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Sechstes Kapitel: Hilfe von unerwarteter Seite

Murrend drehte Hamfast sich um und tastete nach dem warmen Körper neben sich. Irgendetwas hatte ihn geweckt, von dem er noch nicht einmal zu sagen wußte, was es eigentlich war.
Als er jedoch spürte, daß die Person neben ihm nicht seine Frau war, blinzelte er doch etwas unwillig und entdeckte seinen schlummernden Sohn neben sich.
Damit fiel es ihm wieder ein, Melethiell war doch fort...
Er hatte geschlafen wie ein Stein, wobei es ihn erstaunte, daß er dazu überhaupt in der Lage gewesen war. Irgendwann war er wohl doch noch eingeschlafen, nach Stunden, wie er vermutete, allen Sorgen zum Trotz.
Und dennoch fühlte er sich wie gerädert. Seine Augen fühlten sich geschwollen an vom vielen Weinen, sie brannten unangenehm und er schloß sie wieder, doch bevor er sich ins Bett zurücksinken ließ, hörte er ein energisches Klopfen an der Haustür.
Die Schlafzimmertür stand zu einem Spalt offen, jedoch sah er noch kaum etwas von der Morgensonne, so früh war es.
Dann hatte ihn wohl das Klopfen geweckt.
„Ja“, murrte er und schlug die Decke zurück, kletterte vorsichtig aus dem Bett, um Bariweis nicht zu wecken, und griff schnell nach einem frischen Hemd, das er überstreifte. Halbnackt wollte er ja niemandem die Tür öffnen.
Und sehr zu seiner Überraschung war es seine Schwester Goldfranse, die im strömenden Regen unter einer grauen Kapuze dastand und ihn sprechen wollte.
„Morgen“, brummte Hamfast zwischen den Zähnen hindurch, trat zur Seite und ließ die junge Frau ein.
„Guten Morgen. Du siehst so aus, als hättest du gar nicht geschlafen“, stellte Goldfranse nüchtern fest, als sie ihren Umhang an einen freien Garderobenhaken hängte und ihn herausfordernd ansah.
„Das stimmt so nicht“, erwiderte Hamfast, „aber die Nacht war furchtbar.“
„Das denke ich mir. Du brauchst jetzt erstmal eine Tasse Tee, etwas Wasser im Gesicht, und dann hörst du mir mal zu.“
„Was willst du eigentlich hier?“ wollte Hamfast vorab wissen.
„Ich will dir einen Vorschlag machen.“
Goldfranse war eine vergleichsweise große Hobbitfrau, von erstaunlich kräftiger Statur, hatte aber wunderschöne goldene Locken und ein zierliches Gesicht. Sie war hübsch, aber ihr Auftreten deutete zweifellos auf ihren starken Charakter hin.
„Aha“, murmelte Hamfast. „Da bin ich aber gespannt.“
Er war noch nicht ganz wach, spritzte sich etwas kaltes Wasser aus der Waschschüssel ins Gesicht und kämmte sich die Haare, bevor er Goldfranse in die Küche folgte, die wie selbstverständlich Teewasser aufsetzte und gerade am Tisch eine Scheibe Brot abschnitt, als Hamfast in die Küche kam.
„Wie geht es Bari?“ fragte Goldfranse. Hamfast wußte nicht ganz, worauf die Frage abzielen sollte, aber er antwortete trotzdem.
„Wahrscheinlich besser als mir... warum fragst du?“
„Nur damit du es weißt, gestern abend spät hat mich die Nachricht von Melethiells Verschwinden erreicht, und ich bin sofort nach Hause geeilt, um mit Papa zu sprechen. Eigentlich hatte ich gehofft, dich dort vorzufinden, aber ich habe nur erfahren, daß du mit Bari nach Hause gegangen bist.“
Hamfast nickte zustimmend.
„Und was hat Papa gesagt?“
„Deswegen bin ich hier“, sagte Goldfranse und stellte neben die Brotscheiben ein Marmeladenglas und ein Stück Käse. Die beiden setzten sich an den Tisch und sahen einander mit großen Augen an.
„Du kannst dir gleich denken, daß Holdwine bald vor Wut geplatzt ist, als ich ihm gestern abend von meinem Plan erzählt habe, und ich hoffe, daß du mich nicht auch noch davon abhalten willst. Ich hoffe, dir ist klar, daß wir keine andere Möglichkeit haben.“
„Noch ist mir gar nichts klar“, brummte Hamfast und ließ das Brot unangerührt.
„Onkel Frodo und Tante Liliane waren völlig am Ende und Papa saß auf gepackten Sachen für Michelbinge, als ich kam. Verstehst du, ich hatte gehört, daß meine beste Freundin von diesem Mistkerl entführt wurde, und ich mußte doch etwas tun!“
Goldfranse hatte mit ihrem Vater zusammengesessen, der ihr von allem erzählt hatte. Die beiden waren in diesem Moment durch den Wunsch verbunden gewesen, Melethiell zu retten, und Goldfranse hatte überraschend denselben Gedanken entwickelt wie Sam und ihm den Vorschlag unterbreitet, den Verbrecher als Lockvogel in eine Falle zu locken.
Sams Widerstand war sehr verhalten gekommen, weil er selbst daran schon gedacht hatte, doch daß nun seine eigene Tochter dieser Lockvogel sein sollte, schockte ihn etwas.
Goldfranse hatte die Idee allerdings schon gründlich durchdacht und wußte, die Falle würde nur funktionieren, wenn sie gleichzeitig auch sicher war, nämlich indem genügend Wachen in der Nähe waren, die im richtigen Moment den Kerl festnahmen.
Und als Goldfranse in Hamfasts ungläubige Augen blickte, wiederholte sie das, was sie ihrem Vater zuvor erst gesagt hatte.
„Sie ist meine Freundin, Krümel, und ich weiß, sie war unterwegs, um ein Geschenk für mich zu holen. Sie war allein. Ich werde es nicht sein, und aus welchen Gründen auch immer denke ich, ist es meine Pflicht, ihr zu helfen, wenn ich das so tun kann!“
„Der Gedanke, erst die Schwester, dann die Frau und dann eine zweite Schwester in den Fängen dieses Kerls zu wissen, ist wirklich sehr angenehm am frühen Morgen“, bemerkte Hamfast sarkastisch, aber Goldfranse ließ sich von ihm nicht aus dem Konzept bringen.
„Reg du dich nur auf, Herr Gamdschie. Darf ich dich daran, daß ihr seit nunmehr sechs oder sieben Wochen nach dem Kerl sucht und bisher nur seine Rückseite gesehen habt? Was ihr hier tut, war eher der Abschreckung dienlich, allerdings hat das wohl kaum gewirkt, sonst wäre Melethiell jetzt hier. Und mir wird nichts passieren, wenn alle aufpassen! Es ist deine Frau, willst du vielleicht, daß der Kerl sie dreimal täglich bis aufs Blut quält und schließlich umbringt, wenn er keinen Gefallen mehr an ihr findet?“
Sie wurde laut, als sie das sagte, um Hamfast die Bedeutung ihrer Worte näherzubringen. Schonung half hier nichts, irgendjemand mußte es tun, und sie traute sich das zu.
Hamfast stierte sie ohnmächtig an.
„Vielen Dank für den dezenten Hinweis, nicht daß mich das heute Nacht in meinen Träumen schon begleitet hat!“ zischte er voller Zorn.
„Und warum sitzt du dann hier und grübelst? Du bist echt nicht zu verstehen, Krümel. Wir haben keine andere Wahl, ist dir das nicht klar? Du weißt doch selbst, daß man damals nach dir gesucht hat und dich niemals in dem Keller in Wasserau gefunden hätte, wenn die anderen den Kerlen nicht gefolgt...“
„Hör auf!“ brüllte Krümel und schloß die Augen. Schwer atmend saß er da und sah dann unter Tränen wieder zu seiner Schwester.
„Deine Sturheit wird dich umbringen, ich sage es dir...“
„Du hast jetzt aber nichts zu sagen!“ rief die junge Frau aufgebracht.
Die beiden starrten einander stumm an. Hamfast betete innerlich, daß sein Sohn nicht aufwachte...
„Ich will nicht, daß du das tust“, sagte Hamfast.
„Das war mir klar. Holdwine will das auch nicht, aber denk doch mal darüber nach, was gerade passieren kann, während wir hier streiten! Wo die Falle genau sein soll, weiß ich zwar noch nicht, aber weit von hier wird er nicht sein und er wird aus seinem Loch wieder hervorkommen. Vielleicht nicht heute und nicht morgen, wenn er nicht will, aber er wird kommen. Und nur, wenn wir wissen, wo er hingeht, wissen wir, wo Melethiell ist! Anders wirst du das nicht herausfinden, und entweder wird sie danach ihr Leben lang Angst vor dir haben, denn du bist auch ein Mann, oder sie ist dann sogar tot. Willst du das?“
„Ich will auch nicht, daß dir dasselbe passiert!“
„Wird es aber nicht...“
Die beiden fuhren für eine ganze Weile fort, sich darüber zu streiten, bis Hamfast schließlich laut weinend am Tisch saß und gar nichts mehr sagte.
Goldfranse wußte, sie hatte sich manchmal nicht richtig verhalten, aber hier ging es nicht um Grundsätze, hier ging es um Melethiells Leben.
„Und soll ich dir mal was sagen?“ schloß sie, als Hamfast auf den Tisch starrte und in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch kramte.
„Was?“
„Papa ist auch dafür“, sagte Goldfranse. „Ich bin nicht hier, um dich um Erlaubnis zu fragen, Krümel. Ich wollte nur hören, wie du zu dem Vorschlag stehst, aber umgesetzt wird er.“
Er stöhnte laut. Irgendwie hatte er das geahnt.
„Und ich habe nachher nichts damit zu tun! Das ist allein euer Problem!“ rief er. Goldfranse erwiderte nichts darauf, obwohl ihr klar war, daß er allein dadurch etwas damit zu tun hatte, weil es hier um die Rettung seiner Frau ging.
Seit Hamfast Vater war, war er nicht mehr so draufgängerisch und risikofreudig wie zuvor. Als Bariweis noch nicht geboren gewesen war, hatte er alles für Melethiell getan, aber plötzlich hatte er ein noch viel größeres Verantwortungsbewußtsein hinzugewonnen und ließ seine Vernunft viel mehr walten, um keinen Fehler zu machen - doch genau diese Rechnung ging nicht auf.
Goldfranse hatte zwar keine größere Angst um Melethiell als er, aber sie wußte, sie konnte etwas tun und sie würde etwas tun.
Sam war nun schon auf dem Weg nach Michelbinge, im strömenden Regen war er losgeritten, und sie würde tun, was immer nötig war, um Melethiell zu helfen.
„Krümel“, sagte sie leise und nahm seine Hände. Sie waren eiskalt.
„Ich weiß, daß dir das alles sehr weh tut. Und ich handle nur so, weil es mir ebenso weh tut. Wenn ich jetzt an Melis Stelle wäre, würde ich mir eher wünschen, zu sterben, als diesem Kerl hilflos ausgeliefert zu sein. Eine solche Qual ist für eine Frau schlimmer als der Tod, glaube ich. Er nimmt ihr damit alles, und wenn ich mir das ausmale, wird mir schlecht. Ich muß das verhindern! Und du solltest einsehen, daß es nicht anders geht.“
Und das tat Hamfast auch, aber er war in diesem Moment nicht in der Lage, es zuzugeben. Dafür sagte er jedoch etwas anderes.
„Danke, Goldfranse“, flüsterte er und wischte sich die Tränen ab. „Danke. Du bist ein furchtbares Ekel, das weißt du, aber was du tust, war immer richtig und gut...“
Damit beruhigten die beiden sich. Hamfast aß erst einmal eine Schnitte Brot, weckte dann seinen Sohn und zog ihn an, bevor er auch Bari ein Frühstück machte. Goldfranse sah bewegt zu, wie liebevoll der junge Vater sich um sein Kind kümmerte, den Kleinen schließlich warm anzog und dann mit Goldfranse nach Beutelsend ging.
Sie mußten etwas tun.

Milo erhob sich langsam und schüttelte sich. Er war nahezu voller Schlamm, durchgeweicht bis auf die Haut durch den nächtlichen Regen und hatte entsetzliche Kopfschmerzen, von denen er beim Aufstehen nicht wußte, ob sie nun vom Sturz oder dem ständigen Alkoholgenuß kamen.
Es war ihm auch egal. Er wußte nicht, wo er war, er konnte nur anhand des hereinbrechenden Tageslichts ungefähr bestimmen, wie spät es war, und er hatte Hunger und Durst.
Wahrscheinlich war das Saufgelage am vorigen Abend etwas zu feuchtfröhlich geworden und er hatte den Weg nach Hause nicht mehr gefunden.
Er hatte sich den Kopf böse aufgeschlagen, das getrocknete Blut auf seiner Stirn konnte er spüren, wenn er die Stirn runzelte, aber es kümmerte ihn gerade nicht wirklich.
Er mußte aus diesem naßkalten Regen heraus, der seit Stunden auf ihn herabgeregnet war und die Landschaft in ein eintöniges Grau tauchte.
Milo erhob sich also, streckte sich und überlegte, wo er sein konnte. Er hatte keine Ahnung. Ebensowenig wollte ihm einfallen, was am Vortag geschehen war. Er wußte noch, daß er nicht in Bree und Umgebung sein konnte, weil er ins Auenland gewandert war, aber er wußte nicht einmal mehr warum.
Er hatte auch vergessen, daß er Hamfast gesehen hatte. Sein alter Erzfeind war aus seinem Gedächtnis einfach verschwunden, und somit hatte er auch keine blasse Ahnung mehr, was er mit seiner Frau angestellt hatte.
Als Milo dem nächsten Dorf entgegenging und sich von der einsamen Hütte immer weiter entfernte, verschwendete er keinen Gedanken mehr an Melethiell.
Diese Erinnerungslücken traten bei ihm gelegentlich auf, das war nichts außergewöhnliches und es beunruhigte ihn auch nicht sonderlich.
Er fühlte sich friedlich, wenn auch nicht ausgeruht, er hatte stundenlang schief gelegen und war nun völlig verspannt.
Er erinnerte sich auch an nichts mehr, als er nach einer ganzen Weile des Fußmarschs Oberbühl erreichte, doch dort wollte er sich nirgends sehen lassen, er wollte keinen alten Bekannten begegnen.
So entdeckte ihn auch niemand, als er querfeldein nach Hobbingen lief und dort beim Bäcker ein Stück Brot erstand. Der Mann hatte Mitleid mit Milo und schenkte ihm noch ein gutes Glas Milch dazu.
Solchermaßen gestärkt, machte Milo sich auf den Weg nach Wasserau. Im Grünen Drachen vor Ort gab es das beste Bier und viele Leute, mit denen er über Arbeit sprechen konnte.
Er wollte sehen, was der Tag ihm brachte.
Als er die Bäckerei verließ, fiel ihm auf der Tür des Ladens der Steckbrief auf, den der Bürgermeister wegen des gesuchten Verbrechers hatte aushängen lassen. Milo studierte die Angaben gründlich und fragte sich, ob er den Gesuchten kannte, bezweifelte es allerdings.
Die Patrouillen im Regen fielen ihm nicht auf, er bemerkte nur, daß die Straßen selbst für diesen Regentag zu leergefegt waren. Irgendetwas war seltsam.
Doch er erinnerte sich nicht an Melethiell. Er ging einfach weiter nach Wasserau und vergaß die verzeifelte junge Frau, von der niemand außer ihm wußte, wo sie sich befand...

Stundenlang hatte sie dagesessen und gelauscht, auf Milos Rückkehr gewartet, sich fast überhaupt nicht bewegt, sondern einzig an ihre Familie gedacht.
Sie sah ihren kleinen Sohn vor sich und dachte daran, wie sie mit Krümel darüber gegrübelt hatte, wie sie ihren Sohn auf sein Geschwisterchen vorbereiten sollten.
Hamfast hatte sich doch so gefreut, und sie war glücklich gewesen, er hatte sich so fürsorglich um sie gekümmert, hatte ihr den Kleinen so oft abgenommen, war einfach immer dagewesen.
Er war ein wunderbarer Mann und Vater, und sie wollte zurück zu ihm und ihrem Jungen, der sie brauchte.
Würden sie nur dort nach ihr suchen und sie finden!
In ihr entstand derselbe Gedanke, wie Hamfast ihn zuvor gehabt hatte - jetzt wußte sie, was ihr Mann damals als Kind durchgemacht hatte.
Es machte ihr jetzt nicht dieselbe Angst, die er gehabt hatte, aber ihn würde es umbringen, sich das vorzustellen.
Als die Dunkelheit hereinbrach und sie unten in dem kleinen Loch von nichts weiter als Stille umgeben war, bekam sie es zum ersten Mal mit wirklicher Panik zu tun. Es war bald finster und sie sah nichts mehr, konnte nichts hören außer ihrem eigenen Atem und glaubte nicht, daß Milo an diesem Tag noch einmal zurückkommen würde.
Er wollte sie quälen, und es gelang ihm.
Sie fühlte sich so hilflos, hielt ihre Tränen nicht länger zurück, aber sie versuchte, nicht an den Tod zu denken.
In ihr war nichts, sie spürte keinen Hunger, aber den festen Knebel, der ihr in die Mundwinkel schnitt, der genauso schmerzte wie die rauhen Fesseln, die ihr das Blut abschnürten und nicht zu lockern waren.
Erst versuchte sie, den Knebel mit den Zähnen zu bearbeiten, doch dann ging sie dazu über, ihn an der Schulter abstreifen zu wollen.
Sie lehnte schließlich den Kopf gegen die Knie und versuchte bis in die Nacht hinein mit großer Vorsicht, sich von dem Stoff zu befreien, und irgendwann rutschte der Knebel endlich über ihr Kinn hinab.
Sie schnappte nach Luft, zutiefst erleichtert, wenigstens etwas erreicht zu haben.
Aber sie war erschöpft und beabsichtigte nicht mehr, sich an ihren Fesseln zu schaffen zu machen, sondern rollte sich, so gut es ging, in ihrem Umhang zusammen und legte sich auf dem kalten Boden zum Schlafen nieder.
Ihre auf dem Rücken gefesselten Hände waren taub, aber sie scherte sich nicht mehr darum, als ihr endlich die Augen zufielen.
Sie fürchtete, daß Milo Ärger machen würde, wenn sie sich bis zu seiner Rückkehr befreit hätte.
Allerdings fand sie es makaber, daß er ihr Brot und Wasser auf die Treppe gestellt hatte, ohne daß sie davon nehmen konnte.
Das war alles Absicht.
Nichts störte sie in dieser Nacht, und geweckt wurde sie im Morgengrauen von kalter Feuchtigkeit, die ihr fröstelnd in die Glieder kroch.
Langsam richtete sie sich auf und schaute hoch. Sie hörte ein leises Rauschen, das sich anhörte wie Regen, aber sonst hörte sie absolut nichts.
„Milo?“ wagte sie zaghaft zu fragen, und sie wußte, daß er sie hören würde, wenn er da war.
Aber es rührte sich nichts.
„Wo bist du?“ rief Melethiell hoch.
Milo war nicht dort. Melethiell war ganz allein in der Hütte.
Vielleicht war er nach Wasserau zum Grünen Drachen gegangen, bevor er nach Hobbingen wollte, und dieser Weg war receht weit.
Aber sie hatte Hunger!
Ihre Fesseln saßen sehr fest, aber ein Strickende hielt sie bereits in der Handfläche. Wenn es ihr gelang, den Knoten zu lösen...
Sie folgte dem Verlauf des Stricks bis zum dicken Knoten und versuchte, mit ihren tauben Fingern den Knoten zu öffnen. Es war schwer, ihr Finger waren kraftlos und der Knoten nahezu unbezwingbar, aber sie hatte alle Zeit der Welt.
Als es zu regnen aufhörte und es etwas heller wurde, spürte sie, wie der Knoten lockerer wurde. Von da an war er nicht mehr lang, bis sie den Knoten offen hatte und die Stricke abschütteln konnte.
Endlich. Ihre Finger begannen zu kribbeln, die roten Druckspuren der Fesseln rieb sie vorsichtig, um den Schmerz zu lindern, und setzte sich auf die Holzstufen.
In dem Stoffbeutel lag ein Brot und im Tonkrug entdeckte sie Wasser. Sie trank, ohne nachzudenken, denn ihr Durst war inzwischen sehr groß, und dann begann sie, von dem Brot zu essen.
Sie dachte dabei auch an ihr Kind.
Als sie satt war, stand sie auf und spähte durch die Löcher im Boden über ihr.
Das Holz war morsch, aber ob ihr das half?
Sie stieg die Holzstufen hinauf und drückte gegen die Falltür. Oben war nur ein Riegel vorgeschoben, doch den würde sie nicht erreichen und zurückschieben können.
Sie rüttelte an der Tür, die laut, aber vergebens klapperte.
Meli hatte ein ungutes Gefühl. Warum war Milo fort? Wollte er sie absichtlich mit Ungewißheit quälen und sie ewig in diesem Loch sitzen lassen?
Er war der einzige, der wußte, wo sie war!
Wenn ihm etwas passierte...
Warum ließ er seine Geisel allein? Das war viel zu riskant für ihn!
Hatte Krümel ihn sich gegriffen und wollte mit Gewalt aus ihm herauspressen, wo sie steckte?
Oder plante Milo etwas ganz anderes?
Sie wurde unruhig. Sie malte sich aus, daß er sie bei einem Wasserkrug, der halb entleert war, und einem Brot für Tage dort sitzen ließ ohne Aussicht auf Hilfe.
Oder er plante ein Komplott mit dem Verbrecher, er wollte sie ihm ausliefern...
Sie verknotete das zerschnittene Oberteil ihres Kleides, um nicht mehr halb entblößt dazusitzen, weil es sie fröstelte.
Alles schoß ihr durch den Kopf. Übel war ihr nicht, Schmerzen hatte sie keine mehr, aber nackte Angst vor einem qualvollen Tod.
Er kam zurück! Sie hoffte fast, daß er das tun würde.
Sie lief in ihrem Gefängnis herum und dachte an ihren Mann. Was er jetzt wohl tat?
Es wurde Mittag. Alles blieb still, die Sonne kam hervor, und Melethiell wußte nicht, was sie tun sollte.
Wenn sie jetzt um Hilfe rief, konnte auch der Verbrecher auf sie aufmerksam werden.
Aber sie wollte gefunden werden. Sie wollte raus aus diesem Loch.
„Hilfe! Hört mich jemand?“ schrie sie unablässig, bis ihr irgendwann die Puste ausging.
Milo kam nicht zurück und auch sonst tauchte niemand auf.
Nach einiger Zeit gab sie es auf und ließ sich an der Wand entlang zu Boden gleiten. Zusammengekauert saß sie da und vergrub die Hände in den Haaren, dann legte sie eine Hand auf ihren Bauch und streichelte ihn sanft.
Und dennoch war sie allein.
Es wurde Nachmittag und dann Abend. Unschlüssig knabberte sie an einem Stück Brot herum, wagte es kaum, etwas zu trinken, und als die Dunkelheit schließlich hereinbrach, kam es ihr so vor, als hätte sie schon Wochen dort unten verbracht.
Plötzlich schlich sich ihr ein grausamer Gedanke in den Kopf. Sie stellte sich vor, wie Milo Krümel ein Rätsel aufgab, es ihm überließ, sie zu finden. Vielleicht wollte er gar kein Geld, sondern nur Rache...
Er spielte mit ihrem Leben. Er hatte ihr etwas zu essen gegeben, um ihr eine Chance zu geben, während Krümel sie zu finden versuchte.
Milo hätte sie gleich lebendig begraben können, das hätte keinen Unterschied gemacht.
Milo nahm es in Kauf, daß sie starb, weil Krümel sie nicht fand!
Sie und das Kind...
Sie begann laut zu weinen. Von Schluchzern geschüttelt saß sie da, zusammengekauert in Dunkelheit und Kälte, verängstigt und allein.
Tränen strömten unablässig über ihre Wangen.
Sie mußte ausbrechen. Sie glaubte nicht mehr daran, daß Milo noch zurückkehrte, also mußte sie selbst versuchen, sich zu befreien.
Doch in diesem Augenblick war sie zu matt, um etwas zu versuchen. Sie wußte nicht, wie sie es anstellen sollte, und um mit ihren Kräften besser haushalten zu können, mußte sie zwischendurch schlafen.
Die Tür war aussichtslos. Beim morschen Holz des Fußbodens hatte sie bessere Chancen, es zu durchbrechen, nur wußte sie nicht, wie.
Sie brauchte dringend eine Idee.
Aber im Moment war sie zu müde, um sich damit zu befassen, sie hatte scheinbar ohnehin genug Zeit.

