Dreizehntes Kapitel: Das wahre Gesicht
Das Warten wurde ihnen fast zu lang. Nun, da sie wußten, daß ihre Freunde bald da sein würden, saßen die Hobbits alle wie auf heißen Kohlen und warteten. Aber Frodo fühlte sich so scheußlich, weil er genau wußte, in welche Gefahr ihn das noch brachte. Er wollte das nicht, aber was sollte er tun?
Er war völlig hilflos. Er haßte dieses Gefühl. Liliane saß auf seinem Schoß, er hatte es zu verhindern gewußt, daß sie sich zu weit entfernte, denn seine Sorge um sie machte ihn fast krank. Er konnte sie besser beschützen, wenn sie bei ihm war.
Liliane wußte nicht ganz, was sie von seinem eigenartigen Verhalten halten sollte. Was Frodo tat, kam ihr ein wenig seltsam vor, aber wie Sam schob sie es auf Freude und Erleichterung.
Schließlich wurden die Hobbits richtig aufgeregt und liefen nach draußen. Aragorn und Gandalf hatten sie noch nicht gefunden, aber diese waren inzwischen davon unterrichtet worden, daß Reisende sich näherten und so warteten sie bereits am Tor.
Frodo trug Liliane wieder, was ihn über die vielen Treppen ziemlich angestrengt hatte. Allzu gut stand es immer noch nicht um seine Kondition. Doch dann, als sie alle im Tor standen und ihre Freunde bereits kommen sahen, nahm erst einmal ihre Freude Überhand. Endlich hatten sie es geschafft! Jetzt, wo Legolas da war, war die Gefahr so gut wie gebannt.
Und dann kamen sie. Das letzte Stück gingen die beiden selbst zu Fuß, sie stiegen vom Pferd und beeilten sich, zu ihren Freunden zu kommen, die sie sehnsüchtig erwarteten.
Gimli hatte sich bereits bei Legolas beklagt. Er hatte die Nase so richtig voll, er wollte endlich ankommen, er konnte den roten Staub nicht mehr sehen, sagte er. Ein Gemäuer, das würde ihm zusagen, aber noch war keines gefunden.
Wie in den Glitzernden Grotten, Legolas, ein solcher Ort würde mir gefallen! Kannst du dir das vorstellen? Ich bin sicher, so etwas gibt es in diesen Ödlanden gar nicht!
Ich habe auch noch nichts davon gesehen, gab der Elb kurz angebunden zurück. Gimli brummte mißmutig. Ihm fehlte die Dunkelheit der Höhlen! Das liebte er.
Doch dann, als sie einen weiten Ausläufer des Waldes umrundeten, kam endlich die gesuchte Festung in Sicht, die sie zu finden gehofft hatten.
Wird wirklich Zeit! murrte der Zwerg und Legolas lächelte. Doch dann erspähte sein Elbenauge bereits seine Freunde, die scheinbar ungeduldig im Tor standen.
Sieh, da sind sie! Sie waren auf uns. Bin ich froh, daß wir sie endlich gefunden haben!
Ich seh überhaupt nichts. Wer ist denn da?
Aragorn und Gandalf, Sam, Merry, Frodo - moment, er hält Liliane in den Armen! Was ist denn da los? Und... und Pippin ist auch da. Aber - er hatte doch geschrieben, daß es Frodo schlecht ginge. Das sieht mir eher gar nicht danach aus, sonst würde er wohl kaum da stehen und... nun läßt er sie herunter, aber das ist trotzdem seltsam. Irgendetwas ist wohl vorgefallen!
Ich weiß auch, was. Vor lauter Langeweile haben sie schon die Rollen getauscht. Diese Einöde hier...
Legolas zuckte mit den Schultern. Der Zwerg war einfach unverbesserlich.
Doch als sie nahe herangekommen waren, sprangen sie vom Pferd und gingen auf ihre Freunde zu. Wahrhaftig schienen sie sehr sehnsüchtig erwartet zu werden, aber Legolas blieb für einen Moment noch ganz ruhig. Er warf erst Aragorn und Gandalf ein Lächeln zu, wandte sich dann zu den Hobbits und kniete sich zu ihnen herab, um nicht soviel größer zu sein als sie. Er war erstaunt, als er Liliane neben Frodo stehen sah und sie ihm so erschien, wie Aragorn eigentlich Frodos Zustand beschrieben hatte.
Wenn die Reise für euch ähnlich anstrengend und weit war, weiß ich, was ihr hinter euch gebracht habt. Wir sind sofort aufgebrochen, als wir den Brief erhielten, denn unsere Sorge war groß. Aber nun sehe ich, daß es wohl nicht mehr Frodo ist, der meiner Hilfe bedarf? endete der Elb mit einer Frage. Frodo nickte.
Es ist so schön, dich zu sehen, Legolas. Und auch dich, Gimli, wenn du auch nicht derjenige sein wirst, der Liliane helfen kann. Denn ihr wißt nicht, was zuletzt geschehen ist!
Kommt erst einmal und dann werden wir es euch in Ruhe schildern, bemerkte Gandalf und so betraten sie das Innere der Festung. Die Pferde waren schnell untergebracht, doch bevor sie in den Turm traten, beschäftigten Legolas seine Fagen zu sehr, als daß er sie hätte hintenanstellen können.
Und was ist geschehen? Mir scheint, als wäre wirklich etwas vorgefallen!
Das ist es. Der letzte Lagerplatz, den ihr vielleicht gesehen habt, ist der Ort, an dem ich darum gebeten habe, daß wir eine Pause einlegen sollten. Das war vorgestern. Denn ich hatte keine Kraft mehr, noch länger durchzuhalten. Es... es mag unglaublich klingen, aber ich wußte, daß ich sterben würde und so ist es geschehen. Doch ich wurde plötzlich wieder wach, als die anderen mich hierher gebracht hatten und Alatar hat mich gerettet, indem er mir meine fehlende Kraft zurückgegeben hat - oder vielmehr hat Liliane mir sie durch Alatar gegeben. Deshalb ist es nun sie, die deiner Hilfe bedarf!
Legolas war überrascht, das zu hören. Merry und Pippin hatten sich bereits kurz mit Gimli unterhalten, aber der Zwerg schaute ebenfalls sehr ungläubig und wiederholte: Dann warst du tot?
Frodo nickte. Und ich wäre es, wenn sie mir nicht geholfen hätten. Aber nun... bitte, Legolas, hilfst du Liliane?
Frodo hielt sie bereits wieder fest in seinen Armen und sie hatte die ganze Zeit über noch nichts gesagt, doch nun erwiderte sie das freundliche Lächeln des Elben, der sagte: Selbstverständlich. Aber ich muß sagen, es ist an keinem von euch spurlos vorübergegangen. Du bist entsetzlich dürr, Frodo, und du gibst auch kein besonders ansehnliches Bild ab, wenn ich das so sagen darf, sagte Legolas zu Liliane gewandt.
Das weiß ich. Wenn ich nur ein wenig so aussehe, wie ich mich fühle, muß es schrecklich sein! sagte sie und lächelte.
Das ist unglaublich... murmelte Gimli. Er konnte das noch gar nicht begreifen. Frodo tot - nun war es Liliane, die Legolas Hilfe benötigte... alles sehr seltsam im Osten.
Kommt. Alatar wird mit dir sprechen wollen, Legolas, und dann wird er Liliane wieder zu neuen Kräften verhelfen!
Das hoffe ich doch, sagte Legolas auf Gandalfs Worte hin.
So stiegen die Freunde gemeinsam hoch in den Turm, um nach Alatar zu sehen. Nun waren wieder seine Künste gefragt. Allerdings ahnten sie alle nichts davon, was für Frodo traurige Gewißheit war: Er betrog sie. Die Macht hatte für ihn zu verführerisch geklungen.
Aber bald sollten sie das auch erfahren.
Frodo trug Liliane weiter, er ließ sie sich von niemandem abnehmen. Legolas fragte ihn danach, doch für den Hobbit stand fest, daß er sie nicht aus den Augen lassen würde, sie sollte bei ihm sein, damit er acht auf sie geben konnte. Schließlich hallten ihm Alatars Drohungen noch immer in den Ohren nach. Um keinen Preis durfte ihr etwas geschehen! Was bereits vorgefallen war, war genug. Und immerhin stand eines fest: Alatar würde frühestens bekommen, was er wollte, wenn Liliane bereits geholfen war. Und so wie Frodo seine Freunde kannte, würden sie genausowenig von den Forderungen des Zauberers begeistert sein wie er es war.
Schließlich standen sie vor ihm. Alatar begrüßte zuerst einmal Legolas und Gimli in aller förmlichen Höflichkeit und dann setzten sie sich alle zusammen, während der Zauberer Legolas erklärte, was sein Vorhaben war.
Ich werde es genau so machen wie beim letzten Mal. Durch meine Fähigkeiten wird sie soviel von Eurer Kraft erhalten, wie sie braucht. Wahrscheinlich werdet Ihr es kaum spüren, da ihr als Unsterblicher sehr viel Kraft habt. Aber ihr kann es helfen, wieder ganz normal zu leben. Ihr wollt es also tun?
Natürlich, das steht außer Frage! erwiderte Legolas und bemerkte nicht, wie auch keiner unter den anderen, wie Alatar Frodo einen zwar flüchtigen, aber immer noch sehr eindringlichen Blick zuwarf, den der Hobbit sofort deuten konnte.
Alatar erinnerte ihn an ihr Abkommen. Es war ein Tausch. Frodo bereute es nicht, vorläufig darauf eingegangen zu sein, wenngleich er immer noch sehnsüchtig hoffte, daß irgendetwas geschah, das verhinderte, daß er Alatar wirklich die Kraft geben mußte. Er konnte das doch nicht verantworten!
Aber konnte er veantworten, Liliane im Stich zu lassen? Er haßte es, so erpreßt zu werden.
Dann, denke ich, sollten wir es hinter uns bringen! sagte der Zauberer und wies Legolas an, sich mit dem Rücken auf den langen Tisch zu legen, an dem sie gerade gesessen hatten. Die anderen hielten Abstand, traten zurück und sahen nur zu.
Kopf an Kopf müßt ihr liegen, euch an den Händen fassen und alles weitere werde ich tun. Alatar gab Frodo ein Zeichen, daß er Liliane hinter Legolas legen sollte und das tat Frodo, doch dann drückte er ihre Hand, bevor Legolas sie in seine nahm und sagte zu ihr: Bald wirst du dich gar nicht mehr daran erinnern, wie das war, es wird dir endlich wieder gut gehen!
Legolas lächelte, als er die beiden im Augenwinkel sah. Er hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er helfen würde, denn es war wirklich kein besonders großes Opfer für ihn, das wußte er. Er war zu vielem bereit, wenn es um seine Freunde ging!
In diesem Augenblick geschah etwas, was ihn fast spöttisch grinsen ließ. Er sah, daß Gimli sich auf dem Absatz umdrehte und etwas murmelte von kann da nicht hinsehen, als er sich bewußt machte, was Legolas nun tun würde. Er malte sich die schrecklichsten Dinge aus und zog es vor, kein Augenzeuge zu werden und zu verschwinden. Er als mittlerweile erprobter Reiter würde sein Leid den Pferden klagen, aber ansehen würde er sich das nicht!
Legolas umfaßte die kleinen Hände der Hobbitfrau mit seinen und die beiden schlossen die Augen. Frodo stand noch immer vor dem Tisch und wollte nicht weichen, bereit, jederzeit den Arm nach ihr auszustrecken und sie zu sich zu holen, sollte Alatar etwas versuchen. Doch der Zauberer merkte genau, was dem Hobbit durch den Kopf ging und sagte, bevor er seine Hände je auf die Stirn von Legolas und Liliane legte: Ihr müßt zurücktreten, Herr Beutlin, es kann gefährlich für euch sein, so nah dabeizustehen.
Frodo sah Alatar scharf an. Er glaubte ihm kein Wort, aber er tat, wie ihm geheißen und trat zurück zu den anderen. Sam stellte sich neben ihn und sah ihn kurz an mit großen hellen Augen, er merkte, daß Frodo sehr besorgt war, aber das konnte er gut verstehen angesichts der Tatsache, daß nun etwas geschehen sollte.
Doch es war wie schon beim ersten Mal. Alatar schloß selbst die Augen und konzentrierte sich darauf, dem Elben soviel an Kraft zu nehmen, wie Liliane brauchte. Ein Leuchten umgab Legolas, kein sichtbares, aber ein spürbares, das sich erhob und mit einem gewaltigen Stoß, der alles erschütterte, auf Liliane überging.
Wie beim letzten Mal sank Alatar für den Moment erschöpft zusammen und niemand rührte sich, auch nicht Liliane oder Legolas.
Aber Alatar paßte genau auf. Er hatte die Hand schon ausgestreckt und ahnte bereits, daß er sie alle unter Druck setzen mußte, wollte er erreichen, was ihm vorschwebte. So erholte er sich nur für einen Augenblick und lauerte.
Legolas kam als erster zu sich, öffnete die Augen und rieb sich die Schläfen. Etwas war geschehen, in ihm war alles wie aufgewühlt, aber ansonsten spürte er keine merkliche Veränderung. Er wandte den Kopf zu seinen Freunden und spürte, wie Liliane hinter ihm den Kopf hob und sich aufrecht setzen wollte.
Als Frodo das sah, wollte er sich beeilen, zu Liliane zurückzukommen. Aber er war nicht schnell genug. Sein Herz setzte für einen Moment aus, als er sehen mußte, wie Alatar rasend schnell reagierte, aufsprang und, selbst bevor Legolas etwas tun konnte, Liliane packte und vom Tisch zerrte. Doch damit nicht genug, er griff ruckartig in seine Tasche und zog geschwind einen kurzen Dolch hervor, den er Liliane an die Kehle hielt. Er hatte sie an sich gedrückt und einen Arm mit stählernem Griff um sie gelegt.
Sie war noch wie weggetreten gewesen für einen Moment, doch als sie nun das kalte Metall der scharfen Klinge auf ihrer Haut spürte, schrie sie fast auf vor Schreck und hatte plötzlich Angst, weil sie überhaupt nicht mehr verstand, was um sie herum vorging. Alatar hatte sie doch gerettet, was bei den Valar tat er da jetzt bloß?
Vergeblich versuchte sie, sich loszureißen und griff mit beiden Händen nach Alatars Arm, der sie gleich einer Zange festhielt.
Nicht weniger verwirrt richtete Legolas sich ganz langsam auf und sah abwechselnd von seinen Freunden zu Alatar und bemerkte, wie auch der Zauberer und Liliane, daß Frodo abrupt in seiner Bewegung innehielt und die Hände zu Fäusten ballte. Schlagartig verdüsterte sich sein Blick, er hielt starr vor Schreck die Luft an und es war für einen kurzen Augenblick so still, daß alle nur ihren eigenen Atem hörten - sofern sie darauf achteten, denn sie waren alle gleichermaßen geschockt.
Wir hatten es doch so abgemacht, Frodo Beutlin! Ich will gefälligst, daß du dein Versprechen einlöst, sonst werde ich leider etwas tun müssen, das dir bestimmt nicht gefällt!
Als fiele eine Maske von ihm ab, sahen sie alle in diesem Moment das böse Gesicht dieses Zauberers. Doch noch wußte niemand, wovon er wirklich sprach.
Liliane war wie gelähmt. Während sie Frodo erschrocken und verwirrt ansah, weil sie nicht verstand, wovon Alatar sprach, spürte sie, wie mit einem warmen Kribbeln das Leben in sie zurückkehrte und sie wieder an Stärke gewann. Aber das half ihr nicht, denn der konstante Druck des Dolches gegen ihren Hals erinnerte sie daran, daß sie sich in Lebensgefahr befand.
Ich hatte gar nicht die Absicht, es zu brechen, aber laßt sie aus dem Spiel! Das war eine Abmachung zwischen uns! rief Frodo wütend und warf Liliane einen entschuldigenden Blick zu.
Gut... ich dachte schon, du wolltest weiter darauf achten, daß ich sie nur nicht in die Finger bekomme - aber dafür ist es nun sowieso zu spät, wie du siehst! Ich habe nun meinen Teil der Abmachung erfüllt. Und damit du es ähnlich tun kannst, werde ich nun alle bitten, zu gehen und meine Festung zu verlassen! Ein wenig Ruhe wäre mir lieber, um mein Ziel in die Tat umzusetzen!
Frodo, was hast du... begann Liliane, aber sie war so fassungslos, daß sie nicht weitersprechen konnte. Frodo spürte, wie sie ihn mit angstgeweiteten Augen hilfesuchend ansah, doch er wußte nicht, was er nun tun sollte. Alatar hatte ihn überlistet.
Was er hat? wiederholte Alatar. Er hat mir ein Versprechen gegeben. Meine Hilfe gegen die Macht, die er noch vom Ring in sich trägt, das ist der Tausch. Aber dazu wäre es mir lieber, wenn ihr alle, jeder von euch, jetzt verschwindet! Diese beiden bleiben als einzige hier, befahl er dann und deutete auf Frodo und Liliane.
Legolas spielte für einen Moment mit dem Gedanken, nach seinem Langmesser zu greifen und es nach dem Zauberer zu werfen, aber damit brachte er nur unnötig Liliane in Gefahr. So stand er nur langsam auf, stieg vom Tisch und ging zu den anderen.
Was ist? Muß ich ihr erst wehtun, damit ihr begreift, daß ihr verschwinden sollt? drohte Alatar laut und drückte den Dolch noch ein wenig fester gegen Lilianes Hals, so daß sie unwillkürlich zu zittern begann.
Hört auf! schrie Frodo ängstlich und fand sich in einer äußerst hilflosen Situation wieder. Die anderen starrten ihn alle an, als könne es nicht wahr sein, was er getan hatte.
Gut, wir... wir werden gehen, aber wir werden vor den Toren der Festung auf die beiden warten! sagte Aragorn bestimmt, der als erster die Fassung wiedergewonnen hatte. Er hatte sich sofort gedacht, daß Alatar Frodo erpreßt haben mußte, denn daß die Angelegenheit dem Hobbit kein besonderes Wohlbehagen bereitete, konnte er deutlich genug sehen.
Von mir aus. Aber bevor ihr auf dumme Ideen kommt, solltet ihr verschwinden, oder muß ich von dem Dolch Gebrauch machen? zischte Alatar und zwang die Freunde damit, den Weg nach draußen über die Treppe anzutreten. Er folgte als letzter mit Liliane, die er nicht losließ. Scheinbar war sie das beste erdenkliche Druckmittel, denn jeder reagierte sofort auf seine Anweisungen.
Ohnmächtiges Schweigen breitete sich aus, als sie hinuntergingen und auf den Hof traten. Sie riefen alle Krieger Gondors zusammen, die ihren Augen kaum trauten, als sie Alatar mit seiner Geisel sahen. Sofort begriffen sie, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Aufgestört vom Stimmengewirr vor den Stallungen spähte Gimli aus dem kleinen Fenster, dessen Unterkante sich genau auf seiner Augenhöhe befand. Er wollte sehen, warum sie alle gekommen waren, doch als er es sah, stockte ihm der Atem. Aber Legolas, der nach ihm unauffällig Ausschau hielt, gab ihm mit einer leichten Kopfbewegung ein Zeichen, daß er bleiben sollte, wo er war. Verstehend nickte Gimli und ging wieder in Deckung, denn nun mußte er sich verstecken.
Was tat dieser seltsame Zauberer? Hätte er sich doch gleich denken können, daß da etwas nicht in Ordnung war! Der war ihm sofort nicht ganz ehrlich erschienen, glaubte er jetzt zu wissen.
Und er wurde wütend. Dieser Schuft bedrohte Frodos kleine Frau! Das gehörte sich für den Geschmack des Zwergen überhaupt nicht. Wehe, wenn er ihn auch nur in die Finger bekam!
Versucht gar nicht erst, hier einzudringen. Es hätte nur ihren Tod zur Folge, und das wollt ihr doch bestimmt nicht! Wäre doch zu schade um die kleine Halblingsfrau! Aber ich werde die beiden gehen lassen, wenn ich habe, was mir zusteht! bemerkte Alatar kühl und wartete darauf, daß sie sich nach draußen bewegten - doch das taten sie alle nicht. Neben Aragorn stand Sam, der zu allem entschlossen zu sein schien, wenn man nach seinem Blick urteilte. Merry und Pippin erging es kaum anders und Bergil sträubte sich innerlich, Frodo mit diesem Verräter allein zu lassen.
Ganz ruhig blieb Gandalf, der sich schnell Gedanken dazu gemacht hatte und zu dem Schluß gekommen war, daß auch Alatar dem Ruf dieser Macht verfallen war. Er hatte sich sehr in ihm getäuscht! Aber noch war es nicht vorbei.
Frodo stand neben Alatar und Liliane und versuchte, ganz ruhig zu bleiben, was ihm allerdings sehr schwer fiel. Als er jedoch sah, daß die anderen immer noch keinerlei Anstalten machten, zu gehen, sagte er schließlich: Ich hatte keine Wahl... aber geht, bitte...
Sein flehender Blick machte seinen Freunden allzu deutlich, was ihm durch den Kopf ging. Er fürchtete um Liliane.
Unwillig wandten seine Freunde sich zum Gehen und kaum daß sie durch das Tor gegangen waren, gab Alatar den Befehl, es zu verriegeln und zu bewachen. Niemand von ihnen durfte wieder in die Festung gelangen ohne seinen ausdrücklichen Befehl.
Als das geschehen war, wandte er sich an Frodo.
Du scheinst wohl genau zu wissen, wie ernst ich es meine! Handle auch danach. Ich habe dir gesagt, daß ich dir mit dem Tod deiner Frau drohen kann - und das werde ich tun, wenn du nicht das tust, was ich sage!
Frodo senkte den Blick und nickte. Er fühlte sich nun selbst wie ein Verräter, an seinen Freunden, selbst an Liliane... doch als er den Kopf wieder hob, traf er ihren Blick und sah, daß sie Angst hatte, sich nicht einmal zu sprechen getraute - und in ihren Augen glitzerten Tränen. Sie konnte es nicht fassen, daß Frodo sich ihretwegen auf einen derartigen Handel eingelassen hatte.
Derweil gab Alatar einem seiner Untergebenen einen Wink, flüsterte ihm einen Befehl zu und dieser hastete davon, während er mit den Hobbits zum Turm zurückging. Ihm war nicht aufgefallen, daß Gimli nicht mit den anderen durch das Tor hinausgegangen war, aber darauf hatte er nicht geachtet.
Bevor sie den Turm wieder betraten, kam der Ostmensch zurück, wunderte sich still darüber, daß Alatar einen Dolch in der Hand hielt, aber er folgte ihm und den Hobbits stumm bis hoch in den Turm, wo Alatar Frodo harsch befahl, sich zu setzen. Es widerstrebte Frodo, ihm zu gehorchen, aber er tat es, denn er wußte nicht, was er riskieren konnte. Vielleicht überhaupt nichts.
Der Ostling händigte Alatar einen Strick aus, den er ihm geholt hatte, und verschwand dann wieder. Alatar zeigte keinerlei Regung, als er Liliane hart gegen eine Wand drückte, nach ihren Händen griff und sie fesselte, jedoch ohne den Dolch loszulassen. Er band das Seil unnachgiebig vor ihrem Körper um ihre Handgelenke und stieß sie dann in einer Ecke des Raumes auf einen Stuhl.
Du bleibst da sitzen und rührst dich nicht vom Fleck, weil du erstens sowieso nicht fliehen kannst und zweitens habe ich den Dolch immer noch! murmelte er und war überrascht, Frodo vor dem Tisch stehen zu sehen, als er sich umwandte. Hatte er ihm nicht befohlen, sich hinzusetzen?
Verdammt, was hatte ich gesagt? Du sollst das tun, was ich sage, oder was glaubst du, warum ich die Kleine hierbehalten habe? Gewiß nicht, damit du nicht einsam bist!
Frodo verschränkte die Arme vor der Brust. Noch war er nicht völlig wehrlos.
Es ist aber nicht nötig, sie derart zu bedrohen und dann zu fesseln! rief er zornig und seine Augen blitzten vor Wut. Alatar beeindruckte das gar nicht.
