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Prolog


Diese Geschichte, die hier niedergeschrieben steht, geschah vor langer Zeit, als die Wege noch sicher und die Welt noch im Frieden war. In einer Zeit, da Mittelerde noch nicht von einer Dunkelheit heimgesucht wurde, wie sie noch niemand der Lebenden je erblickt hatte. In einer Zeit, in der das Grauen noch nicht die Oberhand hatte. Dort trug sich eine Geschichte zu, die noch heute in den Hallen der Waldelben besungen wird. Die Geschichte eines Lichtes, das erst erlischen musste, um neu und stark entfacht zu werden …

Im Norden Mittelerdes, weit jenseits der Lande von Rohan und Gondor, lag das größte Waldgebiet der ganzen Welt: der Düsterwald, den man zu jener Zeit noch den „Großen Grünwald“ nannte.

Jene, die den Mut hatten, diesen großen Wald zu betreten und lange genug nach Norden wanderten, gelangten in ein Gebiet des Waldes, dass an Schönheit dem Goldenen Wald gleichgestellt wurde; Bäume, so hoch, dass Menschen ihre Wipfel nicht mehr erblicken konnten, Tiere die zutraulich und doch wieder ängstlich waren, Klänge und Rauschen, dass selbst ein hitziges Gemüt zu beruhigen vermochte.

Dort, geschützt durch das Gebirge und versteckt in den unendlichen Weiten des Forstes, lag das Königreich der Waldelben; der schönsten und klügsten Wesen, die die Wälder bevölkerten. Ihr König war Thranduil, und sein Land erstreckte sich vom Norden bis zur Mitte des Düsterwaldes hin. Die Elben lebten in einer Stadt, die sie Caras Celebren, die Silberne Stadt, nannten; in fletts hoch oben in den Bäumen, und in schönen, großen Häusern, um die großen, ehrwürdigen Stämme herumgebaut. Sie fühlten sich in beidem wohl, doch die meisten wählten ihre Behausung auf den Bäumen, denn sie liebten und achteten sie. Man sagte, dass sei auch der Grund, warum die Wälder unter ihren Händen aufblühten.

Nun hatte König Thranduil, groß, schön und der beste Kämpfer seinerzeit, einen Sohn, und sein Name war Legolas, was „grünes Blatt“ bedeutet. Thranduils geliebte Ehefrau, Ithilwen, Hohe Herrin des Grünwaldes, war gestorben, bei dessen Geburt, doch ohne Schmerzen, denn alles Schöne, alles Weise, alles Starke, hatte sie in das Kind gegeben, was sie selbst besessen. Und Thranduil nahm das Kind an, hütete es und schwor seiner sterbenden Frau, ihm niemals etwas zustoßen zu lassen, egal was geschehen würde. Er schwor es, viele Male, bis Ithilwen für immer lächelnd die Augen schloss.

So klagte das Volk um seine geliebte Königin, und der König verbrachte viele Tage, schweigend, an Ithilwens Grab; Legolas war bei ihm. Er hielt ihn im Arm, verharrte vor seiner Frau Grab und sah hinab, auf das einzige, was sie ihm hinterlassen hatte. Den größten Schatz, den er jemals besessen hatte.

Und so wuchs der junge Prinz heran, und es war allen im Palast und in der Stadt, ja im ganzen Land, eine Freude, ihn zu betrachten.

Legolas hatte ein makellos schönes Gesicht, seine Züge waren fein und doch markant; aus eisblauen Augen, strahlend wie Saphire und tiefgründig wie die Tiefen des Meeres, blickte er in die Welt und kaum jemand vermochte, seinem Blick länger standzuhalten, als er musste. Langes, helles Haar fiel ihm über seine Schultern und wehte, wenn er vergnügt durch den Palast sauste, auf der Suche nach seinem Vater. Er war groß und schlank von Statur, immer ein wenig größer als andere seines Alters, und eine Freundlichkeit ging von ihm aus, verbunden mit Mitgefühl, Freude oder Trauer für denjenigen mit dem er sprach, die das Volk nicht selten an Ithilwens Eigenschaften erinnerte.

Schon im zarten Alter (Menschenkinder mochten wohl fünf Jahre alt sein) entwickelte der kleine Prinz ein besonderes Talent im Umgang mit Pfeil und Bogen; seit er in seinen adar das erste Mal hatte gegen seine Leibgarde als Übung hatte kämpfen sehen, wünschte er, den Umgang mit eben jenen ebenso zu beherrschen. Man lehrte ihm alles, was er wissen musste, er war ein wissbegieriger Schüler, lernte schnell und wurde unter der praktischen Lehre seines Vaters bald zum besten Schützen der Stadt, obwohl er noch ein Kind war, im menschlich gesehenen Alter von acht Jahren. Es kam nicht selten vor, dass er sich nachts aus seinen Gemächern stahl, um heimlich auf die großen Übungsplätze zu schleichen und seine Fähigkeiten zu verbessern.

Nun war Legolas jedoch, je älter er wurde, stur und weigerte sich oft, an Festen teilzunehmen. Er mochte die Kleidung nicht, die er da zu tragen hatte und hasste es, lange still zu sitzen. Der Ruf der Freiheit, der Wälder und seiner Studien im Umgang mit seinen Waffen schien ihn immer dann am stärksten zu rufen, wenn er beinahe unbeweglich neben seinem Vater sitzen und Versammlungen, Audienzen und Feiern beiwohnen sollte.

Lieber streunte er mit seinem besten Freund Fáhir durch die Wälder, beide mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Der Prinz besaß noch ein langes weißes Messer, das sein Vater ihm einst geschenkt und vorher aus Lothlórien, einem anderen Elbenreich, das seiner Verwandten, mitgebracht hatte.

Fáhir war der Sohn des Obersten Heerführers König Thranduils: Ringil, Sohn des Heredir. Er war etwa im gleichen Alter wie der Prinz, ebenfalls groß und schlank von Statur, nur um zwei Finger breit kleiner als sein Freund; doch seine Erscheinung zeichnete sich stark von dem Legolas’ ab. Dunkles, ja schon schwarzes Haar umrahmte sein markantes, edles und doch elbisch schönes Gesicht. Seine Augen waren von grüner Farbe, wie Smaragde musterten sie jeden, der sich in ihnen verfing; und er war der, der Legolas in der Kunst des Bogenschießens wohl am nächsten stand. Seit sie ganz klein gewesen waren, waren die beiden jungen Elben Freunde gewesen … und nun sollte sich jene Geschichte zutragen, die ihre Freundschaft festigen sollte, sodass kein Schwert, kein Fels, kein Schmerz sie je wieder brechen konnte …



Erstes Kapitel: Unzertrennliche Freunde

Es war ein schöner Morgen im Frühling, zu der Zeit, als Legolas und Fáhir in ihrem elften Lebensjahr waren, oder in dem Alter, das etwa dem eines sterblichen Jungen von elf Jahren entsprach. Die Vögel hatten schon lange ihr freudiges Lied begonnen und in der Stadt herrschte eine fröhliche Spannung, die nur darauf wartete, bei Beginn der alljährlichen Frühlingsfeste entladen zu werden. Blumengirlanden und eine enorme Vielfalt von farbenfrohen Pflanzen schmückten die Straßen und Wege, die Bäume und den Hauptplatz, auf dem die Feiern stattfinden sollten. Musikanten, Tänzerinnen, hohe Elben des königlichen Stabes und das Volk warteten sehnsüchtig darauf, dass ihr König endlich erscheinen mochte.

Doch eben dieser hatte im Moment ein anderes Problem, dass ihn weit mehr in Anspruch nahm als die Frühlingsfeiern.

Thranduil lief durch seinen Palast, mit eiligem Schritt und wehendem Gewand, immerzu nach seinem Sohn rufend. Wo konnte dieser Junge bloß stecken? Bestimmt drückte er sich vor den Frühlingsfeiern. Wie letztes Jahr.

