
Frodo wurde aus seinen Gedanken gerissen durch lautes Gelächter. Er zuckte fast zusammen, machte sich aber im nächsten Moment klar, daß es nur Elanor und ihr kleiner Bruder waren, die übermütig durchs Haus liefen.
Der kleine Frodo war gerade dazu imstande, sich auf den Beinen zu halten und die ersten Schritte waren noch gar nicht lange her, aber die beiden kleinen Hobbitkinder spielten wieder einmal übermütig fangen.
Doch so sehr Frodo es auch versuchte, er schaffte es nicht, sich ein Lächeln abzuringen. Mutlos und traurig ließ er den Kopf wieder sinken und zog die Beine an. Er saß in Beutelsend auf dem Sofa, seine Pfeife lag unberührt auf dem Tisch und er starrte reglos vor sich hin.
Die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster einfielen, waren nicht dazu imstande, ihn aufzumuntern. Weder sie noch die Kinder. Nichts.
Er stützte den Kopf auf die Knie und verschränkte die Arme davor. Unglücklich sah er aufs Sofa hinab.
Die schnellen Schritte der kleinen Hobbitfüße waren nicht mehr zu hören. Die Kinder waren draußen.
Alle waren draußen, nur er saß allein im Haus und hatte das Gefühl, zu fallen. Eine endlose, schwarze Leere tat sich unter ihm auf und er fiel und fiel. Er war verloren, verlassen, allein.
Niemand war da, um ihn festzuhalten, seinen Fall aufzuhalten, ihn zu retten und aus diesem Loch zu ziehen.
Stunden mag er so da gesessen haben, Stunden, in denen Sam den Garten auf Vordermann brachte und schließlich mit Gras in den Haaren und grünen Flecken auf der Kleidung ins Haus zurückkehrte.
Er hatte Frodo nur zum Frühstück und Mittagessen gesehen, ansonsten nicht ein einziges Mal an diesem Tag. Und das war bei weitem nicht der erste Tag, an dem es so lief. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, aber Sam mochte nicht fragen. Zwar bemerkte er genau den gedankenverlorenen Gesichtsausdruck Frodos, aber solange dieser nicht mit der Sprache von selbst herausrückte, wollte Sam nicht in irgendwelche Fettnäpfchen treten.
Das Essen ist fertig! hörte Frodo schließlich Rosie rufen und stand unwillig auf. Hunger war das letzte, was er hatte, aber wenn er nichts aß, würde er sofort von Sam mit Fragen gelöchert und dem wollte er aus dem Weg gehen.
Es war einer der ersten Frühlingstage des Jahres 1424. Frodo setzte sich an den gedeckten Tisch und hob den Kopf, als er bemerkte, daß Rosie ihn ansah. Mit einem freundlichen Lächeln reichte sie ihm das Brot, während sie die Kinder zur Ruhe rief und Sam sagte: Wollen wir nicht morgen nachmittag einen Spaziergang machen, Herr Frodo? Ich glaube, das Wetter wird wieder wunderschön!
Mit einem bemühten Lächeln wandte Frodo den Kopf zu seinem Freund und murmelte: Sei mir nicht böse, Sam, aber ich glaube, dazu fehlt mir im Moment jede Lust. Ich bleibe lieber hier.
Sam seufzte. Er hatte nichts anderes erwartet.
Schade. Ich hätte mich so gefreut, versuchte er, Frodo zum Sprechen zu bringen, aber er ging nicht darauf ein.
Frodo hatte nie soviel verputzen können wie Hobbits es normalerweise taten, aber er aß seit Tagen kaum noch etwas und Sam blinzelte skeptisch zu seinem Teller hinüber. Zwei Scheiben Brot. Und das nach der halben Portion des Mittagessens.
Soweit er es bemerkt hatte, hatte Frodo wohl auch den Tee ausfallen lassen.
Aber Sam verkniff sich den besorgten Stoßseufzer und aß stattdessen auf.
Der kleine Frodo lag in seinen Armen und war eingeschlafen, sofort nachdem er seine Portion des Abendessens verputzt hatte. Sam strich seinem Sohn über den Kopf und stand auf, um ihn in sein Bett zu bringen.
Onkel Frodo? begann Elanor mit großen runden Augen, die vor Erwartungen nur so strahlten.
Was ist denn? gab Frodo zurück und sah die Kleine lange an. Sie bemerkte seine zögerliche Reaktion und fuhr erst nach einer Weile fort: Erzählst du mir heute wieder eine Gutenachtgeschichte?
Frodo seufzte. Natürlich. Was möchtest du denn hören?
Erzählst du mir etwas von Onkel Bilbo und seinem Abenteuer mit dem Drachen? bettelte die Kleine.
Aber die Geschichte habe ich dir letzte Woche schon erzählt! Willst du denn nie eine andere hören?
Es war vergeblich.
Nein! Ich finde den großen Drachen so schrecklich gruselig!
Frodo gab sich geschlagen. Er sah überhaupt nicht glücklich damit aus, aber ein wenig später saß er an Elanors Bett und erzählte von Smaug.
Sam lauschte an der Tür. Frodo klang gar nicht glücklich, wie er so von Bilbo erzählte. Richtig zu denken gab Sam jedoch die Tatsache, wie Frodo seine Erzählung beendete, als die Kleine ohnehin bereits eingeschlafen war.
Und Onkel Bilbo ist fortgesegelt in die Unsterblichen Lande, wo immer Frieden ist.
Sam schluckte. Tief in seinem Herzen hatte er einen bösen Verdacht, was in Frodo vorging.
Er drehte sich ab und ging mißmutig in die Küche. Rosie war nicht dort, aber das war ihm nur recht so. Allein setzte er sich an den Tisch und starrte ins Kaminfeuer.
Gute Nacht, Sam, hörte er Frodo sagen und gab zurück: Gute Nacht, Herr Frodo.
Gern hätte er noch etwas hinzugefügt, aber ihm fiel nichts ein.
Eine Tür schloß sich leise und Sam schluckte. Es machte ihn unglücklich, wenn Frodo traurig war.
Rosie kam in die Küche.
Was ist denn los? fragte sie. Sams Gesichtsausdruck war ihr nicht verborgen geblieben.
Ach, nichts. Ich bin nur müde.
Rosie runzelte die Stirn und setzte sich ihm gegenüber.
Ach was. Ich habe es doch selbst gemerkt, daß mit Frodo etwas nicht stimmt. Er ist seltsam in letzter Zeit, so gar nicht zufrieden. Er verläßt Beutelsend nicht, er ißt kaum etwas und ich habe sehr wohl schon gemerkt, daß er scheinbar auch nicht schläft, so müde, wie er oft ist.
Sam nickte. Ich mache mir Sorgen, sagte er.
Rosie legte ihre Hände auf seine.
Du bist sein Freund. Sprich mit ihm, ich glaube, er braucht dich.
Unentschlossen biß Sam sich auf die Lippen.
Ich möchte keinen Fehler machen...
Du hast, was ihn betrifft, noch nie einen Fehler gemacht. Nun mach schon, forderte Rosie ihn mit einem Lächeln auf.
Ich gehe schon schlafen.
Er nickte und stand auf, dann verließ er die Küche und schritt den dunklen Flur hinunter.
Frodo stand am Fenster und sah hoch in den sternenklaren Himmel. Der Vollmond strahlte hell ins Zimmer hinein und die Sterne blinkten aus der Ferne.
Er fühlte sich so heimatlos. Kein Halt mehr.
Tränen rannen ihm über die Wangen. Er wollte so nicht mehr weitermachen. So sehr er sich immer bemühte, er fand keinen Frieden.
Stille war um ihn herum und die Tränen tropften auf sein Hemd.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Er schrak zusammen und drehte sich um. Leise öffnete sich die Tür einen Spalt breit und er sah Sams Kopf ins Zimmer hineinlugen.
Frodo schluckte. Sam lächelte und sagte: Darf ich reinkommen?
Wortlos nickte Frodo und drehte sich wieder zum Fenster. Er wollte nicht, daß Sam seine Tränen sah.
Allerdings stellte dieser sich neben ihn und sah ihn schweigend an. Dann nahm er Frodos Hand und flüsterte: Sprich doch endlich mit mir, bitte.
Schluchzend ließ Frodo den Kopf hängen und Sam nahm ihn wortlos in den Arm. Tröstend strich er ihm über den Kopf und eine ganze Weile blieben sie so stehen, bis sie sich, immer noch in der nur vom Mond erhellten Dunkelheit, auf Frodos Bett setzten.
Erwartungsvoll sah Sam ihn an und Frodo schluckte schwer, dann begann er aber zu sprechen.
Sam, ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Ich versuche immer, es mir selbst zu erklären, aber es ist so schwer.
Er machte eine Pause, in der Sam seine Hand nahm und ihn aufmunternd anlächelte.
Ich weiß nicht, ob du das verstehst - ich finde einfach keinen Frieden. Denk doch nur daran, was alles geschehen ist, seit ich zurückgekehrt bin! Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß alle mir Beachtung schenken, aber es hing nur mit dem Ringkrieg zusammen... wer nimmt mich noch um meiner Selbst willen an? Ich habe nicht nur auf unserer Reise so viel auf mich genommen... versteh mich, ich will mich nicht beklagen, denn ich habe es aus freien Stücken getan. Aber ich habe es bitter bereut...
Er ließ die Schultern hängen und schluchzte verzweifelt. Sam war hilflos, aber bald fuhr Frodo fort.
Sieh mich doch an. Sieh doch die Narben. Sie erinnern mich jeden Tag daran, aber es sind nicht nur die sichtbaren, die mir zu schaffen machen. Weißt du, ich habe nie verlangt, daß man mir dankt. Niemals. Aber was ist - ich bin nicht in den Westen gesegelt, als ich es konnte, sondern dorthin zurückgekehrt, wo immer neue Gefahren ständig lauerten. Ich hatte gehofft, den Ring zu zerstören und damit allem Übel ein Ende zu setzen, aber nichts dergleichen ist geschehen. Sam...
Mit erstickter Stimme brach er ab. Er konnte nicht weitersprechen.
Aber Herr Frodo... das ist doch alles vorbei...
Frodo nickte. Einige Minuten später sagte er: Du hast Recht, Sam. Das ist vorbei. Aber ich kann es nicht vergessen. Ich habe es getan, um den Frieden zu wahren, aber ich habe ihn nicht mehr! Ich habe gar nichts mehr. Nichts ist mir geblieben...
Sam konnte die Tränen nicht zurückhalten. Seinen Freund so leiden zu sehen machte ihm schwer zu schaffen.
Sam, ich möchte, daß das alles aufhört! Nichts weiter... es hat mich völlig zugrundegerichtet. Ich habe einen Fehler gemacht. Nein, ich meine nicht, daß ich den Ring genommen habe. Ich meine, daß ich nicht fortgegangen bin, als ich es konnte... ich bin zurückgekehrt, weil ich dachte, besser als bei dir und deiner Familie in Beutelsend zu leben kann es im Westen nicht sein. Aber Bilbo ist fort... ich vermisse ihn so sehr!
Sam spürte einen dicken Kloß im Hals, aber er rang sich die Worte dennoch ab.
Herr Frodo... wenn es dir hier nicht gutgeht...
Das hat nichts mit dir zu tun, Sam!
Sam nickte. Dessen war er sich bewußt.
Frodo, wenn du hier nicht leben kannst, dann folge Bilbo...
Im gleichen Moment strömten ihm die Tränen der Verzweiflung über die Wangen. Es zerriß ihn innerlich, Frodo leiden zu sehen, aber die Alternative ertrug er auch nicht. Er würde ihn verlieren.
Traurig sah Frodo ihn an.
Ich glaube, das ist es auch nicht, was ich will. Ich weiß, du würdest mich gehen lassen, aber ich will doch gar nicht weg...
Wie kann ich dir helfen? fragte Sam tonlos.
Ich weiß es doch nicht... Tag für Tag stürzt es auf mich ein, alles, was gewesen ist, all die schrecklichen Dinge. Ich bin nicht mehr derselbe und wenn ich nur daran denke, daß bald wieder Rethe ist...
Wissend nickte Sam. Eine der Wunden, die Frodo für immer gebrandmarkt hatte.
Ich habe versagt, ich habe verloren, es ist alles umsonst gewesen! Ich will keine Dankbarkeit und keinen Lohn, gar nichts... ich möchte nur meinen Frieden und derselbe sein wie vorher...
Instinktiv tat Sam das Richtige und umarmte Frodo ganz fest.
Ich möchte so gerne etwas für dich tun... flüsterte er. Frodo antwortete: Wie beende ich es, Sam? Wie kann ich es hinter mir lassen? Was soll ich nur tun? Es macht mich ganz verrückt... du hast doch gesehen, wie es mich lähmt!
Sam wußte genau, es war äußerst ungerecht, aber er konnte nichts tun. Er konnte nur da sein, aber das reichte nicht.
Ich möchte nicht weg, aber ob ich im Westen den Frieden finden würde?
Sie wußten es beide nicht.
Frodo murmelte: Auch wenn ich weiß, daß es nicht stimmt, ich fühle mich so allein... einsam und verloren! Ich weiß nicht, wo ich hingehöre...
Seufzend lehnte Sam sich an die Wand und legte den Arm um Frodos Schultern.
Ich bin immer bei dir, ganz egal wo, stellte er fest.
Aber du hast eine Familie, Sam. Um sie mußt du dich kümmern. Aber um was kann ich mich kümmern?
Da hatte er Recht.
Vielleicht solltest du einmal mit Gandalf sprechen! Vielleicht versteht er dich, er ist schließlich mit dir zurückgekehrt! schlug Sam vor und wischte sich die letzten Tränen weg.
Frodo schüttelte den Kopf. Nein. Du verstehst mich auch und helfen kann mir niemand! Ich werde noch verrückt...
Aber nein, Herr Frodo! Sag sowas nicht!
Der Ring hat mich zerstört. Die Folgen sind unerträglich. Ich kann das nicht mehr, Sam...
Darauf wußte dieser nichts zu erwidern.
Sie blieben einige Zeit einfach so sitzen und Sam verstrickte sich so in seinen eigenen wirren Gedanken, daß er nicht merkte, wie Frodo erschöpft eingeschlafen war. Sein Arm wurde langsam taub und als er auf Frodo schaute, merkte er schließlich, daß dieser ganz ruhig und friedlich atmete. Er schlief. Endlich schlief er.
So sanft wie möglich bettete Sam ihn auf sein Kissen und deckte ihn liebevoll zu.
Was kann ich nur tun? dachte er zu sich selbst und verließ das Zimmer.
Rosie war bereits eingeschlafen, als er das Schlafzimmer betrat, und gedankenvoll legte er sich in sein eigenes Bett. Ruhe fand er aber für lange Zeit nicht.
Am nächsten Morgen wurde Sam davon wach, daß Elanor auf seine Brust geklettert war und mit ihrem Kuscheltier daumennuckelnd unter seine Decke kroch.
Was ist denn, mein Schatz? fragte Sam schlaftrunken und blinzelte. Es war noch sehr früh, die Sonne ging erst auf und Elanor murmelte: Die Tür ist so laut ins Schloß gefallen und mir ist kalt!
Sam öffnete die Augen. Die Tür war ins Schloß gefallen?
Er drehte den Kopf. Rosie war noch da.
Entschuldige, mein Liebling, aber weißt du, was passiert ist?
Nein, Papa. Vielleicht ist Onkel Frodo...
Elanor, geh bitte mal von mir runter...
Sein Herz raste. Frodo war doch nicht etwa verschwunden, ohne ihm etwas zu sagen?
Papa? fragte das Mädchen ratlos, aber Sam sprang aus dem Bett und suchte seinen Mantel.
Aber wo willst du denn hin?
Das erzähl ich dir später, Ellie. Damit verließ er das Zimmer und lief zur Tür. Atemlos riß er sie auf und die Kälte des Morgens kroch seine Füße hoch. So schnell er konnte, rannte er durch den Garten und den Weg hinunter. Dann hörte er plötzlich einen Schrei und er hastete weiter.
Als er um die Biegung gelaufen kam, sah er Frodo vor einer Hecke stehen wie versteinert. Er zitterte am ganzen Leib. Mit einem Blick bemerkte Sam den Grund für Frodos offensichtliche Angst.
In der Hecke war das große Netz einer Kreuzspinne gewebt und die Urheberin dessen saß in der Mitte der taunassen Fäden.
Frodo starrte sie an und zitterte noch stärker. Er konnte sich nicht rühren.
Frodo! rief Sam und hielt neben ihm an, nach Luft ringend.
Ganz ruhig, sie tut gar nichts... Er legte noch die Hände auf Frodos Schultern, aber in diesem Moment geschah etwas, womit er nie gerechnet hatte.
Mit einem Satz sprang die Spinne aus ihrem Netz und mitten auf Frodos Brust.
Panisch schreiend verlor Frodo das Gleichgewicht und mit einem gezielten Schlag beförderte Sam die Spinne auf den Boden.
Keuchend klammerte Frodo sich an seinen Freund und vergrub den Kopf an seiner Schulter.
Die Spinne rannte eilig zur Hecke.
Frodo wimmerte vor Angst und ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Sam ließ ihn nicht los und starrte wütend der Spinne hinterher. Für solche Scherze konnte er sich um diese Uhrzeit nicht im Geringsten begeistern, dachte er.
Komm, ich bring dich zurück nach Hause. Wo wolltest du denn hin? murmelte Sam und Frodo sah ihn mit angstgeweiteten Augen an.
Ich wollte einen Spaziergang machen... so wie du gestern vorgeschlagen hast! Ich dachte, das wäre eine gute Idee und ich konnte nicht mehr schlafen...
Sam holte tief Luft. Frodo bemerkte seine Sorge und nachdem er sich beruhigt hatte, sagte er: Vergiß das, was ich über den Westen gesagt habe. Ich gehe nicht weg, schon gar nicht, ohne mich zu verabschieden!
Sam brachte Frodo zurück nach Beutelsend, wo Frodo sich in sein Bett legte, bleich, wie er noch immer war. Er fröstelte.
Verstehst du jetzt, was ich meine? fragte Frodo und Sam sah ihn fragend an.
Ich meine, daß ich nie Luft holen kann, um es zu vergessen... Ich fürchte mich schon vor kleinen Spinnen! erklärte Frodo stockend. Sam winkte ab.
Deswegen brauchst du dich doch nicht zu schämen! Ich verstehe das doch... Ich war selbst auch nicht gerade begeistert! versuchte Sam, Frodo aufzumuntern.
Elanor kam herein und schleifte ihr Stofftier hinter sich her.
Komm mal her, meine Kleine! sagte Frodo und lächelte. Sam war glücklich, als er das bemerkte. Frodo richtete sich auf und nahm das Mädchen auf den Schoß.
Weißt du was? fragte er und sie schüttelte vergnügt den Kopf.
Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte, die du noch nicht kennst. Ich habe mir gedacht, ich warte damit, bis du ein bißchen älter bist, aber sie müßte dir gefallen!
Elanors Augen wurden groß und sie strahlte übers ganze Gesicht. Vielsagend schaute Frodo Sam an und er verstand. Das war ein Weg, etwas gegen die ständige Angst zu unternehmen.
Beruhigt verließ er das Zimmer und setzte in der Küche Wasser auf. Tee war das, was er jetzt brauchte.
Frodo hatte der kleinen Elanor von Beren und Luthien erzählt. Dabei waren seine Gedanken unweigerlich abgeschweift und er dachte wieder an den Westen. Valinor. Er hatte die Chance gehabt, Mittelerde und all die Sorgen und Nöte hinter sich zu lassen für ein friedlicheres Dasein fernab allen Übels...
Er sehnte sich sehr nach Ruhe. Hier konnte er ohne Weiteres keine finden.
Sollte alles für ihn umsonst gewesen sein? Er hatte gewußt, wenn er den Ring behielt, würde der Frieden vorbei sein und er würde ihn nie wiederfinden. Er hatte es als seine Aufgabe angesehen, für den Frieden zu sorgen. Auch für seinen eigenen. Ihn wollte er wiederherstellen. Aber was war geschehen? Während er es, wenn auch nicht ohne Hilfe, geschafft hatte, Mittelerde vor dem Fall in die Dunkelheit zu bewahren, fiel er nun selbst...
Er schämte sich dieses selbstsüchtigen Gedankens. Nein, er hatte nie auch nur ein Wort des Dankes erwartet, nichts, und auch jetzt wollte er das nicht.
Aber so war es sogar eher wie eine Bestrafung.
Still dachte er bei sich, daß er sich niemals der Aufgabe angenommen hätte, wenn er geahnt hätte, was geschehen würde.
Er hielt das nicht mehr aus. Mittelerde, seine geliebte Heimat, das Auenland - nichts verschaffte ihm Linderung, gar nichts.
Er wünschte sich zu Bilbo nach Valinor. Natürlich konnte er noch immer dorthin aufbrechen...
Vielleicht sollte er das wirklich tun.
Einfach verschwinden.
Nichts wünschte er sich, außer Frieden. Sonst gar nichts.
Er sollte wirklich Mittelerde verlassen, das würde ihm helfen und verhindern, daß ihm noch einmal etwas zustieß.
Plötzlich wurde er aufgeschreckt und sah aus dem Fenster. Gegenüber in einem Baum saßen Krähen, große schwarze Krähen, die ihn anzustarren schienen. Sie krächzten heiser, schienen sich zu unterhalten, lauerten auf ihn.
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Sie waren hinter ihm her. Das war alles kein Zufall.
Mit einem letzten Krächzen erhoben die pechschwarzen Vögel sich schließlich und flogen davon. Frodo starrte ihnen hinterher.