Ist es, glaube mir. Damit habe ich sie nämlich besser unter Kontrolle!
Frodo starrte ihn giftig an. Er konnte nicht viel gegen ihn ausrichten. Leider.
Liliane zitterte am ganzen Leib und verharrte reglos auf dem Stuhl. Wie ihm Traum vernahm sie Frodos Worte und fragte sich, woher er den Mut nahm, so zu Alatar zu sprechen. Natürlich fand sie es richtig, aber sie hätte sich nicht getraut.
Er warf ihr einen Blick zu, der sie wohl beruhigen sollte, aber das tat er nicht. Damit hatte Liliane nicht im entferntesten gerechnet, nie hätte sie geglaubt, daß Alatar derartig böse sein konnte! Angst schnürte ihr die Kehle zu. Zwar hatte er sie nicht verletzt, aber sie glaubte ihm sofort, daß er es tun würde.
Und dennoch mußte Frodo verhindern, daß Alatar an diese Macht gelangte! Sie hätte nicht geglaubt, daß er noch welche hatte, aber so mußte es wohl sein.
Alatar stand Frodo mitten im Weg. Er wollte zu Liliane und sie beschützen, er sah doch, daß sie sich fürchtete. Er mußte zugeben, er fühlte sich ebenfalls sehr unwohl in seiner Haut, aber noch wußte er, daß er notfalls seinen Willen gegen Alatar ausspielen konnte. Er mußte Zeit schinden!
Aber er durfte sie nicht in Gefahr bringen...
Alatar bemerkte, wohin Frodo wollte. Aber er stellte sich genau zwischen ihn und Liliane, so daß Frodo keine Möglichkeit hatte, irgendwie an ihm vorbei zu ihr zu gelangen.
Glaubst du vielleicht, daß es ihr mehr hilft, wenn ich dich nun zu ihr lasse? fragte er hämisch und grinste böse. Langsam begann das Ganze doch noch, ihm zu gefallen. Er hatte alle Fäden in der Hand!
Zumindest fürchtet sie sich dann nicht. Nehmt ihr doch die Stricke wieder ab, bei allem, was Euch heilig ist! Sie hat doch nichts damit zu tun! rief Frodo. Alatar zuckte mit den Schultern.
Sie ist deine Frau und mit ihr habe ich dich in der Hand. Oder glaubst du wirklich, ich hätte mich darauf verlassen, was du gesagt hast? Nein. Niemals würdest du mir diese Macht geben, wenn ich keine derartig überzeugenden Argumente hätte! Ich kann ihr die Kraft nicht mehr nehmen - aber das Leben. Und jetzt hör endlich auf, dich zu wehren, je schneller du mir die Macht gibst, umso früher lasse ich euch laufen!
Laßt mich zu ihr. Sonst werde ich überhaupt nichts tun!
Ach ja? fragte Alatar, zog den Dolch wieder aus der Tasche und ging ganz langsam auf Liliane zu. Er achtete genau auf das, was Frodo hinter ihm tat und als dieser an ihm vorbeilaufen wollte, fuhr Alatar blitzschnell herum und hielt Frodo den Dolch entgegen.
Vorsicht, Ringträger. So haben wir nicht gewettet!
Frodo blieb stehen und holte tief Luft. Das konnte er doch nicht machen! Langsam machte ihn das verrückt. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Doch es kam schlimmer.
Liliane stand von dem Stuhl auf, als Alatar auf sie zu kam, machte ein paar Schritte zurück und spürte dann die Wand im Rücken. Sie konnte nicht fliehen. Sie saß in der Falle!
Und er hatte sie gefesselt. Nicht einmal richtig wehren konnte sie sich...
Die festen Stricke hatte er sehr fest um ihre Handgelenke geschlungen, es reichte völlig, um ihr einige Furcht einzujagen.
Sie versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, als er vor ihr stand und mit der Klinge des Dolches über ihre Wange strich. Sie begann unwillkürlich wieder zu zittern und starrte ihn furchtsam an.
Frodo hob die Hände und ließ sie wieder sinken, er sah genau, was Alatar tat und spürte Lilianes Blick, wußte, daß sie sich fürchtete...
Was ist? Soll ich den Dolch benutzen?
Frodo... nicht... rief Liliane mit erstickter Stimme und spürte dann mit einem Ruck, wie Alatar das Metall gegen ihre Kehle drückte, so daß die Klinge ein wenig in die Haut ritzte. Fast entfuhr ihr ein Schrei und Frodo zuckte zusammen, als er einen Blutstropfen sah.
Liliane hatte schreckliche Angst vor dem großen Zauberer, weil sie nicht wußte, womit sie bei ihm noch rechnen mußte, aber sie wollte auch nicht, daß Frodo nachgab. Doch genau das tat er dann.
Gut... Ihr sollt sie haben! rief er und schloß die Augen. Er würde ihm fürs Erste nicht viel geben.
Am liebsten hätte Liliane den Dolch mit der Hand weggeschlagen, doch genau das konnte sie nun nicht. Es war ein scheußliches Gefühl, dem Zauberer so ausgeliefert zu sein, der im nächsten Moment den Dolch wegnahm und sich umdrehen wollte, aber Frodo war diesmal schneller und stand mit einem Satz neben Liliane, zog sie an sich und war zu allem entschlossen, nur um sie nicht wieder loslassen zu müssen.
Wütend starrte Frodo Alatar an und strich Liliane beruhigend über den Kopf, die völlig panisch zu schluchzen begann.
Worauf wartet Ihr? fragte Frodo. Sollte Alatar seinen Willen doch haben! Vorerst.
Oh, plötzlich so kooperativ? Wunderbar! sagte Alatar und begann nun wieder, sich auf die Macht zu konzentrieren, deren Ruf noch nicht verhallt war. Er klang immer noch nach und rief nach ihm.
Frodo spürte schlagartig wieder, wie er unruhig wurde, aber er versuchte, nicht daran zu denken. Er küßte Liliane auf die Wange und spürte, wie sie an ihren Fesseln zog, aber nichts ausrichten konnte.
Alatar wußte genau, wie er ihn unter Druck setzen konnte. Nur verstand er noch nicht, warum er nicht gefesselt war.
Sei ganz ruhig... er tut dir nichts mehr, Liliane. Ich bin bei dir, flüsterte er und spürte ihre Tränen. Es tat ihm so leid, daß er sie in diese Situation gebracht hatte. Aber was hätte er tun sollen?
Frodo... schluchzte sie leise und sagte: Tu es nicht...
Damit dir etwas passiert? Nein! Ich muß. Versteh mich. Er soll dir nicht mehr weh tun!
Nun hob sie den Kopf und Frodo spürte, wie die Unruhe in ihm wuchs, wie Alatar suchte, die Macht entziehen wollte... irgendwo aus seinem tiefsten Innern schien er sie zu holen. Er hatte wirklich nicht gewußt, daß er sie noch hatte.
Es ist zu gefährlich! sagte Liliane und hob den Kopf. Frodo seufzte, als er sie so unglücklich sah. Und er spürte, wie sie hin- und hergerissen war zwischen Angst und Vernunft. Was sie sagte, meinte sie nicht so, sie wollte nur fort.
Sein Blick fiel unwillkürlich auf das verschmierte Blut an ihrem Hals. Wutschnaubend stellte Frodo seinen Willen sofort gegen Alatar, baute sich vor Liliane auf und griff rücklings nach ihren Händen, stand aber noch immer zwischen ihr und Alatar.
Schneidet erst die Stricke durch!
Alatar hatte bereits innegehalten, denn er hatte gespürt, daß Frodo nun die Macht wieder zurückhielt. Die beiden starrten sich gleichermaßen wütend an, keiner war bereit, nachzugeben. Doch dann fiel Frodo etwas ein.
Und eins verspreche ich: Wenn Ihr Liliane etwas antut, bekommt ihr überhaupt nichts mehr! Also spart es Euch, ihr weiter Angst zu machen!
Nun blieb Alatar fast der Mund offen stehen, er hatte etwas sagen wollen - aber da hatte der Halbling Recht. Es war völlig unsinnig, ihm weiter zu drohen - er würde dieses Spiel bis in alle Ewigkeit spielen. Er bedrohte seine Frau, woraufhin er ihm ein wenig Macht gab und sich dann wieder weigerte.
Und umbringen konnte er sie nicht, weil er dann nichts mehr bekam. Zwar würde Frodo dieses Risiko wohl kaum eingehen, aber Frodo wußte nun auch, daß Alatar es nicht tun würde. Es brachte ihm keinen Nutzen.
Sie erpreßten sich nun tatsächlich gegenseitig.
Die Stricke... sagte Frodo und grinste fast. Er merkte, daß er Alatar eine ziemlich harte Denkaufgabe bereitet hatte.
Nein! Die verdammten Stricke bleiben, wo sie sind! brüllte Alatar ihm ins Gesicht, aber Frodo zuckte mit keiner Wimper.
Das konnte er haben. Er konnte warten, denn er hatte, was Alatar verlangte. Und er konnte Liliane beschützen.
Schulterzuckend machte er mit Liliane einige Schritte zurück bis zur Wand, wo er sich hinsetzte und sie auf seinen Schoß zog, jeden Augenblick bereit, aufzuspringen und sich vor sie zu stellen. Er konnte sehr flink sein, wenn er das wollte.
Schützend legte er die Arme um sie und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Langsam hörte sie auf zu zittern, denn Alatar begann nun, unruhig herumzulaufen und achtete gar nicht mehr auf die beiden.
Frodo wischte mit der Hand ihre Tränen weg und nahm dann seinen Hemdsärmel zu Hilfe, um das Blut wegzuwischen.
Du bist völlig verrückt, Frodo, sagte Liliane leise und war so erleichtert, sich bei ihm zu wissen.
Aber ich habe Recht und das weiß er. Sei ganz ruhig, er tut dir nichts mehr!
Dann sah er auf die Fesseln und seufzte. Also würde er versuchen müssen, den Knoten zu lösen.
Diese Aufgabe beschäftige ihn nun erst einmal eine Weile, in der Liliane Alatar beobachtete, der sich seinen Kopf zerbrach, wie er an die Macht kommen sollte. Irgendwie mußte das doch zu schaffen sein! Und er würde die Schwachstelle des Hobbits finden. Koste es, was es wolle!
Verschiedene Dinge gingen ihm durch den Kopf, von denen weder Frodo noch Liliane etwas ahnten. Er war zu vielen Dingen fähig... und er mußte sie wohl nicht umbringen, es gab auch noch andere Dinge, die er sich ausdenken konnte. Weitaus effektivere...
Frodo achtete nicht auf ihn in diesem Augenblick. Er fingerte konzentriert an dem festen Knoten herum, aber er schaffte es nicht, ihn auch nur ein wenig zu lösen. Schließlich zog er murrend die Hand weg und seufzte mißmutig.
Tut mir leid, sagte er. Liliane lächelte ein wenig und sah ihn verständnisvoll an.
Nicht schlimm. Du hast es versucht. Solange er nicht kommt, ist es gut, antwortete Liliane und schloß die Augen. Frodo war überrascht, aber wenn er es tatsächlich schaffte, sie so sehr zu beruhigen, war es gut.
Wie fühlst du dich eigentlich? fragte er dann. Liliane lachte leise und sagte: Du kommst plötzlich auf Gedanken... es geht mir gut. Ich fühle mich wieder ganz wie vorher. Aber was hast du eigentlich mit ihm abgemacht?
Alatar hörte den beiden nicht zu, die sich ohnehin nur sehr leise unterhielten. Der Zauberer war noch für eine Weile mit einer kniffligen Denkaufgabe beschäftigt.
Er sagte, daß er dir nur hilft, wenn ich ihm die Macht gebe. Er konnte sie nicht gegen meinen Willen erlangen. Und ich habe gefordert, daß er dir zuerst hilft, bevor ich ihm irgendetwas gebe. Darauf hat er eingewilligt, aber ich hatte solche Sorgen... und nun muß ich sehen, daß ich es so lange wie möglich hinauszögere! Vielleicht fällt den anderen etwas ein...
Du bist verrückt. Das war zu gefährlich!
Ach, und du wolltest weiter so leben? Was hätte ich tun sollen? Ich mußte es doch... du warst doch wegen mir in dieser Situation! Es... ach, es ist furchtbar, murmelte Frodo. Ihm gefiel das Ganze nicht. Er dachte an die anderen, doch er hatte keine Ahnung, daß sie über Gimli bereits vorgesorgt hatten.
Noch hatten sie nicht verloren.
Vierzehntes Kapitel: Widerstand
Das ist wohl ein Witz! brüllte Sam wütend und ballte die Hände zu Fäusten, als er nach oben starrte und zwischen den Schießscharten Schatten wahrnahm, die zu Wächtern gehören mußten. Er konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Sie standen halb im Schatten der Festung, rührten sich alle nicht vom Fleck und sahen sich ratlos an.
Kein Witz, murmelte Pippin mißmutig und legte Sam tröstend die Hand auf die Schulter, weil er genau wußte, daß Sam am liebsten sofort über die Mauer zurück in die Festung schweben und Alatar an den Hals springen wollte, um ihn zu erwürgen. Er nahm es jedesmal furchtbar persönlich, wenn jemand Frodo oder Liliane bedrohte, das brachte ihn einfach um den Verstand. Er hatte sich geschworen, ihn immer zu beschützen und genauso seine Frau - und jetzt? Jetzt stand er draußen und malte sich in den schwärzesten Farben aus, was Alatar jetzt tat, um Frodo zu dem zu zwingen, wonach es ihn verlangte.
Ähnlich ging es Aragorn. Der König spürte genau, wie seine Männer ihm fragende Blicke zuwarfen, aber er reagierte nicht darauf. Er blickte zu Gandalf und fragte: Was hat Alatar da gesagt? Frodo trägt immer noch Macht in sich, die vom Ring stammt? Hast du das nicht gewußt? Sonst hätten wir doch...
Nein, Aragorn, unterbrach Gandalf ihn schnell. An ihm nagte ohnehin sein schlechtes Gewissen, so war Aragorn also nicht besonders hilfreich, wenn er auch noch davon anfing.
Ich wußte damals, daß er sie hat, das habe ich genauso gespürt wie Alatar jetzt. Aber sie ließ nach, sie nahm ab, und außerdem wurde er über die Jahre hinweg so stark, daß sie derartig zurückgedrängt wurde... nun, sie fiel sozusagen in eine Art Schlaf, er wußte nicht einmal selbst, daß sie noch da war, glaube ich.
Aber... dir ist klar, daß wir von der letzten Macht Saurons sprechen! Wir können doch nicht hier draußen abwarten, daß Alatar sie an sich bringt, um damit auch noch Schaden anzurichten!
Nun trat Legolas zu den beiden, sah sie nacheinander mit ernstem Blick an und sagte: Das müssen wir vielleicht gar nicht. Gimli ist doch in die Stallungen gegangen, als Alatar meine Kraft auf Liliane übertragen hat. Und er ist immer noch dort, falls ihr das nicht bemerkt habt! Er kann den beiden helfen oder uns vielleicht das Tor öffnen, ganz verloren haben wir noch nicht!
Aragorn schaute sich überall aufmerksam um, aber tatsächlich konnte er den Zwerg nirgends entdecken. Er war tatsächlich in der Festung geblieben!
Das war die einzige gute Nachricht in diesem Moment, aber es war eine. Die drei standen für einen Augenblick schweigend beieinander und dann sagte Gandalf: Ich weiß nicht, ob Alatar mit der wenigen Macht wirklich noch etwas anfangen kann. Aber sie ist nur für sich betrachtet gering. Er ist ohnehin schon mächtig und wenn er weiß, wie er diese Macht für sich nutzen kann, könnte er durchaus Schaden damit anrichten... ich bin mir nicht sicher, aber wir sollten es nicht darauf ankommen lassen!
Aragorn nickte. Das sah er ähnlich. Wer konnte jetzt schon sagen, ob nach Saurons Fall seine Macht anderweitig verwendet werden konnte? Wer sie nutzen wollte, konnte sie nutzen und Frodo hatte es nie getan, also war es in Vergessenheit geraten.
Elender Schuft! knurrte Merry böse und sah neugierig zu seinen Freunden. Ihn interessierte es im Augenblick brennend, ob sie schon eine Idee hatten, was sie nun tun wollten, aber sie reagierten erst einmal gar nicht auf ihn.
Am nächsten an der Festung stand immer noch Sam, der sich bereits den Kopf angestrengt darüber zerbrach, wie er es fertigbringen konnte, zu Frodo zu gelangen. Es mußte einfach irgendwie möglich sein! Pippin leistete ihm dabei Gesellschaft, aber für den Augenblick fiel ihm auch nicht mehr ein.
Plötzlich trat Bergil vor seinen König und sagte: Was soll ich den Kriegern sagen? Sie haben nur gesehen, daß Frodo und Liliane von Alatar gefangengenommen wurden und einer machte mich darauf aufmerksam, daß wir hier weder Verpflegung noch Pferde haben. Das könnte vielleicht eine Möglichkeit sein, Kontakt zu den Wächtern dort oben aufzunehmen, denn etwas essen müssen wir irgendwann!
Als er das hörte, verflog ein wenig von Aragorns Groll und er nickte langsam. Richtig... das war wichtig, daran mußten sie ebenfalls denken.
Wenn Gimli uns schon nicht die Tür öffnen kann, wovon ich ausgehe, müssen wir Kontakt zu den Ostlingen bekommen, vielleicht sagen sie uns auch etwas über die Hobbits...
Du glaubst doch nicht, daß sie uns in die Festung ließen? fragte Legolas zweifelnd. Aragorn schüttelte den Kopf.
Nein, das nicht... wobei man nicht weiß, inwiefern man sie vielleicht beeinflussen kann. Einige müssen gesehen haben, was Alatar da tut. Das wirft sicherlich ihr Bild eines guten Herrschers um, so hoffe ich zumindest, und wenn wir ihnen irgendetwas über die beiden erzählen... vielleicht, daß Liliane schwanger ist und sich nicht aufregen darf?
Schulterzuckend wandte Aragorn sich an die anderen, die alle nicht viel mit der Idee anfangen konnten.
Aber es wäre eine Möglichkeit für den Fall, daß wir nicht gewaltsam stürmen können! sagte Merry und machte ein hoffnungsvolles Gesicht. Ihm behagte das alles nicht besonders, aber er wußte aus Erfahrung, daß es immer irgendeine Möglichkeit zum Handeln gab.
Wie hat Alatar das nur gemacht? Und wann? rätselte Aragorn. Diese Frage beschäftigte sie für die nächsten Minuten, aber sie kamen irgendwann zu den richtigen Schlüssen, daß Alatar aus seinem inzwischen erworbenen Wissen Profit schlagen konnte, indem er genau wußte, daß er Frodo mit Liliane erpressen konnte. Das war hier eindeutig geschehen, denn freiwillig hatte Frodo das alles nicht getan. Aragorn mußte daran denken, was Frodo nun tun würde. Einerseits hoffte er, daß er nicht zu schnell nachgeben würde, irgendein Problem gab es nämlich, weshalb Alatar ihn wirklich erst erpressen mußte. Aber andererseits fürchtete er fast, daß trotzdem Dinge geschehen konnten, die sie alle zutiefst entsetzen würden. Er konnte sich nicht vorstellen, daß Frodo bis zuletzt standhaft bliebe, aber Alatar konnte schnell zu drastischen Mitteln greifen, glaubte er.
Sie hatten sich alle so hilflos gefühlt, als der Zauberer den Dolch gezogen hatte. Niemand hatte auch nur im Entferntesten damit gerechnet, daß etwas derartiges geschehen könnte.
Noch immer fühlten sie sich wie gelähmt, aber Aragorn erklärte erst einmal den Kriegern, was vorgefallen war, und dann beschlossen sie, sich aus lauter Protest einfach am Fuß der Mauer auf den Boden zu setzen und abzuwarten, was geschah. Wenn sie nun sofort irgendwelche Tricks versuchten, würden die Wachen nur mißtrauisch und damit wären sie dann völlig zur Untätigkeit verdammt. Und außerdem hofften sie auf Gimli.
Ich könnte es wirklich hassen... schon wieder war es falsch, was wir getan haben. Wir hätten besser aufpassen müssen, aber wir haben uns alle von ihm täuschen lassen! Er sollte uns helfen und irgendwie hat er das... ich habe ja auch den Eindruck, daß Frodo genau weiß, mit wem er es zu tun hat, denn eins dürfen wir nicht vergessen: Er hat Alatar dazu gebracht, Liliane zuerst zu helfen. Erst dann hat er nachgegeben. Und auch nur ein wenig. Aber ich hätte besser aufpassen müssen! Wie konnte das nur passieren?
Mach dir keine Vorwürfe, mellon nin, sagte Legolas und lächelte ermunternd. Er dachte gerade an Gimli und wenn er sich vorstellte, daß Frodo wohl kaum sofort nachgab, hatte Gimli auch genügend Zeit, sich etwas zu überlegen. Ein wenig hatte er die Festung immerhin auch erkundet, so war er nicht ganz im Nachteil.
Sie saßen für etwa eine Stunde so da, als Pippin zu murren begann. Ihn plagte ein stetig wachsendes Hungergefühl und es dauerte gar nicht lange, bis er Aragorn damit so sehr auf die Nerven ging, daß er schließlich aufstand und die Hände gleich einem Trichter um den Mund legte, um oben auf der Mauer auch mit Sicherheit verstanden zu werden.
Wir wären eurem Herrn, der unsere Freunde widerrechtlich gefangenhält, zu tiefstem Dank verpflichtet, wenn er uns wenigstens etwas zu essen geben würde! Bitte, besitzt doch die Freundlichkeit und legt ein gutes Wort für uns ein! rief er ein wenig sarkastisch und wartete. Stimmengewirr von oben war zu vernehmen, dann rief jemand: Einen Moment! und es kehrte wieder Ruhe ein.
Oh, wenigstens findet dieser Wunsch Gehör, bemerkte Aragorn und vertrat sich ein wenig die Beine, bevor nach einer ganzen Weile oben auf der Mauer wieder etwas zu hören war und etwas raschelte und kratzte, bevor sie schließlich sehen konnten, wie von zwei Schießscharten große Körbe heruntergelassen wurden. Legolas seufzte enttäuscht. Er hatte, genau wie Aragorn, gehofft, daß die Tore geöffnet wurden - doch leider war das nicht der Fall. Aber die Körbe wurden langsam an Seilen heruntergelassen und schließlich nahmen zwei Krieger sie in Empfang. Tatsächlich beinhalteten sie reichlich Nahrungsmittel und Flaschen, woraufhin Aragorn sich laut bei den Wächtern bedankte. Das Essen wurde gerecht verteilt und grübelnd setzte der König Gondors sich wieder zwischen Legolas und Gandalf.
Immerhin will er uns nicht verhungern lassen. Das ist gut. Ich weiß ja nicht, was er so lange mit den Hobbits macht, aber zumindest ist er uns nicht durchweg feindlich gesinnt, bemerte er trocken und biß in ein Stücl Brot. Gandalf warf ihm einen irritierten Blick zu und erwiderte: Sicher... aber ich kann dir eines versprechen: Er kann Frodo diese Macht nicht so einfach nehmen, wie er Lebenskraft übertragen hat. Zwischen beidem besteht der grundlegende Unterschied, daß Lebenskraft ohnehin irgendwann wieder genommen wird, so wie sie gegeben wurde, aber diese Macht... es war ja auch ein schleichender Prozeß der Übertragung auf Frodo. Also können wir es uns hier getrost bequem machen.
Toll, brummte Sam unwillig. Pippin grinste, als er das hörte. Irgendwie hatte sein Freund eine ganz besondere Art Galgenhumor - aber die konnte manchmal sehr hilfreich und angenehm sein.
Sie aßen erst einmal etwas und harrten lange vor den Toren aus. Ob sie das nun begrüßen sollten, wußten sie nicht. Einerseits hieß es, daß Frodo nicht nachgab - aber andererseits steckten er und Liliane mit Sicherheit in den größten Schwierigkeiten. Sie konnten nur hoffen, daß Gimli in der Lage war, irgendetwas auszurichten.
