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Erstes Kapitel: Die Reise beginnt

"Wo warst du denn, Herr Frodo?" Sam stand voll beladen neben Legolas und
Gimli.
"Ich war spazieren, Sam. Ich habe ein letztes Mal die Schönheit Loriens
genossen."
"Warum hast du deinen Sam nicht mitgenommen?"
Frodo lächelte ihn an. "Dieses eine Mal nur wollte ich ganz alleine sein.
Aber ich hätte dich genauso gut mitnehmen können, ich habe nämlich Gandalf
getroffen."
Sam guckte ihn etwas beleidigt an, dann meinte er nur: "Du sollst nie ohne
deinen Sam gehen!"
"Werde ich nicht mehr tun!"
Sam wühlte in einem Berg aus Decken und zog einen Rucksack hervor. "Ich habe
deine Sachen für dich gepackt, Herr Frodo." Dann wühlte er erneut in dem
Berg und zog Frodos Schwert Stich aus dem Deckenberg. "Und schau mal, was
ich gefunden habe."
Frodo nahm das Schwert und sagte verdutzt: "Wo hast du das her? Ich dachte
schon ich hätte es bei dem Angriff der Orks verloren."
"Aragorn hat es mir vorhin gegeben, er hat gesagt, er hätte es bei einem Ork
gefunden, den er getötet hatte."
Frodo steckte das Schwert ein. "Danke Sam, aber wo ist Aragorn?"
"Er ist dort hinten", Sam deutete auf eine Gruppe aus Elben und jetzt sah
Frodo Aragorn, der in der Gruppe stand und sich mit ihnen unterhielt.
Sam sah zu Frodo und nickte in Richtung Aragorn. "Es macht ihm sehr zu
schaffen, dass sein Königreich angegriffen wird und er nicht dort ist. Und
was wohl aus Arwen und Eldarion wird?"
"Ja Sam, das sind schwere Zeiten, für uns alle."
Drei Stunden später verließ ein riesiger Trupp Lorien. Hunderte bewaffnete
Elben mit Rüstungen und noch mehr unbewaffnete verließen zusammen mit
einigen Menschen, den Hobbits, einem Zauberer, einem Zwerg und dutzenden
Pferden die Wälder Loriens. Es war ein bewegener Anblick, wie diese
wandelnde Menge in mäßigem Tempo die Wälder verließ. Alle waren sehr still,
niemand unterhielt sich wirklich. Die meisten liefen mit gesenkten Häuptern
und ernsten Mienen. Frodo bemerkte, dass niemand von den Elben klagte, sie
schienen alle ihr Schicksal hinzunehmen, ganz gleich, was noch auf sie
zukommen würde. Die Elben hatten alles mitgenommen, was ihnen als wichtig
erschien, und viele blickten öfters sehnsüchtig zurück. Anscheinend wussten
sie genau wie Frodo, dass sie wahrscheinlich nie mehr wieder diese Schönheit
sehen würden. Galadriel lief für gewöhnlich in der Mitte des Trupps, aber
als sie sich den Grenzen Lothloriens näherten, lies sie sich zurückfallen
und ging nun am Ende. Sie blieb stehen und sog die frische, kühle, klare
Luft ein und blickte in die Wipfel der Bäume. "Namarie" (Lebewohl) sagte sie
ganz leise, und schloss sich dann wieder der Menge an.
Als sie nach Tagen aus Lorien heraus kamen, trafen sie auf Hunderte weitere
Flüchtlinge, die alle auf dem Weg nach Rohan waren und aus dem Norden und
Westen von Mittelerde kamen. Frauen trugen ihre weinenden Kinder auf den
Armen, Alte konnten vor Entkräftung kaum noch auf ihren Beinen stehen und
wurden deshalb, soweit es möglich war, auf Pferde gesetzt. Der Trupp aus
Lorien schloss sich den anderen Flüchtlingen an. Eine völlig verzweifelte
Frau schrie immer wieder: "Das ist das Ende, das ist das Ende!"
Frodo sah hinauf in den Himmel, er bezog sich langsam mit schwarzen Wolken
und ein kühler Wind lies ihn hin und wieder erschauern.
Frodo ging gedankenversunken und sah kaum nach links und rechts. Sam lief
neben ihm, genauso gedankenversunken wie er, und Merry und Pippin waren auch
in ihrer Nähe. Die kleinen Kinder, an den Händen ihrer Mütter und Väter oder
auf deren Armen, fragten immer wieder: "Mama, Papa, wann sind wir endlich da?
Ich will wieder Kampf spielen, das Laufen ist langweilig." Die Eltern
antworteten ihren Kindern meistens nicht, sondern gingen, genau wie alle
anderen auch einfach weiter.
"Da sind Hobbits aus dem Auenland" schrien Merry und Pippin plötzlich.
Frodo und Sam drehten sich fast gleichzeitig um, und sahen mitten unter den
anderen Flüchtlingen eine große Gruppe Halblinge, die alle ziemlich müde
wirkten. Sams Augen wurden groß und größer, als er Rosie erblickte. "Rosie,
Rosie", schrie Sam und lief aufgeregt auf die Gruppe von Hobbits zu. Rosie
blickte auf und ihre Miene wurde deutlich heller, als sie Sam auf sich
zulaufen sah. Sam nahm sie in den Arm und küsste sie herzlich auf die Wangen
und die Stirn. "Ich bin so froh, dich wiederzusehen, Sam", sagte sie und
nahm ihn in die Arme. Sam lief jetzt neben Rosie und sie erzählte ihm, was
alles im Auenland passiert war.
Frodo lief in ihrer Nähe. Er sah mitten unter den Hobbits auch eine junge
Hobbitfrau, Lilli. Vor ein paar Monaten noch hätte er alles dafür gegeben,
um nur einmal mit ihr reden zu können. Jetzt jedoch hatte ihn eine gewisse
Gleichgültigkeit befallen, ihm war fast alles egal, und er verstand nicht
warum, aber es machte ihm nicht mal eine große Freude die anderen Hobbits
aus dem Auenland zu sehen. Auch Lilli interessierte ihn nicht mehr. Nur eine
Sache ließ ihn etwas wütend werden, nämlich die Tatsache, dass Sam nicht
mehr bei ihm war. Er lief eifrig redend neben Rosie her und hatte nicht
einmal zu Frodo geblickt. Frodo wusste nicht warum, aber er hatte das Gefühl
etwas eifersüchtig auf Rosie zu sein. Sams Aufmerksamkeit nicht mehr zu
besitzen, war das einzige, das ihm etwas aus machte, und es verärgerte ihn,
dass das so war. Er fragte sich, was mit ihm los sei, denn die Tatsache war,
dass er genau wusste, dass er allein der Auslöser für den Untergang von
Mittelerde sein konnte, dies machte ihm aber nicht so viel aus, wie die
Tatsache, dass sein treuester Freund nicht mehr neben ihm ging, und er
dessen Aufmerksamkeit im Moment nicht mehr besaß. Frodo blickte sich um und
beobachtete die flüchtenden Hobbits, Menschen und Elben. Er bezweifelte,
dass alle von ihnen wussten, wie nahe sie dem Untergang waren.
Frodo hatte sich noch nie so allein in seinem Leben gefühlt, niemand war bei
ihm. Aragorn und Legolas gingen nebeneinander mit gesenkten Häuptern,
offensichtlich dachten sie beide an ihre Heimat. Gimli schlurfte in
gebückter Haltung hinter ihnen her und sagte kein Wort. Gandalf war
nirgendwo zu entdecken und Merry und Pippin gingen weiter abseits und
unterhielten sich mit vier Hobbits aus dem Auenland.
Nach etlichen Tagen näherte sich die Menge dem Fangornwald. Sie schlugen
etwa eine halbe Meile von ihm entfernt ein Nachtlager auf. Merry und Pippin
tuschelten die ganze Zeit über miteinander. Heute Nacht wollten sie ihren
Plan durchführen, die Ents zu suchen. Es dauerte Stunden, bis die Menge
langsam zur Ruhe kam und Merry und Pippin hatten schon große Befürchtungen,
sie würden es überhaupt nicht mehr schaffen sich wegzuschleichen. Als der
Mond schon fast wieder hinter den Wipfeln des Fangorn Waldes verschwand, und
es dadurch sehr dunkel war, war nur noch hier und da ein leises Flüstern zu
hören und Merry und Pippin wussten, dass es nun Zeit sein würde, ihr
Vorhaben durchzuziehen. Merry lag noch in einer Decke gehüllt am Boden:
"Wenn wir erwischt werden Pippin, dann laufen wir so schnell es geht in den
Wald! Lass dich bloß nicht auf Erklärungen ein."
"Ist gut Merry, verstanden."
Sie schlichen vorsichtig über die vielen Leute am Boden hinweg. Pippin stieg
über eine Frau, und hätte um ein Haar das Baby nicht gesehen, das neben ihr
lag. Es war sehr schwierig, durch die Dunkelheit konnten sie kaum etwas
erkennen. Plötzlich griff Merry jemand an den Fuß, so dass er ins Stolpern
kam.
"Wo wollen die beiden Hobbits denn so spät in der Nacht auf einmal hin?"
Es war Aragorn der, wachsam wie er war, die Situation genau beobachtet
hatte. Merry wollte loslaufen, aber Aragorn hielt seinen Fuß fest
umschlossen.
"Lass mich los! Wir gehen in den Fangornwald, und du, Aragorn, wirst uns
davon nicht abbringen!"
"Was wollt ihr dort?"
Merry sah, dass es hoffnungslos war, er musste Aragorn sagen, was sie
vorhatten, er würde sie sonst nicht gehen lassen. "Wir holen die Ents, sie
können uns vielleicht helfen, im Kampf um Mittelerde."
"Ihr wollt die Baumhirten um Hilfe bitten?"
"Ja, sie haben uns schon einmal geholfen, sie kennen uns", schaltete sich
Pippin ins Gespräch mit ein.
Aragorn sah die beiden nun etwas verwundert an. "Seid ihr sicher, dass ihr
wisst was ihr da tut?"
"Absolut", bestätigte Merry. "Und du wirst uns nicht von unserem Entschluss
abbringen."
"Das habe ich auch gewiss nicht vor", sagte Aragorn und ließ Merrys Bein
los.
"Hast du nicht", wunderte sich Pippin.
"Nein, habe ich nicht. Es ist vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer, wenn
die Ents mit uns in den Krieg ziehen." Aragorn sah die Hobbits freundlich
und aufmerksam an. "Lauft, aber seid vorsichtig, der Fangornwald kann
tückisch sein!"
"Danke Aragorn", sagten die Hobbits erleichtert.
Aragorn nickte ihnen zu, als Abschiedszeichen, und die Hobbits liefen in die
Dunkelheit hinein und verschwanden aus seinem Blickfeld. Bald kamen sie an
den ersten Bäumen des Fangornwaldes vorbei.

Zweites Kapitel: Die Tücken des Waldes

Merry und Pippin rannten in den Wald hinein, als wäre eine Horde Orks hinter
ihnen her, sie fürchteten, dass doch noch jemand sie entdecken und sie
vielleicht daran hindern würde zu gehen. Nach einer Weile blieben sie völlig
außer Atem stehen. "Wo genau müssen wir eigentlich hin?" fragte Pippin und
drehte sich dabei in alle Richtungen.
"Gehen wir am besten mal geradeaus", sagte Merry mit einem leichten Zweifeln
in der Stimme. Der Fangornwald war dicht bewachsen und dunkel bei Tag und
Nacht, weil die riesigen Bäume fast kein Licht am Tage durchließen. Er war
verschlungen und verwachsen und das merkwürdige Knacksen und Ächzen der
Bäume verlieh ihm einen sehr unheimlichen und beängstigenden Eindruck. Der
Boden war weich und moosbewachsen und die Wurzeln der Bäume rankten sich
teilweise über ihn hinweg und schienen sich auf unheimliche Weise hin und
wieder zu bewegen, sobald sie aus dem Blickfeld der Hobbits waren.
Merry ging voran und versuchte sich einen Pfad geradeaus zu bahnen. Immer
wieder standen ihm dicke Bäume im Weg und er musste sich einen Weg drum
herum suchen. Nach Stunden, es musste bereits heller Tag außerhalb des
Waldes sein, betrachtete Pippin aufmerksam einen Baum, gegen den er fast
gelaufen wäre.
"Merry, du führst uns gerade im Kreis herum!"
Merry drehte sich um, und sah Pippin erstaunt an. "Was redest du da?"
"Schau dir diesen Baum hier an", er deutete auf den riesigen Baum direkt vor
ihm. "Er hat an dieser Stelle kaum noch Rinde, und das Moos wächst an dieser
kahlen Stelle in einer Form, die aussieht wie ein Bierkrug! Ich bin vorhin
schon mal an diesem Baum vorbeigekommen, das weiß ich genau."
Merry kam zu ihm und stellte sich direkt vor die Stelle, an der der Baum
keine Rinde mehr hatte, und betrachtete das Moos.
"Wie ein Bierkrug? Das ist nur ein Haufen Pflanzen auf einem Fleck!"
"Ja, und er sieht aus wie ein Bierkrug! Deshalb weiß ich auch genau, dass
wir hier vorhin schon einmal vorbei gekommen sind!"
"Pippin, mein Lieber, ich will dich ja nicht beleidigen, aber bei deiner
regen Fantasie sieht alles aus wie ein Bierkrug, ein Würstchen oder ein
Kuchen. Es gibt bestimmt tausend Moosflecke an den Bäumen, die für dich
aussehen wie ein Bierkrug."
Pippin sah ihn beleidigt an. "Ich wusste, dass du das sagst, deswegen habe
ich auch zur Sicherheit ein Stückchen Stoff von meinem Umhang abgerissen und
an den Baum geheftet, als wir das letzte mal an ihm vorbeigekommen sind. Da,
bitte." Er deutete auf einen kleinen Stofffetzen, der zwischen einem Stück
Rinde hing.
Merry hatte das Gefühl, als würde sein Magen sich zusammenkrampfen. Er
vergrub sein Gesicht in den Händen. "Oh verdammt, du hast recht, wir laufen
im Kreis."
Pippin sah ihn triumphierend an. "Sag ich ja, und ich will lieber nicht
wissen, wie oft wir schon an diesem Baum vorbeigerannt sind, schließlich
habe ich erst bei der letzten Runde den Stofffetzen rangehängt. Wenn es
stimmt, was man sich über den Fangorn Wald sagt, und diese Bäume hier leben
wirklich, dann muss uns dieser Baum hier jetzt für ganz schön blöd halten.
Zwei Hobbits, die stundenlang im Kreis rennen."
Merry hatte immer noch das Gesicht in den Händen vergraben, und schüttelte
noch dazu immer wieder den Kopf. "Was schlägst du vor, in welche Richtung
sollen wir gehen?"
Pippin blickte unschlüssig in alle möglichen Richtungen. Dunkelheit, Bäume
und Rankepflanzen... überall.
"Weißt du was?" sagte Merry nach einigen Minuten, als von Pippin immer noch
keine Antwort gekommen war, "ich denke, wir sollten wieder zurück gehen.
Hier im Fangornwald haben wir diesmal kein Glück, ich habe ein ungutes
Gefühl, dieser Wald ist gefährlicher geworden."
"Gute Idee", sagte Pippin mit gespielter Begeisterung, "und wo möchtest du
langgehen, Herr Brandybock? Möchtest du diesen Weg gehen, der verschlungen
wird von Dunkelheit und Rankepflanzen", er deutete mit der Hand in eine
Richtung, "oder möchtest du diesen Weg hier gehen, der ebenfalls
verschlungen wird von Dunkelheit und Rankepflanzen", er deutete in eine
andere Richtung, "oder aber, wir könnten noch den Weg dahinten nehmen, der
genau wie alle anderen auch von Dunkelheit und Rankepflanzen verschlungen
wird."
"Es ist schon gut Pippin, ich habe es verstanden. Aber was sollen wir jetzt
machen, wir könne nur versuchen in irgendeine Richtung zu gehen." Wenn
Pippin verzweifelt war, dann versuchte er meistens selbst mit etwas Ironie
die angespannte Situation zu entspannen.
Eine Weile standen sie nur stumm da und blickten gedankenversunken vor sich
hin.
"Verrate mir mal etwas, Merry", sagte Pippin und stellte sich etwas hilflos
neben seinen Freund, "wie konnten wir nur alleine in den Wald laufen? Wenn
wir hier nicht rausfinden und nicht auf Ents treffen, dann sind wir
verloren. Und selbst wenn wir auf Ents treffen, warum sind wir eigentlich so
sicher, dass sie uns helfen?"
"Wenn wir auf Baumbart treffen, hilft er uns bestimmt. Vielleicht waren wir
einfach etwas voreilig mit dem Entschluss ganz allein in den Wald zu laufen.
"
"Das denke ich auch, wir hätten lieber bei Frodo und den anderen bleiben
sollen, wo wir doch nicht mal wissen, ob es überhaupt noch Sinn macht,
selbst wenn die Ents an unserer Seite kämpfen."
"Es ist egal, jetzt ist es sowieso zu spät um darüber nachzudenken", sagte
Merry. Plötzlich hörten die Hobbits ein besonders lautes Ächzen und Knarren,
so dass sie beide heftig zusammen zuckten. "Was war das", fragte Pippin
ängstlich.
"Ich habe keine Ahnung, Pippin, aber wir könnten gehen und nachsehen", er
deutete mit der Hand in die Richtung aus der das Geräusch kam.
"Nein Merry, dass ist viel zu gefährlich, vielleicht war das ein Baum, der
böse auf uns ist, oder es ist noch etwas Schlimmeres."
"Es könnte aber auch ein Ent gewesen sein. Wir sollten vorsichtig gehen und
nachsehen, hier können wir sowieso nicht bleiben." Pippin sah ihn kritisch
an, dann rief er so laut, dass ein Echo erhallte: "Baumbart?" Beide warteten
einen Moment, als nichts geschah, sagte Merry: "Ich glaube nicht, dass er
dich hört, selbst wenn er eben dieses Geräusch gemacht hat. Er ist viel zu
groß, deine Stimme dringt gar nicht bis zu ihm herauf."
"Ich habe aber ein ungutes Gefühl, dahin zu gehen!"
"Ach jetzt komm schon, Pippin, wollen wir denn hier ewig neben deinem
Bierkrug stehen?" Er deutete mit der Hand auf den Fleck Moos am Baum.
Pippin sah zweifelnd in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen kam,
doch nachdem Merry noch eine Zeit lang auf ihn eingeredet hatte, ließ sich
Pippin wiederwillig überreden.
Der Weg dorthin war holprig und Merry fiel einmal der Länge nach hin, weil
eine Wurzel sich plötzlich aus der Erde erhob. Pippin lief gegen einen
dicken Ast und bekam sofort eine dicke Beule. Er hätte jedoch schwören
können, dass der Ast sich vorher nicht in dieser Höhe befand. "Der Wald will
uns hier nicht haben", murmelte er vor sich hin. Noch während er das sagte,
schlang sich eine dicke Wurzel um seinen linken Fuß und drückte mit Gewalt
fest zu. Pippin stieß einen Schreckensschrei aus, und fiel nach vorn auf den
Bauch. Es gab ein widerliches Knacken in dem Fuß, der von der Wurzel fest
umschlungen war. Merry stürzte mit einem lauten "Pippin!" auf ihn zu und
versuchte ihn aufzurichten und seinen Fuß von der Wurzel zu befreien. Pippin
tat nichts, er lag blass auf dem Boden und sagte immer nur: "Er hat mir den
Fuß gebrochen", aber er wirkte geistesabwesend und Merry war sich ziemlich
sicher, dass er unter Schock stand.
Pippin ließ sich zwar unter starken Bemühungen von Merry aufrichten, doch
der Fuß wurde von der Wurzel festgehalten, egal was Merry veranstaltete.
Pippin saß jetzt auf der Erde und blickte starr vor sich hin: "Mein Fuß ist
gebrochen", sagte er immer und immer wieder, als wäre er in Trance.
Merry zerrte noch eine Zeit lang an der Wurzel, dann gab er es auf und
setzte sich erschöpft neben seinen Freund.
Er sah Pippin an, der immer noch leichenblass war und dessen Gesicht
regungslos war, dennoch liefen ihm Tränen über die Wangen.
"Pippin, es ist alles meine Schuld, es tut mir so leid."
Pippin sagte nichts, starrte nur vor sich hin. Merry hockte sich vor ihn, so
dass Pippin ihn jetzt ansehen musste. "Ich kriege dein Bein nicht frei, wir
müssen uns etwas anderes überlegen."
Pippin sah ihm jetzt fest in die Augen. "Ich will hier nicht sterben, Merry", wimmerte er.
Merry nahm seine Hand und drückte sie leicht. "Du wirst hier nicht sterben,
Pippin, nicht, solange ich mich selbst noch auf den Beinen halten kann. Ich
werde gehen und Hilfe holen!"
Pippin blickte ihn erschrocken an. "Nein, lass mich bitte nicht alleine“"
Während er das sagte, krallte er sich mit seiner Hand an Merrys Arm fest.
"Pippin, ich komme zurück und bringe Hilfe mit, aber ich kann dich nicht
alleine befreien. Ich verspreche dir, dass ich zurückkommen werde!"
Langsam schien Pippin wieder mit seinen Gedanken zurückzukehren.
"Du weißt doch gar nicht, wo du hin musst, was ist, wenn du dich nun noch mehr
verirrst, oder mich nachher nicht wiederfindest? Du darfst nicht gehen, ich
will hier nicht alleine bleiben, bitte, Merry."
Merry sah Pippin an und wusste nicht, was er nun tun sollte. Er konnte hier
nicht bleiben, aber er wollte Pippin auch nicht alleine lassen.
"Pippin, ich komme zu dir zurück, ich verspreche es dir", bestätigte er noch
einmal.
"Versuch doch, die Wurzel mit deinem Schwert durchzuhacken", sagte Pippin
entschlossen und mit neuer Hoffnung in der Stimme.
Plötzlich schien der Baum sich ein klein wenig zu bewegen, er ächzte einmal
laut, und zog dann seine Wurzel fester um Pippins Bein. Dieser sah
erschrocken zu Merry, ließ sich auf den Rücken fallen und krümmte sich vor
Schmerzen auf dem Boden.
"Lass ihn sofort los, du fieser Baum!" schrie Merry immer wieder, aber der
Baum hielt Pippins Bein fest umschlossen. Dann gab der Baum ein bisschen
nach, die Wurzel lockerte sich zwar etwas, behielt aber Pippins Bein dennoch
in einem festen Griff. Pippin richtete sich wieder auf und schluchzte laut,
er versuchte seine Hände um sein gebrochenes Bein zu legen und wimmerte
kläglich vor sich hin.
"Mein Bein tut so schrecklich weh Merry." Dann sah er seinen Freund traurig
an und hielt sich immer noch sein Bein. "Du hast recht Merry, du musst gehen", sagte er mit schmerzverzerrtem Gesicht, dann fügte er etwas verzweifelt
hinzu: "Aber bitte beeile dich, ich glaube ich halte das hier nicht mehr
lange aus."
"Halt durch, ich bin so schnell wie möglich wieder da. Ich werde mich lieber
schnell aus der Reichweite des Baumes begeben, wenn er mich auch noch
erwischt, dann ist alles aus!"
Merry drückte noch einmal Pippins zitternde Hand und ließ seinen Umhang bei
ihm zurück. Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Es vergingen Stunden und Pippin stand wahre Qualen aus. Der Hobbit lag auf
der Erde und hatte sich mit Merrys Umhang zugedeckt. Die Kälte und die Angst
saßen ihm tief in den Gliedern. Sein Herz raste wie wild, und sein Bein tat
fast unerträglich weh und hatte eine blau-grüne Farbe, soweit er das
erkennen konnte. Er versuchte sich abzulenken, indem er an ein schönes
Erlebnis dachte, das letzte Grillfest in Hobbingen, wo es die übergroßen
Würstchen und den guten roten Wein gegeben hatte. Er hatte Hunger, stellte
er fest, als er die Würstchen vor sich sah, und schrecklichen Durst. Von
Merry fehlte immer noch jede Spur. Langsam kam dieses unangenehme Gefühl in
seiner Magengegend auf, und er hoffte und flehte, dass Merry noch am Leben
war und sich nicht weiter verirrt hatte.
Die Kälte der Nacht war bereits wiedergekommen, und eine so starke
Dunkelheit begleitete sie, dass Pippin irgendwann nicht mehr wusste, ob er
seine Augen offen oder geschlossen hatte. Im Wald zischte es, es raschelte
und knackte und Pippin erschrak mehrere Male heftig, weil er dachte, ein
wildes Tier sei irgendwo in der Nähe. Die Kälte, die Angst und ein Fieber,
dass mittlerweile heraufgekommen war, ließen ihn am ganzen Körper heftig
zittern. Pippin hätte sich nur zu gerne einmal umgedreht, aber dann hätte er
das verletzte Bein mitdrehen müssen und das war unmöglich. Er schloss die
Augen und Tränen der Verzweiflung rannen ihm über die Wangen. Langsam
übermannte ihn eine große Müdigkeit, und trotz der Kälte, Schmerzen und
Angst, schlief er nach einer Weile ein.