Sam betrat das Zimmer mit einem großen Käsebrot in der Hand. Käse liebte Frodo über alles. Er würde sich freuen, da war Sam sich sicher.
Frodo drehte sich zu ihm und sah ihn an, aber sein Blick war leer.
Sofort sank Sams Zuversicht in den Keller und er murmelte tonlos: Du mußt doch etwas essen...
Gedankenlos nickte Frodo und nahm das Brot. Dann rührte er sich nicht mehr und Sam zog es vor, wieder zu verschwinden. Er kam sich so nutzlos vor.
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich an die Wand und schloß die Augen. Tränen rannen über seine Wangen und plötzlich verließ er schnellen Schrittes das Haus.
Schwer atmend stand er im Garten und sah die Krähen am Himmel kreisen.
Verdammt! rief er und lief den Weg hinunter in Richtung Wäldchen.
Ziellos streifte er auf kleinen Trampelpfaden umher, fernab des morgendlichen Treibens und setzte sich schließlich weinend auf einen Baumstumpf.
Etwas war gar nicht in Ordnung mit Frodo und Sam hatte die größte Sorge, daß Frodo ihn nun doch verlassen wollte.
Schluchzendverbarg er das Gesicht in den Händen.
Wenn er gehen wollte, konnte er ihn nicht aufhalten! Das durfte er nicht, so selbstsüchtig durfte er nicht sein.
Wenn er doch nur wüßte, was er tun könnte!
Er wünschte sich sehnlichst Gandalf herbei. Er würde Rat wissen, so wie er immer Rat wußte.
Sam konnte den Gedanken nicht ertragen an die Ungerechtigkeit, die Frodo widerfahren war. Er hatte soviel auf sich genommen und litt nun schrecklich darunter.
Plötzlich schrak er hoch und fuhr herum. Im Dickicht ganz in der Nähe waren leise Schritte zu hören und er stand langsam auf. Die Schritte waren schnell.
Angestrengt spähte Sam durch die Zweige und runzelte die Stirn. Das war nicht Frodo. Das bildete er sich nur ein.
Er sah genauer hin. Doch, es war Frodo, und er lief halb stolpernd durchs Gestrüpp.
Sam folgte ihm mit seinen Blicken und schließlich setzte er sich auch in Bewegung. Er war immer noch geplagt von Sorgen um seinen Freund.
Auf einmal erkannte er, wohin Frodos Weg ihn führte. Er zögerte.
Frodo war aus dem Wald herausgetreten und stand am Rande des steilen Abhangs, der einen großzügigen Blick auf Hobbingen freigab.
Er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Er lief schneller und schneller, so als wäre ein Balrog hinter ihm her, aber es war zwecklos. Er hatte das Gefühl, daß er immer langsamer wurde und er wischte sich die Tränen aus den Augen.
Urplötzlich hatte er eine Wurzel übersehen und fiel der Länge nach auf den weichen Waldboden. Schluchzend erhob er sich wieder und holte tief Luft.
Er wußte nicht mehr, was echt war und was nicht. Er wollte nur noch weg. Er wollte überhaupt nichts mehr, er wollte nicht mehr hierbleiben und in Valinor mochte er auch nicht sein. Er wollte nur noch Ruhe haben.
Er verließ den Wald und blieb stehen.
Wimmernd ging er in die Knie. Ein Gefühl, als würde er im nächsten Moment entzweigerissen, peinigte ihn und er kauerte sich auf dem Boden zusammen.
Mühsam rang er nach Luft und hob langsam den Kopf.
Es war hoch. Er mußte nur aufstehen und einen einzigen Schritt nach vorne machen. Weiter war es nicht...
Er zog die Schultern hoch, doch im gleichen Moment spürte er eine Hand an seiner und fuhr herum.
Geräuschlos hatte Sam sich herangeschlichen und sah ihn ängstlich an.
Komm wieder nach Hause, Frodo, komm...
Frodo sah ihn flehend an und Sam murmelte: Das willst du doch nicht...
Resignierend nickte Frodo.
Sam, was soll ich denn nur tun?
Sam nahm in bei der Hand und kehrte mit ihm langsam nach Beutelsend zurück. Schweigend brachten sie den Weg hinter sich und Sam versuchte, sich zu beruhigen.
Es war gefährlich. Wenn er ehrlich war, stand es gar nicht gut um Frodo.
In Beutelsend brachte er Frodo in sein Zimmer und danach bat er Rosie, auf Frodo achtzugeben. Dann setzte er sich still im Schlafzimmer mit Feder und einem Bogen Papier hin und begann einen Brief zu schreiben, adressiert an Merry und Pippin.
Meine lieben Freunde,
wir haben uns lange nicht mehr gesehen und ich möchte euch einladen, zu uns nach Hobbingen zu kommen. Der Anlaß ist, daß ich gern etwas mit euch besprechen würde. Ich brauche euren Rat.
Ich würde mich sehr freuen, euch bald hier zu begrüßen!
Sam
Etwas besseres wollte ihm nicht einfallen. Er hoffte, daß es genügen würde, um die beiden zu einem Kommen zu veranlassen.
Seine Sorge wuchs mit jeder Minute. Als er das Haus verließ, um den Brief abzugeben, machte er sich sofort die größten Sorgen um Frodo und um das, was er während seiner Abwesenheit alles anstellen könnte.
Er war nicht mehr er selbst. Es hatte selbst nach dem Ringkrieg Zeiten gegeben, in denen Frodo froh und glücklich gewesen war und der Zukunft zuversichtlich gegenüberstand, aber er verlor immer mehr den Halt.
Sam hatte Angst. Das hatte er noch nie erlebt. Er wußte nicht, was er tun sollte.
Als er auf dem Rückweg war, hob er seinen Blick gen Himmel und dachte flehentlich: Gandalf, wenn du mich hörst, bitte komm schnell...
Er fuhr sich grübelnd durch die Haare und sah kurz durch den Türspalt nach Frodo, als er wieder in Beutelsend war, und fand ihn friedlich am Fenster sitzend.
Für einen Moment fragte er sich, ob er ihn stören sollte, aber beschloß, es lieber nicht zu tun.
Damit ging er in die Küche, wo sein kleiner Sohn gegen seine Beine lief und kichernd umfiel. Sam war gerührt von dem kleinen Quälgeist und half ihm wieder auf die Beine.
Den Kleinen konnte kein Wässerchen trüben. Sam lächelte.
Drei Tage waren vergangen, in denen nichts Außergewöhnliches geschah. Sam hatte vergeblich gehofft, Frodo irgendwie aufmuntern zu können, aber es wollte ihm nicht gelingen. Allerdings freute es ihn sehr, zu sehen, daß Frodo sich an einem Nachmittag zu ihm in den Garten gesellte, zwar schweigend und immer noch mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck, aber er war da und hatte Beutelsend zumindest einmal verlassen.
Des Nachts fand Sam keine Ruhe. Er wartete. Er wartete darauf, daß Frodo einen erneuten Ausbruch bekam, vielleicht auch nur darauf, daß endlich Merry und Pippin vor der Tür standen - aber wirklich begrüßen würde er Gandalfs Ankunft. Insgeheim wünschte er ihn oft herbei. Er verfluchte die Tatsache, daß er nicht genau wußte, wo der alte Vagabund sich wieder aufhielt.
Frodo war ebenfalls keineswegs ruhiger geworden. Ganz im Gegenteil.
Eines Abends war er endlich eingeschlafen und wälzte sich unruhig hinterher. Er träumte von einem flammenden Auge...
War Sauron vernichtet worden? War er wirklich vernichtet worden? Wenn ja - was verfolgte ihn dann?
Er hörte Schritte hinter sich, sah aber nur einen Schatten. Da waren Spinnweben, unzählige klebrige Fäden in seiner Umgebung, der Schatten schien ihn anzustarren und Krähen kreisten am finsteren Himmel. Er konnte sie hören.
Plötzlich fand er sich selbst an einem unbekannten Ort wieder. Die Zeit stand still und um ihn herum war nur Leere, aber da, ihm gegenüber war er... er kannte seinen Namen, wagte aber nicht, ihn auszusprechen. Er sah ihn rachsüchtig an.
Frodo schrie. Es war vorbei, Sauron war nicht mehr und auch nicht sein Herr...
Er fuhr herum und floh. So schnell er konnte, rannte er, aber dann plötzlich sah er sie vor sich, Trugbilder, die kamen und wieder verschwanden und ihn anknurrten. Warge. Wölfe von enormer Größe fletschten die Zähne und starrten ihn unablässig an. Sie umkreisten ihn.
Plötzlich sah er Hobbingen hinter ihnen und konnte nichts tun, als sie sich umdrehten, um sich auf den Weg ins Dorf zu machen.
Hinter ihm eine gemeine Stimme, die lachte. Er wußte, wessen Stimme es war.
Nein! schrie er aus Leibeskräften. Seine Füße waren wie angenagelt.
Sie waren wegen ihm gekommen. Er hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. War es real?
Sie näherten sich dem Dorf. Sie waren so groß und so gefährlich...
Schreiend fuhr er hoch und fühlte sein rasendes Herz gegen seine Rippen hämmern. Er riß die Augen auf und fand sich in seinem Bett sitzend wieder. Um ihn herum war Stille.
Dann, plötzlich, sah er an der gegenüberliegenden Wand im fahlen Mondlicht einen Schatten an der Wand.
Eine Spinne.
Er rührte sich nicht. Obwohl er schreien wollte, konnte er nicht. Er zitterte am ganzen Leib und schließlich wurde die Tür geöffnet. Sam kam schlaftrunken, aber aufgeregt herein und sah ihn an.
Er folgte Frodos Blick zur Wand und schüttelte fragend den Kopf.
Frodo? Was ist los?
Da war nichts.
Eine Spinne...
So sehr Sam auch suchte, er sah nichts. Frodo war aber nicht mehr zu besänftigen und schließlich holte Sam ihn aus dem Bett, nahm seine Decke und das Kissen und brachte ihn ins Gästezimmer, da er wußte, daß Frodo sonst kein Auge mehr zutun würde.
Seufzend setzte er sich auf das Bett und sah Frodo an, der seinen Blick erwiderte.
Die Ungewißheit machte Sam schwer zu schaffen, sie zehrte an seinen Nerven, zehrte ihn aus.
Du mußt mich für verrückt halten, brach Frodo schließlich die Stille.
Nein, Herr Frodo, warum?
Ich sehe Dinge, die nicht da sind... sie verfolgen mich...
Nein, Herr Frodo. Niemand verfolgt dich. Ich bin doch hier, du bist zu Hause und in Sicherheit. Hab keine Angst! versuchte Sam, ihn zu beruhigen.
Frodo schüttelte den Kopf. Ich bin verrückt. Ich werde wahnsinnig! Ich bilde mir Dinge ein. aber ich kann nichts dagegen tun...
Du mußt dir keine Vorwürfe machen! murmelte Sam.
Frodo schien langsam, aber sicher den Verstand zu verlieren. Lange konnte das nicht mehr so weitergehen.
Bevor Sam wußte, was los war, war Frodo wieder eingeschlafen und Sam seufzte.
Es wurde immer schlimmer.
Am nächsten Morgen rührte sich nichts im Gästezimmer. Sam war mit allerhand Dingen beschäftigt und die Kinder tobten durch den Garten, aber erfreuen konnte er sich an nichts.
Die Sorge um Frodo belastete ihn viel zu sehr. Was war nur geschehen? Warum konnte er nichts dagegen tun?
So etwas war noch nie mit Frodo geschehen... nicht einmal zur schlimmsten Zeit in Mordor.
Er hatte große Angst.
Frodo war indessen wach, lag aber reglos im Bett und starrte an die Decke.
Stimmen, Stimmen hallten in seinem Kopf wider.
Oder war es nur eine?
Ich verzeihe dir, alles wird gut und du bekommst deinen Frieden, aber du mußt aufbrechen... du mußt gehen, geh nach Norden und suche dort deinen Frieden!
Frodo schüttelte sich. Wer sprach da? Oder bildete er sich das nur wieder ein?
Er sah sich um. Er war allein.
Steh auf und geh... du hast es nicht verdient, zu leiden, nach allem, was du getan hast!
Frodo hielt sich die Ohren zu, aber die Stimme blieb.
Sieh dich doch an, sieh nur, was es aus dir gemacht hat! Hast du das verdient? Ich gebe dir alles zurück...
Frodo zog sich hilflos die Decke über den Kopf. Es hörte nicht auf.
Nimm dir, was dir zusteht, du wirst es bei mir finden... du bekommst deine Belohnung!
Ich will keine Belohnung! Ich möchte nur Frieden...
Frieden. Immer wieder dachte er an dieses Wort, es trieb ihn in den Wahnsinn, aber Frieden war das, was er nicht hatte.
Du bekommst Frieden. Wehr dich nicht länger, mach dich auf den Weg und du wirst Frieden finden!
Gerade als Frodo wirklich aufstehen wollte, hörte er Schritte auf dem Flur.
Sam schaute auf, als er Hufgetrappel hörte und mit einem breiten Lächeln begrüßte seine Freunde.
Pippin! Merry! Ich freue mich so, euch zu sehen!
Die beiden stiegen von ihren Ponys und sie umarmten einander freudig.
Was gibts denn bei euch so wichtiges? fragte Pippin neugierig.
Kommt doch erstmal herein! Wir müssen doch nicht gleich auf der Straße reden! forderte Sam sie freundschaftlich auf. Schließlich hatten sie die Ponys gut untergebracht und sie setzten sich in die Küche.
Wo steckt denn Frodo? Sollten wir ihn nicht auch erst begrüßen? fragte Merry, aber Sam schüttelte den Kopf.
Genau da liegt das Problem. Laßt ihn erst einmal allein.
Die beiden sahen ihn mit großen Augen an und Sam begann zu erzählen. Es hatte doch alles ganz langsam und unscheinbar begonnen...
Als er geendet hatte und die beiden ihn noch immer schweigend ansahen, fügte er noch hinzu: Ich wünschte mir so sehr, Gandalf wäre hier! Irgendjemand muß Frodo helfen...
Merry stand entschlossen auf und murmelte: Vielleicht sollten wir auch mit Frodo reden?
Schon wandte er sich zum Gehen und Sam erwiderte nur: Im Gästezimmer. Aber erschrick nicht.
Pippin sah ihn stirnrunzelnd an. Erschrecken? Was war nur geschehen?
Vorsichtig klopfte Merry an die Tür und öffnete sie schließlich, obwohl keine Antwort kam.
Frodo saß auf seinem Bett und lehnte an der Wand. Er hob kaum den Kopf, als Merry hereinkam und auf ihn zuging.
Wie geht es dir? fragte Merry leise und setzte sich neben Frodo, der ihn müde ansah.
Was machst du hier? gab Frodo tonlos zurück und Merry lächelte ihn ermutigend an.
Ich bin mit Pippin wegen dir hier. Sam hat uns gebeten, zu kommen. Wir machen uns Sorgen.
Die mache ich mir auch. Merry, ich verliere noch den Verstand... was hat er mit mir gemacht? Was hat er mir angetan? rief Frodo. Er war immer lauter geworden und sah Merry zornig an, aber mit feuchten Augen.
Wofür habe ich es getan? Damit ich nun hier sitze und leide? Wer hat mir je gedankt?
Merry schluckte. Das war nicht der Frodo, den er kannte.
Ich bin alles schuld, Merry, alles selbst schuld. Er läßt mir keinen Frieden. Er ist noch immer hinter mir her. Alle hat er geschickt, um mich in den Wahnsinn zu treiben, und er hat es geschafft...
Wer?
Frodo gab keine Antwort, aber irgendwann zuckte er hilflos mit den Schultern und sagte: Ich weiß es nicht...
Frodo, du bist überhaupt nichts schuld! Das ist nicht wahr! sagte Merry scharf. Frodo sah ihn an.
Aber warum finde ich keinen Frieden? Warum? Wem habe ich etwas getan? Das Böse ist noch immer da und verfolgt mich und gönnt mir keine Ruhe...
Seufzend suchte Merry nach Worten, aber Frodo begann unerwartet wieder zu sprechen.
Ich habe das nicht verdient, Merry. Warum war es falsch, das Böse zu zerstören? Jetzt läßt es nicht mehr von mir ab. Es ruft nach mir. Er verspricht mir Frieden und eine Belohnung, wenn ich gehe, verstehst du? Ich könnte...
Frodo, nein! Du darfst nicht darauf hören! Glaube ihm nicht! Das sind nur leere Versprechungen...
Ich muß gehen, Merry. Ich muß meinen Frieden suchen!
Frodo!
Aber er stand auf ohne ein weiteres Wort und ging zur Tür.
Frodo! Bleib hier! Merry lief ihm hinterher und wollte ihn festhalten, aber Frodo fuhr herum und schlug zornig seine Hand weg.
Laß mich los! zischte Frodo und lief zur Tür. Aber als er draußen im Garten war, blieb er plötzlich stehen und ließ sich kraftlos auf die Bank fallen.
Was ist nur geschehen? fragte Merry und folgte ihm nach draußen. Sam und Pippin, die die beiden gehört hatten, folgten und zu viert setzten sie sich im Garten auf den Rasen. Allerdings blieb Frodo nicht lange bei ihnen sitzen, sondern ging wieder hinein und verschwand wortlos im Gästezimmer.
Was war los, Merry? fragte Sam.
Merry suchte fieberhaft nach Worten und brachte stockend hervor: Er ist so anders... eine böse Stimme scheint zu ihm zu sprechen. Er wird noch irgendetwas Schlimmes tun...
Sam ließ traurig den Kopf hängen und sagte nichts mehr.
Frodo hatte sich gewünscht, mit Merry und Pippin das Gästezimmer zu teilen und nach einem sorgenvollen Tag waren sie alle früh eingeschlafen, auch wenn es nicht schnell vonstatten gegangen war, wie besonders Merry erfahren mußte.
Frodo hatte sich inzwischen an die Stimme gewöhnt, die in seinem Hinterkopf zu sitzen schien und immer wieder zu ihm sprach. So gut er konnte, versuchte er, sie zu ignorieren und war schließlich erschöpft eingeschlafen.
Es war still, wenn man von Pippins Schnarchen einmal absah. Die Kinder schliefen friedlich und auch Sam fand endlich einmal Ruhe. Die getrübte Stimmung mußte wenigstens für die Nacht weichen.
Im Gebüsch raschelten die Zweige. Einige knackten. Etwas näherte sich von Norden her dem Dorf.
Alle Lichter waren verlöscht.
Urplötzlich begann der Hund der Kattuns wie wild zu bellen und der Bauer fuhr hoch. In der Dunkelheit tastete er mit den Füßen nach dem Boden und hörte seinen Hund plötzlich erbärmlich winseln und an der Tür kratzen.
Der Bauer rieb sich die Augen und sah müde aus dem Fenster, als er plötzlich zusammenzuckte.
Etwas derartiges hatte er noch nie gesehen.
Feurio! rief er. Feurio! Erwacht!
In Windeseile waren alle Bewohner des Hofes auf den Beinen, liefen mit Kerzen und Fackeln über die Gänge und den Hof und bekamen alle das gleiche furchterregende Bild zu Gesicht.
Drei Warge waren damit beschäftigt, eine Kuh zu verschlingen, vier andere waren auf dem Weg ins Dorf.
Lichter gingen an, Türen wurden geöffnet und Geschrei erhob sich. Die riesigen Wölfe waren seit vielen Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen worden, doch nun waren sie hier.
Sam warf sich unruhig im Bett hin und her. Schließlich drang das gedämpfte Geschrei von draußen in sein Bewußtsein vor und er öffnete die Augen. Er richtete sich auf und sah aus dem Fenster. Ein riesiger Schatten lief daran vorbei und er zuckte zusammen.
Was war das?
Instinktiv und von dem Tumult gewarnt griff Sam unters Bett und hielt schließlich Stich in der Hand. Er biß sich auf die Lippen und sprang aus dem Bett, dann lief er aus dem Flur und öffnete die Tür.
Im Dorf waren unzählige Hobbits unterwegs, liefen aufgescheucht durch die Straßen und plötzlich hörte er neben sich ein tiefes Knurren.
Pippin, der auf einmal hinter Sam stand, schrie auf vor Schreck und der Warg wandte sich den beiden Hobbits zu.
Sam versuchte, keine Angst zu zeigen und erhob schützend das Schwert.
Sollte er kommen!
Feurio! hörte er jemanden rufen. Es waren noch mehr im Dorf.
Etwas zerbrach klirrend, aus einer anderen Ecke hörte er Geschepper, aber der Warg kam zähnefletschend auf ihn zu.
Sam schluckte. Er war sehr groß und aggressiv.
Merry kam dazu und sah Pippin erschrocken an.
Zur gleichen Zeit griff Frodo nach seiner Kleidung, fein säuberlich aufgehängt auf einem Stuhl, und suchte sein Schwert, bevor er sich den Elbenmantel um die Schultern hängte.
Es stand außer Frage. Bevor noch irgendetwas Schlimmeres geschah, würde er das Böse weglocken und ablenken.
Jetzt mußte er weg.
Geh nach Norden, hörte er die Stimme sagen.
Als Frodo aus der Tür trat, sah er, wie Sam auf dem Boden lag und das Schwert vor sich hielt, was den Warg nicht im Geringsten zu beeindrucken schien.
Merry warf sich mit einem wütenden Gebrüll gegen den Hals des Monsters und Pippin umklammerte aufgeregt den Griff seines Schwertes. Plötzlich wurde er einer Bewegung zu seiner Linken gewahr und gleichen Moment wandte der Warg seine Aufmerksamkeit von Sam ab und sah das gleiche wie Pippin.