Gerade als er, um eine Ecke biegend, noch einmal den Namen seines Sohnes rief, hörte er plötzlich jemand den Gang von der anderen Seite heraufkommen.

„Fáhir? Fáhir! Wo steckst du? Fáhir!!“

Es war der Heerführer Ringil, der da, ebenfalls nach seinem Kind rufend, durch den Palast eilte und als er seinen König sah, verneigte er sich kurz mit Respekt.

„Sucht Ihr auch nach Eurem Sohn?“, fragte Thranduil lächelnd, bedeutete dem Hauptmann, sich zu erheben und ging mit ihm den Gang hinunter.

„Diese beiden“, murmelte Ringil nachdenklich und strich sich eine Strähne seines dunklen Haares aus dem Gesicht. „Fáhir weigert sich, auf Feiern zu erscheinen. Schon seit geraumer Zeit. Dabei sollte er doch mit mir neben Euch stehen, wie es sich für den Heerführer eines Reiches gehört.“

Der König seufzte lachend und sie betraten den Thronsaal, der ebenfalls festlich geschmückt war.

„Legolas ist genauso, glaubt mir. Aber wir müssen sie auch verstehen, sie sind noch jung, frei von allen Pflichten. Von fast allen Pflichten. Mein Sohn entwickelt seine Fähigkeiten immer weiter, er hat nun mehr erlernt, als ich je in seinem Alter konnte. Er will sie nur noch verbessern, und nicht neben mir still sitzen. Der Junge hat einen ungeheuren Tatendrang. Und ich muss sagen, dass auch Euer Sohn außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, mein guter Ringil.“

„Das ist wahr“, antwortete der Heerführer, als sie den Saal durchquerten. „Ich sehe sie oft zusammen üben und in die Wälder gehen. Es kommt mir vor, als ob nichts sie trennen könnte. Sie lieben und behandeln einander, als wären sie Brüder, von Geburt an, bis in alle Ewigkeit. Doch jetzt gilt es, sie zu finden, mein König, denn die Zeit drängt.“

„Ihr habt Recht, denn wenn sie wirklich unzertrennlich sind, dann werden sich unsere Ziele nicht wirklich verfehlen“, meinte Thranduil zwinkernd und beschleunigte seinen Schritt.

Beide lächelten und eilten weiter, und der König hatte eine Vermutung, wie sein Ein und Alles gedachte, unbemerkt der Feier zu entkommen …

~*~

Auf einer Lichtung, nicht weit von der Stadt entfernt, lagen zwei junge Elben im weichen Gras, und die Sonne schien auf ihre schönen Gesichter, malte goldene und dunkle Sprenkel auf ihre Körper, die friedlich ruhten. Köcher und Bogen lagen neben ihnen, und der eine hatte offenbar seinen Schlaf aufgegeben und schliff sein langes Messer.

Es waren Legolas und Fáhir, die seit den frühen Morgenstunden durch die Wälder streiften, beide gekleidet in unauffällige, graue Tuniken, die sorgfältig ihre seidenen, kostbaren Hemden verbargen, die sich darunter befanden. Es sollte doch nicht jeder sofort auf den ersten Blick erkennen, wer sie waren.

Eine Weile schon lagen sie so da und starrten in die Baumkronen, dann streckte sich Fáhir mit einem Seufzer und sagte: „Weißt du, Legolas, du hast es schwer. Jetzt kannst du dich noch vor den Feiern verstecken, doch wenn du älter und König bist, wird das wohl nicht mehr gehen.“

„Warum sagst du ´kannst´?“, fragte der Prinz und richtete sich auf, in seinen Augen ein verschmitztes Funkeln. „DU wirst dich auch nicht mehr verstecken können. Denn wenn ICH König bin, mache ich DICH zum Heerführer, und dann wirst du auf meinen Befehl neben mir stehen müssen, wie dein Vater jetzt neben meinem steht.“

Beide lachten, Fáhir stieß ihn belustigt in die Seite und seufzte erneut, der Prinz fuhr ein wenig ernster und nachdenklicher fort. Seine Augen hatten einen Punkt im Dickicht fixiert, den Fáhir, selbst wenn er sich angestrengt, nicht entdeckt hätte.

„Denk immer daran, mein Freund, egal was geschieht, so schrecklich kann es nicht sein, als dass das Leben nicht weiterginge. Etwas wird uns immer über unsere Not hinweghelfen, und seien es nicht zuletzt die Valar. Ich denke, wir können unsere Bestimmungen überleben.“

Er lachte und Fáhir setzte sich auf und antwortete: „Aber bis das soweit ist, dauert es noch lange. Und bis dahin werden wohl nicht so viele Feiern sein, als dass sie uns schaden könnten, oder?“

Legolas sprang nach diesen Worten so plötzlich auf, als hätte ihn etwas gebissen und sein schönes Gesicht war äußerst bestürzt.

„O nein!“, rief er entsetzt aus und zupfte hektisch einige Grashalme von seiner Tunika.

„Was ist los?“, fragte Fáhir und begann, sich ebenfalls aufzurappeln, obwohl er nichts dagegen gehabt hätte, den ganzen Tag in der Sonne zu verbringen.

„Die Frühlingsfeiern“, rief der Prinz mit einer Stimmlage, als ob er es seinem Freund schon zum tausendsten Male sagen würde.
„Sie sind heute. Wenn die Sonne am höchsten steht. Ich habe sie vergessen! Wir müssen nach Hause!“

Damit zog er den Heerführerssohn ungeduldig hoch, packte seine Waffen in großer Eile und rannte schnell wie der Wind durch die Wälder zurück zur Stadt.

„Warum müssen wir zurück?“, rief Fáhir, versuchte mit Legolas Schritt zu halten und sprang über eine Baumwurzel, die ihm im Weg war. Er verstand beim besten Willen nicht, warum sich Legolas plötzlich solche Sorgen um sein Nichterscheinen machte, wenn er solche Anlässe doch so hasste.

„Die Feiern beginnen bald!“, fiel die Antwort aus, als sei es das Logischste von der Welt. „Mein Vater und dein Vater werden uns suchen, und wenn wir nicht kommen, werden sie wütend sein. Was ist dir lieber: Eine Feier, wo es wenigstens etwas zu sehen gibt, oder eine langweilige Ratsitzung, die uns als Strafe blühen wird?“

Die Wahl war für Fáhir entschieden klar und er folgte, wenn auch widerwillig.

Außer Atem kamen sie in der festlich geschmückten Stadt an, rannten durch die Straßen, wo die Elben ihnen belustigt und verwundert hinterher sahen und bahnten sich ihren Weg durch all die Tänzerinnen und Musikanten, von denen nur wenige ihren Prinzen in dieser Geschwindigkeit erkannten und sich sofort verbeugten. Legolas hob nur die Hand, so dass sie sich erheben konnten und setzte mit immer längeren Schritten seinen Weg fort.

Dieser führte ihn zur schattigen Rückseite des Palastes, von der aus man in die großen Gartenanlagen gelangen konnte und die von Blumenvielfalt nur so blühte. Dort traten sie durch eine versteckte Tür ein, die man beim Bau des Sommerpalastes hinter einer Rosenstaude errichtet hatte und schlichen sich durch die geheimen Gänge, die nur dem König und seinen engsten Vertrauten bekannt waren.

„Komm, Fáhir!“, flüsterte Legolas und wandte sich um, nur um seinen Freund gegen die Wand gelehnt und tief einatmend vorzufinden.

„Legolas – wir sind – doch – schon … da!“

„Du verstehst nicht! Ich muss zurück in meinen Gemächern sein bevor –“

Weiter kam er nicht, denn er hatte sich mit Schwung umgedreht, stieß gegen einen großen Körper und taumelte nach hinten. Er stand seinem adar gegenüber, direkt hinter dem stand Fáhirs Vater. Beide hatten eine vorwurfsvolle Miene aufgesetzt, Thranduil hatte eine Augenbraue tadelnd erhoben. Der Prinz und sein Freund verbeugten sich kurz und senkten betreten ihre Köpfe.

