Sechstes Kapitel: Die Übergabe
Laß mich mal schauen.
Frodo verdrehte gequält die Augen.
Es ist nichts, Mama, es tut nicht einmal weh. Aber der konnte wirklich werfen! Mistkerl...
Rosie setzte sich wieder, nachdem sie die Wunde an der Stirn ihres Großen, wie sie ihn immer nannte, eingehend betrachtet hatte mit aller mütterlichen Fürsorge. Der junge Frodo sagte gar nichts mehr dazu.
Und es war wirklich ein Hobbit? fragte nun sein Namensvetter und Onkel, der ihm angespannt gegenüber saß.
Wenn ich es doch sage! Oder habe ich mich getäuscht, Vater?
Sam schüttelte den Kopf.
Es war wirklich ein Hobbit. Viel habe ich auch nicht erkennen können, aber er sah aus wie jeder andere...
Im Wohnzimmer saßen sie alle zusammen, Kinder und Eltern, und sie trauten ihren Ohren kaum, als sie den Bericht dessen vernahmen, wie Sam und sein Sohn in der Nacht die Nachricht erhalten hatten. Bald darauf waren die beiden ebenfalls erschöpft schlafen gegangen, wenn es ihnen auch nicht vergönnt gewesen war, wirklich Ruhe zu finden. Sam hatte sich von Alpträumen geplagt hin- und hergeworfen und war früh am Morgen schweißgebadet erwacht. Bald darauf hatte sich wieder Leben im Smial geregt und kaum daß sie alle auf den Beinen waren, hatte Sam den Brief sogleich wieder hervorgeholt und alle zusammengerufen.
Es war fast Erleichterung, die sie verspürten. Zumindest die Ungewißheit war nun ein wenig vermindert, obschon sie immer noch nicht wußten, was wirklich vor sich ging - doch eine Nachricht war besser als nichts.
Frodo war ganz in Gedanken versunken. Ein Hobbit... wie paßte das zusammen?
Vielleicht war er nur ein angeheuerter Bote... oder glaubst du etwa, ein Hobbit macht da gemeinsame Sache mit Menschen? fragte Frodo dann zu Sam gewandt. Dieser zuckte mit den Schultern.
Kann ich nicht sagen. Aber welchen Grund hätte er als einfacher Bote gehabt, Frodo einen Stein gegen den Kopf zu werfen? Hätte er nichts damit zu tun, hätte er auch keinen Grund gehabt, so zu flüchten.
Aber es ist die Schrift eines Menschen, wagte Liliane zu behaupten, während sie den Brief in ihrer Hand studierte. Rubinie kletterte auf den Schoß ihrer Tante und krähte fröhlich: Zeigst du mir, wie Lesen geht?
Liliane lachte. Gern, aber nicht jetzt, in Ordnung?
Die kleine Vierjährige nickte, das hatte sie damit auch nicht gemeint, denn auch ihr war ihr großer Bruder jetzt wichtiger.
Woher willst du das wissen? fragte Sam dann Liliane. Sie bezog sich auf die etwas ungelenke, große Schreibweise, denn Menschen waren nicht nur größer, sie schrieben oft auch größer als Hobbits.
Frodo warf einen neugierigen Blick auf die Schreibweise und grinste plötzlich.
Nicht nur das. So schreibt man in Gondor! Sie ist gondorianisch gefärbt... man schreibt dort nicht so grob wie hier, aber es ist gemischt... seltsam.
Sam ließ sich den Brief reichen und studierte ihn selbst eingehend, konnte aber nicht das darin erkennen, was Frodo gefunden hatte.
Ist ja auch egal. Zwei Menschen... und mindestens ein Hobbit. Wo zum Balrog verstecken sich Menschen hier? Wer könnte das nur sein? Ist dir in Bree jemand aufgefallen? fragte Sam Frodo, der sofort den Kopf schüttelte.
Bree war groß und bevölkert. Jeder dort konnte sie irgendwie gesehen haben.
Weit können sie nicht sein, wenn sie eine Stunde nach Mittag hier sein wollen. Weite Wege werden sie bei Tageslicht nicht riskieren, warf der junge Frodo von der Seite ein und betrachtete noch immer prüfend das alte Schwert seines Vaters, was dieser sehr wohl bemerkte, jedoch unkommentiert ließ.
Wie wollen die eigentlich wissen, daß ihr alles zahlt? fragte Liliane dann. Erst erhielt sie darauf keine Antwort, dann murmelte Frodo irgendwann: Können sie doch gar nicht. Wer außer mir weiß denn davon? Ich habe auch nicht vor, alles zu zahlen. Ein wenig müssen wir behalten, um weiterhin über die Runden zu kommen. Zumindest, bis wir Hilfe bekommen.
Er warf einen prüfenden Blick zu Sam, der gerade versuchte, seinen jüngsten Sohn loszuwerden, der unablässig an seinem Bein klammerte. Der Kleine hatte noch gar nicht ganz begriffen, was mit Krümel überhaupt geschehen war, aber es hatte auch niemand die Geduld, es ihm zu erklären. Außerdem hatte niemand vor, den Jungen so zu verängstigen.
Im Kreis saßen alle Kinder um ihre Eltern herum mit Ausnahme derjenigen, die sich die begehrten Plätze auf dem Schoß eines jeden Elternteils hart erkämpft hatten.
Was wirst du tun, Sam? fragte Rosie sorgenvoll. Totenstille kehrte im Raum ein, denn jeder hatte aus der Erklärung vom vorigen Abend, was die Ereignisse betraf, geschlossen, daß Sam es alles noch schwieriger machte.
Sehr zur Überraschung aller erwiderte er: Ich gehe mit Frodo, um zu zahlen. Was bleibt uns übrig?
Erleichtert die Augen schließend, stieß Rosie einen Seufzer aus und küßte Sam auf die Wange. Dieser errötete fast vor Scham, denn er glaubte, das eigentlich nicht verdient zu haben. Erst hatte er ihr einen solchen Kummer bereitet und nun lenkte er doch ein... allen Ärger hätten sie sich sparen können.
Ich gehe die Sachen suchen, verkündete Frodo dann, ohne einen weiteren Kommentar zu Sams Entscheidung zu verlieren. Er hatte unbewußt nichts anderes erwartet, weil Sam mit einem Mal so außergewöhnlich ruhig war. Aber schließlich hatte Sam ja auch begriffen, daß es keine Spuren gab, die ihnen helfen konnten, auf Gnade konnten sie nicht hoffen und sie konnten auch sonst nichts tun.
Sie konnten nur nachgeben.
Sam nickte zustimmend und sah Frodo hinterher, wie er das Wohnzimmer verließ, um Geld und Schmuck aus allen kleinen Verstecken zusammenzusuchen.
Der junge Frodo wollte gerade beginnen, das Schwert an seine Hose zu schnallen, als sein Vater ihn fragend ansah und murmelte: Was willst du damit?
Ich helfe euch! verkündete Frodo überzeugt, woraufhin Sam geräuschvoll Luft holte und den Kopf schüttelte.
Das wirst du nicht! Das ist viel zu gefährlich.
Ich bin kein Kind mehr, Vater, ich will meinem Bruder helfen!
Tu deiner Mutter und mir einen Gefallen und bleib hier. Wer soll denn auf alle aufpassen, wenn Frodo und ich nicht hier sind?
Murrend ließ der Junge das Schwert zu Boden sinken und starrte auf die aufziehbare vergoldete Uhr, die auf dem Kaminsims stand. Zehn Uhr morgens. In drei Stunden war der Kleine endlich wieder frei.
Liliane folgte Frodo unvermittelt, der gerade im Arbeitszimmer vor einem der Schränke stand und überlegte.
Wußtest du, daß Sam zahlen würde? fragte sie. Frodo zuckte unbestimmt mit den Schultern.
Ich hatte es vermutet. Verdammt, wo ist das alles?
Er wußte auch nicht genau, welchen Wert alles hatte, aber besonders der Schmuck war an vielen verschiedenen Stellen versteckt, die man nur durch Zufall gefunden hätte, wußte man nichts von ihrer Existenz. Nur wußte er von einigen Verstecken nicht einmal mehr selbst, wie er sie finden konnte.
Hinter irgendwelchen Büchern muß etwas liegen.
Liliane sah ihn kurz an, dann begann sie, nacheinander in einem Regal die Bücher herauszuziehen und sie Frodo auf die Arme zu laden. Das erste Regal war hinter den Büchern leer, aber beim zweiten fanden sie hinter diesen ein kleines dunkles Leinensäckchen. Frodo hieß Liliane, es herauszunehmen und hineinzusehen.
Ihr stockte der Atem. Eine prunkvolle edelsteinbesetzte Halskette offenbarte sich ihr.
Bei den Valar, was... was ist das wert? fragte sie atemlos.
Das wußte Bilbo nicht einmal selbst. Er hatte eben nicht nur Münzen, sondern dazwischen auch Schmuck und davon auch nicht gerade wenig. Dein Armband stammt auch aus diesem Schatz.
Wir brauchen etwas, um alles zu sammeln.
Mit diesen Worten ließ Liliane Frodo für einen Moment stehen und holte einen großen Leinenbeutel aus der Abstellkammer, denn sie ahnte, da kam noch mehr.
Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach all den wertvollen Dingen, die gut gesichert in Beutelsend versteckt lagen. In vielen Zimmern gab es in Ecken und Schränken, selbst in der Wand und dem Boden einzelne Verstecke, aus denen die beiden gemeinsam eine Unmenge an Münzen, Schmuck und auch noch anderen Dingen zutage förderten. Liliane hielt den Beutel und starrte fassungslos hinein, jedes Mal wenn Frodo etwas Neues hinzufügte.
Der Beutel füllte sich. Bald wurde er so schwer, daß Frodo ihn durch die Zimmer trug. Liliane konnte nicht glauben, was sie sah. Das alles war so wertvoll, daß man drei Familien mit dreizehn Kindern für hundert Jahre satt bekommen hätte.
Das wußte ich wirklich nicht... murmelte sie leise. Es war immer nur ein Gerücht gewesen...
Frodo grinste sie rücklings über die Schulter an. Gut so. Was glaubst du, was noch übrig wäre, hätten die Leute die Wahrheit gewußt!
Es hatte ihm nie viel bedeutet. Genau wie Bilbo hatte er es nur zum Leben gebraucht, zu nichts sonst. Es gab im Auenland ohnehin nichts, wofür er viel Geld hätte ausgeben können. Die wenigen Annehmlichkeiten, die man erstehen konnte, waren ohnehin bereits in Beutelsend versammelt.
Liliane spürte, wie ihr heiß wurde. Frodo war reicher, als sie sich je hätte träumen lassen - und nun wollte er es alles zahlen!
Warte! sagte sie dann. Warte... die werden niemals glauben, daß es so viel ist. Es wird ihnen bis ans Ende ihrer Tage reichen, wenn sie nur die Hälfte bekommen, und uns genügt der Rest doch auch! Oder? Wenn wir nur die Hälfte behalten, haben wir noch immer keine Probleme!
Was, wenn sie doch Verdacht schöpfen? Ihnen ist es egal, ob es reicht - die wollen alles! Willst du das riskieren?
Liliane zuckte mit den Schultern. Sie können es nicht wissen! Was soll schon passieren? Du solltest wirklich etwas behalten!
Das wollte ich doch...
Die beiden diskutierten das Für und Wider eingehend, starrten immer wieder in den Beutel, der inzwischen prall gefüllt war, und stellten fest, daß Frodo wirklich mehr behalten konnte als zuvor geplant.
Gut. Das wird Sam auch recht sein, denke ich, also... schauen wir doch mal...
Mit diesen Worten griff Frodo in den Beutel und holte mit beiden Händen einige Male eine große Anzahl Münzen heraus, die er nebenan auf ein Kinderbett legte. Auch einige Schmuckstücke legte er dazu, schätzte prüfend die Menge und nickte schließlich.
So sollte es sein.
Er versteckte den Rest wieder, während Liliane Sam und Rosie herbeiholte und auf den schweren Beutel zeigte.
Das hier ist die Hälfte. Die werden nie glauben, daß wir noch einmal so viel haben, aber wenn wir den Rest behalten, haben wir nicht einmal Probleme!
Rosie schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
So viel? Warum hat er das nicht gleich gesagt?
Er wußte es nicht... antwortete Liliane schulterzuckend. Sam lachte.
Das sieht ihm ähnlich. Hat er überhaupt alles gefunden?
Als Liliane daraufhin langsam den Kopf schüttelte, prustete Sam fast ungehalten los vor Fassungslosigkeit und wandte den Blick zur Decke.
Das darf nicht wahr sein. Da gehe ich seit Jahren hier ein und aus und habe keine Ahnung - inzwischen wohne ich hier und weiß nichts! Es ist nicht zu fassen.
Aber wenn die herausfinden, daß es nicht alles war... wandte Rosie dann ein. Liliane und Sam redeten eifrig dagegen und schafften es schließlich, sie davon zu überzeugen, daß man wirklich besser etwas zurückhielt, aber nie laut davon sprechen sollte.
Es war riskant. Liliane hatte selbst irgendwo ein ungutes Gefühl dabei, aber es machte nur Sinn, etwas zu behalten.
Schließlich kehrte Frodo zurück, lächelte Sam ermunternd an und sagte: Siehst du, ist doch gar nicht so schlimm...
Aber Sam traute dem Frieden nicht. Er hatte größte Angst davor, daß irgendetwas schiefging...
Sein Schlaf war mehr als miserabel gewesen. Hamfast hatte auf der Seite geschlafen mit rücklings gefesselten Händen, war bei jedem noch so kleinen Geräusch immer wieder zusammengezuckt und hatte ja doch nichts sehen können, aber bis zum frühen Morgen hatten die Männer ihn in Ruhe gelassen. Als jemand zu ihm hereinkam, um ihm Frühstück zu bringen, stellte er fest, daß es keiner derjenigen war, die bisher zu ihm gekommen waren. Also war das wohl der vierte im Bunde, der nicht mit ihm sprach, wenn er nicht mußte, ihm nur beim Essen behilflich war und dann wieder verschwand. Es dauerte dann aber nicht mehr lang, bis wiederum jemand hinabstieg in den Keller, und dieses Mal war es einer der Männer. An der warmen Stimme und freundlichen Sprechweise erkannte Krümel, daß es nicht der gemeine Kerl vom Vortag war, und so wurde er tatsächlich einigermaßen vorsichtig hochgehoben und über die Schulter gelegt. Das war zwar höchst unbequem, aber er wollte nicht klagen.
Kaum daß sie oben waren, kam jedoch ein anderer herbei und drückte dem Jungen unsanft einen Knebel in den Mund.
Es geht los! erklärte er daraufhin und diesmal war es Berod, der sprach.
Krümel wurde wieder im Sack versteckt und fortgetragen. Er hatte nicht vor, irgendeinen Ton von sich zu geben, wenn er Glück hatte, würde er doch sowieso bald wieder zuhause und in Sicherheit sein...
Er konnte nichts sehen und wenig hören, aber er merkte, daß es sehr bald durch den Wald ging und das für eine ganze Zeit.
Krümel schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Auf der einen Seite wollte er nach Hause und zweifelte nicht daran, daß sein Vater das irgendwie möglich machen würde, aber auf der anderen Seite würden sie dadurch in enormen Schwierigkeiten stecken und vielleicht waren die Entführer auch nicht ehrlich...
Er wollte noch hoffen. Er wollte nur nach Hause.
Die Schulter des Mannes bohrte sich langsam in seinen Bauch, es war höchst unbequem, aber als er glaubte, es nicht länger aushalten zu können, legten sie endlich eine Pause ein und er wurde von dem nicht besonders angenehm riechenden Sack befreit.
Wir sind fast da. Du machst gefälligst kein Theater, sonst schneide ich dir einen Finger nach dem anderen ab! drohte der vermummte Mann vor ihm. Er drückte ihm zur Bekräftigung seiner Worte den Dolch kurz an den Hals, was Krümel nicht an der Bedeutung seiner Worte zweifeln ließ.
Dann wurde ihm plötzlich die Augenbinde abgenommen und er kniff die Augen zusammen, als er das grelle Tageslicht wahrnahm. Soviel Druck war von seinen Augen genommen, aber er konnte das Licht anfangs gar nicht ertragen und öffnete die Augen nur sehr langsam, um sich daran zu gewöhnen.
Im gleichen Moment wurde ihm auch der Knebel abgenommen. Krümel war sehr überrascht, aber er konzentrierte sich weiter darauf, etwas sehen zu können. Dunkle, vermummte Gestalten standen vor ihm, aber er konnte sie kaum erkennen, so unscharf war sein Blick noch. Er hätte sich die Augen gern gerieben, aber das konnte er nicht.
Ein kurzes Stück wurde er noch weitergetragen, dann schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Und Krümel sah auch, welches das war: die Wiese, wo man ihn entführt hatte...
Vor Mandor blieb er stehen, dann warteten die Entführer mit ihm darauf, daß sein Vater mit dem Lösegeld eintraf, wie sie sagten.
Und es dauerte gar nicht lang, bis sie Stimmen hörten. Krümels Herz machte einen Sprung - es waren Papa und Onkel Frodo! Sie kamen ihn holen... bald war es ausgestanden...
Mit einer entschlossenen Bewegung schnallte Sam Stich an seiner Hose fest, prüfte den Sitz der Schnalle noch einmal, um sich dann Rosie zuzuwenden und sie ermutigend zu umarmen.
Du wirst sehen, wir sind in einer Stunde mit unserem Jungen zurück und alles ist wieder in Ordnung, sagte er und küßte sie liebevoll auf die Wange. Sie nickte stumm und mit Tränen in den Augen, denn noch hatte sie Angst. Große Angst.
Liliane stand neben ihr und drückte Frodos Hand zum Abschied, der die andere Hand auf dem Griff seines Schwertes liegen hatte. Vor seinen Füßen lag der mit Schätzen gefüllte Beutel, den er mit seinem Leben verteidigen würde, damit ihn wirklich nur die Entführer in die Hände bekamen.
Paß gut auf, sagte sie leise und strich ihrer Tochter über den Kopf, die sich an sie geschmiegt hatte und mit einem bittenden Ausdruck zu ihrem Vater aufsah. Er sollte nur wieder alles in Ordnung bringen! Es sollte überflüssig sein, daß sie mit den anderen folgen wollte, um im Notfall helfen zu können.
Perhail hatte zuvor einen verächtlichen Blick auf sein kleines Holzschwert geworfen. In dieser Situation wäre ihm ein echtes lieber gewesen, das er gleich mitnehmen konnte, aber er hatte nun einmal keins.
Merry und Pippin hielten sich sehr im Hintergrund. Dem älteren ging noch immer die vorangegangene Geheimberatung durch den Kopf. Sie würden ihren Vätern folgen und sehen, ob es nicht doch etwas für sie zu tun geben würde... gleich würden sie sich ungesehen davonstehlen und sich auf die Lauer legen!
Sam drehte sich noch einmal um, als er in der Tür stand, und winkte seinen Kindern, die alle keinerlei Zweifel daran hegten, daß ihr Papa das wieder in Ordnung brachte. Derweil lud Frodo sich den Beutel voller Gold auf die Arme, küßte Liliane und lächelte aufmunternd, als er Sam schließlich folgte.
Ungeduldig in ihren Zimmern lauernd verbrachten die vier Kinder die Stunden, immer darauf lauernd, dass ihre Väter endlich loszogen. Aber die Erwachsenen hatten wohl noch jede Menge zu bereden, wahrscheinlich ging es noch um das Lösegeld, aber es kümmerte weder Meli und ihren kleinen Bruder Fael, noch die beiden Gärtnerssöhne Merry und Pippin. Sollten sie doch reden, Krümel würde heute noch nach Hause kommen, dafür wollten die kleinen Verschwörer sorgen. Merry und Pippin malten sich bereits aus, dass sie von ihren Geschwistern und Freunden als Helden gefeiert würden...und erst ihre Mutter! Was würde sie dazu sagen, wenn sie Hamfast unbeschadet wieder in die Höhle zurück brachten?
Melethiell hatte nichts dergleichen im Sinn, ihr ging es allein darum, ihren liebsten Freund wieder bei sich zu haben, alle anderen Dinge waren für sie ohne Belang. Es war ihr sogar völlig bewusst, dass ihr die Elternschwere Vorwürfe machen würden, wenn sie nicht sogar bestrafen...aber das nahm sie in Kauf, Krümel sollte einfach wieder hier sein!
Endlich verabschiedeten sich Frodo und Sam von Liliane und Rosie und machten sich auf den Weg zur Übergabe des Lösegeldes. Ungeduldig warteten die Kinder, dass die Beiden den Bühl hinabgegangen waren und liefen dann aus der Tür, noch ehe ihre Mütter oder die anderen Kinder etwas bemerken konnten. Melethiell rannte vorneweg, dicht gefolgt von den beiden Gamdschie- Jungen, Perhail hetzte hinterher, sehr darauf bedacht, nicht den Anschluss zu verlieren. Als sie ihre Väter wieder zu Gesicht bekamen, achteten sie sorgsam darauf, nicht von ihnen bemerkt zu werden. Sam sah sich immer wieder misstrauisch um, was die Verfolgung für die vier Kinder nicht gerade einfach machte, andauernd mussten sie sich irgendwo im Gebüsch verbergen und hoffen, dass sie noch unentdeckt waren...keiner von ihnen sprach ein Wort, alle waren sie völlig konzentriert bei der Sache.
Es war kurz nach Mittag, als sie den Bühl hinuntergingen und einander stumm ansahen. Sams Blick wanderte hinab auf den Beutel, den Frodo fest im Arm hielt, nicht bereit, ihn auch nur für einen Moment loszulassen.
Er ist verflucht schwer, sagte er. Sam nickte und sah sich mißtrauisch um.
Das glaube ich, murmelte er dann, als er sichergestellt hatte, daß sie weit und breit keine Verfolger zu befürchten hatten.
Sie bogen an einer kleinen Kreuzung ab und marschierten quer über eine blumenübersäte Wiese in Richtung des kleinen Waldes. Die Sonne schien wärmend vom klarblauen Himmel herab, Vögel zwischterten fröhlich und die Bienen umsummten die beiden auf ihrem Weg zum Treffpunkt. Frodo verzog unwirsch das Gesicht. Diese Idylle war alles andere als echt, zumindest für ihn und Sam.
Dieser vergaß über seinen Sorgen plötzlich sein Mißtrauen und bemerkte nicht mehr, wie einige Verfolger sich ihnen anschlossen. Vier kleine Gestalten huschten flink in einiger Entfernung auf kürzerem Weg auf einer Hügelkuppe durchs Gras, zwei andere, größere Schatten folgten den beiden etwas unsicherer und äußerst vorsichtig. Sie hatten gelauert und nur auf die beiden gewartet, denn auch sie wollten helfen...
Wenn die ihm auch nur ein kleines Leid zugefügt haben, dann... ich schwöre bei meinem alten Ohm, wenn er uns denn hier sieht, ich werde sie dafür zahlen lassen! Solche Kerle sind für mich nicht mehr wert als Orks. Wie kann man sich aus purer Gier an Kindern vergreifen? knurrte Sam zwischen den Zähnen. Frodo warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Er konnte Sams stille Wut verstehen, denn er glaubte nicht, daß er an seiner Stelle anders reagiert hätte.
Sie werden ihm nichts angetan haben. Das können die doch gar nicht riskieren. Und mach dir um deinen Jungen keine Sorgen - denk nur daran, wie er meinte, sich mit Fredwin schlagen zu müssen! Hamfast ist sehr mutig und ich glaube, daß er alles unbeschadet übersteht.
Frodo hatte leise, aber bestimmt gesprochen und Sam war ihm dankbar dafür. Er nahm seine Hand nicht von Stich und überwachte die nähere Umgebung, besonders dann, als sie sich im Wald befanden. Jedes Gebüsch beobachtete er genauestens, aber es regte sich überhaupt nichts.
Er mußte immer an seinen Jungen denken, wie er nun verängstigt bei irgendwelchen dahergelaufenen Menschen saß und nicht ein noch aus wußte... wahrscheinlich gefesselt und völlig hilflos mußte er warten, bis etwas geschah.
Genau wie sie.
Schweigend gingen sie weiter, bis sie schließlich vor der Zeit die kleine Lichtung erreichten. Sam kniff die Augen zusammen, um von der sonnenüberfluteten Lichtung in den dämmrigen Wald hineinzuspähen. Wo genau nahe der Lichtung die Männer angegriffen hatten, vermochte er nicht zu sagen, aber er hatte auch gar keine Zeit mehr, zu überlegen.
Meli hob die Hand. "Sie bleiben stehen..." murmelte sie und sah gebannt zu ihren Vater, der etwas ratlos auf einer Lichtung stehengeblieben war und sich nun nervös umsah.
"Sie scheinen auf etwas zu warten", raunte Pippin und starrte durchs Unterholz.
"Oder auf jemanden... ob hier die Übergabe stattfinden soll?" Merry runzelte die Stirn.
"Möglich, warten wir einfach ab was geschieht", meldetesich Melethiell zu Wort und setzte sich auf den weichen Waldboden.
"Ich könnte doch näher schleichen und..."
"DAS wirst du schön bleiben lassen Perhail! Willst du Papa und Onkel Sam auf uns aufmerksam machen?" zischte seine Schwester und warf ihn einen unmissverständlichen Blick zu.
"Ich wollte doch nur..." brabbelte Fael und ließ sich beleidigt auf den Boden fallen. Nie durfte er das machen was er wollte, immer hatte ein Anderer daran etwas auszusetzen...dabei fand der Junge diese Idee schlichtweg genial. Wenn er erlauschen könnte, was sein Papa und Onkel Sam vorhatten, könnten sie doch viel besser darauf reagieren...
"Pst! Da kommt jemand!" Pippin wurde mit einem Mal ganz aufgeregt und starrte auf die Lichtung. Die Anderen folgten seinen Blicken und sahen, dass sich zwei Menschen auf ihre Väter zubewegten. "Das sind sie! Sie haben Krümel gefangen!" flüsterte Meli und begann vor Aufregung zu zittern. Einer von ihnen hielt Hamfast fest, sie konnte genau sehen, dass er gefesselt war.
Atemlos verfolgten die Kinder, was nun geschah...
Aufgeschreckt von einem erstickten Aufschrei hinter sich fuhren sie herum, hörten Zweige knacken und leises Flüstern, dann bewegte sich etwas im Gebüsch.
Sams Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals, seine Kehle schnürte sich zur vor Angst, die ihn mit einem Mal ergriff, er erstarrte und wandte kurz den Kopf zu Frodo, der den Beutel mit Gold fester an sich drückte und spürte, wie ihm heiß wurde. Fast wäre er zurückgewichen, als er erst einen großen, vermummten Mann mit abgetragener Kleidung aus den Büschen brechen sah - allein, wie es schien. Doch ihm folgte ein weiterer, der sich ebenfalls nicht zu erkennen gab, und dieser hatte mit einem kleinen blonden Jungen zu kämpfen, der sich wie wild gebärdete und darum kämpfte, loszukommen.
Sam umklammerte den Griff von Stich, zog das Schwert jedoch nicht. Er starrte unbewegt auf seinen Jungen, den der Mensch unnachgiebig festhielt. Gefesselt schien Hamfast, doch dann plötzlich nahm der Mann seine Hand weg von Krümels Mund und ließ ihm wieder Luft zum Atmen.
Papa! schrie der Junge, sah flehend zu seinem Vater, der einen Schritt nach vorn machte und seinen Sohn tröstend ansah.
Alles ist gut, es ist vorbei, flüsterte er mit bebender Stimme und spürte, wie seine Knie weich wurden. Es ging ihm gut, er war am Leben und es ging ihm gut...
Mehr als pünktlich, begann dann der größere der Menschen, der vor dem anderen und Hamfast stand. Er verschränkte die Arme vor der Brust, während Frodo den Ausdruck in seinen blitzenden Augen zu deuten versuchte.
Und ich sehe, ihr habt uns etwas schönes mitgebracht!
Es war Berod, der sprach, und in seiner Stimme lagen Arroganz, Hohn und Selbstsicherheit. Frodo lockerte seinen Griff um den Beutel und sagte: Das ist richtig. Alles, was ihr verlangt habt, ist hier.
Er kniete nieder, legte den Beutel auf den Boden und machte nur einen Schritt zurück.
Laßt den Jungen gehen! sagte er, überrascht, daß Sam stumm blieb, doch im Angesicht seines zu Tode verängstigten Sohnes fehlten dem Vater für einen Moment die Worte.
Es geht mir gut, Papa, sagte Krümel leise, er wurde ruhig, denn er hoffte, bald frei zu sein. Sam schluckte schwer und lächelte unter aufsteigenden Tränen.
Berod kam näher. Frodo blieb unbewegt stehen, was den Mann irritierte.
Was ist? Darf ich nicht mal einen Blick drauf werfen? knurrte der Mensch drohend. Frodo verschränkte die Arme vor der Brust.
Es ist kein Trick dabei. Laßt Hamfast gehen und wir werden ihn nehmen und nach Hause bringen, und wir sehen uns nie wieder, sagte er bestimmt. Berod hielt inne.