Frodo lief den Weg hinunter, aber mit einem Satz war der Warg über Sam hinweggesprungen und Pippin schrie: Frodo! Paß auf!
Sam rappelte sich auf und sie sahen, wie Frodo blitzschnell den Weg hinunterlief, verfolgt von dem bellenden Warg.
Nein! schrie Sam und verfolgte sie. So schnell seine Füße ihn tragen konnten, stolperte er über den Weg, aber sah nichts mehr, als er an der Biegung ankam. Sie waren beide verschwunden. Frodo war weg.
Er hatte der Stimme Gehör geschenkt. Frodo wußte, wenn er Schlimmeres verhindern wollte, lag es an ihm, etwas zu unternehmen.
Er wußte, was er tun mußte. Wieder einmal mußte er es auf sich nehmen, dachte er bei sich, aber von einem unbestimmten Gedanken getrieben lief er über die Felder, den heißen Atem des Tieres in seinem Nacken, aber plötzlich fand er sich allein auf einer Wiese wieder.
Als er zurückblickte, hörte er, wie die Rufe abnahmen und er seufzte.
Wenn er schon nicht ohne Weiteres seinen Frieden finden konnte, würde er suchen, suchen nach der Lösung all seiner Fragen.
Und wenn es hieß, daß sie im Norden war, würde er nach Norden gehen. Er war hin- und hergerissen zwischen den Gedanken an seine Freunde und seiner Angst, aber er hörte die Stimme: Diesmal wirst du gehen, denn du hast es verdient, deine Ruhe zu haben...
Er hatte es verdient. Einmal sollte auch er etwas bekommen.
Alles hatte man ihm immer wieder nehmen wollen. Gollum hatte ihm den Ring genommen, den er für sich beanspruchen wollte. Der Ring hatte ihm seinen Frieden genommen. Und sein Frieden war verloren.
Er wollte nicht immer nur leiden, er wollte endlich Anerkennung erfahren, einen Lohn erhalten, und daß das Böse nun zu ihm gekommen war, war ein Zeichen dafür, daß er aufbrechen mußte, sich dem Bösen zu stellen.
Wolkenfetzen verdeckten den Mond, als er schnellen Schrittes gen Norden lief, auf die Nördlichen Höhen zu. Die Warge waren verschwunden, er ließ Hobbingen schnell hinter sich und war allein.
Es war still. Das Gras unter seinen Füßen konnte als einziges seinen Weg bezeugen, den er mitten in der Kälte der Nacht beschritt.
Jedoch war ihm nicht kalt. Es war Februar und der letzte Frost war noch nicht allzu lang her, aber sein Herz raste und der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Nun hatte er wieder eine Aufgabe, etwas zu tun, und er würde allem ein Ende bereiten.
Sollte er nun doch endlich belohnt werden?
Beflügelt von dieser Aussicht lief er schneller durch die Wiesen und entfernte sich immer weiter von seinem Zuhause.
Sam atmete tief ein und suchte mit den Blicken die nähere Umgebung ab.
Irgendwo mußten sie sein! Auch Warge konnten doch nicht einfach verschwinden...
Er erinnerte sich an eine finstere Nacht vor Jahren, die sie am Nebengebirge verbracht hatten. Gandalf hatte die Warge bekämpft und am Morgen waren ihre Leichname verschwunden gewesen.
So waren die Warge auch jetzt verschwunden, aber mit ihnen Frodo.
Wo bist du? Frodo! Komm zurück! schrie Sam außer sich.
Keine Spur. Was war mit ihm geschehen? Wenn ihm etwas passiert war!
Merry und Pippin kamen von hinten herbeigeeilt und blieben keuchend neben Sam stehen.
Wo ist er? fragte Pippin und Sam zuckte mit den Schultern. Er war verzweifelt und lief los.
Er lief auf die Wiese und verfolgte mit den Blicken die Spuren des Warges und Frodo. Die, die der Warg hinterlassen hatte, hörten an einer bestimmten Stelle auf, aber die Abdrücke von Frodo führten weiter und gen Norden.
Frodo! Wo bist du? Antworte doch! rief Sam mit halb erstickter Stimme und wandte sich hilfesuchend zu seinen Freunden. Merry murmelte: Er sagte etwas von Norden... die Spuren führen nach Norden.
Das war Sam eigentlich gleichgültig in diesem Moment. Er sah nur, daß die Spuren weiterführten und Frodo noch am Leben war. Das war alles, was ihn interessierte.
So schnell kann er nicht laufen! mutmaßte Pippin. Sam sah ihn fragend an.
Aber er ist weg, wie du siehst, hielt Merry dagegen.
Frodo! schrie Sam verzweifelt. Keine Antwort.
Lutz! Ich muß losreiten und ihn suchen! murmelte Sam gedankenverloren und machte sich schnell auf den Rückweg. Es war wieder leise im Dorf geworden und Merry und Pippin schauten ihrem Freund ratlos hinterher.
Die Warge waren dagewesen, ihre Spuren konnte man sehen, aber sie selbst waren verschwunden, und zwar völlig.
Rosie kam mit den Kindern auf Sam zugelaufen und schüttelte unsicher den Kopf.
Was ist hier los? fragte sie, aber Sam zuckte nur mit den Schultern.
Ich weiß es selbst nicht. Aber Frodo ist verschwunden.
Was heißt das, verschwunden?
Sam schluckte und unterdrückte erfolgreich die Tränen.
Rosie... ich muß ihn suchen. Ich... verstehst du, ich glaube, daß er weggelaufen ist und ich würde es mir nie verzeihen, wenn ihm etwas passiert! Es tut mir leid...
Nein, Sam, das braucht es nicht. Ich verstehe das und geh, wenn du gehen mußt. Ich schaffe das allein.
Erleichtert umarmte er Rosie ganz fest und Elanor zupfte an seinem Hemd.
Papa, gehst du auf ein Abenteuer?
Ja, meine Kleine, antwortete Sam lächelnd, es ist wieder ein Abenteuer, in das ich mich begeben muß. Aber ich denke, lange werde ich nicht weg sein.
Wo wollt ihr denn suchen? fragte Rosie.
Nordwärts. Immer seinen Spuren nach. Wir finden ihn schon. Nur ist damit das Problem nicht gelöst. Wenn Gandalf nur käme... Sams Stimme verlor sich in der Stille der Nacht und Merry und Pippin sahen ihn erwartungsvoll an.
Los? fragte Pippin und Sam nickte.
In Windeseile packten sie Brot und andere gute Sachen ein, warme Kleidung und alle Waffen, die sie besaßen. Man konnte sich nie sicher sein.
Rosie lächelte Sam ermutigend an und sagte: Ich bin dir nicht böse. Du wirst das Richtige tun.
Er erwiderte ihren Blick nachdenklich und als die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen wollten, saßen sie im Sattel und ritten fort.
Querfeldein führte sie der Weg, durch Wiesen und Felder und an dem Wäldchen vorbei. Sie konnten keine Pfade benutzen, aber für einige Zeit folgten sie Frodos Spuren, bis diese sich plötzlich einfach so im Nichts verloren.
Was machen wir jetzt? fragte Merry und Pippin sah Sam mit großen Augen an.
Ich weiß nicht. Wir sind hier völlig verloren...
Er stieg von Pony und lief suchend umher. Keine Spur. Gar nichts.
Plötzlich hielt er inne. Er hörte etwas. Es klang wie Hufe. Er drehte sich um und sah erst zu seinen Freunden, doch dann sah er hinter ihnen in Windeseile einen Reiter herangaloppieren und auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln.
Also ist er wirklich gekommen! murmelte er und spürte die Freude bis in die Haarspitzen.
Merry und Pippin drehten sich um und sahen ihn dann selbst.
Gandalf! Er ist es wirklich! rief Merry und dann endlich hielt Schattenfell neben ihren Ponys an.
Der weiße Zauberer sah seine kleinen Freunde mit einem gütigen Lächeln an und stieg vom Pferd.
Als erstes, nachdem ich euch begrüßt habe, erzählt ihr mir, was geschehen ist! begann er und Sam umarmte ihn stürmisch.
Endlich bist du hier! Ich hatte so gehofft, daß du kommst!
Nun, lieber Samweis, dafür bin ich ein Zauberer, geschickt, um den Bewohnern Mittelerdes eine Hilfe zu sein. Ich wäre nicht euer Freund, wenn ich nicht kommen würde in einem Moment, in dem ihr mich braucht! erklärte Gandalf und strich den anderen freundschaftlich über den Kopf.
Aber verlieren wir keine Zeit, sondern reiten wir weiter, auf dem Weg könnt ihr mir berichten.
Sie stiegen wieder auf und sahen Gandalf fragend an.
Was ist denn? grübelte er laut und Pippin sagte: Wohin sollen wir reiten?
Norden, Peregrin, liegt dort. Und das ist doch die Richtung, die wir einschlagen müssen, nicht wahr?
Merry nickte und Sam sah Gandalf mit großen Augen an.
Wo hast du nur gesteckt?
Oh, hier und dort, wohin der Weg mich führte. Du weißt doch, ein Zauberer ist immer beschäftigt. Nie kann ich mich niederlassen!
Es war vor ein paar Tagen, ich befand mich noch am Abendrotsee an der Festung Gondors, die Aragorn wiedererrichten läßt, da beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ich wußte, in Hobbingen ist etwas nicht in Ordnung und ich werde von meinen Freunden gebraucht. Du siehst, Sam, ich bin aus vielerlei Gründen dort unterwegs, wo ich unterwegs bin, und aus vielen Gründen mache ich mich auf den Weg an einen anderen Ort. Mir war klar, daß ich mich beeilen muß. Ich wußte nicht, was es war, aber ich hatte einen Verdacht, der sich nun bestätigte. Rosie konnte mir vorhin jedoch nicht genau sagen, was mit Frodo los war.
Sam nickte.
Ich werde es dir erzählen. Es ist nun schon seit einigen Tagen, daß Frodo sich verändert hat. Er hat nicht richtig gegessen und geschlafen und sah furchtbar unglücklich aus. Ich habe schließlich mit ihm gesprochen und er erklärte mir, daß er Bilbo schrecklich vermißt und keine Ruhe finden kann in Mittelerde.
Er machte eine Pause und Gandalf sog geräuschvoll etwas Luft ein.
Ist das so? Ich hatte immer befürchtet, daß so etwas passiert, denn er war auch nicht besonders glücklich, als er beschloß, Mittelerde zu verlassen. Aber es ist so, daß sein Wunsch, doch nicht wegzugehen, genauso ehrlich war und ich habe mich darüber eigentlich gefreut. Ich war glücklich, zu sehen, daß er doch in der alten Heimat wieder Fuß fassen wollte. Niemand konnte ahnen, was daraus alles entstehen würde... selbst ich habe mir nicht träumen lassen, daß noch soviel schlafende Rache lauert. Tatsächlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es ihn einholt. Überlegt euch einmal, er hat eine qualvolle Reise nach Mordor hinter sich, ebenso hat man ihn zum Düsterwald geschleppt ohne Erbarmen und in Gondor hätte er fast sein Leben verloren.
Dieser Ring hat einen weitaus größeren Einfluß, als ich mir je hätte träumen lassen. Denn ich vermute, er ist daran schuld, daß Frodo jedes Mal in etwas derartiges hineingeraten ist. Es war jeweils ein dummer Zufall, für den er nichts konnte, aber es wundert mich nicht, daß er dem nicht mehr standhält.
Sams Augen wurden groß. Natürlich hatte er sich diese Gedanken bereits selbst gemacht, aber sie aus Gandalfs Mund zu hören klang ganz anders und viel nachvollziehbarer.
Und um es mal von der Seite zu betrachten - Sam, du warst mit einer Ausnahme überall dabei und leidest nicht wie er. Das muß am Ring liegen.
Zögernd suchte Sam nach Worten, während er dem Hufgetrappel lauschte und auf den Borden starrte.
Aber der Ring ist zerstört, Gandalf!
Der Zauberer nickte.
Der Ring ist zerstört, aber ich vermute, von Sauron blieb ein Schatten übrig, der nun gleich eines Geistes in einem Zustand des Seins umherstreift, den auch ich nicht benennen kann. Sauron ist vernichtet, wenn auch nicht verschwunden. Von ihm geht keine Gefahr mehr aus. Aber seit das Böse in die Welt kam, sind alle Versuche, es wieder zu vertreiben, fehlgeschlagen. Das Böse ist und wird immer sein, denn Sauron ist nicht der Ursprung allen Übels. Er ist nur der Stellvertreter dessen, den ich nicht nenne möchte und der für das alles verantwortlich ist. Er hat es in die Welt gebracht und nun wird es für immer sein, auch wenn er nichts wirklich tun kann. Er ist gefangen und kann nicht zurückkehren. Sollte er es doch tun, ist dies das Ende, aber soweit wird es nicht kommen, und ganz bestimmt nicht in euren Tagen.
Frodo wußte das, sagte Merry. Er sagte, es wäre alles umsonst gewesen...
Nein, das ist nicht richtig, erwiderte Gandalf. Von Sauron geht keine Gefahr mehr aus. Ich habe während des Krieges in Gondor gespürt, wie ein dunkler Schatten über allem schwebte, und Saurons Gesandter war gegenwärtig. Frodo hat Sauron besiegt, indem er den Ring vernichtet hat und Sauron kehrt nie mehr zurück. Das ist sicher. Aber es ist durchaus möglich, daß das Böse Mittel und Wege findet, sich unvergessen zu machen.
Es scheint zu ihm zu sprechen... er sagte etwas von einer Stimme... murmelte Merry gedankenverloren.
Bekümmert nickte Gandalf. Es sind mehr Trugbilder als Wahrheit, aber wie soll Frodo den Frieden finden? Er spürt, daß das Böse noch immer da ist und macht sich das zum Vorwurf. Dabei hat er eine Tat vollbracht, die größer ist als alles, was wir zusammen je vollbracht haben. Er hat Mittelerde gerettet, aber sein Idealismus läßt ihn keine Zufriedenheit finden. Zumal ich nicht in Abrede stelle, daß ein Schatten des Bösen ihm den Frieden rauben will. Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Frodo muß nicht verzweifeln und nicht weglaufen, aber das können wir ihm erst sagen, wenn wir ihn wiederfinden. Und vergeßt eins nicht: Er hat den Ring sehr lange getragen.
Sam wandte sich ab. Frodo würde wirklich nur Frieden im Westen finden, wo nichts Böses mehr war. Er würde ihn verlieren - wenn er ihn überhaupt wiederfand...
Das machte leider alles Sinn. Er verstand Gandalfs Worte, sie erklärten Frodos Traurigkeit und seine Verwirrung, die Stimme, die er zu hören schien...
Welche Lösung gibt es, Gandalf? fragte Pippin mit vollem Mund. Der erste Apfel mußte dran glauben.
Das werdet ihr noch früh genug sehen. Jetzt sollten wir erst einmal versuchen, den Ausreißer wiederzufinden!
Frodo stolperte unwillig durchs Unterholz und drehte dabei von Norden in Richtung Nordosten, ohne es zu merken. Die Mittagsstunde war längst vorbei, als er einsam über die Hügel lief und, von der Stimme getrieben, immer weiter einen Fuß vor den anderen setzte.
Hunger und Müdigkeit verspürte er nicht, er lief nur immer weiter und die Stimme wies ihm den Weg.
Es ist gut, daß du gegangen bist, allein und ohne sie, denn sie hätten dich nur aufhalten wollen...
Frodo hatten den Schiefertonwald erreicht und lief in einer Meile Entfernung vom Wald am Bach entlang. Den mußte er umrunden, um das Auenland zu verlassen.
Die Stimme sprach immer wieder zu ihm.
Das ist der richtige Weg, du wirst es finden, aber werde nicht langsamer, sonst wirst du zuerst gefunden...
Schritt für Schritt stolperte er voran durchs Gras und begegnete niemandem.
Mit dem Schwert am Gürtel fühlte er sich sicher, von seinem Elbenmantel vor fremden Blicken gut geschützt, aber dennoch schaute er sich aufmerksam um. Die anderen würden ihm folgen, ihn suchen. Und auch andere fremde Augen konnten seiner gewahr werden.
Gut so, sagte die Stimme, laß dich nicht aufhalten, du bist auf dem richtigen Weg.
Er lief, so schnell ihn seine Füße trugen, aber er wußte nicht, wohin der Weg ihn führte.
Die Einsamkeit um ihn herum bekümmerte ihn nicht. Diesmal war er endlich froh, allein zu sein, fern von allem. Aber wo wollte er hin? Sollte er Mittelerde nicht doch verlassen?
Krähen kreisten am Himmel, aber er hatte keine Angst. Die Stimme rief ihn zu sich und er folgte. Es war gut, er mußte sich nicht fürchten und war nicht mehr verzweifelt. Sein Fall war aufgehalten worden, die Stimme hatte das geschafft, was sonst niemand geschafft hatte, und sie versprach ihm noch mehr. Er würde folgen...
Endlich gab es eine Lösung. Er war erleichtert und konnte es kaum erwarten.
Weiter und weiter lief er, unbemerkt außer von den Tieren, bis die Sonne am Nachmittag am Horizont die Wolken durchbrach und der Tag sich dem Abend zuneigte.
Nichts gegessen und getrunken hatte er seit vielen Stunden und plötzlich wurden seine Knie weich.
Ihm wurde schwarz vor Augen und er sackte zusammen. Schwer atmend lag er auf dem Boden und öffnete die Augen. Sein Blick verlor sich in den grauen Wolken, die fahl beleuchtet von den letzten Sonnenstrahlen vom Wind getrieben über ihn hinwegzogen.
Reglos blieb er liegen und lauschte seinem eigenen schweren Atem. Er lebte noch.
Er fühlte sich alles andere als lebendig, aber er spürte genau den Wind, der seine Haare zerzauste und plötzlich war sie wieder da.
Steh auf, befahl die Stimme, worauf wartest du?
Frodo richtete sich auf und holte tief Luft. Er ging zum Bach und schöpfte mit den Händen kühles, kristallklares Wasser und nahm begierig einen Schluck.
Seine Lebensgeister kehrten ganz langsam zurück und er spürte neue Kraft. Er lief weiter, die Sonne ging unter, die Dämmerung brach nun herein und er legte noch mehr Meilen zurück.
Ich werde dich führen, du darfst dich nur nicht aufhalten lassen.
Irgendwann war es stockfinster und plötzlich begann Frodo zu zittern. Es würde sehr schnell sehr kalt und er lief schneller.
Ständig hatte er das Gefühl, das Gras hinter ihm würde rascheln, er würde verfolgt. Immer wieder drehte er sich um, aber da war nichts.
Warum hast du Angst? fragte die Stimme. Ich bin doch da...
Es muß mitten in der Nacht gewesen sein, als Frodo kaum noch die Augen offenhalten konnte und er suchte sich ein geschütztes Plätzchen am Bach vor einem Gebüsch und legte sich frierend auf den kalten Boden.
Müde schloß er die Augen und lauschte auf das Wasser. Ohne es zu merken, war er schließlich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen erwachte er zitternd, bevor die Sonne aufging. Er hatte sich unter seinem Mantel zusammengerollt, war aber durchgefroren bis auf die Knochen.
Langsam stand er auf und machte sich schon nach ein paar Minuten wieder auf den Weg.
Er hatte wieder eine Aufgabe, ein Ziel, er sah einen Sinn...
Die Stimme trieb ihn weiter und weiter.
Laß das Leiden hinter dir, ich kann dir so viel geben, wenn du nur kommst! Du hast das alles nicht umsonst ertragen, du erhältst deine Belohnung und bekommst deinen Frieden!
Frodo lächelte gedankenversunken. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß es eine Falle war.
Am Nachmittag hatte er den Brandywein erreicht und lief weiter in Richtung Abendrotsee zur Mündung des Flusses. Allerdings hatte er nicht vor, ihn zu umrunden, denn er konnte schwimmen und so viel Zeit sparen.
Er überlegte gar nicht lange, sondern watete schließlich ins Wasser und begann, zur anderen Seite zu schwimmen. Er fürchtete das Wasser nicht und wurde so zwar ein Stück gen Süden abgetrieben, aber es dauerte nicht lange und er bekam am gegenüberliegenden Ufer ein Büschel Schilf zu packen, an dem er sich festhielt und aus dem Wasser zog.
Er watete ans Ufer und atmete tief durch. Sofort wurde ihm schrecklich kalt, als der Wind über seine tropfende Kleidung strich, aber er wollte sich keine Pause gönnen und lief am Brandywein entlang zurück.
Es dauerte nicht lange, bis er plötzlich ein lange vermißtes Gefühl wieder spürte: Er hatte Hunger, sehr großen Hunger sogar.
Frodo hielt kurz inne und überlegte. Er machte eine Pause und setzte sich an einem windgeschützten Platz am Fluß hin und merkte nicht, wie in der zunehmenden Dämmerung finstere Wolken aufzogen. Der Wind frischte auf, aber er dachte nur darüber nach, wie er etwas zu essen finden sollte. Daran hatte er bei seinem Aufbruch nicht gedacht und jetzt war es zu spät.
Die ersten Regentropfen fielen, aber es war ihm egal, er war sowieso naß.
Es wurde zunehmend dunkler und er fror sehr stark.
Die Einsamkeit wurde ihm wieder schmerzhaft bewußt. Da saß er nun verloren in der Wildnis, ohne warme Kleidung, naß und frierend, hungrig und verzweifelt.
Er hatte einen Fehler gemacht. Er hätte nicht weglaufen dürfen.