„Wo seid ihr gewesen?“, fragte Thranduil, obwohl er die Antwort schon ahnte, und versuchte, seiner Stimme einen ärgerlichen Klang zu geben, was ihm bei seinem Sohn nie wirklich gut gelingen wollte.

„Im Wald“, murmelte Legolas mit einem Hauch von Rosa auf den Wangen, ohne den Kopf zu heben.

„Ihr hattet doch nicht etwa vor, nicht zu den Frühlingsfeiern zu erscheinen, oder?“, fragte der König weiter und lächelte, was die beiden jungen Elben ja nicht sehen konnten. Legolas hob schließlich den Kopf und Thranduil setzte erneut eine ernste Miene auf.

„Nein, das hatten wir nicht vor, adar“, antwortete er und Ehrlichkeit sprach aus seinen Augen. „Wir wollten gerade kommen und uns umziehen.“

„Das ist auch besser für euch“, meldete sich Ringil zu Wort, trat vor und sah seinen Sohn streng an. „Komm, Fáhir, es wird Zeit.“

Fáhir warf Legolas noch einen kurzen Blick voller Wehmut zu und rollte mit den Augen, bevor er und sein Vater verschwanden, dann waren Prinz und König allein. Allein in den geheimen Gängen.

„Wir gehen jetzt auch, mein Sohn. Hier unten wird man den Frühling nicht begrüßen“, meinte Thranduil, legte einen Arm um Legolas’ Schultern und sie gingen fort in seines Sohnes Gemächer, wo schon alles für die Feier bereitlag.

Äußerst widerwillig tauschte der Prinz unter der genauen Aufsicht seines Vaters seinen Waffenrock gegen eine lange, weite, silbern schimmernde Tunika, und seine sonst so freundliche Miene verfinsterte sich, als Lindir, Thranduils Berater und guter Freund, seine Haare kämmte und einige Strähnen zu Zöpfen flocht, wie sie auch die Krieger trugen, bevor er ein silbernes, in sich verschlungenes Diadem, dass sich in Eichenblättern um einen blauen Diamanten rankte, auf seinen Kopf setzte. Böse vor sich hin starrend saß also der junge Prinz auf seinem Bett und rührte sich nicht, aus seiner Miene blitzte der Unmut.

„Mach nicht so ein Gesicht!“, sagte Thranduil aufmunternd, als Legolas schließlich fertig mit verschränkten Armen vor ihm stand und ihn noch immer finster ansah. „Was soll dein Volk von dir denken?“

Legolas‘ Gesicht hellte sich augenblicklich etwas auf und seine Augen leuchteten.

„Warte hier, bis ich dich hole“, sprach sein Vater weiter und verließ das Zimmer, da er selbst noch zu tun hatte. Lächelnd ging er den Gang entlang und dachte nach. Er wusste genau, dass sein Sohn noch nicht viel von all dem königlichen Firlefanz hielt und lieber in den Wäldern herumstreifte, doch wenn es um sein Volk ging, machte er große Ausnahmen in seinen Prinzipien. Schon immer hatte er den Wunsch gehegt, seinem Volk nur Gutes zukommen zu lassen und ihnen ein guter Prinz und eines Tages auch König zu sein. Thranduil war diese Einstellung nur Recht, auch wenn sie ihn bei jedem Mal, je mehr sein Sohn heranwuchs, an Ithilwen erinnerte …

Der König fuhr sich kurz über die Augen und verscheuchte eine aufsässige Träne, blickte nach links und rechts, ob niemand seine Schwäche gesehen hatte und setzte seinen Weg fort.

Der Prinz indessen ging hinaus auf seinen Balkon, lehnte sich über das reich verzierte Holzgeländer und sah hinunter auf die Stadt, die im Glanz der Sonne strahlte. Er hatte das Gefühl, dies würde ein langer, harter Tag werden und seufzte. Wie Recht er damit hatte, ahnte er noch nicht ...



Zweites Kapitel: Der Angriff - Flucht nach Bruchtal

Nicht ganz eine Stunde war vergangen, in der Legolas auf sein Volk hinuntergesehen und nachgedacht hatte, da kam Thranduil auch schon wieder und bat seinen Sohn, mit ihm zu kommen. Er kam mit und lächelte seinen Vater an, seine Augen blitzten. Was der König nicht wusste, geschweige denn ahnte, war, dass der Prinz heimlich sein Messer, seinen handlichen Köcher und seinen kleinen Bogen unter seinem weiten Gewand versteckt hielt, um bei der erstmöglichen Gelegenheit mit Fáhir zu verschwinden. Und für so etwas wollte er gerüstet sein.

Gemeinsam mit seinem Vater betrat Legolas das große Podium, das man eigens dafür errichtet und mit den schönsten Blumen und Pflanzen geschmückt hatte. Das Volk blickte zu ihnen herauf, jubelte ihrem König und ihrem Prinzen zu und ein Lied erschallte durch die Elbenstadt zu Yavanna, der zweitmächtigsten der Valier, sie möge ihre Hände über das Land legen und alles mit Blüte erfüllen.

Schließlich begann die Feier auf Geheiß des Königs, die Musiker begannen auf ihren Flöten und Harfen zu spielen und die Tänzerinnen erfreuten ihr Publikum.

Legolas saß mit seinem Vater oben auf dem Podium und überblickte das Geschehen mit zugegebenem Interesse. Die Feiern faszinierten ihn zusehend.
Etwas weiter neben ihm war der Heerführer Ringil, hoch erhobenen Hauptes, in den Gewändern der königlichen Garde, und neben ihm Fáhir, der ein schwarzes Gewand mit silbernen Stickereien trug und sich sichtlich unwohl darin fühlte. Auf seinem Rücken wölbte sich verdächtig etwas langes, das, wie Legolas wusste, der Bogen seines Freundes war.

Einige Male zwinkerten sich die beiden jungen Elben zu, denn sie beide trugen ihre Waffen mit sich, um gemeinsam zu verschwinden. So hatten sie es abgemacht.

Die Sonne schien hell vom Himmel und es wehte ein leichter, warmer Wind. In den Augen der Elben hatte sie Eru mit dem geeigneten Wetter gesegnet und feierten deshalb umso ausgelassener. Später vermochten einige zu sagen, dass sie auch umso unvorsichtiger feierten.

Denn auf einmal, in einem Moment, in dem niemand etwas Schlechtes geahnt hatte, geschah alles ganz schnell.

Plötzlich wurde die Musik von einem anderen Geräusch, einem hohen Sirren durchbrochen, ein Pfeil surrte durch die Bäume und traf einen der Wachen, der am Rande des Platzes stand und auf seine Ablösung wartete, um ebenfalls am Fest teilzunehmen. Tödlich getroffen und mit einem leisen Schrei sank er zu Boden, wo er leblos liegen blieb. Sofort verstummte die Musik und alle wandten die Köpfe herum, Angst auf ihren Gesichtern.

Dem ersten Pfeil folgten immer mehr, und sie töteten viele Wachen, die rund um den Platz postiert waren und nun fielen.

Legolas sprang sofort auf und trat einige Schritte zurück, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, denn noch nie hatte er jemanden sterben sehen, und er wünschte sich, dass er es noch länger nicht gesehen hätte.

Sein Vater war ebenfalls aufgesprungen, versuchte die Ruhe zu wahren und drückte seinen Sohn fester als er es wollte hinter den hölzernen Thron, wo er zumindest vorläufig geschützt war.

