worten.
Melethiell blinzelte schläfrig, als er seinen Arm unter ihr wegziehen wollte und murrte unwillig. Dann jedoch öffnete sie beide Augen und sah ihn an. Sein Gesicht war zerfurcht.
Er hatte einen Alptraum, das konnte sie sehen.
"Krümel..." flüsterte sie und legte ihre Hand auf seine Schulter, um ihn sanft wachzurütteln.
"Krümel."
Aber erst, als sie ihn sanft küßte, schlug er langsam die Augen auf und hatte plötzlich Tränen in den Augen.
"Oh nein... was ist denn?" fragte sie und legte ihre Hand an seine Wange. Er schluckte hart und schloß die Augen, aber ihm kamen dennoch die Tränen.
"Komm mal her", flüsterte sie und zog ihn hoch, dann umarmte sie ihn ganz fest, um ihn zu trösten. Hamfast hielt sich schluchzend an ihr fest und bebte am ganzen Leib.
"Was ist denn los?" fragte Melethiell ratlos. Hamfast sah sie unglücklich an.
"Es ist wegen damals. Es ist so lang her, aber es läßt mich nicht los", flüsterte er tonlos.
"Die Entführung..." Melethiell begriff langsam, was er meinte.
"Ja..."
Die beiden legten sich wieder hin, Melethiell schlang die Arme um ihn und lächelte warm. Er sollte sich erst einmal beruhigen.
"War es so schlimm?" fragte sie verständnisvoll. Er hatte es ihr niemals gesagt, er hatte zu niemandem jemals darüber gesprochen, und daß er noch immer Alpträume hatte, überraschte sie etwas. Immerhin lag es schon so lang zurück und er hatte immer so getan, als wäre es kein Problem mehr für ihn.
Aber das war es eben doch. Er war noch ein Kind gewesen, keine dreizehn Jahre alt, und hatte den Tod fürchten müssen.
"Deshalb habe ich es nie gesagt", flüsterte Hamfast, "weil es so schlimm war. Ich dachte, es genügt, wenn ich allein darüber nachdenken muß..."
Melethiell schüttelte heftig den Kopf. "Ach Unsinn, du hättest es mir wirklich sagen können!"
Er verzog das Gesicht.
"Willst du es denn jetzt wissen?"
Sie hielt überrascht die Luft an. Im Mondschein, der fahl durch die geschlossenen Vorhänge ins Zimmer hineinschlich, sah sie ihm tief in die Augen und stellte fest, daß er das ehrlich gemeint hatte. Ehrlich und ernst.
"Du mußt es nicht sagen, auch jetzt nicht, wenn du nicht möchtest." Sie wollte ihn schon fast davon abhalten, aber jetzt hatte er etwas beschlossen.
"Doch, du sollst es jetzt aber wissen, damit du mich verstehst. Ich... ich habe immer schon dafür sorgen wollen, daß es dir gut geht, aber seit damals ist das... anders, ich... ich wollte damals nicht, daß sie dir etwas tun, ich habe nur daran gedacht, daß du fliehen kannst und wohlbehalten nach Hause kommst. Und das war seitdem immer so, ich habe mir immer Sorgen um dich gemacht und gehofft, daß es dir gut geht. Und auch wenn ich manchmal etwas übertrieben reagiere... es gibt einen Grund dafür. Du sollst nie erfahren müssen, was ich kennengelernt habe."
Die beiden unterhielten sich nur im Flüsterton. Hamfast sprach ganz ruhig, aber wie sehr es ihn innerlich aufwühlte, konnte sie in seinen Augen sehen.
"Ich verstehe dich schon..."
"Nein, das tust du nicht, das kannst du gar nicht. Dafür verstehe ich aber deinen Vater und die Angst, die er manchmal hat. Und ich bewundere ihn, daß er die grauenhaften Erinnerungen erträgt, die er noch immer hat. Er hat Dinge erlebt, die mich vollends brechen würden."
"U-und du?" fragte Melethiell. Sie konnte den Blick nicht mehr abwenden. "Was ist geschehen?"
"Ich träume meist dasselbe. Es sind weniger Bilder, die ich sehen kann. Wie denn auch. Aber dennoch verdichtet sich der Traum immer zu Bildern, denn später wußte ich ja, wie meine Entführer aussehen. Du warst gerade fortgelaufen, als dieser große Kerl mich zu Boden geworfen hatte. Er hat den Knebel so fest gebunden, daß ich kaum schlucken konnte, er schnitt in die Haut, ich habe keinen einzigen Ton mehr herausbekommen. Er hat mir die Hände auf dem Rücken gefesselt, so fest, daß ich sie irgendwann nicht mehr spüren konnte. Ich hatte entsetzliche Angst. Und dann hat er mir die Augen verbunden und alles wurde dunkel.
Es tat weh. Sie haben mich nach Wasserau gebracht, getragen hat er mich, und dann saß ich unten in diesem Keller. Tagelang. Ich weiß es nicht aus eigener Erinnerung, Papa hat mir hinterher gesagt, wie lang es wirklich war, aber mir erschien die Zeit, als wären es Jahre."
Er schluckte hart, aber er sprach nach einer kurzen Pause ungerührt weiter. Viel verängstigter war in diesem Augenblick Melethiell, die seine Hand umklammerte.
"Und dann saß ich da unten. Ich habe von oben das laute, wütende Gebrüll von diesem Kerl und den anderen gehört, wie sie darüber entschieden, ob ich leben oder sterben soll. Ich habe es verstanden, obwohl ich nicht viel hören konnte, ich wußte einfach, was sie sagten. Und es war dunkel und kalt unten in diesem Loch. Mäuse liefen durch die Wände und die Decke, ich konnte sie hören, wenn sie hinter mir vorbeiliefen. Anfangs wußte ich nicht, ob sie nicht gar durch den Raum laufen, aber das taten sie nicht.
Den Knebel hatte der Kerl mir wieder abgenommen, aber ich konnte nichts sehen. Die ganze Zeit über nicht, damit ich sie nicht wiedererkennen kann. Alles war finster, ich saß gefesselt und damit hilflos Stunde um Stunde da und habe nur an dich gedacht. Immer wieder. Ich dachte daran, wie gut es war, daß ich dir diese Hölle erspart hatte. Und da habe ich dann begriffen, was du mir bedeutest. Ich habe mich daran erinnert, was mir wichtig ist, und du fielst mir sofort ein. Damals wußte ich nicht, daß es Liebe ist, aber so war es.
Und ich hoffte nur, daß ich dich wiedersehen dürfe. Mehr wollte ich gar nicht. Ich wollte nur aus diesem feuchtkalten Loch heraus, ich wollte wieder sehen können, mich bewegen können, und zu dir. Du hast mir entsetzlich gefehlt."
Melethiell schluckte hart und wußte nicht, wie sie reagieren sollte. Das hatte sie alles nicht gewußt, sie hatte keine Ahnung gehabt, was sie Hamfast angetan hatten.
Sie wagte nicht, sich die Situation auszumalen.
"Und davon träume ich immer. Ich träume davon, wie ich versuche, meine Hände zu spüren, wie ich stundenlang an meiner Schulter die Augenbinde abstreifen will, ohne es zu schaffen. Es ist alles dunkel. Aber dann sehe ich dich, immer nur dich..."
Erneut traten ihm Tränen in die Augen. Und da verstand Melethiell, warum es den aus ihm gemacht hatte, der er jetzt war. Er war schon damals in sich gekehrt gewesen, ernst und unfreiwillig früh erwachsen.
Natürlich war er ihr aus dem Weg gegangen. Inzwischen konnte sie es verstehen.
Aber sie glaubte ihm jetzt erst recht, wie sehr er sie liebte. Damals, in der schlimmsten Situation seines Lebens, hatte er an sie gedacht und das voller Liebe.
Es bestand kein Zweifel mehr.
"Oh nein, Krümel... das... jetzt verstehe ich... aber... ich liebe dich. Ich hoffe, du weißt das, und das wird sich auch nie ändern!"
Sie küßte ihn und er drückte sie fest an sich. Jetzt, wo er sie hatte, war alles besser.
Es war einer der letzten warmen Tage des Jahres. Die goldene Herbstsonne verlieh den fallenden Blättern eine immense Leuchtkraft, das Licht schien durch die dünnen roten, gelben oder orangefarbenen Blätter, wenn sie von den langsam entlaubten Bäumen zu Boden schwebten. Dünne Wolken wurden von einem sanften Wind über den Himmel geschoben, ein seltsamer Schimmer lag über den abgeernteten Feldern, die ebenfalls im Licht erstrahlten.
Die Sonne sank bereits dem Horizont entgegen, als die beiden jungen Hobbits sich Hand in Hand auf den Weg machten zu einem kleinen Spaziergang. Ihr Tagwerk war getan, sie hatten nun frei und wollten einfach gemeinsam allein sein.
Der Herbstwind spielte mit ihren Locken. Besonders Hamfast war guter Dinge, sein Meister war zufrieden mit ihm, der nun genesen zur Arbeit zurückgekehrt war und fleißig seinen Dienst tat wie immer.
"Ich bin wirklich stolz auf dich", sagte Melethiell und legte den Kopf an seine Schulter. Die beiden schlenderten ins Nichts hinaus, den Weg hinab Richtung Wasserau, begegneten nur kleinen Bäumen am Wegrand und einigen Kühen auf der Wiese, die das kärglich werdende Gras auf dem Hügel abweideten.
"Ich möchte gern eine eigene Werkstatt haben. Ich möchte einmal gut für meine Familie sorgen können! Genau wie Papa, der hat das mit dreizehn Kindern geschafft!"
"Aber du willst keine dreizehn Kinder haben?" fragte Melethiell mit einem kritischen Seitenblick.
"Nein!" rief Hamfast. "Nein, ich hoffe, dazu kommt es nicht. Das wäre zuviel Arbeit! Und ich denke, man hat es als Mutter so schwer, wenn da immer wieder ein Kind kommt und..."
Melethiell sah ihn nachdenklich an.
"Ich stelle mir das aber auch schön vor. Bei deiner Mutter konnte ich doch immer sehen, wie das ist. Wie meine Mama Fael bekommen hat, weiß ich nicht mehr so genau. Aber wenn ich da an Robin und Tom denke, daran kann ich mich sehr gut erinnern! Die beiden waren so niedlich..."
"Du möchtest Kinder haben?" fragte Hamfast leise.
"Natürlich!" rief Melethiell. "Das bleibt doch auch gar nicht aus. Aber... aber es sollen deine sein. Ich will dich als Vater meiner Kinder!"
Hamfast schluckte und wurde rot. Überglücklich zog er sie an sich und küßte sie zärtlich auf die Stirn.
"Du weißt, ich hätte mir nie vorstellen können, Kinder zu haben, die nicht von dir sind..."
Engumschlungen standen die beiden auf dem kleinen Feldweg und Melethiell seufzte.
"Ich habe mich bei niemandem je so geborgen gefühlt wie bei dir. Ohne dich könnte ich nicht sein!"
Hamfast lächelte. "Und ich erst. Du bist mein Leben, Melethiell, und du wirst es immer sein."
Damit spazierten die beiden noch ein Stückchen weiter. Irgendwann kam kurz vor Wasserau eine sichtlich bis unters Dach mit Heu gefüllte Scheune zum Vorschein, woraufhin Melethiell plötzlich zu grinsen begann.
"Weißt du noch, wie wir früher als Kinder immer in diese Scheune gegangen sind und uns mit Heu beworfen haben? Das hat immer so schön geduftet..."
"... und es waren so viele kribbelige kleine Tiere darin..." fügte Hamfast scherzhaft hinzu. Melethiell lachte.
"Oh ja. Aber es war immer schön. Sollen wir wieder hineingehen?"
Er nickte und führte sie an der Hand bis vor das große, dunkle Tor, das nur locker mit einem Riegel verschlossen war, den er ohne Weiteres zurückschieben konnte.
"Bitte sehr, hübsche Dame, nach Ihnen!" sagte er grinsend mit einem schelmischen Blitzen in den Augen und hielt ihr das Tor auf. Melethiell betrat die Scheune und sog tief die dunstig-warme Luft ein, die ganz vom frischen Heuduft erfült war.
"Das ist so schön!" sagte sie und lief voraus bis zur kleinen Leiter, die oben auf den Speicherboden führte. Dieser hatte ein mit Läden verschlossenes Fenster, das sie zu öffnen gedachte.
Sie kletterte, dicht gefolgt von Hamfast, die Leitersprossen hinauf und schritt langsam über die knarzenden Dielen unter ihren nackten Hobbitfüßen. Meterhohe Heuberge waren zu beiden Seiten aufgetürmt und mittendrin, über einem weiteren Heuhaufen, war das Fenster, zu dem Melethiell sich über das duftige Heu hochkämpfte. Dann öffnete sie die Läden und konnte hinausschauen in den blutrot anmutenden Sonnenuntergang, der bereits begonnen hatte und nun das ganze Land überstrahlte.
"Sieh mal, wie wundervoll das ist", sagte Melethiell. Hamfast blickte stumm staunend hinaus, als er im Heu neben ihr stand. Erster Dunst legte sich über die umgebenden Wiesen, irgendwo war verebbendes Kindergeschrei zu vernehmen, dann war alles still.
Es war dämmrig in der Scheune. Melethiell ließ ich rücklings ins Heu fallen und lachte.
"Das ist ganz weich! Komm mal runter!"
Hamfast dachte gar nicht daran. Er nahm mit beiden Händen eine große Menge Heu auf und warf es genau auf Melethiells Bauch. Sie pustete einzelne Halme aus ihrem Gesicht und nieste.
"Sehr freundlich, Herr Gamdschie!" sagte sie, streckte ein Bein aus und zog ihm seine unter dem Körper weg, so daß er genau neben ihr auf dem Bauch landete.
Er hustete.
"He, das kannst du nicht machen!"
"Kann ich nicht?" fragte sie spöttisch zurück und warf sich übermütig auf ihn, um ihn in die Seiten zu pieksen.
"Du wirst sehen, was ich alles kann!" sagte sie und küßte ihn leidenschaftlich. Hamfast schlang die Arme um sie und rollte sich mit ihr herum, um schließlich auf ihr zu liegen und wieder die Kontrolle über seine freche Freundin zu haben.
"Dein Vater sagte mal, du seist wie deine Mutter. Ich glaube, das stimmt, ich wette, die ist genauso gemein wie du!"
"Oh!" rief Melethiell empört und zwickte ihn ins Ohrläppchen. Er lachte laut.
"Siehst du, das meine ich!"
"Jaja..." Mehr sagte Melethiell nicht dazu. Sie schloß mit einem Seufzer die Augen und räkelte sich genießerisch unter ihm. Hamfast ließ seine Blicke über sie schweifen. Ihr ebenmäßiges, feinzügiges Gesicht erschien ihm ganz entspannt, er stupste eine Locke aus ihrer Stirn, die fast über ihr Auge fiel, und küßte sie in die Halsbeuge.
Sie trug ihr blaues Lieblingskleid mit dem feinen Blümchenmuster im Stoff. Er ließ seine Lippen bis an ihren runden Ausschnitt wandern und legte dann ein Ohr auf ihre Brust, um auf ihren Herzschlag zu lauschen.
Sie atmete ganz ruhig, er konnte es hören. Mit einem Finger fuhr er den helleren Einsatz nach, der das Kleid bis zur Taille trichterförmig schmückte, spielte vergnügt mit den kleinen Schleifen an ihrem halblangen Ärmel herum und tippte auf jede kleine Blume, die er auf ihrem Kleid entdecken konnte. Er begann an ihren Schultern und ließ die Hand ein wenig weiter hinabwandern, berührte jedoch ihre Brust nicht und zupfte dann am Rockansatz ein wenig herum, bis sie ihn mit einem Auge fragend ansah.
"Was hat der Herr denn vor?" flüsterte sie leise und winkelte ein Bein an. Mehr unabsichtlich rutschte der Rock ihres nicht allzu langen Kleides damit hinab bis an ihre Hüfte.
Hamfasts Augen wurden groß, was Melethiell unwillkürlich amüsierte.
"Es ist nur mein Bein", sagte sie, aber das zählte für den schwer schluckenden Jungen nicht, der seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte und fast in ihren träumerischen Augen zu versinken drohte.
"Nur dein Bein? Du glaubst gar nicht, wie schön du bist, mit allem, was zu dir gehört!"
Sie grinste und fuhr ihm durch die Locken.
"Du willst sagen, du hältst es nicht aus, mich halb unbekleidet zu sehen?"
Er küßte sie auf die Wange und nickte.
"So kann man es auch ausdrücken. Ich bin völlig verrückt nach dir!"
Um ihn ein wenig zu ärgern, winkelte sie auch das andere Bein noch an, so daß der gesamte Rock in sich zusammengefallen auf ihrer Hüfte lag. Hamfast hielt die Luft an.
"Was machst du denn mit mir?" rief er überrascht, woraufhin sie lachen mußte.
"In erster Linie mache ich mit mir etwas, ich mache doch nur Unfug mit meinem Kleid..."
"Und genau das bringt mich gerade um! Unfug trifft die Sache..." Hamfasts Stimme zitterte leicht, aber sie hatte bereits einen Plan, richtete sich auf und warf ihn zurück ins Heu.
Mit einem spöttischen Grinsen setzte sie sich genau auf seinen Schoß und breitete den weiten Rock ihres Kleides auf ihm aus. Hamfast schloß die Augen und sagte gar nichts. Sie konnte inzwischen spüren, was in ihm vorging, das merkte sie ganz genau, seit sie auf ihm saß. Und das war natürlich Absicht gewesen.
"Hilfe..." murmelte er leise. Melethiell kicherte.
"Was denn, willst du nicht?" fragte sie und fuhr flüchtig mit den Fingern über seine Stirn. Er öffnete ein Auge und grinste breit.
"War nur ein Scherz. Als hätte ich etwas dagegen!"
Er wagte gar nicht daran zu denken, daß sie unter ihrem Kleid weiter überhaupt nichts trug. Melethiell drehte die Knöpfe seines Hemdes in ihren Fingern, spielte geduldig damit herum, aber nur solange, bis er plötzlich hochschoß und die Arme um sie schlang.
"Du bringst mich um!" sagte er leise und lächelte dabei. Sie machte sich noch ein wenig schwerer, was ihn nach Luft schnappen ließ.
"Ich weiß... meinst du vielleicht, ich merke das nicht?" fragte sie grinsend und schlang die Beine um seine Hüfte.
Er ließ den Kopf auf ihre Schulter sinken.
"Meli, du bist entsetzlich... wundervoll..." sagte er mit bebender Stimme. Sie schenkte ihm einen langen Kuß.
"Weiß ich auch", erwiderte sie und nahm seine Hände, um sie auf ihre Brust zu legen. Hamfast wagte es gar nicht mehr, die Augen noch einmal zu öffnen. Er konnte sich seiner Gefühle nicht länger erwehren, jetzt war es zu spät.
Er knöpfte ihr Kleid auf dem Rücken auf und zog es ihr langsam von den Schultern. Melethiell ließ ihn gewähren und zögerte schließlich nicht länger, das Kleid ganz auszuziehen. Er hielt sich die Augen zu, als sie so auf ihm saß, aber sie ließ keine Gnade walten und zog ihm sein Hemd nun ebenfalls aus, während sie noch immer auf ihm saß und damit weiterhin einen gewissen Druck auf seine Lendengegend ausübte.
Er rührte sich überhaupt nicht, denn er versuchte mit aller Gewalt, den Spieß nicht sofort umzudrehen und mit ihr das anzustellen, was ihm gerade durch den Kopf ging.
Aber sie machte es immer schlimmer. Als sie ihm seine Kniehose auszog und dann wieder an dieselbe Stelle setzte wie zuvor, stockte ihm der Atem und er umklammerte fassungslos ihre Hand.
"Meli..." flüsterte er tonlos. Sie lächelte.
"Was denn, Krümel?" erwiderte sie so, als wüßte sie nicht, was er sagen wollte.
Er erhob sich, dann begann er, sie am ganzen Körper zu streicheln und drückte sie derweil unter sich ins Heu. Sie seufzte leise und ließ ihn gewähren, erwiderte seine Zärtlichkeiten nur zu gern, spürte seine Lippen auf ihrer Haut und strich langsam über seinen Rücken, was ihm eine Gänsehaut verursachte.
"Ich wünschte, wir wären jetzt älter und verheiratet... das ist so gemein, warum sind wir es nur nicht?" sagte er. Melethiell zuckte mit den Schultern, aber in ihren Augen erkannte er ebenfalls Bedauern.
"Das wäre wirklich schön... ich hätte gar nichts dagegen... aber solange es nicht so ist, müssen wir uns mit etwas anderem begnügen."
Sie beide wollten unter keinen Umständen, daß etwas passierte, und so schwer es ihnen beiden fiel, sie blieben bei ihren unverfänglichen Liebkosungen. Hamfast berührte sie am ganzen Körper, was sie mit leidenschaftlichen Küssen beantwortete, sie drückte sich an ihn und wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Aber dann hatte sie etwas anderes vor und saß schließlich wieder auf ihm, bewegte sich ganz leicht, so daß er es spüren konnte, und malte kleine Schlangenlinien mit dem Finger auf seine Brust.
Hamfast glaubte, er müsse im nächsten Augenblick vor Glückseligkeit sterben. Er konnte jedoch die Finger einfach nicht von ihr lassen und streichelte sie ganz sacht, um ihr nicht wehzutun.