Blödsinn! fiel die Stimme ein. Du hast es alles gut gemacht!
Frodo ließ den Kopf hängen. Gab es ein Zurück?
Es begann, in Strömen zu regnen und er sah einen Blitz. Ein Wintergewitter.
Er blieb sitzen, wo er war, denn es war ihm alles gleichgültig. Zurück konnte er nicht gehen, dort würde das Elend nicht von ihm ablassen. Er mußte weiter, der Stimme folgen, sie hatte ihn schon weggeholt und würde ihm helfen.
Donner krachte über seinem Kopf. Er zuckte zusammen.
Der Regen tropfte aus seinen Haaren, er war naß bis auf die Knochen und fror erbärmlich. Der Donner tobte, es blitzte, der Wind schüttelte die blattleeren Bäume und Frodo saß am Fluß und weinte. Er spürte es nicht, weil der Regen die Tränen abwusch. Er spürte es einfach nicht mehr.
Auf einmal hörte er etwas, was zwar gedämpft klang, aber sich ganz klar vom Lärm des Donners abhob.
Ein Hilferuf.
Er hob den Kopf, schließlich stand er auf, um in der von Blitzen erhellten Finsternis etwas sehen zu können. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, als die Umgebung mit Blicken absuchte.
Frodo hörte die Schreie noch immer. Sie kamen näher, verstummten aber plötzlich.
Dann sah er, woher sie kamen.
Sam dachte noch immer über Gandalfs Worte nach. Sie ritten nun schon seit Stunden, in denen sie zwar wieder Fußspuren von Frodo entdeckt hatten, doch von ihm selbst war weit und breit nichts zu sehen.
Gandalf rätselte herum, wo Frodo hinlaufen wollte. Im Norden waren nur Einöden, in denen sich überhaupt nichts befand.
Sam hatte Angst. Wenn Gandalf Recht hatte und die teuflische Wirkung des Ringes einfach immer noch nicht nachließ, hatten sie ein großes Problem.
Der Ring. Er hatte Frodo einst dazu gebracht, Sam anzugreifen, ihn anzuschreien, Streit mit ihm zu beginnen.
Er hatte Frodo regelrecht zu seinem Sklaven gemacht, so wie Gollum.
Frodo konnte es nicht vergessen. Und dann kam noch so vieles mehr dazu, was ihn keine Ruhe finden ließ.
So sehr Sam es versuchte, so sehr er sich anstrengte, ihm zu helfen, ihn an allem teilhaben zu lassen, ihn nicht allein zu lassen... aber Frodo fühlte sich einsam. Trotz aller Versuche von Sam.
Bei diesem Gedanken strömten die Tränen unaufhaltsam über seine Wangen und er wandte sich ab, um es vor den anderen zu verstecken, aber es war zu spät.
Gandalf hielt Schattenfell an und Lutz stoppte ebenfalls. Dann stieg Gandalf vom Pferd und sagte zu Sam: Komm mal runter, wir sollten vielleicht einmal reden. Komm, Sam.
Schluchzend sprang Sam vom Pony und setzte sich auf einen großen Stein, Gandalf daneben.
Was ist denn los? Machst du dir Sorgen?
Merry und Pippin standen ratlos vor den beiden.
Gandalf, ich mache mir Vorwürfe! Ich war die ganze Zeit da und habe es erst gemerkt, als es zu spät war! Ich bin sein Freund! Ich muß ihm doch helfen... ich dachte, ich hätte alles für ihn getan, aber es war nicht genug...
Seufzend richtete Gandalf den Blick gen Himmel und suchte nach Worten.
Sam, das ist so nicht richtig. Du hast alles für ihn getan, alles, was in deiner Macht steht. Du hattest keine Möglichkeit, das zu verhindern! Niemand konnte das. Wir können ihm nur dabei helfen, es zu vertreiben und zu besiegen.
Geht das denn? fragte Sam und wischte sich die Tränen weg.
Der Zauberer nickte gütig. Natürlich geht das. Du sollst sehen, daß die Kräfte des Bösen nicht die einzigen sind, die Macht haben.
Sam dachte lange über seine Worte nach, während seine Freunde sich zu den Ponys trollten und sich ein wenig die Füße vertraten. Es war bereits Nachmittag und sie waren schon lange geritten, außerdem fühlten sie sich bei der Unterhaltung nicht erwünscht.
Aber was für Kräfte kann ich aufbringen, um etwas zu tun? brachte Sam schließlich hervor.
Wenn mein Verdacht sich bestätigt, wird deine Zeit kommen. Wir haben es hier mit einer extremen Situation zu tun, und ich vermute schon fast, daß es gut war, daß er weggelaufen und im Moment ganz allein ist. Denn wenn wir zu ihm stoßen, wird er sehen, was ihm fehlt. Da bin ich sicher. Vielleicht nicht sofort - aber um es mal einfacher zu sagen: Er hat auch überhaupt nichts zu essen. Bei uns, seinen Freunden, hat er alles, was er braucht. Wir müssen ihn langsam zurückführen. Ich werde einen Weg finden.
Aber was mache ich?
Nun, Sam, du bist sein bester Freund und du wirst die Möglichkeit bekommen, ihm das zu beweisen, genauso wie er das gleiche dir beweisen wird. Ich weiß nicht, wie das geschehen wird, aber es wird geschehen. Dann wird er sehen, was er alles hat und wieviel Mut und Kraft ihm dennoch geblieben sind. Er muß erst einmal einen Weg finden, sich von seinen Ängsten zu befreien, und dann werden sie nie mehr zurückkehren, erklärte Gandalf langsam. Sam verstand seine Worte nicht ganz, sagte jedoch nichts. Er wußte, daß Gandalf Recht behalten würde und dann würde er es merken.
Aber erst müssen wir ihn finden! warf der Hobbit ein.
Natürlich. Komm, wir reiten weiter, umso schneller holen wir ihn ein, denn er hat nur zwei Füße, ist ein kleiner Hobbit und auch einmal müde. Er wird nicht sehr weit kommen.
Sam vertraute ihm und so saßen sie bald wieder im Sattel und ritten weiter. Unermüdlich brachten die Tiere sie voran, bis der Abend schließlich hereinbrach. Sie beschlossen, eine Pause für die Nachtruhe einzulegen, da auch Frodo das tun würde und sie auch Ruhe brauchten.
Nach einem für Hobbits sehr kargen Abendessen legten sie sich am Waldrand unter den Bäumen nieder, zündeten mit Gandalfs Hilfe ein Feuer an und wickelten sich in ihre mitgebrachten Decken.
Gandalf steckte sich eine Pfeife an und lehnte sich nachdenklich an einen Baum.
Weißt du, wo Frodo hinläuft? fragte Merry unvermittelt.
Nein. Ich weiß es nicht. Ich habe nicht einmal einen Verdacht. Aber er ist hier überall vorbeigekommen, im feuchten Boden kann man seine Spuren sehen, wo kein Gras wächst. Wir sind mit Sicherheit schneller, auch wenn er einen Vorsprung hat und sich im Moment nicht einholen läßt, dennoch müssen wir eigentlich schon morgen auf ihn stoßen, vermute ich.
Wär ja noch schöner, daß er so schnell rennt wie Uruk-hai! warf Pippin ein und Merry boxte ihn in die Seite.
Halt die Klappe.
Pippin verzog das Gesicht.
Gandalf schmunzelte, als er Sam leise schnarchen hörte. Er war erschöpft und brauchte den Schlaf. Sie würden noch genug Ärger mit Frodo haben, da war er sich sicher.
Sam hatte sich bis zur Nasenspitze in die Decke gewickelt und war so erschöpft von Angst und Sorge gewesen, daß er nicht mehr lange wach gewesen war.
Irgendwann schlummerten die drei Hobbits ruhig am Lagerfeuer und Gandalf blies langsam den Rauch in die kühle Luft. Es war dunkel und alles andere als warm. Frodo würde keine angenehme Nacht haben.
Nach einem für Pippin extrem unzureichenden Frühstück brachen die vier Gefährten wieder auf und ritten in der Morgendämmerung weiter. Sam gingen die verschiedensten Dinge durch den Kopf und auch Merry erinnerte sich mit Unbehagen an Frodos Worte über die Stimme und alles, was sonst noch vorgefallen war.
Einfach weggelaufen. Er hatte so gar nicht glücklich ausgesehen, blaß und erschöpft und lief nun allein durch die Wildnis.
Eine Zeitlang hatten sie keinerlei Spuren mehr gesehen, was Sam zutiefst beunruhigte, aber schließlich sagte Gandalf: Wartet mal. Seht nur das Gras!
Vor einem Gebüsch am Wasser hatte er eine Mulde entdeckt, in der das Gras zu Boden gedrückt worden war, eine ganze Nacht lang, wie es schien.
Hier hat er geschlafen. Und er ist noch nicht sehr lange fort, vermute ich.
Pippin nahm gerade das zweite Frühstück zu sich und ließ grinsend den Apfel hinter dem Rücken verschwinden, als Gandalf ihn ertappte.
Sam stieg vom Pony und schaute sich alles genau an.
Was meinst du, wie lange ist er fort?
Drei Stunden, vielleicht weniger, überlegte Gandalf laut.
Schweigend ritten sie weiter. Gegen Mittag sahen sie schließlich den Brandywein vor sich und Merry sah Gandalf stirnrunzelnd an.
Wo kommt der Fluß her? fragte er und Gandalf sah ihn an.
Er hat seine Quelle im Abendrotsee. Irgendwo weiter nördlich muß noch eine kleine, halb eingestürzte Brücke sein, wenn ich mich recht entsinne... aber ansonsten kommt man nicht hinüber, wenn du das meinst.
Das heißt, wir müssen ihn nur auf dieser Seite suchen, oder? Sam konnte Merrys Gedanken nachvollziehen.
Wahrscheinlich. Aber ich glaube, er kann schwimmen, oder? murmelte Gandalf in seinen Bart. Merry nickte.
Die Frage ist nur, wo er hin will! gab er zurück.
Er wird den Fluß schon überqueren müssen, ansonsten kommt er nicht weit. Gandalf sprach leise und bedächtig. Eigentlich wußte er gar nicht, was er denken sollte.
Am späten Nachmittag hielt er plötzlich kurz an und ritt ein Stück zurück. Sam folgte ihm eilig und auch die beiden anderen ließen es sich nicht nehmen, zu sehen, was Gandalf entdeckt hatte.
Ich dachte, ich hätte mich getäuscht, aber ich wollte sichergehen. Tatsächlich sieht man hier-
Fußabdrücke! rief Merry und Pippin lief zum Fluß. Sam blieb zögerlich von der Böschung weg, er wollte die Spuren am Wasser nicht sehen, er fürchtete sich vor dem Fluß. Er wäre schon einmal fast ertrunken.
Hier hat er ihn tatsächlich überquert... In dieser Einöde konnte niemand anders dagewesen sein, dessen war Gandalf sich sicher.
Merry überlegte laut: Aber der Fluß fließt nach Süden - er muß irgendwo südlich angeschwemmt worden sein! Wir sollten zurück!
Gandalf schüttelte energisch den Kopf.
Nein, Merry, wir müssen mit den Tieren über den Fluß und weiter nördlich über die Brücke. Außerdem wird er auch weiter im Norden sein, inzwischen muß er das wieder aufgeholt haben, und wir sollten einfach Ausschau nach ihm halten! Wir finden ihn. Keine Sorge.
Sam wurde nervös und starrte immer weiter auf die andere Seite des Flusses in der ständigen Hoffnung, etwas zu entdecken.
Plötzlich fragte Pippin: Warum wird es so früh dunkel?
Gandalf hatte es auch bemerkt und antwortete: Das sind die Wolken. So spät ist es eigentlich noch nicht. Ich glaube, es zieht ein Sturm auf!
Merry stöhnte. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt.
Ein starker Wind fegte bald in Böen über das Land und die ersten Regentropfen fielen auf sie herab. Sam suchte und suchte, aber er entdeckte absolut nichts. Nichts war auf der anderen Seite des Flusses.
Mit Eintreten der Dämmerung brach der Sturm dann wirklich los. Der Donner toste, Blitze zuckten am Himmel und zerrissen die dunklen Wolken.
Die Kleidung klebte ihnen am Körper und Sam hatte Angst. Das war ihm nicht geheuer und er machte sich große Sorgen um Frodo.
Frodo! Wo bist du? rief er, so laut er konnte, aber gegen den Sturm hatte er keine Chance.
Sie kamen noch ein ganzes Stück weit voran und immer wieder versuchte Sam verzweifelt, etwas am anderen Ufer zu erkennen. Aber es war umsonst, wenn ein Blitz mal die Dunkelheit erhellte, war es zu kurz und er konnte nichts sehen.
Urplötzlich ging unweit von ihnen ein Blitz nieder und in einem ohrenbetäubenden Krachen folgte sofort der Donner. Der sonst so brave Lutz scheute und raste in Panik los. Sam verlor die Kontrolle über ihn.
Halt an! Stop! Lutz! schrie er und krallte sich an dem Pony fest. Ebenso waren die anderen Tiere aufgeregt und Gandalf brachte sie nur mit Mühe zum Stehen, aber für Sam, der ohnehin zurückgeblieben war, war alles zu spät.
Das Pony galoppierte auf den Fluß zu und Sam schluckte. Nur nicht das...
Schließlich merkte Lutz es selbst und hielt ruckartig vor der Böschung an, aber es war zu spät. In einer Schlammlawine verlor er den Halt unter den Hufen und rutschte in den Fluß.
Verzweifelt klammerte Sam sich an den Taschen fest, als er den Halt verlor und zu fallen drohte.
Halb hing er bereits im Wasser, als Lutz darum kämpfte, wieder an Land zu kommen. Ruckartig machte er einen Satz nach vorne, wohlwissend, daß er auch seinen Herrn retten mußte, aber plötzlich löste sich eine der Schnallen und mitsamt der Tasche fiel Sam in den Fluß.
Hilfe! Gandalf! schrie Sam, ließ die Tasche aus lauter Verzweiflung nicht los und strampelte hilflos umher, aber die Strömung war zu stark und riß ihn mit sich.
Nein! schrie Merry und sprang mit einem Satz hinterher.
Sam spürte, wie er unterzugehen drohte. Abgerissene Äste, die an ihm vorbeitrieben im finsteren, kalten Wasser, konnten ihm auf nicht helfen und er sah noch Merry, wie er ihm zu helfen versuchte, aber er war zwecklos. Er trieb ab und hörte seine Freunde nach ihm rufen, aber es war hoffnungslos.
Hilfe! schrie er in Todesangst, immer wieder, und wurde immer weiter nach unten gezogen. Zu allem Überfluß hatten sich seine Arme bei seinen Versuchen, zu schwimmen, in den Riemen der Tasche verfangen und er konnte sich nicht mehr befreien vor lauter Panik in der Dunkelheit.
Schließlich wurde sein letzter Schrei vom Wasser erstickt und alles wurde dunkel.
Merry war außer sich, als Gandalf ihn am Ufer aus dem Wasser zog. Sie sahen nur noch, wie Sam unterging und Pippin schrie.
Sam wußte, es war das Ende, als das Wasser über ihm zusammenstürzte und er schloß die Augen. Er hatte nicht aufgepaßt. Er dachte an Rosie und die Kinder, an Frodo und seine Freunde, aber die stechende Kälte lähmte ihn und ihm ging die Luft aus.
Er war nicht mehr verzweifelt. Er ließ es geschehen, denn es war zu spät.
Plötzlich spürte er, wie jemand an ihm zog und ihn zurück an die Oberfläche brachte.
Frodo sprang mit einem Satz ins Wasser und tauchte prustend wieder auf. Tauchen war nicht gerade seine Stärke.
Ganz in der Nähe sah er, wie Sam unterging, seine Schreie wurden vom Wasser erstickt.
So schnell er konnte, versuchte er in dem eiskalten Wasser zu seinem Freund zu gelangen, aber er konnte ihn nicht mehr sehen.
Sam? Sam! Wo bist du? schrie er panisch und schwamm weiter in die Mitte des Flusses, als er plötzlich ein Stück des blonden Haarschopfes ausmachen konnte und mit zwei Zügen war er da und packte Sam am Kragen, um ihn hochzuziehen.
Er war überrascht von der Leichtigkeit des Gewichts, das er halten mußte, und mit größter Mühe schaffte er es, sich oben zu halten und er brachte Sam zurück nach oben.
Irgendwie brachte er es fertig, Sam festzuhalten mit dem Arm um seinen Bauch und keuchend schwamm er zurück ans Ufer. Die Kälte lähmte seine Muskeln und er drohte unterzugehen, aber bevor er der Erschöpfung nahe war, hatte er wieder Boden unter den Füßen und zog Sam mit letzter Kraft aus dem Wasser, bevor er schwer atmend auf der Böschung niedersank.
Sam hustete und spuckte Wasser, sah Frodo ungläubig an und rang nach Luft. Das konnte nicht wahr sein.
Wütend streifte er die Lederriemen von seinen Armen und warf die Tasche neben sich, bevor er sich aufrichten wollte, aber ruckartig wieder zu Boden sank.
Sie fanden beide keine Worte und Frodo sah seinen Freund ungläubig an.
Als Sam wieder zu Atem gekommen war, setzte er sich aufrecht und wortlos umarmte er Frodo. Er weinte vor Erleichterung und Glück und spürte, wie Frodo sich an ihm festhielt.
Irgendwann sah Sam ihn dann an und murmelte: Danke. Danke, daß du mir das Leben gerettet hast.
Frodo strich ihm die Strähnen aus dem Gesicht antwortete: Das mußte ich doch.
Sam fiel ihm wortlos um den Hals und Frodo spürte die Wärme in seinem Herzen, die sich über seinen ganzen kalten Körper ausbreitete. So fühlte sich Glück an.
Schließlich murmelte Sam: Komm, wir müssen versuchen, die anderen zu finden. Sie denken bestimmt, ich sei ertrunken!
Bei der bloßen Erwähnung der anderen erstarrte Frodo.
Aber was ist denn? fragte Sam verwirrt und sah Frodo mit großen Augen an.
Sam, ich kann nicht zurück. Ich kann jetzt nicht umkehren, sonst wird alles wieder wie vorher!
Gut gemacht, murmelte die Stimme. Du darfst nicht umkehren, laß das nicht zu!
Sam war verwirrt.
Aber alle machen sich Sorgen! Sogar Gandalf ist da. Wir haben dich gesucht!
Ich weiß, Sam, ich weiß. Aber du mußt mich verstehen, wenn wir nun versuchen, zu den anderen zu gehen, wird Gandalf mich zurück nach Hause bringen wollen und das geht nicht!
Weiter so! Das ist gut! Die Stimme gab nicht auf.
Versteh mich, bitte... ich muß versuchen, dem auf den Grund zu gehen, was mir keine Ruhe läßt! Ich weiß nicht genau, wo der Weg mich hinführt, aber ich weiß, daß alles gut wird, wenn ich ihm folge!
Das ist die Stimme, murmelte Sam, aber woher willst du wissen, daß sie nicht lügt?
Es tat ihm sehr weh, jetzt schon wieder mit Frodo zu streiten, aber er wußte nicht, was er tun sollte.
Sie lügt nicht. Seit ich ihr folge, ist alles viel besser!
Sam gefror das Blut in den Adern.
Frodo... bitte komm mit, wir finden auch so eine Lösung...
Sam! Warum kommst du nicht einfach mit? Willst du denn nicht, daß ich eine Chance bekomme? rief Frodo.
Mit gesenktem Kopf schüttelte Sam den Kopf und schluckte.
Ich möchte dir so gern helfen, aber ich glaube, daß es falsch ist... flüsterte er tonlos. Das war nicht gut.
Woher willst du denn wissen, was gut für mich ist? Hast du mir denn so helfen können?
Sam wandte sich ab. Das war zuviel. Aber Frodo hörte nicht auf.
Wenn du mein Freund bist, kommst du mit mir!
Zuerst reagierte Sam nicht, es zerriß ihn innerlich, aber schließlich drehte er sich wieder um und nickte.
Ich bleibe lieber bei dir. Ich komme mit.
Frodo lächelte plötzlich freundlich und nahm Sams Hand.
Ich bin froh, daß du da bist. Ich weiß ja selbst nicht, was auf mich wartet, aber ich weiß, daß ich gehen muß. Mach dir keine Sorgen.
Sam sah ihn skeptisch an. Er war unglücklich.
Plötzlich hörten die beiden jemanden am anderen Ufer rufen. Da standen die anderen, sie hatten sie im Licht eines der letzten Blitze entdeckt, aber in einer übereilten Reaktion zerrte Frodo Sam mit sich weg und sie liefen in östlicher Richtung weg vom Fluß, bis sie völlig aus der Puste waren.
Es hatte aufgehört zu regnen und der Sturm ließ nach. Sams Gedanken ließen sich noch nicht ordnen, er wußte nur, daß Frodo gesund war, unverletzt und er war wieder da.
Schließlich hielten die beiden an und Frodo schaute ihm in die Augen.
Was ist denn?
Sam, hast du etwas zu essen?
Mit einem Lächeln hielt Sam die Tasche hoch und brachte ein aufgeweichtes Brot hervor, ebenso aber einen Laib Käse, Äpfel und Birnen. Er gab Frodo etwas davon und sie setzten sich vor einem Gebüsch hin, um eine Pause zu machen. Sam merkte dabei, wie Frodo zitterte und er stand auf und suchte in der Wiese nach Kräutern. Bald kam er mit einer Handvoll Heilkräuter zurück, die er Frodo energisch aufdrängte, und nachdem dieser erst einmal ein wenig Obst gegessen hatte, liefen sie noch zwei Meilen weiter, bevor die Müdigkeit sie ereilte.