„Rühre dich nicht von der Stelle, Legolas, hörst du? Ich will nicht, dass dir etwas geschieht!“

„Adar, was ist mit dir? Bleib bei mir, ich will auch nicht, dass dir etwas geschieht!“

Thranduils Augen glitzerten seltsam, als ob Tränen in ihnen stünden, er strich seinem Sohn sanft über den Kopf, sah ihm in die Augen und antwortete schnell: „Mir wird nichts geschehen, solange du nur hier bleibst, einverstanden?“

Legolas nickte, küsste seinen Vater auf die Wange und der König sprang auf, blickte sich hektisch um und sah sich Menschen gegenüber, vermummten Menschen, die wie die Maden in das Brot auf den Hauptplatz strömten, allesamt bewaffnet, und die Elben gewaltsam niederschlugen.

Sein Herz wurde schwer, doch er wusste, dass er nicht verweilen durfte; er wandte sich an Lindir, der auf das Podium gestürmt kam, riss etwas von seinem Hals, dass darum gehangen hatte, drückte es seinem Berater in die Hand, sprach zu ihm, legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter und lief dann hinunter zu seinen Soldaten, die sich in Windeseile gesammelt hatten.

Ringil warf ihm ein Schwert zu, das der König elegant fing und sich mit seiner Garde gegen die Attacke zur Wehr setzte.

Der Prinz währenddessen vergaß für einen Moment den Befehl seines Vaters und sah sich nach Fáhir um, doch in diesem Moment surrte ein Pfeil nahe an seinem Kopf vorbei und zutiefst erschrocken duckte sich. Was er nicht verstand, war, warum man ihm Böses wollte.

Vorsichtig hinter dem Thron seines Vaters hervorspähend sah er nun hunderte von Menschen, die herbeigeströmt kamen und das Volk angriffen, und viele schreiende Elben, die vor ihnen flüchteten. Wenige konnten dies bewerkstelligen, denn viele wurden niedergeschlagen und gar getötet, und dieses Bild brannte sich ein in Legolas’ Gedächtnis, auf das es immer dort bleiben mochte und ihm noch lange Jahrhunderte danach schlimme Alpträume bescherte.

Irgendwo schrie ein kleines Kind, das Sirren der Pfeile und das Klirren der Schwerter hallte durch die Stadt und die Wälder; jemand schien ein Feuer gelegt zu haben, denn ein Haus stand in Flammen; und sie spiegelten sich wieder in den entsetzensweiten Augen der Tawarwaith.

Und dort waren Fáhir und Ringil. Die Menschen hatten es geschafft, den stolzen und starken Hauptmann zu überwältigen; der hielt seinen Sohn an sich gedrückt und wehrte sich noch immer mit Tritten und Schlägen, die jedoch langsam ermüdeten.

„LEGOLAS!! HILF MIR!“

Fáhir schrie, schrie nach Legolas; er kam nicht an seinen Bogen, der noch immer auf seinen Rücken geschnallt war und ihm jetzt vielleicht hätte helfen können, und er half seinem Vater, so gut er konnte, doch es war sinnlos.

Beide konnten sich nicht gegen die Menschen erwehren und der Prinz musste hilflos zusehen, wie sie vom Feind gewaltsam weggezerrt wurden

„FÀHIR!!“, schrie Legolas und sprang auf, er wollte zu seinem Freund, ihm helfen; doch da kam Lindir auf ihn zu, drückte ihn zurück zu Boden und rief: „Bleibt, wo Ihr seid, Hoheit! Es ist zu gefährlich.“

Plötzlich ertönte ein lauter Schrei, ein wütender und zugleich verzweifelter Schrei; Legolas wandte erschrocken seinen schönen Kopf und erstarrte; Tränen füllten seine Augen.

Er sah seinen Vater, unbewaffnet, denn sie hatten ihm das Schwert abgenommen. Zehn Menschen drangen auf ihn ein, schlugen den nach seinem Sohn schreienden König zu Boden und fesselten ihn hart mit rauen Stricken.

„LEGOLAS!!“

Thranduil wehrte sich, so gut er konnte. Seinem Sohn durfte nichts geschehen, dass konnte er sich nie verzeihen. Er trat mit seinen langen Beinen um sich, doch einer der vermummten Menschen schlug ihm den Schaft seines Schwertes ins Gesicht und der König der Elben brach zusammen, blieb zitternd liegen und ließ es geschehen, dass die Angreifer ihn unvorsichtig ob seiner Verletzung fortschleppten.

Der Prinz musste dies mit ansehen.

„NEEIN!!! ADAR!!!!“, schrie Legolas und stürzte hinter dem Thron hervor, Lindir packte ihn und hielt ihn mit Mühe zurück, und in diesem Moment ertönte die grollende Stimme des Anführers der Menschen, der selbstgefällig grinsend in der Mitte des Platzes stand und jeden Winkel mit seinem Blick bedachte.

„Sucht den Sohn des Königs!! Bringt ihn mir, tot oder lebendig!!“

Legolas erschrak und wich gegen Lindir zurück, dieser nahm ihn schnell bei der Hand, zerrte ihn auf der Rückseite hinunter vom Podium und rannte mit ihm davon. Sie schlichen an Hauswänden entlang, in der Hoffnung, dass niemand sie sehen würde und erreichten schließlich das Ziel des Beraters: die Ställe.

Dort ließ er den noch immer geschockten Legolas hinter der Türe allein, holte Alagos, den wunderschönen Hengst des Prinzen, heraus ohne ihn zu satteln, denn Elben pflegten meist ohne Sattel zu reiten; legte Legolas eine Hand auf die Schulter, kniete sich vor ihn hin, sodass seine Augen auf gleicher Höhe mit denen des Kindes waren und sagte eindringlich: „Flieht, Hoheit! Nach Imladris! Ihr wisst, wo es liegt. Euer Vater will es so! Schnell! Ich werde aufpassen, dass Ihr heil aus der Stadt kommt und Euch dann folgen!“

Seine Stimme wurde schneller, die Schreie auf dem Hauptplatz lauter und er fuhr fort.

„Nehmt das und bringt es und Euch in Sicherheit!“

Damit hängte er dem Prinzen eine silberne Kette mit einem wunderschönen Mithrildiamanten um; das Juwel des Waldlandreiches. Seine Schönheit und Pracht gab den Elben Hoffnung in finsteren Tagen und ließ sie nicht verzweifeln ob der Dunkelheit. Es war von hohem Wert und durfte nicht in die Hände der Menschen fallen, denn dann würde alle Hoffnung dahin sein.

Lindir hob Legolas sachte auf Alagos, der leise schnaubend dastand, und sagte mit einem aufmunternden Lächeln: „Mögen die Valar Euch beschützen, Legolas Thranduilion, auf dass Ihr eines Tages wiederkehrt und Euch mit denen wiedervereint, die Euch lieben.“

Kaum hatte er dies gesprochen, wurde die Luft von einem Sirren unterbrochen, Lindir wandte sich um, versuchte auszuweichen, doch er war zu langsam. Ein dicker Pfeil, gefiedert mit schwarzen Federn, ragte aus seiner Brust, genau dort, wo sich sein Herz befand.

Der Berater wankte, klammerte sich an den Steigbügel und sah ein letztes Mal auf in die entsetzten Augen seines Prinzen, die ihn starr ansahen.

„Namárie, aran nîn …“

Dies waren die letzten Worte Lindirs, Sohn des Iavas, die er in Treue und Liebe zu seinem Herrn sprach, bevor er tot zu Boden sank und seine Unsterblichkeit hingab.

Legolas spürte, wie Tränen in seinen Augen brannten, er holte den Köcher unter seiner Tunika hervor und schnallte ihn schnell um, steckte das Messer in den Gürtel und hielt den Bogen fest mit der Hand umfasst, noch in dem Glauben, ihn nicht benutzen zu müssen.

„Noro lim, Alagos, noro lim!“, rief er mit heller Stimme und der Hengst galoppierte los, bahnte sich seinen Weg durch die toten Körper und Häusertrümmer und gelangte schließlich ungesehen aus der Stadt hinaus. Der Prinz hielt auf die Wälder zu, denn dort wog er sich in Sicherheit, doch gerade als er in das Dickicht der Bäume eingetaucht war, vernahmen seine scharfen Gehörgänge laute Rufe und das donnernde Geräusch von schweren Hufen.