Drittes Kapitel: Aufstand der eigenen Leute

Die Menge aus Flüchtlingen brach schon am frühen Morgen weiter auf in
Richtung Rohan. Frodo und Sam wunderten sich, dass Merry und Pippin nicht
aufzufinden waren. Aragorn hatte ihnen nicht gesagt, dass er wusste, wo sie
waren, und er hatte auch nicht vor, das noch zu tun. Er hoffte sehr, dass
die beiden Hobbits es schaffen würden die Ents zur Hilfe zu holen und er
wusste, dass Merry und Pippin durchaus so gerissen waren, um dieses Ziel zu
erreichen. Aragorn wollte jedoch keine unnötigen Gespräche führen, weshalb
er die Hobbits hatte gehen lassen, und so behielt er Schweigen über ihr
plötzliches Verschwinden.
Frodo ging immer noch allein, während Sam stets an Rosies Seite war. Zwar
ärgerte er sich immer noch etwas darüber, aber heute machte es ihm nicht
mehr ganz so viel aus. Die Stimmung war, wie an den Tagen zuvor, noch immer
gedrückt. Keiner sagte so richtig etwas, nur Gimli hatte sich wieder dazu
hinreißen lassen mit Legolas ein paar Worte zu wechseln. Der Elb war zwar
offensichtlich immer noch stark betrübt über den Verlust seiner Heimat, aber
die Worte von Gimli schienen ihn etwas aufzuheitern.
Gegen Mittag erschien Gandalf wieder und ging zu Aragorn. Er zog ihn aus
einer Gruppe von Menschen etwas zur Seite und fuchtelte ungewöhnlich viel
mit seinem Zauberstab herum, der wie ein großer Gehstock aussah. "Aragorn,
ich möchte dich bitten ein Auge auf Frodo zu werfen, ich habe ein ungutes
Gefühl."
"Hast du etwas gesehen, Gandalf?"
"Nein, aber ich halte es für sicherer, wenn du etwas auf ihn acht gibst.
Viele der Leute, die du hier siehst haben keine Ahnung, dass er der
Ringträger war, und ich möchte, dass das auch so bleibt."
"Fürchtest du, wenn sie es wüssten, könnte ihm etwas passieren?"
"Ich weiß es nicht, Aragorn, aber ich halte es so für sicherer. Besonders
verzweifelte und hoffnungslose Menschen sind manchmal unberechenbar. Ich
möchte nicht, dass er sich einer neuen Gefahr aussetzt, es reicht schon zu
wissen, dass die Ringgeister mit Sicherheit schon wieder auf der Suche nach
ihm sind."
"Ich werde tun, worum du mich gebeten hast, ich werde noch stärker ein Auge
auf Frodo haben."
"Gut, ach, und Aragorn..."
"Ja, Gandalf."
"Hab auch ein Auge auf dich selbst, ich höre hin und wieder Gerüchte,
besonders unter den Menschen hier, sei wachsam und bleibe etwas in der Nähe
von Legolas und Gimli."
Noch ehe Aragorn etwas sagen konnte, war Gandalf auch schon wieder
verschwunden. Er ging hinüber zu Legolas und Gimli und unterrichtete sie von
Gandalfs Aufforderung, nur dass Gandalf gesagt hatte, dass auch er selbst
sich in acht nehmen sollte, erwähnte er nicht. Die drei Gefährten gingen
daraufhin zu Frodo hinüber und blieben an seiner Seite, ohne ihm von Gandalf
zu erzählen.
Am Nachmittag wurde auf einer Wiese eine Rast eingelegt, doch die Stimmung
hatte sich verändert. Sie war nun merkwürdig angespannt, und Aragorn hatte
das Gefühl, dass sich hier und da jemand zu ihm umdrehte. Er stand zusammen
mit Frodo, Legolas und Gimli etwas abgesondert am Rand. Aus einer größeren
Gruppe von Menschen kam nun ein übergroßer Mann mit schwarzen langen Haaren
und schmutziger Kleidung in ihre Richtung gelaufen und blieb mehrere Meter
entfernt direkt vor Aragorn stehen. "Du bist Aragorn, nicht wahr, König von
Gondor."
Aragorn behielt den Mann aufmerksam im Blick und sah, wie sich mehrere Männer
hinter ihm sammelten. Er antwortete ruhig: "Ja, der bin ich."
"Wieso bist du nicht bei deinem Volk, sondern stehst hier zwischen
Flüchtlingen?"
Jetzt wurde auch Legolas langsam auf den Mann aufmerksam und Gimli blickte
mürrisch drein.
Aragorn jedoch blieb immer noch ruhig. "Ich bin auf Anraten von Gandalf dem
Weißen hier, mein Land ist vom Feind überfallen worden und ich kann nur
hoffen, dass meine Leute auch nach Rohan wandern."
"Ein König bleibt immer bei seinem Volk. Er kämpft an der Seite seiner
Männer, solange er lebt, andernfalls ist er ein Verräter und ein Feigling!"
Aragorn wollte gerade etwas erwidern, da hoben die Männer hinter dem Mann
ihre Waffen in die Luft und begannen ein wildes Zustimmungsgeschrei. Der
Mann hob seine Hand in die Luft, als Zeichen, dass sie ruhig sein sollten,
und sofort verstummten alle. Dann fuhr der Mann fort zu sprechen: "Du bist
also auf Anraten Gandalfs hier? Gandalf ist ein Quacksalber. Mir ist zu Ohren
gekommen, dass er die Gefahr nie erkennt, wenn sie droht. Er ist ein alter
Mann und brauch seinen Zauberstab eher zum Stützen als zum Zaubern."
Während Aragorn immer noch ziemlich gelassen wirkte, schien Gimli vor Zorn
fast zu explodieren. "Rede nicht so über Gandalf den Weißen, du räudiges
Ungetüm", fuhr er den Mann an und schwenkte seine Axt. Legolas legte dem
Zwerg seine Hand auf die Schulter, als Zeichen er solle still sein. Frodo
blickte etwas verstört abwechselnd zu dem Mann und dann zu Aragorn.
Der Mann lachte grimmig, dann begann er wieder zu sprechen: "Du bist ein
Verräter, Aragorn, König von Gondor, du hast dein Volk verraten. Du bist doch
der Erbe von Isildur, nicht war? Dem Mann, der zu schwach war, den Ring zu
vernichten, der Mann dem wir es zu verdanken haben, dass der Ringkrieg noch
immer wütet. Ich sage, du bist ein Verräter und ein Feind Aragorn, du gierst
nach der Macht des Ringes und stehst im Bunde mit Sauron." Das
Zustimmungsgeschrei erhallte von neuem, lauter als zuvor. Jetzt bewegte sich
Legola‘ Hand langsam in Richtung Bogen.
"Verräter, Verräter, tötet ihn!", tobte die Menge immer wieder und der Mann
zog sein Schwert und begann auf Aragorn zuzugehen. Blitzschnell spannte
Legolas seinen Bogen und zielte bedrohlich auf den Mann. "Bleib sofort
stehen, oder du bist der Erste, der von mir einen Pfeil im Kopf stecken hat!
Aragorn ist ein ehrenvoller Mann und König und du hast nicht so mit ihm zu
sprechen!" Legolas war ausgesprochen aufgebracht und seine Hand zitterte
leicht, weil er den Bogen mit einer viel zu großen Kraft spannte. Die Menge
zog jetzt ebenfalls ihre Waffen, schien sich aber nicht zu trauen
anzugreifen, aus Angst ihr Anführer könnte getötet werden. Für einen Moment
schien die Zeit still zu stehen, der Mann stand ein Stück weiter als
einziger vorn, so dass er ein perfektes Ziel für Legolas abgab. Er blickte
Aragorn mit finsterer Miene an und die Männer hinter ihm hielten ihre Waffen
immer noch bereit, die Situation drohte zu eskalieren.
Plötzlich war ein lautes Juchzen zu hören und ein kleines Mädchen, ungefähr
zwei Jahre alt, kam aus einer kleinen Traube von Menschen gelaufen und stellte
sich genau zwischen dem Mann und Aragorn in die Mitte. Sie trug zwei Zöpfe
an den Seiten und hatte große hellblaue Augen. Die Männer schienen jetzt
ziemlich verwirrt und auch Aragorn wusste nichts so recht mit der neuen
Situation anzufangen. Das kleine Mädchen drehte sich in Richtung des Mannes,
der immer noch von Legolas bedrohlich anvisiert wurde. Sie konnte noch nicht
richtig sprechen und die Worte formen, und so sagte sie zu dem Mann gewandt:
"Papa, wa mach du denn da?" Der Mann sah das Kind erschrocken an und rief:
"Geh sofort da weg, meine Kleine. Na los!" Das Mädchen nuckelte an ihrem
Zeigefinger und sah dann Legolas mit seinem Bogen. Sie lief zu ihm rüber und
er sah etwas hilflos und verstört zu Aragorn. Legolas stand immer noch mit
gespanntem Bogen da, und das kleine Mädchen stand direkt vor ihm und sah ihn
mit großen blauen Augen an. "Nis dem Papa weh tun, böser Elb", sagte sie und
zupfte Legolas an seinem Umhang. "Fass das nicht an", schrie der Mann zu dem
Mädchen gewandt "komm sofort hier her". Das Kind hörte nicht, stattdessen
umklammerte es Legolas‘ Bein und begann zu quietschen vor Freude, weil der
Elb ein Stück zurückging und sie mitgezogen wurde. Aragorn sagte zu Legolas
auf elbisch, er möge seine Waffe runternehmen. Er ließ seinen Bogen sinken
und auch alle anderen senkten die Waffen. Das Mädchen erblickte Frodo und
ging auf ihn zu. "Guck mal Papa, is bin fast sooo groß wie der da", sie
deutete mit der Hand auf Frodo, der nichts anderes machen konnte als zu
lächeln. Dann sah das Mädchen Gimli, der immer noch etwas mürrisch
dreinblickte. Sie stellte sich vor ihn, stemmte ihre kleinen Hände in die
Hüfte und zog eine Schnute (sie schien ihn wohl nachzumachen). Dann hob sie
ihre Arme in die Luft und umarmte den Zwerg, der jetzt sehr verdutzt
dreinblickte. Sie bemerkte seinen zottigen Bart und begann sofort sich
danach zu strecken und in ihm rum zu spielen. "Is gaaanz weich", stellte sie
fest. Gimli lächelte geschmeichelt und auch Aragorn schmunzelte etwas.
Dann kam eine Frau mit einem Baby im Arm herangelaufen und schien etwas zu
suchen. Sie erblickte das kleine Mädchen, dass nun wieder an Legolas‘ Bein
hing und ihn aufforderte, zu laufen, und schrie entsetzt "Komm her, komm
sofort hierher!" Der Mann blickte grimmig auf die Frau und rief ebenfalls zu
dem Mädchen: "Du sollst herkommen!"
"Nur noch eimal laufe", bettelte das Mädchen Legolas an. Der Elb machte
noch einmal einen großen Schritt nach vorne, so dass das Mädchen wieder
hinterher gezogen wurde, und das Kind juchzte ausgelassen. "Mama, Papa, is
komme", rief die kleine und winkte Legolas zu, der nur verwirrt guckte. Der
Mann nahm das Kind erleichtert in die Arme und drückte es an sich. Dann sah
er Aragorn an, der freundlich zu ihm rüberblickte. "Niemals würde ich mein
Volk verraten, eher würde ich sterben! Ich habe einem meiner damaligen
Gefährten kurz vor seinem Tode geschworen, dass die weiße Stadt nicht fallen
würde, und es schmerzt mich sehr zu sehen, wie ich meinen Schwur nicht
halten kann. Du hast recht, ich sehe aus wie ein Verräter und um ehrlich zu
sein fühle ich mich auch wie einer, und doch, hätte ich auch nur die
kleinste Möglichkeit nach Gondor zu kommen, ich würde hingehen, selbst wenn
ich wüsste, dass das mein Leben fordern würde. Aber ich habe auch noch einen
anderen Schwur abgegeben, nämlich zu diesem Hobbit dort", er deutete auf
Frodo. "Ich schwor ihm einst, bis zum Ende mit ihm zu gehen, ihr müsst das
nicht verstehen, ihr kennt nicht die ganze Geschichte, die sich um den
Hobbit schließt. Es ist sehr wichtig, dass ich jetzt bei ihm bin, und ich
hoffe, dass mein Volk mir meine Abwesenheit in dieser schweren Stunde
vergibt. Ich bete, dass die weiße Stadt nicht völlig zerstört wurde, denn
sie ist ein Teil von mir, und wenn sie unter geht, stirbt auch ein Stück von
mir." Aragorn machte eine kurze Pause, dann sah er auf die Erde. "Meine Frau
und mein kleiner Sohn sind in Gondor und ich weiß nicht, ob sie noch am
Leben sind. Mein Freund und weiser Gefährte Gandalf sagte mir, dass ich mit
nach Rohan gehen soll, und ich vertraue seinem Wort, es hat mich noch nie
fehlgeleitet. Geh nun und nimm deine Frau und deine Kinder, sei froh, dass
du sie noch hast!"
Der Mann schwieg eine lange Zeit und sah Aragoen an, der aufrecht und
entschlossen vor ihm stand. Der Mann forderte seine Männer auf wegzugehen.
Ohne ein weiteres Wort an Aragorn verschwanden sie wieder in der Menge. Nur
das kleine Mädchen winkte immer noch über die Schulter ihres Vaters hinweg.
Die Gefährten blieben zurück und sahen sich alle an. "Also das ist doch mal
was ganz neues", sagte Gimli, "was machen wir denn, wenn der Papa wieder
zurückkommt und sein Gespräch fortführen will? Ich meine mit den Waffen."
"Ich glaube nicht, dass er das machen wird, Gimli. Er sah ziemlich
erleichtert aus, als er merkte, dass wir seiner Tochter nichts antun und ich
glaube, er hat verstanden, was ich gerade gesagt habe", sagte Aragorn.
"Na ja, wenn du meinst...", bemerkte der Zwerg zweifelnd.
"Wisst ihr, was mich beunruhigt?" fragte Legolas in die kleine Runde. "Es
ist gar nicht gut, wenn jetzt schon Aufstände unter den eigenen Verbündeten
aufkommen. Es reicht schon, dass der Feind so mächtig ist, da brauchen wir
nicht auch noch Streit mit unseren Freunden."
"Du hast recht Legolas, der Streit unter den eigenen Leuten ist nicht gut,
aber wir können nichts tun. Lasst uns lieber auf Frodo aufpassen, das ist
jetzt viel wichtiger", sagte Aragorn. Bald setzte sich die Menge der
Flüchtenden wieder in Bewegung, weiter in Richtung Rohan.

Viertes Kapitel: Die Ents gehen wieder in den Krieg

Pippin schreckte hoch. Der Boden bebte, er spürte es ganz deutlich und ein
enormer Krach hallte durch den Fangornwald. Die Dunkelheit war nicht mehr
ganz so stark, es musste also Tag sein. Sein Fuß war immer noch hoffnungslos
von der Wurzel umschlungen. Er konnte ihn kein bisschen bewegen, er war
angeschwollen und tiefblau angelaufen. Die Erschütterungen des Bodens
verursachten bei Pippin große Schmerzen, denn sie waren so heftig, dass ein
etwa faustdicker Stein neben Pippin auf und ab hüpfte, und sein Fuß die
Erschütterungen dementsprechend genauso stark abbekam. Sei Herz begann zu
rasen und er versuchte in der Ferne etwas zu erkennen, was diese starken
Erschütterungen auslöste. Er starrte immer wieder in alle Richtungen, bis er
aus der einen etwas riesiges auf sich zukommen sah. Pippin war sich sicher,
dass dieses Ding der Auslöser für den Lärm und die Erschütterungen war. Er
versuchte sich ängstlich ganz klein zusammenzurollen, aber es gelang ihm
nicht. Er unternahm auch noch einmal den verzweifelten Versuch, seinen Fuß aus
der Schlinge zu ziehen, und presste die Lippen zusammen, um nicht zu
schreien. Dann hörte er eine tiefe knorrige Stimme: "Pippin?" Der Hobbit
hatte das Gefühl, das sein Herz vor Freude einen Luftsprung machte, denn er
kannte diese Stimme. Es war Baumbart, der Ent. "Hier, ich bin hier", schrie
er, und er glaubte noch nie zuvor so laut gewesen zu sein.
"Da ist er, ich hab ihn gehört", sagte Merrys Stimme. Pippin sah jetzt, wie
Baumbart, mit Merry in der Hand auf ihn zu stampfte. Je näher der meterhohe
Ent kam, desto heftiger wurden die Erschütterungen. Baumbart blieb nur einen
halben Meter von Pippin entfernt stehen und ließ Merry hinunter. Er eilte
sofort zu Pippin. "Geht‘s dir gut?"
"Wenn mein Fuß nicht wäre, dann schon."
Baumbart bückte sich jetzt, so dass er die Wurzel genau beobachten konnte,
die Pippins Fuß umschlungen hielt. "Schwierig", knurrte er, "der Baum ist
böse, weil ihr in den Wald gekommen seit, ich glaube nicht, dass ich ihn
einfach so überreden kann, dein Bein wieder frei zu geben." Pippin wurde
Angst und Weh und er sah Merry verzweifelt an. Baumbart betrachtete sich
immer noch die Wurzel. Er schien angestrengt zu überlegen, und sagte dann:
"Ich könnte jedoch versuchen,..." Er machte eine Geste der Unschlüssigkeit
und streckte dann seinen Arm nach der Wurzel aus, ohne seinen Satz beendet
zu haben. Dann umschloss Baumbart die Wurzel mit seiner mächtigen Hand und
drückte fest zu, so dass die Wurzel gequetscht wurde. Der Baum ächzte und
schüttelte seinen Wipfel und Baumbart drückte immer fester. Schließlich gab
der Baum Pippins Bein frei und der hielt sich sofort das schmerzende Glied.
Baumbart erhob sich und nahm Pippin vorsichtig in die eine, Merry in die
andere Hand, dann setzte sich der Ent wieder in Bewegung, in die Richtung
aus der er gekommen war. Pippin kniff die Augen zusammen und wünschte sich,
bald am Ziel angekommen zu sein. Mit jedem Schritt, den Baumbart tat, hatte
er das Gefühl, dass ein Messer in seinen verletzten Fuß gestochen wurde.
Der Ent brachte die Hobbits zu einer kleinen Lichtung im Wald. Er setzte sie
vorsichtig ab und sagte dann: "Schön, dass kleine Orks mich mal wieder
besuchen!"
"HOBBITS", kam es von Merry und Pippin fast wie aus einem Mund.
"Ach ja, Hobbits, hab ich fast vergessen." Baumbart brauchte eine ziemlich
lange Zeit, bis er ein paar Worte aus seinem großen hölzernen Mund bekam.
Merry sammelte sich vier Stöckchen zusammen, die etwa so lang waren wie sein
Unterarm. Dann ging er hinüber zu Pippin, der auf dem Boden saß, und
bandagierte dessen Fuß notdürftig.
"Ich habe von Herrn Merry schon gehört, was in Mittelerde passiert ist",
sagte Baumbart behäbig.
"Er hat mir aber noch nicht gesagt, was er deswegen tun wird", flüsterte
Merry Pippin zu.
"Ich denke, ich sollte ein Entthing organisieren, um zu besprechen, wie die
Ents sich nun verhalten werden", klärte Baumbart sie auf.
Die Hobbits rissen vor Entsetzte die Augen weit auf. "NEIN", brüllten sie
gleichzeitig.
"Wieso nicht?" fragte Baumbart.
Merry und Pippin sahen sich fragend an, sie brauchten jetzt dringend eine
Ausrede.
"Weil, weil..."
Dann kam Pippin eine nahezu geniale Idee. "Weil ihr sowieso schon im Krieg
seid!"
Baumbart sah sie fragend an.
"Was meint der kleine Ork", Baumbart überlegte kurz, "äh Hobbit, natürlich!"
Pippin richtete sich im Sitzen so gut es ging selbstsicher auf, dann fuhr er
fort: "Ihr habt vor acht Jahren beschlossen, dass ihr in den Ringkrieg zieht
und habt an unserer Seite gekämpft. Wir dachten dann er wäre zu Ende und ihr
seid wieder in den Fangorn Wald gegangen. Nun geht der Krieg aber
überraschend weiter, und da es immer noch der selbe Krieg ist wie vor acht
Jahren seid ihr Ents eigentlich verpflichtet wieder mit uns zu kämpfen!"
Baumbart sah ihn an. "Aber", begann er, doch dann überlegte er eine Weile
zweifelnd. Nach Minuten des Schweigens verkündete er dann: "Ihr habt
eigentlich recht, Herr Pippin, das hatte ich nicht bedacht. Ich werde die
anderen Ents rufen, wir müssen wieder in den Krieg!"
Merry und Pippin lächelten sich gegenseitig an, sie hatten es tatsächlich
geschafft zumindest einen Ent zu überzeugen, wieder in den Krieg zu gehen,
und an ihrer Seite zu kämpfen.
Baumbart versorgte die Hobbits mit Essen und Trinken und gab Pippin eine
Pflanze, die seine Schmerzen linderte und sein Fieber senkte. "Wie hast du
mich eigentlich wiedergefunden", fragte er Merry neugierig beim Essen.
Merry lächelte ihn an. "Ich habe keine Weste mehr an."
Pippin sah ihn verständnislos an und wusste überhaupt nicht, wovon Merry
sprach. Merry sah Pippins Unbeholfenheit und erklärte dann: "Ich habe meine
Weste zerrissen und die Stofffetzen an die Bäume geheftet. Auf
Moos, das aussieht wie etwas zu Essen oder zu trinken, wollte ich mich nicht
verlassen!"
Merry und Pippin lächelten sich an, sie waren schon ein tolles Team.
Baumbart ging, nachdem er die Hobbits versorgt hatte, auf den größten Hügel
im Fangorn Wald, der ganz in der Nähe war, und stellte sich auf ihn. Er
konnte von dort fast den ganzen Wald überblicken. Baumbart öffnete den Mund
und ein trompetenartiger Laut hallte durch den Wald. Nun schien sich in
allen Ecken des Fangornwaldes etwas zu bewegen. Überall hallten dieselben
trompetenartigen Laute zurück. Baumbart hatte die Ents gerufen, und sie
setzten sich alle in Bewegung, bereit erneut in den Krieg um Mittelerde zu
gehen.

Fünftes Kapitel: Die Nazgul

Das Wetter verschlechterte sich gegen Nachmittag merklich. Dunkle
Wolkenberge türmten sich im Südosten auf, und ein eisiger Wind fegte über
das Land. Aragorn blieb öfters stehen und betrachtete sich den Himmel.
Gandalf lief nun wieder in Frodos Nähe. "Du bist schweigsam, Frodo."
"Es gibt nichts, worüber ich reden könnte."
Gandalf sah den Hobbit an. "Lügen ist nicht deine Stärke. Verrate einem
alten Zauberer, was du hast."
Frodo hatte bei Gandalf manchmal das Gefühl, er würde schon vorher wissen,
was ihn bedrückte.
"Es gibt hier einige Menschen, die halten Aragorn für ein Verräter und
Feigling, und dich für einen alten Mann, der nicht mehr imstande ist, die
Gefahren zu erkennen."
Gandalf lächelte und sah beinahe vergnügt aus.
"Das sind die Menschen, mein lieber Frodo. Sie werden ständig von Misstrauen
geplagt, und in schlechten Zeiten versagen sie manchmal schnell und ihre
Blicke werden durch Furcht getrübt. Schere dich nicht darum, es hat sowieso
keinen Sinn. Aber das ist bestimmt nicht das einzige was dich bedrückt,
oder?"
"Ich frage mich, warum ich wieder nach Mittelerde zurückgekehrt bin. Sam hat
seine Rosie und ich bin gerade mal seit vier Jahren da, da dreht sich alles
schon wieder um den Ring; und Mittelerde scheint dem Untergang so nahe wie
noch nie. Vielleicht ist es meine Schuld Gandalf, vielleicht hätte ich nie
zurückkommen dürfen, denn wenn der dunkle Herrscher mich jetzt bekommt, gebe
ich ihm ungewollt seine Macht zurück. Ohne mich würde er nie wieder an seine
Macht kommen."
"Das kannst du nicht wissen, Frodo. Es gibt immer mehrere Wege sein Ziel zu
erreichen. Ich habe dir schon in Lorien gesagt, dass der dunkle Herrscher
einen anderen Weg finden könnte, aber vielleicht bekommen wir durch dich
noch mal eine Gelegenheit unser Schicksal umzukehren."
"Wie soll das gehen? In Galadriels Spiegel habe ich gesehen, dass sich alles
am Schicksalsberg entscheiden wird."
"Galadriels Spiegel zeigt immer nur eine mögliche Zukunft. Wenn wir dafür
sorgen, dass du nicht dem Feind in die Hände fällst, dann gibt es noch
Hoffnung."
"Und wenn ich dem Feind in die Hände falle?" Frodo sah den Zauberer mit
großen Augen an. "Sag mir die Wahrheit Gandalf, was ist dann?"
Gandalf sah jetzt sehr bedrückt aus. "Dann, fürchte ich, hat Sauron gewonnen.
Wenn der Ring erst geschmiedet ist, gibt es keine Hoffnung mehr."
Frodo blickte auf die Erde. "Es ist so schwer zu glauben, dass alles von mir
abhängt."