Zwar waren sie auch noch naß, aber in der Tasche war auch eine Decke gewesen und nachdem Sam sie eine Zeitlang geknetet und auf der Wiese ausgebreitet hatte, genau wie die Elbenmäntel auch, legten sie sich zum Schlafen dicht aneinander auf den Boden und weil Frodo noch immer fror, versuchte Sam, ihn ein wenig zu wärmen.
Naß, wie sie noch immer waren, wollte ihnen nicht warm werden, aber irgendwann siegte die Müdigkeit und sie fielen in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen wurde Sam von der Kälte wach, die über seinen Rücken kroch. Langsam öffnete er die Augen und sah auf Frodo, der ihm zugewandt dicht neben ihm lag und noch immer friedlich schlief. Sams Blicke wanderten über das Gesicht seines Freundes. Die Angst und Traurigkeit hatten ihre Spuren hinterlassen und irgendwie hatte Sam den Eindruck, daß Frodos Wangen eingefallen waren, er erschien ihm so ausgezehrt und von Sorgen geplagt. Daran konnte auch der sichtbar friedliche Schlaf nichts ändern.
Zwar waren sie beide inzwischen wieder trocken, aber Sam fürchtete, sie würden krank werden durch ihren gestrigen Flußausflug.
Ob das Frodo zur Rückkehr bewegen würde?
Er bezweifelte es.
Aber wo wollte er hin?
Sam hob den Kopf und suchte die Umgebung ab. Keine Spur von den anderen im kühlen Licht der aufgehenden Morgensonne. Natürlich, wenn sie erst eine Brücke überqueren mußten...
Er mußte dafür sorgen, daß sie zumindest Spuren hinterließen.
Aber konnte er das tun, die anderen auf ihre Fährte führen? Gandalf würde Frodo mit Sicherheit zurückbringen wollen, das sah Sam auch so. Nur war er sich nicht sicher, ob das gut war oder nicht. Er wollte Frodo auf keinen Fall davon abhalten, etwas zu tun, was gut für ihn war. Doch war das wirklich so gut? Eine ominöse Stimme, die zu ihm sprach, das war nicht sehr gut, fand er.
Frodo hatte gesagt, daß sie ihm geholfen hatte.
Mehr als Sam.
Er schluckte schwer. Er hatte versagt.
Er würde nicht wieder versagen! Er würde ihm helfen, koste es, was es wolle. Überallhin würde er mit ihm gehen, genauso wie damals nach Mordor, denn wenn wirklich eine Gefahr lauerte, konnte er es nicht zulassen, daß Frodo sich allein dorthin begab.
Es war eine Zerreißprobe für ihn. Wie konnte er seinem Freund am besten helfen? Indem er ihn blind zur Gefahr laufen ließ?
Wenn es denn eine war...
Sollte er ihn abhalten und so vielleicht einen Fehler machen?
Er kam sich vor wie am Paß von Cirith Ungol. Egal, was er tat, es würde falsch sein. Würde er mitgehen und es geschah etwas Schlimmes, war er genauso verantwortlich als wenn er ihn allein gehen ließe...
Seine Gedanken wurden zunehmend wirrer.
Und wenn er ihn hinter sich her zurück nach Hause schleifte... wenn das nun falsch war?
Er seufzte. Das kleinste Übel schien ihm wirklich, mitzugehen und aufzupassen, was auch immer Frodo vorhatte.
Was wollte die Stimme von ihm? Wer war die Stimme? Und warum mußte Frodo so leiden?
Der Ring, natürlich, das war Sam auch klar. Der Ring und alles, was ihm gefolgt war. Es war irgendwie selbstverständlich, daß niemand das ewig aushalten konnte.
In einer liebevollen Geste legte Sam den Arm um Frodo, der noch immer schlief.
Er war da, was immer auch geschah, und das sollte Frodo wissen.
Plötzlich wurde ihm bewußt, wie kalt Frodo war. Das war gar nicht gut. Aber er war unentschlossen, ob er ihn nun wecken sollte oder nicht.
Überhaupt wußte er eigentlich gar nichts.
Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als Frodo schließlich wach wurde und Sam mit müden Augen ansah. Sam lächelte, aber Frodo reagierte gar nicht.
Ganz unvermittelt sagte er plötzlich: Ich bin froh, daß du da bist! und legte seine Hand auf Sams Arm. Beide hatten sie noch nicht vor, sich wieder auf den Weg zu machen, aber die Stimme ließ Frodo irgendwann keine Ruhe mehr und er stand auf.
Sorgenvoll sah Sam ihn an. Das gefiel ihm alles gar nicht.
Krähen zogen wieder über den Himmel und schließlich folgten die beiden Hobbits ihnen nach Nordosten.
Irgendwann machte Sam seinem Unmut Luft.
Herr Frodo, was hast du denn eigentlich vor? fragte er vorsichtig. Frodo sah ihn an.
Wenn es dir nicht paßt, mußt du nicht mitkommen, gab er kurz zurück.
Natürlich komme ich mit! Aber wo willst du hin?
Die Stimme zeigt mir, wo ich hinmuß und dann wird sie mir sagen, was ich tun muß, um dem Elend ein Ende zu setzen!
Verzweifelt versuchte Sam, an ihn heranzukommen. Und ich kann dir da nicht helfen?
Der Blick, den Frodo ihm zuwarf, traf Sam tief im Herzen und er wandte sich traurig ab. Soviel Zorn hatte er lange nicht mehr an seinem Herrn gesehen.
Hast du denn irgendwas bewirken können? Gar nichts. Und ich mußte weg, denn das Böse ist sogar nach Hobbingen gekommen! Es ist noch immer hinter mir her und ich muß versuchen, die Wurzel diesen Übels zu finden!
Sam ließ den Kopf hängen. Ich habe doch alles versucht... murmelte er mit erstickter Stimme und schluckte schwer. Frodo bemerkte das und sagte schließlich: Glaubst du das wirklich?
Entsetzt zuckte Sam zusammen. Damit hatte er nicht gerechnet.
Was hätte ich tun sollen? rief er verwirrt.
Nun, vielleicht solltest du aufhören, mich mit dummen Fragen zu nerven, denn sonst nehme ich dich nicht weiter mit! Du hast doch gar nichts für mich getan!
Das war selbst für den geduldigen Sam zuviel.
So, findest du? schrie er außer sich. Ich sage dir, wo du ohne mich wärst! Aber im gleichen Augenblick biß er sich fast auf die Zunge. Das durfte er nicht sagen.
Nun, was? Sag schon, oder fällt dir nichts mehr ein? zischte Frodo.
Beim Dunklen Herrscher wärst du!
Sofort blieb Frodo wie angewurzelt stehen und starrte Sam sprachlos an. Aber ihm war klar, daß es stimmte.
Sam bereute seine Worte sofort, auch wenn sie Frodo zur Räson gebracht hatten, und nahm ihn in die Arme. Frodo murmelte tonlos: Da bin ich auch jetzt...
Nein, Herr Frodo, ich verspreche dir, ich helfe dir da raus, so wie ich dir auch sonst geholfen habe...
Frodo gestand sich ein, daß er Recht hatte.
Aber warum passiert das alles? fragte er hilflos und Sam holte tief Luft. Das wüßte er auch zu gern.
Wir schaffen das, Herr Frodo. Ich bin doch hier.
Kannst du mir verzeihen?
Sam schaute ihn an und nickte.
Ich weiß, daß du es nicht so meinst.
Damit gingen sie weiter, einem ungewissen Ziel entgegen.
Sam! Wo bist du? Sam!! schrie Merry verzweifelt und Pippin starrte stumm auf das dunkle Wasser. Sie konnten ihn nicht mehr sehen.
Wir müssen ihm helfen! Gandalf! Merry war außer sich und sah Gandalf ratsuchend an. Der Zauberer konnte seinerseits den Blick nicht vom Wasser abwenden, aber urplötzlich lief er zurück zu den Tieren und rief: Los, aufsetzten! Wir müssen dem Fluß folgen, vielleicht wird er angeschwemmt!
Etwas besseres wollte ihm auch nicht einfallen und so saßen sie schnell alle wieder m Sattel und Gandalf führte Lutz neben Schattenfell her. Das Pferd galoppierte am Fluß entlang und Merry und Pippin riefen immer wieder laut nach Sam, während der Regen langsam nachließ.
Was, wenn ihm jetzt etwas passiert? fragte Pippin plötzlich halblaut, aber Merry starrte immer nur auf das Wasser.
Dann, plötzlich, brachte Gandalf sein Pferd zum Stehen und stieg langsam ab. Er traute seinen Augen kaum und schließlich wurden auch Merry und Pippin der beiden Gestalten am anderen Ufer gewahr.
Sam! schrie Merry. Frodo! Geht es euch gut?
Die letzten Blitze zuckten über den Himmel und sie sahen, daß die beiden ihre Blicke erwiderten, aber urplötzlich zerrte Frodo Sam von Ufer weg und die beiden entfernten sich schnell vom Fluß.
Gandalf! Was machen sie denn? fragte Pippin ungläubig und während der Sturm abflaute, antwortete Gandalf: Frodo hat ein Ziel und will es erreichen. Wenigstens wissen wir jetzt, daß die beiden noch leben. Laßt sie laufen, wir können jetzt ohnehin nichts dagegen ausrichten, wir können nur die Brücke im Norden suchen! Kommt!
Sie trieben die Tiere an, schneller zu laufen, aber Gandalf wußte, daß der Weg noch weit war. Bis dahin konnten die beiden Hobbits über alle Berge sein.
Sie ritten nicht mehr sehr lange, denn irgendwann wurden sie von der Müdigkeit übermannt und es bedurfte Gandalfs Zauberkünste, aus nassem Holz gutes Feuerholz zu machen. Bald saßen die drei Gefährten um ein kleines Feuer und trockneten die Kleidung. Pippin war an Merry gelehnt eingeschlafen und Merry sah Gandalf lange mit großen fragenden Augen an, bis dieser schließlich die Stirn runzelte und sagte: Ich mache mir auch Sorgen. Frodo wird Sam dazu bringen, ihn überallhin zu begleiten. Sam kann nicht anders. Und eigentlich ist das auch gut so, dann kann er auf ihn aufpassen. Aber ich weiß, viele Plätze gibt es nicht, die Frodo sich als Ziel setzen könnte, und diese Plätze sind alles andere als ungefährlich.
Das Feuer prasselte und knisterte, Funken stieben zur Seite weg und im roten Lichtschein kaute Merry nachdenklich auf einem Grashalm herum.
Was für Plätze sind das? fragte er schließlich.
Mir fallen nur die Nördlichen Höhen ein und eine Gegend unweit vom Nebelgebirge, wo man sich besser nicht hintrauen sollte.
Mehr wollte der Zauberer dazu nicht sagen und Merry gab es auf, ihn weiter zu löchern. Er fror, denn seine Kleidung war noch immer feucht und in der Dunkelheit der Nacht fühlte er sich trotz seiner Gesellschaft allein.
Wie würde es da erst ihren Freunden gehen?
Am nächsten Morgen hielten sie sich nicht mehr lange an ihrem Rastplatz auf, sondern ritten im fahlen Grau der ersten Sonnenstrahlen weiter über die kahle Ebene, immer der kleinen Brücke entgegen.
Gandalf hatte einen Verdacht, von welcher Macht Frodo getrieben werden könnte und er machte sich Sorgen. Sam war zwar bei ihm, aber was konnten die beiden zu zweit schon ausrichten?
Es war gewiß eine Falle. Frodo wußte nicht, was er tat. Im Hexenreich von Angmar, das inzwischen zwar untergegangen, aber immer noch gefährlich war, konnte alles auf die beiden Hobbits lauern und genauso waren die Nördlichen Höhen, an deren südlichem Ausläufer die Ruinen Fornosts lagen, waren nicht harmloser.
An diese Orte dachte Gandalf, denn da konnte etwas auf die Hobbits warten, dem man sich besser nicht nähern sollte. Er wußte zwar nicht genau, was das sein sollte, aber er war sich sicher, daß die Stimme Frodo nicht einfach nur so weglockte.
Und was hatte Frodo ihr entgegenzusetzen? Er würde blind in eine Falle laufen, wenn man ihn nicht aufhielt.
Als hätte die Dunkle Macht nur darauf gewartet, daß der Ringträger schwach wird. Schon war sie zur Stelle gewesen. Frodo konnte nichts dagegen tun.
Aber was sollte nun geschehen? Es gab eine Möglichkeit, die Gefahr zu besiegen und Frodo zu helfen, aber diesen Weg mußte er selbst und ganz alleine gehen und dazu war die Gefahr vielleicht sogar wichtig.
Gandalf hielt sich den ganzen Tag über sehr bedeckt und auch Merry und Pippin zeigten sich schweigsam.
Am Nachmittag rissen die Wolken auf und die Sonne zeigte sich, bevor sie unterging. Sie tauchte die Umgebung in ein kaltes, hellgelbes Licht, das die winterliche Kälte nur hervorhob und Pippin zog seinen Umhang enger. Irgendwann ging die Sonne dann unter und die Welt versank wieder in einem trüben Grau.
Ein weiterer Tag verging noch so und alle hüllten sich in Schweigen, mit ihren eigenen schweren Gedanken beschäftigt und am Abend fragte Pippin dann doch: Gandalf, wie weit ist es denn noch?
Der Zauberer wandte sich zu dem Hobbit und erwiderte: Wenn ich mich recht erinnere, müßten wir morgen vor den Mittagsstunden die Brücke erreicht haben - sofern sie noch existiert.
Tolle Aussichten, dachte Pippin bei sich. Frodo und Sam konnten längt sonstwo sein.
Nach einer unruhigen Nacht brachen sie zeitig bei Anbruch der Dämmerung wieder auf und ritten weiter. Es dauerte jedoch keine drei Stunden, bis Merry plötzlich ein Schrei entfuhr. Die anderen wurden aufmerksam und Gandalf lächelte zufrieden.
Da ist sie. Wir haben sie gefunden.
Pippin und Merry konnten es kaum erwarten, die Brücke zu erreichen und zu überqueren, aber als sie am Ufer standen und auf die Trümmer schauten, sank ihr Mut. Wenn sie einbrachen, waren sie verloren.
Die alte morsche Holzbrücke war windschief, durchlöchert und machte keinen gerade vertrauenswürdigen Eindruck.
Gandalf flüsterte Schattenfell etwas ins Ohr und das Pferd trat Schritt für Schritt auf die Brücke. Sie knarrte und ächzte verdächtig und schwankte ein wenig unter dem Gewicht von Pferd und Reiter, doch Schattenfell wich den Löchern und Unebenheiten aus.
Merry, wenn ich drüben bin, kommst du sofort nach! rief Gandalf und Merry nickte. Was sein mußte, ließ sich eben nicht vermeiden.
Endlich hatte Schattenfell es geschafft und Merry brachte sein Pony durch gutes Zureden auf die quietschende Brücke. Allerdings war das Tier sehr nervös und rutschte einmal fast von den glitschigen Planken. Merry strich ihm über den Kopf und irgendwann waren auch die beiden auf der anderen Seite angekommen.
Pippins Pony war noch nervöser. Die Tiere scheuten allesamt das Wasser und es dauerte nicht lange, da scheute das Pony und wollte lospreschen.
Halt an! schrie Pippin und zog an den Zügeln, aber es war zwecklos. Zwar schaffte das Tier es noch, bis auf die letzten Meter die Brücke hinter sich zu lassen, aber kurz vor der anderen Seite brach es dann ein und die Brücke krachte laut und stürzte mit einem lauten Knirschen und Knacken ein.
Pippin schrie und das Pony befreite sich im letzten Moment, bevor sie im Wasser landeten, und brachte das letzte Stück mit größter Mühe irgendwie im Schlamm des Ufers hinter sich.
Brav, wir haben es doch geschafft! murmelte Pippin und tätschelte den Hals des Ponys.
Gandalf klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Gut gemacht. Das war gefährlich.
Weiter ritten sie und diesmal trieben sie die Tiere an, so schnell wie möglich zu galoppieren - und zwar südwärts.
Gandalf, wieso reiten wir zurück? fragte Pippin irgendwann und Gandalf antwortete: Der Fluß hat eine Biegung gemacht. Am Abend müßten wir eigentlich auf die Spuren der beiden treffen, wenn sie so gelaufen sind, wie ich mir das denke.
Damit gaben sich beide Hobbits zufrieden und sie spähten immer wieder aufmerksam nordostwärts über die Ebene, aber sie konnten niemanden entdecken.
Sie sind schneller, als ich dachte! bemerkte Gandalf irgendwann, aber die Sonne schenkte ihnen einen Tag, der lang hell war, und es waren keine Wolken am Himmel. Dafür war es aber recht kalt und Merry machte sich immer wieder Sorgen um seine Freunde. Wenn sie krank wurden, hatten sie ein Problem.
Als es zu dämmern begann, wurde Gandalf nervös. Pippin bemerkte das zuerst und fragte: Was ist los? Gibt es ein Problem?
Gandalf räusperte sich. Nun, sobald es dunkel ist, sind wir gezwungen, anzuhalten. Ich will auf keinen Fall die Spuren verpassen und wenn es dunkel ist, haben wir keine Chance.
Aber dein Stab, Gandalf! Was ist mit deinem Stab?
Nein, Pippin, der reicht nicht aus. Wir müssen auf Tageslicht warten. Bleibt nur zu hoffen, daß wir die Spuren morgen finden!
Tatsächlich aber gaben die letzten Sonnenstrahlen den Blick auf eine große Fläche plattegetretenen Grases frei, wie Merry als Erster bemerkte.
Gandalf! Siehst du das? Hier war was los!
Sie stiegen erst einmal nicht ab, sondern sahen sich die Spuren von oben herab an.
Sehr viele Spuren... aber diese sind nicht sehr tief. Außerdem sind sie klein. Tiere! Aber das dort sind die Spuren von Frodo und Sam!
Gandalf brachte seinen Stab zum Leuchten, um besser in der Dämmerung sehen zu können.
Die beiden waren in der Mitte... die Tiere haben sie umkreist... könnt ihr etwas erkennen? fragte der Zauberer und Merry antwortete: Hier führen ihre Spuren weiter und die der Tiere verlaufen sich!
Tatsächlich, murmelte Gandalf in seinen Bart. Dorthin sind sie weitergelaufen. Aber da sind noch immer Spuren der Tiere!
Damit versank die Sonne hinter dem Horizont und es wurde mit einem Schlag zu dunkel, um noch mehr erkennen zu können.
Machen wir hier eine Rast, das haben die beiden auch getan, schlug der Zauberer vor. Merry überlegte laut: Es hat nun länger nicht mehr geregnet. Aber die Erde war noch feucht bis... bis wann denn?
Bis vorgestern, antwortete Gandalf, dann ist der Boden wohl wieder gefroren, denn jetzt ist er hart. Aber das ist eine gute Frage!
Dann waren sie vor zwei Tagen hier, fuhr Merry fort und Gandalf nickte.
Es war klar, daß sie einen großen Vorsprung haben müssen. Nur frage ich mich, wie wir jetzt im gefrorenen Boden Spuren finden wollen!
Er zündete sich eine Pfeife an und rutschte näher zum Feuer. Die Hobbits legten sich bald zum Schlafen hin, aber Gandalf dachte noch immer über die Tiere nach. Was für Tiere könnten es gewesen sein? Ein solch guter Spurenleser war er leider nicht. Aragorn müßte dabei sein, dachte er still bei sich, aber so würde es sich auf ein ewiges Rätselraten beschränken.
Irgendwann legte auch er sich zur Ruhe und schloß die Augen, nachdem er nachdenklich die Sterne betrachtet hatte.
Beim ersten Lichtstrahl wurde er wieder wach und wartete noch ab, bis die Sonne sich am Horizont zeigte, dann weckte Gandalf die Hobbits und sie inspizierten die Spuren noch einmal genauer, als sie ihnen dann folgten und weiterritten.
Sie führten offensichtlich nach Nordosten. Ob das nun hieß, daß das Ziel festgesteckt worden war? Da konnte er sich nicht sicher sein. Sie mußten sehen, daß sie die Spuren so lange wie möglich verfolgen konnten, und wenn das nicht mehr ging, fing das Raten wohl an.
Es war erkennbar, daß die beiden immer zusammengeblieben waren und in kurzer Zeit eine weite Strecke zurückgelegt hatten. Das Gras war plattgetreten und über eine gewisse Zeit hielten sich die Spuren klar, aber dort, wo der Boden bereits gefroren gewesen war, waren die Grashalme nicht mehr darin festgefroren und die Spuren wurden immer undeutlicher.
Als sie gegen Abend wieder ein Nachtlager aufschlagen wollten, waren kaum noch Spuren zu erkennen und Gandalf verfluchte diese Tatsache innerlich. Auch wenn das Ziel vielleicht klar erschien, so konnte er auf diese Art nicht mehr sagen, wo sie sich wirklich befanden und was geschah.
Hoffentlich geschah überhaupt nichts.
Ein weiterer ereignisloser Tag war verstrichen, die anderen waren in Gedanken immer bei ihren Freunden, aber die Suche gestaltete sich leider noch immer erfolglos.
Der Tag war für Frodo und Sam ohne weitere Ereignisse vergangen. Sie waren niemandem begegnet und so oft sie sich auch umschauten, es war auch niemand auf ihrer Fährte. Ob er darüber so glücklich sein sollte, wußte Sam nicht.