Einige der Menschen hatten ihn trotz der Vorsicht gesehen und waren hinter ihm her, wild entschlossen, den Balg umzubringen, denn er war mit hoher Wahrscheinlichkeit der Sohn des Königs. Pfeile schossen sie auf ihn, und viele waren ihres Zieles nahe, doch Legolas schaffte es immer, ihnen auszuweichen, während er auf Alagos durch sein Reich stob.

Und als er glaubte, der Angriff wäre abgeflaut und der Feind hätte aufgegeben, vernahm man erneut ein Sirren, einen triumphalen Schrei und ein Pfeil, scharf wie ein frisch geschliffener Dolch, streifte tief des Prinzen Schulter.

Der Schmerz brach über ihn herein wie eine glühend heiße Welle, so etwas hatte der Junge noch nie gespürt, doch er wusste, dass es nicht mit ihm vorbei sein konnte. Er ließ mit zusammengebissenen Zähnen, um den Schmerz zu verdrängen, die Zügel los, langte nach hinten, legte einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens, drehte sich auf Alagos im Sattel halb herum und schoss immer wieder blind nach hinten.

Laute, qualvolle Aufschreie sagten ihm, dass er seine Verfolger getroffen, vielleicht sogar getötet hatte, doch er trieb Alagos immer weiter an, bis er außer Atem und mit pochendem Schmerz in der Schulter den Waldrand erreichte und noch weiter hinaus ritt, seines Lebens nicht sicher. Erst auf einem kleinen Hügel, weit genug vom Waldrand entfernt und von wo aus er alles überblicken konnte, machte er endgültig halt.

Tränen rannen über sein schönes Gesicht, sein ganzer Körper zitterte und der Wind blies nun kalt über den Hügel. Von dem einst so schönen Wetter war nichts mehr zu sehen und Wolken, dunkel wie die Nacht, waren aufgezogen. Als hätten die Geister gewusst, dass etwas Schreckliches geschehen war.

Nun hatten die grausamen Bilder in Legolas’ Kopf Zeit, sich zu entfalten, sein ganzes Denken und seine Gefühle zu beeinflussen und das Zittern wurde unwillkürlich stärker.

„Fáhir...“, flüsterte er leise und die Tränen brannten auf seinen vom Wind geröteten Wangen.

„Adar ... verlass mich nicht …“

Er wollte sie nicht verlieren. Sie nicht dem Tod übergeben. Sie nicht verlassen. Doch nun konnte er nichts mehr tun. Es war zu spät.

Er wusste, dass er nicht hierbleiben durfte, und so drückte er Alagos die Fersen in die Seiten und galoppierte los, nach Westen. Starker Regen begleitete ihn, Hand in Hand mit eisigem Wind, und obwohl Elben bisweilen achtlos mit Kälte umgehen, fror das Kind erbärmlich, während er sich seinen Weg nach Bruchtal erkämpfte; Meile für Meile.

Nur selten machte er Rast, die Angst, dass ihn noch immer jemand verfolgen konnte trieb ihn weiter vorwärts, bis er nach zwei Tagen, müde, völlig durchnässt und hungrig die Wälder um Bruchtal erreichte.

Seine entzündete Schulter brannte, als stünde sie in Flammen, und der Stoff seines schönen Gewandes war am rechten Arm blutdurchtränkt. Er vermochte kaum, sich länger auf Alagos zu halten, allein wegen der wasserschweren Kleidung wegen; und als der Abend hereinbrach, blutrot und kühl, rutschte er einfach erschöpft vom Pferd und blieb am Fuße eines Baumes auf einer Waldlichtung liegen.

Ihm war furchtbar kalt, der Wind kroch in jeden Winkel seines Körpers und schüttelte ihn vor Fieber; die Wunde an der Schulter sandte unaufhörlich pulsierenden, starken Schmerz durch seinen ganzen Körper und die Sicht vor seinen scharfen Augen trübte sich immerzu.

Der Prinz spürte nur noch, wie Alagos, sein treues Reittier, herankam, in die Knie ging und sich mit einem leisen Wiehern an ihn schmiegte, um ihn zu wärmen. Schwach legte Legolas eine Hand auf seine Nüstern, strich sanft darüber, hob den Blick ein letztes Mal; und nur drei schwache Worte kamen über seine Lippen: „Hannon le, mellon.“

Dann wurde es schwarz vor seinen Augen, erlösende Dunkelheit umfing ihn und er tauchte ein in die Welt der Besinnungslosigkeit.

Alagos jedoch blieb bei ihm …

~*~

Der Morgen graute, kalt und mit weichem Sonnenlicht, das sich langsam über die Wipfel der Bäume erhob. Sanfte Nebelschleier zogen sich durch die Wälder und tauchten alles in unheimliches Zwielicht.

Auf den schmalen Wegen, die ins Nichts zu führen schienen und doch einen wunderbaren Ort als Ziel hatten, ritt eine hohe Gestalt auf einem prachtvollen Pferd dahin, begleitet vom ersten Singen der Vögel und der Dämmerung des Tages. Manchmal fiel ein aberwitziger Sonnenstrahl, der das Blätterdach durchbrach, auf sein schönes Gesicht und ließ die Iris seiner tiefblauen Augen glitzern.

Glorfindel von Bruchtal war es, der da die Wälder, die um Imladris lagen, durchquerte und mit geradem, erwartungsvollem Blick geradeaus schaute, so als ob er sich auf etwas in der Ferne freuen würde. Und tatsächlich war es so.

Er war zurück auf dem Weg zu seinem Herrn Elrond, der ihn auf den weiten Weg nach Lórien ausgesandt hatte, um der hohen Frau Galadriel eine Botschaft zu überbringen. Dies war erfolgreich getan und so kehrte der Berater Elronds froh in die Heimat zurück, nichts Böses ahnend und ein elbisches Lied auf den Lippen, begleitet von den munteren Vögeln, die sich in den Ästen der Bäume neckten.

So ritt Glorfindel ruhig und frohen Mutes dahin, als plötzlich sein Pferd scheute und wiehernd stehen blieb, den Kopf unruhig zur Seite warf und leicht über den Waldboden tänzelte.

„Asfaloth, wan kenich?“ flüsterte der Elb und spähte wachsam umher, während er versuchte, sein Ross zu beruhigen. Doch nun konnte er es selbst hören, klar und deutlich.

Irgendwo in der Ferne wieherte ein anderes Pferd, und es hörte sich an, als ob es klagend um Hilfe bat, die es noch nicht bekommen hatte.

Glorfindel folgte dem lauter werdenden Wiehern mit einem unguten Gefühl und sah schließlich durch die Bäume im ersten Tageslicht ein strahlend weißes Pferd blitzen, das neben einer kleinen Gestalt lag und erwartungsvoll zu ihnen herüber sah, die Ohren lauschend aufgestellt.

Als der Elb näher herankam und schnell vom Pferd stieg, erkannte er ein Kind, einen jungen Elben, dort unter dem Baum liegen, in sich zusammengesunken, mit blassem Gesicht und offenbar bewusstlos. Seine Kleidung war an seinem rechten Arm getränkt von Blut.

Ohne zu warten rannte Glorfindel herbei und hob den kleinen Elben vorsichtig auf. Er war ganz kalt und seine Atmung war flach, die Augen geschlossen. Alagos folgte dem Berater Elronds auf ein leises Wort, Glorfindel stieg mit Legolas auf Asfaloth und sie galoppierten schnell davon, nach Bruchtal, in die Häuser Elrond Peredhels.

~*~

Die ruhige morgendliche Stille, die noch über Imladris lag, wurde mit einem Mal gebrochen, als laute Rufe und das Donnern von Hufen näher kamen und schließlich die langen Wege zu den Häusern Elronds hinaufkamen.