Die Sonne fing langsam an unter zu gehen und die Umgebung wurde in ein
leichtes Abendrot getaucht. Sam war jetzt wieder bei Frodo, er hatte Rosie
für eine Weile allein gelassen, sie war jetzt damit beschäftigt, sich mit den
anderen Hobbitfrauen zu unterhalten.
"Herr Frodo, du darfst nicht böse auf mich sein, dass ich nicht mit dir
gegangen bin, aber Rosie..." Sam war ganz außer Atem und schien mächtig
aufgeregt zu sein. "...sie ha, werde wieder Vater!"
Frodo bekam jetzt ein sehr schlechtes Gewissen. Er hatte wirklich keinen
Grund gehabt eifersüchtig zu sein, bei dieser Neuigkeit."
Frodo umarmte Sam. "Ich freue mich für euch."
Sam lief ganz aufgeregt neben Frodo und erzählte ihm, was er alles mit dem
Kind machen werde, wenn erst da wäre. Frodo bedrückte das sehr, er hoffte
stark, dass Sam überhaupt noch die Gelegenheit dazu haben würde mit seinem
Kind all diese Sachen zu machen, denn wenn Sauron wirklich gewinnen würde...
Plötzlich wurde die Masse der Flüchtenden unruhig. Es wurde gemurmelt und
getuschelt, und Frodo hörte immer nur wieder den Satz: "Was ist das?"
Legolas war mit ein paar anderen Elben ein Stück aus der Menge getreten und
starrte abwechselnd in die Luft und nach Süd Osten. Dann bekam er einen
Gesichtsausdruck, der eine große Angst ausdrückte,einen Ausdruck, den Elben
nur sehr selten haben und zeigen. "RINGGEISTER!", schrie er so laut, dass
es noch meilenweit zu hören sein musste. Dann brach die Panik aus. Menschen
schrien, Kinder weinten, Pferde scheuten und rannten scheinbar blind vor
Panik davon. Einige Leute fielen hin und wurden von anderen nahezu
überrannt. Überall wurde geschrien und geweint, selbst die Elben und
Krieger ergriffen teilweise die Flucht, denn gegen Ringgeister war es
sinnlos die Waffen zu gebrauchen. Frodo stand da und war starr vor Schreck,
er konnte sich nicht bewegen und sah nur in der Ferne eine schwarze Gestalt
am Himmel auftauchen. Sam packte ihn am Arm und lief mit ihm los. Die ganze
Menge rannte in die Richtung, aus der sie gekommen waren, denn es gab keine
Deckungsmöglichkeiten. Durch die Panik und das Wegrennen wurden sie von
Gandalf, Legolas und Aragorn getrennt, nur Gimli lief noch stark keuchend
hinter ihnen her und rief immer wieder: "Lauft in den Wald!" Dabei deutete
er in die Richtung in die die Menge schreiend lief. Dort gab es ein etwas
größeres Waldstück. Aragorn versuchte aus einer rennenden Menschentraube
herauszukommen und wurde regelrecht umgerannt. Menschen lagen schreiend auf
dem Boden, einige wurden von anderen brutal hochgerissen und weiter
mitgeschleift. Kinder blickten mit großen Augen angsterfüllt, und Babys
begannen, hilflos zu schreien. Es war ein Bild des Grauens.
Während Frodo lief, spürte er wieder einen Schmerz in der Schulter, wo ihn
damals ein Nazgul verletzt hatte. Und dann war ein hohes schrilles Schreien
zu hören. Obwohl Frodo sich nicht umdrehen konnte wusste er, dass die
Ringgeister gefährlich nahe sein mussten, und Angst überkam ihn. Er rannte,
so schnell er konnte, und überholte Sam dabei fast. Er rannte und rannte
und hielt Sams Arm dabei fest umschlossen, durch die Panik wurden in ihm
neue Kräfte geweckt, und er spürte kaum, wie er außer Atem geriet. Plötzlich
merkte er einen Ruck, und stellte dann fest, dass Sam gestürzt war. "Lauf
weiter, Herr Frodo", brüllte Sam von hinten und versuchte sich wieder
aufzurappeln, aber Frodo konnte nicht einfach wegrennen ohne seinen Freund.
Ohne nachzudenken drehte er sich um, und sah fünf schwarze Reiter auf Pferden von hinten auf ihn zukommen. Frodo wusste, dass wenn er Sam jetzt zurücklassen würde, würden sie ihn ohne Gnade zu Tode rennen.
Die schwarzen Pferde näherten sich in rasender Geschwindigkeit und einige Menschen und Elben lagen bereits tot am Boden, weil die Nazgul sie erbarmungslos überrannt hatten.
Frodo drehte sich um und lief ein Stück zu Sam zurück. Obwohl die nackte Angst ihn beim Anblick der Ringgeister gepackt hatte, kehrte er zurück, um seinen Freund zu retten.
Er schubste Sam zur Seite, der gerade wieder auf den Beinen stand
und ein schwarzer Reiter fegte um Haaresbreite an ihnen vorbei, und zog
einen eisigen Wind hinter sich her. Dann hörte Frodo ein Flügelschlagen über
sich, und das Herz blieb ihm fast stehen. Zwei Nazgul flogen mit den
drachenartigen Ungetümen direkt über ihn hinweg. Frodo blickte sich um und
suchte eine Richtung in die er zusammen mit Sam laufen könnte. Er
betrachtete hektisch die Ringgeister und plötzlich durchfuhr es ihn wie
ein Blitz: Die Ringgeister waren gerade dabei, ihn von allen anderen zu
trennen. Sie wussten, wer der Ringträger war und sie kamen ihn, zu holen...
Die schwarzen Reiter sorgten dafür, dass die Menge weggetrieben wurde,
während die anderen Nazgul immer noch bedrohlich in der Luft umherflogen.
Dann schlossen sie einen Kreis um Frodo und Sam. Frodo lief hektisch und
schnell atmend hin und er und versuchte dem tödlichen Kreis zu entkommen,
der sich um ihn schloss. Auch Sam blickte verzweifelt zu allen Seiten, es
gab nirgends mehr einen Ausweg. Es ertönte ein Zischen und Pfeile sausten
durch die Luft und trafen die Nazgul. Legolas und die anderen Elben, mit
denen er die Ringgeister entdeckt hatte, feuerten so schnell, dass es kaum
sichtbar war. Aragorn kam mit seinem Schwert herangelaufen und schlug einen
Reiter vom Pferd, so dass eine Lücke in dem Kreis entstand der sich um Frodo
und Sam geschlossen hatte. Ein mächtiges Flügelschlagen war plötzlich zu
hören. "Herr Frodo", hörte Frodo Sam panisch schreien, aber da war es schon
zu spät. En Ringgeist auf dem fliegenden Ungetüm war blitzschnell
herabgestürzt und Frodo wurde in die Klauen des riesigen schwarzen Tieres
genommen und in die Luft gerissen. Gimli war durch die Lücke, die Aragorn in
dem Kreis der Ringgeister gemacht hatte, gelaufen und hatte versucht etwas
mit seiner Axt auszurichten. Das fliegende Monster hatte ihn daraufhin mit
seinem peitschenden Schwanz getroffen und der Zwerg wurde mit solch einer
Wucht getroffen und weggeschleudert, dass Legolas, der meterweit entfernt
stand, nur verdutzt guckte, als der Zwerg auf ihn zugeflogen kam.
Frodo schrie und wehrte sich heftig, aber die Krallen des Monsters bohrten
sich dadurch in seinen Körper und verletzten ihn. Das Ungetüm sank noch
einmal herab und Legolas schoss mehrere Pfeile in das Monster, doch die
dicke Haut wirkte wie eine Rüstung. Die schwarzen Reiter schrien in hohen,
markerschütternden Tönen bedrohlich, und ritten dann in gestrecktem Galopp
zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Aragorn lief jetzt mit
seinem Schwert auf das Monster zu, dass immer noch nahe über dem Boden
kreiste und Frodo fest in den Klauen hielt.
"Aragorn, Hilfe!" Frodo schrie und strampelte und die Panik, die in ihm
aufstieg, war nahezu unerträglich. Aragorn versuchte auf die Klauen des
Ungetüms einzuhacken, aber auch er wurde durch einen Schwanzhieb außer
Gefecht gesetzt. Das schwarze Ungeheuer erhob sich jetzt unerreichbar hoch
in die Lüfte und verschwand in der Ferne. Die Schreie von Frodo verhallten
langsam, und bald war nichts mehr von ihm oder den Ringgeistern zu sehen.
Die Nazgul hatten ihr Ziel erreicht, der Ringträger war in ihrer Gewalt...

Sechstes Kapitel: Verzweiflung
Sam lag weinend auf der Erde, nichts konnte seine Trauer stoppen. Aragorn
rappelte sich mühsam wieder auf die Beine, sein ganzer Rücken war blutig von
dem Schlag mir dem Schwanz. Legolas kniete neben dem bewusstlosen Zwerg und
versuchte ihn wach zu kriegen. Die Menge der Flüchtlinge kam jetzt aus dem
kleinen Waldstück gelaufen und blickten angsterfüllt um sich. Auch Gandalf
war unter ihnen, sie hatten ihn in ihrer Panik mit in den Wald gerissen. Nun
kam er heraus und sein Gesicht spiegelte pure Verzweiflung wieder. Er ließ
sich auf die Knie fallen und warf seinen Zauberstab zur Seite. Er vergrub
sein Gesicht in den Händen, dass hatte er noch nie zuvor getan. "Es gibt
kein Entrinnen mehr, jetzt ist alles verloren."
Ein paar Menschen traten jetzt an Gandalfs Seite und beobachteten den
Zauberer . Ein junger Mann sah ihn kritisch an und sagte dann:
"Was regt ihr euch so auf, alter Mann, es war doch nur ein Halbling. Wir
können uns glücklich schätzen, dass die Nazgul nicht mehr wollten, als
diesen einen Hobbit. Sollen sie ihn ruhig haben, dann lassen sie uns
wenigstens in Ruhe."
Gandalf blickte den Mann mit einem Blick an, der buchstäblich töten konnte:
"Törichtes Geschwätz, ihr wisst überhaupt nicht, was ihr da redet! Er war
der Ringträger, und mit ihm ist Sauron in der Lage uns alle zu vernichten.
Mit ihm ist auch unsere letzte Hoffnung gegangen."
Die Männer und einige Elben sahen ihn verstört an. Einige fragten immer
wieder "Der Ringträger," aber niemand schien so richtig glauben zu können,
was Gandalf da gerade gesagt hatte.
Aragorn kam jetzt in gebückter Haltung zu Gandalf rübergehumpelt, sein
Rücken tat unerträglich weh, aber er versuchte es sich so gering wie möglich
anmerken zu lassen. Er stellte sich vor den Zauberer und es machte ihm sehr
zu schaffen seinen Gefährten so verzweifelt zu sehen, denn Gandalf war immer
jemand gewesen, der als letzter von allen die Hoffnung aufgegeben hatte. Was
sollen wir jetzt tun, Gandalf", fragte Aragorn ihn.
Gandalf saß nur da, und starrte in die Ferne, wo der fliegende Ringgeist mit
Frodo verschwunden war. Um Gandalf herum hatten sich immer mehr Menschen,
Elben und Hobbits gesammelt. Alle starrten den Zauberer an, keiner, der ihn
kannte, hatte ihn je so erlebt. Gandalf versuchte immer seine Fassung zu
behalten und war immer jemand, der Rat wusste. Nun saß er da, verzweifelt,
und murmelte immer wieder: "Ich habe versagt, der Balrog soll mich holen!"
Aragorn kniete sich jetzt sehr schwerfällig und mit schmerzverzerrtem
Gesicht vor den Zauberer. "Gandalf, hör auf. Es gab Zeiten, da warst du der
Einzige, durch den ich meine Hoffnung nicht verloren habe, lass nicht zu,
dass ich sie in der schwersten Stunde meines Lebens verliere!"
Gandalf blickte ihn an und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Aragorn,
König von Gondor, ich bin ein Narr, denn ich habe in der Stunde versagt, wo
ich es niemals gedurft hätte."
"Das Schicksal von Mittelerde scheint vorbestimmt und es liegt nicht alleine
in deiner Hand. Wir haben alle genauso versagt wie du."
Plötzlich raunte die Menge, die sich um Gandalf versammelt hatte, und machte
anscheinend für irgendjemand Platz. Der Zauberer und Aragorn blickten auf
und versuchten zu erkennen, weshalb die Menge so unruhig wurde. Und dann
sahen sie den Grund. Galadriel trat zu ihnen vor und sie anmutiger aus, als
jemals zuvor. "Aragorn hat recht, Gandalf. Ich habe zusammen mit Frodo das
Schicksal von Mittelerde in meinem Spiegel gesehen. Frodo wusste, was
geschehen würde, und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich es schon gewusst
noch ehe Frodo in meinen Spiegel blickte, denn ich bin nicht ohne Grund
zusammen mit Elrond nach Mittelerde zurückgekehrt." Galadriel beugte sich
jetzt zu Gandalf herunter und sah ihn tiefgründig an. "Es liegt nicht mehr
in deiner Macht, Gandalf der Weiße, es liegt in der Macht von niemandem mehr.
Der Ring wird geschmiedet werden, wir können nichts mehr tun. Lasst uns
weiter nach Rohan gehen und unserem Schicksal beherzt ins Auge blicken." Sie
legte Gandalf die Hand auf die Schulter und ging dann ohne irgendeine
Gefühlsregung weg, Aragorn kam es fast so vor, als würde sie das alles
selbstverständlich finden.
Die Menge um Gandalf herum fing sich wieder an zu verstreuen. Einige gingen
hinüber zu den Toten und Verwundeten, die auf der Erde lagen. Auch Gandalf
und Aragorn erhoben sich jetzt. Aragorn fiel auf, dass der Mann, der ihn
einst als Verräter beschimpfte mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm
dastand und ihn beobachtete. Als er jedoch bemerkte, dass Aragorn auf ihn
aufmerksam wurde drehte er sich schnell weg und verschwand.
Aragorn ging jetzt stark humpelnd hinüber zu Legolas, der immer noch vor dem
Zwerg kniete. "Was hat er, Legolas?"
"Ich weiß es nicht Aragorn, ich hoffe, dass er nur bewusstlos ist und keine
inneren Verletzungen hat."
Aragorn betrachtete den Zwerg, dessen Rüstung eine große Delle hatte. Gimli
atmete recht friedlich und auch sonst schien er nirgendwo zu bluten.
Trotzdem blickte Legolas sehr besorgt auf den Zwerg. "Dieses Biest hätte ihm
das Genick brechen können, ich hätte schneller und besser schießen müssen."
(Das erste mal, das Legolas an seinen Schießkünsten zweifelte)
"Legolas, mein Freund, dich trifft keine Schuld."
"Was geschieht jetzt Aragorn, hat Gandalf irgendetwas gesagt?"
"Gandalf ist verzweifelt und weiß sich keinen Rat mehr, Galadriel will
weiter nach Rohan. Ich denke wir werden nicht so schnell aufbrechen, zuerst
werden noch die Toten begraben und einige hier sind ziemlich erschöpft und
brauchen eine Pause."
"Wir haben Frodo verloren, hat Gandalf dazu etwas gesagt? Macht es überhaupt
noch Sinn weiter zu gehen?"
"Ich wäre froh, wenn ich selbst eine Antwort darauf wüsste. Gandalf sagt,
dass jetzt alles verloren ist. Ich weiß nicht, was ich denken soll." Aragorn
blickte traurig auf den Boden. "Mir ist langsam alles gleich, was mit mir
geschieht, ich möchte nur das Frodo nicht so leiden muss, und das meine
Frau, mein Kind und mein Volk irgendwie nach Rohan kommen, deshalb werde ich
auf alle Fälle dahin gehen, selbst wenn sie sich jetzt doch noch
entschließen sollten nicht mehr weiterzugehen."
"Ich werde jedenfalls mit dir gehen, Aragorn, mich hält weder hier noch sonst
irgendwo etwas. Meine Heimat ist zerstört, und ich glaube es ist richtig dir
zu folgen."
"Danke, Legolas. Was hältst du davon, wenn wir versuchen, den Zwerg wieder auf
die Beine zu bringen?"
"Was hast du vor?"
Aragorn machte eine Geste, die Legolas sagte, er solle warten. Aragorn
humpelte zu einem Pferd und suchte etwas in dem Gepäck, dass das Pferd auf
dem Rücken trug. Schließlich fand er, was er suchte: Eine kleine lederne
Flasche, die mit Wasser gefüllt war. Er ging schwerfällig zurück und kniete
sich vor den Zwerg, dabei stöhnte er einmal auf. Legolas betrachtete ihn
aufmerksam. "Dein Rücken sieht furchtbar aus", stellte er fest.
"Ja, ich weiß, er fühlt sich auch furchtbar an", dabei setzte Aragorn ein
karges Lächeln auf.
Er öffnete die lederne Flasche und begann, Gimli etwas Wasser ins Gesicht zu
träufeln. Dieser hustete einmal und saß dann kerzengerade vor Legolas und
Aragorn. "Bei meinem Barte, was ist passiert?"
Legolas lächelte erleichtert. "Du wurdest von diesem schwarzen fliegenden
Biest getroffen und bist meterweit durch die Luft geflogen. Geht es dir gut?"
Der Zwerg überlegte angestrengt und schien sich dann zu erinnern. "Ja ja,
mir geht es gut, aber wo ist Frodo und wie siehst du aus", dabei deutete er
auf Aragorns Rücken.
"Die Nazgul haben ihn geholt, ich war leider, genau wie du, diesem
fliegenden Ungetüm im Weg gewesen", sagte Aragorn.
Gimli blickte zu Legolas. "Die Nazgul haben Frodo", wiederholte er fragend.
Der Elb nickte. Dann sah Gimli Legolas an. "Mir geht es gut, warum hast du
dich nicht um Aragorn gekümmert?"
"Weil ich mir mehr Sorgen um dich gemacht habe!"
"Wirklich", fragte der Zwerg gerührt.
"Allerdings, ich dachte schon du hast deine letzte Axt geschwungen."
Der Zwerg errötete und umarmte den Elben, dann räusperte er sich verlegen
und stand etwas schwankend auf. Aragorn lächelte bei Gimlis Umarmung von
Legolas, sie spiegelte große Freundschaft wieder und ein kleines bisschen
Verlegenheit. Nur bei einer sehr tiefen Freundschaft lässt sich ein Zwerg
dazu hinreißen einen Elben zu umarmen, und noch dazu in aller Öffentlichkeit
vor anderen Elben.
Wie Aragorn es schon vorhergesagt hatte, wurde eine längere Pause eingelegt,
bevor es weiter nach Rohan ging. Legolas bemühte sich darum, Sam
wiederzufinden, er brauchte Königskraut für Aragorn. Sam saß immer noch
schluchzend an der Stelle, wo Frodo von den Nazgul entführt wurde. Rosie war
bei ihm und versuchte vergeblich ihn zu trösten. Legolas entdeckte den
kleinen Hobbit und lief mit schnellen Schritten zu ihm rüber. "Sam, hast du
noch Königskraut, Aragorn ist verletzt", fragte Legolas, obwohl er irgendwie
bemerkte, dass es der falsche Zeitpunkt für Sam war.
Der Hobbit saß mit geröteten Augen zusammengekauert auf der Erde. Als er
Legolas hörte blickte er jedoch erschrocken auf. "Streicher ist verletzt?
Ist es schlimm?"
"Nein, ich denke nicht, aber er hat Schmerzen, und das Königskraut wird ihm
helfen."
"Ich komme mit dir, Legolas!"
Dann drehte sich Sam zu Rosie. Er nahm ihre Hände und drückte sie leicht.
"Rosie, geh zu den anderen Hobbits und bleib bei ihnen. Versuch dich immer
in der Mitte der Menge aufzuhalten, dort ist es sicherer. Ich werde mit
Legolas, Aragorn und Gimli gehen." Rosie sagte nichts und stellte auch keine
Fragen. Sie umarmte Sam einmal und küsste ihn auf die Wange, dann ging sie
zu einer Gruppe Hobbits, die auf der Erde saßen und sich auszuruhen
schienen. Sam blickte ihr nach, er liebte sie. Sie war fast immer
verständnisvoll, wenn es darauf ankam und stellte keine langen Fragen. Rosie
hatte sich bei ihm entschuldigt, dass sie ihm so eine Szene gemacht hatte,
als Sam zusammen mit den anderen Hobbits nach Gondor aufbrechen wollte, um
Aragorns Grab zu besuchen. Es tat ihr unheimlich leid, und Sam wusste das.
Er war froh, dass er eine Frau wie Rosie hatte.
Sam und Legolas gingen gemeinsam rüber zu Aragorn und Gimli, die beide auf
der Erde saßen und sich unterhielten. Legolas versorgte Aragorns Rücken mit
dem Königskraut von Sam. "Ich habe auf Herrn Frodo nicht richtig aufgepasst,
wäre ich nur nicht gestürzt, dann wäre Frodo nicht zurückgekommen und wäre
von den Ringgeistern nicht erwischt worden. Wer weiß, was sie ihm jetzt
antun", murmelte Sam bedrückt vor sich hin.
Aragorn sah ihn an und setzte einen mitleidigen Gesichtsausdruck auf. "Du
fühlst dich schuldig, wie alle anderen hier auch. Gandalf sagt, er hätte
besser auf Frodo aufpassen müssen und macht sich Vorwürfe, dass er die
Gefahr wieder zu spät erkannt hat. Legolas meint, er hätte schneller und
besser schießen müssen, und Gimli hat mir gerade erzählt, dass er viel zu
langsam reagiert hat. Wenn ich es mir recht überlege, dann hätte auch ich
mich gescheiter anstellen sollen, aber was soll es darüber jetzt seine
Gedanken zu verschwenden? Alle hätten etwas anders machen können, aber ich
glaube dass es unvermeidlich war was geschehen ist. Auch Galadriel sieht das
so, und sie weiß es gewiss besser als wir alle zusammen", antwortete Aragorn
ruhig.
Sam antwortete nichts darauf, stattdessen sagte er: "Sie bringen Herrn Frodo
ganz sicher nach Barad-dûr, ich möchte nach Mordor gehen."
Gimli sah ihn erschrocken an. "Du kannst nicht ganz allein nach Mordor
gehen! Dort sind jetzt bestimmt nicht nur Nazgul, da tummeln sich bestimmt
viele stinkende Orks und Uruk-Hai."
"Außerdem hätte es keinen Sinn", bemerkte Aragorn. "Du würdest es nicht
schaffen ihn aus dem dunklen Land herauszubekommen. Nicht in Zeiten wie
diesen. Sauron hat sein Ziel erreicht, er wird sich den Ringträger um keinen
Preis wegnehmen lassen. Ich bin sicher, dass er ihn so stark bewachen lässt
wie nichts anderes."
Sam sah ihn verzweifelt an. "Aber was soll ich denn tun? Warten und immerzu
daran denken, was sie Herrn Frodo womöglich antun?"
"Das ist das einzige, was du im Moment tun kannst, Sam. Das ist das einzige
was wir alle im Moment tun können."
Sam blickte verzweifelt drein. Wie gerne wäre er jetzt bei Frodo!
"Sie hätten mich auch mitnehmen sollen", dachte er laut.
Sam merkte nicht, wie Aragorn Legolas ganz merkwürdig ansah. Er wollte dem
Elben etwas sagen. Legolas flüsterte Gimli zu, er solle kurz Sam ablenken
und ging dann mit Aragorn etwas an die Seite, außer Hörweite von Sam.
"Was ist Aragorn?"
"Ich wollte es Sam eben nicht sagen, weil er so verzweifelt ist, aber ich
fürchte fast Frodo ist schon nicht mehr am Leben oder wird es bald nicht
mehr sein."
Legolas blickte erwartungsvoll drein. "Wie meinst du das?"
"Ich gehe mal davon aus, dass Sauron den Ring so schnell wie möglich
schmieden will. Er wird nicht lange damit warten, Frodos Blut zu nehmen, und
wenn er es hat, dann brauchen sie Frodo nicht mehr."
"Das ist wahr, Sauron wird den Ring schnell schmieden, er wird nicht Gefahr
laufen wollen, dass Frodo irgendwie entkommen kann."
Aragorn senkte den Kopf. "Ich hoffe nur, dass sie es schnell machen, er soll
nicht lange leiden. Er hat in seinem Leben schon genug gelitten."
Legolas wusste nicht, was er sagen sollte, Aragorn hatte recht, und das war
schrecklich. Der Elb bemerkte, dass die Flüchtlinge sich wieder in Bewegung
setzten, die Reise nach Rohan ging anscheinend weiter. Sie holten Sam, Gimli
und einige Pferde und schlossen sich der Menge an. Die Toten waren nun
beerdigt und die geflüchteten Pferde größtenteils wieder eingefangen.
Es begann zu regnen, als die große Gruppe sich wieder auf den Weg begab.