Es war der zweite Tag, an dem Goldfranse ihrem Plan entsprechend mit einem guten Dutzend Helfern unterwegs war, um dem Verbrecher eine Falle zu stellen.
Andi, Nibs, Hamfast, sie waren alle mit von der Partie, und noch einige mehr. Robin hätte gern geholfen, hatte sich aber mit Hamfast darauf geeinigt, die Werkstatt weiter zu leiten. Hamfast hatte seinen Sohn bei Frodo und Liliane gelassen, die als Großeltern liebend gern auf den Kleinen aufpaßten, und Rosie half ihnen dabei. Dem Kleinen ging es gut in Beutelsend.
Es war ein sonniger Herbsttag. Zwar war es nur eine kalte, schwache Sonne, aber der Himmel war klar, was natürlich dazu beitrug, daß es nebenbei auch sehr kalt wurde. Sie hatten früh am Morgen begonnen, als die Grashalme noch voller weißem Rauhreif gewesen waren und ihr Atem kleine Wölkchen bildete, und am vorigen Abend hatten sie erst aufgehört, als die Kälte ihnen bis ins Mark gedrungen und die nächtliche Dunkelheit niemandem mehr wirklich verlockend vorgekommen war. Unter Sternenschein waren sie nach Hobbingen zurückgegangen, jetzt würde der Kerl selbst wohl auch eher vor einem warmen Kamin sitzen als draußen durch Wälder zu rennen.
Am ersten Tag hatten sie mit einer recht geschickt ausgedachten Falle auf dem Weg nach Wasserau begonnen, am zweiten jedoch führte sie der Weg erst durch Hobbingen und dann nach Oberbühl.
Der schmächtige Will spielte den offiziellen Aufpasser für Goldfranse und stolzierte morgens neben ihr her und verkündete lautstark, daß sie auf jeden aufpassen solle, der sich ihr näherte.
Goldfranse, die mit einem großen Karren voller Äpfeln durch die Gassen lief und von ihrer schweren Fracht etwas verkaufte, war danach allerdings auf den ersten Blick allein, als er ging.
Sie fuhr den kleinen Karren mit sich herum, verkaufte auch tatsächlich an viele Leute etwas und so sah das Schauspiel bald sehr echt aus. Jedoch lungerten hinter jeder Ecke und jedem Strauch ihre Aufpasser herum, die sie nicht aus den Augen ließen. Manchmal zeigten sie sich auch ganz offen, kreuzten ihren Weg, mußten aber aufpassen, daß Goldfranse besonders auf einsamen Wegen offensichtlich allein war.
Die junge Frau besaß allerdings ein Talent, das Ganze sehr echt wirken zu lassen. Wie eine Falle sah die ganze Sache nicht aus, durch ein langes Messer an ihrem Kleid sah sie nicht so aus, als würde sie den Kerl ungeduldig erwarten.
Sie alle wollten Geduld haben. Es war damit zu rechnen, daß er erst einmal nicht auftauchte, weil er auf Melethiell achten mußte, aber Goldfranses Apfelverkauf war ein guter Vorwand, den ganzen Tag mutterseelenallein durch die Gegend zu laufen, denn das war nichts Ungewöhnliches.
Die jungen Hobbits, die auf Goldfranse aufpaßten, waren ingesamt etwa zu acht in der Gegend um sie herum versteckt und lösten einander gelegentlich unauffällig ab.
Es war am frühen Nachmittag, als plötzlich Nibs mit einem älteren Hobbit des Wegs kam und lautstark davon erzählte, daß er mit ihm zu Hamfast unterwegs war, damit dieser das hörte und aus seinem Versteck kam.
Niemand erkannte Nibs‘ Begleiter, bis Hamfast selbst auf dem Weg auftauchte und den beiden entgegenkam. Er hatte gehört, daß Nibs ihn suchte und war gespannt, zu erfahren, um was es ging.
Als er den freundlichen Hobbit neben Nibs stehen sah, blieb ihm für einen Moment das Herz stehen.
„Das kann nicht sein“, murmelte er fassungslos und erwartete angesichts des Fremden alles, nur nicht das, was sich ergeben sollte.
„Das ist er“, sagte Nibs zu dem Herrn, der Hamfast ohne weiteres nicht erkannt hätte.
Es war Folco, derjenige seiner Entführer von damals, der sich freundlich um ihn gekümmert und ihn vor den anderen beschützt hatte.
Hamfast erkannte ihn sofort, obwohl auch Folco sich über die Jahre hinweg verändert hatte.
Folco stand etwas verblüfft da. Er hatte Hamfast zuletzt als fast noch halb zahnlosen Zwölfjährigen gesehen, der zutiefst verängstigt und entwurzelt war, als er den Entführern endlich entkommen war. Doch nun stand ein erwachsener, recht muskulöser junger Hobbit vor ihm, der sich sehr verändert hatte, aber immer noch die gleichen lieben Augen hatte wie früher.
„Das glaube ich jetzt nicht“, murmelte Hamfast, als er Folco gegenüberstand und ihn freundlich per Handschlag begrüßte. Vor ihm hatte er niemals wirklich Angst gehabt.
„Du kennst mich noch?“ fragte Folco verblüfft. Seine Haare waren teilweise bereits ergraut, er war ein rundlicher, gemütlicher Hobbit, dem anzusehen war, daß er keine bösen Absichten hegte.
„Natürlich, es gibt Gesichter, die haben sich in meine Erinnerungen gebrannt“, erwiderte Hamfast, aber es klang nicht nachtragend.
„Was gibt es denn?“ fragte er dann.
Nibs, Hamfast und Folco spazierten gemeinsam den Weg entlang aus dem Wäldchen heraus und Folco begann zu sprechen.
„Ich hätte dich niemals erkannt! Es war auch nicht leicht, dich zu finden, aber es war mir wirklich ein Anliegen. Ich lebe zur Zeit eigentlich hinten in Wegscheid, doch dort hieß es gestern, daß deine Frau verschwunden sei, das kleine Mädchen von damals...“
Hamfast nickte. „Richtig, wir haben vor einigen Jahren geheiratet, und wir haben schon... einen Sohn, und bald bekommt er ein Geschwisterchen“, erzählte er mit leiser Stimme.
Folco gratulierte ihm dazu.
„Ein patentes Mädchen war sie, daran kann ich mich gut erinnern. Nun, als von Melethiell Gamdschie die Rede war, habe ich nicht sogleich begriffen, daß sie das ist, aber ich habe mich schließlich daran erinnert und dann erfahren, daß sie deine Frau ist, Hamfast. Ich habe sogleich überlegt, wer ihr denn so etwas antun könnte, weil ich nicht weiß, ob es wirklich der gesuchte Verbrecher ist! Es war ja naheliegend für mich, erst einmal an meine Kumpane von damals zu denken, aber das kann alles nicht sein. Mandor lebt irgendwo unten in Gondor, Pelargir heißt die Stadt wohl, und Berod ist vor einer ganzen Weile schon gestorben, glaube ich. Er hat sich mit Räubern zusammengetan und sie wurden von denen, die sie überfallen wollten, zum größten Teil im Kampf besiegt und getötet. Es bleibt also nur Rufus... und der lebt irgendwo weiter östlich, vor Bree, glaube ich, aber auch erst seit ein paar Jahren.
Er arbeitet da auch als irgendwas, deshalb hätte er da keinen Grund zu.“
„An euch hatten wir auch nicht wirklich gedacht“, erwiderte Hamfast. „Wer soll das schon sein, wenn nicht dieser Kerl?“
Folco nickte. „Ein berechtigter Einwand, denn die Sache sieht offensichtlich aus. Aber vielleicht ist sie das gar nicht. Jedenfalls bin ich hier, um zu helfen. Ich glaube, das wäre mal eine gute Idee.“
Er spielte damit auf ihre gemeinsame Vergangenheit an, und Krümel verstand Folcos Wunsch, daß er ihm nun helfen wollte. Er hatte ihm fast gemeinsam mit seinen Komplizen die Kindheit zerstört.
„Weißt du, ich war damals lang genug mit den Kerlen zusammen, um zu lernen, was es heißt, krumme Sachen zu drehen. Und ich weiß, daß zumindest Berod immer wieder Schwierigkeiten mit alten Kumpanen hatte, die ihm irgendetwas nachtrugen. Und deshalb habe ich überlegt, ob dir nicht vielleicht auch ein alter Feind etwas Böses will?“
„Die Idee hatten wir schon“, sagte Nibs, „aber da gibt es eigentlich niemanden... Der einzige, der da in Frage gekommen wäre, ist nicht mehr Hamfasts Feind.“
„Wir haben Frieden geschlossen“, fügte Hamfast hinzu, der auch an Anson dachte.
Aber Folco ließ nicht locker. Er hakte unablässig nach, wen es da geben könnte, der Hamfast Böses wollte.
„Da war sonst niemand. Das war Anson, mit dem ich Ärger hatte, und wo der jetzt lebt, weiß ich gar nicht“, sagte Hamfast. „Und da waren noch seine Kumpels, aber was soll schon groß mit denen sein? Die sind auch in alle Winde verstreut. Nur an Milo kann ich mich erinnern, aber als er damals vom Tischler entlassen wurde, war er bald darauf einfach verschwunden. Keiner weiß, was aus ihm geworden ist!“
„Aber das wäre doch ein interessanter Ansatzpunkt“, warf Folco ein, der förmlich riechen konnte, daß dort eine Antwort liegen konnte.
„Denn wir müssen uns immer vor Augen führen, daß dieser Kerl, den alle suchen, bisher... vier Mädchen überfallen hat? War das so? Jedenfalls ist er doch immer über sie hergefallen und hat sie dann laufenlassen. Warum sollte er das nicht mehr tun? Das glaube ich alles nicht... Da hat einer die günstige Gelegenheit genutzt, weil er nicht glaubt, daß er entdeckt wird! Alle suchen ja nach dem anderen Kerl. Und tot kann sie nicht sein, sonst hättet ihr sie gefunden. Irgendwie schmeckt mir die Sache nicht, das riecht nicht nach dem Bastard, den ihr sucht. Oder?“
Nibs und Hamfast waren sich da sehr unschlüssig. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß jemand anders dahinterstecken sollte.
„Mal angenommen, das wäre einer von meinen alten Erzfeinden, warum meldet er sich dann hier nicht? Er müßte doch irgendetwas damit beabsichtigen, und keiner von denen ist derart böse, daß er ihr wirklich etwas antun würde“, sagte Hamfast sehr sicher. „Zumal die sich damals eher mit mir geprügelt haben als ihr etwas zu tun.“
Folco nickte. Das Argument war gut, aber versuchen mußten sie alles, was möglich war.
„Ein Versuch ist es wert. Du solltest versuchen, herauszufinden, ob wir da nicht irgendetwas übersehen haben. Ich kann dir dabei helfen! Wenn wir schon diesen Milo nicht finden, sollten wir sehen, wo Anson steckt, der kann uns doch da weiterhelfen!“
Nibs fand die Idee gut, aber Hamfast war eher vorsichtig. Er wollte sich nicht von der Suche ablenken lassen, die im Moment im Gange war, er mußte doch auf seine Schwester aufpassen und glaubte ohnehin nicht, daß sie in einer anderen Richtung fündig wurden.
„Mit Milo hatte ich nur wenig zu tun, wenn einer Grund hätte, mich noch zu hassen, wäre das Anson, aber das glaube ich noch weniger...“ widersprach er.
Aber Folco und Nibs hatten jetzt beschlossen, daß man Anson einen Besuch abstatten müßten, und sie verabredeten, das am Abend tun zu wollen. Das war ein Kompromiß, Hamfast hätte es am liebsten gelassen, die anderen wären am liebsten sofort in Oberbühl auf die Suche gegangen, aber so hatten sie sich geeinigt.
Es geschah auch nichts weiter an diesem Tag. Folco beteiligte sich nicht an der Wache für die Falle, aber er blieb in der Nähe, während Nibs und Hamfast gemeinsam auf der Lauer lagen und Goldfranse vom Waldrand aus beobachteten.
Sie waren deshalb zu zweit, damit es nicht so langweilig wurde, und sie unterhielten sich im Flüsterton, während Hamfasts Schwester auf einer kleinen Bank am Wegrand saß und einigen Passanten etwas verkaufte.
„Wenn sie nun gar nicht sein Typ ist?“ überlegte Nibs. Hamfast zuckte mit den Schultern.
„Die anderen waren sich auch nur in einem Punkt ähnlich: Es waren alles junge Frauen. Der springt garantiert auf sie an!“ widersprach er dann.
„Wenn er die Falle riecht?“
„Glaub ich nicht. Meli war auch allein und er hat sie geschnappt, warum sollte er jetzt argwöhnen, weil Goldfranse hier allein sitzt?“
„Und was, wenn Folco Recht hat? Er ist doch nett, er hat jetzt auch das Herz auf dem rechten Fleck, und vielleicht hilft uns das wirklich weiter!“ murmelte Nibs leise und spähte weiter durchs Gebüsch.
„Er war damals immer gut zu mir. Oder fast immer. Ich habe ihm trotz allem viel zu verdanken, aber es hat mich überrascht, daß er heute kam!“
Eingemummelt in ihre Mäntel lagen sie den ganzen Tag auf der Lauer, ohne daß sich etwas rührte. Für Goldfranse war das Ganze besonders langweilig, weil sie so lang allein war, aber es ging nicht anders.
Bei Einbruch der Dunkelheit brachen sie die Suche ab und Nibs, Hamfast und Folco trafen sich wieder, um nach Oberbühl zu gehen und dort Anson zu suchen.
Dieser war, das sagte der ansässige Bäcker ihnen, tatsächlich in Oberbühl geblieben und hatte nun selbst schon geheiratet.
„Er ist nicht mehr derselbe Raufbold, wie er einmal war“, wußte der Bäcker zu erzählen, „seit er seine Frau hat, ist er ein anderer geworden. Und bald wird er auch Vater, habe ich erfahren!“
Die drei Besucher machten wissende Gesichter und folgten der Wegbeschreibung des Bäckers bis zu dem Ort, wo Anson jetzt mit seiner Frau lebte.
Hamfast war nicht ganz wohl zumute, als er vor der Tür seines ehemaligen Feindes stand und schließlich klopfte. Er kam sich seltsam dabei vor, aber es half alles nichts. Nibs und Folco taten sehr erwartungsvoll hinter ihm.
Es öffnete ihnen Ansons Frau, wie unschwer zu erkennen war, denn sie war sehr offensichtlich schwanger un somit war eine Verwechslungs ausgeschlossen.
„Guten Abend“, sagte sie angesichts der drei unangemeldeten Besucher.
„Ist Anson zu sprechen? Ich habe eine wichtige Frage. Hamfast Gamdschie ist mein Name.“
„Ah! Natürlich, tretet ein“, sagte die junge Frau und trat zur Seite. Folco und Nibs stellten sich ebenfalls vor, und kaum daß sie alle im Flur standen, tauchte auch schon Anson auf, den Hamfast nicht wiedererkannt hätte, wäre ihm nicht klar gewesen, daß es Anson sein mußte.
Jedoch erkannte Anson ihn sehr wohl.
„Was treibst du denn hier?“ fragte er.
Sie setzten sich alle bei Tee im Wohnzimmer zusammen und Hamfast war sehr überrascht, Ansons Smial ähnlich vorzufinden wie sein eigenes, denn scheinbar hatte Anson sich wirklich verändert. Es war behaglich und gemütlich und er war sehr höflich und zuvorkommend ihnen allen gegenüber.
„Wir sind hier wegen... nun, das ist eine längere Geschichte. Von dem allseits gesuchten Verbrecher wirst du gehört haben, oder?“
Anson nickte. Er war als Schmied tätig und so wurde ihm allerhand erzählt von den Leuten, die etwas bei ihm zu bestellen hatten.
„Natürlich, keine schöne Sache“, sagte er. „Und du als Bürgermeisterssohn bist an der Suche beteiligt?“
„Erstens das“, sagte Hamfast, „und zweitens ging es sofort um eine meiner Schwestern. Damit aber nicht genug. Vorgestern ist Melethiell spurlos verschwunden.“
Anson erstarrte vor Verblüffung und fragte dann: „Laß mich raten, du hast sie schließlich geheiratet?“
„Ja. Melethiell ist meine Frau. Momentan läuft eine hartnäckige Suche nach ihr und dem Kerl, aber es besteht auch der Verdacht, daß gar nicht dieser Bastard hinter ihrem Verschwinden steht. Wir dachten da, das klingt vielleicht dumm... an deine alten Freunde. Ich weiß nur, daß sie alle nicht mehr hier sind, und sonst habe ich niemals Feinde gehabt, die uns nun Böses wollen könnten. Deshalb sind wir hier.“
Anson war zuerst sichtlich verwirrt, doch dann konnte er Hamfasts Gedankengänge verstehen und sortierte erst einmal alles in Gedanken, was er nun erfahren hatte.
„Deine Frau ist also vorgestern verschwunden und niemand weiß, wo sie ist und wer dahintersteckt? Das tut mir sehr leid“, schickte er vor, „aber ich weiß nicht, ob ich euch da helfen kann. Ich weiß von den anderen auch kaum noch was. Sie sind alle fort. Und ich weiß nicht, ob es wahrscheinlich ist, daß sie dahinterstecken... wohl kaum!“
Aber er kramte in seinem Gedächtnis und begann schließlich zu erzählen. Mosco war nach Michelbinge gegangen und tat dort irgendetwas, von dem Anson nicht einmal wußte, was es war. Er vermutete, daß er bei einem Bauer arbeitete.
Mit Ponto verhielt es sich ähnlich, er war nach Langgrund gegangen, hatte dort eine Anstellung als Töpfer bekommen und wohl schon eine Familie gegründet, aber Anson hatte ewig nichts von ihm gehört.
„Und Milo... der ist nach Bree gegangen, nachdem der alte Tischler ihn rausgeworfen hat. Er war nicht mehr besonders lang hier. Ich war vor Jahren mal dort, um einen großen Auftrag zu bearbeiten, und habe ihn da einmal gesehen... er war mit zwielichtigen Gestalten unterwegs und sah vergleichsweise schlecht aus. Ich glaube, aus ihm ist nichts anständiges geworden.“
Jetzt mischte sich der alte Folco ein.
„Also könnte es sein, daß er dahintersteckt?“
Anson war sehr unschlüssig. „Milo war immer ein nicht besonders schlauer Kerl und leicht reizbar dazu, das stimmt. Aber ich weiß nicht, ob er dazu fähig ist, so etwas zu tun...“
„Du weißt, was geschah, kurz bevor wir uns zum letzten Mal gesehen haben?“ warf Hamfast ein und spielte damit auf die Ereignisse mit Melethiell in der Waldhütte an. Anson hatte sie gegen ihren Willen dort festgehalten und schien das völlig vergessen zu haben. Aber jetzt sah er ein, daß Hamfast Recht hatte.
„Ich weiß nicht, ob er dich immer noch haßt, Hamfast. Ich weiß, daß ich damals mit allem abgeschlossen hatte, aber er war noch immer in Rage und voller Wut, wenn er deinen Namen nur hörte. Möglich wäre es, daß er zurückgekommen ist ins Auenland und euch begegnet ist, ohne daß ihr es wißt... und wenn er dir einen Denkzettel verpassen will, dann mag bei ihm im Kopf die Vernunft ausgesetzt haben. Er ist ein dahergelaufener, windiger Bursche, das steht fest, aber er ist nicht durchweg böse. Das mag nichts heißen... Wir sollten versuchen, herauszufinden, wo er steckt, dann wissen wir Genaueres!“
Folco grinste fast zufrieden. Er hatte es doch gewußt!
Und plötzlich spielte sich in Hamfasts Kopf ein ganzes Szenario ab, ausgelöst von einer nie vergessenen Erinnerung.
Milo war ein treuloser Raufbold gewesen, und sehr gemein, wenn er wollte.
Er hatte Hamfast bis aufs Blut gereizt, als er Melethiell zu finden versucht hatte, und Milo hatte selbstgefällig vor ihm gestanden und nur gegrinst ob der Hilflosigkeit seines Gegners.
„Wenn der hier im Auenland ist und ich bei ihm auch nur ein Haar meiner Frau finde, kann der was erleben!“ zischte Hamfast leise, als er sich an Milo erinnerte und sich mit einem Mal gut vorstellen konnte, daß er dahinter steckte.
„Ich werde dir helfen“, sagte Anson. „Ich werde kaum Schwierigkeiten haben, ihn wirklich ausfindig zu machen, wenn er hier ist. Soweit ich weiß, spricht er dem Bier gut zu, das hat er immer schon getan. Ich werde mich in den hiesigen Kneipen umschauen, ich weiß immerhin auch, wie er heute aussieht! Du würdest ihn nicht erkennen, er ist ein fülliger, untersetzter Kerl geworden mit zerzausten Haaren und einem fast kränklichen Gesicht. Das sah alles sehr nach Alkohol aus!“
Hamfast war sehr dankbar, und das ließ er Anson auch wissen. Er war sehr erleichtert, daß nun ein weiterer Helfer gefunden war, und Folco beschloß sogleich, mit Anson zusammen nach Milo im Auenland zu suchen.
Er hatte da so seine Methoden, Leute ausfindig zu machen, und er begab sich auch sogleich ans Grübeln bezüglich des immer noch gesuchten Verbrechers, der wohl auch aus Bree stammte.
Er kannte die Unterwelt in Bree und wer sich darin bewegte. Er würde auch bis nach Bree gehen und sehen, ob er Milo dort fand. Irgendwo war er, und er würde feststellen, wo.
Denn jetzt hatten sie eine durchaus vielversprechende Spur aufgetan, was sie alle denkbar beflügelte.
Als sie sich für diesen Abend auf den Heimweg machten, waren sie alle sehr aufgeregt und voller Tatendrang. Nibs überlegte in Gedanken bereits, wie er Milo den Hals umdrehen würde, Hamfast wägte das Für und Wider zwischen Milo und dem Verbrecher ab und Folco überlegte sich einen Plan, wie er Milo auftreiben wollte.
Hamfast hatte noch Angst, das konnte er nicht leugnen. Aber sie wich inzwischen einem unbändigen Drang, nun wirklich alles nach seiner Frau zu durchsuchen, jeden Grashalm zu untersuchen, jeden auseinanderzunehmen, der ihm helfen konnte.
Die Zeit der Verzweiflung war vorbei.
Inzwischen war er auch der Ansicht, daß Milo ebensogut der Verantwortliche sein konnte wie der Unbekannte. Er wußte zwar nicht, warum Milo das tun sollte und mit welcher Folgeabsicht, aber das würde er im gegebenen Fall herausfinden.
Wenn er es wirklich war, hatte er das ganz geschickt angestellt, weil niemand an ihn gedacht hätte...
Als er seinen Sohn in Beutelsend abholte und mit ihm auf dem Arm nach Hause ging, war er fast schon guter Dinge.
„Mami ist bald wieder bei uns“, sagte er und Bariweis freute sich lautstark.
„Das wäre fein! Ich hab Mami so lieb...“
„Ich auch“, stimmte Hamfast mit einem Lächeln zu.
Er würde nicht aufgeben. Sie lebte noch und wartete irgendwo auf ihn, da war er sicher.