Dieser kam verwundert aus seinen Gemächern ins Freie, als er laute Pferdegewieher hörte. Elben aus allen Behausungen liefen zusammen und sahen höchst verwirrt den ankommenden Glorfindel an, der neben sich ein weißes Pferd am Zügel führte und in seinen starken Armen einen jungen Elben hielt.

Ein Kind, das einen Köcher umgeschnallt und einen Bogen im Schoß und ein Messer im Gürtel hatte, in ein silbernes, jedoch an manchen Stellen blutgetränktes Gewand gekleidet, das sehr königlich aussah. Es hatte seine Augen geschlossen und sah blass und leblos aus.

Ein Raunen ging durch die Menge und einige riefen nach Elrond, der bereits auf den Ankömmling zugerannt kam, der noch immer hoch auf seinem Ross saß.

„Glorfindel, was ist geschehen?“, rief der Elbenfürst, als sein Berater behutsam vom Pferd stieg, den Jungen in den Armen. Und Elrond sah in dessen Gesicht, sah, welche Ähnlichkeit es mit jemandem hatte, den er so gut kannte, und blickte fragend in Glorfindels Augen.

„Ist das … Legolas von Eryn Galen? Wie kann das sein?“

„Mein Herr, ich weiß es nicht, er war bewusstlos, als ich ihn fand. Ich weiß auch nicht, ob es der Prinz der Tawarwaith ist, aber Ähnlichkeit sehe ich, große Ähnlichkeit mit Thranduil Oropherion, mein Herr. So wird es wohl Prinz Legolas sein.“

Vorsichtig legte er ihn nieder, auf eine Decke, die eine Elbin herbeigebracht hatte und Elrond kniete neben ihm nieder. Sofort sah er die aufgerissene Schulter des Prinzen, die sich augenscheinlich schwer entzündet hatte. Und er sah auch den glitzernden Stein an einer silbernen Kette um Legolas‘ Hals, und er murmelte entsetzt: „Das Juwel des Waldlandreiches ...“

Eine Weile war es still, niemand wagte, etwas zu sagen; dann befahl er: „Bringt den jungen Thranduilion in ein Zimmer. Schickt nach den Heilern. Ich werde nachkommen. Glorfindel, geh mit ihnen, und setze Erestor in Kenntnis.“

Der Angesprochene nickte und bedeutete zwei Elben herzukommen. Sie hoben den Prinzen auf und trugen ihn vorsichtig fort.

Elrond sah ihnen besorgt hinterher, ein ungutes Gefühl strömte durch seinen Körper und Gedanken jagten durch seinen Kopf.

Was war im Königreich des Düsterwaldes Schreckliches geschehen?

~*~

Eine halbe Stunde und eine Unterredung mit Glorfindel und Erestor später kam er in das Zimmer, in das die Elben den jungen Prinzen gebracht hatten und winkte einen der anwesenden Heiler zu sich her.

„Wie geht es ihm, Aerandir?“

„Er schläft. Aber böse Träume suchen ihn heim. Fieberträume“, sagte Heiler mit etwas erleichterter Miene und dämpfte darauf seine Stimme.

„Er ruft nach seinem Vater.“

Elrond senkte seufzend den Kopf, und in diesem Moment drehte sich Legolas heftig von einer Seite zur anderen, seine Augenlider zuckten und er rief: „Nein, lasst ihn in Ruhe! Nein! Adar! ADAR!“

Mit einem Ruck wachte er auf, und sein Atem ging schnell und flach.

„Bleib ruhig!“, sagte Elrond und fuhr mit der Hand sanft über die Wange des Prinzen. „Legolas, ich bin hier, um dir zu helfen! Weißt du, wer ich bin?“

Der Junge nickte schwach mit dem Kopf und ein leises Flüstern drang über seine Lippen, dass sich für die Anwesenden nach „Herr Elrond“ anhörte.

„Ich weiß nicht, was du durchleiden musstest, aber um dir helfen zu können, muss ich dir eine Frage stellen. Was ist geschehen?“

Es dauerte eine Weile, bis Legolas die Augen ganz geöffnet und seine Umgebung erkannt hatte; noch länger brauchte es, bis er richtig sprechen konnte, und er erzählte mit zitternder Stimme von den Feiern, dem plötzlichen Angriff der Menschen und seiner überstürzten Flucht.

Als er bei Fáhir und seinem Vater anlangte, stockte er und konnte nicht weitersprechen, und Tränen suchten wieder ihren Weg über seine Wangen. Der Halbelb wischte sie ihm tröstend vom Gesicht, erschrocken von dem, was er gehört hatte. Gleichzeitig war in ihm ein Gefühl der Schuld, denn er wusste, dass die Menschen die Grenzen bewachen und jeden Verdächtigen melden würden. Er wusste, dass er niemals genug Männer hatte, um den Zerstörern des größten Elbenreiches die Stirn zu bieten.

In diesem Moment kamen stockende Worte über die Lippen des kleinen Prinzen.

„So viel Schreckliches habe ich gesehen, Herr Elrond“, flüsterte er. „So viele starben vor meinen Augen. So viele, die ich liebte ...“

Nach diesen Worten fielen seine Augen zu und er sank zurück in sein Bett, ließ einen besorgten Fürsten und ratlos dastehende Heiler zurück …