Nein. Erst muß ich das überprüfen!
Loslassen! schrie Krümel und begann erneut, zu zappeln. Sam konnte das nicht mehr mitansehen und wollte zu seinem Sohn, aber Berod fuhr ihn scharf an und hieß ihn, stehenzubleiben.
Berod näherte sich dem Beutel immer weiter, doch in diesem Augenblick sprangen mit Stöcken bewaffnet zwei Gestalten aus dem Gebüsch, laut schreiend und gestikulierend.
Keine Bewegung! Ihr seid verhaftet! brüllte Robin Kleinlöchner, der Bungo Boffin vorausrannte und genau auf Berod zuschoß. Der Mensch sprang auf, wich zurück und schrie: Weg hier!
Mandor machte einen Satz zurück, huschte flink mit Krümel in den Armen zurück ins Unterholz und rannte davon.
Nein! gellte ein Aufschrei von Sam über die Lichtung, er zog Stich und machte sich sofort daran, die fliehenden Entführer zu verfolgen. Frodo stand derweil noch fassungslos vor dem Beutel, er konnte nicht glauben, was geschah, doch er tat nicht mehr, als den beiden Landbütteln und Sam nachzustarren, die ins Dickicht rannten.
Panisch schrie Sam, es sei keine Falle gewesen, während er sich durchs Gebüsch schlug und versuchte, die Männer nicht aus den Augen zu verlieren. Es kam keine Antwort.
Laßt meinen Sohn! Laßt ihn frei!
Stehenbleiben! brüllte dann Bungo, der Sam fast überholte, jedoch eine Wurzel übersah und der Länge nach auf dem Boden aufschlug.
Ungerührt hasteten Sam und Robin weiter, konnten noch immer die Fliehenden sehen, auch wenn ihnen ins Gesicht peitschende Zweige es schwer machten, sie nicht aus dem Blick zu verlieren.
Für die Falle zahlt ihr! donnerte es von irgendwoher zu ihnen. Sam schloß für eine Sekunde verzweifelt die Augen, sprang über einen umgestürzten Baum und brüllte: Es war keine! Laßt meinen Sohn! Tut ihm nichts...
Tränen schossen ihm in die Augen. Die Luft in seinen Lungen brannte, Seitenstiche setzten ein, aber er rannte unermüdlich weiter. Robin blieb bereits zurück, während Sam weiterlief, unermüdlich seinem Sohn folgend.
Dann plötzlich sah er sie nicht mehr. Keuchend blieb er stehen, um sich hastig umzuschauen, doch er sah nichts mehr. Er hörte entfernt etwas rascheln, doch konnte die Richtung in seiner Panik nicht ausmachen. Da waren nur noch Bäume und Büsche...
So wartet doch! flehte er mit erstickter Stimme. Verschont meinen Jungen! Bitte...
Ein angsterfüllter Schrei zerriß die Luft. Krümel schrie nach seinem Vater, aus voller Kehle bettelte er um Hilfe, doch Sam konnte sie ihm nicht geben, denn vor seinen Augen tanzten plötzlich Sterne und zwangen ihn in die Knie. Kraftlos sank er in sich zusammen, ließ Stich scheppernd fallen und schluchzte laut.
Er würde Bungo umbringen, diesen neugierigen Strohkopf, der ungefragt aufgetaucht war, nur um seinen Kleinen in Todesgefahr zu bringen...
Sam vergrub das Gesicht in den Händen und weinte stumm. Eine schmerzende Leere breitete sich in ihm aus, erstickte jede Hoffnung in ihm, er fühlte nur noch Angst, Angst um seinen kleinen Sohn.
Im gleichen Moment hatte Frodo den Beutel mit den Schätzen gepackt und war gezogenen Schwertes hinterhergeeilt, jedoch nur, um anfangs Bungo fluchend am Boden zu finden, wie er sich gerade aufrappelte und wüste Drohungen ausstieß.
Dummkopf, murmelte Frodo wütend und starrte Bungo finster an, der ein ratloses Gesicht machte.
Wolltet ihr die etwa damit ziehen lassen? fragte er verwirrt zurück.
Frodo verdrehte die Augen und atmete tief durch.
Stell dir vor: Das wollten wir! Wir wollten Hamfast lebend zurückhaben und dank euch ist er jetzt wahrscheinlich so gut wie tot! fluchte er, so wie er selten geflucht hatte, und stapfte wutentbrannt weiter in den Wald hinein.
Sam? rief er fragend.
"Nein... die können Krümel doch nicht einfach mitnehmen..." stammelte Meli und starrte den flüchtenden Männern nach. Sie hatten Hamfast nicht zurückgegeben, und das nur, weil plötzlich die Landbüttel aufgetaucht waren. Das Mädchen schluckte ihre Tränen hinunter, dazu war jetzt keine Zeit...
"Schnell, hinterher! Wir müssen erfahren, wohin sie ihn bringen!" rief sie und lief davon.
"Warte Meli! Wir kommen mit!" rief Merry, und warf einen letzten Blick auf seinen Vater, der völlig aufgelöst zu sein schien. Aber der Junge hatte keine Zeit, sich lange darüber Gedanken zu machen, eilig hastete er seinem Bruder und Frodos Kindern hinterher.
Als sie kaum noch Luft bekamen, blieben die vier Entführer stehen, einzig Mandor setzte seinen Kampf mit dem kleinen Jungen fort. Einmal hatte der Bengel noch ungefragt schreien können, aber im Augenblick hatte der Mann nichts anderes zu tun, als seine Hand den Zähnen Krümels zu entziehen und ihn wieder zu knebeln.
Keiner da, murmelte Folco, als er prüfend zurückschaute. Berod lehnte keuchend an einem Baumstamm und sah zu Rufus, der innerlich vor Wut kochte und noch gar nicht wußte, was er denken sollte.
Sie waren weit gerannt, weit genug, um vorübergehend außer Reichweite zu sein und wieder zu Atem zu kommen. Krümel schluchzte laut, Tränen strömten über seine Wangen, er wollte immer nach seinem Vater rufen, doch er konnte nicht. Mandor hielt ihn noch mit einem Arm fest und sah zu Berod, der mit geschlossenen Augen noch immer reglos am Baum lehnte und nachdachte.
Folco sah zu Krümel, der den Blick des vermummten Hobbits erwiderte. Er war so verzweifelt und verängstigt, daß er sich in diesem Moment überhaupt nicht rührte, zutiefst entsetzt blieb er einfach vor Mandor stehen, denn vor ihm fürchtete er sich nicht.
Folco wandte den Blick wieder ab. Den traurigen Blick des Jungen zu sehen ertrug er nicht.
Urplötzlich und unerwartet schnellte Berod nach vorn, in der Hand hielt er sein spitzes Messer, und sprang damit auf Krümel zu, dessen Schrei des Entsetzens von seinem Knebel erstickt wurde. Mandor reagierte sofort, stieß den Jungen zu Boden und baute sich sofort vor ihm auf, was dazu führte, daß Berods Messer seinen Arm streifte und ihm einen tiefen Schnitt einbrachte.
Hamfast rollte sich herum, achtete auf nichts, sondern schaffte es mühsam, auf die Beine zu kommen und stolperte in Panik durchs Unterholz, um zu fliehen.
Hiergeblieben! donnerte Berod, machte einen Satz an Mandor vorbei und sprang Krümel mit dem Messer in der Hand hinterher, aber Mandor brachte ihn zu Fall, bevor er den Jungen erreichte.
Rufus reagierte sofort, hastete Krümel nach und packte ihn, bevor er zwanzig Fuß weit gekommen war. Schluchzend und weinend versuchte Krümel, sich loszureißen, bis er schließlich reglos stehenblieb, dann schloß er in Todesangst die Augen.
Folco vergrub die Hände in den Hosentaschen und starrte auf Mandor und Berod, die sich wütend anfunkelten, bevor er zu Rufus und dem Jungen blickte, der alle Hoffnung aufgegeben hatte.
Mir reicht es! tobte Berod. Ich stech die kleine Ratte ab, sollen die sehen, was sie davon haben! Verräter!
Nein! hielt Mandor dagegen und preßte die Hand auf seine stark blutende Wunde am Unterarm. Du bringst ihn nicht um, nicht solange ich es verhindern kann!
Krümel zuckte zusammen, als er Berods Worte hörte. Rufus gab ihm trotz allem keine Chance zur Flucht.
Ich werd denen zeigen, wie gut ihre Idee war! Sie kriegen ihn in Stücken wieder! brüllte Berod und versuchte, Mandor von sich herunterzustoßen. Dieser stand freiwillig auf, ging auf Rufus und Krümel zu und nahm dem Hobbit den Jungen ab. Er legte seine Arme fast schützend um die Schultern des schluchzenden Jungen und sagte: Du tust gar nichts. Das war keine Falle, der Vater wollte das selbst nicht!
Ach nein? Woher willst du das wissen? Wo kamen diese verfluchten Ratten von Landbütteln also her? Das war eine Falle! Und wir haben ihnen gedroht, Ernst zu machen, also was ist?
Nein! brüllte Mandor. Nichts tust du! Jetzt ist was schiefgelaufen, ich sehe das auch, aber du wirst den Jungen nicht umbringen!
Wir versuchen es einfach nochmal, schlug Rufus dann ganz ruhig vor, wir schicken noch einen Brief, nachdem wir sie erst haben zappeln lassen, und dann kommen wir doch an unser Geld!
Mandor schüttelte den Kopf. Er drückte den panischen Jungen beruhigend an sich, weil er nicht wollte, daß der Kleine um sein Leben fürchten mußte, und sagte: Ich bin dafür, aufzugeben. Daß es nicht funktioniert, haben wir ja gesehen. Mir reichts. Warum wollt ihr den Schaden noch vergrößern und das Risiko, geschnappt zu werden? Lassen wir ihn gehen! Noch ist Zeit dazu, noch ist nichts schlimmes geschehen! Der hält uns das nicht durch. Laßt uns wieder verschwinden, bevor es nur noch schlimmer wird!
Rufus sagte für einen Moment gar nichts, ließ sich jedoch von Berod das Messer geben und kam auf Mandor und Krümel zu. Dieser zuckte zusammen und wich ängstlich zurück, aber Rufus sagte: Ich tue nichts, also halt still! Ich will ein Stück von deinem Hemd.
Mit großen Augen starrte Krümel ihn an, verstand überhaupt nichts, rührte sich jedoch auch nicht und ließ Rufus ein Stück seines Hemdes abschneiden. Dieses drückte Rufus auf Mandors Wunde und tränkte den Stoff mit Blut, dann legte er ihn gut sichtbar auf den Boden und warf Berod das Messer wieder vor die Füße.
Die kommen hier vorbei und finden die Spur. Was haltet ihr davon? fragte er, hintersinnig grinsend.
Sie werden es für sein Blut halten, ist ja auch von seinem Hemd. Und dann werden sie weich wie Butter über dem Feuer...
Krümel schluckte schwer. Er hatte doch schon gesehen, wie es seinem Vater ging, und nun das...
Das ist gut, meldete sich dann erstmals Folco zu Wort. Er war eigentlich auch dafür, Krümel laufenzulassen, sagte das jedoch nicht angesichts Berod, der langsam wieder aufstand und äußerst wütend aussah.
Wir tun ihm gar nichts und versuchen es nochmal, das ist besser, als ihn umzubringen oder ihn laufenzulassen, behauptete er dann, bevor er fragend in die Runde schaute.
Zu gefährlich, brummte Berod. Wenn wir ihn länger bei uns behalten, schnappen die uns noch!
Also lassen wir ihn frei... murmelte Mandor, was ihm einen wütenden Blick von Berod einbrachte.
Nein! Wie sieht das denn aus?
Ist doch egal... sagte Folco dann, aber niemand hörte auf ihn.
Wir sind uns doch so gut wie einig, daß wir ihn nicht umbringen, richtig? fragte Mandor, woraufhin die beiden Hobbits sofort nickten.
Und laufen lassen wir ihn auch nicht, sagte Berod dann, was ihm auch Zustimmung einbrachte. Krümel begann erneut zu weinen, als ihm klar wurde, daß er jetzt noch viel länger diese Angst ausstehen mußte, weil sie ihn noch bei sich behalten wollten...
Wir versuchen es also nochmal, stellte Mandor fest, seufzte mißmutig und hob Krümel mühelos auf seine Arme, der es nicht wagte, ihn anzusehen. Mandor hatte jedoch im Augenblick gar nicht vor, ihm die Augen zu verbinden, ihm war alles ziemlich egal. Er achtete nicht einmal auf seine Wunde, bemerkte den Schmerz kaum. Ihm tat der Junge in diesem Augenblick furchtbar leid.
Krümel mußte an seinen Vater denken, wie er dagestanden hatte, ihn liebevoll tröstend angesehen hatte, fast greifbar gewesen war... er war gekommen mit Onkel Frodo, aber er verstand nicht, woher die Landbüttel gekommen waren. Unter Tränen schloß er die Augen und ließ sich von Mandor tragen, der nicht vorhatte, den Jungen aus den Augen zu lassen.
Wie konnte das passieren? murmelte er dann gedankenversunken. Sie grübelten leise vor sich hin, mutmaßten über einige Dinge, kamen jedoch zu keinem Schluß. Bis auf Berod glaubte niemand an eine Falle, eher an einen dummen Zufall, den Krümels Vater sicher nicht beabsichtigt hatte. Sie wollten es wagen, einen erneuten Versuch zu starten...
Allerdings bemerkten sie nicht, daß ihnen jemand auf den Fersen war, jemand, mit dem sie im Entferntesten nicht gerechnet hätten.
Siebtes Kapitel: Fehlschläge
Als Frodo ihn am Boden kauernd fand, glaubte Sam seinen Jungen bereits tot, er wußte, er würde ihn mit durchschnittener Kehle irgendwo finden, wenn er zu suchen begann, und das war der Grund dafür, daß er sich nicht mehr rührte. Robin stand keuchend hinter ihm und schwieg betroffen, denn er hatte sofort begriffen, daß ihr Eingreifen die dümmste Idee gewesen war, die sie hatten entwickeln können. Er schämte sich sehr, als Frodo stumm an ihm vorbeilief, den Beutel neben Sam zu Boden warf und seinen verzweifelt weinenden Freund tröstend in die Arme schloß. Sam klammerte sich schluchzend an ihn, wollte sich gar nicht beruhigen, doch Frodo redete leise auf ihn ein, was ihn schließlich ein wenig besänftigte.
Was sollte das? fragte Frodo dann zu Bungo und Robin gewandt, die kleinlaut einige Fuß entfernt von ihnen standen und betroffen schwiegen.
Wir... also, ich dachte, ich müßte doch sehen, daß die Kerle mit dem Geld nicht entkommen, ich wollte sie festnehmen, also habe ich Robin gefragt, ob er nicht...
Schön. Mal daran gedacht, daß das geschehen könnte, was geschehen ist? Wißt ihr, was jetzt schlimmstenfalls passieren kann? warf Frodo ihnen zornig entgegen. Er konnte nicht glauben, was er hörte.
Krümel... flüsterte Sam tonlos, hob den Kopf, dann sah er Frodo mit tränenverschleiertem Blick an.
Warum... warum nur...
Ach Sam, mach dir keine Sorgen, wir folgen ihnen und bringen das in Ordnung, was meinst du?
Stumm schüttelte Sam den Kopf und wischte sich die Tränen weg.
Nicht? Was willst du dann tun? fragte Frodo.
Er ist tot! Sie bringen ihn um! Das hat der Kerl doch gesagt... bei den Valar, wie soll ich das Rosie...
Erneut brach Sam in lautes Schluchzen aus. Frodo seufzte leise.
Nichts schlimmeres hätte geschehen können...
Verschwindet. Los, ihr habt hier nichts mehr verloren, sagte Frodo zu den Landbütteln gewandt, die gar nichts mehr sagten, sondern stumm kehrt machten und verschwanden.
Sam war so voller Angst, daß er kaum noch denken konnte. Er sah seinen Jungen vor sich, seinen kleinen Krümel, wie er ihn angesehen hatte... er war wohlauf gewesen, sie hatten doch vor ihm gestanden, ohne Bungo und Robin wäre er nun frei und gerettet...
Steh auf. Komm, er ist nicht tot, wir suchen ihn jetzt und holen ihn zurück. Komm schon! versuchte Frodo, Sam zum Mitkommen zu bewegen, aber er mußte lange auf ihn einreden, damit etwas geschah. Auf Frodo gestützt stand Sam schließlich auf, stolperte mit ihm durchs Unterholz und suchte nach den Spuren der Entführer. Es fiel den beiden nicht schwer, sie zu finden, denn sie hatten alles plattgetrampelt, was unter ihre Füße gekommen war. Ein ganzes Stück legten sie so zurück, ein Stück, das Sam ewig zu währen schien, er konnte nicht anders als an Krümel denken, unablässig und immer wieder...
Plötzlich blieb Frodo, der noch immer seltsam gefaßt war, stehen und packte Sam hart, drehte ihn um, dann zog er ihn an sich und flüsterte: Sieh einfach nicht hin, erschrick nicht...
Irritiert sah Sam ihn an, verstand gar nichts, doch er war völlig willenlos und rührte sich nicht mehr, weil er nun seinen Sohn bereits tot vor sich sah.
Frodo beugte sich hinab und hob das blutgetränkte Stück von Krümels Hemd auf. Noch war das Blut nicht ganz trocken - aber es war viel. Sehr viel.
Er verbarg das bluttriefende Stück in der Hand und zeigte Sam nur eine Spitze, an der kein Blut war.
Sein Hemd? fragte er. Sam warf nur einen kurzen Blick darauf und nickte langsam.
W-was ist mit dem Rest? wollte Sam zögerlich wissen. Er hatte bemerkt, daß Frodo etwas versteckte.
Seufzend öffnete Frodo die Hand, es hatte ohnehin keinen Sinn, und nahm besänftigend Sams Hand, als dieser entsetzt aufschrie und ungläubig den Kopf schüttelte.
Hör zu, hör mir zu, Sam. Sei ganz ruhig. Ich glaube, daß das ein Zeichen von ihnen ist, ich glaube, daß sie ihm nichts getan haben und auch nichts tun werden. Warum, wenn sie ihn umbringen wollten, haben sie es nicht längst getan? Wir könnten ihn tot finden, aber hier liegt nur etwas von ihm. Es ist eine Warnung! Ich weiß, daß er noch lebt! Sie wollen das Geld noch immer, also brauchen sie ihn. So beruhige dich doch!
Sam schluckte schwer, nahm den Stoff aus Frodos Hand und steckte ihn in seine Tasche. Frodo versuchte derweil, Spuren zu finden, die von dieser Stelle fortführten - aber er fand keine. Er war kein großer Spurenleser und die Entführer hatten sehr darauf geachtet, daß man sie nicht verfolgen konnte anhand irgendwelcher Spuren.
Nur hatten sie vergessen, daß sie immer noch verfolgt wurden von heimlichen Beobachtern.
Frodo fluchte innerlich. Schon wieder hatten sie keinerlei Anhaltspunkte!
Komm, laß uns zurück gehen. Es hat keinen Sinn. Wir müssen wieder warten.
Sam sah Frodo stumm an, der seine Worte mit einem ermunternden Lächeln zu bekräftigen versuchte, doch es sollte ihm nicht gelingen. Der Weg nach Beutelsend wurde ihnen sehr weit, denn sie sprachen nicht, weil sie keine Worte fanden, sie sahen einander nicht an, Frodo schleppte mißmutig die Schätze mit sich herum und wollte am liebsten alles verfluchen angesichts Sam in seiner Ohnmacht. Es war eine furchtbare Situation.
Liliane wandte sich schweigend um und starrte reglos auf den Boden. Dann warf sie doch noch einen Blick über die Schulter, um aus dem Fenster zu schauen, doch in der Tat waren Frodo und Sam allein. Frodo hatte den Beutel noch immer bei sich und Sam ging vornüber gebeugt, fast wie ein alter Mann, doch es war eine andere Last, die er nun trug.
Rosie war in der Küche und immer noch dabei, ihre Kinder bezüglich ihrer abwesenden Geschwister zu befragen. Noch schien sie nichts von Frodo und Sam bemerkt zu haben, außerdem waren ihre Sorgen auch ohne diese Neuigkeit groß genug... und Liliane kämpfte selbst ebenso mit großer Angst.
Hastig lief sie zur Tür und rannte Frodo und Sam noch ein Stück entgegen, bis sie mitten auf dem Weg stehen blieb und die beiden stumm ansah. Frodo seufzte schwermütig und murmelte: Die Landbüttel... sie haben die Kerle mit Krümel in die Flucht geschlagen. Sie sind wieder fort.
Sam hob den Kopf, sie blieben alle auf dem Weg stehen und starrten einander wortlos an.
Liliane löste sich langsam aus ihrer Erstarrung.
Fort? Wie meinst du das? Sie waren mit Krümel da und haben ihn wieder mitgenommen? Das meinst du nicht ernst...
Frodo nickte leicht. Es war sein voller Ernst.
Frodo, hast du unsere beiden mit Merry und Pippin gesehen? Die vier Kinder sind weg, sie sind verschwunden... Bilbo hat wirres Zeug von einem Befreiungsplan gesagt... erklärte Liliane dann. In der Tat hatte der kleine Junge als einziger einen Verdacht, wohin die vier Kinder gegangen waren. Kaum daß Liliane die Abwesenheit ihrer Kinder kurz nach dem Aufbruch von Frodo und Sam bemerkt hatte, war auch aufgefallen, daß Merry und Pippin mit den beiden gegangen waren. Es fehlte jede Spur von ihnen und Rosie versuchte noch immer, herauszufinden, was im Gange war.
Nein, habe ich nicht... was für ein Befreiungsplan? Du... du meinst nicht, daß die beiden gefolgt sind, oder? flüsterte Frodo tonlos. Hilflos zuckte Liliane mit den Schultern, sie wußte überhaupt nichts, sie sah nur, daß vier Kinder verschwunden waren und Hamfast immer noch verschleppt blieb.
Alles schlug fehl.
Meine beiden Jungs sind auch weg? fragte Sam dann und schloß verzweifelt die Augen. Schlimmer konnte es fast nicht mehr werden.
Liliane holte die beiden erst einmal herein, Frodo ließ den Beutel mit dem Gold im Arbeitszimmer liegen und folgte in die Küche, aus der er nur einen Schreckensschrei kommen hörte, kaum daß Rosie Sam ohne Hamfast gesehen hatte. Mit gepreßter Stimme erklärte Sam allen Anwesenden, was geschehen war, worauf selbst einige der Kinder bald Tränen in den Augen hatten und um ihren Bruder mehr denn je fürchteten.
Sam wiegte Rosie beruhigend in den Armen, obwohl er selbst keinen Trost fand, aber zumindest hatte er Krümel lebend gesehen. Liliane sah von Sam zu Frodo und zurück, doch niemand sagte etwas, auch nicht Frodo, der bedrückt im Türrahmen lehnte und nichts mit sich anzufangen wußte.
Er hatte gerade gesehen, daß seine beiden Kinder tatsächlich nicht in Beutelsend waren, ebensowenig wie die beiden großen Jungs von Sam. Einzig Frodo war noch dort, der nervös auf und ab lief und darauf pochte, die Kinder endlich suchen zu dürfen.
Sie stecken irgendwo! Dann werde ich sie auch finden. Oder sie kommen ohnehin gleich nach Hause, weil ihr ja auch wieder hier seid...
Frodo nickte. Er wußte, er würde Perhail den Hintern versohlen für diese Dummheit und Melethiell gehörig die Ohren langziehen, aber dazu mußten sie erst einmal zurückkommen.
Die Kinder ließen ihre Eltern langsam wieder allein und beschäftigten sich selbst mit ihren Sorgen, während Sam begann, Rosie zu versprechen, daß alles wieder in Ordnung kam. Liliane beobachtete derweil, wie Frodo rastlos aus dem Fenster starrte und auf die Kinder wartete, während sie mit dem kleinen Bilbo sprach.
Sie haben nur gesagt, daß sie auch helfen wollten und auch zu dem Ort gehen, wo Krümel sein sollte. Was sie machen wollen, weiß ich aber nicht.
Der kleine Junge wußte tatsächlich nichts, so ließ Liliane ihn wieder ziehen und gesellte sich zu Frodo, der den Blick nicht vom Weg wandte.
Sie kommen gleich. Wer weiß, was die vier wieder anstellen!
Frodo gab keine Antwort. Sie waren ihm schon viel zu lange fort, sie hätten vor ihm wieder zu Hause sein müssen...
Es war nicht einfach, den Entführern zu folgen, sie bewegten sich sehr schnell vorwärts und sahen sich auch immer wieder sichernd um. Aber irgendwann, nach Stunden wie es den Kindern vorkam, erreichten sie Wasserau und beobachteten die Männer, wie sie in ein Haus gingen. "Hier müssen sie ihr Versteck haben, lasst uns nachsehen!" flüsterte Pippin und schlich sich an eines der Fenster. Er zuckte erschrocken zusammen, als er einen der Menschen sah, wie er aus einer Tür kam, die anscheinend zum Keller führte.
"Krümel muss im Keller sein...denke ich mal", murmelte er aufgeregt und wandte sich an die Anderen. "Was nun? Sollen wir unseren Vätern Bescheid geben, damit die ihn da rausholen können?" fragte Pippin und sah in die Runde.
"Dazu haben wir keine Zeit, wer weiss was sie nun mit ihm anstellen wollen", sagte Melethiell und schluckte bei dem Gedanken, dass sie Krümel vielleicht nie wieder...
Perhail verdrehte die Augen und kletterte eine Kiste hoch, um ebenfalls durch das Fenster blicken zu können. Auch er wollte unbedingt wissen, was da drin vor sich ging und streckte sich.
Der Junge zog sich mit den Armen am Fensterbrett hoch und stellte sich auf die Zehenspitzen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht und konnte erkennen, was in dem Haus vor sich ging.
Die zwei Menschen schienen sich heftig zu streiten, der eine deutete immer wieder auf seinen Arm, wo er ein Stück Stoff gewickelt hatte und an dem Blut klebte.
Im hinteren Bereich des Raumes war einer der Hobbits mit irgendetwas beschäftigt, was er tat konnte Fael nicht erkennen, denn er hatte dem Fenster den Rücken zugekehrt.
Entschlossen kletterte der Hobbitjunge von der Kiste und schlich sich an die Hintertür, die er durchs Fenster entdeckt hatte. Vorsichtig schob er den Riegel beiseite und mit einem leisen Knarren schwang die Türe auf. Sollten die Anderen doch reden, bis ans Ende aller Tage, aber er würde jetzt da hineingehen und seinen Freund da rausholen! Entschlossen betrat der kleine Hobbit das Haus und schlich den dunklen Gang entlang. Hinter einer der Türen konnte Perhail die großen Männer streiten hören, doch worum es ging hörte er nicht. Im Grunde war es dem Jungen auch gleich, Hauptsache dass sie solange mit sich selber beschäftigt waren, bis Krümel wieder in Freiheit war.
"Fael!"
Merrys Stimme ließ Frodos Sohn erschrocken herumfahren und um ein Haar wäre ein Schrei seiner Kehle entkommen. "Merry! Du hast mich zu Tode erschreckt!" flüsterte Perhail und sah seinen Freund vorwurfsvoll an.
"Was zum Balrog tust du hier? Du kannst dich nicht so einfach hier hereinspazieren und..." gab Sams Sohn leise zurück und blickte sich nervös um. Er machte keinen Hehl daraus, dass er nichts lieber als ins Freie zurück käme. Sie wussten nun wo sein Bruder steckte, also könnten sie nach Hause laufen und Vater Bescheid geben. "Siehst du doch, dass ich das kann! Ich werde Krümel jetzt befreien und dann können wir endlich zurück nach Hobbingen", stellte Fael nüchtern fest und wandte sich wieder der Kellertür zu, die er soeben hatte öffnen wollen, ehe Merry ihn gestört hat.
Der ältere Hobbitjunge verdrehte die Augen und packte Perhail erneut am Arm.
"Was denkst du machen sie wenn sie uns hier erwischen? Die Menschen sind böse, das weißt du doch genau! Wir werden unsere Väter holen, die werden sich um Hamfasts Befreiung kümmern! Das hier ist eine Nummer zu groß für uns!"
Merry musste sich eingestehen, dass es nicht so war, wie er sich das ausgemalt hatte. Er hatte die Männer gesehen, erlebt, wie gemein und zu allem entschlossen sie waren. Der Mut des Hobbits war beträchtlich gesunken und eigentlich wünschte er, dass er niemals Beutelsend verlassen hätte.
"Mach was du willst, Merry, aber ich werde Krümel gewiss nicht seinem Schicksal überlassen! Es ist wichtig, dass wir ihn retten, ehe ihm die bösen Menschen wieder wehtun wollen!" Perhail kannte keine Furcht in diesem Augenblick, trotzig war er entschlossen, das zu tun, wozu er gekommen war. Was sollte ihm auch groß passieren? Die Entführer waren beschäftigt, und bis die zu Ende gestritten hätten, wäre er längst mit seinen Freunden auf dem Weg nach Hause. Niemand würde ihn dann noch wie einen kleinen Jungen behandeln, Mama und Papa wären bestimmt mächtig stolz auf ihn. Dann würde er, Perhail Beutlin, genauso tapfer und mutig sein wie es sein Vater einst war, als er diesen bösen Ring vernichtet hatte!