Siebtes Kapitel: Barad-dur

Frodo schloss die Augen, er hatte Angst und ihm war schlecht. Er bekam kaum
Luft, weil sie in dieser gewaltigen Höhe so dünn war, und weil die Klauen
des Ungetüms ihn in einem sehr festen Griff hielten.
Frodo hasste diese enorme Höhe, die Landschaft unter ihm war so klein, und
die Todesangst quälte ihn, denn er wusste, wo sie ihn hinbringen würden. Er
vermied es nach unten zu schauen, denn ihm wurde schwindelig, aber als er
doch einmal tat, konnte er genau unter sich die schwarzen Reiter sehen, die
jetzt winzig schienen, und mit einer enormen Geschwindigkeit über das Land
fegten. Hinter ihm und neben ihm flogen die anderen vier Nazgul auf den
schwarzen Monstern, sie stießen sich abwechselnd grässliche hohe Schreie zu.
Bei diesen Geräuschen verlor Frodo manchmal seine Angst vor dem Tod und er
wünschte sich, das Monster würde einfach seine Klauen öffnen und ihn fallen
lassen. Doch dann kehrte plötzlich wieder die Angst zurück. Er wollte nicht
sterben, so hoffnungslos auch alles war, er wollte sein Leben nicht
verlieren.
Bald sah Frodo das dunkle Land unter sich und er konnte nicht anders als die
Augen zu öffnen. Bedrohlich sah es aus, Rauch stieg auf und hier und da
konnte Frodo ein großes Feuer erkennen. Mit Schrecken stellte Frodo fest,
dass Tausende von Orks in Heerscharen, wie riesige schwarze Teppiche, über
das Land marschierten. Bald tauchte vor ihm der dunkle Turm Barad-Dûr auf
und das flammende Auge erhellte den sonst dunklen Himmel. Die Nazgul flogen
weiter, auf den Turm zu und stiegen noch etwas höher in die Luft. Nach
kurzer Zeit waren sie nur wenige Meter von dem Auge entfernt, und die
schwarzen Kreaturen begannen auf der Stelle zu schweben. Frodo blinzelte,
dass Feuer war so hell und heiß, obwohl sie immer noch verhältnismäßig weit
weg waren. Frodo schauderte, er hatte das flammende Auge schon oft gesehen,
als er damals den Ring auf dem Finger hatte, in Galadriels Spiegel und in
seinen Träumen. Jetzt jedoch war es unmittelbar vor ihm und er spürte die
Macht die von ihm ausging mehr denn je. Obwohl es fast unerträglich heiß
war, fror Frodo in seinem Inneren.
Einen Moment lang blieb das Bild so stehen, die Nazgul schwebten vor dem
Auge und Frodo sah zur Seite, um nicht in das helle und furchterregende Auge
schauen zu müssen. Dann dröhnte eine Stimme in einer für ihn fremden
Sprache. Frodo wusste, dass die Stimme von dem Auge ausging, und sie war so
angsteinflößend, dass der kleine Hobbit zitterte und sich von ganzem Herzen
wünschte, sie möge wieder verstummen. Frodo war so klein und unscheinbar
gegenüber dem Auge, und wie er da zitternd in den Klauen der schwarzen
Kreatur hing, auf der ein Nazgul thronte, sah er sehr erbärmlich aus.
Plötzlich verstummte die Stimme wieder und die schwarzen Ungetüme der
Ringgeister stürzten ohne jede Vorwarnung in einem Sturzflug herab, dass
Frodo glaubte, der Magen würde ihm einmal quer durch den Körper rutschen.
Die Ungetüme stürzten so lange herab, bis sich Frodo etwa einen Meter über
dem Boden befand, und das große Tor des Turmes genau vor ihnen war. Eine
riesige schwarze Treppe ragte zu dem Tor herauf und Frodo erkannte eine
Gruppe von fünf riesigen Uruk-hai auf der Treppe. Der Nazgul, der auf dem
Monster saß, das Frodo in den Klauen hatte, schien genau auf die Uruk-hais
zuzusteuern. Als das schwarze Ungetüm dann fast genau neben ihnen flog,
öffnete es seine Klauen und Frodo fiel unsanft auf die Treppe. Danach erhob
sich das Monster wieder blitzschnell in die Luft und verschwand.
Frodo hatte keine Zeit endlich wieder richtig Luft zu holen und die
schmerzenden Wunden zu betrachten, die die Klauen der Kreatur verursacht
hatten. Er wurde von einem knurrenden und fauchenden Uruk-Hai im Genick
gepackt und unsanft hochgerissen. Dem Hobbit versagten die Knie, die
unkontrolliert durch den Sturzflug zitterten, doch der Uruk-hai hielt ihn in
einem eisernen Griff und zog ihn wieder hoch. Frodo überlegte, ob er eine
Chance haben könnte sich loszureißen und blind irgendwo hinzulaufen. Aber er
verwarf den Gedanken sofort wieder. Nicht nur die fünf Uruk-hai, die jetzt
fauchend neben ihm standen, hätten ihn beim ersten Fluchtversuch sofort
wieder geschnappt, er konnte jetzt vor der riesigen Treppe, die zum Tor des
Turmes heraufführte, eine riesige Gruppe von Orks und Uruk-hai erkennen,
die kampflüstern mit erhobenen Waffen vorbeimarschierten. Es gab keine
Möglichkeit an ihnen vorbeizukommen, ohne erwischt zu werden.
Frodo sah, wie sich das riesige Tor wie von Geisterhand öffnete. Die
Uruk-hais gingen mit ihm hinein und zerrten unsanft an ihm. Im Inneren des
Turmes war es, wie Frodo fand, schrecklich. Orks gingen riesige schwarze
Treppen auf und ab, die sich um mächtige Säulen nach oben drehten. Knochen,
Waffen und Trümmer lagen auf der Erde, und ein fauliger Geruch lag in der
Luft. Frodo fing erneut an zu zittern und blickte in die Höhe, doch er
konnte von unten kein Ende des Turmes erkennen. Er war so riesig, dass nach
einer gewissen Höhe nur noch Dunkelheit zu erkennen war, in der sich die
Treppen verliefen. Die Uruk-hai begannen mit Frodo eine Treppe hinauf zu
steigen, und etliche andere Uruk-hai und Orks kamen ihnen entgegen und
blickten hasserfüllt auf Frodo. Dem Hobbit fiel auf, dass alle bis an den
Hals bewaffnet waren und schwarze oder silberne Rüstungen trugen.
Die Uruks forderten Frodo immer wieder auf, schneller zu gehen, doch der
Hobbit war nach unzähligen Treppenstufen völlig außer Atem und konnte nicht
mehr weiter. Er kauerte zusammengesunken auf der Treppe und rang nach Luft,
während die Uruk-hai böse knurrten. Schließlich wurde Frodo an einem Arm
hochgezogen und hinterhergeschliffen.
Sie mussten viele Meter hochgestiegen sein, als sich endlich vor ihnen eine
Etage auftat, die links und rechts Räume besaß. Frodo wurde in einen hinteren
Raum so hineingeschubst, dass er schmerzlich an der Wand landete, an ihr
herunterrutschte und zusammengekauert und völlig entkräftet an ihr sitzen
blieb.
Die Uruks lachten höhnisch und sagten sich gegenseitig etwas auf orkisch.
Frodo sah, wie ein Uruk-hai wieder in Richtung Treppe marschierte, während
sich zwei hinter der Tür und zwei vor der Tür postierten, um Wache zu halten.
Frodo schauderte bei dem Gedanken, ständig von zwei riesengroßen Uruk-hai
bewacht zu werden.
Er blieb an der Wand kauern, die Arme und Beine angezogen, und betrachtete
sich den dreckigen, schwarzen Raum. Er war riesengroß und es gab kein
Fenster, dennoch war er erhellt von Fackeln, die an den Wänden hingen. Ihre
Flammen zitterten, es herrschte ein kühler Windzug im Raum. Der Boden war
schmutzig und hier und da lagen einige zerbrochene Gegenstände auf der Erde.
Frodo betrachtete sich die Uruk-hai. Sie standen regungslos vor der Tür.
Mit jedem Atemzug war ein leichtes Knurren zu hören und Frodo konnte ihre
Zähne aus dem Mund vorblitzen sehen.
Der Hobbit fragte sich wie viele Leute wohl schon vor ihm in diesem Raum
gesessen hatten, und welches Schicksal sie letztendlich wohl ereilt hatte.
Frodo betrachtete sich die Wände, er war sich nicht sicher, aber er glaubte
altes Blut an ihnen kleben zu sehen. An der Seite einer Wand hing eine
Schlinge, die fest in der Wand verankert war.
Nach einer Weile des bloßen Beobachtens begann Frodo sich wieder zu bewegen
und betrachtete seine Wunden an seinem Bauch und Oberkörper. Die Uruk-hai
verfolgten jede Handbewegung, die Frodo machte, aufmerksam mit den Augen. Der
Hobbit stellte fest, dass die Krallen des Tieres bei ihm zwar große, aber
keine tiefen Schnitte verursacht hatten. Frodo spürte die Blicke der Uruks
geradezu auf seiner Haut und so hielt er es für besser, einfach nur wieder
still sitzen zu bleiben. Er lauschte dem knurrenden Atem der Uruk-hai und
als er sich selbst fragte, was wohl als nächstes mit ihm geschehen würde,
liefen ihm mehrere Schauer über den Rücken. Er fühlte sich so einsam und
hilflos, und er dachte an Sam und seine anderen Gefährten; wie gerne wäre er
jetzt bei ihnen gewesen.
Nach einer Zeit überkam ihn eine große Müdigkeit, dennoch zwang er sich
regelrecht dazu, die Augen offen zu halten. Er hatte Angst, dass die
Uruk-hai ihm, wenn er einschlief etwas antun könnten, obwohl er tief in
seinem Inneren wusste, dass wenn sie es wollten, sie es ohnehin tun würden.
Mehrer Male sank ihm der Kopf auf die Brust und die Augen fielen ihm zu,
dann schreckte er wieder hoch, und versuchte gegen diese große Müdigkeit
anzukämpfen. Irgendwann jedoch verlor er den Kampf und schlief vor
Erschöpfung ein. Der Schlaf war eine Quelle der neuen Kraft für Frodo, denn
er war tief und friedlich. Er träumte von Sam, Rosie und dem Auenland, und
von schönen Zeiten, ganz ohne Angst.

Achtes Kapitel: Rohan
Die weiten Lande Rohans erstreckten sich an einem bewölkten Mittag vor der
großen Gruppe Flüchtlinge. Als sie nach Rohan hineingingen, trafen sie
wieder auf andere Flüchtlinge, die sich ihnen erneut anschlossen. Galadriel
wollte weiter nach Edoras, und sie forderte Gandalf und Aragorn auf, mit ihr
zu gehen, denn dort sollte ein Rat mit den Königen und anderen mächtigen
Männern der Verbündeten stattfinden. Aragorn wunderte sich sehr, dass
Galadriel Legolas nicht aufgefordert hatte, mitzukommen, obwohl er der Prinz
von Düsterwald war und eigentlich ein Recht hatte, an der Beratung teilzunehmen.
Doch den Elb schien es anscheinend nicht zu kümmern. Aragorn
vermutete, dass er es akzeptierte, jetzt wo seine Heimat zerstört war, auch
nicht mehr als Prinz angesehen zu werden.
Die meisten Flüchtlinge hatten vor, nur bis zur Mitte von Rohan zu gehen,
und dann abzuwarten, was als nächstes geschehen sollte. Viele lagerten schon
auf den saftigen, grünen Wiesen des Landes. Hier in Rohan war noch nichts zu
sehen von dem Krieg, nur dass das Land übersiedelt war mit Menschen, Elben
und Hobbits.
Aragorn und Gandalf folgten Galadriels Aufforderung und beschlossen mit nach
Edoras zu gehen. Es sollte beschlossen werden, was nun noch getan werden
sollte. Sam, Legolas und Gimli gingen noch ein Stück mit Aragorn und Gandalf
mit, bis sie Edoras fast erreicht hatten. Dann trennten sich ihre Wege, denn
Aragorn und Gandalf folgten Galadriel hinein in die mächtigen Hallen von
König Eomer.
Es vergingen Stunden, Legolas war damit beschäftigt das Gepäck von einem der
Pferde abzunehmen und das Tier zu versorgen. Gimli hingegen kümmerte sich um
sein eigenes leibliches Wohlbefinden, und begann die Speisen gleich zu
verzehren, die Legolas gerade mühsam vom Pferd geholt hatte.
Ganz unerwartet tauchte plötzlich Eowyn, die Schwester von Eomer, auf und
war auf der Suche nach Legolas. Sie war außer Atem und schien dringend mit
ihm sprechen zu wollen. "Legolas, Herr Aragorn schickt mich, ich komme mit
einer frohen Botschaft zu euch!"
Legolas sah erstaunt und erwartungsvoll die zierliche Frau an. "Eine frohe
Botschaft? Sprecht, was habt Ihr mir zu sagen?"
"Euer Vater König Thranduil ist am Leben und wohnt dem Rat bei, der gerade
in den Hallen meines Bruders abgehalten wird. Er konnte mit einigen anderen
eures Volkes entkommen, bevor Düsterwald der Grausamkeit der Orks und der
wilden Menschen zum Opfer viel."
Über Legolas' Gesicht huschte ein Ausdruck großer Freude. "Ich danke euch,
Eowyn, ihr habt mir wahrlich keine größere Freude machen können."
"Herr Aragorn wollte außerdem, dass ich euch ausrichte, dass auch Elrond aus
Bruchtal am Leben ist. Er konnte in das Nebelgebirge fliehen und hat sich
von dort auf den Weg nach Rohan gemacht. Auch er ist im Augenblick in den
Hallen meines Bruders!"
Legolas nickte ihr zu. "Danke, Eowyn!"
Die Frau lächelte ihn an und verschwand dann schnell wieder zwischen ein
paar Elben, die sich angeregt unterhielten.
Legolas' Stimmung besserte sich nach dieser Nachricht spürbar. Er hatte es
in der letzten Zeit vermieden, Gespräche zu führen und war öfters tief in
Gedanken versunken gewesen. Nun jedoch schien neue Hoffnung in ihm zu sein.
Er war gespannt auf den Beschluss des Rates und hielt immer wieder nach
Aragorn Ausschau. Sam hingegen saß einfach nur da und kaute lustlos auf
einem Apfel herum, er war in Gedanken ständig bei Frodo.
Aragorn kehrte kurz vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Er wirkte sichtlich
gereizt und kam mit schnellen Schritten auf Legolas zugelaufen. "Was hast du,
Aragorn?"
"Sie wollen hierbleiben, und hier ihren Tod erwarten."
"Wen meinst du?"
"Ich meine einen großen Teil der Ratsmitglieder! Sie sind dagegen, in die
Schlacht zu ziehen. Ein kleiner Teil des Rates ist sich überhaupt nicht schlüssig,
was nun geschehen soll und der Rest ist dafür zu kämpfen, und wenn nur unser Untergang der Preis ist."
"Was sagt mein Vater?"
"Der ist zusammen mit Elrond und mir in der Minderheit. Wir sind dafür, zu
kämpfen."
Legolas sah Aragorn tief in die Augen. "Was wird jetzt geschehen?"
"Ich weiß es nicht genau. Morgen wollen sie sich erneut treffen, dann soll
es auch eine Ansprache an das Volk geben, zumindest an die Leute, die in der
Lage wären zu kämpfen, und etwas Einfluss besitzen. Bei dieser großen Menge
von Leuten ist es unmöglich, eine Ansprache für alle zu halten."
"Was sagt Gandalf?"
Aragorn wich Legolas' Blick aus und schüttelte den Kopf. "Er hat kaum etwas
gesagt. Gandalf scheint langsam völlig zu verzweifeln. Man hat ihn zu dem
Teil gezählt, der sich nicht schlüssig ist, was geschehen soll."
"Verzweifle nicht auch, Aragorn, noch ist nichts beschlossen."
"Aber es sieht nicht gut aus. Ich für meinen Teil werde mich jedenfalls
nicht hier auf die Wiesen legen und warten, bis sie das Land überfallen und
mir ein Schwert hineinrammen!"
Legolas lächelte. "Nein, in der Tat, Aragorn, das würde ich auch nicht gerne
sehen wollen. Gibt es sonst noch etwas neues?"
"Allerdings. Wie du ja bemerkt hast, ist Eowyn hier, und mit ihr Faramir. Er
wurde von einem Uruk-hai im Kampf verletzt, aber er ist bereit, in die
Schlacht zu ziehen!"
"Aragorn, fast alle die du bisher erwähnt hast, und ich glaube, es werden
noch mehr, sind bereit in die Schlacht zu ziehen, was fürchtest du?"
"Wie ich schon sagte, ein großer Teil des Rates ist dagegen, und wir wissen
noch nicht, wie das Volk reagieren wird. Sieh dich um, Legolas, sie sind
froh endlich hier angekommen zu sein. Ich glaube nicht, dass alle in der
Lage sind, in eine so gewaltige Schlacht zu ziehen."
Legolas sah ihm jetzt wieder tief in die Augen, und sein Blick war bohrend.
"Bedenke, Aragorn, dass viele sich ihres Schicksals nicht bewusst sind. Wenn
der Rat sich morgen erneut versammelt und eine Ansprache an das Volk hält,
dann wird es ihnen vielleicht klarer."
"Wir werden sehen, Legolas, heute kann sowieso nichts mehr getan werden."
"Was sagt eigentlich König Eomer? Will er in den Krieg?"
"Ja, er will in den Krieg ziehen, er sieht ein, dass weder das eine noch das
andere einen Sinn zu haben scheint. Eomer ist ein Mann des Kampfes, er wird
gehen."
Eine kleine Pause entstand, in der Legolas Aragorn nur ansah. Dann legte der
Elb ihm die Hand auf die Schulter. "Egal, wofür sich alle anderen
entscheiden, ich werde mit dir gehen, mein Freund."
Aragorn lächelte und legte seinen Arm auf den von Legolas.
"Ich danke dir."
Sam war den ganzen Abend über sehr schweigsam. Er dachte immerzu an Frodo
und saß oft gedankenversunken und in die Ferne starrend da, während Aragorn
und Legolas noch immer über den Krieg debattierten. Gimli hatte sich
schlafen gelegt, er hatte sich vorgenommen mit Legolas mitzugehen, und da er
gehört hatte, dass dieser beabsichtigte Aragorn zu folgen, gab es für ihn
kein weiteres Gesprächsthema mehr. Es war bereits tiefe Nacht, als Aragorn
und Legolas endlich ihr Gespräch beendeten. Sam saß immer noch da und
lauschte Gimlis friedlichem Schnarchen. Er wünschte sich, auch so eine Ruhe
zu haben. Er schlief fast die ganze Nacht nicht, als er einmal dabei war
gerade fest einzuschlafen, fuhr er plötzlich hoch, denn er hatte einen
schrecklichen Traum von Frodo gehabt. Sam verbrachte die restliche Nacht
damit in die Sterne zu gucken und sich zu fragen, wie es Frodo wohl gerade
gehen würde.