Sie kugelten durchs Heu und konnten gar nicht mehr voneinander lassen, sie schlang die Beine um ihn und zog sich an ihn, um ihn so dicht an sich zu spüren wie in diesem Moment nur möglich, und bat ihn, nicht mit seinen Zärtlichkeiten aufzuhören.
Ihnen wurde heiß. Er küßte ihre Brust und ihren Bauchnabel, sie ließ ihn gar nicht mehr aus ihrer Umklammerung entkommen, und gerade in dem Moment, in dem sie sich nach Luft schnappend an ihn preßte und zusammenzuckte, konnte auch er sich nicht mehr zurückhalten und sank keuchend in ihre Arme.
"Was..." entfuhr es ihr und sie klang zutiefst erschrocken. Sie ließ von ihm ab und er richtete sich auf, wischte sich noch den Schweiß von der Stirn, und dann sah er, was sie meinte.
Er hatte nicht aufgepaßt, da war ein Fleck in ihrem Schoß, der da eigentlich niemals hätte sein dürfen...
Er griff nach seinem grauen Hemd und wischte ihn hastig fort. Melethiell starrte ihn entsetzt an.
"Kann jetzt etwas passieren?" fragte sie. Er zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht... aber ich denke, weil... also... damit wirklich etwas passieren kann, hätten wir jetzt... also da an der Stelle ist das nicht schlimm, glaube ich."
Aber viel gefehlt hatte nicht mehr, das war ihnen beiden klar. Sie waren so stürmisch gewesen, daß sie nicht mehr gemerkt hatten, wie nah er ihr tatsächlich schon gekommen war.
"Meinst du?" fragte sie besorgt. Er legte sich neben sie und sie kuschelte sich in seine Arme.
"Ja, meine ich", sagte er, und er war sich dessen auch sicher. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, was er mit einem Mädchen vor der Heirat nicht tun dürfe, und da gehörte das nicht zu.
Dennoch war auch ihm nicht wohl dabei. Er würde es sich nicht verzeihen, wenn sie deswegen ein Kind erwartete - nicht jetzt...
Sie blickten beide aus dem geöffneten Fenster unter dem First. Die ersten Sterne funkelten am dunkelblauen Firmament, der Sichelmond gesellte sich ebenfalls schon dazu, irgendwo raschelte etwas in der Nähe im Unterholz. Es war noch nicht spät, aber es war Herbst, deshalb wurde es soviel früher dunkel.
"Das ist, als könne man fliegen, wenn man nur lange genug in den Himmel schaut. Ich sehe viel mehr Sterne, sie scheinen sich fast zu bewegen. Würde ich jetzt stehen, würde ich wahrscheinlich umfallen", sagte Melethiell verträumt. Ihre Augen glänzten, sie war glücklich, jetzt in diesem Augenblick nicht mehr besorgt.
"Ja... fliegen", flüsterte Krümel. "Wenn ich das könnte, ich würde dich mitnehmen. Aber es ist schon fast, als könnte ich fliegen, wenn ich mit dir zusammen bin.
Bis zu den Sternen. Aber auch noch weiter, viel weiter, und du bist dabei. Das ist Liebe."
Sie nickte und küßte ihn liebevoll. Für eine ganze Weile lagen sie da und blickten zu den Sternen, dann standen sie irgendwann auf und zogen sich wieder an, um sich auf den Rückweg nach Hause machen zu können.
Melethiell spürte seine warme Hand um ihre, und es fühlte sich wundervoll an. Sie brauchte das, sie brauchte ihn, einfach seine Gegenwart. Ohne ihn konnte sie nicht sein.
Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Melethiell lief nervös in ihrem Zimmer herum und starrte aus dem Fenster.
Ihr ging seit Tagen nichts anderes durch den Kopf. Es war etwas mehr als eine Woche her, daß sie und Hamfast den Abend in der Scheune verbracht hatten mit dem etwas unglücklichen Ausgang.
Melethiell hatte keine Ahnung, ob das kleine Unglück, resultiert aus Hamfasts Unfähigkeit, sich noch länger zurückzuhalten, nun Folgen haben konnte oder nicht.
Aber sie hatte Angst. Sie malte sich dauernd aus, wie sie vor ihren Eltern stand und ihnen sagen mußte, daß sie nun mit vierundzwanzig wahrscheinlich ein Kind erwartete.
Dabei hatten Hamfast und sie doch beschlossen, bis nach ihrer Heirat nichts zu tun, was eine Schwangerschaft riskieren könnte. Und das hatten sie ja auch nicht. Aber es war trotzdem schiefgegangen...
Sie ließ sich schwer aufs Bett fallen. Sie war nun schon seit zwei Tagen überfällig und das machte ihre Sorge nicht besser. Seit diesem Abend fragte sie sich, ob das nah genug gewesen war oder nicht.
Es machte sie noch völlig verrückt. Mit ihm hatte sie nicht mehr darüber gesprochen, weil sie sich albern vorkam und ihn damit nicht belasten wollte, solange sie nicht wußte, ob an ihrer Befürchtung etwas dran war.
Bloß jetzt nicht Mutter werden...
Sie schloß die Augen. Sie verfluchte es, daß sie nicht besser aufgepaßt hatten.
Zwei Tage schon überfällig... was, wenn es dabei nun blieb? Sie wußte, das war ein erstes Anzeichen dafür, daß sie ein Kind unter dem Herzen trug.
Sie vergrub das Gesicht in den Händen.
Er würde natürlich schockiert sein, aber er würde zu ihr halten. In Beutelsend würden alle zu ihr halten, da war sie sicher, und das war auch nicht ihre Angst. Sie fürchtete auch nicht, nun sein Kind zu bekommen, überhaupt Mutter zu sein, sie würde doch ohnehin keinen anderen wollen als ihn und irgendwann sowieso Kinder mit ihm haben.
Sie mochte Kinder.
Aber was die Leute sagten, das war das Problem. Eigentlich hatte niemand in Beutelsend damit etwas zu schaffen, aber leichter machte das Getratsche der ewig eifernden Hobbits die Situation ebenfalls nicht.
Sie würde damit leben. Natürlich würde sie das, sie würde das hinnehmen, sie würde stärker sein, sie würde einfach mit Hamfast darüber hinwegsehen...
Wenn es denn so war, dann sollte es auch so sein. Wenn sie jetzt Mutter wurde, konnte sie daran ohnehin nichts mehr ändern, und das wollte sie auch nicht.
Natürlich war es zu früh, aber ansonsten hatte sie damit kein Problem. Nur alle anderen würden eins haben, doch sie sah nicht ein, daß sie sich davon unterkriegen lassen sollte.
Aber sie fürchtete die Blicke. Sie hatte Angst, dadurch und für alle Zeit eine Außenseiterin zu sein, denn sie kannte Mädchen, denen es so ergangen war. Und auch vn denen hatte keine verstanden, warum man sie so verstieß. Und nur sie, nicht die Väter der Kinder, dabei lebten viele von ihnen noch immer mit diesen zusammen und hatten glückliche Familien.
Sie verstand nicht, wie die Leute so sein konnten. Nicht sie allein war doch daran beteiligt! Hamfast würde es auch auf sich nehmen, da bestanden keine Zweifel, aber sie würde es sein, die darunter zu leiden hatte.
Es war so ungerecht und das regte sie auf. Niemanden ging es etwas an, was sie mit Hamfast tat oder umgekehrt...
Sie wollte das jetzt alles nicht.
Aber Fakt war, sie war überfällig und daran änderte sich auch in dieser Minute nichts.
Plötzlich hörte sie, wie die Haustür aufging. Ja, es war an der Zeit, das würde Hamfast sein, und genau seine Gegenwart brauchte sie jetzt auch.
Sie stand auf und ging zur Zimmertür, lehnte sich an den Rahmen und vergrub die Hände in ihrer Schürzentasche.
"Meli!" rief Hamfast erfreut, als er sie sah, er warf seine Tasche in die Ecke und schloß sie gutgelaunt in die Arme.
Sie erwiderte seine Umarmung so zögerlich, daß er es sogleich bemerkte.
"Was ist denn?" fragte er, dann bemerkte er auch schon ihr bekümmertes Gesicht.
"Hast du Zeit?" wollte sie wissen und er nickte, dann ließ er sich von ihr ins Zimmer ziehen und schloß die Tür hinter sich.
Sie setzten sich nebeneinander, Arm in Arm, auf ihr Bett und sie seufzte, dann blickte sie betreten auf ihre Füße, um ihn nicht ansehen zu müssen.
"Was hast du auf dem Herzen?" fragte Hamfast mit einem Lächeln und suchte ihren Blick.
"Krümel, ich... ich bin seit zwei Tagen überfällig", sagte sie leise und schluckte.
"Überfällig...?" fragte er ratlos, weil er nicht sofort wußte, was sie meinte.
"Du weißt doch, alle vier Wochen etwa..." begann sie und suchte noch nach Worten, wie sie es ihm erklären sollte, aber schon nickte er verstehend.
"Ach so... und das kommt nicht?"
Sie schüttelte den Kopf. "Aber das sollte es."
"Was bedeutet das jetzt?" fragte er, denn er wußte noch immer nicht, worauf sie hinauswollte. Das alles war ihm zu unbekannt.
"Das bedeutet... also... wenn das nicht in den nächsten Tagen kommt, dann... dann bekomme ich wahrscheinlich ein Kind."
Und auf diese deutlichen Worte hin erbleichte Hamfast und erstarrte.
"Oh nein", flüsterte er. Er nahm hastig ihre Hand und drückte sie, biß sich auf die Lippen und dann erhob er sich langsam, um wie ein gefangenes Tier im Kreis herumzulaufen, auf und ab durchs ganze Zimmer.
Er sagte nichts dabei, aber als er die vierte Runde gedreht hatte, schüttelte Melethiell resignierend den Kopf.
"Du machst mich noch wahnsinnig damit!" sagte sie und sah ihn an. Tränen standen in ihren Augen.
"Meine Liebe..." entfuhr es ihm und er fiel vor ihr auf die Knie, nahm wiederum ihre Hand und bette seinen Kopf auf ihre Knie.
"Tut mir leid", sagte er. "Aber das... das zieht mir jetzt den Boden unter den Füßen weg."
Eine Träne kullerte über ihre Wange und sie schniefte leise.
"Ich weiß... ich wollte das nicht, aber... du... du mußt doch..."
"Ja, sicher, das geht mich so an wie dich, es ist richtig, daß du mit mir sprichst. Aber... oh nein, das ist... was..."
Er wußte nicht, was er sagen sollte, doch dann erhob er sich wieder, krabbelte hinter sie aufs Bett und zog sie seitlich in die Arme.
Sie begann leise zu schluchzen. Jetzt brachen Angst und Verzweiflung aus ihr heraus, jetzt, wo sie ihn bei sich hatte und mit ihm sprechen konnte.
"Nicht doch..." flüsterte er und strich über ihre Locken. Melethiell klammerte sich traurig an ihn und schüttelte den Kopf.
"Dann ist es schiefgegangen, obwohl wir doch... warum bloß..."
"Beruhige dich", sagte er. "Wenn das wirklich so ist, was wir ja noch nicht wissen... also ich weiß zwar nicht, wie wir das machen sollen, aber ich bin ganz sicher, daß wir beide das schaffen. Dann heiraten wir eben jetzt, wenn unsere Eltern nichts dagegen haben, wird das schon gehen. Mein Papa ist Bürgermeister, er kann das erlauben!"
Noch zeigten seine beruhigenden Worte keine sonderliche Wirkung, aber er verlor nicht die Geduld.
"Ach Meli... ich liebe dich, und das zählt. Wenn du jetzt wirklich ein Kind bekommst, dann ist das auch mein Kind, das darfst du nicht vergessen. Ich bin genauso dafür verantwortlich und ich werde es lieben. Nichts kann uns trennen und... das wird schwer, aber ich werde immer bei dir sein und für dich und unser Kind sorgen. Irgendwie. Und niemand wird dir Schwierigkeiten machen, wirklich absolut niemand!"
"Das sagst du..." murmelte sie unter Tränen. Er nickte und zog sein Taschentuch, um ihr die Tränen abzuwischen.
"Ja, das sage ich. Aber am besten behalten wir das vorerst für uns, es allen zu sagen hat Zeit. Denn vielleicht ist der Spuk morgen schon vorbei, wer weiß..."
Sie sagte nichts. Hamfast hielt sie fest im Arm, aber er regte sich innerlich unheimlich auf.
"Ich Idiot", sagte er. "Mir glaubt doch niemand, daß du mir deine Unschuld noch nicht geschenkt hast! Jetzt wollten wir schon warten und ich Dummkopf kann nicht aufpassen..."
"Nein, das ist doch nicht deine Schuld! Ich hätte einfach nur... aber ich wollte... ich habe auch nicht aufgepaßt!"
"Schon, aber das kam nicht von dir!" widersprach er augenzwinkernd und sie mußte unter Tränen lächeln.
"Stimmt..." sagte sie.
"Das wird schon. Wir warten jetzt ab, und wenn wir dann irgendwann sehen, daß du ein Kind erwartest, überlegen wir uns, was zu tun ist!"
Melethiell nickte und hörte auf zu weinen. Hamfast blieb noch eine Weile mit ihr sitzen und tröstete sie. Seine Gegenwart erleichterte sie bereits ungemein.
Zum Abendessen hin war alles wieder vorbei und Hamfast konnte Melethiell dazu bewegen, auch etwas zu essen. Aber er sah sie mit anderen Augen, jetzt, wo sie davon gesprochen hatte, daß sie vielleicht ein Kind bekam.
Und er konnte sich Melethiell als Mutter vorstellen. Bei allen Schwierigkeiten, die ihnen jetzt als Eltern bevorstanden, konnte er ein gewisses Gefühl des Glücks und des Stolzes nicht abstreiten.
Wenn er jetzt wirklich Vater wurde, würde er sich freuen, das nahm er sich jetzt vor. Er sagte sich einfach, daß er das nicht negativ sehen durfte. Wollte er auch gar nicht. Die Sorgen wollte er anderen überlassen, Melethiell brauchte dabei seinen Beistand!
Und dennoch stand er nach dem Abendessen vor der Haustür und linste zu seinem Vater, der geschäftig Kastanien im Garten aufsammelte mit Hilfe von Robin und Tom.
Er überlegte, ob er seinen Vater fragen sollte, ob überhaupt etwas geschehen sein konnte in der Situation, in der er sich mit Melethiell befunden hatte. Er vertraute seinem Vater, Sam würde ihm den Kopf schon nicht abreißen...
Aber Hamfast wollte keine Pferde scheu machen und seinem Vater jetzt nicht unbedingt auf die Nase binden, was mit Melethiell gewesen war. Der arme Sam hatte genug andere Sorgen.
Er ging zurück zu Melethiell und verbrachte den Abend mit ihr. Sie war sehr anhänglich, fast furchtsam, saß ganz nervös auf seinem Schoß und guckte immer wieder vielsagend zu ihm. Er lächelte ehrlich, er meinte es so, er wollte sich jetzt nicht beunruhigen lassen und das färbte schließlich auf sie ab.
Als die beiden im Bett lagen, kuschelte er sich an sie und schloß sie fest in seine Arme. Goldfranse war bereits eingeschlafen, als er sagte: "Und wenn schon, das ist das schönste Liebeszeichen überhaupt! Irgendwann möchte ich das sowieso."
Melethiell nickte schläfrig. "Ja, ich auch. Du bist bestimmt ein wundervoller Vater."
"Und du die beste Mutter der Welt."
Damit schliefen sie bald ein und alle Ängste des Tages waren vergessen.
Am nächsten Morgen hieß es ausschlafen, denn es war Wochenende und Hamfast hatte nicht zu arbeiten.
Die Sonne war längst aufgegangen und erhellte die herbstliche Landschaft, als Melethiell sich plötzlich unruhig im Bett herumzuwälzen begann und schließlich die Augen aufschlug.
Sie fuhr senkrecht in die Höhe und schlug hastig die Decke zurück, so daß Hamfast sogar davon geweckt wurde.
"Was..." murmelte er schlaftrunken und blinzelte. Melethiell starrte ungläubig auf das Laken unter ihr und ließ sich wieder auf die Matratze neben ihn fallen.
Ein Stoßseufzer entfuhr ihr und sie deutete auf das, was sie so aufregte. Hamfast folgte mit dem Blick in die ihm gewiesene Richtung und begann zu grinsen.
"Dann ist ja alles in Ordnung", sagte er und sie verzog das Gesicht. Sie war geweckt worden von einem seltsamen warm-klebrigen Gefühl an den Beinen, und dann hatte sie gesehen, woher das rührte.
Da war Blut. Im ersten Moment hatten beide sich darüber gefreut wie noch nie, doch dann erhob Melethiell sich mit unglücklichem Gesicht und starrte auf ihr völlig verschmutztes Nachthemd.
"Wundervoll", sagte sie mit ironischem Unterton. Wenn sie etwas haßte, dann das.
"Ach, ist doch nicht so schlimm", sagte er ruhig. Er sah das nicht zum ersten Mal, er hatte genug Schwestern, die laut genug über so etwas zetern konnten, und verstehen konnte er es irgendwo. Aber es interessierte ihn nicht sonderlich, er nahm es als gegeben hin.
Melethiell zog sich sofort ein neues Nachthemd an und verschwand dann kurz, um sich zu waschen und zu vermeiden, daß auch weiterhin alles verschmutzt würde. Danach legte sie sich auf ein Tuch zurück ins Bett zu Hamfast und kuschelte sich erleichtert an ihn.
"Damit ist ja alles gut", sagte er und küßte sie. "Aber es wäre auch nicht schlimm gewesen, wenn es anders gekommen wäre."
Und sie wußte, wie er das meinte.
Achtes Kapitel: Auf Messers Schneide
Die Zeit verging. Irgendwann wußte jeder in Hobbingen und Umgebung, daß die beiden sich gefunden hatten, und natürlich hatte auch jeder eine mehr oder weniger kundige Meinung dazu. Seltsam fanden es einige und andere gar unmoralisch, da doch beide unter einem Dach lebten, aber natürlich wußte auch niemand, wie man das hätte ändern sollen.
Manche nahmen es gar nicht ernst, aber es gab auch einige, die durchaus nichts zu kritisieren hatten.
Und selbst wenn es jemand tat, das kümmerte Hamfast und Melethiell herzlich wenig. Sie ging für eine ganze Weile, wenn auch nicht für die Dauer einer normalen Lehrzeit, zum Bäcker und wurde bald sehr firm in der Herstellung von konditorischen Köstlichkeiten. Schließlich wollte sie auch etwas zu tun haben und die übliche Hausarbeit wurde für sie mit den Jahren auch nicht interessanter. Sie wußte, was sie wissen mußte, konnte die Wäsche waschen, Kleidung stopfen, kochen und saubermachen, aber sie vermied die meisten dieser Tätigkeiten, wo sie nur konnte. Einzig das Kochen bereitete ihr Freude.
Hamfast war das gleich. Er wußte darum, daß Melethiell sehr freiheitsliebend und anders war als die meisten Mädchen, aber gerade das mochte er auch. Er konnte sich Melethiell nicht als eine Frau vorstellen, die damit glücklich wurde, den Kindern hinterherzuputzen und ihr Leben lang bloß eine Höhle in Ordnung zu halten.
Sie war die Tochter ihres Vaters und damit klüger als die meisten, denn er hatte ihr von den Elben erzählt und den Menschen in Gondor, von vielen Landstrichen Mittelerdes und den Abenteuern, die er bestanden hatte.
Natürlich war sie nicht mit dem zufrieden, was vielen genügte. Aber für Hamfast war das ein Ansporn, sie immer so glücklich zu machen, wie sie es brauchte, und es bereitete ihm Freude, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Er war auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, auch wenn ihm seine Tischlerlehre alles gab, was er sich wünschte. Er dachte dabei an die Zukunft, an eine eigene Familie in einer eigenen kleinen Höhle. Er war da bodenständiger, aber hielt Melethiell von ihren träumerischen Gedankengängen ab.
Er war der letzte, der nicht wußte, wie sie war. Und er wollte sie gar nicht anders haben, er empfand ihre Eigenwilligkeit nicht einmal als schwierig, weil er daran gewöhnt war.
Auch sein Vater hatte Abenteuer erlebt und davon erzählt. Die beiden waren sich in vielen Dingen ähnlich, Hamfast und Melethiell verstanden einander ohne Weiteres.
Es gab auch selten Streit bei ihnen, höchstens dann einmal, wenn er etwas vergaß, was sie abgesprochen hatten, und das konnte er gut.
Aber sie meinte es immer gut mit ihm, sie konnte ihm kaum böse sein, und mit der Zeit gewöhnten sie sich daran, jetzt einander näher zu sein als je zuvor.
Zwei Jahre später hatte Hamfast seine Lehre abgeschlossen. Tischler Straffgürtel wußte nicht mehr, was er dem Jungen noch zeigen sollte, der mittlerweile eine fixe Handfertigkeit besaß und die schönsten Dinge herstellen konnte. Schränke aller Art konnte er fertigen, Tische, Stühle, Bettkästen und was sonst so gebraucht wurde. Er konnte aus Holz alles zimmern, was man sich nur wünschen konnte, und war schließlich entlassen, als der Tischler ihn für fähig erachtete, seine eigene Werkstatt zu eröffnen.