Gegen Abend sahen sie endlich wieder die Sonne. Frodo spürte, wie das Licht sich einen Weg in sein Herz suchen wollte, dort etwas bewegen wollte, ihn wachrütteln - doch es gelang ihm nicht. Denn das Licht der Wintersonne war nicht warm genug.
Sam freute sich dennoch, sie zu sehen, er spürte die Strahlen auf der Haut und schaute zu Frodo, der mit gesenktem Kopf neben ihm herlief.
Nichts war da, was er tun konnte. Selbst die untergehende Sonne hatte keine Macht.
Er konnte nichts tun? Immerhin war er da. Und er würde einen Weg finden, etwas zu tun.
Als sie an einem kleinen Wäldchen in der einsetzenden Dämmerung vorbeikamen, schlug Sam vor, eine Rast einzulegen und ein Feuer zu entfachen. Frodo verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu, wie Sam sich abmühte, einen Funken an dem nassen Holz zu entfachen, aber nichts tat sich.
Schließlich sagte Frodo: Du hältst uns nur auf. Komm, wir gehen weiter.
Sam ließ die Schultern sinken und sah ihn an.
Wo willst du denn noch hin?
Kommst du jetzt mit oder nicht?
Da Sam noch nicht müde war und keinen weiteren Grund sah, Einspruch einzulegen, folgte er Frodo schließlich und drückte ihm mit einem Mal einen Apfel in die Hand.
Weiter und weiter liefen sie durchs Gras auf der windgepeitschten Ebene, aber alles war still und kein Lüftchen regte sich.
Die Kälte hielt sich in Grenzen und irgendwann gähnte Sam dann doch.
Herr Frodo, wir sollten doch irgendwann mal eine Pause machen!
Frodo sah ihn nur kurz an und schüttelte den Kopf.
Doch jetzt noch nicht!
Aber du mußt irgendwann mal eine Pause machen! Wo auch immer es ist, es wird dir schon nicht weglaufen! wandte Sam ein und Frodo, der keine Lust auf Diskussionen hatte und außerdem spürte, wie seine Beine schwer wurden, setzte sich auf die ausgebreitete Decke und irgendwann legten sie sich dann zum Schlafen hin.
Sam ließ den Kopf hängen. Frodo drehte ihm den Rücken zu und er hatte das schreckliche Gefühl, absolut unerwünscht zu sein. Er sah Frodo lange an, bis er irgendwann merkte, daß er eingeschlafen war und gab ihm noch ein Stück mehr von der Decke.
Frierend schloß Sam die Augen und versuchte, zur Ruhe zu kommen.
Er konnte später nicht mehr sagen, wie lange er so dagelegen hatte, aber er hörte ein Rascheln im Gras und blinzelte. Es war finster, er richtete den Blick erst gen Himmel und betrachtete die Sterne, da kein weiteres Geräusch zu vernehmen war.
Allerdings dauerte es nicht lange, da hörte er plötzlich ein tiefes Knurren, lautes Rascheln und er fuhr hoch.
Mehrere blitzende Augenpaare starrten ihn an. Wölfe hatten sie eingekreist.
Hektisch griff er nach Stich und sprang auf.
Es waren sechs oder sieben und sie umkreisten die beiden mit gefletschten Zähnen und gesträubten Haaren. Sie sahen mehr als angriffslustig aus und ließen Sam nicht aus den Augen.
Plötzlich wurde Frodo wach und zuckte zusammen, als er sah, was los war.
Sam... wo kommen die her? Sam, tu doch was!
Er selbst griff ebenfalls nach seinem Schwert und wich zurück, bis er an Sams Rücken stieß. Dicht aneinander gedrückt standen sie den Tieren Auge in Auge gegenüber, bis plötzlicheiner der Wölfe mit einem Satz auf sie zusprang. Sam brüllte und schlug ihm mit dem Schwert entgegen, aber er wurde dennoch zu Boden geworfen und der Wolf landete neben ihm. Er knurrte Frodo an, der vor Schreck das Schwert fallenließ und sich nicht rühren konnte.
Sam richtete sich wieder auf, so schnell er konnte und griff nach seinem Schwert. Er war wütend und stürzte sich auf den Wolf, der jaulend davonsprang und dabei Frodo umriß.
Voller Zorn warf Sam sein Schwert nach ihm und die Wölfe sprangen weiter weg. Sam hatte keine Angst und ging, um sein Schwert wieder aufzuheben. Frodo blieb liegen und war nicht in der Lage, sich zu rühren, als plötzlich scharfe Zähne sich in seinem Mantel verbissen und er fuhr herum.
Geh weg von mir! Sam! Hilf mir! Frodo tastete nach seinem Schwert, aber er konnte es nicht finden.
Schreiend sprang Sam auf den Wolf zu und schlug mit dem Schwert nach ihm. Mehr als ein paar Haare konnte er ihm nicht abrasieren, aber es reichte, um ihn in die Flucht zu schlagen und brüllend stellte er sich der Meute entgegen.
Verschwindet! Wir haben auch ohne euch genug Probleme! Damit rannte er auf sie zu, was sie dazu brachte, die Flucht zu ergreifen. Jaulend verschwanden sie und kehrten nicht zurück.
Zitternd lag Frodo am Boden und rang nach Luft.
Sam, Sam, sie sind hinter mir her, die ganze Zeit...
Nein, Herr Frodo, niemand ist hinter dir her! Sam kniete sich neben ihn und legte seine Arme um ihn.
Beruhige dich doch, sie sind weg. Sie haben nur Futter gesucht!
Sie haben mich gesucht, nun tu doch nicht so, als wüßtest du das nicht! schrie Frodo und sah ihn an. Seine Augen blitzten vor Wut.
Aber nein, Herr Frodo...
Mit einem Mal fand Sam sich am Boden wieder und Frodo schüttelte ihn.
Hör mir zu! Du verstehst gar nichts!
Frodo... Zu seinem Entsetzen spürte er Frodos Hände an seinem Hals und er schüttelte ihn wieder, aber Sam bekam dabei keine Luft mehr.
Du willst mich gar nicht verstehen! schrie Frodo und Sam umfaßte seine Handgelenke. Verzweifelt versuchte Sam, seine Hände wegzudrücken, aber es wollte ihm nicht gelangen. Frodo war nicht mehr er selbst.
Er ließ nicht los. Er ließ einfach nicht los, der eiserne Griff lockerte sich keinen Millimeter.
Schließlich sah Sam nur noch eine Möglichkeit. Er wand sein Bein um Frodos und zog es nach hinten weg. Frodo fiel auf ihn, damit hatte er nicht gerechnet. Aber er ließ von Sam ab.
Sofort packte Sam ihn und richtete sich auf.
Komm endlich zu dir! Niemand will dir etwas Böses, ich am allerwenigsten!
Frodo hob den Kopf und sah Sam an. Seine Augen füllten sich mit Tränen und Sam umarmte ihn.
Ruhig... ganz ruhig... es wird alles wieder gut, Frodo.
Sein Schluchzen zerriß ihn innerlich. Die Verzweiflung spürte er am eigenen Leib.
Komm, steh auf, wir machen uns wieder auf den Weg. Wir sollten hier verschwinden!
Der Wind regte sich wieder und einige wenige Wolken zogen über den Himmel dahin und versteckten einige Sterne. Auf Sam gestützt setzte Frodo automatisch einen Fuß vor den anderen, aber er fühlte nichts mehr. Er war leer, da war nichts mehr.
Er war zerstört.
So stolperten sie voran, legten sich erst im Morgengrauen wieder zum Schlafen hin, als sie keine Angriffe mehr befürchten mußten, und ihnen fielen sofort die Augen zu.
Die Ruhe dauerte nur wenige Stunden und Frodo wurde vom Hunger geweckt. Aber sobald er sich bewegen wollte, um in der Tasche nach etwas Eßbarem zu suchen, hielt er plötzlich inne.
Laß ihn hier, er hält dich nur auf. Er stört!
Die Stimme war wieder da.
Frodo schüttelte heftig den Kopf. Ohne Sam hätte er ein großes Problem gehabt, als die Wölfe kamen.
Er will dich davon abhalten!
Aber ohne Sam würde er nie ankommen. Frodo war wütend. Warum hatte die Stimme nicht verhindert, daß die Wölfe kamen?
Er bekam darauf keine Antwort, aber sie sprach weiter.
Keine Zeit, du mußt aufbrechen, es ist nicht mehr weit.
Frodo stand auf und suchte in dem Rucksack nach etwas zu essen.
Das Brot hatte Sam herausgenommen, naß war es sowieso nicht mehr eßbar.
Er suchte. Seine Hand tastete nach allem, was noch darin war - eine Hose, eine Wasserflasche und ganz unten ein Apfel.
Zitternd zerrte er die Hose heraus und schaute hinein.
Ein Apfel. Ein einziger Apfel. Der letzte.
Langsam nahm er ihn heraus und begann, nachdenklich daran zu knabbern. Aber mehr als die Hälfte aß er nicht. Stattdessen weckte er Sam und sagte: Wenn du noch etwas essen willst, das ist das Letzte. Mehr ist nicht mehr da.
Zögerlich nahm Sam den Apfel und aß ihn auf.
Das war schlecht. Nichts mehr zu essen.
Er holte die Wasserflasche heraus. Sie war leer. Natürlich, gestern hatte Frodo den letzten Schluck bekommen.
Die beiden sahen sich lange an und schließlich gingen sie weiter.
Sam stellte keine Fragen, er dachte nur darüber nach, wie sie etwas zu essen finden sollten.
Er war hilflos, es wollte ihm nichts einfallen.
Am Nachmittag, als die Sonne sich schon wieder dem Horizont zuneigte, kamen sie an einem kleinen Bach mit klarem Wasser vorbei und tranken erst einmal.
Eigentlich, dachte Frodo, war der Hunger etwas Gutes. Er bedeutete, daß er noch lebte.
Sie liefen bis in die Nacht und legten sich dicht aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen, fanden aber beide lange keinen Schlaf. Beide sahen sie hoch zu den Sternen, die ermutigend über ihnen funkelten und Sam träumte von einem großen Abendessen.
Auch ein kleines würde reichen. Aber der Hunger raubte ihm den Schlaf.
Frodo erging es kaum anders und irgendwann bemerkte Sam überrascht, daß eine eisige Hand nach seiner tastete und er sah Frodo an.
Es ist nicht mehr weit, sagte dieser unvermittelt und Sam lächelte bemüht.
Das ist gut. Weißt du denn jetzt, wo es hingeht?
Frodo schüttelte den Kopf. Ich weiß nur, daß es nicht mehr weit ist.
Irgendwann hatten sie der Müdigkeit aber nichts mehr entgegenzusetzen und fielen in einen leichten Schlaf.
Der folgende Tag wurde alles andere als angenehm für die beiden. Der Hunger stimmte sie beide mißmutig und Sam überlegte, ob es denn keine genießbaren Kräuter gab - aber machten die satt?
Frodo stolperte unwillig neben ihm her, er focht innerlich Kämpfe mit der Stimme aus, die ihn dazu drängte, ohne Sam weiterzugehen, aber Frodo wußte, ohne Sam kam er nirgendwohin.
Die Erschöpfung machte sich bald bemerkbar und gegen Abend zog der Himmel sich zu mit trüben grauen Wolken. Sie hatten noch einmal ein Rinnsal gefunden, an dem sie trinken konnten, aber das war in dieser Einöde die Ausnahme.
Sie waren ganz allein und egal wohin sie sahen, außer ihnen selbst war niemand da. Nicht ein einziges Tier, nichts.
Während Sam schon bald wieder eingeschlafen war, lag Frodo sehr lange wach und versuchte, die Stimme zu ignorieren.
Morgen ist es soweit, dann bist du da, sagte sie zu ihm.
Frodo dachte nach. Damit konnte nur Norburg gemeint sein, die alte Festung der Menschen. Was da wohl auf ihn warten würde?
Dort findest du die Antworten auf all deine Fragen, fuhr die Stimme fort.
Sei nicht so ungeduldig!
Frodo wurde irgendwann vom Schlaf überwältigt und am nächsten Morgen geweckt von der Kälte in seinen Knochen. Ein feiner Regen rieselte auf sie herab und Sam wurde fast zeitgleich wach deswegen.
Komm, wir haben es fast geschafft, sagte Frodo und sie brachen auf. Zwei Stunden liefen sie weiter, ohne etwas zu sehen. Dann erhob sich vor ihnen ein Hügel und sie erklommen ihn mit der ihnen noch gebliebenen Kraft.
Als sie oben angekommen waren, eröffnete sich ihnen eine vom Regen getrübte Aussicht über grasbewachsene Ruinen.
Wir sind da, sagte Frodo schließlich und Sam sah ihn stirnrunzelnd an.
Die Ruinen von Norburg? Was ist denn hier?
Frodo konnte ihm keine Antwort geben. Zusammen liefen sie den Hügel hinab und auf die zerstörte Festung zu. Gras und wildwuchernde Pflanzen bedeckten die jahrhundertealten Trümmer der einst so stolzen Gebäude, die vom Königen errichtet worden waren. Alles war zerstört und Sam beschlich ein komisches Gefühl. Was er alles über die Ruinen, die Gräber und die sich dahinter erhebenden Höhen gehört hatte, gefiel ihm gar nicht und er war sehr skeptisch, was Frodos Absichten betraf.
Aber er folgte ihm anstandslos auf der letzten Etappe ihrer Reise ins Ungewisse.
Frodo ging voran und Sam folgte ihm mit aufmerksamem Blick. Er sah sich genau um. Norburg war der Auenlandname für Fornost und die Nördlichen Höhen waren dort auch als Totendeich bekannt.
Sam wußte bald auch, warum. Die Grabhügel der Menschen waren noch immer da, das konnte er sehen.
Eigentlich sah alles ganz friedlich aus. Sie gingen auf die eingestürzte Festungsmauer zu, die nur noch in bemoosten Stücken übrig war und betraten die Ruinenstadt. Sie war mehr grün als grau von Stein und sie erblickten Grundmauern von Häusern ohne Dächer, eingestürzte Hallen und überall Gestrüpp.
Der Schatten eines einstigen Königreiches.
Was wir hier wohl finden? fragte Sam laut und sie gingen noch ein paar Schritte bis um eine Biegung, die den Blick auf einen Platz freigab.
Ihnen beiden war das alles nicht wirklich geheuer, aber plötzlich wandte Sam sich ganz normalen Bedürfnissen zu - er wurde gequält von nagendem Hunger.
Herr Frodo, wie wäre es, wenn ich mich hier ein wenig umsehe? Ich würde gern mal etwas essen und denke, daß es doch möglich ist, daß ich vielleicht ein Kaninchen fangen kann...
Frodo nickte nachdenklich und schaute sich um. Alles war still.
Ich helfe dir, ich sterbe auch bald vor Hunger.
Er hatte eigentlich erwartet, daß nun die Stimme laut protestierte, aber sie war verstummt, seltsam still geworden mit einem Mal.
Zusammen gingen die beiden Hobbits durch die Festung und sahen sich alles genau an. Sam suchte nach allem, was sich bewegte, aber erst fand er nichts. Doch schließlich hatten sie die Festung durchquert und sahen vor sich den ersten Ausläufer der Nördlichen Höhen aufragen.
Das ist also der Totendeich! murmelte Frodo und sie schritten weiter voran.
Ganz plötzlich, als hätte er sie geradezu dazu aufgefordert, meldete die Stimme sich wieder zu Wort, als Frodo die Festung verlassen wollte.
Warte, geh nicht weg, laß ihn allein suchen...
Sam? Ich würde mich gern hier ein wenig hinsetzen, sagte Frodo widerstrebend und wunderte sich sogleich seiner eigenen Worte.
Gute Idee, ich mache auch mal eine Pause, begann Sam, wurde aber sogleich unterbrochen.
Aber wo bekommen wir etwas zu essen her?
Sam merkte schnell, daß Frodo ihn loswerden wollte, und noch schwankte er, war sich nicht sicher, was zu tun war. Doch urplötzlich nahm er eine Bewegung an der Seite wahr und entdeckte ein Kaninchen.
In Ordnung, ich bin gleich wieder da! sagte er und rannte los. Frodo grinste. Das Kaninchen nahm natürlich Reißaus und so flink wie möglich lief Sam hinterher und verschwand sogleich hinter dem nächsten Hügel.
Frodo hörte ihn leise fluchen und lachte.
Sam, was höre ich da? rief er und setzte sich auf einen Stein. Die Stimme schwieg.
Der feine Regen benetzte alles und Frodo schüttelte sich. Das Wetter war furchtbar.
Sam indessen rannte schnellen Fußes dem Kaninchen hinterher in die grünen Hügel und merkte nicht, wie einige Schatten in der Nähe vorbeihuschten.
Die Verfolgungsjagd war in vollem Gange, als Sam plötzlich innehielt. Er befand sich mitten zwischen den Grabhügeln und es war seltsam still.
Totenstill geradezu. Es war so still, daß er meinte, die Stille berühren zu können.
Er schaute sich um. Die Hügel versanken im Grau des Regens. Das Kaninchen war weg.
In der Zwischenzeit bemerkte auch Frodo diese gespenstische Stille und stand auf.
Gut, sagte die Stimme, gut... nun folge mir. Geh einfach nur geradeaus...
Frodo zögerte. Sollte er ohne Sam gehen?
Worauf wartest du? Nun beweg dich schon! Du hast nicht ewig Zeit!
Seine Neugier wuchs. Er hatte keine Angst, war auch nicht unglücklich in diesem Moment, sondern einfach nur schrecklich neugierig.
Plötzlich sprach die Stimme schneller.
Beeil dich, da kommt jemand, sie dürfen dich nicht sehen.
Frodo fuhr herum. Ihm entfuhr ein Schrei.
Auf einen Schlag begann er am ganzen Körper zu zittern und suchte nach dem Griff seines Schwertes.
Er sah sich einer Gruppe Orks gegenüber. Sie zischten leise und schienen sich zu unterhalten, sahen ihn mit funkelnden Augen an und kamen langsam auf ihn zu.
Frodo zog sein Schwert. Sollten sie kommen. Sie hatten schließlich keine Waffen. Dafür waren es aber auch sechs bis acht von ihnen, Frodo war sich nicht sicher.
Wen haben wir denn da? Haben unsere Ohren uns also nicht getäuscht! knurrte einer von ihnen, der sich die Hände rieb und Schritt für Schritt auf Frodo zukam.
Was wollt ihr? Verschwindet! Laßt mich in Ruhe! schrie Frodo und umklammerte den Griff des Schwertes. Er blieb stehen.
Oh, der Kleine hat Angst. Wo ist denn der andere? Den könnten wir auch noch brauchen! fauchte ein anderer und Frodo wurde bleich.
Brauchen? Wofür?
Was wollt ihr? wiederholte er mit zitternder, halb erstickter Stimme, die seine Angst nur zu deutlich verriet.
Wir wollen eigentlich nur etwas zu essen...
Der Hobbit schluckte. Sie grinsten sich an und urplötzlich rannten sie los und stürzten sich auf ihn.
Hilfe! schrie Frodo, so laut er konnte. Sam! Hilfe!
So mittellos wie die Orks, die sich in den Höhen herumtrieben, in diesem Moment auch waren, genauso erfinderisch waren sie auch. Aus Leibeskräften wehre Frodo sich, er trat nach den Angreifern und schlug ihnen ins Gesicht, schrie und versuchte, sich den vielen Händen zu entwinden.
Halt doch still! fluchte einer.
Sam! Hilf mir! schrie Frodo und plötzlich bekam er einen Schlag ins Gesicht. Dann hielt plötzlich einer der Orks ein Lederband in der Hand, mit dem eigentlich seine notdürftigen Schuhe zusammengehalten wurden, und mithilfe eines seiner Kumpane schaffte er es, Frodo zu fesseln und hochzuheben.
Laßt mich los! Hilfe!
Stell dich nicht so an! kam es kurz zurück und Frodo schlug mit den Händen auf ihn ein, so gut er konnte.
Der Kleine sieht so aus, als würden wir noch viel Spaß mit ihm haben... und vor allem gibts mal wieder richtiges Futter!
Sam! Wo bist du? schrie Frodo wieder und wieder, konnte aber nicht verhindern, daß sie ihn wegschleppten.
Schrei doch, wenn dein Freund kommt, haben wir noch ein bißchen mehr zu essen! kicherte einer und Frodo sah ihn wutentbrannt an.
Sie verließen die Festung und Frodo suchte überall nach Sam, konnte aber niemanden entdecken.
Es dauerte nicht lange, da hatten die Orks ihr Ziel in den Hügel erreicht, denn dort gab es eine kleine Höhle, in der sie lebten. Frodo bekam es mit der Angst zu tun.
Sam hörte lange nur sein eigenes Herzklopfen und seinen Atem. Irgendwas gefiel ihm ganz und gar nicht an der Gegend. Was war es nur?
Plötzlich hörte er einen Schrei. Es war Frodo, und er hatte Angst.
Nein! Frodo! Ich komme! brüllte Sam entsetzt und rannte los. Als er sein Schwert zog, bereit, um anzugreifen, hielt er plötzlich inne. Stich leuchtete in einem hellen Blau.
Sam schluckte und lief schneller.
Wie weit war er denn in diese verdammten Hügel hineingelaufen?
Hilfe, Sam! Hilfe!
Halt aus, Frodo! gab Sam zurück und stolperte vorwärts, so schnell er konnte.
Sam, hilf mir!
Sam schrie. Warum war er so langsam? Er mußte doch endlich wieder zurück in die Festung kommen!
Frodo, ich bin hier! Ich komme! schrie er, aber schon wieder sah er keinen Ausweg aus den Hügeln und fluchte lauthals.
Wo bist du, Frodo?