Langsam schwang sie Tür zum Keller auf und Fael tapste mit einem letzten Blick auf Merry die etwas ausgetretenen Treppen in die Dunkelheit. Merry indessen befand sich in einem inneren Zwiespalt. Was sollte er nun tun? Seinem kleinen, sturen Freund folgen? Wieder zu den Anderen gehen?
Was wenn Perhail in Schwierigkeiten geriete und er war nicht dabei um ihn zu helfen?
Schließlich seufzte der Junge ergeben und stieg hinter Fael in die dunkle
Tiefe des Kellers.
Langsam pirschten die beiden Jungen voran. Was die anderen taten, kümmerte sie nicht, sie waren unbewaffnet, in der Unterzahl und allein von der Größe her unterlegen, aber sie würden sich jetzt um Krümel kümmern, denn noch war er am Leben und brauchte unbedingt ihre Hilfe.
Und jetzt? fragte Fael, als er vor den drei verschlossenen Türen stand. Merry grinste, fing bei der linken Tür an und drückte die Klinke hinunter. Die Tür ließ sich öffnen und gab den Blick frei auf einen leeren Raum. Darin war es nicht heller als im Flur, eher dunkler, aber plötzlich zupfte ihm schon Fael am Ärmel und wisperte: Da steckt glatt der Schlüssel! Sieh!
Die beiden grinsten einander an, dann drehte Merry den Schlüssel leise knirschend im Schloß und öffnete die Tür. Die Entführer hatten Krümel nur eingesperrt, damit er nicht fliehen konnte, aber es hatte bislang kein Grund bestanden, den Schlüssel zu verstecken, deshalb steckte er noch.
Und diesmal lagen die beiden Eindringlinge richtig. Sie betraten die finstere Kammer und erkannten erst nur Umrisse der Matratze, aber dann bewegte sich etwas hektisch, fast panisch, im Hintergrund und Fael schrie fast auf, biß sich im letzten Moment aber auf die Zunge.
Krümel! entfuhr es Merry gleichzeitig mit ihm und die beiden stürzten nach hinten in den Raum, knieten sich vor den reglos dasitzenden Jungen und machten sich an seinen Fesseln zu schaffen.
Die Entführer hatten ihn auf dem Rückweg wieder gefesselt und geknebelt und so saß er noch da. Die Jungs waren erschüttert, als sie das sahen. Krümel wollte sich unbedingt verständlich machen, was er kaum konnte, und Merry flüsterte: Still, die Tür ist auf! Ganz ruhig, wir sinds nur!
Fael befreite Krümel von Knebel und Augenbinde, während Merry sich an den Fesseln zu schaffen machte. Ungläubig starrte Hamfast die beiden Jungs an, die grinsend vor ihm saßen und einander auf die Schulter klopften.
Wie habt ihr das denn geschafft? flüsterte Krümel staunend.
Och, wir waren nur neugierig, erwiderte Fael kurzerhand. Wir müssen doch immer alles wissen!
Los jetzt, wir haben nicht viel Zeit, draußen sind noch Pip und Meli, laßt uns...
WAS zum Balrog ist denn hier los?!? Die laute Stimme Mandors donnerte durch die dunkle Kammer und ließ die Hobbitjungen erschrocken zusammenfahren. Oh nein! entfuhr es Merry und er blickte panisch auf den riesigen Mann, der in der Tür stand.
Mandor hatte im Streit mit Berod das Zimmer verlassen und wollte sich außerhalb des Raumes etwas beruhigen, als ihm auffiel, dass die Tür zum Keller offenstand. Irritiert trat er näher und lauschte, ob einer der Hobbits nach unten zu dem Jungen gegangen war. Doch es klangen gedämpfte Kinderstimmen an sein Ohr, also stieg er die Treppe hinab und sah schließlich, dass zwei andere Kinder bei der kleinen Geisel waren.
Schnell raus hier! rief Merry und rannte los, ohne auf die beiden anderen Jungen zu achten, er wollte nur weg von hier, nach Hause zu seinen Eltern, wo er in Sicherheit war...
Irgendwie gelang es dem jungen Hobbit, den langen Armen des Mannes zu entkommen und hetzte die Treppen hoch, nur die rettende Tür im Auge.
Perhail starrte einige Augenblicke fassungslos den Menschen an und schluckte. Jetzt, nachdem er in unmittelbarer Nähe stand, sah er erst jetzt, wie groß Mandor wirklich war...ein Riese in den Augen des Hobbitkindes.
Erschrocken zuckte er zusammen, als er eine Hand an seinem Arm fühlte und von Krümel mitgezogen wurde. Wir müssen sofort hier raus! rief Sams Sohn und überlegte fieberhaft, wie sie bloß an dem Mann vorbeikommen sollten, der gerade wütend Merry nachsetzen wollte. Wenn sie leise genug wären, dass der Mensch sie nicht hören könnte, vielleicht konnten sie ihn dann überlisten und nach draußen laufen? Hamfast nickte Perhail entschlossen zu und schlich sich mit seinem jungen Freund an die Wand und auf die Treppe zu. Aber sie hatten beide die Rechnung ohne Mandor gemacht, der sich daran erinnerte, dass noch zwei Jungen hier im Keller waren. Blitzschnell drehte sich der Mann um und
starrte die Kinder an, wie eine Schlange ein Kaninchen ansieht, ehe sie zum tödlichen Biss ansetzte...
Hiergeblieben, kleine Brut! grollte er und kam drohend auf die Kinder zu, die sich eingeschüchtert an die Wand drängten. Schnell Fael, lauf du links an ihm vorbei, ich versuch es auf der anderen Seite! flüsterte Krümel aufgeregt und gab seinem Freund einen auffordernden Stoß.
Dieser Stoß hatte ausgereicht, um Perhail aus seiner Starre zu lösen und mit flinken Beinen rannte er los. Mandor griff blitzschnell nach dem Jungen und konnte ihn im letzten Moment an seinen Hosenträgern packen.
Nicht so schnell! Du bleibst schön da! rief Mandor und zog Fael zu sich. Erschrocken quietschte der Junge auf und begann nach Leibeskräften zu strampeln. Lass los! Ich will nicht! schrie er verzweifelt und wurde immer panischer, als er den starken Arm des Menschen um seinen Körper fühlte.
Fael! Voll Angst sah Krümel, dass Melis Bruder von dem Entführer gefangen worden war und er wusste nicht so recht, was er tun sollte. Am liebsten wäre er seinem großen Bruder nachgelaufen und hätte sich in Sicherheit gebracht. Aber was würde mit Perhail geschehen? Der Kleine hatte soviel riskiert um ihn zu retten, da konnte ihn Sams Sohn doch nicht einfach im Stich lassen...und was würde Meli dazu sagen? Sie wäre bestimmt sehr enttäuscht!
Entschlossen lief Krümel auf Mandor zu und trat ihn mit aller Kraft gegen das Schienbein.
LASS MEINEN FREUND LOS, DU SCHEUSAL! schrie er so laut er konnte und funkelte den Mann wütend an, der erstaunt und mit schmerzverzerrten Gesicht auf das freche Kind starrte. Das war nicht die verheulte Geisel, die ihnen bisher kaum Ärger gemacht hatte...
Der Mann konnte nicht leugnen, dass ihm das Auftreten des Jungen durchaus imponierte.
Ehe er eine Antwort geben konnte, fühlte er plötzlich kleine, aber durchaus scharfe Zähnchen, die sich mit aller Kraft in seine Hand schlugen.
VERFLUCHTES BALG! LASS DEN BLÖDSINN! schrie er und versuchte Fael abzuschütteln, der mit aller Kraft zugebissen hatte, als Krümel den Mann ablenkte. Wütend stieß Mandor den Jungen von sich und betrachtete die kleine Bisswunde an seiner Hand. Das ging nun wirklich zu weit, was erlaubten sich diese frechen Bälger eigentlich? Hatte die kleine Brut denn gar keinen Respekt mehr vor Erwachsenen?
Perhail rappelte sich auf und schüttelte benommen den Kopf. Er war hart an die Wand geschleudert worden und schmeckte Blut. Vorsichtig tastete er mit seiner Zunge im Mund herum und hielt bei einer neuentstandenen Zahnlücke inne. Er musste ihn verloren haben, als er zugebissen hatte...
Gib mir sofort meinen Zahn wieder zurück! Böse funkelte der kleine Hobbit den Mann an. Er brauchte diesen Zahn doch! Mama und Papa gaben ihm doch immer ein kleines Stückchen Naschwerk, wenn er einen Zahn verloren hatte und ihnen brachte...
Krümel war zu Fael gelaufen und kniete sich neben ihn. Sei leise Fael, sonst wird er noch böser! flüsterte er aufgeregt.
Aber...
Perhails Einwand wurde im Keim erstickt, denn vor den beiden Jungen baute sich nun Mandor auf.
So schnell verbessert sich eine Situation... grinste er und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Haarfarbe machte es deutlich, dass der kleinere Hobbit der Sohn des anderen Hobbits von Beutelsend sein musste. Besser hätte es gar nicht laufen können!
Lass uns gehen! forderte Perhail und versuchte, seine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen.
Halt die Klappe, du hast hier nichts zu fordern! Mandor blickte Fael scharf an und sah mit Genugtuung, dass der Junge zusammenzuckte und den
Blick zu Boden senkte.
Bleibt schön hier unten, ich werde mal nach oben gehen und dem Chef
Bescheid geben, dass wir Besuch haben!
Hämisch grinsend drehte sich Mandor um und stieg die Treppen hoch. Berod würde bestimmt sein Vergnügen haben wenn er erfuhr, dass sie nun doch von beiden Vätern Kinder hatten...
Es begann bereits zu dämmern. Frodo saß draußen auf der Bank und wartete noch immer, er konnte nicht glauben, daß seine Kinder verschwunden waren. Sein junger Namensvetter hatte sich inzwischen bewaffnet auf den Weg gemacht, die Kinder zu suchen, aber auch er war nun schon seit Stunden fort und es kam einfach keine Nachricht.
Bald begann Liliane, ähnlich unruhig zu werden und setzte sich schließlich zu Frodo. Sie hielt es nicht aus, bei Sam und Rosie zu sein, für die das alles nicht noch schlimmer werden konnte, aber sie bekam es inzwischen mit der Angst zu tun.
Eine Stunde lang hatte Frodo behauptet, sie würden bald kommen müssen, weil der Weg nicht derart weit war. Dann war er selbst fast aufgebrochen, um sie zu suchen, hatte aber Sams Ältesten darum gebeten, den sein Vater auch widerstandslos ziehen ließ. Irgendjemand mußte die Kinder schließlich suchen und es war Sam noch recht lieb, daß Frodo selbst blieb. Er wollte nicht ganz allein mit allen sein.
Zum Schluß konnte selbst Frodo nicht mehr leugnen, daß bei den Kindern irgendetwas passiert war. Was, wußte er nicht, aber er machte sich große Sorgen.
Liliane hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und harrte geduldig neben ihm aus, betrachtete den ersten aufgehenden Stern und seufzte leise. Sie würde ihre Kinder nicht schelten, sie würde nur erleichtert sein, wenn sie endlich wieder zurück waren. Frodo dachte auch nicht mehr an Strafe, wie sollten Kinder es besser wissen? Merry konnte es vielleicht besser wissen, aber er wußte, wie draufgängerisch Sams Sohn war.
Plötzlich schrak er hoch. Er sah vor dem Wald im Gegenlicht vier Gestalten einen Hügel herabkommen. Er konnte seine Tochter darunter erkennen, denn sie war das einzige Mädchen, er konnte ihr Kleid sehen. Daneben war Sams Ältester, der bereits ausgewachsen war und die anderen überragte.
Und dann waren da zwei Jungs, die noch größer waren als Meli.
Er sprang auf.
Fael... flüsterte er und achtete nicht auf Liliane in diesem Moment, die nicht wußte, was er gesehen hatte, denn sie hatte die vier noch nicht entdeckt.
Frodo? Wo läufst du hin? rief sie ihm hinterher, aber er antwortete nicht, als er den Bühl hinunterhastete, um den Kindern entgegenzulaufen.
Sie folgte ihm atemlos und blieb schließlich neben ihm stehen, der sich nicht mehr rührte, als er die vier Kinder gemeinsam den Weg heraufkommen sah. Die drei jüngeren waren schmutzig von Kopf bis Fuß, Melis Kleid war am Saum eingerissen, Merry hatte Schrammen im Gesicht und Pippin ein wundes Knie.
Als Melethiell ihre Eltern vor sich auf dem Weg stehen sah, begann sie laut zu schluchzen und lief auf die beiden zu, dann warf sie sich ihrem Vater in die Arme und klammerte sich schutzsuchend an ihn. Frodo blieb stumm, er rührte sich nicht einmal.
Wo ist unser Kleiner? fragte Liliane mit zitternder Stimme an den jungen Frodo gewandt, dessen Gesichtsausdruck einiges an Bitterkeit ausdrückte. Er sah fast böse zu seinem jüngeren Bruder Merry, der ohne aufzublicken sagte: Bei Krümel...
Erschrocken sahen Frodo und Liliane erst einander an, bevor Frodo den Kindern einen hilflosen Blick zuwarf, der seine nagende Angst widerspiegelte, und er fragte: Was soll das heißen, bei Krümel?
W-wir haben das Versteck g-gefunden... begann Pippin und schluckte schwer. Wir kamen auch hinein, haben Krümel gesehen, es ging ihm auch gut... und dann wollten wir fliehen. Aber da waren diese Kerle, sie waren nicht einmal maskiert, u-und dann haben Fael und Krümel es nicht mehr geschafft...
Nein... das ist nicht wahr... die haben nicht auch unseren Kleinen... murmelte Liliane wie abwesend, schwankte plötzlich und wenn der junge Frodo nicht neben sie gesprungen wäre, hätte er sie nicht auffangen können, als ihre Knie nachgaben und sie fast in Ohnmacht fiel.
Frodo starrte den Jungen an, der Liliane mit aller Kraft festhielt, weil sie sich nicht rührte. Sie mußte sich erst wieder fangen und sah zu ihrer Tochter, die ihren Blick entschuldigend erwiderte und flüsterte: Es ist meine Schuld... ich hätte Fael sagen müssen, daß er bleiben soll...
Frodo spürte, wie eine Träne über seine Wange lief, er drückte sein kleines Mädchen fest an sich, dann schüttelte er stumm den Kopf.
Fael... entführt? flüsterte er. Sein junger Namensvetter nickte, doch als daraufhin Liliane laut zu weinen begann, vertraute Frodo seine Tochter dem großen Jungen an und nahm ihm Liliane ab, zog sie in seine Arme und starrte ins Leere.
Er weinte stumm und spürte es nicht, er hob schließlich sogar Liliane auf seine Arme, der ständig die Beine wegknickten, und trug sie wortlos nach Beutelsend hinauf, wo er sie aufs Sofa setzte und ihre Hand fest mit seiner umschloß, während sie völlig außer sich geriet und glaubte, den Verstand verlieren zu müssen.
Ihr kleiner achtjähriger Sohn war fort...
Frodo zog Meli stumm auf seinen Schoß und schluckte. Er konnte nicht begreifen, was das hieß, er glaubte, Fael würde jeden Augenblick zur Tür hineinkommen und fröhlich sein, so wie immer...
Wie im Traum nahm er wahr, daß Sam sich vor ihn kniete und mit ihm sprach, doch er verstand den Sinn seiner Worte nicht. Alles lief an ihm vorbei.
Fael war fort.
Melethiell saß zusammengesunken auf ihrem Bett in der Ecke des Zimmers, hatte sich an die Wand gelehnt und die Beine dicht an den Körper gezogen. Ihr Kopf lag schwer auf ihren Knien, er wog zu schwer, als daß sie ihn noch heben wollte, alles war nur noch schwer.
Ihr kleiner Körper bebte unter schweren Schluchzern. Bitterlich weinte sie, jedoch leise, sie war ganz allein und wollte auch niemanden sehen, konnte vor lauter Tränen niemanden sehen, es war ihr unmöglich.
Da war nur noch Verzweiflung.
Sie hatte nicht auf ihren kleinen Bruder aufgepaßt. Sie hätte ihn gar nicht erst mitnehmen dürfen, sie hatten nicht gehen dürfen...
Nein, das war so auch nicht richtig. Daß sie den Entführern hinterherspioniert hatten, war nicht falsch gewesen, immerhin hatten sie das Versteck so entdeckt. Melethiell hörte in diesem Moment, wie Merry und Pippin mit ihrem Vater sprachen, der umgehend wissen wollte, wo Krümel und Fael sich befanden.
Er glaubte nicht daran, daß die Entführer noch lang an diesem Ort bleiben würden, aber er machte sich bereits mit seinem Sohn Frodo bereit, bewaffnet nach Wasserau zu marschieren und nach den Jungs zu suchen. Es war einen Versuch wert.
Auch die Kinder hatten es nur gut gemeint und nur etwas versucht, das sogar noch erfolgreicher als ihre Väter, solange bis die Falle zugeschnappt hatte.
Melethiell war damit beschäftigt gewesen, gemeinsam mit Pippin durchs Fenster zu spähen und die Entführer zu beobachten, als sie plötzlich feststelle, daß Merry und ihr kleiner Bruder verschwunden waren.
Pippin, zischte sie aufgeregt, der erst gar nicht reagierte.
Pip, die beiden sind weg! Sieh, sie sind durch die Hintertür eingebrochen! flüsterte sie hektisch, was Pippin entnervt die Augen verdrehen ließ.
Na wunderbar... murmelte er. Das hat uns gerade noch gefehlt!
Aber noch während die beiden überlegten, was nun zu tun war, hörten sie bereits Gebrüll und panisches Geschrei aus dem Haus dringen.
Verflucht! empörte sich Pippin und suchte in der näheren Umgebung nach einem Ast, mit dem er sich bewaffnen konnte. Bevor er jedoch einen entdeckt hatte, kam laut schreiend Merry aus der Tür gerannt, dem ein auffälligerweise unmaskierter Hobbit an den Fersen klebte.
Haut ab! brüllte der Junge und machte einen Satz über eine niedrige Hecke, um im Wald zu verschwinden. Das brachte Rufus erst auf den Plan, der Meli und Pippin erst gar nicht bemerkt hatte, und schwenkte um zu den beiden, die ihm wesentlich näher waren.
Im nächsten Moment kamen auf Berod und Folco zum Vorschein, genauso unmaskiert wie Rufus, und wollten sich schon auf die Kinder stürzen und sie ergreifen. Pippin packte Melethiell jedoch unwiderruflich an der Hand und rannte hinter Merry her in Richtung Wald.
Nein! schrie Melethiell. Sie war ganz außer sich. Fael! Mein Bruder, er ist doch noch dort! Und Krümel! Warte doch!
Nichts da, die kriegen uns nicht! rief Pippin und hechtete mit Frodos Tochter durchs Unterholz. Vor ihnen hastete Merry voran, der sich nicht umsah.
Das tat Pippin jedoch und stellte fest, daß der Mensch ihnen noch immer auf der Spur war.
Schneller! brüllte er aus voller Kehle und rannte weiter über Wurzeln, Äste und Laub.
Aber die Hobbitkinder waren erstaunlich flink und hängten Berod, der mit seinen schweren Stiefeln und seiner viel größeren Gestalt nur langsam hinterherkam, im Handumdrehen ab.
Trotzdem verlor Pippin einmal das Gleichgewicht und schlug der Länge nach hin, wobei er sich das Knie blutig schlug, aber sofort weiterrannte. Für Schwäche war jetzt keine Zeit.
Als sie irgendwann merkten, daß sie nicht mehr verfolgt wurden, ließen sie sich keuchend und mit ausgedörrten Kehlen auf einen umgestürzten Baumstamm irgendwo in einem Kieferngehölz sinken und versuchten für einige Minuten, wieder zu Atem zu kommen.
Merry sprach zuerst.
Fael wollte unbedingt rein, also bin ich mitgegangen und dann haben wir Krümel unten im Keller entdeckt! Er war zwar wie ein Paket verschnürt, aber wohlauf, und dann wollten wir uns mit ihm davonmachen, als plötzlich einer der Menschen hinabkam und uns entdeckt hat.
Ich weiß nicht, wo die beiden jetzt stecken. Ich machte nur, daß ich davon kam, und ich dachte, sie seien hinter mir, als ich an den Kerlen oben vorbeirannte und die Beine in die Hand nahm, um nicht erwischt zu werden. Aber das waren sie irgendwie nicht... der Kerl hat sie erwischt, glaube ich...
Mit einem wachsenden Gefühl der Ohnmacht und Angst blickten Melethiell und Pippin ihn an, der hilflos mit den Schultern zuckte, bevor er zu Boden starrte.
Es tut mir leid, murmelte er leise.
Ach was, da... da kannst du doch nichts für... Pippin winkte ab.
Und du sagst, es ging Krümel gut? fragte Melethiell mit erstickter Stimme. Merry nickte stumm.
Die drei Kinder verfielen in grüblerisches Schweigen. Merry tastete vorsichtig mit den Fingern in seinem zerschrammten Gesicht herum, er fühlte Blut und brennenden Schmerz. Ein Dornengestrüpp hatte ihn bei seinem Sprung blutig gekratzt, aber es gab schlimmeres.
Und was tun wir jetzt? fragte Pippin irgendwann leise.
Wir gehen nach Hause und sagen Papa, wo das Versteck ist, erwiderte Merry kurz und schniefte.
Nein, ihr könnt doch nicht... da sind Krümel und mein Bruder noch drin! Ihr könnt die beiden doch nicht im Stich lassen! Merry, Pip... bitte... flehte Melethiell unter Tränen. Die Jungs schüttelten beide den Kopf.
Was willst du tun? fragte Merry.
D-die können nicht... er ist erst acht! Aber er ist mein Bruder, eigentlich wollten sie mich haben... sollen sie uns doch austauschen, nur daß Fael wieder nach Hause kann... es ist meine Schuld...
Melethiell begann, unzusammenhängendes Zeug vor sich hin zu stammeln, was die beiden Jungs nachher gar nicht mehr verstanden. Als sie jedoch aufstand, sprangen sie ebenfalls auf und hielten sie fest, weil sie tatsächlich Anstalten machte, zurückzugehen.
Nun sei nicht albern, Meli! rief Pip. Das würde es nur noch schlimmer machen! Los jetzt, wir gehen nach Hause und dann macht Papa denen mal ordentlich Ärger! Es passiert den beiden schon nichts, Krümel ging es doch auch gut.
Nein, das tat es nicht, er hatte Angst! Ich hab das gesehen! Und ich habe auch Angst, daß er nicht mehr zurückkommt, und Fael... Perhail...
Melethiell ging zitternd in die Knie. Sie wußte nicht, wie sie das aushalten sollte, erst hatten sie ihr Krümel genommen und jetzt den kleinen Bruder. Das war, wenn sie an zuhause dachte, fast noch schlimmer...
Pippin griff ihr unter die Arme, zog sie hoch und legte ihren Arm um seine Schultern. Er war zwar ein wenig größer als sie, aber so konnte er sie dennoch zum Mitkommen bewegen.
Mühsam stolperten die drei am Boden zerstörten Hobbits voran. Sie mußten unbedingt nach Hause.
Meli fühlte gar nichts mehr. Der Schock saß so tief. Sie konnte noch immer nicht ganz begreifen, daß sie Krümel und Fael nun in der Gewalt dieser Männer zurückließen.
Sie waren eine ganze Weile gelaufen und Hobbingen schon sehr nah, als sie plötzlich jemanden rufen hörten.
Seid ihr das? Pip! Hier drüben!
Pippin wandte sich um. Auf einer nahen Hügelkuppe gar nicht weit entfernt stand sein großer Bruder.
Frodo! rief Pippin. Der Ältere kam auf die drei zugelaufen, die ihm langsamer entgegenkamen, und bestürmte sie angesichts ihres Auftretens nur so mit besorgten Fragen.
Wir suchen euch schon die ganze Zeit! Was denkt ihr euch nur dabei? Und wo habt ihr Fael gelassen?
Und dann kam die Wahrheit ans Licht. Frodo war geschockt. Im ersten Moment fehlten ihm die Worte, aber dann sagte er: Ab nach Hause mit euch, dann sehen wir weiter! Das kommt schon in Ordnung...
Begleitet von der Abenddämmerung waren sie auf Beutelsend zugestolpert und hatten sich hinein begeben. Meli stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, als sie ihren entsetzten Eltern gegenübertrat, und so schnell sie konnte, war sie in ihr Zimmer gerannt und hatte sich dort hastig versteckt, um ihnen nicht mehr in die Augen sehen zu müssen.
Sie hörte, daß Sam und Frodo aufbrachen, aber sie hörte auch ihre Eltern, die im Wohnzimmer zu sein schienen. Ihre Mutter war völlig aufgelöst, scheinbar beruhigte ihr Vater sie, oder er versuchte es zumindest.
Meli glaubte, sie müsse sterben vor Scham. Sie hatte nicht auf den Kleinen aufgepaßt. Nicht gut genug.
Ihre Finger krallten sich hart in den Rock ihres Kleides. Sie war schuld. Und das zu wissen, tat entsetzlich weh.
Wenn die beiden nie wieder nach Hause kamen... sie wußte nicht, was dann werden sollte.
Sie war schuld. Sie war bei Krümel gewesen, als sie ihn geschnappt hatten, und jetzt war sie wieder dort gewesen, als sie Fael erwischt hatten. Denen, die sie wirklich gern hatte, die sie liebte, brachte sie nur Unglück. Nackte Panik und Entsetzen ergriffen sie, ließen sie in sich zusammensinken und nur noch mehr schluchzen.
Die Tür zu ihrem Zimmer war nur angelehnt, so konnte sie von dem, was sich in Beutelsend regte, noch etwas hören. Die anderen Kinder liefen aufgeregt herum, aber das hörte Meli nicht. Meli hörte nur die Stimmen ihrer Eltern, sie hörte sie schmerzhaft klar und deutlich, verstand trotz des allgemeinen Lärms fast jedes Wort.
Sie hatten Krümel doch auch nichts zuleide getan... Liliane, beruhige dich doch. Bitte!
Es war ihr Vater, der sprach. Seine Stimme war ganz ruhig, er sprach langsam und besänftigend, aber noch zeigte das keinen Erfolg.
Wenn sie ihnen etwas tun wollten, dann hätten sie es bereits getan. Dann wäre Krümel jetzt tot, aber das war er nicht! Sie wollen das Geld noch immer, und da Fael mein Sohn ist, werden sie ihm erst recht nichts tun, da sie gesehen haben, daß es hier um meine Reichtümer geht. Sie können unseren Sohn gar nicht verletzen! Das würden sie nicht wagen... und wenn, jage ich sie bis ans Ende der Welt, bei allem, was mir heilig ist!
Liliane schluchzte noch immer, holte tief Luft und antwortete ihm dann.
Ein achtjähriger Junge sollte nicht gefangen sein von skrupellosen Verbrechern! Ich weiß, welche Angst mein Sohn hat. Glaubst du vielleicht, ich hätte diese Angst gut ausgehalten? Dann wird er es sicherlich nicht! Und hast du dir mal überlegt, daß die Kinder sie unmaskiert gesehen haben? Vielleicht kann auch unser Sohn jeden einzelnen wiedererkennen! Die lassen sie nicht laufen, niemals, das ist zu gefährlich für sie...
So ging das eine ganze Zeit lang weiter. Melethiell hörte irgendwann auf zu schluchzen und hörte zu, doch sie weinte noch immer, die Tränen strömten unablässig über ihr Gesicht.
Von ihr sprachen sie mit keiner Silbe. Ihre Eltern sorgten sich nur um Fael, wie es richtig war, und an sie dachten die beiden nicht mehr. Das hatte sie auch gar nicht verdient.
Sie würde ihren Eltern niemals mehr unter die Augen treten. Sie konnte es nicht.
Kaum daß sie daran gedacht hatte, öffnete die Tür sich leise und herein kam, sehr zu Melis Überraschung, Elanor.
Mit rotgeweinten Augen blickte Frodos Tochter zur fast erwachsenen jungen Hobbitfrau, die sich ihr langsam näherte und fragend ansah.
Elanor sagte nichts. Sie setzte sich schweigend auf die Bettkante, streckte die Hand nach Meli aus und legte sie auf den Arm der Kleinen, um ihn beruhigend zu streicheln. Dann kniete sie sich vor Meli aufs Bett und zog sie an sich heran, umarmte sie fest und wiegte sie hin und her, während Meli erneut heftig in Tränen ausbrach.
Nicht weinen, Meli, flüsterte Elanor. Frodos Tochter roch den Duft der goldenen Locken ihrer großen Freundin, spürte ihre vertrauensvolle Wärme, einfach ihre Nähe. Elanor war so gut, so klug, es war so gut, sie jetzt bei sich zu haben.
Geht es wieder?
Meli schniefte nur als Antwort auf Elanors Frage. Nichts ging, alles war falsch...
Warum bist du denn ganz allein hier? Brauchst du denn niemanden, der jetzt für dich da ist? Gerade du brauchst jetzt Trost, oder nicht?
Nein, erwiderte Meli mit erstickter Stimme. Ich brauche gar nichts. Nicht ich bin jetzt gefangen, weil keiner auf mich aufgepaßt hat, ich wurde nicht zurückgelassen, ich habe zurückgelassen! Ich bin schuld...
Unsinn, Meli, du bist nicht daran schuld! Sag sowas nicht. Wir holen sie zurück!
Ich sollte da sein, ich habe das verdient... Fael...
Nein, das ist nicht wahr, Meli... nicht doch...
Elanor ließ Melethiell nicht los, doch es dauerte nicht lange, bis die Kleine sich losreißen wollte und einfach fort.
Laß mich! rief sie mit zitternder Stimme, aber Elanor ließ sie nicht gänzlich los.
Nein, Meli, ich glaube, du verfällst nur auf falsche Ideen, wenn du jetzt allein bleibst. Irgendjemand muß sich um dich kümmern, gerade um dich...
Es müssen mich doch alle hassen! Tante Rosie hat so geweint gestern, und Mama ist so traurig, sie wird mich bestimmt nie mehr lieb haben, und Papa... und...
Ach Unsinn! rief Elanor und strich Melethiell besänftigend über die Locken, doch sie sah das Problem, welches die Kleine ansprach.
Natürlich waren ihre Eltern gerade damit beschäftigt, sich selbst wieder zu beruhigen. Mit ihren eigenen Ängsten hatten die beiden genug zu tun, nur hatten sie darüber ihre Tochter vergessen, der es doch nicht wirklich anders ging.
Meli war gegangen, aber das hatte niemand gemerkt. Alle hatten sie einfach vergessen. Und das war nicht gut, wie Elanor gerade feststellen mußte.
Sie würde aber bei Melethiell bleiben.
Achtes Kapitel: Perhail
Im Wohnzimmer saß Liliane in sich zusammengesunken auf dem Sofa, schwach an Frodo gelehnt, der einen Arm um sie gelegt hatte und ihr zärtlich über den Kopf strich. Beide wußten sie nicht mehr ein noch aus, Liliane dachte nur an Fael und Frodo fragte sich, wie er seine Frau beruhigen sollte. Was auch immer er versuchte, es brachte alles nichts.
Er verspürte denselben Mut, den er schon vorher als Vater und Beschützer der Familie kennengelernt hatte. Er war seiner Frau in Liebe treu ergeben und bereit, sich für sie und seine Kinder in Stücke reißen zu lassen. Resignation kannte er in diesem Augenblick nicht, ganz im Gegenteil. Aber der Schmerz einer Mutter, die um ihr Kind fürchtete, war anders, das war ihm klar.
Natürlich hatte er Angst um Fael, die er sich aber ziemlich erfolgreich auszureden versuchte. Wenigstens er mußte jetzt noch Fassung bewahren, er mußte Liliane Kraft geben, und außerdem glaubte er zu wissen, daß sie Fael wohlbehalten wiederbekämen - egal um welchen Preis. Diese Kerle wollten das Geld noch immer, deshalb würden sie den Kindern niemals etwas zuleide tun.
Doch Liliane sah den Kleinen unablässig tot vor sich. Sie würde dem Wahnsinn verfallen, wenn man ihm etwas antat, er war ihr Junge, ihr kleiner Sohn, den sie über alles liebte. Genau wie Frodo und Melethiell.
Sie schaffte es in diesem Moment nicht, an ihre Tochter zu denken. In keinster Weise war sie ihr böse, aber sie mußte einfach an Perhail denken, auch wenn sie gar nicht wollte.
Frodo spürte, wie sie zitterte, sein Hemd war naß von ihren Tränen, aber er selbst war endlich wieder ruhig. Er überlegte fieberhaft, denn eigentlich wollte er ungehend aufbrechen und nach seinem Sohn suchen, doch wer blieb bei den Familien, wenn er sich mit Sam und dessen ältestem Sohn auf den Weg machte?
Aber er mußte. Selbst wenn die Entführer das Versteck bald wechselten, so hatten sie eine Chance, die Kerle doch noch zu erwischen. Wo sie suchen mußten, hatte der junge Pippin seinem Vater ausführlich beschrieben.
Liliane stand förmlich neben sich. Frodos sonst so mutige, fast freche und sehr selbstbewußte Frau war plötzlich erschreckend schwach.
Frodo hatte sie noch niemals so erlebt wie vorhin auf dem Bühl, als sie fast zusammengebrochen war.
Er küßte sie auf die Stirn, hielt sie noch immer tröstend fest und sah erst auf, als plötzlich Elanor das Wohnzimmer betrat.
Onkel Frodo, begann sie, ich mache mir Sorgen.
Frodo seufzte. Was gibt es denn?
Es geht um Meli, sie schiebt sich die Schuld zu und glaubt, ihr hättet sie nicht mehr lieb. Entgeistert starrte Frodo Sams Tochter an und sprang sofort auf. Er deutete kurz auf Liliane, die gar nicht ganz zugehört hatte, und verließ eilig das Wohnzimmer. Elanor hatte verstanden und setzte sich zu Liliane, während Frodo vorsichtig das Zimmer seiner Tochter betrat und sie mit einem schiefen, aber liebevollen Lächeln ansah.
Wie könnte ich meine Kleine denn nicht lieb haben? sagte er leise, als er auf Meli zuging. Schniefend sah sie ihn an, dann traten wiederum Tränen in ihre Augen und Frodo kniete sich vor sie, um sie fürsorglich zu umarmen.
Du bist nicht schuld und wir sind dir auch nicht böse, Meli, sagte er und spürte, daß in diesem Moment seine bloße Anwesenheit genügte, um Meli ruhig werden zu lassen.
Er hatte sie tatsächlich vergessen... kaum daß sie davongelaufen war, hatte er nicht mehr an sie gedacht, dabei brauchte sie doch ebenso Beistand wie ihre Mutter.
Frodo machte es kurz, hob seine Tochter auf die Arme und trug sie mit sich ins Wohnzimmer. Dort waren inzwischen auch Sam und Frodo, fertig gerüstet für eine Suche, und fragten Elanor nach Frodo, der die beiden bedeutungsschwer ansah.
Wer bleibt denn hier und kümmert sich um alle? fragte er.
Ich, erwiderte Sam, schnallte Stich vom Gürtel und hielt Frodo das Schwert hin, der erst einmal seine Tochter absetzte.
Aber da draußen ist auch dein Sohn... wollte Frodo widersprechen, nur ließ Sam ihn nicht ausreden.
Ja, einer von sieben. Hier gibt es noch zwölf andere Kinder. Und da einer hierbleiben muß, werde ich das sein, weil mein Junge ohnehin wendiger ist als ich und... geh schon. Wenn er mit dir geht, ist das mindestens genauso gut.
Frodo runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Natürlich mußte jemand dort bleiben, aber er hatte eher vermutet, daß Sams Sohn das sein würde.
Sam wußte jedoch genau, daß sein Ältester dieser Aufgabe nicht gewachsen war, er tat besser daran, mit seinem Onkel durchs Unterholz zu schleichen.
Frodo schoß der Gedanke durch den Kopf, daß er eigentlich viel weniger als Sam ausrichten konnte, weil sein Freund einige entscheidende Jahre jünger war, und da war auch seine Familie - aber auf der anderen Seite würde er noch wahnsinnig, wenn er nicht nach Fael suchen konnte.
Liliane, begann Frodo, aber sie nickte nur.
Geh. Finde unseren Sohn, hier nützt du ihm nicht viel.
Frodo holte tief Luft, strubbelte Melethiell durch die Haare und warf Sams Sohn einen vielsagenden Blick zu. Der junge Frodo wußte, wohin es ging, er war zu allem bereit und dann brachen die beiden auch schon auf.
Sam sah ihnen von der Haustür aus nach. Sie würden wohl nichts erreichen, aber versuchen mußten sie es. Er wünschte ihnen alles Gute, dann ging er wieder hinein nach Beutelsend, wo man ihn brauchte.
Sein Junge, auf den er so stolz war, würde Krümel schon zurückholen, das konnte er besser als Sam selbst.
Als Berod nach unten kam, um sich anzusehen, wen Mandor da eingefangen hatte, wuchs Krümels Mut plötzlich.
Berod und die Hobbits hatten die Spur der anderen Kinder verloren und waren zurückgekehrt. Derweil hatte Mandor die beiden gefangenen Kinder in Schach gehalten und sich auf Berods Begeisterung gefreut.
Die trat in der Tat ein. Krümel hatte schützend die Arme um Melis kleinen Bruder gelegt, der das Ganze nicht mehr allzu komisch fand in Anbetracht des zweiten großen Mannes, der nun kam, und viel böser dreinblickte als der erste.
Sie waren alle noch immer unmaskiert. Krümels Augen wurden groß, als er seine Entführer zum ersten Mal richtig sehen konnte. Er hatte bereits an der Stimme erkannt, daß derjenige, der sie eingefangen hatte, eigentlich der nettere der beiden Menschen sein mußte. Der Gemeine kam gerade erst, und anhand der Stimmen der beiden auf Berod folgenden Hobbits konnte er auch bestimmen, welcher der beiden der nettere gewesen war.
Er hatte sie sich nicht gesondert vorgestellt, aber dennoch überraschte Folcos Äußeres ihn sehr. Dieser sah gar nicht so böse aus wie die anderen Männer. Jedoch sah Berod so böse aus, wie er Krümel immer vorgekommen war.
Aber diesmal war er nicht mehr völlig verängstigt, weil er sein Gegenüber wenigstens sehen konnte. Er war nicht gefesselt und geknebelt und mußte auf Perhail aufpassen, das ließ ihn plötzlich neuen Mut schöpfen.
Tatsache! Der kleine Beutlin! freute Berod sich mit einem breiten Grinsen und schlug Mandor anerkennend auf die Schulter. Die beiden Jungs standen noch in Krümels Gefängnis, die Männer hatten sich so in der Tür breitgemacht, daß an Entkommen nicht ansatzweise zu denken war.
Sie hatte jetzt andere Probleme. Zwar beruhigte es Krümel einerseits, die Männer endlich sehen zu können, aber er wußte, wie sehr sie das gefährdete. Bislang hatten sie sich solche Mühe gegeben, nicht wiedererkannt zu werden, aber jetzt würden die Jungs beide dazu in der Lage sein und deshalb ließen sie sie vielleicht nie mehr laufen...
Wie kommst du kleiner Bengel hier eigentlich rein? fragte Berod und baute sich vor den beiden Kindern auf. Krümel hatte die Arme um Fael gelegt, der rücklings an ihm lehnte und weiter zurückwich, als er zu Berod emporblickte und dessen finster glitzernde Augen auf sich ruhen spürte.
Mit dem anderen, der an euch vorbeigerannt ist, erklärte Mandor, als die Jungs natürlich keine Antwort gaben. Berod nickte, auch wenn ihn die Antwort tatsächlich gar nicht interessiert hatte.
Und du bist Frodo Beutlins Sohn, Kleiner? fragte er knurrig. Fael nickte schüchtern und schluckte. Krümel sagte gar nichts, er wußte, es zu leugnen half nichts.
Wunderbar. Das bessert die Lage...
Doch gerade als er das sagte, wurde Berod klar, daß er unmaskiert vor den Kindern stand. Unwillkürlich brüllte er laut auf und keifte Mandor kurz an, bevor er sich umdrehte, aber abrupt mitten im Gang stehenblieb und zu überlegen schien.
Fesselt sie, bellte er seine Komplizen an und lehnte sich an die nächste Mauer, allen noch immer den Rücken zudrehend.
Laßt den Kleinen doch! Er ist erst acht, seht ihr denn nicht, daß er sich fürchtet? erhob Hamfast Einspruch und umklammerte Perhail noch fester. Er war mehr als zwei Köpfe größer als Frodos kleiner Sohn und fühlte sich verantwortlich für Perhail.
Mandor zögerte in der Tat. Rufus kam bereits mit Stricken herbei, und Mandor ließ schließlich die Hobbits die Arbeit machen, weil er Krümels Argument einsah und dem Kleinen nicht mehr Angst einjagen wollte als nötig. Es war besser, wenn die Hobbits die Kinder fesselten.
Und so geschah es. Krümel wollte sich noch schützend vor Fael stellen, er ballte die Hände zu Fäusten und glaubte fast, zu spüren, wie er über sich hinauswuchs, aber es nützte ihm nichts. Er wurde grob von Rufus gepackt und mit dem Gesicht gegen die Wand gepreßt. Sein Arm war auf dem Rücken verdreht und er konnte in dieser Lage nur hören, was mit Perhail geschah.
Folco stand vor dem reglosen kleinen Jungen, der ihn mit großen Augen anstarrte, und sagte: Wenn du dich nicht wehrst, tu ich dir auch nicht weh.
Fael schluckte hart, aber er ließ Folco gewähren, der um ihn herumging, seine Arme auf den Rücken zog und sie ihm nur notdürftig fesselte. Übertreiben wollte er es nicht.
Mit Krümel hatten sie es da wesentlich schwerer. Beide Hobbits mußten sich auf den Jungen stürzen, um mit ihm fertig zu werden. Rufus hielt ihn unsanft gegen die Wand gepreßt, während Folco ihn fesselte.
Berod? fragte Mandor gedankenlos, als die Hobbits fertig waren, und daraufhin drehte dieser sich sofort mit lautem Gebrüll um und stieß Mandor mit der flachen Hand vor die Brust, daß dieser rücklings gegen eine Wand prallte.
Du dummer Idiot, mußt du es noch schlimmer machen, als es sowieso ist? Raus da, ihr beiden! brüllte Berod zu den Hobbits gewandt, die sich nicht weiter um die Jungs kümmerten, sondern den Kellerraum verließen und sich zu ihren Kumpanen gesellten.
Es wurde Fael und Krümel die Tür vor der Nase zugeschlagen, alles wurde wieder dunkel und dann standen sie da, nur dazu in der Lage, den Männern zuzuhören.
Sie haben uns gerade die ganze Zeit sehen können! Ist das mal jemandem aufgefallen? Auch ihre Geschwister haben uns gesehen! Wißt ihr, was das heißt? Und du redest mich noch namentlich an, du Volltrottel. Wir dürfen durch ganz Mittelerde fliehen, wenn wir sie je wieder gehen lassen, jeder wird uns finden können!
Warte... versuchte Mandor, Berods haltloses Gebrüll zu unterbrechen, was ihm überraschenderweise auch gelang.
Was? keifte Berod. Die beiden Jungs hinter der Tür hörten wie gebannt zu.
Wenn die anderen uns auch schon gesehen haben, ist es egal, ob wir die Jungs gehen lassen oder nicht, die anderen kennen uns auch...
Verdammt!
Das mußte Berod einsehen, aber es schmeckte ihm noch weniger.
Fein. Und was schlagt ihr jetzt vor? fügte er dann hinzu.
Wir haben jetzt den Richtigen dabei, erklärte Rufus, damit wird das Ganze einfacher. Es jetzt abzubrechen wäre Unsinn, schiefgelaufen ist ohnehin schon alles, also können wir es kaum schlimmer machen. Im Gegenteil, die müssen damit rechnen, daß wir jetzt erst recht nicht mehr nachgeben. Es wird nur leichter für uns, weil die noch mehr Angst haben!
Klar. Aber die Kinder kennen jetzt den Weg, wir müssen uns auf jeden Fall ein neues Versteck suchen! bemerkte Folco.
Richtig, stimmte Berod zu. Aber ich werde jetzt nichts mehr abbrechen. Das ziehen wir jetzt durch!
Wartet... wenn wir sie jetzt noch laufen lassen und sie uns nicht verraten, dann...
Und du glaubst, das tun die? widersprach Berod Mandor sofort. Wenn nicht auch die anderen uns gesehen hätten, würde ich die beiden jetzt sofort ins Jenseits schicken!
Fael stockte der Atem, als er das hörte, und Krümel schluckte hart.
Keine Angst, flüsterte er, das tut er nicht. Das wäre sinnlos...
Und jetzt? fragte Folco dazwischen. Schritte waren daraufhin zu vernehmen, die Tür wurde abgeschlossen und dann entfernten die Männer sich, gingen wohl zurück nach oben und ließen die eingeschüchterten Jungs zurück.
Fael hatte entsetzliche Angst. Dieses Gerede hatte ihm große Furcht eingeflößt, aber da Krümel ohnehin den Verdacht hatte, daß es Zwistigkeiten bei den Entführern gab, machte er sich nicht gar so große Sorgen.
Sie würden es irgendwie lebend überstehen, da war er sich fast sicher, und bis dahin würde er auf Fael aufpassen.
Setzen wir uns hinten hin, schlug er vor und führte Perhail vorsichtig durch die Dunkelheit bis zur alten Matratze. So gut es gefesselt eben ging, setzten die beiden Jungs sich nebeneinander hin, Fael lehnte sich an Krümels Schulter und seufzte laut.
Er hatte große Angst, wollte sie aber nicht zeigen. Er war doch ein großer Junge.
Fael, wie geht es deiner Schwester? fragte Hamfast sofort, fast reflexartig, und obwohl er es eigentlich nicht gewollt hatte. Aber er mußte es einfach wissen.
Meli vermißt dich, sagte Fael mit fast piepsiger Stimme, die seine Angst doch verriet.
Sie war so traurig gestern, sie hat geweint und deinen Papa sofort gebeten, alles zu tun, damit du zurückkommst. Papa und Onkel Sam haben sich dann geeinigt, das hast du ja gesehen, sie sind ja zu dir gegangen. Aber Meli wollte selbst etwas tun, sie hatte mit den anderen die Idee, dich zu suchen, und da wollte ich auch mit. Sie hatte große Angst, daß sie dir weh getan haben.
Das haben sie nicht, Fael, es geht mir gut, erwiderte Hamfast. Aber wie geht es denn den anderen?
Fael begann, von allem zu erzählen, was sich in Beutelsend ereignet hatte. Krümel lauschte seinen Worten wie gebannt, und Fael berichtete von dem Entsetzen aller, aber er sprach zuerst nicht davon, was weiterhin geschehen war. Daß es wegen Krümel und dem Lösegeld Streit gegeben hatte, wollte er eigentlich für sich behalten, aber Krümel fragte ihn gezielt danach.
Und sie wollten all die Schätze sofort für mich hergeben? Hat dein Papa das sofort tun wollen?
Fael seufzte. Ja, Papa wollte das. Aber meiner hatte Angst, daß er danach nicht mehr für uns alle sorgen könnte, und er wollte dich eher suchen als für dich zu bezahlen. Keiner hat das verstanden, aber dann ist er heute doch mitgegangen und sie hatten auch nur die Hälfte dabei, glaube ich...
Krümel nickte versonnen. Das hatte er vermutet, genau so hatte er sich das gedacht. Wie sollten sie denn alles nur für ihn hergeben?
Aber Onkel Frodo hatte es dann doch getan.
Wenn er an seinen Vater dachte, wurde er deswegen traurig, weil er die Angst in Sams Augen zu deutlich gesehen hatte. Er war ruhiger gewesen als sein Vater selbst.
Sie haben sogar Streicher einen Brief geschrieben! wußte Perhail zu berichten.
Allerdings kam er nicht mehr dazu, noch mehr zu erzählen, weil plötzlich wieder schwere Schritte nach unten kamen und Berod zusammen mit Mandor die Tür aufstieß und eintrat.
Wenn es einem von euch einfällt, gleich Lärm zu veranstalten, wird es dem anderen weh tun! Wir brauchen ein anderes Versteck und ihr werdet auf dem Weg gefälligst still sein! befahl Berod harsch und ging mit Mandor auf die Jungs zu.
Tut Perhail nichts, er...
Ja, weiß ich, sei gefälligst still, unterbrach Berod Krümel ungeduldig, zerrte ihn ohne besonderen Kraftaufwand von der Matratze hoch mit nur einer Hand und drückte ihn gegen die Wand, dann fesselte er ihn.
Hamfast gebärdete sich wie wild, er wollte Fael helfen, er wollte nicht schon wieder hilflos sein, aber er hatte keine Wahl.
Die Männer hatten sich keine Mühe mehr gemacht, sich erst zu maskieren, die Jungs sahen sie in der Dunkelheit ohnehin kaum.
Mandor war mit Perhail beschäftigt, der vor lauter Schreck stumm zu weinen begann, als er geknebelt wurde. In der Tat war ihm das alles zuviel, er wehrte sich nicht mehr, er wollte nur immer hilfesuchend nach Krümel rufen, der ihm nicht antworten konnte.
Dann wurden sie beide in Säcke gesteckt und landeten jeweils auf einer Schulter der Männer.
Krümel war außer sich vor Wut. Das Argument, daß Fael mit der Sache nichts zu tun hatte und daß sie ihn laufen lassen sollten, konnte er nicht vorbringen, das wußte er. Denn Fael Beutlin war derjenige, den sie wirklich brauchten.
Die beiden wurden von den Männern die Treppe hochgetragen und aus dem Haus hinaus, das die Entführer mit den Kindern im Schutze des Dämmerlichts unter der dichten Wolkendecke verließen in Richtung des nahen Waldes.
Sie hatten sich den Kopf über ein neues Versteck zerbrochen und beschlossen, im Wäldchen bei Froschmoorstetten unterzukriechen, wo mit Sicherheit eine einsame Hütte zu finden war. Außerdem war dieser Ort weit genug von Hobbingen entfernt, um so bald nicht gefunden zu werden, was wichtig war.
Diese Tatsache gefiel Berod aber auch aus einem anderen Grund. Er wollte die Hobbits erst noch eine ganze Weile zappeln lassen, bevor er wieder eine Nachricht nach Hobbingen schickte. Sie sollten zweifeln, ob die Jungs noch lebten oder nicht.
Er hatte Geduld...
Es war zwar noch nicht spät am Tag, aber dennoch hatte der Himmel sich zugezogen und es war düster geworden. Viele Leute waren niocht mehr unterwegs und da sie sich abseits der Wege hielten, erreichten sie ihr Ziel nach nicht allzu langer Zeit unbehelligt. Folco, der sich dort am besten auskannte, war damit beschäftigt, eine verlassene kleine Hütte zu suchen, während die anderen nach neugierigen Beobachtern spähten, die sie eventuell entdecken könnten.
Die Jungs waren still. Es war ihnen sehr unbequem, aber sie konnten ja doch nichts tun, sie mußten einfach abwarten.
Aber irgendwann war auch dieses Warten endlich zuende. Folco hatte eine halb verfallene Baracke ausmachen können, die im dichtesten Gehölz verborgen war und ein gutes Versteck darstellte. Der Tür fehlten einige Latten, aber solange das Häuschen noch stand, erfüllte es seinen Zweck.
Die Entführer betraten es und sahen sich, auf knarrenden Dielen stehend, kurz um.
Spartanisch eingerichtet war die Jagdhütte, es wunderte sie, daß darin überhaupt noch etwas zu finden war. Eine Pritsche stand in der Ecke und ein Tisch, drei Hocker konnten sie ausmachen und ein Regalbrett an der Wand, mehr gab es nicht zu sehen.
Aber sie brauchten nichts. Decken und Verpflegung hatten sie dabei und sie hatten auch schon ungemütlicher gelebt.
Da, eine Falltür! bemerkte Rufus schließlich, weil er fast auf den Riegel getreten war.
Berod grinste finster. Er bat Rufus, die Falltür hochzuklappen, und blickte hinab auf fünf morsche Stufen, die in einen extrem niedrigen Vorratskeller führten, in dem wohl kaum ein Hobbit stehen konnte.
Darin war nichts mehr außer zwei hölzernen Kisten. Mandor warf eine Decke hinab, legte Perhail auf den Boden und zog ihn aus dem Sack hervor, was Berod dann ebenfalls mit Hamfast tat.
Sie gaben den Jungs kaum eine Möglichkeit, sich noch umzusehen, weil sie ihnen sofort befahlen, hinab in die Kellerkammer zu steigen, die vier ausgewachsenen Hobbits Platz geboten hätten, aber mehr war da unten wirklich nicht zu finden.
Krümel versuchte, etwas zu sagen, er wollte unbedingt seinen Knebel loswerden, und weil nichts dagegensprach, entfernte Mandor die Knebel tatsächlich.
Jetzt ist aber Schluß! mahnte er dann und verpaßte Hamfast einen Stoß, daß er gar nicht mehr anders konnte, als tatsächlich hinter Fael in den kalten, dunklen Kellerraum hinabzusteigen.
Sie waren gerade unten angelangt, da senkte Berod die Tür auch schon wieder herab und ließ sie in Dunkelheit versinken.
Toll, murrte Krümel, der spürte, wie seine Haarspitzen die Decke über seinem Kopf bereits berührten.
Das ist so eng hier... flüsterte Fael. Krümel wandte sich ihm zu und verzog das Gesicht. Er hatte draußen noch gesehen, daß Faels Gesicht tränennaß war. Der Junge hatte extreme Angst, er war fast verrückt geworden wegen den Fesseln und dem Knebel, das war alles so entsetzlich für ihn.
Ja, ich weiß. Aber denk immer daran, daß wir bald wieder zuhause sind!
Mit diesen Worten machte er sich mit den Füßen an der auf dem Boden liegenden Decke zu schaffen, damit sie sich darauf setzen konnten, und das taten sie dann endlich auch.
Krümel hörte Fael leise schluchzen und summte, was ihm erst reichlich albern vorkam, ein Kinderlied, um den Kleinen zu besänftigen. Als er aber spürte, daß das tatsächlich Erfolg hatte, fuhr er damit fort.
Er war Melis Bruder und er würde für ihn da sein. Seine eigene Angst war vergessen, jetzt hatte er eine Aufgabe.
Da vorn muß es sein, flüsterte Frodo und blinzelte zu seinem Onkel und Namensvetter, der bereits die Hand um Stichs Griff gelegt hatte, bereit, das Schwert jeden Augenblick zu ziehen.
Das denke ich auch... sieh, die Tür steht auf.
Sie zogen die Waffen nicht, näherten sich nichtsdestotrotz jedoch sehr achtsam und spähten erst einmal durch die offene Tür in das verlassene Haus hinein, in welchem sich nichts rührte. Die untergehende Sonne warf goldene Strahlen durch die Fenster hinein, Staub tanzte im Licht, der sich nicht bewegte, und Frodo zog Stich nun doch, weil er oft genug erlebt hatte, daß der Schein trügte.
Leise klirrte das Metall, er hob das kurze Schwert entschlossen und ging voran, Sams Sohn dicht auf seinen Fersen wissend.
Mucksmäuschenstill bewegten die beiden Hobbits sich voran und nahmen alles genau in Augenschein. Nahrungsmittel waren keine mehr zu finden, nur ein Apfelrest in einer Ecke und eine abgebrannte Kerze auf dem Tisch, neben dem ein umgestürzter Stuhl lag. Keine Decken waren mehr da, das Bett war leer, der Teppich verrutscht und unten im Keller, so stellte Sams Sohn fest, standen alle Türen weit offen.
Alle ausgeflogen, stellte er seufzend fest.
Hamfast? rief Frodo hinunter, aber die einzige Antwort war der Widerhall seiner eigenen Stimme.
Perhail?
Aber es blieb alles still.
Der junge Frodo schlich mit neugierigen Blicken herum und nahm alles genau in Augenschein, was sich in seinem Blickfeld befand. Es gab jedoch keinerlei Hinweise auf die Entführer zu entdecken, die ihnen weitergeholfen hätten. Frodo und Sam hatten mehr herausgefunden durch ihr Zusammentreffen bei der verpatzten Übergabe.
Gibt es draußen Spuren? fragte Frodo den Jungen, der ratlos mit den Schultern zuckte.
Sehen wir nach.
Die beiden beschlossen jedoch zuerst, nach unten zu gehen und fanden sogleich den richtigen Raum, nämlich den, in dem man Krümel festgehalten hatte.
Getrocknetes Blut war auf der Matratze zu entdecken, doch plötzlich entdeckte Frodo in einer Stoffalte etwas auffälliges.
Das ist von Krümel, sagte er und hob ein zerrissenes kleines Armband hoch, von dessen Holzperlen einige verloren gegangen waren. Es war aber immer noch genügend übrig, daß er zweiffelos eines behaupten konnte.
Das hat meine Tochter ihm vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt. Sie hat ein ähnliches.
Der junge Frodo nickte. Er konnte sich daran erinnern, und er wußte auch, mit welchem Stolz sein kleiner Bruder das Geschenk von Meli getragen hatte.
Er war genau hier. Da sind Brotkrümel und ein Wasserkrug, also hat man sich um ihn gekümmert. Gut zu wissen, murmelte Frodo und steckte das Armband ein. Er wußte, wem er das geben würde.
Als sie alles genau betrachtet hatten, verließen sie den kalten Keller und schauten sich vor dem verlassenen Haus um. Jedoch konnten sie keine Spuren der Entführer entdecken, da war nichts, das ihnen verraten hätte, wohin die Männer mit den Kindern entkommen waren.
Keine Nachricht gab es, nichts.
Und jetzt? fragte der Junge. Frodo zuckte mit den Schultern.
Zurück nach Hause, wir brauchen eine Karte vom Auenland, dann können wir besser überlegen, wohin sie geflohen sind. Dieses Versteck hier war jedenfalls nicht dumm, am Dorfrand sind sie bestimmt nicht aufgefallen!
Frodo ließ Stich in die Scheide zurückgleiten und lehnte sich mürrisch an den Türrahmen. Nein, er hatte keine Angst um seinen Jungen, nicht in diesem Moment. Es gab keine Spuren zu entdecken, die auf unmäßige Gewaltanwendung schließen ließen, man hatte auch Krümel schon gut behandelt und jetzt waren sie ungesehen geflohen, um ihr Vorhaben hartnäckig weiterzutreiben.
Frodo wußte jedoch nicht, was er tun sollte. Er ahnte bereits, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als tatsächlich für die Kinder zu zahlen.
Onkel Frodo?
Die Stimme seines jungen Neffen riß ihn völlig aus seinen Gedanken.
Ja?
Dem Jungen war der gedankenverlorene Ausdruck seines Onkels aufgefallen. Die beiden sahen sich stumm an.
Nach Hause? fragte der Junge.
Nach Hause.
Eine ganze Weile liefen die beiden schweigend den Weg nach Hobbingen entlang, bis Sams Sohn zu sprechen begann.
Ich wette, daß Krümel auf Fael acht gibt, so wie er auch auf Meli acht gegeben hat. Das sieht ihm wieder ähnlich, da hat er sich diesen Kerlen entgegengestellt, damit sie fliehen kann. Das war genau wie mit Fredwin. Melethiell bedeutet ihm sehr viel...
Seufzend nickte Frodo. Und ihr liegt auch viel an ihm. Das war doch immer schon so. Sie wirft es sich vor, daß die beiden Jungs jetzt in dieser Situation sind.
Ach Unsinn! widersprach der junge Frodo. Das ist nicht ihre Schuld. Die Situation wäre niemals besser, wäre sie jetzt bei Krümel. Sie ist ein Mädchen.
Und Fael ist acht!
Das mußte Sams Sohn einsehen, beides war nicht gut. Ganz und gar nicht.
Aber Papa wird jetzt nichts mehr sagen, wenn du zahlen willst. Jetzt kann er es nicht mehr.
Dein Vater ist ein sturer Hund! erwiderte Frodo mit einem Lächeln. Er hat doch schon gar nichts mehr gesagt. Er hatte auch nicht Unrecht, aber genausowenig Recht. Was sollen wir tun außer zahlen? Hier geht es um die Kinder und wir haben eine Chance, mit einem blauen Auge davonzukommen. Es braucht hier keine Heldentaten, niemand schwebt in böswilliger Lebensgefahr. Wir haben einen anderen Weg offenstehen, das Problem zu lösen. Das ist nicht wie beim Krieg in Gondor, wo es um Aragorns Thron ging. Hier geht es nur um mein Geld, das bedeutet mir nichts!
Onkel Frodo?
Was ist denn, mein Junge?
Du... du bist der tapferste Hobbit, den ich kenne. Ich meine - sieh doch Mama oder Tante Liliane, sieh Papas Angst, und du stehst hier und überlegst, was zu tun ist. Du findest einen Weg für Krümel und Fael, dabei müßtest gerade du doch verzweifeln, nach all dem, was war...
Du siehst da etwas falsch, Frodo. Deine Mama und Liliane können gar nicht anders, und dein Papa muß sich auch um so viele andere Kinder kümmern. Die Verantwortung obliegt mir, weil es mein Geld ist, und ich weiß einfach, daß die Kinder zurückkommen. Ich werde alles dafür tun. Das hier ist eine andere Situation als sonst, sie ist berechenbarer, deshalb fürchte ich sie nicht.
Aber du hast doch Angst?
Natürlich habe ich Angst, antwortete Frodo. Das ganz gewiß. Aber ich bin an meiner Angst gewachsen. Sie hat mich stark gemacht über all die Jahre. Der Ringkrieg war vor siebenundzwanzig Jahren, das ist eine unsäglich lange Zeit, länger als du alt bist. Seine Schmerzen verfolgen mich nicht mehr, seine Feinde sind alle tot, und sie haben mich alle nicht in den Schatten reißen können. Es gab finstere Stunden in meinem Leben, doch ich habe sie überstanden und daraus gelernt.
Starr vor Staunen blieb der Junge stehen und blickte seinem Onkel in die gütigen blauen Augen, die plötzlich so jung und lebendig schienen wie vor dem Ringkrieg, oder als würde er Liliane ansehen, seine Kinder, einen sommergrünen Hügel...
Da war eine ungeahnte Stärke in ihm, eine Besonnenheit, fast Weisheit, war der Junge fast zu glauben hingerissen, daß es ihn sprachlos machte.
Doch, du bist ein Held. Der größte, den ich kenne. Sams Sohn sprach im Ernst, aber Frodo lachte nur.
Nein, da machst du einen Fehler. Du hast deinen Vater vergessen. Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben, er hat mich so oft gerettet und niemals geklagt. Zweifelsohne ist er der größere Held von uns beiden!
Ihm ging seine Unterhaltung vom Vortag mit Sam noch einmal durch den Kopf. Und ob er etwas überstanden hatte - eine der schlimmsten Erfahrungen seines Lebens hatte für die Ewigkeit Narben hinterlassen. Nur darum hatte er Angst: Daß die beiden Jungs diese Angst kennenlernen würden, die er selbst im Angesicht Morgoths hatte erfahren müssen, als Gordir ihm die Pulsadern zerschnitten hatte. Niemals zuvor hatte er der Qual eines gewaltsamen Todes so tief ins Auge blicken müssen, und danach auch nicht mehr.
Was ihm in Rhun widerfahren war, war dagegen fast eine Erlösung gewesen.
Und plötzlich blieb er stehen, begann zu schwanken und ließ sich auf die Knie sinken, am ganzen Leib zitternd. Irritiert blickte Sams Sohn zu ihm, der den Kopf gesenkt hielt und in den Händen verbarg.
Onkel Frodo?
Ich weiß, wer Schuld hat. Ich darf gar keine Angst haben, ich bin es, es liegt nur an mir. Es lag immer nur an mir. Ein Feind wollte mein Leben, der andere Rache, jetzt wollen sie mein Geld. Und meien Familie leidet, schon wieder gibt es Leid wegen mir. Glaubst du denn nicht, daß es meine Pflicht ist, mich darum zu kümmern? Ich darf gar keine Angst haben!
Onkel Frodo, das ist doch Unsinn. Nichts ist deine Schuld! Das Böse in der Welt entwickelt seine Ideen von selbst, dafür kannst du doch nichts. Wirf dir das nicht vor!
Die Blicke der beiden trafen sich, und Frodo war erstaunt, die wohlüberlegten Worte seines Neffen zu vernehmen.
Wir wollen die Jungs zurückhaben. Ich werde dafür alles geben, wirklich alles!
Und damit sprach er, wie er vor siebenundzwanzig Jahren gedacht hatte. Er wollte sogar sein Leben opfern um des Friedens Willen. Er hatte es immer geschafft.
Und diesmal wußte er einfach genau, daß sie die Jungs unversehrt zurückbekämen.
Er riß sich zusammen, stand auf und beschritt gemeinsam mit seinem Namensvetter den Weg nach Hobbingen. Er war wie in seinen Gedanken gefangen, als sie Beutelsend gegen Einbruch der Nacht wieder betraten, ausgehungert und müde, ohne einen Erfolg vorweisen zu können, aber auch nicht demoralisiert.
Sams Sohn berichtete von ihren Funden, während Frodo zuerst nur einen Weg vor Augen hatte. Er suchte seine Tochter.
Meli? Wo bist du, meine Kleine?
Das Mädchen kam aus einem der anderen Mädchenzimmer. Unter ihrem Arm klemmte ihre Lieblingspuppe, deren Haare Krümel einmal am Herdfeuer angesengt hatte, als er wütend auf Melethiell gewesen war. Aber nur Tage später war er hingegangen und hatte aus Wollresten neue Haare angenäht, um sich versöhnlich zu zeigen, und das war wieder eines der vielen Zeichen...
Ich habe etwas für dich, erklärte Frodo. Melethiell sah gespannt auf, dann weiteten sich ihre Augen, als Frodo ihr die Überreste von Krümels Armband entgegenhielt. Sie starrte stumm auf ihr eigenes, dann nahm sie mit zitternden Fingern das Perlenband und verschloß es in ihrer kleinen Faust.
Danke, Papa, murmelte sie mit traurigem Unterton, aber fester Stimme und einem dankbaren Gesichtsausdruck.
In diesem Augenblick verstanden die beiden sich ohne Worte, und Jahre vor ihr selbst wußte Frodo bereits, daß seine Tochter Sams Sohn liebte.
Und dann ging sie wieder, hielt die Puppe an einem Arm in ihrer anderen Hand und ließ Frodo wehmütig seufzen. Noch war sie sein kleines Mädchen.
An diesem Tag geschah nicht mehr viel. Liliane war früh zu Bett gegangen, sie war völlig erschöpft gewesen und bald eingeschlafen, was besser für sie war. Rosie war in keinem viel besseren Zustand und Sam mußte sich stellvertretend mit all seinen Kindern auseinandersetzen, was ihm bald zuviel wurde. Nur Frodo bewahrte noch immer eine seltsame Ruhe, die nicht einmal Sam an ihm kannte. Er schickte ihn zu Bett, er wollte sitzen bleiben und auf einen neuen Brief warten, auch allein, wenn es sein mußte, das ließ sein Namensvetter jedoch nicht zu.
Und so war doch bald alles still in Beutelsend, alle schliefen, bis auf Frodo und Sams Sohn, die im Dunkel saßen und warteten.
Die ganze Nacht saßen sie dort, jedoch vergeblich. Es kam keine Nachricht.
Irgendwann, als bereits die ersten Vögel kurz vor Sonnenaufgang wieder zu zwitschern begannen, waren die beiden auf der Küchenbank eingenickt und wurden so am Morgen von Sam gefunden, als dieser ruhelos herumstromerte. Aber er ließ sie schlafen.
Neuntes Kapitel: Nachricht?
Er hatte wiederum miserabel geschlafen. An seine Seite gekuschelt lag immer noch Perhail, der weiterhin schlief, obwohl Krümel sich inzwischen bewegte.
Die beiden hatten es irgendwann am Abend geschafft, einander die Fesseln zu lösen, kurz nachdem einer heruntergekommen war, um ihnen etwas zu essen zu bringen. So hatten sie besser schlafen können, aber es war Perhail erst spät gelungen, überhaupt Schlaf zu finden.
Er lag auf einem staubigen Erdboden, der nicht gerade warm war, in eine kratzende Decke gehüllt, die ihn kaum zu wärmen vermochte, um ihn herum war neben Krümel nur eine Stockfinsternis und sonst nichts, was einen Ausweg versprochen hätte.
Er war nicht zu klein, um den Ernst der Lage zu begreifen. Im Gegenteil, er hatte große Angst, er wollte unbedingt nach Hause, aber gerade das konnte er nicht.
Krümel hatte mit ihm gedichtet, ihm einige Geschichten erzählt, sich bis tief in die Nacht hinein mit ihm beschäftigt, bis ihm endlich die Augen zufallen wollten. Nur Krümel selbst fand kaum Ruhe.
Er hatte stundenlang auf die Entführer gelauscht, doch ihre Worte irgendwann nicht mehr verstehen können. Als es oben still wurde, hatte er auch endlich Ruhe, sich schlafen zu legen. Er brauchte Schlaf, er konnte nicht immer auf Fael aufpassen.
Aber irgendwann im Laufe des Morgens, als die schweren Dielen über ihm unter den Schritten der Männer knarrten, war er wieder hochgeschreckt.
Hamfast setzte sich aufrecht, aber so, daß Perhail noch immer an ihn gelehnt weiterschlafen konnte, der Kleine brauchte das unter allen Umständen.
Er mußte ihn irgendwie fortschaffen, Perhail mußte nach Hause. Der Achtjährige war zu klein für so etwas. Aber wie sollte er das bewerkstelligen?
Er faßte einen trotzigen Plan. Er würde die Entführer einfach nerven und ihnen mitteilen, daß sie Fael laufen lassen sollten mit einer Nachricht, mit irgendwas, aber er mußte hier raus. Dieses kleine Erdloch war nichts für ihn.
Hamfast seufzte. Schwermütig dachte er an Melethiell, seine Eltern, seine Geschwister... er wollte auch so gern wieder nach Hause.
Meli. Er schloß die Augen, als er nur an ihren Namen dachte, sie vor sich sah, das süße kleine Mädchen, das seine Freundin war. Er hatte sie gerettet, ihre Freiheit war es ihm wert gewesen, daß er nun hier gefangen saß und nicht ein noch aus wußte.
Und dennoch wurde ihm ganz warm ums Herz. Wie gern würde er jetzt mit ihr durchs Gras kugeln, sie damit bewerfen, mit ihr Kuchen stibitzen und gemeinsam mit seinen kleinen Brüdern Fangen spielen. Er machte immer alles mit ihr zusammen, es ging gar nicht anders, er brauchte sie und ihre Freundschaft. Sie hatte ihm niemals gefehlt, niemals in seinem ganzen Leben, auch wenn sie sich gelegentlich gestritten hatten.
Sie war das hübscheste Mädchen im Auenland. Sie war so frech wie ihre Mutter und so verletzlich wie ihr Vater, sie hatte von ihren Eltern vieles, genau wie Hamfast besonders seinem Vater so ähnelte, denn er hatte denselben Heldenmut.
Alles für Meli. Er hätte sich von den Entführern für sie in Stücke reißen lassen.
Ohne daß er es anfangs merkte, lief eine Träne über seine Wange, ein dicker Kloß schnürte ihm die Kehle zu, und es war endlose Traurigkeit und Beklemmung, weil er genau wußte, daß das nicht sein durfte.
Daran würde sie niemals denken. Sie waren doch nur befreundet, und doch hatte Hamfast plötzlich das untrügliche Gefühl, daß er sie niemals loslassen wollte, daß er sie sogar irgendwann heiraten wollte, ohne in seinem Alter überhaupt genau zu wissen, was das bedeutete.
Was Liebe eigentlich bedeutete.
Aber er spürte sie dennoch. Jetzt, wo er Meli geraubt war, spürte er ganz deutlich, was ihm fehlte, und er hoffte irgendwo, daß er ihr auch fehlte.
Fael hatte es gesagt.
Es war nicht nur irgendein Gefühl. Es war die größte Zuneigung, die er für jemand anderen jemals empfinden konnte, und das Gefühl überforderte ihn.
Nein, er würde es ihr nicht sagen. Das konnte er nicht. Sie würde Angst haben, sie würde nicht mehr mit ihm befreundet sein wollen, wenn sie wußte, was ihm so durch den Kopf ging. So kannte sie ihn nicht, er wollte so für sie bleiben, wie er immer gewesen war - und außerdem hatte sie einen viel besseren, stattlichen jungen Hobbit verdient, der ihr mehr bieten konnte als ein Gärtnerssohn.
Hamfast schluckte schwer, aber er konnte die Tränen nicht zurückhalten. Er schluchzte leise und konnte ihr Bild nicht aus seinem Kopf verbannen, das Lächeln, wie sie übereinander durchs Gras kugelten, wie sie sich hinter ihm vor Fredwin versteckte, wie sie ihn berührte...
Er verkrampfte. Seine Finger krallten sich in seine zerzausten Locken, aber er konnte nichts dagegen tun. Plötzlich träumte er davon, wie er sie im Arm hielt, wie er zu Fredwin mit Stolz verkünden konnte, daß sie in der Tat seine Freundin war.
Nichts weiter wünschte er sich, nur, daß sie bei ihm war. Und das würde sie auch sein, wenn er wieder nach Hause kam, aber nicht so, wie er es sich in seiner fast noch kindlichen Gedankenwelt wünschte.
Er kannte sie so gut. Er kannte sie besser als jedes seiner Geschwister, sie war immer unvoreingenommen mit ihm umgegangen, hatte ihn immer so gesehen, wie er wirklich war, mit all seinen Fehlern hatte sie ihn angenommen und ihn immer gemocht.
Wenn er ihr sagte, was er empfand, würde es schlimmer, weil sie sich zurückzog. Nein, sie hatte mehr verdient als ihn, er würde mit seinen zwölf Geschwistern niemals etwas haben, nur seine leeren Hände und ein Herz voller Liebe, aber das war doch zuwenig.
Es irritierte ihn. Dieses Gefühl war so neu, so unbestimmt, viel zu früh... und doch war es da, und je mehr er es zu verdängen suchte, umso intensiver wurde es.
Was treiben die Bälger da unten eigentlich? Leben die noch? knurrte Berod, als er irgendwann von seiner Arbeit aufsah. Er war damit beschäftigt, seinen Dolch zu schärfen, einfach nur aus purer Langeweile. Er war zwischenzeitlich unterwegs gewesen, um ein Kaninchen einzufangen. Darin war er gut, und er hatte ihnen allen eine angenehme warme Mahlzeit beschert. Die ganze Nacht über und auch am Morgen hatten die Kinder unten im Keller sich nicht mehr gerührt, seit Folco ihnen am Abend noch etwas zu essen gegeben hatte.
Wenn die mir den Geist aufgeben, ist hier was los! Wir brauchen die noch, sie sind für uns bares Geld wert! fuhr Berod fort, erhob sich und ließ einmal seinen schweren Stiefel hart auf die Falltür hinabschnellen, welche die beiden Jungs von der Freiheit trennte.
Keinen Hunger, ihr kleinen Ratten da unten? rief er.
Nein, kam die dumpfe Antwort Krümels von unten hoch. Berod runzelte skeptisch die Stirn.
Wie? Ihr seid Hobbits, ihr müßt Hunger haben!
Nein.
Das ließ Berod nun keine Ruhe. Er beugte sich hinunter zum Riegel, der die Falltür verschloß, zog ihn zurück und hob die Tür an, um hinunterspähen zu können.
Geblendet vom hellen Tageslicht schirmte Krümel die Augen mit den Händen ab, Berods fast feindseligen Blick auf sich ruhen wissend.
Fael war aufgeschreckt und hatte sich schlaftrunken hinter Krümel versteckt, der breitbeinig und unerschütterlich stehenblieb und Berod mit zusammengekniffenen Augen anstarrte.
Was soll das? Natürlich habt ihr Hunger! Ihr werdet essen, ich lasse mir nicht nachsagen, daß zwei Gören bei uns einen Hungertod gestorben sind!
Krümel wunderte sich nun seinerseits über Berods Sorge bezüglich ihres Wohlbefindens, aber tote Geiseln waren schlechte Geiseln, das wußte auch Krümel.
Meinem Freund geht es so schlecht, jetzt seht ihn euch doch an, er hat kaum geschlafen diese Nacht und mir unentwegt gesagt, daß er nach Hause zurück will. Er ist zu klein für so etwas! behauptete er und wußte, daß Perhail schon verstand, was er vor hatte.
Mama... wimmerte Fael wie zur Bestätigung hinter Krümels Rücken und mußte sich nicht einmal besondere Mühe geben, um wirklich mitleiderregend zu klingen.
Ach was, der soll sich nicht so anstellen, wir tun euch doch nichts, morgen abend wird eine erneute Übergabe stattfinden und dann seid ihr schon zuhause! widersprach Berod unwillig, griff neben sich auf den Tisch und warf Hamfast zwei Äpfel hinab.
Habt ihr denn wenigstens Durst?
Ich für meinen Teil schon, aber der Kleine sitzt seit der Nacht hier unten und hat Angst, er sagt schon gar nichts mehr, ißt nicht und schläft nicht...
Jetzt wurden auch Folco und Mandor aufmerksam, nur Rufus interessierte sich nicht für das, was sich im Moment ereignete.
Laß mal sehen, sagte Folco, aber Berod stieß ihn zurück und herrschte ihn an: Reicht, wenn der Bengel mich sieht, der muß nicht auch noch dich sehen!
Nun komm, das macht doch keinen Unterschied mehr! widersprach Folco vorsichtig, aber Berod ließ sich auf keine Diskussionen ein.
Und was schlägst du vor, Kleiner? fragte er zu Krümel hinab. Dieser nahm den laut schluchzenden Perhail in die Arme und sagte: Laßt ihn gehen, gebt ihm eine Nachricht mit und bringt ihn nach Hause! Er steht das nicht durch. Ich werde auch keinen Ärger mehr machen!
Krümel glaubte fast, über sich selbst aus seiner Latzhose hinauszuwachsen, weil er um Perhail Willen plötzlich den Mut hatte, mit dem gemeinen Großen zu diskutieren - und dieser hörte ihm tatsächlich zu!
Ach ja? sagte Berod. Ist das so?
Damit machte er zwei Schritte hinab in die Kellerkammer, stieß Fael grob von Krümel weg und packte diesen mühelos am Kragen, um ihn aus seinem Gefängnis herauszuholen.
Böse starrte Berod Hamfast an, der am ganzen Leib zitternd vor ihm stand, von dem viel größeren Menschen an eine Wand gedrückt und mit eingezogenem Kopf.
Du willst mich doch nur reinlegen, du kleine Ratte! Deine große Klappe gefällt mir nicht. Hast du nicht gestern noch winselnd da gesessen so wie der Kleine jetzt? Als würde ich einen von euch jetzt schon laufen lassen! Kommt nicht in Frage!
Mit diesen Worten packte Berod den Jungen an den Schultern und stieß ihn wieder in die Kellerkammer hinab, ohne noch ein Wort zu verlieren. Als die Falltür mit einem lauten Knall wieder aufschlug und verschlossen war, sagte Mandor von der Seite: Ich denke, das war nicht nötig!
Ach nein? Und was war deiner werten Meinung nach nötig? Ich lasse mich doch nicht von diesen Bengeln auf den Arm nehmen! Hier passiert gar nichts, die bleiben da unten und warten bis morgen!
Sollen wir nicht die Übergabe vorziehen und heute schon einen Brief schicken...? begann Folco, aber er wurde von Berod brüllend unterbrochen.
Nein, verdammt! Wie oft soll ich euch das noch erklären? Die Eltern sollen vor uns auf den Knien liegen, sie sollen heute den ganzen Tag lang sehen, was sie mit ihrer Falle erreicht haben! Sollen sie doch alle warten und fürchten, daß wir die Gören umgebracht haben. Das wäre sowieso das, was ich am liebsten täte, aber das würde keinem etwas bringen. Die anderen haben uns auch gesehen, und dann sucht man uns nur als Mörder.
Was faselt ihr da eigentlich? warf Rufus von der Seite ein. Hat auch schonmal jemand daran gedacht, daß sie uns vielleicht erst recht eine Falle stellen, wenn wir da morgen auftauchen? Das können wir gar nicht riskieren...
Lassen wir sie beide einfach laufen, vielleicht... wollte Folco sagen, aber Berod ließ ihm die Möglichkeit nicht.
Niemals, du Trottel! Dann schneide ich ihnen lieber die kleinen Hälse durch!
Und da er in diesem Moment vor lauter Ärger nicht mehr ein noch aus wußte und nur noch unüberwindbare Probleme vor sich sah, zog er flink seinen Dolch und marschierte auf die Falltür zu. Bei ihm hatte es ausgesetzt, obwohl er nur einen Augenblick vorher noch anders gesprochen hatte.
Nein! brüllte Mandor und warf sich von der Seite gegen Berod, denn er hatte sofort begriffen, daß dieser beabsichtigte, die Kinder jetzt tatsächlich zu töten.
Das lasse ich nicht zu! fügte er noch hinzu, als er auf Berod fiel und dem auf ihn gezielten Dolch auswich.
Verschwinde, Bastard! brüllte Berod und wollte Mandor von sich herunterstoßen, doch dieser verpaßte ihm einen gut gezielten Kinnhaken und blieb auf ihm liegen.
Ich werde überhaupt nichts! Denk gefälligst an das Geld und laß die Kinder in Ruhe, denen wird jetzt kein Haar gekrümmt!
Berod schnaufte und verzog das Gesicht. Aber erst, als er nickte und sich beruhigt hatte, stand Mandor wieder auf und ließ ihn in Ruhe, setzte sich allerdings vorsichtshalber neben die Falltür. Es gefiel ihm nicht, wie unkontrolliert Berod plötzlich seine Meinung änderte.
Und natürlich erging es den Jungs, die wie gelähmt die Ereignisse mitangehört hatten, ähnlich. Hamfast saß schließlich auf dem Boden und wiegte einen weinenden Perhail in den Armen, der auf seinen Schoß gekrochen und sich zitternd an ihn gelehnt hatte.
Uns passiert nichts, bestimmt nicht, flüsterte Krümel und seufzte. Das blieb nur zu hoffen...
Sam und Frodo hatten sich gemeinsam untätig auf die Gartenbank gesetzt, wohlwissend, daß sie tagsüber gewiß keine Nachricht erhalten würden. Aber dennoch wollten sie lieber draußen sitzen als drinnen, einfach um die Umgebung besser im Blick zu haben, es gab ihnen ein besseres Gefühl.
Besonders Frodo ertrug es in dieser Situation nicht, Liliane unter die Augen zu treten. Was sie gerade tat, wußte er gar nicht, und er machte sich unentwegt Vorwürfe, daß er jetzt nicht bei ihr war und sie tröstete. Er konnte jedoch nicht, ihre Verfassung machte es ihm unmöglich, irgendwelche tröstenden Worte zu finden, und wenn er sie so sah, fühlte er sich gleich selbst nur noch elender.
Sam erging es ähnlich, aber er wußte, daß Rosie mit den Kindern abgelenkt war. Zu ihnen hatte sich niemand gesellt, weil es so aussah, als würden die beiden sich über wichtige Dinge unterhalten.
Dabei schwiegen sie stundenlang.
Sie fühlten sich so entsetzlich nutzlos. Und ständig kreiste in ihren Köpfen der Verdacht, daß den Jungs etwas zugestoßen war und sie niemals eine nachricht erhalten würden, weil die beiden schon längst tot waren.
Meinst du nicht, daß die Landbüttel vielleicht doch etwas tun können? fragte Frodo irgendwann. Er hatte stundenlang auf seine Pfeife gestarrt, die auf seinen Knien lag, jedoch unberührt und kalt. Er fand nicht die Ruhe, sie anzuzünden, geschweige denn sie zu genießen.
Sein Sohn war da draußen und er konnte nichts für ihn tun.
Nein. Was daraus geworden ist, hast du gesehen. Zahlen wir lieber einfach, dann besteht noch die geringe Möglichkeit, daß unsere Jungs das überleben!
Sam, wir müssen aber etwas tun...
Wir haben etwas getan. Wir haben sogar bei Aragorn gebettelt. Jetzt müssen wir warten, oder was willst du tun?
Ich weiß es nicht, erwiderte Frodo tonlos, und erneut senkte sich Schweigen hinab.
Andernorts war die Stimmung nicht besser. Rosie buk gemeinsam mit Elanor einen Kuchen, um beschäftigt zu sein, die Kinder versuchten erfolglos, zu spielen, aber wenn Fael und Krümel fehlten, war es unsäglich schwer.
Melethiell saß stumm bei den anderen, jedoch in einer Ecke des Zimmers, und tat erst ganz lang gar nichts. Irgendwann jedoch stand sie auf, holte die Überreste von Krümels Armband, ein neues Stückchen Schnur und einige schöne Perlen und dann fädelte sie ihm ein neues Armband auf, innerlich darum bangend, es ihm überhaupt jemals schenken zu können.
Als sie damit fertig war, band sie es sich ums eigene Handgelenk neben ihr Armband und verließ Beutelsend kurz, um die paar kleinen Sprossen in den niedrigen Apfelbaum zu klettern, wo sie einige kleine Äste abbrach, ungeachtet der Tatsache, daß Sam ganz in der Nähe war.
Zurück in der Höhle setzte sie sich mit Krümels Messer und einem starken Bindfaden wieder in die Ecke, dann begann sie, in ein kleines Gefäß hinein die Späne fallen zu lassen, die beim Zurechtschnitzen der kleinen Pfeile abfielen.
Wirklich spitz waren die Geschosse nicht, aber das mußten sie auch nicht sein. Es war ein Spielzeug, eines, was Fael sich schon lange wünschte, aber nicht bekam, weil sein Geburtstag doch gerade erst vorbei war und niemand die Ruhe hatte, ihm Pfeil und Bogen zu schnitzen. Er selbst konnte es noch nicht wirklich gut, weil er nicht wußte, worauf er achten mußte. Melethiell hatte es sich jedoch einmal erklären lassen und begann schließlich, fast wie ein geübter Schnitzer den späteren Bogen zu bearbeiten und dann an den richtigen Stellen zu dehnen, um ihn dann mit der Schnur zu spannen.
Zum Schluß sammelte sie in der Küche ein paar übriggebliebene Hühnerfedern ein und bestückte die Pfeile damit.
Sie konnte endlich stolz auf fünf Pfeile und einen Bogen blicken, versuchte ihr Schützenglück sogleich damit und befand ihr Werk für gut genug, um es ihrem Bruder zu schenken. Man konnte einigermaßen damit schießen.
Wenn er doch nur endlich wieder zurückkam... aber es rührte sich an diesem Tag einfach nichts.
Als der Abend hereinbrach, legte Liliane endlich die geflickte Hose ihres Sohnes beiseite. Jetzt hatte sie sich hingesetzt und sie genäht, trotzig darauf hoffend, daß er sie bald brauchen würde. Wenn er denn wohlbehalten nach Hause zurückkehrte.
Irgendwie hatte sie sich beschäftigen müssen, und weil sie vor Frodo geflüchtet und allein geblieben war, hatte sie nicht einfach nur herumsitzen können.
Wenn sie Frodo ansah, sah sie immer ihren Sohn vor sich, denn er hatte in so vielen Punkten Ähnlichkeit mit seinem Vater. Sie ertrug seine Gegenwart an diesem Tag einfach nicht, sie war in Gedanken bei ihrem Sohn, nirgendwo sonst. Sie hatte schlecht geschlafen, kaum gegessen, aber irgendwo regte sich noch immer der sture Trotz in ihr, sie wollte die Hoffnung einfach nicht aufgeben, den ganzen Tag über nicht, und selbst als der Abend hereinbrach, gab sie noch nicht auf.
Die Nacht... sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß es wohl zu früh für eine Nachricht war. Liliane schaffte es auf eine eigentümliche Art, ruhig zu bleiben, obwohl sie jeden Grund gehabt hätte, die Wände hochzugehen.
Das tat Rosie schließlich, deren Nerven nicht derart eisern waren. Als an ihrer Statt Elanor das Essen am Abend bereitete, ging sie hinaus zu Sam und Frodo und baute sich fast anklagend vor ihnen auf, bevor sie sagte: Und was habt ihr heute getan außer gewartet?
Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, sagte Sam und es klang dennoch fast wie ein Schuldeingeständnis, denn er sah in Rosies vorwurfsvollen Augen Tränen glitzern, die all seine Hoffnungen plötzlich in Frage stellten.
Wunderbar. Das ist wirklich eine hervorragende Idee. Hast du dir mal überlegt, daß die Jungs inzwischen tot sein könnten? Ist dir das egal?
Nein, murmelte Sam leise und Frodo ergriff nun das Wort.
Sei nicht ungerecht, Rosie. Er hat nicht weniger Sorgen als du, das sieht zwar vielleicht so aus, aber es ist nicht wahr.
Das sagst du! Du sitzt hier genauso herum wie Sam und das, obwohl dein Junge so klein ist und...
Rosies Stimme begann gewaltig zu zittern, so daß sie abbrach und sich stumm schluchzend umwandte, weil sie die beiden nicht ansehen wollte.
Was sollen wir also tun? fragte Frodo ruhig. Er konnte Rosie so gut verstehen, aber ihr in ihrer Verzweiflung nach dem Munde zu reden wäre nicht gut, weil ihre Angst nur noch größer würde.
Rosie gab keine Antwort. Sie wußte es doch selbst nicht.
Hör doch auf, Herrn Frodo zu beschimpfen, er zahlt doch auch für unseren Jungen! murmelte Sam plötzlich verschüchtert von der Seite, was Frodo fast entsetzt aufspringen ließ.
Wie meinst du das jetzt, Sam? Willst du damit etwa andeuten, daß ich es mir anders überlegen würde, nur weil...
Ihm fehlten die Worte. Kopfschüttelnd suchte er Sams tränenverschleierten Blick, dann nahm er die Hand seines Freundes.
Ich wollte vorher schon für Hamfast zahlen, jetzt zahle ich für ihn mit, und daran wird nichts etwas ändern, gar nichts... Sind wir denn keine Freunde?
Sam erwiderte nichts, er konnte nicht. Er schämte sich nur dafür, daß Rosie ihnen so ungehalten Vorwürfe machte und Frodo so böse angriff. Sie durfte ihn doch nicht verärgern!
Und wieder sah Frodo, welches respektvolle Bild Sam noch immer von ihm hatte. Er wünschte ihn sich als ebenbürtigen Freund, aber in all den Jahren hatte er das nicht erreichen können, Sam sah sich noch immer als geringer an und würde davon wohl auch niemals mehr abrücken.
Frodo stand auf und trat vor Rosie.
Dein Junge ist für mich fast wie ein Sohn. Wir sind doch eine große Familie! Meine Tochter liebt Hamfast, aber selbst das ist noch kein Grund. Das einzige, was zählt, ist daß er wohlbehalten nach Hause kommen muß. Ich weiß, es ist an mir, für das Leben der Jungs einzutreten, es obliegt meiner Verantwortung, und die werde ich nicht abstreiten. Niemals. Das sieht wirklich nur so aus, aber denkst du, ich wäre weniger hilflos als du oder Liliane? Nur weiß ich eines besser: Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, da hat Sam schon recht. Wir sitzen hier und warten auf ein Wunder, das wohl nicht kommen wird, aber eine Lösung wird kommen! Glaub mir das, Rosie.
Aber das tat sie nicht. Sie begann laut zu weinen, was Sam verzweifelt zusammenzucken ließ, und so bewahrte Frodo als einziger die Nerven und nahm Rosie tröstend in den Arm.
Das ist ein Trick. Sie lassen uns absichtlich warten, um uns zu zermürben. Laß das doch nicht zu! Ich habe diese Kerle gesehen, sie wollen einfach nur Geld, und das unbedingt. Davon rücken sie nicht ab, bestimmt nicht jetzt, wo sie endlich meinen Sohn haben, wo sie doch meine Tochter schon nicht erwischt haben. Du wirst sehen, morgen kommt sicherlich eine Nachricht und alle Sorgen waren umsonst.
Rosie schluckte schwer und erwiderte Frodos ruhigen Blick dann doch, wenn auch nur widerwillig.
Glaubst du das?
Ja, Rosie, das glaube ich. Das waren keine Mörder! Glaub mir... den Unterschied kenne ich.
Mit diesen Worten, die er plötzlich als so falsch empfand, die ihn unabsichtlich tief verletzten, drehte er sich um und verschwand in Beutelsend.
Er hatte gesagt, was er dachte, aber das erinnerte ihn plötzlich schmerzhaft an seine eigene grausame Vergangenheit, und er wußte, was sein Junge jetzt durchmachte, war wohl kaum viel besser.
Er prallte im Flur fast mit Frodo zusammen, der rastlos umherlief und sich nutzlos vorkam. Sams Sohn platzte einfach vor Tatendrang, dem er keine freien Lauf lassen konnte, und das machte ihn verrückt.
Onkel Frodo... ist mit Mama und Papa alles in Ordnung? fragte der Junge.
Ach, ich weiß nicht. Eigentlich ja, aber auf der anderen Seite wieder nicht. Wir brauchen einfach eine Nachricht, die nicht kommt!
Der junge Frodo nickte langsam. Ich werde heute Nacht wieder Wache halten, aber du mußt mir dabei nicht helfen. Ich weiß ja überhaupt nicht, ob jemand kommt... die lassen uns noch länger hängen. Aber solange sie den Kleinen nichts tun, soll mir das recht sein.
Damit sprach er weise, wie Frodo fand, und er klopfte dem Jungen anerkennend auf die Schulter. Er war so ein besonnener junger Mann geworden, ganz anders als der ungezogene Bengel, der er einst war. In dieser Situation zeigte er allen, wozu er fähig war.
Komm, wir sollten etwas essen, sagte Frodo und begab sich in Richtung der Küche. Sein Namensvetter folgte ihm langsam.
Es wurde kein besonders vergnüglicher Abend mehr. Das Essen wurde fast durchweg schweigend eingenommen, das übliche Chaos und Kindergeschrei blieb völlig aus. Alle in Beutelsend waren wie gelähmt. Sie reagierten alle völlig unterschiedlich auf die Situation, die Kleinsten waren besonders traurig, genau wie Rosie. Liliane hielt sich plötzlich auffällig stark aufrecht, genau wie ihre Tochter, die mit fast bösem Gesicht da saß und fast den Anschein erweckte, als würde sie die Entführer zum Frühstück verspeisen wollen. Sie wollte unbedingt ihren Bruder und ihren besten Freund zurück!
Viele Blicke ruhten nicht nur auf den Eltern, sondern auch auf ihr. Der junge Frodo, der sich zwar auch Sorgen machte, aber am muntersten erschien, wollte am liebsten für jeden einzeln etwas tun und die Entführer ungespitzt in den Boden stampfen.
Und als alle im Bett lagen und zu schlafen versuchten, saß er in der Dunkelheit an einem Fenster und starrte hinaus in die mondfahle Nacht, lauschte auf das Zirpen der Grillen und die Schreie von Katzen, die sich bekriegten.
Ansonsten war nichts zu hören. Frodo blieb dennoch so lang sitzen, bis er die Augen gar nicht mehr aufhalten konnte, und dann legte er sich auf ein paar Kissen in eine Decke eingerollt vor die Haustür und lauschte bis in den Schlaf auf alles, was sich regte oder auch nicht.
In der Nacht war alles ruhig geblieben. Als Frodo am nächsten Morgen von seinem Vater geweckt wurde, spähten die beiden gemeinsam vor die Haustür, um dann feststellen zu müssen, daß auch in dieser Nacht keine Nachricht gekommen war.
Das war der Augenblick, in dem ihr Mut bis in den Keller sank. Frodo schluckte hart und blickte zu seinem Vater, der stumm in die Höhle zurückging und sich in der Küche auf die Bank sinken ließ.
Papa, hab keine Angst... Onkel Frodo hat doch gestern gesagt, daß das bestimmt Absicht ist! Die wollen uns nur verrückt machen...
Dann erreichen sie damit ihr Ziel, antwortete Sam tonlos.
Frodo wußte nichts zu erwidern. Auch in sein Herz schlichen sich langsam Zweifel, denn es war ebenso möglich, daß sie den Jungs tatsächlich etwas zuleide getan hatten.
Er rührte sich nicht, bis sich langsam Leben in Beutelsend regte. Sein Onkel kam als nächster, rieb sich die Augen, als er die Küche betrat, und stellte gar nicht erst eine Frage, als er sah, daß sein Neffe und Sam stumm ohne irgendeine Nachricht dort saßen.
Er setzte sich schweigend dazu, nachdem er sich ein Glas frische Milch eingegossen hatte, und starrte auf den Tisch.
Als Rosie wenig später die Küche betrat und die drei so vorfand, traten ihr die Tränen in die Augen.
Sagt, daß das nicht wahr ist... brach sie das Schweigen, aber sie erhielt keine Antwort. Sam stand auf und umarmte sie tröstend, aber hatte keinen Erfolg.
Wir haben gesehen, daß sie ihr Versteck verlassen haben. Hätten sie ihnen etwas angetan, hätten sie es sofort tun können, aber da war nichts, nicht einmal eine Spur. Sie leben noch! Es kommt wieder in Ordnung, sagte diesmal der junge Frodo ganz ruhig. Das zeigte diesmal tatsächlich Erfolg, denn dieses Argument mußte sogar Rosie einleuchten.
Nach und nach regte sich Leben in Beutelsend, aber daß sofort die Hoffnungen auf Nachricht niederschmetternd vernichtet wurden, hatte unmittelbare Folgen. Das Frühstück fiel fast aus, die Stimmung war bald noch schlechter als am Vortag und der junge Frodo begann höchst nervös, im ganzen Smial herumzulaufen und zu überlegen, wie er sich nützlich machen konnte.
Irgendwann stieß er dabei auf Melethiell, die ihren Kopf trübsinnig in die Hände gestützt hatte und traurig aus dem Fenster starrte.
Hallo Kleine, sagte er und setzte sich mit einem schiefen Lächeln neben sie. Meli drehte den Kopf und erwiderte das Grinsen bemüht.
Frodo, wenn du was machst, nimmst du mich bestimmt mit, oder? fragte sie.
Was soll ich denn machen?
Na, wenn du die beiden suchen gehst oder so. Du hast schon so viel getan und wenn du wieder etwas tust, möchte ich dabei sein!
Meli, du bist denen zweimal knapp entkommen. Ich will nicht, daß...
Unsinn, die fangen bestimmt keinen mehr ein! Und wenn du dabei bist, finden sie uns sowieso nicht. Oder?
Sie sah ihn bestimmt an. Frodo mußte lachen.
Du bist schlimm. Wer sagt denn überhaupt, daß ich was mache?
Ich sage das!
Jetzt lachten die beiden, das erste Lachen in Beutelsend seit viel zu langer Zeit, und es war direkt auffällig.
In Ordnung, versprach Frodo und meinte es auch so. Irgendwo hatte er doch gar kein Recht, ihr das zu verwehren, und tun würde sie doch trotzdem, was sie wollte.
Ich will Fael und Krümel wiederhaben, murmelte Melethiell leise. Frodo strich ihr freundschaftlich über die Schulter.
Irgendwie ging dieser Tag langsam und schleppend vorüber, und als die Vorbereitung des Abendessens anstand, rechnete niemand mehr damit, als auf einmal ein Klopfen an der Tür zu vernehmen war.
Sam zuckte zusammen und ließ es sich nicht nehmen, als erster und wie verrückt zur Tür zu eilen und sie hastig zu öffnen.
Jeder in Beutelsend verfiel in Schweigen und lauschte auf das, was sich da an der Tür bewegte.
Ein Halbwüchsiger, ein Hobbit fast aus der Nachbarschaft, nämlich einem der näheren Dörfer, stand da mit einem Brief in der Hand und sagte: Das ist für Sie, Herr Bürgermeister, und für Herrn Beutlin!
Sam schluckte hart. Mit zitternder Hand nahm er den Brief entgegen und fragte: Woher hast du den?
Da kam jemand, den ich nicht kenne, und gab mir Geld, den Brief zu überbringen...
Ohne Umschweife rief Sam Meli, Pippin und Merry herbei, damit der Junge ihnen schildern konnte, wie der Hobbit ausgesehen hatte.
Das war einer von denen, da bin ich sicher, stellte Pippin fest, als er zu wissen glaubte, daß der Junge von Folco sprach.
Danke, sagte Sam noch zu dem Jungen und eilte dann mit den Kindern hinein in die Küche, um den versiegelten Brief zu öffnen und zu lesen.
Den Denkzettel habt ihr hoffentlich verstanden! Sie sind nicht tot, wir haben euch nur mit Absicht zappeln lassen, damit ihr begreift, daß man uns keine Fallen stellt! Ihr habt morgen die letzte Chance, die beiden Kinder lebend zurückzubekommen.
Wir sind morgen um zwölf Uhr mittags am Dreiviertelstein und erwarten die Väter mit dem Geld und ohne eine Falle! Dann wird den Kindern nichts geschehen.
Einen Absender trug der Brief natürlich nicht, aber das störte niemanden in dieser Situation. Alle waren einfach nur erleichtert, daß sie endlich etwas wußten und keine Angst mehr haben mußten. Rosie fiel Liliane um den Hals und Sam freute sich fast, daß sie einen erneuten Erpresserbrief bekamen. Er ließ sich lieber erpressen als dem Wahnsinn zu verfallen.
Darauf könnt ihr euch verlassen, murmelte Frodo leise und warf Sam ein Lächeln zu. Und wie sie die beiden retten würden!
Mandor bewachte das Gefängnis der Kinder wirklich sorgfältig. Den ganzen Tag saß er davor und stierte Berod an, der wie ein gefangenes Tier auf und ab lief, ihm fürchterlich auf die Nerven ging und immer wütender zu werden schien.
Mandor hatte selten einen größeren Fehler in seinem Leben gemacht als bei dieser Entführung. Er hätte sich niemals darauf einlassen dürfen, denn sie hatten die Hobbits alle so unterschätzt... und die Situation war ernster als jemals angenommen. Es war eben doch kein Kinderspiel.
Jetzt ging es nicht mehr um leicht verdientes Geld. Jetzt ging es darum, die eigene Freiheit zu retten, sich für die Mühen vielleicht noch entlohnen zu lassen, aber in erster Linie mußte er darauf aufpassen, daß Berod die beiden Jungs nicht umbrachte. Mittlerweile, das sah er ihm genau an, beabsichtigte er das wirklich.
Er war bald dafür, den Eltern endlich eine Nachricht zukommen zu lassen, sagte das aber nicht laut. Er wollte nicht wieder von Berod niedergemacht werden für irgendwas, was er sagte. Halb totgeschlagen nützte er den beiden Kindern nicht mehr viel.
An diesem Tag gescah nicht mehr viel, es wurde kein Brief verfaßt, sie aßen nur noch zu Abend und als er müde wurde, rollte er sich in seiner Decke auf der Falltür zusammen und schlief ein.
Die Jungs waren in einem besseren Zustand gewesen als angenommen, als er ihnen etwas zu essen gebracht hatte. Natürlich würden sie es noch durchhalten, solange der kleine den großen hatte, ging das besser.
Berod störte Mandor in der Nacht nicht, er hielt mit Rufus und Folco abwechselnd Wache, irgendwann schliefen sie dann alle und am nächsten Morgen verließ er seinen Wachposten sogar kurz zum Frühstück.
Ich bin dafür, daß wir heute eine Nachricht schicken, sagte Folco irgendwann und machte damit einen großen Fehler, weil er Berod damit sofort wieder aufregte.
Was? Vor heute Nacht bestimmt nicht, sonst können wir uns euren Ordnungshütern gleich zusammen präsentieren!
Die haben zuviel Zeit, sich etwas zu überlegen, und außerdem dürften sie jetzt mürbe genug sein, stimmte Mandor Folco zu und stellte sich damit nun auch gegen Berod.
Stellt euch doch nicht dümmer an, als ihr seid! Vor heute Nacht wird nichts geschickt, das sind die selbst schuld. Die tun jetzt nichts, das bringen die nicht fertig!
Wir sollten es nicht übertreiben, warf Folco dann ein. Mandor nickte bekräftigend und Rufus hielt sich vorsorglich aus der Diskussion heraus, weil ihm sein Leben lieb war.
Stellt euch nicht so an! brüllte Berod wütend. Er dachte nicht mehr nach, er hatte einfach nur genug, er wollte die Jungs wirklich am liebsten tot wissen, und als Mandor trotzig aufstand und zu Feder und Papier greifen wollte, baute er sich aggressiv vor ihm auf.
Was hast du da vor? zischte er gefährlich.
Ich werde den Brief jetzt schreiben, es reicht inzwischen! Du weißt nicht mehr, was du hier erzählst!erwiderte Mandor ruhig.
Und ob ich das weiß! Ich glaube, ich sollte dir mal erzählen, was du am besten nicht tust! Dazu gehört dieser Brief! Wie willst du den überbringen? Ich warne dich!
Stell dich gefälligst nicht so an!
Das war zuviel für Berod, der nur sehr schlecht ertragen konnte, wenn jemand Widerstand leistete. Es war ihm in diesem Moment nicht klar, daß Mandor sogar die gleichen Worte benutzte wie er zuvor, er war einfach nur noch wütend.
Mandor wußte, wann es gefährlich wurde, und er war rechtzeitig gewarnt, als Berod die geballte Faust in Richtung seiner Nase vorschnellen ließ. Mandor sprang zurück und holte nun seinerseits zu einem verteidigenden Schlag aus, was Berod nicht auf sich sitzen lassen wollte.
Oh nein! Ich wüßte nicht, daß ich dich neuerdings zum Vorsteher unserer Gruppe gemacht hätte, also spiel dich nicht so auf! Er lief auf Mandor zu, wollte ihn an die Wand stoßen, aber erwischte ihn nur an der Schulter und griff dann vor lauter Wut wieder zu seinem Dolch, mit dem er Mandor am selben Arm zerschrammte wie schon zuvor im Wald.
Berod, du bist wahnsinnig! Hör endlich auf! brüllte Mandor und sah, wie Folco und Rufus fast einschreiten wollten, winkte aber ab.
Ich bring sie jetzt um, ich habe es satt!
Das wirst du nicht!
Die Jungs lauschten mit angstgeweiteten Augen auf das Gerangel über ihren Köpfen. Mandor hatte ihnen, wieder einmal unmaskiert, erst Frühstück gebracht und dann war alles leise gewesen, aber kurz darauf hatte die Auseinandersetzung begonnen und jetzt hörten sie das Gebrüll, das sich mit ihrem Leben und Tod befaßte.
Perhail war in der Tat nicht mehr so frech und mutig, wie er es sonst immer war, er hatte einfach nur noch Angst vor diesem großen brüllenden Menschen, der sie töten wollte.
Krümel... brachte er unter Schluchzen hervor und klammerte sich an den älteren Jungen, der schützend die Arme um ihn gelegt hatte.
Hör doch, der andere schützt uns, es wird nichts passieren...
Wieder einmal derselbe Satz, aber mit jedem mal, den er ihn aussprechen mußte, sank seine Überzeugung, daß er wirklich die Wahrheit sprach. Zu oft war Berod über ihren Köpfen herumgetobt und hatte davon gesprochen, sie umzubringen.
Perhail weinte laut, er wollte nicht hören, was da oben geschah. Krümel mußte sich wirklich anstrengen, um den kleinen Jungen zu beruhigen, er wußte nicht, wie er Melis Bruder helfen konnte, im Notall war er doch hilflos.
Das Gebrüll setzte sich fort, die Dielen knarrten bedrohlich, dann ein unterdrückter Schrei und ein lauter, dumpfer Aufprall genau über ihren Köpfen. Jetzt zuckte sogar Hamfast zurück. Perhail schrie.
Ruhig... alles ist gut, flüsterte Hamfast und hatte diesmal doch endlich recht, denn Mandor hatte Berod die Kante eines der Stühle in den Nacken geschlagen, den er zur Verteidigung ergriffen und auf ihn niedergeschmettert hatte.
Alles wurde wieder ruhig.
Mandor hatte jedoch Perhails panischen Schrei gehört und rollte Berod zur Seite, damit er die Falltür öffnen und zu den Jungs hinabschauen konnte.
Er tut euch erstmal nichts mehr, sagte er zuerst und lächelte. Krümel zuckte erst zusammen, als die Tür sich öffnete, aber als er Mandor sah, war er erleichtert.
Der liegt jetzt hier und rührt sich nicht mehr. Ich werde euren Vätern schreiben, dann kann er nichts mehr machen. Sie werden den Brief heute bekommen und morgen seid ihr dann wieder zuhause! Das verspreche ich euch.
Mehr sagte er nicht, als er die beiden wieder einschloß. Mehr brauchten sie aber auch nicht.
Damit setzte er sich wirklich endlich an den Tisch, nahm Blatt und Feder zur Hand und überlegte sich, was er schreiben wollte.
Er hatte Berod derart niedergeschlagen, daß dieser sich für einige Zeit nicht mehr rührte und einfach liegenblieb, wo Mandor ihn hingerollt hatte.
Nimm den Brief, sagte Mandor schließlich zu Folco, und gib ihm irgendjemanden, damit er ihn als Bote überbringt. Es muß jetzt sein, aber keiner von uns sollte das tun. In Ordnung?
Folco nickte und ging an Rufus vorbei, der stumm in der Tür stand und Mandor bisher nur angestarrt hatte.
Natürlich hat er nicht Recht, sagte er, als Folco fort war. Berod dreht noch völlig durch. Aber du solltest ihn nicht noch mehr aufregen!
Hör bloß auf. Wenn er das noch einmal tut, werde ich dafür sorgen, daß wir die Jungs laufen lassen! Das geht so nicht weiter. Sie umzubringen wäre doch verrückt und sinnlos!
Laufen lassen? wiederholte Rufus.
Ja! Das hier haben wir uns alle anders vorgestellt, aber ich werde nicht das Blut von Kindern vergießen oder dabei zusehen! Oh nein!
Aber ich will das Geld!
Mandor zuckte mit den Schultern. Jetzt mit Rufus Standpunkte auszudiskutieren lag nicht in seinen Absichten, es ging ihm ja nicht darum, die Jungs laufen zu lassen, sondern sie zu retten. Und wenn das nicht anders ging, als sie laufen zu lassen, mußte das eben so geschehen.
Zehntes Kapitel: Betrug am Dreiviertelstein
Eigentlich hatten alle mitkommen wollen, aber da Frodo und Sam fürchteten, dies könnte als Zuwiderhandlung gegen die getroffene Abmachung angesehen werden, hatten sie allein eingeschärft, zuhause in Beutelsend zu bleiben. Sie würden ganz allein zum Dreiviertelstein gehen und die Schätze übergeben, da gab es gar keine Diskussion.
Frodo trug sie wieder in dem Beutel auf den Armen, während Sam argwöhnisch jede Bewegung in der Umgebung beobachtete, jederzeit bereit, Stich sofort zur Verteidigung zu ziehen.
Sie würden die Jungs jetzt nach Hause holen. Zwar waren sie auch von Angst geplagt, aber auf der anderen Seite glaubten sie nicht daran, daß wieder etwas schiefgehen würde. Niemand außer allen in Beutelsend wußte von der Übergabe, kein Landbüttel hatte Verdacht geschöpft, was sollte also passieren?
Es durfte nichts passieren. Es ging heute um alles, um das Leben der Kinder, das sie nicht gefährden durften.
Sie liefen querfeldein seit etwas über einer Stunde, es war ein ganzes Stück bis ins Zentrum des Auenlandes, aber sie lagen gut in der Zeit.
Warum hier und nicht woanders? überlegte Sam laut. Diese Frage hatte Frodo sich auch schon gestellt und keine Antwort darauf gefunden.
Sie müssen sich entweder an einem ganz anderen Ort versteckt haben, der weiter von Hobbingen entfernt liegt als das alte Versteck, oder sie wollen nicht wieder an denselben Ort gehen, weil sie erneut eine Falle wittern. Oder beides... ich weiß es nicht.
Und tatsächlich war beides der Fall. Der Dreiviertelstein war ein guter Treffpunkt, der nur von einigen vereinzelten Bäumen und Büschen, jedoch keineswegs von einem ganzen Wald umgeben war. Somit war er gut einzusehen.
Der Himmel hatte sich grau zugezogen, aber es war noch immer drückend schwül. Ihnen schwirrten die Insekten nur so um die Köpfe, je tiefer sie in die Wiesen gerieten, ihnen strömte der Schweiß nur so über den Körper, besonders Frodo, der die Reichtümer trug und sich das um keinen Preis nehmen lassen wollte.
Er wußte schon, wofür, er würde sie nicht hergeben, bis er wirklich mußte.
Und obwohl sie viel zu früh von Beutelsend losgegangen warenn, waren die Entführer dennoch früher an Ort und Stelle als sie, jedoch fehlten einer der Menschen und ein Hobbit. Nur zwei waren dort, und sie hatten die Kinder nicht bei sich.
Frodo und Sam sahen die beiden bereits von weitem dort stehen und sahen sich aufgeregt an, doch noch wußten sie ja nicht, was der Grund dafür war, daß sie allein dort waren.
Berod und Rufus hatten sie bereits entdeckt und wandten sich ihnen zu. Sam und Frodo wurden langsamer und aufmerksamer, weil sie nicht wußten, was ihnen dort begegnen würde.
Wo sind die Kinder?
Es war Sam, der zuerst sprach, er konnte sich nicht zurückhalten und sah herausfordernd zu den beiden Männern, die sich zwar ihre Kapuzen tief in die Gesichter gezogen hatten, aber nicht mehr so sorgfältig maskiert waren wie zuvor.
Sie sind hier. Aber diesmal machen wir das anders, damit ihr uns nicht mehr hereinlegt! Ihr übergebt uns erst diese Sachen, dann lassen wir die Bengels laufen, sagte Berod und zeigte sich unbeeindruckt ob Sams entsetzter Reaktion.
Nein, ich will ein Lebenszeichen von ihnen! Wo sind sie? Frodo, gib ihnen nichts, bis wir nichts von den Jungs wissen!
Herr Bürgermeister, sagte Berod erstaunlich ruhig. Ich wüßte nicht, welchen Grund wir hätten, die Bälger umzubringen. Sie sitzen hier hinter einem dieser Büsche, keine hundert Fuß von uns entfernt, und wenn ihr uns jetzt gebt, was wir verlangen, könnt ihr sie mit nach Hause nehmen!
Sam schnappte nach Luft und wollte etwas sagen, aber nun schaltete Frodo sich ein.
Wir müssen es tun. Komm, Sam, ich gebe ihnen den Beutel und dann ist es vorbei!
Aber Herr Frodo, was, wenn...
Frodo hob abwehrend die Hand und brachte Sam damit zum Schweigen. Er wandte sich ab von Berod und Folco und flüsterte Sam ins Ohr: Erstens glaube ich ihm und zweitens... wenn er lügt und sie tot sind, ist es mir ganz egal, was hiermit geschieht. Sam, es sind nur die Reichtümer, darum tut es mir nicht leid! Ich gebe sie jetzt ab.
Sam schluckte schwer und nickte. Frodo hatte Recht, sie hatten keine Wahl und waren die Jungs tatsächlich tot, war es wirklich gleichgültig, was mit den Schätzen geschah. Behielten sie sie, machten sie die Kinder auch nicht wieder lebendig...
Und doch gefiel ihm etwas an der Situation nicht.
Er ließ Frodo gewähren, der nun auf Berod zuging mit gesenktem Kopf und drei Fuß von den Entführern entfernt den Beutel ins Gras fallen ließ. Das Gold und die Reichtümer klirrten und schepperten, was beiden Männern ein gieriges Glänzen in die Augen zu zaubern schien und Frodo einen Schauer über den Rücken jagte, aber dann ging er einige Schritte zurück und sagte: Jetzt laßt sie gehen. Ihr habt, was ihr wollt.
Berod trat vor, hob den Beutel auf und warf einen flüchtigen, von einem zufriedenen Grinsen begleiteten Blick hinein, bevor er plötzlich mit einem Ruck sein altes Schwert zog und hastig mit Folco einige Schritte zurücklief.
Danke auch! rief Berod und lachte. Viel Spaß bei der Suche nach euren Bälgern, wir werden euch nicht helfen! Und wagt es ja nicht, uns zu folgen, dann seid ihr tot!
Frodo wollte etwas sagen, aber er konnte nicht. Stellvertretend zog er sein Schwert, wozu er noch mehr in der Lage war als Sam, auch wenn seine Hand gehörig zitterte.
Nein! Was soll das heißen? Was habt ihr mit ihnen gemacht? brüllte er unter Tränen, aber er rührte sich nicht vom Fleck.
Gar nichts! Sonst wären sie ja jetzt hier! erwiderte Berod spöttisch, er hatte es rücklings über die Schulter zu ihnen gerufen, während er mit Folco davonrannte.
Sam ging schluchzend neben Frodo in die Knie, welcher fassungslos dastand, sein Schwert fallen ließ und auf seine leeren Hände starrte, mit denen er nun nach Beutelsend zurückkehren mußte.
Bei den Valar, dachte er, sie hatten sie sterben lassen, oder vielleicht lebten sie noch und waren irgendwo so gut versteckt und eingesperrt, daß sie sie niemals finden würden...
Sam neben ihm weinte hemmungslos, was ihn erst seine eigenen Tränen bemerken ließ. Stumm weinend stand er da, mit zitternden Knien, und sah unablässig seinen Sohn tot vor sich, seinen kleinen Fael, den er doch über alles liebte...
Nein, wisperte er tonlos. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte...
Er wußte, er würde daran nicht weniger zerbrechen als Liliane, und an seine Tochter dachte er gar nicht erst, die Bruder und Gefährten auf einen Schlag verloren hatte und selbst dem Tode nur knapp entronnen war...
Oh nein... flüsterte er, immer und immer wieder, dann kniete er sich zitternd neben Sam, laut weinend, und zog ihn in seine Arme.
Die beiden klammerten sich aneinander, sie versuchten einander Halt zu geben, aber es wollte nicht gelingen.
Sie konnten es nicht glauben. Ihre Jungs waren fort, wahrscheinlich tot, und kehrten niemals wieder nach Hause zurück.
Das wollte auch Sam nicht tun. Ihm wurde übel bei dem Gedanken daran, jetzt nach Hause zurückgehen und Rosie ins Gesicht sagen zu müssen, daß er ihr den Sohn niemals wiedergeben konnte.
Er konnte nicht und er würde nicht, er wollte nicht, er war unfähig dazu.
Frodo wollte sich die Hände am liebsten abschlagen, durch die ihm alles entronnen war, er würde seinen Sohn niemals wiedersehen, niemals mehr in die Arme schließen können.
Fael... er dachte immer nur an ihn und er dachte an Melis aufgeweckten Freund, Sams Sohn, der Sam so stolz gemacht hatte wie jedes andere seiner Kinder.
Sam hatte es bisher immer geschafft, für jedes einzelne seiner Kinder da zu sein, aber jetzt hatte er einen Sohn im Stich gelassen.
Das warf er sich zumindest selbst vor, denn er sah jetzt Rosie vor sich, wie sie ihm vorwarf, untätig herumzusitzen, und genau das hatte Krümel das Leben gekostet.
Er hatte ihn selbst auf dem Gewissen, seinen Sohn...
Wie sollten sie die Kinder finden?
Sie waren tot oder zum Sterben irgendwo zurückgelassen, sie würden sie niemals finden, denn wo sollten sie mit der Suche beginnen?
Sams Tränen wollten genausowenig versiegen wie seine. Er hatte noch überlegt, ob er nicht den Entführern folgen sollte, er hatte doch schon schlimmeren Gefahren ins Auge geblickt, aber sie waren so schnell aus seinem Blickfeld verschwunden, daß er gar nicht wußte, wo er sie suchen sollte.
Warum haben sie das getan? fragte Sam schluchzend. Warum haben sie die unschuldigen Kinder umgebracht? Warum in aller Welt??
Frodo schluckte hart und erwiderte mit bebender Stimme: Ich weiß nicht, Sam. Ich weiß es doch nicht... aber... ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt, bis ich sterbe oder sie gefunden habe, und dann werde ich sie fragen, bevor ich ihnen das zurückzahle...
Sam wunderte sich nicht über Frodos Worte, wie sie im Haß gesprochen waren, denn seine eigene Verfassung war eine ähnliche.
Er nickte stumm. Die Idee war gut. Es war das einzige, was noch geblieben war.
Wir gehen vorher nicht nach Hause, sagte Sam dann, weil er übergroße Angst vor der Heimkehr hatte, aber Frodo redete ihm das aus.
Nein, Sam, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, das wäre nur noch schlimmer für sie. Wir müssen doch zu den Kindern zurück, und zu Rosie und Liliane...
Nein, nein, ich kann nicht! rief Sam und stand auf. Seine Augen waren tränenfeucht und er sah wirklich so aus, als hätte er große Angst, aber Frodo sagte ihm, daß das nicht sein durfte.
Ich weiß auch nicht, was wir jetzt tun sollen, aber nach Beutelsend müssen wir gehen. Du kannst doch nicht davonlaufen! Ach Sam... Er umarmte ihn freundschaftlich. Die Tränenspuren in Sams Gesicht sprachen zwar eine ganz eigene Sprache, doch das war kein Argument, sich im eigenen Schneckenhaus zu verkriechen.
Wir gehen nach Hause. Komm, Sam, wir gehen gemeinsam nach Hause...
Er legte seinen Arm um die Schultern seines Freundes, um ihm Trost zu spenden, und lenkte ihn vorsichtig auf den Heimweg.
Er hatte das Gefühl, niemals zuvor einen derart schweren Gang angetreten zu haben, nicht einmal der Weg zum Schicksalsberg hatte ihm derart viel abverlangt.
Am liebsten wollte auch er einfach davonlaufen und sich verkriechen, was er aber nicht tun würde. Er wußte aus Erfahrung, daß das der falsche Weg war.
Auch wenn der andere unglaublich schwierig würde.
Es war eigentlich recht ruhig gewesen. Der Brief war fort und Berod eine ganze Weile bewußtlos gewesen, Krümel hatte alles belauscht und mit Perhail gesprochen, der zu Tode verängstigt war.
Er hatte irgendwann um Wasser für Fael gebeten, was Mandor ihm bereitwillig ausgehändigt hatte.
Morgen mittag ist es vorbei, sagte er dabei und ließ die Jungs dann in Ruhe.
Als Berod später wieder bei Sinnen war, fragte er nicht mehr nach, er griff in seine Tasche und zog eine kleine Schnapsflasche hervor, an deren Inhalt er sich eine ganze Weile festhielt.
Stumm starrte er auf den Tisch, dessen Kante er gewohnheitsmäßig mit seinem Dolch zu bearbeiten begann. Sie hatten einander nichts zu sagen in diesem Moment.
Mandor beobachtete seinen Kumpan skeptisch und umklammerte trotz allem seinen eigenen Dolch fest in der Hand, als er den Kindern etwas zu essen brachte.
Und wie er Berod angriff, wenn dieser den Jungs zu nah kam!
Aber es geschah nichts, bis sie sich schlafen legen wollten. Die Kinder hatten keinen Mucks mehr von sich gegeben, aber vergessen hatte Berod sie nicht.
Der Alkohol hatte ihn schläfrig und friedlich gemacht. Angetrunken rollte er sich in einer Decke zusammen.
Wann ist die Übergabe?
Mandor hob nicht einmal den Blick. Morgen mittag.
Gut. Mehr sagte Berod nicht.
Damit brach eine ruhige Nacht an, die dauerte, bis Berod am nächsten morgen frisch ausgeruht aufstand und rastlos in der Hütte herumlief. Er weckte die anderen nicht, aber allein durch sein Gerenne machte er Mandor ganz nervös, der schließlich die Augen aufschlug.
Und was wird das? fragte er und gähnte.
Ich hab die Nase voll. Ich will es hinter mich bringen! Welchen Treffpunkt habt ihr angesetzt?
Den Dreiviertelstein. Das ist gut machbar für alle.
Berod nickte. Damit war er einverstanden.
Dann müssen wir aber jetzt aufbrechen, sonst wird es zu spät!
Mandor nickte und weckte die Hobbits, damit sie sich auf den Weg machen konnten. Rufus und Folco begannen schlaftrunken, alles zusammenzupacken und zwischendurch zu frühstücken, während Berod immer noch rastlos durch die Hütte lief und schließlich durch die Tür nach draußen trat, die frische Morgenluft gierig in die Lunge saugend.
Mandor ging zur Falltür, die er öffnete, um dann die beiden Kinder hochzuholen.
Es geht los! rief er nach unten, was die Jungs strahlend zur Kenntnis nahmen. Fael schien noch glücklicher als Krümel, der ebenfalls fröhlich lächelte.
Kommt hoch.
Die Jungs taten, wie Mandor ihnen gesagt hatte, sie hatten in dieser Nacht einigermaßen geschlafen, nur waren sie damit ihren Entführern gegenüber diesmal im Vorteil.
Krümel hatte alle Sinne beieinander, als er nach oben kam und sich flink umschaute. Die beiden Hobbits waren in der anderen Ecke der Hütte beschäftigt, der gemeine Große war fort - und die Tür auf!
Er hörte auf zu denken. Krümel packte geistesgegenwärtig Perhails Hand und rannte, er hechtete zur Tür, daß er dabei fast das Gleichgewicht verlor, ebenso wie Fael, der sich durch den plötzlichen Ruck an seinem Arm fast auf dem Boden wiedergefunden hätte, aber auch er fing sich noch.
Die Jungs rannten wie um ihr Leben. Krümel hastete durch die Tür, zerrte Perhail wie wahnsinnig hinter sich her und sah nicht zurück, als er Mandor brüllen und Berod hinter sich toben hörte.
Lauf! rief er zu Perhail und sprang mitten ins Unterholz des sie umgebenden Waldes, er rannte so schnell, daß ihm schon nach dieser kurzen Strecke fast die Luft wegblieb, aber er gab nicht auf.
Perhail war zwar kleiner und jünger als er, aber auch er wußte, um was es ging und strengte sich deshalb so sehr an, wie er konnte. Irgendwie schaffte er es, mit Hamfast Schritt zu halten, der immer weiter rannte zwischen Bäumen und Büschen durch, über Wurzeln hinweg und auch über ein kleines bachähnliches Rinnsal, immer weiter und weiter.
Die Entführer brüllten hinter ihnen her, sie drohten und fluchten, aber als Hamfast sich einmal umschaute, konnte er keinen von ihnen sehen und schloß dankbar lächelnd die Augen, weil sie es geschafft hatten.
Und sie liefen weiter, bis sie wirklich keine Kraft mehr hatten und hinter ihnen im Wald alles totenstill war. Sie hatten Haken geschlagen und waren ihren Verfolgern auf jede erdenkliche Art ausgewichen, immer den Vorteil für sich nutzend, daß sie kleiner und flinker waren als die großen Menschen und die Hobbits waren ohnehin erst zu spät gekommen.
Als sie sich sicher sein konnten, daß eine Pause keine Gefahr bedeutete, ließen sie sich in einem Fichtenwäldchen zwischen den dicht stehenden Baumstämmen nieder und verschmolzen mit der Düsternis am Boden. Keuchend lehnte Perhail sich an Hamfast, der grinsend an einem umgestürzten großen Pappelstamm lehnte, der mitten in den Wald hineingestürzt war vor Jahren und mittlerweile wieder überwuchert war.
Ich fasse es nicht! entfuhr es Krümel irgendwann und er lachte leise. Perhail sah ihn belustigt und mit glitzernden Augen an.
Du bist wirklich klasse. Ich bin fast vor Schreck gestorben, als du mich gepackt hast und einfach hinausgerannt bist! Ich wußte gar nicht, was du da machst!
Krümel grinste. Das wußte ich selbst auch nicht. Ich habe nur gesehen, daß wir fortlaufen können, und dann dachte ich einfach, daß wir das tun sollten. Wenn wir jetzt rechtzeitig zuhause sind, können wir Papa und Onkel Frodo davon abhalten, die Schätze zu bezahlen!
Faels Augen begannen zu leuchten. Oh ja, das ist toll! Das machen wir. Aber wo sind wir hier?
Seine eigentlich harmlos gemeinte Frage holte die Jungs in die Wirklichkeit zurück. Sie hatten keine Ahnung, wo sie sich befanden, wo dieser Wald war und wo er aufhörte, wo sie dann auskamen...
Ich habe keine Ahnung, murmelte Krümel. Aber ich glaube, die verfolgen uns noch weiter, denn wenn sie uns nicht haben, können sie die Schätze doch nicht bekommen! Wir müssen aufpassen, die wissen besser als wir, wo wir überhaupt sind.
Dann sollten wir jetzt gehen! stellte Fael nüchtern fest und stand wieder auf. Er war genügend bei Kräften, jetzt nach Hause zu gehen.
Wir finden schon einen Weg, stimmte Krümel zu, nahm Perhail an der Hand und suuchte nach dem Stand der Sonne, die allerdings unter einigen dünnen Schleierwolken halb verdeckt war.
Also wenn sie dort steht... dann müssen wir genau in die andere Richtung gehen, weil da ist dann Westen... oder?
Weiß ich nicht, antwortete Perhail. Er wußte gar nicht genau, wovon Hamfast überhaupt sprach, doch da dieser wußte, daß es früh am Morgen war und der Stand der Sonne ihm deshalb besonders gut half, wußte er, wohin sie laufen mußten.
Und was, wenn wir aber im Westen sind und nach Osten müssen? Oder vielleicht sind wir im Schiefertonwald...
Krümel schüttelte den Kopf. Nein, der sieht anders aus, und das wäre zu einfach... nein, das hier ist ein Wald, den ich nicht kenne. Und ich glaube, wir müssen nach Westen. Frag mich nicht, warum! Ist auch eigentlich egal, wir müssen erstmal aus dem Wald heraus.
Perhail zuckte mit den Schultern und folgte Hamfast einfach, der tatsächlich den richtigen Weg gewählt hatte, wie sich allzu bald herausstellte. Der Wald war nicht besonders groß und so hatten sie bald das Ende erreicht, was ihnen noch in anderer Hinsicht behilflich war.
Welcher Bach ist das? fragte Fael und zeigte auf den Wasserlauf etwa hundert Fuß entfernt von ihnen. Hamfast zögerte kurz, bevor er antwortete.
Der Brandywein ist es schon einmal nicht... dann entweder der Distelbach oder die Auenbronn, aber das glaube ich nicht, so weit sind die nicht mit uns gelaufen. Das hätte einen Tag gedauert. So kann es eigentlich nur die Wässer sein... und sie fließt... ja, dann sind wir richtig, müssen einfach weiter gehen!
Und das taten sie. Nördlich von Froschmoorstetten bewegten sie sich in Richtung Wasserau, wie Krümel alsbald feststellte mit einem gewissen Gefühl des Triumphes und der Erleichterung. Er führte Fael an der Hand, als sie durstig waren, tranken sie vom klaren Wasser des Bachlaufes neben ihnen und huschten weiter von Versteck zu Versteck, wohlwissend, daß man sie wahrscheinlich verfolgte.
Dem war auch tatsächlich so, nur hatten die Entführer die Spur inzwischen längst verloren und liefen so völlig falsch, ohne noch eine Aussicht zu haben, die Kinder zu finden.
Bald brannte die Mittagssonne auf die beiden Ausreißer hinab, bevor sie wieder von den Wolken verdeckt wurde. Sie hatten nicht mitangehört, wo die Übergabe stattfinden sollte, aber ihr Weg führte sie ohnehin ohne Umschweife direkt nach Hobbingen, ein anderes Ziel konnten sie in diesem Moment gar nicht haben.
Da vorn! Da ist das erste Haus! krähte Perhail irgendwann aufgeregt. Hamfast lächelte und lief fröhlich weiter mit dem Kleinen an der Hand.
Ihre Eltern würden Augen machen! Ob ihre Väter schon aufgebrochen waren, vermochte Hamfast nicht zu sagen, weil der Stand der Sonne nicht zu eindeutig war. Es konnte halb zwölf oder halb eins sein, was jedoch einiges ausmachte... und vielleicht nichts, weil Frodo und Sam bestimmt schon fort waren.
Aber die Entführer konnten die Schätze doch gar nicht verlangen! Jetzt hatten sie keine Geiseln mehr...
Beschwingt und guter Dinge spazierten die beiden fast im Laufschritt den Bühl hinauf. Jetzt waren sie stundenlang über Wiesen und Felder gelaufen, stetig ihrem Heimatdorf entgegen, was Krümel schnell durch Zufall hatte finden können.
Und dann bogen sie um die Ecke und konnten in den Garten von Beutelsend blicken. Es wunderte sie nicht, die Hälfte aller Bewohner des Smials im Garten vorzufinden, denn sie hielten das Warten in der Höhle nicht aus und hatten sich so doch endlich im Garten versammelt, um sofort zu sehen, wann Frodo, Sam und die Jungs zurückkamen.
Ein Stimmengewirr erhob sich, als die beiden Jungs in Sichtweite kamen. Rosie und Liliane sprangen als erste auf, gefolgt von ihren Kindern, die schrien und jubelten, als sie die beiden erblickten, und sie liefen alle auf einmal zum Gartentor, lachend und außer sich vor Freude.
Und dann sah Hamfast Melethiell. Sie sprang in die Luft und drängelte sich an allen vorbei, um zu ihm zu gelangen, sie strahlte übers ganze Gesicht.
Er blieb stehen, weil er sich nicht traute, auf sie zuzulaufen. Krümel schluckte schwer und rang nach Luft, er bekam es im Angesicht Melis mit der Angst zu tun und wollte weglaufen, einem unbestimmten Impuls nachgeben, aber er tat es nicht.
Sie, die nichts ahnte, ließ sich dadurch aber nicht abschrecken. Da war er endlich wieder, sie hatte ihn so vermißt, sich so nach ihm gesehnt, und jetzt konnte sie ihn endlich wieder in die Arme schließen.
Sie tat es. Sie sprang ungehalten auf ihn zu mit ausgebreiteten Armen und schloß ihn fest in eine liebevolle Umarmung, drückte ihn an sich und lachte unter Tränen, strich mit einer Hand über den Rücken und wußte, daß alles gut war, als sie seine Wärme und sein Herzrasen spürte, wie er zitterte und bebte.
Krümel, endlich bist du wieder da! sagte sie und sah ihn an, sich schüchtern die Tränen von den Wangen wischend.
Auch ihm standen die Tränen in den Augen. Ja, Meli, ich bin wieder zuhause. Es geht uns gut!
Sie waren umringt von all ihren Geschwistern, die sie nun erreicht hatten und alle durcheinander schrien. Die beiden blickten zu Fael, der von Liliane ganz fest gehalten wurde. Die überglückliche Mutter hatte ihren kleinen Jungen wohlbehalten in die Arme schließen dürfen und strich ihm nun vor Freude weinend über die wilden Locken.
Rosie hastete nun zwischen ihren Kindern hindurch neben Meli und Krümel und zog ihren Sohn an sich. Auch sie war überwältigt von den Gefühlen der Erleichterung, die über ihr hereinbrachen, und sie war dankbar, daß sie ihn endlich zurück hatte.
Die Kinder beruhigten sich langsam und die Mütter konnten den beiden Heimkehrern endlich die dringenden Fragen stellen, die sie bewegten.
Wo habt ihr denn eure Väter gelassen? Warum sind sie nicht bei euch? fragte Liliane sogleich zu Hamfast gewandt und hatte noch immer die Arme um ihren kleinen Jungen gelegt, der mit einem überglücklichen Gesichtsausdruck an ihr lehnte.
Papa und Onkel Frodo? Sind sie denn weg? Wir sind ausgebrochen! Wir sind den Entführern heute morgen entkommen! erklärte Hamfast mit einem glücklichen Lächeln, doch als er die versteinerten Gesichter der Mütter und einiger seiner Geschwister sah, hielt er inne.
Dann sind sie gegangen, um zu bezahlen?
Ja, natürlich, sagte Rosie, vor einer ganzen Weile. Es ist ja weit bis zum Dreiviertelstein! Oh nein, dann werden sie jetzt glauben, euch sei etwas passiert, wenn die Entführer nicht kommen! Ihr seid ja nicht mehr bei ihnen!
Oder die Entführer versuchen einen Trick und erleichtern sie trotzdem um all die Sachen... murmelte Liliane.
Sie sahen sich stumm an. Aber eins wußten sie: Sam und Frodo würden irrtümlich glauben, den Kindern sei etwas zugestoßen, weil sie doch gar nicht wie geplant bei den Entführern sein konnten!
Oh nein... murmelte Liliane. Sie war geschockt.
Geflohen? Wie habt ihr das denn angestellt? fragte Krümels Bruder Pippin und klopfte seinem Bruder anerkennend auf die Schulter.
Na, die Tür war offen! Da gab es nichts zu warten, da bin ich einfach losgelaufen! erklärte Hamfast schulterzuckend.
Ich bin so froh, daß es euch gut geht! sagte Rosie und strubbelte ihrem Krümel durch die nun doch sehr schmutzigen Locken. Seine dreckige und blutverschmierte Latzhose machte auch keinen besonders ansehnlichen Eindruck mehr.
Natürlich, es ist ja nichts passiert, sagte Krümel und grinste schief.
Sie standen noch alle zusammen auf dem Weg und redeten wild durcheinander, als plötzlich Melethiell rief: Da kommen Papa und Onkel Sam zurück!
Sofort war alles ruhig und sie alle blickten den Bühl hinab, wo Frodo und Sam aufeinander gestützt und mit leeren Händen den Weg hinaufgetrottet kamen, mehr rückwärts gehend als vorwärts und mit gesenkten Köpfen.
Papa! Sie sind wieder hier! Sieht doch! rief Merry und lief den beiden entgegen, die nur langsam auf das reagierten, was er gerufen hatte.
Sams rotgeweinte Augen weiteten sich vor Staunen, als er sah, wer sich alles auf dem Weg versammelt hatte, und dann drangen mitten aus der Menge Krümel und Fael hervor, laut rufend und gestikulierend.
Fael! rief Frodo und ging in die Knie, dann warf sein kleiner Junge sich auch schon in seine Arme und riß ihn wild mit sich zu Boden. Ähnlich erging es Sam, dem jetzt die Freudentränen in die Augen traten, obwohl er gar nicht wußte, wie ihm geschah.
Frodo lag mit seinem Sohn auf dem staubigen Weg und hielt ihn fest an sich gepreßt, am ganzen Leib zitternd und fast unfähig, zu glauben, daß das kein Traum war.
Fael... mein Junge! Daß es dir gut geht! entfuhr es ihm und er küßte seinen Sohn zärtlich auf die Stirn, voller Freude und Erleichterung.
Liliane kam zu ihnen gelaufen und kniete sich lachend neben sie.
Liegt ihr da gut? fragte sie augenzwinkernd und schenkte Frodo ein warmes Lächeln, das er nur halbherzig erwidern konnte.
Meine Liebe... es war entsetzlich, wir... wir glaubten, sie seien tot, als die Entführer da waren ohne die beiden und nachher mit den Schätzen verschwunden sind, ohne uns überhaupt zu sagen, was mit den Kindern geschehen ist...
Sie sind was? fragte Liliane fassungslos. Wie konnte das passieren?
Wir mußten es ihnen doch geben, was sollten wir denn tun? Sie haben uns belogen, aber sie haben uns nicht gesagt, daß... ihr seid doch fortgelaufen! Wie habt ihr das nur gemacht?
Frodo brach ab, ihm fehlten die Worte. Er war jetzt hin- und hergerissen zwischen Verwirrung und Glück, aber die Angst und Verzweiflung, die er zuerst gespürt hatte, waren vergessen.
Er setzte sich aufrecht mit seinem Sohn, den er auf seinen Schoß zog und liebevoll in den Armen hielt. Fael schloß fast genießerisch die Augen und fühlte sich einfach nur sicher bei seinem Vater.
Rosie war auch dazu gekommen und begann gemeinsam mit Sam, Frodo und Liliane zu diskutieren. Perhail war der einzige, der sich dazu bereiterklärte, in diesem Moment etwas über seine Erlebnisse zu erzählen, weil Hamfast wie versteinert neben seinem Vater auf dem Weg saß und Melethiell anstarrte, sie sich ihm gegenüber hinsetzte und ihn seufzend anlächelte.
Danke, flüsterte sie. Hamfast machte große Augen.
Danke? Wofür?
Dafür, daß du auf meinen Bruder aufgepaßt hast. Und... danke, daß du mich gerettet hast!
Damit erhob sie sich wieder und kniete sich vor ihn, um ihn umarmen zu können. Krümel erwiderte ihre Umarmung nur zögerlich und am ganzen Leib zitternd, so aufgeregt war er, aber er spürte sie jetzt wieder an sich, er war zurück bei Meli, die er über alles liebte, das merkte er in diesem Moment genau.
Dieses warme Gefühl in seinem Herzen war unverwechselbar.
Und als sie dann wieder zurückwich und sein repariertes Armband von ihrem Handgelenk nahm, um es ihm umzubinden, wurde er ganz rot im Gesicht und wich ihrem Blick aus, aber er war überglücklich.
Danke dafür, Meli... ich habe nicht einmal gemerkt, daß es fort ist, so sehr... ach... das ist jetzt vorbei. Aber für mich zählte nur, daß du fliehen konntest, alles andere war mir ganz gleich, sagte er ehrlich. Und Fael hatte Angst, deshalb mußte ich doch auf ihn achten!
Melethiell lächelte und schluckte, weil sie spürte, wie ihr die Tränen ins Gesicht traten.
Du hast mir schrecklich gefehlt, sagte sie leise.
Hamfast sprang sofort auf. Wie kaltes Wasser, wie ein Schlag, trafen ihn diese wunderschönen Worte, denn sie hatte sie tatsächlich ausgesprochen, sie hatte es wahrgemacht, aber das hielt er in diesem Moment nicht aus.
Du mir auch, flüsterte er und drehte sich um, dann lief er an seinen Brüdern Merry und Pippin vorbei, die ganz in der Nähe standen und einfach nur zugesehen hatten.
Irritiert blieb Melethiell sitzen. Sie konnte Hamfasts Reaktion nicht verstehen, er war so anders, so zurückhaltend und schüchtern, das kannte sie nicht an ihm.
Was war geschehen in der Zeit, in der er fort gewesen war? Was hatte ihn während seiner Entführung so verändert?
Sie spürte noch seine Wärme. Er hatte so gezittert, als sie ihn umarmt hatte.
Und jetzt lief er zum Gartentor und blieb dort bei seinem großen Bruder Frodo stehen mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen, ohne sie anzusehen, ohne überhaupt ein Wort zu jemandem zu sagen.
Er starrte mit gesenktem Kopf zu Boden und schien fast traurig zu sein.
Melethiell schluckte schwer und seufzte. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen, deshalb blieb sie einfach sitzen und ließ ihn gewähren.
Verdammt noch mal! brüllte Berod, als er Hamfast und Perhail im Augenwinkel an sich vorbeirennen sah. Er reagierte zwar sofort, aber er war gerade dabei gewesen, seinen Schuh zu binden und trat natürlich prompt auf seine Schnürsenkel, so daß er der Länge nach auf den Boden fiel und so von Mandor und Rufus überholt wurde, die sogleich die Verfolgung der geflohenen Kinder aufnahmen.
Die Entführer wollten die Spur der Kinder auf kienen Fall verlieren, doch Fakt war, daß sie in Sekundenschnelle im dichten Unterholz außer Sichtweite waren und sie einfach nur ihrem Gehör folgen konnten, das ihnen irgendwann auch nicht mehr weiterhalf. Mandor sah sich durch seine schweren ledernen Stiefel schnell behindert und Rufus trat irgendwann in eine Dornenranke, die sich in seine Fußsohle bohrte, so daß nachher nur noch der folgende Rufus dazu in der Lage war, überhaupt weiter zu laufen.
Nur war um sie herum weit und breit von den Kindern überhaupt nichts mehr zu hören.
Mist! fluchte Rufus wütend, während Mandor stumm keuchend die Arme in die Seiten stemmte und sich umschaute.
Er mußte zugeben, daß es ihm tatsächlich gleichgültig war, ob sie die Jungs nun wieder erwischten oder nicht. Die ganze Sache war derart gründlich gescheitert, daß er sich gar keine Illusionen mehr machte, überhaupt noch an die Reichtümer gelangen zu können.
Berod kam schließlich hinterhergeeilt und erreichte seine drei stehengebliebenen Kumpane mitten im Wald, die untätig herumstanden und sich mit ratlosen Gesichtern anstarrten.
Ich habe noch nie eine solche Ansammlung derart großer Volltrottel gesehen! brüllte Berod und schnappte nach Luft. Auch ihm blieb langsam die Puste weg.
Wie, bei Butterblumes Bauch, konnte das denn passieren? schob er noch hinterher und starrte Mandor herausfordernd an, der ruhig mit den Schultern zuckte und antwortete: Wer war es denn, der die Tür sperrangelweit hat offenstehen lassen? Ich vielleicht?
Berod schnaufte wütend und wollte etwas sagen, aber schnappte nur wieder nach Luft und ballte eine Hand zur Faust, bevor er mit der anderen auf Mandor zeigte und wild zu gestikulieren begann. Er sprach aber noch immer nicht.
Mandor runzelte interessiert die Stirn, Berods seltsames Auftreten erschien ihm fast lächerlich, aber er hatte in der Tat den Nagel auf den Kopf getroffen.
Der Lümmel muß das wohl gesehen haben, jedenfalls war er noch nicht ganz oben, als er den Kleinen packte und mit ihm hinausrannte. So schnell konnte ich sie gar nicht fassen, wie sie schon hinaus waren!
Das leuchtete Berod ein, ihm war klar, daß Mandor sich nicht innerhalb von Sekundenbruchteilen auf zwei flinke Hobbitkinder werfen konnte.
Somit lenkte er seinen zornigen Blick auf Rufus und Folco, die diesen sofort entrüstet und abwehrend erwiderten.
Was denn jetzt? Was haben wir damit zu tun? wollte Rufus frech wissen, was Berod sofort gewaltig aufregte.
Das fragst du noch? Genau das ist es doch, ihr Tagträumer habt in irgendeiner Ecke gestanden und Däumchen gedreht, was? Wirklich grandios! tobte er weiter, aber jetzt schaltete Rufus sich richtig in die Diskussion ein.
Hättest du die Tür nicht offen gelassen, wäre überhaupt nichts passiert!
Berod hob bereits die Faust und wollte sie in Richtung von Rufus niederschnellen lassen, aber nun sprang Mandor vor und fing den Schlag mit seiner Hand ab, packte Berods Arm und sah ihm beschwörend in die Augen.
Das läßt du jetzt! Wir haben es alle vermasselt, wenn ich das mal feststellen darf.
Ach! entfuhr es Berod voller Hohn. Dabei fällt mir ein: Wer hat sich denn hier immer so angestellt? Ist es nicht vielleicht sogar so, daß du sie einfach hast laufen lassen, mein Freund?
Mandors Gesicht verhärtete vor Wut und er wollte etwas sagen, denn auch wenn er dazu fähig gewesen wäre, hatte er es tatsächlich nicht getan, seine Absicht war nicht gewesen, die Kinder fliehen zu lassen.
Nein! brüllte er Berod ins Gesicht. Ausnahmsweise nicht, Chef! Das war unser Kapital!
Genau, und jetzt ist es weg! Hast du vielleicht eine Idee, was wir jetzt tun sollen? brüllte Berod zurück.
Folco scharrte zu Boden starrend mit einem Fuß im Laub herum, er stand hinter Mandor und tat ganz unbeteiligt. Rufus verschränkte die Arme vor der Brust und trat vor.
Wir haben genau eine Möglichkeit, sagte er. Berod und Mandor wandten beide die Köpfe zu ihm.
Wir gehen zum Treffpunkt und tun so, als würden wir ihnen die Kinder erst zeigen und zurückgeben, wenn wir die Reichtümer haben. Die haben doch gar keine Wahl! Fakt ist, daß die Bengel so bald nicht zuhause sein werden, als daß die Väter durch sie aufgehalten würden. Die kommen zum Treffpunkt und die werden auch zahlen! Wir müssen es versuchen. Die kriegen ihre Kinder ja sowieso wieder, jetzt mit Sicherheit, aber wir kriegen unser Geld nur noch auf diese Weise.
Berod und Mandor hielten inne. Rufus Vorschlag war in der Tat nicht dumm.
Das wäre wirklich eine Möglichkeit, murmelte Berod, und wir zwei werden das machen, Rufus. Die anderen werden sich nicht zeigen!
Aber wir kommen mit! rief Folco, woraufhin Berod die Augen verdrehte.
Ja, das meinetwegen, aber die müssen doch glauben, daß ihr die Kinder festhaltet!
Folco nickte, das sah er ein, aber Mandor sah in Berods blitzenden Augen etwas anderes als die Wahrheit, denn die sprach er in diesem Moment nicht.
Du willst dich mit Rufus und den Schätzen aus dem Staub machen, was? zischte er giftig von der Seite. Berods Augen veregnten sich im Zorn zu Schlitzen.
So, will ich das? Ja, vielleicht sollte ich das, verdient hast du deinen Anteil jedenfalls nicht!
Mandor straffte die Schultern und sog tief die Luft in seine Lunge.
Wirklich sehr komisch! Allein wärst du so weit gar nicht gekommen, du Großmaul, wenn ich das mal so feststellen darf!
Folco baute sich trotzig neben Mandor auf, denn er wollte um keinen Preis außen vor sein, auch er hegte großes Interesse daran, seinen Anteil wirklich zu bekommen.
Berod erwiderte nichts auf Mandors Angriff, er setzte sich nur in Bewegung und rief über seine Schulter: Also was ist? Kommt ihr mit?
Das taten sie. Berod und Rufus liefen voraus, jedoch relativ dicht gefolgt von Mandor und Folco, die einander zweifelnd ansahen, denn ihnen beiden gefiel die neue Situation nicht.
Sie alle liefen bis zum Ende des Waldes und versuchten dort auf der freien Ebene, von den Jungs eine Spur zu finden, jedoch hatten die beiden sich längst aus dem Staub gemacht und deshalb war eine Verfolgung zwecklos.
Die vier Entführer ohne Geiseln erreichten den Dreiviertelstein viel zu früh, aber wie verabredet gingen Mandor und Folco in der Nähe in Deckung, allerdings so, daß sie die anderen nicht aus den Augen verloren. Mandor würde nicht zulassen, daß Berod sie übers Ohr haute.
Genau das hatte dieser aber inzwischen vor. Er stand mit Rufus am Dreiviertelstein herum und bearbeitete einen Grashalm mit den Zähnen, bis sich endlich am Horizont zwei sich nähernde Hobbits abzeichneten.
Na endlich, knurrte Berod zwischen den Zähnen hervor.
Die beiden waren konzentriert während der gefälschten Übergabe. Rufus hielt sich hintergründig grinsend zurück und ließ Berod die Lügenmärchen erzählen, die sich um die verschwundenen Kinder drehten.
Aber die Väter fielen darauf herein, sie händigten ihnen tatsächlich die Reichtümer aus, und kaum daß Berod den Beutel mit den Schätzen in den Händen hielt, trat er gemeinsam mit Rufus den Rückzug an. Allerdings tat er das bewußt in die Richtung, die dem Versteck von Mandor und Folco genau entgegengesetzt lag, um den beiden gar nicht mehr begegnen zu müssen. Er hatte Rufus nur kurz ansehen müssen, um zu wissen, daß auch dieser inzwischen genug hatte und nicht wirklich beabsichtigte, die Schätze mit den anderen zu teilen.
Sie rannten süwärts dem Grünbergland entgegen, sich auf der Flucht wissend vor allen, vor den verzweifelten Vätern, ihren wutentbrannten Komplizen, die sie verraten hatten, und Elessars Männern, die ihnen noch früh genug das Leben zur Hölle machen würden.
Mandor hatte bemerkt, was vor sich ging, und rannte ihnen laut brüllend mit Folco hinterher, der nicht glauben konnte, daß Rufus ihn wirklich verriet.
Berod und Rufus hatten einen großen Vorsprung und waren bald hinter dem ersten Hügel verschwunden. Mandor blieb irgendwann stehen, was Folco ihm mit einem fragenden Blick gleichtat.
Was machst du denn da? fragte er schnaufend.
Das sage ich dir. Die sind getürmt, und selbst wenn wir sie einholen würden, gäben sie uns niemals etwas ab. Kämpfen darum werde ich nicht, ich habe jetzt genug. Ich bin nur froh, daß es vorbei ist.
Mandor ließ sich schwer ins Gras fallen, legte sich auf den Rücken und bettete den Kopf auf die übereinander verschränkten Arme, dann starrte er hoch in den Himmel an Folco vorbei, der ihn ungläubig ansah.
Naja... murmelte der Hobbit. Da hast du Recht, auch wenn es nicht gerecht ist.
Nein, aber ich denke, sie kommen damit nicht weit. Berod wird noch sehen, was er davon hat.
Und damit lagen sie dann nebeneinander im Gras und starrten den kleinen Wölkchen am sich aufklarenden Himmel hinterher, nicht wissend, was der nächste Tag ihnen nun bringen sollte.
Elftes Kapitel: Ein anderes Ende
Etwa eine Woche war inzwischen ins Land gegangen. In Beutelsend war wieder Normalität eingekehrt, denn besonders die Kinder brauchten diese sichere Ruhe, sie hatten genügend Aufregung durchgestanden und wollten einfach wieder leben wie immer.
Es gelang den meisten auch sehr gut. Sie tollten herum wie immer, schrien und lachten, machten die Gegend unsicher, stibitzten ungehalten aus der Speisekammer und ärgerten die Nachbarn. Es war wieder wie zuvor.
Einzig Krümel war wie gelähmt. Er konnte nicht glauben, wie Perhail all den Schrecken so schnell wieder vergessen hatte, der kleine Junge spielte mit Bilbo wie immer, sie ärgerten die Mütter und Bilbos Schwestern, Fael übernahm nun sogar öfter die Rolle des Helden, denn als ein solcher sah Bilbo ihn jetzt an, nach allem, was er erlebt hatte.
Die beiden Jungs hatten bei ihrer Heimkehr alles zuhause erzählen müssen, was vorgefallen war. Das hatten sie auch bereitwillig getan und später den Landbütteln genau beschrieben, wie die Männer aussahen, die für alles verantwortlich waren.
Sie bekamen ihr Lieblingsessen und Fael durfte so oft bei seinen Eltern im Bett schlafen, wie er wollte, damit er sich nicht fürchten mußte. Dunkelheit machte ihm trotz allem nun etwas aus, denn das Kellerloch in der Waldhütte hatte ihm doch sehr zugesetzt.
Krümel hatte es besser verkraftet. Er hatte schon während der Gefangenschaft gelernt, seine Angst zu ignorieren, und jetzt quälte sie ihn nicht mehr. Zu stark war das Gefühl, wieder zuhause und wieder sicher zu sein.
Er bekam auch von den Diskussionen der Eltern nichts mit, weil er viel zu sehr in Gedanken war. Er hatte sich von allen anderen abgekapselt, weil er allein sein wollte, mit sich und seinen Gedanken hatte er sich zurückgezogen und ging besonders Melethiell natürlich tunlichst aus dem Weg.
Seine Eltern bemerkten davon überhaupt nichts. Sie hatten für eine ganze Weile am ersten Abend zusammengesessen und über alles nachgedacht, denn Tatsache war, daß zwar alles irgendwo einen glücklichen Ausgang gefunden hatte, doch verloren hatten sie trotzdem fast die Hälfte ihres sämtlichen Besitzes.
Frodo kümmerte das nicht sonderlich, er wußte zwar, daß er einen Fehler gemacht hatte, aber in diesem Augenblick selbst bei der Übergabe hatte er das nicht wissen können.
Um das Geld tat es ihm nicht leid und sie waren wohl immer noch nicht in ernsten Schwierigkeiten, aber irgendwo wurmte es doch.
Das hätte niemals passieren dürfen, sagte Liliane irgendwann. Sie mußte immerzu daran denken, daß nun auch ihrem Sohn etwas widerfahren war wie ihr selbst und natürlich Frodo. Zwar sah sie auch, wie gut Perhail damit umgehen konnte, aber problematisch war das alles dennoch.
Es war nicht mehr zu ändern. Sie machten sich keine weiteren Gedanken mehr darum, sondern kümmerten sich lieber weiter um die Kinder, nachdem der Schock endlich verarbeitet war.
Die Landbüttel waren damit beschäftigt, nach den Entführern zu suchen, und sie hatten auch schon mit Aragorns Grenzwachen des Auenlandes gesprochen, damit auch diese genauestens informiert waren über die Ereignisse.
Es dauerte aber gar nicht lange, bis der Grenzposten am Grünweg einen glücklichen Fang machte. Berod und Rufus hatten beschlossen, sich mit ihren neuerworbenen Schätzen aus dem Staub zu machen und Eriador den Rücken zu kehren, sie wollten auf Wanderschaft gehen und es sich irgendwo gemütlich machen, nur wurde daraus leider nichts.
Die Grenzposten wurden erst aufmerksam, weil ein Mensch sich aus dem Auenland hinausbewegte, was an sich ein Paradoxon darstellte.
Als sie fragen wollten, warum er das Gesetz gebrochen hatte, bemerkten sie gleich noch, daß er wertvolle Sachen bei sich zu tragen schien, und das machte sie stutzig.
Berod wollte sie angreifen und dann fliehen, nur traf er diesmal auf geschickte Kämpfer, deren es drei an der Zahl waren, und so geschah es alsbald, daß er arrestiert mit Rufus in ihrer kleinen Hütte saß und sich solange ausfragen lassen mußte, bis er die Wahrheit gesagt hatte.
Die Grenzwachen fanden also heraus, daß Berod und Rufus Entführer und nicht nur kleinkriminelle Verbrecher waren, sie stellten das Diebesgut sicher und gaben den Landbütteln Bescheid, die sogleich Rufus in Gewahrsam nahmen und Nachricht nach Beutelsend schickten, daß die Schätze gefunden und zwei der Entführer festgenommen waren.
Aufruhr herrschte in Beutelsend, als das bekannt wurde. Man hatte die Jungs um Zusammenarbeit gebeten und die Väter darum, die Reichtümer persönlich abholen zu kommen, und so geschah es, daß Krümel und Fael mit Sam und Frodo zur Südgrenze des Auenlandes ritten.
Ich weiß nicht, was ich tue, wenn ich diesen Hundskerlen ins Gesicht sehen muß! knurrte Sam wütend, kurz bevor sie ihr Ziel erreichten. Frodo wollte ihn besänftigen, hatte damit jedoch nur mäßigen Erfolg.
Und dann hatten sie ihr Ziel erreicht. Elessars königliche Grenzwachen und die Landbüttel hießen sie freundlich willkommen.
Tut ihr uns einen Gefallen? sagte einer der Königsdiener zu den Hobbitjungs gewandt, die ganz aufgeregt nebeneinanderstanden und darauf brannten, zu erfahren, was als nächstes geschehen sollte.
Wir wären euch dankbar, wenn ihr uns sagt, welche der Entführer wir hier haben. Glaubt ihr, daß ihr sie erkennt?
Mit Sicherheit an den Stimmen, erklärte Hamfast und daraufhin baten die Männer die beiden, sich rücklings zur Tür zu stellen. Dann hießen sie Berod und Rufus, etwas zu sagen, und dann schlossen sie die Tür wieder, damit sie sich in Ruhe mit Hamfast und Perhail unterhalten konnten. Die Kinder hatten die Männer damit nicht gesehen, aber trotzdem erkannt.
Wer ist das? fragte einer der Wachmänner. Er trug eine teure Robe, die das silberfädig gestickte Wappen des Baumes von Gondor trug, genau wie seine beiden Gefährten, und sie machten einen ruhigen und gütigen Eindruck, was Krümel und Perhail einiges von ihrer Aufregung nahm.
Das ist der Mensch, der Anführer, und der eine Hobbit... von dem habe ich nicht viel gehört, nur von dem anderen, der viel netter war und mir etwas zu essen gebracht hat. Der hat sich auch mit mir unterhalten.
Perhail und Hamfast schilderten, welche Erfahrungen sie mit Berod und Rufus gemacht hatten, so daß alle sich ein Bild von der Entführungssituation machen konnten.
Daraufhin erklärten die Landbüttel, daß sie Rufus mitnehmen und über ihn nach auenländischen Gesetzen richten würden, doch als Untertan Elessars überließen sie Berod der gondorianischen Gerichtsbarkeit, denn Berod unterstand wohl kaum den Gesetzen des Auenlandes, auch wenn er dort etwas verbrochen hatte.
Man wollte sich mit den Menschen jedoch nicht länger als nötig auseinandersetzen.
Und sie waren ganz allein? fragte Sam irgendwann zu den Gondorianern gewandt.
Ja, Herr Bürgermeister, die anderen Entführer waren nicht bei ihnen. Wir haben beim Verhör am Rande erfahren, daß es wohl Zwistigkeiten gegeben hat, weshalb sie ihre Beute nicht mehr teilen wollten. Wo die beiden anderen sich befinden, vermögen wir nicht zu sagen.
Und das sollte auch niemand jemals herausfinden. Folco und Mandor blieben verschwunden und die Suche nach ihnen wurde eingestellt, weil sie nicht die Drahtzieher der Entführung waren. Hamfast und Perhail hatten kein besonderes Interesse an einer Strafe für Mandor und Folco, ebensowenig Frodo und Sam, denn immerhin hatte Mandor die Kinder doch gerettet.
Die gefangenen Entführer sollten ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, was die Hobbits sehen konnten, als einer der Grenzposten um Verstärkung ausritt, damit Berod nach Minas Tirith gebracht werden konnte.
Sam schloß Hamfast fest in die Arme und klopfte ihm dann anerkennend auf die Schulter. Das hast du alles sehr gut gemacht, mein großer Junge, ich bin stolz auf dich!
Hamfast lächelte verlegen. Er wußte gar nicht, was er außer seiner Pflicht noch getan hatte, und die beiden gemeinen Entführer nun gefangen zu wissen, beruhigte ihn sehr.
Erleichternd für alle war natürlich auch, daß sie den großen Beutel mit Schätzen fast vollständig wieder mit nach Hause nehmen konnten, viel fehlte daraus nicht und sie wollten auch keinen Ersatz, sie wollten einfach nur ihre Ruhe haben.
Zwei Landbüttel begleiteten Väter und Söhne zurück nach Beutelsend, damit ihnen unterwegs wegen ihren Schätzen nichts geschah, und über den tatsächlichen Wert der Reichtümer verlor noch immer niemand jemals ein Wort.
Unter großem Jubel wurden die Heimkehrer in Beutelsend begrüßt, mit der Rückgabe ihrer Schätze war alles nun endgültig abgeschlossen, und Frodo fand endlich die Zeit, Aragorn einen weiteren Brief zu schreiben und ihn über den glücklichen Ausgang der Entführung zu unterrichten.
Bungo Boffin sollte einige Zeit später kurz zu Besuch kommen und von der Verhandlung über Rufus Sandheber berichten, die in Michelbinge abgehalten wurde. Sam war froh, zu wissen, daß im Auenland noch Gerechtigkeit herrschte und er zeigte sich auch zufrieden mit dem Urteil.
Ein richtiges Gefängnis gab es im Auenland nicht, aber dennoch wurde Rufus streng beobachtet und mußte nun für lange Zeit gemeinnützige Feldarbeit verrichten, was ihm als Faulpelz natürlich gar nicht schmeckte. Aber er hatte seine Lektion gelernt.
Einige Zeit ging noch ins Land, bis eine Nachricht aus Gondor sie erreichte. Eines Abends klopfte der Taubenzüchter in Beutelsend an die Tür, er hatte eine Brieftaube aus Gondor zurückkehren sehen und sich sogleich aufgemacht, dem Bürgermeister und Herrn Beutlin den königlichen Brief auszuhändigen.
Zeig her! krähte Perhail, sprang auf den Schoß seiner Mutter und schaute gemeinsam mit ihr seinem Vater über die Schulter, der mit Sam den Brief öffnete.
Lieber Frodo und lieber Sam,
richtet euren Familien einen freundschaftlichen Gruß aus und seid euch gewiß, daß ihr in Gondor nicht in Vergessenheit geratet. Ich war erschüttert, zu hören, welchen Problemen ihr auch jetzt noch begegnet, diesmal durch ein viel einfacheres Motiv bedingt, nämlich die Gier. Nichtsdestotrotz war ich ernsthaft in Sorge, bis eure zweite Nachricht eintraf und ich erfuhr, daß die Kinder wohlbehalten wieder bei euch sind und ihr auch euren Besitz zurückerhalten habt.
Es tut mir sehr leid, daß das passieren konnte, und ich werde die Grenzwachen noch einmal verstärken lassen, damit das Auenland künftig vor den Menschen geschützter ist. Ihr hättet jede denkbare Form einer Entschädigung von mir enthalten, wenn euch ein wirklicher Schaden entstanden wäre, und das natürlich auch, weil ich euer Freund bin.
Zu meiner Freude darf ich euch mitteilen, daß der Drahtzieher dieser Tat bereits verurteilt in den Kerkern der Weißen Stadt seine Strafe absitzt. Berod wird nun einige Jahre des Freiheitsentzugs abwarten müssen, denn er ist es auch, der Überfälle auf meine Männer an den Grenzen eures Landes verübt hat. Daß dieser Mann nun endlich bestraft werden kann, beruhigt mich sehr. Die Gerechtigkeit in den freien Ländern Mittelerdes ist heute nicht unwichtiger geworden als direkt nach dem Ringkrieg.
Gebt mir gut Acht auf eure mutigen Söhne, die den ganzen Stolz ihrer Väter verdient haben!
In ewiger Freundschaft
Aragorn Elessar, König von Gondor
Doch Hamfast war da ganz anderer Meinung. Er fand nicht, daß irgendjemand stolz auf ihn sein durfte.
Er war erst einige Tage wieder in Beutelsend gewesen, als er von den Grenzwachen zurückgekehrt war, und wurde schon ernstlich mit seinem eigenen seltsamen Verhalten konfrontiert.
Alle hatten ihn gewähren lassen, als er sich in seine selbstauferlegte Isolation zurückgezogen hatte. Niemand schrieb ihm etwas vor, niemand hielt ihm eine Predigt, sie alle ließen ihn hinter de Bühl am kleinen Bach sitzen, ganz allein und für ganze Nachmittage allein und schweigend, was sonst so gar nicht seine Art war. Rosie schob sein Verhalten auf seine Erfahrungen mit der Skrupellosigkeit, Sam glaubte, daß Hamfast sich zudem noch in der Anfangskrise des Erwachsenwerdens befand, und seine Geschwister glaubten meist das eine oder andere, oder aber daß er sich mit Melethiell gestritten hatte.
Tatsache war nämlich auch, daß er besonders ihr aus dem Weg ging.
War er doch sonst mit ihr unzertrennlich gewesen und hatte die meiste Zeit mit ihr verbracht, so lief er nun immer weg, kaum daß sie sich ihm näherte, er sah sie nicht mehr an, wich ihr aus, sprach nicht mehr mit ihr.
Er starrte nur stundenlang auf das Armband, das sie ihm ein zweites Mal geschenkt hatte, und in seinem Kopf hallten immer ihre Worte wider, die sie zu ihm gesagt hatte, nachdem sie ihm seinen Dank ausgesprochen hatte.
Du hast mir schrecklich gefehlt.
Sie hatte es nicht so gemeint, wie er es gebraucht hätte, und er wandte sich nicht um, obwohl er ihre Stimme in der Nähe hörte. Sie war mit Perhail hinter Beutelsend auf dem Hügel und übte schießen, denn der Kleine freute sich so über den funktionstüchtigen Bogen mit den tollen Pfeilen, die sie für ihn gemacht hatte.
Und in der Tat war Melethiell gerade an diesem Ort, damit sie sehen konnte, was Krümel dort ganz allein tat. Daß er vor ihr weglief, ließ sie hilflos und skeptisch zurück, und sie wollte wissen, was mit ihm los war.
Hamfast betrachtete jede Perle einzeln. Das Armband war schlicht, aber in seinen Augen wunderschön, es war jetzt seins, von ihr geschenkt, und es war ihm deshalb heilig.
Stundenlang lauschte er auf das Plätschern des Wassers, das fröhlich glucksend vor seinen Füßen vorüberfloß, klar und kalt und mit kleinen Fischen über den Kieseln.
Es trieb ihm die Tränen in die Augen.
Er zog die Knie an, starrte ins Gras und einem kleinen Marienkäfer hinterher, der nichts davon wußte, wie elend der Junge sich jetzt im Moment fühlte.
Es brachte ihn um, wenn er bei ihr war. Er fürchtete minütlich, sich durch sein Verhalten zu verraten, denn er konnte Melethiell nicht mehr ungezwungen gegenübertreten.
Ihm ging der eigentümliche Gedanke durch den Kopf, daß sie eigentlich noch Kinder waren, und ihn verschreckte der Gedanke an seine Gefühle selbst.
Wie sollte es Melethiell da anders gehen?
Er konnte sie ihr nicht offenbaren. Und er würde es niemals tun, denn obwohl sie immer schon zusammen gelebt hatten, so offenbarte sich ihm doch der Unterschied zwischen ihnen ganz genau. Seine eigene Familie war so anders als Melethiells, sie paßten doch gar nicht zusammen, sie hatte doch etwas viel besseres verdient als er ihr jemals bieten konnte.
Aber sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er daran dachte, daß er auf diesen Traum verzichten mußte.
Er hätte alles für sie getan, er hatte sich schon für sie geopfert, und doch war es nicht so, daß er ihr sagen konnte, warum und wieviel sie ihm wirklich bedeutete.
Jetzt hatte er es begriffen.
Krümel wollte sich zwingen, sie nicht zu lieben, sie sollte nur seine Freundin sein, aber nicht so, wie er es sich gerade vorstellte...
Was ist los?
Er zuckte zusammen, als ihre Stimme ihn aus seinen Gedanken riß und fuhr herum.
Meli, sagte er tonlos und kniff die Augen zusammen, weil er in die Sonne starrte, die ihr im Rücken stand.
Warum bist du immer allein? Ist etwas nicht in Ordnung? fragte sie besorgt und setzte sich vor ihn. Hamfast erstarrte.
Doch, doch, es ist nichts, es war doch nicht so schlimm, erwiderte er hastig. Er wußte nicht, was er sagen sollte, am besten ging sie einfach, aber er wollte sie nicht fortschicken. Das erschien ihm zu unhöflich.
Aber was ist es dann? Dauernd läufst du vor mir weg. Was habe ich denn gemacht, daß du mir immer ausweichst und hier allein herumsitzt? fragte sie.
Du hast nichts gemacht. Es liegt an mir, erwiderte er leise. Melethiell verstand nicht, worauf er hinaus wollte, und runzelte fragend die Stirn.
Wie meinst du das?
Er zuckte mit den Schultern. Halt einfach so. Ich will lieber allein sein.
Das kannst du mir nicht erzählen! Ja, wenn du schlechte Laune hattest, warst du immer lieber allein, aber doch nicht wochenlang! Warum, Krümel?
Er senkte den Kopf und schloß die Augen, denn jetzt verfluchte er ihre ewige Neugier. Aber sie ließ ihm keine Wahl.
Ja, du bist meine beste Freundin, es gibt keinen Grund, weshalb das nun anders sein sollte, aber ich bin jetzt trotzdem lieber allein. Auch dich will ich jetzt nicht sehen, auch und gerade dich, ich habe da unten in diesem Loch immer nur an dich gedacht und... ich kann das jetzt nicht, Meli. Ich dachte, ich sehe dich nie wieder, und du hast nicht erlebt, was ich erlebt habe. Ich will nicht, daß du damit zu tun hast, ich will dich jetzt eben nicht sehen, geh doch einfach! Bitte!
Wortlos und mit Tränen in den Augen stand sie auf und nickte.
Gut, dann gehe ich. Und ich komm nicht wieder, wenn du was willst, mußt du schon kommen! Ich bin immer da, das weißt du.
Damit drehte sie sich um und ging langsam wieder den Hügel hinauf, aber er konnte hören, wie sie zu weinen begonnen hatte und dann Perhail auswich, um nun selbst allein hinter ein paar Büschen zu verschwinden.
Hamfast ließ den Kopf aiuf die Knie sinken.
Er war wirklich der dümmste Hobbit, den das Auenland je gesehen hatte. Er liebte sie und stieß sie so vor den Kopf. Das konnte doch nicht richtig sein!
Aber er blieb sitzen. Er hatte keine Wahl, jetzt war es zu spät, und wenn er die Wahrheit nicht aussprechen wollte, durfte er ihr jetzt nicht folgen.
Er mußte allein bleiben, sonst machte er alles nur noch schlimmer.
Vielleicht, wenn ein wenig Zeit verstrichen war, konnte er wieder so mit ihr zusammensein wie früher, das wünschte er sich wirklich sehr.
Er wollte hoffen. Auf was genau, wußte er gar nicht, aber er wollte hoffen.
Er biß die Tränen zurück und hob den Kopf.
Es mußte weitergehen.
Und er hatte keine Ahnung, daß nicht er allein darüber entschied, was zwischen ihnen beiden geschehen sollte.