Hamfast sollte sechsundzwanzig Jahre alt werden und begab sich auf die Suche nach einem Ort, den er später einmal seine Werkstatt würde nennen können. Allerdings kam er bald auf das Angebot des alten Straffgürtel zurück, solange bei ihm als ausgebildeter Tischler zu arbeiten, bis er wirklich seine eigene Werkstatt hatte.
So geschah es also. Hamfast ging weiter nach Oberbühl, suchte aber geduldig weiter nach einem kleinen Haus in Hobbingen oder einer anderen Behausung, in der er arbeiten konnte. Es dauerte nur etwas länger als ein Jahr, bis plötzlich der alte Schmied in Hobbingen seine kleine Werkstatt schließen wollte. Hamfast erfuhr davon und ging sofort zu dem alten Hobbit, der überrascht war, daß sofort jemand die Schmiede übernehmen wollte.
Er hatte natürlich auch nichts dagegen, dem Sohn des Bürgermeisters das kleine, gemütliche Gemäuer zu überlassen. Zwar mußte eine etwas andere Einrichtung her und Werkzeug fehlte auch noch, aber das sollte das kleinere Problem sein.
Mitten in Hobbingen befand die Werkstatt sich, zwischen dem Schlachter und einem Töpfer und sogar mit kleinem Rasenplatz dahinter.
Ein altes kleines Fachwerkhaus war es, das sowohl dem Töpfer als auch der neuen Tischlerwerkstatt ein Dach über dem Kopf gab. Einen anderen Tischler gab es nicht in Hobbingen, der einzige in der Nähe war tatsächlich der alte Straffgürtel oder der in Wasserau, aber das sollte sich nun ändern.
"Tischlerwerkstatt Hamfast Gamdschie" stand, von ihm selbst in Holz geschnitzt, auf einem imprägnierten Brett über der Tür, die immer offenstehen sollte.
Er begann sofort, über den Rasenplatz hinter der Werkstatt, der von einem Zaun umgeben war, ein Dach zu bauen und es mit Wänden zu untermauern, damit er dort Holz für seine Arbeit lagern konnte. Ein Tor baute er in den Zaun, damit die Holzlieferung nicht durch die Werkstatt erfolgen mußte, aber der kurze wilde Rasen konnte bleiben. Es gab so viele Kaninchen, die das Gras abknabberten, daß er sich darum keine Sorgen machen mußte.
Er räumte die Werkstatt auf, fegte sie aus, putzte die Fenster und brachte Regale an, die sein Werkzeug verstauen sollten. Er baute sich eine Werkbank, richtete sich den kleinen Nebenraum gemütlich ein, in dem Geschäftliches besprochen werden konnte oder wo er Mittagspause halten würde.
Als alles fertig war, wurde ein kleines Eröffnungsfest gefeiert, zu dem viele Nachbarn und Einwohner des Dorfes erschienen und sich die Werkstatt anschauten. Sie war hell und freundlich eingerichtet und obwohl sie klein war, zweifelte niemand daran, daß Hamfast darin gut arbeiten würde.
Und das war in der Tat der Fall. Es blieb auch gar nicht aus, daß plötzlich sein kleiner Bruder Robin Interesse an der Tischlerei zeigte, einer der Jungs hatte zwangsläufig das Handwerk des Großen für sich entdecken müssen, und so war es bald darauf die Tischlerwerkstatt der Gamdschie-Brüder, Hamfast und Robin. Die erste Arbeit des cht Jahre jüngeren Hobbitjungen bestand darin, ein neues Schild zu fertigen.
Und dann ging er bei Hamfast in die Lehre, der Hilfe gut gebrauchen konnte. Genau wie der alte Straffgürtel konnte er viele Sachen gar nicht allein machen und brauchte immer wieder eine helfende Hand. Herr Straffgürtel stellte meistens keine Tischler an, sondern holte sich Lehrlinge, und die beiden Brüder würden die Werkstatt zusammen führen.
Sie hatten bald ein florierendes Geschäft. Ihr Vorteil bestand darin, daß sie alles fertigten, was jemand sich wünschte. Vom Puppenwagen und Schaukelpferd angefangen bis zu Schildern, Gerüsten und massiven Möbeln stellten sie alles her, was mit Holz zu tun hatte. Und so kamen die Leute von überall her und ließen sich anfertigen, was ihnen vorschwebte, ganz nach eigenen Vorstellungen und Wünschen.
Eines Tages stattete auch der alte Straffgürtel ihnen einen Besuch ab und besah sich voller Stolz, was aus seinem fleißigsten Lehrling geworden war. Er besaß noch vor der Volljährigkeit eine eigene, gutgehende Werkstatt.
"Dann kann ich mich ja zur Ruhe setzen, du wirst die Leute, die zu mir kamen, zufriedenstellen, wenn sie jetzt zu dir kommen!" sagte er und klopfte Hamfast auf die Schulter. Dieser blickte den mittlerweile völlig ergrauten Hobbit an und staunte.
"Sie setzen sich zur Ruhe? Das kann ich mir fast nicht vorstellen!" sagte Hamfast, aber der alte Tischler nickte.
"Doch, es wird mir zu anstrengend und arm sind wir auch nicht. Es ist nun genug. Und du stiehlst mir so schon viele Kunden!"
Hamfast guckte beschämt, aber da lachte der Tischler nur.
"Ach was, die Alten haben nichts mehr zu sagen, die Jungen sind jetzt an der Reihe! Du darfst stolz auf dich sein, mein Junge. Und wie geht es deinem Mädchen?"
"Sie hilft in der Konditorei aus, dort die Straße hinunter. Alles ist wunderbar. Wenn wir volljährig sind, heiraten wir!"
Der alte Straffgürtel lächelte. "Ja, so gehört sich das. Alles Gute, mein Junge, deine Zukunft wird eine gute!"
Hamfast war sehr glücklich über den Besuch seines alten Lehrmeisters. Aber in der Tat hatte er mit Fleiß und Ehrgeiz etwas geschafft, was viele andere nicht erreichten.
Jetzt brauchte er nur noch eine eigene Höhle, in die er mit Meli ziehen konnte, und dann konnten sie eine Familie gründen.
Melethiell war ebenfalls stolz auf ihren Hamfast, der seinen Weg zielstrebig ging. Oft verbrachten sie die Mittagspause zusammen und sie war auch so nicht selten in der Werkstatt, um zu helfen oder leckere Törtchen vorbeizubringen.
Alles war bestens für knapp ein Jahr. Allerdings geschah dann etwas, das ihre Zukunftsträume ins Wanken brachte.
Melethiell war überrascht, als Hamfast eines Tages noch vor dem Mittagessen von seiner Werkstatt kam und sich matt auf die Küchenbank fallen ließ. Sie war gerade dabei gewesen, ein paar Törtchen für den Nachtisch vorzubereiten, als er in die Küche kam, sie flüchtig am Rücken mit der Hand streifte und sich auf die Bank sinken ließ.
Was machst du denn hier? fragte Melethiell, nachdem sie ihn nur sehr kurz angesehen hatte. Es fehlten noch ein paar Erdbeeren auf einem Törtchen.
Mir ist nicht gut, brummte er und ließ den Kopf auf die Arme fallen, die er auf der Tischplatte verschränkt hatte.
Du bist heute morgen schon so langsam aufgestanden, wirst du krank? fragte Melethiell und setzte die letzte Erdbeere auf den Teigboden, bevor sie sich umdrehte und ihm gegenüber auf einen Stuhl setzte.
Schau mich mal an, sagte sie. Er hob zitternd den Kopf.
Ich habe Gliederschmerzen, sagte er, das hatte sie aber schon sehen können. Er war kreideweiß im Gesicht und ihm standen Schweißperlen auf der Stirn.
Im Frühsommer? Wovon konnte er krank geworden sein?
I-ich sehe alles doppelt, fügte er leise hinzu und nahm ihre Hand. Seine war eiskalt.
Ab ins Bett mit dir! sagte Melethiell und stand sofort wieder auf. Hamfast schüttelte langsam und unwillig den Kopf.
Nein... nein, nicht bewegen, mir tut alles weh...
Ja, ich weiß. Nun komm, ab ins Bett mit dir, dann geht es dir auch besser!
Melethiell trat neben ihn, griff ihm forsch unter die Arme und wollte ihn dazu bewegen, aufzustehen. Irgendwann und mit viel Willenskraft schaffte er es dann auch und ließ sich, schwach vor sich hin stolpernd, zu seinem Bett führen. Dort ließ er sich auf die Matratze sinken, legte sich hin und schloß die Augen.
Mein Kopf...
Ich mache dir einen Tee, wie ist das? fragte sie.
Ja, das ist gut...
Seine Stimme war ganz schwach. Er sprach langsam und abgehackt, wollte sich gar nicht mehr bewegen und blieb einfach auf der Decke liegen.
Melethiell lief in die Küche und brachte im schweren Eisenkessel etwas Wasser zum Kochen. Im kleinen Kräuterregal über der Spülwanne suchte sie eifrig nach Sams spezieller Heilkräutermischung, die bei Erkältungen so gut half, und verbrauchte das letzte bißchen von den Trockenkräutern, die darin noch enthalten waren. Ihr Blick fiel dabei auf getrocknetes Königskraut, das mittlerweile schon alt war. Es stammte vom letzten Besuch bei König Elessar in Gondor, der es ihnen selbst mitgegeben hatte. Nur weil es von ihm stammte, konnte es eine wirkliche Heilkraft entfalten, ansonsten war es ein gewöhnliches Heilkraut ohne besondere Wirkung. Sie hatten es nur einmal gebraucht, als der kleine Robin Masern hatte und man fürchtete, er würde sich davon nicht richtig erholen. Dank des Königskrauts war er völlig genesen.
Nein, es war nicht daran, Athelas zu nehmen. Das dachte Melethiell zumindest, die noch nichts argwöhnte. Sie brühte Hamfast den Tee auf und ging mit der dampfenden Tasse in der Hand wieder zu ihm, der noch immer so dalag, wie sie ihn zurückgelassen hatte.
Komm, setz dich aufrecht und ich helfe dir beim Trinken, sagte sie und setzte sich neben ihn, nachdem sie die Tasse abgestellt hatte. Als sie ihn berührte, spürte sie, daß er bereits fiebrig heiß war.
Warum hast du denn heute morgen nichts gesagt? Du hättest die Werkstatt geschlossen lassen können! sagte sie, aber er schüttelte den Kopf.
Ich dachte, so schlimm wäre es nicht, aber es wurde schlimmer. Als mir der Hobel aus der Hand fiel, bin ich erst gegangen.
Du bist schrecklich stur.
Das sagst ausgerechnet du! bemerkte er augenzwinkernd und nahm einen Schluck des heißen Tees.
Melethiell blieb bei ihm am Bett sitzen. Er fand keinen Schlaf, obwohl er sich so elend fühlte, oder gerade deswegen. Sie hatte mit einem Schlag keinen Hunger mehr, kaute zur Mittagszeit nur lustlos auf einem Brot herum und sprach mit Rosie, die besorgt nach ihrem Sohn sah.
Nicht, daß du dich ansteckst! sagte sie zu dem Mädchen, aber Melethiell schüttelte den Kopf.
Nein, ach was. So leicht werde ich nicht krank.
An diesem Tag verschlimmerte Hamfasts Zustand sich nicht. Melethiell hielt nachts ein wenig Abstand, als sie neben ihm schlief, und hielt nur seine Hand, während er sich unruhig und von Fieberträumen geplagt herumwälzte.
Am Morgen lag er ganz ruhig da. Ihm war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen, aber er war am ganzen Körper schweißnaß und heiß.
Melethiell stand auf und suchte Rosie, die bereits mit Sam aufgestanden war und in der Küche aufräumte.
Was soll ich mit Krümel machen? Es geht ihm nicht gut, sagte sie. Rosie nahm direkt ein kühles feuchtes Tuch mit und saß schließlich auf der Bettkante ihres Sohnes, um ihm die fiebrige Stirn abzutupfen.
Ich weiß nicht, ob es so sinnvoll ist, es ihn ausschwitzen zu lassen. Sein Fieber ist sehr hoch!
Melethiell nickte. Das war ihre Frage gewesen. Und schließlich zogen die beiden die Decke zurück und zogen ihm sein Hemd aus, so daß er nur noch mit seiner kurzen Hose bekleidet dalag. Und es dauerte lang, bis er davon geweckt wurde.
Was... was macht ihr? fragte er mit glasigem Blick. Melethiell drückte seine Hand und sah ihn mit einem Lächeln an.
Dein Fieber wird zu hoch, wenn du dich zudeckst, sagte sie und legte den feuchten Lappen auf seine Stirn.
Das tut gut, flüsterte Hamfast und schloß die Augen wieder. Rosie half ihr, Hamfast einmal mit nassen Lappen den Schweiß vom Körper abzuwaschen und ihn ein wenig zu kühlen, denn sein Fieber war wirklich bereits immens hoch.
Plötzlich betrat Sam den Raum.
Na, wie gehts meinem Sohn? fragte er mit einem vergnügten Lächeln, denn er wollte ein bißchen gute Stimmung im Raum verbreiten.
Elend, murrte Hamfast, ohne seinen Vater anzusehen. Sam seufzte.
Das sehe ich. Was soll ich bloß mit dir machen?
Rosies besorgtes Gesicht gefiel ihm nicht besonders, doch seines nahm plötzlich denselben Ausdruck an, als er Hamfasts Stirn berührte.
Das ist keine Erkältung, sagte Sam. Melethiell und Rosie sahen ihn erschrocken an.
Was soll es denn sein? fragte Meli zögerlich.
Ich weiß es nicht. Für eine Erkältung geht es ihm aber zu schlecht, er darf dieses Fieber nicht haben. Ich muß den Heiler holen.
Sam war als Vater von dreizehn Kindern stets besorgt und kannte die kleine Erkältungskunde, die man als Vater lernen mußte, im Schlaf. Bei Rosie hatten sich ähnliche Gedanken ebenfalls schon eingeschlichen, aber Sam hatte sie ausgesprochen und ging tatsächlich sofort ins Dorf hinab, um den Heiler zu holen. Der alte Balbo Gutleib kannte sich aus mit Krankheiten und Heilmitteln, er hatte vieles gesammelt, das aus aller Herren Länder kam und damit sehr teuer war, aber manchmal die einzige Rettung bot.
Rosie ging und machte Hamfast noch einen Tee, diesmal mit ein paar schmerzlindernden Kräutern darin, denn er fühlte sich wirklich entsetzlich. Derweil saß Melethiell an seinem Bett und unterhielt sich leise mit ihm.
Das wird schon wieder. Bald kannst du wieder in der Werkstatt stehen... sagte sie, aber angesichts seines Zustandes glaubte sie nicht an ihre eigenen Worte. Irgendwann erwiderte Hamfast nichts mehr.
Dann kamen Sam und Balbo nach Beutelsend.
Guten Morgen! sagte Herr Gutleib, als er das Zimmer der jungen Hobbits betrat. Melethiell grüßte ihn, Hamfast hob bloß matt die Hand, sagte aber nichts.
Ich sehe, unser Krankheitsfall ist wirklich alles andere als wohlauf, sagte Balbo sofort und setzte sich neben Hamfasts Bett auf einen Stuhl.
Dann sehen wir uns das mal an. Wo tut es denn weh? fragte er Hamfast, der es schaffte, die Augen zu öffnen, aber eine Antwort gab er nicht.
Er deutete mit seiner zitternden Hand auf seinen Kopf, dann auf seinen ganzen Körper, und legte die Hand plötzlich auf seinen Mund. Balbo hielt inne.
Was ist los? fragte er, dann nahm Hamfast seine Hand und legte sie auf seinen Unterkiefer. Ein Muskel in seiner Wange begann eigentümlich zu zucken, dann um sein Auge, und Balbo spürte, was Hamfast auf dem Herzen hatte.
Oh nein... murmelte er und betastete mit beiden Händen Hamfasts Kiefer und die Muskeln. Der Unterkiefer zitterte leicht, die Zähne schlugen leise aufeinander, aber öffnen konnte Hamfast den Mund nicht mehr.
Was ist denn? fragte Melethiell, die nicht begriff, was vor sich ging. Balbo senkte ernst den Kopf und sagte erst einmal nichts.
Die Muskelzuckungen in Hamfasts Gesicht wurden stärker. Er schloß schließlich die Augen, deren umgebende Muskeln sich schmerzhaft verkrampften, rollte sich auf die Seite und drehte allen schließlich den Rücken zu.
Ich fürchte, ich weiß, was er hat, begann Balbo. Hamfast hörte ebenso aufmerksam zu wie seine Eltern und Melethiell, denn er hatte selbst noch keine Ahnung. Er wußte nur, daß er die Kontrolle über seinen Körper verlor, und er mußte hart gegen die Muskelkrämpfe in seinem Gesicht ankämpfen, die es zu entstellen begannen. Deshalb sollten sie ihn alle nicht sehen.
Und das wäre? fragte Sam, nachdem Balbo nicht weitersprach für eine ganze Weile.
Ich fürchte, es ist Wundstarrkrampf, der ihn befallen hat. Er kann seinen Mund schon nicht mehr öffnen, bald wird sein ganzer Körper verkrampfen.
Unter großer Anstrengung rollte Hamfast sich wieder herum und blickte den Heiler entsetzt an. Sie alle konnten sehen, daß er etwas sagen wollte, er legte die Hand an den Unterkiefer, konnte den Mund jedoch einfach nicht öffnen und gab schließlich auf.
Tränen traten in seine geröteten Augen, denn er hatte davon gehört, wie schlimm diese Krankheit war.
Ich denke, daß du gesund wirst, mein Junge. Du mußt dich vor einer Weile verletzt haben, vielleicht bei der Arbeit, und durch diese Verletzung bist du jetzt krank.
Wundstarrkrampf? wiederholte Sam entsetzt. Aber... das...
Was können wir denn für ihn tun? Er muß wieder gesund werden, stammelte Meli erschrocken. Balbo nickte bedächtig.
Ich werde sehen, welche Heilkräuter ich euch geben kann. Er muß sie irgendwie zu sich nehmen, flößt ihm den Tee mit Gewalt ein! Es wird entsetzlich aussehen, wenn er verkrampft. Habt keine Angst davor, er kann es nicht kontrollieren. Und er braucht absolute Ruhe, am besten in einem dunklen, abgelegenen Zimmer. Niemand braucht Angst zu haben, das auch zu bekommen, es überträgt sich nicht. Hast du denn irgendwo eine Verletzung, mein Junge?
Hamfast hob seine Hände. Sie waren zum Teil ganz schwielig, und als Balbo über die Haut fühlte, spürte er viele kleine Splitter in Hamfasts Fingern, die dort noch immer verblieben waren.
Balbo nickte. Jetzt wußte er, warum der Junge krank war.
Er braucht eure Hilfe, dann kann er es schaffen. Habt keine Angst!
Aber die hatten sie. Melethiell stürzte neben das Bett und ergriff totenbleich Hamfasts Hand.
Warum du...? flüsterte sie und hatte Tränen in den Augen. Hamfast hätte gern etwas gesagt, aber er konnte nicht. Einzig seine Augen gaben die Antwort, nämlich daß er eigentlich keine hatte. Aber Melethiell so unglücklich zu sehen, bekümmerte ihn zutiefst.
Dann werden wir das mal tun! sagte Sam schwermütig, sie alle konnten die Sorge aus seiner Stimme heraushören.
Er eilte mit Rosie ins Gästezimmer und zog dort die Vorhänge zu, richtete schnell das Bett her und holte seinen Sohn. Gemeinsam mit Balbo half er Hamfast, den kurzen Weg zum Gästezimmer langsam zurückzulegen, dann konnte Hamfast sich wieder ins Bett legen.
Sam ging mit Balbo, um Heilkräuter und Mixturen zu sichten, Balbo hatte lindernde Arzneien für den Wundstarrkrampf.
Derweil hatte Melethiell aber eine ganz andere Idee. Sie ging in die Küche und nahm einige Athelasblätter aus der kleinen Dose, in der sie lagerten. Sie löste die Blätter in einer geringen Menge kochenden Wassers, dann ging sie zurück zu Hamfast, der ohne eine Decke auf dem Bett lag. Rosie machte ihm immer wieder kühlende Umschläge.
Du bekommst jetzt Königskraut, sagte Melethiell, das hilft dir bestimmt. Es ist auch nicht viel.
Hamfast schaffte es, zu nicken, dann half Melethiell ihm auf und drückte seinen Unterkiefer mit Gewalt so weit hinab, daß er den Mund ein Stück weit öffnen konnte. Langsam setzte sie die Tasse an und flößte ihm mit ruhiger Hand den hochkonzentrierten Athelastee ein.
Er konnte kaum noch schlucken. Ohne es zu wissen, hatte Melethiell ihm zum letztmöglichen guten Zeitpunkt das Königskraut gegeben, denn die Krankheit sollte immer schlimmer werden und es fast verhindern, daß er noch mehr zu sich nahm.
Und noch bevor Sam und Balbo zurückkehrten, verschlimmerte Hamfasts Zustand sich. Das Königskraut bewirkte leider keine direkten Wunder.
Er nahm die Hand seiner Mutter und sah sie flehend an, dann schüttelte er den Kopf und zeigte auf ihren Stuhl, bevor er auf die Tür deutete.
Was ist denn, soll ich gehen? fragte Rosie und er nickte. Sie hatte Verständnis, auch wenn sie nicht begriff, warum er sich das wünschte.
Und ich? fragte Melethiell, die dann als einzige noch im Raum war. Hamfast schüttelte den Kopf und hielt ihre Hand ganz fest.
Du mußt mir sagen, wenn ich auch gehen soll. Wenn du Ruhe brauchst, sollst du sie haben! sagte sie. Er schüttelte den Kopf und sie begriff, daß er sie brauchte.
Bald wußte sie, warum. Er hatte sich von ihr abgewandt, drückte aber von Zeit zu Zeit ihre Hand. Zärtlich streichelte sie seine Schulter und irgendwann wollte sie nachsehen, ob noch alles in Ordnung war, aber sie erschrak.
Sein Gesicht war völlig verzerrt. Er konnte den Kopf inzwischen schon gar nicht mehr drehen, weil sein Nacken erstarrt war, und seine Gesichtsmuskeln hatten seine Züge zu einem häßlichen Grinsen verzerrt. Es schien wie gefroren, er hatte keinerlei Einfluß darauf, das begriff Melethiell sofort.
Aber er sah grauenhaft aus.
Sie legte eine Hand auf seine Wange. In seinen Augen standen die Tränen, er sah sie bittend an und ließ ihre Hand nicht los.
Ich gehe nicht. Was auch immer kommen mag, es wird mich nicht verjagen können! sagte sie.
Als Balbo und Sam kamen, war es nur für eine wirksame Kräutersalbe noch nicht zu spät, die sie ihm auf fast dem ganzen Körper in die Haut rieben.
Das wird die Muskelschmerzen lindern. Nehmt es immer wieder, seid nicht zu sparsam, er wird es brauchen können! sagte Balbo und ging, als er sah, daß nichts mehr zu tun war.
Seinen Rat, Hamfast viel trinken zu lassen, konnte Melethiell kaum umsetzen. Sie war die einzige, die Hamfast in seinem augenblicklichen Zustand ertrug, und auch wenn sie entsetzt über sein Befinden war, ließ sie sich davon nicht verjagen.
Ihm fuhren Krämpfe in den Rücken, bevor er gänzlich erstarrte. Er warf sich stöhnend hin und her, Tränen liefen über seine Wangen und er konnte Melethiell begreiflich machen, daß sie ihm den Rücken mit der Salbe einreiben und die Hand auf jeden Krampf drücken sollte, um ihn zu lindern.
Bis zum Abend waren auch seine Bauchmuskeln hart durch die Starre, die sie befallen hatte. Hamfast wimmerte vor Schmerzen und stöhnte, Melethiell kniete schließlich vor dem Bett und hatte ihn fest im Arm, leistete ihm Beistand und gewährte ihm Halt. Inzwischen hatten sie es geschafft, sein Gesicht von dem häßlichen starren Grinsen zu befreien, das ihn befallen hatte, und langsam lockerte auch sein Kiefer sich wieder. Dafür wurden aber alle anderen Krämpfe schlimmer.
Melethiell schlief in dieser Nacht fast nicht. Sie versuchte unablässig, Hamfast in kleinen Schlucken Wasser einzuflößen, doch er konnte es nicht schlucken. Zu sehr war er von Krämpfen am Oberkörper geschüttelt, als daß er sich darauf hätte konzentrieren können. Schließlich war das Wasser bis zu seinem Hosenbund herabgelaufen und getrunken hatte er fast nichts.
Ich will dir helfen, sagte sie flehentlich und küßte ihn auf die schweißnasse Wange. Es konnten aber auch Tränen sein, die seine Haut benetzten, so sicher war sie sich da nicht.
Er warf sich herum im Bett, krallte sich an Melethiell fest, daß es schmerzte, sie hielt seine Arme still, die er durch die ganzen Krämpfe nicht mehr kontrollieren konnte. Er schlug fast um sich.
Sein eigenes Schluchzen quälte ihn. Inzwischen war es Nacht und stockfinster, und so sehr Melethiells Anwesenheit ihn zeitweise anstrengte, er würde es noch weniger ertragen, ohne sie zu sein.
Sie rieb immer wieder die Salbe ein und brühte Tee auf. Sie mischte Athelas mit unter die anderen Kräuter und wartete, bis Hamfast einigermaßen ruhig lag, damit er trinken konnte.
Dennoch ging die Hälfte daneben. Seine Zähne schlugen aufeinander, er schrie unter Schmerzen, krallte seine Finger ins Kissen und trat immer wieder unwillkürlich ans Fußende des Bettes, bis fast sein Knöchel brach. Melethiell hatte alle Mühe, ihn noch irgendwie festzuhalten.
Seine Stimme erstarb zusehends, wenn er noch sprechen wollte. Sein Kehlkopf verkrampfte und die Muskeln wurden starr, er konnte nicht mehr sprechen, nicht einmal seine Zunge bewegte sich noch.
Er weinte. Ihm liefen ununterbrochen Tränen, weil er es nicht aushielt, und Melethiell war sein einziger Halt und Trost.
Sie war entsetzt. Sie hatte davon gehört, daß Schmutz in Wunden diese grausame Krankheit verursachen konnte, und wenn man sich nicht genügend um den Kranken kümmerte, verstarb er daran, und zwar unter großen, qualvollen Schmerzen. Es kam immer wieder vor, daß jemand den Wundstarrkrampf erlitt, und manche überlebten ihn.
Aber für Hamfast sollte es erst noch kritisch werden.
Als er am frühen Morgen gänzlich erstarrt neben ihr lag und sie mit dem Kopf auf der Matratze eingenickt war, beruhigte er sich etwas. Er hielt die Augen geschlossen, hörte nichts, spürte keine Berührung. Das war angenehm.
Aber die Krankheit schritt fort. Als sich plötzlich seine Rippenmuskeln verkrampften, blieb ihm für einen Augenblick die Luft weg. Röchelnd versuchte er, zu atmen, Luft in die Lunge zu saugen, aber es gelang ihm nicht.
Dann plötzlich schnürte sich am Kehlkopf sein Hals zu.
Er packte Melethiells Hand grob, nur daß sie wach wurde, und schüttelte sie. Melethiell schrak zusammen und schrie auf, Hamfast deutete mit einem Finger, da er seinen Arm kaum noch bewegen konnte, auf Bauch und Hals und sie griff unter Todesangst nach der Salbe.
Sie drückte auf seinen Hals, als er noch einmal Luft geholt hatte, und drückte behutsam zu, so daß sich der Krampf löste. Dann rieb sie seine Rippen und seinen Bauch ein, damit die Krämpfe nachließen.
Und dann wurde sein pfeifender Atem wieder regelmäßig. Er weinte, er konnte gar nicht anders. Aber ihr erging es ebenso.
Das Bett wackelte, als er erneut von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde.
Sie mußte ihn ruhig halten, sonst brach er sich alle Knochen. Sie drückte ihn mit Gewalt auf das Bett und begann innerlich zu beten.
Sie weinte stumm, denn Hamfast derart leiden zu sehen brach ihr das Herz. Sie hätte ihm zu gern geholfen, doch dazu wuchs noch die Angst, daß er daran sterben konnte. Wenn seine Wirbelsäule brach, war er so gut wie tot, und wenn er nicht atmen konnte, war es aus.
Er lag starr. Doch dann plötzlich schnappte er ein letztes Mal nach Luft, bevor er, mit entsetzlicher Panik in den Augen, zu ihr blickte und dann die Augen schloß. Tränen strömten seine Wangen, aber er atmete nicht mehr. Und dann spürte Melethiell, daß sein ganzer Bauch so starr war, daß er gar nicht atmen konnte.
Nein! schrie sie und drückte auf seinen Bauch mit beiden Armen, ganz vorsichtig, aber es nützte nichts. Sie biß sich auf die Lippen und sah ihn im Todeskampf da liegen, tat dann aber das einzig Richtige.
Sie legte ihre Lippen an seine Nase und half ihm beim Atmen. Sie drückte mit Gewalt Luft in seine Lunge, damit er nicht im Krampf erstickte, und sie tat es immer wieder, unablässig, weil er nicht selber zu atmen begann.
Sie weinte und schluchzte, war völlig am Ende mit ihren Kräften, als er endlich ihre Hand drückte und die Augen aufschlug. Er atmete wieder selbst, der Krampf hatte sich gelöst.
Sie sank neben ihm in sich zusammen.
Du darfst nicht sterben... flehte sie mit erstickter Stimme, aber er verstand es trotzdem.
Nein, nuschelte er heiser und kaum verständlich, aber sie hörte es.
Ich liebe dich, preßte er irgendwie noch hinaus, dann begann er sich wieder unter qualvollsten Krämpfen zu schütteln.
Sie schrie nach ihrer Mutter, sie schrie in entsetzlicher Angst, aber dann kam Liliane mit Athelastee und so gut sie nur konnte, flößte Melethiell Hamfast den Tee ein.
Er konnte nicht schlucken und das heiße Gebräu brannte trotz seines Fiebers in ihm wie Feuer, aber er spürte, wie seine Schmerzen ein wenig nachließen.
Einige Male setzte Hamfasts Atmung noch aus oder ging nur stoßweise. Sein ganzer Körper war starr oder verkrampft, aber er kämpfte tapfer weiter.
Er mußte nur zu Melethiell blicken, die weinend vor dem Bett kniete und überhaupt nichts mehr sagte. Sie war mit den Nerven völlig am Ende.
Sie würde nicht wissen, wie es ohne ihn weitergehen sollte. Wenn Krümel jetzt starb, mit dreißig, dann war doch alles aus. Sie würde keinen Sinn mehr im Leben sehen, denn er war doch ihr ganzes Leben lang immer da gewesen, und wenn er das mal nicht gewesen war, hatte ihr etwas gefehlt.
Die beiden gehörten zweifellos zusammen, sie waren unzertrennlich und Melethiell bereute, das nicht viel früher erkannt zu haben. Die Möglichkeit hätte sie gehabt. Aber immerhin hatte sie es irgendwann gemerkt und seit diesem Zeitpunkt stand für sie fest, daß sie ihn nicht mehr gehen lassen würde. Das konnte sie gar nicht.
Inzwischen fühlte sie so, wie er immer gefühlt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, einem anderen all das zu schenken, was sie ihm schenkte. Ihr Vertrauen, ihre Liebe, ihr Leben. Sie gehörte ganz zu ihm, der bloße Gedanke daran, ihn zu verlieren, schmerzte so tief und hinterließ eine Leere in ihr, die nichts zu füllen wissen würde.
Die beiden verstanden sich oft auch ohne Worte. Sie kannten sich so gut, sie kannten sich besser als jeden anderen Hobbit, der ihnen etwas bedeutete. Selbst ihre Eltern kannten sie nicht so gut wie sie einander.
Sie hatten sogar die gleichen Gedanken, von Zeit zu Zeit dachten sie dieselben Dinge, sie träumten von derselben Zukunft, sie brauchten ihre Nähe.
Melethiell würde niemals einen anderen wollen. Es wäre zugleich auch ihr Tod, wenn er nun starb, denn damit würde ihr Leben keinen Sinn mehr haben.
Sie wollte ihn. Sie wollte ihn heiraten, mit ihm Kinder haben und alt werden. Er war immer gut zu ihr gewesen.
Bitte... murmelte sie erstickt von Tränen. Hamfast zwang sich mit Gewalt dazu, den Arm zu heben, und strich ihr mit zitternden Fingern über den Kopf.
I-ich laß dich nicht allein, flüsterte er leise und lächelte schwach. Irgendwie schaffte er das.
Aber dann verkrampfte sein Zwerchfell wieder und Melethiell mußte ihm beim Atmen helfen. Sie umklammerte ihn verzweifelt und preßte durch ihre Lippen Luft in seine Nase, damit er nicht kollabierte. Wenn er keine Luft in seine Lunge bekam, war das sein sicherer Tod.
Keuchend lag sie neben seinem Bett und hielt sich an der Matratze fest. Sie war völlig entkräftet, die Schlaflosigkeit setzte ihr zu, aber sie würde jetzt nicht gehen, sie würde bei ihm bleiben.
Aber sie weinte so laut, daß alle anderen sich draußen Sorgen zu machen begannen, ob etwas passiert sei.
Schließlich unternahm Frodo das Wagnis und betrat das Zimmer. Hamfast lag einigermaßen ruhig und regelmäßig atmend da, aber seine schwarzumränderten, blutunterlaufenen Augen sprachen für sich. Er war käsig weiß im Gesicht, seine Lippen waren blutleer, aber sein Körper glühte im Fieber, es roch stechend nach Schweiß.
Frodo schluckte hart, als er das sah. Und er verstand, daß seine Tochter es nicht mehr aushielt.
Aber gehen konnte sie auch nicht.
Wie vor Jahren, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, kniete er sich vor sie und zog sie tröstend in seine Arme. Melethiell ließ Hamfasts Hand nicht los, aber sie klammerte sich an ihren Vater wie an einen Strohhalm, sie war so froh, daß endlich jemand da war, der ihr Halt geben konnte.
Du bist so tapfer, flüsterte Frodo und blickte dann zu Hamfast. Melethiell erwiderte nichts.
Und du bist wie Unkraut, du wirst das überstehen, da bin ich ganz sicher. Mein Mädchen braucht dich.
Hamfast nickte. Ich liebe sie, murmelte er und zuckte unter Krämpfen zusammen.
Ich kann sie nicht verlassen!
Damit betrat nun hin und wieder auch jemand anders das Zimmer, brachte Melethiell etwas zu essen und zu trinken, sah nach Hamfast und machte kalte Umschläge. Es waren die Eltern der beiden, die sich um sie sorgten.
Und als Hamfast erstmals für Stunden wieder normal atmete, nickte Melethiell endlich neben ihm ein und schlief, was sie so dringend brauchte. Er war erleichtert und ließ sie schlafen, wenn er die Krämpfe nur irgend ertragen konnte.
Er weckte sie erst, als es ihn derart schüttelte, daß er nicht mehr liegenbleiben konnte. Sie mußte ihn festhalten, damit er sich nicht verletzte.
Aber sie sah besser aus, sie hatte wieder ein wenig Farbe im Gesicht und konnte wieder lächeln.
Es geht schon, sagte er und sprach ganz ehrlich.
Bald ließen die Krämpfe nach. Die Muskelstarre löste sich nach und nach, aber der Schmerz blieb. Hamfast konnte sich nicht bewegen, weil seine Muskeln viel zu geschwächt waren.
Aber es war glimpflich verlaufen, weil Melethiell so beherzt zum Athelastee gegriffen hatte.
Sie tat es nun ein letztes Mal und flößte Hamfast etwas von der Heillösung ein, damit er nicht so starke Schmerzen leiden mußte. Dankbar lächelte er und ließ sich wieder ins Bett zurücksinken, als er getrunken hatte.
Sie lag schließlich neben ihm im Bett und schlief, während er über ihren Schlaf wachte. Zärtlich strich er über ihre Wange und lächelte, spielte mit einer Strähne ihres lockigen Haares und legte einen Arm um sie. Melethiell lächelte im Schlaf, weil sie das spürte.
Sie hatte so entsetzlich gelitten. Hamfast hatte oft mit dem Gedanken gespielt, sie um ihr eigenes Wohl wegzuschicken, aber sie wäre nicht gegangen. Und er brauchte jemanden, der ihm half, und das hatte sie getan.
Wenn sie bei seinen Atemwegskrämpfen nicht ohne zu zögern eingegriffen und ihn beatmet hätte, wäre er mit Sicherheit erstickt, das war ihm klar. Er hatte schon nichts mehr spüren können, bis sie ihm endlich Luft in die Lunge preßte, jedes Mal hatte er geglaubt, das Ende sei gekommen, aber das war es nicht.
Sie hatte ihn gerettet.
Aber sie war am Ende ihrer Kräfte, er hatte gesehen, welche Ängste sie um ihn ausgestanden hatte, und es tat ihm leid.
Es war nicht zu ändern, und langsam war es vorbei.
Er mußte allerdings noch eine ganze Weile liegen, weil er völlig am Ende war. Ihm war auch klar, daß es schlimmer geworden wäre, wenn es nicht das Königskraut gegeben hätte.
Er wäre gestorben. Daran zweifelte er nicht. Melethiell hatte ihn vor dem Tod bewahrt.
Als Rosie am nächsten Morgen ins Zimmer kam und nach den beiden sah, erschrak sie. Hamfast war schrecklich abgemagert in den wenigen Tagen seiner Krankheit. Er hatte keine Farbe mehr im Gesicht, aber er schien zu genesen.
Hast du Hunger? fragte Rosie. Er zuckte als Antwort nur mit den Schultern. Er hatte die ganze Zeit über keinen Hunger verspürt vor lauter Schmerzen und Krämpfen, und nun hatte er noch immer keinen hunger, wußte aber, daß er irgendwann essen mußte. Sonst war die Gefahr nicht gebannt.
Rosie war jedoch klug und gab ihm nur ein Brot, nicht mehr, damit er sich langsam daran gewöhnte und nicht alles wieder erbrach. Dazu trank er ein wenig Tee und wurde sofort ein wenig rosiger im Gesicht.
Zwei Tage später stand er mit Melis Hilfe auf. Sie war nun auch endlich wieder auf dem Damm und stützte ihn, als er einmal durch Beutelsend und dann in ihr gemeinsames Zimmer gehen wollte.
Ihm brachen die Beine unterm Körper weg. Melethiell fing ihn beherzt auf und drückte auf seine Beine, damit er sie überhaupt erst einmal spürte, und dann konnte er sie auch langsam bewegen.
Die Schmerzen hatten nachgelassen und die Krämpfe waren vorüber, alles dank des Königskrauts.
Krümel! riefen seine Geschwister, als sie ihren abgemagerten und geschwächten Bruder kommen sahen. Er lächelte und stattete auch dem Waschzuber einen Besuch ab, denn er merkte inzwischen selbst, daß er dringend ein Bad brauchte. Melethiell half ihm dabei und wusch ihn vorsichtig, dann steckte sie ihn in frische Kleidung und brachte ihn in ihr Bett, wo er sich zufrieden niedersinken ließ.
Sieh, die Sonne! sagte er und blickte zum Fenster. Die matte Herbstsonne schien ins Zimmer, aber sie erschien ihm so wundervoll und strahlend hell, was ihn geradezu glücklich machte.
Melethiell lächelte. Sie aßen abends gemeinsam noch etwas und lagen dann ganz ruhig im Bett.
Es war ausgestanden. Sie konnten endlich wieder ungestört schlafen und das taten sie auch, sie erholten sich gut und es dauerte nur noch ein paar Tage, bis Hamfast völlig genesen war.
Aber er war dünn wie ein Hemd und wurde von allen Seiten mit den köstlichsten Leckereien versorgt, damit er wieder ordentlich zulegen konnte. Melethiell machte ihm einen riesigen Obstsalat, damit er viele gesunde Vitamine bekam, und Kuchen stibitzte er an jeder Ecke.
Er blieb zwar noch eine ganze Zeit lang mager, aber es ging wieder bergauf und eine Woche später stand der unverwüstliche junge Hobbit wieder in seiner Werkstatt und arbeitete.
Die Angst um sein Leben hatte die beiden noch enger zusammengeschweißt. Melethiell wußte jetzt in aller Deutlichkeit, was er ihr bedeutete, und Hamfast dankte ihr in Gedanken immer wieder dafür, daß sie ihn gerettet hatte.
Und sie war nicht gegangen, nicht ein einziges Mal, ganz egal wie entsetzlich es gewesen war.
Sie feierten das Neujahrsfest umso ausgiebiger. Hamfast merkte jeden Tag ganz deutllich und so intensiv, wie schön das Leben war, wie gut es ihm ging, wie zufrieden er sein konnte.
Und wenn er Melethiell ansah, war er glücklich.
Neuntes Kapitel: Der Beginn der Zukunft
Mehr als zwei Jahre vergingen, ohne daß sich in dieser Zeit noch etwas besonderes ereignete. Hamfast wurde nicht mehr krank, aber er arbeitete vorsichtiger und trank mehr Kräutertees, um einer neuerlichen Infektion vorzubeugen. Sie alle waren erleichtert, daß er es so gut überstanden hatte.
Er hatte bald gute Einnahmen zu verzeichnen. Nicht mehr ein Jahr von der Volljährigkeit entfernt, sondern nur noch Monate, hatte er bereits genügend Geld, um die Werkstatt endlich völlig sein Eigen zu nennen und er würde auch einen Großteil zum Erwerb eines eigenen Smials beisteuern können.
Sam war entsetzlich stolz auf seinen Sohn. Er war inzwischen zwar schon sechsfacher Großvater und somit neben seinem Bürgermeistersamt sehr beschäftigt, aber er verfolgte genau, was seine Kinder taten. Frodo war schon länger ein Gärtner, der ihm Konkurrenz machen konnte, Merry und Pippin waren nun Koch und Seiler geworden, und nur Pippin war von den heiratsfähigen Kindern noch Junggeselle.
Auch der jüngste Sohn, Tom, befand sich nun in der Lehre, er war nun fast dreiundzwanzig Jahre alt und würde, wie sein Vater und ältester Bruder, Gärtner werden.
In Beutelsend ging alles wundervoll vonstatten. Und eines Tages kam Hamfast ganz aufgeregt von der Arbeit nach Hause und eilte zu Melethiell.
"Liebes! Ich... ich habe erfahren, daß jemand auf der anderen Seite des Dorfes auszieht! Stell dir vor, da ist ein gemütliches kleines Smial und wir können vielleicht... das könnte unseres sein!"
Es war Frühling und die Volljährigkeit stand sozusagen vor der Haustür. Sie würden bald heiraten, angekündigt hatten sie es bereits, und es waren auch alle einverstanden. Liliane und Frodo mußten sich um ihre beiden Kinder keine Sorgen machen, denn Perhail hatte sein Herz inzwischen auch verloren und behauptete zu wissen, daß er eine gewisse Rosaline Boffin heiraten würde.
Seine Eltern waren hocherfreut, aber noch war Melethiells Heiratsvorhaben interessanter für sie, weil es in greifbarer Nähe lag.
Und so unterbreitete Hamfast den Eltern an diesem Abend sein Vorhaben, nicht länger zu zögern und bald mit Melethiell in eine eigene Hobbithöhle ziehen zu wollen.
"Meinetwegen gern", sagte Sam, "ihr sollt bis zu eurem Geburtstag ein eigenes Heim besitzen, das verstehe ich gut. Du hast Geld, mein Junge, und wir haben auch welches. Damit dürfte das machbar sein!"
"Unsere Unterstützung habt ihr", sagte auch Liliane. Sie hatte mit Frodo schon oft darüber gesprochen, was werden sollte, und sie hatten beschlossen, daß es ihren Kindern niemals an etwas mangeln sollte.
Damit beggaben Sam und Frodo sich mit ihren beiden Kindern am nächsten Tag zu den Hobbits ans andere Ende von Hobbingen, die noch in der Höhle wohnten, aber bereits fast alles gepackt hatten und so gut wie fort waren.
"Meine Mutter ist krank", sagte Frau Gutleib und packte weiter das Geschirr in Kisten.
"Es ist uns zu weit, immer wieder nach Stock hinabzureiten, deshalb ziehen wir nun selbst hin und kümmern uns um sie. Aber wir hätten nicht erwartet, daß schon jemand Interesse am Smial hat, wir haben doch noch gar nicht bekanntgegeben, daß es zum Verkauf stehen wird!"
"Mein Sohn ist schon länger auf der Suche nach einem Heim für sich und seine baldige Frau", erklärte Sam und deutete auf Hamfast und Melethiell. "So geriet ihm das gerade recht. Die beiden sollen nur bald ihr eigenes Heim haben!"
Daß er als Bürgermeister mit den beiden Unverheirateten dastand, hinterließ einen guten Eindruck. Und daß der wohlhabende Herr Beutlin von Beutelsend dabei war und förmlich mit den Schätzen winkte, hatte auch keinen schlechten Einfluß auf die Entscheidungsfindung der Gutleibs.
Sie beschlossen alsbald, gar nicht erst nach weiteren Interessenten zu suchen, und vereinbarten mit Bürgermeister und Brautvater einen Preis, den Frodo als rechtmäßiger Eigentümer aller Schätze in Beutelsend sofort vollständig bezahlte.
"Ich will einen Teil dazu beisteuern!" lamentierte Hamfast, der genau wußte, wieviel Geld er inzwischen sein Eigen nennen konnte.
"Ich mache dir einen Vorschlag", sagte Frodo dann. "Du kümmerst dich um das, was in die Höhle kommen soll, soweit du dazu in der Lage bist!"
Und das tat er. Hamfast saß an den ersten warmen Tagen des Jahres mit Melethiell in der Werkstatt zusammen, als gerade kein Auftrag zu bearbeiten war, und schmiedete Pläne für die Einrichtung ihres gemeinsamen Zuhauses.
"Ich kann das kaum glauben!" sagte Melethiell aufgeregt. "Bald ist es soweit und wir sind endlich verheiratet und haben ein eigenes Zuhause! Das wird schrecklich, ganz leise, nur wir zwei in einer Höhle..."
Aber Hamfast widersprach. "Nein, das wird wundervoll. Wir zwei haben uns endlich ganz allein füreinander. Das wird nur anders!"
Als die Werkstatt schloß, holten sie zuhause den Schlüssel fürs neue Zuhause und liefen durch die drei Straßen, die sie vom neuen Smial trennten. Es lag in einen Hügel gegraben unter einer alten, knorrigen Buche, hatte einen kleinen Garten, der von einer Hecke umgeben mit Kräutern bepflanzt war, und ein kleiner Weg aus Pflastersteinen führte zur runden Tür, deren grüne Farbe noch immer abblätterte.
"Ich möchte so eine Bank wie bei uns zuhause, die neben der Tür steht", sagte Melethiell und Hamfast nickte. Darum würde er sich kümmern.
Dann betraten sie die kühle, dämmrig beleuchtete Höhle, in der nichts mehr stehengeblieben war außer dem schweren Eisenherd. Nach links führte ein Flur sie durch die ganze Höhle, am ersten Gästezimmer vorbei zur Abstellkammer, an den Waschraum, in eines der drei Schlafzimmer, die es gab, und dann gegenüberliegend ins Wohnzimmer, in dem nur ein stillgelegter Kamin zu finden war, der dem Fenster gegenüberlag.
Eine Verbindungstür führte in die Küche, genau wie in Beutelsend und beliebt in der Hobbitbauart, damit man schnell zu einem guten Imbiß kommen konnte.
Eine kleine Vorratskammer gab es natürlich auch und dann einen Raum, den sie für irgendetwas nutzen konnten.
Es waren viele Zimmer, aber sie waren alle nicht besonders groß. Das Wohnzimmer übertraf alles, besonders klein waren Gästezimmer und zwei der Schlafzimmer.
Besonders gut gefiel den beiden, daß die Höhle auf beiden Seiten Fenster hatte, im Auenland eine Seltenheit. So wirkte sie hell und freundlich.
Die beiden saßen stundenlang in ihrem neuen, noch leeren Heim, vermaßen alles und Hamfast machte sich erste Gedanken über die Möbilierung. Melethiell hatte viele Vorschläge zu machen und so war Hamfast in den nächsten Wochen damit beschäftigt, an Robin alle Aufträge von außen abzutreten und nun die eigenen Möbel zu zimmern.
Er nahm kastanienrot schimmerndes Holz, das hell glänzte, und das fast durchgängig für alles. Bei den Bettkästen begann er, und er fertigte zuerst das große für sich und Melethiell, dann vorerst eine Wiege und ein Kinderbett. Man wußte ja nie...
Er machte weiter mit den Schränken, schnitzte Türen und ölte Scharniere, hämmerte Stühle zusammen und verschiedene Tische für jeden Bedarf, bevor er sich an Regalbretter begab und schließlich einen Schrank mit vielen Schubfächern fürs Wohnzimmer anfertigte.
Er war für Monate mit Robins Hilfe beschäftigt. Sprachlos vor Staunen sah er eines Tages, wie der alte Straffgürtel zur Tür hineinkam und sagte: "Ich hörte, hier wird fleißig gearbeitet? Brauchst du vielleicht Hilfe?"
Und das konnte Hamfast nicht ausschlagen. Sein Bruder Robin war auf die Idee gekommen und der alte Tischler hatte keinen Moment gezögert, seinem Lehrling eine Hilfe zu sein, damit es schneller ging.
Auch Tom, Perhail und andere Geschwister gingen ihnen zur Hand, während Melethiell mit Margerite und Liliane das Smial selbst herzurichten begann. Die Hecke wurde geschnitten und der Kräutergarten bestellt, die Fenster geputzt und die Tür gestrichen. Sie reinigten den Herd und schichteten Holz neben dem Kamin auf, befreiten die Ecken von Spinnweben, fegten und putzten und reinigten die Wände. Bald roch es ganz anders in der ganzen Höhle als zuvor. Sie kauften Teppiche und Melethiell schmückte die Wände mit selbstgemachten Bildern. Hamfast schaffte bald die ersten Schränke herbei, die sogleich mit allerlei nützlichen Dingen gefüllt wurden. Es gab bald Geschirr und Wäsche, Tintenfässer, Bücher und Wäscheleinen, altes Spielzeug aus Beutelsend fand in den Kinderzimmern eine neue Bleibe, die Betten waren da und wurden hergerichtet, ein Tisch in die Küche geräumt.
Mit der Fertigung eines Sofas waren drei Tischler lange beschäftigt, sie mußten es polstern und beziehen, aber sie zeigten sich bald erfolgreich. Der Transport auf Rollen war mit so vielen Helfern leicht zu bewerkstelligen.
Von der Tischdecke bis zum Vorhang wurde alles wohnlicher gestaltet, sie schwitzten im Sommer, wenn die Sonne heiß auf die grünen auenländischen Hügel herabbrannte, aber sie waren nicht unterzukriegen.
Perhail schraubte Garderobenhaken an, Margerite beschaffte Kerzen, Liliane brachte die ersten Einmachgläser in den Vorratsraum.
Sie waren eifrig beschäftigt. Sam und besonders Frodo waren auch oft mit von der Partie, jeder wollte helfen, niemand war faul oder leicht zu ermüden.
Und so waren sie, wenn man von einigen fehlenden Einrichtungsstücken absah, an einem heißen Augusttag endlich fertig. Das Smial war in der Wasserauer Straße am Rand von Hobbingen zu finden, es lag ruhig und malerisch zwischen anderen kleinen Höhlen und wurde an diesem Abend eifrig begutachtet.
Manche Kleinigkeiten fehlten noch, aber eigentlich war die Höhle bezugsfertig. Und so kam es, daß Melethiell und Hamfast, als sie gar nicht damit rechneten, von ihren Eltern den Vorschlag gemacht bekamen, sofort einzuziehen.
"Aber..." Melethiell schnappte nach Luft. Hamfast war sehr überrascht und überlegte, aber in der Tat konnte man schon darin leben. Ihre Kleidung und manche Sachen fehlten noch, aber die brauchten sie in diesem Moment nicht unbedingt.
Und so machten sie es.
Als nach einem wahren Festmahl am Abend alle nach Beutelsend zurückgegangen waren und nur Hamfast und Melethiell noch in der Höhle waren, umarmten sie einander überglücklich und konnten kaum fassen, was die Zukunft nun für sie bereithielt.
Die beiden standen einem der Kinderzimmer gegenüber. Durch den geöffneten Türspalt blickte ein Schaukelpferd zu ihnen.
Melethiell seufzte.
"Hamfast... das ist alles für uns! Das ist unser Zuhause! Ich kann es nicht glauben..."
"Ich auch nicht", stimmte er zu. "Sieh, wie schnell ich das alles gemacht habe, alles steht hier, nur das Gästezimmer fehlt... alles ist hier! Wir können dort im Bett schlafen, es ist auch genug Platz da, genügend Platz für Kinder und... Wahnsinn!"
Er jubelte laut und schloß Melethiell fest in die Arme, dann wirbelte er sie ausgelassen herum und küßte sie.
"Ich liebe dich! Stell dir vor, wie schön wir es hier haben werden!"
Ihr standen Tränen in den Augen, so glücklich war sie. Sie erwiderte den Blick des knopfäugigen Schaukelpferdes und lächelte.
"Genügend Platz für Kinder, ja..." sagte sie. "Das wünsche ich mir!"
Hamfast nickte. Dann beschlossen die beiden, endlich zu Bett zu gehen, denn es war schon spät.
Aber sie fanden lange keinen Schlaf, sie waren zu aufgewühlt und dachten über alles nach.
Ihr eigenes Zuhause.
In den nächsten Tagen holten sie alles von Beutelsend, was ihnen gehörte und was sie brauchten, und richteten alles vollends ein. Sie holten Nahrungsmittel und kauften letzte Dinge, die ihnen fehlten. Und Hamfast hatte alles von seinem Geld kaufen können.
Die Wochen bis zu ihrer ersehnten Volljährigkeit verflogen schnell. Hamfast hatte noch viel zu tun und Melethiell gewöhnte sich langsam daran, daß sie nun allein mit ihm in einer eigenen Höhle lebte.
Ihre Eltern waren oft da und ihr Bruder, Hamfasts Geschwister besuchten sie oft, und so auch seine Eltern, die Nachbarn und andere Freunde. Langweilig wurde es ihr nicht, sie buk viel und richtete das Haus her, machte aus dem leerstehenden kleinen Zimmer, für das sie keine Verwendung hatten, einen Bastelraum für sich mit Töpferutensilien, Strickzeug und anderen Dingen, mit denen sie sich gern beschäftigte. Hamfasts Arbeitsecke im Smial war klein und befand sich im Wohnzimmer, meist arbeitete er gänzlich in der Werkstatt und brauchte das gar nicht.
Sie war oft bei ihm und ging ihm zur Hand.
Die beiden jungen Hobbits hatten nie Langeweile, sondern alle Hände voll zu tun, und dann plötzlich war es endlich soweit, daß Melethiells Geburtstag vor der Tür stand.
Sie würden die Hochzeit vorziehen. In zwei Tagen war es soweit, aber am Abend des nächsten Tages würde es soweit sein. Nur Robin wußte Bescheid, weil er allein in der Werkstatt arbeiten würde. Hamfast ging nicht zur Arbeit, nicht am Tag seines Treueversprechens mit dem Mädchen, das er mehr als sein Leben liebte.
Melethiell griff am Morgen zu ihrem schönsten Kleid und bereitete mit Hamfast gemeinsam ein großzügiges Frühstück, das die beiden nervös zu sich nahmen. Sie räumten ein wenig auf, spazierten durchs Dorf und überlegten, wann der Zeitpunkt gekommen war.
Und am Nachmittag führte der Weg sie endlich an den Ort, den sie erwählt hatten. Sie schlenderten über die kleine Straße in Richtung des Ortsrandes.
Also... du willst es? Du willst wirklich mich? fragte Hamfast mit zitternder Stimme. In seinen Augen stand trotz der langen Zeit, auf die sie bereits als gemeinsam erlebt zurückblicken konnten, immer noch ein wenig Angst.
Melethiell lachte. Natürlich, du weißt doch: Was ich nicht will, ist unmöglich, und wenn ich etwas will, dann auch richtig!
Sie küßte ihn flüchtig auf die Wange und nahm seine Hand. Hamfast konnte seinen Blick nicht von ihr wenden, sie sah so wunderschön aus in ihrem Lieblingskleid, das ihren Körper sanft umspielte und ihn schier dazu zwang, sie einfach anzusehen.
Hastig zog er sie in seine Arme und drückte sie an sich.
Endlich... ich kann es kaum fassen! murmelte er und strahlte bis über beide Ohren.
Es kümmerte sich niemand um die beiden, als sie Hobbingen im strahlendsten Schein der Abendsonne verließen, die langsam dem Horizont entgegensank. Sie leuchtete noch immer hell, das goldene Licht traf auf ihre Gesichter, die vom recht stürmischen Wind angenehm gestreichelt wurden. Melethiell hatte mit ihren langen Locken zu kämpfen, die es ihr bald unmöglich machten, noch zu sehen, wohin sie überhaupt lief. Hamfast führte sie an der Hand auf den nahen Wald zu, in dem die Blätter der Bäume laut im Wind raschelten, der durch sie hindurchwehte.
Weiße Wolken wurden über den strahlend blauen Himmel getrieben, das Wetter war genauso gut wie die Stimmung der beiden Hobbits.
Hamfast spürte, wie sein Herz vor Aufregung raste. Er verschwand mit Melethiell zwischen den Birken und fand einen kleinen Pfad, der sie tiefer in den rauschenden, sonnenfleckdurchsetzten Wald führte bis auf ihre Lichtung.
Es hatte außer Frage gestanden, daß die beiden dorthin gehen würden. All die Jahre über hatten sie so viel Zeit an diesem Ort verbracht, daß sie jetzt gar nicht anders konnten.
Die Erde roch frisch und gut in ihren Nasen, Zweige knackten unter ihren Sohlen, hier und da raschelte etwas im Unterholz. Aber wenn man von den Tieren absah, waren die beiden allein im Wald.
Eigentlich müßten wir ja noch warten, warf Melethiell ein, morgen werde erstmal nur ich volljährig, nicht du...
Hamfast verzog das Gesicht. Ja, ich weiß. Aber keiner weiß davon, jetzt, wo es fast soweit ist, können wir es doch einfach... hinter uns bringen... und außerdem bin ich so neugierig!
Er zwinkerte ihr vielversprechend zu. Melethiell machte ein gespielt empörtes Gesicht.
Ich weiß schon, du willst das nur vorziehen, damit du endlich kriegst, was du die ganze Zeit nicht haben durftest!
Hamfast lachte. Ich weiß, ich bin schlimm... aber wenn du es nicht willst, können wir das jetzt lassen!
Nein! rief Melethiell. Ach was... Warum warten?
Niemand kontrollierte, was sie jetzt taten. Am Folgetag wurde Melethiell volljährig, zwei Tage darauf Hamfast, und beide fanden sie einfach, daß es nun doch an der Zeit war, endlich zu heiraten. Sie wußten, daß sie einander liebten und immer zusammen bleiben wollten, und in der Tat machte sie auch die jahrelange Enthaltsamkeit ein wenig rastlos.
Sie lachten, weil dieser Gedanke ihnen so lächerlich erschien. Aber da es mehr Argumente für eine vorgezogene Hochzeit gab als dagegen, wollten sie es einfach tun.
Schließlich hatten sie die Lichtung erreicht. Sie standen einander gegenüber und fühlten sich zuhause an diesem Ort, was in ihrer Situation nur gut war angesichts ihrer Aufregung.
Sie sprachen lange kein Wort. Hamfast verlor sich in Melethiells Augen und sie ließ ihn gewähren, seinen Blick einfach nur erwidernd.
Doch er wußte, daß es wohl an ihm war, endlich etwas zu sagen, zu sprechen, das Schweigen zu brechen und den ersten Schritt in ein neues Leben zu wagen.
Melethiell, ich hoffe, du wirst niemals an meiner Liebe zweifeln. Du bist das wichtigste in meinem Leben, das war noch nie anders und das wird sich auch nie ändern. Ich werde immer gut für dich sorgen und für dich da sein, jeden Tag meines Lebens. Du sollst die glücklichste Hobbitfrau sein, die das Auenland je gesehen hat! Nur du sollst die Mutter meiner Kinder sein, dir will ich treu sein bis an den Tag, an dem ich sterbe!
Hamfast drückte ihre Hand ganz fest und kämpfte mit den Tränen. Er hatte selten etwas derart ernst gemeint wie das, was er gerade ausgesprochen hatte.
Melethiell war unsäglich gerührt und strich mit einer Hand über seine Wange, als sie zu sprechen begann.
Meine Liebe zu dir ist so aufrichtig, wie Liebe nur sein kann. Mein Leben wäre ohne dich nicht halb soviel wert wie mit dir, und ich weiß, daß ich keinen anderen will als dich. Ich will immer alles tun, damit du glücklich bist, du und unsere Kinder. Keiner könnte mich je glücklicher machen als du! Ich will immer deine Frau sein und bei dir bleiben. Ich liebe dich, Hamfast Gamdschie.
Sie schlossen einander fest in die Arme und küßten sich zärtlich, Hamfast strich Melethiell liebevoll über die Locken und sie hielt sich überglücklich an ihm fest. Sie hatte Tränen in den Augen.
Danke, daß ich dich habe, Hamfast, danke... flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. Er wiegte sie in den Armen und lächelte, den Blick gen Himmel gerichtet. Er konnte sein Glück noch gar nicht fassen.
Wie lang sie dort so gestanden hatten, wußten sie nachher nicht zu sagen, aber als Hamfast bemerkte, daß die Dämmerung hereinbrach, lösten sie sich vorübergehend voneinander.
Es fühlte sich tatsächlich ein wenig anders an. Sie konnten nun offiziell sagen, daß sie verheiratet waren, sie hatten den Treueeid gemäß des alten Brauches geleistet, hatten ihr Ziel endlich erreicht. Es fühlte sich schön an.
Wohin gehen wir? fragte Melethiell leise. Hamfast zuckte unentschlossen mit den Schultern und blickte sich um, die gesamte Umgebung neugierig in Augenschein nehmend.
Ich finde es eigentlich schön hier, erwiderte er, und wir wissen ja, daß hier um die Zeit eigentlich niemand mehr ist...
Melethiell lächelte. Sie verstand schon, was er sagen wollte.
Von mir aus...
Sie gingen beide in die Knie, hockten schließlich dicht an dicht im Gras und blickten einander unentschlossen an.
Und jetzt weiß ich nicht, wie ich es anfangen soll, sagte Hamfast. Melethiell lachte und nahm ein bißchen Spannung aus der Luft.
Das war doch zu erwarten. Erst können wir es kaum aushalten und dann sind wir überfordert!
Sie küßte ihn und ließ ihre Hand in seinen Schoß wandern, was er nach Luft schnappend zur Kenntnis nahm.
Du... was... Meli...
Hör auf zu denken, Hamfast, jetzt geht es um etwas anderes! Oder willst du nicht mehr?
Kichernd kugelten die beiden durchs Gras. Hamfast richtete sich auf, faßte sie an den Schultern und drückte sie unter sich ins Gras.
Du bringst mich jetzt nicht um den Verstand! behauptete er trocken, aber es war längst zu spät und das wußten sie beide.
Oh doch... das werde ich! Melethiell versuchte vergeblich, sich freizustrampeln, aber er lag über ihr und ließ sie nicht mehr los, küßte sie und begann fast fordernd, seine Hand über ihren Körper wandern zu lassen.
Sie strich ihm eine Strähne aus der Stirn und schloß die Augen. Jetzt hatte sie plötzlich fast ein wenig Angst, aber das wollte sie nicht zulassen, jetzt nicht mehr.
Engumschlungen lagen sie im Gras und küßten einander lang, sie genossen ihre Nähe und ungestörte Zweisamkeit so sehr.
Hamfast spielte mit den Fingern an den Knöpfen ihres Kleides herum und löste sie langsam, dann streifte er ihr das Kleid langsam von den Schultern und ließ sie gewähren, als sie ihn von seinem Hemd befreite. Er konnte bereits spüren, wie er zwar vor lauter Aufregung fast nicht wußte wohin mit sich, aber irgendwo war er auch so gespannt, daß er bald zu platzen drohte. Er war sehr ungeduldig und mußte sich wirklich zwingen, sich noch zurückzuhalten.
Die beiden zogen einander langsam die Kleidung aus, bis sie gar nichts mehr am Leib hatten und eng umschlungen im Gras lagen. Melethiell lächelte, als Hamfast seinen Kopf auf ihre Brust bettete und auf ihren beschleunigten Herzschlag lauschte, lächelnd und sanft ihre warme Haut streichelnd. Der Duft des blühenden Grases war überall um sie herum, die beiden umgab eine behagliche Wärme, sie waren ganz allein im Wald und konnten am Himmel sehen, wie langsam die Sonne unterging.
Melethiell ließ ihre Hände über seinen ganzen Körper wandern und sah ihn herausfordernd an.
Also wegen mir mußt du nicht bis morgen früh versuchen, wie lang du es aushältst...
Er verzog beleidigt das Gesicht.
Du tust ja gerade so, als hätte ich nichts anderes im Kopf!
Schulterzuckend warf sie einen Blick auf seine Lendengegend und grinste.
Hast du gerade auch nicht...
Bevor Hamfast sich empören konnte, zog sie ihn in ihre Arme und küßte ihn sanft.
Ich will dich doch nur ärgern! murmelte sie.
Ich weiß, erwiderte er und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
Sie nickte, was er als erneute Aufforderung verstand, und dann beschloß er, ihr doch diesmal nachzukommen. Seine Absicht war, es nur mit ihrem unbedingten Einverständnis zu tun, denn sie sollte glücklich sein.
Ich... ich hoffe, ich tue dir nicht weh, flüsterte Hamfast und strich über ihre Wange. Meli lächelte und schüttelte den Kopf.
Nein, du nicht. Niemals! Hab keine Angst, das wird schon gehen...
Ihr Herz pochte bis zum Hals, als er sich ihr vorsichtig näherte. Sie schlang ihre Arme um ihn und zog ihn dicht an sich heran, während er die Luft anhielt und unter tausend Küssen versuchte, so vorsichtig zu sein wie möglich.
Und dennoch zuckte sie für einen Augenblick leicht zusammen, als es soweit war. Es war in keinster Weise seine Schuld und der Schmerz war kurz, aber sie spürte ihn.
Er hielt inne und schaute ihr in die Augen, um zu sehen, ob noch alles gut war.
Geht es? fragte er und schluckte, denn er konnte sich dem warmen Gefühl nicht erwehren, das Besitz von ihm ergriff, ein Schauer überlief ihn und es begann in seinem Bauch auf eine ganze eigentümliche Art und Weise zu kribbeln. Sein Kopf war wie vernebelt und er konnte kaum noch denken.
Mach dir keine Sorgen, erwiderte sie mit einem Lächeln. Alles in Ordnung.
Ihre Stimme zitterte leicht, aber nur, weil sie von ihren Gefühlen überwältigt um Fassung rang. So nah war sie ihm nie zuvor gewesen und es war wunderschön. Dennoch war sie ihm wegen seiner Vorsicht sehr dankbar. Seine Zärtlichkeit machte es sofort angenehm für sie und bald war die erste Angst vergessen, als sie in einem tiefen Kuß versanken und, von einem intensiven Gefühl der Nähe ergriffen, miteinander zu verschmelzen schienen.
Sie wollte ihn niemals wieder loslassen und er begriff, daß sie ihm ein Geschenk machte, das er immer in Ehren halten würde. Er war es, dem sie sich uneingeschränkt hingab, und er würde es immer sein.
Er war so glücklich und dankbar, daß er sich schwor, ihr das immer zurückzugeben. Seine Vorsicht ging schon fast zu weit, er wurde bald nervös über seinem Versuch, herauszufinden, wie es für sie am schönsten war. Melethiell verstand es jedoch, ihn ganz schnell davon abzulenken, damit seine wirren Gedanken es ihm nicht völlig zunichte machten.
Sie nahmen sich alle Zeit der Welt und ließen lang nicht voneinander ab. Erst als Hamfast Gewißheit hatte, daß sie genauso glücklich war wie er, sank er mit geschlossenen Augen neben sie ins Gras und kuschelte sich hinterrücks an sie, sie fest in die Arme schließend.
Erste Glühwürmchen begannen, auf ihrer Wiese zu tanzen, und Grillen zirpten in die Stille der Nacht hinein.
Ich liebe dich, flüsterte er mit einem Lächeln. Melethiell drückte seine Hand und küßte ihn auf die Nasenspitze.
Ich dich auch, Krümel.
Ihre Eltern wunderten sich ein wenig, warum sie ihre Kinder in diesen Tagen plötzlich gar nicht mehr zu sehen bekamen. Hamfast erschien nicht in der Werkstatt und als Robin bei ihm und Melethiell vor der Tür stand und klopfte, rührte sich in der Höhle nichts.
Tatsache war allerdings, daß die Frischverheirateten kichernd hinterm Wohnzimmerfenster auf dem Sofa lagen und sich einen Spaß daraus machten, ihre Familien an den Nasen herumzuführen. Sie wollten nicht gestört werden, sondern einfach nur in Ruhe zusammen sein. Sie futterten die Speisekammer fast leer, lagen bis mittags im Bett herum und taten eigentlich überhaupt nichts. Sie genossen es einfach nur, nun endlich wirklich zusammenzugehören.
Das war auch allen klar. Frodo ging über die jugendliche Leichtigkeit, mit der die beiden jetzt in den Tag hineinlebten, noch am ehesten einfach hinweg, weil er die beiden am besten verstehen konnte. Die Mütter regten sich auf, daß die Kinder zu ihren Geburtstagen nicht erschienen und man die Feste nicht feiern konnte. Sam spekulierte heimlich auf ein siebtes Enkelkind, nur Frodo dachte daran, daß die beiden nun einfach ihre Zweisamkeit genießen wollten.
Wie auch immer. Das sollte ihn nicht kümmern, dachte er bei sich, aber er fand den Gedanken schon etwas seltsam, daß seine Kleine nun eine verheiratete junge Frau war.
Er konnte sich noch an ihre Geburt erinnern... aber nun würde sie das selbst erleben und irgendwann Mutter sein.
"Die kommen schon wieder zum Vorschein", sagte er, als sie einfach nicht in Beutelsend auftauchten und auch nicht öffneten, wenn jemand an ihrer Tür klopfte.
Robin kam auch allein in der Werkstatt zurecht, das kümmerte Hamfast auch nicht sonderlich. Man heiratete schließlich nur einmal.
Und irgendwann kamen sie wieder nach Beutelsend, verhielten sich eigentlich ganz normal, nur daß jedem nun klar war, daß sie verheiratet waren. Glückwünsche prasselten von allen Seiten auf sie nieder, aber dann kehrte vorerst wieder Ruhe ein.
Allerdings feierte Liliane im November einen runden Geburtstag, der natürlich groß gehalten wurde in Wasserau. Der Grüne Drachen eignete sich für die Festlichkeit hervorragend und es kamen alle Verwandten und Freunde, die man sich nur denken konnte. Sam als Großvater war natürlich in seinem Element und sah sich gezwungen, nun seinen kleinen Enkeln, sofern diese seine Worte schon verstanden, von seinen Abenteuern zu erzählen. Elfstan, Elanors Sohn, war der älteste Enkel und kannte die Geschichten zu weiten Teilen schon, wurde ihrer jedoch nie überdrüssig.
Fröhliche Musik spielte auf. Ein heiteres Stimmengewirr, Gelächter und Gesang erfüllten die Wirtsstube, Bierdunst und Pfeifenrauch lag in der Luft, es war warm trotz des grauen Nieselregens, der draußen niederging. Er vermochte ihnen die gute Stimmung nicht zu verderben.
Wenn Liliane ihre Tochter mit Hamfast sah, erinnerte sie sich wieder so gut daran, wie sie damals mit Frodo zusammengekommen war. Sie waren ähnlich glücklich und unbeschwert gewesen.
Melethiell und Hamfast waren noch unzertrennlicher als je zuvor, und inzwischen hatte sie auch einen passablen Tänzer aus ihm gemacht. Die beiden hatten sich unter die vielen anderen tanzenden Pärchen gemischt und sahen einander tief in die Augen, während sie alles um sich herum zu vergessen begannen.
Hamfast hatte einen Arm um ihre Taille gelegt und sie dicht an sich gezogen, bis sie sich plötzlich von ihm löste. Ausgelassen wirbelte sie über die Tanzfläche und sah so schön dabei aus, daß er den Blick gar nicht mehr von ihr wenden konnte. Es kam ihm vor, als tanze sie nur für ihn, und sie hatte auch nur Augen für ihn.
Sie war seine wunderschöne, liebe Frau, die sich so fließend zur fröhlichen Festmusik bewegte, daß es ihn fast in einen Rausch versetzte. Er beobachtete sie gebannt dabei, wie sie tanzte voller Anmut und Grazie und als wäre nichts selbstverständlicher als das.
Auf der Tanzfläche war es voll, aber ihre Schritte waren dennoch nur ein leichtfüßiges Schweben. Das war seine Frau, seine Meli, die er über alles liebte und die ihn immer wieder verzaubern konnte, so wie jetzt.
Sie schwenkte die Arme, sprang mühelos von einem Fuß auf den anderen, drehte sich im Kreis und ihre Augen leuchteten voller Freude. Ihr Kleid wirbelte um sie herum und sie strich sich flüchtig die langen Locken aus dem Gesicht, die ihr immer wieder die Sicht nehmen wollten. Sanft umrahmten die dunklen Strähnen ihre roten Wangen, aber Hamfast wollte lieber in ihren großen schönen Augen versinken, die ihn genau ansahen.
Er stand ihr noch genau gegenüber und rührte sich nicht, zu fasziniert war er von ihrem Tanz und glaubte, daß sie nur für ihn tanzte, denn ihr Blick war einzig auf ihn gerichtet.
Sie kreuzte die Arme und legte sie auf die Schultern, ihre Bewegungen verlangsamten sich, aber stockten nicht. Sie ließ sich Zeit, als sie die Hände über die Träger ihres hübschen Kleides wandern ließ. Es stand ihr ausgezeichnet, es war ihr blaues Lieblingskleid, das von bestechender Schlichtheit war, aber dennoch die Blicke auf sich zog. Es war etwas weiter ausgeschnitten und nur mit wenigen Verzierungen geschmückt, die ihr allesamt schmeichelten und gut miteinander harmonierten. Der weite Rock ließ einige Blicke auf ihr reinweißes Unterkleid zu, aber er achtete nicht darauf, er versank in ihren sanften blauen Augen und verspürte plötzlich das wachsende Bedürfnis, ihre weichen Lippen küssen zu wollen.
Dann kam sie unerwartet auf Hamfast zu und zog ihn bestimmt in ihre Arme. Hamfast drückte sie an sich und spürte ihren Körper dicht an seinem, ihr Bein suchte sich den Weg zwischen seine, bevor die beiden schließlich engumschlungen und mit klopfendem Herzen zu tanzen begannen. Niemand kümmerte sich um sie, niemand bemerkte, wie Hamfast sie leidenschaftlich zu küssen begann und ihre Halsbeuge sanft mit den Lippen berührte. Gleichzeitig legte sie ihre Hände auf seine Hüfte und zog ihn an sich, spürte wohl seine wachsende Spannung und fuhr mit den Händen dann durch sein Haar, als sie ihn erneut verführerisch küßte.
"Krümel..." flüsterte sie und küßte ihn über seinem Wangenknochen. Er blickte interessiert zu ihr und grinste.
"Was denn, Liebes?"
"Wie wäre es, wenn wir beiden uns jetzt einfach davonschleichen und... allein sind?"
"Das ist eine hervorragende Idee..." erwiderte er und zwinkerte. Der Tanz war gerade zuende und die beiden verließen die Tanzfläche, drückten sich im allgemeinen Trubel bis zur Tür und verschwanden dort hindurch, gingen aber nicht aus der Wirtschaft, denn Meli zog Hamfast entschlossen Richtung Küche und er folgte einfach.
Neben der Küchentür war die Tür zum großen Vorratsraum. Sie war geschlossen und die beiden glaubten nicht, daß irgendjemand so bald dort hineingehen und etwas holen würde. Das Büffet war noch reichlich gedeckt und Bier gab es auch zur Genüge im Schankraum, also würde sie dort niemand stören...
"Das kannst du nicht machen!" zischte Hamfast anstandshalber und grinste. Melethiell zuckte mit den Schultern.
"Nicht? Und ob ich das kann! Draußen ist es naß, meinst du, ich laufe jetzt erst mit dir nach Hause und falle da über dich her?"
Er schüttelte den Kopf. "Wohl eher nicht", erwiderte er grinsend.
Sie nickte. "Eben..."
Die beiden schlüpften durch den Türspalt in die völlig finstere Vorratskammer, in der große Kartoffelsäcke auf dem Boden herumlagen und einen erdigen Geruch verbreiteten. Brote lagerten in den Regalen, das konnten sie schemenhaft erkennen, und da waren auch viele andere Dinge, Bierfässer, Vorratsgläser und anderes, das sie nicht mehr genau ausmachen konnten.
Es war ihnen auch ganz egal. Der Raum war nicht viereckig angelegt, sondern lief zur linken Seite noch um eine Ecke herum, wo einige leere Jutesäcke aufgetürmt hinter einem leeren Regal lagen.
Melethiell ließ Hamfast nicht mehr los. Ihr Herz raste, sie spürte, wie sie immer dringender danach verlangte, mit ihm zusammenzusein, ihr war heiß und sie drückte ihn gegen eines der Regale, als sie ihn wiederum stürmisch zu küssen begann.
Er schnappte nach Luft. "Du machst mich verrückt..." flüsterte er. Melethiell küßte ihn erneut und lächelte.
"Das will ich ja auch!"
Kurzerhand hob er sie auf seine Arme, trug sie um die Ecke herum hinter die Regale und ließ sich mit ihr auf den weichen Säcken nieder. Sie schlang die Arme um ihn und fuhr ihm keuchend durchs Haar, während er anfing, sie zärtlich am ganzen Körper zu streicheln. Ihr das Kleid auszuziehen wagte er nicht, aber das war auch gar nicht nötig.
Sie schloß die Augen und genoß jede seiner liebevollen Berührungen.
Er wurde immer stürmischer dabei, er spürte, wie sich langsam sein Verstand ausschaltete und er nur noch an Meli denken konnte, die nun wieder nach einem Kuß verlangte und ihn gar nicht mehr loslassen wollte.
Er wollte sie hier und jetzt, er war süchtig nach ihr, nur sie war jetzt wichtig für ihn.
Ihre zitternden Finger machten sich an seiner Hose zu schaffen, aber genau in dem Moment ging plötzlich doch auf der anderen Seite des Raumes die Tür auf.
Der Wirt betrat pfeifend den Vorratsraum und begann, suchend in einem der Regale herumzurumoren.
Hamfast ließ sich geräuschlos neben Melethiell sinken und rührte sich nicht. In der Dunkelheit verschmolzen ihre beiden Körper mit der Umgebung und so waren sie unsichtbar für jeden, der nicht gerade nach ihnen suchte.
Sie hielt sich den Mund zu und versuchte, ruhig zu atmen, damit man sie nicht hörte. Hamfast mußte ein Kichern unterdrücken und grinste nur belustigt, aber es geschah nichts. Der Wirt hatte keine Ahnung von den beiden Hobbits mit unlauteren Absichten und verschwand wieder, als er gefunden hatte, was er suchte. Klappernd fiel die Tür ins Schloß und Hamfast erhob sich sofort wieder, merkte jedoch, wie die Nervosität ihm plötzlich zugesetzt hatte.
Als Melethiell ihm die Hose von der Hüfte streifte, fiel es ihr auch auf, aber sie wußte, wie sie das wieder in den Griff bekam. Langsam zog sie den Rock ihres Kleides hoch und ließ ihn an den Bändern über ihrem Ausschnitt herumspielen, er küßte ihre warme Haut, legte eine Hand in ihren Schoß und schloß die Augen, als sie ihn plötzlich heftig an sich zog und ihn hieß, nicht länger zu zögern.
"Wenn uns jemand erwischt!" flüsterte er leise, aber sie zuckte nur mit den Schultern und legte mit einem erstaunlich harten Griff die Hände um seine Hüfte.
"Du solltest nicht zögern, wenn deine Frau nicht von dir lassen will..." bemerkte sie grinsend. Damit fügte er sich.
"Will ich auch gar nicht!"
Er küßte sie und kam ihr vorsichtig immer näher, sie klammerte sich an ihn und biß sich auf die Lippen, als sie ihn spürte.
Sein Atem ging stoßweise. Hamfast war wie immer sehr zärtlich und darauf bedacht, sie so glücklich zu machen, wie es ihm nur möglich war, und das spürte sie auch. Sie schlang die Beine so fest um ihn, daß er gar nicht mehr entkommen wäre, und mußte sich schon sehr zwingen, nicht sofort völlig die Kontrolle über sich zu verlieren.
Ihr Tanz hatte ihn derart wahnsinnig gemacht, daß er jetzt gar nicht mehr anders konnte, und er wußte genau, daß das ihre Absicht gewesen war. Sie war genauso verrückt nach ihm wie er nach ihr, und er liebte sie so sehr, daß er dafür keine Worte fand.
Ihm stand bald der Schweiß auf der Stirn, aber er spürte es nicht, er küßte sie leidenschaftlich und liebkoste sie, sah ihr Lächeln und war glücklich. Ihr Atem ging immer schneller, sie krallte sich in seine Locken und spürte, wie eine Gänsehaut sie überlief.
Dann plötzlich zuckte sie zusammen und spürte, wie er gerade rechtzeitig seine Hand über ihren Mund legte, um ihren leisen Aufschrei zu dämpfen. Nach Luft schnappend hielt er mit einem Mal inne und sank keuchend neben sie, die ihn in ihre Arme zog und sanft küßte.
"Meli", flüsterte er tonlos. Er hatte die Augen geschlossen und rührte sich in diesem Moment nicht mehr. Sie lächelte. Daß er sich auch immer so verausgaben mußte!
"Das ist so schön", sagte sie leise und schmiegte sich an ihn. Er nickte stumm.
"Wenn wir so weitermachen, ist unser Smial bestimmt zu klein für die ganzen Kinder, die da kommen müssen..."
Meli guckte ihn streng an. "Ach, meinst du? Ich werde das aber nicht tun wie deine Mutter! Das ist mir zuviel!"
"Mir auch... aber ich liebe dich so sehr, ich kann einfach nicht anders..."
"Ich auch nicht."
Er knöpfte seine Hose wieder zu, strich über ihr Kleid und blieb mit ihr liegen.
"Kannst du dir vorstellen, wie das mit Kindern ist?" fragte er. Melethiell überlegte nicht lang.
"Ja... wundervoll. Es ist bestimmt unglaublich schön, wenn wir beide Kinder haben. Ich möchte so gern wissen, wie das ist, und vielleicht erwarte ich ja schon bald eins!"
Hamfast lächelte und küßte sie auf die Nasenspitze.
"Das mußt du mir dann direkt sagen! Oh, wie das wird... so ein kleines Kind..."
Er klang ganz verträumt.
"Du arbeitest ja fleißig mit mir darauf hin!" bemerkte sie grinsend. Er zuckte mit den Schultern.
"Sicher... es ist so still im Smial, die Kinderzimmer sind leer, das paßt mir eben nicht!"
Sie lachten leise. Es war so schön, wenn sie zusammen waren, nun waren sie endlich ein richtiges Paar, sie waren verheiratet, sie konnten eine Familie gründen.
Und das würden sie auch tun.
"Du, Krümel?"
"Was denn?"
"Wenn... also... wenn ich ein Kind bekomme, dann wirst du dich doch auch immer darum kümmern und..."
"Natürlich!" rief er. "Es ist unser Kind, wir kümmern uns beide darum. Keine Frage."
"Und du bist bei mir, wenn es geboren wird? Davor... davor habe ich ein bißchen Angst. Ich glaube, das wird sehr weh tun..."
Er nickte und lächelte. "Ja, natürlich werde ich bei dir sein, wenn es kommt. Unsere Väter waren das schließlich auch. Ich werde es bestimmt kaum aushalten, dich leiden zu sehen, aber das ist ja nun mal so und damit lasse ich dich nicht allein!"
Sie hielten einander fest im Arm. Melethiell war froh, ihn zu haben.
Zehntes Kapitel: Die Erfüllung eines Traums
"Ich habe eine Frage, Mama."
"Was hast du auf dem Herzen?"
"Ich möchte Bescheid wissen, bevor es soweit ist. Man weiß ja nie, wann das sein kann..."
Melethiell druckste ein wenig herum, weil sie sich mit einem Male fast schämte, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Aber sie wußte nicht, wen sie sonst hätte fragen sollen, Tante Rosie wußte zwar noch mehr, aber sie mochte Meli erst recht nicht fragen.
"Wenn ich jetzt ein Kind bekäme... woran merke ich das, außer daß ich dann überfällig bin?" fragte Melethiell vorsichtig. Liliane sah sie erstaunt an.
"Bist du etwa..."
"Nein", sagte Melethiell sofort ausweichend. "Im Moment ist alles normal, aber... ich möchte eben vorbereitet sein. Jetzt wird das doch wichtig für mich!"
Liliane nickte verstehend. Die beiden saßen einander in Beutelsend im Wohnzimmer gegenüber und tranken Tee. Hamfast war zu dieser Zeit in der Werkstatt, würde aber später kommen und Meli wieder abholen. Der Jahreswechsel stand an, es war kalt und verschneit draußen und Hamfast war ewig besorgt um seine Frau. Er achtete tunlichst darauf, daß bei ihr alles in Ordnung war.
"Du merkst es einfach. Du wirst dann auch keinen Zweifel mehr haben, irgendwann war ich mir immer sicher. Dir wird morgens übel, du fängst an, die komischsten Sachen zu essen und verhältst dich auch sehr seltsam. Mal bist du glücklich, mal überhaupt nicht... alles ist anders. Da wächst ein neues Leben in dir heran! Das ist wirklich schön. Du wirst es natürlich auch anstrengend finden, aber das ist es wirklich wert!"
Melethiell dachte nach. In den vergangenen Monaten hatte sie ein ganz anderes Leben geführt als zuvor. Sie war nun mit Hamfast verheiratet, was wirklich ein wundervolles Gefühl war, denn er war ein wirklich liebevoller Ehemann, der sich sehr um sie sorgte und ihr alles recht machen wollte. Natürlich, er hatte sie immer schon über alles geliebt. Das war nicht so wie bei manchen anderen Leuten, wo der Herr im Haus immer glaubte, über der Familie zu stehen. Sie war froh darum, daß er sie nicht so unterschätzte.
Und er war in der Tat verrückt nach ihr, sie aber auch nach ihm. Die beiden teilten ihre Zweisamkeit auf eine wunderschöne Art und Weise, und Melethiell sprach ganz bewußt mit ihrer Mutter. Sie glaubte, daß es bald soweit sein mußte!
"Und die Geburt? Wenn ich daran zurückdenke, wie sehr Tante Rosie geschrien hat, wenn..." murmelte Melethiell. Liliane nickte, aber sie lächelte warmherzig.
"Ja, natürlich schmerzen die Wehenkrämpfe. Aber ich weiß noch gut, daß dein Vater mir immer sehr geholfen hat. Bei dir war es dabei noch schwieriger als bei Fael, weil er kleiner war... und es ging viel schneller, weil es im Schock passiert ist. Aber davor mußt du keine Angst haben, es geht fast wie von selbst und wird irgendwann vorbei sein. Ich... also wenn du möchtest, werde ich dir helfen. Und Hamfast sollte wirklich auch dabei sein."
"Das wird er, er hat es mir versprochen. Er ist doch schon ganz ungeduldig, die Kinderzimmer sind fertig eingerichtet und... naja... er möchte es wirklich gern." Daß er daran auch fleißig mit ihr arbeitete, mußte sie ihrer Mutter ja nicht gleich erzählen!
"Er wird bestimmt ein wundervoller Vater. Wenn er nach seinem Vater gerät, werden eure Kinder richtig verwöhnt!"
Melethiell lachte. "Das glaube ich auch!"
Sie hatte aber den verträumten Blick ihrer Mutter bemerkt, die ganz in Gedanken war und sich klarzumachen versuchte, daß ihre Tochter jetzt auch eine erwachsene Frau war, die von allem genauso betroffen war wie sie vor Jahren. Natürlich wollte sie wissen, was sie erwartete!
Und Liliane war froh, daß Melethiell sie fragte.
Bald sollte Melethiell auch sehen, wie gut es war, daß sie mit ihrer Mutter gesprochen hatte. Eines Tages fiel ihr auf, daß sie schon seit über einer Woche überfällig war, das war nur kurz nach Beginn des neuen Jahres, und sie begann daraufhin, sich selbst genauestens zu beobachten. Erst war sie skeptisch, rechnete immer wieder nach, spielte die plötzlich auftretende morgendliche Übelkeit vor sich selbst herunter... doch es half alles nichts.
Enes Morgens trat die hartnäckige Übelkeit erneut auf und sie ließ sich schwankend an den Frühstückstisch fallen, sank auf der Bank fast in sich zusammen und schob den sonst so heißgeliebten Käse, den Hamfast ihr anbot, von sich.
Ich habe keinen Hunger, sagte Melethiell mit einem Kopfschütteln und nahm bloß einen Schluck kühle frische Milch. Hamfast blickte sie skeptisch an.
Wirst du krank?
Mir ist nur irgendwie schlecht, weiter nichts. Mach dir keine Sorgen.
Jetzt runzelte er fragend die Stirn, während Melethiell überlegte, ob sie ihm ihren Verdacht wirklich mitteilen sollte.
Hast du gestern etwas falsches gegessen? fragte er.
Ich glaube nicht... ich glaube da eher an etwas anderes...
Und was? fragte er weiter und überlegte, was sie damit meinen könnte. Sie lächelte und senkte den Blick.
Ich bin seit fast drei Wochen überfällig, hast du das nicht bemerkt?
Er schüttelte den Kopf und begriff nicht gleich, worauf sie hinaus wollte, doch dann zeichnete sich Erstaunen auf seinem Gesicht ab.
Du meinst nicht etwa...
Ich bin mir nicht sicher, sagte sie leise, aber ich glaube, ich bekomme ein Kind.
Ohne etwas zu sagen, erhob er sich, am ganzen Leib zitternd, kniete nieder vor ihr und umarmte sie ganz fest.
Ihm traten Tränen der Rührung in die Augen, er war unaussprechlich glücklich und küßte Melethiell liebevoll. Sie wiegte ihn in den Armen, der am ganzen Leib zitterte und völlig fassungslos war.
Wirklich? flüsterte er, als er sich dahingehend genügend gesammelt hatte, daß er wieder sprechen konnte.
Ich denke schon...
Das ist unglaublich...
Sie hielten einander fest umarmt und waren einfach nur glücklich. Hamfast konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten, er verlor die Fassung, denn er konnte dieses Wunder nicht gleich begreifen. Da war er keine vier Monate ihr Mann und schon sollte er Vater werden!
Darauf war er nicht vorbereitet gewesen, aber eigentlich war es auch kein Wunder, das mußte er sich eingestehen. Er hatte damit rechnen müssen, er hatte doch kaum von ihr lassen können.
Sie hielt ihn ganz fest und lächelte glücklich, als sie sah, wie er reagierte. Eine derart große Freude hatte sich seiner bemächtigt, daß es dafür gar keinen Ausdruck gab.
Sie sah das Ganze nüchterner, denn ihr ging es im Augenblick schlecht, für sie war die Angelegenheit nicht so abstrakt wie für ihn, weil sie unmittelbar davon betroffen war.
Meli, du bist wundervoll, brachte er irgendwann hervor und sah sie aus feuchten Augen heraus an. Sie lachte.
Was habe ich denn gemacht? Du hast deinen Teil dazu beigetragen und der Rest geschieht von allein...
Er hörte nicht auf, übers ganze Gesicht zu strahlen, er hörte gar nicht wirklich, was sie gerade sagte.
Das... das ist... Ich liebe dich! Ich könnte sterben vor Glück, es ist so wundervoll! stammelte er und sprang auf. Melethiell lachte.
Was ist denn schon dabei? fragte sie.
Was dabei ist? Wir werden Eltern! Los, das müssen wir unseren Eltern sagen!
Er griff nach ihrer Hand und zog sie stürmisch hoch, sein Hunger war vergessen, jetzt hatte er andere Sorgen. Die beiden zogen sich hastig an und stapften durch den Schnee. Hamfast ließ Melis Hand nicht los, er lächelte übers ganze Gesicht, dann blieb er irgendwann stehen und küßte sie leidenschaftlich, bevor er einmal mit der Hand über ihren Bauch streichelte.
"Unser Kind..." flüsterte er, aber sie lachte nur.
"Ja, da ist es wohl, aber noch kann man es gar nicht sehen, so klein ist es, denke ich..."
"Aber es ist da! Das genügt!" rief er strahlend.
Und er war nahezu außer Atem, als sie vor Sam, Rosie, Frodo und Liliane standen. Sie saßen beim Elf-Uhr-Tee und ahnten nichts.
Melethiell konnte Hamfasts plötzliche Hektik nur bedingt verstehen, aber er amüsierte sie prächtig.
Ihr werdet wieder Großeltern! rief Hamfast, als er in die Küche platzte, und fiel seinen Eltern um den Hals, was die beiden sehr überrumpelte. Melethiell stand etwas verunsichert vor ihren Eltern und lächelte schief.
Ich bekomme ein Kind, sagte sie, weil ihr nichts besseres einfiel und obwohl ihre Eltern das bereits verstanden hatten. Liliane stand auf, schlug die Hände vors Gesicht und umarmte Melethiell überglücklich, während Frodo stumm dastand und sich nicht rührte. Er wollte am liebsten weglaufen und sich verstecken, damit niemand sah, wie ihm die Tränen in die Augen schossen, aber es war bereits zu spät.
Melethiell blinzelte über die Schulter ihrer Mutter zu ihrem Vater.
Papa... murmelte sie und trat vor ihn. Sie nahm seine Hand und wischte mit der anderen seine Tränen von den Wangen, dann küßte sie ihn auf eine Wange und lächelte.
Freust du dich denn nicht?
Das ist Freude, meine Kleine, das ist die größte Freude, die ich mir denken kann! erklärte Frodo und fiel ihr um den Hals. Hamfast beobachtete das mit einem Lächeln.
Für Frodo und Liliane war es immerhin das erste Enkelkind.
"Sie hat es mir vorhin gesagt! Ist das nicht wundervoll?" rief Hamfast und lockte mit seinem aufgeregten Gerede nur alle aus jeder Ecke in Beutelsend an.
"Das ist es!" rief Sam. Er grinste bald so breit wie sein Sohn, jedes Enkelkind mehr brachte sein Herz vor Freude ins Taumeln.
Ein riesiges Stimmengewirr erfüllte die Küche von Beutelsend. Melethiell und Hamfast wurden von allen Seiten beglückwünscht und umarmt, daß es gar kein Ende mehr nehmen wollte.
Es wunderte niemanden wirklich, daß die beiden so kurz nach ihrer Hochzeit Eltern werden sollten. Daß sie sich über alles liebten, wußte doch jeder.
Und so verging die Zeit langsam. Bald spürte Melethiell genau, wovon ihre Mutter gesprochen hatte. Es dauerte gar nicht lang, bis zwar die Übelkeit verflog, aber dafür hatte sie bald andere Beschwerden vorzuweisen. Sie wurde entsetzlich launisch und Hamfast wußte überhaupt nicht, wie er mit ihr umgehen sollte.
Es konnte vorkommen, daß sie erst zu ihm kam und sich einfach an ihn kuscheln wollte, dann aber Minuten später aufsprang und einen Wutanfall bekam, nur weil er irgendetwas vergessen hatte oder ähnliches.
Hamfast mußte genau aufpassen, was er sagte oder tat, und am allerliebsten ließ er sie einfach nur machen und kümmerte sich nicht weiter darum.
Wenn sie gurkenessend in der Küche saß und den ganzen Tag nur Milch trank, sollte es Hamfast recht sein, er versuchte gar nicht erst, seine Frau in diesem Zustand zu verstehen. Sein Vater hatte ihm gesagt, daß er damit kein Glück haben würde, er hatte es bei Rosie auch nach dreizehn Kindern nicht geschafft, sie mit ihren Schwangerschaftsproblemen zu verstehen.
"Beim Allmächtigen", murrte er, als er eines Nachmittags nach der Arbeit nach Beutelsend kam, um Melethiell dort abzuholen. Sie saß, wie hätte es anders sein können, mit Rosie und Liliane zusammen und unterhielt sich über Kinder.
Liliane hatte begonnen, Kinderkleidung zu schneidern, denn alle alten Kindersachen waren inzwischen aus Beutelsend verschwunden und bei Sams älteren Enkeln völlig verschlissen worden.
"Euer Kind braucht noch einiges, wenn es geboren wird!" erklärte Liliane augenzwinkernd, als sie Hamfasts entgeistertes Gesicht sah.
Jetzt wurde es ihm auch klar. Melethiell saß mit einem glücklichen Lächeln da und hieß ihn, sich neben sie zu setzen, was er ganz vorsichtig tat. In diesem Augenblick geschah auch nichts weiter, Melethiell begann nicht, ihn Minuten später anzumeckern, sondern war einfach nur zufrieden.
Der Frühling hielt Einzug im Auenland. Der Schnee schmolz, Blumen übersäten bald die saftiggrünen Wiesen, kleine Häschen hoppelten über die Hügel und Hamfast erstickte wie üblich in Arbeit. Melethiell hingegen ließ es sich nicht nehmen, ihre Freunde zu besuchen, Sams Kinder, die ihrerseits bereits Kinder hatten, und sie ließ sich viele Geschichten vom Nachwuchs erzählen.
"Es wird ein Junge", behauptete Melethiell, und Hamfast glaubte nicht, daß sie wissen konnte, ob sie einen kleinen Jungen oder ein Mädchen haben würde. Aber Liliane glaubte ihrer Tochter, weil sie selbst auch alles von ihren Kindern gewußt hatte.
Die Wochen gingen ins Land. Bald verhielt Melethiell sich wieder ganz normal, dafür begann Hamfast aber bald, ein wenig verrückt zu spielen. Kam daß sich zu Beginn des Sommers ihr Bauch sichtbar zu runden begann, spielten seine anfänglichen Vatergefühle bereits verrückt.
"Wie das wird, wenn wir es erst im Arm halten können... unser Kind!" Er sprach mit solcher Rührung in der Stimme, daß Melethiell ihn ganz überrascht ansah. Ihre Freude war ebenfalls sehr groß, aber sie sah die Angelegenheit nicht ganz so verklärt wie er. Sie spürte bereits seit Monaten, daß sich etwas an ihr veränderte, daß da ein kleines neues Leben in ihr heranwuchs, und es war in der Tat ein schönes Gefühl, ganz wie ihre Mutter gesagt hatte.
Aber sie war froh, endlich von den etwas abnormen Hungergelüsten befreit zu sein, die sie erlebt hatte wie ihre Mutter Jahre zuvor. Erdbeeren und Gurken auf einmal waren gar kein Problem für sie...
Vieles hatten ihre Mutter und Rosie ihr bereits erklärt und ihr an Ratschlägen gegeben. Vieles hatte Melethiell auch überhaupt noch nicht gewußt, was aber sehr wichtig war, damit sie sich gut um das Kind kümmern konnte.
Aber nach der ersten überschwenglichen Freude kehrte langsam wieder Normalität ins Leben der beiden jungen Hobbits ein. Jedenfalls solange, wie Hamfast seiner Arbeit nachging. Wenn er allerdings abends mit Meli zusammensaß oder sie zu Bett gegangen waren, konnte sie oft beobachten, wie eine seiner Hände sich zu ihrem Bauch schlich und dort nach dem Kind fühlte.
"Es ist noch zu früh", sagte sie, "du merkst noch nichts davon!"
"Aber bald!" sagte Hamfast, und so war es in der Tat. Irgendwann bewegte es sich dann doch, und es wuchs immer weiter, so daß Melethiell kaum mit dem Weiten einiger ihrer Kleider hinterherkam.
Der heiße Sommer wurde sehr beschwerlich für die werdende Mutter. Die Hitze machte ihr zu schaffen, ihr immer runder werdender Bauch behinderte sie bei allem, was sie tat, und irgendwann tat sie deshalb kaum noch etwas. Ihr Rücken schmerzte, aber ihr Bauch wurde auch sehr schnell sehr groß.
"Meine arme Meli", sagte Hamfast, wenn er sich schwer damit tat, sie überhaupt zu umarmen, weil er sie kaum erreichte.
"Wir können gern tauschen!" brummte sie mißmutig. So anstrengend hatte sie sich das nicht vorgestellt.
"Das ist wohl unmöglich", erwiderte Hamfast und kümmerte sich nur noch fürsorglicher um sie. Er erledigte alles für sie, kümmerte sich darum, daß es ihr gut ging, und war stets besorgt, wenn sie allein unterwegs war. Er mußte nur daran denken, wie Liliane damals auf der Treppe gefallen war, kurz vor Perhails errechneter Geburt. Deshalb war Melis Bruder kleiner und früher geboren worden als normal, und er wußte noch, wie aufgeregt alle in Beutelsend gewesen waren. Meli hatte Angst um ihre Mutter gehabt und er hatte seine kleine Freundin getröstet.
Ihr durfte so etwas nicht passieren. Glücklicherweise hatte sie nicht, wie Krümels Schwester Rose, mitten in der Schwangerschaft Blutungen bekommen. Bei ihr war alles normal abgelaufen.
Eines Tages, mitten im August, suchte Melethiell Hamfast vergebens in der Höhle, er war nirgends, wo sie ihn vermutet hätte. Und als sie dann auf den ihr erst absurd erscheinenden Gedanken verfiel, er könnte im Kinderzimmer sitzen, war sie überrascht, ihn tatsächlich dort vorzufinden.
"Was in aller Welt tutst du denn hier?" fragte sie lachend. Hamfast saß auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und starrte verträumt das Schaukelpferd an. Mit dem Fuß tippte er es manchmal an, und dann schaukelte es ein wenig hin und her, aber es stand noch immer unbenutzt da.
"Ich stelle mir vor, wie unser Kind hier sitzt und spielt", erklärte er mit einem verklärten Blick. Melethiell blieb vor ihm stehen, sich hinzusetzen wäre ihr mit dem runden Bauch zu schwer gefallen.
"Du kannst es wohl gar nicht erwarten, was?" fragte sie spöttisch. Sie wußte, es konnte nicht mehr lang dauern, und in Anbetracht der unvermeidbaren Geburt bekam sie es inzwischen doch mit einem mulmigen Gefühl zu tun.
"Nein... ich... ich freue mich doch seit Monaten so sehr. Melethiell, es geht ein Traum für mich in Erfüllung, an den ich in meinem Leben fast nicht mehr zu glauben gewagt hatte. Ich hatte mir das immer gewünscht, genau so. Du solltest die Mutter meiner Kinder sein, ich habe mir vorgestellt, wie ich mich freue, wie wir beiden Eltern werden, einfach alles so, wie es nun ist. Ich bin so oft abends eingeschlafen und wollte es nicht, weil ich fürchtete, am nächsten Morgen wachzuwerden und den Traum als solchen vorzufinden. Aber es ist kein Traum, es ist die ganze Zeit über die Wahrheit gewesen, bald werden wir Eltern, du bist die Mutter meines Kindes, das ist für mich die größte Freude im Leben!"
Sie hielt ihm die Hand hin und zog ihn hoch. Dann legte sie die Arme um ihn, so gut sie konnte, und legte seine Hände auf ihren Bauch. Das kleine Kind trat eifrig danach. Melethiell sah Tränen in den Augen ihres geliebten Hamfast, und er flüsterte: "Wie das überhaupt möglich ist... einfach dadurch, daß wir uns lieben, entsteht ein neues Leben! Unser Kind..."
"Ja, das ist unglaublich", sagte Melethiell und küßte ihn. "Es ist ein Wunder, aber dabei ist es so einfach."
Sie warteten täglich auf das Einsetzen der Wehen. Bis in die erste Septemberwoche hinein geschah überhaupt nichts, jedoch wurden sie überrascht während den Vorbereitungen für das kleine Geburtstagsfest, das für Meli und Hamfast auusgerichtet werden sollte. Es bestand aller Grund zum Feiern, innerhalb von vier Tagen gab es drei Feste zu feiern, ihren Geburtstag, seinen und die Hochzeit, die nun ein Jahr zurücklag.
Die beiden waren nach Beutelsend gekommen, um ein wenig zu helfen, Meli sollte ihre berühmten Törtchen backen, und dazu war sie so gerade noch in der Lage. Allerdings stand sie am frühen Abend ahnungslos in der Küche und rührte gerade die Glasur an, als sie plötzlich spürte, wie etwas warmes an ihren Beinen herunterlief, und zwar schnell.
Sie schrak zusammen und zog ihren Rock ein Stück weit hoch, um dann festzustellen, daß es kein Blut war.
Sie schnappte nach Luft, lehnte sich zitternd rücklings an den Herd und schluckte.
"Mama..." rief sie leise, weil sie jetzt in erster Linie von ihrer Mutter wissen wollte, was das war. Jedenfalls hatte es etwas mit dem Kind und der Geburt zu tun, glaubte sie.
"Mama!" rief sie erneut, zuerst kam aber Krümel in die Küche und sah sie dort stehen, wie sie entgeistert auf den Boden starrte. Und dann sah er auch, warum.
"Meli!" entfuhr es ihm und er hastete aufgeregt zu ihr. Sie stand völlig hilflos da und wußte nicht, was sie tun sollte. Aber dann kam Liliane in die Küche und sah, was vorgefallen war, und sie konnte die beiden aufgeregten jungen Hobbits besänftigen.
"Das ist nicht schlimm!" erklärte sie sofort. "Aber es wird jetzt bald losgehen, das Kind kommt!"
"Wo sollen wir hingehen?" fragte Hamfast sogleich.
"Ihr bleibt am besten gleich hier. In eines der Schlafzimmer sollten wir gehen, Meli sollte sich ins Bett legen!" sagte Liliane ruhig und griff ihrer Tochter gemeinsam mit Hamfast unter die Arme, um Melethiell in ihres und Frodos Schlafzimmer zu bringen.
"Rosie!" rief sie derweil, um noch zusätzlichen Rat von der erfahreneren Mutter einzuholen.
Zu dritt gingen sie ins Schlafzimmer. Melethiell ging nur sehr vorsichtig, weil sie Angst hatte, irgendetwas falsch zu machen. Liliane half ihr sanft, sich ins Bett zu legen, und Hamfast stand verloren daneben und wußte nicht, was er tun sollte.
"Was ist denn los?" fragte Sam, der die Aufregung mitbekommen hatte und nun mit seiner Neugier wieder nicht hinterm Berg halten konnte.
"Herr Großvater Gamdschie, bald wird es ein Enkel mehr sein!" erklärte Liliane augenzwinkernd. Sam fiel vor Überraschung der Unterkiefer hinunter und er eilte davon, um Rosie zu holen, stieß auf dem Gang aber fast schon mit ihr zusammen.
"Das Kind kommt!" rief er aufgeregt und sie nickte gelassen.
"Ich habe es mir gedacht. Also auf ein neues!" sagte sie und war hörbar guter Dinge.
Nun wurde auch Frodo vom allgemeinen Aufruhr angelockt und eilte ins Schlafzimmer.
"Die Geburt? Ist es soweit?" fragte er nervös. Liliane nickte.
"Ja, es kann nicht mehr lang dauern. Bald müssen die Wehen einsetzen."
"Dann wird es Zeit, daß ich gehe", sagte Sam überraschend. Alle sahen ihn fragend an.
"Ich war bei dreizehn Geburten dabei, ich habe dreizehn Kinder, erspart mir eine weitere Geburt!" erklärte er. "Ich bin draußen, wenn ich etwas tun kann, sagt es nur."
Die anderen nickten. Hamfast wollte endlich nicht mehr so verloren herumstehen und ließ sich von Liliane den Rat geben, sich hinter Melethiell ins Bett zu setzen, so daß sie sich an ihn lehnen konnte.
Und als er das tat und die Arme um sie legte, wurde sie gleich ein wenig entspannter.
Frodo, Liliane und Rosie standen nachdenklich im Raum.
"Wir brauchen Tücher, irgendwoher die alte Kinderwanne... wo ist die überhaupt?" fragte Liliane. Rosie zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht, wer sie haben könnte, aber sie ist nicht hier..."
"Das letzte Kind war doch bei Merry! Vielleicht ist sie bei ihm!"
Und das machte das Ganze einfacher, denn er wohnte auch in Hobbingen. Frodo lief sofort los, um sie zu holen, und Liliane holte Tücher.
"Was passiert jetzt?" fragte Melethiell Rosie, die ihr dabei behilflich war, den Rock über den Bauch zu streifen, dann tastete sie vorsichtig nach dem Kind.
"Alles in Ordnung, es liegt genau richtig und kann ohne Schwierigkeiten geboren werden!" erklärte sie.
"Wird es lang dauern?" fragte Meli. Rosie zuckte mit den Schultern.
"Beim ersten Kind kann es schon eine Weile dauern. Aber hab keine Angst, wenn du magst, mache ich dir einen Tee, der wird dir gut tun!"
Melethiell nickte. Liliane kam zurück und breitete Tücher auf dem Bett aus, während Rosie in der Küche einen Tee aufbrühte. Rubinie hatte jetzt an Melethiells Statt das Backen übernommen, kaum daß sie davon erfahren hatte, was vor sich ging.
Rosie und Liliane blieben bei den jungen werdenden Eltern, um sie zu beruhigen. Hamfast war bald noch aufgeregter als alle anderen zusammen, weil er solche Angst davor hatte, daß es Meli schlecht gehen könnte. Er wußte ja nicht genau, was ihn erwartete, er fürchtete nur, daß es für Meli sehr schmerzhaft werden würde.
Er legte seine Hand um ihre und küßte sie liebevoll auf die Wange.
"Wie geht es dir?" fragte er besorgt. Sie zuckte mit den Schultern.
"Nichts weiter... wann kommen denn die Wehen?" fragte Meli die beiden Mütter.
"Keine Sorge, bald sind sie da und dann wirst du sie verwünschen!" sagte Rosie.
Inzwischen kehrte Frodo mit der Babywanne zurück und stellte sie ans Fußende des Bettes. Er beobachtete Rosie dabei, wie sie geschickt nach dem Baby tastete und die Lage im Becken bestimmte.
"Es wird noch dauern", sagte sie, und genau in dem Moment spürte Melethiell den ersten Wehenkrampf.
Sie biß fest die Zähne zusammen und schloß die Augen.
"Jetzt... jetzt spüre ich es..."
Hamfast schaute sehr besorgt. Es würde schwierig werden, das zu ertragen, soviel war sicher.
Frodo stand noch immer am Fußende des Bettes und spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Er wurde totenbleich und schluckte hart. Als er mitansehen mußte, wie seine kleine, jetzt erwachsene Tochter sich durch den beginnenden Geburtsschmerz quälte und die ersten Wehen aushalten mußte, wurde ihm ganz anders.
Rosie und Liliane hatten die Aufmerksamkeit erst nur auf Melethiell gerichtet, aber als Frodo plötzlich darum kämpfen mußte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, handelte Liliane schnell.
"Frodo, was ist los?" fragte sie und erhob sich. Er schnappte nach Luft, sie bemerkte, wie blaß er war, und bevor er ohnmächtig zu Boden gehen konnte, fing sie ihn flink auf.
"Das war wohl zuviel für den werdenden Großvater!" erklärte sie lachend und machte sich mit Rosie daran, Frodo aus dem Zimmer zu bringen und im Wohnzimmer aufs Sofa zu betten.
Dann eilten die beiden zurück.
"Was ist denn mit Papa?" fragte Melethiell. Liliane lächelte.
"Ach, er ist schon damals halb wahnsinnig geworden, wenn ich in den Wehen lag. Ich weiß auch, daß er am liebsten immer davongelaufen wäre, aber das kam ihm immer verantwortungslos vor und so hat er sich mit mir hindurchgequält. Nur verstehe ich gut, daß er seine kleine Tochter jetzt so nicht sehen kann!"
Hamfast nickte verständnisvoll, er wußte genau, wie Frodo fühlte.
"Ich wär jetzt am liebsten auch nicht hier", sagte er, "aber es ist auch mein Kind. Es ist nicht gerecht, daß nur Meli leiden muß, also leide ich mit ihr. Egal, wie schlimm das ist!"
Rosie lächelte und strubbelte ihrem erwachsenen Sohn liebevoll und stolz über den Kopf.
"Mein Junge!" sagte sie. "So ist das richtig. Ich hoffe, du bist auch immer zufrieden mit ihm, Meli!"
Sie biß die Zähne zusammen und stöhnte unter dem nur langsam verebbenden Wehenschmerz, aber sie hatte zugehört und nickte.
"Das bin ich!" preßte sie mühsam hervor. "Krümel ist der Beste!"
Eine Stunde verging, dann auch eine zweite. Irgendwann brach die Abenddämmerung herein und die Wehen wurden stärker und kamen häufiger, das Kind wurde tiefer ins Becken gedrückt, Rosie kontrollierte alles genau. Melethiell war dankbar dafür.
Liliane erzählte von Melis Geburt und wie die zur gleichen Zeit hochschwangere Rosie auch ihr dabei geholfen hat. Melethiell hörte aber irgendwann nicht mehr zu.
Hamfast versuchte, sich damit abzulenken, ihm war ganz flau im Magen, aber er zwang sich, jetzt stark zu bleiben und nicht aufzugeben. Seine geliebte Meli brauchte ihn, es war auch sein Kind...
Und dann plötzlich blieben die Wehen aus. Es kamen einfach keine mehr. Die ruhige Regelmäßigkeit, mit der Melethiell die einzelnen Krämpfe über sich hatte ergehen lassen, war plötzlich vorüber und die Geburt kam zum Stillstand.
"Was ist denn jetzt?" fragte Hamfast, der auch merkte, daß etwas vor sich ging.
"Ich weiß nicht..." sagte Melethiell leise. Rosie stand auf und sah Liliane fragend an.
"Das... das gefällt mir nicht", sagte sie. Liliane zuckte mit den Schultern.
"Was sollen wir jetzt tun?"
"Ich gehe Sam fragen. Er weiß bestimmt Rat, er kennt sich mit Heilkräutern aus, es gibt etwas dafür!"
Damit ging sie und Liliane blieb bei den beiden fast verängstigten jungen Eltern.
"Mama... was, wenn die Geburt nicht weitergeht?" fragte Meli plötzlich. Liliane winkte ab.
"Das wird nicht passieren, Kleines, mach dir keine Sorgen."
"Und wenn doch?" beharrte Meli.
"Sag sowas nicht! Sieh mal, selbst bei Rosie mit dreizehn Kindern ist nie etwas schiefgegangen..."
"Sie hatte das aber auch mal", widersprach Hamfast, "nach mir. Ich weiß nicht, wann. Und Papa hat ihr irgendeinen Tee gemacht, der hat geholfen. Keine Sorge."
In der Tat kümmerte Sam sich eifrig darum, er sichtete seine Kräutersammlung und zog ein Buch zu Rate, bis er Wachholder, Kamille und Beifuß kombinierte, um in der Wirkweise auch sicher zu gehen. Flink brühte er einen Tee auf und Rosie kehrte damit ins Schlafzimmer zurück, wo inzwischen keiner mehr etwas sagte. Die Wehen blieben einfach aus.
Hamfast bekam es mit der Angst zu tun. Melethiells Frage machte ihm wirklich Sorgen, denn er wußte, daß eine Frau bei der Geburt sterben konnte. Wenn das Kind nicht geboren werden konnte, war es aus...
Er schloß die Augen und lehnte die Stirn an Melethiells Schulter. Er ließ sie nicht los und lauschte auf ihren Atem, ihren Herzschlag, alles. Sie war noch da, sie lag in seinen Armen, und noch ging es ihr gut.
Sie trank langsam, Schluck für Schluck, den Kräutertee und war dankbar für das ermutigende Lächeln ihrer Mutter, die eine ihrer Hände fest gedrückt hielt.
Frodo klopfte zwischendurch einmal an die Tür, er war inzwischen wieder zu sich gekommen und wollte wissen, warum alles so ruhig war.
"Die Geburt steht still. Es kommen keine Wehen mehr", erklärte Rosie leise an der Tür. Frodo wagte es kurz, das Zimmer zu betreten und kniete sich neben das Bett, um seine Tochter anzusehen.
"Du bist mein tapferes kleines Mädchen", sagte er. "Du schaffst das, da bin ich sicher. Und es wird gar nicht mehr lang dauern, bis ihr euer Kind in den Armen haltet. Es wird ein wunderschöner kleiner Junge, ein liebes Kind, und ihr werdet ihn nicht mehr missen wollen. Aber jetzt mußt du durchhalten!"
Seine Stimme klang ganz seltsam, als er das sagte, aber er wollte nicht nur seiner Tochter und allen anderen Mut zusprechen, sondern auch sich. Er hatte dieselbe Angst wie alle anderen.
Hamfast rührte sich nicht. Er kämpfte gegen die Tränen an, Tränen der Angst, denn er malte sich ständig aus, was jetzt alles geschehen konnte. Er würde sich umbringen, wenn Melethiell nun etwas geschah, wenn sie die Geburt nicht überstehen würde.
Er liebte sie mehr als sein Leben, und dieses war ohne sie nichts wert.
Und sie merkte plötzlich, wie es um ihn bestellt war, und drehte sich mühsam zu ihm um, um ihn einmal fest zu umarmen.
"Ach, mein Krümel..." flüsterte sie und küßte ihn auf die Wange. Ihre schweißnassen Locken klebten in der Stirn, aber im Augenblick war sie ganz ruhig.
"Du mußt es schaffen, Meli, bitte", sagte er flehentlich. Tränen liefen über seine Wangen, als er sie ansah, und sie wischte sie zärtlich fort.
"Das werde ich. Hab keine Angst."
Und endlich spürte sie, eine kurze Zeit später, wie die Wehen wieder einsetzten. Diesmal taten sie es sogar heftiger als vorher, und so konnte Rosie bald nur noch sagen, daß es nicht mehr lange dauern würde. Sie trat jedoch zurück und ließ Liliane den Vortritt am Fußende des Bettes. Melethiell begann vor Schmerzen laut zu schreien, da nutzten alle schmerzlindernden Hilfsmittel nichts mehr, sie keuchte heftig und strengte sich so sehr an, damit das Kind endlich geboren wurde.
"Weiterpressen!" rief Rosie. Meli hatte Tränen in den Augen und Hamfast glaubte bald, sie würde ihm die Hand zerdrücken, die er ihr gegeben hatte, damit sie irgendwo Halt fand.
Und dann schrie Melethiell, als sie spürte, wie das Kind endlich das Licht der Welt erbblicken wollte. Es schmerzte ungemein, sie glaubte fast, es nicht schaffen zu können, aber sie preßte ein letztes Mal mit aller Kraft und Liliane fing das kleine Bündel in einem Handtuch auf.
Hamfast saß kerzengerade hinter Melethiell. Er konnte es nicht erwarten, sein Baby zu sehen, das kleine Kind, auf das er sich so gefreut hatte, und schon kam Liliane mit ihrem Enkelkind im Arm zu den beiden nervlich angeschlagenen und erschöpften Eltern, deren Ängste damit sofort vergessen waren.
"Es ist wirklich ein Junge!" sagte sie. Melethiell breitete die Arme aus und umklammerte mit Freudentränen in den Augen das kleine Kind, dessen winzige Hände und noch viel kleinere Finger aus dem Handtuch herausschauten, welches es wärmend umschloß.
Es hatte ganz blaue Augen, die es aber kaum öffnete, dafür quiekte es aber sehr lebendig und begann kurz darauf schon laut zu schreien.
Hamfast schaute wie gebannt auf seinen Sohn und Melethiell hatte ihn gar nicht lang gehalten, als sie ihm bereits den Kleinen in die Arme drückte.
"Du sollst ihn auch halten", sagte sie und drückte seine Hand ganz fest.
Hamfast nahm ihn vorsichtig auf den Arm, hatte Angst, ihm weh zu tun, dem zerbrechlichen kleinen Wesen, so wie es ihm erschien.
Er war ganz warm, noch ein wenig blutverschmiert, hatte klebrige kleine Löckchen und ließ den Finger seines von Glücksgefühlen überwältigten Vaters nicht mehr los, als seine kleinen Fingerchen ihn erst einmal erwischt hatten.
Hamfast sagte überhaupt nichts. Er konnte nicht. Er spürte die kleinen Tritte des Jungen, seines Jungen, seines kleinen Babys, strich ihm zärtlich über die winzige Hand und die kleine Stupsnase.
Er konnte nicht glauben, daß dieses Kind seines war, er konnte nicht begreifen, wie das möglich war. Er hatte kaum etwas schöneres in seinem Leben gesehen.
Melethiell beobachtete den jungen Vater mit seinem Sohn und freute sich über diesen Anblick. Hamfast liebte seinen Sohn vom ersten Augenblick an, er war gänzlich erfüllt von diesem Glück und dieser Liebe, und er würde ihn immer gut behüten.
"Darf ich ihn kurz haben?" fragte Rosie, die nicht weniger gerührt war als die Eltern.
Inzwischen standen auch Sam und Frodo in der Tür und hatten ganz große, glänzende Augen, als Rosie das Kind behutsam im warmen Wasser wusch. Die Nabelschnur mußte auch noch versorgt werden.
Liliane zog dem Kleinen einen Strampler an. Derweil winkte Hamfast Frodo zu sich und im Flüsterton begannen Melethiell und er, Frodo über Sindarin auszufragen.
"Er ist bestimmt auch ein strebsamer Junge, lieb, klug und ruhig, jedenfalls hoffe ich das", sagte Hamfast.
"Und häuslich, brav, nicht zu frech..." sagte Melethiell. Frodo begann zu überlegen. Er hatte das Sindarin genauer studiert in den letzten Jahren, aber er mußte dennoch aufstehen und sein Buch holen, um die Bedeutung dieser Worte nachzuschlagen.
Und dann hatte er eines gefunden, dessen Wortstamm sowohl für häuslich als auch für strebsam stehen konnte. Er begann, das mit dem alten Wortstamm aus dem Hobbitdialekt zu kombinieren, so wie er auch in Samweis verwendet wurde, und schlug seiner Tochter und Hamfast im Flüsterton vor, was er sich überlegt hatte.
Die beiden nickten begeistert. In der Zwischenzeit war Sam kurz mit seinem neugeborenen Enkel auf dem Arm herumgelaufen und Liliane und Rosie hatten ihn auch gehalten.
Dann aber kam der Kleine zu seinen Eltern zurück, steckte im eigens für ihn geschneiderten Strampler und sah schon viel besser als.
"Er ist so... ist er nicht... ich kann es nicht fassen!" entfuhr es Hamfast. Melethiell hielt ihren Sohn im Arm und Hamfast streichelte ihm über den Kopf. Der Kleine gluckste und quiekte vergnügt.
"Er soll Bariweis heißen", sagte Melethiell, und Frodo lächelte. Er mochte den Klang des Namens, und er hoffte, der Junge würde so sein, wie sein Name es versprach.
Das Zimmer war bald erfüllt von allen, die noch in Beutelsend wohnten. Viele Kinder waren inzwischen doch ausgezogen.
Es war mitten in der Nacht, als endlich alles aufgeräumt und vorüber war. Hamfast hob Melethiell auf seine Arme und trug sie hinüber in ihr altes Zimmer, wo noch ihre Betten so standen, wie sie sie zurückgelassen hatten. Liliane brachte den kleinen Bariweis hinterher, und dann legten die Eltern sich mit ihrem Kind schlafen, denn sie waren sehr müde.
Der winzige Junge lag zwischen Melethiell und Hamfast und schlief. Wie verzaubert sahen die beiden ihn an und waren überglücklich.
Am nächsten Morgen wurden sie jedoch früh von ihm und seinem hungrigen Geschrei geweckt. Es war das erste Mal, daß er nach etwas verlangte, und Melethiell nahm sich sogleich seiner an, auch wenn sie nicht gleich wußte, was sie tun sollte.
Aber sie fand schnell heraus, wie sie ihn stillen konnte. Hamfast blinzelte schläfrig und sah sie mit dem Baby im Arm da sitzen. Sie wiegte den Kleinen sanft hin und her, summte leise und ließ ihn geduldig seinen Hunger stillen.
Dafür mußte Hamfast bald die erste Windel wechseln.
Meli und Hamfast machten sich im Laufe des Tages auf den Weg nach Hause. Sie brauchten ihre Ruhe, der Kleine schlief ohnehin die meiste Zeit, und so machten sie sich mit ihm auf den Weg.
Hamfast hatte einen Arm um Melethiell gelegt, die das Kind vorsichtig im Arm hielt und zärtlich auf das dünn belockte Köpfchen küßte.
"Er ist wundervoll", sagte sie. Hamfast lächelte. "Das ist er!"
Aber sie hatten ihre Ruhe sowieso nicht. Es dauerte gar nicht lang, bis der Reihe nach alle von Hamfasts Geschwistern mit ihren Familien im Smial eintrafen, um den Familienzuwachs zu sehen. Und das zwei Tage vor Melis Geburtstag und vier vor Hamfasts.
Es wurde ihnen nicht mehr langweilig mit dem kleinen Bariweis, der natürlich nur unter Bari bekannt war. Er hielt sie nachts vom Schlafen ab, hatte zu allen unmöglichen Zeiten Hunger, schrie ganz gern auch ohne erkennbaren Grund und beanspruchte einen Großteil der Aufmerksamkeit seiner Eltern.
Melethiell kam Hamfast mit dem Kleinen in der Werkstatt besuchen, er ging oft mit ihm spazieren, nahm ihr soviel Arbeit ab wie nur möglich und konnte sich gar nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein.
Und so verging auch dann wieder die Zeit. Im Frühjahr war er bereits ein ganzes Stück gewachsen, krabbelte munter durch die Gegend, ärgerte seine Eltern und schrie immer wieder laut, weil er die ersten Zähne bekam und das sehr weh tat.
Er machte kaum die ersten Schritte im Sommer, als Hamfast Melethiell mit seinem Sohn beobachtete, wie er zwischen dem Schaukelpferd und ihr hin- und herlief. Er war ganz in Gedanken.
Seine Frau sah so glücklich aus, sie lachte so viel, spielte gern mit dem Kleinen, der ihre Augen hatte und fast so helle Haare wie sein Vater. Er tapste munter im Kinderzimmer herum und lachte quiekend.
"Meli", sagte er und ihm wurde warm ums Herz, als seine über alles geliebte Frau ihn ansah.
"Wie wäre es mit einer kleinen Schwester für unseren Sohn?"
Und sie nickte lachend.