Keine Antwort. Hatte er ihn nicht gehört?
Er hätte ihn nicht alleine lassen dürfen! Was war nur geschehen in der Zwischenzeit? Wieder hatte er einen Fehler gemacht...
Sein Herz raste und er schnappte nach Luft.
Da, endlich, er sah die Festung wieder vor sich.
Frodo!
Sam stolperte und fiel der Länge nach hin, gönnte sich aber keine Pause, sondern rappelte sich wieder auf und rannte weiter.
Wo bist du? rief er und keuchte. Seine Stimme gab nach.
Sam, wo bist du? hörte Sam seinen Freund flehen und ballte die Faust. Das war aus den Hügeln gekommen...
Er drehte wieder um und rannte, bis er dachte, tot umfallen zu müssen. Schwer atmend blieb er kurz stehen und rief Frodos Namen wieder, aber es kam keine Antwort.
Warum hörte er ihn nicht?
Angst stieg in ihm auf. Was war da geschehen? Wer hatte es auf ihn abgesehen?
Mühsam schleppte Sam sich weiter vorwärts und fand sich schnell mitten in den Hügeln wieder.
Wo war er hier nur gelandet?
Er lief und lief, so weit ihn seine Füße trugen, er rief nach Frodo und es kam einfach keine Reaktion. Er war verzweifelt.
Was, wenn ihm etwas passierte?
Sam zwang sich, weiterzulaufen, sich zusammenzureißen und blieb stehen. Er versuchte, leiser zu atmen, um besser hören zu können, und wurde plötzlich einiger Stimmen gewahr.
So leise er konnte, schlich er weiter und folgte dem, was er hörte. Dann sah er plötzlich den Eingang einer Höhle vor sich und schaute noch einmal auf Stich, das blau schimmerte.
So etwas Leckeres ist mir schon lange nicht mehr untergekommen! Immer diese blöden Kaninchen, sonst läuft hier ja nichts rum!
Frodo starrte den Ork wütend an, der seine Zähne fletschte und ihn ansah mit einem Blick, der seinen Hunger zu deutlich verriet.
Was ist, ihr Schlafmützen? Brennt das Feuer immer noch nicht oder was?
Frodo schluckte. Das war nicht gut.
Was, hat es dir etwa die Sprache verschlagen? Ruf doch nach deinem kleinen Freund, dann fällt das Essen noch größer aus! Aber ich bezweifle, daß du davon noch etwas mitbekommen wirst!
Frodo spuckte ihm ins Gesicht.
Hau ab! Laß mich in Frieden! schrie er und bekam dafür eine schallende Backpfeife. Tränen der Wut stiegen ihm in die Augen und er wollte aufstehen, aber wurde mit einem Tritt wieder gegen die Wand der finsteren Höhle befördert.
Wie hättest du es denn am liebsten? Soll ich dir deinen kleinen Hals rumdrehen?
Unweigerlich bemerkte Frodo, wie er vor Angst zitterte.
Oder soll ich mein Messer zu Hilfe nehmen? Vielleicht möchtest du ja, daß ich dir langsam das Herz rausschneide!
Der Hobbit schluckte und schloß die Augen. Das durfte doch alles nicht wahr sein.
He, was erzählst du da? Wir haben doch ein Schwert, damit schlagen wir ihm einfach den Kopf ab!
Frodo hielt das nicht aus. Das war zuviel.
Sam! schrie er und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Sam... Aber das ging in seinem Schluchzen unter und die Orks lachten.
Was, hast du Angst? Armes Würmchen! Was ist denn los mit dir?
Bitte laßt mich doch gehen... bitte! flehte Frodo unter Tränen und kauerte sich zusammen. Die Orks amüsierten sich prächtig.
Ein kleiner Angsthase, das Würmchen! Aber heul hier nicht rum, bald ist es doch zuende und wir haben endlich was Feines zu essen!
Frodo schloß wieder die Augen und ließ den Kopf sinken. Er hätte Sam nicht alleine gehen lassen dürfen, dann wäre das nicht passiert...
Urplötzlich hörte er zornerfülltes Gebrüll und hob den Kopf.
Sam hatte fast das Gefühl, zu fliegen, als er in die Höhle hineinrannte und er sah darin einige dunkle Gestalten, hörte fieses Gelächter und einen Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Frodo war hier.
Mit schnellen Schritten war er beim ersten Ork, hob sein Schwert und rammte es ihm in den Bauch. Dann rannte er brüllend weiter und zwei Orks sprangen kreischend zur Seite, als sie ihn mit dem leuchtenden Schwert kommen sahen.
Frodo! schrie Sam und dann sah er ihn in einer Ecke kauern mit zwei Orks davor.
Verschwindet! brüllte Sam und holte mit dem Schwert aus. Einer der Orks wollte den Schlag mit seinem Messer abwehren, aber Sam hatte höher gezielt und schlug ihm den Kopf ab.
In einem Tumult rannten die Orks durcheinander, da sie den Feind nicht genau ausmachen konnten, und Sam rannte so schnell wie möglich zu Frodo, half ihm hoch und hielt ihn dich bei sich mit erhobenem Schwert.
Einer griff ihn an, aber Sam war so voller Wut, daß er ihm die Hand abschlug und brüllte: Wagt es ja nicht, euch der Kraft der Elben entgegenzustellen!
Zwar sahen die Orks im Dämmerlicht, daß er für einen Elben zu klein war, aber Stich lehrte sie gewaltig das Fürchten und sie ließen die beiden Hobbits tatenlos nach draußen laufen.
Ohne zurückzuschauen liefen die beiden durch die Hügel zurück in die Festung, wo Sam Frodo erst einmal erleichtert in die Arme schloß.
Was ist denn bloß geschehen? fragte Sam mit zitternder Stimme und wischte sich die Tränen aus den Augen, bevor er Frodos Fesseln löste. Frodo klammerte sich an ihn wie an einen Strohhalm und vergrub den Kopf an seiner Schulter.
Sie waren plötzlich da, sie waren so viele und haben dann beraten, wie...
Ist schon gut, Herr Frodo, ist gut. Die kommen nicht nochmal zurück! Ich habe schließlich ein Elbenschwert!
Das war nicht gut. Du hättest nicht solange zögern dürfen! rief die Stimme und sie hallte in Frodos Kopf. Er hielt sich die Ohren zu und Sam sah ihn an.
Sie spricht wieder, oder?
Frodo nickte und sagte: Komm, wir bringen es hinter uns, dann ist es vorbei...
Nachdenklich sah Sam Frodo an und nahm dann seine Hand.
Ich folge dir, zeige mir, wo es ist.
Von dieser Reaktion zutiefst gerührt brachte Frodo es fertig, zu lächeln und aller Schrecken war vergessen. Sam hatte ihn gerettet, sein tapferer Sam, und er mußte sich jetzt nicht fürchten.
Die Stimme randalierte in seinem Kopf.
Du mußt ihn hierlassen, du darfst ihn nicht mitnehmen!
Frodo kniff die Augen zu und sagte schließlich: Wenn ich ihn nicht mitnehmen darf, folge ich nicht!
Sam sah ihn an, begriff aber schnell, daß er nicht gemeint war, sondern mit ernstem Gesicht nickte er nur und verstand, daß es tatsächlich die Stimme gab. Er hatte es inzwischen nicht mehr bezweifelt, aber inzwischen war sie greifbar.
Rechts. Mehr sagte die Stimme nicht und Frodo ging los. Sam stolperte hinterher und Frodo spürte ein seltsames Gefühl von Triumph in sich aufkeimen. Er hatte es geschafft, die Stimme zu erpressen.
Was jetzt wohl kommen würde?
Sie kehrten auf den großen Platz zurück und plötzlich wußte Frodo es selbst. Die große Halle.
Sam machte sich still seine eigenen Gedanken und folgte Frodo.
Mit einem Quietschen öffnete dieser die große Tür aus dunklem Holz und sie betraten das Gebäude, innen von nicht mehr erhellt als einem Dämmerlicht. Der Lichtspalt, der hinter ihnen durch die Tür fiel, beleuchtete den Staub, der von dem Luftzug aufgewirbelt worden war, und es war so dunkel und stickig, daß das Licht sich scharf von der Dunkelheit abhob.
Zuerst sahen die beiden nichts, aber dann sagte Frodo: Da hinten ist es heller. Laß uns mal nachsehen, was da ist!
Immer noch fragte er sich, warum er es geschafft hatte, die Stimme zu erpressen und vermutete schon fast, daß ein Trick dahintersteckte.
Er würde es noch sehen.
In Fetzen hingen uralte Stoffe von der Decke, die sich nicht einmal im Wind bewegten. Wahrscheinlich waren sie so alt, daß sie bei der geringsten Berührung zu Staub zerfielen.
Voller Zweifel setzte Frodo einen Fuß vor den anderen. Er war am Ziel. Aber er wußte nicht, was ihn erwartete. Er wußte nicht, ob es überhaupt noch nötig war, hier zu sein.
Hast du deine Qualen vergessen? zischte die Stimme. Hast du den Lohn vergessen, den ich dir versprochen habe? Zögere nicht! Geh einfach weiter! Um deinen Begleiter mach dir keine Sorgen, er wird dich nicht behindern. Euch passiert nichts.
Frodo biß sich auf die Lippen. Sam war sein Freund, er hatte ihn gerettet, und es war nicht das erste Mal.
Aber das allein konnte ihm den Sinn nicht zurückgeben.
Selbst die Luft in dem Gebäude schien alt zu sein. Staub war überall, die Fenster waren so verschmutzt, daß kaum Licht hindurchdrang und langsam drangen die beiden Hobbits weiter ins Innere vor. Es war totenstill.
Säulen umrandeten einen freien Raum in der Mitte und diesen durchschritten sie an der Seite. Sie hielten genau auf einen zersplitterten ehemaligen Thron zu, vor dem Schutt aufgehäuft lag. Ein Loch war in der Decke, durch den ein gleißender Lichtspalt fiel.
Plötzlich hörten sie ein leises, schleifendes Geräusch und Sam fuhr mit erhobenem Schwert herum.
Geh weiter, drängte die Stimme, es sind nur noch ein paar Schritte...
Sam sah noch einmal nach Frodo und versicherte, daß in den dunklen Ecken weiter vorne wirklich nichts war, aber es gab nichts, wohinter ein Feind sich hätte verstecken können.
Dafür war neben der Eingangstür ein Haufen Gerümpel aufgetürmt, das Sams Interesse weckte.
So ging Frodo alleine weiter nach vorn und Sam hielt sein Schwert gezückt, aber es gab kein Licht ab. Keine Gefahr. Je näher er dem Gerümpel kam, umso mehr wartete er darauf, daß sich etwas regte, aber schließlich sah er, was das Geräusch ausgelöst hatte.
Ein weiterer Fetzen Stoff fiel von der Decke und glitt an dem Gerümpel herunter, wobei er in tausend Stücke zerfiel. Der Wind war es gewesen, mehr nicht.
In der Zwischenzeit schritt Frodo in Richtung des Lichtes und blinzelte, geblendet von der Helligkeit.
Weiter, drängte die Stimme. Da vorne!
Frodo versuchte, etwas zu erkennen.
Auf dem zerfallenen Thron lag etwas. Er trat näher.
Plötzlich begannen seine Hände zu zittern und erst, als er dem Thron ganz nah war, hörten sie wieder auf. Wie magisch angezogen beugte er sich hinunter und berührte vorsichtig den Griff des spitzen Schwertes, das dort lag. Es war halb schwarz, aber unter dem Schmutz blitzte noch das alte Silber.
Doch sobald seine Finger die Waffe berührten, zuckte er vor Schmerz in seiner Schulter zusammen und umklammerte gedankenlos die Waffe, während er versuchte, einen Schrei zu unterdrücken.
Laß nicht los! rief die Stimme. Es wird nie mehr aufhören, wenn du losläßt! Heb die Klinge hoch!
Stöhnend tat Frodo, wie ihm geheißen wurde, und dann ging es plötzlich ganz von selbst. Er konnte seinen Griff um die Waffe ohnehin nicht mehr lösen und die Stimme schien zufrieden.
Genau so, höher, heb sie hoch und mach deinem Schmerz ein Ende...
Sam drehte sich um und steckte das Schwert zurück in die Scheide. Als er den Kopf hob, sah er, wie Frodo im Licht stand vor dem alten Thron und eine schwarze Klinge erhob.
Dem Hobbit stockte der Atem. Er kannte die Form dieser Klinge. So etwas hatte er schon gesehen.
Er lief los und schrie.
Tu das nicht, Frodo! Nein!
Frodo hörte ihn nicht einmal. Er hielt die Klinge ganz fest und schließlich zielte die Spitze genau auf sein Herz.
Das ist richtig, gut so, gleich ist es alles vorbei...
Alles vorbei. Ein schöner Gedanke.
Frodo konnte nicht mehr denken, er war seines Willens beraubt und bereit, zuzustoßen.
Doch ganz plötzlich sah er sie dann doch, die nahende Gestalt. Er drehte den Kopf und sah Sam an, der sich mit einem Schrei gegen ihn warf und mit voller Kraft Frodos Hand wegstoßen wollte.
Aber Frodo hielt den Griff eisern umklammert und obwohl Sam die Klinge von Frodos Brust wegstoßen konnte, schaffte er es nicht mehr, das Gleichgewicht zu bewahren und krallte sich blitzschnell an Frodo fest, den er dann mit zu Boden riß.
Die scharfe Klinge bohrte sich tief in Sams Seite.
Ein fürchterlicher Schrei zerriß die Luft und Frodo ließ die Waffe los. Entsetzt starrte er Sam an, der mit schmerzverzerrtem Gesicht neben ihm lag und furchtbar schrie.
Der Schrei ging Frodo durch und durch, bis auf die Knochen, zerriß ihn innerlich und plötzlich begriff er.
Sam hatte ihm das Leben gerettet. Er war nicht mehr Herr seiner Selbst gewesen, er hätte sich fast umgebracht und das alles wegen der Stimme...
Nein... brachte er stockend hervor und richtete sich auf. Sam wimmerte vor Schmerzen und drehte sich langsam auf den Rücken. Die Klinge steckte immer noch und Blut färbte das Hemd rot.
Frodo keuchte und schlug die Hand vor den Mund.
Sam, mein guter Sam... das wollte ich nicht... Er schüttelte den Kopf und schluckte schwer. Sam biß die Zähne zusammen und zog schließlich mit einem Ruck das Schwert aus seiner Seite.
Ein markerschütternder Schrei gellte durch die Stille und Frodo griff zitternd nach der blutverschmierten Waffe in Sams Hand.
Eine Morgulklinge. Sie war nicht zersplittert und Sam hatte sie ganz herausziehen können, aber der Anblick war dennoch schrecklich.
Sam preßte die Hände auf die Wunde und stöhnte. Mit tränennassen Augen sah er zu Frodo und schrie wieder.
Es tut so weh... hilf mir...
Frodo ließ die Waffe fallen, die Klinge zerbrach und verging schließlich in der Luft, aber er achtete gar nicht darauf.
Die Stimme hatte ihn betrogen. Die Stimme hatte ihn verraten! Sie hatte gesagt, daß nichts passieren würde...
Frodo zog seinen Elbenmantel aus und legte ihn zusammen zu einem Knäuel, das er auf Sams Wunde preßte, nachdem er seine Hände dort weggenommen hatte.
Sam stöhnte. Dann hob Frodo ihn sanft auf seine Arme und versuchte, aufzustehen. Zuerst schwankte er von der Belastung des Gewichtes, aber er schaffte es und stolperte mühsam mit Sam zur Tür und hinaus ins Freie.
Erbittert preßte er den Elbenmantel auf die Wunde und weinte.
Das hatte er nicht gewollt. Er konnte wieder klar sehen, er verstand, daß es ein Spuk gewesen war, der sich seiner bemächtigt hatte und erst Sams Schrei der Verzweiflung und des Schmerzes hatte ihn wachgerüttelt.
Er fand keine Worte für das, was er getan hatte. Sam legte seine Hand auf Frodos, die auf den Elbenmantel drückten, und Schritt für Schritt schleppte er sich vorwärts mit Sam in den Armen.
Gandalf! schrie er in Panik. Gandalf, hilf mir! Ich wollte das doch nicht...
Sam hustete.
Frodo, du kannst nichts dafür... Seine Stimme versagte und er schluckte. Die Schmerzen waren fast unerträglich.
Sam, es ist alles meine Schuld... was habe ich nur getan, Sam? Was habe ich getan?!
Die Tränen strömten frei über seine Wangen und er konnte nicht mehr sehen, wohin er lief.
Plötzlich schrie Sam und flehte: Laß mich runter, bitte, nicht weiter...
Frodo gefror das Blut in den Adern. Bitte nicht...
Er bettete Sam sanft auf den Boden und kniete sich neben ihn.
Sam atmete schwer. Frodo, es war nicht deine Schuld...
Sam, nein...
Er schluchzte und wischte sich die Tränen weg.
Es ist nun vorbei, Herr Frodo, oder nicht?
Frodo nickte. Es war vorbei. Der Schatten, der die Macht über ihn gewonnen hatte, war besiegt. Durch ein einziges Gefühl: tiefe Freundschaft, eine Macht des Guten, und dagegen hatte nicht einmal Morgoths Stimme, wie auch immer sie ihn erreicht hatte, eine Chance.
Frodo wußte wieder, wo der Sinn war, er wußte, was ihm das Leben wirklich bedeutete...
Sam rang nach Luft und schloß plötzlich die Augen, aber atmete immer noch angestrengt weiter.
Laß mich nicht allein, Sam... bitte! Sam!
Frodo konnte kaum sprechen und mehr als ein heiseres Flüstern war es nicht, aber urplötzlich ließ er Sams Hand los, der ihn daraufhin fragend ansah.
Mit zitternden Fingern löste Frodo die Kette mit seinem Elbenstein und hielt ihn fest in der Hand, die er zur Faust ballte und direkt auf die offene Wunde legte. Dann ergriff er wieder Sams Hand und war entsetzt, in ein kreideweißes Gesicht zu starrten.
Sam schien keine Angst zu haben, er schloß wieder die Augen und Frodo erhob flehend den Blick gen Himmel.
Nehmt mir nicht den, der mir am meisten bedeutet, der mein Leben gerettet hat...
Er spürte die Wärme der Liebe in seinem Herzen, die hinter dieser Tat steckte, und erinnerte sich daran, daß auch er Sam gerettet hatte.
Das war ein Sinn, eine Kraft des Guten, die hell gegen jeden Schatten erstrahlte...
Bestraft nicht ihn für meine Fehler!
Sams Atem war schwach. Frodo schrie und sank in sich zusammen.
Bleib bei mir, Sam...
Ich... ich bin hier... Herr Frodo...
Sam öffnete die Augen und sah Frodo gütig an. Er hatte ihm bereits verziehen.
Gebt ihm die Gnade, die ich nicht verdient habe!
Frodo schluchzte verzweifelt und merkte plötzlich, wie Sams Atem wieder tiefer und ruhiger wurde. Dann wurde auch er der enormen Wärme in seiner Hand gewahr.
Er ließ Sams Hand nicht los und kniete verzweifelt neben ihm.
Urplötzlich drangen die Schreie in sein Bewußtsein, die sich ihnen näherten, und Frodo drehte sich um. Sam lächelte matt, als er die Hufe hörte und dann waren sie auch schon bei ihnen.
Gandalf, Merry und Pippin waren gekommen.
Schnell, aufs Pferd! befahl Gandalf beunruhigt und Frodo schüttelte heftig den Kopf.
Bitte, Gandalf, laß mich bei ihm bleiben! Wie kann ich das nur wieder gut machen?
Das hast du bereits, Frodo. Hab keine Angst. Es wird kein Stück der Waffe mehr in der Wunde stecken, so stark, wie sie blutet. Es ist nur der Schock, der ihn schwächt!
Damit verband Gandalf schnell die Wunde und wickelte Sam sofort in eine Decke, bevor er ihn Merry auf die Arme bettete, aufs Pferd stieg und Sam wieder in seine Arme nahm.
Frodo, hab keine Angst, das wird wieder. Die Verletzung ist nicht so schlimm an dieser Stelle. Aber wir müssen uns beeilen! Schnell, du reitest auf Lutz! Merry, Pippin, trödelt nicht herum!
Damit galoppierte Schattenfell los und sie verließen die Festung, so schnell sie konnten.
Sechstes Kapitel
Einsichten
Frodo hatte so sehr gehofft, daß Sam es schaffen würde, ohne daß Gandalf mit ihm allein vorausreiten würde. In der Tat ritten sie etwa zwei Stunden lang alle zusammen und die Ponys zeigten eine große Ausdauer, da sie für diese lange Zeit mit nur einer Trinkpause so schnell liefen wie möglich.
Ihr Weg führte sie unmittelbar gen Süden nach Bree. Gandalf hatte angekündigt, so schnell reiten zu wollen, daß sie spätestens am Abend des zweiten Tages dort sein wollten.
Die Hobbits waren sich einig, sie brauchten keinen Schlaf, und ihre Tiere schienen zu spüren, wie wichtig es nun war, durchzuhalten. Sie liefen brav weiter die Nacht hindurch und bis zum Morgengrauen.
Indes lag Sam in Gandalfs Armen, der ihn bereits mit Heilkräutern versorgt hatte. Frodo hatte Sam seinen Elbenstein umgehängt und es dauerte nicht lange, da meinte Sam bereits, eine Linderung der Schmerzen zu verspüren.
Frodo allerdings war voller Fragen, nagender Fragen, die ihn quälten und ihm keine Ruhe ließen, aber noch wollte er Gandalf nicht fragen. Der Zauberer sah unruhig aus. Zwar war Sam außer Gefahr, aber die Kälte war nicht gut für ihn, trotz aller Decken.