Ich weiß nicht, was ich lieber hätte, sagte Aragorn. Ich denke, daß Frodo weiß, wie gefährlich diese Macht ist - aber andererseits fürchte ich, daß Alatar skrupellos zu allen sich ihm bietenden Mitteln greifen wird. Ich weiß nicht, was Frodo tun wird! Er wird mit Sicherheit nicht zulassen, daß Liliane etwas passiert - aber dann gibt er nach. Und ich kann mir so schlecht vorstellen, daß er riskiert, die Macht abzugeben. Er weiß doch am besten um die Gefahr, er hat dafür gekämpft, daß sie vernichtet wird! Und sie ist doch noch existent.
Legolas und Gandalf konnten sich seine Worte im ersten Moment nur anhören. Aragorn hatte Recht. Es war äußerst schwierig, abzusehen, was Frodo tun würde. Und sie wollten weder, daß er nachgab, noch daß er sich und Liliane in Gefahr brachte.
Gimli... murmelte Legolas. Aber wartet! Ich habe eine Idee.
Damit stand er auf und ohne sich weiter zu erklären, trat er einige Meter zurück, so daß man ihn von der Mauer aus sehen konnte, und rief nach oben: Habt ihr Nachricht von den Halblingen? Habt ihr sie gesehen?
Es dauerte eine Weile, in der Legolas nur undeutliches Stimmengewirr vernahm, bis Antwort kam. Aragorn und Gandalf waren, ebenso wie die Hobbits, überrascht, das zu hören - aber so schlecht war die Idee nicht.
Ich habe sie gesehen, als ich zu unserem Herrn gegangen bin, rief ein Ostling von oben herab. Weiter sagte er nichts.
Geht es ihnen gut? Was geschieht dort? fragte Legolas dann.
Ich denke ja... der Herr hat sich mit ihm gestritten, er war sehr erbost - so kennen wir ihn gar nicht. Er hatte die Halblingsfrau gefesselt und brachte sie dann fort, als ich ging.
Inzwischen war auch Aragorn aufgestanden und trat neben Legolas, wie gebannt lauschten sie alle dem Bericht des Ostlings und ihnen sträubten sich alle Haare, als sie das hörten.
Was ist dann geschehen? bohrte Legolas weiter.
Ich weiß nicht... er hat sie irgendwo eingesperrt und einer mußte acht geben auf den anderen Halbling. Seltsam, das alles...
Er zweifelt an Alatar! zischte Aragorn aufgeregt, als er das alles hörte. Legolas nickte. Das war die Chance.
Hört mir zu - eine böse Macht hat Besitz ergriffen von eurem Herrn, deshalb tut er das. Es ist nicht recht, unsere Freunde gefangen zu halten, er darf ihnen nichts tun! Es besteht für Alatar kein Grund, sie einzusperren. Könnt - könnt ihr nicht das Tor öffnen, damit wir mit ihm verhandeln können?
Aragorn warf Legolas einen anerkennenden Blick zu. Zwar fielen sie so mit der Tür ins Haus, aber einen Versuch war es wert. Wenn die Ostlinge schon selbst zweifelten...
Bitte! fügte er hinzu. Laßt nur einen hinein - ich gebe euch mein Wort als König Gondors, daß wir in Frieden kommen!
Geflüster und Gemurmel folgte wiederum, dann die Antwort: Wir werden den Herrn fragen.
Legolas ließ augenblicklich den Kopf hängen. Das war genau das, was sie nicht hatten tun sollen... was genau er und Aragorn eigentlich beabsichtigten, wußte er nicht, sie wollen ihr Glück versuchen auf irgendeine Art und Weise. Es mußte einfach eine Möglichkeit geben, einzugreifen!
Aber einige Minuten später folgte die ernüchternde Antwort.
Der Herr hat die Frage abgelehnt. Er war gar nicht erfreut!
Was hat er gerade getan? fragte Aragorn.
Er hat sich immer noch mit dem Halbling gestritten. Ich weiß nicht, worum es ging!
Ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, wandte Aragorn sich ab und setzte sich wieder.
Ich dreh ihm den Hals um! knurrte Sam böse von der Seite. Er konnte sehr wütend werden, wenn jemand ihm Grund dazu gab.
So blieben sie noch einige Zeit lang tatenlos vor dem Tor sitzen. Gandalf und Aragorn grübelten halblaut, welche Möglichkeiten ihnen noch geblieben waren, jetzt etwas zu tun. Augenblicklich waren ihnen die Hände gebunden, das massive Tor würde sich wohl kaum einfach so öffnen und so brach schließlich die Dämmerung herein.
Das dauert mir zu lange! brummte Aragorn. Er stand wieder auf und rief den Wachen auf der Mauer erneut etwas zu.
Bitte, könntet ihr in Erfahrung bringen, wie es den Halblingen ergeht? Wenn wir sonst schon nichts tun können, bitte berichtet uns etwas von ihnen!
Legolas warf ihm einen fragenden Blick zu.
Was hast du vor? fragte er leise.
Eine Basis schaffen. Wir haben vielleicht Möglichkeiten, sie auf unsere Seite zu bringen! gab Aragorn ebenso leise zurück.
Sag, daß sie schwanger ist! warf Sam schulterzuckend ein und machte große Augen. Einige sahen ihn zweifelnd an und Aragorn ging ebenfalls nicht weiter darauf ein, aber Sam wurde fast verrückt, weil er seit Stunden einfach nur an der Mauer lehnte und sich in schrecklichsten Formen ausmalte, was Alatar gerade ausheckte, um Frodo zu erpressen.
Er glaubte zu wissen, was Frodo tun würde. Sam konnte sich daran erinnern, wie Frodo einmal mit ihm über etwas gesprochen hatte, was Liliane mit ihm besprochen hatte. Es war damals gewesen, nachdem sie aus Mordor zurückgekehrt waren und sie hatte erfahren müssen, wie leicht sie als Frodos Frau zum Druckmittel für Feinde werden konnte.
Wenn das wieder geschehen sollte, hatte sie gesagt, dann mußt du solange standhaft bleiben, wie du kannst. Wenn dir jemand mit mir drohen will, dann gib nicht nach. Was immer es ist - du sollst wissen, daß ich zwar Angst davor habe, aber das ändert nichts an meiner Liebe zu dir. Und falls es je wieder so kommen sollte, mach nichts Unüberlegtes, um mir zu helfen. Ich halte einiges aus.
Frodo hatte traurig geklungen, als er Sam das erzählt hatte. Und Sam war aufgefallen, daß Liliane nicht gesagt hatte, daß er um keinen Preis nachgeben sollte. Einen Preis gab es. Aber sie hatte es deshalb nicht gesagt, weil sie nicht von ihm verlangen wollte, ihr Leben zu opfern. Sie wußte, daß er das nicht konnte. Eigentlich hatte sie ihn nur wissen lassen wollen, daß sie wußte, mit was sie an seiner Seite zu rechnen hatte und daß sie es akzeptierte.
Außerdem kannte er ihre Furcht, er teilte dieselbe und hatte ähnliche Ansichten. Als Frodos Freund hatte er immer mit ähnlichen Dingen rechnen müssen.
Und so wußte er in diesem Moment, als er reglos dasaß und vor sich hin brütete, was geschehen würde. Soweit er es für sich verantworten konnte, würde Frodo nicht nachgeben und standhaft bleiben.
Aber Sam wußte genau, daß Frodo alles tun würde, um Lilianes Leben nicht zu gefährden. Er würde kämpfen, solange er konnte. Denn er wußte, was auf dem Spiel stand und welche Gefahr drohte, die Gefahr, gegen die er gekämpft hatte.
Für die Freiheit, die er nun mit seiner Familie hatte. Und daß er diese um keinen Preis hergeben würde, wußte Sam. Diese Schwäche hatte Frodo. Er würde sie nicht opfern.
Aber er machte sich Sorgen. Wenn sie nichts erfuhren, hieß das entweder, daß nichts geschah, oder daß es bereits zu spät war.
Er sah auf, als Aragorn sich wieder neben ihn setzte, Antwort hatte er keine erhalten. Nun hieß es warten auf Nachricht. Vielleicht bekamen sie welche.
Er hatte sich in einem recht hohen Strohhaufen in der Mitte des Stalles vergraben, viel schaute nicht mehr von ihm daraus hervor. Gimli hielt immer noch seine Axt in der Hand und hörte, wie das Tor verschlossen und verriegelt wurde. Es wurde leise auf dem Hof, aber er hörte Alatar noch sprechen. Er drohte Frodo. Von Liliane sprach er, die mit Sicherheit noch dabei war, aber genauso wie Frodo selbst nichts sagte.
Er war nun der einzige, der noch übrig war. Daß Frodo sich nicht wehren konnte, wußte Gimli, also würde er ihm helfen, das Schlimmste zu vermeiden. Außerdem mochte er Liliane sehr, es ging ihm ganz gewaltig gegen den Strich, daß sie nun einzig dazu dienlich sein sollte, Frodo zu erpressen. Das wagte Gimli sich gar nicht vorzustellen. Die arme Hobbitfrau! Sie hatte nicht halb soviel mitgemacht wie Frodo, er kannte die Gefahren außerhalb des Auenlandes besser. Gimli kannte es und hatte es sehr gemocht, die Idylle - und nun das. Wenn er eines von Legolas gelernt hatte, war es gutes Benehmen, und das entsprach diesem gar nicht!
Alatar war einfach ein widerliches Scheusal. Mürrisch brummte der Zwerg sich etwas in seinen Bart und wartete noch. Erst mußte wieder Ruhe auf dem Hof einkehren, bevor er sich vom Fleck rührte. Noch durfte er es nicht wagen, sich zu bewegen.
Derweil grübelte er darüber nach, was er nun tun sollte. Er war ganz allein - das konnte ein Vorteil und ein Nachteil sein. Er mußte sich nun entscheiden. Entweder versuchte er ganz allein das Unmögliche, nämlich unter den Augen aller Wächter das Tor zu öffnen und die anderen hereinzulassen, denn auf diese Weise konnten sie mit vereinten Kräften gegen Alatar angehen und schlimmeres verhindern - oder er machte sich allein auf die Suche. Dann hatte er im Ernstfall Probleme, falls ihn jemand entdecken sollte, aber vielleicht hatte er auch Glück und konnte allein etwas gegen Alatar ausrichten. Er glaubte, daß er sich beeilen müßte, denn irgendwann würde Frodo nachgeben und das mußte er zu verhindern versuchen.
Oder es geschah etwas furchtbares. Er hatte schon vor kurzem einen Tod miterleben müssen - das genügte ihm völlig.
Allein war es trotz allen Möglichkeiten, sich besser zu verstecken, immer noch sehr riskant, etwas zu versuchen. Auf der anderen Seite konnte es lange dauern, bis er die anderen hereinlassen könnte - wertvolle Zeit würde verstreichen.
Nein, er mußte sehen, daß er den Hobbits half. Außerdem hatte er eine verdammt scharfe Axt! Die Feinde würden sich noch wundern.
Er würde in die Festung schleichen und nach ihnen suchen - aber dann... dann war das Tor immer noch zu und sie kamen nicht hinaus.
Zum Balrog mit dem Kerl! wütete er leise und kam wieder zum Vorschein, indem er sich aus dem Stroh herausgrub und einen Blick aus dem Fenster warf, zu dem er ging.
Auf den Mauern standen ringsum Wachen, am Turm war alles ruhig und Alatar war mit den Hobbits verschwunden.
Es kam jetzt auf ihn an. Und er hatte das Gefühl, daß es falsch war, egal wie er sich entschied.
Alatar hatte die Wachen alle zum Tor geschickt. Am Turm war die Luft rein. Sollte er es nun allein wagen? Was, wenn man ihn gefangen nahm? Dann war alles vorbei.
Aber dann würde er sich eben nicht gefangennehmen lassen!
Gimli umklammerte seine Axt fester und schlich so leise wie möglich an den Pferden vorbei, um zum Ausgang des Stalles zu kommen. Die Tiere verhielten sich alle ganz ruhig, immerhin war er schon eine Weile im Stall und spähte dann erst einmal vorsichtig aus der Tür, bevor er sich hinauswagte. Auf die Stallungen achtete niemand, aber dennoch sollte er aufpassen.
Dann holte er tief Luft und beeilte sich, schnell über den Hof zu kommen. Für einen Zwerg sehr flink spurtete Gimli in Richtung Turm, bemüht, möglichst wenig Lärm dabei zu machen. Und es gelang. Bevor die Wächter aufmerksam wurden und sich umdrehten, hatte er das Innere des Turms bereits erreicht, hielt an und drückte sich in eine Mauernische, um möglichst nicht gesehen zu werden. Doch es war niemand dort. Er war ganz allein in der Halle und überlegte, wo er am wahrscheinlichsten die Hobbits finden würde.
Erst einmal mußte er hoch über die Treppe und dann konnte er immer noch weitersehen. Er würde sie schon finden.
Und wenn irgendwas passiert... zischte er leise und malte sich in den buntesten Farben aus, was er mit Alatar machen würde, wenn dieser seinen kleinen Freunden etwas zuleide tat.
Geduldig marschierte er die Treppen hinauf und bei jedem Absatz, den er erreichte und der über Gänge zu vielen Räumen führte, blieb er kurz stehen und lauschte, ob er etwas hören könnte, doch nirgends rührte sich etwas. Alles war ruhig. Doch je weiter er nach oben kam, umso vorsichtiger war er und schließlich hörte er Stimmen. Es war Alatar, der zornig brüllte, aber Gimli konnte keine Worte verstehen. Im Gegenzug vernahm er das, was Frodo erwiderte, ganz deutlich.
Nein!
Sein kleiner Freund hielt sich tapfer und wollte nicht nachgeben. Aber wo waren sie? Sie waren weiter oben. Viel weiter.
Gimli lief voran und war überrascht, als die Stimmen plötzlich verstummten. Er lauschte wieder und hoffte, irgendetwas zu hören, aber dort war nichts. Auf allen Gängen war es immer noch still.
Schließlich erreichte er den Raum, in dem Alatar, Frodo und Liliane sich bis vor kurzem aufgehalten hatten, aber inzwischen waren sie alle fort.
Gimli starrte auf den Tisch. Dort hatten Legolas und Liliane gelegen. Eigenartig, daß Alatar Liliane noch geholfen hatte, obwohl er eigentlich andere Pläne gehabt hatte. Für Gimli sprach das Bände, er verstand, daß Frodo nicht ganz so hilflos war, wie er befürchtet hatte.
Er konnte keinerlei Spuren entdecken. Also war noch nichts wirklich schlimmes passiert - das würde er sehen können.
Aber vielleicht brauchte er irgendwelche zusätzlichen Waffen! Das konnte er nicht wissen... irgendwo mußten seine Freunde geschlafen haben. Gimli überlegte. Dann lief er erst ein Stockwerk höher, aber fand dort nur staubige dunkle Lagerräume, welche Tür er auch öffnete.
Falsch. Er mußte weiter hinunter, dachte er und versuchte es. Und siehe da, die erste Tür, die er öffnete, führte zu einem Gästezimmer, in dem jemand geschlafen hatte. Es schienen Krieger gewesen zu sein, eine Jacke lag dort auf einem Bett, sie trug das Zeichen Gondors vorn.
Natürlich waren keine Waffen da, die hatten die Krieger bei sich.
Aber vielleicht hatten die Hobbits ihre nicht!
Gimli verließ den Raum wieder und im nächsten fand er dann die Sachen der Hobbits, die jeweils zu zweit in einem der riesigen Betten geschlafen hatten. Unter einem der Betten fand er ein Schwert, das er als Pippins identifizierte. Sam und Merry schienen ihre noch zu haben und wahrscheinlich war Frodos unten beim Gepäck.
Egal, dachte Gimli und nahm das Schwert an sich. Es konnte ihm vielleicht nützlich sein.
Dann ging er wieder nach oben und hörte, wie Alatar und Frodo immer noch diskutierten, aber diesmal etwas leiser.
Der kriegt dich nicht, Frodo! Zeig ihm, wie Hobbits sind! murmelte Gimli leise und grinste schief. Aber es waren nur der Zauberer und der Hobbit, die er hören konnte. Liliane war nicht dabei.
Stirnrunzelnd betrat Gimli das nächste Stockwerk, das von der langen Wendeltreppe abging. Er näherte sich den Streithähnen, aber noch konnte er nichts anderes hören.
Hallo? rief er leise, aber er erhielt keine Antwort. Ungeachtet dessen ging der Streit oben munter weiter und Gimli stöhnte. Er hatte große Lust, diesen machthungrigen Zauberer zu erwürgen!
Doch dann hielt er inne. Er hörte etwas. Erst konnte er nicht genau bestimmen, was es war, aber als er genauer hinhörte und die Treppe weiter emporstieg, wußte er, was es war.
Es war leises Summen, fast so, als ob jemand singen wollte und es nicht wagte. Es klang traurig und sehr verschüchtert. Die letzten zwei Stufen bis zum nächsten Stockwerk nahm er noch, dann betrat Gimli einen finsteren Gang und lauschte wieder.
Ja, es war ein trauriges, fast verängstigtes Summen.
Liliane? flüsterte er halblaut und sofort hörte das Summen abrupt auf.
Bist du das? fragte er dann. Noch immer erhielt er keine Antwort für einen Moment und er wunderte sich schon, aber dann sagte sie, so daß er es kaum verstehen konnte: Wer ist da?
Ich bin es, Gimli. Wo bist du?
Unter dir... es gibt eine Falltür im Boden!
Nicht in einem der Zimmer, deren Türen Gimli sah - er war überrascht, denn er sah auf den ersten Blick gar keine Falltür. Er sah Teppich und Stein... aber keine Tür.
Doch dann fiel es ihm ein. Jetzt wußte er auch, warum ihre Stimme so gedämpft klang!
Schnell kniete er sich auf den Boden und schob den Teppich zur Seite. Und schon sah er sie, die Falltür, genau vor ihm war sie in den Boden eingelassen.
Hier? Er klopfte einmal leicht auf das Holz und betrachtete den Schließmechanismus. Dort war ein Schloß und ein Ring, an dem er zu drehen versuchte, aber es gelang ihm nicht, weil alles verriegelt war.
Ja, hier unten... Gimli, wie kommst du hierher?
Ich war in den Stallungen, als ihr herunter kamt. Legolas hat mir ein Zeichen gegeben, daß ich mich verstecken sollte und jetzt will ich versuchen, euch irgendwie zu helfen!
Wieder rüttelte er an dem Schließring, aber nichts geschah. Wütend ballte er eine Hand zur Faust und seufzte.
Weißt du, wo der Schlüssel sein könnte? fragte er.
Alatar wird ihn haben. Er hat mich hier eingesperrt.
Oh wunderbar. Gimli verzog das Gesicht. Er wollte sie gerne befreien, aber wie sollte er das anstellen?
Wunderbar. Was ist denn überhaupt geschehen? Ich weiß noch immer nicht, was hier eigentlich vor sich geht! erklärte er und setzte sich vor die Falltür. Er wurde das Gefühl nicht los, daß Liliane sehr glücklich über seine Anwesenheit war.
Das war tatsächlich so, und sie begann daraufhin, Gimli zu erzählen, was bisher vorgefallen war. Sie erzählte, wie Alatar ihr Lebenskraft zurückgegeben und sie dann bedroht hatte, um die anderen aus der Festung zu schicken, denn er wollte ohne irgendwelche Zwischenfälle die Macht von Frodo bekommen.
Ich hätte nicht gedacht, daß er sie noch hat! Aber er gibt sie ihm nicht, oder?
Nein, er hat Alatar gedroht, überhaupt nichts mehr zu tun, falls er mir weh tut. Und jetzt brüllen die beiden sich schon seit einiger Zeit immer wieder an und nichts passiert.
Sie begann, ganz von vorn zu erzählen. Von allem berichtete sie Gimli.
Sie hatten mehr als eine Stunde einfach nur so dagesessen und schließlich nicht einmal mehr auf Alatar geachtet, der wütend vor sich hin gebrütet hatte über die verschiedenen Möglichkeiten, die er nun noch hatte.
Und wenn er sich die beiden so ansah - es lag dem Ringträger einiges daran, auf sie aufpassen zu können. Das war immerhin ein erster Anhaltspunkt.
Sie umzubringen war völlig sinnlos, denn er glaubte dem Ringträger sofort, daß er ihm dann die Macht niemals geben würde. Also war es überflüssig, damit zu drohen, da er es ohnehin nicht tun konnte. Es war völlig vergebens. Leider hatte der Halbling damit einen Trumpf ausgespielt, mit dessen Einsatz Alatar niemals gerechnet hatte.
Und er würde sie ihm doch nehmen. Wenn er mit Sicherheit wüßte, daß er ihn mit jemand anderem besser erpressen könnte, würde er es tun, aber er wußte davon nicht genug. Also blieb nur sie. Und das war Frodos wunder Punkt.
Er würde sich etwas ausdenken.
Und dann fing er damit an. Innerhalb recht kurzer Zeit legte er sich einen perfiden Plan zurecht, achtete derweil gar nicht auf die Hobbits, er verließ zum Schluß sogar den Raum, weil er genau wußte, daß sie sich ohnehin nicht von der Stelle bewegen würden.
In der Tat ahnte Frodo, daß Alatar sich nicht weit entfernte, deshalb unterließ er sofort jeden Fluchtversuch und tatsächlich kehrte der Zauberer nach kurzer Zeit mit einem Wächter zurück, der an der Tür stehenblieb. Dann trat der Zauberer vor die beiden Hobbits.
Frodo sprang sofort auf und baute sich schützend vor Liliane auf. Sie blieb sitzen, ihr war das alles nicht geheuer.
Was? fragte Frodo nur kurz und sah unbeeindruckt zu dem Zauberer hoch, der unmittelbar vor ihm stehengeblieben war und keine Miene verzog angesichts Frodos Mut.
Ich habe mir etwas für euch ausgedacht. Und ich bin sicher, daß ihr erfahren möchtet, was es ist, oder etwa nicht?
Dann versetzte er Frodo einen harten Stoß, so daß er seitlich neben Liliane hart mit dem Rücken gegen die Wand prallte und den Arm des Zauberers umklammerte, der gleich einem Pfahl gegen seine Brust drückte.
So, Ringträger, das ist also dein großartiger Versuch gewesen, sie zu beschützen? Sie macht dich zu sehr verwundbar, weißt du das eigentlich?
Und wenn schon! zischte Frodo nur und versuchte, den Zauberer zurückzudrängen, aber ohne Erfolg. Im gleichen Augenblick stand Liliane auf und wich zurück, was Frodo mit Erleichterung bemerkte, aber es war völlig sinnlos. Alatar ließ von ihm ab und mußte nur den Arm nach Liliane ausstrecken, um sie zu packen.
Loslassen! schrie sie und wehrte sich nach Kräften, aber der Zauberer war aufgrund seiner Körpergröße mit der Kraft einfach überlegen.
Nein! schrie Frodo wutentbrannt und wollte Liliane zu Hilfe kommen, aber auf einen Wink Alatars hin hielt ihn der Wächter fest, nachdem der Zauberer ihn zurückgestoßen hatte und Liliane noch immer mit der anderen Hand festhielt.
Sie wünschte sich, nicht gefesselt zu sein, aber so konnte sie sich kaum wehren. Mit einem Mal hatte sie furchtbare Angst vor dem Zauberer, weil er mehr als unberechenbar war und merkte so gar nicht, als sie sich panisch loszureißen versuchte, was er tat. Doch als er sie gegen die Wand drückte, zog er ein Stofftuch hervor und begann unsanft, sie zu knebeln.
Laßt sie in Ruhe! brüllte Frodo und wollte dem Ostling einen Tritt versetzen, der ihn ungerührt festhielt, aber es war nutzlos. Niemand ließ sich davon beeindrucken, der Ostling nicht und schon gar nicht Alatar.
Liliane wandte den Kopf zu ihm und es zerriß ihm fast das Herz, ihren hilfesuchenden Blick untätig ertragen zu müssen.
Doch schließlich hatte Alatar sein Ziel erreicht und Liliane bekam keinen Ton mehr heraus. Er hatte das Tuch so fest gezogen, daß es ihr in die Wangen einschnitt und er hatte eine Strähne ihres Haares am Hinterkopf mit festgeknotet, was sie vor Schmerz aufschreien ließ.