Neuntes Kapitel: Die Ansprache

Am nächsten Morgen machte sich Legolas in der Frühe auf, um seinen Vater zu
suchen und mit ihm zu sprechen. Auch Aragorn verließ das Lager, denn er
suchte nach bekannten Gesichtern aus Gondor.
Sam machte einen Ausflug zu den Hobbits aus dem Auenland, die ganz in ihrer
Nähe lagerten, und stellte mit Freude fest, dass sie sein treues Pony
mitgenommen hatten. Er traf Rosie und unterhielt sich eine Weile mit ihr
über eigentlich recht belanglose Dinge. Dann nahm er Lutz und ging wieder
zurück zu Gimli und dem Lager.
Aragorn war ebenfalls wieder am Lager. Sam bemerkte, dass er völlig
verändert war, voller Freude und doch irgendwie immer noch bedrückt.
"Was hast du, Aragorn", fragte Sam, während er Lutz streichelte.
"Arwen ist hier, mit Eldarion. Sie haben es geschafft, aus Gondor zu fliehen
und nach Rohan zu kommen."
"Das freut mich für dich Aragorn. Geht es den beiden gut?"
"Ja, sie sind gesund. Dass sie hier sind, ist für mich der größte Lichtblick
seit Tagen."
Sam lächelte schwach. Er hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, dass er
sich freute, aber dennoch bekümmerte es ihn etwas, dass Legolas seinen Vater
wiederhatte, Aragorn seine Frau und sein Kind, und er selbst zwar Rosie
hatte, aber sein bester Freund irgendwo in den Fängen des Feindes war.
"Was bekümmert dich dann noch, deine Familie ist doch in Sicherheit", fragte
Sam.
"Vorerst ja, da hast du recht."
Aragorn wusste, was Sam durch den Kopf ging und er kniete sich herunter zu
ihm. "Sam, ich bin immer noch bedrückt, weil Frodos Schicksal auch mir am
Herzen liegt. Du bist nicht der Einzige, der sich Sorgen macht."
Sam schluckte schwer und sagte dann: "Ich weiß, es sieht nur manchmal nicht
danach aus."
Aragorn machte sich wieder auf den Weg nach Edoras, um erneut dem Rat und
der Ansprache beizuwohnen. Diesmal drängten sich viele hundert Menschen und
Elben auf einem freien Platz, die alle mit Spannung auf eine Regung des
Rates warteten. Aragorn ging ziemlich weit nach vorne, wo auch die anderen
Ratsmitglieder standen. Eomer trat nach einer Weile nach vorne und ergriff
das Wort. "Ihr wisst alle, dass wir uns heute hier versammelt haben, um eine
Entscheidung zu fällen, wie wir gegen den Feind vorgehen. Die Zeiten sind
schwer, und ich habe nicht vor, euch heute nicht die Wahrheit zu sagen. Ihr
sollt alles erfahren und frei entscheiden, was ihr tun werdet."
Ein Raunen ging durch die Menge und Aragorn beobachtete die teilweise recht
aufgeregten Reaktionen der Menge. Eomer wartete bis das Raunen abklang, dann
fuhr er fort. "Vor acht Jahren endete der Ringkrieg mit der Zerstörung des
großen Ringes und somit der Vernichtung des dunklen Herrschers. Wir dachten,
wir wären siegreich gewesen, doch nun mussten wir erkennen, dass wir falsch
geglaubt haben. Der Feind ist wieder da und mächtiger denn je, denn mit
Hilfe des Hobbits, der damals den Ring getragen hat, soll ein neuer Ring
geschmiedet werden." Wieder erhob sich ein Raunen, lauter als zuvor und hier
und da waren Rufe zu hören. Eomer hob die Hand, als Zeichen dafür, dass die
Menge schweigen sollte. "Der Hobbit ist bereits in der Gewalt des Feindes,
und der neue Ring wurde vielleicht schon geschmiedet. Fast die ganze
Bevölkerung von Mittelerde ist bereits nach Rohan geflohen, denn das Land
wurde bereits überall von den Dienern des dunklen Herrschers angegriffen.
Wir wissen von einigen Botschaftern bereits, dass der Feind nun weitestgehend
nach Mordor zurückkehrt. Ich will offen zu euch sein, wenn der neue Ring
erst geschmiedet ist, wird das unser aller Untergang sein. Ich habe von
einigen bereits gehört, dass es gar nicht so abwegig ist, dass der neue Ring
bereits existiert. Wir müssen uns nun entscheiden, was wir tun werden.
Wollen wir uns dem Feind stellen?" Er blickte in die Runde und seine Stimme
wurde etwas leiser. "Oder wollen wir unser Schicksal, das wir anscheinend eh
nicht mehr zum Guten wenden können, akzeptieren und hier in Rohan den Tod
erwarten?"
Ein lautes Rufen erhallte von allen Seiten und einige rissen die Arme in die
Höhe und schrien Eomer etwas Unverständliches entgegen. Es drangen immer
wieder Wortfetzen zu Eomer hervor. Viele riefen "Was hat das für einen
Sinn, bleiben wir lieber hier" oder "genießen wir die letzten Tage, die uns
gegeben wurden und lasst uns hierbleiben". Aragorn erkannte schnell, dass
die Mehrheit, wie er bereits gefürchtet hatte, dafür war, in Rohan zu bleiben.
Er wurde etwas zornig und nach einer Weile, als Eomer mehrere Male
vergeblich versucht hatte, Ruhe zu erzielen, trat Aragorn neben ihn. Er stand
aufrichtig, selbstsicher und voller Überzeugung da. Doch er schaffte es
genausowenig, die Masse zum Schweigen zu bringen. Plötzlich trat Gandalf
ebenfalls hervor und ließ seinen Zauberstab einmal hell aufleuchten. Die
Menge sah verwundert zu Gandalf hin und für einen kurzen Augenblick war es
ganz still. "Hört was Aragorn, König von Gondor euch zu sagen hat", forderte
er die Menge auf. Aragorn nickte ihm dankend zu, der Zauberer lächelte ihn
an, und dann ergriff Aragorn das Wort. "Ich weiß, ihr seid nun verzweifelt
durch diese Botschaft, denn ihr wusstet nicht, wie ernst die Lage ist. Ich
will nicht lügen, ich bin genauso verzweifelt wie ihr auch und ich weiß
ebenso wie ihr, dass die Sache hoffnungslos erscheint. Dennoch, hört, was
ich nun sage! Mein Land ist in meiner Abwesenheit angegriffen worden und ich
konnte nichts dagegen tun. Ich versuchte den Ringträger zu beschützen, doch
er wurde vor meinen Augen entführt, und wieder war ich machtlos. Doch jetzt
habe ich die Macht, zu entscheiden, was ich mit meinen letzten Tagen anfangen
werde und ich sage euch eins: Ich werde nicht hier in Rohan auf meinen Tod
warten!" Aragorn ging jetzt beim Sprechen hin und her und schrie die Worte
fast aus seinem Mund. "Ich werde nicht darauf warten, dass sie mir auch noch
das Letzte nehmen, was mir geblieben ist, nämlich meine Ehre. Ich werde mich
dem Feind stellen, ich gehe nach Mordor und werde so viele wie möglich mit
in das kühle, dunkle Grab reißen! Das wird meine Rache sein. Und wenn ich
alleine in Mordor vor Tausenden von Orks stehe, ich gehe in das dunkle Land.
Denn mit jedem Ork den ich töte, werde ich Rache ausüben! Rache für meinen
eigenen Untergang!" Er riss sein Schwert in die Höhe und auch Eomer griff
nach seinem Schwert und riss es in die Luft. Dann erschien Elrond und auch
er stellte sich neben Aragorn hin. "Aragorn hat recht, wir sollten nach
Mordor zum Schicksalsberg gehen. Dort habe ich vor Tausenden von Jahren
schon einmal gegen Sauron gekämpft, dort soll es auch zu Ende gehen! Ich bin
nach Mittelerde zurückgekehrt, um ein letztes Mal gegen Sauron und seine
Diener zu kämpfen, um die letzte Schlacht um Mittelerde zu schlagen. Ich
folge Aragorn und Eomer!"
Die Masse schien jetzt nicht mehr zu halten sein, der Aufruf zur Rache hatte
gewirkt. Alle schrien und rissen ihre Waffen in die Luft und nur noch
einzelne schienen mit der Entscheidung nicht zu Frieden zu sein. Das Brüllen
der Menge musste noch Meilen weit zu hören sein, denn auch die sonst so
ruhigen Elben schrieen Kampfesrufe durch die Gegend und hielten drohend die
Waffen in die Luft. Aragorn sah mit größter Zufriedenheit, wie auch Gandalf
seinen Zauberstab in die Luft hielt und zuversichtlich lächelte. Er schien wieder zur Besinnung gekommen zu sein.
Dann nach einer Weile ergriff Eomer noch ein letztes Mal das Wort. "Geht nun
und sagt euren Leuten, was beschlossen wurde. Holt jeden, der in der Lage
ist, zu kämpfen, gemeinsam werden wir dem Feind gegenübertreten. Wir kämpfen
gemeinsam und sterben gemeinsam!" Ein letztes Mal rissen alle die Waffen in
die Luft und bekundeten so ihre Zustimmung. Dann strömte die Menge nach
draußen, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der
letzten Schlacht an den Hängen des Schicksalsberges.
Aragorn überbrachte Legolas die Nachricht voller Stolz und Sam schien sehr
beruhigt, endlich nach Mordor gehen zu können. Aragorn wusste, dass er immer
noch die Hoffnung hatte Frodo wiederzusehen, und war erstaunt, dass die
Hoffnung des kleinen Hobbits anscheinend nicht zu ersticken war. Gimli
schwang bei der Nachricht, endlich wieder Orks töten zu können, seine Axt
und schien vor Kampfeslust zu beben. "Sollen sie ruhig kommen, diese
stinkenden Kreaturen, ich werde ihnen zeigen, was ein richtiger Zwerg ist",
bekundete er immer wieder. "Und du, mein spitzohriger Freund", damit deutete
er mit dem Zeigefinger auf Legolas, "du wirst schön in meiner Nähe bleiben,
damit dich nicht wieder irgendwelche verirrten Pfeile treffen, und ich es
nicht verhindern kann!"
"In Ordnung, Herr Zwerg, ich werde nicht von deiner Seite weichen", gab
Legolas lächelnd zurück.
Die Tage vergingen und überall wurden Vorbereitungen getroffen für die
letzte lange Reise. Viele Männer versuchten ihre Frauen zu überreden in
Rohan zu bleiben, doch nur wenige folgten dieser Bitte. Die Frauen waren der
Meinung, wenn sie eh sterben mussten, dann wollten sie dies an der Seite
ihrer Männer tun.
An einem Tag sah Aragorn den Mann, der ihn einst als Verräter beschimpfte,
auf ihn zukommen. Legolas sah wachsam, wie der Mann zu ihnen rüber kam, und
Gimli brummte irgendwas in seinen Bart. Der Mann hatte jedoch seine kleine
Tochter auf dem Arm, und sah nicht aus, als wollte er in irgendeiner Form
streiten. Als der Mann schon sehr nahe war, fing die Kleine auf seinem Arm
an, heftig zu zappeln und er ließ sie hinunter. Die Kleine lief sofort
quietschend zu Legolas hinüber und schien etwas hinter ihrem Rücken zu
verstecken. "Is hab was gaaanz tolles", teilte sie dem Elb fröhlich mit.
"Und", sagte Legolas freundlich, lächelte sie an und kniete sich vor ihr
hin. Die Kleine nahm ihre Hand hinter dem Rücken hervor und brachte einen
kleinen selbstgebastelten Bogen zum Vorschein. Sie hatte ein kleines
brüchiges Stöckchen etwas rund gebogen und einen Wollfaden als Sehne daran
gewickelt. Eine Art dünner Strohalm diente ihr als Pfeil. "Is sieße die Orks
ab", erklärte sie dem Elben und ihr Pfeil, der eigentlich ein Grashalm war,
knickte schon ab, als sie etwas fester mit der Hand zudrückte. "Der ist viel
schöner als meiner", erklärte Legolas und die Kleine strahlte über das ganze
Gesicht.
"Da", sagte sie fröhlich und drückte Legolas den Bogen in die Hand, der
nicht viel größer war als seine Hand, und schon fast auseinander fiel. "Is
kann neuen machen, Papa hilft mir", sagte sie fröhlich. Der Elb nahm den
Bogen und streichelte ihr über den Kopf.
"Kannt du eimal mit mir laufe", fragte die Kleine, während sie an ihren
Fingern nuckelte. Legolas schmunzelte und ließ zu, dass das kleine Mädchen
sich an sein Bein hängte. Während er mit dem Kind ein paar Schritte in der
Gegend herumlief unterhielt sich Aragorn nun mit dem Vater des Kindes.
"Aragorn, König von Gondor, ich glaube, ich habe einen schweren Fehler
gemacht, denn ich habe dich einen Verräter genannt. Ich habe dich jedoch vor
ein paar Tagen bei der Ansprache gesehen, und nun weiß ich, dass du alles
andere als ein Verräter oder Feigling bist."
Aragorn lächelte ihn an. "Es gibt nichts zu bereuen, mein Freund, denn es
sah zu diesem Zeitpunkt wirklich so aus."
"Doch, es gibt was zu bereuen, ich hätte so etwas nicht tun dürfen. Kannst
du mir vergeben?"
"Ich vergebe dir, es gibt nichts weshalb du ein schlechtes Gewissen haben
musst."
Der Mann lächelte. "Ich danke dir, König von Gondor. Erlaubst du, dass ich
in der letzten Schlacht Seite an Seite mit dir kämpfe? Es wäre mir eine
große Ehre."
Aragorn legte ihm die Hand auf die Schulter und nickte. "Es wäre auch mir
ein große Ehre."
Der Mann schien sichtlich ergriffen, anscheinend hatte er mit so einer
Reaktion nicht gerechnet. "Ich danke dir!"
Der Mann rief seine Tochter, die sich immer noch an Legolas' Bein klammerte
und ging dann, nachdem die Kleine den Elben losgelassen hatte, mit dem
Mädchen wieder in die Richtung, aus der er auch gekommen war.
"Sie ist fasziniert von dir", stellte Aragorn fest, als Legolas auf ihn zukam.
"Ja, das merke ich. Sie hat mir einen Bogen geschenkt."
Aragorn nahm den kleinen Bogen und betrachtete ihn. "Es ist schlimm.
Die vielen Kinder, sie sind so hilflos und wissen gar nicht, was auf sie
zukommt. Sie sind so fröhlich, auch in Zeiten wie diese."
Legolas blickte in die Ferne. "Ja, bald wird hier kein Kinderlachen mehr
sein, und ihre Fröhlichkeit wird verschwinden."
Nach wenigen Tagen waren alle soweit bereit, und die ersten begannen bereits,
Rohan wieder zu verlassen. Die Reiter von Rohan nahmen all ihre Pferde mit,
die sie hatten. Die Waffen und Rüstungen reichten bei weitem nicht aus, um
alle Flüchtlinge aus allen Ländern damit auszurüsten. So bastelten sich
viele noch einen Schutz aus Hölzern oder schnitzten sich notdürftig Waffen,
um nicht ganz schutzlos dazustehen. Bald brachen auch Aragorn, Legolas,
Gimli und Sam auf und folgten dem Strom aus Elben, Menschen und Hobbits
hinaus aus Rohan. Lutz trug ihr ganzes Gepäck, das hauptsächlich aus Decken
und Waffen bestand. Arwen blieb mit Eldarion als eine der wenigen in Rohan
zurück. Nur sehr alte Menschen und einige Hobbitfrauen, wie Rosie, leisteten
ihnen noch Gesellschaft. Es waren aber nur sehr wenige die dablieben.
Zehntausende machten sich nun auf den Weg in das dunkle Land, um ein letztes
Mal gegen Sauron und seine Verbündeten zu kämpfen.


Zehntes Kapitel: Die Schlinge an der Wand

Frodo schreckte hoch, sein Herz raste und er hatte das Gefühl kaum Luft zu
bekommen. Was war geschehen? Er blickte um sich, und er sah die Uruk-hai,
die kalte, hasserfüllte Blicke auf ihn warfen. Jetzt fiel es ihm wieder ein,
er war in Barad-dûr, er musste eingeschlafen sein. Sie hatten ihm jedoch
nichts getan, er lag immer noch an der Wand gelehnt auf dem kalten Boden. Er
versuchte sich an seinen Traum zu erinnern, doch nur noch Bruchstücke davon
wollten in sein Gedächtnis zurückkehren. Er wusste, dass es ein schöner
Traum gewesen war, er hatte vom Auenland geträumt, und seinem lieben Sam.
Frodo blickte um sich, er hätte zu gerne gewusst, ob es Tag oder Nacht war,
obwohl es eigentlich sowieso keine Bedeutung für ihn hatte. Ihm war kalt,
und langsam kroch die Angst wieder in seine Glieder, denn nun war er sich
seiner Situation wieder bewusst. Er bemerkte, dass er schrecklichen Durst
hatte und sein ganzer Mund schon trocken war. Er musste schon seit
mindestens anderthalb Tagen nichts mehr getrunken haben, geschweige denn
etwas gegessen. Auch seine Beine schmerzten, er musste einfach mal aufstehen
und ein paar Schritte machen. Frodo rappelte sich hoch und fiel gleich noch
einmal zurück gegen die Wand, denn seine Beine waren merkwürdig schwach und
kraftlos. Er stützte sich von der Wand ab, und begann dann ein paar Schritte
in dem Raum umher zu gehen, zuerst hinkend, dann ganz normal. Frodo stellte
fest, dass die Uruk-hai irgendwie anders aussahen als beim letzten Mal, wo
er sie kurz vor dem Einschlafen betrachtet hatte. Anscheinend hatten die
Wachposten gewechselt. Der eine sah furchterregend aus, ein schiefer Zahn
blitzte hässlich aus seinem schrägen Mund, aus dessen Winkeln Speichel
floss. Auf der einen Wange hatte er eine riesige Narbe und um den Hals trug
er eine Kette, deren Anhänger aus einem Knochen und einer Kralle bestand.
Seine Augen waren innenliegend, und dadurch bekam er einen äußerst
bösartigen Blick. Er war ein wenig kleiner als der andere, wirkte aber
dennoch sehr kräftig. Alles im allen konnte Frodo sagen, dass er extrem
hässlich war. Die beiden Uruk-hai hatten jeder einen Speer in der Hand, auf
den sie sich zeitweise stützten, um ihre stämmigen Beine zu entlasten. Frodo
ging ein paar mal im Zimmer auf und ab, gefolgt von den Blicken der
Uruk-hai. Frodo glaubte, ein Grinsen auf der Fratze des hässlichen Orks zu
erkennen. "Hast du vielleicht Hunger, du kleine Ratte?" Frodo wusste nicht
ganz, wie er darauf reagieren sollte, und so antwortete er ganz normal, nur
etwas stotternd: "Ja, und unheimlichen Durst."
Der hässliche Uruk-hai grinste nun sehr offensichtlich, und verschwand durch
die Tür. Nach einem kurzen Augenblick kam er wieder mit einer kleinen
Schüssel und einem Becher in der Hand. Er stellte die Sachen in der Mitte
des Raumes auf den Boden, und ging dann zurück zu dem anderen Uruk-hai.
Frodo lief eilends zu dem Becher und der Schüssel, sah hinein, und musste
sogleich einen Würgreiz unterdrücken. In der Schüssel befand sich eine Art
Brei, der aussah, als bestünde er aus fauligem Fleisch (dementsprechend roch
er auch), und in dem Becher war stark verschmutztes Wasser, das einen
modrigen Geruch ausstrahlte. "Was soll das sein", fragte Frodo und deutete
mit der Hand auf die Schüssel.
"Glaub mir, kleine Ratte, das willst du nicht wissen", gab der hässliche
Uruk-hai laut lachend zurück. Der andere Uruk-hai sah zu dem kleineren
hässlichen hinunter. "Wir haben einen Befehl, und auch du darfst ihn nicht
missachten. Ich gabe dir schon einmal gesagt, dass..."
"Und ich habe dir schon mal gesagt, dass ich mir deine Eingeweide irgendwann
mal um den Hals wickeln werde, um sie als Kette zu tragen, wenn du so weiter
machst. Denk daran, du stehst unter meinem Befehl, also sei ruhig", fiel ihm
der andere ins Wort.
Frodo schauderte, er würde noch Probleme mit dieser hässlichen Kreatur
bekommen, soviel konnte er schon erraten. Der Hobbit setzte sich wieder auf
die Erde an die Wand und blieb stumm dort sitzen, er hatte nicht die
Absicht, dieses Zeug zu essen. "Du wirst schon nach merken was Hunger ist,
Halbling", sagte der hässliche und lachte grimmig.
Eigentlich hatte der Uruk-hai in gewisser Weise unrecht. Denn Frodo merkte
zuerst, was Durst bedeutete. Er hatte das Gefühl, seine Zunge würde an
seinem Gaumen festkleben, so trocken war sie. Der hässliche Uruk-hai hielt
drei Tage am Stück Wache, nur der Zweite wechselte ab und an. Er machte sich
einen riesigen Spaß daraus, frisches kühles Wasser in Frodos Gegenwart zu
trinken und den Rest auf den Boden zu kippen, wo er in einer Rille
versickerte. Nach einem weiteren Tag ohne etwas zu trinken, hatte der Hobbit
langsam das Gefühl seine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle zu haben,
ständig dachte er an etwas zu trinken. Sein Kopf dröhnte durch den
Wassermangel und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Als der
hässliche Uruk-hai wieder mit einem neuen Becher Wasser hereinkam und sich
dessen Inhalt genüsslich in den Rachen kippte, schaltete sich Frodos
Verstand völlig aus. Er stand auf, und sein Blick war schon verschwommen und
wirr. Dennoch hechtete er zu dem hässlichen hinüber und versuchte ihm den
Becher zu entreißen. Dieser verpasste ihm einen Stoss, dass Frodo gleich zu
Boden ging. Dann drehte er sich zu dem anderen Wachmann um (es war derselbe,
dem er gedroht hatte, er würde sich dessen Eingeweide um den Hals
hängen), und sagte: "Bitte, da hast du es! Wir dürfen ihn nur bestrafen,
wenn er Mist macht, er hat mich angegriffen, ich finde das ist genug Mist."
Mit diesen Worten ging er auch schon auf Frodo zu, der immer noch auf dem
Boden lag, und verpasste ihm einen ordentlichen Tritt, so dass dieser ein
paar Meter weiter rollte. Dann packte er ihn am Kragen und zog ihn hoch, als
Frodo wieder halbwegs auf den Beinen stand, gab er ihm eine schallende
Ohrfeige, so dass der Hobbit sogleich wieder auf dem Boden landete. Dann
packte ihn der Uruk-hai in den Haaren und zog ihn einmal quer durch den
Raum, zu der Stelle, an der immer noch der Becher mit dem schmutzigen Wasser
stand. Er hielt Frodo fest, nahm den Becher und schüttete dem Hobbit das
Gebräu in den Mund. Nachdem Frodos Zunge erst mal mit dem Wasser benetzt war
kehrte sein Geschmackssinn zurück, und dieser Geschmack erinnerte ihn an
alte, saure Milch. Er verschluckte sich und der Uruk-hai warf ihn zu Boden,
wo er hustend liegen blieb. Dann kehret das hässliche Geschöpf zurück vor
die Tür, als wäre nichts geschehen und ließ den Hobbit japsend auf der Erde
liegen. Als Frodo sich wieder beruhigt hatte, rollte er sich wo er war auf
den Boden zusammen, es war ihm egal, dass er in einer riesigen Wasserpfütze
lag, er wollte nur seine Ruhe haben.
So ging es über zwei Wochen hin weiter. Frodo war gezwungen, ab und zu mal
einen Schluck von dem schmutzigen Wasser zu nehmen, um nicht zu verdursten.
Jedoch ging es ihm dadurch sehr schlecht. Er bekam heftige Bauchschmerzen
und krümmte sich oft in irgendeiner Ecke des Raumes. Hätte er etwas in
seinem Magen gehabt, hätte er es mit Sicherheit erbrochen, so jedoch wurde
er immer nur von heftigen Würganfällen geschüttelt, die ihm beinahe seiner
letzten Kräfte beraubten. Hunger hatte er dadurch schon nicht mehr, er war
sich ziemlich sicher, wenn er den gammligen Fleischberg essen würde, der
ihm jeden Tag neu gebracht wurde, würde er ganz sicher eine Vergiftung
bekommen. Nur gelegentlich warf ihm mal ein wachhabender Uruk-hai ein ganz
kleines Stück von getrocknetem Fleisch hin, aber nur dann, wenn der kleine
hässliche keine Wache hatte.
Die meiste Zeit dämmerte Frodo vor sich hin und versuchte mit seinen
Gedanken bei etwas Schönem zu sein, doch oft gelang es ihm nicht und er
hatte das Gefühl in ein riesiges schwarzes Loch zu fallen.
An einem Abend warf ihm ein Uruk-hai, der gerade Wache hatte, ein Stück
trockenes Brot hin. Frodo rappelte sich auf und versuchte ein bisschen was
davon zu essen, denn seine Bauchschmerzen waren gerade etwas erträglicher.
Das gab ihm wieder etwas Kraft und er konnte sogar aufstehen und ein paar
Schritte gehen. Am nächsten Tag hatte mal wieder der hässliche wache. Frodo
bat heimlich darum, heute keine Schläge zu bekommen, denn die bekam er
häufig, wenn der kleine da war. Plötzlich wurde durch die Tür irgendetwas
auf orkisch gerufen, und die beiden Wachen verließen blitzartig den Raum.
Frodo war das erste mal seit zwei Wochen ohne Aufsicht. Er betrachtete sich
den Raum, und suchte etwas, wusste aber gar nicht recht wonach eigentlich.
Während sein Blick durch den ganzen Raum schweifte, erkannte er mit einem
mal wonach er suchte: Nach der Schlinge an der Wand. Er ließ seinen Blick
auf der Schlinge ruhen und tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Ihm
ging es schlecht, und das schon seit Wochen, er wollte Erlösung, und diese
Erlösung hing dort an der Wand! Ihm stiegen Tränen in die Augen, wenn er es
wirklich tun würde, würde er Sam und alle anderen nie mehr wieder sehen. Er
überlegte, es war sowieso klar, dass er sie nie mehr wieder sehen würde, was
hatte er schon zu verlieren, außer das Elend, dass ihm Tag für Tag
wiederfuhr. Frodo wollte nicht mehr, er hatte nie gedacht, dass sein kleines
Hobbitleben einmal so enden würde. Ganz allein in einem finsteren Turm. Er
wollte es tun, er hatte keine andere Wahl, noch waren die Wächter nicht
wieder da, noch hatte er Gelegenheit, seinem qualvollen Leben ein Ende zu
setzten. Er wankte auf die Schlinge zu, als er vor ihr stand stellte er
fest, dass sie viel zu hoch hing, er brauchte etwas wo er sich draufstellen
konnte. Ihm fiel ein kleiner Tisch ins Auge, der in einer Ecke stand. Frodo
ging hinüber und zog den Tisch zu der Wand, an der die Schlinge hing. Es war
gut, dass er gestern Abend von einem Wächter das Brot bekommen hatte, sonst
hätte er die nötige Kraft wohl nicht mehr aufbringen können, um den Tisch zu
ziehen. Er schob ihn so vor die Wand, dass sein Rand genau unter der
Schlinge stand. So konnte er sich auf den Rand stellen und brauchte dann nur
einen Schritt vorgehen. Frodo kletterte auf den Tisch und steckte seinen
Kopf durch die Schlinge, und zog sie so fest, dass er nicht mehr
durchrutschen konnte. Dann blieb der Hobbit noch einen Moment stehen, sollte
er wirklich? Noch hatte er die Gelegenheit seine Meinung zu ändern. Nein,
wofür? Er hatte nicht die geringste Chance, er wollte nicht mehr, er hatte
genug gelitten.
Frodo setzte seinen einen Fuß vor und murmelte: "Es tut mir so leid, Sam, und
alle anderen!" Dann ließ er sich fallen. Die Schlinge zog sich sofort zu und
drückte ihm die Kehle ein. In seinem Kopf entbrannte sofort eine Hitzewelle
und er hörte sein eigenes Herz, wie es kämpfte, um weiter zu schlagen. Aus
seiner Kehle drang nur noch ein Röcheln. Er zappelte, aber nicht etwa, weil
er versuchte den Tisch wieder zu erreichen, sondern weil er sich schwerer
machen wollte, damit der Tod schneller kam.
Plötzlich flog die Tür auf und die Uruk-hai kehrten zurück. Der erste, der
Frodo dort hängen sah, stieß einen Entsetzensschrei aus, und lief zu ihm
hinüber. Er stützte Frodos Gewicht ab, damit die Schlinge ihn nicht weiter
erdrosseln konnte, während der kleine hässliche auf den Tisch kletterte, um
die Schlinge mit seinem Messer zu durchtrennen. Frodo hatte bereits die
Augen geschlossen, und er bekam nicht mehr richtig mit, was geschah, er hörte
nur Gefauche und Gebrülle, dass aus weiter Ferne zu kommen schien. Die
Schlinge wurde urplötzlich durchtrennt, so dass der Uruk-hai, der Frodo
stützte nicht damit gerechnet hatte. Der Hobbit entglitt seinem Griff und
fiel hinunter. Frodo merkte das jedoch nicht, obwohl er nicht tot war,
sondern sich nur bewusstlos gewürgt hatte. Er merkte auch nicht, wie er auf
der Tischkante hart aufschlug, und wie dadurch seine Rippen unter einem
lauten Knacken brachen.

Elftes Kapitel: Die letzte Etappe

Die vielen Krieger erreichte den äußeren Rand des Schattengebirges nach
nur wenigen Wochen. Sie waren schnell vorangekommen, denn richtige Pausen
wurden eigentlich nie eingelegt, wenn einige nicht mehr konnten, traten sie
an die Seite, und setzten sich auf die Erde. Die Massen strömten an ihnen
vorbei, und nach einigen hundert Leuten, reihten sich dann die Ruhenden
wieder in den Zug ein. So kam es, dass niemals die ganze Masse stets in
Bewegung war, man sah immer wieder Hunderte von Leuten an den Seiten rasten,
die sich erst nach einer Weile wieder einordneten. Nur in den Nächten, bei
völliger Dunkelheit, legten sich fast alle zur Ruhe. Viele der Krieger
traten auch einfach mal so aus der Reihe und blickten betrübt in die Ferne,
denn Überall in Mittelerde konnte man dicke Rauchwolken erkennen, die in den
Himmel stiegen, ein Zeichen dafür, dass dort vor kurzem Orks vorbeigekommen
sein mussten, und die Städte in Schutt und Asche gelegt hatten. Kurz vor der
Überquerung des großen Stroms, blickte auch Aragorn in die Ferne in südliche
Richtung, dorthin wo Gondor lag. Eine dicke schwarze Rauchwolke war an dem
Ort zu erkennen, wo einst Minas Tirith war. Aragorn stand einfach nur da,
und in seinem Gesicht war keine Gefühlsregung zu erkennen. Viele
Erinnerungen kamen in ihm hoch, als er an die weiße Stadt dachte, einige
schöne und andere weniger schöne. Die schmerzlichste von allen war jedoch
die Erinnerung an Boromirs Tod. Als der Mann sterbend vor ihm lag, hatte er
ihm versprochen, dass die weiße Stadt nicht fallen würde. "Es tut mir so
leid, Boromir", flüsterte er, denn sein Versprechen war gebrochen. Legolas,
Gimli und Sam beobachteten Aragorn, hielten aber Abstand und ließen ihn
allein gewähren.
Nun waren die ersten der Krieger bereits kurz vor den Grenzen nach Mordor.
Aragorn, Legolas, Gimli und Sam waren im ersten Drittel des Zuges und an
einem Vormittag erreichte sie eine Nachricht, die wie ein Lauffeuer einmal
durch die ganzen Massen ging: Ents waren an der Grenze zu Mordor gesichtet
worden. Als Aragorn diese Nachricht erhielt spiegelte sich große Freude in
seinem Gesicht wieder. "Sie haben es tatsächlich geschafft", rief er
fröhlich.
"Wer denn", fragte Sam, der überhaupt nicht verstand, worum es ging, und auch
Legolas und Gimli sahen Aragorn fragend an.
"Merry und Pippin! Sie haben die Ents geholt!"
"Merry und Pippin", fragte Sam ungläubig. "Wie kommst du darauf?"
"Ich habe sie erwischt, als wir auf dem Weg nach Lorien waren und vor dem
Fangorn Wald gerastet haben. In der Nacht versuchten sie sich
wegzuschleichen, und ich habe sie aufgehalten. Als ich sie fragte, was sie
denn vorhätten, erklärten sie mir, dass sie die Ents holen wollen."
"Warum hast du uns nichts erzählt", brummte Gimli etwas mürrisch.
"Was hätte es geändert? Die beiden waren eh schon im Wald, und ihr hättet
euch wahrscheinlich nur noch mehr Sorgen gemacht, als ihr sowieso schon
habt. Ich hielt es für besser euch nichts zu sagen."
Die Gefährten gaben sich damit zufrieden, nur Gimli nuschelte noch
irgendwas vor sich hin. Aragorn bemühte sich aus der riesigen Schlange von
Menschen hinauszukommen, denn er wollte schneller vorwärts kommen, um zu den
Ents zu gelangen. Legolas, Gimli und Sam folgten ihm, wobei Sam sich sehr
abmühen musste, um mit den anderen Schritthalten zu können. Immerhin hatte
er noch Lutz an der Zügel, der ständig versuchte den Kopf zu senken, um Gras
zu fressen.
Die Gefährten rannten vorbei an der Schlange, immer weiter nach vorne, bis
sie irgendwann die riesigen Gestalten der Ents vor sich auftauchen sahen.
Sam blieb keuchend stehen, und Lutz nutze die Pause sogleich aus, und begann
genüsslich zu grasen. Auch Gimli blieb schnaufend und fast völlig entkräftet
neben Sam stehen, beteuerte jedoch immer wieder, dass er nur auf Sam warten
wollte, und es ein Leichtes für ihn wäre, mit Legolas und Aragorn weiter
Schritt zu halten. Nach einigen Augenblicken begann Sam, wieder loszulaufen,
und Gimli hechtete stark keuchend hinterdrein. Schließlich war Sam fast bei
den Ents angelangt, und Merry und Pippin, die ebenfalls in der Nähe waren,
verkündeten Aragorn und Legolas stolz, wie sie es angestellt hatten, die
Baumhirten zu finden und dazu überzeugt hatten wieder in den Krieg zu
ziehen. Aragorn streichelte den beiden Hobbits über den Kopf, und die beiden
schienen sehr zufrieden mit sich zu sein. Als Sam mit Lutz endlich
ebenfalls vor Merry und Pippin standen (Gimli war immer noch gut eine
Viertelmeile entfernt), fiel Sams Blick sofort auf Pippins bandagiertes
Bein. "Was hast du denn gemacht", fragte er mit großer Besorgnis.
"Ach, das war ein Unfall", antwortete Pippin "nicht mehr so schlimm. Aber wo
ist denn Frodo?"
Sam sah auf den Boden. "Die Nazgul haben ihn geholt, er ist mit Sicherheit
im dunklen Turm."
Merry und Pippin blickten entsetzt drein Schließlich meinte Merry überzeugt:
"Aber worauf warten wir dann noch? Auf nach Mordor und Frodo suchen."
"Ich fürchte, das hat keinen Sinn mehr", sagte Aragorn, bevor Sam etwas sagen
konnte. "Wir sind nicht hierher gekommen, um Frodo zu suchen, denn ich
fürchte für den gibt es keine Hoffnung mehr. Wir sind hierher gekommen,
weil..."
"Ihr seid vielleicht nicht hierher gekommen, um Frodo zu suchen", schrie Sam
Aragorn ins Wort. Er schien alles um sich herum zu vergessen und war völlig
außer sich. "Aber ich bin es! Ich werde zu diesem Turm gehen und niemand
wird mich davon abhalten!" Sam schrie die Worte so aus sich heraus, dass
seine Stimme am Ende heiser war. Dann füllten sich seine Augen mit Tränen
und er fiel auf die Knie, seine Stimme war nun wieder leise, aber zutiefst
verzweifelt. "Ich kann Herrn Frodo doch nicht alleine lassen, das habe ich
noch nie getan, und ich habe es auch jetzt nicht vor."
Aragorn ging nun zu Sam und kniete sich vor ihn. "Sam, glaube mir, gäbe es
eine Möglichkeit zu dem dunklen Turm zu gelangen, dann würde auch ich
versuchen, dorthin zu kommen. Das Land ist mit Sicherheit übersiedelt von
Orks." Dann sah Aragorn tief in Sams gerötete Augen und war sich nicht
sicher, ob er dem Hobbit sagen sollte, was er dachte, und was er auch
Legolas schon gesagt hatte. Er entschied sich jedoch dafür, und sagte in
tonloser, leiser Stimme: "Frodo ist wahrscheinlich schon tot, Sam. Ich
glaube nicht, dass Sauron ihn am Leben gelassen hat, und somit ein großes
Risiko eingegangen ist, dass Frodo vielleicht entkommen könnte. Der Ring
wird schon geschmiedet sein, es tut mir leid, Sam."
Sam hatte das Gefühl, den Boden unter sich zu verlieren. Es war schmerzlich
für ihn zu erkennen, dass Aragorn wahrscheinlich recht hatte, die Tränen
strömten ihm scheinbar unhaltbar über die Wangen. Auch Merry und Pippin
kämpften, um die Tränen zurückzuhalten, und Gimli, der nun auch angekommen
war, schniefte verdächtig.
"Kämpfe mit uns, Sam, das ist das einzige, was du noch tun kannst", sagte
Aragorn und erhob sich wieder.

Es dauerte nur wenige Tage, bis die vielen Menschen den Schicksalsberg
fast erreicht hatten. Die ersten Vorbereitungen für die Schlacht wurden
bereits getroffen, denn es dauerte gewiss nur noch wenige Stunden, dann
würden sie an seinen Hängen sein. In der Ferne war der mächtige Berg schon
zu erkennen, dunkle Wolken türmten sich über ihm auf, und schienen sich über
ihm auszubreiten. Fast schien es, als würde der Berg sie bereits erwarten...

Zwölftes Kapitel: Qualen eines Hobbits

Der kleine hässliche Uruk-hai hielt sich die Ohren zu, genau wie der
Uruk-hai, der neben ihm stand. "Seit drei Stunden höre ich jetzt schon
dieses Gebrülle von diesem Halbling dort, ich werde noch wahnsinnig, wenn
das so weitergeht! Bleibt nur zu hoffen, dass ihn seine Kräfte bald
verlassen!"
Beide starrten hinüber zu Frodo. Der Hobbit lag auf der Erde und schrie. Er
schrie so erbärmlich, dass ihnen das Blut in den Adern gefror. Die
Schmerzen, die er durch die gebrochenen Rippen hatte, waren fast nicht mehr
zu ertragen. Er konnte nichts anderes tun, als nur noch zu schreien, um
seine Qualen wenigstens etwas durchzustehen. Doch durch das Gebrülle wurde
sein gesamter Brustkorb ständig gehoben und gesenkt, und das verursachte
noch mehr Schmerzen. Er hatte auch das Gefühl, nicht mehr genügend Luft zu
bekommen, und die Schreie schienen ihm alle Kraft zu rauben, die er noch
besaß. Frodo versuchte instinktiv, ganz still zu liegen, in der Hoffnung, die
Schmerzen würden so gelindert werden, doch es gelang ihm nicht, denn die
Schmerzattacken ließen ihn immer wieder zusammenzucken und er krümmte sich
so heftig, dass sein Körper vor Anstrengung zitterte.
Nach einer weiteren halben Stunde entstanden zwischen seinen Schreien
Pausen, doch immer wieder ertönte das markerschütternde Gebrülle von neuem,
wenn die Uruk-hai schon hofften, er würde endlich still sein. Nach einer
endlos langen Zeit für Frodo, war er so geschwächt, und seine Stimme so
heiser, dass er nur noch ein Röcheln rausbringen konnte. Seine ganze rechte
Seite fühlte sich an, als würde sie brennen, und die schmerzenden Stiche,
die er in einem Abstand von wenigen Sekunden immer wieder in seiner Seite
spürte, waren mit kaum etwas zu vergleichen, was er bisher gespürt hatte.
Frodos Augen waren halb geöffnet und er konnte schemenhaft die beiden Uruks
erkennen, die froh zu sein schien, dass er nun endlich Ruhe gab. Er konnte
nicht mehr, er wollte nur noch, dass diese Schmerzen endlich aufhörten.
Frodo wusste nicht, was genau geschehen war. Er konnte sich an sein Vorhaben
mit der Schlinge erinnern, wie er auf den Tisch geklettert war, und er
erinnerte sich an das Gefühl, dass er hatte, als sich die Schlinge zugezogen
hatte. Dann wusste er noch wie ihm schwarz vor Augen wurde. Als er dann
wieder aufwachte, hatte er diese schreckliche Schmerzen gehabt. Er lag da,
schwer atmend und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Wie sehr er sich jetzt
wünschte, dass Sam bei ihm wäre. Nur eine liebevolle Berührung von seinem
Freund, ein freundliches Wort hätte ihm mit Sicherheit schon geholfen. Die
Zeit verging und Frodo lag einfach nur da und dämmerte vor sich hin. Wie
gern hätte er einen Schluck Wasser gehabt, doch diese schmutzige Brühe stand
meterweit entfernt, und an Bewegen war überhaupt nicht zu denken. Frodo
schloss die Augen fest, als er spürte, wie eine erneute Schmerzwelle ihn zu
ergreifen drohte. Dann wurde plötzlich alles schwarz und er spürte nichts
mehr.
Als Frodo wieder erwachte, lag er immer noch genauso da, aber neben ihm
stand ein Becher mit frischem Wasser und ein paar Äpfel lagen dort. Er hatte
zwar immer noch Schmerzen, aber sie waren nicht mehr so heftig, wie davor.
Er lag auf der linken Seite und versuchte so, seine Rippen auf der rechten
Seite zu entlasten. Er tastete vorsichtig und ganz langsam nach dem Becher,
jede schnelle Bewegung verursachte einen heftigen Stich. Es war eine reine
Wohltat, als er endlich das frische Wasser in seinem Mund spürte. Danach zog
er sich auch einen Apfel heran und kaute langsam an ihm herum. Frodo stellte
fest, dass er sofort etwas kräftiger wurde, und seine Situation wurde etwas
erträglicher. Die Uruk-hai standen immer noch vor der Tür, der kleine
hässliche war nicht da, aber keiner von ihnen schien den Eindruck zu machen,
als wollte er Frodo etwas antun.
Die nächsten Tage verliefen für Frodo etwas besser. Schmerzen hatte er
ständig, aber sie wurden mit der Zeit immer erträglicher. Die Uruks stellten
ihm nun immer frisches Wasser hin und gaben ihm ein paar Äpfel zu essen.
Frodo wusste nicht warum, aber er merkte, dass sie keinesfalls vorhatten,
ihn zu töten, und das beruhigte ihn etwas. Die meiste Zeit döste er vor sich
hin, denn Bewegungen machten ihm immer noch sehr zu schaffen. Frodo fragte
sich immer häufiger, ob er wirklich vorgehabt hatte zu sterben, als er sich
die Schlinge um den Hals gelegt hatte, oder ob es nicht einfach nur eine Tat
der Verzweiflung war, und er tief im Inneren gehofft hatte, gerettet zu
werden. Er wusste es nicht. Das einzige, was er wusste, war, dass er Angst
davor hatte, zu sterben. Frodo glaubte, dass es ihm gar nicht recht bewusst
war, was er tat, als er versuchte sich zu erhängen. Er begriff gar nicht
recht, was der Tod eigentlich war und er konnte nicht recht glauben, wie
schnell er auch ihn holen konnte. Der Tod war ständig überall, aber er
selbst? Konnte ihm das auch passieren? Er wusste es zwar, aber er begriff es
nicht.
Nach einiger Zeit, als er seine Arme wieder etwas bewegen konnte, zog er
vorsichtig sein Hemd hoch und betrachtete sich seine Rippen. Ihm wurde
schlecht, als er es sah. Die rechte Seite war merkwürdig deformiert, und in
dunkelblau und grün angelaufen. Er legte seine rechte Hand auf die
schmerzende Stelle und zuckte sogleich zusammen. Der Hobbit zog sein Hemd
wieder runter und atmete tief durch. Mit seinen Gedanken flüchtete er sich
zu Sam, Aragorn, Legolas und Gimli. Wo sie wohl jetzt waren? Ob es ihnen gut
ginge? Und Merry und Pippin? Warum waren sie nur verschwunden, als alle
anderen in der Nähe des Fangornwaldes rasteten? Ob sie überhaupt noch am
Leben waren?
Während er das überlegte, und sich dabei fröhliche Bilder in den Kopf rief,
schlief er ganz sanft ein.
Nach einigen Tagen, Frodo döste mal wieder ganz ruhig vor sich hin, wurde
die Tür des Raumes, in dem er lag, mit solch einer Wucht aufgerissen, dass
Frodo erschrak. Herein kam ein bewaffneter Ork und schrie dem kleinen
hässlichen, der gerade wieder Dienst hatte, etwas auf orkisch zu. Der Kleine
grinste hämisch, und ging auf Frodo zu. "Es ist so weit, Halbling. Der
Meister ruft nach dir!"
Frodo erschrak. "Was", brachte er zitternd hervor, doch er wurde auch schon
am Kragen gepackt und hochgezogen. "Wartet, wo bringt ihr mich hin", fragte
er immer wieder ängstlich, doch die Uruks lachten nur. Frodo biss die Zähne
zusammen, seine Rippen machten ihm wieder zu schaffen. "Wartet doch, nicht
so schnell", flehte Frodo immer wieder, doch es hatte keinen Sinn.
Sie zogen ihn in festem Griff die Treppen hinunter, obwohl Frodo sich
sträubte und immer wieder bat, sie mögen doch bitte langsamer gehen. Immer
mehr Treppen stiegen sie hinab, in Richtung Ausgang des Turmes. Frodo spürte
wieder diese entsetzliche Angst in ihm auflodern, denn er spürte, dass nun
etwas geschehen würde.
Endlich hatten sie das Ende der Treppen erreicht, und das große Tor war
wieder von ihnen. Grimmig lachend zogen die Uruk-hais Frodo weiter, und der
Hobbit versuchte ängstlich, seine verletzten Rippen vor Stößen zu schützen.
Wieder öffnete sich das Tor wie von Geisterhand und Frodo erstarrte, als er
sah, wer davor schon auf ihn wartete. Ein Nazgul auf einem fliegenden
Ungetüm zog seine Kreise über der Treppe.
"Nein", schrie Frodo, "nein, nicht schon wieder, bitte. Er wird mir meine
gerade geheilten Rippen noch mal brechen. Ich bitte euch."
"Spielt jetzt keine Rolle mehr", fauchte ihn der kleine hässliche Uruk-hai
an und gab ihm einen Stoß, der ihn nach vorne fallen ließ. Frodo schrie auf,
und noch ehe er etwas anderes tun konnte, wurde er wieder gepackt und in die
Lüfte gerissen. Diesmal wehrte er sich nicht, er wusste, dass das Monster
sonst fester zudrücken würde, und diesmal wäre das nicht mehr zu ertragen.
Der Hobbit sah, wie er immer höher stieg, und wie die Uruk-hai immer
kleiner unter ihm wurden.
Frodo fragte sich, wohin sie ihn diesmal bringen würden, und ihm schauderte
vor der Antwort. Er blickte in die Flugrichtung der Kreatur und wie ein
Blitz durchfuhr ihn die Erkenntnis, wohin sie ihn brachten. Vor ihnen tauchte
bedrohlich der Schicksalsberg auf, über dem die anderen drei fliegenden
Nazgul kreisten, und bald konnte der Hobbit auch die Plattform erkennen,
auf die der Nazgul zusteuerte. Der Hobbit blickte nach unten, und erkannte
gewaltige Massen von Orks, es mussten hunderttausende sein. Dann sah er
Massen von Menschen und Elben auf den Schicksalsberg zusteuern, und sie
würden direkt in die Arme der Orks laufen. Auch von ihnen mussten es hunderttausende sein. Ganz Mordor schien auf einmal bevölkert zu sein.
Der Ringgeist stieß plötzlich einen bedrohlich hohen Schrei aus, dann sank
er herab, auf die Plattform zu, auf der Frodo ein paar weitere Gestalten
erkannte.
Als der Hobbit etwa einen Meter über der Plattform war, öffnete das Untier
seine Klauen. Frodo schaffte es, auf der Seite zu landen, wo die Rippen noch gesund waren. Dennoch spürte er wieder Schmerzen in seiner rechten Seite, der Griff des Ungetüms war einfach zu stark gewesen für die gerade etwas geheilten Rippen. Fünf Ringgeister standen da, ohne Pferde, und ihre gesichterlosen Köpfe blickten bedrohlich auf Frodo herab.
Frodo spürte Angst, er wollte laufen, sie durften ihn nicht haben.
Die Nazgul packten ihn und der süßliche Geruch des Todes stieg Frodo
in die Nase, als sie sich über ihn beugten. Ihre kalten, stählernen Hände
schlossen sich unbarmherzig um Frodos Handgelenke und Nacken, und zogen ihn
auf die Beine. Jeder Schritt, den die Nazgul machten, war begleitet mit
einem unheimlichen Klappern durch ihre Rüstungen.

Dreizehntes Kapitel: Der Ring wird geschmiedet

Frodo wurde fast rasend vor Angst, wie fürchtete er diese Kreaturen! Von
fünf Nazgul hielten ihn drei fest, es gab kein Entrinnen, dessen war sich
Frodo bewusst. Er hatte Angst, Todesangst und sein Atem beschleunigte sich,
davon schmerzten seine gebrochenen Rippen umso mehr. Er spürte, wie ihm das
Herz bis zur Kehle schlug, und seine Hände wurden feucht, vor Angst. Dem
Hobbit versagten die Knie, aber die Ringgeister zogen ihn hinterher.
Schließlich erreichten sie die Mitte der Plattform und die Ringgeister
blieben stehen, hielten Frodo jedoch weiter beharrlich fest. Frodo erkannte
nun zwei Orks am Rande der Plattform, und einer von ihnen hatte ein Gefäß
mit einer Zange in der Hand, und der andere Ork, ebenfalls mit einem Gefäß
und einer Zange ausgerichtet, füllte eine leuchtend goldene Flüssigkeit in
ein drittes Gefäß, das am Boden stand.
Die Ringgeister standen ganz still, mit dem keuchenden Frodo im Griff und
starrten zu den beiden Orks hinüber. Einer der Beiden richtete sich nun auf
und nickte den Nazgul zu, während er mit einem becherartigen Gefäß auf
Frodo und die Nazgul zukam. "Nein, bitte...", flüsterte Frodo, denn er
wusste, was nun geschehen würde. Die Ringgeister reagierten auf das
Kopfnicken des Orks sofort. Ein Nazgul umklammerte Frodo von hinten, und
drückte auf dessen gebrochene Rippen, so dass dieser laut aufkreischte. Ein
anderer hatte immer noch Frodos Genick in festem Griff, und zwei Ringgeister
hielten ihm jeder einen Arm fest. Der vierte zog jetzt seine Morgul Klinge
aus der Scheide und stellte sich vor Frodo bedrohlich auf. Der Hobbit schrie
verzweifelt und versuchte, sich dem Griff der Nazgul zu entwinden, doch sie
hielten ihn eisern fest. Sein linker Arm wurde mit solch einer Kraft
gehalten, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, und auch dieser Knochen wäre
gebrochen. Der Ringgeist mit der Morgul Klinge in der Hand öffnete gewaltsam
Frodos zur Faust geballte linken Hand und sorgte dafür, dass der Hobbit sie
nicht mehr schließen konnte, so dass Frodos Handfläche jetzt frei lag. Der
Ringgeist zielte mit der Morgul Klinge genau auf Frodos geöffnete Hand, und
stach ihm dann die Klinge einmal quer durch die offene Hand. Frodo
schrie entsetzt, als er sah, wie die Klinge in seine Handinnenfläche
eingedrungen war und an seinem Handrücken wieder herauskam. Das Blut rann
sofort an seiner Hand herab, und der Ork mit dem Becher, der nun ebenfalls
vor dem Hobbit stand, fing es auf. Frodo wurde schwarz vor Augen, er nahm es
nicht mehr richtig war, aber er schrie vor Schmerzen und Angst und wand sich
heftig, um loszukommen. Irgendwann nahm der Ork den Becher wieder weg und
ging in schnellem Schritt wieder hinüber zu dem anderen, der mit einem Gefäß
hantierte. Der Nazgul zog Frodo die Klinge abrupt und brutal aus der Hand
und die anderen Ringgeister ließen ihn los, so dass er auf den Boden fiel
und sich, immer noch schreiend und weinend, seine blutüberströmte Hand
hielt.
Ganz plötzlich spürte er, wie diese eisige Kälte, wie damals, seine Hand
durchströmte und langsam in seinen Arm hoch zu kriechen schien, um sich
auszubreiten. Blass und panisch lag Frodo auf der Erde, die Schmerzen in
seiner Hand wichen eisiger Kälte. Bald konnte er seinen Arm nicht mehr
bewegen, und er richtete sich auf und setzte sich schluchzend auf den Boden,
sein Arm hing schlaff herunter. Die Nazgul hatten sich nun entfernt und
sahen den zwei Orks zu, die mit den Gefäßen und ihren Zangen fuchtelten.
Die beiden Orks sahen ab und zu grimmig zu Frodo hinüber, offenbar störte
sie sein erbärmliches Schluchzen und Jammern. Obwohl Frodo kaum noch etwas
um sich herum wahrnahm, außer seiner Angst, die Kälte in seiner Hand und die
schmerzenden Rippen, hörte er einen der Orks zu dem anderen sagen: "Bring
ihn zum Schweigen, jetzt ist er sowieso nicht mehr wichtig."
Frodo blickte erschrocken auf und sah einen der Orks mit einem Säbel auf ihn
zukommen. Panisch versuchte er, sich aufzurichten. Er stand mit zitternden
Knien da, und versuchte in seiner Angst wegzulaufen, doch seine Rippen und
seine zittrigen Knie ließen es nicht zu. Frodo wich nur zwei Schritte zurück
und sagte kaum hörbar: "Warte, bitte nicht."
Der Ork kam mit dem gezogenen Säbel auf ihn zu, blieb genau vor dem Hobbit
stehen, und holte dann aus. Frodo wusste, dass ihn die Waffe irgendwo in der
Nähe seines linken Armes treffen würde, und so versuchte er sich instinktiv
wegzudrehen. Doch er schaffte es nicht, denn dadurch, dass diese
schreckliche Kälte in seinem Arm saß und seine Rippen so schmerzten, konnte
er nicht schnell genug ausweichen. Der Ork stieß zu, und Frodo spürte einen
enormen Stich in der Nähe seines Herzens. Sofort überkam ihn eine
unheimliche Schwäche, seine Knie versagten, und die Umgebung verfärbte sich
schwarz, so kam es ihm vor. Als Frodo merkte, wie er fiel, griff er aus
einem Reflex heraus mit der rechten Hand den Arm des Orks, und versuchte
sich festzuhalten. Der Ork knurrte ihn an, und schüttelte seinen Arm, so
dass Frodo sich nicht mehr halten konnte und hilflos auf die Erde fiel. Der
Ork ließ Frodo liegen und kehrte zurück zu dem anderen und den Ringgeistern,
die mit irgendetwas unheimlich beschäftigt waren.
Frodo lag auf der Erde und Blut rann aus seiner Wunde und aus seinem Mund.
Er konnte nun nicht mehr schreien, selbst wenn er es gewollt hätte. Aus
seiner Kehle drang ein klägliches Röcheln, dass ab und zu durch ein Stöhnen
unterbrochen wurde. Der Hobbit spürte diese Kälte, Schmerzen, und noch etwas
anderes, wo er nicht recht wusste, was es war. Er war so schwach, und
dennoch hatte er das Gefühl, dass in seinem Inneren ein Kampf ausgetragen
wurde. Vor Frodos innerem Auge tauchten nun Bilder aus der Vergangenheit
auf, er erinnerte sich an sein erstes Spielzeug, dass er von Onkel Bilbo
bekommen hatte. Dann sah er, wie er als kleiner Hobbit einmal von einem Baum
gefallen war, damals hatte Sam ihm schon geholfen, das war eine seiner
ersten richtigen Begegnungen mit seinem zukünftigen besten Freund. So ging
es weiter, dutzende von Bildern kamen ihm in den Sinn, Bilder, die er
teilweise schon lange vergessen hatte, jetzt tauchten sie wieder auf, und
sie waren so wirklich, dass er glaubte, sie berühren zu können. Dann kehrte
er wieder in die Wirklichkeit zurück, und er hörte sein Herz in einem
schrecklich unnormalen Rhythmus schlagen. Er wurde sich wieder des Kampfes
in seinem Inneren bewusst, und fragte sich was das für ein Kampf war, der da
tief in ihm drin ausgefochten wurde. Mit halbgeschlossenen Augen sah er
hinüber zu den Orks und den Nazgul. Ein Ork hielt triumphierend etwas
rundes, fast leuchtendes mit der Zange in der Hand. Ein Ring, Frodo
erkannte, dass es der neue Ring war. Die Nazgul stießen wieder diese hohen
Schreie aus und stellten sich in einem Kreis um den Ork mit dem Ring herum.
Sie hatten es geschafft, Frodo hatte verloren und mit ihm würde ganz
Mittelerde verlieren.
Und langsam, ganz langsam wurde Frodo sich bewusst, was dort in seinem
Inneren für ein Kampf ausgetragen wurde. Es war der Tod, mit dem er rang.
Sein Körper kämpfte darum, weiterzuleben, und begann unkontrolliert zu
zucken. Der Tod wollte ihn haben, aber sein Herz wollte einfach noch nicht
aufhören zu schlagen. Es war so kalt, und Frodo wusste tief in seinem
Inneren, dass er nicht nur den Kampf um den Ring verloren hatte, er würde
auch den Kampf gegen den Tod verlieren.


Vierzehntes Kapitel: Die Adler

Der Schicksalsberg war nun direkt vor der Masse. Es war nun keine Schlange
mehr, sondern eher viele große Gruppen die alle schnellstmöglich auf den
riesigen Berg zugingen. Der Mann, der an der Seite von Aragorn kämpfen
wollte, hatte sich schon jetzt in seine Nähe begeben, seine kleine Tochter
war bei seiner Frau, die das Baby auf dem Arm hatte und dicht hinter Aragorn
und dem Mann lief. Aragorn hatte immer wieder gesagt, der Mann solle doch
dafür sorgen, dass die Frau und die Kinder weiter hinten blieben, dort wäre
es ungefährlicher, aber der Mann sagte nur: „Wir sind eine Familie. Wenn wir
sterben, dann zusammen.“ Aragorn konnte das auf der einen Seite gut
verstehen, es war sowieso alles hoffnungslos, aber trotzdem hätte er Arwen
und Eldarion niemals mit nach vorne genommen wenn sie da gewesen wären, und
wenn sie es selbst gewollt hätten. Zuerst wäre er selbst gefallen, und dann
erst ganz zum Schluss seine Frau und sein Kind.
Auch Gandalf war jetzt wieder in ihrer Nähe, und schaute immer wieder hinauf
auf den Berg. Er erinnerte sich Frodos Worte, als er sagte, alles würde sich
am Schicksalsberg entscheiden. Wie recht er hatte, und er hatte ihm damals
nicht glauben wollen. Wie töricht.
Sie erreichten bald die Hänge des Schicksalsberges, es dauerte eine Weile,
bis auch die letzten der hunderttausenden sich auf dem Land um den Berg
herum versammelt hatten. In der Ferne waren schon Heere von Orks zu
erkennen, wie eine riesige schwarze Wolke kamen sie unaufhaltsam auf den
Schicksalsberg zu marschiert.
Die Vorbereitungen für die Schlacht waren in vollem Gange. Einige Ents
hatten sich dazu bereit erklärt, jeder jeweils fünf Bogenschützen auf ihre
Wipfel zu nehmen, von dort aus konnte man die Ziele unter den Ents perfekt
anvisieren. Auch Merry und Pippin blieben auf Baumbart drauf, denn Pippin
konnte durch sein Bein sowieso noch nicht laufen. Sie hatten sich Steine
gesucht, um von oben werfen zu können.
Die Waffen wurden von den Pferden geladen, und einige Leute, die keine
Waffen abbekommen hatten, suchten sich Steine und große Stöcke zusammen, mit
denen sie sich verteidigen konnten. Legolas gab einem Mann, der nur einen
brüchigen Stock zur Verteidigung hatte eines seiner Messer, und dieser
bedankte sich überglücklich bei ihm. Der Elb sah sich die ganzen Krieger an,
und stellte fest, dass viele Kinder von vielleicht elf oder zwölf Jahren
sich unter ihnen befanden. Die Kettenhemden die sie trugen, waren viel zu
groß, und viele zitterten vor Angst, versuchten es sich aber nicht anmerken
zu lassen. Auch Mädchen waren dabei, manche versuchten vergeblich ihre
langen Haare unter viel zu großen Helmen zu verbergen, und wuchteten mit
den für sie viel zu schweren Schwertern herum. Ganz weit hinten erkannte
Legolas Eowyn und Faramir, die sich umarmten und Abschied voneinander zu
nehmen schienen. Auch Eomer war in der Nähe und saß auf seinem stolzen
Pferd, mit dem er in die Schlacht gehen wollte.
Legolas dachte an seine Heimat, doch er wurde plötzlich in seinen Gedanken
von Gimli unterbrochen, der ihn an seinem Mantel zupfte. „Tja, ähm. Also
ich... Jetzt wo alles zu Ende geht wollte ich dir eigentlich nur sagen, dass
... Nun ja, ich bin froh, mit so einem Elben wie dir befreundet zu sein, und
es kann ruhig jeder wissen, selbst die anderen Spitzohren.“
Legolas legte dem Zwerg lächelnd seine Hand auf die Schulter und sagte dann:
„Mir geht es ebenso, Gimli. Ich bin froh einer der wenigen Elben zu sein,
die die große Ehre besitzen, eine Freundschaft mit einem Zwerg zu haben.“
Der Zwerg lächelte gerührt und umarmte Legolas in Bauchhöhe. Ein paar Elben,
die ganz in der Nähe standen schienen ihren Augen nicht zu trauen und
blickten ungläubig drein. Gimli bemerkte das und schrie, während er Legolas
immer noch fest umarmte und an sich drückte: „Ja, guckt ihr nur, ich mag
diesen Elben, obwohl ich ein Zwerg bin! Und ich habe ihn schon immer
gemocht, das ist kein Geheimnis!“ Dabei drückte er den Elben noch ein Stück
näher an sich.
„Du hast mich schon immer gemocht“, fragte Legolas ungläubig, obwohl er
durch Gimlis feste Umarmung wenig Luft bekam.
„Na ja, vielleicht bis auf den Anfang“, gab der Zwerg kleinlaut zu. Legolas
lächelte und auch Aragorn und Gandalf schmunzelten.
Sam blickte nun nach oben, zum Gipfel des Schicksalsberges. Plötzlich sah er
etwas in der Ferne auf den Berg zufliegen. Er erkannte bald, dass es ein
Nazgul auf einer fliegenden Kreatur war, und kurz darauf erkannte er auch,
dass das Monster etwas in seinen Klauen hatte. „Seht nur, da oben“, schrie
er an seine Gefährten gewandt. Gandalf blickte überrascht nach oben, und auch
er sah den fliegenden Ringgeist nun auf den Gipfel zusteuern. Aragorn
verengte seine Augen zu Schlitzen, und versuchte zu erkennen, was die
schwarze Kreatur da in ihren Klauen trug. „Legolas, kannst du etwas erkennen
“, fragte er den Elben, der wesentlich bessere Augen besaß als er.
Auch Legolas kniff nun die Augen zusammen und starrte angestrengt in die
Ferne. „Es ist sehr weit weg, aber ich möchte meinen, es ist ein Hobbit, den
er da in seinen Klauen trägt.“
„Das ist bestimmt Frodo“, schrie Sam aufgeregt, und ließ die Zügel von Lutz
los, der sich sogleich selbstständig machte. „Gandalf, tu doch was! Kannst
du nicht irgendwas machen?“
Gandalf sah hoch, alles wird sich am Schicksalsberg entscheiden, hatte Frodo
ihm damals gesagt. Der Zauberer überlegte, was könnte er tun? Frodo aus der
Gewalt der Ringgeister befreien war unmöglich, aber vielleicht gab es etwas
anderes? „In der Tat mein kleiner Hobbit, es gibt etwas, dass ich tun
könnte, ich bin mir nur nicht sicher, ob es uns weiter hilft.“
„Was wäre das“, fragte Sam aufgeregt.
„Ich könnte dafür sorgen, dass wir auf die Plattform gelangen, vielleicht
können wir oben etwas tun.“
„Oh ja, ja“, schrie Sam ganz aufgeregt.
„Gandalf, was willst du bezwecken? Was, glaubst du denn, kannst du mit Sam da
oben ausrichten, wer weiß, wer da noch alles oben auf der Plattform ist“,
sagte Aragorn, und sah jetzt sehr nachdenklich aus.
„Ist doch egal“, antwortete Sam laut, noch bevor Gandalf etwas sagen konnte.
„Ob wir nun hier unten sterben, oder da oben, wo liegt der Unterschied? Ich
für meinen Teil falle lieber an Frodos Seite, von mir aus, gehe ich auch
ganz alleine auf die Plattform, und Gandalf bleibt hier unten, wenn du das
lieber hast!“
„Sam versteh mich nicht falsch, so war es nicht gemeint, ich...“
„So kam es aber rüber“, sagte Sam mit einem bösen Blick.
Gandalf ging jetzt zwischen die Beiden, und sah sie vorwurfsvoll an. „Was
ist denn euch wiedergefahren? Seid ihr denn von allen guten Geistern
verlassen? Vertraut einem alten Zauberer, ich habe das Gefühl, dass es
richtig ist dort oben auf die Plattform zu gehen, und ich komme mit dir mit,
Sam.“
Aragorn streichelte Sam über den Kopf, und der bekam sofort ein schlechtes
Gewissen, Aragorn so angefahren zu haben. „Es tut mir leid Sam, es war
wirklich nicht so gemeint. Tu was du für richtig hältst, geh mit dem
Zauberer.“
Gandalf stand derweil schon aufrecht und hielt seinen Zauberstab in die
Höhe. Er murmelte etwas vor sich hin, und sein Zauberstab begann an der
Spitze zu leuchten. Alle sahen Gandalf gespannt an. „Was macht er denn da“,
fragte Gimli und hüpfte auf und ab, um etwas zu erkennen.
Dann drehte sich Gandalf um und sagte: „Nur noch etwas Geduld, sie werden
kommen.“
„Wer, wer wird kommen“, fragte Sam aufgeregt.
„Gedulde dich.“
Gandalf sah immer wieder erwartungsvoll in die Ferne, und nach einer Weile
konnte man am Himmel mehrere Gestalten erkennen, die aus Nordwesten kamen,
und auf sie zusteuerten. Gandalf blickte freudig empor. „Ah, da sind sie ja!

Sam sah angestrengt zu den Gestalten am Himmel, und langsam erkannte er, was
sie waren. „Adler“, sagte er voller Staunen. Sam schien vor Freude fast zu
platzen, obwohl er sich auch ein bisschen fürchtete, was ihn auf der
Plattform erwarten würde. Oder besser gesagt, wer ihn außer Frodo dort
vielleicht erwarten würde.
Legolas sah voller Ehrfurcht, wie das große Tier langsam auf sie zu segelte.
„Sie sind wunderschön, nicht war?“
Aragorn nickte zustimmend, und auch Gimli schien von ihrem Anblick tief
fasziniert zu sein.
Die Elben, Menschen und Hobbits um sie herum blickten ebenfalls empor und
überall war ein Staunen zu vernehmen.
Ein mächtiger Adler segelte direkt auf Gandalf zu, und landete schließlich
direkt vor ihm. Der Adler verursachte einen gewaltigen Wind, als er landete,
und Sam hielt sich die Hand vor die Augen, um keinen Sand hinein zu
bekommen. Die anderen sechs Adler segelten ganz in ihrer Nähe hin und her.
Gandalf ging auf das Tier zu und berührte das Federkleid des Adlers. Dann
drehte er sich zu Sam um und sagte: „Na komm. Er wird uns auf den
Schicksalsberg tragen.“
Sam wurde etwas bange bei dem Gedanken mit dem Adler hinauf zu fliegen,
aber der Gedanke an Frodo ließ ihn seine Angst schnell wieder vergessen.
Gandalf half Sam auf den Adler zu klettern und stieg dann selbst hinauf.
Beide hielten sich in den Federn des mächtigen Tieres fest. „Lebt wohl,
meine Freunde“, sagte Gandalf und nickte Aragorn, Legolas und Gimli zu. Die
drei nickten zurück und Sam winkte einmal. Der Adler erhob sich in die Lüfte
und flog in Richtung Plattform, die anderen sechs folgten.
Legolas blickte ihnen nach, bis sie seinem Elbenauge entschwanden. „Ob wir
sie jemals wiedersehen werden“, fragte er, doch niemand gab eine Antwort.

Fünfzehntes Kapitel: Die Schlacht

Nun war es soweit. Die Zeit schien still zu stehen, und die Anspannung war
so groß, wie es nur selten der Fall war. Auf der einen Seite standen die
Orks, Uruk-hai, Höhlentrolle und Wargreiter. Auf der anderen Seite die
Menschen, Elben, Hobbits und Ents. Es begann zu regnen, und Wolken hatten
den Himmel so bedeckt, dass es ungewöhnlich dunkel war. Die Orks und
Uruk-hai brüllten kampfeslüstern, und stampften mit ihren Speeren immer
wieder auf den Boden.
Alle hatten bereits die Waffen gezogen, und standen sich bereit gegenüber.
Auf der Seite der Menschen, Elben und Hobbits hatte man sich dafür
entschlossen, dass niemand Befehle gab. Alle sollte kämpfen, so gut sie es
konnten, es gab eh nichts mehr zu verlieren. Jetzt konnten die Kinder in
ihren viel zu großen Rüstungen ihre Angst nicht mehr verbergen, beim Anblick
des übermächtigen Feindes zitterten sie, dass die Rüstungen klapperten. Aber
nicht nur die Kinder waren beim Anblick des Feindes eingeschüchtert und
blickten voll Ehrfurcht auf den Feind. Selbst einige Krieger verloren
Tränen, und sogar die Elben kämpften teilweise darum ihre Fassung zu
behalten. Es war hoffnungslos, jetzt war es nur noch das Ziel, so viele
Gegner wie möglich mit in den Tod zu reißen. Der Mann der an Aragorns Seite
kämpfen wollte, hatte sich neben ihm aufgestellt, und blickte mit gezogenem
Schwert finster auf den Feind. Seine Frau stand mit dem Baby ganz in ihrer
Nähe, und Aragorn hatte Mühe, das zu verstehen. Auch das kleine Mädchen stand
neben ihr mit einem neuen selbsgebastelten Bogen, der noch brüchiger aussah,
als der zuvor und fragte immer wieder: „Wo is der Elb?“
Legolas hatte sich zusammen mit Gimli ein paar Meter weiter postiert, auch
er wirkte ungewöhnlich angespannt und ergriffen. Selbst Gimli gab kein Wort
von sich, sondern schwang nun still seine Axt.
Dann ganz plötzlich gab es ein lautes Gebrüll auf der Gegnerseite, lauter
als zuvor, und nun wussten alle, dass es der Ruf zum Angriff war. Die
Menschen, Elben und Hobbits machten sich bereit, und hielten teilweise
zitternd ihre Waffen. Dann begann auch auf ihrer Seite ein Geschrei und
laute Kampfesrufe ertönten. Doch niemand schrie mehr „Für Gondor“, oder „Für
Rohan“, alle riefen immer nur noch „Für Mittelerede“!
Dann brach die Schlacht los. Brüllend rannten die Massen aufeinander zu,
Schilde krachten aufeinander ein, Schwerter klirrten und Pfeile schwirrten
zu Hunderten in der Luft. Erste Schreie waren zu hören, die ersten Toten und
Verwundeten brachen auf der Erde zusammen, sowohl beim Feind, als auch bei
den Menschen, Elben und Hobbits. Blut tränkte den Boden und die
Regenpfützen, die sich auf der Erde gebildet hatten, färbten sich rot.
Die Ents gingen wie die Berserker auf die Höhlentrolle los, und von ihren
Köpfen schossen die Bogenschützen massenweise Pfeile. Ein Ent schlug einem
Höhlentroll so gewaltig mit seinem hölzernen Arm auf den Rücken, dass die
Wirbelsäule des Trolls unter einem lauten Knacken brach, und der Troll tot
zu Boden stürzte und zahlreiche Orks, Elben und Menschen unter sich begrub.
Die Bogenschützen auf den Wipfeln der Ents konnten sich teilweise nicht mehr
halten und stürzten in die Tiefe. Auch Merry und Pippin hatten alle Mühe
sich oben auf Baumbart festzukrallen, denn auch er wurde einmal durch einen
harten Schlag mit der Keule eines Höhlentrolls getroffen. Er konnte sich
jedoch gerade noch rechtzeitig wieder aufrichten, und Merry, der gerade im
Begriff war, von ihm runterzufallen und in den Tod zu stürzen, mit seiner
großen Hand auffangen.
Auch in der Luft war ein Kampf entstanden, der selten so verbissen war. Zwei
Drachen flogen drohend über dem Schicksalsberg, und spien immer wieder
gewaltige Flammen Feuer in den Himmel. Die Adler jedoch griffen sie mit
einer Zielstrebigkeit an, dass es verwunderlich war. Sie versuchten den
Drachen durch gezielte Attacken die Augen auszuhacken, und bei einem der
Drachen gelang ihnen das auch. Die mächtige Kreatur stürzte blind und unter
einem lauten Gebrüll auf die Plattform zu, und brach mit einem gewaltigen
Krachen ein großes Stück von ihr ab, als sie aufschlug. Dann wurde der
Drache von den Flammen des Schicksalsberges verschlungen.
Ein Adler wurde von der Flamme des anderen Drachen am Flügel versengt und
stürzte ebenfalls hinein in den feurigen Berg. Immer wieder hackten einige
Adler mit ihren scharfen Klauen auf den Drachen ein, der noch übrig war, und
irgendwann gelang es ihnen, ihn in die Flucht zu schlagen.
Jetzt versuchten die fliegenden Nazgul etwas gegen die Drachen
auszurichten, doch die großen Vögel kämpften eisern, wenn auch ein Sieg
gegen die Ringgeister ausgeschlossen schien. Zwei weitere Adler stürzten
tödlich getroffen hinab in die Tiefe, und die Nazgul flogen bedrohlich über
dem Schicksalsberg hin und her.
Die Menschen, Elben und Hobbits kämpften, so gut es ihnen nur möglich war.
Leichen lagen schon überall auf der Erde und trotz des Regens war der
Geruch von Blut in der Luft. Viele der Krieger jedoch achteten schon gar
nicht mehr darauf, wer ihnen vor das Schwert lief, sie hackten einfach wild
und entschlossen auf alles, was sich bewegte, und auch mehrere Verbündete
ließen dabei ihr Leben.
Die Orks und Uruk-hai stürmten wie eine riesige Welle nach vorne und
schlitzten jeden, der ihnen im Weg stand, erbarmungslos auf oder stachen ihn
nieder. Elben und Menschen sanken blutüberströmt zu Boden, ein Bild des
Grauens tat sich auf.
Legolas schoss seinen Köcher im Nu leer und musste sich ständig neue Pfeile
holen, indem er sie aus tödlich getroffenen einfach wieder hinauszog, oder
den Toten die Pfeile wegnahm, die noch in ihren Köchern steckten. Selbst der
Elb kam trotz seiner Schnelligkeit mit dem Schießen nicht hinterher, so
viele Gegner stürmten auf ihn ein. Schließlich nahm er sich zwei große
Schwerter, die am Bogen lagen, und schlug den Feinden mit wirbelnden
Bewegungen die Köpfe ab. Als Legolas einmal kurz Zeit hatte, auf den Boden zu
schauen, sah er den Mann, dem er eines seiner Messer geschenkt hatte, tot
auf der Erde liegen. Als ihn wieder mehrere Orks attackierten, wich er den
Angriffen des Feindes mit geschickten, schnellen Bewegungen aus, und warf
sich einmal blitzschnell auf den Boden, um einem herannahenden Schwert zu
entgehen. Er konnte ihm jedoch nicht ganz ausweichen, denn auch von der
Seite hatten sich ihm zwei Orks genähert, und so schnitt ihm das Schwert
einmal quer über den rechten Oberschenkel. Legolas jedoch kümmerte sich
nicht weiter darum und stach den Angreifer mit einem gezielten Stich in den
Bauch nieder.
Dann sprang er auf und sah entsetzt, wie ein Ork Gimli seine letzte Axt aus
der Hand schlug, die ihm noch verblieben war. Das widerliche Geschöpf ging
nun drohend auf den wehrlosen Zwerg zu und holte zum Schlag aus, doch
Legolas warf das Schwert, das er in der Hand hatte und es blieb dem Ork im
Kopf stecken, und er sank zu Boden. Gimli guckte nur ganz verdutzt und
nickte dann als Zeichen des Dankes. Dann hob er seine Axt wieder auf und
rannte mit einem Kampfesschrei in eine Gruppe aus fünf Uruk-hai und hieb
wie von Sinnen auf sie ein. Einer nach dem anderen fiel zu Boden.
Auch Aragorn kämpfte sich wacker durch scheinbar unzählige Orks hindurch. Er
konnte zwar auch noch von Freund und Feind unterscheiden und tötete nicht
wahllos, aber er war so verbissen, dass er einiges gar nicht mehr mitbekam,
was um ihn herum geschah. Er sah nur einmal, wie der Mann, der unbedingt
darauf bestanden hatte neben ihm zu kämpfen, sein Schild vor Aragorn hielt,
und ihn so vor einem tödlichen Schwerthieb rettete. Aragorn hob dankend die
Hand, und war jetzt sehr froh, den Mann in seiner Nähe zu haben. Aragorn
zückte sein Schwert erneut und lief hinüber zu einer Gruppe wilder Menschen,
die gerade einige Elben niedergemetzelt hatten. Er war so konzentriert auf
seine eigenen Attacken, dass er gar nicht bemerkte, wie sich ein Schwert in
seine rechte Schulter bohrte. Als er sich umblickte, um zu sehen, ob der
Mann noch in seiner Nähe war, konnte er ihn nicht mehr finden, doch er hatte
keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Er wurde erneut angegriffen.
So zog sich die Schlacht hin, einige Ents lagen am Boden und bewegten sich
nicht mehr. Merry und Pippin hatten ihre Munition aus Steinen schon längst
verschossen und konnten nur noch von Baumbarts Wipfel aus tatenlos zusehen,
wie einer nach dem anderen dem Feind zum Opfer fiel.
Der Boden war schon übersät mit Toten, es gab kaum mehr einen freien Platz
auf der Erde. Überall tobten noch die Schlachtrufe und Kampfgeräusche, doch
langsam, aber sicher schien der Feind die Überhand zu gewinnen.

Sechzehntes Kapitel: Der Ring und sein Herr

Frodo fühlte, wie die Kräfte ihn immer mehr verließen. Dennoch versuchte er
sich verzweifelt auf alles um ihn herum zu konzentrieren. Ihm wurde
schmerzlich bewusst, dass es nun mit ihm zu Ende ging, und er versuchte
gegen diese unheimliche Macht anzukämpfen, die ihn mitzureißen drohte. Sein
Arm war immer noch eiskalt, und ließ sich nicht ein Stück mehr bewegen.
Überhaupt hatte er das Gefühl, über seinen gesamten Körper keine Kontrolle
mehr zu haben. Für einen kurzen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen, und
er glaubte schon, seinen Kampf verloren zu haben. Als er nach kurzer Zeit
wieder zu sich kam erschrak er, und versuchte sich trotz seiner schweren
Verletzungen noch auf die Seite zu drehen, um das besser sehen zu können,
was ihn so erschrocken hatte. Sauron war auf der Plattform, und er hatte den
neuen Ring in der einen Hand und war im Begriff ihn auf zu setzten. Der Ring
leuchtete golden, und bedrohlich glühten die elbischen Buchstaben rot.
Sauron stand etwas weiter entfernt von Frodo, am Rande der Plattform und
schien den Anblick zu genießen, den er gerade hatte: Kämpfende Massen. Dann
krachte plötzlich ein Drachen auf die Plattform und riss ein großes Stück
von ihr ab. Anschließend fiel die Kreatur in die feurige Kluft. Die
Adler kreisten über dem Berg und kämpften gegen den anderen Drachen und die
Nazgul.
Plötzlich hörte Frodo ein Flügelschlagen, und auch schon im nächsten Moment
vernahm er die Stimme von Sam. „Herr Frodo, Herr Frodo!“
Frodo versuchte den Kopf zu heben, aber es gelang ihm nicht, und im nächsten
Moment fühlte er auch schon, wie Sam ihn berührte, und in seine Arme nahm.
Sam sah ihn nur an, und konnte nichts mehr sagen. Tränen liefen ihm wie
kleine Flüsse die Wangen hinunter. Frodo nahm all seine Kraft zusammen und
blickte Sam an. „Sam, dass du da bist...“
„Oh, Herr Frodo, es tut mir so leid, ich, ich...“, doch er kam aus dem
Schluchzen nicht mehr hinaus. Auch Frodo fühlte, wie er seine Tränen nicht
mehr zurückhalten konnte. Er hatte sich selbst töten wollen, als es keine
Hoffnung mehr gab, seinen Freund jemals wieder zu sehen. Nun aber war Sam
da, und Frodo spürte, wie sein Leben aus ihm zu entweichen schien, und er
hatte Angst, dass das geschah. Frodo wollte Sam nicht verlassen, er hatte
jetzt Angst vor dieser endgültigen Sache. „Ich will nicht sterben Sam, ich
hab solche Angst“, schluchtste er. „Ich will noch bei dir bleiben, ich will
noch nicht sterben“, sagte er fast flüsternd.
Sam brach es fast das Herz, er konnte Frodo kaum sehen, so feucht waren
seine Augen. Er nahm Frodos Hand und drückte sie. „Aber du wirst nicht
sterben, Herr Frodo“, sagte Sam von tiefen Schluchzern unterbrochen, und war
sich gewiss, dass er log.
„Seit wann belügst du mich, Sam“, fragte Frodo ganz leise, und er war bereits
so schwach, dass seine Stimme mehrere Male versagte. Sam zog ihn zu sich ran
und vergrub sein Gesicht vorsichtig in Frodos Umhang, dabei weinte er so
heftig, dass seine Augen brannten.
„Sam, bitte tu das nicht, du machst mir den Abschied noch schwerer“, sagte
Frodo, und wimmerte leise vor sich hin.
„Aber was soll ich denn tun? Es ist alles meine Schuld, warum habe ich nicht
besser auf dich acht gegeben? Ich kann mir das nie verzeihen, du darfst
hier nicht sterben, ich flehe dich an.“ Sam nahm Frodos Kopf in die Hände
und sorgte dafür, dass Frodo ihn ansah.
Frodo wollte irgendetwas sagen, aber er konnte nicht, stattdessen liefen ihm
Tränen aus den Augen und an den Seiten herab, und er drückte Sams Hand ganz
leicht.
Sam bemerkte, dass Frodos Atem nicht mehr normal klang, sondern dass er
stoßweise und schwer atmete. „Nein, bitte“, flüsterte er leise vor sich hin,
und suchte nach Gandalf, der etwas hinter ihnen stand und Sauron
beobachtete.
Der dunkle Herrscher beachtete sie gar nicht, er war sich seines Sieges
gewiss, und war nun im Stande den neuen Ring aufzusetzen. Mächtig und
furchteinflößend sah er auf die kämpfenden Massen an den Hängen des
Schicksalsberges hinab und setzte sich den Ring auf den Finger. Gandalf
schloss die Augen, nun würde Sauron sie alle mit einem Schlag vernichten, es
war vorbei, die Schlacht um Mittelerde war verloren.
Der Ring glühte unheilverkündend an Saurons Finger und ein scheußliches
Lachen ertönte, als er die Hand hob, und seiner übernatürlichen Macht freien
Lauf lassen wollte.
Der Herrscher stand mit erhobener Hand da, doch nichts geschah. Gandalf
öffnete die Augen wieder, und der Ring schien nur noch halb so stark zu
leuchten, als wie davor.
Und dann geschah etwas, dass selbst Gandalf nicht fassen konnte: Der Ring
rutschte von Saurons Finger, kam mit einem Klirren auf den Boden auf, und
rollte dann in die Mitte von Sauron und Frodo. Sam blickte auf, und hielt
immer noch den sterbenden Frodo vorsichtig in den Armen. Gandalf sah Sauron
an, der anscheinend nicht recht begreifen konnte, was da gerade geschehen
war. Er starrte auf den Ring, der am Boden lag, dass konnte man erkennen,
trotzdem der dunkle Herrscher eine Rüstung trug, und auch sein Gesicht
verdeckt war.
Und dann durchfuhr es Gandalf wie ein Blitz, so als hätte die Antwort auf
das, was da gerade geschehen war, schon die ganze Zeit vor ihm gelegen.
Entschlossen hob er seinen Zauberstab in die Luft, und ein Donnern war zu
hören. „Sam, der Ring! Gib Frodo den Ring, aber berühre ihn nicht“, schrie
er so laut er konnte.
Sam legte Frodo vorsichtig zurück auf die Erde und eilte zu dem glühenden
Ring hinüber, er zog ein kleines Messer und trug den Ring an der Spitze
vorsichtig hinüber zu Frodo.
Sam blickte zu Gandalf, der Sauron mit seinem Zauberstab anscheinend daran
hindern wollte, zu dem Ring zu gelangen, doch der Herrscher war immer noch
mächtig und ließ sich nicht so einfach von Gandalf aufhalten. Der Zauberer
schien sich mächtig anzustrengen, und Sauron schaffte es nicht, zu Frodo und
dem Ring zu gelangen. Der dunkle Herrscher stand jetzt an der Seite der
Plattform, von woraus man direkt in die feurige Kluft schauen konnte, und
versuchte immer noch an den Ring zu gelangen.
„Was soll ich jetzt tun“, schrie Sam zu Gandalf und hielt immer noch den
Ring an seiner Messerspitze.
„Gib Frodo den Ring in die Hand“, brüllte der Zauberer zurück.
„Aber Gandalf, das tötet ihn vielleicht.“
„Tu was ich dir sage Sam, Frodo hat sowieso nicht mehr viel zu verlieren!“
Sam öffnete schweren Herzens Frodos erkaltete Hand und legte den Ring hinein.
Frodo spürte sofort, wie eine unheimliche Macht durch seinen Körper strömte.
Er bekam eine Kraft, die er nicht mehr verspürt hatte, seit er verletzt worden
war. Seine eiskalte Hand, die von der Morgulklinge verletzt worden war,
wurde plötzlich angenehm heiß, und die ganzen Schmerzen, die er hatte lösten
sich auf einmal im Nichts auf. Er schlug die Augen auf, und begann sich
sogleich aufzurichten. Wellen aus neuer, nie da gewesener Kraft
durchströmten ihn, und er bekam das Gefühl allmächtig zu sein. Er setzte
sich den Ring auf den Finger, und die Elbenschrift glühte heller denn je.
Sauron hielt sich die Hände vor sein Gesicht, als Frodo nun die Hand mit dem
Ring erhob, und dafür sorgte, dass der dunkle Herrscher rücklings in die
Kluft des Schicksalsberges hineinfiel. Die Flammen verschlangen Sauron und
gaben ihn nicht wieder her.
Frodo stand nun da, ohne etwas zu sagen, mit dem Ring am Finger, mächtig und
mit einem ernsten Gesicht. Man sah ihm an, dass er vorhatte, den Ring zu
behalten, er gab ihm die Macht über alles.
Gandalf sah ihn ruhig an, die Macht des Ringes hatte Frodo von neuem
heimgesucht.
„Du hast nun die Macht über alle Frodo. Doch bedenke, dass dir der Ring
nicht alleine gehört. Im Moment scheint deine Kraft gesiegt zu haben, doch
an einem anderen Tag könnte Sauron wieder der Herr des Ringes sein.“
Frodo blickte den Ring an, und seine Augen glühten etwas.
„Herr Frodo“, meldete sich Sam zu Wort. „Denk nach was du da tun willst,
wenn du den Ring behältst, das wirst du auf ewig von ihm abhängig sein.“
„Er gehört mir“, brachte Frodo hervor. „Er gehorcht mir, er hat Sauron
vernichtet.“
„Ja, er hat ihn vernichtet, aber er kann ihn genauso gut wieder
zurückholen. Der Ring ist tückisch, vernichte ihn, Frodo. Vernichte ihn, so
lange du noch kannst“, sagte Gandalf ruhig.
Frodo ging zu der Stelle, an der Sauron in das Feuer gestürzt war, und
blickte in die Flammen. Alles war still, dann nahm Frodo plötzlich den Ring
vom Finger und sagte: „Ihr habt recht. Der Ring gehört Sauron und mir, und
er kann jederzeit zu Sauron zurückkehren.“
Dann nahm er ihn vom Finger und warf ihn in die Flammen. Der Ring versank in
dem hellen Feuer des Schicksalsberges.
Frodo sank auf die Erde, die Kraft war nun wieder verloren, aber seine
Wunden waren nicht mehr da. Sam lief zu ihm hinüber und umarmte ihn heftig,
und jetzt kullerten Tränen der Freude seine Wangen hinunter.
Die Nazgul, die vorher noch über dem Berg gekreist waren, waren nun
urplötzlich verschwunden und das Schlachtgeschrei von unten war verhallt.
Als Gandalf hinunter blickte konnte er mit einem bewegenden Blick
feststellen, wie Tausende von Orks fluchtartig das Feld räumten und weiter
hinein nach Mordor liefen. Ein Jubeln und Schreien erklang auf der Seite der
Menschen, Elben und Hobbits, und man konnte selbst von der Plattform aus
erkennen, dass sie ihre Waffen siegessicher in der Luft hielten.
„Es ist vorbei“, stellte Gandalf zutiefst gerührt fest. „Du hast es
geschafft, Frodo.“ Mit diesen Worten streichelte er dem Hobbit über den
Kopf. Frodo lächelte schwach. „Es ist wirklich vorbei“, murmelte er.

Siebzehntes Kapitel: Der letzte Wunsch

Aragorn stieg über die ganzen Toten und Verwundeten und betrachtete
das Schlachtfeld. Es war grausam, so viele tote Kinder lagen auf der
Erde, der Schrecken stand ihnen noch förmlich in ihre blassen Gesichter
geschrieben. Frauen lagen blutüberströmt daneben, ganz zu schweigen von den
vielen Kriegern, die ihr Leben hatten lassen müssen. Niemand konnte sich so
richtig erklären, was geschehen war. Urplötzlich schienen die Gegner Angst
bekommen zu haben, und waren geflüchtet. Keiner konnte sich so richtig
erklären, was auf einmal geschehen war.
Viele der Menschen, Elben und Hobbits irrten auf dem Schlachtfeld umher und
suchten ihre Angehörigen, viele weinten und waren verzweifelt, als sie ihre
Angehörigen entweder gar nicht fanden, oder tot auf der Erde liegen sahen.
Überall war Blut, und zwischen den ganzen Bergen aus Leichen und Verletzten
hockten verstörte, kleine Kinder und weinten nach ihren Müttern und Vätern.
Aragorn hielt Ausschau nach Legolas und Gimli, er war sich nicht sicher, ob
sie überhaupt noch am Leben waren. Er war müde von der Schlacht, und seine
Arme und Beine zitterten leicht, weil er seine Muskeln so angespannt hatte
beim Kämpfen.
Er steckte sein blutiges Schwert ein, dass er zuvor noch in der Hand
gehalten hatte, und blickte die ganzen Leute um sich herum an, in der
Hoffnung, seine Gefährten irgendwo zu finden. Er stellte sich vor, wie es
wohl für ihn wäre Legolas und Gimli irgendwo tot auf der Erde zu finden, und
ihn beunruhigte dieser Gedanke sehr. Seine Schulter schmerzte, und er hatte
eigentlich das Bedürfnis sich endlich einmal schlafen zu legen.
Er ging weiter und, und hörte plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihm.
„Aragorn, warte.“
Es war Legolas, und neben ihm war Gimli. Trotzdem die Situation eigentlich
sehr ernst war, konnte er sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, als
er die beiden sah. Sie gaben ein rührendes Bild ab. Gimli humpelte,
irgendetwas schien mit seinem linken Bein nicht in Ordnung zu sein, und
Legolas‘ klaffende Wunde auf seinem rechten Bein zwang ihn ebenfalls dazu,
einen hinkenden Gang einzulegen. Beide jedoch stützten sich gegenseitig
aufeinander, um ihre verletzten Beine zu entlasten, und so entstand ein
äußerst merkwürdig aussehender Gang, zumal Legolas, wenn er ein Schritt tat
sich auf Gimlis Schulter abstützte, und der Zwerg, wenn er ging, sich an
Legolas‘ Arm festhielt, da der Elb viel zu groß war, als dass sich der Zwerg
hätte aufstützen können.
„Meine Freunde“, sagte Aragorn erfreut, „ich bin froh, dass ihr noch am
Leben seid“.
„Geht uns ehrlich gesagt, genauso“, brummte Gimli. „Wir sind auch sehr froh,
dass wir noch leben.“
„Weißt du, was geschehen ist, Aragorn“, fragte Legolas, und sah Aragorn
aufmerksam an.
„Nein, ich habe keine Ahnung.“
Plötzlich hörten sie lautes Weinen eines Kindes, und Aragorn ging in die
Richtung aus der es kam. Gimli und Legolas kamen in ihrem wackelnden Gang
langsam hinterher.
Aragorn blickte suchend um sich, und erkannte dann, woher das Weinen kam.
Der Mann, der neben Aragorn gekämpft hatte, und ihm sogar einmal das Leben
gerettet hatte, lag auf der Erde, und neben ihm saß seine kleine
verängstigte Tochter. Der Mann lag schwer atmend auf der Seite und hatte ein
Messer im Rücken, Aragorn sah sofort, dass er im Sterben lag. Das kleine
Mädchen kauerte verängstigt auf der Erde und versuchte ihren Vater durch
Rütteln an der Schulter zum Aufstehen zu bewegen. Jetzt konnte Aragorn ein
paar Meter weiter auch die Mutter der Kleinen liegen sehen. Sie lag
erschlagen auf der Erde, und das Baby, dass sie auf den Händen getragen
hatte, war verschwunden.
Aragorn hob das kleine Mädchen vorsichtig von der Erde auf. Die Kleine rief
immerzu nach ihrem Papa. „Legolas, kannst du sie kurz nehmen“, fragte er den
Elben. Er sah, dass der Elb selbst verletzt war und alleine kaum gehen
konnte, aber wusste nicht, wo er sie sonst hingeben sollte.
„Ja, ich denke schon“, sagte Legolas, und nahm die Kleine auf den Arm. Er
sackte kurz zusammen und Gimli half ihm sich wieder gerade hinzustellen.
Dann entfernten sie sich hinkend mit dem Mädchen ein paar Meter.
Aragorn kniete sich vor den Mann nieder. Der sah ihn mit feuchten Augen an.
„Sie haben meine Frau getötet, und mein kleines Baby ist weg.“ Dann krallte
er sich unabsichtlich in Aragorns verletzte Schulter, um sich aufzurichten.
Aragorn zuckte zusammen vor Schmerz, sagte aber nichts. „Ich werde auch
sterben, Aragorn, König von Gondor, und meine kleine Tochter wird ganz
alleine zurückbleiben. Ich war ein Narr, ich habe alles falsch gemacht, was
nur falsch zu machen ging. Ich habe meine Frau und meine Kinder in den Tod
rennen lassen, und dich beschimpft, obwohl du viel weiser bist als ich.“
Aragorn sah ihn an. „Du hast im Kampf dein Bestes gegeben und mir das Leben
gerettet, du hast Ehre verdient.“
Der Mann zitterte, und fing langsam an zu röcheln. Er konnte kaum noch
sprechen. „Ich wage es kaum zu fragen, mein König, aber darf ich dich um ein
großen letzten Gefallen bitten? Es ist schändlich so etwas von einem König
zu verlangen, aber ich...“
„Verlange von mir was du willst, hier auf dem Schlachtfeld bin ich nur einer
von vielen und kein König. Außerdem hast du mir das Leben gerettet, ich
schulde dir etwas“, unterbrach ihn Aragorn.
Der Mann lächelte gequält, und nahm seine ganzen letzten Kräfte zusammen.
„Kannst du dich meiner kleinen Tochter annehmen? Ich will nicht, dass sie
als Waise aufwächst.“ Dann machte er eine kleine Pause und holte tief Luft.
„Ich weiß, man darf so etwas von einem König nicht verlangen, aber was soll
denn aus ihr werden, wenn sich ihr keiner annimmt? Ich bitte dich in aller
Form darum.“
Aragorn nahm die Hand des Mannes. „Ich werde tun, worum du mich gebeten
hast, ich habe es versprochen, und ich halte immer meine Versprechen so gut
es geht.“
Der Mann lächelte noch einmal und wollte noch etwas sagen, aber sein Kopf
sank plötzlich zurück, und seine Augen wurden starr und trüb. Er war tot und
Aragorn schloss ihm die Augen und flüsterte: „Ruhe in Frieden, mein Freund.“
Dann ging er zu Legolas und Gimli. Das kleine Mädchen hatte schon wieder
vergessen, was geschehen war, denn Gimli hatte sie mit ihrem
selbstgebastelten Bogen, den sie immer noch fest in ihrer kleinen Hand hielt
abgelenkt. Zwar fragte sie noch ein paar mal „Wann kommt denn Papa und Mama
“, aber sie schien nicht zu begreifen was wirklich geschehen war.
Legolas der sich auf einen Stein gesetzt hatte und versuchte sein blutendes
Bein vor dem Mädchen zu verbergen sah ihn aufmerksam an. „Was ist los?“
„Er ist tot. Ihre ganze Familie ist tot“, sagte Aragorn flüsternd, so dass
es die Kleine nicht mitbekam.
„Was wird jetzt aus ihr“, fragte Gimli besorgt.
„Ich werde sie mitnehmen, es war der letzte Wunsch ihres Vaters.“
Legolas sah Aragorn an und nickte ihm zu, mit dieser Entscheidung war er
mehr als zufrieden.
„Lasst uns hier weggehen“, meinte Aragorn nach einem Augenblick des
Schweigens. Er wollte die Kleine hochnehmen, doch sie rannte sofort zu
Legolas. „Laufe! Kannt du mit mir laufe“, forderte sie den Elb fröhlich auf.
Legolas streichelte ihr einmal über das Haar und zog seinen Umhang ein Stück
weiter über sein blutiges Bein. „Heute besser nicht.“
„Wieso“, fragte sie hartnäckig.
Legolas suchte nach einer Ausrede. „Ich bin müde, weißt du. Nächstes Mal
laufe ich wieder mit dir.“
„Mutt du ins Bett gehen und slafen“, sagte sie und legte ihren Kopf schief.
Der Elb lächelte. „Ja, werde ich tun.“
Dann nahm er sie hoch und gab sie Aragorn. Sie verließen das Schlachtfeld
und gingen mit der Kleinen in Richtung Grenzen von Mordor. Aragorn achtete
darauf, dass die Kleine Legolas hinkenden Gang nicht bemerkte, indem er ihr
immer wieder die Wolken am Himmel zeigte und ihr sagte, sie würden wie
irgendwelche Tiere aussehen. Die Kleine war sehr fasziniert. Nur noch ein
einziges Mal fragte sie nach ihrer Mutter und ihrem Vater.

Achtzehntes Kapitel: Rückkehr aus Mordor

Die Gefährten verließen Mordor der Reihe nach. Zuerst machten sich Aragorn,
Legolas und Gimli zusammen mit dem Kind auf den Weg. Sie beschlossen, vorerst
nach Gondor zu gehen. Nach einigen Tagen folgten auch Merry und Pippin, sie
hatten die Schlacht weitgehens unversehrt überstanden, sie trafen einen
Hobbit aus dem Auenland, der ihnen sagte, dass er Aragorn gesehen hätte, und
der sich wieder auf den Weg nach Gondor gemacht hätte. Sie beschlossen, ihm
zu folgen und dort dann zu entscheiden, wie es nun weitergehen sollte.
Frodo, Sam und Gandalf folgten erst einige Wochen später. Frodo brauchte
eine Weile, bis er kräftig genug war, um sich wieder auf die Reise machen zu
können. Gandalf riet, sofort nach Gondor zu gehen, und sie befolgten seinen
Rat.
Schließlich trafen sie sich alle in Minas Tirith, die Stadt war größtenteils
zerstört worden, aber ein Teil der Gebäude war noch erhalten, und somit war
auch Aragorn beruhigt, sein Versprechen gegenüber Boromir nicht ganz
gebrochen zu haben.
Sie waren ale sehr erstaunt, als sie Frodo wiedersahen, und forderten ihn
auf alles zu erzählen, was passiert war. Der Hobbit ließ bei seinen
Erzählungen einige schreckliche Details weg, aber langsam wurde allen klar,
was die Feinde so plötzlich in die Flucht geschlagen hatte. Als ihr Herr
vernichtet worden war, spürten sie das, denn nun war keine Macht mehr da
gewesen, die sie befehligte.
Als Gandalf und Frodo eines Tages allein waren, fragte der Hobbit den
Zauberer, was genau auf dem Schicksalsberg eigentlich geschehen war. „Es war
die gute Seite in dir die überwiegt hat, Frodo. Sauron hatte nicht damit
gerechnet, dass du so ein gutes Herz in deiner Brust trägst. Natürlich hast
du zum Teil auch noch die Macht Saurons in deinem Blut gehabt, aber das Gute
hat bei dir über das Böse gesiegt, deshalb warst du für einen Moment der
Herr des Ringes. Es hätte aber genauso gut sein können, dass die Macht
Saurons eines Tages wieder überwiegt hätte, deshalb riet ich dir, ihn zu
vernichten.“
„Wieso bin ich jetzt nicht tot Gandalf. Als ich da oben auf dem
Schicksalsberg lag, da spürte ich, wie der Tod nach mir griff, indem ich den
neuen Ring zerstört habe, müsste ich mich doch eigentlich auch selbst
zerstört haben.“
„Du warst aber noch nicht tot, Frodo, und da liegt der Unterschied zwischen
dir und Sauron. Sein Geist war an den Ring gebunden, du hingegen warst noch
völlig frei. In der Tat hat der Ring dir geholfen zu überleben, aber er war
auch für kurze Zeit auf deiner Seite, sozusagen. Er hat dir geholfen, und
Sauron vernichtet, es hätte auch andersrum sein können.
Weißt du was Frodo? Ich glaube, Galadriel hatte damals recht gehabt. Diese
Aufgabe konnte nur ein Hobbit lösen, hätte jemand anderes den Ring getragen,
wäre alles verloren gewesen. Du hast unser aller Schicksal bestimmt, und das
ganz allein nur durch dein gutes kleines Hobbitherz.“
Frodo lächelte. „Ich glaube aber, ohne Sam hätte ich es mal wieder nicht
geschafft. Wenn alles ganz hoffnungslos ist, dann denke ich immer an ihn und
er gibt mir neue Kraft. Wenn ich mich mal schlecht fühle, dann ist er immer
für mich da. Ich glaube, Sam trägt zu einem großen Teil zu der Liebe bei, die
in meinem Herzen ist.“
„Da magst du recht haben Frodo, das Schicksal hat sich zum Glück noch einmal
zum Guten gewendet. Da spielten sicher viele Dinge eine Rolle. Wären wir
nicht mit den Adlern auf den Berg zu dir geflogen, wäre vielleicht alles
ganz anders ausgegangen, und vielleicht musste es auch so sein, dass dich
der Feind in die Hände bekommt, denn sonst hätte Sauron einen anderen Weg
gefunden den Ring zu schmieden, und wir hätten vielleicht alle verloren.
Vielleicht war alles schon vorbestimmt, vielleicht musste alles so
passieren.“
Frodo schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Glaubst du, Sauron könnte
noch einmal wiederkehren?“
Gandalf sah nachdenklich zu Frodo rüber.
„Nein, das denke ich nicht, und selbst wenn, diesmal bin ich nicht wieder so
töricht und erkenne die Gefahr nicht!“
Frodo lachte, und Gandalf zwinkerte ihm zu.
Nach ein paar Wochen Aufenthalt in Gondor beschlossen die Hobbits wieder ins
Auenland zurückzukehren, und an einem schönen, sonnigen Morgen, machten sie
sich auf den Weg.

Neunzehntes Kapitel: Briefe

Nachdem die Hobbits das Auenland erreicht hatten ereilten sie in den
nächsten Wochen mehrere Briefen aus fast allen Ecken von Mittelerde. Von
Eowyn gab es einen Brief, sie war in der Schlacht verwundet worden, befand
sich nun aber wieder auf dem Weg der Besserung, und zusammen mit Faramir
wollte sie sich bald wieder auf den Weg in ihre Heimat machen.
Legolas schrieb einen Brief, mit der Neuigkeit, dass sein Vater, und er
zusammen mit Gimli nach Düsterwald zurückgekehrt sind, und dort alles wieder
errichten lassen wollen.
Und zu guter letzt schrieb auch Aragorn den Hobbits, und teilte mit, dass
seine kleine neue Tochter sich sehr gut eingelebt hatte, und sein Sohn
Eldarion sich mit ihr bestens verstand. Er berichtete außerdem, dass sein
Königreich gerade wieder neu aufgebaut wurde, und sein Volk wieder langsam
nach Gondor zurückkehrt.
Genau wie in Rohan, auch Eomers Volk war zum größten Teil wieder dort.
Durch Gerüchte bekamen die Hobbits auch mit, dass Elrond und Galadriel nun
wohl für immer Mittelerde verlassen hatten und nach Valinor gegangen waren,
aber es handelte sich dabei nur um Gerüchte, wo niemand so richtig wusste,
ob sie der Wahrheit entsprachen.
Sam wurde nach ein paar Wochen, nachdem sie das Auenland erreicht hatten
Vater eines kleinen Sohnes, um den er sich liebevoll kümmerte. Frodo spielte
oft mit dem Kleinen, und war bald ein rundum glücklicher Hobbit.
Eines Abends saßen Sam und Frodo auf einer Wiese vor Sams Hobbithöhle, und
unterhielten sich über alle möglichen Dinge. Sie erinnerten sich an alte
Zeiten und waren so ausgelassen und fröhlich, wie selten. „Ich bin froh,
dass ich dich habe, Sam“, stellte Frodo am Ende des Gesprächs fest. Sam
umarmte Frodo fest und gemeinsam beobachteten sie, wie an diesem Abend die
Sonne über Mittelerde unterging.