Sam war ganz ruhig. Er sah hinunter zu Frodo und lächelte liebevoll. Fast meinte Frodo, die Scham stünde ihm im Gesicht geschrieben, die er empfand, aber dennoch schaffte er es, das Lächeln zu erwidern und Gandalf nahm das mit Erleichterung zur Kenntnis.
Am frühen Morgen schließlich, nachdem die Ponys schon lange nicht mehr so schnell liefen wie am Anfang, hielt Gandalf schließlich an und sagte: Eine Pause müssen wir uns und den Tieren nun doch gönnen, und da die Kälte der Nacht nun vorbei ist, sollten wir wirklich einmal anhalten.
Frodo sah ihn stirnrunzelnd an und fragte: Meinst du denn, wir können warten?
Bevor Gandalf antworten konnte, meldete sich Sam zu Wort: Es geht schon. Mir geht es soweit gut. Mach dir keine Sorgen.
Merry und Pippin waren zwar aufgeregt gewesen, aber die Erschöpfung machte sich bei ihnen schnell bemerkbar und nach einem Frühstück fielen sie bald in einen tiefen Schlaf.
Daran war bei Gandalf, Sam und Frodo nicht zu denken. Sam lehnte an Frodo, bis zur Nasenspitze in Decken gewickelt, und die beiden sahen Gandalf an. Das Schweigen, das zuerst herrschte, wurde nur durchbrochen vom Schnarchen ihrer Freunde.
Dann verratet mir doch einmal, was passiert ist, sagte Gandalf schließlich und sah Frodo erwartungsvoll an. Er hatte die Arme um Sam gelegt, immer noch voller Sorge um das Wohlergehen seines Freundes, und schließlich senkte er den Blick, bevor er zu sprechen begann.
Als wir Norburg erreichten, wußte ich, daß wir richtig waren. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, aber ich war mir sicher, daß wir es bald erfahren würden. Während Sam durch die Hügel lief, blieb ich allein in der alten Festung, als plötzlich Orks kamen und mich angriffen. Er machte eine kurze Pause. Sie hatten vor, Hobbits als ihr nächstes Essen zu nehmen, und es wäre ganz böse geendet, wenn Sam mich nicht so schnell gefunden hätte. Er ist einfach hineingestürmt und hat mich gerettet. Ich war so erleichtert... aber ich war noch immer so unruhig und schließlich waren wir in der großen Halle, wo ich auf dem alten Thron die Morgulklinge gesehen habe. Dann geschah etwas Seltsames. Ich wußte nicht mehr, was ich tat, ich konnte nicht mehr nachdenken, aber wie von selbst nahm ich das Schwert und die Stimme meinte, alles würde nun gut, wenn ich nur zustechen würde...
Gandalf nickte verständnisvoll. So etwas hatte er bereits befürchtet.
Sam war plötzlich da und stieß die Waffe weg. Dabei sind wir gefallen und während er mir das Leben gerettet hat, konnte ich nichts tun, um... wegen mir leidet er jetzt!
Herr Frodo, das ist doch Unsinn! unterbrach Sam ihn und sah ihn freundlich an. Wieder schämte Frodo sich zutiefst.
Ich dachte, du würdest sterben, Sam! Und das alles wegen mir! Ich bin schuld...
Sams Hand kämpfte sich ihren Weg durch die Decken und er legte sie auf Frodos kalte Hand.
Ich bin selbst schuld. Genausogut hättest du mich angreifen können, denn du warst nicht mehr du selbst, aber es war mir egal. Ich wußte nur, daß ich dich retten muß, und daß dabei dieser Unfall passiert ist, bist du nicht schuld! erklärte Sam bestimmt.
Frodo schluckte.
Es tut mir so leid... wenn ich nicht weggelaufen wäre oder auf dich gehört hätte, wäre das nicht passiert!
Es wird doch alles wieder gut, Frodo!
Gandalf nickte zustimmend. Sam hat Recht. Und nun will ich dir etwas sagen, Frodo Beutlin. Anhand deiner Schilderungen habe ich nun erkannt, worum es die ganze Zeit ging. Von Morgoth weißt du, nehme ich an? Vielleicht sollte ich woanders anfangen, aber so kann ich es dir dennoch am besten erklären.
Frodo nickte. Er verstand bereits einiges, aber er war gespannt, was Gandalf nun sagen würde.
Er hat Sauron als Stellvertreter nach Mittelerde geschickt, er ist inzwischen verbannt, fort und nicht mehr gefährlich. So dachte ich zumindest. Allerdings ist es so, daß er einen Weg gefunden zu haben scheint, von den Ereignissen des Ringkrieges zu erfahren, Saurons Sturz und deinen Taten. Ebenso hat er es geschafft, sich einen Weg in die Welt zurück zu suchen durch Gedanken. Das war mir nicht ganz unbekannt, denn hinter bösen Gedanken steckt er oft.
Aber das war etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Er scheint die ganze Zeit auf der Lauer gelegen zu haben. Ich bin mir sicher, daß er es war, denn so teuflische Energien hat nur er und Sauron ist nicht mehr gefährlich.
Nervös biß Frodo sich auf die Lippen. Seine Taten hatten ungeheure Kreise gezogen, das machte ihm Angst, aber ebenso spürte er genau, daß es vorbei war.
Er hat darauf gewartet, daß du schwach wirst, Frodo. Mit Genugtuung wird er von allem erfahren haben, was bisher geschehen ist, aber sehr zu seinem Verdruß haben die Kräfte des Guten immer gesiegt.
Ich bin ehrlich zu dir. Ich habe es damals nur zu gut verstanden, daß du in den Westen gehen wolltest, denn ich hatte denselben Gedanken. Auch ich wollte meinen Frieden haben und wußte, du hattest es dir so gut überlegt, wie ich es getan hatte.
Dennoch kam es nicht überraschend, als du plötzlich sagtest, daß du zurück willst. Denn auch diesen Gedanken konnte ich allzu gut nachvollziehen. Ich bin mitgegangen, Frodo, weil ich mich dafür verantwortlich fühlte, daß dir all das widerfahren ist und es hat mich mit Trauer erfüllt, zu sehen, daß du nicht das zurückgewonnen hattest, was du dir erhofft hast. Ich schob mir die Schuld zu, denn ich erinnere mich zu gut daran, daß ich dich darum gebeten hatte, den Ring nach Bruchtal zu bringen und damit war es zu spät. Ich hätte wissen müssen, daß du die Aufgabe auf dich nimmst und ich bin nun einmal dein Freund. Ich habe es mir seitdem zur Aufgabe gemacht, auf dich zu achten, und wir wissen, daß es mir trotzdem nicht gelungen ist. Ich bin zurückgekehrt, um dein Schicksal zu teilen, denn ich bin der Meinung, es ist meine Pflicht, Anteil daran zu nehmen.
Die beiden Hobbits hörten ihm erstaunt zu, ebenso neugierig wie erschüttert, aber sie unterbrachen ihn nicht. In Frodo erwuchs ein immer größeres Verständnis und Gandalf fuhr fort.
Ich wollte dafür sorgen, daß du hier in Frieden leben kannst und außerdem war Mittelerde mir auch ans Herz gewachsen. Dein Gedanken, deine Entscheidung rückgängig zu machen und zurück in die Heimat zu gehen, hat mich glücklich gemacht, aber ich war immer voller Sorge, daß die Gedanken, die dich dazu bewogen hatten, wegzugehen, wiederkehren würden.
Lange ist es nicht geschehen, du hattest auch kaum Gelegenheit, wenn wir ehrlich sind. Das Böse schlief nicht und das wird es nie tun, aber solange ich hier weile, werde ich auf dich achten, Frodo.
Nun, ich war oft und lange weg, aber als mich das Gefühl ereilte, daß etwas nicht in Ordnung war, bin ich sofort nach Hobbingen geeilt, um nach dem Rechten zu sehen. Was ich dann erfuhr, erschütterte mich zwar, aber es wunderte mich keineswegs. Ich konnte mir vorstellen, wie du gelitten hast, wie du verzweifelt nach dem Frieden gesucht hast, ihn aber nicht finden konntest. Wie schlimm es war, wurde mir dadurch klar, daß niemand es geschafft hatte, dir da herauszuhelfen.
Darauf hatte die Stimme, die du schließlich hörtest, nur gewartet. Im richtigen Moment war sie da und versprach dir das Unerreichbare, und gegen so etwas ist niemand gefeit, wenn er keinen Boden mehr unter den Füßen hat.
Im ersten Moment war ich entsetzt, zu erfahren, daß du in dieser Verfassung auch noch fortgelaufen bist und immer der Gefahr entgegen, aber mir war ebenso klar, daß das Möglichkeiten barg. Es war nicht unwahrscheinlich, dich bald zu finden, und das hat Sam unfreiwillig schließlich auch getan. Das war der Moment, wo es wirklich schwierig wurde. Bis dahin war kaum etwas Bemerkenswertes zu nennen, aber diese Notsituation hat dich ein erstes Mal wachgerüttelt und du hast alle Ängste und Sorgen vergessen und dich deines Freundes erinnert. In diesem Moment warst du zwar noch nicht stark genug, dich der Stimme des Bösen zu erwehren, denn ein Freund allein schien dir in diesem Moment wohl nicht das zurückzugeben, wonach du dich so sehntest.
Staunend nickte Frodo. Ihm war klar, daß Gandalf vieles durchschaute, aber alle seine Worte waren richtig gewesen. Die Wahrheit wurde ihm deutlich vor Augen geführt.
Du warst nicht mehr allein, die Stimme hat dich sofort zurückgeholt und du warst glücklich, jemanden bei dir zu haben, der dich gegen alle Verfolgungen beschützen konnte. Vermutlich ist so etwas wohl auch noch einmal geschehen, wenn ich mich an die Tierspuren erinnere. Daß dich wirklich jemand verfolgt hat, Frodo, ist fraglich, aber nicht unwahrscheinlich. In jedem Falle reiste es sich leichter mit einem Freund und du konntest nicht anders, als den Versprechungen der Stimme folgen, denn sie schienen der einzige Ausweg zu sein in diesem Augenblick.
Ich habe von Anfang an gesagt, daß der Beweis in einer extremen Situation angetreten würde, daß das Gute stärker ist als alles Böse, das überhaupt existiert. Denk nur daran, was Sam getan hat, als die Orks kamen, und was er getan hat, als du die Klinge in der Hand hattest.
Plötzlich hörte er auf, zu sprechen, und Frodo schüttelte langsam den Kopf, bevor er den Blick hob und sagte: Jetzt verstehe ich. Du hast Recht. Ich habe gesehen, daß ich wahrhaftig nicht so unbedeutend und allein bin, wie ich dachte, denn Sam hat mich nicht verlassen, sondern gerettet. Ihm bin ich wichtig. Euch ebenso. Ich habe es nicht mehr sehen können... Aber selbst als Sam mich vor den Orks gerettet hat, wurde es mir noch nicht klar. Diese Einsicht hatte ich erst, als er plötzlich schreiend vor Schmerzen neben mir lag und ich sah, was ich angerichtet hatte. Auf einmal hatte ich begriffen. Und die Stimme hatte mich verraten, hatte gesagt, daß nichts Schlimmes passieren würde, und es war passiert. Es war ihre Absicht gewesen.
Ich sah, ich war der Grund dafür, daß mein bester Freund plötzlich leiden mußte, der Schrei scheint mich wachgerüttelt zu haben... plötzlich war alles anders und ich war verzweifelt, nicht mehr wegen mir, sondern wegen einem Freund. Die Stärke der Freundschaft war mir wieder bewußt und ich konnte nicht begreifen, daß Sam sterben sollte, weil... weil er mir geholfen hat! Er hat mir geholfen!
Da war dann wieder ein Sinn. Ich hatte ihn gefunden. Ich wußte, der Frieden war die ganze Zeit da, nur hatte ich ihn nicht gesehen, aber das Gute war stark. Ich verstand nicht, daß wegen meiner Schuld mein Freund leiden mußte, ich habe mich so geschämt, ich war am Boden zerstört...
Er brach ab und schloß die Augen. Tränen rannen über seine Wangen und Sam drückte seine Hand.
Ja, Frodo, manchmal bedarf es solcher Ereignisse, um sich über die Wahrheit klar zu werden. Es ist glimpflich ausgegangen, den Valar sei dank, und ich weiß, nun wird alles wieder gut und du findest deinen Frieden, da brauchst du keine Angst zu haben. Morgoth mußte einsehen, daß die Kraft der Freundschaft stärker ist als sein Haß und seine Rachsucht. Nun ist es zu spät für ihn.
Schweigen senkte sich herab, Schweigen, in dem Sam noch einmal genau über Gandalfs Worte nachdachte. Er spürte, wie Frodos Hand unter seiner wieder wärmer wurde, wie er sich beruhigte, überhaupt zur Ruhe kam und schließlich sagte er: Ich war zuversichtlich, daß wir es gemeinsam schaffen mußten. Ich fühlte mich für dich verantwortlich! Du lebst mit mir unter einem Dach, und ich konnte nichts tun. Ich hatte Angst um dich. Und bitte, mach dir keine Vorwürfe wegen der Verletzung. Das ist wirklich nicht deine Schuld. Wegen mir brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Freu dich lieber mit mir, daß alles wieder in Ordnung ist!
Frodo umarmte ihn ganz fest und Sams Lächeln wurde breiter. Für ihn war es bereits der schönste Dank, jetzt hier mit Frodo zu sitzen und ihn frei zu sehen. Frei von allem Übel.
Sie sagten nichts mehr, keiner von ihnen dreien. Irgendwann legten Frodo und Sam sich zum Schlafen nieder und Gandalf wachte über sie.
Als sie am Mittag des folgenden Tages endlich das Breeland vor sich sahen und wenig später die Tore und dann das Gasthaus Zum Tänzelnden Pony, fiel ihnen allen ein Stein vom Herzen.
Wenig später saßen sie im Inneren des Wirtshauses und mit einer Lehne im Rücken fiel es Sam gar nicht schwer, am Tisch zu sitzen und ein wenig zu essen. Frodo war überglücklich, als er das sah, aber nach dem Mahl brachte er ihn ins Gästezimmer und half ihm, sich ins Bett zu legen.
Sam seufzte. Endlich mal wieder ein richtiges Bett! Nicht, daß du mir nochmal durch die Wildnis läufst, wo es keine Betten gibt!
Frodo lachte, und das Lachen war mehr als echt, es verleitete Sam dazu, mitzulachen und die beiden konnten sich kaum noch beruhigen - allerdings mußte Sam sehr aufpassen wegen der Bauchverletzung, die Gandalf jedoch so gut versorgt hatte, daß sie bereits zu heilen schien.
Frodo legte sich in das Nachbarbett, müde wie er war, und er war sogar noch schneller eingeschlafen als Sam. Dieser sah noch eine Weile gedankenversunken zu ihm hinüber, bis ihm die Augen zufielen.
Als Merry und Pippin nach unzähligen Krügen Bier und einigen guten Pfeifen ins Zimmer kamen, fanden sie die beiden nur friedlich schlafend und grinsten.
Gandalf war noch in der Wirtsstube geblieben, um ein wenig mit Butterblüm zu plaudern.
Sie gingen aber alle früh zu Bett und schliefen am nächsten Morgen noch lange, um die Strapazen der Reise auszugleichen, aber nach einem ausgiebigen Frühstück machten sie sich dann auf die letzte Etappe der Reise. In zwei Tagen würden sie wieder in Hobbingen sein, soviel stand fest, und Sam, der noch immer mit Gandalf ritt, konnte es kaum erwarten.
Am Abend erreichten sie dann Froschmoorstetten und kehrten dort im Gasthaus ein, wo sie herzlich bewirtet wurden und eine angenehme Nacht verbrachten. Sam freute sich immer, sobald er die Gelegenheit hatte, sich zum Schlafen hinzulegen, denn das war die für ihn angenehmste Position.
Der nächste Morgen war geprägt von Aufregung und sie hielten sich nicht mehr lange auf, sondern machten sich bald auf den Weg und erreichten am frühen Nachmittag endlich Hobbingen.
Von den Nachbarn freundlich begrüßt ritten sie endlich auf Beutelsend zu und es überraschte keinen der fünf, als plötzlich die Tür geöffnet wurde und die kleine Elanor auf sie zulief.
Papa! Papa! Da bist du ja endlich! Ich hab doch schon gewartet! rief sie aufgeregt und Gandalf stieg mit Sam vom Pferd, trug ihn aber weiter.
Papa, was ist denn? Bist du krank? Warum kannst du nicht laufen? fragte das kleine Mädchen mit großen Augen und Sam strich ihr über den Kopf.
Nein, meine Prinzessin, ich bin nicht krank, mach dir keine Sorgen. Bald kann ich auch wieder laufen.
Im gleichen Moment stand Rosie schon in der Tür mit dem kleinen Frodo auf dem Arm. Man konnte ihr die Erleichterung ansehen, als sie die vier Hobbits und Gandalf entdeckte, aber im nächsten Augenblick sah sie, daß etwas mit Sam nicht in Ordnung war und lief auf sie zu.
Was ist geschehen? fragte sie und Sam lächelte.
Es ist nicht schlimm.
Der kleine Frodo quietschte vergnügt, als er seinen Vater hörte, und er war gerührt.
Na, hast du mich vermißt, du kleiner frecher Kerl? Aber ich bin ja wieder hier.
Gandalf ging voran und legte Sam vorsichtig in sein Bett.
Der Hobbit seufzte und blickte zufrieden an die Decke.
Hier gefällt es mir!
Vorsichtig entledigte er sich aller Decken und seines Mantels, dann machte er es sich bequem und sah verwundert, wie die anderen sich um das Bett scharten.
Rosie sah ihn und Frodo abwechselnd erwartungsvoll an, bis Sam schließlich sagte: Es ist nur eine Verletzung, aber sie heilt schon wieder. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.
Dann begannen die Reisegefährten, von den Ereignissen zu berichten und Rosie machte große Augen. Frodo erzählte vergnügt einiges von den Vorfällen, ganz besonders belustigte ihn Rosies erstaunter Gesichtsausdruck, als er zur Sprache brachte, daß er sich freiwillig in einen Fluß getraut hatte, und das zweimal.
Für einen Hobbit sehr ungewöhnlich, aber so war Frodo nun einmal.
Von Hunger geplagt, schlichen Merry und Pippin sich irgendwann in die Küche, aber Rosie ging mit und richtete ein gutes Mahl an.
Gandalf blieb bei Sam und Frodo, aber die drei hüllten sich in Schweigen. Sam war froh, wieder zuhause zu sein, und Frodo nicht minder.
Gandalf wußte, er mußte sich keine Sorgen mehr machen, und im Laufe des Nachmittags verlief sich die Versammlung um Sams Bett ein wenig. Merry und Pippin mußten Elanor Rede und Antwort über das große Abenteuer stehen, Gandalf und Sam lachten, als sie die Verzweiflung der beiden gezwungenen Geschichtenerzähler sahen und ganz unerwartet folgte Frodo Rosie, die in die Küche gegangen war, um einige Sachen für den Tee zu holen.
Schließlich stand er unschlüssig im Türrahmen und sie drehte sich um.
Ich wollte mich ent... begann er, aber Rosie winkte ab.
Er tat, was er tun mußte, Frodo. Ich wußte, es würde mit Gefahren verbunden sein, aber ich weiß ebenso, daß er mit guten Freunden unterwegs war und ich war mir sicher, daß nicht nur er entschlossen war, dir zu helfen. Du hast ihn genausowenig im Stich gelassen, wie er das getan hat, und der einzige, der dir Vorwürfe macht, bist du selbst.
Frodo senkte den Blick. Soviel Wärme bewegte ihn zutiefst.
Du bist wundervoll, Rosie, sagte er schließlich und wandte sich schnell ab, damit sie nicht sah, wie sehr es ihn tatsächlich bewegte.
Er kehrte zurück zu den anderen und am Abend, als sich alle schlafen legen wollten, setzte er sich in einer ruhigen Minute allein zu Sam ans Bett.
Lange sagten die beiden nichts, aber bevor Frodo aufstand, um zu gehen, sagte er nur: Danke, Sam, und damit verließ er das Zimmer.
Noch bevor er wirklich zur Tür hinaus war, antwortete Sam: Gern geschehen.
Der Alltag war wieder eingekehrt, Merry und Pippin waren nach Hause zurückgekehrt und auch Gandalf war wieder einmal verschwunden. Sam lief noch ein wenig mühselig, aber Frodo schaffte es immer wieder, Elanors Aufmerksamkeit von ihrem Vater abzulenken und wieder lief sie hinter ihm her und schrie übermütig: Ich krieg dich!
Es dauerte nicht lange, da polterte es laut und Sam ging, um nachzusehen, was da im Wohnzimmer geschah.
Sie hatten einen Stuhl umgerissen und als Sam näher kam, hörte er schließlich auch, daß Frodo laut lachte und um Hilfe schrie.
Sam! Hilf mir! Dieser Quälgeist kriegt mich noch klein!
Triumphierend kniete Elanor auf ihm, das Holzschwert lag neben den beiden auf dem Fußboden, und vergnügt war die Kleine damit beschäftigt, ihren großen Onkel Frodo gewaltig durchzukitzeln.
Sam! Mach doch was!
Was auch immer er versuchte, um sich ihrer zu erwehren, es hatte keinen Erfolg und Sam lachte kopfschüttelnd.
Frodo war wieder glücklich, und Sam konnte von sich nichts anderes behaupten.