Sie wollte nach Frodo rufen, aber der Knebel erstickte alles, was sie zu sagen versuchte.
Rasend vor Zorn starrte Frodo Alatar an und sagte nichts mehr. Ihm fehlten die Worte, doch dann legte der Zauberer einen Arm so um Liliane, daß er sie ein Stück emporhob und sie verlor den Boden unter den Füßen. Fest umklammert trug er sie zur Tür.
Das könnt Ihr nicht tun! rief Frodo außer sich, rang noch immer mit dem Ostling, der ihn nicht loslassen wollte und glaubte, verrückt werden zu müssen.
Liliane strampelte mit den Füßen, wollte Alatar gegen sein Scheinbein treten, aber er verstand es, ihr auszuweichen. Unbeeindruckt trug er sie aus dem Raum und dann die Treppe hinauf.
Sie hörte, wie Frodo nach ihr rief und wollte ihm antworten, aber dann legte Alatar noch seine Hand auf ihren Mund und drohte: Noch ein Ton und ich denke mir ganz andere Sachen aus! Wir wollen doch nicht, daß er dich hört und weiß, wohin ich dich bringe, oder?
Angsterfüllt sah sie zu ihm hoch, denn der Unterton in seiner Stimme wurde immer bedrohlicher und sie blieb stumm.
Gut! Alatar grinste siegessicher und ließ das erste Stockwerk hinter sich, aber im zweiten stieß er sie in eine Nische und schob derweil den Teppich zur Seite, bis eine hölzerne Falltür im Boden zu sehen war. Entsetzt wollte Liliane an ihm vorbeilaufen und fliehen, aber der Zauberer kannte in diesem Moment keine Geduld, packte ihr Bein und riß sie zu Boden. Hart prallte sie auf den kalten Stein und schrie auf vor Schmerz. Alatar verzog keine Miene.
Selbst schuld, bemerkte er trocken, öffnete die Falltür und sehr zu ihrem Entsetzen packte er sie nur an den Schultern und ließ sie dann los, als er sie durch die Falltür in eine undurchdringliche Finsternis hinabhielt.
Doch die Fallhöhe war nicht mehr als wenige Zentimeter, schon schlug sie auf dem Boden auf und stieß mit dem Kopf gegen eine Wand.
Dann ließ Alatar die Tür wieder fallen und verriegelte sie. Ein leichtes Rascheln verriet ihr, daß er den Teppich wieder an seine Tür schob.
Panik keimte in ihr auf. Sie konnte nichts sehen, nicht die Hand vor Augen, eine undurchdringliche Finsternis umgab sie. Tränen schossen ihr in die Augen, denn angesichts dieser wohl winzigen Kammer wurde sie von einer beklemmenden Angst erfaßt, Platzangst, fast Todesangst.
Sie setzte sich aufrecht, ging in die Knie und streckte die Hände nach der Wand aus. Auf der einen Seite spürte sie das kalte Gemäuer, stieß mit dem Kopf keine zwei Meter weiter an die nächste Mauer und als sie ohne große Bemühungen alle vier Wände hatte finden können, kauerte sie sich zitternd in eine Ecke und starrte panisch geradeaus. Diese kleine Kammer war so winzig, daß sie gerade ein wenig Bewegungsfreiheit hatte - für einen Menschen mußte es noch schlimmer sein!
Ihr Atem ging schnell und sie bebte am ganzen Leib, die Fesseln schnitten ein und sie ließ schluchzend den Kopf auf die Knie sinken, sie hatte die Beine fest angezogen.
Immer wieder, wenn sie mit unbekannten Dingen konfrontiert wurde, war sie unsicher - aber das hier machte ihr unbeschreiblich große Angst. Sie glaubte, keine Luft bekommen zu können.
Verzweifelt wollte sie nach Frodo rufen, aber dann erinnerte sie sich an den Knebel, der immer noch schmerzhaft einschnitt, und hob die zitternden Hände, um ihn herunterzuziehen.
Doch er saß sehr fest. Alatar hatte keinerlei Skrupel mehr gekannt. Sie schaffte es gerade, wenige Finger zwischen das Tuch und ihr Gesicht zu bringen und wollte ziehen, aber es ging nicht. Sie konnte auf den Stoff beißen und das war das Problem. Sie mußte das Tuch aus dem Mund bekommen und das ging nicht, es war zu fest.
Sie hob die Hände über den Kopf und bemühte sich, so gut sie konnte, den Knoten zu erreichen, aber die Fesseln machten es ihr fast unmöglich. Doch sie fand ihn und versuchte verzweifelt, ihn zu lockern, auseinanderzuziehen.
Tränen von Schmerz und Angst liefen ihr über die Wangen, aber sie blieb in dem Moment stark und schließlich, als sie schon fast glaubte, sie könne ihre Hände nicht mehr spüren, wurde der Knoten des Knebels ein wenig lockerer und sie zog hektisch an dem Tuch, was den Knoten wieder festzog, aber zumindest steckten ihre Haare nicht mehr darin und sie war nun in der Lage, den Knebel abzustreifen.
Befreit schnappte sie nach Luft und stand auf, streckte die Arme empor und suchte nach der Decke der kleinen Kammer, nach der darin eingelassenen Falltür - aber sie mußte sich erst auf die Zehenspitzen stellen, um sie zu erreichen. Dann fand sie das Holz endlich und sprang nach oben, um dagegenzuklopfen.
Hilfe! rief sie und hielt dann inne, um zu lauschen, aber sie konnte nichts hören außer ihrem eigenen Herzklopfen und ihrem schnellen Atem.
Frodo, ich bin hier... Ihre Stimme versagte fast. Die Dunkelheit und das Wissen, daß sie in einer winzigen Kammer eingesperrt war, trieben sie fast in den Wahnsinn. Wie sollte sie das aushalten? Wie konnte sie wissen, wann Alatar wiederkam, um sie zu befreien? Er konnte sie verhungern lassen oder vielleicht war irgendwann keine Luft mehr zum Atmen da...
Laut weinend sank sie in sich zusammen. Sie fühlte sich so hilflos und es war für sie fast unerträglich, nicht zu wissen, was nun geschah.
Jetzt wünschte sie sich fast, Frodo möge nachgeben. Sie hatte einfach nur noch Angst.
Was, wenn niemand sie dort fand?
Sie wünschte, sie hätte nach Frodo gerufen, damit er sie finden konnte, denn schlimmer als das hatte es nicht kommen können. Sie atmete stoßweise und versuchte vergeblich, ruhiger zu werden. Dann wartete sie nur noch darauf, etwas zu hören und es dauerte nicht mehr lange, bis sie laute Stimmen vernahm. Alatar stritt mit Frodo.
Sie versuchte vergeblich, etwas zu verstehen, doch dann kamen sie sogar noch näher und egal, was ihr dafür drohen sollte, sie versuchte wiederum, an die Falltür zu klopfen und rief nach Frodo, so laut sie konnte.
Aber der Teppich dämpfte die Geräusche und da Alatar gerade wieder Frodo anzubrüllen schien, hörten die beiden überhaupt nichts.
So gingen sie vorbei und Liliane begriff entsetzt, daß Frodo sie nicht gehört hatte. Die Stimmen wurden leiser, entfernten sich und irgendwann konnte sie nur noch ganz entfernt hören, daß die beiden sich irgendwo zu streiten schienen.
Frodo, flüsterte sie und wußte nicht, was sie denken sollte. Einerseits hoffte sie inständig, daß er ihr helfen würde - aber nicht, wenn das bedeutete, daß er nachgab.
Sie wußte gar nichts mehr.
So verstrich die Zeit und sie glaubte sich dem Wahnsinn nahe in ihrem winzigen Verlies, als sie schließlich hoffnungslos zu summen begann, damit die dumpfe Stille vielleicht nachließ und die Dunkelheit vertrieben wurde.
Es war die Meldodie eines alten Kinderliedes, das sie von ihrer Mutter kannte. In diesem Moment war sie schwach und verängstigt, weil sie sich in dieser Situation so verlassen vorkam. Also summte sie unablässig die Melodie, schließlich eine andere, vertrieb sich so irgendwie die Zeit und begann fast, ein neues Lied zu dichten, um nicht völlig verrückt zu werden.
Die Minuten tropften dahin und wollten gar nicht richtig verstreichen, wurden endlos - doch dann hörte sie plötzlich jemanden rufen.
Liliane?
Zu Tode erschrocken hielt sie inne und stand auf.
Bist du das?
Wer war denn das? Sie erkannte die Stimme nicht, sie kam nur gedämpft bei ihr an und dann löste sie sich aus ihrer Starre und fragte, wer dort sprach.
Es war Gimli. Endlich kam jemand. Sie war so erleichtert...
Elender Mistkerl! stellte Gimli fest, als er voller aufkeimender Wut vernommen hatte, was Alatar sich für Liliane ausgedacht hatte. Da saß sie jetzt und mußte noch damit rechnen, vielleicht irgendwann keine Luft mehr zu bekommen.
Wütend rüttelte er an der Falltür und überlegte dann sehr ernsthaft, sie mit der Axt einzuschlagen.
Liliane, ich könnte versuchen, dich herauszuholen. Ich habe immer noch die Axt!
Aber das hört Alatar, so schnell bist du nicht und dann sucht er nach dir! Das ist doch zu gefährlich!
Und du willst da unten sitzenbleiben in dem Verschlag? fragte Gimli sarkastisch. Anders konnte er diese winzige Kammer nicht nennen.
Nein... aber ich glaube, daß er wiederkommt. Bleib einfach hier, einschlagen kannst du die Tür immer noch! Aber laß mich hier nicht allein...
Schulterzuckend erwiderte der Zwerg: Gut, wie du willst. Aber... aber ich kann doch jetzt nicht hier sitzenbleiben! Soll ich nicht lieber nach Frodo und dem Zauberer suchen?
Aber dann hörte er plötzlich Schritte und hörte Lilianes Antwort gar nicht mehr bewußt, weil er lauschte und erschrocken feststellte, daß sich jemand näherte.
Ruhig! Sie kommen! Ich verstecke mich! zischte er halblaut, sprang schnellstens auf und versuchte hektisch, den Teppich wieder zu richten.
Liliane wußte nicht, ob sie sich freuen oder Angst haben sollte über diese Nachricht. Sie kamen! Frodo und Alatar? Sie hatte nichts gehört, aber sie hörte, wie Gimli mit dem Teppich raschelte, aufsprang und weglief. Vermutlich versteckte er sich in einem der nahen Zimmer.
Und das tat er tatsächlich. Er riß die Tür auf, schloß sie so leise wie möglich wieder hinter sich und lief zum Fenster, wo er sich hinter den langen Vorhang stellte und sich nicht mehr regte. Hauptsache, niemand merkte, daß er dort war!
Fünfzehntes Kapitel: Das Duell
Wutentbrannt rang Frodo noch immer mit dem Ostling, als inzwischen Alatar zurückkehrte. Schlagartig hielt der Hobbit inne und starrte den Zauberer feindselig an.
Was soll das? fragte er giftig. Alatar grinste, gab dem Ostling einen Wink und der Mann ließ Frodo los, bevor er verschwand.
Frodo verschränkte die Arme vor der Brust und bewegte sich nicht mehr, als Alatar sich jedoch hinsetzte und immer noch für einen Moment schwieg.
Es interessiert mich, wie lange du noch stur bleiben willst. Sie sitzt jetzt in einer kleinen finsteren Kammer und ich weiß nicht, wie lange die Luft dort reicht. Vermutlich ängstigt sie sich zu Tode. Aber wie schnell wir sie von dort befreien, hängt von dir ab, außerdem können wir so in Ruhe verhandeln.
Frodo sog scharf die Luft ein, als er das hörte. Es gefiel ihm überhaupt nicht, aber es war nicht zu ändern.
In diesem Moment erinnerte er sich an das, was auch Sam schon eingefallen war. Liliane hatte ihn gebeten, nicht ihretwegen auf irrwitzige Forderungen einzugehen. Gern gehört hatte er das nicht, aber er hatte sie sofort gefragt, warum sie nicht gesagt hatte, daß er um keinen Preis nachgeben sollte.
Weil ich weiß, daß du mich nicht sterben lassen würdest. Wenn dir jemand mit meinem Tod droht, wirst du nachgeben, das weiß ich. Das liegt in deinem Ermessen. Ich werde dir dein Gewissen nicht damit beschweren, daß ich dir sage, du sollst mich sterben lassen. Du tust es ohnehin nicht.
Und er wußte, daß sie es ehrlich gemeint hatte. Sie kannte ihn gut. Er konnte sich daran erinnern, daß er oft gedacht hatte, man sollte sein Leben opfern, wenn er dazu dienlich sein sollte, jemanden wie Aragorn zu erpressen.
Aber das war etwas anderes. Liliane wollte ihm diese Forderung gar nicht erst zumuten, weil sie wußte, wie sehr ihn das belasten würde und daß er es ohnehin nicht tat.
Und nun stand er da und eigentlich half es ihm nicht weiter, denn er wußte nicht, bis wohin er es zulassen konnte, daß man ihn durch sie erpreßte. Aber noch würde er nicht nachgeben. Damals hatte sie schon gesagt, daß er hart bleiben sollte, wenn sie ihn darum bat. Und das hatte sie getan.
Noch. Noch konnte er es verantworten. Aber es zerriß ihn innerlich, denn er wagte nicht, sich vorzustellen, wie es ihr gerade erging.
Warum sollte ich Euch die Macht geben? Ihr wißt nicht, was Ihr da verlangt! Sie ist sehr gefährlich!
Warum? Weil ich sie haben will, deshalb! Und ich weiß sehr wohl, was ich verlange. Aber bitte, wir können das Spiel ewig spielen. Ich habe ja keine Angst!
Frodo verzog keine Miene. Aber er hatte das eigenartige Gefühl, daß Alatar einzig auf den Ruf dieser Macht ansprach. Genau wie er zuletzt. Alatar war nicht durch und durch böse, sonst hätte er kaum geholfen, er war nicht nur ein skrupelloser Feind. Frodo wußte am besten um den Einfluß, den die Macht Saurons auf jemanden ausüben konnte. Er hatte es am eigenen Leib erfahren müssen und es war schmerzhaft für ihn gewesen. Und nun hatte die Macht sich jemand neues ausgesucht, Alatar hörte auf ihren Ruf - und war dadurch zu vielem fähig, was gar nicht in seinem Wesen lag.
Er mußte versuchen, ihn zu überzeugen!
Versteht doch, die Macht ruft nach Euch, um Euch beherrschen zu können! Ihr seid doch bereits soweit, daß Ihr zu allen Mitteln greift, um sie zu bekommen! Eigentlich seid Ihr doch nicht so!
Ach nein? Woher willst du das wissen? Gib sie mir einfach, das würde das Ganze weitaus einfacher machen! Oder willst du, daß ich deiner Frau das Leben noch ein wenig schwerer mache? Glaubst du wirklich, ich hätte da keine Ideen mehr? Wie weit muß ich gehen?
Frodo ballte die Hände zu Fäusten. Es trieb ihn fast in den Wahnsinn, Alatar so reden zu hören.
Hört einfach auf! Laßt uns doch gehen! Versteht Ihr nicht? Ich wollte diese Macht nie, ich habe sie zerstört, wie soll ich sie nun herausgeben? Ich kann es nicht! Und bitte laßt Liliane aus dem Spiel, sie hat doch damit nichts zu tun!
Damit vielleicht nicht, aber ist sie nun deine Frau oder nicht? Nun gib mir die Macht! Wenn du aufhörst, deinen Willen dagegenzustellen, könnt ihr sofort gehen! Ist das denn so schwer?
Frodo ließ den Kopf hängen. Er wußte nicht, was er noch versuchen sollte, um Alatar zur Vernunft zu bringen. Er überlegte kurz und Alatar sagte ebenfalls nichts, doch dann startete Frodo noch einen Versuch.
Bitte, so bleibt doch vernünftig, Ihr werdet nicht die Macht besitzen, die Macht wird Euch besitzen! Und es ist nicht mehr viel, denke ich, sie nützt Euch bestimmt nichts!
Und wenn es nicht mehr viel ist, dann kannst du sie doch hergeben! Oder willst du sie für dich behalten? Lieber als deine Frau?
In dieser Art ging es noch eine ganze Zeit lang weiter, die beiden diskutierten und bald begann Alatar, Frodo ungeduldig anzubrüllen, was der Hobbit in ähnlicher Weise beantwortete. Er blieb deshalb stur, weil Alatar ihm im Moment nicht drohte. Natürlich war er voller Sorge um Liliane, aber er glaubte nicht, daß sie im Moment in großer Gefahr war. Er wagte einfach, daran zu glauben, weil er immerhin Alatar gedroht hatte, gar nichts mehr zu tun, sollte ihr etwas zustoßen.
Alatar hatte das auch im Hinterkopf, aber er ging schließlich einmal zum Fenster und sah, wie Frodos Freunde vor dem Tor herumliefen und sehr nervös schienen. Alatar konnte einen von ihnen rufen hören und das war ihm Anlaß genug, aufzustehen, Frodo grob am Arm zu packen und zu sagen: Wir gehen jetzt woanders hin, damit wir dort ungestört sind!
Und was ist mit Liliane? bohrte Frodo wieder.
Das hängt davon ab, wann du endlich nachgibst! Ihr Wohl liegt ganz allein in deiner Hand.
Das ist nicht wahr! schrie Frodo und riß sich los, um freiwillig neben dem Zauberer die Treppe hochzusteigen. Alatar fuhr unnachgiebig fort, mit ihm zu diskutieren, so daß Frodo nicht einmal die Gelegenheit bekam, überhaupt lauschen zu wollen, ob er vielleicht Liliane hörte. Aber er bezweifelte ohnehin, daß sie sich bemerkbar machen konnte. Alatar hatte sie nicht umsonst geknebelt.
Wut keimte erneut in ihm auf allein beim Gedanken daran. Das würde dieser Zauberer noch bereuen, dachte Frodo, wenn er irgendwie die Kraft dazu hatte, würde er ihm irgendwann mitteilen, wie erfreut er darüber war.
Ich denke, daß es vielleicht noch schlimmer für sie ist, allein in der dunklen Kammer zu sitzen ohne Wasser oder etwas zu essen. Wann willst du das beenden? fragte Alatar, der Frodo in sein Lesezimmer geführt hatte, das der Hobbit bereits kannte.
Vielleicht gebe ich nach, wenn ihr sie endgültig freilaßt! Wäre das kein Angebot? hielt Frodo ungerührt dagegen. Er war dem Zauberer nicht völlig unterlegen und diese Tatsache nutzte er schamlos aus, soweit er konnte. Er mußte schließlich retten, was zu retten war.
Bestimmt nicht. Du gibst sie mir ja doch nicht. Ich habe jedenfalls Geduld, sie ist diejenige, die leidet. Überleg dir das gut.
Ich werde euch die Macht nicht geben! rief Frodo und lehnte sich an die Wand, verschränkte wieder die Arme vor der Brust und atmete hörbar aus. Er haßte diese Situation.
So ging das bestimmt noch fast eine ganze Stunde weiter. Inzwischen war der Abend nah, der Streit wollte sich endlos hinziehen und kein Ende nehmen. Frodo wurde langsam äußerst nervös, weil er Alatar grundsätzlich Glauben schenkte, was Lilianes augenblicklichen Aufenthaltsort anging. Sie war weder besonders schreckhaft noch hatte sie eine solche Angst vor Dunkelheit wie er, ausgehend von Kankras Höhle, aber er konnte sich gut vorstellen, daß sie dennoch voller Furcht an einem solchen Ort war.
Laßt sie gehen und ich gebe euch die Macht! rief Frodo und meinte es fast ernst. Er war sich nicht sicher, ob er es wirklich tun würde, aber als er es gerade sagte, stand für ihn zumindest fest, daß er nicht log. Aber Alatar faßte das nicht so auf.
Dafür habe ich keine Garantie! Wenn du dich danach verweigerst, was tue ich dann? Nein. Du gibst mir erst die Macht und dann könnt ihr gehen!
Nein. Niemals!
Sie drehten sich im Kreis. Fast seit einer Ewigkeit änderte sich nichts an der Situation, weil Frodo Zeit schinden wollte. Er hoffte, die anderen kämen ihm zu Hilfe und würden etwas ausrichten können, aber leider regte sich überhaupt nichts.
Er wußte nicht, was er denken sollte. Er focht einen unnachgiebigen Zweikampf mit dem machthungrigen Zauberer, der versteckt immer wieder an die Macht zu gelangen versuchte, aber Frodo wehrte jeden dieser Versuche ab.
Laßt Liliane aus dem Spiel und meine Freunde. Und warum laßt Ihr mich nicht in Frieden? Ich kann es nicht verantworten, die Macht freizugeben! Es ist zu gefährlich!
Nobel, kleiner Halbling. Und wieder denkst du daran, was dein Tun für alle anderen bedeuten könnte. Aber in erster Linie bedeutet es für deine Frau nur eine zusätzliche Qual, die du ihr gut ersparen könntest!
Falsch, die könntet Ihr Liliane ersparen! schrie Frodo.
Alatar wurde langsam ziemlich ungeduldig. Er begriff nicht, wie der Hobbit so stur bleiben konnte. Aber Frodo spürte instinktiv, daß er Alatar nicht unterlegen war und diese Situation wollte er solange nutzen, wie er konnte.
Aber das schlechte Gewissen plagte Frodo sehr. Er schämte sich, daß er nichts für Liliane tun konnte. Er konnte es wirklich nicht.
Der Zauberer begriff langsam, daß er noch etwas tun mußte, um eine Änderung herbeizuführen. Er mußte sich schnell etwas überlegen, um Frodo zum Umschwenken zu bewegen. Aber er hatte sich bereits einen Plan zurechtgelegt und ohne noch weiter darüber zu diskutieren, trat er auf Frodo zu, packte ihn am Arm und verließ zusammen mit ihm das Zimmer, um wieder über die Treppe hinunterzusteigen.
Was soll das jetzt? rief Frodo und riß sich wieder los, weil er es Alatar nicht gestatten wollte, ihn länger festzuhalten. Der Zauberer tat ihm diesen Gefallen.
Ich bringe dich zu ihr.
Starr vor Staunen blieb Frodo fast stehen und warf Alatar einen überraschten Blick zu, aber der Zauberer reagierte gar nicht, sondern ging unbeeindruckt weiter. Frodo folgte ihm auf dem Fuß, weil er fast fürchtete, der Zauberer könnte es sich sonst anders überlegen.
Alatar grinste heimlich. Natürlich brachte er Frodo zu Liliane, aber nicht, um Frodo damit einen Gefallen zu tun, sondern das genaue Gegenteil: Sich selbst wollte er einen Vorteil verschaffen.
Als sie das betreffende Stockwerk erreicht hatten, war Alatar mehr überrascht als Frodo, nichts zu hören. Es war alles still, nichts regte sich. Er lehnte sich in einer selbstgefälligen Geste an die Wand und befahl harsch: Unter dem Teppich genau dort an dieser Stelle, zieh den Teppich weg und du wirst es sehen.
Damit warf er Frodo, der ihn fragend ansah, einen Schlüssel zu und durch einen Reflex fing der Hobbit ihn, kniete sich vor den Teppich und schob ihn hektisch zur Seite, denn der Verdacht, der in ihm aufkeimte, war schrecklich und für ihn kaum erträglich.
Durch das Rascheln und die Stimmen aufgeschreckt, war Liliane aufgesprungen und hatte sich dort hingestellt, wo sie die Falltür über ihrem Kopf vermutete.
Liliane? hörte sie Frodo fragen, der den Schlüssel im Schloß drehte, das sich knirschend öffnete. Sie war mit einem Schlag aufgeregt, weil sie schlimmes befürchtete. Wenn Frodo tatsächlich gekommen war, um sie zu holen, hatte er doch nicht etwa... Aber sie würde endlich wieder frei atmen können, langsam hielt sie es nicht mehr aus.
Hol mich hier raus, Frodo! rief sie. Er hatte nichts anderes im Sinn. Hektisch drehte er den Ring und hob die Falltür. Geblendet vom Licht riß Liliane die Hände empor und hielt sie vors Gesicht.
Frodo war starr vor Schreck, als er sah, wo sie dort stand.
Bei den Valar... entfuhr es ihm und er biß sich auf die Lippen, doch dann sagte er: Ich ziehe dich hoch!
Alatar ließ ihn gewähren. Frodo beugte sich zu Liliane herunter, legte sich schließlich vor der Luke auf den Boden und streckte die Arme herunter, konnte sie an den Schultern fassen und zog sie erst ein Stück hoch, legte dann ihre Arme um seinen Hals und faßte sie um die Taille, um sie ganz herausziehen zu können. Er schaffte es, sie auf den Rand der Luke zu setzen, holte seinen Kopf wieder zwischen ihren Armen hervor und schloß sie sofort erleichtert in die Arme. Ihm fehlten die Worte, er wußte nicht, was er sagen sollte. Er hatte sie endlich zurück.
Ihren stoßweisen Atem konnte er spüren und daß sie am ganzen Körper zitterte.
Ganz ruhig, es ist vorbei, du brauchst keine Angst zu haben, sagte er und strich ihr liebevoll über den Kopf. Als er hinabstarrte in die winzige Kammer, wurde er schon von Beklemmungen ergriffen, ohne jemals dort unten gewesen zu sein. Aber sie war ganz tapfer geblieben, beruhigte sich schließlich und dann schaffte Frodo es mit ihr gemeinsam, aufzustehen. Einen Arm hatte er um sie gelegt und mit dem anderen hielt er ihre Hände hoch, streckte sie Alatar entgegen und sagte: Was ist jetzt mit den Fesseln?
Er rechnete sich keine besonderen Chancen aus, daß Alatar diesmal auf seine Forderungen eingehen würde, aber er tat es plötzlich, indem er seinen Dolch zog und damit die Stricke zerschnitt.
Kaum daß sie wieder frei war, schlang Liliane die Arme um Frodo und vergrub den Kopf an seiner Brust. Frodo sah zu Alatar und zischte böse: Hättet Ihr sie nicht woanders einsperren können?
Nein. Du siehst, ich mache keine Scherze, ich hatte dir gesagt, wo sie ist. Und du bist skrupellos genug, sie dort sitzen zu lassen!
Frodo schüttelte den Kopf. Nein. Ich habe sie schließlich auch nicht eingesperrt!
Natürlich, natürlich. Aber ich denke, es soll ihr nicht lange vergönnt sein, endlich wieder etwas anderes als nur Schwärze sehen zu können! Sie hat sich doch an Dunkelheit gewöhnt!
Frodos Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er Alatar so sprechen hörte, aber er reagierte nicht schnell genug. Schon hatte Alatar die Hand gehoben und ballte sie erst zur Faust, öffnete sie dann mit einem Schlag, konzentrierte sich auf sein Ziel und es war bereits zu spät, als Frodo sich schützend vor Liliane stellen wollte.
Der Zauberer begann leise und boshaft zu lachen, während Liliane die Augen aufriß und sich verschreckt an Frodo krallte. Er hielt die Luft an, als er sie ansah und feststellen mußte, daß ihr Blick wie durch ihn hindurchzugehen schien, sie konnte nichts mehr fixieren und suchte nach etwas, aber vergebens.
Frodo, was... ich kann nichts sehen...
Frodo glaubte fast, sein Herz bliebe stehen. Was hatte Alatar ihr nur angetan?
Er zog Liliane an sich und glaubte, verrückt werden zu müssen, als er es begriff. Voller Zorn und Verzweiflung schrie er: Nein!, so laut, daß Gimli hinter dem Vorhang am liebsten sofort sein Versteck verlassen hätte.
Liliane zuckte zusammen, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Sie wußte, jetzt würde er nicht mehr vernünftig denken können.
Mit einem Schlag war alles wieder dunkel geworden. Sofort stieg wieder Panik in ihr auf, Liliane fürchtete fast, den Boden unter den Füßen zu verlieren und klammerte sich an Frodo. Doch ihn an sich zu spüren gab ihr ein wenig Sicherheit, was Frodo sofort merkte und während er Alatar einen haßerfüllten Blick zuwarf, flüsterte er ihr beruhigend zu: Das wird er bereuen!
Denn plötzlich hatte er eine Idee. Alatar ließ Liliane nicht ungestraft einfach erblinden. Nicht, solange er etwas dagegen ausrichten konnte.
Liliane hatte Angst. Wieder stieg sie heiß in ihr hoch und ließ sie vor Furcht zittern, aber sie sagte schnell: Frodo, nicht... ich... gib ihm nicht die Macht, bitte, nicht wegen mir, nicht deswegen!
Was willst du tun? fragte nun Alatar. Mein Angebot steht - gib mir die Macht und deine Frau kann wieder sehen. Wär doch zu schade, wenn sie nie wieder die Sonne scheinen sehen könnte!
Scheusal! brüllte Frodo und ließ Liliane nicht los, die sofort sagte: Tu das nicht! Bitte, ich... ich kann damit leben, aber tu das nicht!
Das werde ich nicht! sagte Frodo und holte tief Luft. Er ließ Liliane langsam los und seine Überzeugung begann in ihm zu wachsen. Er hatte das, was Alatar wollte - also mußte die Macht zu nutzen sein!
Frodo, was... wo willst du hin? fragte Liliane, als er sie losließ und streckte die Hände aus, um nach ihm zu tasten, aber blieb wie angewurzelt stehen, weil sie wußte, daß sie neben der offenen Falltür stand. Frodo kümmerte sich in diesem Augenblick nicht darum. In ihm schürte ein loderndes Feuer seine Wut, er starrte Alatar voller unbändigem Haß an. Er fragte sich nur, warum er nicht schon vorher auf die Idee gekommen war.
Wahrscheinlich, weil er um das Risiko wußte - aber er war so blind vor Raserei, daß es ihn nicht mehr kümmerte.
Er schien fast zu wachsen. Jetzt beschloß er zum ersten Mal, die Macht für sich zu nutzen, denn jetzt brauchte er sie. Lieber wollte er sie einsetzen als sie Alatar überlassen!
Mit drei Schritten stand er vor dem Zauberer, hob die Arme und umfaßte Alatars Arme mit seinen Händen. Alatar verzog fast amüsiert das Gesicht, wollte ihn zurückstoßen, doch dann stellte er fest, daß Frodo sich nicht rührte, als er ihn mit den Armen anstieß.
Unbändiger Haß schlug ihm entgegen, als er in Frodos Augen sah. Der Hobbit hatte plötzlich durch die Nutzung der Macht ungeahnte Kräfte und rief: Macht es rückgängig! Gebt ihr das Augenlicht zurück!
Sonst? fragte der Zauberer, konzentrierte sich und stieß Frodo dann schlagartig zurück, so daß er hinterrücks zu Boden fiel und neben Liliane rutschte, die verschreckt zusammenzuckte und unwillkürlich zurückwich.
Keuchend richtete Frodo sich wieder auf, sprang auf die Füße und baute sich wieder vor Liliane auf, weil er fürchtete, daß Alatar noch mehr dieser Ideen hatte, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er war sprachlos und völlig verzweifelt.
Was nun? fragte Alatar und erntete nur einen bösen Blick, aber dann schoß Frodo ein neuer Gedanke durch den Kopf und er nahm Liliane an der Hand, führte sie mit sich zurück an die gegenüberliegende Wand und sah sie an, während er ihre beiden Hände in seinen hielt.
Alatar tat gar nichts, er fragte sich allerdings, was Frodo nun tun wollte. Es erschien ihm völlig rätselhaft, er hatte ihn doch in der Hand!
Tu das nicht, Frodo, bitte... nicht wegen mir! bat Liliane inständig, aber es zerriß Frodo das Herz, daß sie ihn nicht einmal sehen konnte.
Aber du sollst wieder sehen! erwiderte Frodo, hob eine Hand und legte sie instinktiv auf ihre Augen, suchte nach der Macht, die sich langsam wieder sammelte, und lenkte sie mit aller Willenskraft auf ein Ziel. Er wußte nicht, ob er tatsächlich etwas tun konnte, aber er mußte es zumindest versuchen.
Er hatte nie gewußt, daß er dazu fähig war. Aber er schloß die Augen für einen Moment und spürte, wie ein Ruck durch seinen Körper fuhr und ihm fast schwindlig wurde, aber dann fing er sich wieder, sah zu Liliane und nahm seine Hand herunter.
Zögerlich öffnete sie die Augen und schlug die Hände vor den Mund, als sie ihn vor sich stehen sah, Licht sah, wieder sehen konnte.
Wie... was hast du getan, Frodo? Wie hast du das gemacht? fragte sie mit bebender Stimme, sie konnte es kaum fassen, aber sie war glücklich, nicht länger blind zu sein.
Als Alatar sah, daß Frodo seinen Plan völlig zunichte hatte machen können, war er es, der vor Wut nicht mehr wußte, was er denken sollte.
Er sah feindselig zu den beiden Hobbits, die sich in den Armen lagen, gar nicht um ihn kümmerten und voller Freude waren.
Das wagst du nie wieder! brüllte er wutentbrannt und kam auf die beiden zu, Liliane wich zurück und Frodo warf Alatar nicht mehr als einen fragenden Blick zu.
Ach nein? Wie Ihr seht, bin ich nicht so hilflos, wie Ihr es gern hättet! Jetzt weiß ich überhaupt erst, welche Fähigkeiten ich habe, wenn ich will!
Frodo, nein! rief Liliane, die fürchtete, daß Frodo etwas unüberlegtes tun würde. Aber dem war nicht so.
Alatar blieb dicht vor ihm stehen, trat dann an ihm vorbei und öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem Gimli sich versteckt hatte. Im Bruchteil einer Sekunde packte er beide Hobbits an den Armen, zerrte sie durch die Tür und stieß sie unsanft in den Raum.
Du wirst mir meine Pläne nicht durchkreuzen, Frodo Beutlin! brüllte er, warf die Tür hinter sich zu und verriegelte sie.
Die beiden waren eingesperrt, aber das kümmerte sie wenig in diesem Moment.
Stumm sahen sie sich an und taten erst einmal gar nichts, doch dann raschelte es hinter ihnen und sie schraken zusammen.
Doch es war Gimli, der hinter dem Vorhang hervortrat und sprachlos den Kopf schüttelte.
Was auch immer ihr gerade dort getan habt, es klang schrecklich. Bin ich froh, euch zu sehen! rief er, ließ seine Axt an der Wand stehen und eilte zu den beiden.
Gimli! Du hast dich hier versteckt? fragte Liliane und der Zwerg nickte, verzog aber gleichzeitig unerfreut das Gesicht.
Das steht dir nicht, bemerkte er trocken und trat hinter sie, machte sich am Knoten ihres Knebels zu schaffen und befreite sie davon, denn er hing immer noch um ihren Hals.
Liliane lächelte.
Es war gut, daß du vorhin gekommen bist. Danke.
Gimli zuckte nur mit den Schultern. Eigentlich wollte ich diesen Tunichtgut hier suchen, um mit ihm zusammen dem Zauberer zu zeigen, wie man sich anständig benimmt, aber ich denke, das hast du ihm auch ganz gut ohne mich zeigen können! Oder?
Frodo grinste. Er mochte den unverwüstlichen Humor des Zwergen.
Ich denke, daß ich ihm zumindest eine weitere Denkaufgabe gegeben habe. Aber wir sollten nicht darauf warten, das Ergebnis zu erfahren!
Gimli nickte. Da hatte Frodo Recht.
Gut. Und wie verschwinden wir von hier?
Fragend sahen die drei sich an. Das war eine wirklich gute Frage.
Wie in aller Welt kommst du überhaupt hierher? fragte Frodo und Gimli erklärte ihm, über welchen Weg er in die undankbare Situation geraten war, der einzige zu sein, der nun noch etwas tun konnte. Frodo war überrascht, als er das hörte, aber es erging Liliane und Gimli nicht anders, als er erst zu erzählen begann von seinem Streit mit Alatar.
Sag ich ja immer, Hobbits sind eben schrecklich stur! Alatar wird dich dafür hassen, bemerkte Gimli. Frodo zuckte mit den Schulter, gedanklich war er immer noch abwesend. Er dachte daran, daß er tatsächlich die Macht eingesetzt hatte, deren erbitterter Feind er eigentlich immer gewesen war. Er wußte nicht, ob es falsch gewesen war, daß er seine eigenen Interessen als ausreichenden Grund gesehen hatte, diese Macht einzusetzen.
Aber als er Liliane neben sich sah und genau wußte, daß sie nicht dazu verdammt sein sollte, blind zu sein, wußte er, was er getan hatte.
Es war das kleinere Übel gewesen.
So wußten sie schließlich alle drei darüber Bescheid, wie es den anderen ergangen war. Gimli schaute sich noch kurz in dem Zimmer um und nahm sich diesmal die Zeit, in die herumstehenden Schränke zu schauen. Sie waren alle leer und groß genug, ihn zu verstecken.
Wunderbar, dann muß ich nicht mehr hinter dem Vorhang stehen! begrüßte er diese Tatsache, nahm seine Axt und stellte sie in den Schrank. Danach nahm er das Schwert von seinem Gürtel und warf es Frodo flink zu.
Wer weiß, ob du es brauchen kannst!
Frodo zuckte mit den Schultern und betrachtete die Waffe genau. Das ist von Pippin!
Oh, ich denke, er würde dir gestatten, es zu benutzen. Da er es nicht hat, will es von dir verwendet sein!
Frodo schnallte es an seiner Hose fest und fühlte sich gleich ein wenig besser. Alatar würde sich noch wundern!
Die drei Freunde unterhielten sich ein wenig, weil sich draußen nichts rührte. Gimli setzte sich in den Schrank und ließ die Tür nur einen Spalt breit offen stehen, während Liliane und Frodo Platz nahmen vor der anderen Schranktür und sich dagegenlehnten. Frodo hatte seine Arme um sie gelegt und spürte, wie sehr seine Anwesenheit sie beruhigte, zumal er nun bewaffnet war. Gimli moserte derweil herum, daß der Schrank entsetzlich riechen würde, was die Hobbits bestätigen konnten - aber sie gewöhnten sich daran und ignorierten es schließlich.
Ich will aus diesem Turm verschwinden. Mit unseren Pferden und allem, was wir sonst noch hier haben. Das ist das Problem. Mal ganz davon abgesehen, daß es schwierig werden dürfte, diese Tür hier aufzubrechen und an Alatar vorbeizukommen - wir können ohne Verpflegung nicht von hier fliehen. Sag mal, Frodo, was würde denn passieren, wenn du ihm die Macht einfach gibst?
Entgeistert starrte Frodo in den Schrank und sah Gimlis Augen vorwitzig im Licht blitzen, während er sonst nur Umrisse des Zwerges erkennen konnte.
Bist du verrückt? Ich war schon in der Lage, Liliane das Augenlicht zurückzugeben - ich möchte nicht wissen, was geschieht, wenn Alatar die Macht an sich bringt! Es ist zu gefährlich!
Gut. Wollte nur mal fragen, sagte Gimli kleinlaut. Keine besonders gute Idee, dachte er im Nachhinein.
Und... wenn er jetzt zurückkehrt, bleib solange im Versteck, wie es eben geht. Zeig dich bloß nicht! Egal, was er tut, bitte schreite erst ein, wenn ich dich rufe, in Ordnung? bat Frodo. Gimli nickte schulterzuckend. Ihm sollte es recht sein. Er kannte Alatar seit höchstens zwei Stunden, jedoch hatte der Zauberer Frodo gegenüber schon vieles preisgegeben und der Zwerg wollte einfach daran glauben, daß Frodo wußte, was er tat.
Sie überlegten hin und her, aber ihnen fiel nichts ein, das sie tun könnten. Sie waren gefangen und dem Zauberer erst einmal ausgeliefert.
Dieser überlegte währenddessen, was alles in seinen Fähigkeiten lag, denn er wollte unbedingt etwas tun, nein, er mußte. Er lief auf dem Flur auf und ab und da Gimli schlau genug war, leise zu sprechen, merkte der Zauberer nicht, daß die beiden Hobbits nicht allein waren. Er war ohnehin viel zu sehr in Gedanken versunken. Verschiedene Möglichkeiten hatte er noch - aber ganz egal, was er sich für Liliane ausdachte, Frodo zeigte sich unbeeindruckt, oder er machte es gar noch rückgängig.
Alatar mußte sich etwas überlegen, auf das der Hobbit keinen Einfluß hatte, weil es seine Macht überstieg. Er wußte, er hatte so schon mehr Macht als Frodo ihm je geben könnte, aber er hatte eine andere Art von Macht und Saurons würde ihm sehr hilfreich sein.
Liliane erblinden zu lassen war nicht weitreichend genug. Frodo hatte dagegen kämpfen und es wieder ändern können - das durfte nicht mehr passieren. Alatar wurde wütend, wenn er nur daran dachte.
Aber er würde Liliane etwas anderes nehmen, das Frodo ihr ganz gewiß nicht zurückgeben konnte, denn dies bezog sich auf etwas, worauf eigentlich niemand Einfluß hatte - es sei denn mit genug Macht und die hatte Alatar. Er würde einfach aufpassen, daß Frodo nicht dagegen ankam.
Und er war sich sicher, daß er den Hobbit damit in die Knie zwingen konnte.
Grinsend ging er zur Tür, schloß auf und sah, wie die beiden Hobbits vom Boden aufsprangen, als er kam.
Sofort zog Frodo sein Schwert und Liliane hielt sich hinter ihm, er wollte sie beschützen.
Wo hast du das her? donnerte Alatar. Frodo antwortete nur schulterzuckend: Lag hier. Aber ist doch nützlich, oder nicht?
Wütend starrte Alatar ihn an, aber er kümmerte sich gar nicht weiter um das Schwert. Was kümmerte ihn jetzt diese mickrige Waffe?
Er lenkte seine Gedanken auf Liliane. Dazu mußte sie gar nicht hinter Frodo hervortreten, er konnte sie auch so erreichen.
Frodo wurde nervös. Er konnte Alatar nicht ansehen, was er dachte oder vorhatte, der Zauberer kam immer weiter auf ihn zu und verzog keine Miene, sagte nichts mehr und schien irgendetwas auszuhecken.
Was soll das? rief er und hielt das Schwert ein wenig höher, in der Hoffnung, Alatar damit zurückdrängen zu können, aber es war zwecklos. Der Zauberer hielt nicht inne, Frodo wich immer weiter zurück, aber als er plötzlich gegen Liliane stieß, die stehengeblieben war, erschrak er, als sie ihn anschrie: Paß gefälligst auf, wo du hintrittst!
Frodo war für einen Moment unachtsam, denn er fuhr herum und sah sie an, die plötzlich ganz abwesend schien.
Alatar blieb nun stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Dingen ihren Lauf. Er hatte ihr etwas genommen, das weitreichende Folgen haben würde.
Welche Frechheit erlaubst du dir eigentlich, wo du doch für mich verantwortlich warst, mich dort in dieser Kammer eingesperrt zu lassen? Kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefürchtet habe? rief Liliane. Frodo blieb fast der Mund offen stehen, er wagte es kaum, seinen Ohren zu trauen, aber sie machte ihm tastsächlich Vorwürfe in einem Tonfall, mit dem sie ihm noch niemals begegnet war.
Er ließ das Schwert sinken, weil er gesehen hatte, daß Alatar stehengeblieben war. Er ahnte, daß dies sein Werk war.
Und jetzt sind wir hier immer noch eingesperrt! Woher soll ich wissen, was er als nächstes mit mir vorhat? Weißt du eigentlich, wie es ist, nicht mehr sehen zu können? Ich habe es ausgesprochen satt, immer leiden zu müssen, weil du stur bleiben mußt! Ich dachte ja einmal, daß du mich liebst, aber ich habe inzwischen allen Grund, daran zu zweifeln! Gib ihm endlich, was er will, damit ich nach Hause zurückkehren kann! Ich will weg, fort von hier und fort von der Gefahr, in die du mich immer bringst!
Gimli fiel es ausgesprochen schwer, einfach sitzenzubleiben, als er Ohrenzeuge des neuesten Teufelswerks des Zauberers war.
Aber noch schlimmer erging es Frodo. Der Hobbit konnte nicht glauben, wie feindselig Liliane ihn anstarrte. Wann war von ihr je ein böses Wort gefallen?
Er fuhr herum.
Alatar! Warum tut Ihr das?
Das fragst du noch? Ich werde ihr die Liebe zu dir zurückgeben, wenn du mir das gibst, wonach es mich verlangt. Es liegt in deiner Hand. Du wirst sie sonst verlieren.
Nein! Das könnt Ihr nicht tun! schrie Frodo und drehte sich wieder zu Liliane, wollte ihre Hände in seine nehmen, aber sie riß sich los und hob die Hand, wollte ihm fast eine Ohrfeige verpassen, doch Frodo reagierte schnell und hielt ihre Hand fest, so daß Liliane sie wieder sinken ließ.
Liliane, sag so etwas nicht... Ich tue das doch nicht, um dich zu verletzen, weißt du das denn nicht? Bitte... so denk doch nach, du...
Ich habe nachgedacht! Und ich werde gehen! Ich habe es satt, ich will endlich meine Ruhe haben und die werde ich suchen, wenn wir erst wieder im Auenland sind! Aber kann ja auch sein, daß du viel lieber deine Macht für dich behalten möchtest. Bitte... ich habe es satt. Ich will dich nicht mehr sehen. Tu, was du willst. Tust du doch sowieso.
Frodo schluckte schwer, aber er wich ihrem bitterbösen Blick nicht aus. Verzweifelt konzentrierte er sich auf seine Macht, sammelte sie, wollte sie auf Liliane lenken und verhindern, daß Alatars Zauber es schaffte, sie ihm wegzunehmen - aber es gelang ihm nicht. Was er auch versuchte, sie starrte ihn noch immer mit einem kalten Blick an und obwohl er spürte, daß Alatar ihm alles von der erfolglos eingesetzten Macht abzapfte, was er gerade benutzte, versuchte er es weiter.
Nein! Macht doch, daß das aufhört! Ihr könnt sie mir nicht wegnehmen! schrie er voller Angst, denn er ertrug allein den Gedanken nicht, daß sie gehen könnte.
Gar nichts werde ich tun, wenn du nicht endlich einwilligst. Du siehst, du kannst sie nicht für dich zurückgewinnen. Ihre Liebe habe ich und sie wird immer bei mir bleiben, also überlege es dir, was dir wichtiger ist!
Gimlis Körper straffte sich, je aufmerksamer er zuhörte, er griff leise nach seiner Axt, bewegte sich aber sonst nicht. Frodo sagte nichts und er hatte ihm versprochen, nichts zu tun, wenn er ihn nicht um Hilfe bat.
Er blieb einfach ruhig. Er wollte nun auch nicht auf Frodo einreden, zumal er das ohnehin nicht riskieren konnte, sondern wartete nur ab. Er war hier machtlos.
Hoffentlich wußte Frodo, was er tat. Aber Gimli war sofort überzeugt davon, daß er hinter ihm stand, egal was er nun tat. Er kannte seinen kleinen Freund gut genug, um zu wissen, daß er sich seine Entscheidungen nie leicht gemacht hatte.
Und er kannte ihn in Bezug auf Liliane.
Wenn Frodo nachgab, würde er der erste sein, der helfen würde, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.
Dann sah er plötzlich, wie Alatar einen glasklaren, glitzernden Kristall aus der Tasche zog und Frodo hinhielt.
Sieh. Du darfst deinen Willen nicht länger gegen mich stellen und ich verspreche dir, du bekommst sie so zurück, wie du sie liebst und sie dich. Ich hätte nichts davon, dich jetzt zu betrügen. Oder möchtest du, daß sie geht? Womöglich die Kinder nimmt?
Frodo fragte sich kurz, woher Alatar von seinen Kindern wußte, aber er erinnerte sich daran, daß auch Gandalf mit ihm gesprochen und wahrscheinlich davon erzählt hatte.
Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er sah abwechselnd zu Alatar und Liliane, dann warf er einen flüchtigen Blick auf den Schrank, in dem sich nichts rührte.
Er kannte den impulsiven Zwerg gut genug, um zu wissen, daß er niemals diese Ruhe bewahren würde, wenn er etwas in Gefahr sah.
Wie sollte er Gimlis Schweigen deuten?
Er ließ den Kopf hängen und trat einige Schritte nach vorn, drehte sich wieder um und sah dann durch den Spalt in den Schrank, konnte Gimli erkennen und warf ihm einen hilfesuchenden Blick zu.
Er wollte es sich nicht eingestehen, aber Alatar hatte seinen wunden Punkt getroffen und brachte ihn damit ganz gewaltig ins Schwanken.
Dann sah er, daß Gimli nickte. Er erkannte deutlich, daß der Zwerg nickte, denn er hatte inzwischen einen Plan. Alatar hatte ihn erst darauf gebracht, aber er wußte schon, was er tun würde, um Frodo zu helfen.
Dabei, Liliane zurückzubekommen und doch nichts verantwortungsloses zu tun.
Aber genau das fürchtete Frodo. Er wußte nicht, was er tun sollte, aber als er zu Liliane sah, die ihn haßerfüllt anstarrte, war sein Widerstand gebrochen.
Er war sich darüber im Klaren, daß er nicht mehr wußte, was er tat, sein Gewissen schrie und tobte, befahl ihm harsch, es nicht zu tun - aber er mußte sie nur ansehen und sich an Gimlis Nicken erinnern, da hatte er sich auch schon entschieden.
Er hatte keine Wahl.
Nehmt, sagte er und ließ das Schwert fallen, daß es laut scheppernd auf den Boden schlug.
Sechzehntes Kapitel: Hilfe von Gimli
Die Freunde vor dem Tor wußten eines nicht: Die Ostlinge waren nie bei Alatar gewesen, um ihn auf die gewünschten Verhandlungen anzusprechen. Sie waren sehr wohl im Turm gewesen, um auf Wunsch der Freunde der beiden Halblinge nach diesen zu sehen, aber bis nach Einbruch der Dunkelheit diskutierten die Wächter auf der Mauer und waren sich sehr uneins über das, was sie nun tun sollten.
Denn eines wußten sie mit Sicherheit: Es war nicht nur ungewöhnlich, was Alatar tat, sondern in ihren Augen auch nicht richtig. Zwar wollte sich niemand wirklich anmaßen, ein Urteil über die Fremden zu fällen, die sie alle nicht kannten, aber wer heimlich durch die Tür gespäht und Alatar mit beiden Hobbits oder nur Frodo gesehen hatte, fragte sich schon, was diese beiden kleinen Wesen ihrem Herrn getan haben sollte, daß er sie derartig behandelte.
Sie hatten den Zauberer noch nie so erlebt wie zuvor im Hof. Und sie waren sich sicher, daß die Männer vor dem Tor nicht weichen würden, bis die Krise beigelegt war. Ihre Sorge um die Halblinge beschäftigte einige der Ostlinge sehr.
Aber der Herr war immer gut zu uns! wandte dann jemand ein. Wir dürfen doch nun keinen Verrat begehen!
Und was ist, wenn die dort Recht haben und er besessen ist? Was, wenn er den Halblingen etwas tut? Deshalb bin ich absichtlich nicht gegangen und habe gefragt, ob er mit ihnen verhandeln würde, denn das würde er wohl tatsächlich ablehnen - aber was er nicht weiß, kann ihn nicht beschäftigen. Er sollte besser nicht wissen, daß diese Menschen versuchen, hier in die Festung zurückzugelangen, hielt ein anderer dagegen. Die Wächter standen in einer kleinen Gruppe zusammen und unterhielten sich in einem Dialekt, den die Männer Gondors nicht verstanden. Sehr wohl bemerkten sie zwar, daß die Ostlinge diskutierten, aber sie wußten nicht, worüber.
Die Wachmänner fühlten sich nicht als Untertanen des Zauberers, aber sehr wohl ihm zur Treue verpflichtet. Noch. Er gab ihnen Schutz und Obdach, während sie für ihn arbeiteten und so war jeder zufrieden mit dem Bündnis, aber es war kein Verhältnis von Herr zu Dienern. Zwar nannten sie ihn Herr und einige sahen ihn auch als solchen, aber andere, die es mit der Treue nicht so genau nahmen und Wut aufgrund des Unrechts empfanden, das im Augenblick geschah, überlegten ernsthaft, nicht doch das Tor zu öffnen.
Die Diskussion dauerte noch eine Zeitlang an, in der die Getreuen versuchten, die in ihren Augen Abtrünnigen zum Umschwenken zu bewegen, aber diese gelangten dennoch immer mehr zu der Überzeugung, daß etwas getan werden mußte. Sie bemühten sich um mehr Nahrung für die Männer vor der Festung und warfen ihnen Decken herunter, damit die schlafen konnten, die müde waren.
Alatar hatte ihnen das immerhin nicht verboten.
Sie waren nicht sicher, was sie denken sollten, denn bislang hatte er noch nie jemanden derart bedroht, wie er es getan hatte. Sie konnten sich alle keinen Reim auf sein eigenartiges Verhalten machen und so gelangten einige bald zu dem Schluß, daß die Fremden Recht hatten, wenn sie von Machtbesessenheit sprachen.
Es war inzwischen finster und Fackeln wurden auf der Mauer entzündet und so aufgehängt, daß man die Fremden vor dem Tor beobachten konnte.
Diese überlegten währenddessen hin und her und fragten sich, ob es nichts gab, was sie tun konnten.
Und wenn ich nun vorspiele, daß ich Alatars Hilfe brauche, weil ich krank bin? fragte Pippin und Merry grinste. Klar. Ohne Schwert bist du sehr nützlich, wenn du erstmal ganz allein vor ihm stehst!
Pippin zuckte mit den Schultern und warf seinem Vetter einen beleidigten Blick zu. Er hatte es doch nur gut gemeint!
Nein, das erscheint mir auch nicht sinnvoll, sagte Gandalf. Aragorn sah ihn an und fragte: Und was, denkst du, sollen wir nun machen?
Gandalf seufzte. Wenn ich das wüßte. Ich kann nichts tun, wenn wir keine Gelegenheit erhalten, die Festung zu betreten. Das wäre der Grundstein für eine jede Verhandlung, aber Alatar hat den Vorschlag immerhin abgelehnt. Doch scheinbar bleibt Frodo noch immer standhaft und wir wissen ja auch nicht, was Gimli tut!
Sicher... aber das macht mich hier noch ganz verrückt! rief Aragorn und stand auf.
Du sagst es, pflichtete ihm Sam bei.
Es war für sie alle sehr schwer, weil sie nicht wußten, was sie tun sollten.
Unruhig lief Aragorn auf und ab. Er zerbrach sich den Kopf darüber, ob er Alatar nichts gleichwertiges anbieten konnte, aber ihm wollte nichts einfallen.
Merry schlief zwischenzeitlich ein, seine Müdigkeit überwältigte ihn schließlich, aber Pippin und Sam blieben wach. Auch einige der Krieger schliefen inzwischen, aber viele hatten sich auch leise redend um das kleine Lagerfeuer geschart, das sie entzündet hatten.
Immer noch hieß es warten. Legolas schaute hoch zu den Sternen und fragte sich, wann das jemals ein Ende nehmen würde.
Währenddessen diskutierten die Ostlinge noch immer über ihr weiteres Vorgehen, weil auch sie sich nicht sicher waren, was nun richtig und falsch war.
Ich werde sie nach den Halblingen fragen! Ein bestimmtes Interesse muß der Herr an ihnen haben und ich möchte wissen, welches! Vielleicht hilft das weiter, sagte einer, wurde aber sofort von anderen unterbrochen und zurückgehalten.
Die Diskussion setzte sich in dieser Weise noch für einige Minuten fort, als plötzlich fast jeder zusammenzuckte und selbst Merry aus seinem Schlaf hochschreckte.
Ein markerschütternder Schrei voller Verzweiflung drang aus dem Turm und zerriß die Stille der sich herabsenkenden Nacht.
Herr Frodo! schrie Sam und sprang auf, legte die Hand ans Heft seines Schwertes und starrte an der Mauer entlang nach oben. Auch die Ostlinge waren zusammengefahren, als sie Frodos Schrei hörten.
Habe ich es euch nicht gesagt? fragte einer triumphierend und sah zu den Fremden hinunter. Einige waren aufgestanden und redeten aufgeregt durcheinander.
Was meint er mit Nein? Was, bei den Valar, geht dort vor? fragte Legolas leise und schüttelte leicht den Kopf. Irgendwie wollte ihm das gar nicht gefallen.
Frodo! entfuhr es Aragorn. Er trat einige Meter zurück und rief hoch zu den Wächtern: Bitte, so laßt uns doch in die Festung! Wir müssen verhindern, daß etwas schlimmes geschieht! Unsere Freunde brauchen Hilfe!
Warum hält der Herr sie eigentlich gefangen? kam eine Frage zurück. Aragorn holte tief Luft und dachte, daß er es am besten erklärte, weil er nur so eine Aussicht auf Verständnis hatte. So sprach er von der bösen Macht, die Frodo in sich trug und erklärte, warum das der Fall war und daß diese Macht Alatar fast um den Verstand brachte.
Bitte, laßt nur mich hinein, damit ich verhandeln kann oder... ich weiß nicht, was ich noch tun soll, um euch zu überzeugen! Euer Herr ist nicht böse, aber er weiß nicht, was er tut und ihr könnt helfen, zu verhindern, daß er doch noch böse wird! Wollt ihr das denn?
Die einzige Antwort auf Aragorns Bitte war erneut einsetzendes Gemurmel. Noch immer konnten die unschlüssigen Wächter sich nicht entschließen, obwohl sie immer mehr ins Schwanken gerieten.
Sie diskutierten und redeten sich die Köpfe heiß, wußten keinen Rat, aber dann hatte Aragorn eine weitere Idee und versprach ihnen den Schutz Gondors, wenn sie halfen und daraufhin Alatar Vergeltung androhte.
So helft doch den unschuldigen Halblingen, ich bitte euch als König! Es ist nicht recht, ihnen etwas anzutun! Bitte! flehte er erneut.
Sie konnten alle nicht sagen, wieviel Zeit verstrichen war, in der die Diskussion auf der Mauer immer lauter und heftiger wurde, aber schließlich trauten sie ihren Augen und Ohren kaum, als sie etwas knirschen hörten und sahen, wie langsam die beiden Torflügel aufschwangen.
Gimli wagte kaum, zu atmen. Nun hing alles an ihm, er wußte das. Alatar durfte ihn auf keinen Fall jetzt schon entdecken, er mußte auf den Überraschungsmoment setzen und dann erst sein Versteck verlassen. Es war noch nicht soweit.
Gebannt starrte der Zwerg durch den Spalt hinaus ins von Fackeln spärlich erleuchtete Zimmer. Er war fast zusammengezuckt, als Frodo das Schwert hatte fallen lassen. Jetzt sah er, wie der Hobbit in die Knie ging und das Gesicht in den Händen verbarg. Er ließ die Schultern hängen und sank fast völlig in sich zusammen, weil er schreckliche Angst hatte vor dem, was nun geschehen würde.
Er wollte nicht verantwortlich dafür sein, daß Saurons Macht nun widerrechtlich zum Einsatz kam, er durfte damit nicht leichtfertig umgehen... aber Tatsache war, daß Alatar ihn sowieso nicht gehen ließ, bis er hatte, was er wollte.
Und dem Hobbit war bereits der Gedanke durch den Kopf geschossen, daß ihm erneut etwas geschehen konnte wie vor Jahren in Gondor, als er glaubte, Morgoth persönlich würde ihn holen.
Oder Alatar fügte Liliane diesen Schmerz zu.
Der Zauberer würde nicht nachgeben, bis er seinen Willen bekam - und Frodo dachte verzweifelt daran, daß Gimli ihm zu verstehen gegeben hatte, daß er es tun sollte.
Hoffentlich wußte der Zwerg, was er damit angerichtet hatte!
Er gab nach. Er hatte gesehen, daß Alatar etwas mit Liliane getan hatte, das Frodo noch um den Verstand bringen würde. Wenn Alatar es nicht rückgängig machte, würde er Liliane verlieren... und allein der Gedanke daran ließ ihn einen quälenden Schmerz erleiden.
Nun, ich sehe, du bist doch kooperativ! Also will ich dir entgegenkommen, damit du mir glaubst - aber denke nicht, daß du dann dein Versprechen rückgängig machen darfst, denn ich werde solange auf deine Frau acht geben, bis du mir die ganze Macht gegeben hast!
Frodo nickte stumm, starrte aber immer noch auf den Boden. Vor sich sah er Liliane stehen, er hatte die Hände wieder heruntergenommen, aber er fühlte sich, als hätte man ihm eine untragbare Last aufgebürdet.
Dann, mit einem Schlag, änderte sich die Situation wieder völlig, aber Alatars eindringlich gesprochene Worte hallten noch in Frodos Kopf nach, als Liliane zu ihm lief, sich vor ihn kniete und seine Hände nahm.
Traurig hob Frodo den Kopf und sah sie an, die ihn stumm umarmte und plötzlich wieder ganz normal war.
Was machst du nur, Frodo? Was tust du? fragte sie und in diesem Augenblick spürte Frodo, wie ein Ruck durch ihn zu fahren schien. Er sperrte seinen Willen nicht länger gegen Alatar, der ihm nun Liliane zurückgebracht hatte, aber jederzeit wieder nehmen würde.
Ich will, daß dir nicht wieder etwas passiert und du endlich nach Hause kannst, erklärte er mit erstickter Stimme und senkte den Kopf wiederum. Liliane strich ihm über die Wange und verstand noch nicht ganz, was er damit sagen wollte, denn an die vergangenen Minuten hatte sie keinerlei Erinnerung.
Aber du... du darfst ihm die Macht nicht geben! rief sie und legte die Hand unter sein Kinn, so daß er den Kopf hob und ihren Blick traf. Eindringlich sah sie ihn an, während er genau spürte, daß die Macht ihren Platz in seinem tiefsten Inneren verließ und auf den Kristall überging, den Alatar in der Hand hielt.
Ich muß, Liliane. Es ist sinnlos, sich weiter zu weigern.
Frodo, nein! Bitte! rief sie, doch in diesem Moment warf Alatar ihr einen scharfen und drohenden Blick zu und sie verstummte. Fast begann sie unwillkürlich zu zittern und Frodo drückte sie an sich. Er bemühte sich, nur an sie zu denken und es gelang ihm, die Machtübertragung auch nicht ungewollt zu stören.
Liliane war schockiert. Warum? fragte sie leise. Sie verstand nicht, wie Frodo das tun konnte.
Gimli! flüsterte er ihr leise ins Ohr. Im ersten Moment verstand sie nicht, was er damit sagen wollte, aber dann keimte der Verdacht in ihr auf, daß doch noch eine Aussicht auf Hoffnung bestand.
Plötzlich sackte Frodo in sich zusammen, kippte zur Seite weg und blieb keuchend rücklings auf dem Boden liegen.
Frodo! rief Liliane und beugte sich verschreckt über ihn. Er schloß für einen kurzen Moment die Augen, in ihm brannte es, es gab da noch etwas, was die Macht nicht hergeben wollte - aber jetzt versuchte er mit aller Kraft, es doch möglich zu machen. Dann durchzuckte ihn erneut ein unbeschreiblicher Schmerz, er krümmte sich und klammerte sich an Liliane, die immer noch neben ihm saß und die Hand auf seine Stirn legte.
Ruhig, Frodo! sagte sie und legte ihre Hand auf sein rasendes Herz, denn es gab einen Teil in seiner Seele, der um keinen Preis die Macht hergeben wollte und in seinem Inneren tobte deshalb gerade ein fürchterlicher Krieg. Frodo versuchte, die Augen zu öffnen, aber vor ihm flackerte alles und er konnte nichts wirklich fixieren.
Ihre Wärme vermochte es, ihn ein wenig zu beruhigen. Er fragte sich, was bei den Valar Gimli sich dabei gedacht hatte.
Währenddessen beobachtete Alatar dieses Szenario sehr zufrieden. Er spürte, wie der Kristall in seiner Hand zu glühen begann, er leuchtete und wurde warm und der Hobbit lag am Boden und ließ ihn endlich gewähren.
Dann hatten sie beide, was sie wollten.
Es dauerte noch einige Minuten, in denen Frodo fast glaubte, sterben zu müssen, weil es ihn regelrecht schüttelte, die Macht abzugeben. Er konnte nicht ruhig liegenbleiben und sah unter Tränen zu Liliane, die ihn zu besänftigen versuchte.
Er stöhnte qualvoll auf. Ich kann das nicht mehr... nehmt die Macht, nehmt sie weg! brachte er stockend hervor und wurde kreideweiß im Gesicht auf einen Schlag. Liliane traute ihren Augen kaum, als sie sehen mußte, wie sehr ihn das alles mitnahm.
Halt durch! sagte sie.
Im Schrank wurde Gimli ebenfalls Zeuge dieses Geschehens und es juckte ihm unglaublich in den Fingern, endlich einzugreifen, aber noch konnte er nicht. Noch war es nicht beendet.
Doch dann plötzlich spürte Frodo, wie die Verkrampfung nachließ und das Brennen aufhörte. Die Macht war aus ihm gewichen, hatte ihn verlassen, es war endlich vorbei.
Vielen Dank, Halbling! bemerkte Alatar verächtlich und wog den Kristall in der Hand. Er war schwerer geworden und er konnte es kaum abwarten, die Macht zu benutzen, aber dann geschah etwas, das ihn vor lauter Schreck dazu brachte, den Kristall fallenzulassen, als er zusammenzuckte.
Mit lautem und wütendem Gebrüll stieß Gimli, der nun endlich aufgesprungen war, die Schranktür auf, hielt die Axt in der Hand und sah, wie Alatar ihn entgeistert anstarrte. Der Zauberer konnte es nicht glauben, er hatte nicht auch nur den geringsten Verdacht gehabt, daß der Zwerg da sein könnte!
Ohne Zeit zu verlieren oder sich um die Hobbits zu kümmern, stürmte der Zwerg voran, hob die Axt und holte kraftvoll aus, um Schwung zu bekommen. Dann ließ er die Axt ungebremst zu Boden sausen, genau dorthin, wo der Kristall lag und noch ehe Alatar es verhindern konnte, krachte die Axt auf den Kristall, der mit einem ohrenbetäubend hohen Knirschton zersprang. Die einzelnen unterschiedlich großen Bruchstücke flogen zu allen Seiten weg, Gimli stützte sich auf die Axt und sah spöttisch zu Alatar hoch.
Und ich bin immer noch Frodos Meinung: Niemand sollte diese Macht mißbrauchen! bemerkte er grinsend.
Frodo, der langsam wieder zu sich kam, hob den Kopf und wurde ungläubig Zeuge dessen, was Gimli sich zwar in Bruchteilen von Sekunden, aber dennoch reiflich überlegt hatte.
Er wußte als Schmied und Handwerker, daß er mit genügend Kraft derartige Kristalle zerschlagen konnte. Das war die Chance, die er gesehen hatte. Und nun stand er triumphierend zwischen Alatar und den elf Splitterstücken, die in Einzelteilen niemals mehr etwas ausrichten konnten - man mußte sie erst wieder zu einem Ganzen zusammensetzen und das würde er schon zu verhindern wissen!
Er atmete auf. Er hatte gesehen, welche Gewissensqualen Frodo gelitten hatte, weil er nicht aus noch ein wußte. Und dann war ihm endlich die rettende Idee gekommen, auf welche Art und Weise er verhindern konnte, daß Alatar sich bereichern konnte an der bösen Macht.
Liliane reagierte sofort, sprang auf und griff sofort nach drei Splittern, die sie in die Tasche ihres Kleides steckte. Drei weitere schob sie Frodo zu, der nun ebenfalls begriff und die Stücke an sich nahm. Gimli stand auf zwei weiteren und die anderen lagen außerhalb von Alatars Reichweite.
Elender Zwerg! Dafür wirst du bezahlen! brüllte Alatar, aber Gimli hob sofort die Axt und schüttelte den Kopf.
Nein, gar nichts werde ich. Ihr werdet uns und unsere Freunde nun ziehen lassen, auf daß wir Frieden vor Euch haben und in unsere Heimat zurückkehren können!
Niemals!
Alatar hob die Hand und wollte etwas tun, woraufhin Gimli die Axt schwingen ließ und den Zauberer angriffslustig anstarrte.
So, Ihr weigert Euch noch immer? Das Spiel ist aus! Gebt endlich auf! rief der Zwerg. Alatar hielt inne, denn urplötzlich spürte er, wie der Ruf der Macht, die er nun gar nicht mehr erreichen konnte, nachließ. Dadurch, daß sie in Stücke zersplittert war, büßte sie viel von ihrer früheren Gewalt ein.
Dann fuhr der Zauberer herum, er hörte Schritte. Schon standen Aragorn und Legolas mit gezogenen Waffen im Raum, gefolgt von ihren Männern und den Hobbits, die sich eilig vordrängelten und unbedingt etwas tun wollten, aber dann sahen auch sie, daß es nichts mehr zu tun gab.
Für einen Augenblick war es totenstill. Den Ankömmlingen bot sich ein verwirrendes Bild: Gimli ließ seine Axt nicht los, stand zwischen den auf dem Boden sitzenden Hobbits und Alatar, der fassungslos hinunterstarrte und sich nicht rührte.
Langsam sah der Zauberer zu Gandalf, dem anderen Istari, der seinen Blick ruhig erwiderte.
Es ist aus. Gib auf, laß uns ziehen, damit wir alle unseren Frieden haben! sagte er und trat vor, sammelte die übrigen drei Stücke des Kristalls vom Boden auf und spürte, daß darin Saurons letzte Macht eingeschlossen war. Und er wußte, was geschehen war und was Gimli getan hatte.
Diese Stücke nehmen wir mit uns, wir werden sie hüten und gegen Feinde schützen. Nie wieder soll etwas derartiges geschehen!
In diesem Moment lief Sam nach vorn, gefolgt von Merry und Pippin, dann scharten sie sich um Frodo und Liliane und halfen ihnen wieder auf die Füße.
Frodo war noch immer leicht geschwächt von der unerwarteten Tortur, die er mühevoll überstanden hatte, aber es ging ihm gut.
Und er spürte, wie Freiheit durch sein Inneres strömte. Da war nichts böses mehr in ihm, gar nichts. Er war nun endlich wieder frei!
Alatar blieb stumm, er sagte nichts, ließ sie alle an sich vorbei zur Tür gehen und die Treppen hinunter. Ohnmächtig schaute er ihnen nach und konnte nicht begreifen, was vorgefallen war.
Frodo hatte Recht gehabt. Der Ruf dieser Macht war laut und tückisch und er war ihm gefolgt.
Entsetzt starrte er an sich herunter. Er hörte die Schritte der Fremden auf der Treppe, sie waren auf dem Weg, den Turm zu verlassen. Und das sollten sie.
An alles, was geschehen war, konnte Alatar sich erinnern. Und auf einmal schämte er sich schrecklich für seine Taten. Er hatte die beiden Hobbits mit ihrem Leben bedroht, oder vielmehr hatte er keine Skrupel gekannt, Frodo durch Liliane zu erpressen.
Etwas derartiges hatte er noch nie getan. Daß er sich als Handlanger von Sauron betrachtet hatte, stellte für ihn kein besonderes Problem dar, aber dem Ruf der unersättlichen Macht gegen Frodos Rat gefolgt zu sein mit allen sich bietenden Mitteln - das ließ ihn schwer schlucken.
Er war immer dem Weg des geringsten Widerstandes gefolgt, bis jetzt. Denn genau das hatte ihn für diese Macht so leicht verführbar gemacht. Er hatte sich geradezu als Opfer angeboten! Und war dann gegen jeden Widerstand dem falschen Weg gefolgt. Erst hatte er ihnen geholfen, dann hatte er sie bedroht.
Er trat ein paar Schritte vor und starrte auf den Korridor, in dessen Boden immer noch ein gähnendes schwarzes Loch klaffte. Er konnte sich daran erinnern, dieses Gefängnis verabscheut zu haben, als er es gefunden hatte. Aber er hatte es eingesetzt.
Ihm machte jedoch weniger sein schlechtes Gewissen zu schaffen als seine Schwäche. Frodo hatte die Wahrheit gesprochen, als er gesagt hatte, daß er nicht Herr über die Macht sein würde, sondern die Macht ihn befehle. Er war ein solcher Narr!
Ihm stand nicht mehr zu, als er hatte. Aber er war einfach unersättlich gewesen. Und er konnte sehr froh sein, daß er dafür nicht bezahlen mußte. Welche Gnade hatten die Fremden ihm gegenübr gerade gezeigt! Er wußte nicht, ob er dazu in der Lage gewesen wäre.
Er lief ihnen hinterher. Er konnte hören, wie sie sich einige Stockwerke tiefer sammelten, ihre Habe zusammengesucht hatten und nun darüber beratschlagten, wie sie an Vorräte kommen sollten für die Reise.
Nehmt von mir. Ich... ich möchte einen Teil meiner Schuld bereinigen. Ihr sollt ziehen und das ist das Mindeste, was ich dazu beitragen kann. Gebt mir diese Chance!
Ungläubig starrten ihn die meisten an, allerdings war es Frodo, der auf zitternden Beinen auf ihn zuging und an ihm hoch sah.
Die Macht ist tückisch. Ich wußte, Ihr würdet nicht einsehen, daß ich Recht habe. Aber ich sehe, Ihr wißt es und ich weiß, daß Ihr nur durch den Ruf der Macht so gehandelt habt. Meine Freunde wissen es auch. Und Euer Angebot ehrt Euch.
Gandalf nickte gütig. Es überraschte ihn nicht, wie Frodo gesprochen hatte, aber es freute ihn sehr. Sein kleiner Freund war weiser als viele, das hatte er wieder bewiesen.
So kam es, daß Alatar der erste war, der die Treppen hinabstieg. Niemand verlor mehr ein Wort an ihn und auch er hüllte sich in Schweigen, doch er befahl seinen Männern, den Reisenden Vorräte zu bringen und diese gehorchten sofort. Aber er stellte gar keine Fragen, er war wieder wie vorher und sie glaubten schnell, daß sie nichts zu befürchten hätten.
Flink trugen sie viele Nahrungsmittel zusammen, welche die Männer Gondors schnell auf ihren Pferden verstauten. Frodo gab Pippin sein Schwert zurück, der sah, daß sein Vetter es wirklich gebraucht hatte. Gimli klopfte Frodo auf die Schulter und sagte: Ich hätte nicht geglaubt, daß du so lange durchhältst.
Aber darauf gab Frodo keine Antwort. Er half Liliane hoch zu Bergil aufs Pferd und wollte sich schon schweigend abwenden, aber Bergil hielt ihn fest und hob ihn ebenfalls auf den Rücken seines Reittieres.
Ihr seid klein, das schafft der Gute schon, nicht wahr? fragte Bergil sein Pferd grinsend, das wieherte, als ob es seine Worte verstanden hätte.
Es dauerte nicht lange, bis die Reisenden bereit zum Aufbruch waren. Alatar begleitete sie noch bis zum wieder geschlossenen Tor, tauschte einige bedeutungsschwere Blicke mit Gandalf und ließ sie, obwohl es mitten in der Nacht war, sofort fortreiten. Er konnte verstehen, daß sie nicht länger bleiben wollten. Noch immer schämte er sich seiner Schwäche sehr. Es machte ihm nicht zu schaffen, daß er sie zuguterletzt gezeigt hatte, aber sie hätte gar nicht erst auftreten dürfen.
Er war weder durch und durch böse, noch dazu geschaffen, eine derartige Macht zu haben.
Siebzehntes Kapitel: Heimat und Freiheit
Sie waren nicht weit geritten, vielleicht zwei Wegstunden, als sie sich dazu entschlossen, ihre wohlverdiente richtige Nachtruhe einzulegen. Der Rand des Wilden Waldes war nun weit genug weg, obwohl sie immer noch die Schreie der seltsamen Kreaturen hörten, die erwacht waren und sich dadurch bemerkbar machten.
Aragorn führte den Zug an zusammen mit Gandalf, der nicht im Gesicht des Königs lesen konnte, was dieser dachte. Zwar war er überaus neugierig, es zu erfahren, aber Aragorn versteckte seine Gedanken sehr gut. Beide dachten sie aber eigentlich über das Gleiche nach. Gandalf schaute sich um zu Frodo, Liliane und Gimli, die außer ihm jeder einige der Kristallstücke bei sich trugen, die nun die böse Macht Saurons enthielten, von der Frodo somit endlich befreit war.
Frodo hatte sie schließlich doch abgegeben. Und er konnte es ihm nicht verdenken. Er verstand auch, was in Alatar vorgegangen war, inzwischen hatte er sich ein gutes Bild vom Charakter des Istari machen können und er wußte, daß ihn scheinbar der Übermut gepackt hatte. Erst half er ihnen, dann machte er ihnen das Leben schwer... aber Strafe hatte er keine verdient, denn war er der einzige, der dem Ruf dieser Macht gefolgt war?
Selbst Frodo hatte ihr am Ende nicht mehr standhalten können. Es war also nicht an Gandalf, über Schuld und Sühne zu urteilen. Das stand ihm gar nicht zu in diesem Fall.
Mitten in der Nacht schlugen sie also ein Lager auf, mitten in der Wildnis, die Männer Gondors entzündeten ein Lagerfeuer und einige legten sich sogleich zum Schlafen hin, doch rings ums Feuer scharten sich die ehemaligen Gefährten. Legolas bat Gimli, von den Ereignissen zu erzählen und auch Frodo tat es, weil er der einzige war, der von seinem Streit mit Alatar berichten konnte. Noch war er nicht müde, also nahm er sich alle Zeit, die er brauchte und sparte nichts aus, aber bald schlief Liliane in seinen Armen und hörte gar nicht mehr, wie er davon erzählte, daß er sie aus der finsteren kleinen Kammer befreit hatte.
Sam wurde noch im Nachhinein wütend, als er das hörte. Er schaute zu Merry und Pippin, aber Pippin lag ebenfalls teilnahmslos schlafend auf dem Boden. Merry hingegen erwiderte seinen Blick.
Aragorn hatte seine Pfeife hervorgezogen, ein Geschenk der Hobbits, das er oft bei sich trug. Nun stopfte er sie schweigend und enthielt sich jeden Kommentars, doch dann sagte schließlich Gandalf: Gimli, woher wußtest du, daß du den Kristall zerschlagen mußt? Es war sehr gewagt, daß du Frodo zu verstehen gegeben hast, er solle die Macht hergeben. Weißt du, wie gefährlich das hätte werden können? Aber zum Glück hattest du Recht und hast somit die Situation gerettet. Sehr gut gemacht!
Der Zwerg zuckte mit den Schultern. Ach was. Ich habe doch nur meine Pflicht getan! Ihr hättet Liliane erleben müssen. Alatar hat sie dazu gebracht, Frodo anzuschreien, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Ich mußte ihm doch helfen! Das tat sogar mir in der Seele weh...
Legolas grinste, als er das hörte. Also nicht bloß Schmied?
Nein, nicht nur grober Schmied, Spitzohr. Mehr sagte Gimli nicht dazu, aber es war ohnehin ein offenes Geheimnis, daß er eine gewisse Schwäche für die kleine Hobbitfrau hatte. Er mochte sie sehr, genauso wie er Frodo und seine Freunde sehr schätzte. Zumindest war er damit nicht der Kleinste in der Runde, doch man hatte sich darauf verständigt, daß klein nicht mit harmlos gleichzusetzen war - weder bei Zwergen noch bei Hobbits.
Eine ganz schlimme Schwäche hatte er jedoch für Hobbitkinder, was Sam immer wieder amüsiert zur Kenntnis nahm.
Ich dachte halt, genau wie damals bei dem Ring, daß es vielleicht hilft, den Kristall einfach zu zerschlagen. Und diesmal hat es wenigstens funktioniert! triumphierte der Zwerg.
Legolas war ein klein wenig stolz auf seinen Freund. Er wußte nicht, was er getan hätte.
Frodo zog die drei Kristallstücke aus seiner Tasche und holte auch die hervor, die Liliane bei sich trug. Sie wurde davon geweckt und blinzelte schläfrig.
Was ist los? fragte sie. Währenddessen legten Frodo, Gandalf und Gimli alle elf Kristallsplitter in ihre Mitte und sahen sie kurz an, bevor Gandalf sagte: Damit müssen wir etwas tun. Etwas, das verhindert, daß die Macht je wieder mißbraucht werden kann.
Ich weiß auch, was, sagte Aragorn und nahm eines der Stücke. Jeder von uns, der möchte, soll eines an sich nehmen und hüten wie seinen Schatz, niemals verlieren und niemals hergeben. Ist es nicht so, daß der Kristall erst wieder gefährlich werden kann, wenn er zusammengesetzt wird? Das würde bedeuten, daß über Mittelerde verteilt die Stücke aufbewahrt werden sollten!
Gandalf nickte. Den Gedankengang befürwortete er und tat es Aragorn gleich, indem er eines der Stücke an sich nahm und in seiner Tasche verschwinden ließ.
Mich findet man nicht, wenn ich nicht gefunden werden will. Wenn du auch eines hast, ist eins in Gondor. Ob Eomer in Rohan eines nimmt?
Mit Sicherheit. Und die anderen?
Ich nehme eines, solange es mir nicht gefährlich wird! bot Gimli an und nahm eines.
Ob sich das für Schmuckverarbeitung eignet? überlegte er dann. Legolas nickte. Warum nicht? Vielleicht möchtest du ja auch für meines ein Schmuckstück entwerfen!
So gehen zwei an Zwerge und Elben. Und was ist mit euch? fragte Gandalf an die Hobbits gewandt. Aber Frodo winkte sogleich ab.
Bitte, wenn es kein Problem darstellt, möchte ich lieber keins nehmen. Ich bin froh, daß ich frei von dieser Macht bin!
Verständnisvoll nickte der Zauberer. Auch wenn der Kristall allein keinerlei Macht besaß, konnte er es Frodo nicht verdenken, daß dieser ablehnte.
Dann nehme ich es, sagte Liliane und ließ ein Stück in ihrer Tasche verschwinden. Pippin stieß Merry an, nahm zwei Stücke und schob seinem Vetter eines unter. Dabei drohte er noch vorab jedem mit dem Tod, der ihm seines entwenden wollte.
Dann werde ich auch eines nehmen, sagte Sam. Gandalf überlegte für einen Moment, ob es so gut war, zwei in Beutelsend aufzubewahren, aber da sie gar nicht zusammenpaßten, ließ er es dabei.
Bergil steckte seinen Kopf in die Runde, er hatte keinen Schlaf gefunden und seinen Freunden hinter deren Rücken liegend zugehört.
Wenn ihr noch Stücke unterbringen müßt, kann ich auch eines nehmen, bot er an. Damit wurde auch er Besitzer und Hüter eines Splitters.
Und ich werde Faramir eines anvertrauen, überlegte Aragorn und nahm sowohl dieses als auch das für Eomer an sich.
Auf daß diese Macht für ewig besiegt bleibt! sagte er. Die anderen stimmten ihm zu und daraufhin rollten Pippin und Merry sich schläfrig nahe des Lagerfeuers zusammen. Es kehrte endgültig Ruhe ein. Gimli schnarchte bald laut und Sam stimmte mit ein, was Legolas sehr amüsierte. Als er einen Blick zu Aragorn warf, stellte er erleichtert fest, daß der König endlich Schlaf gefunden hatte.
Jedoch saßen immer noch Frodo und Gandalf wach nebeneinander und starrten beide ins Feuer. Frodo hatte Liliane in eine Decke gewickelt und sie hatte ihren Kopf in seinen Schoß gebettet, bevor sie erneut eingeschlafen war. Der vergangene Tag hatte sie, genau wie Frodo, sehr mitgenommen, aber dieser konnte noch keine Ruhe finden.
Was hast du auf dem Herzen? fragte schließlich Gandalf, der die innere Unruhe seines kleinen Freundes bemerkte, ihn aber nicht ansah, während er sprach.
Frodo schwieg. Ja, was war es eigentlich, das er auf dem Herzen hatte? Ihn plagte ein Gefühl ähnlich wie damals, als er am Schicksalsberg stand, dachte, er würde vor Schmerz sterben und sich die Hand hielt, deren Wunde Sam in tiefste Bestürzung versetzte - und ihn quälte währenddessen das Bewußtsein, daß er schwach gewesen war.
Aber es war anders als bei Alatar, denn er war besonders diesmal, als er nachgegeben hatte, aus freiwilligen Stücken schwach geworden.
Er hätte es nicht tun dürfen. Seit Stunden ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Auch wenn Gimli ihm zu verstehen gegeben hatte, daß er es tun sollte und er ihm half und hinter ihm stand, so war es dennoch falsch.
Und er hatte nicht damit gerechnet, daß es so sehr schmerzen und ihn quälen würde, die Macht herzugeben. Die Wucht hatte ihn ungebremst getroffen, ihn zu Boden geworfen, geschüttelt und sie hatte geschmerzt... weil er sie eigentlich nicht hatte hergeben wollen.
Er hatte die Macht nicht abgeben können.
Mach dir keine Vorwürfe, es wäre ohnehin so gekommen, sagte Gandalf, der nur vermuten konnte, was Frodo bewegte. Allerdings lag er damit genau richtig.
Ja, wäre es vielleicht. Aber verstehst du das nicht? erwiderte Frodo und hob nun den Kopf. Natürlich war er erleichtert, daß es endlich vorbei war, aber er machte sich schreckliche Vorwürfe, die er nicht einfach beiseite schieben konnte.
Doch, ich verstehe es, aber es ist nicht richtig, daß du deswegen ein schlechtes Gewissen hast.
Nicht? rief Frodo halblaut, aber voller Entsetzen. Wie konnte Gandalf so sprechen?
Verstehst du nicht? Ich habe immer dafür gekämpft, daß die Macht nicht in falsche Hände gerät, es war meine Aufgabe, den Ring zu zerstören und das habe ich irgendwie geschafft - oder zumindest versucht. Aber ich wußte nicht einmal, daß ich diese Macht noch habe, doch glaubst du, es wäre mir leicht gefallen, sie herzugeben? Nein! Ich konnte es kaum. Und wollte es nicht, denn es war fast so, als hätte ich den Ring selbst an Sauron abgegeben. Ich war dafür verantwortlich! Und weil er mir persönlich gedroht hat, wurde ich schwach...
Frodo ließ den Kopf wieder sinken und seufzte. Er haderte wieder mit seinem Schicksal, das er immer bereitwillig hatte tragen wollen - bis heute.
Nein, so darfst du das nicht sehen. Natürlich hast du Recht, wenn du das alles sagst, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ich glaube, daß Alatar nie aufgegeben hätte, bis er nicht in Besitz der Macht sei. Und denk doch daran, Gimli hat dich unterstützt aus gutem Grund. Dein Freund war in der Lage, dir zu helfen, nimm dieses Geschenk doch an! Wir alle wissen, daß du nicht leichtfertig gehandelt hast, aus euren Berichten ging das sehr deutlich hervor. Denk doch nur daran, was er alles getan hat, bevor du Schwäche gezeigt hast. Niemand wird dir diese verdenken, denn du warst so lange stark. Und das bist du immer noch.
Frodo stützte den Kopf in die Hände. Er konnte sich selbst nicht vergeben. Seine eigenen Interessen! Hatte er etwa mit dem Gedanken gespielt, in Mordor umzukehren vor lauter Hunger? Er hätte sein Leben gegeben!
Aber sein Leben bedeutete ihm nicht ansatzweise soviel wie Liliane.
Laß die Vergangenheit ruhen, Frodo, sagte Legolas. Frodo hob den Blick und sah den Elben hoffnungslos an.
Das meine ich ernst. Du hast ganz richtig gehandelt, denn Gimlis Hilfe war dir sicher. Du hast auch jetzt noch gekämpft, aber niemand macht dir einen Vorwurf daraus, daß es Augenblicke gibt, in denen du nicht kämpfen kannst. Außerdem mußtest du Leid mit ansehen, wie lange hättest du sie noch leiden lassen sollen? Eigenes Leid erträgt man immer leichter als mitansehen zu müssen, wie jemand leidet, den man liebt.
Frodo schluckte schwer. Legolas traf es auf den Kopf - aber nicht ganz.
Und nachgegeben habe ich, weil sie mir zu entgleiten drohte. Erst, als ich Angst haben mußte, sie zu verlieren, habe ich aufgegeben! Da habe ich nur an mich gedacht!
Gandalf legte ihm seine Hand auf die Schulter und sah ihn lange an, bevor er sprach.
Ja, das hast du. Du hast Recht. Aber sieh es doch einmal so... auch wenn das vielleicht nicht ganz richtig war, ob nun in deinen Augen oder von unserem Verständnis her, so muß ich doch sagen, daß ich der Meinung bin, daß du diese Liebe verdient hast. Niemand soll sie dir nehmen, nicht nach allem, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber laß sie ruhen. Mach dir keine Sorgen, es ist vorbei und wir alle müssen dir unseren Respekt zollen, weil du gut und richtig gehandelt hast - bis zuletzt, denn denk doch daran, was du getan hättest ohne Gimlis Zustimmung.
Schweigen breitete sich aus für einen Moment und Legolas schaute hoch zum Mond, der trostspendend von einem wolkenlosen Himmel herabstrahlte und verriet, daß das Morgengrauen nicht mehr fern war. Er wußte, er war einer derjenigen, die Frodo überaus viel Respekt und Hochachtung entgegenbrachten.
Aber... aber ich habe sie eingesetzt. Die Macht. Versteht ihr? Ich habe sie eingesetzt, um Liliane nicht länger blind sein zu lassen! Die böse Macht! Was... was geschieht jetzt? Das durfte ich doch gar nicht! stammelte Frodo nervös. Auch das war eine seiner Sorgen.
Ja, das weiß ich. Aber da bis jetzt nichts passiert ist, denke ich auch nicht, daß noch etwas geschieht. Sieh es einmal so: Du hast die Macht so lange unberührt in dir getragen und hast sie benutzt, um sie nicht dem Mißbrauch preiszugeben. Es gibt für niemanden einen Grund, dich zu bestrafen, nicht nur weil du aus den besten Absichten gehandelt hast, sondern auch, weil die Macht dich all die Jahre nicht beherrscht hat - warum sollte sie es jetzt tun? Das ist jedoch ein Problem, auf das ich keine Antwort weiß. Nimm es einfach, wie es ist. Nichts droht dir deshalb.
Aber warum konnte ich sie dann nicht abgeben? Ich habe mich fast dagegen gesperrt! warf Frodo dann ein.
Gandalf nickte. Ja. Aber nur fast, denn du hast sie doch abgegeben. Und nun bist du von ihr befreit. Sie tut dir nie wieder etwas, denn sie gehört nicht zu dir. Und sie wollte benutzt werden, warum also Strafe? Ach, Frodo, mach dir doch keine Sorgen. Es ist vorbei. Du solltest vielleicht auch einmal schlafen, was denkst du?
Ich kann nicht.
Düster starrte der Hobbit vor sich hin und war nur wenig beruhigt, aber er beobachtete schließlich, wie Legolas aufstand, eine Decke holte und sie ihm um die Schultern hängte.
Du warst tapfer, kleiner Freund. Du hast ein gutes, warmes Herz, dagegen kann kein Schatten ankämpfen, so stark bist du.
Damit setzte der Elb sich wieder zu Gimli und sagte nichts mehr. Gandalf musterte Frodo noch eine Weile, bis der Hobbit schließlich spürte, wie ihn die Müdigkeit doch noch überwältigte. Vorsichtig bettete er Liliane auf den Boden, legte sich hinter sie und nahm sie in den Arm, bevor er die Augen schloß und endlich einschlief.
Die Reise war schrecklich weit. Sie waren am nächsten Tag gegen Mittag aufgebrochen und bis weit nach Einbruch der Nacht geritten, um jedoch am nächsten Morgen früh aufzubrechen und den ganzen Tag zu nutzen. Sie machten kaum Pausen, denn inzwischen ging es Frodo wieder gut, er fühlte sich stark und wie beflügelt, die Sorgen waren zwar nicht vergessen, aber nicht mehr so wichtig für ihn.
Eine Woche ging ins Land und dann noch eine, sie gingen sparsam mit ihren Vorräten um und hatten so Glück, denn sie kamen aus, bis sie eine Siedlung erreichten und dort neue Nahrungsmittel erstehen konnten.
Sie hatten die weite, von rotem Staub bedeckte Steppe nach Wochen endlich hinter sich gelassen. Es war für sie kaum zu glauben, wie weit der Osten sich doch tatsächlich erstreckte, aber nun ohne Zeitdruck oder andere Probleme kamen sie ruhig und beständig voran. Nördlich von Mordor führte ihr Weg sie in Richtung Gondor, das besonders seine Krieger inzwischen sehr vermißten. Sie waren so lange fort gewesen. Aber jeder einzelne unter ihnen freute sich auf eine unbeschadete Rückkehr mit einem gesunden und glücklichen Frodo - denn wegen ihm hatten sie doch diese Strapazen auf sich genommen. Gern zwar, aber das änderte nicht viel an den Tatsachen.
Je näher sie der Heimat kamen, umso heiterer und ausgelassener wurde die Stimmung. Merry und Pippin begannen gemeinsam mit Sam von köstlichen Mahlzeiten zu träumen, Legolas schwärmte vom guten Wein Gondors und Aragorn wollte Faramir endlich von seinem Posten als sein Stellvertreter im Amt befreien. Es wurde langsam Zeit, fand er.
Und so geschah es. Faramir, der auf Nachricht von Aragorn hin mit Eowyn nach Minas Tirith gekommen war, um dort den König zu vertreten, war erleichtert, diesen endlich begrüßen zu können. Zwar war nichts außergewöhnliches vorgefallen, aber die Verantwortung als Stellvertreter im Amt war ihm doch eigentlich zuviel.
Bin ich froh, daß ihr alle wohlbehalten zurückgekehrt seid! Laß dich ansehen, Frodo. Du bist doch wieder gesund wie eh und je! Das erfüllt mich mit großer Freude. Aber kommt und erzählt uns von der weiten Reise! bat er und so setzten sie sich zusammen. Gemeinsam erzählten sie von ihrem weiten Weg und allem, was vorgefallen war. Faramir und Eowyn konnten nicht glauben, was sie hörten, als die Freunde von Frodos Tod sprachen und allem, was bei Alatar geschehen war. Sie hatten sich alle in Gefahr befunden und es war wirklich mit Erleichterung zu begrüßen, daß sie nun doch wohlbehalten zurückgekehrt waren.
Und nun meine Bitte, begann Aragorn und erzählte dann von ihrem Vorhaben, den von Gimli zerschlagenen Kristall aufzuteilen. Ohne überhaupt die gesamte Erklärung bis zum Schluß angehört zu haben, entschied Faramir sich sofort dafür, gemeinsam mit Eowyn den Kristall zu verwahren - als Schmuckstück gearbeitet, genau wie auch Gimli und Legolas überlegt hatten.
Selbstverständlich werden wir das tun! Das steht völlig außer Frage, sagte der Fürst Ithiliens. Damit trug Aragorn nun nur noch den Splitter bei sich, den Gandalf Eomer bringen wollte, wenn er die Hobbits ins Auenland begleitete.
Erst einmal gönnten sie sich alle noch einen Aufenthalt von einigen Tagen in der Weißen Stadt Gondors, den Gimli und Legolas auch noch ein wenig verlängerten, aber die Hobbits fanden keine besondere Ruhe mehr. Sie vermißten alle ihre Familien, von denen sie nun schon viel zu lange getrennt waren. Insgesamt würden sie fast ein halbes Jahr fort gewesen sein, wenn sie zurückkehrten!
Vielleicht läuft mein Jüngster ja schon, überlegte Sam, handelte sich damit aber nur fragende Blicke von seinen Freunden ein.
Er ist ein halbes Jahr alt! So schnell geht das doch nicht, wandte Frodo ein, der diese Entwicklung oft genug nicht nur bei seinen Kindern beobachtet hatte.
Jaja. Aber wer weiß... beharrte Sam. Merry klopfte ihm grinsend auf die Schulter.
Klar. Deine Kinder schlagen sowieso alle um Längen - zumindest in der Anzahl!
Sam konnte nicht verhindern, daß er bis über beide Ohren errötete vor lauter Verlegenheit. Und Liliane war in der Situation keine besondere Hilfe, denn ihr Kommentar machte es nur noch schlimmer.
Das ist Liebe, Merry. Rosie muß wahnsinnig sein, daß sie es zuläßt, soviele Kinder zu bekommen. Ich weiß eins - ich würde irgendwann weglaufen, denn besonders angenehm sind Geburten nicht!
Sam glaubte, ganz schnell unsichtbar werden zu müssen, als sie das sagte, aber in diesem Moment achtete ohnehin niemand auf ihn. Sie schauten zu Frodo, der Liliane einen beleidigten Blick zuwarf und sagte: So liebst du mich!
Sie zuckte mit den Schultern. Du kannst das ja mal ausprobieren. Eigentlich hatte ich angenommen, du wüßtest allein vom Zusehen, wie wenig Schmerzen man bei einer Geburt hat! murmelte sie mit sarkastischem Unterton. Frodo warf ihr wiederum einen brummigen Seitenblick zu, der wohl besagte, daß er ja auch nichts dafür konnte...
Aber auch dieser Tag ging vorbei und schließlich machten die fünf Hobbits sich auf ihren Ponys auf den Rückweg ins Auenland.
Paßt gut auf euch auf! bat Legolas und Gimli zwinkerte Frodo freundlich zu. Dann verabschiedete sich auch Aragorn von jedem einzelnen.
Ich hoffe, ich sehe euch bald wieder - aber bitte diesmal aus anderen Gründen! sagte der König Gondors und umarmte einen nach dem anderen, aber Frodo zuletzt.
Und du sollst wissen, daß... ach, nichts, sagte er und ließ ihn ziehen. Frodo nickte verständnisvoll, er hatte einen Verdacht, was Aragorn nicht über die Lippen bringen konnte.
Auf bald! riefen sie, als sie die Zitadelle verließen und sich auf den Weg nach Rohan machten. Eine weite Reise lag vor ihnen.
Unterwegs kehrten sie natürlich in Edoras ein, verbrachten zwei sehr regnerische Tage in der Goldenen Halle unter Eomers Gastfreundschaft und Gandalf händigte ihm, nachdem auch der König Rohans den Bericht ihrer Erlebnisse vernommen hatte, den letzten Kristallsplitter aus. Eomer entschloß sich, das Juwel ganz schlicht und versteckt bei sich zu tragen.
Und vergiß nicht: Niemand weiß, wer die einzelnen Stücke hat, außer uns selbst. Voneinander wissen wir es, aber es sollte nie nach außen dringen. Wenn niemand erfährt, daß wir die Stücke haben, wird uns niemals Gefahr deswegen drohen, bemerkte Gandalf. Eomer nickte. Er hatte nicht vorgehabt, irgendjemandem davon zu erzählen.
So rasch wie möglich verabschiedeten die Hobbits und Gandalf sich von Eomer, aber anders als erwartet hatte Gandalf seine ganz eigenen Pläne bezüglich seines folgenden Reiseweges.
Ich bin sicher, ihr findet nun den Weg alleine, richtig? Ich denke, ich werde Radagast aufsuchen und ihm berichten, denn ich weiß, daß er sicherlich Interesse daran hat, zu erfahren, was aus Alatar und Pallando wurde, erklärte er. Die Hobbits nickten.
Und schon wieder verschwindest du! sagte Pippin und war fast beleidigt.
Aber wir haben uns nicht zum letzten Mal gesehen, versprach der Zauberer, lenkte Schattenfell nach Osten und das Pferd sprengte davon.
Fast ein wenig wehmütig schauten ihm die Hobbits hinterher, aber sie wußten, sie würden ihn wiedersehen. Ganz bestimmt sogar.
Sie beeilten sich. Sie konnten es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und so brauchten sie keine drei Wochen mehr, bis sie es endlich geschafft hatten und die Grenze des Auenlandes vor ihnen lag.
Beutelsend, ich komme! rief Sam und meinte eigentlich das gute Essen der heimischen Küche. Merry und Pippin trennten sich auf halbem Wege von ihren Freunden, die allein nach Hobbingen weiterritten und schließlich zwei Tage später bei Einbruch der Dunkelheit den Bühl erreichten. Die Blätter fielen bereits von den Bäumen, eine goldene Abendsonne hatte die kleinen Höhlen beschienen, wie sie friedlich dalagen und Ruhe einkehren ließen.
Es war bereits September. Und dieser näherte sich auch schon seinem Ende, nachts wurde es immer sehr kühl, wenn die Temperaturen tagsüber auch höher kletterten. Ein Herbstduft lag in der Luft, es roch nach feuchten Blättern und Erde, abgeernteten Feldern und klaren, sternenreichen Nächten.
Und nach einem Aufstand. Der kleine Pippin war mit seinem Bruder Bilbo unterwegs nach Hause, er hatte ihn von den Nachbarskindern abgeholt und sie beeilten sich, zum Essen rechtzeitig zu kommen, als sie vom Hufgetrappel hinter sich aufmerksam wurden, noch bevor Sam reagieren konnte.
Papa! schrien die beiden wie aus einem Munde und rannten hastig zurück.
Onkel Frodo! rief Pippin glücklich, als er diesen wieder gesund und munter sah und nicht so, wie er das Auenland verlassen hatte.
Ihr seid wieder da! fiel Bilbo mit seiner Piepsstimme ein und warf sich Liliane in die Arme, nachdem er im Anschluß an seinen großen Bruder Sam und Frodo begrüßt hatte.
Die beiden Jungs bestürmten sie mit Fragen, aber die drei Hobbits versuchten erst einmal, sie zu beschwichtigen.
Ganz ruhig, erst einmal gehen wir nach Hause und dort... begann Sam, doch vom Geschrei der Kinder wurden die anderen angelockt, die gerade erst in der Höhle verschwunden waren.
Papa! schrie alles und darunter waren auch Melethiell und Perhail, die mit freudenglänzenden Augen die Ankunft ihrer Eltern bemerkten und sofort ungehalten auf sie zuliefen.
Endlich seid ihr da! krähte Perhail heiser und sprang Frodo entgegen, daß er diesen fast umwarf, als er seine Arme um den Hals seines Vaters schlang.
Und Papa ist gesund, sagte Melethiell, als sie ihre Mutter losließ und zu Vater und Bruder schaute. Frodo lächelte, er strahlte fast, als er abwechselnd zu seinen Kindern sah und das Geschrei der anderen nicht einmal an seine Ohren drang - Melethiell wurde von Tag zu Tag hübscher und Perhail plötzlich sehr zahnlos. Zwei große Lücken klafften zwischen seinen Zähnen, das konnte er nicht verstecken, als er seine Eltern freudig angrinste und aufgeregt um sie herum sprang.
Ich habe euch vermißt, wißt ihr das? sagte Liliane und küßte ihre beiden Kinder auf die Stirn.
Und ich erst! versuchte Frodo mit väterlichem Stolz, sie zu übertrumpfen, aber er bekam nur genau die andere Hälfte der Aufmerksamkeit seiner Kinder.
Dann sah Liliane jedoch zu Rosie und Sam, die einander umarmend in der Tür standen, umgeben von all ihren Kindern - mit Ausnahme von Krümel, der seinen Vater schon begrüßt hatte und jetzt trotz aller Eifersüchteleien sah, daß der Vater von Meli wieder gesund war.
Der Junge erinnerte sich ungern an manche Tage im Sommer, an denen das Mädchen sich große Sorgen gemacht hatte. Ihre Eltern waren so lange fort gewesen und keine Nachricht kam zu ihnen über den Verbleib der Reisenden. Sie hatte ihre Eltern sehr vermißt, genau wie ihr kleiner Bruder, aber der hatte es nicht zugeben wollen.
Indes wollte jedes von Sams Kindern dem Vater als erstes etwas berichten, woraufhin Sam erst einmal die Flucht in Richtung Küche ergriff.
Gute Idee, sagte Frodo, bemerkte sein Magenknurren und folgte zusammen mit allen anderen.
Rosie tischte rasch noch etwas mehr auf als geplant, weil doch inzwischen drei weitere hungrige Hobbits am Tisch saßen. Frodo hatte Perhail auf seinen Schoß genommen und Meli saß zwischen ihm und Krümel. Liliane hatte sich der kleinen Rubinie angenommen, die mit großen Augen in die Runde schaute. Nachdem ihr Vater zwei Bissen genommen hatte, begann er auch schon zu erzählen und Frodo half ihm dabei. Die beiden wußten, die Kinder waren unersättlich, was Geschichten und Abenteuer betraf.
Wir waren weiter gereist, als wir jemals geahnt hätten! Wir wußten nie, daß der fremde Osten so weit reicht und so riesig ist - aber wir haben dort den Zauberer gesucht... erzählte Sam eifrig und erzählte davon, daß Legolas Frodo geholfen hatte, wieder gesund zu werden - auch wenn das in der Form nicht wirklich stimmte. Aber er beabsichtigte nicht, den Kindern zuviel zuzumuten, noch mußten sie nicht erfahren, daß Frodo eigentlich tot sein müßte. Sie würden es nicht verstehen, es würde sie zu sehr verwirren, das hatte er vorher mit Frodo bereits besprochen.
Auch als das Essen schon vorüber war, saßen sie noch für einige Zeit beisammen und selbst die Jüngsten durften länger aufbleiben als normal, saßen im Kreis um die Erwachsenen herum und lauschten mit gespitzten Ohren und leuchtenden Augen.
Der Zauberer war also böse? fragte Merry.
So kann man das nicht sagen, erwiderte Frodo, du weißt doch von der bösen Macht, gegen die ich gekämpft habe. Und sie hat ihn beeinflußt!
Stundenlang erzählten sie den Kindern, die gar nicht genug bekommen konnten. Melethiell und Perhail musterten, wie die anderen auch, Frodo ganz genau und stellten fest, daß er nicht nur wieder gesund war - auf eine ihnen seltsam erscheinende Art und Weise schien er sehr glücklich und sogar etwas jünger als vorher, auch wenn das so nicht stimmte. Aber was auch immer geschehen war, es hatte geholfen...
Jetzt aber ab ins Bett! sagte Rosie irgendwann und scheuchte alle Kinder aus dem Raum mit Ausnahme der ältesten, Frodo, Elanor und Rose.
Übrigens stimmte etwas nicht ganz, sagte Sam dann. Er warf Frodo einen fragenden Blick zu, der ihm aufmunternd zunickte, und dann erzählte Sam seinen Kindern und Rosie die Wahrheit über das Geschehen im Osten, daß Frodo gestorben war und sie ihn zurückgeholt hatten.
Der junge Frodo, der seinen Onkel nicht nur als Namensvetter sehr bewunderte, zeigte sich am meisten bewegt von den Worten seines Vaters, dem es am leichtesten fiel, davon zu erzählen. Außerdem sah Rosie zu Frodo und sagte, als Sam geendet hatte: Ich bin froh, daß die anderen sich dafür entschieden haben, dich zurückzuholen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne dich hier gewesen wäre!
Frodo nickte. Genau deshalb habe ich alles versucht, um nicht sterben zu müssen. Ich wollte nicht fehlen, keinem von euch und nicht in Beutelsend. Nicht schon jetzt.
Sie sprachen noch einige Zeit miteinander, bis Rose ins Bett ging, dicht gefolgt von Frodo, der seinen Onkel zum Abschied erleichtert umarmte und schweigend den Raum verließ.
Elanor sah von ihren Eltern zu Frodo und Liliane. Sie wußte am meisten von dem, was je geschehen war, aber die Nachricht über Frodos Tod erschütterte sie immer noch sehr. Sie versuchte immer noch, zu verstehen, wie es möglich gewesen war, dies rückgängig zu machen - aber sie war glücklich, daß es getan worden war.
Schön, daß du wieder zurück bist, Onkel Frodo, sagte sie, bevor auch sie zu Bett ging. Das war das Zeichen auch für die Eltern, ins Bett zu gehen.
Anfangs war er sich nicht sicher, ob er träumte, weil er es schon einmal gesehen und erlebt hatte. Aber im Verlauf des Gesprächs wurde schnell klar, daß es nicht mehr - aber auch nicht weniger - als ein Traum war.
Mein lieber Junge, sagte Bilbo. Ich war anfangs fast froh, dich nach so langer Zeit wiederzusehen - aber er wäre nicht richtig gewesen. Es war noch nicht an der Zeit, du gehörst noch nicht hierher.
Ich... ich freue mich, zu sehen, daß es dir gut geht! Dich endlich wiederzusehen... aber warum sagst du das alles? fragte Frodo. Er konnte außer sich und Bilbo nicht viel erkennen, es war alles nur schemenhaft und unscharf außerhalb eines bestimmten Bereiches in der Mitte seines Blickfeldes.
Ich will dir nur zum Geburtstag gratulieren. Auch wenn du nun eigentlich zwei Geburtstage hast, so ist dies doch eins der Dinge, die wir gemeinsam haben!
Ist es etwa schon wieder soweit? fragte Frodo überrascht, aber es war in der Tat die Nacht zum 22. September.
Das ist es. Deine Tochter hatte ebenfalls einen wunderschönen Geburtstag, an dem sie sich gewünscht hat, dich bald wiederzusehen. Und ihr Wunsch ging in Erfüllung. Aber das will ich alles eigentlich gar nicht sagen. Ich will dich viel eher darauf aufmerksam machen, daß dein von dir so gesehener Fehler, deine Schwäche, dir auch etwas gutes gebracht hat. Du hast damit das Böse überwunden.
Was meinst du damit? fragte Frodo irritiert, denn er wußte nicht, wovon Bilbo sprach. Aber dann wurde das gesamte Bild unscharf und verschwand. Im Gegenzug spürte er Wärme, eine Berührung - und als er die Augen öffnete und sah, wie die Sonne durchs Fenster ins Zimmer flutete, schaute er in Lilianes Augen, die ihn liebevoll wachküßte und sagte: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Seufzend und mit einem Lächeln auf den Lippen ließ Frodo sich in die Kissen zurücksinken.
Danke, Liebes. Ich bin froh, daß ich ihn erleben darf!
Aber seinen eigentümlichen nächtlichen Traum behielt er für sich. Er hatte auch an diesem Tag gar keine Zeit, noch weiter darüber nachzudenken, denn jeder in Beutelsend war sehr darauf bedacht, daß Frodo einen möglichst schönen Geburtstag feiern konnte. Auch wenn er nicht vorgesorgt hatte, so schaffte er es irgendwie, jedem der Kinder und all seinen Freunden Geschenke zu besorgen und so verlebten sie einen turbulenten und heiteren Tag in der Wärme eines Tages im frühen Herbst. Die Kinder jagten Frodo überall durch den Garten, bis er nachher japsend am Boden lag und sich des Kitzelangriffs seiner Tochter nicht mehr erwehren konnte, die triumphierend auf ihm thronte.
Endlich spielt Papa wieder mit uns! freute sich Perhail, der Frodo immer noch nicht verraten wollte, wo er seine ausgefallenen Zähne verwahrte. Das wurmte seinen Vater ganz schön, denn eigentlich wollte er Teil haben am Stolz seines heranwachsenden Sohnes - doch dieser wollte ausnahmsweise überhaupt nicht teilen und außerdem seinen Vater so gut wie möglich ärgern.
Frodo lachte und hatte viel Spaß an diesem Tag. Auch die nächsten waren wunderschön und er verbrachte viel Zeit draußen im Garten, atmete einfach nur die frische Luft und genoß es, dort auf der Bank zu sitzen und einfach da zu sein.
Es war für ihn, als koste er jede Minute doppelt so sehr aus wie vorher. Endlich war es ihm möglich, das Leben so zu genießen, wie Hobbits es normalerweise taten. Zwar hatte er immer schon glückliche Momente mit Sam und seiner eigenen Familie erlebt, aber es war anders. Irgendetwas war anders und noch konnte er nicht bestimmen, was es war, aber es war da. Ganz deutlich spürte er es und war sehr froh darüber.
Er verbrachte einige Zeit damit, seinem Sohn nachzuspüren und aus purer Absicht, ihn umgekehrt zu ärgern, seine wohlbehüteten Zähne zu suchen. Aber es dauerte lange, bis er sie fand und dann behielt er es erst einmal für sich, um es im geeigneten Moment anzubringen. Und der kam bald, nämlich als Perhail als unersättliches Monster es schaffte, ein kleineres Regal in der Speisekammer von der Wand zu reißen, denn er hatte sich daran festgehalten, um sich höher hangeln zu können, wo der köstliche Apfelkompott stand. Mit lautem Geklirr zerbrach die Schüssel und der Hobbitjunge wurde unter dem Regal vergraben - aber Frodo war schnell zur Stelle und versorgte die Schürfwunden an den Ellbogen seines Sprößlings, der laut heulend am Boden lag und noch am meisten um den verlorenen Apfelkompott trauerte.
Weißt du was, Fael? Wir tun jetzt so, als wäre nichts passiert und gehen eine neue Schüssel kaufen! schlug Frodo vor und so schlichen die beiden sich klammheimlich davon, fanden bald beide ihren Spaß an der Verschwörung und vergessen war der Schreck über den Unfall. Ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, brachte Frodo mit Mühe das Regalbrett wieder an und zog noch Elanor mit in die Verschwörung hinein, damit sie ihnen neuen Apfelkompott kochte.
Kopfschüttelnd tat das junge Hobbitmädchen den beiden diesen Gefallen. So hatte sie ihren Onkel noch nie erlebt - plante Verschwörungen mit seinem Sohn und würdigte sein Arbeitszimmer kaum noch eines Blickes.
Er tobte lieber so oft wie möglich mit den Kindern durch den Garten, focht wieder die üblichen Machtkämpfe mit Krümel aus und fand seinen Spaß daran.
Er hätte nie geglaubt, daß er sich noch einmal so für derartige Spielereien begeistern konnte! Aber er genoß es und er fühlte mit jedem Atemzug, wie die klare Luft des hereinbrechenden Herbstes in seine Lunge strömte und er sich befreit und glücklich fühlte.
Er hatte sich schnell wieder eingelebt. Und eines Abends, als er gerade zu Liliane ins Bett gekommen war, sah er sie kurz an und küßte sie dann.
Du wirst mich nicht los, versprach er verschwörerisch grinsend und küßte sie immer stürmischer, konnte sich einen Kommentar jedoch nicht verkneifen, während sie seine Zärtlichkeiten erwiderte.
Noch hast du Zeit, wegzulaufen! Oder willst du, daß es dir ergeht wie Rosie? bemerkte er trocken und verkniff sich das Grinsen nur mühsam.
Liliane zuckte gleichgültig mit den Schultern. Und wenn schon. Als würde ich jetzt weglaufen!
Gut! sagte Frodo und lachte. Aber jetzt weißt du, wie das immer geht und warum Rosie nicht geflohen ist!
Liliane mußte fast vor Lachen losprusten und antwortete, nach Luft schnappend: So macht ihr das also! Aber wenn die zwei wüßten, daß wir gerade über sie reden...
Wissen sie aber nicht!
Sie wurde am nächsten Morgen instinktiv zuerst wach, wenngleich sie sich auch am Vorabend gewundert hatte, wie sorglos Frodo dazu in der Lage gewesen war, sich ganz auf andere Dinge zu konzentrieren als auf den Gedanken an den Jahrestag.
Liliane hingegen hatte ihn zwischenzeitlich mit allergrößter Angst erwartet. Immerhin hatte der letzte dieser Art fast Frodos Schicksal besiegelt.
Woran lag es nur, daß es ihn gar nicht kümmerte? Sie verstand es nicht. Eigentlich müßte er sogar noch mehr Angst haben.
Aber die hatte er nicht.
Sie hob den Kopf und sah zu Frodo. Er schlief friedlich wie immer, war nicht wach, hatte keinen Schüttelfrost und keine Krämpfe...
Sie legte ihre Hand in seinen Nacken. Die Narbe der Stichwunde war immer noch da, aber sie war warm.
Nicht kalt.
Unruhig stand sie auf und lief in die Küche zu Sam, sie wußte, daß er bereits auf war.
Heute ist doch der sechste Oktober, oder nicht?
Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie in der Tür und sah ihn nahezu herausfordernd an, was Sam gar nicht richtig verstand.
Ja... ist es... warum? Was ist mit Herrn Frodo? fragte er, denn nun fiel es auch ihm wieder ein.
Nichts! Er hat nichts, er schläft und es geht ihm gut! Verstehst du das?
Er schläft und... aber... verstehe ich nicht... Sam stand auf und folgte ihr ins Schlafzimmer. Beide knieten sie sich vor Frodo, der von ihrem leisen aufgeregten Geflüster geweckt wurde und sie unwillig anblinzelte.
Und welche Verschwörung wird das? fragte er und drehte sich um, zog die Decke über den Kopf und ignorierte die beiden.
Also das... begann Sam und schüttelte fragend den Kopf. Das verstand er wirklich nicht.
Frodo! rief Liliane und zog ihm die Decke wieder weg.
Jetzt hör mal zu. Weißt du eigentlich, daß heute der sechste Oktober ist?
Damit hatte sie Frodos Interesse geweckt. Schlagartig war er wach, er fuhr hoch und atmete tief durch.
Kann nicht sein. Wenn heute der sechste Oktober wäre... murmelte er, brach dann aber ab, weil ihm plötzlich eine Idee kam.
Heute ist der sechste Oktober! Bei den Valar, das darf nicht wahr sein! Überlegt doch mal - wenn heute der sechste Oktober ist und es mir gut geht, dann... dann... ich fasse es nicht! stammelte er aufgeregt und sprang aus dem Bett, sah an sich herunter und stellte fest, daß er munter war wie eh und je.
Es hat aufgehört! rief er. Nach all den Jahren ist es vorbei!
Aber... begann Sam. Aber warum?
Frodo sah die beiden an und spürte, wie ein Gefühl von Glückseligkeit und Wärme ihn durchströmte.
Weil ich die Macht nicht mehr habe. Das Böse ist fort! Die Erinnerung erreicht mich nicht mehr. Ich bin frei!
Plötzlich begann er übers ganze Gesicht zu strahlen und Liliane hielt ihn fast für verrückt, als er sie so ansah, übermütig umarmte und schnellstens begann, sich umzuziehen.
Frei! schoß es ihm wieder durch den Kopf. Er rannte vor den nächsten Spiegel, sah sich selbst tief in die wachen Augen und stellte fest, daß er nichts hatte. Gar nichts.
Unglaublich! rief er und wußte gar nicht, wohin mit sich vor lauter Freude. Aber er lief zur Tür, ging hinaus und holte tief Luft. Es roch nach Tau und Morgensonne, es war ein wunderschöner Herbstmorgen - und er verhieß Gutes.
Das hat Bilbo gemeint! murmelte er gedankenverloren.
Für eine Weile stand er einfach so da, sah den Bühl hinunter und freute sich einfach nur. Damit hatte er wahrhaftig nicht gerechnet.
Dann kam Liliane dazu, sie trat hinter ihn, legte die Arme um ihn und sagte: Damit hat die Prophezeihung keinen Einfluß mehr auf dich. Sie ist nicht zurückgekehrt! Du hast sie besiegt. Das ist wirklich wunderschön. Ich kann es gar nicht glauben!
Frodo nickte langsam. Ja. Das Böse ist eben nicht stark genug. Wo hast du eigentlich den Kristall?
Ich weiß nicht. Irgendwo in deinem Schrank, glaube ich.
Warum denn das?
Weil ihn in diesem Chaos unmöglich jemand finden kann! erklärte Liliane und lachte. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und spürte die Wärme in seiner Schulter.
Die Kälte war fort. Für immer.
Frodo schloß die Augen und spürte nur noch Glück, legte seine Hände auf Lilianes Arme und war voller Dankbarkeit, daß er tatsächlich etwas erreicht hatte, womit nie zu rechnen gewesen war.
Freiheit. Nun hatte auch er sie.