Siebtes Kapitel: Gefahr aus dem Hinterhalt

Sie saß grübelnd auf der Treppe und konnte sich nicht entscheiden. Ihr Hunger war so groß, daß sie am liebsten alles vom Brot gegessen hätte, aber wenn sie das tat, würde sie gar nichts mehr in Reserve haben und sie wußte doch nicht, wann sie sich würde befreien können!
Melethiell riß sich zusammen und nahm nur etwas mehr als die Hälfte von dem bißchen Brot, was sie noch hatte. Allmorgendlich plagte sie ein so großer Hunger, weil sie schwanger war, überhaupt aß sie deshalb mehr, und jetzt hatte sie nichts...
Milo war nicht aufgetaucht, aber das überraschte sie nicht. Warum er ihr das antat, wußte sie nicht, es war ihr auch egal. Sie mußte jetzt und hier versuchen, sich selbst zu befreien, ausgeruht war sie, fühlte sich jedoch nicht ganz bei Kräften.
Sie brauchte dringend mehr zu essen. Und wenn sie an das wenige verbliebene Wasser dachte, wurde ihr schlecht. Das würde nicht mal mehr bis zum Abend reichen.
Als sie gegessen hatte, stand sie auf und überlegte, wie sie die Decke über sich einreißen sollte. Die Bretter warern zwar morsch, aber dick wie ein halber Arm, das war nicht zu unterschätzen.
Aber sie würde es versuchen. Energisch stellte sie sich unter eines der Löcher, umfaßte die Ränder mit den Fingern und hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht an die maroden Dielen.
Das Holz begann zu knacken und zu knarren, kreischte fast und bog sich nach unten, aber sie schaffte es nicht, es zu brechen. Dann versuchte sie es an einer anderen Stelle, und dort hatte sie mehr Glück, es fiel ihr fast ein halbes, armlanges Brett auf den Kopf.
Aber durch den Spalt konnte sie gerade einmal ihre beiden Hände stecken, nichts weiter.
Sie schaute sich die rostigen Nägel genau an, die die Bretter zusammenhielten. Sie hatte nichts, womit sie die alten Dinger hätte herausziehen können, aber die hielten alles zusammen und machten ihr das Leben schwer.
Jetzt hätte sie ihr Messer brauchen können.
Aber sie versuchte erneut, die Bretter einfach abzureißen, jedoch bohrten sich ihr eher Splitter in die Hände, als daß ihr noch ein Brett entgegengekommen wäre.
Sie hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht an die Dielen, die nur knirschten und knackten, aber nicht herunterkamen außer in Spänen und Fasern.
Eine ganze Weile versuchte sie ihr Glück auf diese Weise, aber als sie nach vergleichsweise langer Zeit nur ein fingergroßes Holzstück in den Händen hielt, gab sie wutentbrannt auf und ging dazu über, mit geballten Fäusten von unten gegen die Dielen anzuspringen und sie auf diese Art und Weise lockern zu wollen.
Mit aller Kraft sprang sie ab und rammte die Hände gegen das Holz, das laut knackte, aber nicht zerbarst.
Immer wieder versuchte sie es, bis ihre Hände wund waren und von Splittern nur so gespickt waren. Staub rieselte ihr entgegen, bis ihre Augen brannten und sie nichts mehr sehen konnte. Scheinbar jahrzehntealte Spinnweben hingen ihr bald im Haar, aber sie hatte einfach keinen Erfolg mit allem, was sie versuchte.
Am liebsten hätte sie aufgegeben, doch sie wußte, das wäre ihr sicherer Tod. Sie mußte es versuchen.
Der Schweiß rann ihr in Strömen an den Wangen entlang, sie hustete vor lauter Staub und es kratzte derart im Hals, daß sie nachher dem Durstreiz nicht mehr widerstehen konnte, sondern einfach trinken mußte.
Sie nahm nur ganz vorsichtig einen Schluck, doch als sie den Krug in den Händen hielt, kam ihr eine Idee.
Es war dickes und hartes Material, das sie mit großer Wucht gegen das Holz würde schleudern können. Doch wenn sie das tat, mußte der Krug leer sein, und sie würde kein Wasser mehr haben.
Und er konnte genausogut zerbrechen, dann wäre alles umsonst.
Keuchend setzte sie sich auf die Treppe. Was sollte sie nun tun? Sie brauchte ein Werkzeug, um auszubrechen, aber eigentlich hatte sie keins.
Sie nahm noch einen Schluck und überlegte. Dann nahm sie ihren Umhang, warf ihn über ein herausragendes Holzstück und hängte sich an den Umhang, der unter ihrem Gewicht nur riß, aber kein Holz mit sich zog.
„Verflucht!“ schrie sie wütend und warf den Umhang wieder hin.
Das war doch alles nutzlos.
Sie mußte ihr Glück mit dem Krug versuchen, sie hatte keine Wahl.
Etwa zwei Tassen Wasser befanden sich noch darin, das war vergleichsweise viel und es würde sie über den Tag bringen, aber sie hatte jetzt Durst und würde alles trinken müssen, wenn sie den Krug brauchte.
Er würde sowieso zerbrechen.
Sie steckte in einem echten Dilemma. Wenn das der Fall war, würde sie nichts mehr haben, um ausbrechen zu können - und auch kein Wasser mehr zum Überleben.
Aber sie wollte lieber etwas tun anstatt herumzusitzen und mit ein paar Tropfen Wasser auf den Tod zu warten.
Also trank sie begierig alles aus und stand auf.
Inzwischen war Mittag vorüber, ohne daß sie etwas erreicht hatte, und sie rechnete einfach damit, daß sie auf sich gestellt war, deshalb ging sie auch nur davon aus, daß sie allein sich helfen mußte.
Melethiell stellte sich unter das Loch, hob den schweren massiven Tonkrug und holte weit aus, um ihn gegen die Bretter zu schleudern.
Mit einem großen Knall brachen zwei ganze Bretter nach hinten weg, aber von dem Krug splitterten gleichzeitig einige große Scherben ab und fielen zu Boden.
Das Loch war jetzt so groß, daß sie den Kopf bequem würde hindurchstecken können. Immerhin etwas.
Sie versuchte ihr Glück erneut. Wiederum schleuderte sie den Krug gegen die Holzdecke und ein weiteres halbes Brett brach heraus, aber der Krug verlor dabei seinen gesamten Hals und den halben Griff.
Wenn sie Glück hatte, würde ein dritter Schlag mit den kläglichen Überresten des Kruges noch etwas bringen, aber dann war sie kaum ihrem Ziel näher.
Sie hatte keine Wahl.
Mit aller Kraft hob sie den Krug erneut und warf ihn fast gegen das Holz. Drei weitere Bretter sprangen aus ihren Angeln, lösten sich aber nicht, und der gesamte Krug zerbrach in ihren Händen in tausend Scherben.
Keuchend stand sie da und starrte auf den Scherbenhaufen unter ihren Füßen.
Ihr Atem kam stoßweise, das war eine große Anstrengung gewesen, aber immerhin war sie nicht völlig hoffnungslos gewesen.
Sie hatte gesehen, daß die Bretter nur noch locker von den Nägel gehalten wurden. Sie streckte die Hand aus und wollte die Nägel herausziehen, aber das glückte nicht.
Melethiell stand nachdenklich da und ersann eine Möglichkeit, wie sie die Bretter würde lösen können.
Aber die Scherben waren ein Weg. Sie bückte sich und suche sich eine große und an den Kanten nicht allzu scharfe Scherbe aus und hieb mit dem Tonstück gegen einen der Nägel, der sich unter ihrem Schlag zu biegen und zu lockern begann.
Sie machte so weiter, rutschte jedoch nach einigen Schlägen ab, schlug mit der Handfläche in den Nagel und schnitt sich gleichzeitig an der Scherbe noch das Fleisch auf.
Mit einem Schmerzensschrei ließ sie das blutige Tonstück fallen und sprang von einem Fuß auf den anderen, wobei sie in andere Scherben trat und noch lauter schrie, weil sie sich die Füße zerschnitt.
Aber sie mußte unter dem Loch stehen bleiben, nur darüber konnte sie entkommen.
Als sie sich beruhigt hatte, hob sie die Scherbe erneut und löste vorsichtig, mit langsamen Schlägen, einen Nagel nach dem anderen, so daß schließlich ganze Bretter herabgefallen kamen.
Sobald sie zwei große lange Stücke vor den Füßen liegen hatte, nahm sie diese zu Hilfe und schlug damit gegen die Dielen, um sie zu lösen.
Es war eine anstrengende und schweißtreibende Arbeit, sie kam sich vor wie eine Maus, die sich ein Loch in die Freiheit nagt, aber es war erfolgversprechend.
Stück für Stück kamen die Dielen herab, und als sie endlich ein Loch geschlagen hatte, das groß genug war, daß sie sich würde herauszwängen können, gab sie auf.
Ihre Hand blutete noch immer, ihre Füße spürte sie kaum noch, aber anfangs hatte jeder Schritt gebrannt und geschmerzt.
Sie warf ihren Umhang hinauf und versuchte, sich mit ihren Händen am Holz festzuhalten, um sich hochzuziehen.
Dabei bohrte sich ihr ein großer Splitter ins Fleisch und sie rutschte ab, stand wie erstarrt in den Tonsplittern und schrie vor Schmerz auf.
Aber sie würde es weiter versuchen. Ihre zerschnittene Hand behinderte sie dabei enorm, doch in ihr erwachten Kräfte, von denen sie nicht gewußt hatte, daß sie sie besaß.
Sie zog sich keuchend hoch, bis sie weiter oben auf dem Boden irgendetwas zu packen bekam und so schließlich halb in der Luft hing.
Die Holzdielen bohrten sich ihr in die Seiten, es schmerzte, die scharfen Kanten zu spüren, aber sie gab nicht auf.
Dann zog sie sich mit einem Ruck weiter hoch und hielt schlagartig inne, weil eine unglaublich scharfe Ecke ihr das Kleid zerschnitt und sich ihr in die Haut bohrte.
Langsam rutschte sie zurück und löste sich mit zusammengebissenen Zähnen, dann zog sie sich weiter hoch, bohrte ihre Finger in die Zwischenräume des Holzes und hing schließlich halb draußen und halb in der Luft, aber machte verbissen weiter und irgendwann saß sie endlich auf dem Rand des Loches, bevor sie schnellstens wegkrabbelte, um nicht wieder einzubrechen. Das knarrende Holz unter ihr machte keinen guten Eindruck.
Sie ließ sich schnaufend zu Boden sinken. Das war nicht leicht gewesen, aber sie sah, daß sie nun oben in der Hütte lag und fliehen konnte. Die Tür war zwar verschlossen, aber das kümmerte sie jetzt nicht mehr weiter.
Sie wollte erst wieder zu Atem kommen, aber dann verfluchte sie sich plötzlich, daß sie das Brot unten gelassen hatte.
Mit einem flüchtigen Seitenblick sah sie, daß da über der Falltür wirklich nur ein Riegel war, aber sie hatte es satt, sie würde da nicht mehr runtergehen, und wenn dort ein Festmahl auf sie wartete.
Viel dringender brauchte sie Wasser.
Aber sobald sie wieder bei Kräften war, erhob sie sich, griff nach ihrem Mantel und legte ihn um, dann schwankte sie hustend zur Tür und stieß sie entschlossen auf.
Es war kein wirklich schönes Wetter, aber endlich wieder Tageslicht sehen zu können, genügte Melethiell bereits. Keuchend stand sie da und blickte an sich herab. Sie war schmutzig, voller Blut an Händen, Füßen und dem Körper, hatte Durst, daß sie glaubte, bald sterben zu müssen, und wußte nicht genau, wo sie überhaupt war.
Ihre Glieder zitterten vor Schwäche, aber jetzt würde sie eine ganze Weile laufen müssen, um heimzukommen.
Sie fragte sich, ob irgendwo in der Nähe ein Dorf war, aber sie glaubte nicht daran und schlug so direkt den Weg in Richtung Wald ein. Der würde sie nach Hause bringen.
Aber jeder Schritt brannte wie Feuer, sie stolperte unbeholfen durchs Gras, und durch ihre Schmerzen war sie sehr langsam.
Sie machte einen sehr desolaten Eindruck. Ihre Haare standen wirr, ihre Wange war zerkratzt, ihre Hand bald nur notdürftig mit Stoff ihres eigenen Kleides verbunden, das zerrissen und völlig hinüber war. Sie hinkte fast, weil ihr rechter Fuß viel mehr schmerzte als der linke, und sie hielt sich die Seite, die zentimetertief verwundet war durch das Holz. Doch sie war unendlich erleichtert, endlich frei zu sein, deshalb ignorierte sie das alles.
Im Schutze der Hügel lief sie dem Wald entgegen und wurde bald von ihm verschluckt. Sie hinterließ überall blutige Spuren im Gras, auf den Blättern, jeder Schritt war blutig.
Es war ihr egal, sie merkte es gar nicht. Sie lief einfach tapfer weiter, machte erst an einem kleinen Rinnsal halt, das ihr Erfrischung versprach, und schöpfte mit einer Hand immer wieder vom klaren kalten Quellwasser.
Es war ein kühler, bewölkter Tag und alles um sie herum war still. Sie merkte das gar nicht, ausgemergelt und erschöpft wie sie war, sie wollte einfach nur nach Hause.
Aber sie lief im Kreis herum fast bis zum Einbruch der Dämmerung. Alle Bäume erschienen ihr gleich, sie wußte nicht, wohin sie sollte, denn das Geäst, das sich ihr fast drohend entgegenstreckte, machte keinen behaglichen Eindruck auf sie.
Aber sie mußte dringend vor Einbruch der Nacht eine Siedlung erreichen - eine Nacht in der spätherbstlichen Kälte in ihrem Zustand konnte sie umbringen.
Umzingelt von Bäumen stand sie im Unterholz, das fast mit dem Grau des Himmels verschmolz, für sie gab es nirgends mehr einen Orientierungspunkt.
„Hallo?“ rief sie zaghaft, weil sie hoffte, von jemandem gefunden zu werden, der ihr half.
So lief sie immer weiter, ohne jemanden zu finden, durchquerte einen kleinen Kiefernwald und stolperte weiter, bis sie plötzlich auf dem Weg stand, der als Zubringer für den Weg diente, welcher nach Hobbingen und Oberbühl ging.
Erleichtert schloß sie die Augen, als sie plötzlich etwas hinter sich im Unterholz knacken hörte.
Sie fuhr herum und erschrak fast, doch dann beruhigte sie sich. Da stand ein Verwundeter, ein relativ junger Hobbit, etwa in ihrem Alter, dessen Hemd blutbefleckt war.
Er sah schwach aus, aber sie täuschte sich.
„Kann... kann ich helfen?“ stammelte sie, obwohl sie genauso Hilfe gebraucht hätte.
„Nein“, erwiderte der Mann und hustete. „Nur... vielleicht eine Stütze...“
Melethiell hielt inne. Den Dialekt konnte sie nicht direkt zuordnen, aber sie ging auf den Mann zu, dessen Kratzwunde im Gesicht nicht gleich bemerkte, und als sie begriff, daß es der Breedialekt war, den er sprach, war es auch schon zu spät.
Sie wollte zurückweichen, aber er war schneller. Er war zwar wirklich verletzt, schien aber nur so schwach, und hatte sie im Handumdrehen gepackt und zu Boden gerissen.
„Dann bist du also die Kleine, die sie suchen!“ zischte er bedrohlich.
Melethiell sah noch Sternen vor ihren Augen tanzen, als sie spürte, wie er sich auf ihre Beine setzte und sie an den Schultern niederdrückte. Ihr geschwächter Zustand hatte ihn überhaupt dazu verleitet, sie anzugreifen.
„Laß mich in Ruhe“, stammelte sie mit schwacher Stimme und wollte abwehrend die Hände heben, doch er hielt sie fest.
„Ja, dein ach so besorgter Mann hatte Recht, du gefällst mir tatsächlich. Was soll ich jetzt mit dir machen?“
Melethiell wollte schreien, doch er erstickte den Schrei mit seiner Hand.
Sein Atem stank unsäglich nach Bier. Panik schnürte Melethiell die Kehle zu, weil sie sich dem gegenüber sah, der Krümels Schwester und all den anderen Mädchen so weh getan hatte.
Und er war verletzt, aber dennoch lebte er! Was sollte das alles? Warum wußte er von ihr?
Und was wollte er mit ihr machen, geschwächt, wie er war?
„Eigentlich bist du doch viel zu schade, um laufen gelassen zu werden...“ stammelte der Kerl mit bebender Stimme, doch seine Absicht stand in keiner Relation zu seiner Schwäche, die ihm gleichgültig zu werden schien.

Hamfast war nervös. Er wußte, daß Folco und Anson jetzt in Wasserau auf der Suche waren nach Milo, den sie höchstwahrscheinlich im Grünen Drachen finden würden. Hobbingen hatte keine Kneipe zu bieten, also blieb nichts anderes.
Aber wenn sie ihn nicht fanden?
Er wäre ja am liebsten doch noch mitgegangen, aber wo blieb dann seine Schwester?
Er mußte auf sie aufpassen.
An diesem Tag waren sie aufs Ganze gegangen und sie hatte sich im Wald selbst niedergelassen, um ihren täuschend echten Apfelverkauf fortzuführen.
Diese Fallenstellerei war vielleicht genauso sinnlos wie der Versuch, Milo zu finden und ihn damit in Verbindung zu bringen, aber es war besser, als nichts zu tun.
Nur machte er sich große Sorgen um seine Frau. Es war der dritte Tag, an dem sie nun verschwunden war, es gab kein einziges Lebenszeichen von ihr, er sah sie tot vor sich, sie und das Kind, und der Gedanke allein machte ihn krank.
Andi war diesmal bei ihm, Nibs schob keinen Dienst, und sie lagen hinter einem Hagebuttenstrauch auf der Lauer und beobachteten Goldfranse.
Andi erzählte im Flüsterton von seiner Frau, der es inzwischen immer besser ging. Sie freundete sich langsam mit dem Gedanken an, bald Mutter zu werden, und er hörte nicht auf, davon zu sprechen, daß er der Vater des Kindes war. Selbst wenn er das Kind nicht gezeugt hatte, würde es so sein, und das half ihr sehr.
„Die Kinder sind dann gleich alt“, murmelte er. Hamfast nickte.
„Ich hätte gern ein Mädchen...“
„Mir ist das gleich. Aber du hast ja schon den Jungen, jetzt eine kleine Schwester wäre wirklich wunderbar!“
Die beiden versuchten also, sich über positive Dinge zu unterhalten, verspeisten zwischendurch ihre mitgebrachten Brote, fachsimpelten über eine mögliche Strafe für den Gewalttäter und vertrieben sich so irgendwie ihre Zeit.
Andi wußte, wie wichtig es für Hamfast war, von seinen Sorgen um Melethiell abgelenkt zu werden. Zwar wollte Hamfast am nächsten Tag einen großen Suchtrupp bilden lassen, schwieg bisher aber noch dazu. Er wurde wirklich unleidlich, wenn es um seine Frau ging.
Die Stunden verstrichen ereignislos. Andi begann schließlich selbst, eine Pfeife schnitzen zu wollen, als Hamfast plötzlich aufhorchte. Er hatte irgendwo etwas gehört und linste über den Strauch hinweg zu Goldfranse, die ihn aufmerksam ansah. Sie hatte also auch etwas gehört.
Aber im nächsten Moment überschlugen die Ereignisse sich auch schon. Ein verhüllter Kerl brach aus dem Gebüsch und packte Goldfranse von hinten, die längst ihr Messer in der Hand hielt und flink damit nach hinten stach, um sich zu verteidigen, und den Unbekannten unversehens auch noch damit traf.
Mit einem lauten Aufschrei ging der Kerl zu Boden, zog sie mit sich und sie verschwanden im Gebüsch. Hektisch brachen Andi, Hamfast und die anderen, die in der Nähe Wache hatten, aus ihren Verstecken. Irgendeiner fragte lautstark, warum niemand den Kerl zuvor bemerkt hatte, aber jetzt saß er in der Falle.
„Der gehört mir!“ brüllte Hamfast, dem Rache an seiner Schwester durch den Kopf ging, aber auch die Sorge um seine Frau.
„Krümel!“ schrie Goldfranse, die sich von dem Verletzten befreien konnte, der fast hilflos dalag und nicht mehr aufstand. Mitten im Holunderstrauch lag er und sah seine Gegner kommen.
Hamfast eilte ungebremst heran. Goldfranse sprang zur Seite, als ihr Bruder wie ein Wahnsinniger auf den Verbrecher losging, sich auf ihn warf ungeachtet der tiefen und stark blutenden Stichwunde in dessen Seite, und ihn anbrüllte wie im Rausch.
„Wenn dir dein Leben lieb ist, sagst du mir sofort, wo du meine Frau versteckt hast!“
Andi stand mit den anderen mit erhobenen Schwertern hinter Hamfast. Zu Tode erschrocken stand Goldfranse noch immer da und schaute stumm keuchend zu, denn sie hatte es eigentlich nicht für möglich gehalten, daß ihr Plan tatsächlich so gut funktionieren sollte.
Das blutige Messer hielt sie immer noch in der Hand, aber sie verspürte keine Reue oder Mitleid, weil sie an die Pein ihrer Schwester dachte und den Verbrecher, der unter ihrem Bruder lag, zutiefst verabscheute.
Er war es. Krümel roch den Bierdunst, sah die Schrammen im Gesicht des Mannes, konnte ein Tuch in dessen Hand erkennen und der schwarze Umhang ließ auch keinen Zweifel an seiner Identität.
„Ich habe niemanden versteckt“, brachte der Kerl mit einem harten Breedialekt hervor.
„Ach nein? Und du hast auch nicht meine Schwester geschändet und Päonie, Petunia und Mila? Natürlich nicht! Du Bastard hast ihnen alles zerstört, ist dir das nicht klar?“
„Hamfast!“ versuchte jemand von hinten, den wie wild brüllenden jungen Hobbit zu besänftigen, aber Hamfast ließ sich nicht besänftigen. Er hatte den Kerl jetzt festgenagelt.
„Ich habe wirklich niemanden versteckt, wer sollte das sein?“ stammelte dieser, der noch immer nicht wußte, wie ihm geschah.
„Meine Frau! Melethiell ist ihr Name, aber das weißt du sicher. Du mußt dich doch an ihr rotes Kleid erinnern! Sag nur, daß dich das scharf gemacht hat, wundern würde es mich nicht!“
Andi sagte überhaupt nichts dazu, er ließ Hamfast toben, und er selbst umklammerte seine Waffe unerbittlich fest, während er den Vergewaltiger seiner Frau kalt anstarrte.
Am liebsten würde er ihm den Kopf abschlagen. Als er die gefühlsarmen grauen Augen und das vom Alkohol nahezu aufgeschwemmte, bleiche Gesicht sah, wurde es ihm schlecht bei dem Gedanken, daß sie zu allem Überfluß von ihm schwanger sein konnte.
„Ich habe keine Frau in einem roten Kleid gesehen, wirklich!“ beteuerte der noch immer Namenlose, den auch niemand erkannte.
„Laß mich mal“, mischte Andi sich plötzlich ein. Hamfast ließ ihn gewähren.
„Hör mir mal gut zu, mein Freund“, zischte Andi böse. „Weißt du, was du meiner Frau angetan hast? Sie war nicht mehr sie selbst. Du hast ihr alles zerstört. Mit welchem Recht hast du sie überfallen?“
„D-deine Frau?“ wiederholte der Kerl mit geweiteten Augen.
„Primula heißt sie. Du weißt schon, hinten am Weg hinter der Hecke hast du gesessen und auf sie gewartet. Hat sie dich nicht gebeten, ihr nicht wehzutun? Hast du ihr in die Augen gesehen, als du ihr das angetan hast? Nein, du feiges Ekel wolltest ja nicht, daß sie dich sieht, und ihre Tränen hätten dir vielleicht ein schlechtes Gewissen bereitet. Ich schwöre dir, du bist des Todes, wenn...“
„Es tut mir leid!“ war die fast verzweifelte Antwort.
„Das sollte es auch“, schaltete Hamfast sich wieder ein, „Primula ist meine Schwester! Aber als du mir die Frau genommen hast, hast du noch einen größeren Fehler gemacht!“
„Nein!“ rief der Mann. „Ich habe niemanden entführt! Ja, ich habe... im Rausch... ich habe hinter der Hecke gesessen, ja, vier Mal, das wißt ihr sowieso, aber ich habe niemanden entführt!“
Hamfast zögerte. Er wußte, daß der Kerl vielleicht die Wahrheit sagte, aber er wollte sich nicht darauf verlassen.
„Bist du da ganz sicher? Du wärst nicht an ihr vorbeigegangen. Lange dunkelbraune Locken und blaue Augen hat sie, und sie trägt mein Kind. Das hat sie dir nicht gesagt? Das hat sie bestimmt, und du hast sie nicht gehen lassen!“
„Ich schwöre! Ich kenne sie nicht, ich habe ihr nichts getan!“
In diesem Moment erhob Hamfast sich. Der Verbrecher war ohnehin von jungen Hobbits mit Schwertern umstellt, aber nun war Andi an der Reihe und baute sich vor ihm auf, der sich nur langsam erhob.
Hamfast hatte genug, er glaubte es jetzt, zumindest vorläufig. Ganz fertig war er mit dem Kerl noch nicht.
Er hatte ihm den Rücken zugewandt, als er gegangen war, und überließ Andi das Feld. Aber er drehte sich früh genug um, um zu sehen, daß Andi völlig die Fassung zu verlieren schien.
Er wollte es ihm zeigen. Er warf sich auf ihn, und der Kerl versuchte, sich von seinem Angreifer zu befreien. Die beiden wälzten sich herum, man versuchte, Andi zum Aufhören zu bewegen, aber er hörte gar nicht hin.
„Wenn sie von dir schwanger ist, werde ich mit meinem Schwert verhindern, daß du nochmal eine Frau schändest oder ihr sonstwie zu nahe kommst!“ brüllte er und versuchte, die würgenden Hände seines Feindes von seinem Hals zu lösen. Der Kerl kniete auf ihm, aber Andi stieß ihn von sich und warf ihn unversehens genau auf einen Stein, der auf dem Boden lag.
Mit einem lauten Knacken war es dann plötzlich still, der Kerl lag regungslos da, schien sich am Schädel irgendetwas gebrochen zu haben und Blut war hinter seinem Kopf auf dem Stein sichtbar.
Fassungslos starrte Andi zu dem Kerl und schluckte.
„Was hast du getan?“ rief Will und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Hamfast und Andi starrten einander fassungslos an, dann ging Hamfast in die Knie.
„Und wenn er gelogen hat? Wenn er sie doch hatte? Er ist doch der einzige, der ihr Versteck wissen kann, und jetzt...“
Das durfte doch nicht wahr sein. Jetzt war der tot, der ihm hätte helfen können, und was sollte er nun tun?
Wenn er Melethiell etwas angetan hatte...
Andi empfand kein Mitleid. Er starrte noch immer reglos auf den Kerl, den er umgebracht hatte, und er hatte den Tod verdient - aber was sollten sie jetzt tun?
Will kniete sich neben den Verbrecher und versuchte, seinen Puls zu fühlen, aber er konnte nichts finden und Atem spürte er auch keinen mehr.
„Er ist tot“, sagte er und sah betreten zu Hamfast, der Melethiell auf ewig verloren sah.
Andi war so voller Haß, daß er das gar nicht merkte, er sah nicht, wie für Hamfast alle Hoffnungen einstürzten.
Er würde Melethiell nie wiedersehen.
„Der hat das gemacht?“ fragte plötzlich Goldfranse. Will sah sie an und nickte.
„Sieht nicht so aus, oder?“
Die junge Frau schüttelte den Kopf. Er erschien mehr wie ein harmloser Säufer, aber das war er nicht.
„Ich hätte ihn gern gefragt, warum er das getan hat“, murmelte sie.
Sie waren alle noch wie gelähmt, als sie auf einmal Stimmen rufen hörten. Jemand blickte in die Richtung, aus der die Rufe kamen, und rüttelte sie plötzlich alle auf.
„Seht, da sind Folco und...“
Sofort fuhr Hamfast hoch, als er das hörte, und sah Folco, Anson und Milo.
„Sie haben ihn gefunden...“ flüsterte er ungläubig und rannte ihnen entgegen.



Achttes Kapitel: In letzter Sekunde

Auf dem Weg nach Wasserau erzählte Folco Anson erst einmal, wer er überhaupt war und was er mit Hamfast zu tun hatte. Anson hatte wohl einmal davon gehört, daß einem Bürgermeisterssohn vor Jahren etwas zugestoßen war, aber er hatte keine Ahnung davon gehabt, daß es sich dabei um Hamfast handelte. Und jetzt einem der Entführer von damals gegenüberzustehen machte die Situation nicht unverfänglicher.
„Also hast du ihn damals mit den anderen entführt?“ murmelte Anson etwas geplättet. Folco nickte.
„Ich hatte keine Ahnung, was das eigentlich bedeutete. Wir hatten uns das so einfach vorgestellt, es ging uns ja nur um die Reichtümer, aber mir war schon seltsam zumute, als ich die beiden Kinder sah. Aber es war zu spät. Und dann hatten wir den Kleinen da, der vor Angst bald gestorben ist und genau wußte, daß er nicht der richtige ist. Er glaubte, wir würden ihn töten, und das wäre auch passiert, wenn ich nicht mit Mandor dagegen gehalten hätte. Im Nachhinein bin ich froh, daß es so ausgegangen ist, wie es ausgegangen ist, so ist niemand wirklich zu Schaden gekommen. Aber es ist mir einfach ein Bedürfnis, ihm jetzt zu helfen, irgendwie muß ich meine Schuld doch tilgen!“
Anson hörte dem alten Hobbit die ganze Zeit über sprachlos zu und es wurden ihm damit auch einige Dinge klar.
Hamfast war wie ein Tier, wenn es um Melethiell ging, und Anson konnte sich jetzt die Situation damals im Wald vorstellen, wo Hamfast Gamdschie nichts weiter im Kopf hatte, als seine kleine Freundin gerettet zu wissen.
Anson hatte ein ganz neues Verständnis für solche Dinge. Damals als junger und vergnügungslustiger Hobbit hatte er Mädchen ganz anders gesehen, er hatte sich auch nur für Melethiell aufgrund ihrer Schönheit interessiert, aber jetzt wußte er, daß es auch wirkliche Liebe gab, und es erstaunte ihn nicht, zu hören, daß Hamfast diese für seine Frau immer schon empfunden hatte.
Seit dieser Zeit paßte er immer auf sie auf, und deshalb war er Anson auch so feindselig begegnet. Er kämpfte wie ein Wilder für Melethiell, und so gesehen überraschte es nicht, daß die beiden nun auch verheiratet waren.
Anson hatte Melethiell zwar vor nicht allzu langer Zeit noch einmal gesehen, aber er sah sie nun sowieso mit ganz anderen Augen als damals. Sie war eine wunderschöne junge Frau, sie war noch schöner geworden, das war ihm auch aufgefallen, und er hatte sich auch gefragt, wen sie wohl geheiratet haben mochte. Dabei hatte er auch an Hamfast gedacht. Und so war es also tatsächlich - und sie waren bereits eine Familie.
Es war für Anson irgendwie selbstverständlich, jetzt zu helfen, zumal er wußte, daß er wahrscheinlich die einzige Hoffnung war, was die Suche nach Milo betraf.
„Ich glaube, hier geht es nicht um Schuld“, sagte Anson. „Aber ich denke, wer helfen kann, sollte das tun. Ich kenne Melethiell und ich kann mir vorstellen, wie Hamfast jetzt fühlt. Ich habe selbst eine Frau, die ich liebe.“
Es war Ehrensache für die beiden, und so ging Anson zusammen mit dem ehemaligen Entführer nach Wasserau in Richtung des Grünen Drachen.
Sie konnten sich nicht vorstellen, Milo dort vorzufinden, schon gar nicht um diese Zeit, es war wahrscheinlicher, daß er irgendwo bei Melethiell in seinem Versteck saß, wenn er wirklich etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hatte.
Wenn dem nicht so war, war er gewiß auch nicht im Auenland und dann würde alles vergebens sein.
Anson überlegte, wie wahrscheinlich es war, daß Milo mit allem etwas zu tun hatte. Er konnte es sich nicht wirklich vorstellen, zumal Milo sich geäußert haben müßte, wenn er von Hamfast etwas wollte.
Doch sie mußten alles versuchen.
Sie sahen überall die Wachposten stehen und grüßten sie freundlich. Das halbe Auenland war auf den Beinen und wachsam, was den gesuchten Verbrecher anging.
Über den zerbrach Folco sich den Kopf. Er hatte in seinem Leben mit viel Abschaum zu tun gehabt, mehr unfreiwillig als absichtlich, aber er kannte keinen, der so etwas tun würde oder getan hatte. Es war ja nicht so, daß Frauen im Auenland als geringer im Vergleich zu den Männern angesehen gewesen wären, man hatte Respekt vor ihnen und tat ihnen nicht weh. Das galt auch bei Gelegenheitsverbrechern oder sonstigem lichtscheuen Gesindel - im Gegenteil, bei ihnen waren Frauen hoch geachtet und auch wenn man sonst ganz Raufbold war, ihnen gegenüber benahm man sich in allen Fällen anständig.
Aber der Kerl mußte aus Bree sein. Wer tat nur so etwas Schändliches?
Während sie noch überlegten und schließlich ganz in Schweigen versunken waren, erreichten sie Wasserau und gingen schnurstracks auf die Wirtschaft zu, die um diese Mittagszeit natürlich geöffnet war.
„Das ist wahrscheinlich hoffnungslos“, sagte Anson noch, als Folco bereits die Tür öffnete und den Wirt freundlich grüßte.
Im Tageslicht sah das Innere der Kneipe ganz anders aus als abends, wenn dort die Lampen brannten und Rauchschwaden von Pfeifen den ganzen Schankraum durchzogen.
Zwar waren die Ecken dunkel, aber in der Nähe der Theke saßen einige Arbeiter beim Mittagessen, und als Anson sich noch suchend umsah, zupfte Folco ihn bereits am Ärmel und wies in eine Ecke am Fenster, wo jemand sehr entspannt auf der Bank saß und die Füße auf die gegenüberliegende Bank gelegt hatte. Er war allein und sah fast schläfrig aus.
Anson blieb fast das Herz stehen, als er Milo erkannte.
„Ich werd verrückt, der ist noch närrischer als damals“, entfuhr es ihm vor Überraschung.
„Ist er das etwa?“ fragte Folco und erntete nur ein ungläubiges Nicken.
„Wie, das ist wirklich Milo?“
„Ja, das ist Milo, so wahr ich hier stehe. Na, das wird jetzt aber interessant...“
Anson zögerte nicht länger, sondern ging auf Milo zu, der erst aufblickte, als er fast bei ihm war, und sich ihm gegenüber mit Folco auf die Bank setzte.
Milo zog murrend seine Füße zurück.
„Was gibt es?“ fragte er, doch dann hielt er inne und starrte Anson erst einmal nachdenklich an.
„Ja, ich bin es,“ sagte dieser und Milo begann heiser zu lachen.
„Unglaublich, du bist wirklich so ein Spießer, wie ich vermutet habe“, grinste er und warf einen Blick in seinen bedauerlicherweise leeren Bierkrug.
Anson ging auf Milos Beleidigung nicht näher ein.
„Was suchst du hier im Auenland?“ fragte er ohne Umschweife.
„Arbeit, was sonst.“
„Arbeit. Mit der Fahne soll dich einer einstellen? Milo, ich bin nicht dumm, und das weißt du. Wir können das Spielchen jetzt am besten abbrechen, denn ich weiß, daß du aus anderen Gründen hier bist.“
Mit einem Male war Milo sehr stutzig. Eigentlich wußte er ja selbst nicht mehr, warum er eigentlich im Auenland war, aber die Arbeitssuche klang plausibel und daß Anson jetzt behauptete, irgendwas zu wissen, was ihm selbst entfallen war, verstand er nicht ganz.
„Und was für Gründe sind das?“ fragte er und wollte die Hand heben, um noch mehr Bier zu ordern, doch Anson zog seine Hand sofort wieder auf den Tisch hinunter.
„Du tust jetzt überhaupt nichts, außer uns Antworten zu geben. Ist das klar?“
„Spiel dich gefälligst nicht so auf!“ brummte Milo, aber er gab sich geschlagen.
„Wer bist du überhaupt?“ fragte er an Folco gewandt, und dieser stellte sich ihm kurz vor.
„Was in aller Welt wollt ihr von mir?“ wollte er ungehalten wissen. In seinem Kopf arbeitete es nur sehr langsam, er hatte schon ordentlich gebechert an diesem Morgen und er wollte Anson jetzt nicht unbedingt sehen, aber dieser war hartnäckig wie immer.
„Ich will wissen, was du vor drei Tagen gemacht hast. Warst du da zufällig im Wald vor Oberbühl? Kann das eventuell sein?“ fragte Anson giftig. Milo in seinem ungepflegten und völlig lethargischen Zustand ekelte ihn geradezu an.
„Nicht daß ich wüßte“, gab Milo kurz zurück. Dann wagte Anson den Versuch, ihn auf seinen alten Feind anzusprechen.
„Du hast nicht Hamfast Gamdschie besucht?“
„Hör mir auf mit dem dreckigen Mistkerl!“ brauste Milo auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Anson grinste siegreich.
„Bitte, da haben wir es doch. Bist du rein zufällig vor drei Tagen seiner Frau Melethiell begegnet?“
„Nein, bin ich nicht. Moment... die ist seine Frau? Deine Freundin von damals?“
„Ja...“ erwiderte Anson langsam. Er nahm Milo diese Unwissenheit ab, allerdings war da noch etwas, was er unbedingt erfahren mußte.
„Du hattest also nicht zufällig vor, Hamfast eins auszuwischen und seine Frau zu entführen?“
Augenblicklich prustete Milo vor Lachen los und hielt sich den wohlgenährten Bauch. Er schien wirklich prächtig amüsiert zu sein.
„Das ist eine köstliche Idee... Wieso sollte ich das denn tun? Ich würde wohl kaum hier sitzen und auf euch warten, wenn es so wäre!“
„Das ist nicht witzig“, sagte Anson. „Im Gegenteil, es ist todernst. Hamfast kam zu mir, er war wirklich in Sorge, denn von dem Verbrecher, der junge Frauen überfällt, wirst du schon gehört haben, oder?“
Milo nickte, und dann fuhr Anson fort.
„Den haben wir ja auch im Verdacht, aber der Punkt ist, daß es hier um ihr Leben geht. Sie ist nun den dritten Tag verschwunden, sie erwartet ein Kind, und wir gehen im Moment jeder Spur nach. Es kann lebensgefährlich für sie sein, wenn sie nicht bald gefunden wird, und es wäre verdammt noch mal sehr freundlich von dir, wenn du deinen müden Verstand mal in Bewegung setzen und mitdenken würdest!“
Mit einem unbestimmten Gesichtsausdruck starrte Milo Anson an und konnte nicht glauben, daß er tatsächlich von Hamfast sprach und das auch noch als sein Helfer.
„Ich muß betrunken sein“, murmelte er und winkte diesmal erfolgreich nach einem neuen Bier. Das brauchte er jetzt.
„Milo... es mag ja sein, daß du nichts damit zu tun hast. Aber das Auenland ist groß und wer weiß, an welchem versteckten Ort Melethiell gefangen ist... wenn du irgendetwas weißt, dann sag es gefälligst jetzt!“
Während Milo den neuen Bierkrug in Empfang nahm und einen tiefen Schluck nahm, keimte plötzlich ein seltsamer Gedanke in ihm auf.
„Vor drei Tagen, sagst du? Im Wald zu Oberbühl?“ fragte er. Anson nickte.
„Was ist denn? Weißt du etwas?“
Milo zögerte noch. Ein ungeheuerlicher Verdacht schlich sich in seinen Kopf.
„Mal angenommen, ich weiß etwas und... ich will nur sichergehen, daß ich nicht bestraft werde, klar? Sonst sag ich nämlich nix, und ihr kriegt auch garantiert nix raus!“
Folco und Anson blickten einander ungläubig an. Den plötzlichen Sinneswandel ihres Gegenübers verstanden sie noch nicht.
„Ja...“ murmelte Anson. „Meinetwegen, dir droht nichts, aber sag uns endlich, was los ist!“
Milo lehnte sich zurück und begann schließlich.
„Ihr werdet mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich das jetzt sage, aber es ist garantiert die Wahrheit. Paßt auf, ich habe hier am Kopf eine ordentliche Platzwunde und weiß nicht, wie die da hinkommt. Ich wurde vor zwei Tagen morgens wach im Gras, sah aus wie gerade aus einem Loch gekrochen und hatte dieses Loch im Kopf. Als ich aufstand, sah ich in der Nähe einen Wald und wußte nicht, welcher das ist, aber ich bin dann einfach aufgestanden und losgegangen, um herauszufinden, wo ich überhaupt war. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie ich da hingekommen war! Ich wußte noch, daß ich ins Auenland gekommen war, aber alles, was danach passiert ist, hab ich einfach vergessen.“
Folco und Anson saßen sprachlos da und rührten sich nicht. Sie glaubten Milo, aber die Geschichte, die er da erzählte, klang in ihren Ohren ungeheuerlich.
„Du bist ins Auenland gegangen und zwischen dem Zeitpunkt deines Auftauchens und dem Morgen, wo du im Gras aufgewacht bist, weißt du nichts mehr?“
„Ich schwöre! Ich glaube, ich lag hinter dem Wald vor Oberbühl, ich bin nämlich eine zeitlang durch die Gegend geirrt, bevor ich ein Dorf gefunden hab, und ich glaube einfach nicht, daß das ein anderer Wald gewesen ist. Ich glaube, ich bin aus irgendwelchen Gründen gestolpert, habe mir dann den Kopf aufgeschlagen, die ganze Nacht da gelegen und schließlich alles vergessen, was war.“
„Also ist es möglich, daß du mit Melethiells Verschwinden etwas zu tun hast?“ fragte Folco. Milo zuckte mit den Schultern.
„Was weiß ich! Eins ist jedenfalls eigenartig: Ich habe sie seit damals nicht gesehen, doch ich glaube zu wissen, wie sie jetzt aussieht. Das kann ich doch nur, wenn ich sie gesehen habe, oder? Und ich weiß, daß sie schwanger ist. Fragt mich nicht, warum! Ich weiß auch, daß sie bereits einen Sohn hat! Einen kleinen blonden Jungen, nur den Namen kann ich euch nicht sagen.“
„Bariweis“, sagte Folco, und Milo nickte eifrig.
„Das kann sein. Und der Gamdschie, der Mistkerl, hat in Hobbingen eine Werkstatt! Das weiß ich alles... aber sonst...“
Folco und Anson wußten nicht ganz, was sie davon halten sollten. Wenn es alles war, wie er sagte, mußte er unumstritten Recht haben, denn er war doch zuvor nicht im Auenland gewesen... zwar klang seine Geschichte sehr vage, aber es war immerhin ein Anhaltspunkt, und daß er überhaupt davon sprach, bedeutete doch, daß er sein ursprüngliches Vorhaben, das er wohl einmal verfolgt hatte, einfach wieder vergessen hatte.
In der Tat hatte Milo immer noch einen ziemlichen Haß auf Hamfast, aber daß nun Anson vor ihm saß, irritierte ihn so sehr, daß er gar nicht mehr darüber nachdachte, sein altes Vorhaben wieder aufzunehmen.
Daß er überhaupt eins gehabt haben sollte, wunderte ihn.
„Ich habe seine Frau entführt?“ murmelte er. Anson zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es garantiert nicht besser als du! Weißt du, was ich glaube? Du bist einfach hergekommen, hast die beiden gesehen und dann irgendeine absurde Idee gehabt. Dann hast du im Oberbühler Wald auf sie gelauert, sie erwischt und irgendwo hingebracht. Und wenn das so ist, hast du sie seit drei Tagen dort ohne Wasser und etwas zu essen sitzen lassen, und du bist der einzige, der das weiß...“
„Halt!“ rief Milo. „Das ist nicht wahr. Sie hat einen Wasserkrug und Brot...“
„Was?“ entfuhr es Folco, doch Milo blieb dabei und nickte.
„Ja... ich weiß, ich hab das auf die Treppe gestellt, und dann hab ich die Tür zugemacht und bin gegangen... jetzt fällt es mir wieder ein!“
„Dann zeig uns, wo das ist! Du bringst sie noch um, wie kannst du sowas tun? Was wolltest du denn damit bezwecken?“ rief Anson. Milo zuckte mit den Schultern.
„Was weiß ich, ich wollte Hamfast wohl eins auswischen, das ist ohnehin eine gute Idee, aber seine Frau...“
Er verstand das alles nicht. Milo war völlig irritiert, ihm wurde nur klar, daß er tatsächlich dahintersteckte, und angesichts der beiden nicht besonders geduldigen Hobbits, die ihm gegenübersaßen, verschwendete er keinen Gedanken mehr an seinen ursprünglichen Plan. Er konnte sich jetzt nichts mehr leisten, ohne ganz gewaltigen Ärger zu bekommen -und angesichts der Tatsache, daß er die schwangere Frau wohl seit drei Tagen bei Wasser und Brot in einen Keller gesperrt hatte, fühlte er sich nicht gerade wohl.
Aber er hatte einfach im Gefühl, daß da etwas geschehen war, und das sollte er schnellstens wieder rückgängig machen. So war das gewiß nicht geplant gewesen.
Er hatte ganz gewaltigen Dreck am Stecken, aber er wollte nicht ihren Tod verantworten, so schob er das lieber nicht auf diesen einen Verbrecher.
Sie erhoben sich, Anson beglich brummend die Zeche für Milo, der natürlich mal wieder nicht genug Geld hatte, und dann machten sie sich schleunigst auf den Weg nach Hobbingen.
„Ich versteh das alles nicht“, murmelte Milo dauernd, der nicht wußte, wo ihm der Kopf stand.
„Meinst du vielleicht, uns will das in den Kopf? Das gibts doch nicht, da entführst du die Frau und vergißt das einfach!“ tobte Anson ungehalten. Folco war ebenso entgeistert.
„Hamfast wird toben“, murmelte er.
Und das war in der Tat so. Als die drei sich dem Wald endlich näherten, sahen sie in der Nähe einen wahren Auflauf junger Hobbits stehen, allesamt Wächter, die Goldfranse und Andi umringten. Allerdings kam Hamfast bereits auf die drei zugelaufen und blieb schließlich atemlos vor ihnen stehen.
„Milo!“ keuchte er und sah ihn flehentlich an.
„Sag, daß du sie entführt hast, bitte...“
Die fragenden Gesichter Ansons, Milos und Folcos gingen irgendwie an ihm vorbei.
„Wie meinst du das denn jetzt?“ fragte Milo. „Bist du nicht mehr ganz dicht?“
„Der Kerl, wir haben den Kerl geschnappt, jetzt eben, er kam aus dem Gebüsch und wollte über Goldfranse herfallen... er sagte, er weiß nichts“, brachte Hamfast außer Atem hervor, „und dann ist Andi ausgerastet und hat sich mit ihm geprügelt, und jetzt ist der Kerl tot...“
„Was?“ rief Folco fassungslos. Anson fiel fast der Unterkiefer herunter und Milo blickte fragend vom einen zum anderen.
„Ihr habt den Kerl?“ murmelte Anson.
„Ja, da hinten liegt er, er ist tot, und... Milo, hast du meine Frau? Sag was!“
Milo kannte das schon von Hamfast, er ging jedes Mal in die Knie, wenn es um Melethiell ging. Mal wurde er zum Tier und schlug sich für sie, mal war er gänzlich hilflos und das war jetzt so eine Situation.
„Keine Ahnung“, sagte Milo, „aber ich glaube schon, daß ich dir helfen kann.“
„Keine Ahnung? Was soll das heißen?“ entgegnete Hamfast und Folco begann ihm zu erklären, was Milo bisher gesagt hatte.
Inzwischen kamen auch Nibs und Will noch dazu, um sich das anzuhören. Andi, Goldfranse und die anderen saßen noch bei dem Toten und rührten sich nicht.
Niemand würde Andi etwas vorzuwerfen hatten, aber Andi selbst saß da und konnte nicht wirklich glücklich darüber sein, diesen Bastard getötet zu haben. Immerhin war das ein gewaltsamer Tod, den er zu verantworten hatte, ganz gleich wen es nun eigentlich getroffen hatte.
„Das heißt,“ faßte Hamfast zusammen, „daß du sie wahrscheinlich da hinten irgendwo eingesperrt hast, aber eigentlich hast du keine Ahnung?“
Milo nickte. „Ich weiß nicht, ich muß das doch wohl getan haben, oder? Wir müssen hingehen und nachsehen! Ich glaube, ich weiß, wohin wir gehen müssen.“
Hamfast stand ganz aufgewühlt da und wußte nicht mehr seinen eigenen Namen. Er hatte erst den Vergewaltiger seiner Schwester sterben sehen und jetzt stand, nur einen Augenblick später, der vermeintliche Entführer seiner Frau vor ihm.
„Das sollten wir tun, wir sollten gehen“, brachte er schließlich hervor, und Nibs wandte sich zu den anderen um.
„Kommt jemand mit? Wir wissen wahrscheinlich, wo Melethiell ist, und jetzt gehen wir sie suchen!“
„In Ordnung“, kam die Antwort zurück und alle kamen zu Hamfast und den anderen.
„Und was machen wir mit dem Kerl? Wir müssen doch deinem Vater Bescheid sagen“, sagte einer der jungen Hobbits an Hamfast gewandt.
„Das machen wir“, sagten Andi und Goldfranse wie aus einem Mund. Die anderen entschieden sich somit direkt, Hamfast, Milo und die anderen zu begleiten.
„Ich glaube, irgendwo dort hinten muß es gewesen sein“, begann Milo. Hamfast schenkte ihm kaum mehr als einen kurzen Blick, als er nickte.
„Stimmt. Da hat der Fetzen ihres Kleides gehangen.“
„Es war rot?“
Sprachlos starrte Hamfast Milo an und nickte. „Ja... bei allem, was dir heilig ist, was hast du mit ihr gemacht?“
„Keine Sorge, es geht ihr bestimmt gut“, versuchte Milo, ihn zu beschwichtigen, und schlug sich allen voran ins Unterholz.
Langsam kehrte seine Erinnerung zurück, und angesichts des fast gehörnten Ehemannes hinter sich gefiel ihm sein alter Plan nicht mehr besonders. Er mußte jetzt sehen, daß sie Melethiell wohlbehalten zurückholten, andernfalls sah er sich neben dem toten Schandtäter liegen.
Milo hatte bald genauso große Sorgen wie die anderen. Er wußte wieder, was er getan hatte, und er wußte auch ungefähr, wo sie suchen mußten. Sie hasteten aufgewühlt durch den ganzen Wald, bis sie dahinter das offene Feld erreichten, und Milo machte sich sehr sicher auf den Weg zu ihrem Ziel.
„Da vorn müßte die Hütte sein“, sagte er, und Hamfast packte sich an die Stirn. So nah war sie die ganze Zeit gewesen und er hatte nichts davon geahnt.
Und dann tauchte die Hütte auf dem Hügel auf, Hamfast rannte ohne zu zögern los und niemand holte ihn mehr ein, obwohl zumindest Nibs es noch versuchte.
„Meli!“ schrie Hamfast aus vollster Kehle, hastete auf die baufällige Hütte zu und blieb erst stehen, als er die Tür offen stehen sah.
Sie war aus den Angeln gesprungen, und das deutete auf Gewalteinwirkung hin.
„Melethiell?“
Hamfast betrat, dicht gefolgt von Nibs, die im Dämmerlicht nicht gerade einladend aussehende Hütte, doch er bekam keine Antwort.
Die beiden schauten sich um, die anderen folgten ihnen nun auch in die Hütte, und Milo trat vor.
„Da unten, die Falltür, da habe ich...“
Er wußte es, aber er hielt inne, weil er das Loch im Boden sah.
„Geht mal alle raus, wir sehen so nichts, das wird zu dunkel“, sagte Nibs, und bis auf ihn, Hamfast und Milo verdrückten alle sich in Ecken oder gingen vor die Tür.
„Sie ist nicht mehr hier“, sagte Milo, ging zur Falltür und stieg die Stufen hinab in den winzigen Kellerraum unter dem Hüttenboden.
Wie betäubt stand Hamfast da und überlegte. Nicht mehr da?
„Du bist sicher, daß du dir keinen Scherz mit mir erlaubst, Milo?“ sagte er und starrte einfach geradeaus. In ihm war alles wie tot. Da war ein Loch im Boden, Melethiell war nicht dort, und keiner wußte, wo sie war.
„Seht mal“, rief Milo von unten. „Hier sind Scherben. Sie hat sich selbst befreit, sie hat den Boden mit dem Krug zerschlagen und ist herausgeklettert!“
„Im Ernst?“ fragte Nibs und blickte durch das Loch zu Milo hinab, der zwischen den Scherben stand und nickte.
„Sie hat sich befreit, ja. Was soll hier sonst passiert sein?“
„Und du bist sicher, daß du uns nichts vorspielst?“ rief Hamfast drohend hinab und wollte sich neben Nibs stellen, aber er hielt inne. Er sah einen dunklen Fleck vor sich auf dem Boden, der wie ein teilweise erhaltener Fußabdruck aussah, und davor einen weiteren, und noch einen, und sie führten in Richtung Tür.
„Ich schwöre, wieso sonst sollte hier alles so...“
Milo brach ab, weil er sah, daß ihm ohnehin niemand zuhörte. Dann kam er wieder hinauf und versuchte, herauszufinden, was Hamfast und Nibs so faszinierte.
„Sie ist in die Scherben getreten und dann einfach hinausgelaufen, als sie durch das Loch geklettert ist“, murmelte Nibs. Hamfast reagierte gar nicht, doch dann plötzlich geriet er ins Taumeln und Nibs mußte ihn auffangen, damit er nicht zu Boden ging.
„Was ist los?“ fragte der junge Hobbit. Hamfast hatte Tränen in den Augen stehen.
„Sie ist verletzt“, murmelte er. „Sie kann sich sonstwas damit holen, sie... sie ist doch ganz allein da draußen, wer weiß denn, was ihr jetzt passiert?“
„Sie lebt! Hamfast, beruhige dich, ihr ist nichts zugestoßen, wir gehen hier jetzt raus und suchen sie. Bald werden wir sie gefunden haben!“
Hamfast erwiderte nichts. Er starrte Milo an, der seinen Blick reumütig erwiderte, und nickte dann in Nibs‘ Richtung.
„Wir haben wohl keine Wahl, oder?“ murmelte er und verließ die Hütte wieder. Er hatte jetzt keine Zeit, sich mit Milo aufzuhalten, auch wenn er ihm am liebsten den Hals umgedreht hätte. Daß er dazu fähig gewesen war, seiner Frau das anzutun!
Aber er hatte jetzt andere Sorgen. Er mußte sie finden. Zwar war der gesuchte Verbrecher gefaßt und scheinbar war er ihr auch nicht begegnet, aber es begann bereits zu dämmern, sie war verletzt, völlig ausgehungert...
Er hatte selbst einmal Wundstarrkrampf bekommen, nur weil er unversorgte winzige Wunden gehabt hatte. Wenn sie nun auch krank wurde...
Er mußte sie finden. Sie würde Angst haben.
Sie hielten sich gar nicht weiter mit dem Versteck auf, sondern verließen die Hütte und schafften es noch, den Fußspuren, die mit Blut ins Gras gedrückt waren, für eine Weile zu folgen, bis sie nichts mehr davon entdecken konnten.
Aber es reichte ihnen, um sagen zu können, daß sie den Weg durch den Wald gewählt hatte. Wann das gewesen war, vermochten sie alle nicht zu sagen, aber sie würden sie finden. Seit langem konnte sie eigentlich nicht unterwegs sein, sonst hätten sie sie längst gefunden.
„Wir teilen uns auf“, schlug Anson vor, der immer noch dabei war. „Sonst finden wir sie nie bis zum Einbruch der Nacht, der Wald ist an dieser Stelle groß genug. Der winzige Ausläufer vor Oberbühl ist nichts dagegen! Ich kenne die Gegend wie meine Westentasche. Wir werden sie schon finden, weit kann sie nicht sein. Einverstanden?“
Niemand hatte etwas gegen seinen Vorschlag einzuwenden, also wurde er direkt in die Tat umgesetzt und jeweils zu zweit zogen sie schließlich in vier Gruppen los. Nibs blieb bei Hamfast, Anson nahm sich Milos an, Folco ging zu Will und die beiden letzten taten sich ebenfalls zusammen.
Sie trennten sich schließlich und schwärmten in verschiedenste Richtungen im Wald. Hamfast und Nibs wählten den naheliegendsten Weg und riefen nach Melethiell, suchten ohne Fackeln und Licht im Schatten der Dämmerung den Wald ab, suchten nach Spuren, fanden aber keine und hörten auch nirgendwo etwas.
„Wo ist sie...“ flüsterte Hamfast tonlos. Nibs hatte bereits gemerkt, daß sein Freund stumm weinte, jetzt hörte er es auch noch, und blickte mitleidig in seine Richtung. In Hamfasts Kopf mußten so viele verschiedene Gedanken einander noch mehr verwirren, denn die Ereignisse hatten sich in wenigen Stunden wirklich überschlagen.
„Wir finden sie. Hab keine Angst, bald ist sie wieder bei dir und alles ist vergessen“, versuchte Nibs, seinen Freund zu trösten. Dieser wollte Milo am liebsten tot sehen, aber er hatte erst gesehen, wie es Andi und dem Vergewaltiger ergangen war, und das war eigentlich nicht besser oder in irgendeiner Weise erstrebenswert.

„Ihr habt es alle gar nicht anders verdient!“ stieß der Kerl unter seinem heftigen Atem hervor. Melethiell wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht, er hatte ihr sein Halstuch als Knebel in den Mund gesteckt, weil er ahnte, daß noch jemand in der Nähe war. Aber es war ihm egal, er war voller blinder Wut, er wollte sie jetzt einfach quälen, und sie wußte das.
Aber er war noch nicht fertig mit ihr. Zwar hatte sie ihn ohnehin schon gesehen und somit konnte das nicht der Grund sein, aber er wollte sie einfach erniedrigen, und das ging eben am besten, wenn sie völlig wehrlos war. Er verband ihr unsanft die Augen, und sie konnte nichts dagegen tun, weil er ein Knie auf ihre linke Hand gesetzt hatte und die andere Hand war verletzt und voller Blut. So hatte er nur einmal mit geballter Faust darauf schlagen müssen und sie bewegte die Hand vor lauter Schmerzen überhaupt nicht mehr.
Ihre erstickten Schluchzer und das leise Wimmern berührten ihn überhaupt nicht. Melethiell weinte vor Angst, sie hatte doch keine Ahnung, was er nun tun wollte, und sie war vom Regen in die Traufe geraten, als sie ihm begegnet war.
Er würde sie nicht fesseln, das hatte er nie getan. Das brauchte er auch überhaupt nicht, sie konnte sich nun lebhaft vorstellen, daß seine Opfer sich garantiert nicht mehr bewegt hatten, wenn er einmal zum Zuge gekommen war. Wenn er seine Gewalt an ihnen ausgelassen hatte, waren sie höchstens damit beschäftigt gewesen, den Schmerz zu ertragen, mehr war in dem Moment wohl kaum möglich.
So weit waren sie noch nicht, und Melethiell wollte auch nicht darauf warten, daß das geschah. Sie lag unter ihm und fühlte sich dabei entsetzlich wehrlos, aber sie war es nicht.
Der Schmerz ihrer Hand war ihr mit einem Male völlig gleich, zwar hatte seine Kraft sie verblüfft, aber sie war auch noch nicht ganz am Ende.
Sie konnte mit ihren Beinen, auf denen er saß, nichts ausrichten, aber sie konnte sich ungefähr vorstellen, wohin sie zielen mußte, und mit einer blitzschnellen Bewegung schlug sie mit geballter Faust in seinen Schritt, was er mit einem schmerzerfüllten Aufschrei beantwortete.
Fast wäre er hinterrücks von ihr heruntergefallen, aber er hielt sich aufrecht und war nun erst recht wütend.
„Ja, so ist das immer mit euch, ihr wollt die Kerle erst scharf machen und dann abweisen, aber so geht das nicht!“ brüllte er ihr entgegen und holte mit der flachen Hand aus, um ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Die war derart hart, daß ihr Kopf zur Seite geschlagen wurde, und sie schrie auf. Blind vor Panik begann sie zu zappeln und wollte nach ihm schlagen, aber er ließ das nicht zu, machte sich noch schwerer auf ihr und riß flink mit beiden Händen ihr notdürftig zusammengeflicktes Oberteil auseinander, so daß sie schließlich halbnackt vor ihm lag.
Sie konnte kaum noch atmen, sie wollte schreien, aber mehr als erstickte Laute konnte sie nicht von sich geben. Alles war dunkel, das Tuch saß unglaublich fest um ihre Augen, und daß sie ihn nicht sehen konnte, machte ihre Furcht nur noch schlimmer.
Er lachte gehässig und griff nach ihrem Rock, riß ihn in der Mitte längs bis oben hin auf und beugte sich zu ihr hinab, so daß sie schon wieder seinen Atem riechen konnte.
Ihr wurde übel.
„Ich hab die falsche Frau geheiratet, ja... nie durfte ich ihr zeigen, daß ich sie liebe, niemals wirklich, und dabei wollte ich Kinder mit ihr haben. Ich war ihr wohl nicht gut genug, aber stand mir denn nicht zu, ihr nah zu sein? So seid ihr, bei euch muß man betteln, und ich hatte davon genug...“
Melethiell konnte nur hören, was er sagte, und trotz ihrer Angst hörte sie seinen Worten zu, sie konnte ohnehin nichts andere tun, da sie sich unter ihm kaum noch bewegen konnte.
Dann erhob er sich plötzlich und sie wollte schon aufspringen und weglaufen, aber er packte sie, warf sie auf den Bauch und setzte sich wiederum auf ihre Beine. Mit einem Arm drückte er ihren Oberkörper zu Boden und ihr Gesicht in den Dreck, so daß sie kaum noch atmen konnte.
Sie hustete und glaubte fast, ersticken zu müssen, hatte vor lauter Angst schon aufgehört zu weinen, wußte aber, daß sie ihm nun völlig wehrlos ergeben war.
„Ich wollte nur haben, was mir zusteht, und dann ist sie gegangen! Eine Frau hat ihren Mann nicht zu verlassen, ist euch das nicht klar? Ihr jungen Dinger habt alle keinen Mann verdient, der euch liebt. Aber wollen doch mal sehen, ob euch noch einer haben will, wenn ich mit euch fertig bin! Gar nicht mehr unberührt...“
Jetzt wurde ihr alles klar. Melethiell ekelte sich furchtbar, als sie das hörte, er hatte einen unbändigen Haß auf alle Frauen, nur weil er die eigene vermutlich grob behandelt und vielleicht auch vergewaltigt hatte.
Und jetzt zog er herum und wollte den jungen Frauen damit das Leben zerstören!
Sie war so wütend, aber dafür hatte sie in diesem Moment keine Zeit. Er zog ihr den Rock bis über die Hüfte hoch, drückte ihren Kopf mit einer Hand zu Boden, und sie konnte ihn nicht einmal erreichen, obwohl ihre Hände frei waren.
Sie spürte, wie er sich wohl die Hose von den Hüften zerrte und schrie, so laut sie konnte, versuchte irgendwie, ihm noch zu entgehen, aber er war plötzlich soviel stärker als sie und er wollte sie jetzt nicht mehr loslassen.
Doch dann passierte erst einmal nichts. Sekündlich wartete Melethiell darauf, daß er vollends über sie herfiel, sie wartete auf den Schmerz, doch er kam nicht.
Der Kerl saß reglos da, scheinbar war er nicht dazu in der Lage, ihr Leid anzutun, aber er ließ sie einfach nicht los.
Ihr Atem ging stoßweise, sie atmete kleine Teilchen vom Waldboden ein und mußte wieder husten, wollte etwas sehen, aber lag fast nackt vor ihm und konnte überhaupt nichts tun.
„Ob dein Mann dich wohl noch haben will, wenn wir zwei gleich fertig sind?“ fragte der Kerl gehässig und drückte ihren Kopf tiefer in den Schmutz. Er ließ sich zwischen ihre Beine rutschen und drückte sie auseinander, scheinbar war es jetzt soweit, Melethiell schrie vor Angst und wollte sich von ihm befreien, aber sie konnte nicht.
Und dann plötzlich hörte sie einen Aufschrei, hörte Laub rascheln und eine dünne Stimme, dann war ein Luftzug neben ihr und spürte, wie jemand den Kerl von ihr hinunterstieß.
Sie fuhr herum und zog ihren Rock bis an die Knie hinunter, dann schrie sie erneut auf, als sie von hinten Arme um ihren Körper gelegt spürte, aber eine beruhigende Stimme sagte: „Ruhig, ich bin es, Nibs!“
Er zog sie an sich und sie ließ ihn gewähren, weil sie seine Stimme erkannte. Erleichtert schnappte sie nach Luft, und dann lauschte sie auf das, was geschah.
Die wutentbrannte Stimme erkannte sie sofort.
„Manche Bastarde haben mehr als ein Leben, was?“ brüllte Hamfast in blinder Rage.
„Krümm meiner Frau ein Haar und Andi kann dich nochmal töten! Oder tu ich das dann?“
Der Kerl kam überhaupt nicht zu Wort. Hamfast hatte sich auf ihn geworfen und wollte ihm nun ein für allemal zeigen, was er von ihm hielt.
Er war mit Nibs durchs Unterholz geschlichen und hatte erst nach Melethiell gerufen, aber als er plötzlich leise Stimmen gehört hatte, hatten die beiden sich herangepirscht und als sie trotz des abendlichen Dunkels gesehen hatten, was geschah, war es aus gewesen.
Hamfast sah nur den totgeglaubten Kerl da sitzen und das rote Kleid seiner Frau schrie ihm derart entgegen, daß kein Zweifel offen blieb. Nibs wollte ihn noch zurückhalten, aber es war zu spät, Hamfast sprang dem Kerl entgegen, um Melethiell zu retten, und teilte nun eine gehörige Tracht Prügel aus.
Nibs saß hinter Melethiell und hatte die zitternde Frau seines Freundes an sich gedrückt. Hastig zog er ihr die Augenbinde vom Gesicht und löste ihren Knebel, aber was Melethiell als erstes sah, erschütterte sie sehr.
Hamfast kniete buchstäblich auf dem Kerl. Aber es ging ihm plötzlich wie Andi. Kaum daß er gesehen hatte, daß der totgeglaubte Vergewaltiger über seine Frau herfallen wollte, hatte bei ihm alles ausgesetzt und was Nibs noch gar nicht gesehen hatte, war, daß Hamfast auch ein Messer in der Hand hatte.
Der Kerl lachte nur heiser.
„Daß ihr alle so empfindlich seid, wenn es um eure Weiber geht...“
„Du hättest eben tot bleiben sollen!“
„Nur schade, daß du gerade kamst. Fast hättest du ein Kind gehabt, das genauso aussieht wie ich...“
Damit setzte es bei Hamfast aus. Er tat es nicht bewußt, er schaute noch nicht einmal hin, als ihm die Hand ausrutschte und er dem halbtoten Verbrecher sein Messer zwischen die Rippen bohrte.
Er hatte die Lunge getroffen und den Mann tödlich verletzt. Röchelnd lag er unter Hamfast und wollte etwas sagen, bekam aber keinen Ton mehr heraus.
„Was du getan hast“, zischte Hamfast voller Haß, „hat sich für die Frauen genauso angefühlt!“
Der Kerl spuckte Blut, bevor sein Kopf zur Seite fiel und er die kalten Augen schloß. Mit einem Schrei fuhr Hamfast empor und stolperte seitwärts weg, so daß er genau neben Melethiell und Nibs fiel.
Keuchend lag er da und sah Blut an seinen Händen, schrie erneut und wischte sich panisch die Hände an seiner Hose ab.
„Was hast du getan“, entfuhr es Nibs im Schock. Er hatte, genau wie Melethiell, gerade bezeugt, wie Hamfast den Vergewaltiger getötet hatte.
Mit geschlossenen Augen und Tränen auf den Wangen lag Hamfast da und atmete schwer.
„Ich habe ihn umgebracht...“ stammelte Hamfast mit zitternder Stimme und setzte sich langsam wieder aufrecht. Mit geweiteten Augen blickte er zu Nibs und seiner Frau, die seinen Blick unter Tränen erwiderte.
Erst in diesem Moment begriff Hamfast, daß sie da wirklich saß, seine Melethiell, und es ging ihr gut.
Er glaubte fast, daß er keine Luft mehr bekäme, in seinem Kopf setzte alles aus, aber Melethiell bewahrte einigermaßen die Fassung und kniete sich vor ihn.
Sie legte ihre Hände auf seine Wangen, dann klammerte sie sich regelrecht an ihn, schluchzte laut und fühlte sich erst sicher, als er sie schützend umarmte und an sich zog.
Krümel nahm sie auf seinen Schoß und wiegte sie liebevoll in den Armen, während er Nibs stumm ansah.
Was hatte er bloß getan?
Sie glaubte zu träumen. Sie war wieder bei ihrem Mann, er war gekommen, um sie zu retten, sie zu beschützen, er war wieder bei ihr.
Alles war dunkel, die Nacht verschluckte alles um sie herum, da waren nur noch Hamfast, Melethiell und Nibs, die nahe des Weges neben dem Toten saßen und alle überhaupt nicht mehr sprechen konnten, weil sie zu schockiert waren.
Aber es mußte weitergehen. Nibs war der erste, dem das einfiel, und er blickte zu den anderen, als er sagte: „Wir behaupten einfach, daß das Notwehr war oder daß er in das Messer gefallen ist...“
Melethiell nickte sogleich. „Der hat auch nichts anderes verdient...“
Sie blickte flehend zu Hamfast. Sie wußte nicht, was passierte, wenn herauskam, daß er genaugenommen ein Mörder war.
Aber Hamfast schüttelte den Kopf.
„Nein. In dem Moment wollte ich, daß er stirbt. Ich wollte ihn einfach tot ehe, weil er es verdient hat, natürlich... ich habe ihn umgebracht! Und ich stehe dazu...“
„Hamfast, bitte, du zerstörst nur alles, wenn... wenn... wenn du das sagst, werden sie dich bestrafen! Du kannst mich doch nicht allein lassen, weil...“
Normalerweise hätte sie nicht so reagiert, aber sie haßte den Kerl einfach, der so entsetzliche Dinge getan hatte, sie hatte kein Mitleid mit ihm.
„Das werde ich auch nicht, Meli. Aber mit dieser Lüge würde ich nicht leben können. Es ist nicht so wie bei Andi, der hat das nicht gewollt und konnte auch nichts dafür, aber ich! Mir war klar, was ich tue, daß ich ihn töten würde. Es war mir gleich, ich wollte nicht, daß er lebt, der...“
„Sag es nicht, wir werden es für uns behalten. Du kennst mich“, sagte Nibs, aber Hamfast wollte nicht hören.
Und während sie noch diskutierten, kamen Folco und Will herbeigelaufen, die in der Nähe gewesen waren, und fanden sie dort.
„Was war hier los? Melethiell! Und der Kerl, wie...“
„Er war gar nicht tot“, sagte Nibs. „Er hatte sich Melethiell geschnappt, als wir kamen...“
„Oh nein“, murmelte Will.
„Wie ist das denn passiert?“ fragte Folco vorsichtig und zeigte auf den toten Verbrecher.
„Das war ich“, sagte Hamfast. „Es ging nicht anders.“
„Sicher, bevor er euch etwas tut...“
„Nein“, widersprach Hamfast. „Ich wußte nicht mehr, was ich tat...“
Beklommenes Schweigen hielt Einzug. Das war jetzt ein ganz anderes Problem.
„Egal“, sagte Will, „erst einmal muß Meli nach Hause. Um den Rest kümmern wir uns später.“
Mit diesen Worten erhoben sie sich alle, merkten sich die Stelle, so gut das im Dunkel möglich war, und dann nahm Krümel seine Frau auf die Arme, um sie nach Hause zu bringen. Auf ihren wunden Füßen sollte sie nicht mehr laufen müssen.
Sie schlang ihre Arme um ihn und genoß seine Wärme. Sie war endlich wieder bei ihm und in Sicherheit. Er hatte ihr so gefehlt.


Neuntes Kapitel: Das Ende einer Jagd

Hamfast konnte sich so gerade noch auf den Beinen halten, als er nur gemeinsam mit Nibs nach Beutelsend ging. Die anderen hatten sich entweder daran gemacht, den Toten zu bergen und nach Hobbingen zu bringen, oder sie hatten sich anderweitig verlaufen, weil sie nicht im Weg sein wollten.
Anson hatte sich widerwillig gemeinsam mit Folco um Milo gekümmert, damit dieser nicht urplötzlich einfach verschwand. Mit ihm war man noch nicht fertig.
Allerdings hatte Hamfast seinen Freund Nibs gebeten, ihn mit Melethiell zu begleiten, weil er sich selbst fast am Ende seiner Kräfte sah und mit seiner Frau nicht allein durch die Nacht irren wollte. Mit Nibs neben sich fühlte er sich wohler.
Und so standen sie endlich vor der Tür und traten ein, Nibs rief verhalten nach Rosie, Frodo und Liliane, die sogleich herbeigeeilt kamen und ihren Augen kaum trauten.
Sie wußten nicht, ob sie sich über das Bild freuen sollten, das sich ihnen bot. Melethiell war wieder da - aber sie war in einem entsetzlichen Zustand.
Hamfast stand der Schweiß auf der Stirn, sein Gesicht war rot vor Anstrengung, denn nach allem, was an diesem Tag geschehen war, fehlte ihm fast die Kraft, seine Frau noch länger zu tragen. Er hatte Staub und Spinnweben in den Haaren, Schmutz auf den Wangen und den Armen, und sein Hemd und die Hose waren voller Blut.
Aber er hatte sich Melethiell von Nibs nicht abnehmen lassen, um nichts in der Welt würde er sie wieder hergeben.
Sie selbst sah schrecklich aus. Ihre Haare waren verfilzt, ihr Gesicht von Tränen gezeichnet, mit Kratzern versehrt, ihr Kleid war am Oberteil und Rock zerrissen, an der Seite blutig aufgeschlitzt, ihre Hand und die Füße blutverschmiert. Und sie war schmutzig, daß sie es selbst kaum ertragen konnte.
Frodo war der erste, der zur Stelle gewesen war, dicht gefolgt von Rosie und dann Liliane. Fassungslos standen die drei im Flur und blickten auf Hamfast und Melethiell, die beide gezeichnet von den Ereignissen waren und kein Wort sprachen.
„Meine Tochter...“ entfuhr es Frodo, der die Hand vor den Mund schlug und kopfschüttelnd auf sie zuging, um ihre unverletzte Hand zu nehmen.
„Papa“, murmelte Melethiell unter Tränen, als sie ihn wahrnahm, und sah dann auch ihre vor Erleichterung und Glück weinende Mutter, die sogleich auf sie zugelaufen kam.
„Meli!“ rief sie mit bebender Stimme und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Geht es dir gut?“ fragte sie. Melethiell nickte langsam.
„Mir ist nichts passiert, Mama. Krümel hat mich gerettet!“
„Hat dir jemand etwas zuleide getan?“ fragte Frodo.
„Nein, niemand hat mir weh getan. Als würde mich jemand kriegen!“
Sie lachte und hustete sogleich. Hamfast hielt sich nicht weiter im Flur auf, sondern drängte an den besorgten Eltern vorbei ins Wohnzimmer, wo sein jüngster Bruder gerade umgeben von Bauklötzen mit seinem Sohn dasaß und spielte.
Als Melethiell Bariweis sah, flehte sie geradezu darum, daß Hamfast sie absetzte, aber das tat er erst auf dem Sofa.
„Mami!“ schrie der Kleine, als er seine Mutter sah, und Hamfast schaffte es gerade noch, eine Decke über Melethiell zu breiten, damit der Junge seine Mutter nicht so sah.
„Ich habe dir doch versprochen, daß ich Mami zurückbringe!“ sagte Hamfast grinsend, hob Bari hoch und setzte ihn seiner Frau auf die Beine, die sich aufrichtete und ihren Sohn überglücklich in die Arme schloß.
Alle nahmen um sie herum im Wohnzimmer Platz. Hamfast saß auf einem Hocker neben dem Sofa, auf dem Melethiell mit ihrem Jungen saß, und blickte mit einem ganz und gar unglücklichen Gesicht in die Runde.
Rosie war einfach nur glücklich, daß sie wohlbehalten wieder da waren, ebenso Liliane, aber Frodo sah, daß Hamfast etwas bedrückte.
Und schließlich fragte er danach, während seine Tochter ihren Sohn zärtlich in den Armen wiegte und ihm eine leise Melodie vorsummte.
Ihren Jungen an sich zu spüren tat so gut, sie hatte ihn wieder, ihr Mann hatte sie zurückgeholt. Mit einem Arm hielt sie Bari fest, den anderen legte sie um Hamfasts Schultern und schloß die Augen.
In diesem Moment war alles vergessen, sie saß unter einer warmen Decke nahe des Feuers und bei ihrer Familie. Nichts konnte ihr mehr passieren.
„Ist etwas passiert, Krümel?“ wollte Frodo vorsichtig wissen. Hamfast nickte.
„Ich habe den Mann getötet, der meiner Schwester und den anderen Mädchen so weh getan hat.“
„Was? Aber es hieß doch heute Nachmittag, daß Andi...“ warf Rosie ein, aber Hamfast ließ seine Mutter nicht ausreden.
„Wir dachten, er sei tot. Aber das war er nicht. Er hatte Meli aufgelauert, die sich befreit hatte und nach Hause laufen wollte. Ich mußte ihn davon abhalten, mit ihr dasselbe zu tun wie mit Primula, und... und ich habe ihn getötet. Ich habe seinen Tod zu verantworten.“
„Du hast dich doch gegen ihn zur Wehr gesetzt und deine Frau gerettet, was ist dir vorzuwerfen?“ fragte Liliane dazwischen.
Krümel seufzte und schloß die Augen.
„Ich hätte es nicht tun müssen. Ich hatte ihn bereits außer Gefecht gesetzt, er war doch verletzt... aber ich habe ihn dennoch getötet. Weil ich nicht mehr wußte, was ich tat.“
Ein eisiges Schweigen breitete sich aus und erfaßte alle Umsitzenden, die sofort vor Schreck erstarrten. Nur Nibs war ganz ruhig.
„Er hat ihn aber provoziert. Ich war auch dabei und habe es gesehen. Der Kerl hat Dinge gesagt, die mich genauso aufgebracht hätten.“
Frodo hielt sich aus der Sache vorerst heraus, weil er wußte, daß es das geben konnte. Er machte Sams Sohn überhaupt keinen Vorwurf. Es reichte ihm, zu hören, daß jemand seine Tochter hatte vergewaltigen wollen, und er hätte an Krümels Statt nicht anders gehandelt, wenn es um Liliane gegangen wäre.
Die sah das jedoch ganz anders.
„Dann war es doch Absicht... oh nein, Hamfast, wie ist das nur passiert?“
„Mein Junge“, murmelte Rosie entgeistert. Sie starrte nur auf das nun bräunliche, getrocknete Blut auf den Sachen ihres Sohnes, der einfach auf den Boden starrte mit Tränen in den Augen.
„In dem Moment hatte er es nicht anders verdient. Man behandelt Frauen nicht so und man spricht auch nicht so über sie. Aber es war kein Unfall, nicht daß das jemand glaubt, und ich stehe dazu. Ich habe ihn umgebracht, und in diesem Moment tat es mir auch nicht leid. Ich bin schuld an seinem Tod.“
„Warte“, unterbrach ihn Melethiell. „Er hat mit mir gesprochen, als er... nun... er haßte Frauen abgrrundtief. Daran war die schuld, die er geheiratet hatte, glaube ich... er sagte, er wolle allen Frauen weh tun und ihnen alles zerstören, weil sie es wohl verdienen würden. Er wollte sich etwas holen, von dem er glaubte, es stünde ihm zu, das hat er gesagt...“
„Was?“ fragte Hamfast entgeistert und blickte ihr direkt in die Augen mit einem harten Ausdruck im Gesicht. Und wieder tat es ihm in keinster Weise leid.
„Ich dachte, der bringt mich um, wenn er mit mir fertig ist, er wollte mir nur weh tun, um mehr ging es ihm gar nicht!“ sagte Melethiell mit erstaunlich fester Stimme. Wenn sie allen begreiflich machen könnte, daß Hamfast kein Mörder war... und ihr war nichts passiert, deshalb sprach sie so unbefangen.
Liliane starrte ihre Tochter fassungslos an. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte, und Rosie brach in Tränen aus, als sie wieder an Primula dachte.
„Du hättest lügen können“, sagte Frodo auf einmal an Hamfast gerichtet. „Aber das tust du nicht. Haben Melethiell und Nibs auf dich eingeredet, es als Notwehr darzustellen? Und du wolltest es nicht, weil du nicht damit leben könntest. Weißt du, wie gut ich dich verstehen kann?“
Hamfast begriff, daß Frodo ihm Zuspruch schenkte. Er hörte aus seinen Worten heraus, daß der von ihm so bewunderte Onkel kaum anders gehandelt hätte. Frodo war zwar jemand, der Mord verachtete, und das abgrundtief. Aber er hatte in seinem Leben irgendwann Situationen erlebt, die ihm seine Illusionen geraubt hatten, und seit er eine Familie hatte, dachte er ohnehin anders.
Er verstand, daß Hamfast Frau und Schwester gerächt hatte, und weil es im Auenland keine geschriebenen Gesetze zur Verurteilung von Mord gab, sah er die Sache auch nicht so eng.
Aber Hamfast war und blieb ein Ehrenmann, weil er trotz aller ihm drohenden Schwierigkeiten bei der Wahrheit blieb.
Und sein Vater, Samweis, würde über seinen Sohn zu richten haben...
Wenn er über Perhail zu richten hätte, an den er jetzt lieber nicht dachte, würde ihm keine harte Strafe in den Sinn kommen.
Sein Sohn hatte, genau wie Hamfast selbst, auch Familie, er lebte mit ihnen in der Nähe und hatte die Suche nach seiner Schwester mit koordiniert, er hätte auch nicht anders gehandelt...
Sie alle konnten sich die Situation vorstellen, standen aber nun vor einem großen Problem. Und Sam war nicht da, er war fort in Michelbinge, und konnte jetzt nichts dazu sagen.
„Wer hat dir das angetan, Meli?“ fragte Frodo dann.
„Es war mein alter Erzfeind Milo“, sagte Hamfast an Stelle seiner Frau, die ihren Sohn auf die Stirn küßte. Bariweis fühlte sich sehr wohl in den Armen seiner Mutter.
„Er wollte mir eins auswischen, er kam her und hat sie gesehen, hat sich einen wirren Plan ausgedacht und schließlich in seinem Suff alles wieder vergessen. Wenn Meli nicht ausgebrochen wäre, wäre sie in ihrem Gefängnis gestorben, wenn wir sie nicht vorher gefunden hätten.“
„Es war gar nicht dieser Kerl?“ fragte Tom ungläubig.
„Nein. Was mit Milo passieren soll, wissen wir noch nicht, und der andere Kerl ist tot. Wir wissen nicht mal, wer er eigentlich war. Aber jetzt droht keine Gefahr mehr!“
Allein das war viel wert, das wußten sie alle. Und eigentlich zählte auch nur, daß Melethiell wieder da war. Aber vorbei war der Ärger noch längst nicht.

Es war unmöglich gewesen, Bariweis in sein eigenes Bett zu schicken. Der Zweijährige hing so sehr an seiner Mutter und war unsäglich glücklich, daß sie endlich wieder da war, und somit hatten seine Eltern ihn mit zu sich ins Bett nehmen müssen.
Der Kleine schlief längst, als Melethiell und Hamfast sich noch immer stumm ansahen und nichts zu sagen vermochten. Ihnen beiden ging so viel durch den Kopf, was sie rastlos machte.
Eigentlich hätte Hamfast glücklich aussehen sollen, immerhin hatte er endlich seine Frau zurück, aber er war im Gegenteil sogar todunglücklich. Er hatte sich und seine Familie noch bewußt in große Schwierigkeiten gebracht, einfach nur, weil seine Sturheit nicht zu bändigen gewesen war.
Nicht nur daß er den Mann getötet hatte, und das voller Absicht. Es war nicht im Affekt geschehen, auch wenn die letzte Provokation des nun Toten dazu geführt hatte, daß Hamfast die Fassung verloren hatte.
Er wußte selbst gut genug, wie oft er sich vorgestellt hatte, den Kerl zu töten, und wie gut dieser Gedanke sich angefühlt hatte.
Das war eine Seite an ihm, die Hamfast Angst machte. Er war so ein gutmütiger junger Hobbit, der sich für seine Familie in Stücke reißen ließ, aber ebenso ging er auch für sie über Leichen.
Das war bei ihm immer so gewesen, denn da geriet er nach seinem Vater - nur war er in diesen Dingen noch extremer als Sam. Dieser hatte zwar auch oft genug getötet, wenn es um Frodos Leben gegangen war, aber ihm hatten sich unzivilisierte Orks, Sklaven Morgoths, dabei entgegengestellt.
Sam hatte niemals wie sein Sohn einen Hobbit bewußt getötet und würde das auch niemals tun. Natürlich hatte er einen großen Haß auf den Kerl entwickelt, der seiner Tochter solches Leid angetan hatte, aber er hätte ihn niemals getötet. Das war etwas anderes als in Situationen, wo man töten mußte, um jemanden zu retten, und dann hatte man auch keine Wahl - aber Hamfast hatte sie gehabt.
Und dann hatte er auch noch ehrlich sein müssen. Die Gesichter der Familien hatten ihm den Rest gegeben, er hatte sich in diesem Moment so sehr gewünscht, daß er gelogen hätte, einfach um seiner Mutter nicht die Schande zu bereiten, den eigenen Sohn als Mörder ansehen zu müssen. Genauso wie jetzt die Eltern seiner Frau begreifen mußten, daß Melis Ehemann getötet hatte. Zwar für sie, aber auch noch vor ihren Augen und ohne jede Gnade.
Und Melethiell selbst hatte ihn angefleht, zu lügen, genau wie sein Freund Nibs, der sein Leben lang über die Wahrheit geschwiegen hätte, weil er auf Hamfasts Seite stand. Er war dabei gewesen, hatte alles gehört, und hätte nicht anders gehandelt. Das wußte Hamfast, aber es tröstete ihn kaum.
Er hatte nicht auf Meli gehört, die nicht wollte, daß er jetzt bestraft wurde. Das würde Folgen für ihr gesamtes weiteres Leben haben. Denn es würde zwar Leute geben, die Hamfast verstanden, es würde aber auch Leute geben, die ihn verurteilten, und seine gutgehende Werkstatt würde ernsthafte Probleme erfahren. Genauso wagte sie nicht, sich auszumalen, wie sie auf der Straße angestarrt würde, wie sie ausgestoßen würden, denn die Leute erlaubten sich immer Urteile, ohne die ganze Wahrheit zu kennen.
Genaugenommen müßte Sam seinen eigenen Sohn sogar offiziell bestrafen lassen, ganz ähnlich wie damals Hamfasts Entführer, die zu gemeinnütziger Arbeit unter strenger Aufsicht verurteilt worden waren.
Aufgrund der schlechten Erfahrungen während der Belagerung des Auenlandes wurden im allgemeinen Einverständnis Gefängnisstrafen, die ohnehin fast nie zum Einsatz kamen, vollends abgeschafft - aber Melethiell erwartete in einigen Monaten ein zweites Kind und ihr graute es bei dem Gedanken, daß ihr Mann, wenn seine Familie ihn brauchte, seiner Strafe nachkommen müßte.
Böse war sie ihm nicht. Daß er kompromißlos ehrlich und aufrecht war, wußte sie, denn sie kannte ihn schon ihr ganzes Leben. Und eigentlich mochte sie das so an ihm, schätzte diese Eigenschaft sehr, aber diesmal konnte das alles zerstören.
Dabei hatte er ihr eigentlich nur helfen wollen.
Bisher wußten nur die Familien und die anderen Helfer zum Teil von diesem Mord, und sie alle hatten sogleich versprochen, vorerst darüber zu schweigen. Solange der Bürgermeister selbst fort war, war es nicht angebracht, die Angelegenheit ins Gerede zu bringen. Außerdem sahen die jungen Hobbits sich nicht als tratschende Waschweiber an.
In sich zusammengerollt lag Bariweis zwischen seinen Eltern. Melethiell starrte irgendwohin, Hamfast auf seine Knie, wollte stark bleiben und die Fassung bewahren, aber er konnte nicht.
Er hätte sich mit einer Lüge auch nicht gut gefühlt, doch jetzt fühlte er sich elender, als er sich als Lügner jemals hätte fühlen können. Immer wieder sah er die schmerzerfüllten Augen seiner Mutter vor sich und hörte Melethiell flehen, wie sie noch im Wald neben Nibs saß, völlig aufgelöst und am Ende ihrer Kräfte, und sie flehte ihn an, um ihrer Familie willen zu lügen.
Er schämte sich so, daß er das nicht einfach getan hatte, denn er sah, wie Melethiell nun neben ihm saß und todunglücklich schwieg.
Er hatte sie noch nach Hause getragen und seinen Sohn an der Hand geführt, um ihn nicht zu verlieren, und er hatte Melethiell in die Küche vors Feuer gesetzt, wo sie sich aufwärmen konnte.
Vorsichtig war er ihr dabei behilflich gewesen, das zerfetzte Kleid auszuziehen und ein ordentliches anzuziehen, dann verband er liebevoll ihre Wunden und machte ihr etwas zu essen, weil sie völlig ausgehungert war. Ihr quirliger Sohn hatte sie dabei aufzuheitern vermocht, weil seine Freude über die Rückkehr seine Mutter wirklich ansteckte, doch kaum daß der Kleine eingeschlafen war, machte sich eine erdrückende Stimmung breit.
Melethiell fühlte sich äußerlich viel besser, sie fror nicht mehr, hatte endlich keinen Hunger und keine Schmerzen mehr, doch es quälte sie sehr, Hamfast so am Boden zerstört zu sehen. Dabei hatte er es doch nur gut gemeint.
Sie wußte, daß er sich schämte, und sie überlegte lange, was sie ihm sagen sollte. Doch dann schließlich hob sie den Kopf und sah ihn an.
Was sie sah, machte sie noch trauriger. Seit einigen Minuten saß er da und weinte lautlos, sie hatte es nicht gemerkt, aber sein Gesicht war naß von Tränen und er sah nicht so aus, als würde er mit ihr sprechen können.
„Bitte nicht“, flüsterte sie, kletterte über ihren Sohn hinweg zu Hamfast hinüber und setzte sich auf seinen Schoß. In diesem Moment begann er laut zu schluchzen und konnte ihre Nähe fast nicht ertragen, aber Melethiell ließ ihn nicht mehr fort, sie zog ihn in eine tröstliche Umarmung und strich ihm sanft über den Kopf.
Hamfast hielt sich weinend an ihr fest und beruhigte sich langsam, weil er spürte, daß seine Frau ihm scheinbar nicht böse war. Und dann sprach er endlich mit ihr.
„Du hattest Recht, ich hätte lügen sollen, so habe ich alles nur noch schlimmer gemacht...“
„Nein!“ widersprach sie. „Zwar wollte ich das in diesem Moment und wenn es möglich wäre, würde ich mir auch jetzt wünschen, daß du lügen könntest, aber du hast es nicht getan und jetzt ist es zu spät. Krümel, niemand außer dir hätte den Mut besessen, so zu handeln, wie du es getan hast. Eigentlich ist das auch völlig richtig, das weiß ich selbst... du hast diese Ehre immer besessen, auch wenn sie dich ungerechterweise oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Du hast dich lieber für mich geschlagen als davonzulaufen, jetzt hast du mich rächen wollen - ich weiß, daß das alles Liebe war. Zwar war es nicht immer die richtige Wahl, aber sie war zumindest nie dumm! Nur jetzt... wenn dein Vater jetzt nicht die richtige Entscheidung trifft, macht es alles kaputt.“
„Mein Vater ist doch nicht verantwortlich für meine Fehler“, widersprach Hamfast sofort. „Er war nicht einmal hier, als es geschah!“
„Nein, das nicht, aber er wird über dich zu richten haben. Und... er ist ein aufrechter Hobbit, das wissen wir beide, aber er wird seinem Sohn nicht alles zerstören, glaube ich. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dein Vater als Bürgermeister seinen Sohn im Auenland als Mörder dastehen läßt. Niemals. Das ist auch nicht meine Sorge... meine Sorge ist vielmehr, daß du dich damit nicht abfinden kannst. Wenn du genauso unbeugsam vor deinem Vater stehen wirst, wie du heute vor deiner Mutter gestanden hast, wird er tun, was du sagst, aber ich flehe dich an, überlaß ihm diesmal die Wahl, wie die Angelegenheit ausgehen soll!“
Hamfast schwieg. Also doch wieder lügen... oder zumindest schwindeln. Auf der einen Seite war das besser, aber schon sah er sich wieder im gleichen Dilemma wie Stunden zuvor, und erneut sagte ihm sein Verstand, daß er ehrlich sein müsse - nur sein Herz dachte an seine Familie und daran, daß er ihretwegen lügen mußte.
Und um seines Vaters willen, der Hamfast einen Mörder nennen würde, wenn Hamfast ihm keine Wahl ließ. Doch der Sohn sollte seinem Vater die Möglichkeit lassen, Gnade auszusprechen.
Melethiell wußte nicht mehr, was sie denken sollte. Sie hatte große Angst vor den Folgen gehabt, jetzt versuchte sie, sich selbst und ihrem Mann Mut zu machen, indem sie Mutmaßungen über Sams Entscheidungen anstellte. Die konnten aber auch falsch sein.
„Ich hätte ihn nicht töten dürfen“, sagte Hamfast kurzum. Melethiell verzog keine Miene, aber sie sagte: „Ich kann mich nicht an den Wortlaut dessen erinnern, was er gesagt hat, ich weiß nur noch, daß ihr entsetzlich gestritten habt. Er hat mir solche Angst gemacht, und wenn man sich vorstellt, welche Schmerzen er jemandem zufügen kann - mir hätte zufügen können - entwickelt man einen großen Haß. Ich weiß jetzt, wie die anderen Mädchen sich fühlen müssen, obwohl er mir nicht einmal weh getan hat. Aber meine Angst davor war derart groß, daß ich ebenfalls nur noch darauf gewartet habe, es hinter mich zu bringen, mir eine lange Qual zu ersparen, die mich erwartet hätte, wenn ich mich gewehrt hätte... Aber ich habe mir selbst seinen Tod gewünscht. Ich dachte, jemand, der zu so etwas fähig ist, hat es nicht verdient, zu leben. Da bin ich ganz ehrlich!“
Überrascht sah Hamfast seine Frau an. Für einen Mann war es eine Ehrensache, die eigene Frau bei solchen Sachen zu rächen, denn die eigene Frau glücklich zu sehen erfüllt einen Mann mit Stolz. Und wenn er seine Frau verletzt sieht, ist sein Stolz verletzt, und er wird für seine Frau zum Tier, will sie nur noch rächen... aber daß eine Frau selbst auch so eiskalt darüber denken konnte, wunderte ihn im ersten Augenblick.
Aber er wußte, das hatte etwas mit Würde zu tun. Liebe war für eine Frau auch immer mit Verletzlichkeit verbunden, mit der Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, was Schmerzen bedeutete - und einem Mann die Liebe zu schenken, sich ihm hinzugeben und die gleiche Hingabe zu erwarten, gleichberechtigt und frei, war etwas besonderes.
Das Gefühl, diese Würde, diesen Teil von sich selbst durch Gewalt an einen Verbrecher zu verlieren, mußte furchtbar sein. Hamfast konnte nur versuchen, sich vorzustellen, wie seine Schwester sich gefühlt haben mußte, aber der bloße Gedanke rief bei ihm große Abscheu hervor.
Viel zu leicht konnten Frauen ausgenutzt werden, so viele Männer versuchten das immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise, aber Hamfast konnte Frauen so nicht sehen. Sie waren nicht weniger wert als die Männer selbst, im Gegenteil, er schätzte seine Frau so sehr, ohne die er nicht wüßte, was er mit sich anfangen sollte. Durch sie war er etwas wert, glaubte er.
Und niemand durfte sie an Stellen verletzen, die derart empfindlich waren, umgekehrt fände er es auch nicht schön, Liebe mit Gewalt zu erleben.
„Was denn?“ unterbrach Melethiell seine Gedankengönge plötzlich. Hamfast schrak hoch.
„Nun... ich... siehst du mich denn jetzt nicht als Mörder an?“ fragte er unvermittelt.
„Ich sehe dich als mein Beschützer an, Krümel. Ich finde nicht, daß du eine böse Absicht verfolgt hast, als du ihn getötet hast. Zwar hast du es bewußt getan, aber es war meinetwegen, und ebenso auch wegen Primula und den anderen Mädchen. Ist dein Vater ein Mörder, weil er, um meinen Vater zu beschützen, Orks getötet hat?“
Plötzlich lächelte Hamfast. Dieser Gedanke kam ihm sehr bekannt vor.
„Ist das nicht etwas anderes?“ fragte er.
„Ich denke, man kann das unterschiedlich sehen, aber ich finde, das ist nichts anderes. Du bist kein Mörder. Verbrecher waren deine Entführer, ein Verbrecher war dieser Kerl, und Milo... Milo war einfach nur dumm und betrunken, glaube ich. Vor ihm hatte ich zwar Angst, aber ich wußte, er hatte eigentlich keine Ahnung, was er wollte. Das war bei den wahren Verbrechern anders.“
„Und selbst von denen hat einer geholfen, dich zu suchen. Folco ist gekommen, und selbst Anson war dabei, um Milo zu finden!“
Überrascht sah Melethiell ihren Mann an.
„Wirklich? Da siehst du, nicht eine Tat entscheidet über den Wert, den jemand wirklich hat. Der Verbrecher hat immer wieder zugeschlagen, und was er zu mir gesagt hat, hat mir bewußt gemacht, daß er Böses tun wollte. Aber dein Entführer von damals wollte etwas wiedergutmachen, Anson war hilfsbereit, und du warst die ganze Zeit über nur für mich da. Sonst hättest du auch nicht getötet.“
Das war eine ganz neue Sichtweise, aber sie half Hamfast, sich nicht mehr so furchtbar zu fühlen. Seine Frau verachtete ihn nicht, sie hatte keine Angst vor ihm, für sie war er kein Mörder.
Für sie war er einfach nur Krümel.
Mehr wollte er doch gar nicht.
„Haben wir jemandem erzählt, was der Kerl gesagt hatte?“ fragte Hamfast unvermittelt. Melethiell schüttelte den Kopf, dann erklärte er: „Wenn ich nun allen erzähle, daß er gedroht hat, weiterzumachen und irgendetwas Böses über Primula gesagt hat...“
„Das mußt du gar nicht tun“, sagte Melethiell, „wenn du deinem Vater schilderst, wie es wirklich war, wird er dich nicht bestrafen. Er soll Nibs und mich fragen, dann weiß er ja, was vorgefallen ist!“
Aber in ihrer Stimme schwang große Freude mit, weil sie verstanden hatte, daß Hamfast sich nicht zum Schaden seiner Familie stur mit seiner Ehrlichkeit durchschlagen wollte.
Erleichtert, weil Melethiell ihm nicht böse war, fragte Hamfast dann endlich zum ersten Mal, wie es ihr überhaupt ergangen war. Bisher hatten sie beide daran überhaupt nicht mehr gedacht, aber Melethiell begann zu erzählen, klang fast furchtlos dabei, weil sie nicht ganz hilflos gewesen war, sondern hatte ausbrechen können. Eigentlich war ihr ja nichts geschehen, vor dem toten Verbrecher hatte sie noch mehr Angst gehabt als vor Milo und seinem Vorhaben.
Hamfast hörte seiner erstaunlich tapferen Frau aufmerksam zu und schloß sie schließlich glücklich in die Arme, erleichtert, daß sie unbeschadet wieder bei ihm war.

Am nächsten Tag stand relativ zeitig Perhail vor der Tür mit dem dringenden Bedürfnis, nach seiner Schwester zu sehen. Er hatte einen Suchtrupp in einer anderen Gegend um Hobbingen geleitet und hatte selbst in Beutelsend alle aufgemischt, als er von dem Verschwinden seiner Schwester erfahren hatte, doch mit Hamfast hatte er nicht mehr gesprochen, weil sie einander nie begegnet waren.
An diesem Morgen jedoch mußte er unbedingt alles erfahren. Hamfast öffnete ihm selbst, weil Melethiell noch nicht wirklich gut zu Fuß war, und begrüßte ihn freundlich.
„Laß mich raten, du willst alles wissen?“
Perhail Beutlin lachte. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, aber manche Züge hatte er auch von seiner Mutter, und er hatte immer einen schelmischen Ausdruck auf dem Gesicht, ganz gleich in welcher Situation.
Die beiden gingen hinein ins Smial, sie waren seit jeher Freunde gewesen, und Hamfast wußte, daß Perhail um seine Schwester auch in Sorge war, obwohl sie älter war als er.
„Besuch!“ rief Hamfast in Richtung Küche, wo Melethiell und Bari beim Frühstück saßen.
„Bekomme ich was leckeres?“ krähte Bariweis sogleich und Hamfast lachte. Von wem hatte der vorlaute Lümmel das bloß? Wohl nicht von ihm...
„Tut mir leid“, antwortete Perhail, und Bariweis freute sich sogleich noch mehr.
„Onkel Fael!“ rief er und kam aus der Küche gelaufen. Perhail versuchte noch in Deckung zu gehen, aber es war zu spät und der Kleine sprang seinem Onkel in die Arme.
„He, du bist ja wieder gewachsen! Mein Neffe ist ein Prachtkerl“, sagte Perhail und strubbelte Bariweis durch die Haare. Er mochte den Jungen sehr, und er wußte, wie er mit Kindern umzugehen hatte. Immerhin war Frodo Beutlins Sohn selbst schon verheiratet und Vater eines kleinen Kindes, doch Bariweis war ein wenig älter.
Daraufhin gingen sie alle gemeinsam in die Küche und Perhail war ein wenig verblüfft, seine Schwester mit rosigen Wangen und offenen Augen dort sitzen zu sehen. Er hatte gehört, daß sie verletzt und fast überfallen worden war, deshalb hatte er sich ihr Äußeres etwas anders vorgestellt, aber da unterschätzte er Melethiell wieder. Auch sie hatte es faustdick hinter den Ohren.
„Dich bekommt man nicht klein, oder?“ fragte Perhail scherzend und umarmte Melethiell fast liebevoll. Sie lächelte.
„Das hätte ich gestern noch anders gesehen, aber nach einer erholsamen Nacht bei Krümel und meinem Jungen sieht die Welt gleich anders aus. Eigentlich ist ja nichts passiert.“
Sie sah das Ganze so positiv wie möglich. Verletzt hatte sie sich zum größten Teil selbst bei ihrer Flucht, auf die sie noch immer irgendwie stolz war, aus der zeitlichen Distanz zum Geschehen sah sie nun Milo nicht mehr als wirklich gefährlich an und an den ermordeten Verbrecher dachte sie lieber überhaupt nicht. Der Kerl bereitete ihr immer noch Bauchschmerzen.
„Nichts passiert ist gut, wir haben uns die wildesten Geschichten ausgemalt! Wenn du wüßtest, was hier deinetwegen losgewesen ist!“
„Oh, das hat man mir erzählt, glaub es mir... komm, setz dich, dann erzählen wir dir alles.“
Und das taten sie. Hamfast lenkte seinen Sohn mit Bauklötzen ab, damit der Junge nicht so genau hinhörte, und er hatte mehr Spaß daran, unter dem Tisch herumzuwuseln als sich an den Problemen der Erwachsenen zu beteiligen.
Perhails so unbefangene und fröhliche Art trat dennoch ein wenig zurück, als er aus Melethiells Mund hörte, was ihr zugestoßen war. Sein Blut begann zu kochen, als er von der versuchten Vergewaltigung hörte, und dann wandte er sich an Hamfast.
„Dein Vater ist noch nicht wieder zurück. Es wird bestimmt morgen oder übermorgen, ehe er wieder hier ist. Was mit Nibs und den anderen ist, weiß ich nicht, ich hoffe nur, sie halten alle dicht über die Umstände dieses Todes. Du hast ihn wirklich... bewußt getötet?“
Hamfast seufzte und nickte schließlich langsam.
„Ich denke, so muß ich es nennen. Der Kerl war schon halb tot, ich saß auf ihm, er wehrte sich nicht mehr - aber er hat Dinge gesagt, die haben das Faß zum Überlaufen gebracht. Verstehst du, ich hatte gesehen, daß er Meli etwas antun wollte, und er war dabei nicht zimperlich, deshalb hat bei mir alles ausgesetzt. Ich mußte auch immer an Primula denken, wie sie damals weinend vor mir stand und... ich weiß nicht, es war wie eine unbeherrschte Reaktion auf das alles, aber dennoch wünschte ich, ich hätte es nicht getan.“
„Das zu denken ist hoffnungslos“, sagte Perhail, „aber wir müssen sehen, daß wir das Beste daraus machen. Wenn du meine Meinung hören willst: Ich stehe hinter dir, wenn das einer mit meiner Frau versucht hätte, ich hätte das Gleiche getan. Das kannst du mir glauben. Ich an deiner Stelle hätte nicht anders gehandelt und obwohl es dennoch nicht gutzuheißen ist, ist es nichts... es ist nichts, wo dein Vater mit übertriebener Strenge vorgehen müßte.“
Genau dasselbe hatte Melethiell am Vorabend gesagt, aber Hamfast war immer noch zutiefst unglücklich und besorgt.
Für eine ganze Weile diskutierten sie noch darüber, bis Melethiells Bruder sich schließlich wieder verabschiedete, und an diesem Tag kam später nur noch Nibs vorbei, ansonsten rührte sich nichts bei der jungen Familie. Sie wollten nirgendwohin gehen und es kam auch sonst niemand.
„Willst du wirklich weiterhin sagen, daß du es absichtlich getan hast?“ fragte Nibs Hamfast erneut. Dieser zuckte mit den Schultern.
„Ich habe es doch allen gesagt, die mit mir darüber gesprochen haben. Wenn ich es nun anders darstelle, glaubt mir niemand, und helfen tut es auch nicht mehr. Ich glaube, du hattest Recht, ich habe es nur nicht gesehen, als es wichtig gewesen wäre.“
Nibs war sehr betrübt. Aber er einigte sich mit Hamfast darauf, ihm vor seinem Vater und allen anderen den Rücken stärken zu wollen. Melethiell wollte dasselbe tun.
Es ging Hamfast nicht darum, einer gerechten Strafe zu entgehen, obwohl er in diesem Falle keine Strafe als gerecht empfinden würde. Er bekam langsam das Gefühl, daß er getan hatte, was die meisten an seiner Stelle getan hätten.
Nur war er der Unglückliche, dem das wirklich passiert war. Mord war und blieb Mord, aber seine Beweggründe sprachen eher für damit verbundene gute Absichten denn für schlechte.
Es hieß nun, auf Sam warten zu müssen. Aber es dauerte noch einen ganzen Tag, bis dieser endlich gegen Einbruch der Dunkelheit Beutelsend erreichte.

Tom kam herbeigelaufen, um Hamfast und Melethiell Bescheid zu geben.
„Papa ist aus Michelbinge zurück!“ verkündete er aufgeregt und sogleich gingen Hamfast und Melethiell mit ihm, um mit Sam sprechen zu können.
Hamfast trug seinen Sohn auf dem Arm und hatte einen Arm um Melethiell gelegt, die trotz ihrer wunden Füße gut mithalten konnte. Sie hatte beide mit Verbänden umwickelt, ebenso ihre Hand, und das half sehr bei der Heilung.
Sam hatte es sich gerade in der Küche gemütlich gemacht und erfuhr endlich von allem, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte, als die vier Besucher auch schon neben ihm standen.
„Mein Junge! Und da ist ja auch Meli, meine Güte! Bin ich froh, daß es dir gut geht!“ rief Sam aus und umarmte die beiden wohlwollend.
Diesmal nahmen sie alle zusammen im Wohnzimmer Platz und wollten nun großen Rat halten. Tom machte es sich sogleich zur Aufgabe, Nibs hinzuzuholen, und in der Zwischenzeit begann Sam seinen Bericht, da er selbst vorerst alles wußte, was er wissen wollte.
„Es war insofern ein lohnender Besuch in Michelbinge, als daß ich dort sehr schnell einen kleinen Kreis von möglichen Verbrechern gefunden habe. Im ganzen Auenland gab es in den letzten zwanzig Jahren nur acht Männer, die eine solche oder ähnliche Tat begangen haben wie dieser Kerl, und davon stammten ganze zwei aus der Gegend um Bree. Der Verbleib des einen Mannes konnte nicht geklärt werden, aber der zweite ist vor etwa einem Jahr in Erscheinung getreten, als seine eigene Frau ihn der Gewalt gegen sie bezichtigt hat. Er hat sich gewaltsam von ihr genommen, was sie ihm von selbst nicht geben wollte, denn er soll ein Herumtreiber und Trinker gewesen sein. Vermerkt war in diesem Schreiben weiterhin nur noch, daß der Mann die Ehe mit ihr auf eigenen Wunsch aufgelöst hat, was ihr selbst sehr recht gewesen sein muß, und dann verloren sich alle Spuren.“
„Das ist er“, sagte Melethiell unweigerlich.
„Warum?“
„Weil er das über seine Frau gesagt hat. Das muß er gewesen sein!“
Sam war stutzig. Davon hatte ihm noch niemand erzählt, aber das räumte seine Zweifel aus.
„Griffo Spachtler war dann wohl sein Name“, sagte er leise. Er wußte, der Tote sollte noch bis zum nächsten Tag aufgebahrt im zentralen Haus des Dorfes liegen, damit eventuelle Angehörige ihn identifizieren konnten, aber scheinbar war das noch nicht geschehen und mußte auch gar nicht mehr sein.
Sie sahen sich alle bestürzt an, nun, daß der Tote einen Namen hatte. Das machte alles viel greifbarer.
„Ich weiß, daß er damals nicht bestraft worden ist. Seine Frau, so stand es da, sah darin keinen Nutzen und hatte demnach keinen Wunsch, ihn Sühne erfahren zu lassen. Scheinbar hat ihn das dazu gebracht, zu tun, was er getan hat.“
„Was wäre die Strafe gewesen?“ fragte Hamfast dazwischen.
„Gemeinnützige Arbeit, so wie immer. Sie empfand das wohl als nutzlos oder unwichtig, vielleicht war es nicht so schlimm für sie, vielleicht war ihr auch die Strafe viel zu gering, ich weiß es nicht. Aber andere Strafen sind im Auenland außer in der Zeit der Besetzung niemals für etwas verhängt worden.“
Damit begann Sam, etwas über seine diesbezüglichen Recherchen zu berichten. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß es überhaupt nur selten in der Geschichte des Auenlandes so etwas wie ein Gefängnis gegeben hatte, und Strafen für alle Verbrechen waren meist entweder gegen den gleichen Wert zu begleichen, etwa bei Diebstahl, oder gegen Arbeit für das Opfer oder die Gemeinschaft. Strafen wurden überhaupt selten verhängt, weil selten etwas geschah, und dann wurde mehr Wert auf konstruktive Gedanken gelegt als auf Rache oder Sühne.
Zwar waren Hobbits empfindlich, was die öffentliche Ruhe betraf, das hatte man an diesem Schandtäter und der Suche nach ihm gesehen, aber es traute sich ohnehin fast niemand, diese Ruhe überhaupt anzutasten. Die folgende Ächtung allein war Strafe genug.
„Welche Strafe steht auf Mord?“ fragte Hamfast plötzlich bohrend in den Raum hinein.
„Bist du ein Mörder?“ fragte Sam zurück und sah seinen Sohn dabei eindringlich an, was dieser kaum zu deuten wußte.
„Er wollte eher einen Schaden begleichen denn einen neuen anrichten“, erwiderte Melethiell unerwartet.
„Könnt ihr mir ehrlich schildern, was vorgefallen ist?“ wollte Sam wissen, ohne auf Melethiells Einwand weiter einzugehen. Er mußte so an die Sache herangehen.
„Papa - du bist Bruder, du bist Ehemann, du bist Vater... nun stell dir einmal vor, du weißt, daß ein Kerl deine Schwester geschändet und damit fast ihr ganzes Glück zerstört hat. Außerdem weißt du, daß sie von ihm schwanger sein könnte. Und dann siehst du, wie ein Kerl auf der Frau kniet, die du über alles liebst. Er hat sie geknebelt und ihr die Augen verbunden, ihr Kleid zerrissen, er will über sie herfallen. Natürlich möchtest du das verhindern, stürzt dich auf ihn, bist wütend, fast voller Haß - und dann macht der Kerl sich lustig über dich, deine Frau, deine Familie. Er möchte dir zerstören, was dir am wichtigsten ist, hat das woanders schon getan, und dir ist klar, daß er damit auch nie aufhören wird, weil er Frauen haßt. Wenn du von ihm hören mußt, daß er auch noch Spaß daran hast - was tust du dann? Stehst du auf und läßt ihn in Ruhe? Oder verlierst du vor lauter Zorn die Kontrolle und willst einfach nur, daß er aufhört, anderen Schaden zuzufügen? Vor allem denen, die du liebst?“
Sam ließ den Kopf sinken, schloß die Augen und seufzte. Zwar war das nicht das, was sein Sohn ihm hatte sagen sollen, aber er wußte, daß Hamfast genau das sagte, was die Wahrheit war, nur mit anderen Worten.
Daß er auch Sams Gewissen ansprach, machte die Sache fast unerträglich für ihn, aber Hamfasts Absicht war ihm klar.
Sein Sohn hatte Angst vor dem, was ihn erwarten konnte. Und er als Vater war für diese Angst nicht blind oder taub.
Als Sam zu Melethiell blickte, die durch Hamfasts kalte und nüchterne Worte, die vollends der Wahrheit entsprachen, zu zittern begonnen hatte, wurde ihm die vermeintliche Situation im Wald bewußt.
Nein, er hätte nicht anders gehandelt. Es war erschreckend, das zu begreifen, aber in seinem langen Leben hatte er Dinge erfahren, die ihm das vor Augen führten.
Ein Mann schützte die, die er liebte, seine ganze Familie. Und das mit allen Mitteln, wenn es nötig war.
Im nächsten Augenblick begann Melethiell, den Vorfall aus ihrer Sicht ausführlich zu schildern, sie gab wieder, was der Mann zu ihr gesagt hatte, und sie hatte noch nicht geendet, als Nibs hinzukam.
Melethiell beendete ihren Bericht noch, bevor Sam Nibs hören wollte. Er wühlte sich entsetzlich unwohl, ihm war heiß, er wich den Blicken seines Sohnes aus und wollte am liebsten sofort Gnade über ihn aussprechen, aber er wußte, daß er nicht leichtfertig sein durfte.
Nibs gab schließlich als erster wieder, was der Verbrecher kurz vor seinem Tod noch zu Hamfast gesagt hatte. Sein Bericht verdichtete die Eindrücke, die Sam von dem dämmrigen Moment im Wald nun hatte, er sah die Ereignisse inzwischen buchstäblich vor sich, er wußte, was Hamfast an diesem Tag alles schon erlebt hatte, er wußte, welche Angst er um Melethiell gehabt hatte, und welche Wut er wegen Primula gehabt hatte.
Der Tote war gefährlich gewesen und hätte noch viele weitere Verbrechen begangen, wenn er weitergelebt hätte. Sam wußte nicht, wie er dieser Tatsache begegnet wäre. Dieser Mann, Griffo Spachtler, hätte eigentlich eine härtere Strafe verdient als sein Sohn, obwohl er niemanden getötet hatte. Aber die Dinge lagen nun einmal so und obwohl Sam wußte, daß er nicht nüchtern darüber nachdenken konnte, versuchte er es und kam damit zu einem eindeutigen Urteil.
Und er würde es vor jedem rechtfertigen, der danach verlangte, er würde jedem einen Bericht vorlegen, der alles wissen wollte, und er glaubte, daß es dennoch gerecht und richtig war.
Sein Sohn hatte nichts anderes tun können in diesem Moment. Sam konnte sich keinen vorstellen, der etwas anderes hätte tun können.
„Hamfast“, sagte er, „siehst du dich selbst als Mörder?“
Eine folgenschwere Frage war das, sie alle hatten darauf gewartet, und obwohl Hamfast die Antwort schon oft durchgespielt hatte, konnte er sie nicht gleich geben. Er selbst sollte seinem Vater nun dabei helfen, ein Urteil auszusprechen.
„Nein“, sagte er. „Ich habe getötet, um... um zu retten, um wiedergutzumachen. Ich wollte nur verteidigen, was er angegriffen hat!“
Melethiell schloß die Augen und atmete hörbar erleichtert aus.
Die vier, die nun beisammen saßen, wußten, daß es keine schön formulierte Schwindelei war - es war die Wahrheit. Wenn man hinter die Fassade blickte, war es die Wahrheit, und Sam würde zu dem stehen, was er sich nun überlegte. Für den Rest seines Lebens würde er das, und wer versuchte, das anzufechten, würde ein schweres Stück Arbeit antreten.
Es wäre unrecht, nun eine unschuldig in alles hineingeratene junge Familie zerstören zu wollen, weil der Verbrecher das selbst provoziert hatte.
Und daß Hamfast ehrlich gewesen war trotz der drohenden Schwierigkeiten, war sehr hoch anzusehen.
„Ich möchte, daß du selbst ihn zu Grabe läßt, mein Sohn“, sagte Sam. „Das kann dann sehen, wer will, und damit hast du für das gesühnt, was du getan hast - einen Tod verursacht. Sieh ihm ins Auge und vergiß das nie. Aber wir wollen nicht die erzwungene Gewalt sehen, die von dir ausging, sondern das, was du damit eigentlich gemeint hast. Wer mir sagen kann, was an deiner Tat verwerflicher ist als an den Verbrechen dieses Mannes, der kann mir das mitteilen!“
Hamfast schlug die Hände vors Gesicht. Was sein Vater da gesagt hatte, erachtete er für weise, er würde sühnen, das war nur gerecht und so schon hart genug, aber völlig ausreichend.
„Das ist eine richtige Entscheidung, Herr Bürgermeister“, sagte Nibs plötzlich todernst. Sam wußte, Nibs war zwar der Freund seines Sohnes, aber ein schlauer Bursche und selbst sehr gerecht, deshalb wußte er diese Worte zu werten.
„Ich hoffe es“, erwiderte Sam, der zu seinem Sohn und Melethiell sah. Hamfast saß wie erstarrt da, weil er es nicht fassen konnte, es war ein Gefühl zwischen Glück und fallender Anspannung, die bedrohlich über ihm geschwebt hatte, aber er konnte es noch nicht ganz spüren. Er mußte erst noch begreifen, daß alles in Ordnung war.
Melethiell legte ihre Arme um ihn und küßte ihn überglücklich auf die Stirn. Und Sam sah, daß er wirklich Recht gesprochen hatte.


Zehntes Kapitel: Der Frieden kehrt zurück

Als der tote Verbrecher am nächsten Tag begraben werden sollte, fühlte Hamfast sich sehr elend. Inwzischen war herausgekommen, daß daß er außer seiner ehemaligen Frau sowieso keine Angehörigen mehr hatte, und der Einfachheit halber wurde er in der Nähe von Hobbingen begraben, so daß es für Hamfast nicht schwierig war, an diesem Ort zu sein, zusammen mit einigen anderen Leuten.
Es waren keine Schaulustigen da. Hamfast war allein gekommen, weil er in diesem Moment seine Frau nicht bei sich haben wollte, aber Nibs war erschienen, ferner kamen auch Folco und Andi, dem es ebenfalls ein Bedürfnis war.
Einer der ältesten Hobbits aus dem Dorf war mit solchen Angelegenheiten befaßt und hatte bereits ein Loch ausheben lassen, in das der mit Stoff umwickelte Leichnam hinabgelassen werden sollte.
Aufgebahrt lag der Tote im hellen Sonnenschein des späten Herbsttages, ein sanfter kühler Wind blies ihnen um die Nasen und gesprochen wurde zuerst fast gar nicht.
Die Sonne stand niedrig, ließ die vom Wind aufgewirbelten Blätter im Licht erstrahlen, und irgendwie verstärkte das noch die Melancholie, die Hamfast in diesem Moment empfand.
Reaktionen auf den Tod des Verbrechers und das über seinen Mörder gesprochene Urteil hatte es noch nicht gegeben, weil die Nachricht sich erst noch verbreiten mußte, aber niemand empfand die Scham über die Ereignisse in diesem Moment tiefer als Hamfast selbst.
Hinter ihm standen Nibs und Folco, aber Andi trat vor zu ihm und umarmte ihn, neben der Bahre des Leichnams stehend.
„Wer auch immer dir deswegen noch Vorwürfe macht, trotz des Urteils deines Vaters, der soll mir gegenübertreten und mit mir sprechen. Ich dachte vor dir, daß ich ihn getötet hätte, und niemand kann sich besser in deine Lage versetzen als ich. Aber ganz davon abgesehen, und das gebe ich zu, bin ich dir sehr verbunden. Ich weiß, daß du meine Frau gerächt hast, und ich weiß, wie ich das aufzufassen habe. Die ganze Zeit über warst du mit Melethiell für uns da, ich glaube, ich habe nie jemanden mit einem größeren Herz als deinem getroffen. Ich weiß von Nibs, wie alles vor sich gegangen ist, und eins sollst du wissen: Jeder wird von mir hören, was du getan hast, um den Frieden zu schützen.“
Zu Tränen gerührt stand Hamfast da und alle, die diese Worte vernommen hatten, waren ähnlich bewegt. Sie alle sahen in Hamfast nichts weiter als den Beschützer seiner Familie.
Und Andi stand ihm auch in dem Moment zur Seite, als der Tote ins Grab gelegt werden sollte. Weil er sich so elend fühlte, denn immerhin hatte er ein Leben ausgelöscht, standen Hamfast Tränen in den Augen, als er das Gewicht des Toten an dem Strick spürte, mit dem er und Andi ihn ninabließen.
Andi fühlte so sehr mit ihm und verstand Hamfast wirklich gut. Schließlich überließen sie es alle Hamfast allein, das Loch mit Erde wieder aufzufüllen und eine kleine Blüte auf das frische Grab zu legen.
Als er das getan hatte, ging er davor in die Knie und senkte betreten den Kopf. Die Erleichterung über die milde Strafe mischte sich mit dem tiefen Bedauern, das er empfand, Scham und auf gewisse Weise auch Trauer. Er wußte gar nicht zu sagen, wie er eigentlich fühlte, er sühnte noch mehr, als sein Vater eigentlich vorgesehen hatte, als er ihn aufgefordert hatte, das Begräbnis in die Hand zu nehmen.
Hamfast war ausreichend bestraft, so er denn eine Strafe verdient hatte.
Er kniete noch dort, als alle außer Andi bereits gegangen waren. Nur er war noch dort, um seinem Freund zur Seite zu stehen, und schließlich half er ihm auf, ging mit ihm fort von dem Grab und sagte: „Niemand darf dich dafür je noch anderweitig bestrafen. Ich bitte dich um eines: Wenn dich jemand Mörder nennt oder anders beschimpft, dann sag mir das und ich lege ihm anschaulich dar, wer der Tote war. Wenn jemals der Vorwurf laut wird, daß dein Vater zu dir zu gnädig war, dann gib mir Bescheid und die lernen mich kennen!“
So uneingeschränkt auf Hamfasts Seite hatte sich sonst niemand geschlagen. Er zuckte fast zurück, als er das hörte, denn es klang gerade so, als befürortete Andi ausdrücklich, was er getan hatte.
„Du hast gut reden, du hast ja niemanden getötet“, sagte Hamfast leise. Andi legte einen Arm um Hamfasts Schultern.
„Nein, das nicht. Aber ich habe ihn so schwer verletzt, daß er eigentlich hätte tot sein müssen. Er wäre auch gewiß noch gestorben oder nie mehr ganz gesund geworden, glaube ich. Es wundert mich, daß er überhaupt Kraft hatte, Melethiell anzugreifen!“
„Sie war ausgehungert und geschwächt und sein Haß kannte keine Grenzen. Aber sie hat mir, und nur mir, gesagt, daß ich eigentlich zu spät kam. Der Kerl hätte genügend Zeit gehabt, über sie herzufallen - aber er konnte nicht, glaubt sie. Er war dazu ganz lange gar nicht in der Lage und glücklicherweise kam ich dann, als er es doch gerade tun wollte.“
„Das hätte noch gefehlt, daß er mit Meli dasselbe macht wie mit meiner Frau. Aber es geht ihr wieder gut, und Meli verkraftet es doch auch?“
„Ja“, nickte Hamfast, „das tut sie. Ihr ist ja nichts passiert. Aber... Andi... sag mal, wenn sich herausstellt, daß es nicht dein Kind ist - glaubst du ehrlich, daß du es lieben kannst?“
Diese Frage hatte Hamfast die ganze Zeit beschäftigt und er hatte sie nie zu stellen gewagt, aber jetzt tat er es doch.
„Das glaube ich. Es ist zumindest das Kind meiner Frau, es braucht einen Vater, das Kind ist doch unschuldig! Ich rede mir seit Wochen ein, daß ich das Kind gezeugt habe, und hoffentlich stimmt das. Leicht würde es nicht, sich vorzustellen, wer wirklich der Vater ist, aber... wer weiß, vielleicht müssen wir uns gar keine Sorgen machen. Solange Primula das Kind lieben kann, kann ich es auch!“
„Nur gut, daß Meli sowieso schon schwanger ist“, murmelte Hamfast gedankenverloren.
Andi lachte. „In der Tat... du, ich stelle es mir so schön vor, Vater zu sein, ist das wirklich so?“
„Wenn es brüllt und stinkt, ist ein Kind entsetzlich, aber wenn ich meinen Jungen ansehe, sehe ich mich, ich sehe meine Frau... Liebe kann bewirken, daß ein neues Leben entsteht, und das ist wunderbar. Wenn du dieses kleine Bündel Leben zum ersten Mal auf dem Arm hältst, wirst du es zu lieben beginnen, und das hört nie wieder auf!“
Andi lächelte und sagte etwas, was Hamfast immer für sich behielt.
„Ich möchte gar sagen, daß ich froh über den Tod dieses Kerls bin. Wer meiner Frau etwas zuleide tut, hat nichts anderes verdient. Das ist nur gerecht.“
Hamfast verstand Andi zwar gut, aber das war eine kontroverse Ansicht und er wollte das niemandem jemals mitteilen.
Wie sich herausstellte, war das auch die beste Entscheidung. Es dauerte nämlich gar nicht lange, bis tatsächlich Gerede über Hamfast entstand. Er konnte nicht behaupten, daß er weniger Aufträge in der Werkstatt zu verzeichnen hatte, aber manchmal sah man ihn schon komisch an und ein Auftraggeber sagte ihm eines Tages in der Werkstatt ganz ehrlich, was man über Hamfast und seinen Vater in Bezug auf den Mord munkelte.
Hamfast wußte es aber besser, selbst die von dem Verbrecher verlassene Frau vermißte ihn nicht, hatte er erfahren, und manche Leute hatten ihm schon gesagt, daß sie froh waren, den Kerl tot zu wissen. Somit herrschten geteilte Meinungen im Auenland vor, aber nach einer ganzen Weile wußte er, daß fast niemand ihm gegenüber argwöhnisch war. Hobbits dachten da sehr einfach, der Verbrecher war fort, wie, war nicht wichtig, nur die Ruhe war wichtig.
Und in der Tat wußten er selbst, Melethiell, sein Vater und sogar Andi vieles über den Toten zu berichten, das Hamfast zugute kam. Niemand vertrat wirlich ernsthaft die Ansicht, daß der junge Familienvater angesichts aller Tatsachen hart zu bestrafen gewesen sei, und das war ein Glück.
Langsam konnte das Leben wie gewohnt weitergehen.

Über allem Ärger hatten Melethiell und Hamfast ganz vergessen, ihren Sohn in das Geheimnis von Melethiells Schwangerschaft einzuweihen. Sie hatten lange überlegt, schließlich sogar ihre Eltern gefragt, wie sie es ihnen damals erklärt hatten, daß sie kleine Geschwister bekamen, ohne daß sie gleich wissen wollten, wie das überhaupt funktionierte.
Anschwindeln wollten sie den Kleinen nicht, aber auch wenn ihm das eigentlich nichts sagen würde, war der Kleine für die ganze Wahrheit viel zu jung.
Die beiden Eltern versuchten es also auf die spielerische Art.
„Viele deiner kleinen Freunde haben doch Brüder und Schwestern“, begann Melethiell das Gespräch mit ihrem Sohn, der mit Hampelmann im Arm auf ihrem Schoß saß. Hamfast saß den beiden belustigt grinsend gegenüber und wollte erst einmal seiner Frau den Vortritt lassen.
„Aber die Schwestern sind alle blöd“, sagte Bariweis sofort und sah seine Mutter aus großen Augen heraus an. Melethiell seufzte.
„Das mag schon sein, daß die kleinen Jungs das sagen. Aber die kleinen Mädchen sagen über die kleinen Jungs dasselbe! Dabei sind Mädchen und Jungs gar nicht so unterschiedlich und bestimmt nicht blöd. Sieh mal, als ich klein war, war dein Papa schon wie ein Bruder für mich, weil deine Großeltern zusammen gewohnt haben mit ihren Familien. Papa ist ja genauso alt wie ich und wir haben immer zusammen gespielt, denn ihn fand ich nicht blöd und er mich auch nicht.“
„Aber Papa ist doch nicht dein Bruder“, sagte Bariweis sofort.
„Nein, da hast du Recht. Onkel Fael ist ja nur mein Bruder, und ihn fand ich damals ganz schön blöd, als er klein war. Er hat gebrüllt und in die Windel gemacht, das stank manchmal ganz furchtbar. Und ich mußte auf ihn aufpassen, weil ich die Ältere war. Aber wenn er traurig war oder ihm etwas weh tat, habe ich ihn immer getröstet, denn irgendwo hat man seine Geschwister doch auch lieb!“
„Hamsen hat seinen Bruder lieb, sagt er, der ist jetzt ein Baby und Hamsen ist ganz stolz auf ihn!“ wußte Bariweis zu berichten. Melethiell nickte lächelnd.
„Siehst du. Stell dir mal vor, du hättest bald auch ein Geschwisterchen! Das ist dann auch ganz klein und ein Baby und du kannst stolz darauf sein...“
„Aber muß ich dann auch darauf aufpassen?“ wollte der Kleine wissen.
„Nein, noch nicht. Ein bißchen größer mußt du dafür schon sein.“
„Aber ich bin doch groß!“
„Ja... aber du bist noch nicht groß genug, das dauert noch ein bißchen.“
Und dann kam die Frage, die die beiden Eltern gefürchtet hatten.
„Wie bekommt man denn Geschwister?“
Melethiell grinste Hamfast an, denn sie hatte beschlossen, ihm die Antwort auf diese Frage zu überlassen.
„Sieh mal, Mama hat ja gesagt, daß sie mich lieb hat. Und ich habe sie auch lieb. Opa und Oma haben sich auch lieb... schau mal, wenn du später ganz groß bist, wirst du bestimmt ein Mädchen finden, das du auch lieb hast...“
„Nie! Mädchen sind blöd“, widersprach Bariweis. Hamfast schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Nun gut. Aber stell dir mal vor, du hättest jemanden lieb...“
„Euch habe ich lieb!“
Es wurde immer schlimmer. Hamfast wußte nicht ein noch aus.
„Ja, aber wenn du uns lieb hast, gibt es trotzdem keine Geschwisterchen. Ich muß die Mama lieb haben und die Mama mich, und dann heiratet man und möchte zusammen wohnen. Und dann nehme ich die Mama manchmal in den Arm und sie bekommt einen Kuß, und...“
Nein, das war nicht gut. Vom Küssen wurde man nicht schwanger, er wollte seinem Sohn keine Lügen erzählen, also war er jetzt besser still.
„Und wenn man sich wirklich sehr lieb hat“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „dann kann es passieren, daß die Mama ein Baby bekommt. Dann bekommt sie irgendwann einen ganz dicken Bauch, denn darin ist das Baby und muß erst noch groß werden. Wenn es dann, nach etwa neun Monaten, groß ist, wird es schließlich geboren. Mama bekommt dann Bauchschmerzen und ich helfe ihr dabei, daß das Baby auf die Welt kommen kann. Und dann... ist das Baby da.“
Er kam sich wirklich idiotisch vor, aber sein Sohn, der davon noch nie etwas gehört hatte, lauschte ihm höchst interessiert.
„Und... du bekommst aber keine Babys?“ fragte er. Ein berechtiger Einwand.
„Nein, nur die Mädchen bekommen Babys, wenn sie erwachsen sind. Dann sind die Mütter, und... du bist dann irgendwann auch Vater. So wie ich.“
Melethiell mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszuprusten, weil sie die Erklärungen ihres Mannes allesamt himmelschreiend komisch fand.
„Und warum hat Mama dann Bauchschmerzen? Das ist aber nicht schön!“ sagte der Kleine. Melethiell nickte.
„Das hatte ich bei dir auch. Sieh mal, Papa hatte mich immer schon sehr lieb, und eines Tages habe ich gemerkt, daß ich ein Baby bekomme. Und das warst du, mein Kleiner! Es war nicht ganz einfach, dich auf die Welt zu bringen, aber ich habe mich sehr auf dich gefreut und habe dich sehr lieb.“
„Und dann war ich da in deinem Bauch drin?“ wollte der Junge irritiert wissen. „Dafür bin ich doch viel zu groß!“
„Du warst ja auch so ein kleines Baby und bist jetzt nur gewachsen!“
Bariweis schwieg. Das fand er seltsam - er kam aus dem Bauch seiner Mama? Seine Mama war einfach immer seine Mama gewesen, weiter hatte er sich für nichts interessiert, aber das fand er nun doch sehr eigenartig.
„Fändest du es denn schön, ein Geschwisterchen zu haben?“ fragte nun Hamfast. Der Junge nickte verhalten.
„Dann kann ich damit spielen, oder?“ fragte er, einem plötzlichen Gedanken mit glänzenden Augen folgend.
„Dann muß es etwa so alt sein wie du jetzt bist, vorher kannst du damit nicht spielen, aber das geht bestimmt ganz schnell“, erklärte der belustigte Vater. Bariweis nickte mit einem altklugen Gesicht.
„Gut, dann möchte ich eins.“
Melethiell lachte fröhlich. „Das ist gut, du wirst nämlich eins bekommen! Sieh mal, da in meinem Bauch ist es drin.“
Bariweis drehte sich um und starrte auf den Bauch seiner Mutter, dann blickte er ihr fragend ins Gesicht.
„Aber du hast doch gar keinen dicken Bauch!“
„Nein, das kommt erst noch. Du wirst schon sehen.“
„Bekomme ich einen Bruder oder eine Schwester?“
Hamfast versuchte seinem Sohn begreiflich zu machen, daß man das noch nicht sagen konnte und das auch nicht wählen konnte, aber das begriff der Junge erst recht nicht. Er piekste schüchtern mit einem kleinen Finger ein wenig in den Bauch seiner Mutter und legte dann sein Köpfchen darauf, konnte aber nichts interessantes entdecken.
„Wann ist das Baby denn da?“ fragte er noch.
„Das dauert jetzt noch ungefähr ein halbes Jahr“, erklärte seine Mutter. Bariweis sah sofort sehr beleidigt aus.
„Aber dann bin ich doch schon alt! Das ist zu lang, ich will aber jetzt einen Bruder oder eine Schwester!“
Seine Eltern mußten ihn also erst einmal trösten, aber dann versuchte Bariweis, sich sein Geschwisterchen vorzustellen, und stolzierte den Rest des Tages mit vor Stolz geschwellter Brust herum und dachte an die kleinen Babys, die er schon gesehen hatte. Er würde der beste große Bruder der Welt sein, schwor er sich.
Melethiell und Hamfast waren vorerst einfach nur erleichtert, dieses Problem endlich aus der Welt geschafft zu haben. Schließlich konnten sie ihm im Sommer kein Baby vor die Nase halten und ihn einfach vor vollendete Tatsachen stellen, denn spätestens dann würden sie dieselben Fragen zu beantworten haben.

In der Zwischenzeit wurde natürlich auch Milo nicht vergessen. Folco und Anson hatten sich gemeinsam Milos angenommen, ihn sozusagen die ganze Zeit bewacht, auch wenn Milo jederzeit überall hin gehen konnte.
Besonders Folco ging inzwischen dazu über, in Milo eine arme Seele zu sehen, die es einfach nicht besser wußte, allerdings war gerade Anson inzwischen voll von Abscheu seinem ehemaligen Freund gegenüber. Er war nicht nur ein erbärmlicher Säufer, sondern auch ein inzwischen durchaus von Übel durchtriebener Kerl in Ansons Augen, der Strafe verdient hatte.
Über den Punkt der Faulheit hatten sie sich vermehrt schon in ihrer Jugend gestritten, als Anson endlich eine erfolgreiche Ausbildung begonnen hatte und Milo, vom Tischler gefeuert, sich faulenzend herumtrieb. Vermehrt und erfolglos hatte Anson ihm gesagt, Milo solle sich eine Arbeit suchen, aber der Tunichtgut dachte überhaupt nicht daran.
Anson hatte viel aus seinem Streit mit Hamfast gelernt. Es hatte zwar gedauert, bis er das alles wirklich begriffen hatte, aber spätestens als er seine spätere Frau kennen- und liebengelernt hatte, war ihm so einiges klar geworden, weil diese durchaus ihren eigenen Kopf hatte.
Anson hatte es nie geschafft, sich bei Melethiell zu entschuldigen, aber er hatte inzwischen gesehen, daß sie ihm nicht mehr böse gesonnen war.
Sie waren inzwischen alle erwachsen geworden.
Nur Milo nicht, auf den Folco im Grünen Drachen zu Wasserau ein Auge hatte, bis Sam bestimmte, nun mit Milo sprechen und ein Urteil über seine Taten fällen zu wollen. Melethiell, Hamfast, Folco, Anson und andere Beteiligte sollten ebenfalls dazu gehört werden und im Gespräch offenbarte sich Sam die eigentlich recht traurige Geschichte des faulen Kerls, der es zu nichts als einem Säufer gebracht hatte.
Dementsprechend mild fiel auch diesmal das Urteil aus - aber es hatte seine Tücken. Wohlwissend, daß es seinem Sohn gewiß nicht schaden würde, beschloß er auch angesichts Hamfasts Entsetzens, daß Milo bei Robin und Hamfast in der Werkstatt lernen und arbeiten sollte, um es endlich zu etwas zu bringen.
Hamfast empörte sich natürlich lautstark, den Entführer seiner Frau jeden Tag um sich haben zu müssen, aber er nahm es einfach als zusätzliche Strafe und sagte schließlich nichts mehr, weil er glaubte, daß das nur gerecht sei.
Aber Sam wollte natürlich auch, daß das nicht einfach nur so passierte, sondern sagte Hamfast heimlich, er solle Milo sofort vor die Tür setzen, wenn dieser auch nur einmal betrunken in der Werkstatt erschien. Allerdings sollte er Milo gegenüber in anderen Dingen durchaus gnädig sein.
Milo wiederum sagte er, ihm würde eine horrend hohe Strafe drohen, sollte er Hamfast und Robin gegenüber einmal nicht freundlich sein oder eben betrunken zur Arbeit erscheinen.
So fädelte Sam es schließlich ein, daß Milo angesichts der eigentlich nur ausgedachten, schrecklich hohen Strafe, die ihm noch weniger gefallen würde, genau das tat, was Sam ihm aufgetragen hatte. Hamfast wiederum wußte, daß er Milo nicht bespitzeln, sondern ihm eine Chance geben sollte, und tatsächlich ging alles vonstatten, ohne daß sie sich gegenseitig ständig bespitzelten.
Sam konnte es einfach nicht sehen, daß Milo es zu nichts brachte, und er wußte genau, in seinem Sohn würde er einen guten Lehrmeister haben.
Das ging zwar in der Werkstatt nicht ohne Gebrülle und Geschimpfe ab, aber Robin besaß zugleich noch eine schlichtende Funktion und war oft damit beschäftigt, Hamfast davon abzuhalten, Milo den Kopf abzureißen. Dieser stellte sich zwar nur sehr dumm an, war weder betrunken noch unfreundlich, aber Hamfast war verständlicherweise sehr wütend auf Milo und ließ kein gutes Haar an ihm.
„Der soll hingehen, wo er hergekommen ist!“ wetterte er Melethiell gegenüber, die das Problem noch ganz anders sah.
Denn natürlich war Bedingung für Milo gewesen, nicht bestraft zu werden, daß er sich bei ihr entschuldigte. Milo wollte das alles zwar nicht und er wollte schon gar nicht bei Hamfast lernen, aber er war manchmal so träge im Kopf, daß er gar nicht daran dachte, einfach wegzulaufen. Sam hatte ihm derart beeindruckende Geschichten über neuorganisierte Landbüttel erzählt, daß Milo sich ewig von ihnen beobachtet fühlte und nur nicht in das Michelbinger Gefängnis wollte.
Sam hatte ihm erzählt, daß man es extra für ihn wieder in Betrieb nehmen würde, und das glaubte Milo dem Bürgermeister sofort.
Auf der anderen Seite fand er es sogar lustig, Hamfast auf die Nerven zu gehen und erschien deswegen immer pünktlich zur Arbeit.
Sich bei Melethiell zu entschuldigen war ihm schwerer gefallen als erwartet. Er hatte geglaubt, er würde sich vor die junge Frau stellen und sich in aller Form entschuldigen, aber Melethiell hatte sich ihrerseits wegen Hamfast noch etwas ganz besonderes für Milo ausgedacht und lud ihn prompt zum Kaffee ein.
Und da saß Milo nun am gedeckten Tisch, sah sich Hamfasts seiner Meinung nach entsetzlichen Sohn gegenüber, der Onkel Milo auch noch freundlich angrinste, und konnte auch noch essen, was er wollte.
Daß Melethiell so freundlich zu ihm war, irritierte ihn sehr. Sie erzählte ihm ein wenig von ihrem Sohn und wie sehr sie sich auf das zweite Kind freute, und Milo blieb bald der Kuchen im Hals stecken.
Sie war überhaupt nicht nachtragend, sondern vielmehr guter Dinge, und daß sie ihn damit einfach nur ärgern wollte, kam ihm gar nicht in den Sinn.
Es war eine Qual für ihn, da zu sitzen in seinem Elend und sich das Glück der kleinen Familie anhören zu müssen, und das über gutem Geschirr und köstlichem Kuchen.
Melethiell sah ihn die ganze Zeit über erwartungsvoll an, bis er irgendwann fast wie ein schüchterner kleiner Junge aufstand und ihr mit gesenktem Blick gegenübertrat, um es endlich zu sagen.
„Es tut mir wirklich leid, was ich getan habe. Ich hoffe, zu verzeihst mir das, ich bin wirklich dumm. Und du hast einen süßen Jungen.“
Mehr brachte Milo in diesem Moment nicht über die Lippen, aber die unbemerkt grinsende Melethiell wußte genau, wie das gemeint war.
Und Milo fand Bariweis wirklich süß, sich das irgendwann doch eingestehen zu müssen war das schlimmste.
Sein Erzrivale hatte diesen Wonneproppen mit dieser wunderschönen Frau in die Welt gesetzt, und zu allem Überfluß arbeitete Milo auch noch für ihn.
Noch nicht einmal unentgeltlich - ausgebeutet wurde er auch nicht. Er hätte sie alle am liebsten gehaßt, aber dazu bestand dummerweise kein Anlaß und so ärgerte er sich täglich schwarz über die Welt.
Aber Sams Plan ging auf. Irgendwann war gar die Strafandrohung vergessen und Milo lernte und arbeitete, um es Hamfast und Robin zu zeigen, um zu beweisen, daß er gar nicht so ein übler Kerl war, denn nun hatte er es satt, als Verlierer des Auenlandes dazustehen.
Das alles ging auch nicht lang. Robin berichtete seinem Vater von Milos Fortschritten und bat schließlich darum, er möge seinen still vor sich hin brütenden Sohn Hamfast endlich von seinem Feind erlösen, den er nur mit Mühe tolerieren konnte. Es nützte alles nichts, Hamfast konnte Milo nicht ertragen.
Doch Milo war inzwischen kein Trinker mehr, ließ auch nicht jedes Werkstück gleich verunglücken, sondern stellte ab und an auch etwas brauchbares her, und konnte so gehen und sich in einer anderen Tischlerei wirklich bewerben.
Das war für sie alle Strafe genug, und für Melethiell als Opfer eine große Genugtuung, Milo bekehrt und als reuigen Sünder zu sehen. Demnach hatte jeder bekommen, was ihm zustand.

Einige Wochen später beschlossen Hamfast und Melethiell, Andi und Primula einen Besuch abzustatten. Es war wieder Ruhe eingekehrt und sie wollten einmal nach den beiden sehen, von denen sie schon eine ganze Weile lang nichts mehr gehört hatten. Hamfast ließ also seine Arbeit Arbeit sein und brachte mit Meli den Kleinen erst nach Beutelsend zu seinen Großeltern, und dann machten die beiden sich ohne ihren Sohn auf den Weg zu ihren Freunden.
Sie wurden bereits zu Tee und Kuchen erwartet und sehr freundlich begrüßt. Primula war es, die den beiden öffnete, und ihr Anblick rief bei den Besuchern sogleich großes Erstaunen hervor.
Ihre Schwangerschaft war ungefähr soweit fortgeschritten wie Melethiells, etwas mehr als die Hälfte der Zeit bis zur Geburt war nun vorüber, aber Primulas Bauch war schon um einiges größer als Melethiells.
„Schön, euch zu sehen!“ begrüßte Primula die beiden warmherzig und umarmte sie nacheinander, dann folgte Andi, der inzwischen auch gekommen war.
Melethiell starrte abwechselnd auf ihren kleinen Babybauch und den von Primula, der schon fast den doppelten Umfang hatte.
Noch sagte sie nichts, aber Primula hatte bereits ihren fragenden Blick bemerkt und nachdem sie hereingebeten worden waren und sich alle zusammen im Wohnzimmer hingesetzt hatten, folgte endlich die Erklärung.
„Es war meine Mutter, die zuerst den Eindruck hatte, daß da irgendwas an meiner Schwangerschaft außergewöhnlich ist. Sie hat ja mit dreizehn Kindern genügend Erfahrung...“
Primula grinste und Hamfast nickte zustimmend. Die beiden Geschwister hatten niemals Langeweile in Beutelsend gehabt!
„Zwar sind manche Babys größer als andere, aber sie war besorgt und hat mich zum Heiler geschickt, der sich das genauer angesehen hat.“
Primula war zum Heiler gegangen, der sich auch als Geburtshelfer in schwierigen Fällen verstand, und er hatte sogleich aufgrund eines bestimmten Verdachts zu seinem Hörrohr gegriffen, um nach den Herztönen des Babys zu hören - und da war nicht nur Primulas langsamer Herzschlag und ein schnellerer eines Babys, da war sogar ein zweiter!
Zwar hatte der Heiler lang und konzentriert hören müssen, um sich wirklich sicher zu sein, aber schließlich hatte er der völlig überraschten werdenden Mutter eröffnet, daß sie gleich Zwillinge erwartete.
Andi hatte Primula auch begleitet und wußte dazu überhaupt nichts mehr zu sagen, denn gleich beim ersten Mal zwei Kinder zu bekommen, das warf ihn doch etwas aus der Bahn. Das konnte er sich noch nicht ganz vorstellen!
Primula wußte ebensowenig, ob sie sich freuen sollte oder nicht, weil der Heiler sofort erwähnte, daß eine Zwillingsgeburt sehr schwierig und riskant würde.
Aber inzwischen fanden die jungen Hobbits es sehr spannend, zu wissen, daß sie gleich doppelt Eltern würden. Primula spürte eigentlich ständig irgendwelche Bewegungen in ihrem Bauch, aber ihre Beschwerden waren auch massiver als Melethiells. Sie hatte schon Probleme mit dem Gewicht und des öfteren Rückenschmerzen, aber sie freute sich inzwischen trotz allem. Andi behauptete steif und fest, daß er einfach der Vater sein mußte, und daran glaubten sie.
„Der Heiler wird kommen, wenn es soweit ist. Er sagte, er hat das schon erlebt, ab und zu kommen ja Zwillinge zur Welt...“ erzählte Primula. Melethiell wußte noch gar nicht, was sie davon halten sollte.
„Aber das ist bestimmt nicht ganz leicht!“
„Nein, aber er sagte, falls eins der Kinder falsch liegt, würde er es noch drehen und... frag mich nun nicht, was er noch alles tun kann. Er sagte, daß ich keine Angst haben müsse, und eigentlich habe ich das auch nicht mehr. Ich habe mit Mama gesprochen und sie hat mir vieles erzählt, was mich sehr beruhigt hat!“
Andi sah ebenfalls sehr zuversichtlich aus.
„Ich bewundere dich“, sagte Melethiell, „ich würde mir große Sorgen machen, glaube ich!“
„Nun, wahrscheinlich kommen die Kinder ohnehin zu früh, das macht die Sache einfacher. Dazu hat deine Mutter mir etwas erzählt, Fael kam ja auch zu früh!“
Fakt war allerdings, daß der Heiler auch ein guter Schauspieler war und den jungen Eltern vieles verschwiegen hatte. Sein Handwerk hatte er in Gondor bei den Menschen erlernt, er war selbst noch recht jung und auf Einladung König Elessars hin konnten die Hobbits bei den Heilern in Minas Tirith lernen, was der junge Bursche auch gern wahrgenommen hatte.
Dabei hatte er erfahren, daß Zwillingsgeburten zwar außergewöhnlich waren, allerdings öfter vorkamen als man wußte, denn manche Mütter überlebten eine solche Geburt nicht.
Im Auenland gab es insgesamt, so hatte der Heiler zu berichten gewußt, nur sechs Zwillingspaare, die einen waren schon alt, und andere waren erst vor wenigen Jahren geboren worden.
Von der bei der Geburt gestorbenen Frau und dem einen überlebenden und vom Vater großgezogenen Kind, das seines Wissens in Froschmoorstetten lebte, erzählte er dabei lieber nicht, um Primula keine Angst zu machen.
Im Auenland wußte man sehr wenig über Zwillingsgeburten und die Heiler verschwiegen die Gefahren auch gern, weil sie der Meinung waren, daß Angst zu schüren keine gute Idee war. Werdende Mütter sollten sich auf den Nachwuchs freuen und keine Angst vor der Geburt haben, das trug oft dazu bei, daß auch schwierige Geburten meist gut ausgingen.
In Gondor hatte er schon eine Zwillingsgeburt erlebt, die nur unter größten Schwierigkeiten zu bewerkstelligen gewesen war, und unter den zahlreicheren Menschen kamen Zwillingsgeburten auch öfter vor - die dementsprechend oft auch nicht erfolgreich verliefen, aber davon wußte im Auenland niemand.
Manchmal starben auch die Kinder dabei, obwohl die Mutter überlebte, das passierte vor allem dann oft, wenn die Geburt viel zu früh kam. Aber das alles waren Dinge, die Primula nicht wissen mußte, so dachte der Heiler, zumal er von ihrer Sorge um die unsichere Vaterschaft wußte.
Aber so verbrachten die jungen Hobbits erst einmal einen vergnüglichen Nachmittag, an dem Meli und Primula sich ausführlich über Kinder und Geburten unterhielten, denn immerhin war es für sie beide in nicht allzu langer Zeit soweit.
Hamfast und Andi saßen schließlich woanders im Wohnzimmer und unterhielten sich auch über ganz andere Dinge. Hamfast regte sich furchtbar über Milo auf, was Andi gut verstehen konnte, und umgekehrt wußte Andi etwas eigentlich sehr schönes zu berichten.
„Soll ich dir mal sagen, warum ich dankbar bin, daß du den Kerl umgebracht hast?“ begann er und Hamfast verzog das Gesicht. Er hatte geahnt, daß Andi ihn darauf wieder ansprechen würde, denn wie sehr die Ereignisse Andi noch immer beschäftigten, wußte Hamfast genau. Und ihm war klar, daß Andi den Tod des Verbrechers ausdrücklich begrüßte.
„Weil du ihn gehaßt hast“, erwiderte Hamfast. Andi nickte, aber dann sagte er: „Das ist nicht alles. Weißt du was? Seit der Kerl tot ist, fast seit dem Tag, an dem Primula das erfahren hat, ist sie wieder glücklich. Kannst du dir das vorstellen? Zuvor lebte sie in Angst und sie hat mir mehrere Male gesagt, daß sie fürchtete, der Kerl könnte wieder auftauchen und ihr noch einmal weh tun. Das hätte der niemals geschafft... aber ich konnte das gut verstehen. Wie oft lag sie nachts im Bett laut schreiend und weinend neben mir, weil sie solche Angst hatte, wie oft mußte ich sie trösten... und du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn du deine Frau liebst und immer aufpassen mußt, wie nah du ihr wirklich kommst. Verstehst du, ich will sie ja nicht bedrängen, aber das war nicht leicht!“
Das konnte Hamfast sich lebhaft vorstellen. Daß Primulas Ängste sich auf Andi übertragen würden, war ihm klar, er hatte einmal mit Melethiell darüber diskutiert.
„Meli erträgt seitdem keine Dunkelheit mehr. Ihr ist zwar nichts passiert, aber die Furcht vor dieser Möglichkeit saß tief bei ihr. Das hat einiges geändert, ich muß seitdem sehen, daß sie... daß sie immer das Gefühl hat, die Kontrolle nicht zu verlieren. Aber wieviel schwerer muß das bei euch gewesen sein!“
Andi nickte. „Aber inzwischen hat sie keine Angst mehr vor mir. Irgendwie freut sie sich nun auch wirklich auf die Kinder und ich muß endlich nicht mehr aufpassen, was ich tue. Das ist alles seit der Kerl tot ist! Endlich ist unser Leben wieder normal.“
Hamfast grinste verhalten. Er konnte sich gut vorstellen, wie schwierig alles für Andi gewesen war. Auch Meli hatte den einen oder anderen Alptraum gehabt, aber das war nicht gewesen wie bei Primula.
Und dennoch hatte er einen gewaltsamen Tod zu verantworten, deshalb konnte er sich nur verhalten mit Andi freuen. Aber er freute sich.
Vor allem freute Andi sich erst einmal auf seine Kinder.
So verlebten die vier Freunde einen entspannten und geselligen Nachmittag und sie alle freuten sich auf das, was da kommen sollte, und sie blickten zuversichtlich in die Zukunft.
„Primula war eine andere!“ sagte Melethiell am Abend zu Hamfast, der zustimmend nickte. Er hatte seine schüchterne Schwester sein Leben lang anders gesehen, aber nun schien Primula über sich selbst hinauszuwachsen, durch ihre Aufgaben Kraft zu gewinnen und stärker zu werden. Das freute sie alle wirklich sehr.
Das Leid war vergessen und Primula war mit Andi sehr glücklich.




Epilog


Melethiell hatte noch immer weder Kraft noch Lust zum Aufstehen. Am frühen Morgen war es endlich überstanden, die Kleine war da und die Geburt überstanden. Zwar war es schneller und unkomplizierter gegangen als bei Bariweis, aber dennoch hatte die Geburt sie sehr angestrengt. Mitten in der Nacht war sie von Wehen geweckt worden und hatte gerade noch Zeit gehabt, mit Hamfast alles für die bevorstehende Geburt zu richten, denn Bariweis sollte nicht dort sein, wenn es soweit war. Im Laufschritt hatte Hamfast seinen Sohn aus dem Bett gezerrt und nach Beutelsend gebracht, wo sofort alle in helle Aufregung verfallen waren. Liliane hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn zu Melethiell zurück zu begleiten und bei der Geburt behilflich zu sein. Hamfast war dankbar dafür, weil er selbst in dieser Situation gern überfordert war...
Aber sie hatten es schnell überstanden und beim ersten Hahnenschrei an einem wunderschönen Frühlingsmorgen erblickte die kleine Rosaline das Licht der Welt. Seitdem waren alle Bewohner Beutelsends und andere Schaulustige schon zu Besuch gewesen, um das kleine Hobbitmädchen mit den winzigen hellen Löckchen zu sehen und auf der Welt willkommen zu heißen.
Inzwischen war es Nachmittag und Melethiell lag immer noch im Bett. Sie hörte, wie nebenan im Kinderzimmer ein stolzer Vater mit seinem Sohn eine Wiege für die kleine Schwester richtete, die scheinbar friedlich schlafend daneben lag. Hamfast hatte seiner Frau die kleine Tochter gern abgenommen und kümmerte sich um sie.
Und gerade in dem Moment, als die Kleine wieder zu schreien begann, klopfte es auch an der Tür und herein traten Primula und Andi, als Hamfast öffnete.
„Die Kleine ist also endlich da?“ sagte Andi und gratulierte einem übers ganze Gesicht strahlenden Hamfast.
„Ja, kommt nur herein, ich zeige sie euch, Bari paßt auf sie auf... aber wen habt ihr da mitgebracht!“
Melethiell setzte sich aufrecht im Bett. Primula und Andi hatten ihre beiden Kinder dabei, ein Junge und ein Mädchen waren es, und sie waren winzig. Einige Wochen vor Rosaline waren die beiden geboren, und das war eine sehr turbulente Angelegenheit gewesen. Überraschend war eine Fruchtblase geplatzt und sofort herrschte helle Aufregung. Primula war schon fast erleichtert, denn die beiden Kinder machten ihr das Leben inzwischen schon sehr schwer. Sie drückten gegen viele ihrer Organe und verursachten manchmal sogar Atembeschwerden.
Aber dann kam der Heiler und nahm sich des wartenden Problems an, denn eins der Kinder lag in Steißlage und würde so eine schwierigere Geburt vor sich haben. Es war der kleine Junge, und er kam auch zuerst.
Die Geburt hatte sich fast über einen ganzen Tag hingezogen und war hinterher fast gefährlich gewesen, aber der kundige Heiler und ein sehr ruhiger Andi hatten es geschafft, die Kinder heil auf die Welt zu bringen.
Danach hatte es allerdings nicht mehr ganz so gut um Primula gestanden, die kurz nach der Geburt vor lauter Anstrengung einfach das Bewußtsein verloren und für Stunden nicht wiedererlangt hatte. Einzig der Heiler hatte darin nichts negatives sehen können, er begrüßte es sogar, daß Primulas Körper sich nach den Strapazen einfach die Ruhe holte, die er brauchte. Er blieb solange, bis Primula wieder bei sich war, und es war ja auch wichtig gewesen, die Kinder zu versorgen, die mehr als sechs Wochen zu früh geboren und dementsprechend klein waren.
Primula blieb noch eine ganze Weile nach der Geburt im Bett und Andi kümmerte sich dementsprechend viel um seine Kinder. Er hatte die beiden beim ersten Anblick schon geliebt und sorgte aufopferungsvoll für sie, das konnten Hamfast und eine hochschwangere Melethiell sehen, die natürlich bald zu Besuch kamen.
Nun war es umgekehrt, nun war es Melethiell, die besucht wurde, und alle zusammen betraten sie das Zimmer, in dem sie im Bett saß. Bariweis quengelte herum, weil er seine Schwester tragen wollte, aber das tat stattdessen Hamfast. Sein Sohn war noch zu klein als daß er das geschafft hätte.
Aber er durfte Rosaline im Bett in den Armen halten, ganz wie ein stolzer großer Bruder, und er grinste fröhlich.
Ebenso fröhlich waren auch die Erwachsenen. Auf Andis Arm lag seine Tochter und Primula hielt den Jungen. Natürlich hatten sie die beiden Babys mitgebracht, doch der Junge schlief im Augenblick tief und fest.
„Meli!“ rief Primula und umarmte ihre Freundin. „Wie schön, jetzt hast du es auch endlich geschafft!“
„Oh, ich habe es wieder so verflucht, du kannst es dir nicht vorstellen“, sagte Meli, aber sie lächelte dabei. Angesichts ihrer süßen kleinen Tochter wurde ihr ganz warm ums Herz.
„Habt ihr schon einen Namen?“ fragte Andi und Hamfast teilte ihre Wahl mit.
„Wieviel größer die Kleine ist!“ entfuhr es Primula, die ihren Sohn einmal neben Rosaline hielt und über den enormen Unterschied staunte.
Doch dabei stutzte dann plötzlich Melethiell und sagte: „Seht doch, die Sommersprossen! Der Kleine hat ja fast genauso viele wie Andi!“
„Ja, beide haben so viele Sommersprossen. Letzte Woche haben wir sie entdeckt, und seitdem wissen wir sicher, wer wohl der Vater ist...“ sagte Primula grinsend. Andi war entsetzlich stolz, das war kaum zu übersehen.
„Das macht unser aller Glück wirklich perfekt“, murmelte Hamfast und strahlte dabei übers ganze Gesicht.



ENDE