Drittes Kapitel: Qualen eines Vaters

Dunkelheit. Endlose Dunkelheit die nun schon so lange andauerte, dass er nicht zu sagen vermochte, wie lange. Es lag nicht daran, dass er das Bewusstsein verloren hatte. Das wusste er. Seine Welt war einfach dunkel geworden, ein Gemisch aus Grau und Schwarz, dass alle Farbe verloren hatte.
Er stand auf, von seinem Lager, das man ihm gewährt hatte. Er benetzte sein Gesicht mit etwas Wasser, so wie er es immer tat. Er blickte an die Decke seines Gefängnisses und fragte sich, was er getan hatte, dass die Valar ihren vereinten Zorn gegen ihn richteten. Er spürte Trauer, tief in ihm.
So wie jeden Morgen knallte es gegen die Tür und ein großer, vermummter Mann trat ein, das Schwert blitzte an seinem Gürtel. Der Mann knurrte und stieß ihn wie so oft hart aus der Kammer, die man ihm gegeben hatte. Aus Gnade.
Er wurde die Gänge seines Palastes entlanggestoßen, und jedes Mal, wenn er aus den großen Fenstern blickte, versetzte ihm sein Herz einen Stich. Die Stadt war frei von aller Fröhlichkeit und Farbe, jene, die überlebt hatten, fügten sich dem Dasein als Sklaven und Arbeiter. Sie wussten, dass man ihren König gefangen hielt, ihn aus Gnade und gezogenem Nutzen am Leben ließ, doch sie wussten auch, dass sein Wille fast gebrochen war. Denn sie hatten gesehen, was er an jenem Abend gesucht und nicht gefunden hatte.
~
Thranduil stand an der Tür und lauschte angestrengt. Von draußen drang kein Geräusch herein und er atmete erleichtert aus. Sie hatten ihn am Leben gelassen, und seit sie ihn hierher geschleppt hatten, in seinen eigenen Kerker, quälte ihn seit Tagen ein und derselbe Gedanke.
Sie sagten, sie hätten die Flüchtlinge getötet. Alle Flüchtlinge, und niemand hatte es geschafft, den Wald ungesehen zu verlassen. Legolas war geflohen …
Der Gedanke an seinen Sohn schmerzte den König fürchterlich und Tränen brannten erneut in seinen Augen. Er ging hinüber zum vergitterten Fenster und sah hinaus auf die Wipfel der Bäume, die vom Licht des Vollmondes erhellt wurden. Und während der Elb noch dastand, fasste er einen Entschluss. Er musste es wissen. Er musste wissen, ob sein Ein und Alles noch am Leben war.
Thranduil kannte die Bauweise seiner Gefängnisse. Die Stellen, an denen die eisernen Gitter mit der Steinmauer verschmolzen, waren nicht sehr stark und man konnte sie mit genügend Druck brechen.
So stemmte, nein warf er sich einige Male gegen die Mauer, welche sofort begann, zu bröckeln. Mit seinen starken Händen zog er die Steine einzeln heraus, mit zusammengebissenen Zähnen, denn es kostete ihn viel Kraft.
Endlich, der Mond stand schon hoch und es mochte Mitternacht sein, hatte der König ein Loch geschaffen, das groß genug war, um seinem schlanken Körper einen Durchgang zu gewähren. Der Elb zwängte sich vorsichtig hindurch und verschwand mit leisen Schritten in die Nacht.
Hinter jeder Hausmauer machte er halt und lauschte, ob nicht eine der Wachen gefährlich nahe war, doch niemand schien in der Nähe zu sein. Einige Häuser waren zerstört worden, deren Trümmer baten hervorragende Verstecke und er hoffte, dass sein Sohn die Lage erkannt, sich seinem Befehl widersetzt und in der Stadt versteckt hatte. Wenn er geflohen war, dann hatten sie ihn gefangen genommen, denn niemandem war eine Flucht gelungen.
Der König schlich leise durch die Trümmerhaufen, hob immer wieder die Finger an den Mund und stieß einen leisen Pfiff aus, dem Schrei eines Käuzchens gar nicht unähnlich; den er einmal seinem Sohn beigebracht hatte und der ihm nun helfen sollte, diesen zu finden. Doch kein Geräusch kam zurück.
„Legolas?“
Es war nur ein Flüstern, dass über seine Lippen kam, und immer wieder sprach er es aus. Keine Antwort.
Thranduil wurde verzweifelt, immer hektischer und unvorsichtiger bahnte er sich seinen Weg durch verkohlte Holzstücke und Waffen, den Namen seines Sohnes rufend. Er musste hier sein, er musste einfach …
Plötzlich ragte vor ihm ein Haufen auf, der im Licht des Mondes glitzerte und glänzte, und der Elb erkannte, dass es Wertgegenstände waren, Kerzenleuchter aus Gold, herausgebrochene Wandverzierungen, Schmuck und Kleider. Ringe waren darunter, Ketten und Diademe; und Thranduil wollte den Blick schon abwenden, als er etwas sah, dass seinen Atem stocken und seinen Körper zittern ließ.
Inmitten dieser Schmuckstücke, die da aufgehäuft auf dem Hauptplatz lagen, fiel ihm ein einziger Silberreif ins Auge. Es bestand aus silbergetriebenen Blättern, die sich um einen blauen Edelstein rankten, Blutflecken bedeckten teilweise das wertvolle Stück; und es war klein, so klein, dass es auf dem Kopf eines Kindes Platz finden konnte.
Das Diadem seines Sohnes.
Thranduil stürzte sofort hin und fiel auf seine Knie, eine fürchterliche Welle von Verzweiflung brach über ihm zusammen. Sie hatten es getan. Sie hatten seinen Sohn getötet.
Er packte das Diadem und hielt es fest in seinen Armen, als sei es Legolas selbst; in sich zusammengesunken kniete er da, seine Schultern bebten bei jedem verzweifelten Schluchzer.
„Legolas … nein …“
Jene Elben, die unter freiem Himmel schlafen mussten, da die Menschen ihre Häuser geraubt hatten, lagen wach und hörten das Weinen ihres Königs, und sie wussten, was geschehen war. Trauer machte sich unter ihnen breit und sie sandten Gebete zu Mandos, dem Herrn der Feanturi, dass er ihren geliebten Prinzen aufnehmen wollte in seine Hallen.
So harrte der Elbenkönig in Trauer auf dem Platz, seine Tränen waren schon lange versiegt und nur ein Gefühl schrecklicher Leere war in ihm.
Als die Sonne aufging und dem Tag neues Leben schenkte, wurden im Palast plötzlich Stimmen laut und man schien, gemerkt zu haben, dass er geflohen war.
Sofort strömten Menschen durch alle Teile der Stadt auf der Suche nach ihm und fanden ihn schließlich, zusammengesunken vor den elbischen Wertschätzen. Sie schlugen und fesselten ihn und schleppten ihn zurück in sein Gefängnis, wo er vollkommen entkräftet und voll von Trauer dalag und auf die Strafe wartete, die man ihm geben würde …
~
Nun war es soweit, sie stießen ihn durch den Palast, vorbei an hämisch grinsenden Wachen, die verheißungsvolle Gesichter machten und genau wussten, was diesen aufsässigen Elben erwartete, der es gewagt hatte, zu entkommen.
Thranduil, noch immer erschöpft von der letzten Nacht, wurde vor den Anführer der Menschen gebracht, der seinen Sitz im Thronsaal eingenommen hatte, einem großen, stämmigen Mann mit breiten Schultern und langen, schwarzen Haaren, die ihm ins gebräunte, vernarbte Gesicht fielen. Dunkle, blitzende Augen und ein gelbzähniges Lächeln erwarteten den König bereits und er wurde vor Calderon, denn das war der Name des Menschen, zu Boden gestoßen.
Calderon stand auf und umkreiste einige Male den am Boden kauernden Elben und schien zu überlegen, wobei sich ein kaltes Lächeln auf seine Lippen stahl, er beugte sich hinunter, bis er in die traurigen Augen des Königs sehen konnte und er sagte mit beinahe schon spottender Stimme: „Ich dachte immer, ihr Elben wärt klüger, König Thranduil. Solltet ihr denn nicht wissen, dass man unter „gefangen sein“ nicht „frei draußen herumlaufen“ versteht?“
Einige Wachen lachten leise auf, er seufzte und hob Thranduils Kinn an, so dass dessen Kopf schmerzhaft zurückgedrückt wurde und das kalte Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht aus.
„Finde dich damit ab, Elb. Dein Reich ist mein. Deine Heere haben es nicht geschafft, sich gegen uns aufzulehnen. Alles was dir einst lieb und teuer war, ist nun verloren. Aber … meine Berater denken, dass es klug ist, dich am Leben zu lassen. Zu deinem Glück. Du kannst uns von Nutzen sein. Dennoch ...“
Calderon holte tief Luft, ließ Thranduil los und stand auf.
„Führt ihn an den Pranger auf dem großen Platz. Er soll seine Strafe erhalten. Zehn Peitschenhiebe. Führt den kleinen Jungen des Hauptmannes mit und lasst ihn es tun. Sein Volk soll zusehen. Sofort!“
Die Wachen gehorchten und schleppten den erschöpften König aus dem Saal, ein anderer verschwand in Richtung der Gefängnisse. Draußen hörte man das laute Rufen des Volkes, dass man auf dem Stadtplatz vor dem großen Holzpodium zusammengetrieben hatte und erschrocken schien ob der Holzbalken, die man dort aufgestellt und mit Seilen versehen hatte.
Leise wütende, aber auch verzweifelte Aufschreie ertönten in der Menge, als man Thranduil auf das Podium zerrte, ihm seine Tunika vom Leibe riss und seinen elbisch muskulösen Oberkörper entblößte. Mit nichts als seiner ledernen Hose bekleidet banden sie ihn an den Seilen zwischen den zwei Balken fest, die Arme schmerzhaft weit ausgestreckt, das Gesicht seinem Volk zugewandt. Dieses sah die Trauer, die Verzweiflung, den Schmerz, der die schönen Züge ihres Königs nun zeichnete.
Eine Kinderstimme weinte, verzweifelt und hell, die Menschen schleppten Fáhir, den kleinen Sohn Ringils, der in Tränen aufgelöst war und sich strampelnd wehrte, auf das Podium. Die Wache dahinter hielt eine lange, harte Peitsche in der Hand und grinste böse in sich hinein.
Fáhir wurde direkt vor Thranduil losgelassen und seine grünen Augen weiteten sich, als er sah, was man dem Vater seines besten Freundes, seinem Herrn antun wollte; und die Erinnerung, was geschehen war, kurz bevor sie ihn aus dem Kerker geholt hatten, brannte erneut auf.
„Thranduil, sie – sie haben … meinen V-vater …“
Doch das Kind brauchte nicht einmal fertig zu sprechen, Thranduil wusste auch so, was geschehen war, Fáhirs Augen verrieten es; und eine Welle von erneuter Trauer traf ihn, die jäh von Calderon unterbrochen wurde.
„Heul nicht herum, Kleiner! Tu besser, was man dir sagt, wenn du nicht wie dein Vater enden willst! Oder hast du den Wunsch, ihm und dem Königsbalg nach Aman nachzufolgen?“
Damit gab er dem weinenden Fáhir eine schallende Ohrfeige und drückte ihm die Peitsche in die Hand.
„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Bist du unfähig, deinem ach so geliebten Herrn zehn Peitschenhiebe zu verabreichen? Du hast die Wahl, doch ich möchte nicht von so einem Tod erwartet werden, wenn ich mich weigerte, das schwöre ich dir!“
Fáhir stand da wie zu Eis gefroren, starrte wimmernd abwechselnd die Peitsche in seiner zarten Hand und Thranduil an, der seinen Blick traurig erwiderte und wusste, welche Gefühle in dem Jungen vorgehen mussten. Er hatte innerhalb einer Woche zwei Menschen verloren, die er über alles liebte, und jetzt sollte er auch noch eine andere Person foltern, die ihm nahe stand.
„Ich warte!“
Calderons Stimme durchbrach ungeduldig das Schweigen und Fáhir machte langsam einen Schritt, ging auf die Rückseite der Balken, so dass er den starken, noch unversehrten Rücken des Königs vor sich hatte und hob die Hand.
„Herr, vergebt mir …“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme, bevor er die Peitsche niedersausen ließ.
Der Schlag traf Thranduil hart und ließ ihn ein wenig nach vorne taumeln, obwohl in den Händen des Kindes sicher nicht so viel Kraft verborgen war als in den Händen eines ausgewachsenen Mannes. Dennoch spürte er brennenden Schmerz auf seinen Schultern und schloss kurz die Augen, um sich zu besinnen. Noch nie war er ausgepeitscht worden, doch oft genug hatte er diese grauenvolle Strafe verhängt und nie geahnt, welch Qualen dahintersteckten.
Der Elb wurde mit einem Mal aus seinen Gedanken gerissen, als dem ersten Schlag ein zweiter, heftigerer folgte. Eine der Wachen hatte dafür seine Hand um die Fáhirs gelegt, offenbar mit dem ersten Schlag unzufrieden, und führte so den nächsten um einiges stärker aus. Der Sohn des Hauptmannes versuchte noch immer, sich zu wehren, doch die Trauer ließ ihn bald erlahmen und willenlos werden.
Thranduil blieb standhaft, musste jedoch die Zähne zusammenbeißen, als das harte Leder erneut seinen mittlerweile geröteten Rücken traf und mit neuer Kraft kleine Stücke seiner Haut herunterschälte.
Jedes Mal, wenn ihn die Peitsche traf, ruckte er nach vorne, Tränen brannten in seinen Augen, doch sein Stolz hielt einen Schrei zurück; sein Volk sah die Pein auf seinem Gesicht, die mit jedem Schlag neu aufglomm, und schließlich, als das Leder zum fünften Mal seinen Rücken traf, riss es die mittlerweile stark in Mitleidenschaft gezogene Haut auf und Blut rann daraus hervor, dunkel wie der Wein.
Der König stolperte nach vorne, doch die Seile rissen ihn wieder zurück und seine Beine drohten gefährlich nachzugeben. Er keuchte und tat sein Bestes, um den Schmerz zu unterdrücken, der wie eine unaufhaltbare Welle durch seinen Körper flutete.
Fáhir stand da, unfähig sich zu bewegen, und starrte mit großen Augen auf den blutenden, mit roten Striemen versehenen Rücken seines Königs, der sich mit Mühe aufrecht zu halten versuchte. Er wollte nicht mehr, er wollte den Vater seines besten Freundes, seinen Herrn, nicht mehr schlagen, er konnte nicht mehr. Doch wieder wurde er gezwungen, wieder und wieder sauste die Peitsche hinab auf die gepeinigte Haut und Thranduil entwich ein kurzes Aufkeuchen bei jedem Schlag. Als ob tausend Dolche sich in seinen Körper bohren würden. So fühlte sich jeder Hieb an, und der stechende Schmerz wuchs ins Unerträgliche.
Mit dem zehnten Schlag kam für den Elben die Erlösung. Ein leiser Schrei fand den Weg über seine trockenen Lippen, und manche seines Volkes meinten, dass „Legolas!“ herauszuhören war, doch gewiss war sich niemand. Matt hing er in den Seilen, die ihn an die Balken fesselten, zu schwach, um noch aufrecht zu stehen. Auf seinem Rücken hing die Haut in kleinen Fetzen herunter und Blut quoll aus seinen Wunden. Seine Sicht begann sich langsam zu trüben und er spürte plötzlich kleine Hände auf seinem Gesicht, die ihm über die Wangen strichen und immer wieder leise seinen Namen riefen.
„Thranduil? Herr? Thranduil!“
Er hob den Kopf und blickte direkt in Fáhirs verweinte, grüne Augen, in denen noch immer Tränen blitzten. Der kleine Körper zitterte und er schien in jedem Augenblick erneut loszuweinen.
„Es tut mir so leid, Thranduil“, flüsterte der Junge verzweifelt und strich seinem König eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. „So Leid … Blut überall … vergebt mir, bitte!“
Thranduil brachte ein schwaches Lächeln hervor, er hatte furchtbaren Durst und antwortete daher mit kaum hörbarer, heiserer Stimme: „Sag mir … sag mir nur eins, Fáhir Ringilion. Hast du es aus freiem Willen getan?“
Fáhir sah ihn für einen Moment an, als würde ihm ein Geist gegenübertreten, dann schüttelte er sofort heftig den Kopf und seine Stimme wurde weinerlich.
„Niemals, Herr! Niemals könnte ich den Vater meines besten Freundes schlagen! Niemals! Ich wollte es nicht, glaubt mir! Ich wollte es nicht!“
„Dann liegt keine Schuld der Welt auf dir …“
Der König lächelte den Jungen aufmunternd an, doch hinter ihm ertönte ein Aufschrei, jemand zerrte Fáhir weg und verpasste ihm einen harten Schlag in das Gesicht; seine Füße knickten unter seinem Gewicht ein, als er ob der durchgeschnittenen Seile auf den Boden prallte. Unvorsichtig hob man ihn hoch und schleifte ihn das Podium hinunter, das Volk blickte ihm traurig hinterher, manche konnten nicht mit ansehen, was die Feinde mit ihrem Herrn anstellten.
Die Wachen stießen die Kammertür auf und sie warfen ihn zurück in sein dunkles Gefängnis, wo er blutend und erschöpft liegen blieb. Heiße Tränen rannen über seine Wangen, und er wusste, dass es aussichtslos war. Sie hatten seinen Willen gebrochen. Er würde ihnen zu Diensten sein müssen. Doch er wusste auch, dass er niemals aufgeben durfte, Hoffnung in sich zu tragen.
Der Schmerz pulsierte durch seinen Körper hindurch und ließ ihm keine Ruhe, er stöhnte leise und versuchte, sich zu bewegen, doch er konnte nicht.
Legolas …
Warum er? Warum?
Mit einem Mal legte sich erlösende Dunkelheit um den verletzten Elben und er tauchte trauernd ein in die unendlichen Weiten der Bewusstlosigkeit …


Viertes Kapitel:

letztes Update: 19.12.



Fünftes Kapitel:




Sechstes Kapitel:



Siebtes Kapitel: