Erstes Kapitel: Schlechte Vorzeichen
Es war ein heißer und sonniger Augusttag, und im Brandyweintal war die Luft drückend und schwül. Schnaken tanzten in der Luft, als die Sonne langsam im Westen unterging. Bucca ritt langsam die Straße von Stock herunter. Er war auf dem Weg nach Hause; der König hatte die Thane seines Reiches zusammengerufen, um schlechte Nachrichten mit ihnen zu beraten. Kundschafter waren bis ins ferne Nebelgebirge vorgedrungen, und sie berichteten nichts Gutes. Die Zahl der Orks vermehrte sich noch immer, und ein gefahrloser und unentdeckter Übergang über das Gebirge war unmöglich. In der weiten Ebene von Wilderland trieben sie ihr Unwesen, selbst die Südgrenze war einige Male angegriffen worden. Doch die Hobbits waren nicht unvorbereitet, und unter Buccas Leitung waren die Orks rasch zurückgeworfen worden. Das Fort an der Sarnfurt war zu einer Festung ausgebaut worden, an der kein Feind vorbeikam solange sie mit Kriegern besetzt war. Bucca hatte die Grenzpatrouillen verstärken lassen, aber außer an der Sarnfurt hatte es keine Übergriffe gegeben.
Bucca war in Gedanken und er ließ sein Pferd die Straße entlangtrotten. Hätten sie vor fünf Jahren gezögert, die Starren zurückzuholen, dann hätten sie jetzt keine Chance, auf der Südstraße durchzukommen. Er wagte sich nicht auszumalen, was dann mit Primula geschehen wäre.
Alles in allem durfte mit Fug und Recht gesagt werden, daß die Starren eine Bereicherung für das Auenland darstellten. Sie stellten den größten Teil der Grenzbesatzungen und ihre neuen Ideen brachten frischen Schwung ins Leben. Sie hatten Fisch auf der auenländischen Speisetafel eingeführt (weder die Falbhäute noch die Harfüße gingen freiwillig aufs Wasser) und sie gingen gerne Boot fahren. Bucca hatte sich nur einmal auf den Brandywein gewagt, aber nach kurzer Zeit brachte Primula ihn zurück an Land.
Du bist eine typische Falbhaut hatte Primula gelacht. Vor Orks, die zweimal so groß wie du sind fürchtest du dich nicht im Geringsten, aber wehe, du sollst ein paar Meilen im Boot zurücklegen! Da könnte man meinen, die Welt würde untergehen!
Bucca lächelte, als er an dieses Abenteuer zurückdachte, das schon ein paar Jahre zurücklag und in besseren Zeiten stattgefunden zu haben schien. Na wer weiß, was uns in der nächsten Zeit blüht seufzte er. Seltsame Gerüchte hatten in Königsnorburg die Runde gemacht: irgendeine rätselhafte und grausame Krankheit hätte den Süden heimgesucht, die die Leute dahinraffte. Die Erkrankten würden immer schwächer werden, schwarze Beulen auf der Haut tragen, Blut spucken und schließlich sterben und niemand könnte ihnen helfen. Die bloße Berührung würde zu einer Ansteckung und zum unentrinnbaren Tod führen. Viele hatten über diese Gerüchte gelacht und sie als Schauermärchen aus Wilderland abgetan, aber der König war besorgt und Bucca schauderte, als er an diese rätselhaften Krankheit dachte.
Gandalf! Jetzt bräuchten wir deinen Rat! brummte er leise. Aber Gandalf hatte sich seit Jahren nicht mehr im Auenland blicken lassen, und sie würden diese Probleme wohl selbst meistern müssen. Aus Gondor waren seit Jahren keine zuverlässigen Nachrichten mehr gekommen, denn kein Bote konnte gefahrlos auf der Südstraße reiten. Und Gerüchte, die die Runde von Wirtshaus zu Wirtshaus gemacht hatten waren nicht allzu zuverlässig, sie waren oftmals so glaubwürdig wie Neuigkeiten aus Bree und jeder Erzähler hatte zu den wahren Ereignissen etwas hinzugedichtet. Bucca würde es schwerfallen, den anderen sein instinktives Gefühl der Wachsamkeit nahezubringen und was würde Wachsamkeit gegen so eine heimtückische Krankheit ausrichten können?
Langsam kam sein Gutshof, der etwas abseits von Stock lag in Sicht. Bucca trieb sein Pferd zu leichtem Trab an. Das Abendessen stand auf dem Tisch (das konnte er riechen) und Primula war offensichtlich damit beschäftigt, ihre vier kleinen Racker einzufangen. Der kleine Adelard war mit seinen vier Jahren der Älteste im Bunde und trieb zusammen mit den Zwillingen Bungo und Bingo (die drei Jahre alt waren) allerhand Schabernack. Sancho konnte mit seinen anderthalb Jahren schon laufen und räumte häufig und gerne die Speisekammer um (das mußte er von Bucca haben, fand Primula) was der Geräuschkulisse nach mal wieder der Fall zu sein schien. Bucca ließ sein Pferd von seinem Stallknecht wegführen und versorgen.
Endlich bist du wieder zurück, Bucca rief Primula und fiel ihm um den Hals. Was gibt es Neues in Königsnorburg?
Vieles, und nicht alles sollte beim Abendessen erzählt werden seufzte Bucca. Üble Vorzeichen, und wir sollten darüber reden, wenn die Kinder im Bett sind.
Sie setzten sich zu Tisch, und schweigend genossen sie das reichhaltige Abendessen. Primula (die geahnt hatte, daß Bucca heute zurückkommen würde) hatte Wildschweinbraten mit Preiselbeersoße gemacht (dafür vergaß Bucca alles um sich herum) und den Kleinen zuliebe gab es zum Nachtisch rote Grütze. Draußen war es mittlerweile dunkel, und Bucca brachte seine Kinder zu Bett und erzählte ihnen eine schöne Gute- Nacht- Geschichte. Sie waren rasch eingeschlafen, und lächelnd deckte er sie zu.
Komm, erzähl mir, was dich bedrückt sagte Primula, als Bucca aus dem Kinderzimmer kam. Was gibt es Neues in Königsnorburg?
Vieles, und die guten Nachrichten sind eindeutig in der Minderzahl antwortete Bucca nachdenklich. Im fernen Gebirge rumort es, Wilderland wimmelt nur so von Orks und der nächste Krieg scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Mittelerde wird immer unsicherer, Primula. Aber das ist nicht meine größte Sorge.
Bucca, was könnte es Schlimmeres geben als den Krieg? rief Primula. Gerade geht es uns etwas besser, wir leben endlich in Frieden und Freiheit und jetzt soll das alles wieder bedroht sein?
Für Friede und Freiheit kann man kämpfen entgegnete Bucca. Aber es kursieren Gerüchte, das es in Gondor eine rätselhafte Krankheit gibt, die die Leute nur so dahinrafft. Man sagt, niemand könne sie überleben; und sie breitet sich weiter aus. Ich weiß nicht, wie so eine Epidemie aufgehalten werden könnte, und ich fürchte, so eine Seuche könnte unsere Existenz stärker bedrohen als Kampf und Krieg.
Sagen diese Gerüchte auch, wie sich diese Krankheit auswirkt? Welche Symptome gibt es?
Man sagt, die Kranken werden immer schwächer. Sie bekommen schwarze Beulen auf der Haut, werden blutleer und sterben an Schwäche.
Bucca, ich glaube, ich könnte dieser Krankheit einen Namen geben: früher nannte man das die Pest, und meine Großmutter erzählte mir, im Winkel war diese Krankheit schon einmal ausgebrochen. Viele gingen damals an ihr zugrunde, aber letzten Endes wurde sie doch überwunden, denn unsere Urgroßeltern fanden ein Gegenmittel, heißt es.
Na, hoffentlich ist dieses Wissen nicht im Winkel zurückgeblieben meinte Bucca nachdenklich. Er kannte die Geschichten von der Pest, manche sagten hinter vorgehaltener Hand, dahinter stecke der Feind. Geflüsterte Mutmaßungen sprachen vom Hexenkönig, und viele Dùnedain befürchteten das Schlimmste. Alte Erzählungen berichteten von Krankheiten, die vom Feind verbreitet worden waren und die Not, Tod und Verheerung über Mittelerde gebracht hatten und wer konnte mit Gewißheit sagen, ob es sich bei dieser rätselhaften Seuche wirklich um die Pest handelte? Vielleicht war diese neue Epidemie eine noch viel grausamere und unentrinnbarere Krankheit? Bucca starrte nachdenklich ins Kaminfeuer. Ihm war, als ob die Flammen seinen Gesichtskreis erst umringten und dann vollständig ausfüllten, eine Drohung kommenden Unheils.
Ich sollte mit meinem Vater darüber sprechen sagte Bucca anschließend. Morgen reite ich nach Buckelstadt. Ganz gleich, wie die Gerüchte aus dem Süden lauten, die Bedrohung durch die Orks ist eine ernstzunehmende Gefahr. Wir müssen unsere Südgrenze unbedingt sichern, und ich finde, auch an der Brandyweinbrücke sollten wir eine Wache installieren. Niemand weiß, wer alles im Alten Wald lebt.
Das klingt klug antwortete Primula. Und ich frage unsere Kräuterweiber, was sie über diese Pest wissen. Es muß doch ein Mittel dagegen geben.
Bucca gähnte. Ich glaube, ich gehe jetzt zu Bett. Morgen habe ich einen langen Ritt vor mir, und es ist spät geworden.
Für den Hobbit war es ein Genuß, wenigstens eine Nacht bei seiner Frau verbringen zu können. Er war zwar müde von seinem langen und raschen Ritt von Königsnorburg, aber sein Kopf surrte vor Gedanken und er konnte lange nicht einschlafen. Er kuschelte sich an Primula, und ihr gleichmäßiges Atmen wog auch ihn endlich in den Schlaf.
Müde wachte er auf. Die Sonne schien in das Schlafzimmer hinein und Primula war irgendwo im Haus. Er hörte sie mal in der Küche klappern, dann in der Speisekammer rumoren, dann ging die Haustür, dann war sie wieder in der Küche. Bucca schälte sich aus dem Bett und zog sich an.
Guten Morgen gähnte er. Du bist schon wach?
Was heißt hier schon wach, Bucca, du Schlafmütze? Die Sonne steht schon seit drei Stunden am Himmel und ich habe dich nur weiterschlafen lassen, weil du die letzten Tage lange und weit geritten bist. Aber du wolltest doch heute nach Buckelstadt?
Ja meinte Bucca. Ich reite zum Waldhof und dann auf der neuen Straße nach Buckelstadt und nicht durch den Langgrund. In einer Stunde breche ich auf, dann erreiche ich Blancos Höhle noch vor Sonnenuntergang.
Er setzte sich zu Tisch und gönnte sich ein spätes Frühstück. Wie immer war es reichhaltig, und satt und zufrieden packte er seine Satteltaschen und sattelte sein Pferd.
In einer Woche bin ich wieder hier sagte er zu Primula und umarmte sie. Dann schwang er sich auf sein Pferd und galoppierte los.
Komm bald zurück! rief Primula, und dann war Bucca schon um die Ecke verschwunden. Er nahm einen Feldweg, der zum Wald führte. Nach einer Stunde raschen Reitens war er am Waldhof angelangt. Bucca sah die Straße, die sich durch den Wald wand. In wenigen Stunden würde er in Buckelstadt sein.
Zweites Kapitel: Eine üble Krankheit
Bucca war von Blanco so herzlich wie immer empfangen worden. Der Hobbit hatte von den Gerüchten erzählt, und Blanco war der Meinung, daß Marcho, Fredegar, Otho und Hamfast so schnell wie möglich davon erfahren sollten.
Währenddessen konnte Bucca einige Tage der Ruhe und Erholung genießen. Das Wetter war schön, er traf alte Bekannte aus seiner Jugend und gemeinsam erinnerten sie sich der herrlichen Tage ihrer Jugend. Aber trotzdem vergaß er nicht, weswegen er hier war und er sprach mit Melia über diese seltsame Seuche.
Alles, was du von dieser Seuche im Süden erzählst läßt darauf schließen, daß dort unten wirklich die Pest ausgebrochen ist sagte Melia.
Bucca schluckte. Ihm war die Tragweite dieser Aussage bewußt. Dann werden schwere Zeiten auf uns zukommen sagte er. Ich fürchte, viele werden sie nicht überleben. Und wer weiß, was uns sonst noch blüht.
Man sagt, die Orks würden die Ebene südlich unseres Landes beherrschen sagte Melia. Es wäre nur eine Frage der Zeit, wann sie uns angreifen würden.
Nicht nur die Ebene vom Wilderland ist unter ihrer Kontrolle antwortete Bucca. Auch im Nebelgebirge treiben sie ihr Unwesen. Und was sie im Norden treiben, weiß keiner. Und manche sprechen von noch schrecklicheren Wesen. Für uns bleibt erst mal nur, uns auf ihre Angriffe vorzubereiten.
Und wir sollten Kräuter sammeln und Verbandszeug bereithalten seufzte Melia. Vor fünf Jahren war ich dagegen, daß du Ritter wirst, aber jetzt können wir uns glücklich schätzen, daß du um unsere Freiheit kämpfen willst.
Nicht nur ich. Alle Hobbits werden um ihre Freiheit kämpfen müssen. Und wer weiß, was uns sonst noch bevorsteht.
Wer weiß es? fragte Melia nachdenklich. Das kann in der Tat keiner sagen.
Nach vier Tagen des Wartens waren Marcho und Hamfast in Buckelstadt angekommen. Fredegar und Otho waren schon etwas länger da, und Bucca berichtete von seinem Aufenthalt in Königsnorburg.
Der König spricht von unzähligen Orks, die das Nebelgebirge und Wilderland beherrschen sagte Bucca. Er erzählte von den Berichten der Kundschafter, und selbst die Elben von Bruchtal und von jenseits des Gebirges waren besorgt. Niemand kam mehr aus dem Süden, um Nachrichten oder Waren zu bringen. Nur Gerüchte drangen in den Norden herauf. Man spricht hinter vorgehaltener Hand von einer Seuche, die im Süden grassiert. Die Erkrankten werden immer schwächer und schwächer, bis sie sterben. Manche sagen, die Pest würde wieder die Menschen dahinraffen.
Die Pest flüsterte Hamfast mit schreckensgeweiteten Augen. Man sagt, vor vielen Jahren hat die Pest viele Bewohner der Lande zwischen Bree und Tharbad dahingerafft, und seither heißen diese leeren Lande Wilderland. Ich bin froh, nicht mehr im Süden zu leben.
Da können wir alle froh sein erwiderte Bucca. Wilderland war noch nie dicht besiedelt. Zu Isildurs Zeiten waren die Lande zwischen Bree und Tharbad menschenleer, und nach dem Großen Krieg gab es einige Ansiedlungen an der Südstraße, aber sie waren nie groß und Wilderland war nie dicht besiedelt. Die Chronisten sagen, daß diese Ansiedlungen wegen vermehrter Orküberfälle geräumt wurden, als die Lande wieder unsicherer wurden. Niemand von ihnen sprach von einer Epidemie oder Seuche. Nein, bislang scheint es, als ob es lediglich regional begrenzte Ausbrüche der Pest gegeben hatte, die verheerend für die Regionen waren, in der sie grassierte. Nur scheint jetzt ganz Gondor und mehr von dieser Seuche befallen zu sein, und wenn es so ist, dann ist es ein übles Vorzeichen.
Gondor ist weit weg von hier sagte Marcho. Es kann durchaus sein, daß der Süden von dieser Krankheit dahingerafft wird, wir aber verschont bleiben.
Ich würde nicht darauf zählen entgegnete Melia. Die Pest, sagt man, wird durch Mäuse und Ratten übertragen und wer weiß, ob es nicht noch andere Übertragungswege gibt. Und Mäuse und Ratten scheren sich nicht um unsere Grenzen.
Und was meinst du sollten wir tun? fragte Blanco.
Wir sollten uns auf den Ausbruch dieser Krankheit vorbereiten. Mit der Pest wurden wir schon früher fertig. Im Winkel gab es mal eine Pestepidemie, aber wir wurden ihrer Herr. Die alten Rezepte für diese Pillen und Tinkturen gibt es heute noch, sie werden noch immer bewahrt. Wir sollten jetzt damit anfangen, diese Arzneien herzustellen.
Tut das sagte Bucca. Laßt die Kräuterweiber ihre Vorkehrungen gegen diese Seuche treffen. Mein Herz sagt mir, daß nicht nur wir das bald bitter nötig haben werden.
Was sagt denn der König dazu? fragte Fredegar.
Der König ist besorgt. Er läßt den Süden mißtrauisch beobachten, so weit das geht. Er läßt alle Nachrichten und Gerüchte sammeln, derer er habhaft werden kann und weise Männer brüten über ihren Botschaften. Aber im einfachen Volk lacht man darüber und nennt das Märchen aus der Wildnis. Viele unterschätzen die Gefahr, die unentrinnbar zu sein scheint.
Die Pest mag unentrinnbar sein, aber sie ist nicht unbesiegbar sagte Melia. Wir können zwar erst dann eingreifen, wenn diese Krankheit ausgebrochen ist, aber wenn rasch gehandelt wird, dann ist es sehr wahrscheinlich, das relativ unbeschadet zu überstehen.
Deine Worte beweisen, wie wichtig es ist, daß wir uns auf eine Epidemie vorbereiten rief Bucca. Zur Not müssen wir unsere Provinz eben gegen den Rest abschotten, wenn dort nichts gegen die Pest unternommen wird.
Aber es gibt noch eine andere, unmittelbarere Gefahr: die Orks. Sie treiben auf der Ebene südlich unserer Grenze ihr Unwesen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir uns bald Angriffen von Orkbanden erwehren müssen. Wie ist die Grenze gesichert?
Nicht allzu schlecht, hoffe ich sagte Hamfast. Die Sümpfe und die Hecke wachsen von Jahr zu Jahr, und außer an der Sarnfurt gab es noch keine Übergriffe auf das Auenland. Dort haben wir ja jetzt die neue Grenzfestung, an der noch kein Ork vorbeikam. Wenn es aber allzu schlimm wird, sollten wir darüber nachdenken, die Furt aufzugraben. Der Fluß bildet die beste Verteidigungslinie, die wir uns wünschen könnten.
Das stimmt meinte Bucca. Der Brandywein ist die beste Verteidigungslinie, die wir haben, von den Sümpfen im Süden vielleicht abgesehen. Die Furt sollten wir vielleicht zerstören, wenn die Übergriffe zunehmen. Denkt aber daran, daß Flüchtlinge aus dem Süden dann keine Chance hätten, das sichere Arnor zu erreichen.
Es gibt aber noch einen Schwachpunkt: die Brandyweinbrücke bei Balgfurt. Orks könnten sich durch den Alten Wald bis zu ihr durchschlagen und uns dann vom Osten her angreifen. Das wäre nicht unwahrscheinlich, auch wenn sie durch eine Provinz von Arnor ziehen müßten. Aber wer von uns weiß, was außer wilden Ebern noch in diesem Wald wohnt?
Du willst allen Ernstes die alte Brücke abreißen? Das kann doch nicht dein Ernst sein rief Blanco. Der König wird das niemals zulassen, gab er uns denn nicht die Aufgabe, die Brücke und die Oststraße instand zu halten?
Vom Abreißen sprach ich nicht entgegnete Bucca. Wir sollten aber einen befestigten Grenzposten in Balgfurt einrichten. Im Moment könnte ein Orkheer ungehindert und unangefochten über die Brandyweinbrücke weit ins Auenland einmarschieren. Das mag der Fall sein, wenn die königlichen Truppen weit im Norden oder Osten angegriffen werden und dort gebunden sind. Wir müssen uns selbst schützen, so gut wir können.
Da magst du recht haben antwortete Blanco. Nur weiß ich nicht, wie der König reagiert, wenn wir mitten in Arnor Grenzfesten errichten.
Ich habe mit ihm bereits darüber gesprochen, und er ist der Ansicht, daß wir genau dies tun sollten. In den anderen Provinzen gibt es im ganzen Land verstreut Festungen, die die Aufgabe haben, einen Fluchtpunkt für die Bevölkerung zu bilden und für Ruhe und Frieden im Land zu sorgen. Er meint, wir sollten auch solche Festungen bauen und bemannen.
Ich weiß nicht. Hobbits sind keine geborenen Krieger und es wird niemandem von uns behagen, mitten in unserem Land Burgen zu haben, die eine allgegenwärtige Erinnerung an Kampf und Krieg sind. Ich glaube nicht, daß du genug Hobbits finden wirst, die auch nur eine dieser Burgen bemannen könnten. Nein, ich glaube, wenn wir an den Grenzen unserer Provinz ein paar Forts errichten, dann wird jeder Hobbit das mittragen. Mitten in unserem Land wollen wir so was aber nicht haben.
Bucca sah das ein, und Melia machte sich auf, um die Kräuterweiber von den Kurbädern von Buckelstadt anzuweisen, sich auf eine mögliche Pestepidemie vorzubereiten. Bucca, Marcho und Blanco sprachen noch über die Südgrenze, und Fredegar machte sich Gedanken über die Sicherheit ihrer Nordgrenze.
Können auch dort nicht Feinde ins Auenland eindringen? fragte er.
Das Auenland grenzt im Norden ja an die Seeprovinz meinte Bucca. Dort dürfte ein feindlicher Übergriff am unwahrscheinlichsten sein, dann müßten diese Feinde ja die Nordgrenze Arnors überrannt haben, und das kommt uns früh genug zu Ohren.
Das schon, aber ist es nicht zu spät, mit dem Bau von Grenzfestungen anzufangen, wenn Feinde die Nordgrenze überrannt haben? Ich finde, wir sollten jetzt mit dem Bau beginnen.
Es kann kein Schaden sein, ein paar Forts dort oben zu errichten antwortete Bucca. Nur sollten wir uns zuerst den schwächeren West- und Südgrenzen unseres Landes zuwenden.
Bucca hat recht sagte Marcho. An der Brandyweinbrücke wäre ein Übergriff nicht unwahrscheinlich, von der Sarnfurt mal ganz abgesehen. Wir sollten dort so bald wie möglich mit der Verstärkung der Grenze beginnen. Aber der Norden wird nicht vergessen sein, dem wenden wir uns zu, wenn die dringenderen Aufgaben erledigt sind.
Sie saßen noch ein wenig zusammen und sprachen über dies und das, belanglose Dinge, bis die Abendessenszeit gekommen war. Melia war noch unterwegs, und nachher saßen die Hobbits draußen auf der Terrasse und genossen das herrliche Wetter, das, als ob es allen üblen Vorzeichen trotzen wollte, schön geblieben war.
Es war bereits Abend, als ein Reiter langsam die Straße heraufkam. Es schien, als ob er eine bestimmte Hausnummer suchen würde, er schien schon mal hier gewesen zu sein, aber offenbar war das schon länger her. Er schien größer als ein gewöhnlicher Hobbit zu sein, aber möglicherweise narrte die einsetzende Dunkelheit das Auge.
Offensichtlich hatte er sein Ziel gefunden, denn er saß vor Blancos Höhle ab und führte sein Pferd in den Hof. Blanco ging hinaus, um den Fremden zu begrüßen.
Willkommen hier in Buckelstadt sagte Blanco. Was führt Euch zu uns?
Ich suche Euren Sohn Bucca. Primula sagte mir, ich würde ihn hier finden.
Und du hast ihn gefunden, Daeros rief Bucca. Er kam aus der Höhle gestürmt und umarmte stürmisch seinen alten Freund.
Sie gingen hinein und sperrten die Nacht aus. Natürlich wollte Bucca wissen, was Daeros ins Auenland führte. Dieser seufzte.
Sorgen über Sorgen sagte er. Du kennst doch die Gerüchte, die in Königsnorburg schon seit längerem umgehen.
Die Kriegsgefahr oder meinst du das Schlimmere?
Ich spreche nicht von der Kriegsgefahr, Bucca. Es ist ein viel schlimmerer Fall eingetreten, fürchte ich. Vor ein paar Tagen kamen einige Menschen zu den Heilern. Sie waren schwach und schwarze Beulen waren auf ihrer Haut. Und jetzt sind die Heiler selbst von dieser Krankheit betroffen.
Die Pest flüsterte Marcho mit schreckgeweiteten Augen.
Es ist soweit sagte Bucca. Ruft nach den Kräuterweibern! Wir müssen rasch handeln, noch bevor die Seuche auf unser Land übergreift.
Was gibt es denn noch zu handeln? fragte Daeros tonlos.
Melia sagte, es gäbe eine Möglichkeit, die Pest zu heilen, wenn in einem frühen Stadium damit begonnen wird. Natürlich müssen unsere Kräuterweiber die Zeit haben, sich darauf vorzubereiten, und deswegen müssen wir rasch handeln.
Es gibt eine Möglichkeit der Heilung? rief Daeros erstaunt.
Wenn es wirklich die Pest ist, dann gibt es sie antwortete Blanco.
Daeros, du verheimlichst doch etwas bemerkte Bucca mit scharfem Blick. Irgendwas stimmt mit dir nicht!
Bucca, ich fürchte, du hast recht. Haltet Abstand, und seht! Daeros zog seinen Umhang ein wenig beiseite. Kleine, schwarze Beulen waren auf seinem Arm zu sehen.
Ich verstehe sagte Bucca. Du solltest in die Kurbäder gehen, und zwar rasch.
Und du solltest mitgehen, Bucca meinte Blanco. Immerhin hast du deinen Freund ja mehr als innig begrüßt, wer weiß, ob du die Pest nicht auch schon in dir trägst.
Bucca nickte, und die beiden machten sich auf. Draußen war es dunkel, und der Weg zum Kurbad von Buckelstadt war nicht lang. Sie gingen nicht auf der Hauptstraße, weil Bucca fürchtete, andere Hobbits zu treffen und womöglich noch anzustecken.
Daeros trottete langsam und mit gesenktem Kopf neben Bucca her. Ich hoffe, ich habe keinen Schaden angerichtet. Aber was hätte ich tun sollen? In Königsnorburg kann mir keiner helfen, tatsächlich bin ich dort ein Ausgestoßener.
Mal sehen, was unsere Kräuterweiber können antwortete Bucca. Ich glaube, hier bist du besser aufgehoben als in Königsnorburg. Da schau, wir sind gleich da.
Sie gingen in eine niedrige Höhle, die von innen fahl erleuchtet war. Daeros fand, es war irgendwie unheimlich, aber Bucca ging ohne zu zögern hinein. Drinnen wurde er von Lobelia Stechdorn empfangen.
Hallo Bucca! Was führt dich zu dieser nachtschlafenen Stunde hier her?
Ein ganz großes und ernstzunehmendes Problem. Halte bitte Abstand von uns. Herr Daeros er zeigte auf seinen Begleiter, scheint von der Pest infiziert zu sein.
Dann heißt es keine Zeit verlieren sagte sie. Geht gleich in den Behandlungsraum. Ich hole Melia und bin gleich bei euch. Entkleidet euch derweil. Beide!
Die beiden taten, wie ihnen geheißen wurde, und kurze Zeit später wurden sie von Lobelia untersucht. Bucca zeigte natürlich noch keine Symptome der Pest, aber er sollte ein paar Tage zur Beobachtung bleiben. Bei Daeros war die Lage natürlich schlimmer, aber es bestand noch Hoffnung, meinte Melia.
Ihr werdet Euch sofort der Heilbehandlung unterziehen müssen sagte sie. Wie lange ist es her, seit Ihr diese Krankheit bei Euch bemerkt habt?
Fünf Tage. Ich bin sofort losgeritten.
Ihr konntet nichts besseres tun. Liege ich richtig mit der Vermutung, daß niemand in Königsnorburg in der Lage gewesen wäre, Euch zu helfen?
Ja. Selbst die Heiler sterben an der Pest.
Melia schüttelte ihren Kopf. So steht es um die letzten Reste der hochgeschätzten númenórischen Heilkunst. Nun, wer weiß, woher diese Seuche genau kommt.
Wir vermuten, sie verbreitete sich zuerst im Süden.
Das kann gut sein. Es heißt, die Pest grassiere um so stärker, je wärmer das Klima ist. Das heißt nicht, daß uns im Norden nichts passieren kann; es ist eher so, daß wir sie womöglich leichter in Griff kriegen werden. Nun, das wird die Zukunft weisen.
Noch in der Nacht begannen sie mit der Behandlung. Die größten Pestbeulen wurden aufgeschnitten und Lobelia träufelte irgendeine Tinktur hinein, die einen stechenden Schmerz verursachte. Daeros biß die Zähne zusammen. Dann sollte er sich schlafen legen.
Nach zwei Tagen fand Bucca das, was er befürchtet hatte: kleine schwarze Beulen bildeten sich auf seiner Haut. Er ging sofort zu Lobelia.
Du hast Glück sagte sie. Die Pest ist gerade am Ausbrechen. Jetzt müssen wir mit der Behandlung beginnen. Auch Bucca mußte die schmerzhafte Tortur über sich ergehen lassen, aber nach ein paar weiteren Tagen waren die schwarzen Bläschen verschwunden und er fühlte sich bestens bei Kräften.
Wie geht es dir? fragte Melia.
Wirklich gut antwortete Bucca. Ich glaube, ich könnte Bäume ausreißen. Und von diesen schwarzen Bläschen ist nichts mehr zu sehen.
Melia untersuchte ihren Sohn genau, dann atmete sie auf. Mir scheint, als ob du die Pest überstanden hättest. So wie es aussieht handelt es sich um eine nicht ganz so verheerende Art dieser Seuche. Du bleibst noch ein paar Tage in Buckelstadt, dann sehen wir weiter. Von mir aus kannst du wieder zu Blanco gehen.
Wie geht es Daeros?
Ihm geht es wieder ein wenig besser. Natürlich braucht seine Heilung noch ein wenig Zeit, aber sei guten Mutes!
So wie es aussah, hatten Bucca und Daeros noch großes Glück gehabt. Aber noch war die Seuche im Auenland noch nicht richtig ausgebrochen, aber in Königsnorburg war die Lage bereits bedeutend schlimmer. König Artheleb hatte seine besten Ärzte ins Auenland geschickt und sie erhofften sich nützliche Hinweise, um gegen die Seuche ankämpfen zu können. Am Beispiel von Daeros wurde ihnen gezeigt, wie ein Pestkranker, der noch nicht allzu schwer erkrankt war geheilt werden konnte. Aber für diejenigen, bei denen die Krankheit zu weit fortgeschritten war gab es keine Hoffnung mehr; für sie konnten die Ärzte nichts mehr tun außer das Leiden zu vermindern.
Drittes Kapitel: Das Leben muß weitergehen
Während Bucca noch im Kurbad in Quarantäne war, hatten Marcho und Blanco beraten, was sie tun sollten, um die Bevölkerung des Auenlandes vor der Pest zu schützen. Melia war im Kurbad und sie wagte nicht, es zu verlassen. Zu groß war die Gefahr, andere anzustecken.
Wir sollten unsere Grenzen schließen sagte Marcho. Wer weiß, wie viele Pestinfizierte noch zu uns kommen?
Ich finde, wir sollten genau das nicht tun entgegnete Blanco. Zumindest unsere Mitbürger aus Arnor sollten unseren Beistand erfahren, so wie auch wir vor Jahren Beistand von ihnen erfahren hatten, als wir das Auenland besiedelten. Der König hat Ärzte entsandt, die von unseren Kräuterweibern alles lernen sollen, was sie gegen die Pest ausrichten können. Sie können in Königsnorburg den Kranken helfen, die müssen nicht hier herkommen.
Dagegen sage ich ja nichts. Ich meine unsere Südgrenze, und ich finde, der König sollte trotz allem an den Schutz der Ost- und der Nordgrenze denken. Die muß gegen Einflüsse von außen geschlossen werden.
Und wie willst du das tun? Du kannst nicht den Brandywein anschwellen lassen und die Brücke kannst du auch nicht abreißen. Ich fürchte, das Auenland läßt sich nicht so einfach nach außen abschotten. Und die Ratten, die die Pest übertragen können jeden Fluß durchschwimmen, sagt man.
Die Ratten müssen anderweitig bekämpft werden sagte Marcho. In unseren Vorratsschuppen treiben die schon länger ihr Unwesen, das muß aufhören. Ich fürchte, das wird ein hartes Stück Handarbeit werden.
Wir sollten für zehn tote Ratten eine Prämie von einem Kupferpfennig ausloben schlug Blanco vor. Für viele ist das ein nennenswerter Betrag, und tüchtige Buben und Mädchen können sich so ein nettes Zubrot verdienen. Die Ratten sollten bei den Landbütteln gesammelt und anschließend verbrannt werden.
Gute Idee. Das ist wenigstens mal ein Anfang. Dann bleibt nur zu hoffen, daß wir von der Pest verschont bleiben.
Also wurde bekanntgegeben, daß bei Abgabe von zehn toten Ratten ein Kupferpfennig an den Überbringer ausgezahlt werde, und weiterhin waren die Ratten täglich zu verbrennen. Das Geld wurde aus den Steuereinnahmen der letzten Jahre aufgebracht; ein Drittel der jährlichen Steuereinnahmen verblieb im Auenland. Es war tatsächlich so, daß viele ein nettes Zuverdienst hatten und es schien, als ob die Ratten im Auenland ordentlich dezimiert wurden.
Noch waren nur wenige Hobbits an der Pest erkrankt, aber Marcho sah keinen Grund, deswegen allzu sorglos zu werden. Aus Königsnorburg kamen keine Nachrichten mehr, es hieß, der König und sein Hofstaat hätten die Stadt verlassen und sie sei komplett abgeriegelt. Wo der König sich aufhielt war unbekannt, und es schien, daß Arnor führungslos war. Gerüchte besagten, der König wäre pestkrank, andere sagten, er sei bereits verstorben. Das einzige, was es nicht gab waren verläßliche Nachrichten.
Bucca war als geheilt entlassen worden, und er vertrat die Meinung, daß alle im Süden lebenden Hobbits für die Dauer der Pestepidemie so weit wie möglich im Norden leben sollten. Schon seit langem wußten die Ärzte, daß Pest und Cholera um so glimpflicher verliefen, je weiter nördlich sie ausbrachen.
Nur die Grenzwachen sollen besetzt bleiben sagte Bucca. Dort brauchen wir Freiwillige, die sich ihrer Gefahr durchaus bewußt sind. Ich meine nicht nur die Gefahr der Ansteckung durch die Pest, sondern auch mögliche Orkangriffe. Wer weiß, ob diese Epidemie nicht vom Feind kommt und er unsere Schwäche nicht für einen Angriff ausnutzt.
Das kann keiner sagen entgegnete Marcho. Ich fürchte, es wird nicht genug Freiwillige geben, die unsere Grenze schützen können. Wir denken schon länger darüber nach, die Sarnfurt aufzugraben und unpassierbar zu machen. Feind dürften es dann schwerer haben, den Brandywein zu überschreiten.
Andere können diese Probleme auch haben warf Blanco ein. Flüchtlinge, die von Orks verfolgt werden könnten keine Chance haben, das rettende Auenland zu erreichen.
Ich glaube nicht, daß jetzt noch Flüchtlinge aus dem Süden raufkommen sagte Bucca. Und wenn es wirklich noch einen Reisenden aus dem Süden geben sollte, dann könnten wir ihn ja mit einem Boot übersetzen. Mir wäre es jedenfalls wohler, wenn wir die Furt aufgraben würden. Die Furt kann man doch reparieren?
Natürlich kann die Furt wieder instandgesetzt werden antwortete Marcho. Nach dem letzten Hochwasser haben wir das ja auch getan, und da ist die Furt von den Fluten komplett weggerissen worden. Das ist kein Problem. Wir haben die Grenzwache an der Brandyweinbrücke fertig eingerichtet, und da wird auch ein fähiger Befehlshaber gebraucht.
Also soll ich an die Brücke gehen? fragte Bucca.
Das wäre das Klügste, mein Sohn antwortete Blanco. Aber warte noch ein paar Tage. Daeros ist fast geheilt, und er sollte dir dabei helfen. Ihr beide hattet die Pest gehabt, und die Kräuterweiber sagen, daß bei dieser Art der Pest bei denen, die sie überstanden haben eine Immunisierung eintritt. Ich habe keine Sorgen mehr um euch, und zwei fähige Ritter werden in der Lage sein, unser Land vor Feinden zu schützen.
Das hoffe ich sagte Bucca.
Nach einer Woche brachen Bucca und Daeros zur Brandyweinbrücke auf. Sie sollten in Marchos Haus leben, der jetzt noch nicht dorthin zurückkehren wollte. Die Hobbits, die nicht die Grenzen schützen sollten wurden in das Nordviertel umgesiedelt, und dort bauten die Kräuterweiber Häuser der Genesung auf, die den Pestkranken zur Verfügung stehen sollten. Fredegar und Otho waren damit beschäftigt, sich um Unterkünfte für die Hobbits aus den drei Vierteln zu kümmern. Marcho und Blanco kümmerten sich von Nadelhohl aus um die Verwaltung des Auenlands.
Bucca und Daeros schoben zusammen mit ein paar Hobbits aus Balgfurt, die ihren Heimatort nicht verlassen wollten Tag für Tag Wache, und es geschah nichts Aufregendes. Bucca hatte von seiner Mutter genug Medizin bekommen, um ein paar Pestkranke damit behandeln zu können. Sie hatte ihm gezeigt, was er dabei alles tun mußte.
Nichts Aufregendes war passiert, und auf den langen Wachen hatten Bucca und Daeros viel Zeit, miteinander zu reden. Das Brückengasthaus war geschlossen, auf der Mitte der Brücke (der Grenze des Auenlands) war eine Sperre errichtet worden und ein hoher hölzerner Wachturm erlaubte einen weiten Blick auf die Oststraße. Es war wieder so einer der langweiligen und langwierigen Tage, es regnete und ein kalter Westwind brachte noch mehr tiefhängende graue Wolken vom Meer herbei. Bucca war naß bis auf die Haut, und er fröstelte.
Weißt du noch, als wir vor fünf Jahren in Gondor waren? fragte Bucca. Es war sonnig und warm, die Vögel haben gesungen, die Sonne hat geschienen.
Ja, das weiß ich noch lächelte Daeros. Du warst zum Anfang gar nicht begeistert vom Empfang in Gondor, nicht wahr?
Ja, aber nach dem Spinnenpaß ging es. Bucca schauderte beim Gedanken an die Riesenspinne. Na wer weiß, wie es uns gehen würde, wären wir noch ein bißchen länger im Süden geblieben? Wer weiß, ob König Minardil und Prinz Telemnar noch leben?
Bucca, wir wissen noch nicht einmal, ob unser König Artheleb noch lebt, von Ecthelion und den anderen mal ganz zu schweigen. Niemand weiß, was im Süden passiert, und die Gerüchte lassen nichts Gutes ahnen, wenn nur ein Zehntel von ihnen stimmt.
Na, was machen wir uns Gedanken? Ich bin jedenfalls froh, daß es dir wieder gut geht. Du hattest recht, zu uns ins Auenland zu kommen. In Königsnorburg hätte dir keiner helfen können.
Ja, das stimmt sagte Daeros nachdenklich. Wie ging es den anderen? Was gäbe er dafür, genau das zu erfahren. Bucca wußte, wo seine Frau und seine Kinder waren, aber Daeros hatte keine Frau, und seine Kameraden waren wie vom Erdboden verschluckt. Seit Wochen bewachten sie die Oststraße, aber kein Reisender war auf ihr unterwegs. Und hinter ihnen lag die verlassene Ortschaft von Balgfurt. Es war, als ob das Leben in Mittelerde zum Stillstand gekommen wäre.
Marcho und Blanco hatten derweil alle Hände voll damit zu tun, allen eine Unterkunft zu verschaffen. Im Nordviertel wurde es eng, und viele neue Häuser und Höhlen wurden gebaut. Normalerweise mochten Hobbits das kalte und regnerische Wetter nicht, aber jetzt hatten sie die Hoffnung, daß der verregnete Sommer die Pest bremsen würde.
Allzu lange können wir das nicht durchhalten sagte Blanco, als er eines Abends mit seinem Bruder am Kaminfeuer saß. Ein langer, arbeitsreicher Tag lag hinter ihnen.
Das stimmt antwortete Marcho. Die Felder im Süden liegen brach, und von dort kommen die meisten Nahrungsmittel. Ein halbes Jahr geht das höchstens. Aber niemand weiß, wie lange diese Epidemie dauern kann, und ich fürchte fast, wir haben überreagiert, als wir die Leute hierher umgesiedelt haben.
Ich finde, wir haben genau das richtige getan entgegnete Blanco. Es heißt, in Königsnorburg wären zwei Drittel der Stadtbevölkerung von der Pest befallen, aber hier haben wir nur ein paar Erkrankte gehabt.
Das war vielleicht nur die erste Welle. Möglicherweise stehen uns noch mehr bevor. Wir sollten uns nicht in Sicherheit wiegen, noch ist nichts überstanden. Wie geht es eigentlich den Grenzwächtern im Süden und Osten?
Man sagt, daß viele, die der Besatzung der Feste an der Sarnfurt angehören von der Pest befallen waren. Einige starben, die anderen konnten geheilt werden. Aus Balgfurt gibt es nichts Nennenswertes zu berichten, Bucca und Daeros halten zusammen mit ein paar Hobbits aus Balgfurt Wache, aber die Oststraße ist wie ausgestorben.
Gibt es Nachrichten vom König?
Nein, niemand weiß, wo er ist und ob er noch lebt. Gerüchte sagen, er sei an der Pest gestorben, andere sprechen von einem Orküberfall, manche behaupten, er habe sich an einen geheimen Ort zurückgezogen. Das einzige, was wir sicher wissen ist, daß er Königsnorburg schon seit längerem verlassen hat. Aber da hört unser Wissen auf.
Marcho und Blanco hingen noch eine Zeitlang ihren Gedanken nach. Wo war der König, und was, wäre wenn Orks jetzt Arnor in diesem Zustand der Führungslosigkeit angreifen würden? Sie konnten nur hoffen, daß das nicht passieren würde.
Bucca und Daeros hielten derweil ihre unermüdliche Wache an der Brandyweinbrücke. Über Wochen und Monate geschah nichts, und ein verregneter Sommer ging in einen stürmischen Herbst über. Nur an einigen wenigen Tagen war das Wetter schön gewesen und die Laubwälder des Stockbruchs waren in leuchtendes Rot und Gelb gehüllt. Aber die meiste Zeit war der Himmel grau und wolkenverhangen gewesen, und es stürmte und regnete.
Was machen wir uns Sorgen über die Pest! rief Bucca. Wir sollten uns Sorgen über eine kommende Grippewelle machen! Keiner der Wächter hatte noch trockene Kleidung.
Es war einer der gleichförmig grau in grauen Herbsttage, als Bucca Reiter auf der Oststraße ausmachte. Sie waren noch weit entfernt, kamen aber rasch näher, und es schien, als ob sie verfolgt würden. Bucca rief die Wächter zu den Waffen.
Die Reiter verlangsamten ihre Pferde, als sie die Sperren auf der Brandyweinbrücke sahen. Zehn Schritt vor dem Brückenanfang hielten sie an.
Halt! Wer reitet hier in Arnor? rief Bucca.
Ecthelion von der königlichen Wache rief der Reiter. Wir werden von Orks verfolgt und der König ist bei uns.
Die Hobbits räumten die Sperren weg. Hier können wir uns den Feinden stellen sagte Bucca. Der König ist bei euch? Dies ist eine gute Nachricht, auf die wir nicht mehr zu hoffen wagten. Schlimme Gerüchte machen die Runde.
Ich weiß nicht, ob seine Ankunft hier eine gute Nachricht ist sagte Ecthelion leise. Er ist schwer krank.
Hat er...?
Ja. Vor ein paar Tagen ist sie bei ihm ausgebrochen.
Ich muß sofort zu ihm sagte Bucca. Er nahm eine kleine Schatulle und wurde von Ecthelion zu einem hochgewachsenen Mann geführt, der sich in seinen Umhang eingehüllt hatte.
Majestät sagte Bucca und kniete nieder.
Bucca vom Bruch sagte der König leise. Ihr solltet mich fliehen und nicht willentlich aufsuchen. Ich fürchte, ich habe bereits alle, die mich begleiten mit dieser Krankheit angesteckt.
Ich hatte sie bereits und wurde geheilt. Unsere Kräuterfrauen sagen, wer die Pest überstanden hat wird gegen sie immun. Außerdem haben sie mich ein wenig in der Heilung dieser Plage unterwiesen. Wie lange habt Ihr diese Krankheit schon?
Der König lächelte schwach. Seit einer Woche, schätze ich.
Bucca bat sie ins Haus. Ich habe einen Boten zu Blanco geschickt und ihn gebeten, uns mehr Medizin zu schicken. Bis alle von der Pest geheilt sind oder es klar ist, daß diese Krankheit bei ihnen nicht ausbricht bleiben alle hier in Quarantäne. Niemand darf dieses Haus verlassen, es sei denn, er sei geheilt. Die Kur wird Eure Kräfte in Anspruch nehmen, und Ihr solltet ruhen. Die, die noch nicht erkrankt sind bleiben zur Beobachtung hier.
Bucca begann mit der Behandlung, während Daeros die Verteidigung der Brandyweinbrücke organisierte. Es war eine schmerzhafte Prozedur, die Pestblasen aufzuschneiden und mit reinigender Tinktur zu behandeln, und nachher brauchten alle Beteiligte viel Ruhe. Bucca untersuchte auch die Begleiter des Königs, aber außer Ecthelion zeigte noch niemand die Symptome dieser Krankheit.
Und wieder werde ich von diesem Hobbit gerettet lächelte er. Mein liebster Bucca, ich stehe immer tiefer in deiner Schuld.
Du magst noch so manche Gelegenheit haben, das umzukehren lachte der Hobbit. Wer weiß, was uns in der nächsten Zeit noch bevorsteht. Aber du hast Glück: die Pest ist bei dir kaum ausgebrochen.
Dem aufregenden Tag folgte eine wachsame Nacht, aber niemand wagte es, die Grenzwache herauszufordern. Daeros vermutete, daß die Orks sich im Alten Wald versteckten und darauf lauerten, daß der König das Auenland wieder auf der Oststraße verlassen würde.
Ich kann nur hoffen, daß sie nicht bemerken, wie entvölkert die Lande hinter uns sind sagte Bucca nachdenklich. Ansonsten werden wir schneller angegriffen als uns lieb ist, fürchte ich. Und wir werden auf uns selbst gestellt sein, denn bis Verstärkung hier ist, vergehen Tage.
Zwei Tage passierte nichts, aber in der Nacht zum dritten Tag wurden sie angegriffen. Die Brückenwache schrie laut auf, als große, finstere Gestalten sich zur Brücke schlichen. Bucca und Daeros stürmten hinaus.
Rasch hatten sie ihre Pferde gesattelt und eilten auf die Brücke. Die Orks waren mehr als überrascht, daß zwei Ritter die Gegenwehr organisierten, und nach einem kurzen, entschlossenen Kampf war kein Ork mehr am Leben. Bucca und Daeros waren unverwundet geblieben, und sie beschlossen, sich die Gefallenen bei Tag näher anzusehen.
Mir scheint, als ob diese Feinde so schwach wie die sind, die sie verfolgten sagte Bucca. Ich habe eine mehr als ungute Vermutung, aber morgen sehen wir mehr.
Beim ersten Tageslicht gingen sie hinaus, und Bucca hatte alle angewiesen, die Leichen der Orks nicht zu berühren. Das erwies sich rasch als klug, denn alle Orks zeigten die Anzeichen der Pest, und sie schienen diese Krankheit schon länger in sich zu tragen.
Es ist, wie ich vermutet habe sagte Bucca finster. Die Orks scheinen die Überträger dieser Pest zu sein. Also hat der Feind doch seine Hände mit im Spiel.
Bucca, nur weil ein paar Orks von der Pest befallen sind heißt das noch lange nicht, daß der Feind die Schuld an dieser Epidemie trägt.
Nun, Ratten können Mittelerde nie in einem halben Jahr durchwandern, und so schnell hat sich die Pest hier verbreitet. Außerdem heißt es in alten Erzählungen, daß der Feind schon häufiger die freie Welt mit Seuchen heimgesucht hat.
Darauf sagte Daeros nichts mehr, und sie gingen ins Haus zurück. Nach einer kleinen Stärkung gingen die beiden wieder hinaus, und jenseits des Flusses legten sie die Kadaver auf einen großen Haufen und setzten ihn in Brand. Der Wind trug den Rauch weit gen Osten über den Alten Wald und weiter über Wilderland. Dann sorgten sie dafür, daß die Wachen verdoppelt wurden, denn Bucca befürchtete, daß sich noch mehr dieser Unholde in der Nähe herumtrieben.
Gegen Abend traf Melia ein, sie war auf Buccas Nachricht hin aus Nadelhohl aufgebrochen, um dem König zu helfen. Sie war der Ansicht, daß ihr Sohn ganze Arbeit geleistet hatte, denn die Kranken befanden sich auf dem Weg der Besserung, und bei den anderen aus der königlichen Garde waren keine Anzeichen der Pest aufgetreten.
Die Quarantäne war genau richtig, Bucca sagte sie anerkennend. Aber wir müssen sparsamer mit der Medizin umgehen, fürchte ich. Wir verbrauchen im Moment weitaus mehr als wir herstellen können. Nur gut, daß diejenigen, die von der Pest geheilt wurden gegen diese Krankheit immun geworden sind.
Der König sollte noch einige Tage in Behandlung bleiben, und Melia wollte dies persönlich übernehmen. Ecthelion durfte die Quarantäne bereits wieder verlassen und er unterstützte Bucca und Daeros bei der Bewachung der Brandyweinbrücke. Von Zeit zu Zeit kam ein Bote von der Südgrenze, und er berichtete, daß dort alles ruhig geblieben war. Die Furt war zerstört worden, aber sie hielten ein Boot bereit, falls jemand über den Fluß mußte. Aber es waren auf der weiten, baumlosen Ebene jenseits des Brandywein keine Bewegungen auszumachen. Man mochte meinen, alle Feinde seien vom Erdboden verschluckt worden.
Von Zeit zu Zeit kam ein Reiter aus dem Nordviertel, und die Nachrichten, die von dort kamen waren weniger gut. Viele Hobbits waren mittlerweile an der Pest erkrankt, und einigen konnte nicht mehr geholfen werden. Das naßkalte Wetter hatte vielen eine Grippe oder eine Lungenentzündung eingehandelt, und bei ihnen schlug die Pesttherapie nicht an. Aber denjenigen, die von der Pest geheilt waren machte der Kontakt mit den Erkrankten nichts mehr aus, und viele schöpften daraus Hoffnung. Marcho setzte die Genesenen dazu ein, den Pestkranken zu helfen.
Aus dem restlichen Arnor kamen jetzt keine Nachrichten mehr. Selbst aus Bree war seit Monaten kein Bote mehr gekommen, und schon seit längerer Zeit reiste niemand mehr dorthin. Die Zwerge, die normalerweise jedes Jahr von ihren Bergwerken im Ered Luin gen Osten zogen, um Handel zu treiben waren nirgendwo gesichtet worden, und Bucca vermutete, daß auch sie unter der Seuche zu leiden hatten.
Natürlich kursierten im Auenland die wildesten Gerüchte. Manche sagten, daß die komplette Bevölkerung von Arnor ausgerottet war, andere sprachen von einem geheimen Rückzugsgebiet im fernen Norden, wo die Pest noch nicht hingekommen war und wo außer den Dùnedain niemand hin durfte. Bucca lachte über diese Gerüchte. Wenn es solche geheimen Rückzugsgebiete geben sollte, dann wäre der König sicherlich dort und nicht hier im Auenland. Aber eines war allen klar, auch ohne genaue Nachrichten zu haben: diese Seuche war zum Fluch vieler Völker geworden, und ein Ende war noch nicht abzusehen.
Nach einer weiteren Woche war auch der König geheilt, und da sonst keiner im Moment Symptome der Pest zeigte, durften sie weiter reisen. König Artheleb hatte vorgehabt, mit Marcho und Blanco über ihre derzeitige Situation zu sprechen, und er wollte die Regierung Arnors aus dem Auenland wieder aufnehmen. Er war nach Nadelhohl aufgebrochen, und Bucca und Daeros blieben in Balgfurt zurück.
Ja, da reitet er hin sagte Bucca. Ich glaube, damit hatte er nicht gerechnet: daß wir ihn wirklich heilen können.
Nein, er war darüber ersichtlich verblüfft meinet Daeros. Aber jetzt hat er Wichtigeres zu tun als zwei Grenzwächter in ihrer Einsamkeit beizustehen lachte er. Wir können uns jetzt wieder unserer Langeweile widmen. Mal sehen, ob diesen Monat noch was passiert.
Also für meinen Teil hatte ich genug lachte Bucca, und sie kletterten auf den Wachturm.
Der König war rasch nach Nadelhohl geritten, denn während seiner langen Abwesenheit waren viele Angelegenheiten ungeregelt geblieben. Er ließ bekanntgeben, daß er vorhatte, den Regierungssitz für unbestimmte Zeit ins Auenland zu verlegen. Er hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wo er sich niederlassen sollte, aber genau das gedachte er mit Marcho und Blanco zu besprechen.
Marcho hatte den Vorschlag gemacht, daß der König sich in Balgfurt oder in Froschmoorstetten niederlassen sollte. Diese Ortschaften lagen an der Oststraße und waren damit leicht zu erreichen.
Balgfurt, das klingt gut sagte der König. Es liegt zwar genau an der Grenze des Auenlandes, aber nicht an der Grenze von Arnor. Kein Bote muß weit in das Auenland reiten, wenn er uns sprechen will. In Froschmoorstetten wüßte ich nicht, wo wir unterkommen sollten, aber gehe ich recht, daß ich in Eurem Haus in Balgfurt willkommen wäre, Herr Marcho?
Selbstverständlich seid Ihr das erwiderte Marcho. Mein Sohn Bucca wird Euch willkommen heiße, er wohnt zusammen mir Daeros in meinem Haus. Wenn es Euer Wille ist, dann werde ich ihm eine Nachricht zukommen lassen, damit er für Euch und Euer Gefolge angemessene Unterkünfte beschaffen kann.
Der König stimmte zu, und Bucca erhielt den Auftrag, in Balgfurt einen provisorischen Regierungssitz einzurichten. König Artheleb wollte noch ein paar Tage in Nadelhohl bleiben, um sich und seinem Gefolge etwas Ruhe zu gönnen.
Na, ich glaube, jetzt ist es mit der Zeit der Ruhe vorbei lachte Bucca, als er Blancos Auftrag erhalten hatte. Aber ich hätte mir das nicht träumen lassen: Balgfurt wird mal die Hauptstadt von Arnor!
Ja, jetzt ist es mit der Ruhe vorbei sagte Daeros, als er den Brief gelesen hatte. Aber schöner wäre es, wenn die Brückenstube wieder öffnen würde. Eine Hauptstadt braucht ein Gasthaus, finde ich.
Ich werde meinem Vater eine entsprechende Botschaft zukommen lassen lachte Bucca.
Für Bucca und Daeros folgten arbeitsreiche Tage. Bucca hatte von Marcho die Erlaubnis erhalten, auf alle Häuser und Höhlen von Balgfurt zugreifen zu dürfen, und er hatte beschlossen, Marchos Haus dem König zur Verfügung zu stellen. Die anderen Edelleute sollten in der Nähe unterkommen. Bucca und Daeros beschlossen, in das Haus des Brückenwärters zu ziehen, das direkt am Westufer des Brandywein stand, dort würden sie im Fall des Falles rascher eingreifen können. Außerdem würden sie dort etwas der Ruhe bewahren können, die sie die ganze Zeit genossen hatten (hoffte Bucca), denn das Häuschen lag etwas abseits vom allgemeinen Trubel.
Der Brückenwirt traf wieder in Balgfurt ein, auch er war an der Pest erkrankt gewesen, und er hielt es im Nordviertel, wo er nichts zu tun hatte nicht mehr aus. In Balgfurt würde es dagegen wieder Arbeit geben, und die Sorge vor der Pest und Orküberfällen schreckte ihn nicht.
Nach einigen arbeitsreichen Tagen waren die Unterkünfte fertig, und Bucca mußte bei dem Gedanken an die arnorischen Edelleute in Hobbithäusern lächeln. Vor ein paar Jahren hätte sich das keiner träumen lassen aber da waren ja auch die Zeiten besser gewesen.
König Artheleb zeigte sich erfreut über seine neue Residenz, nur daß Bucca und Daeros irgendwo am Flußufer wohnen sollten wollte er nicht dulden.
Jemand muß doch wissen, in welchem Schrank die Tassen und in welchem die Teller sind lachte er. Die Leitung der Brückenwache könnt ihr auch von hier aus machen. Wache schieben braucht ihr nicht mehr, dafür sind jetzt meine Leute da. Ich erwarte eher, daß ihr mir bei meiner Arbeit zur Hand geht.
Zur Not können wir auch in das Brückengasthaus gehen lachte Bucca. Nächste Woche öffnet es wieder. Eine Hauptstadt braucht doch ein Gasthaus meinte er augenzwinkernd.
Viertes Kapitel: Auf Reisen in einem veränderten Land
Das Leben ging in Arnor weiter; irgendwie ging es schon. König Artheleb sorgte sich zusehends um die Nordprovinz, aus der keine Nachrichten kamen. Selbst was im nahen Bree vor sich ging, konnte niemand mit Sicherheit sagen.
Bucca hatte den Vorschlag gemacht, auf einen Erkundungsritt durch Arnor zu gehen. Auf Gerüchte allein können und dürfen wir uns nicht verlassen, Herr. Mit Eurer Erlaubnis werde ich nach Bree und Königsnorburg reiten und herausfinden, was es herauszufinden gibt.
Die Reise wird nicht ungefährlich sein, Bucca. Wer weiß, was sich alles auf unseren Straßen herumtreibt, jetzt da niemand sie mehr sichert. Und wer weiß, ob du dich nicht wieder an der Pest erkrankst, weitab von jeglicher Hilfe.
Die Kräuterfrauen meinen, daß ich nicht noch mal an der Pest erkranken könnte. Sicherheitshalber will ich ein wenig Medizin mitnehmen, das sollte kein Problem sein.
Und du wirst nicht alleine reiten sagte Daeros. Ich werde dich begleiten, Bucca. Auch ich fürchte die Pest nicht mehr und ich will wissen, was im Norden los ist.
Dann sei es. Brecht auf, wann ihr euch bereit fühlt, und ich erlege euch nicht auf, dahin oder dorthin zu reiten. Die Lande sind selbst in Arnor gefährlich geworden, und ihr werdet womöglich noch schrecklicheres als den Krieg zu sehen bekommen. Eines nur erwarte ich: einen ausführlichen Bericht über eure Reise.
Bucca und Daeros verbeugten sich und zogen sich zurück. Sie packten ein paar Dinge, die sie für einen Ritt von drei Wochen benötigten und die beiden beschlossen, am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang aufzubrechen. Bucca nahm an Pestmedizin mit, was sie in Balgfurt entbehren konnten. Er ahnte, daß sie dies brauchen würden.
Der nächste Tag war so grau und regnerisch wie die Tage zuvor. Ein stürmischer Westwind blies von den Turmbergen herab. Der König stand in der Haustür und sprach ein paar Worte zum Abschied.
Reitet rasch, gebt auf euch acht und bleibt nicht allzu lange weg rief er den beiden nach. Und bringt Neuigkeiten mit!
Machen wir! rief Bucca. Haltet in drei Wochen zwei Plätze in der Brückenstube für uns frei! Wir werden hungrig zurückkommen!
Die Umstehenden lachten, und Bucca und Daeros schwangen sich in den Sattel und sie brachen auf. Sie kamen unangefochten durch den Alten Wald und am späten Nachmittag standen sie vor den Toren von Bree. Sie waren fest verschlossen, und erst nach mehrmaligem Rufen kam ein Wächter.
Was wollt ihr? rief er barsch.
Zwei Ritter von Arnor wünschen im Auftrag des Königs die Stadt zu betreten rief Bucca zurück.
Zeigt Eure Gesichter!
Die beiden zogen ihre Kapuzen zurück und der Wächter leuchtete ihnen mit einer Fackel ins Gesicht. Dann hellte sich seine Miene auf.
Ihr seid nicht an der Pest erkrankt. Er öffnete das Tor, und die beiden schlüpften rasch hinein. Rasch wurde das Tor wieder geschlossen. Bitte habt Verständnis für diese Vorsichtsmaßnahmen. Wir sind bemüht, die Pest aus unserem Städtchen draußen zu halten, und die Kranken müssen vor der Stadt wohnen. Haltet Euch von denen fern. Viele konnten wir mit der Medizin aus dem Auenland heilen, aber für einige können die Heiler nicht mehr tun als ihr Leiden zu lindern.
Wir haben diese Krankheit selbst vor einem halben Jahr überstanden entgegnete Bucca. Unsere Kräuterweiber sagen, daß diejenigen, die die Pest überstanden haben gegen sie immun werden. Uns beiden dürfte nichts mehr passieren.
Das ist noch besser. Darf ich fragen, welches Euer Auftrag ist? Es wird nicht nur mich verwundern, was den König dazu bewegt, zwei Ritter aus dem sicheren Auenland herauszuschicken. Es wundert uns immer noch, wo der König überhaupt gewesen ist.
Wir sollen ganz einfach Nachrichten aus Bree und Königsnorburg sammeln antwortete Daeros. Wo der König auch immer war, er ist jetzt in Balgfurt und er macht sich Sorgen um sein Reich. Wir werden wohl recht bald in den Norden reiten, schätze ich, und ich fürchte, die Gefahren werden mit jeder Meile, die wir nordwärts reiten zunehmen.
Ihr sprecht leider nur allzu wahr, Herr. Aber ich vergesse meine Manieren, bitte um Entschuldigung, aber es ist einfach lange her, daß wir Reisende begrüßen konnten. Der Bürgermeister wird begierig sein, Euch willkommen zu heißen.
Sie trennten sich mit höflichen Worten und die beiden ritten zum Rathaus von Bree. Herr Butterblume war noch immer der Bürgermeister und der staunte nicht schlecht, als zwei Ritter von Arnor vor ihm standen.
Willkommen in Bree, Ihr Herren! rief er. Selten empfangen wir heutzutage Gäste. Mir wurde gemeldet, Ihr seid im Auftrag des Königs unterwegs?
Das ist richtig antwortete Bucca. Wir sollen herausfinden, was außerhalb des Auenlands vor sich geht. Nicht nur aus Bree sollen wir Neuigkeiten sammeln, sondern auch aus dem Norden.
Das wird aber eine gefährliche Fahrt, Herr Bucca. Man sagt, daß Räuber die Nordstraße unsicher machen, die aus dem fernen Angmar kommen sollen. Gerüchte sagen, daß sich unsere alten Feinde wieder sammeln. Ihr werdet Euch in Acht nehmen müssen.
Das ist uns klar sagte Daeros. Und genau aus diesem Grund reiten wir aus. Er senkte seine Stimme. Manche sprechen hinter vorgehaltener Hand vom Hexenkönig.
Der Bürgermeister erbleichte. Wenn das zutrifft, dann sind das die schlimmsten Nachrichten, die Bree zu meinen Lebzeiten erreicht haben.
Wenn das zutrifft, dann sind das die schlimmsten Nachrichten, die in diesen Breiten seit Isildurs Tagen vernommen wurden. Aber noch sind es Gerüchte. Und ich fürchte, wir sollten am besten schon morgen weiterreisen.
Wenn Ihr dieser Meinung seid, dann soll es so sein sagte Butterblume. Wenn Ihr es wünscht, dann wird ein Bote einen Brief nach Balgfurt bringen. Ihr könnt Eurem König schreiben, wie es in Bree aussieht. Schaut Euch ruhig ein wenig um.
Daeros und Bucca verabschiedeten sich vom Bürgermeister, und sie streiften noch ein wenig durch die Stadt. In Bree selbst sah es aus wie eh und je, nur waren ungewöhnlich viele Häuser leer und halb verfallen. Viele Fenster waren vernagelt, und die Stadt war ungewohnt ruhig. Aber den Bewohnern, denen sie begegneten sahen sie ihre Gesundheit an, denn die Pestkranken mußten vor die Tore der Stadt ziehen. Keine Feinde wagten es, dieses Viertel zu betreten, denn sie fürchteten die Gefahr der Ansteckung.
Für die Nacht hatten sie sich im Dürren Hering einquartiert, und Daeros hatte rasch den Brief an den König geschrieben. Bucca starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Daeros wunderte sich, was mit dem Hobbit los war.
Ich frage mich, was der Hexenkönig eigentlich ist sagte Bucca. Im Auenland kennen wir nur vage Gerüchte, und wenn wir Fragen stellen, erbleichen die Menschen und wollen nichts mehr sagen.
Aus gutem Grund antwortete Daeros. Er legte den Brief weg und nahm den Hobbit auf seinen Schoß. Vor vielen Jahren, noch vor dem Großen Krieg, als die Hohen Könige übers Meer gekommen waren hatte der Hexenkönig diese Lande hier unter seiner Kontrolle. Die Menschen lebten in Unfreiheit und sie wurden mit Schrecken regiert.
König Isildur hatte ihn besiegt und aus dem Norden vertrieben, aber er zog sich in den Süden zurück und trieb in Mordor sein Unwesen. Bucca schauderte. Den Weisen war damit klar, daß der Hexenkönig ein Diener Saurons war. Der Große Krieg war hart und verlustreich, und als der Dunkle Turm letzten Endes erobert wurde, war der Hexenkönig nicht mehr da. Er war wie vom Erdboden verschluckt und die einen sagten, er habe sich in den Norden, an die Eisküsten Forochels zurückgezogen; andere meinten, er sei rechtzeitig in den Osten geflohen und einige vertraten die These, er habe Zuflucht bei den Schwarzen Númenórern gefunden. Mancher vermutetet, er habe dort einen geheimen Auftrag ausgeführt. Jedenfalls ist er wieder hier im Norden, das scheint sicher zu sein. Aber wo er ist und war er vorhat weiß von uns natürlich keiner.
Und es ist ein Feind, dem ich nicht gegenüberstehen möchte. Niemand kann ihn töten, denn er ist bereits tot. Er ist ein Geist, aber weshalb er zum Geist wurde wissen noch nicht mal mehr die Weisen. Und es heißt, im Krieg treibt er seine Orks bis zur Raserei voran, und es fällt schwer, ihnen Widerstand zu leisten. Aber das alles sind Geschichten, die lange her sind und in meinen Augen nicht viel mehr als Gerüchte. Trotzdem solltest du wissen, mit wem wir es zu tun bekommen könnten. Der Feind könnte unsere Schwäche ausnutzen, vielleicht ist er schon auf der Straße. Wir müssen morgen vorsichtiger sein.
Aber diese Geschichten sind eigentlich nichts für den Abend, und wir sollten jetzt zur Ruhe gehen. Morgen wollen wir aufbrechen. Irgendwie fühle ich mich im Moment in Städten nicht mehr wohl.
Also das kann ich verstehen meinte Bucca.
Die beiden legten sich zu Bett, aber Bucca konnte nicht einschlafen. Wirre Bilder von Geistern und Gespenstern und Dämonen schwirrten in seinem Kopf herum, und unruhig wälzte er sich hin und her.
Schließlich wurde es Daeros zuviel, und er nahm den Hobbit zu sich ins Bett.
Ausnahmsweise, und weil von den anderen keiner dabei ist lachte er. Aber ich fürchte, die Geschichten vorhin waren vielleicht doch zuviel für einen kleinen Hobbit. Leg dich jetzt hin und schlafe, hier im Gasthaus kann dir nichts passieren. Daeros wollte lieber noch nicht erzählen, daß sich die erste Schlacht gegen die Heere des Hexenkönigs nur unweit von hier zugetragen hatte.
Nach einer traumlosen Nacht brachen sie früh auf. Sie hatten einen Boten ins Auenland geschickt und sich vom Bürgermeister verabschiedet. Nun waren sie auf der alten Straße in den Norden, und der Regen peitschte ihnen ins Gesicht. Gestrüpp wuchs auf dem breiten Streifen rechts und links der Straße, und Fußgänger konnten leicht in einen Hinterhalt geraten. Aber zu Pferd war das Gelände gut zu überblicken, und sie waren keine Stunde unterwegs gewesen, als Bucca wortlos und unauffällig nach rechts deutete. Daeros hatte verstanden, und sie taten so, als ob sie die auf der Lauer liegenden nicht bemerkt hätten. Und als die Räuber aus dem Gebüsch hervorbrachen fanden sie die Ritter mehr als vorbereitet, und Bucca war der Meinung, das wäre nichts als eine bessere Morgenübung gewesen. Fast alle wurden erschlagen, nur den Anführer nahmen sie gefangen.
Die waren schwach und von der Pest gezeichnet meinte er. Daeros gedachte, ihren Gefangenen zu verhören. Er sprach nur gebrochenes Westron und er berichtete, daß sie von Orks aus ihrer Heimat im Norden vertrieben wurden. Sie hatten vom Hexenkönig den Befehl erhalten, die Kontrolle über die Nordstraße zu übernehmen, und ihnen war Land und eine reiche Belohnung versprochen worden.
Was machen wir mit dem? fragte Daeros nachdenklich. Eigentlich müßten wir ihn vor Gericht bringen oder wenigstens standrechtlich verurteilen. Was meinst du, Bucca?
Es gibt seit Monaten keine funktionierenden Gerichte mehr in dieser Gegend, Daeros. Und überdies ist er schwer pestkrank. Er wird den Winter sowieso nicht mehr erleben, da brauchen wir kein Standrecht auszuüben. Vielleicht sollten wir ihn heißen, sich einer anderen Gruppe anzuschließen. Wir haben jedenfalls keine Zeit, ihn zum König zu bringen, und ich glaube nicht, daß das eine gute Idee wäre.
Ich fürchte, du hast recht. Du willst ihn zu anderen schicken? Wieso um alles in der Welt?
Wir könnten so herausfinden, wo sich andere Räuber befinden. Außerdem könnte er die Gesunden unter ihnen anstecken, und wir hätten weniger Schwertarbeit.
Hobbits sind faul lachte Daeros. Aber das ist gut so. Eine wahrhaft geniale Idee: den Hauptmann laufen lassen und den Feind durch den Feind dezimieren lassen. Also ließ Daeros den Nordling laufen.
Ich lasse dich gehen, aber du mußt schwören, nie wieder einen Dùnedain anzugreifen. Zeige dich der Gnade würdig, die wir dir erweisen!
Der Räuber kniete nieder und schwor den Eid, und Daeros beobachtete genau, wohin er ging. Der Mensch lief zum Waldrand und war rasch im Zwielicht verschwunden. Bucca und Daeros saßen auf und ritten weiter.
Du glaubst doch nicht wirklich, daß der uns nicht mehr angreift fragte Bucca skeptisch.
Nicht wirklich. Aber er wird seinen Kameraden nicht nur erzählen, daß wir ihn laufen gelassen haben sonder auch, wie wir zwei seinen Trupp niedergemacht haben. Wir müssen des Nachts Wache halten und tagsüber schnell und wachsam reiten. Ich bin mal gespannt, wie weit wir kommen.
Sie setzten ihre Reise fort, und an den nächsten beiden Tagen wurden sie nicht behelligt. Die beiden kamen nur langsam voran, denn die Wachstationen lagen verlassen und viele waren von Feinden besetzt und sie mußten sie umgehen. Nachts rasteten sie nicht allzu lang und sie entzündeten kein Feuer. Aber sie hielten sich an den Verlauf der Straße, so gut es ging, und nach zehn Tagen hatten sie Königsnorburg erreicht. Die Stadt schien noch immer bewohnt zu sein, aber viele Häuser schienen verlassen zu sein. Die Ritter galoppierten die letzte Meile zum Gondor- Tor, aber es war fest verschlossen, und auf Buccas Trompetensignal zeigte sich kein Wächter. Daeros rief und hämmerte ans Tor, aber es tat sich nichts.
Was zum Henker soll denn das? rief er. Seit wann werden Ritter von Arnor in der Hauptstadt von Arnor nicht mehr willkommen geheißen?
Es hat hier keinen Zweck sagte Bucca. Scheinbar ist niemand da, um das Tor zu bemannen. Sie werden uns auf der anderen Seite der Stadtmauer nicht hören können, vermute ich. Die Mauer ist dick und ihre Krone offenbar unbemannt.
Das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen: in Königsnorburg werde ich nicht mehr hereingelassen! Na, dann werden wir wohl draußen lagern müssen.
Ich finde, wir sollten es vorher am Osttor versuchen schlug Bucca vor. Vielleicht ist dieses ja besetzt.
Sie umrundeten die Stadt, und nach zwei Stunden auf einem Trampelpfad, der stellenweise von Unkraut überwuchert war standen sie vor dem Osttor. Normalerweise war es so gut wie immer geschlossen gewesen, denn die Straße, die aus ihr herausführte war schon seit längerem verwaist gewesen. Aber zu ihrer Überraschung stand es offen und Wächter schoben eine langweilige Wache.
Na, ich hatte ja schon jede Hoffnung aufgegeben meinte Daeros.
Die Wächter versperrten den beiden den Weg und sie starrten die Ritter mißtrauisch an. Wer seid Ihr, der Ihr in der Tracht unserer Ritter daherreitet?
Wir sind Ritter von Arnor sagte Bucca. Ich bin Bucca vom Bruch und das ist Daeros vom Abendrotsee, und wir reiten auf Befehl des Königs.
Ich kenne die beiden rief ein Mann. Herr Bucca scheint gesund zu sein, er darf die Stadt betreten. Aber Daeros hat die Pest, und er darf nicht hinein.
Bucca saß ab und trat vor. Mein Name ist Damrod, ich bin der Hauptmann der Torwache sagte der Mann und verbeugte sich. Erklärt mir Euren Auftrag. Und, wenn ich fragen darf, wo befindet sich unser König?
Ihr dürft fragen: er ist im Auenland. Dort befindet er sich auf dem Wege der Besserung, denn er hatte die Pest, so wie Daeros. Ihr könnt Daeros willkommen heißen, denn er wurde von dieser Seuche geheilt; er ist in der Tat jetzt dagegen immun.
Tretet vor, Daeros sagte der Hauptmann. Daeros tat es und entblößte sein Haupt. Nun gut. Er scheint wirklich gesund zu sein. Wenn Ihr für ihn bürgt, Herr Bucca, dann darf er mit Euch die Stadt betreten. Aber Ihr spracht noch nicht von Eurem Auftrag.
Ich wurde durch verschiedene Fragen daran gehindert antwortete Bucca. Seine Majestät wünscht zu erfahren, was hier im Norden vor sich geht. Wir haben im Auenland nichts über euch erfahren, und auf Gerüchte verlassen wir uns nicht gern. Außerdem habe ich noch ein wenig Medizin bei mir, und was vielleicht noch wichtiger ist, die Rezepte, sie herzustellen. Und der König gab mir den Auftrag, die Ärzte in der Herstellung der Pestmedizin und der Behandlung zu unterweisen. Daeros soll mich dabei unterstützen, und ich werde jede Unterstützung nötig haben.
Wie wahr Ihr sprecht, Herr. Der König hatte ein paar Ärzte ins Auenland geschickt, aber die haben sich recht bald abgesetzt, als es hier ernst wurde. Ihr werdet viel Arbeit haben. Aber reitet nun rasch zum Palastkommandanten. Er hat die Regierung der Stadt in der Abwesenheit des Königs übernommen.
Die Wächter gaben den beiden den Weg frei, und sie galoppierten zum Palast. Der Kommandant war mehr als erstaunt, als die beiden vor ihm standen.
Ihr beiden seid hier hochwillkommen sagte er. Was führt euch aus dem sicheren und behaglichen Auenland zu uns?
Der Auftrag des Königs sagte Bucca. Er ist im Auenland.
Es heißt, er wäre schlimm an der Pest erkrankt und es stünde nicht gut um ihn.
Das ist nicht richtig. Der König war sehr wohl an der Pest erkrankt, aber er befindet sich jetzt dank der Künste unserer Kräuterweiber auf dem Wege der Besserung. Und er hat uns in den Norden entsandt, um Nachrichten zu sammeln und um bei der Bekämpfung der Pest zu helfen. Ich habe etwas Medizin bei mir und das Rezept, mit dem welche hergestellt werden kann.
Das tut hier wahrlich not. Von den Ärzten gibt es hier nur noch wenige. Die meisten haben sich abgesetzt, als die Pest hier ausbrach, und das, obwohl sie im Auenland in der Bekämpfung dieser Seuche ausgebildet wurden, heißt es. Wir haben viele Menschen deswegen verloren.
Bucca war außer sich. Das werden wir dem König melden, keine Sorge. Ich werde persönlich Sorge dafür tragen, daß diese Ärzte nicht mehr als Ärzte arbeiten werden. Das ist ja wirklich ungeheuerlich...
Du solltest besser mit deiner Arbeit beginnen meinte Daeros.
Die Pestkranken haben wir in den Norden der Stadt umquartiert. Es wäre am besten, wenn ihr sie dort behandeln würdet. Trotz aller Medizin sollten wir jede Ansteckung vermeiden.
Wohl wahr antwortete Bucca. Gibt es Freiwillige, die uns unterstützen wollen?
Ich werde einen Aufruf starten. Ihr sollt Euch jetzt aber zur Ruhe legen. Ihr seit weit und durch gefährliche Lande geritten und es ist bereits Abend. Ich fürchte, die Tafel in der Stadt wird nicht so üppig wie gewohnt sein, aber ich werde sehen, was sich tun läßt, um einen hungrigen Hobbit satt zu bekommen.
Bucca und Daeros bezogen ihr Quartier in einem Gästezimmer unweit der Kommandantur. Sie genossen es, die Nacht in weichen Federbetten ohne Baumwurzeln und Steine zu verbringen, und am nächsten Morgen gingen sie früh an die Arbeit.
Es gab einige wenige Freiwillige, die bereit waren, den Hobbit in der Eindämmung der Pest zur Hand zu gehen. Bucca unterwies sie, und als erstes stellten sie Rattenfallen auf. Es war wichtig, die Überträger der Seuche auszumerzen. Dann richteten sie am Seeufer eine Krankenstation ein, und diejenigen, bei denen die Pest noch nicht zu weit fortgeschritten war begannen sie mit der Behandlung. Bucca erklärte den Freiwilligen, was sie tun mußten, und anschließend erklärte er, wie die Medizin herzustellen war. Spät am Abend kehrte er todmüde in den Palast zurück.
Wie war dein Tag? fragte Daeros.
Anstrengend, aber schön. Aus den Freiwilligen werden bald gute Heiler werden, sie lernen schnell und wir sind heute weiter gekommen als gedacht. Die Ratten werden wir hoffentlich bald ausgerottet haben und für viele Pestkranke besteht neue Hoffnung.
Das ist gut. So werden wir hoffentlich noch vor dem Winter Gelegenheit haben, an die Nordgrenze zu reiten und vielleicht schaffen wir es ja, vor dem ersten Schnee ins Auenland zurückreiten zu können.
Das kann ich dir beim besten Willen noch nicht versprechen. Und es stört mich gewaltig, daß Räuber auf den wichtigsten Straßen Arnors schalten und walten können wie sie wollen.
In der Hinsicht war ich heute unterwegs meinte Daeros. Wir haben das Gondor- Tor inspiziert und es wird wieder besetzt. Übermorgen führe ich eine kleine Expedition an, die das nähere Umland säubern soll. Es wird Zeit, den Nordlingen zu zeigen, daß sie in Arnor nichts, aber auch gar nichts zu melden haben!
Während Daeros mit seinen Mannen das Umland von Königsnorburg von Räubern und Gesindel säuberte, hatte Bucca mit der Pestbekämpfung zu tun. Es waren lange und arbeitsreiche Tage, die allmählich von ersten Erfolgen gekrönt waren. Die ersten Menschen konnten als geheilt entlassen werden und sie halfen ihrerseits jetzt gern bei der Bekämpfung der Seuche. Manche sammelten Kräuter, andere bereiteten sie zu und therapierten die Kranken. Bucca zog sich immer mehr aus der aktiven Betreuung und Heilung zurück. Er meinte, sie würden bald ohne ihre Hilfe auskommen müssen, denn der Auftrag des Königs wartete noch immer darauf, erledigt zu werden.
Wenn den Hobbit eine Sorge plagte, dann war es die Furcht um die rasch schwindenden Kräutervorräte von Königsnorburg. In der näheren Umgebung der Stadt war alles abgeerntet, und die Sammler wagten wegen der marodierenden Räuber nicht, weiter weg als ein paar Wegstunden zu gehen. Aber noch konnten alle Kranken behandelt werden.
Wir sollten rasch eine Expedition durchführen, die im Norden die dringend benötigten Kräuter sammelt sagte Bucca, als er beim Stadtkommandanten vorsprach.
Ihr sollt jede Unterstützung haben, die Ihr benötigt. Daeros wird für morgen mit seinen Mannen zurückerwartet. Er wird Euch sicher auf dieser Expedition begleiten, vor allem wenn Ihr es versuchen wollt, bis zur Nordgrenze zu gelangen.
Wir sollten unser Hauptaugenmerk darauf richten, genügend Rohstoffe für die Pestmedizin zu bekommen entgegnete Bucca. Aber was wir tun werden sollte morgen mit Daeros abgesprochen werden.
Fünftes Kapitel: Auf dem Weg zum Hexenkönig
Daeros war von der Bevölkerung von Königsnorburg bejubelt worden, als er mit seinen Recken in die Stadt einzog. Die Orks und Räuber wagten nicht mehr, sich der Hauptstadt von Arnor zu nähern und selbst auf der Nordstraße war wieder ein relativ gefahrloses Reisen möglich. Die Wachstationen an der Straße waren wieder von Mannen des Königs besetzt worden und die Feinde mußten sich in hauslose Gebiete zurückziehen.
Ja, die Feinde sind weitaus schwächer als wir. Viele sind schwer krank und es war weniger das Problem, sie zu besiegen als vielmehr, ihre Leichen so zu bestatten, daß von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht. Wir haben sie verbrannt, das schien die einzige Methode sein, die Gefahr der Ansteckung zu bannen.
Das ist richtig sagte Bucca. Es muß nur darauf geachtet werden, daß der Wind nicht in Richtung irgendwelcher Siedlungen weht.
Es kommt hier ein schwerwiegendes Problem auf uns zu sagte der Kommandant. Bucca meldete gestern, daß die Kräutervorräte in der Stadt zur Neige gehen und in der Nähe können keine Heilpflanzen mehr gefunden werden. Eine Expedition muß in den Norden gehen, um dort nach den notwendigen Kräutern zu suchen.
Ich werde auf alle Fälle mitgehen antwortete Daeros. Ich hoffe doch, daß Bucca mitkommt. Aber viele von denen, die gegen die Räuber gekämpft haben bedürfen der Ruhe und wir dürfen nicht mit zu wenigen Kriegern aufbrechen.
Ich komme auf alle Fälle mit sagte Bucca. Irgendwie werden mir die Stadtmauern zu eng, und ich muß mir mal den freien Wind um die Nase wehen lassen. Aber ich fürchte, es wird nicht genug Freiwillige geben, die uns begleiten wollen.
Ich werde aus der Palastwache einige Krieger auswählen, die mir für solch eine Fahrt geeignet erscheinen entgegnete der Kommandant. Viele brennen darauf, auch mal auf eine große Fahrt gehen zu dürfen, ich glaube, es werden sich mehr freiwillig melden als tatsächlich benötigt werden. Ihr solltet mit zwanzig Leuten reiten, so seid ihr stark genug, Feinde abwehren zu können und doch flink genug für die Suche zu sein. Wann wollt Ihr aufbrechen?
Am liebsten wäre mir es, wenn es morgen wäre sagte Bucca. Aber wenn Daeros der Ruhe bedarf, dann muß es entsprechend später sein.
Ich bin nicht übermüdet, nur hungrig lachte Daeros. Nach einem guten Hobbit- Abendessen könnte ich sofort losreiten, ich glaube aber, das dürfte Proteste von den anderen Kriegern geben.
Also brecht ihr morgen Mittag auf sagte der Kommandant abschließend. Ich werde jetzt Eure Begleiter auswählen. Ihr aber sollt zum Abendessen gehen und Euch anschließend ausruhen. Morgen früh sollt Ihr mir sagen, wohin genau Ihr reiten wollt.
Bucca und Daeros verbeugten sich und zogen sich zurück. Nach einem nicht allzu reichhaltigen Abendessen sprachen sie noch ein wenig über ihre Taten der vergangenen Tage, und an die kommende Fahrt verschwendeten sie keinen Gedanken. Sie wußten, allzu viele Möglichkeiten hatten sie nicht, ihr Geschick zu beeinflussen.
Der nächste Morgen war nicht allzu stürmisch, und ab und zu brach die Sonne zwischen den Wolken hervor. Bucca und Daeros hatten gerade dem Kommandanten erklärt, wohin sie reiten wollten und jetzt wurden ihnen die Freiwilligen vorgestellt, die sie in den Norden begleiten wollten. Es waren junge Krieger der Palastwache, und viele sollten zu Rittern ausgebildet werden, aber die Pest kam dem dazwischen. Alle waren erkrankt gewesen und hatten Heilung erfahren und sie brannten darauf, endlich etwas tun zu können, um den anderen zu helfen. Bucca ahnte, daß sie gute Krieger brauchen würden.
Noch vor der Mittagsstunde waren sie dann losgeritten, und sie blieben dicht zusammen. Es wäre sinnlos gewesen, Kundschafter loszuschicken; sie mußten sich auf die Wachen verlassen. Daeros hatte doppelte Nachtwachen angeordnet, denn niemand konnte genau sagen, ob sich Feinde in der Nähe befanden.
Bucca hatte das Gefühl, daß die Lande noch unwegsamer als bei seiner letzten Fahrt an die Nordgrenze geworden waren. Aber sie wollten nicht allzu weit reisen. Zwei Tagesritte nördlich von Königsnorburg waren dichte Wälder und saftige Wiesen und sie hofften, dort die dringend benötigten Heilkräuter zu finden. Daeros überlegte, ob er zusammen mit Bucca die Lande an der Nordgrenze auskundschaften sollte. Er wollte das nicht zuletzt davon abhängig machen, wie oft sie auf ihrer Fahrt von Feinden belästigt würden.
Die erste Nacht war ruhig verlaufen. Wenn Feinde in der Nähe waren, dann wagten sie es nicht, sich offen zu zeigen. Vorsichtig ritten sie beim ersten Morgengrauen weiter, und langsam rückte die hohe nördliche Hügelkette näher. Hinter ihr lag die Nordgrenze von Arnor, und keiner wußte, was dahinter war.
Am späten Nachmittag erreichten sie einen dichten Wald, und vorsichtig begann die Gruppe damit, nach den Kräutern zu suchen. Sie blieben dicht zusammen, aber auch an diesem Tag gab es keinen Angriff.
Na, das klappt wohl besser als gedacht meinte Daeros. Bislang wurden wir in Ruhe gelassen, wenn es so weitergeht, dann können wir in ein paar Tagen mit vollen Satteltaschen nach Königsnorburg zurückkehren.
Trotzdem dürfen wir in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen entgegnete Bucca. Und dann müssen wir herausfinden, wie es um unsere Nordgrenze steht. Ich fürchte, es wird für uns keine Pause geben, wenn wir zurück in Königsnorburg sind.
Meinst du, wir müssen zurückkehren, wenn es ruhig bleibt? Bucca, was hältst du davon: wir trennen uns von unseren wackeren Recken und schlagen uns alleine zur Nordgrenze durch. Vielleicht können wir ja die Grenze überschreiten.
Wir würden auf alle Fälle herausfinden, wie es um den Norden bestellt ist. Wir sollten nicht unbedingt die Grenze überschreiten, aber wenn wir es tun, dann können wir dem König melden, wie die Lage unserer Feinde ist. Trotzdem müssen wir dann erst recht Vorsicht walten lassen.
Zwei Tage blieben sie dort, und von Feinden war keine Spur zu sehen. Mit prall gefüllten Satteltaschen machte sich die Gruppe auf den Heimweg, aber Bucca und Daeros verabschiedeten sich von ihnen.
Ihr werdet den Heimweg auch ohne uns finden sagte Bucca. Unter euch sind starke Krieger, die sich den Weg nach Königsnorburg zur Not auch freikämpfen könnten. Erwartet uns spätestens in einem Monat!
Wohin werdet Ihr gehen? fragte einer der Menschen.
Wir sehen uns mal die Nordgrenze an antwortete Bucca. Dies ist ein Teil unseres Auftrages: herausfinden, was sich im Norden tut. Möglicherweise überschreiten wir sogar die Grenze. Keiner weiß, was jenseits von Arnor vor sich geht.
Aber ist das nicht zu gefährlich, Herr?
Heutzutage ist nichts mehr ungefährlich. Aber wir passen auf und sehen zu, daß wir die Gefahren meiden, wenn wir es können. Achtet ihr auf euren Heimweg, und wir werden in einem Monat wieder miteinander sprechen können.
Sie verabschiedeten sich, und Bucca und Daeros wandten sich gen Norden. Die beiden hielten auf die Hügel zu, und bald waren sie unter einem schattigen Tannenwald verschwunden. Im Wald war es düster, die Zweige knackten und ab und zu huschte ein Tier vorbei. Das Land lag in scheinbarem Frieden, und dennoch waren die beiden wachsam und angespannt. Niemand konnte genau sagen, ob sich Räuber oder Orks herumtrieben und wo sie genau waren.
Trotzdem genoß Bucca diesen Teil ihres Rittes. Er liebte den würzigen Tannenduft, das Wetter war verhältnismäßig schön (das bedeutete, es regnete nicht zu oft) und sie waren nicht gerade auf ein allzu rasches Fortkommen bedacht. Die beiden schonten ihre Kräfte für die kommenden ungewissen Tage.
Bucca und Daeros sprachen nicht allzu oft. Jeder hing seinen Gedanken nach, die Tage vergingen, das Herbstwetter wurde nicht gerade gemütlicher und sie vermieden es, durch offenes Gelände zu reiten. In den dichten Wäldern war es schwerer, jemanden auszumachen und wenn Feinde in der Nähe waren, dann beobachteten sie die Wiesen im Talgrund.
Aus diesem Grund wagten die beiden es nicht, abends ein Feuer anzuzünden und so gab es nur kaltes, freudloses Essen. Das graue Tageslicht schlug den beiden aufs Gemüt, den Himmel sahen sie oft für Stunden nicht.
Nach vier Tagen standen sie an der Nordgrenze Arnors. Der Wallgraben und die Palisadenreihe war in besserem Zustand als vor sechs Jahren, aber an einigen Stellen war sie erst kürzlich niedergerissen worden. Die Spuren deuteten darauf hin, daß Menschen die Grenze überschritten hatten. Orkspuren waren keine darunter.
So, da wären wir. Das waren die ersten Worte, die Daeros seit ihrem Frühstück gesprochen hatte. Sieht nicht so aus, als ob hier Heerscharen lagern.
Nein meinte Bucca. Aber man merkt, daß die Grenze seit längerem unbemannt ist. Offensichtlich gehen die Räuber hier ein und aus. Orks scheinen aber keine darunter zu sein.
Orks sind keine darunter. Aber ich finde, von einem Räubertrupp gestellt zu werden ist auch keine bessere Alternative. Was meinst du sollten wir umkehren und nach Königsnorburg zurückreiten oder reiten wir weiter und überschreiten die Grenze?
Wenn unsere Feinde das können, dann können wir das auch entgegnete Bucca. Wenn wir schon mal hier sind, dann sollten wir auch weiterreiten. Außerdem möchte ich heute Nacht nur ungern in der Nähe der Grenze sein. Sie wird allem Anschein nach nur nachts überschritten und wer weiß, was passiert wenn wir entdeckt werden?
Ich möchte es nicht ausprobieren.
Daeros saß wieder auf, und sie ritten durch die Bresche hindurch. Langsam und vorsichtig ritten sie auf den Wall und in den Graben hinein und wieder hinaus. Niemand schien in Sichtweite zu sein, denn es wurden keine Anstalten gemacht, die beiden aufzuhalten. Rasch ritten sie in den Wald hinein, der auf der gegenüberliegenden Seite der Grenze begann. Sie hatten Arnor verlassen und befanden sich nun in den Nördlichen Einöden. Man erzählte sich, hier beginne das Herrschaftsgebiet des Hexenkönigs.
Zunächst konnten sie keinen Unterschied zu den Wäldern von Arnor feststellen als sie weiterritten. Auch hier wuchs unter den dunklen Tannen so gut wie kein Unterholz, und sie kamen gut voran. Natürlich waren Bucca und Daeros jetzt noch vorsichtiger, denn jetzt waren sie Späher in einem feindlichen Land, und was passieren würde, wenn sie entdeckt würden wagte keiner auszumalen.
Nach drei Tagen im Wald kamen sie an sein nördliches Ende. Die Hügel liefen sanft in einer großen Ebene aus, die braun und kahl vor ihnen lag. An einigen Stellen wuchs dichtes Gestrüpp, aber meistens war sie von langem Gras bewachsen. Weit in der Ferne konnte Bucca im Osten das Nebelgebirge sehen, das sich gen Norden zog und einen Schwenk nach Westen zu machen schien. Der Hobbit meinte, ganz weit im Norden, da wo das Gebirge zu enden schien eine große schwarze Wolke auszumachen.
Erstes Hindernis brummte Daeros. Dort unten gibt es so gut wie keine Deckung, vom Gestrüpp vielleicht mal abgesehen. Wie wir da ungesehen durchkommen sollen weiß ich nicht.
Wir sollten heute Nacht hier am Waldrand bleiben und beobachten, was sich dort unten tut. Schließlich sind wir weiter gekommen als gedacht. Im Moment scheint diese Ebene menschenleer zu sein. Aber wie heißt sie überhaupt?
Das ist die Ebene von Angmar. Bucca bemerkte, wie Daeros schauderte. Man sagt, der Hexenkönig könne von seiner Festung weit oben im Norden, in Carn Dûm, dort wo das Nebelgebirge endet alles überblicken und niemand wandert oder reitet unbemerkt über diese Ebene. Dabei kann ich das nördliche Ende des Gebirges noch nicht mal sehen.
Ich vermute, es ist da hinten. Bucca zeigte nach Nordwesten. Dort, wo die schwarze Wolke über dem Berg hängt, das muß Carn Dûm sein.
Das kannst du sehen? Donnerwetter! staunte Daeros. Siehst du irgendwelche Bewegungen dort unten auf der Ebene?
Nein, dort ist nichts auszumachen. Bucca starrte angestrengt auf die vor ihm liegenden Landen. Nein, es scheint alles ruhig zu sein. Ich finde, wir sollten die Gegend trotzdem ein paar Tage lang beobachten. Vielleicht tut sich ja was, und wenn wir erst mal unten sind, dann können wir nicht mehr so weit blicken.
Das scheint das beste zu sein: das alles vom sicheren Waldrand aus beobachten pflichtete Daeros bei. Also blieben die beiden auf dem letzten Hügel der Nördlichen Höhen. Das einzige, was sie während der beiden folgenden Tage ausmachen konnten waren einzelne Wanderer, aber keine Räuberbanden oder Orkheere. Angmar schien genau so ausgestorben zu sein wie Arnor.
Vielleicht hat die Pest hier genau so schlimm gewütet wie bei uns meinte Daeros. Jedenfalls finde ich, wir sollten uns das Ganze mal aus der Nähe betrachten.
Bei Einbruch der Dunkelheit saßen sie auf und ritten vorsichtig den Hügel hinunter. Bucca meinte, es sei ratsam, auf dieser weiten Ebene nachts zu reiten und tags in einem der Dickichte zu ruhen. Er hoffte, so unentdeckt zu bleiben.
Tatsächlich trafen sie während der folgenden Tage weder Menschen noch Orks, aber die beiden blieben vorsichtig und wachsam. Und langsam kamen die hohen Berge des Nebelgebirges immer näher. Nach einer Woche konnte selbst Daeros die schwarze Wolke von Carn Dûm sehen. Ein seltsamer Geruch lag über dem Land, irgendwie bitter und ölig. Es trocknete die Kehle aus, selbst wenn man gerade getrunken hatte, und schon seit Tagen waren sie nicht mehr auf Wasser gestoßen. Bucca schätzte, daß ihre Wasservorräte noch für zwei bis drei Tage reichen würden, und er meinte, sie sollten umkehren. Es gab hier unten in der Ebene nichts zu sehen, und Daeros fürchtete eine Begegnung mit Feinden, so tief im Feindesland von Angmar und er war froh, als Bucca vom Umkehren sprach.
Das alles scheint öd und leer zu sein. Niemand baut Lebensmittel an, niemand wohnt hier. Kein Wunder, daß die Räuber versuchen, ihr Dasein in Arnor zu fristen.
Ja, Daeros, jetzt kennen wir den Grund, weshalb sie in unser Reich eindringen. Es scheint hier Mißernten gegeben zu haben. Das alles waren mal Felder, die schon seit längerem brachliegen. Wer weiß, was für eine Pestilenz da gewütet hat.
Sie wandten sich wieder gen Süden. Ein paar gleichförmige Tage lang blieb alles ruhig, aber dann hörten sie etwas, das sie gefürchtet hatten: rauhe Orkstimmen, die nicht allzu weit weg zu sein schienen. Bucca und Daeros glitten leise aus dem Sattel. Die Stimmen kamen näher.
Habe ich doch richtig gewittert, als ich Pferd gerochen habe sagte eine. Sie klang rauh und böse. Bucca schauderte.
Haben diese Nichtsnutze von Menschen doch mal was Gutes erbeutet sagte eine andere Orkstimme, die nicht ganz so rauh zu klingen schien. Denen müssen wir lehren, uns sofort unseren Anteil auszuhändigen!
Leise! knurrte eine dritte Stimme. Vielleicht sind es ja Krieger aus Arnor, die uns gleich unser Fell über die Ohren ziehen, wenn wir nicht aufpassen. Vorsichtig jetzt!
Es gab keinen Zweifel: Bucca und Daeros waren entdeckt worden. Die beiden mußten nicht miteinander sprechen, es war klar, was sie zu tun hatten. Leise glitten sie auf ihre Pferde, und dann griffen sie wie der Blitz aus heiterem Himmel an.
Es war ein Trupp von vielleicht zehn Orks, die zu Fuß unterwegs waren, und sie waren trotz allem nicht auf einen Überraschungsangriff so weit im Land ihres Gebieters gefaßt gewesen. Die beiden Ritter aus Arnor hatten leichtes Spiel, denn viele waren schwer beladen. Woher sie die Sachen hatte wagte Bucca nicht zu erraten. Nach einigen blutigen Minuten hatten sie den Kampf für sich entschieden, aber Bucca war in Sorge.
Es werden noch mehr in der Nähe sein. Bald wird das Schlachtfeld entdeckt werden, und dann gnaden uns die Valar, wenn wir noch in der Nähe sind!
Ja, wir sollten jetzt ein anderes Tempo anschlagen sagte Daeros. Der Kampf war nicht gerade leise, und wenn noch mehr Orks hier sind, dann werden sie davon angelockt.
Sie galoppierten los, aber in dieser Nacht wurden sie nicht mehr behelligt. Den nächsten Tag verbrachten die beiden wieder in einem Gestrüpp. Niemand war auf der Ebene zu sehen.
Bucca blickte sehnsüchtig nach Süden. Noch zehn Tage, dann sind wir wieder in den Hügeln. Dann brauchen wir ein paar weitere Tage, bis wir wieder vor den Toren von Königsnorburg stehen.
Ich fürchte, das läßt sich nicht beschleunigen, Bucca. Laß uns hoffen, daß wir unsere Verfolger abschütteln können.
In der nächsten Nacht galoppierten sie weiter. Sie stießen auf einen kleinen Bachlauf, an dem sie endlich ihre Wasserflaschen auffüllen konnten, und sie ritten auf ein paar Meilen durch den Bach. Die Orknasen würden sich hier als nutzlos erweisen.
Tag für Tag kamen die ersehnten Hügel immer näher. Sie ritten jetzt auch bei Tag, denn sie wußten, daß sie verfolgt wurden. Wenn einer der Reiter sich umdrehte, konnte er den Staub sehen, den die Verfolger aufwirbelten, und ein Verstecken wäre jetzt sinnlos. Daeros hoffte, die Nordgrenze bald zu erreichen, auch wenn sie keinen großen Schutz mehr bieten würde. Sie war aber eine nicht zu verfehlende Wegmarke.
Endlich waren die beiden unter dem Tannenwald verschwunden, und sie durchmaßen ihn in zwei Tagen. Niemand schien sich in ihm aufzuhalten und niemand stellte sich den beiden in den Weg. Bald schon lag die ersehnte Grenze vor ihnen. Rasch ritten sie durch die Bresche, durch die sie ein paar Wochen zuvor in Angmar eingedrungen waren.
Die beiden hatten im Moment jede Vorsicht vergessen, und so ritten sie mitten hinein in ein Räuberlager. Bucca war geistesgegenwärtig genug, sein Schwert zu ziehen, aber Daeros´ Pferd erschrak und ging durch. Der Hobbit wußte nicht, wo sein Freund nun war, und er mühte sich tapfer, die Feinde auf Distanz zu halten. Einige erschlug er, noch mehr wurden verwundet, aber nach einem langen und zähen Kampf wurde er überwältigt. Aus unzähligen Wunden blutete er, und der Hobbit wurde rauh und unbarmherzig gefesselt.
Daeros hatte Mühe, sich auf dem Pferd zu halten. Es war weit in den Wald galoppiert, ehe er es wieder unter Kontrolle hatte. Beide schwitzten, aber Daeros gönnte sich keine Minute der Pause. Er wußte nicht, wo er war, aber er wußte, daß sein kleiner Freund in ernsten Schwierigkeiten stecken mußte. Daeros begann mit einer aussichtslosen Suche.
So, da ist diese kleine Ratte also sagte der Anführer der Räuber und lachte. Das hast du jetzt davon, daß du frech geworden bist lachte er und trat nach dem Hobbit. Und überhaupt: was hast du in Angmar verloren, hä?
Bucca sagte nichts. Seine Wunden schmerzten, er war müde und er wagte nicht auszumalen, was passieren würde, wenn er in die Hände der Orks geraten würde.
Na, hat es dir die Sprache verschlagen der was? Wo ist dein Spießgeselle? Antworte rasch, oder ich dreh dir den Hals rum!
Ich weiß es nicht sagte Bucca leise.
Wie? Du weißt es nicht? Der Unmensch riß den Hobbit an den Haaren hoch und schlug ihm ins Gesicht. Rede, verdammt noch mal! Wo ist er?
Ich weiß es wirklich nicht. Sein Pferd ist durchgegangen und er kann sonstwo sein.
Na gut. Aber ich trau dir nicht. Wir brechen auf!
Buccas Pferd wurde fortgejagt, und ein Räuber nahm den Gefesselten unsanft auf und klemmte ihn unter seinen Arm. Der Hobbit war erleichtert, als er bemerkte, daß sie gen Süden zogen. Er versuchte, die genaue Richtung herauszufinden, aber das war nicht einfach.
Daeros hatte seine liebe Mühe, die Bresche an der Nordgrenze wiederzufinden. Grimmig stellte er fest, daß die Räuber diesen Platz verlassen hatte. Überall waren Anzeichen eines hastigen Aufbruchs zu sehen: hier schwelte noch ein Feuer, dort lag eine vergessene Tasche, da stand ein Zelt. Daeros wunderte sich über die toten Räuber, die überall herumlagen. Offenbar hatte hier ein Kampf gewütet.
Plötzlich raschelte etwas hinter ihm. Daeros war gleichermaßen erstaunt und erschrocken, als Buccas Pferd reiterlos auf ihn zukam. Er hielt das Tier am Zügel fest und streichelte es.
Na, wenn du mir nur sagen könntest, was hier passiert ist. Das Pferd senkte den Kopf.
Daeros suchte den Boden nach weiteren Zeichen ab. Offenbar hatte hier ein Hobbit gestanden, aber er konnte das nicht genau sagen. Dann sah Daeros einen goldenen Schimmer: dort im Gras lag Buccas Schwert! Das Messing des Griffs glänzte in der Sonne.
Offenbar wurde er gefangen genommen murmelte er. Dann nahm er die Waffe an sich, schwang sich auf sein Pferd und machte sich an die Verfolgung. Daeros war froh, Buccas Pferd bei sich zu haben: war eines müde, dann wechselte er auf das andere. So würde er wertvolle Zeit gewinnen, denn eines war klar: die Räuber mußten rasten.
Die Spur ging nach Süden. Daeros seufzte erleichtert, denn die Räuber schienen noch nichts von dem Vorfall in Angmar zu wissen, anderenfalls wären sie wohl unverzüglich gen Norden gegangen. Wie der Wind eilte Daeros ihnen hinterher.
Nach einem langen, schmerzhaften Tag wurde Bucca wie ein schwerer Rucksack zu Boden geworfen. Dort lag er nun und überlegte, wie er aus dieser mißlichen Lage herauskommen könnte. Unter den Räubern schien es eine hitzige Debatte zu geben.
Ich trage den nicht den ganzen Weg bis zu unserem Hauptquartier sagte einer.
Du wirst das machen was ich dir sage knurrte der Anführer. Und wir gehen nicht zu unserem Quartier: da wären wir schön blöd. Wir mühen uns ab, keine Späher in der Nähe zu haben und dann tragen wir einen dorthin. Nein: der da scheint einiges wert zu sein. Es heißt, nur ein Halbling ist unter den Rittern von Arnor, und der ist von hohem Rang. Wir bringen ihn zu seinen Leuten und kassieren ein hübsches Lösegeld.
Mehrere Stimmen äußerten sich zustimmend, aber der Redner von eben schien im Zweifel zu sein. Ja, wir tragen ihn schön nach Hause, und wenn wir erst mal so weit sind, dann machen seine Leute uns fertig und wir haben den Salat. Ich weiß nicht, wieso wir uns mit dem belasten. Drehen wir dieser Ratte den Hals rum, der hat das mit vielen von uns auch so gemacht! Jetzt haben wir die Gelegenheit dazu!
So lange ich hier der Boß bin wird gemacht was ich sage, kapiert? Und wenn ich sage, wir kassieren Lösegeld für den, dann tun wir das, ist das klar? Wir werden mehr als nur einen gerechten Ausgleich für unsere Kameraden kriegen und dann sind wir gemachte Leute. Ich bring dem schon noch bei, uns nie wieder anzugreifen. Der Anführer lachte, und Bucca lief ein Schauer den Rücken hinunter. Ihm war klar, wie diese Lektion aussehen würde: er bekäme ein Bein oder einen Arm abgeschlagen und das war es dann.
Verzweiflung wollte in Bucca die Oberhand gewinnen, als er vergeblich versuchte, die Fesseln loszuwerden: sie saßen einfach zu stramm. Einer der Räuber kam auf ihn zu und warf ihm etwas trockenes Brot hin. Bucca versuchte, an das Brot heranzukommen, aber es gelang ihm nicht. Der Räuber lachte.
Stärke dich, wenn du kannst, mein kleiner Edelmann. Würde es nach mir gehen, dann wärst du jetzt tot. Und benimm dich und mach keine Mätzchen, sonst vergesse ich meine Befehle und mein Wunsch geht in Erfüllung.
Der Räuber ging wieder und Bucca dachte angestrengt nach, wie er diese Fesseln nur loswerden könnte. Er konnte sich kaum rühren. Die Räuber hatten wohlweislich dafür gesorgt, daß Bucca seine Rüstung anbehielt. Das Gewicht hielt den Gefesselten am Boden, er konnte sich ohne fremde Hilfe noch nicht mal aufrichten.
Nur nicht verzweifeln dachte er. Die müssen sich ja irgendwann einmal zur Ruhe legen. Ich liege ja schön abseits: vielleicht habe ich ja genug Ruhe, um an dem Stein da die Fesseln durchzuscheuern. Bucca tat so, als ob er schlafen würde. Ein Räuber nach dem anderen legte sich hin, und es schien, als ob sie keine Nachtwachen aufstellten. Das Feuer brannte langsam herunter, und schon waren alle eingeschlafen.
Alle bis auf einen. Bucca schaffte es, sich zu dem Stein zu rollen und nach einer kitzligen halben Stunde waren die Handfesseln durchtrennt. Der Strick war zwar dick, aber schon ziemlich morsch und so gab er bald nach, als die ersten Fasern durchtrennt waren. Seine Fußfesseln war der Hobbit bald los. Jetzt brauche ich nur noch eine Waffe dachte er. In dieser Nacht büßte der Anführer sein Schwert ein, und wie der Nachtwind verschwand Bucca zwischen den Bäumen.
Daeros preschte durch den Wald. Die Nacht war hereingebrochen, aber er machte nicht Halt. Der Ritter wußte, daß seine Feinde nicht mehr weit entfernt sein konnten, und dann würde er Bucca befreien oder ihn rächen.
Er sah Licht durch die Bäume schimmern. Vor ihm lagerte eine ganze Kompanie Menschen. Sie schienen sich sicher zu fühlen, denn es waren keine Wachen aufgestellt. Daeros saß ab und schlich sich vorsichtig näher. Unter den Schlafenden konnte er keinen Hobbit entdecken. Gerade noch rechtzeitig sah er vor seinen Füßen einen spitzen Stein aufragen, und was daneben lag, ließ ihn stutzen: durchtrennte Stricke. Daeros hob sie auf und er versuchte, den Spuren zu folgen. Es mußte ein Hobbit gewesen sein, denn die Fußspuren waren klein und im Dunklen kaum zu sehen. Der Mensch schlich zu den Pferden zurück. Er saß auf und ritt langsam in die Richtung, in die Bucca gelaufen sein mußte. Daeros wußte, er würde langsam reiten müssen, um den Hobbit nicht zu verfehlen.
Leise schlich Bucca durch den Wald. Er achtete auf jedes Geräusch um ihn herum und er war viel zu angespannt, um sich darüber zu wundern, wie schnell die Lebensgeister in ihn zurückgekehrt waren. Bucca huschte von Baum zu Baum, er fürchtete die Begegnung mit anderen Wesen.
Nach einer Stunde meinte er, leise Hufgeräusche hinter sich zu hören. Der Hobbit huschte hinter einen Baum und wartete das Näherkommen des Verfolgers ab. Er würde sich zu verteidigen wissen, wenn es darauf ankam.
Ein nicht allzu groß gewachsener Mensch auf einem Pferd schien den Waldboden nach etwas abzusuchen, und er führte ein zweites Pferd hinter sich her. Bucca versuchte das Wappen des Menschen zu erkennen, aber dafür war er zu weit weg und der Wald zu dunkel. Der Hobbit nahm allen Mut zusammen und warf einen Stein nicht allzu weit von sich weg. Der Mensch stutzte und sah sich um. Dann wendete er das Pferd und ritt mit gezogenem Schwert in die Richtung, in der es geraschelt hatte.
Der Mensch kam rasch näher, und ehe Bucca es sich versah, wurde er gepackt und aufs Pferd gehoben. Der Hobbit war zu verblüfft, um irgend etwas zu tun.
Ich bin heilfroh, dich gefunden zu haben sagte Daeros leise und schloß Bucca in seine Arme. Ich hatte Schlimmes befürchtet.
Die letzten anderthalb Tage waren wirklich nicht schön antwortete Bucca. Ich habe nur nicht erwartet, dich hier zu sehen! Der Hobbit erzählte anschließend kurz von seiner Gefangenschaft, und Daeros berichtete von der Verfolgung.
Aber jetzt sollten wir uns sputen, heimzukommen sagte Daeros. Königsnorburg liegt nur noch etwas mehr als einen Tagesritt entfernt. Dort sollst du dich ausruhen, während wir ein Räubernest ausräuchern werden!
Rasch ritten sie nun weiter. Bucca war froh, wieder auf seinem Pferd zu sitzen. Seine Wunden schmerzten noch immer, aber es ging ihm schon besser. Daeros hatte offenbar noch nicht bemerkt, daß der Hobbit ein neues Schwert hatte.
Beim ersten Tageslicht machten sie Rast. Sie waren schon weit gekommen: in der Ferne schimmerte der Abendrotsee und daneben konnten sie eine große Stadt ausmachen.
Wir sollten einen Moment wenigstens ruhen sagte Daeros. Ich will mir mal deine Wunden näher anschauen.
Bucca war nicht schlimm getroffen worden, er hatte vom Kampf nur ein paar Schrammen und Schnitte davongetragen. Das würde bald verheilt sein. Aber als Daeros bemerkte, welches Schwert an Buccas Seite hing, da hielt er die Luft an.
Meine Güte, Bucca! Wo hast du denn das her?
Das hab ich vom Anführer der Räuber mitgehen lassen als handfestes Argument bei künftigen Begegnungen und als kleine Entschädigung für erlittene Unbill lachte der Hobbit.
Aber genauer betrachtet hast du es wohl nicht grinste Daeros.
Bucca staunte. Im ersten Tageslicht erkannte er, welch ein Prachtstück an seiner Seite hing. Die Scheide war aus Gold und über und über mit Edelsteinen verziert. Der Griff war aus Silber und Gold gefertigt, und ein weißer Edelstein zierte den Knauf. Bucca zog das Schwert. Die Klinge war nicht gerade, wie bei den Schwertern der Dùnedain, sondern leicht gekrümmt und zu beiden Seiten liefen Schriftzüge entlang. Bucca versuchte, sie zu entziffern, aber er verstand die Sprache nicht.
Das ist ein elbisches Schwert sagte Daeros staunend. Und ein berühmtes dazu: es wurde dereinst von Celebrimbor gefertigt und getragen, und es heißt, wer es zur Verteidigung der Elben oder ihrer Verbündeter schwingt, der schwingt die Macht des Sieges. Auf der Klinge steht: Wer mich in einer guten Sache führt, den führt diese Waffe zum Sieg. Ich möchte nur wissen, woher die Räuber diese Waffe hatten.
Bucca betrachtete sein neues Schwert staunend. Das ist also ein Elbenschwert. Es liegt gut in der Hand und sieht dazu schön aus. Ich würde nur zu gern wissen, was aus meinem alten Schwert geworden ist. Wahrscheinlich liegt es an der Nordgrenze und rostet bald vor sich hin.
Das macht es nicht sagte Daeros. Ich habe es gefunden und an mich genommen. Aber ich finde, du solltest weiterhin dein neues Schwert tragen. Es ist jetzt deines, denn du hast es von Räubern erbeutet, und es gibt niemanden mehr, der darauf von Rechts wegen Anspruch erheben könnte.
Wieso nicht?
Celebrimbor wurde vor langen Jahren schon, noch vor dem Großen Krieg niedergeworfen und seine Linie endete. Es heißt, er habe sein Schwert mit ins Grab bekommen, aber ob es nicht so war oder die Ruhestätte geplündert wurde, das weiß ich nicht. Es ist jetzt jedenfalls so, daß es wie durch ein Wunder zu uns gekommen ist. Wir werden es brauchen können.
Sie ritten weiter, und noch vor Sonnenuntergang waren sie in Königsnorburg. Die beiden wurden von der Wache freudig begrüßt. Sie waren schon verloren geglaubt worden, aber nun berichteten sie dem Kommandanten knapp von ihren Abenteuern.
Ihr wart tatsächlich in Angmar? staunte er. Das ist doch Wahnsinn: in dieses verfluchte Land geht keiner. Da wimmelt es nur so von Orks.
Wie wir dort waren, hat nichts gewimmelt entgegnete Bucca. Wir kamen bis kurz vor Carn Dûm, erst dann wurden wir von Orks angegriffen, aber diese waren schwach und schnell überwältigt. Nein, in Angmar wimmelt nichts mehr. Die Lande, die einstmalen Ackerland waren liegen brach und sind öd und leer. Offenbar hat auch dort die Pest gewütet.
Das paßt zur Beobachtung, daß alle Feinde, die wir hier niedermachen ebenfalls pestkrank sind sagte der Kommandant. Wahrscheinlich wollte der Hexenkönig uns damit fertigmachen. Was er mit Waffengewalt nicht erreichen konnte wollte er offenbar damit erzielen, indem er eine Seuche über unser Land brachte. Aber da hat er sich verrechnet. Fast alle Kranken sind jetzt auf dem Wege der Besserung und wir hatten hier weniger Tote als zunächst befürchtet. Wir stehen besser da als gedacht.
Und für den Feind ist der Schuß nach hinten losgegangen lachte Daeros. Aber wie ist es dem Trupp ergangen, nachdem wir uns von ihnen getrennt hatten?
Sie wurden nur einmal angegriffen, konnten sich aber durchsetzen. Jetzt helfen sie, die Kranken zu behandeln. Sie werden Euch aber gerne zur Seite stehen, wenn Ihr ein Räubernest ausheben wollt. Ich staune immer noch über Eure Beute, Herr Bucca!
Sechstes Kapitel: Arnor wird gesäubert
Natürlich ließ Bucca es sich nicht nehmen, die Räuber zu verfolgen. Er hatte mit ihnen noch eine Rechnung offen, und auch Daeros brannte darauf, endlich loszureiten. Der Hobbit führte einen Trupp von dreißig Knappen und Kriegern an, viele von ihnen waren schon bei der Fahrt in den Norden dabei gewesen. Bucca hatte vor, Arnor ein für allemal von Vogelfreien und Gesetzlosen zu säubern und Daeros führte weitete fünfzig Krieger an die Nordgrenze, um sie wieder zu sichern. Weitere Trupps sollten die alten Grenzfesten wieder besetzen.
Es war für Bucca ein leichtes, das Räuberlager wiederzufinden. Noch waren die Menschen dort, offenbar waren sie vom spurlosen Verschwinden ihres Gefangenen zu überrascht, um zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Bucca ließ seine Mannen sofort zum Angriff übergehen, und nach einem kurzen und relativ einseitigem Kampf war kein Räuber mehr am Leben. Bucca erschlug den Anführer, als er Mann gegen Mann zu Fuß gegen ihn kämpfte.
So. Das wäre erledigt meinte Bucca trocken, als der Kampf beendet war.
Das waren noch nicht alle, Herr sagte Eldacar, sein Knappe. Mein Heimatdorf wird allzu häufig von diesem Pack heimgesucht. Letzte Woche erst gab es wieder einen Angriff, schrieb meine Tante.
Wo liegt es?
Am Nordufer des Abendrotsees. Es ist das Dorf Siril-aelin oder Seebach in der Gemeinsamen Sprache, etwa drei Tagesritte von hier entfernt.
Dann laßt uns dorthin reiten sagte Bucca. Haltet Ausschau nach Spuren von Räubern, wir werden noch so manches Nest ausräuchern müssen!
Der Hobbit führte seine Mannen nun gen Norden und Westen. Sie beschrieben einen weiten Bogen um den See herum und unterwegs hielten sie sehr genau Ausschau nach verdächtigen Spuren.
Daeros war mit seinen Leuten auf dem schnellsten Weg zur Nordgrenze geritten. Sie machten die alte Straße zur Grenze wieder passierbar und an der Grenze angekommen, begannen sie sofort damit, die vielen Schlupflöcher zu verschließen. Der Grenzweg wurde endlich fertiggestellt und die nachfolgenden Trupps erreichten ihre Stützpunkte rasch. Daeros´ Trupp wurde nicht angegriffen, aber sie stellten fest, daß ihre Aktivitäten von der Angmarer Seite genau und unablässig beobachtet wurden.
Unsere Feinde werden nicht nachlässig werden, Schwachstellen auszumachen und uns dort anzugreifen sagte Daeros. Wir müssen auf der Hut sein. Die Grenzpatrouillen müssen mindestens aus fünf Mann bestehen und äußerst wachsam sein. Und wir müssen die vielen Breschen so schnell wie möglich verschließen!
Für Daeros wurden die nächsten Tage und Wochen hart und arbeitsreich, aber jeden Tag wurde die Nordgrenze von Arnor wieder ein Stückchen sicherer. Bucca hatte mittlerweile den Abendrotsee erreicht, und Siril-aelin lag vor ihnen. Aus dem nahen Wald quollen wilde Menschen, und die Dörfler stellten sich ihnen schwertschwingend entgegen.
Auf geht´s, Jungs rief Bucca. Sein Elbenschwert fuhr wie der Blitz aus der Scheide, und die Mannen von Arnor griffen wie der Nordwind an. Ihr alter Schlachtruf erschallte über dem Dorf und es dauerte nicht lange, bis kein Räuber mehr wagte, sich ihnen entgegenzustellen.
Endlich kehren Recht und Gesetz wieder nach Arnor zurück sagte Eldacar.
Es wird aber auch Zeit meinte Bucca. Aber noch liegt ein großes Stück Arbeit vor uns. Viele Räuber treiben sich noch in unseren Wäldern herum. Aber wenn Daeros die Grenze sichert, dann haben wir dieses Problem bald gelöst.
Erlaubt uns trotzdem, dich in meinem Dorf willkommen zu heißen sagte Eldacar zu Bucca. Es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, daß der König wieder eine Ordnungsmacht hat. Die führungslose Zeit hat ein Ende.
Sie ritten in das Dorf ein und wurden von der Bevölkerung begeistert empfangen. Viele Leute lebten nicht mehr dort, die Pest hatte wie so oft in Arnor grausige Ernte gehalten. Aber die Überlebenden waren von den Räubern hart bedrängt worden, womit es nun ein Ende hatte. Die Krieger blieben dort für einen Tag der Ruhe, nur Bucca war beschäftigt: er half, die Pestkranken zu behandeln. Die Menschen staunten über den Hobbit, der in den Heilkünsten offenbar genau so geübt war wie im Kampf.
Nach ihrem kurzen Aufenthalt in Siril-aelin machten sich die Krieger gen Norden auf. Bucca vermutete einige Räubernester in den dichten Wäldern, die bis zur Grenze reichten. Die würden sie vernichten müssen, damit Recht und Gesetz dauerhaft in Arnor Einzug halten konnten.
Nach zwei Wochen der Suche und vereinzelter Kämpfe wandten sie sich gen Süden. Zwischen dem Abendrotsee und der Grenze gab es jetzt keine Feinde mehr.
Daeros hatte nach drei Wochen die Wiederherstellung der Nordgrenze abgeschlossen. Die Festen waren wieder bemannt und die neuen Palisaden fest und hoch. Auch der vorgelegene Wallgraben war gesäubert und ausgebessert worden, und er hatte eine Meldekette installiert, mit der herannahende Feinde blitzschnell nach Königsnorburg gemeldet werden konnten. Jeweils in Sichtweite zueinander standen Wachtürme und Kastelle, in denen ein stetig brennendes Feuer unterhalten wurde. So konnten am Tage Rauchzeichen und in der Nacht Leuchtzeichen von Posten zu Posten weitergegeben werden, und damit brauchte die Nachrichtenübermittlung statt einiger Tage nur noch einige Minuten.
Nachdem Daeros sein Werk vollendet hatte, kehrte er mit einem stattlichen Trupp in die Hauptstadt zurück. Bucca war noch unterwegs, er war die Südstraße entlang gezogen und sein Trupp war zu beiden Seiten ausgeschwärmt und hatte die Räuber, die sich in den Wäldern versteckt hielten vor Bree zusammengetrieben. Der Hobbit hatte den Eingekesselten angeboten, sich zu ergeben und ihre Waffen abzugeben, dafür sollten sie über die Grenze nach Norden abgeschoben werden. Aber dieses Angebot wurde mit Speeren und Pfeilen beantwortet, der Räuberhauptmann glaubte, den Trupp des Hobbits leicht besiegen zu können. So blieb Bucca nichts anderes übrig, als zum Angriff zu blasen und das nachfolgende Blutbad war ihm ein Greuel, so notwendig es auch sein mochte.
Nach diesem blutgetränkten Tag waren sie unangefochten gen Süden gezogen, bis Bucca nach drei Tagesritten die Umkehr befahl.
In der Nähe sind keine Feinde, schätze ich sagte er. Sie hätten uns schon längst angegriffen, aber nichts hat sich getan.
Es könnte aber auch sein, daß sie sich hier versteckt halten entgegnete Eldacar. Vielleicht lauern sie an irgendeiner unübersichtlichen Ecke auf uns oder sie ziehen unbemerkt hinter uns her.
Wir haben keinerlei Spuren ihrer Anwesenheit entdeckt antwortete Bucca. Nichts deutet darauf hin, daß Feinde hier sind. Und sie scheinen keinen gemeinsamen Befehlshaber zu haben; niemand, der sie lenkt, meine ich. Nun, die Lande hier sind menschenleer, wenn wir nicht hier wären. Aber es gibt noch Landstriche, in denen es vor Feinden nur so wimmeln könnte. Die müssen wir uns noch vornehmen.
Das kann nur heißen, daß du in den Alten Wald gehen willst rief Eldacar. Das kann doch unmöglich dein Ernst sein. Wer weiß, was darin alles haust.
Diese Fahrt könnte uns vielleicht noch bevorstehen. Ich dachte jetzt aber eher an die Oststraße. Auch auf ihr gibt es Reisende, die vielleicht ein lohnendes Ziel für Räuber abgeben könnten. Auch um sie müssen wir uns kümmern. Der Alte Wald wird im Moment von den Hobbits des Auenlandes bewacht, um den brauchen wir uns wohl nicht zu kümmern.
Eldacar atmete erleichtert auf. Der Trupp setzte sich wieder in Bewegung, und nach drei Tagen machten sie sich daran, die Oststraße zu sichern. Sie ritten bis zur Wetterspitze und noch weiter bis zur Weißquell, aber sie trafen auf keine Feinde. Die ganzen Lande schienen auf einmal wie ausgestorben zu sein.
Das ist doch seltsam meinte Bucca. Irgendwie habe ich doch in Erinnerung, daß keiner mehr wagte, hier zu reisen, weil es vor Räubern nur so wimmelte. Haben wir etwa alle bei Bree vernichtet und es waren nicht so viele wie gedacht?
Möglich erwiderte Eldacar. Möglich ist doch auch, daß die Pest ihren Teil dazu beigetragen hat, unser Land zu befrieden.
Na, ich traue dem Frieden trotzdem nicht sagte Bucca. Er verdoppelte die Nachtwachen, denn immerhin befanden sie sich außerhalb der Grenzen Arnors. Dies war Elronds Land, der den Dùnedain wohlgesonnen war, aber wer wußte, ob er noch stark genug war, seine Lande zu schützen.
Zwei Nächte später zeigte sich, daß Bucca zu Recht die Wachen verdoppelt hatte. Gegen Mitternacht wurden sie von ein paar umherziehenden Trollen angegriffen, die nicht allzu schwer bewaffnet waren, aber trotzdem eine nicht unerhebliche Gefahr für die Menschen darstellten, und für einen Hobbit waren sie ein schwerer Gegner.
Der Kampf wog für einige Stunden unentschieden hin und her, bis der Morgen graute und die Trolle es vorzogen, sich in die dunklen Wälder zurückzuziehen. Einige Kämpfer waren verwundet worden, aber alle waren am Leben. Eldacar hatte eine Prellung auf der linken Schulter und einen gebrochenen Arm. Die Wunden hatte er empfangen, als er eine Troll- Keule abwehren wollte, und ein gut gezielter Pfeil eines Hobbitbogens hatte diesen Kampf für Arnor entschieden.
So, wir sollten uns schnellstmöglich zurückziehen sagte Bucca, als die Trolle fort waren. Bei Tag werden sie uns nicht angreifen, und wenn wir rasch reiten, dann erreichen wir heute Abend die Grenze.
Sollten wir nicht zuerst die Feinde verfolgen? fragte Eldacar.
Du wirst sie gewiß nicht mehr verfolgen lächelte Bucca. Und einige andere auch nicht, um die ich mich jetzt besonders sorgen sollte. Nein, wir wissen jetzt das, was der König zu erfahren wünscht und ich sehe keinen grund, noch länger hier zu bleiben.
Sie ritten nun so schnell es eben ging in Richtung Westen zurück. Bei Einbruch der Dunkelheit hatten sie die Grenze noch nicht ganz erreicht, aber Bucca fand, es wäre klug, jetzt zu rasten. Die Gefahr, Hindernisse im Dunkeln zu spät zu erkennen war größer als die Gefahr, so nahe an der Grenze angegriffen zu werden.
Vier Tagesritte später hatten sie Bree erreicht und Bucca gönnte allen einige Tage der Ruhe. Er schickte einen schnellen Boten nach Balgfurt, der dem König einen Brief überbrachte. Bucca berichtete kurz von den Ergebnissen ihrer Fahrt und er erfragte die neuen Befehle.
Daeros war mittlerweile aus Königsnorburg aufgebrochen. Er hatte gehört, daß Bucca die Ostgrenze Arnors überschritten hatte. Das klang nach Abenteuern, was die ersehnte Abwechslung vom eintönigen Alltag in der Hauptstadt war. Zusammen mit einigen jungen Knappen eilten sie gen Bree.
Nach drei Tagen Galoppierens hatten sie die Stadt erreicht, und Daeros staunte nicht schlecht, als Bucca ihn willkommen hieß.
Was macht ihr denn hier? fragte Daeros verblüfft. Ich dachte, ihr hättet die Ostgrenze auf der alten Straße zum Nebelgebirge überschritten?
Das hatten wir auch antwortete Bucca. Nach einigen Tagen in Wilderland wurden wir von Trollen angegriffen. Es waren nicht viele und sie waren nicht auf dem Kriegspfad, aber sie verwundeten einige von meinen Leuten. Es erschien mir klüger, die Verletzten nach Bree zurückzubringen.
Das war es wohl. Also seid ihr einige Tagesreisen weit gen Osten geritten, und auch dort scheint es von Feinden zu wimmeln. Offenbar sind die Elben nicht mehr in der Lage, die Oststraße offen zu halten.
Warum das so ist, das mag viele Gründe haben, die wir jetzt noch nicht herausfinden können sagte Bucca. Nichtsdestotrotz habe ich einen Brief nach Balgfurt geschickt und dem König von unseren Abenteuern berichtet. Mal sehen, wann uns eine Antwort erreicht und welche Befehle wir dann erhalten.
Dann können wir nichts anderes tun, als abzuwarten, was der König uns befiehlt entgegnete Daeros. Gehen wir ins Wirtshaus.
Die beiden gingen in den Dürren Hering, wo sie sich für die kommenden Nächte einquartiert hatten. Ein karges Abendessen und ein Krug Bier war alles, was sie sich gönnten bevor sie sich zur Ruhe legten.
Nach einer Woche kam ein Bote aus dem Auenland. Er überreichte Bucca einen Brief des Königs, den er sofort öffnete und durchlas.
Und? Was gibt es Neues? fragte Daeros neugierig.
Der König wünscht, daß wir ins Auenland reiten. Wir sollen alsbald aufbrechen, denn er will von uns einen ausführlichen Reisebericht haben. Am besten wäre es, wenn wir jetzt gleich aufbrechen.
Nun, ich habe Leute aus dem Norden mitgebracht, die darauf brennen, eine Aufgabe erfüllen zu können sagte Daeros.
Sie sollen ins Auenland mitkommen. Dort können sie helfen, die Südgrenze zu verstärken und vielleicht wird ein Trupp die Grenze überschreiten, um Neuigkeiten zu sammeln. Ich finde, es wäre mehr als unklug, sie zurückzuschicken.
Bucca rief seine Leute zusammen und noch zur gleichen Stunde galoppierten sie die Oststraße in Richtung Auenland entlang. Trotz aller Abenteuerlust brannte der Hobbit darauf, seiner Heimat einen kurzen Besuch abzustatten; es würde ein Besuch in einer Insel des Friedens und der Sicherheit in einem gefahrvollen und unruhigen Mittelerde sein. Er wollte allerdings nur bis Balgfurt an der Ostgrenze reiten, wo der König residierte, um ihm ausführlich Bericht über ihre Abenteuer zu erstatten.
Die Sonne war bereits hinter den fernen Turmbergen versunken, als die Reiter die Brandyweinbrücke erreichten. Sie wurden von der Brückenwache willkommen geheißen.
Reitet rasch zum Haus Eures Onkels sagte Fosco Bolger, den der König zum Hauptmann der Brückenwache ernannt hatte. Bucca hatte ihn an den Waffen ausgebildet, Fosco wollte aber seine Heimat nicht verlassen und er hatte Buccas Angebot, sein Knappe zu werden aus diesem Grund ausgeschlagen. Trotzdem hielt Bucca große Stücke auf ihn.
Eldacar sah sich staunend um. Das also ist das Auenland sagte er.
Ja antwortete Bucca. Ein hübscher Flecken Erde, nicht wahr? Wenn wir genug Zeit haben und das Wetter schön bleibt, gehen wir in den Biergarten am Brandyweinufer. Ich finde, nach unseren Mühen sollten wir uns ein paar schöne Tage machen.
Sie ritten zu Marchos Haus in der Flußauenstraße, und Bucca und Daeros wurden bereits von König erwartet. Die anderen bekamen Quartiere in der Nähe zugewiesen.
Willkommen zurück, Bucca und Daeros sagte er und erhob sich aus seinem Sessel. Ich hörte, ihr habt euch in Abenteuer gestürzt?
Nicht wirklich lachte Bucca. Wir sind nur ein bißchen hierhin und dorthin geritten, haben nebenbei Arnor gesäubert und dafür gesorgt, daß Friede und Freiheit wieder in unser Reich Einzug halten. Eigentlich war nicht allzu viel los.
Ach nein, Bucca, du warst auf einer Ferienreise? grinste der König. Na dann finde ich es ja nett, daß du Daeros mitgenommen hattest. Aber irgendwie finde ich, unsere Lage ist zu ernst, um darüber Späße zu machen. Was ist mit der Pest? Gerüchte sagen, daß halb Mittelerde von ihr niedergestreckt wurde, manche behaupten, Königsnorburg wäre entvölkert, andere sprechen von Einfällen von Feinden. Was ist im Norden los?
Königsnorburg ist nicht entvölkert sagte Daeros. Vor zehn Tagen bin ich von dort aufgebrochen. Natürlich müssen wir Verluste beklagen, aber sie sind weitaus weniger schlimm als manche Gerüchte besagen. Viele waren erkrankt, aber die allermeisten der Kranken konnten geheilt werden.
Andere Gegenden von Mittelerde haben größere Verluste erlitten als wir. Der ganze Norden, der Angmar genannt wird ist entvölkert. Nur noch wenige Orks und noch weniger Menschen leben dort noch, und wir hatten es nicht schwer, weit in den Norden vorzudringen.
Nun, Daeros, du erzählst die Geschichte von der Mitte an unterbrach ihn der König. Fangt von vorne an, am besten mit dem Tag, an dem ihr von Balgfurt aufgebrochen seid.
Daeros erzählte von ihrer Fahrt von dem Moment, in dem sie die Brandyweinbrücke ostwärts überquert hatten. Dann und wann ergänzte Bucca Daeros´ Erzählung, und als sie in Königsnorburg angekommen waren, endete er.
Anschließend berichtete Bucca vom Wiederaufbau der Stadt und der Heilung der Pestkranken und von ihren Mühen bei der Säuberung Arnors von den Räubern. Er erzählte von ihrem Erkundungsritt in den hohen Norden. Der König schauderte, als Bucca berichtete, daß sie sich bis in Sichtweite von Carn Dûm geschlichen hatten, der Feste des Hexenkönigs.
Das war eine waghalsige Tat staunte der König und starrte ungläubig auf die beiden. Ihr beiden seid ja wahnsinnig, wenn nicht sogar verrückt! Aber ihr müßt eine Karte von dieser Gegend anfertigen. Vorher verlaßt ihr nicht dieses Haus!
Verrückt war es, vielleicht sagte Bucca. Aber wir wissen jetzt, daß der Norden entvölkert ist. Alle Räuber und Orks, die wir angetroffen hatten sind von der Seuche befallen. Ich vermute, der Feind wollte uns mit der Pest auslöschen, aber dieser Schuß scheint offenbar gehörig nach hinten losgegangen zu sein. Jedenfalls ist der Hexenkönig schwächer als je zuvor.
Und wir sind es auch entgegnete der König. Wir sind nicht stark genug, Carn Dûm anzugreifen. Hätten wir jetzt eine Armee von zwanzigtausend Mann, so stark wie Arnor in seinen Tagen der Blüte, dann könnten wir diese Gefahr ein für allemal beseitigen. Der König seufzte. Aber so stark sind wir seit langem nicht mehr. Jetzt haben wir vielleicht fünfhundert, vielleicht eintausend Mann unter Waffen, und wir dürfen froh sein, wenn wir unser Reich jetzt noch verteidigen können.
Wir können unser Reich verteidigen antwortete Bucca. Daeros hat die Nordgrenze instand setzen lassen, sie ist stärker bemannt als je zuvor. Reisen auf unseren Straßen ist fast wieder so sicher wie vor der Pest. Kleine, aber schlagkräftige Trupps streifen durch das Land und sie bekämpfen jeden, der meint, hier den Räuber spielen zu können. Nun, ich habe mit einem kleinen Trupp ausgewählter Krieger die Oststraße bis weit hinter der Wetterspitze erkundet, aber dort sind die Lande wahrlich noch unsicher. Ein paar Tagesreisen, nachdem wir die Ostgrenze passiert hatten wurden wir von umherziehenden Trollen angegriffen. Sie waren nicht auf Kriegszug und armselig ausgerüstet. Dennoch war es klüger, den Rückzug gen Westen anzutreten.
Das war es wohl. Und auf dieser Fahrt bist du zu deinem Elbenschwert gekommen?
Nein, das war schon vorher. Bucca schwieg, und Daeros berichtete von der Gefangenschaft des Hobbits und wie er das Schwert erbeutet hatte. Lange Mühen hatten sie hinterher gehabt, die Räuber ein für allemal aus Arnor zu vertreiben, aber es schien dem Hobbit jetzt ein Leichtes zu sein, gestandene Krieger hinter sich zu vereinen und sie in den Kampf zu führen, was Bucca selbst verwunderte.
Zeig mit dein Schwert sagte der König plötzlich. Bucca löste es vom Gehänge und überreichte es. Weißt du, was das für eine Waffe ist? staunte König Artheleb. Bucca schüttelte den Kopf. Mein lieber Bucca, das ist séreniolf, oder die Fackel der Freiheit in unserer Sprache, und es vereinigt alle Krieger im Kampf gegen die Sklaverei und die Unterdrückung. Derjenige, der es führt ist derjenige, der wird sein Land zur Freiheit und zum Frieden führen, und er wird nicht besiegt werden können. Das steht in elbischen Lettern auf der Klinge geschrieben.
Dann bin ich bei weitem nicht geeignet, diese Klinge zu führen sagte Bucca leise.
Du bist es. Bucca, du wurdest vom Schicksal ausersehen, dieses Schwert zu tragen, und es ist dein Schicksal, daß du jetzt einer unserer Heerführer bist. Deine Taten zeugen von Mut, den so mancher großer und starker Krieger hätte missen lassen und es wäre Torheit, wenn ich jetzt zulassen würde, daß du dich jetzt zur Ruhe setzt. Nein, ich fürchte, ich werde vielleicht auf deine Dienste schneller zurückgreifen müssen als mir vielleicht lieb ist.
Aber genug von diesem ermüdenden Gerede! Ihr beide seid heute schnell und weit geritten und mit Sicherheit seid ihr hungrig und müde. Stärkt euch und geht dann zur Ruhe, und morgen fangt ihr an, die Karten und Aufzeichnungen anzufertigen. Hoffentlich erlaubt mir unser geliebtes Mittelerde, euch dann ein paar Tage Urlaub zu gewähren.
Siebtes Kapitel: Tage der Ruhe
Bucca und Daeros hatten die Aufzeichnungen rasch angefertigt und der König ließ von der Karte von Angmar gleich einige Kopien anfertigen. Überdies bereitete er seine Rückkehr nach Königsnorburg vor, denn ein König gehört nun mal in seine Hauptstadt.
Es war eine schöne Zeit hier im Auenland, aber ich fürchte, die Pflicht ruft. Noch ein paar Tage bleibe ich hier und bereite die Abreise vor. Bleibt währenddessen hier und helft, das Haus wieder für einen Hobbit wohnlich zu machen.
So langsam aber sicher wurde das Haus von den Rittern von Arnor aufgeräumt und Marchos Möbel wurden aus dem Schuppen geholt und wieder an ihre alten Plätze gestellt. Bucca leitete zudem die Instandsetzung der Oststraße bis Bree, denn im letzten Jahr waren keine Schäden mehr repariert worden.
Daeros genoß ein paar Urlaubstage. Den Rest des Winters über wollte er hier bleiben und Bucca helfen, wo er nur konnte. Im Moment half er beim Packen, dann sollte er den König bei seiner Rückkehr nach Königsnorburg begleiten. Auch Bucca sollte mitkommen.
Ihr beide hattet maßgeblichen Anteil daran, Arnor wieder zu dem sicheren und friedlichen Land zu machen das es seit alters her war. Bucca soll zusammen mit Marcho, Blanco, Elena und Primula die Hobbits vertreten, ohne deren Hilfe viele Menschen mehr der Pest zum Opfer gefallen wären. In einer Woche werden wir aufbrechen, und in ein paar Tagen wird unser Hobbitheld seine Frau wieder in seine Arme schließen können.
Bucca war wie elektrisiert, als er den König von seiner Frau reden hörte. Seit vielen Tagen hatte er sie nicht mehr gesehen, und er wußte nicht, wie es ihr oder ihren Kindern ging. Irgendwie war er so in seine Abenteuer verwickelt gewesen, daß er ganz vergessen hatte, an sie zu denken!
Der Februar war schon fortgeschritten, als die Hobbits endlich in Balgfurt eingetroffen waren und der König rief zum Aufbruch. Die Ritter waren schon aufgesessen, als er mit den Hobbits aus dem Haus kam.
Reiten wir nun zurück in unsere Hauptstadt, und sehen wir zu, daß wir den Frieden bewahren, die Bucca und Daeros für uns erkämpft haben!
Die Ritter riefen auf die beiden ein dreifaches Hoch aus, dann sprach der König wieder.
Unser besonderer Dank gilt den Bewohnern des Auenlands, die uns halfen, diese schreckliche Krankheit aus unseren Landen zu verbannen und die mir mit meinem Hofstaat Zuflucht und Hilfe gewährten. Sodele, los gehts!
Bucca wunderte sich über den lockeren Umgangston des Königs. Es schien, als ob er entspannter, ja erholter als vor einem Jahr war und der Hobbit beschloß, Ecthelion danach zu befragen, schließlich war er die ganze Zeit über in der Nähe des Königs geblieben.
Sie ritten nicht allzu schnell gen Bree, das sie genau zur Stunde des Sonnenuntergangs erreichten. Die Stadt lag friedlich im weißen Februarschnee da.
Es war nicht allzu kalt, aber ein dauernder Bodenfrost hatte die Straße hart und damit besser passierbar gemacht. Der Alte Wald lag so düster wie immer da, aber kein Wind drang durch seine Bäume und der Ritt verlief so angenehm, wie es in einem Februar eben ging. Jetzt freuten sie sich auf ein gutes Abendessen und ein warmes Bett.
Der Ritt in die Hauptstadt verlief gemessen an Buccas letzten Ritt in den Norden wie ein Ferienritt. Die Bürger von Bree jubelten, als der Trupp auf die Nordstraße aufgebrochen war, und der König machte an jedem Wegeposten Halt und überzeugte sich vom guten Zustand der Besatzungen. Sie waren mit nicht allzu großer Eile unterwegs, aber dennoch brachen sie früh auf und ritten weit. Und so erreichte der König seine Stadt, und die Straßen waren mit Blumen und Girlanden geschmückt und alle waren auf den Beinen, um den König willkommen zu heißen. Und sie feierten die Rückkehr ihres Königs (und die Taten von Bucca und Daeros) bis tief in die Nacht.
Am nächsten Tag rief der König seine Hauptleute zu einer kurzen Beratung zusammen. Er wollte mit seinen Fürsten das weitere Vorgehen abklären.
Bevor wir jetzt diskutieren, wie es mit unserem Land weitergehen soll möchte ich, daß Bucca und Daeros von ihrem Erkundungsritt nach Angmar berichten. Ich finde, sie haben interessante Neuigkeiten für uns.
Bucca berichtete den staunenden Edelleuten in aller gebotenen Kürze vom Ritt, der über die Nordgrenze geführt hatte. Er sprach von den wüsten Ländereien, die vor kurzem noch Ackerland gewesen zu sein schienen. Viele Menschen schienen das Land verlassen zu haben oder sie waren ums Leben gekommen. Und abgesehen von einem Trupp waren sie keinen Orks begegnet.
Offenbar ist unser Feind stärker geschwächt als wir sagte Ecthelion. Zu dumm nur, daß wir nicht über die Kräfte verfügen, den Hexenkönig ein für allemal niederzuwerfen. Scheinbar hat er sich selbst vernichtet, möchte man sagen, wenn es nicht Gerüchte gäbe, daß die Pest im Süden noch schlimmer gewütet hätte als bei uns im Norden. Ich vermute, was diese Seuche ausgelöst hat und wieso werden wir wohl nie erfahren. Aber es würde mich trotzdem interessieren, wie es unseren Verwandten im Süden ergangen ist. Es müßte doch möglich sein, Boten zu entsenden.
Es ist zweifelsohne möglich antwortete der König. Es wäre für uns von Interesse, zu wissen was sich in der Ebene südlich von Arnor vor sich geht. Nur finde ich, daß wir in unserer augenblicklichen Lage jetzt keinen Trupp auf solch eine Reise entsenden sollten. Aber es würde Sinn machen, Boten zu Elrond von Bruchtal zu entsenden. Er ist ein Meister des Wissens, da mag es gut sein, daß er das schon weiß, was wir erst mühsam herausfinden müßten.
Der Bote könnte ihn um Rat fragen, was unsere Situation betrifft sagte Daeros. Ich wäre sehr dafür, jemanden dort hin zu schicken. Es wäre wohl eher die Frage, wer gehen soll.
Du oder Bucca bestimmt nicht meinte der König. Ihr beide habt euch euren Urlaub redlich verdient, außerdem habt ihr in der letzten Zeit mehr als genug für Arnor getan. Diese Fahrt mag mehrere Wochen dauern und keiner weiß, welche Gefahren den Reisenden unterwegs auflauern werden. Wer will gehen?
Der König blickte fragend in die Runde. Niemand meldete sich, schließlich war die Aussicht auf einen vieltägigen Ritt in der offenen, unsicheren Wildnis nicht gerade das, was den Edelleuten Arnors erstrebenswert erschien.
Offenbar werde ich wohl doch gehen müssen seufzte Bucca. Wenigstens kenne ich die Gefahren, die mir drohen. Wann soll ich aufbrechen?
Alleine wirst du schon mal gar nicht reiten sagte der König. Dein Knappe Eldacar soll dich wenigstens begleiten. Mal sehen, ob die anderen Knappen abenteuerlustiger als meine Fürsten sind.
Ich bin zwar kein Knappe, aber ich werde Bucca begleiten, wenn er irgendwo hinreist rief Daeros. So weit käme es noch: er stürzt sich in Schwierigkeiten und ich nicht!
Nein. Ganz sicher nicht lachte der König. Na, irgendwie finde ich es fast peinlich, daß es keine weiteren Begleiter aus unserer Runde gibt. Was ist mit Euch, Ecthelion?
Ich würde mich gern endlich mal an einem Abenteuer beteiligen, aber ich war lange krank und ich weiß nicht, ob ich so eine Fahrt durchhalte. Aber es stimmt: ich möchte gern mal zusammen mit Bucca ein paar nicht allzu große Gefahren bestehen.
Das sollte gehen meinte Bucca. Wenn es gestattet ist, dann würde ich gern erst in ein paar Tagen aufbrechen. Ihr sagtet zu Recht, daß ich eigentlich in Urlaub gehen sollte: meine Familie wurde zu lange vernachlässigt. Bis dorthin sollte auch Herr Ecthelion kräftig genug sein, um mit uns nach Bruchtal reiten zu können.
Du sollst auch einen Monat der Ruhe bekommen, wenn es sein muß sagte der König. Aber ich vermute zu Recht, daß du wohl in ein paar Tagen schon los willst. Gehe nun zu deiner Familie. Deine Frau wartet schon auf dich.
Mit diesen Worten beendete der König die Versammlung, und sie gingen auseinander. Bucca schien ein besorgtes Gesicht zu machen: offenbar überlegte er, wie er seiner Frau die erneute monatelange Trennung klarmachen sollte.
Daeros hatte natürlich bemerkt, daß Bucca nachdenklich war. Na, überlegst du gerade, wie du Primula deine erneute Abreise erklären sollst. Habe ich richtig geraten?
Volltreffer. Ich glaube, Primula war von den letzten paar Monaten des Alleinseins nicht gerade begeistert. Und jetzt sollen wieder ein paar Monate dazukommen. Ich kann den Ärger förmlich riechen.
Na, so schlimm wird es wohl nicht werden. Sie weiß, daß sie einen Ritter geheiratet hat, der durchaus die eine oder andere Aufgabe zu erfüllen hat. Und es sieht so aus, als ob diese Fahrt für uns fürs erste die letzte sein wird. Das dürfte doch eine Aussicht sein.
Daeros ließ den Hobbit jetzt allein. Er wußte, es würde besser sein, wenn er in den nächsten Stunden nicht gestört werden sollte. Eine Frau zu haben mußte schon anstrengend sein, dachte er achselzuckend.
Hallo Bucca rief Primula fröhlich. Ist eure Beratung beendet?
Ja, das ist sie sagte er leise. Er überlegte, wie er ihr die Nachricht von seiner baldigen Abreise am schonendsten beibringen sollte. Und am besten wäre es, er würde ihr es sofort sagen, aber er traute sich nicht.
Na, was ist denn los? Primula setzte sich neben Bucca.
Ach nichts.
Ja, es ist nichts und ich bin eine Elbenprinzessin. Raus mit der Sprache, Bucca!
Na gut. Der König wünscht, daß ich gen Osten reite. In Bruchtal wohnt ein Elbenfürst, den der König wohl um Rat fragen will. Eigentlich soll ich so bald wie möglich aufbrechen.
Ja, du bist eben ein Ritter in Diensten des Königs, und wenn der König es will, dann mußt du reiten. Aber es ist hart! Gibt es denn in Arnor keinen anderen, der das auch machen kann?
Daeros und Ecthelion wollen mitkommen, und daß Eldacar mitkommt ist wohl auch klar. Aber sonst will keiner mit, denn die Oststraße ist ab Bree nicht gerade ungefährlich.
Das habe ich gehört. Einige aus deinem Trupp wurden verwundet?
Ja, das ist so. Aber es ist nicht die Gefahr, die ich fürchte. Ich habe ehrlich gesagt nur wenig Lust, jetzt schon wieder aufzubrechen und dich zu verlassen. Aber ich fürchte, es muß sein und wenigstens bleiben mir ein paar Ruhetage.
Und was ist, wenn ich mitkomme?
Bucca schluckte. Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, Primula. Das wird kein Spazierritt sein. Die Gefahren werden rings um uns lauern und ich glaube nicht, daß du dich ihnen aussetzen solltest. Denke bitte auch an die Kinder.
Das tue ich. Sie werden bei Blanco gut aufgehoben sein. Und ich finde, daß wir alle in der letzten Zeit vielen großen Gefahren ausgesetzt waren. Es macht mir nichts aus, wenn das Reisen jetzt etwas gefährlicher ist als vorher. Bucca, das Leben an der Grauflut war nicht ungefährlicher als jetzt, und ich habe früh gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen.
Pfeil und Bogen werden nicht ausreichen, schätze ich. Du wirst mit dem Schwert umgehen können müssen, und du wirst wenigstens eine leichte Rüstung tragen. Aber ich glaube, daß in dieser Angelegenheit der König das letzte Wort haben wird.
Dann werde ich ihn sogleich um Erlaubnis ersuchen sagte Primula und sprang auf. Bucca sah ihr kopfschüttelnd hinterher.
Na, was ist denn los? fragte Daeros, als er seinen Kopf zur Tür hereinstreckte. Primula ist ja eben wie von der Tarantel gestochen zum König geeilt. Habt ihr euch gestritten?
Nein, es ist viel schlimmer. Primula will mitkommen.
Oh. Du hast ihr doch hoffentlich gesagt, worauf sie sich einläßt?
Das habe ich, aber sie ist starrköpfig und will unbedingt mit. Nun, ich habe ihr gesagt, daß der König in dieser Angelegenheit das letzte Wort haben wird, und da ist sie losgerannt.
Ich bin wirklich gespannt, was er dazu sagen wird.
Bucca zuckte mit den Achseln und er ließ nach Eldacar rufen. Daeros ging wieder hinaus, er wollte mit den Knappen noch einige Übungsstunden absolvieren.
Nach einigen Minuten kam Buccas Knappe zur Tür herein. Was gibt es, Herr Bucca?
Mach dich darauf gefaßt, daß du bald noch einen Knappen neben dir haben wirst. Und ich werde deine Hilfe bei der Ausbildung brauchen.
Wer ist es denn, wenn ich fragen darf?
Du darfst. Es ist meine Frau Primula. Sie will unbedingt nach Bruchtal mitkommen und ich fürchte, daß der König ihrem Wunsch stattgeben wird. Und wenn wir bald aufbrechen wollen, dann werden wir uns bei der Ausbildung sputen müssen. Was meinst du dazu?
Ich finde, deine Frau wird das sehr wohl schaffen können. Sie ist willensstark und sie kommt doch von der Grauflut, oder? Da mußten sich die Hobbits doch häufiger gegen Feinde verteidigen und ich glaube, die Orks machten keinen Unterschied zwischen Männlein und Weiblein, wenn sie angegriffen hatten. Und vielleicht müssen wir etwas später als geplant aufbrechen, aber ich glaube, das ist nicht allzu schlimm. Den anderen wird die zusätzliche Ruhe gut tun.
Na gut. Wenn du mir hilfst, dann hast du mich überredet. Ich bin nur mal gespannt, was der König dazu sagen wird.
Was der König dazu sagen würde, das hatte Bucca rasch erfahren. Nach einer halben Stunde kam er höchstselbst in Buccas Gemach und sprach eingehend mit dem Hobbit.
Du weißt, daß Primula nach Bruchtal mit will? Was hältst du davon?
Ich habe mit ihr über die Gefahren gesprochen, die uns bevorstehen können. Sie kennt sie jetzt, aber trotzdem will sie mit. Aber ohne eine Ausbildung an den Waffen nehme ich sie nicht mit.
Das ist auch meine Entscheidung. Du sollst die Ausbildung zusammen mit deinem Knappen vornehmen. Daeros wird dich dabei nach Kräften unterstützen. Wenn ihr nach einem Monat der Meinung seid, daß sie genug gelernt hat, dann sollt ihr aufbrechen.
Bucca verneigte sich, und dann ging er mit Primula zur Waffenmeisterei. Sie bekam ein leichtes Kettenhemd, einen Helm, ein kurzes Schwert und einen runden Schild. Einen Bogen und Pfeile hatte sie bereits. Eldacar und Daeros waren bereits im Waffenhof, wo sie die erste Übung für Primula vorbereiteten.
Buccas Frau war voll gerüstet, und das Kettenhemd war lästig. Der Helm drückte und das Schwert an ihrer Seite war ein ungewohntes Gewicht. Bucca ließ die Übung mit ein paar Paraden locker angehen, dann zeigte er ihr, wie man mit dem Schwert angriff ohne die Deckung zu verlassen. Primula schwitzte und nach zwei Stunden war sie zu müde, um weitermachen zu können.
An deiner Ausdauer müssen wir noch arbeiten sagte Bucca. Oft dauern Kämpfe den ganzen Tag, und wer am längsten durchhält, gewinnt. Aber dein Fechten war für den Anfang nicht schlecht.
Bucca, wie hältst du es den ganzen Tag in diesem schweren Ding aus?
Das hat Bucca mich vor über sechs Jahren auch gefragt lachte Daeros. Es ist einfach nur eine Gewohnheitssache, die Rüstung zu tragen. Und ich glaube, Bucca hat für dich mit der leichten Rüstung eine gute Wahl getroffen, denn wir gedenken leicht und damit schnell zu reiten und ich werde meinen Plattenpanzer deshalb zu Hause lassen. Aber in einem hat er recht: deine Ausdauer muß dringend verbessert werden. In den nächsten Tagen werden wir deshalb an deiner Kondition arbeiten.
Die nächsten Tage wurden für Primula hart und entbehrungsreich. Langsam ertrug sie das Gewicht der Waffen und der Rüstung und langsam hielt sie die Übungskämpfe immer länger aus. Bucca merkte dies daran, daß er immer mehr blaue Flecken von den Übungen davontrug.
Das ist dafür, daß du so lange fort warst lachte sie.
Zum Glück bin ich nicht verheiratet versetzte Daeros.
Na, ich wäre an deiner Stelle leise grinste Bucca. Diejenigen, die sagen, sie würden niemals heiraten trifft es als erste.
Wie meinst du das?
Ach, nur so.
Na, warte! Daeros zog sein Übungsschwert und rannte hinter Bucca her, der dem großen und schwerfälligen Menschen durch rasches Haken schlagen immer wieder entkam.
Du kriegst mich sowieso nicht lachte Bucca. Habe ich da etwa was erraten, was ich besser nicht wissen sollte?
Sei bloß still! rief Daeros und wurde rot. Bucca lachte, stolperte dabei und Daeros warf sich auf den Hobbit. Hab ich dich! rief er. Er kitzelte Bucca, der jetzt vollkommen wehrlos war und zappelnd auf dem Boden lag.
Wie die kleinen Kinder rief Primula. Steht auf und laßt den Unfug! Man könnte ja meinen, es mit Halbstarken zu tun zu haben!
Die beiden beruhigten sich wieder, und Daeros half Bucca wieder auf die Füße. Manchmal muß so was einfach sein meinte der Mensch.
Ja, stimmt ergänzte Bucca. Trotzdem hast du meine Frage nicht beantwortet.
Daeros stammelte irgendein unverständliches Zeug und wurde sehr rot. Bucca würde auf diesem Weg nicht seine Neugier befriedigen können.
Ich habe eine Vermutung, Bucca sagte Primula. Aber du erzählst nichts weiter, und danach gibst du endlich Ruhe!
Bucca nickte.
Daeros war im Auenland häufig mit Rose Tuk zusammen, wie du wohl weißt. Du weiß auch, daß sie für einen Hobbit sehr groß gewachsen ist und deshalb noch keinen Mann gefunden hat. Ja, und irgendwie haben die beiden Gefallen aneinander gefunden.
Du bist mit Rose zusammen? meinte Bucca ernst. Was hältst du davon: wenn wir aus Bruchtal zurück sind kommst du mit ins Auenland. Vielleicht kannst du ja zu uns ziehen und wenn Rose es will, dann heirate sie doch.
Daeros war zu verblüfft, um irgendwas sagen zu können, aber er fiel dem Hobbit um den Hals und drückte ihn fest an sich. Danke stammelte er irgendwann.
So, und jetzt machen wir mit der Ausbildung weiter sagte Bucca.
Nach ein paar Wochen war Bucca der Meinung, daß Primula jetzt durchaus in der Lage wäre, den Gefahren trotzen zu können, die ihnen auf ihrem Weg nach Bruchtal drohen konnten. Er ging zum König und bat um die Erlaubnis zum Aufbruch. Neben ihm und seiner Frau sollten Daeros, Ecthelion und sein Knappe Eldacar mitkommen. Bucca hatte vor, rasch und möglichst unbemerkt von Feinden gen Osten zu reisen. Ein großes Heer würde nur den Hexenkönig auf den Plan rufen, und das wollte der Hobbit vermeiden.
Achtes Kapitel: Bruchtal
Reitet nun, und möge Euch das Glück der Valar nicht verlassen. Die fünf waren bereit zum Aufbruch, und der König sprach ein paar Abschiedsworte, dann saßen sie auf. Es war kalt und regnerisch, und der Westwind peitschte nasse Wolken über das Land. Die Straße war eine einzige braune Schlammpiste, und sie kamen nicht allzu schnell voran. Die fünf ritten aus Rücksicht auf ihre Pferde auf dem Seitenstreifen, der mit Gras bewachsen war. Außerdem mußte Primula sich erst noch daran gewöhnen, ein Pferd zu reiten, und da war es ratsam, kein allzu hohes Tempo anzuschlagen.
Primula gewöhnte sich rasch an ihr neues, großes Reittier. Sie fand, ein Pferd zu reiten war nicht so schwierig wie zuerst gedacht. Allmählich konnte die Gruppe das Tempo erhöhen, und nach drei Tagen hatten sie Bree erreicht. Nach einer letzten Nacht in warmen Federbetten schlugen sie den Weg gen Osten ein. Die Oststraße war in einem schlechten Zustand. Tiefe Schlaglöcher, in denen sich das Regenwasser gesammelt hatte übersäten die Straße.
Na, das ist ja wundervoll brummte Bucca. Wenn die Straße bis Bruchtal so aussieht, dann können wir ein rasches Vorankommen vergessen.
Du bist ja mal wieder optimistisch wie immer frotzelte Daeros. Wer sagt denn, daß wir auf der Straße bleiben sollten? Vielleicht wäre es ungefährlicher, wenn wir abseits von ihr reiten. Feinde werden Reisende eher auf der Straße vermuten und nicht im Gestrüpp rechts und links von ihr.
Und wir werden uns wochenlang da durchkämpfen und feststellen, daß wir dann eine Wegstrecke von einem Tagesritt auf der Straße zurückgelegt haben entgegnete Bucca. Das ist keine Alternative, schätze ich. Nein, wir müssen wohl oder übel auf der Straße bleiben. Ab sofort halten wir zu zweit Wache: drei schlafen und zwei wachen und tagsüber reiten wir so schnell wie möglich. Und ab der Wetterspitze müssen wir noch vorsichtiger sein: dann haben wir Arnor verlassen.
Mißmutig ritten sie weiter. Das Wetter hatte sich nicht geändert, es war noch immer eintönig grau, und eine schier undurchdringliche Regenwand nahm ihnen die Sicht auf die Hügel. Sie waren bis auf die Haut durchnäßt, es war kalt und oft fanden sie nicht genug trockenes Holz, um abends ein Lagerfeuer zu entzünden. Und ab der Grenze würden sie sowieso nicht mehr wagen, ein weithin sichtbares Feuer zu entzünden.
Die eintönigen Tage vergingen, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie die runde Kuppe der Wetterspitze hinter sich gelassen hatten. Eine einsame Grenzwache hatten die Reiter passiert, und die Wächter waren begierig darauf, zu erfahren was es in Arnor Neues gab.
Nach einer letzten Nacht in Arnor ritten sie jetzt durch das nördliche Wilderland. Primula staunte, als Bucca ihr erzählte, daß sie durch das gleiche Wilderland ritten, das weiter im Süden so lange die Heimat der Starren gewesen war. Aber Wilderland war jetzt ein Land, in dem Orks ihr Unwesen trieben, und das Reisen war gefährlich geworden. Die Reiter waren wachsam, und so waren sie mehr als vorbereitet, als sie von Orks angegriffen wurden. Die Feinde hatten nicht damit gerechnet, auf wohlbewaffnete Reisende zu stoßen, und obwohl die Reiter in der Minderzahl waren, hatten sie bald den Sieg davongetragen.
Das sollte kein Grund zur Freude sein meinte Daeros, als die Orks verschwunden waren. Wir sind entdeckt worden, und es kann wohl sein, daß wir bald von noch mehr Orks angegriffen werden.
Wie lange brauchen wir bis Bruchtal? fragte Bucca.
Sieben Tage ist es her, seit wir Bree verlassen haben und seit drei Tagen sind wir in Wilderland. Meiner Schätzung nach brauchen wir noch drei bis vier weitere Tage, bis wir Bruchtal erreichen.
Vier Tage. Viel kann in vier Tagen passieren.
Da magst du wohl recht haben, Bucca.
Sie ritten nun rasch weiter, und selbst des Nachts trieben sie ihre Pferde voran. Niemand konnte sagen, ob und wann die Feinde das nächste Mal zuschlugen. Primula hatte sich in dem Kampf wacker gehalten, und Buccas Befürchtungen zerstreuten sich allmählich. Hatten die Orks sie anfangs noch für leichte Beute gehalten, so flohen sie recht rasch vor ihrem Zorn.
Na, wie hat dir dein erster Kampf gefallen? fragte Bucca, als sie endlich eine kurze Rast einlegten.
Die Erfahrung hätte ich mir sparen können meinte Primula. Nur glaube ich, daß die Orks sich nicht wirklich für meine Meinung interessieren.
Da hast du absolut recht lachte Bucca. Aber ich bin was deine Fechtkünste angeht recht zufrieden. Achte nur darauf, daß du deine Linke nicht entblößt. Das hast du vorhin ein paar Mal gemacht, und nicht immer wird deine Linke von unseren Kämpfern geschützt.
Das werde ich mir zu Herzen nehmen meinte Primula. Hoffentlich kann ich mir das noch bis zum nächsten Kampf merken.
Hoffen wir, daß es nicht zu noch einem Kampf kommen muß.
Die nächsten vier Tage waren wachsam, aber ereignislos. Sie ritten durch ein ausgedehntes Waldgebiet, und nur wenig Sonnenlicht erreichte die Straße. Die Zweige ragten wie ein Dach über die Straße, und rechts und links war im dämmrigen Licht kaum auszumachen, was sich im Wald tat.
Nach vier Tagen kamen sie plötzlich aus dem Wald heraus und sie standen auf einer großen Wiese, durch die sich ein Fluß schlängelte. Das Land machte einen friedlichen Eindruck.
Schaut, die Bruinenfurt! Heute Abend sitzen wir in Bruchtal am warmen Kaminfeuer rief Daeros.
Bewacht denn niemand die Furt? fragte Eldacar zweifelnd.
Mein lieber Eldacar, du mußt lernen, wachsamer zu werden meinte Bucca. Ich sehe die Wachen von hier. Drei Krieger mit langem, blonden Haar erwarten uns jenseits des Flusses, aber ob sie uns willkommen heißen, weiß ich nicht.
Tadele Eldacar nicht, nicht jeder hat Hobbitaugen lachte Daeros. Wo sind denn die Wachen, Bucca? Ich sehe keine Krieger.
Na, dort drüben. Hinter dem Busch direkt am Weg. Das blonde Haar und die blankgeputzten Kettenhemden blenden mich fast.
Jetzt, wo du es sagst, sehe ich sie auch sagte Eldacar. Einen Hobbit zum Lehrmeister zu haben ist eine schwere Last lachte er. Hobbits müssen Augen haben, die schärfer als die der Elben sind, anders kann ich mir das nicht erklären.
Hobbits haben keine schärferen Augen als Menschen antwortete Bucca. Ich habe nur etwas besser aufgepaßt. Als wir noch im Wald waren haben sich diese Wachen offen an der Furt gezeigt, aber sie versteckten sich, als wir auf die Wiese kamen. Sie haben uns einen Wimpernschlag zu spät bemerkt. Vom Wald aus waren sie zu sehen.
Na, ich habe nichts gesehen bemerkte Daeros. Hobbits haben doch schärfere Augen als wir Menschen, anders kann ich es mir nicht erklären.
Dann hast du eben nicht aufgepaßt. Oder hast du etwas gesehen, Primula?
Ich habe nichts gesehen. Wovon redet ihr eigentlich?
Eldacar und Daeros lachten. Ich glaube mittlerweile fast, daß Bucca uns einen Bären aufgebunden hat. Aber es wird spät. Laßt uns weiterreiten.
Daeros schickte sich an, durch die Furt zu reiten, aber er hatte das Wasser nicht erreicht, als drei Schritte vor ihm plötzlich ein Pfeil im Boden einschlug. Bucca hob sein Horn an die Lippen und blies ein kurzes Hornsignal. Die anderen blieben stehen.
Drei hochgewachsene Elben traten hinter dem Busch hervor, und einer von ihnen trat ans Flußufer und hob die waffenlose Hand als Zeichen des Friedens. Die anderen hielten ihre Bogen gespannt.
Halt, Ihr Reiter von ferne! Woher kommt Ihr und was ist Euer Ziel? Wisset, daß diese Straße nirgendwo hinführt!
Diese Straße führt zu unserem Ziel rief Bucca. Wir sind Ritter des Königs von Arnor, und im Auftrag des Königs reiten wir. Wir haben bei Herrn Elrond von Bruchtal einen wichtigen Auftrag zu erledigen. Mit Botschaften kommen wir, und Rat erbitten wir.
Ihr sollt Eure Aufträge erfüllen können. Die Elben legten ihre Waffen weg, und die Reiter ritten langsam durch den Bruinen. Als sie den Fluß durchquert hatten saßen sie ab.
Willkommen in Bruchtal sagte der Elb. Ihr seid jetzt in Elronds Land, und Elrond erwartet euch. Wir haben Euer Kommen schon seit Tagen beobachtet, und Ihr werdet willkommen sein. Und wir haben Eure Unterhaltung eben belauscht lächelte der Elb. Der Herr Hobbit hat sehr wohl die schärfsten Augen von Euch allen. Wir haben uns nicht offen gezeigt.
Bucca vom Bruch, zu Euren Diensten sagte der Hobbit und verbeugte sich. Einen kleinen Moment lang wart Ihr etwas unvorsichtig und zufällig habe ich Euch gesehen.
Das mag sein. Hobbits haben nicht nur scharfe Augen sondern sind auch höfliche Leute, und ich fürchte, wenn wir noch lange weiter reden, dann werdet Ihr die Nacht hier draußen verbringen. Reitet nun weiter. Bleibt auf dem Weg, und in einer Stunde gemütlichen Trabens werdet Ihr an der Schwelle zu Elronds Haus stehen. Reitet nicht zu rasch, denn der Weg ist an vielen Stellen schmal und abschüssig. Guten Abend!
Sie trennten sich mit höflichen Worten, und die Reisenden ritten weiter, wie ihnen geheißen wurde. Die Sonne ging unter, und unzählige Lampen schimmerten durch die Blätter der Bäume, die an der Straße standen. Liebliche Gesänge schallten durch das Tal.
Weit unten im Tal sahen sie ein großes Fachwerkhaus mit unzähligen Nebengebäuden. Die Fenster waren hell erleuchtet und es sah sehr einladend aus. Elben erwarteten das Kommen der Reiter.
Willkommen in Elronds Haus, Ihr Reisenden von weit her. Mein Name ist Glorfindel. Um Eure Pferde werden wir uns kümmern, steigt ab und laßt die Nacht draußen.
Sie saßen ab und stellten sich nacheinander vor. Glorfindel staunte nicht schlecht, als er Primula sah. Selbst die Frauen der Hobbits tragen Waffen?
Nur eine, soweit ich weiß antwortete Bucca. Meine Frau war lange von mir getrennt und sie wollte einfach nicht zu Hause bleiben. Und heutzutage ist jeder, der durch Wilderland reist gut beraten, in Waffen zu gehen.
Wo Ihr recht habt, habt Ihr recht. Aber jetzt gehen wir ins Haus.
Sie gingen in die große Halle, wo sie von einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Elben erwartet wurden.
Seid willkommen, Ihr Reisenden aus Arnor sagte er. Mein Name ist Elrond, und nur selten reisen meine Verwandten aus dem Nördlichen Königreich hierher. Ihr, Herr Daeros, wart schon hier, aber Eure Begleiter kenne ich noch nicht.
Daeros stellte seine Begleiter vor. Elrond staunte über den Hobbit, der freiwillig in die Dienste des Königs getreten war, und daß ein Mensch sein Knappe war, verwunderte ihn noch mehr.
Mein Lehrherr hat vor Jahren sogar Abenteuer in den Grenzgebirgen zu Mordor bestanden, sagt man in Königsnorburg sagte Eldacar. Herr Daeros wird Euch mehr erzählen können.
Das wird er sicherlich, und Bucca wird es auch. Nun, sogar Buccas Frau ist mitgekommen, und der Name des Herrn Ecthelion genießt hier einen guten Ruf, auch wenn ich ihn noch nicht gesehen habe. Aber jetzt sollt Ihr zu Abend essen, und dann ruht Ihr Euch ein wenig aus. Morgen reden wir über Euren Auftrag, und ich vermute, wir werden genug Zeit haben, über Eure Abenteuer zu sprechen.
Die fünf verbeugten sich, und sie wurden in ihre Unterkünfte geführt. Bucca, Daeros, Ecthelion, Eldacar und Primula hatten ein gemeinsames Zimmer, an das sich ein kleiner Aufenthaltsraum anschloß. Dort war der Tisch bereits gedeckt, und sie machten sich ohne weitere Umschweife ans Werk. Es gab kalten Braten, Gemüse, einen Himbeerkuchen und dazu einen schweren Rotwein.
Nach einer Stunde des Schmausens lehnte Bucca sich in seinem Stuhl zurück und stieß einen satten Seufzer aus. Das hat in den letzten Tagen wirklich gefehlt!
Stimmt, Bucca ergänzte Daeros. Abgesehen davon, daß du gleich von den Kissen fällst, wenn du dich noch weiter zurücklehnst ist alles bestehs.
Bucca setzte sich rasch wieder gerade hin, aber durch die ruckartige Bewegung geriet der Kissenturm ins Wanken, und mit einem lauten Rums lag der Hobbit auf dem Boden.
Also das ist nicht gerade perfekt brummte er. Die Elben machen ja viele schöne Dinge und vieles ist gut, aber das hier bedarf der Überarbeitung.
Daeros lachte, und er hob den Hobbit auf und setzte ihn auf seinen Schoß. So, das müßte jetzt besser sein. Allzu lange bleiben wir wohl nicht wach, glaube ich, aber so dürften wir noch ein bißchen Zeit verbringen können.
Ja, jetzt ist es perfekt grinste Bucca und stimmte in das allgemeine Gelächter ein.
Nach einer ruhigen und ungestörten Nacht und einem mehr als reichhaltigen Frühstück gingen die fünf zu Elrond, der mit ihnen sprechen wollte. Er war interessiert, was sie zu dieser nicht gerade gefahrlosen Reise bewegt hatte.
Wie Ihr wißt, war die Pest in unseren Landen ausgebrochen erklärte Bucca. Es scheint, als ob die Seuche überstanden wäre, aber ich bin mir nicht sicher und Gerüchte sprechen davon, daß der Feind seine Finger mit im Spiel hätte. Und keiner weiß, was unsere Feinde vorhaben. Ich habe vor einigen Wochen zusammen mit Daeros einen Erkundungsritt in den Norden durchgeführt, der uns weit nach Angmar führte. Das Land ist entvölkert, aber wir waren nicht überall.
Dennoch sprechen viele von Krieg, der droht. Wilderland ist für uns ein großes, in weiten Teilen unbekanntes Land und was südlich davon, in Gondor geschieht wissen wir nicht. Das Nebelgebirge ist ein weißer Flecken auf unseren taktischen Landkarten, obwohl es so nah an unseren Grenzen liegt. Das sind Fragen über Fragen, auf die wir in Königsnorburg keine Antworten finden können.
Ihr sollt hier Antworten auf Eure Fragen erhalten sagte Elrond. Ihr spracht vom Nebelgebirge. Obwohl Ihr diese Frage als letzte stelltet, will ich sie als erstes beantworten.
Die Pest wütete in ganz Mittelerde, auch im Gebirge. Viele Orks fanden ihr Ende, und nicht wenige haben sich in die Ebene geflüchtet, in der vergeblichen Hoffnung, dort der Pest entrinnen zu können. Jetzt ist es so, daß nur noch wenige Feinde im Gebirge leben, und sie behelligen die Reisenden nicht mehr. Seit vielen Jahren wurden unsere Boten angegriffen, aber in letzter Zeit gab es keine Zwischenfälle mehr.
Auch in Wilderland mußten unsere Feinde herbe Verluste hinnehmen. Vor einigen Jahren war es so gut wie unmöglich, auf der alten Südstraße nach Gondor zu reisen, aber Boten sind vor kurzem zurückgekehrt, die bis Osgiliath gereist sind, und sie berichteten davon, unterwegs nicht von Feinden behelligt worden zu sein.
Gondor selbst hat durch die Pest so schlimm gelitten wie unsere Feinde. König Minardil hat diese Misere nicht mehr erleben müssen, er wurde vor vier Jahren von Korsaren erschlagen. Aber König Telemnar ist der Seuche zum Opfer gefallen, und seine Familie wurde ebenfalls nicht verschont, und so erging es vielen Dùnedain im Süden. Ich wundere mich noch immer darüber, daß Arnor so wenige Verluste zu erleiden hatte. Niemand weiß, ob es noch Überlebende aus Anárions Linie gibt.
Meine Kundschafter haben sich auch nach Angmar gewagt und sie berichteten, daß die Lande öd und leer sind. Nur wenige Orks und keine Menschen wurden dort gesehen, und die Äcker der Leibeigenen liegen brach. Ihr habt Euch auch ins Reich des Hexenkönigs gewagt? Ihr müßt mir nachher davon erzählen!
Aber was den Hexenkönig angeht, so weiß von den Weisen im Moment niemand, was er vorhat. Er war schon immer ein unberechenbarer Feind gewesen; selbst die alten Hochkönige von Arnor und Gondor haben ihn gefürchtet. Auch ich habe von den Gerüchten gehört, daß die Pest ein Machwerk des Feindes sei, aber dem ist nicht so. Der Hexenkönig hat nicht die Macht und das Wissen, mit einer solche Seuche die Welt zu plagen. Sauron, sein Herr und Meister konnte das vielleicht, aber es ist lange her, daß er Mittelerde peinigte.
Was ist aus Sauron geworden? fragte Daeros. Es heißt, er sei getötet worden, andere sagen, er ginge wieder in Mittelerde um. Das sind alles Gerüchte und keiner kann diese Frage sicher beantworten.
Selbst ich kann das nicht seufzte Elrond. Sauron wurde durch Isildur am Ende des Zweiten Zeitalters niedergeworfen, aber ob er tot ist oder ob sein Geist noch in Mittelerde ist und ob er stark oder schwach ist, das kann nur die Zeit weisen. Viele große und viele schreckliche Taten gab es im großen Krieg, und nicht alle waren ruhmreich.
Man sagt hinter vorgehaltener Hand, Isildur habe von Saurons Hand etwas genommen, bevor er auf seiner Reise in den Norden verschollen war sagte Ecthelion leise. Ich weiß nicht, was da dran ist, aber das Gerücht hält sich hartnäckig.
Isildur nahm etwas von Saurons Hand. Ein kleiner, goldener Ring sollte das Wergeld für Elendil und Anárion sein. Dieses Kleinod war der Talisman von Saurons Macht, und Sauron kann nur gestürzt werden, wenn es vernichtet wird. Der Ring ist verschollen, und niemand weiß, ob er irgendwo auf dem Grunde des Anduin im Schlamm verborgen liegt, ins Meer gespült wurde oder durch eine uns unbekannte Macht vernichtet wurde. Und so wissen wir nicht, was aus Sauron geworden ist, und Isildurs Schicksal ist unklar.
Was vor über tausend Jahren war, dürfte unsere Situation heute kaum noch beeinflussen sagte Bucca. Eine dringende Frage stellt sich: ist die Pestepidemie vorüber und kann sie wieder ausbrechen?
Eine dringende Frage, zweifellos. Nun, die Pest kann jederzeit wieder ausbrechen. Das soll kein Grund zu dauernder Sorge sein. Irgendwo gibt es immer Pestkranke, und normalerweise kommt es nicht zu Epidemien.
Ob die Epidemie vorüber ist, kann ich noch nicht genau sagen. Das Schlimmste ist vorbei, es gibt nicht mehr viele Leute, die noch erkranken könnten. Ganz ausgestanden ist es noch nicht, aber am besten berichtet Ihr vom Zustand von Arnor. Vielleicht kann ich Eure Frage dann besser beantworten.
Primula, die die ganze Zeit über im Auenland geblieben war berichtete von der Pestepidemie in Arnor. Sie sprach von der Art und Weise, wie die Hobbits die Pest therapierten, und Elrond hörte erstaunt zu, wie die Pest in Arnor besiegt worden war.
Das sind echte Neuigkeiten für mich, und Euer Kommen bedeutet eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Den alten Ärzten von Númenor gelang es, von der Pest Erkrankte zu heilen, aber daß andere Völker das auch können wußte ich nicht. Aber trotzdem betrübt es mich ein wenig: offenbar beherrschten nicht alle Hobbits diese Heilkünste. An der Grauflut, unweit von Tharbad lebten Hobbits, die Euch nicht unähnlich waren, aber jetzt sind deren Lande verwaist, und mir schwant Übles.
So übel sind die verlassenen Lande nicht grinste Bucca. Elrond sah ihn erstaunt an. Die Starren, so heißen die Hobbits von der Grauflut sind vor etwas mehr als fünf Jahren zu uns in den Norden gekommen erklärte der Hobbit.
Das war eine mehr als weise Entscheidung, und es war genau zur rechten Zeit. Ich sehe, das ist eine Geschichte, die des Abends am Kaminfeuer erzählt werden kann. Nun, ich staune immer mehr über das kleine Volk. Des Abends sollt Ihr auch von Euren Abenteuern berichten, und meine Schreiber sollen sie festhalten. Aber von den Starren habe ich noch niemanden gesehen.
Primula ist eine von ihnen sagte Bucca. Sie sind in Wirklichkeit Hobbits wie wir. Vor vielen Jahren, als wir noch im Winkel jenseits des Nebelgebirges am Großen Strom lebten haben einige Hobbits den Entschluß gefaßt, in der weiten Ebene von Wilderland zu siedeln. Wir sind später über das Gebirge und Bree in die Lande zwischen dem Brandywein und den Turmbergen gezogen und diese Provinz Arnors wird jetzt das Auenland genannt. Und seit fünf Jahren sind die Hobbits wieder zusammen.
Das hat sich als gut erwiesen. Nicht nur die Lande an den Ufern der Grauflut sind entvölkert. Auch Tharbad liegt verlassen da. Die Kundschafter berichteten von Toten, die auf den Straßen liegen. Es gibt niemanden mehr, der sie bestattet, und alle waren von der Pest befallen. Es sieht zudem so aus, als ob es Kämpfe gegeben hätte, denn einige der Toten waren Orks und Menschen, die normalerweise weit im Norden leben. Die Dùnedain, die noch in Tharbad lebten sind entweder untergegangen oder nach Isengart zu ihren Verwandten gezogen. Und was mit den Dunländern ist, weiß keiner.
Aber Ihr fragtet, ob die Pest vorüber sei. Nun, normalerweise dauert der Ausbruch dieser Krankheit höchstens drei Monate, wenn sich es zur Epidemie ausweitet, dann kann es zwei, drei Monate länger dauern. Diese Zeit ist nun um. Dieser Pestschub ist sehr wohl vorbei. Es kann aber sehr wohl sein, daß es zu weiteren Schüben kommt.
Zudem scheint es so zu sein, daß diejenigen, die diese Krankheit überlebt haben nicht mehr von ihr befallen werden können sagte Primula. Offenbar werden die Leute gegen die Pest immun.
Es gibt mehrere Arten der Pest antwortete Elrond. Die, die wir jetzt zu erleiden hatten ist eine eher harmlose Variante. Nicht alle, die sich ansteckten sind erkrankt und fast alle konnten geheilt werden. In Gondor wütete eine schlimmere Pestart. Nicht viele haben sie überlebt, und wer es trotzdem schaffte konnte sich durchaus wieder anstecken.
Nun, offenbar hat in Gondor niemand Heilungsversuche unternommen. Selbst in Arnor ist ja das Wissen verloren gegangen, wie die Pest zu bekämpfen ist. Die einzigen Maßnahmen, die in Gondor getroffen wurden war die Trennung zwischen Kranken und Gesunden. Keine wirkungsvolle Art, diese Seuche zu bekämpfen, denn die Krankheitserreger werden durch den Wind verbreitet, und der Wind hält sich nicht an Grenzen.
Auch in Arnor wurden besonders gefährdete Gebiete geräumt sagte Bucca. Im Süden des Auenlands war die Krankheitsrate höher als sonstwo. Wir vermuten, daß das am feucht- warmen Klima im Südviertel und im Stockbruch liegt. Im kühleren Nord- und Westviertel wurden nicht so viele Leute krank, und die Kranken konnten leichter geheilt werden.
Ich gehe wohl recht in der Annahme, daß niemand im Südviertel blieb erwiderte Elrond. Der Pest wurde der Nährboden entzogen, und das ist die beste Art, diese Seuche unter Kontrolle zu bekommen. Auch in Gondor wäre das möglich gewesen: die Bevölkerung hätte nach Calenardhon und ins Weiße Gebirge gehen müssen, wo das Wetter nicht so schwülheiß wie im dicht besiedelten Anduintal ist.
Außer den Grenzwachen blieb niemand im Südviertel bestätigte Bucca. Nun bliebe noch eines zu klären: kann die Pest in näherer Zeit wieder ausbrechen?
Ausbrechen kann sie immer. Es ist aber eher unwahrscheinlich, daß das bald sein wird. Diese schlimmere Pestart, wie sie in Gondor wütete kann im Norden so lange nicht ausbrechen, so lange die Sommer kühl und regnerisch bleiben und niemand den Erreger in den Norden bringt. Aber das muß nicht sein, so lange keiner in den Süden reist. Es wäre demnach ratsam, die Südstraße geschlossen zu halten. Vom Süden wird wohl kaum einer tun, dort gibt es im Moment nur wenige, die so eine weite und gefährliche Reise wagen würden, und diese Leute werden anderweitig gebraucht.
Dann werde ich es dem König als Euren Rat mitteilen, die Südgrenze geschlossen zu halten, wenn Ihr einverstanden seid sagte Bucca.
Elrond nickte. Ja, das ist mein Rat. Haltet die Straße für ein, zwei Jahre geschlossen. Sammelt zudem Vorräte an Heilkräutern, die für die Pestbehandlung gebraucht werden, um die Krankheit im Keim zu ersticken, wenn sie wieder ausbrechen sollte, das ist mein weiterer Rat in dieser Sache.
Aber kommen wir nun zu einem anderen Problem, das für Arnor eine ebenso große Gefahr wie die Pest werden kann: der Hexenkönig. Ihr spracht von einem Ritt weit nach Angmar hinein. Berichtet mir davon.
Daeros sprach etwa eine halbe Stunde lang von ihrem Ritt zur Nordgrenze Arnors und von ihren Abenteuern, die sie in Angmar erlebt hatten. Elrond schauderte, als Daeros von Carn Dûm berichtete, der alten Festung des Hexenkönigs, die sie von ferne gesehen hatten. Er ließ auch die Abenteuer nicht aus, die sie auf ihrer Rückreise erlebt hatten.
Was Ihr berichtet, deckt sich mit dem, was meine Kundschafter gesehen hatten. Angmar ist entblößt, es ist menschenleer und die Orks sind untergegangen oder haben sich weit in den Norden und Osten zurückgezogen. Der Hexenkönig verliert im Moment die Basis seiner Macht; er muß etwas tun.
Für ihn wird die Luft knapp. Er droht, seinen Einfluß im Norden dauerhaft einzubüßen, was ihn so gefährlich wie ein in die Enge getriebenes wildes Tier macht. Sein Hauptfeind Arnor hat weniger Verluste erlitten als er selbst; das Nördliche Königreich hat sich nicht nur dank der Hobbits als erstaunlich resistent erwiesen. Lange wird er diesen Zustand nicht dulden, er wird darauf eine Antwort geben, die ihm in dieser Lage immer einfällt: er wird Arnor mit Krieg überziehen, sobald er sich dazu in der Lage fühlt.
Bucca rührte sich. Dann wäre es wichtig für uns zu wissen, welche Kräfte dem Hexenkönig geblieben sind. Außerdem würde mich interessieren, mit wem wir es zu tun bekommen.
Der Hexenkönig war einst ein großer und mächtiger König der Menschen. Er war einer der mächtigsten Männer in Mittelerde, und ihn gelüstete es nach mehr Macht. Sauron wurde auf ihn aufmerksam und er machte sich die Gelüste dieses Königs zunutze. Er verführte ihn, in seine Dienste zu treten, und er wurde mächtiger als alle anderen Herrscher von Mittelerde. Aber seine Seele verfiel an Sauron, und er starb früh und sein Geist wurde ein Sklave des Großen Feindes. Elrond seufzte. Achtmal ist es Sauron noch mal gelungen, Menschen derart zu verführen. So sind es neun Geister, die Mittelerde von Zeit zu Zeit heimsuchen, die Nazgûl, oder die Ringgeister in der Gemeinsamen Sprache.
Sauron ließ ein Teil seiner Macht auf neun Ringe übergehen, die er den Menschen gab, und mit diesen Ringen band er ihre Macht an seine. Und als sie gestorben waren und ihre Geister zu seinen Sklaven geworden waren, dann ging die Macht der Menschen in Sauron über. Er bestimmte von nun an allein über sie, und sie sind jetzt willenlos.
Der Hexenkönig ist der Oberste der Ringgeister, und er ist der einzige, der ständig in Mittelerde umgeht. Die anderen Acht tauchen dann und wann rund um Mordor auf, und dann zittern die Dùnedain von Gondor, denn es ist ein Zeichen von Not und Krieg. Es heißt, die Ringgeister seien kurz vor dem Ausbruch der Pest umgegangen, und das Gerücht, sie seien daran schuld hält sich hartnäckig.
Auch wir haben davon gehört sagte Daeros. Ob der Hexenkönig etwas mit der Pest zu tun hat oder nicht ändert aber nichts an der Tatsache, daß er dadurch an Macht verloren hat. Ich werde dem König melden, daß Krieg mit Angmar droht. Wir werden uns vorbereiten müssen. Nun, ich fürchte, wir werden bald abreisen müssen, denn wir sollten diese Vorbereitungen bald treffen.
Das ist richtig entgegnete Elrond. Wir werden Wache halten und wir sollten in Kontakt bleiben. Feinde bedrohen die Oststraße, und diese Gefahr sollte so schnell wie möglich beseitigt werden.
Auch dies werden wir dem König melden. Ich schätze, bald wird ein Heer aus Arnor ausrücken, um die Oststraße zu sichern.
Neuntes Kapitel: Der Hobbit und der Hexenkönig
Die Fünf waren am Tage nach ihrer Beratung aus Bruchtal aufgebrochen. Sie ritten rasch durch die unsicheren Lande, denn Kundschafter Elronds berichteten, daß keine Feinde in der Nähe der Straße waren. Warum das so war wußte niemand.
So erreichten sie nach sechs Tagen Bree, und nach drei weiteren Tagen knieten Bucca und Daeros vor König Artheleb II. nieder. Der König hieß sie willkommen und Bucca berichtete von ihrem Treffen mit Elrond.
Die Pest scheint fürs erste besiegt zu sein. Elrond rät uns dennoch, uns auf eine neue Krankheitswelle vorzubereiten. Doch das ist nicht seine vordringlichste Botschaft.
Gefahr droht unserem Reich von Norden her. Der Hexenkönig hat viel Macht und Einfluß verloren, und er wird das nicht dulden wollen. Er wird uns angreifen, sobald er sich dazu in der Lage sieht, und es wird ein verzweifelter und deswegen grausamer Angriff werden. Wir haben weniger als erwartet zu leiden gehabt, und das wird seinen Haß auf uns nähren.
Du sprichst düstere Worte, aber die Nachrichten sind nicht unerwartet sagte der König. Ich bin mir sicher, daß wir uns bald eines Angriffs aus dem Norden erwehren müssen, deshalb habe ich vor einer Woche schon die Grenzwachen verstärkt. Aber was ist mit der Oststraße? Sie wird von Feinden bedroht, heißt es.
Auf unserem Ritt nach Bruchtal wurden wir von Orks angegriffen, aber das war nichts als eine bessere Morgenübung. Auf unserer Rückreise blieben wir unbehelligt. Aber Ihr habt recht: die Oststraße muß gesichert werden. Warum sich die Feinde scheinbar zurückgezogen haben ist mir unklar, aber Elrond wird Euch zustimmen: die Oststraße ist zu sichern.
Dann ist klar, was als nächstes zu tun ist. Bucca, ich brauche dich als Befehlshaber eines Trupps, der die Oststraße sichern soll. Daeros brauche ich im Norden, er soll ein Heer an die Grenze führen. Tut mir leid, aber ich fürchte, euer Urlaub muß verschoben werden.
Herr, wie groß soll der Trupp sein? fragte Bucca.
Nicht größer als fünfzig Mann. Wieso fragst du?
Ich fürchte fast, so wenige Leute werden nicht ausreichen, die Straße dauerhaft zu sichern. Die Feinde lagern in kleinen Gruppen verstreut, und ein Heer, das kleinere Trupps entsenden kann ohne die Straße entblößen zu müssen wird dieser Aufgabe erst gerecht werden können.
Der König seufzte. Ich frage mich, woher ich so viele Krieger nehmen soll. Zweitausend Mann sind bereits an der Nordgrenze stationiert, eigentlich kann ich niemanden entbehren. Aber ich sehe ein, daß du ein Heer brauchst. Ich will sehen, was sich einrichten läßt. Geht nun und ruht euch von eurer Reise aus. Heute wird kein Heer ausrücken; um ehrlich zu sein wird es einige Tage dauern, bis ihr aufbrechen könnt. Ich will noch einmal überdenken, ob Daeros gleich gen Norden ziehen soll. Morgen rufe ich euch, dann werde ich meine Entscheidung getroffen haben.
Bucca und Daeros gingen zurück in ihre Gemächer. Die beiden hingen ihren Gedanken nach, Krieg drohte, und das offenbar schon in den nächsten Wochen. Im Waffenhof wurden eilig neue Rekruten ausgebildet, rings um die Stadt waren Heerlager wie Pilze aus dem Boden geschossen und fast jeder, dem sie begegneten ging in Waffen.
Ja, es scheint ernst zu werden sagte Bucca endlich.
Nun, daß es so schnell geht hätte ich nicht gedacht. Elrond sprach vom Krieg, aber es schien etwas zu sein, das noch in weiter Ferne liegt. Wie es aussieht scheinst du ja das große Los gezogen zu haben: anstatt an die Nordfront geschickt zu werden sollst du die Oststraße sichern. Besser kann es nicht kommen, finde ich.
Ich weiß nicht: ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich an die Oststraße denke. Feinde sind in der Nähe, und ich fürchte, dort wird der erste Schlag fallen.
An der Oststraße? Bucca, ein feindliches Heer müßte wochenlang an unserer Grenze entlangziehen, um dahin vorzustoßen.
Oder die ziehen ein wenig ostwärts und damit außerhalb unserer Reichweite. Daeros, überleg mal, wenn du der Heerführer wärst, der uns angreifen müßte. Was würdest du tun? Mit den wenigen Truppen offen in eine Übermacht laufen oder doch eher versuchen, einen taktischen Vorteil zu verschaffen? Wenn die beiden Verbündeten Arnor und Bruchtal durch einen Keil voneinander getrennt sind, dann wäre das doch ein Erfolg, oder?
So gesehen kannst du recht haben. Hoffentlich kannst du den König von deinen Vermutungen überzeugen, sonst fürchte ich, daß du den Feind mit fünfzig Mann von der Oststraße fernhalten mußt.
Das könnte dann lustig werden.
Die beiden waren vor ihren Gemächern angelangt, und nach einem kurzen Gute-Nacht gingen sie hinein. Primula wartete bereits auf ihren Mann.
Na, was spricht der König?
Viel, und nicht alles ist schön. Alle sprechen vom Krieg und es kann sein, daß ich bald wieder zu einem Einsatz an die Oststraße muß. Er seufzte. Es scheint doch schneller loszugehen als Elrond dachte. Daeros soll vielleicht an die Nordgrenze, aber das steht alles noch nicht fest. Morgen erfahren wir mehr.
Vom Krieg spricht hier alles. Der König hat angeordnet, daß alle Zivilisten die Stadt verlassen sollen oder in Waffen gehen sollen. Marcho und Blanco sind mit den Kindern bereits abgereist. Ich soll ihnen nachfolgen, wenn ich will. Der Palastkommandant meinte, wenn ich mit dir mitkommen will, dann bräuchte ich noch ein paar Ausbildungsstunden. Aber du sollst entscheiden, ob ich mitdarf.
Begeistert wäre ich nicht davon sagte Bucca. Das wird keine Reise mit ein bißchen Geplänkel sein sondern ein Krieg, von dem vielleicht nicht alle zurückkehren. Möglicherweise muß ich mit gerade mal fünfzig Mann gegen ein feindliches Heer kämpfen und wenn es so kommt, dann wird das ein Himmelfahrtskommando. Und ich wäre beruhigter, wenn jemand für die Kinder da ist, wenn ich nicht mehr da bin.
Du und deine düsteren Gedanken! rief Primula. Manchmal muß im Krieg etwas gewagt werden und ich möchte nicht wieder monatelang von dir getrennt bleiben!
Dummerweise wird sich der Hexenkönig nicht an das halten, was du oder ich so wollen erwiderte Bucca. Und im Krieg kann es durchaus sein, daß einer nicht mehr vom Schlachtfeld zurückkehrt, und das kann auch auf mich zutreffen. Es wäre dann gut zu wissen, daß die Kinder dann nicht völlig allein sind. Aber du sollst ruhig zum Palastkommandanten gehen! Wenn wir versagen, dann wirst du mithelfen müssen, die Grenzen des Auenlandes vor den herannahenden Horden der Orks zu sichern. Und dann kannst du wenigstens bis Bree mit uns reiten.
Kein schöner Gedanke, mit ein paar Hobbits auf der Brandyweinbrücke gegen Orks kämpfen zu müssen. Aber es kann durchaus passieren, wenn der König ein Heer, sondern nur einen Trupp auf die Oststraße schickt. Ich habe gehört, ein feindliches Heer würde auf die Straße zu ziehen.
Seit wann? Woher weißt du das? rief Bucca.
Das habe ich vorhin auf dem Markt gehört. Schon seit Tagen würde hier dieses Gerücht umgehen, sagen die Marktfrauen.
Hoffentlich kennt der König dieses Gerücht auch seufzte der Hobbit.
Die Beratung hatte am nächsten Morgen früh begonnen, und sie verlief ganz und gar nicht nach Buccas Wünschen. Der König war fest entschlossen, seine Kräfte auf die Nordgrenze zu konzentrieren.
Dort hat der Feind seit jeher unsere Grenzen angegriffen, weil das Gelände leicht zu erreichen ist. Das wird er auch diesmal tun. Der Hexenkönig wird seine eher spärlichen Kräfte nicht auf einem risikoreichen Marsch zur Oststraße ermüden wollen, außerdem könnte er von den Elben dort leicht in die Zange genommen werden.
Es könnte aber sein, daß er eben wegen seiner prekären Situation alles auf eine Karte setzt und unsere Heere von Süden her angreifen will, womit die Heerführer überhaupt nicht rechnen. Wie wäre es, wenn Ihr ein Reich angreifen wolltet, das stärker wäre als Eures? Ihr würdet Euch jeden noch so kleinen Vorteil zunutze machen.
Das ist richtig, Bucca. Aber nicht zuletzt deswegen sollst du die Oststraße sichern. Auch ich habe nicht viele Kräfte, die ich nach Belieben irgendwo hinschicken kann. Ich brauche abseits der erwarteten großen Schlacht einen fähigen Heerführer, der das Hinterland sichert. Und du sollst hundert Mann anführen; mehr als einen doppelten Trupp kann ich nicht entbehren. Ich habe gestern Abend aber einen Boten nach Bruchtal mit der Bitte um Verstärkung geschickt. Wenn Elrond unsere Bitte erhört, dann wirst du Krieger an deiner Seite haben, deren Stärke nicht nach Köpfen zu zählen ist. Und ich habe Elrond bereits gemeldet, daß du den Trupp anführen wirst.
Ich werde gehen, wenn Ihr es befehlt sagte Bucca. Und mein Herz sagt mir, daß es bald sein muß. Der Feind wird während unseres Aufenthaltes in Bruchtal nicht untätig gewesen sein, fürchte ich.
Dann soll es so sein. Bucca sichert mit hundert Mann die Oststraße zwischen der Grenze und Bruchtal. Daeros wird das letzte Heer zur Nordgrenze führen. Boten sollen mir täglich melden, was bei Euch geschieht. Morgen früh brecht Ihr auf.
Der König entließ seine Hauptleute, und Bucca und Daeros machten sich daran, ihre Sachen für den Heerzug zu packen. Er ließ nach Eldacar rufen.
Wir reiten morgen mit hundert Mann zur Oststraße erklärte Bucca. Es wird unsere Aufgabe sein, sie vor Feinden zu sichern.
Nur mit hundert Mann? rief Eldacar überrascht. Weißt du denn nicht, was die Leute sagen? Daß der Hexenkönig die Straße angreifen will?
Ich weiß es. Der König will aber kein Heer entbehren, denn er fürchtet, daß der Hauptangriff wie schon so oft an der Nordgrenze erfolgen wird. Wir werden uns anstrengen müssen.
Du sagst es, Bucca. Herr, zum ersten Mal seit ich Knappe geworden bin habe ich Angst, in den Einsatz zu ziehen.
Angst habe ich auch sagte Bucca und starrte in die Ferne. Ich glaube, die haben wir alle, denn Krieg droht. Alle Heerführer sagen, der härteste Schlag wird nicht an der Straße fallen, aber da bin ich mir absolut nicht sicher. Dies wird kein Krieg wie jeder andere sein.
Da hast du recht. Aber was soll ich jetzt tun?
Pack deine Sachen, Eldacar. Geh dann zur Waffenmeisterei und laß dir ein paar gute, feste Lanzen geben, die nicht allzu lang sind. Wenn du schon mal dort bist, dann kannst du deine Rüstung gleich ausbessern lassen. Ich werde das nachher auch tun.
Eldacar nickte und ging. Bucca suchte nach seiner Frau und fand sie im Waffenhof. Sie hatte gerade ihre Übung beendet.
Hallo Bucca! Ich habe gehört, morgen geht es los?
Ja. Es wird schneller ernst als gedacht.
Nach einer Nacht der Ruhe hatte sich der Trupp früh am Morgen versammelt. Alle waren beritten und aufgesessen, und nach einem kurzen Gruß des Königs brachen sie auf. Primula begleitete sie bis Bree, wo sie sich gen Westen, nach Hause wenden wollte. Eldacar ritt neben Bucca an der Spitze des Trupps.
Daeros sollte erst am Mittag aufbrechen. Er hatte auf dem Balkon neben dem König gestanden und jetzt blickten sie dem Trupp nach, als er die Nordstraße in Richtung Bree entlangdonnerte.
Wer weiß, ob sie nicht doch den Feind von unserem Land fernhalten müssen seufzte Daeros. Der Hexenkönig ist ein unberechenbarer Feind. Elronds Gesicht ist voll Sorge, wenn die Rede auf diesen Feind kommt. Hoffentlich hatte Bucca mit seinen Vermutungen Unrecht.
Die Zeit wird das weisen. Reitet langsam und haltet euch bereit, gen Osten zu reiten sagte der König.
Binnen acht Tagen hatte der Trupp die vorgesehene Position an der Oststraße erreicht. Bucca hatte entschieden, daß sie zusammen bleiben sollten, nur ein paar Kundschafter waren leise und heimlich in den Falten des Landes verschwunden. Sie hatten die Ostgrenze Arnors überschritten, aber sie blieben in Sichtweite der Wetterspitze. Dort oben war eine ständig besetzte Grenzwache, die mittels Lichtzeichen verständigt werden sollte, wenn der Trupp auf Feinde stoßen würde.
Trotz aller Befürchtungen Buccas blieben die ersten Tage ruhig. Die ersten Kundschafter waren zurückgekehrt und hatten nichts Besorgniserregendes zu vermelden. Auf der Straße waren keine Reisenden unterwegs.
Bislang scheinen wir ja Glück zu haben sagte Eldacar. Von Feinden ist weit und breit nichts zu sehen. Die Straße ist frei. Aber vielleicht ist das nur die Ruhe vor dem Sturm.
Das ist bestimmt nur die Ruhe vor dem Sturm. Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Es ist ein Alarmsignal, daß sich die Räuber zurückgezogen haben. Vielleicht wurden sie ja zur Heerschau berufen?
Genau daran dachte ich auch. Außerdem sind noch nicht alle Kundschafter zurück. Vielleicht müssen wir schneller zu den Waffen greifen als gedacht.
Die Tage vergingen in wachsamer Eintönigkeit, aber es passierte nichts. Einige der Kundschafter hatten den Auftrag, so weit wie möglich gen Norden vorzustoßen; sie würden nicht so bald zurückkehren.
An der Nordgrenze waren die Heere Arnors versammelt, um sich dem Feind entgegenzustellen. Daeros hatte ein Heer von frisch ausgebildeten, unerfahrenen Rekruten gen Norden geführt, und er war besorgt. Wenn es zur Schlacht kommen würde, dann würden nicht viele von ihnen ihre Heimat wiedersehen. Viele waren einfach noch zu jung für den Waffendienst, aber der König hatte angeordnet, daß alle ab vierzehn Jahren den Kriegsdienst leisten müßten.
Die anderen Heerführer hielten täglich Besprechungen ab. Kundschafter hatten die Grenze überschritten, aber von Feinden war keine Spur zu sehen. Wo war der Hexenkönig? Diese nicht unwichtige Frage vermochte niemand zu beantworten.
Hoffentlich zieht er doch nicht zur Oststraße sagte Daeros. Bucca hatte da so seine Vermutungen, aber der König ist anderer Meinung.
Wenn die Kundschafter nichts herausfinden, dann bleibt und nichts anderes übrig als abzuwarten meinte Ecthelion. Bucca wird ein Wunder brauchen, wenn der Hexenkönig so weit unten angreift. Und wer weiß, was er wirklich vorhat?
Das weiß keiner entgegnete der Palastkommandant. Nun, wenn es wirklich so weit kommt, dann müssen wir auf Buccas Fähigkeiten vertrauen. Aber in diesem Hobbit steckt mehr, als man vermuten würde.
Da habt Ihr recht sagte Daeros. Ich glaube, er könnte es schaffen, wenn ihm seine Leute nicht weglaufen. Aber wer weiß, wie die jungen Krieger reagieren, wenn sie diesem Feind wirklich gegenüber stehen sollten?
Auch im Norden blieben die Dùnedain wachsam, aber auch im Norden tat sich nichts. Einige mutige Kundschafter waren bis zur Ebene von Angmar vorgedrungen. Sie hatten weit in der Ferne Bewegungen ausgemacht, aber es war nicht klar zu erkennen, was sich dort tat. Den Heeren bleib nichts anderes übrig, als wachsam zu bleiben und sich auf eine kommende Schlacht vorzubereiten.
Auch an der Oststraße war nichts los gewesen. Fast alle Kundschafter waren jetzt wieder zurück, und sie hatten keine Feinde angetroffen. Ab und an waren Boten aus Königsnorburg oder Bruchtal eingetroffen, aber Bucca hatte ihnen nicht viel zu berichten.
Sie hatten jetzt schon einen Monat lang Stellung an der Straße bezogen, als der letzte Kundschafter ins Lager zurückkehrte. Er verlangte, sofort mit Bucca zu sprechen.
Herr, ein feindliches Heer marschiert direkt auf uns zu. Sie sind vielleicht noch zehn Tagesmärsche von uns entfernt.
Wie groß ist es?
Es sind etwa tausend Orks. Scheinbar sind auch einige Trolle dabei. Und es ist wohl so, daß der Hexenkönig sie anführt. Ein großer, schwarzer Reiter führt das Heer an, und ich habe den Anblick nicht lange ertragen.
Dann ist es der Hexenkönig. Ich habe es geahnt! Eldacar, suche einen schnellen Reiter aus, der die Nachricht unverzüglich nach Königsnorburg bringt. Wir brauchen Verstärkung! Ein weiterer soll sich geschwind nach Bruchtal aufmachen!
Bucca verstärkte die Wachen, aber alle anderen sollten sich ausruhen. Das feindliche Heer würde tagelang und vielleicht nächtelang marschieren, und da würde es wohl der einzige Vorteil des arnorischen Heeres sein, den Feinden ausgeruht entgegenzutreten. Kundschafter beobachteten die nähere Umgebung.
Die Boten waren unterwegs, die Klingen geschärft und die Krieger übten sich im Fechten. Buccas Entscheidung, keine Schanzen und Wälle auszuheben überraschte die Krieger. Aber bei einer zehnfachen Übermacht würden sie beweglich sein müssen, und sie würden beritten kämpfen müssen. Eines fehlte dem Feind: eine Kavallerie, die zu raschen Angriffen und flotten Wenden fähig sein würde.
Jetzt haben wir durchaus Chancen, den Feind aufhalten zu können sagte er. Wir können die schlecht gepanzerten und langsamen Orks leicht in Schach halten, wenn wir beritten bleiben. Aber es kann sein, daß wir in einigen Tagen schon angegriffen werden, wenn sie Tag und Nacht marschieren. Hoffentlich tun sie das, denn dann sind die Feinde müde. Nur müssen wir dann zusehen, daß wir mindestens zehn Tage durchhalten. Erst dann dürfen wir auf Hilfe hoffen wenn der König unserem Boten glaubt.
Bucca wartete ab, was der Feind in den nächsten Tagen tun würde. Die Kundschafter berichteten davon, daß das Heer tatsächlich Tag und Nacht marschierte. Sie kämpften sich langsam durch die unwegsamen Berge. Hätte Bucca jetzt ein Heer unter seinem Kommando gehabt, dann hätte er jetzt einen Angriff von den Hügelketten ab befohlen. Aber jetzt mußte er abwarten, bis der Feind die Straße erreichte. Dort war das Gelände ideal für einen Angriff berittener Kämpfer.
Dem Hobbit fiel auf, daß sein Knappe ängstlich und furchtsam zu sein schien. Er zitterte und war aschfahl im Gesicht.
Na, wie geht es dir? fragte Bucca freundlich.
Wie meinst du das? sagte Eldacar.
Du ißt nichts, du schläft nicht, du zitterst. Du hast Angst, habe ich recht?
Ja, Bucca. Ich war noch nie in einer Schlacht und ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Und dann sollen wir gegen einen schrecklichen Feind mit zehnfacher Übermacht kämpfen. Ich weiß nicht, was das werden soll.
Es gibt nichts Schlimmeres, als auf einen Kampf zu warten, dem man nicht ausweichen kann sagte Bucca. Er legte die Hand auf die Schulter seines Knappen. Ich will dir mal was sagen: ich war auch noch nie in einer richtig großen Schlacht, wie alle hier. Eigentlich sollten wir nicht so wenige sein, wenn es nach meinem Willen gegangen wäre. Aber das ist es nicht, und eines ist klar: wir werden den Feind nicht kampflos in unser Land lassen!
Aber wir sind so wenige.
Wir sind wenige, aber wir könnten einen Vorteil daraus ziehen. Unser Trupp ist bei weitem besser bewaffnet als die Orks, wir sind beritten und wir sind ausgeruht. Und wenn wir so wenige sind, dann können wir schnell ausweichen und woanders angreifen. Du darfst dir vor allem keine Angst vor dem Feind einreden. Selbst der Hexenkönig ist auf Krieger aus Fleisch und Blut angewiesen und er kocht auch nur mit Wasser. Weißt du was: wenn wir gesiegt haben, dann feiern wir in Stock bis zum Umfallen!
Wenn wir siegen, dann kann uns der König das nicht verwehren lachte Eldacar. Ich bin mal gespannt, wie das wird: ich habe mir schon lange nicht mehr den Kopf in einer Hobbithöhle angestoßen.
Dann wird es aber Zeit grinste Bucca.
Zwei Tage hatten sie noch, es war wie das tiefe Luft holen vor dem Sprung ins kalte Wasser. Der Hexenkönig hatte offenbar erfahren, wo der Trupp aus Arnor lagerte, und jetzt hielt er direkt auf sie zu. Nur ein kleiner Trupp von hundert Reitern, die jung und unerfahren zu sein schienen standen ihm im Weg. Der König von Arnor war wohl nicht der Meinung, einen Einmarsch über die Oststraße befürchten zu müssen, warum sonst wohl würde ein Halbling den Trupp anführen? Währenddessen warteten die Heere von Arnor vergebens auf den Angriff an der Nordgrenze, denn Buccas Bote erreichte sie zu spät.
Endlich war es soweit. Kundschafter berichteten, daß ein großes Heer auf der Straße gen Westen ziehen würde. Es war dunkel, Mitternacht war vorüber. Bucca ließ seine Krieger leise wecken, und leise brachen sie auf.
Sie ritten rasch gen Osten, und als die Sonne aufging, spiegelte sich ihr Licht rot auf hundert gezogenen Schwertern wieder. Bucca blies zum Angriff, und sie fuhren wie der Wind in die feindlichen Reihen. Vom Hexenkönig war nichts zu sehen, die Orks waren müde und schlecht ausgerüstet und sie wurden vom plötzlichen Angriff bei Tageslicht überrascht. Nach weniger als einer Stunde war kein Feind mehr am Leben, aber Bucca ließ zum Rückzug blasen.
Das war nur die Vorhut. Wir hatten es mit weniger als zweihundertfünfzig Orks zu tun, das Hauptheer ist noch weiter ostwärts. Sie werden nach unserem Sieg nur noch rascher nach vorn drängen, denn der Hexenkönig treibt sie zur Raserei.
So zogen sie sich wieder auf ihre Ausgangsposition zurück. Beim Durchzählen stellte Bucca fest, daß sie keine Verluste gehabt hatten, es gab noch nicht mal Verwundete. Aber der Hobbit dämpfte die Euphorie.
Die Vorhut war ein leichter Brocken, und fast habe ich das Gefühl, daß wir es mit einem Köder zu tun hatten, der uns aus der Reserve locken sollte. Nun, wir haben jetzt dummerweise nicht angebissen und jetzt wird der Hexenkönig eine härtere Gangart einlegen. Heute Nacht werden die Wachen verdreifacht!
Buccas Vorsichtsmaßnahmen hatten sich rasch als mehr als klug erwiesen, denn mitten in der Nacht schrieen die Wachen auf. Das Heer aus Angmar hatte sich in der gleichen Taktik, der Bucca sich auch bedient hatte. Nur waren Buccas Leute beritten und die des Hexenkönigs nicht. Der Hobbit schützte einen überhasteten Rückzug vor, machte dann einen raschen Schwenk nach links und entschwand unbemerkt in der Dunkelheit. Dann wartete er in aller Seelenruhe ab, bis die Flanke des Heeres (die verwundbarste Seite) ihnen zugewandt war. Dann erfolgte wieder der kurze Hornstoß, der das Signal zum Angriff war. Bucca und Eldacar hatten zusammen mit einigen wenigen ausgewählten Kriegern etwas Besonderes vor. Sie sonderten sich vom Trupp ab, preschten in die Mitte des feindlichen Heeres vor und stellten die Leibwache des Hexenkönigs. Ohne weitere Umschweife griffen die Krieger aus Arnor an.
Bucca bemerkte, wie die Kampfhandlungen rings um seinen Trupp erstarben. Die Orks zogen sich scheinbar verängstigt zurück. Was waren das für Krieger, die es wagten, ihren gefürchteten Heerführer anzugreifen?
Plötzlich stand der Hexenkönig vor Bucca. Er war groß, größer als jeder Mensch, den Bucca je gesehen hatte und in seiner unsichtbaren Hand hielt er ein langes, häßliches Schwert mit Widerhaken und krummer Klinge.
Wer wagt es, sich mir in den Weg zu stellen zischte er, und allen, die nahebei standen lief ein Schauer über den Rücken. Nicht du, Halbling lachte er. Es klang wie ein hohler, leerer Schatten.
Doch, ich Halbling antwortete Bucca nicht allzu laut, aber mit fester Stimme. Wir haben dir nicht gestattet, nach Arnor einzureisen und wir werden das verhindern.
Der Hexenkönig schien ob der Widerrede überrascht zu sein. Du wagst es, mit mir zu sprechen zischte er wieder. Bucca war, als ob sein Herz vor Furcht zerspringen wollte, aber noch ließ er sich nichts anmerken. Wisse denn, Halbling, daß meine Leute dies nicht wagen. Auf so eine Unverschämtheit steht die Todesstrafe. Aber dich werde ich nicht mit dem Tode bestrafen. Dich werde ich davontragen und in den Klagehäusern wird dein Körper vertrocknen und deine Seele nackt vor dem Auge sein.
Ja, rede du nur! lachte Bucca. Das Lachen befreite, und er gewann seine Selbstsicherheit zurück. Rede nur weiterhin so ein wirres Zeug! In Arnor wärst du ins Irrenhaus eingewiesen worden! Er hielt inne, um über seine Heiterkeit hinwegzukommen. Und es schien, als ob der Hexenkönig ratlos war. Hier war einer, der sich nicht einschüchtern ließ! Aber offenbar waren deine Leute echte Plaudertaschen, anders kann ich mir nicht erklären, daß dein Land menschenleer ist. Und mit diesem letzten erbärmlichen Rest was du da hast willst du uns Angst einjagen? Und diesmal lachten alle Krieger Arnors.
Narren! Ich bin unverwundbar, und ihr könnt mich nicht aufhalten fauchte der Hexenkönig, der offensichtlich immer erboster wurde.
Ach ja rief Bucca. Wer´s glaubt wird selig! Wieso braucht unser glorreicher unverwundbarer Heerführer denn eine Leibwache? Du hast nicht mehr Mumm in den Knochen als ein dreijähriges Kind, oder wieso brauchst du ein Heer?
Der Hexenkönig sagte nichts mehr, sondern trieb sein Pferd voran. Bucca zog sein Schwert und erwartete den Angriff. Séreniolf schimmerte weiß, eine wortlose Drohung gegen das namenlose Schwert des Ringgeistes.
Der kleine Hobbit hatte zunächst seine liebe Mühe, die hart geführten Angriffe des Hexenkönigs abzuwehren, aber er hatte rasch herausgefunden, daß sein Gegner nach einem Angriff sein Schwert immer mit einer Linksdrehung zurückzog. Wenn er sein eigenes Schwert zwischen das des Hexenkönigs und seinen Schild bringen würde und dann mit dem Schildarm die Waffe des Feindes mit einem Schlag wegdrehen würde...es klappte! Scheppernd fiel die gefürchtete Waffe des Ringgeistes in die Dunkelheit hinter Bucca. Und der machte keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen.
Na wie gefällt dir das? lachte der Hobbit. Hat der böse Halbling dir dein Spielzeug weggenommen? Hol dir´s doch, wenn du dich traust!
Als Antwort warf der Hexenkönig einen Dolch nach Bucca. Der duckte sich und das Geschoß verfehlte knapp sein Ziel. So blieb dem Heerführer von Angmar nur noch seine Reitpeitsche. Mit dieser schlug er nach Bucca, der Mühe hatte, dem fürchterlichen Riemen auszuweichen.
So gefällts mir besser höhnte der Hexenkönig. Aber er hielt dabei für einen Moment inne, und ehe er es sich versah, hielt er nur noch den Griff der Peitsche in der Hand.
Meine Rede lachte Bucca. Und was haben der Herr noch in petto, wenn die Sonne aufgeht?
Genau zu dem Zeitpunkt, zu dem der Hobbit vom Sonnenaufgang sprach drangen die ersten Sonnenstrahlen über das ferne Nebelgebirge. Die Orks jammerten und klagten, denn jetzt wurden sie noch schwächer als sie durch den tagelangen pausenlosen Marsch ohnehin schon waren. Und der Hexenkönig versuchte sich in einem letzten verzweifelten Ansturm auf den Hobbit zu stürzen, aber der wich aus und der große Heerführer des Dunkels fiel vom Pferd. Bucca lachte, und mit gezogener Waffe verhinderte er, daß sein Gegner sich wieder bewaffnete, und den Feinden blieb nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten. Die Krieger von Arnor verfolgten die Orks, die ohne jede Ordnung gen Osten flohen, aber da erwartete sie ihren Untergang. Ein wohlgeordnetes Heer marschierte heran, das nicht aus Arnor war: es kam aus Bruchtal, und Elrond führte es an.
Bucca hatte derweil das Schwert und den Dolch des Hexenkönigs sichergestellt. Er hatte die abscheulichen Waffen in Tücher eingewickelt, weil er sich vor der Berührung des häßlichen Stahls ekelte. Der Hexenkönig war irgendwohin geflüchtet und nicht mehr aufzufinden. Sein Heer hatte er im Stich gelassen, und es wurde von den Kriegern aus Arnor und Bruchtal vollständig aufgerieben. Nur wenige Orks hatten das Gemetzel überlebt und die hielten es für besser, niemandem zu erzählen, dieser Schlacht entronnen zu sein.
Zehntes Kapitel: Nach dem Sieg
Es war ein frohes Zusammentreffen zwischen Bucca und Elrond. Das Gemetzel war vorüber; ein notwendiges Übel, das der Hobbit verabscheute. Die beiden sprachen über den vergangenen Kampf, und der Elb staunte über den Mut des Hobbits.
Das war eine Tat, die Euch unter den großen Helden Mittelerdes einreiht sagte er. Vor langer Zeit hatte Hochkönig Isildur diesem Feind gegenübergestanden. Aber seither haben nicht mehr viele das gewagt.
Er war ja schwächer als jemals zuvor, glaube ich. Außerdem hatte ich keine Wahl, Herr Elrond: irgendwas mußte ich tun, meine jungen Krieger wären wohl fortgelaufen, wenn sie ihm gegenübergetreten wären. Dann wäre ihm der Weg nach Arnor offen gewesen. Wenn ich nur daran denke, welche Angst mein Knappe hatte. Stimmt´s, Eldacar?
Oh ja, das stimmt, Bucca. Ich wäre am liebsten fortgelaufen, wenn ich nicht an deiner Seite zu stehen gehabt hätte, was ja meine Pflicht ist. Aber daß du keine Angst hattest, das ist imponierend.
Ich hatte dieselbe Angst wie du. Ich habe sie nur besser versteckt grinste Bucca.
Es gibt niemanden, der vor dem Hexenkönig keine Angst hat sagte Elrond. Ich kenne große Krieger, deren Taten in vielen Liedern gerühmt werden, die im Angesicht dieses Feindes die Flucht ergriffen haben. Und jetzt muß sich der Hexenkönig, Herr der Nazgûl sich einem Hobbit geschlagen geben!
Diese Schmach wird ihn immer verfolgen, und er wird harte und grausame Kriege gegen alle führen, die mit Arnor verbündet sind. Ihr werdet dies mit Sicherheit nicht erleben, denn es wird unzählige Jahre brauchen, bis ein schlagkräftiges Heer aus Angmar zur Bedrohung Mittelerdes ausrücken kann. Trotzdem darf Arnor jetzt, da ihr Hauptfeind vernichtend geschlagen wurde nicht in seiner Wachsamkeit nachlassen.
Was wird der Hexenkönig jetzt tun? fragte Bucca.
Glorfindel, einer der Elbenfürsten von Bruchtal ist ihm hart auf den Fersen. Der Hexenkönig flieht gen Norden, er versucht offensichtlich, seine Festung Carn Dûm zu erreichen. Dort wäre er in Sicherheit und kann seine Wunden lecken. Er wird Euren Namen und Euer Gesicht nie vergessen, und er wird über Hobbits nachsinnen: was sie sind, woher sie kommen, wie er sie versklaven und für sich nützlich machen könnte.
Aber laßt Euer Herz deswegen nicht schwer werden! Ihr habt einen großartigen Sieg errungen und Arnor ist jetzt wieder sicher. Ich werde mit König Artheleb darüber beraten, was das jetzt für das Nördliche Königreich bedeutet. Ein paar Tage bleibt mein Heer noch hier, dann brechen wir gen Königsnorburg auf.
Mein Trupp verfolgt noch die letzten überlebenden Orks, aber ich schätze, daß dies eine Aufgabe für vielleicht noch zwei, drei Tage ist. Trotz unseres Sieges sollten wir uns um die Sicherheit der Oststraße sorgen, denn von den Räubern, die vor der Schlacht die Straße unsicher machten fehlt jede Spur. Im feindlichen Heer waren sie jedenfalls nicht.
Meine Krieger sollen die Straße sichern. Ich habe bereits einen Boten nach Bruchtal entsandt und in einer Woche dürfte die Straße bemannt sein. So lange könnten wir die Straße ohne Aufsicht lassen, schätze ich.
Es ist schwerer, Räuber zu vertreiben als sie fernzuhalten entgegnete Bucca. Ich vermute, daß die Räuber sich nur unweit der Straße versteckt halten, und sie werden darauf lauern, sie unbeobachtet vorzufinden. Wenn Eure Leute binnen einer Woche hier sind, dann bleiben wir so lange noch hier und kommen dann nach.
Also einigten sich Elrond und Bucca darauf, daß die Mannen aus Arnor so lange die Oststraße bewachen sollten bis die Elben ihre Posten bezogen hatten. Nach ein paar Stunden war Glorfindel wieder ins Heerlager zurückgekehrt. Der Hexenkönig hatte sich rasch in sein eigenes Land zurückgezogen und einen uneinholbaren Vorsprung erreicht, so daß eine weitere Verfolgung sinnlos erschien. Die Elben brachen noch zur gleichen Stunde auf, denn Elrond legte Wert darauf, den König von Arnor rasch zu treffen.
Bucca war wie verabredet auf der Oststraße geblieben. Alle Feinde waren entweder vernichtet oder vertrieben, und so freute nicht nur er sich auf ein paar ruhige Tage in der Wildnis. Von den Räubern war keine Spur zu finden, es schien, als ob sie sich aus dieser Gegend Mittelerdes zurückgezogen hatten.
Mit einem hätte ich nicht gerechnet: daß wir Ferien haben werden sagte Eldacar. Ich hätte aber auch nicht geglaubt, daß wir die Entscheidungsschlacht in diesem Krieg schlagen müßten.
Ich hatte so was ja geahnt meinte Bucca. Nur finde ich es seltsam: der Krieg soll schon vorbei sein? Schon komisch, wo doch so eine Aufregung in Königsnorburg herrschte und sogar die Bevölkerung evakuiert wurde.
Ja, der Krieg ist mangels Feinden vorüber lachte Eldacar. Aber ich freue mich schon auf ein richtig weiches Federbett und auf sieben Mahlzeiten am Tag. Wir haben hier Glück mit dem Wetter und es ist ruhig und friedlich, versteh mich nicht falsch, Bucca, aber ich glaube, ich bin für ein Leben im Lager nicht geschaffen.
Bin ich irgendwie auch nicht gähnte Bucca und streckte sich. Vor allem der Halbschlaf, weil immer was passieren könnte macht einen fertig. Und irgendwie habe ich immer das Glück, eine Baumwurzel zu erwischen. Von mir aus könnte das mein letzter Feldzug gewesen sein, ich hätte da nichts dagegen.
Du hast ja dein Landgut im Auenland, da kann das durchaus sein meinte Eldacar. Ich bin mal gespannt, was mit mir wird, jetzt wo der Krieg vorbei ist und ich meinen Königsdienst abgeleistet habe. Meine Eltern sind an der Pest gestorben und die Tischlerei meines Vaters gehört jetzt jemand anderem. Ich weiß wirklich nicht, was ich dann tun soll.
Mach dir darüber keine Sorgen entgegnete Bucca. Wenn alle Stricke reißen, dann kommst du eben mit mir mit ins Auenland. Aber wenn du Ritter bist, dann wird der König für dein Auskommen sorgen, so wie er es bei Daeros und Ecthelion und vielen anderen auch tut.
Wenn ich Ritter werde sagte Buccas Knappe leise. Meine Familie genoß bei Hofe nicht gerade den besten Ruf, und viele sagten, ich wäre zu einem Hobbit abgeschoben worden, weil keiner der Edelleute sich mit mir belasten wollte. Und da soll ich Ritter werden?
Du gehörst jetzt zu den größten Helden Arnors. Ich werde vor dem Thron für dich sprechen. Der König wird deine Taten belohnen, da bin ich mir sicher. Und falls nicht, dann werde ich es tun. Warte ab, was geschieht!
Die beiden wandten sich wieder ihren kleinen Aufgaben zu, die eher den Zweck hatten, die Langeweile zu vertreiben. Noch fünf Tage sollten vergehen, bis die Ablösung aus Bruchtal da wäre, fünf langweilig eintönige Tage.
Nach zwei Tagen kam etwas Abwechslung ins eintönige Lagerleben. Ein Kundschafter kam eilig herangeritten. Er meldete, daß ein großes Heer aus Arnor käme.
Ablösung, endlich meinte Bucca. Na, unsere Verstärkung kommt auch erst, wenn die Arbeit getan ist.
Es dauerte nicht lange, und sie konnten das Hufgetrappel der herannahenden Pferde hören. Bucca ließ seine Mannen aufsitzen und sie erwarteten das Näherkommen der Krieger. Endlich war die erste Vorausabteilung des königlichen Heeres zu sehen.
Zehn Schritt vor Bucca hielt der Anführer der Vorhut an. Uns wurde gemeldet, Ihr wäret in Schwierigkeiten und bedürftet der Verstärkung?
Das hat sich erledigt, Herr Daeros versetzte Bucca. Wir hatten eine recht unangenehme Begegnung mit so einem gewissen Heerführer von Angmar, aber wir haben ihm gezeigt, wo sein Nachhauseweg entlangläuft. Jetzt warten wir auf Ablösung.
Das ist mal wieder typisch Bucca: erst hat er den Spaß und dann wartet er darauf, daß jemand anderes seinen Spielplatz aufräumt lachte Daeros. Ich finde, das ist höchst unfair! Ihr amüsiertet euch hier an der Oststraße während wir uns an der Nordgrenze zu Tode gelangweilt hatten!
Beschwer dich beim König knurrte Bucca halb ernst und halb im Spaß. Er war es, der euch diesen Spaß nicht gegönnt hattet. Aber eure Verstärkung hätten wir vor drei Tagen brauchen können. Es ist hier ziemlich heiß hergegangen!
Die Reiter saßen ab und Bucca erzählte von der Schlacht. Als die Rede auf den Hexenkönig kam schauderte er und überließ es Eldacar, vom Zweikampf zu erzählen.
Du meine Güte! staunte Daeros. In dir steckt mehr, als das Auge sieht! Aber ich glaube, das habe ich schon damals am Spinnenpaß über dich gesagt. Ich wünschte jetzt, ich wäre dabeigewesen! Hat der böse Halbling dir doch dein Spielzeug weggenommen lachte er. Ich weiß nicht, ob der sich von dieser Schmach jemals erholt.
Elrond meinte, wir dürften in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen sagte Bucca ernst. Der Hexenkönig wird diese Schmach niemals vergessen. Er wird immer nach einer Möglichkeit der Rache suchen, und wenn er sich an unseren Kindeskindern rächen wird! Deswegen ist Elrond jetzt schon zum König aufgebrochen, und ich hoffe, er kann ihn besser überzeugen als ich es könnte!
Dessen kannst du dir gewiß sein. Nun ja, dann bleiben wir mal hier. Es heißt, ein Heer sei aus Bruchtal aufgebrochen. Wenn es hier eintrifft, dann können wir nach Königsnorburg zurückreiten, glaube ich.
Ein paar Tage später war es soweit. Die Elben von Bruchtal übernahmen wieder die Wache über die Oststraße, so wie sie es seit Elendils Tagen getan hatten, und die Krieger von Arnor machten sich endlich auf den Nachhauseweg.
Eldacar ritt wie immer neben Bucca, Daeros führte seine Mannen an und sie ritten in eher gemächlichem Tempo gen Heimat. Der Krieg war vorüber, noch ehe er richtig begonnen hatte, und alle waren froh darüber. Einzig Eldacar schien sich Sorgen zu machen, aber Bucca grinste still in sich hinein. Er hatte seinem Knappen nicht verraten, daß er nach ihrer Rückkehr auf seine Empfehlung hin zum Ritter geschlagen werden sollte. Diese Überraschung wollte er sich bis zum Schluß ihrer Heerfahrt aufsparen.
Ohne jede Zwischenfälle erreichten sie Bree, wo sie sich nordwärts wandten. Arnor lag friedlich in der Herbstsonne da, und ab und zu schüttelte der Westwind die Zweige der Bäume und benetzte das Land mit kühlem Regenwasser.
Man könnte fast meinen, hier hätte es nie Krieg und Not gegeben meinte Bucca.
Wenn wir es nicht besser wüßten, dann wäre es so sagte Eldacar.
Daeros schien immer häufiger abwesend zu sein. Tagelang hing er halb schlafend, halb träumend auf seinem Pferd, und wenn man ihn ansprach, dann wußte er nicht, was der Fragende von ihm wollte. Bucca fand, er wäre mehr als urlaubsreif.
Wird Zeit, daß er zu seiner Rose kommt, die in Buckelstadt auf ihn wartet murmelte der Hobbit leise.
Nach elf Tagen nicht allzu hastigen Reitens sahen sie Königsnorburg friedlich vor sich liegen. Auf dem Abendrotsee spiegelte sich das Licht der untergehenden Sonne, und mit einem lauten Ruf trieben die Reiter ihre Pferde voran. Und als sie die Stadt erreichten läuteten alle Glocken, die Lichter wurden entzündet und die Leute sangen in den Straßen. Der König erwartete seine Heerführer auf dem großen Platz vor dem Palast, aber Bucca war nicht unter ihnen. Er sagte, er hätte zu tun; und in der gleichen Stunde eilte ein Bote ins Auenland.
Der König sagte, er erwarte die Heerführer sagte Bucca zu Daeros. Da ich kein Heerführer bin sondern nur einen verstärkten Trupp angeführt hatte kann ich nicht gemeint sein. Außerdem habe ich eine Angelegenheit zu klären, die keinen Aufschub mehr duldet.
So wartete der König vergeblich auf den Hobbit, der doch den Krieg zu Gunsten Arnors entschieden hatte, auch wenn er kein Heer anführen konnte.
Hängt es ihm etwa immer noch nach, daß ich ihm kein Heer gab? fragte der König. Meine Güte, ohne den Helden der Oststraße können wir nicht mit der Feier beginnen! Holt ihn her!
Herr, er sagte, er hätte eine Angelegenheit zu klären, die keinen Aufschub dulden würde sagte Daeros. Was das ist, sagte er mir nicht. Er tat sehr geheimnisvoll.
Der heckt doch was aus! rief der König. Ich gehe selbst und hole ihn. Dieser Hobbit schafft es jedes Mal, mich neugierig zu machen!
So kam es, daß König Artheleb selbst zu Bucca gehen mußte, der einfach nicht zur Siegesfeier kommen wollte. Er fand den Hobbit im Studierzimmer, als er gerade einen Brief an einen Boten übergab.
Ach , hier steckst du! Wieso kommst du nicht zur Siegesfeier?
Herr, du sagtest, die Heerführer sollten kommen. Da ich kein Heer angeführt hatte kann ich nicht gemeint gewesen sein, und so konnte ich etwas nicht gerade Unwichtiges klären.
Mein lieber Bucca, du brauchst mir meinen Fehler nicht dauernd vorzuhalten! Ohne deinen Mut und vor allem ohne deinen klaren Verstand würde der Hexenkönig vor den Toren unserer Stadt stehen oder es wäre noch schlimmer. Und ein Trupp von hundert Mann ist kein Heer?
Nein, ein Heer ist mindestens tausend Mann stark, so sagt es Euer Palastkommandant. Und ein Heer hätte mir einige Sorgen abgenommen. Aber wir haben es doch auch so geschafft, oder?
Du hast es auch so geschafft verbesserte der König. Aber dein Knappe soll nachher zum Ritter geschlagen werden, und da sollst du dabei sein.
Da wäre ich auch gekommen, jetzt da alles geklärt ist erwiderte Bucca.
Wo was geklärt ist? Bucca, du heckst doch was aus! Was hast du vor?
Ganz recht. Ich hecke was aus: Daeros hat sich unsterblich verliebt, scheint es. Nun, er soll doch in Urlaub gehen, habe ich gehört, und da..
...hast du ein Treffen mit ihr arrangiert lachte der König. Wenn das eine Überraschung sein soll, dann kannst du dir sicher sein, daß ich nichts verraten werde. Aber eines interessiert mich brennend: wer ist die Angebetete?
Rose Tuk, ein Hobbitmädchen aus Buckelstadt antwortete Bucca. Der König prustete.
Na, wenn das mal gut geht. Gut, Daeros ist kleiner als die meisten Menschen, aber doch größer als Hobbits. Na, das muß er selber wissen. Ich freue mich jedenfalls schon auf diesen Anblick!
Ich auch grinste Bucca. Aber Rose ist für eine Hobbit ungewöhnlich groß geworden, und ich finde, die beiden passen irgendwie zusammen. Aber verratet noch nichts! Nach der Siegesfeier brechen wir ganz unschuldig zu einer kleinen Feier auf, nichts Großes, nur ein paar aus meinem Trupp, die unbedingt das Auenland sehen wollen, und ganz zufällig wird Rose in Balgfurt auf uns warten.
Da komme ich mit sagte der König. Nach Balgfurt gehe ich gerne, wo ich Tage der Heilung und der Ruhe fand. Außerdem schulde auch ich dem Auenland noch einiges an Dank. Aber komm jetzt. Die Feier wartet auf uns.
Die beiden gingen zu den Festzelten, und als Bucca eintrat, wurde er mit Hochrufen empfangen. Eldacar, der noch nicht wußte, was ihm bevorstand, wartete auf seinen Herrn.
Du spannst deinen Knappen wirklich auf die Folter sagte der König leise zu Bucca. Eigentlich sollte er sich jetzt schon auf den Ritterschlag vorbereiten.
Er weiß och nichts davon flüsterte Bucca. Er ist der Meinung, wegen seiner Familie würde er nicht zum Ritter werden können.
Na, das werden wir mal sehen meinte der König. Ich finde, du solltest ihm jetzt eröffnen, was ihm blüht. Die Leute erwarten, daß du eine kurze Rede hältst.
Danke für die Warnung lachte Bucca.
Na, da ist ja unser Held rief Daeros. Hast du dich in unserer erlauchten Gesellschaft von Heerführern nicht wohlgefühlt oder hattest du noch ein paar Flaschen Wein zu vernichten?
Ich hatte noch was Wichtiges zu erledigen gab Bucca zurück. Als Truppführer mußte ich dummerweise noch was arbeiten. Aber jetzt habe ich Zeit für ein paar kleinere Vergnügungen.
Bucca nahm zur Rechten des Königs Platz. Der König erhob sich, und nach einer kurzen Ansprache und einem Hoch auf den Hobbit erhob Bucca sich, um jetzt seinerseits ein paar passende Worte zu sagen (wie er es formulierte).
Majestät, Ihr Edelleute und Bürger von Arnor! begann er. Nicht mir, sondern allen Kriegern unseres schönen Reiches gebühren die Hochrufe. Lauter Jubel. Buccas Worte waren ungewöhnlich (jedenfalls aus dem Munde eines Helden) aber sie kamen an. Ich hoffe, niemand nimmt es mir übel, wenn ich den Namen meines Knappen Eldacar an erster Stelle nennen möchte. Er stand mir stets treu zur Seite, selbst als ich dem grausamsten aller Heerführer gegenüber stehen mußte und nur so konnten wir gegen den Hexenkönig siegen. Sein Mut ist dem eines Ritters ebenbürtig, und deshalb verdient er es mehr als alles andere, zum Ritter geschlagen zu werden. Tretet vor, Eldacar!
Mit hochrotem Kopf trat Eldacar vor und kniete vor dem König.
Eldacar, du hast deinem Herrn und dem Reich treu gedient und in der höchsten Not beigestanden sagte König Artheleb. Nimm nun die Weihe des Ritters entgegen.
Der König zog sein Schwert und legte es auf Eldacars rechte Schulter, und auf die linke Schulter streute er etwas Erde, die er aus einer goldenen Schale entnommen hatte. Dann legte er seine linke Hand auf Eldacars Kopf und sprach:
Bei den Valar, die die Geschicke des Erdkreises lenken und bei dem Einen, der darüber wacht ernenne ich Dich, Eldacar aus den Nördlichen Marken zum Ritter von Arnor Möge ein Licht auf Deinem Schwert leuchten und du es zum Siege tragen!
Eldacar erhob sich, und die versammelten Edelleute und Bürger von Arnor jubelten. Dann begann endlich der Festschmaus (der von Bucca heiß ersehnt worden war) und anschließend begaben sich die Ritter und Krieger von Arnor in den Palast. Dort stellten sie sich zur Siegesparade auf, die durch die ganze Stadt führen sollte.
Aber auch dieser frohe Tag endete (eigentlich war es schon der Morgen des nächsten Tages, aber das störte keinen) und Bucca dachte schließlich daran, ins Auenland zurückzukehren. Er ging zum König, um ihn um Urlaub zu bitten.
Gerne laß ich dich jetzt gehen sagte der König. Du und Daeros habt ihn euch redlich verdient, und außerdem hast du ja was ausgeheckt, oder?
Ja, das ist am Laufen meinte Bucca verschmitzt. Daeros weiß noch nichts von seinem Glück, aber er wird es wohl bald merken.
Von mir erfährt er nichts. Nun, auch ich gestatte mir den Luxus, ein paar Tage frei zu nehmen und ich komme mit. Daeros hat den Befehl erhalten, mich zu begleiten. In letzter Zeit war er etwas reisefaul, deswegen mußte ich zu diesem Mittel greifen, um auf Nummer Sicher zu gehen. Und Eldacar soll auch mitkommen, denn er braucht den Urlaub genauso nötig wie du, Bucca.
So kam es, daß ein paar Tage nach der Siegesfeier ein kleiner Trupp durch das Gondor- Tor gen Süden jagte. Einige Tage später donnerten sie über die Brandyweinbrücke, die wieder offen war. Natürlich fanden sie den Weg zu Marchos Haus, und Buccas Pferd war noch nicht zum Stehen gekommen, da war der Hobbit schon heruntergesprungen und hatte Primula umarmt.
Muß Liebe schön sein grinste Daeros, und dann stockte ihm der Atem. Rose stand schüchtern in der Tür. Daeros saß ab und umarmte seine Freundin sanft, dann verschwanden sie irgendwo im Garten.
Liebe muß schön sein lachte Eldacar.
Sie gingen ins Haus, wo sie von Marcho und Blanco erwartet wurden. Dort saßen sie bis tief in die Nacht zusammen und Bucca erzählte von seinen Abenteuern, oder Marcho berichtete, was in der letzten Zeit im Auenland passiert war. Immer wieder fragten sie sich, was Daeros und Rose trieben, denn sie schienen noch immer im Garten zu sein.
Was treiben die beiden bloß überlegte Bucca. Es ist stockdunkel, und so langsam mache ich mir Sorgen. Die werden doch nicht in den Fluß gefallen sein?
Komm jetzt bloß nicht auf die Idee, den beiden hinterherzuspionieren sagte Primula. Das hätte dir bei uns auch nicht gefallen.
Das hatte ich ja auch nicht vor, aber Mitternacht ist vorbei, und so langsam mache ich mir eben meine Gedanken.
In diesem Moment hörten sie die Haustür schlagen und die beiden kamen lachend herein. Es stellte sich heraus, daß Daeros hungrig geworden war, und so waren sie in die Brückenstube gegangen, wo sie regelrecht versackt waren. Eigentlich hatte der Wirt schon vor ein paar Stunden schließen wollen, aber die Leute waren neugierig auf die beiden und was sie zu erzählen hatten, und das Bier war reichlich geflossen und zu essen hatte es übergenug gegeben (weswegen der Wirt freiwillig Überstunden hatte, so was passierte in Balgfurt nicht alle Tage) und so waren sie erst um zwei Uhr nachts aus dem Gasthaus herausgekommen.
Daeros wird hiermit zum Ehrenhobbit ernannt lachte Bucca. Du liebe Güte, so langsam bist du so verfressen wie unsereiner.
Bucca, ich hatte monatelang wenig genug gehabt. Wie hast du das eigentlich als Hobbit von Geburt an ausgehalten?
Frag nicht. Aber ich krieg jetzt Hunger.
Bucca! Du hast vor zwei Stunden erst was gegessen! rief Primula.
Na und? Ich habe Nachholbedarf lachte Bucca, und nach einem kurzen, aber geschäftigen Moment kam er voll beladen aus der Speisekammer zurück.
Die Hobbits und Daeros fanden nichts dabei, nachts um viertel vor drei Marchos Speisekammer aufzuräumen (so nannte Bucca es) aber der König meinte, er sei müde.
Mir wird schon bei dem Gedanken an üppiges Essen um drei Uhr morgens schlecht lachte er. Aber ich bin weit geritten und so langsam werde ich alt.
Am nächsten Morgen fand Bucca Daeros´ Bett leer vor, und auch Rose war fort. Der Hobbit grinste still in sich hinein, als er die beiden im Garten sitzen sah. Sie nahmen keine Notiz von ihm als er auf sie zutrat.
Guten Morgen die beiden meinte Bucca beiläufig. Schönes Wetter heute.
Das stimmt, du wandelnde Neugierde antwortete Daeros. Heute ist für mich ein schöner Tag, auch wenn es in Strömen regnen würde.
Bucca hob fragend eine Augenbraue.
Ja fuhr Daeros fort. Gerade eben habe ich Rose gefragt, ob sie mich heiraten will, und sie hat Ja gesagt!
Das ist ja toll! Meinen Glückwunsch, ihr beiden! Habt ihr euch schon Gedanken über eure Hochzeit gemacht? Bald ist es Frühling, das gibt die tollsten Feiern!
Nein, so weit waren wir noch nicht, mein lieber Bucca lachte Rose. Wir fallen nämlich nicht mit der Tür ins Haus, so wie du.
Schmollend verzog Bucca sich ins Haus. Rose und Daeros lachten.
Zur Frühstückszeit waren alle wach, und Bucca hatte nichts besseres zu tun gehabt als die freudige Botschaft allen mitzuteilen, ob sie sie hören wollten oder nicht. Primula fand, er sei ein bißchen zu aufgeregt, aber Blanco meinte, das würde sich wieder legen.
Warte nur, wenn der richtig für die Feier eingespannt ist. Dann wird er sich als erstes wünschen, daß sie endlich vorbei ist.
Es würde mich aber auch brennend interessieren, wann die Hochzeit ist meinte der König. Ich meine, ob ich bis dorthin noch hier bin und ob ich eingeladen werde.
Natürlich wurde der König zur Hochzeit eingeladen und Bucca machte den Vorschlag, die Feier könnte auf seinem Gutshof bei Stock stattfinden. Dort gab es ausgedehnte Wiesen mit viel Platz für Festzelte und ausreichend Unterkünfte für die Gäste standen dort auch zur Verfügung. Und so wurde beschlossen, die Hochzeit am 1. März stattfinden zu lassen.
Bucca wurde jetzt tatsächlich so richtig eingespannt, aber er schien es nicht überdrüssig zu werden oder er ließ es sich nicht anmerken. Er war jetzt oft zusammen mit Primula unterwegs, und Marcho und Blanco hatten die ehrenhafte Aufgabe, auf seine Kinder aufzupassen. Bucca und Primula durchstöberten jeden Winkel des Auenlands nach Dingen, die nur im entferntesten für die Hochzeit nützlich zu sein schienen.
Bucca, mir fällt gerade ein, daß wir noch kein Hochzeitsgeschenk haben! rief Primula eines Abends. Es waren nur noch wenige Tage bis zur Hochzeit, und jetzt noch ein Schmuckstück anfertigen zu lassen, das würde jetzt nicht mehr gehen.
Ich habe eine Idee meinte Bucca. Neulich hatte ich doch diese leerstehende Hobbithöhle unweit von unserem Gutshof gekauft. Wir wollten sie zwar eigentlich als Gästewohnung nutzen, aber ich glaube, als Hochzeitsgeschenk kommt sie gerade recht. Rose kommt nicht aus allzu reichem Hause und Daeros ist als Ritter in königlichen Diensten nun auch nicht gerade auf Rosen gebettet, da können die beiden eine Bleibe gut gebrauchen.
Bucca, du hast mal wieder die besten Ideen antwortete Primula. Gut, von uns bekommen die beiden eine Höhle. Hat Daeros eigentlich Verwandte, die kommen?
Er hat Verwandte in der Nähe von Königsnorburg, aber ich habe sie noch nie gesehen. Ich wäre wirklich gespannt darauf, sie kennenzulernen, aber ich glaube, Daeros hat sich mit ihnen überworfen. Zumindest hatte er mal so eine Andeutung gemacht, aber meistens reagiert er knurrig, wenn die Rede auf seine Verwandten kommt. Ich glaube, es ist besser wenn wir ihn nicht danach fragen.
Komische Sitten haben die Menschen sagte Primula kopfschüttelnd.
Der Freudentag kam rasch näher. Aus Königsnorburg waren fast alle Ritter gekommen, um Daeros´ Vermählung mit Rose zu feiern, und jeder hatte eine passende Kleinigkeit (meistens irgendeine Anspielung auf irgendwas) dabei. So bekam Daeros unzählige Flaschen Wein, ein Gästebett in Hobbitgröße, Verbandszeug, Milchkannen und vieles mehr. Bucca wartete mit seinem Geschenk bis zur Hochzeit, so wie es Sitte unter Hobbits war.
Endlich war es soweit. Der erste März war gekommen, die Sonne schien, es wurde schon ziemlich warm und der Spaß begann. Daeros und Rose schworen einander die Treue und wurden so zu Mann und Frau, und der König selbst rief ein Hoch auf die beiden aus.
Viele werden sich fragen, welches Hochzeitsgeschenk ein König seinem Ritter macht. Nun, ich finde, ein Mann soll bei seiner Frau leben, und so wirst du ab sofort ins Auenland versetzt. Die Frage der Unterkunft wird geklärt. Der König wußte sehr wohl, welches Geschenk Daeros vom Herrn des Stockbruchs erwarten durfte. Weiterhin wirst du in den nächsten Tagen eine Wagenladung erhalten. Die soll mein Geschenk an das Brautpaar sein.
Mit dem Hochzeitsgeschenk, das du von mir und Primula bekommen sollst gibt es ein Problem sagte Bucca, der sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen konnte. Es kann nämlich nicht in Geschenkpapier eingewickelt werden. Oder hat jemand schon mal eine Hobbithöhle in Geschenkpapier gesehen?
Die Umstehenden lachten, und Daeros fiel Bucca um den Hals. Es war kein kleines Geschenk, was sie da bekamen, aber Bucca meinte, er freue sich schon darauf, die beiden zu Nachbarn zu haben.
Dann begann die Feier, und es hagelte Futter und regnete Schoppen (wie die Hobbits so sagten) und es ging bis tief in die Nacht. Viele Lieder wurden gesungen und viele Tänze wurden getanzt, aber schließlich war selbst Bucca müde und sie gingen zu Bett, als der Morgen schon graute.
Am nächsten Tag zeigte Bucca den beiden ihre neue Hobbithöhle und sie machten sich daran, sich häuslich einzurichten. Daeros war sichtlich erfreut darüber, nicht mehr in Königsnorburg wohnen zu müssen, gerade weil Rose sich dort niemals wohlgefühlt hätte. Aber diese Sorge hatte sich jetzt ja erübrigt, und Daeros fand zu seinem Erstaunen bald heraus, daß die Decke für ihn hoch genug war.
Hast du die Höhle umgebaut oder bin ich geschrumpft? fragte er den zufällig des Weges kommenden Bucca.
Ich habe ehrlich gesagt keine Zeit gehabt, irgend etwas in deiner Höhle umzubauen, also mußt du wohl geschrumpft sein lachte dieser. Jedenfalls bist du schon etwas in die Breite gegangen, aber das kommt wohl nicht vom Schrumpfen.
Die beiden lachten, und für den Abend verabredeten sie sich bei Bucca. Der König wollte am nächsten Morgen abreisen, und er würde mit den beiden noch so einiges zu besprechen haben.
Wie es scheint, sind wir ja recht glimpflich aus dieser Krise herausgekommen sagte der König zu den beiden. Sie hatten gerade zu Abend gegessen und saßen nun am Kaminfeuer.
Ja, wir können sagen, daß wir Glück hatten sagte Bucca. Gerüchte besagen, daß es unzählige Tote im Süden gegeben hat. Die Pest muß dort unten schlimm gewütet haben. Selbst die Königsfamilie mußte schwere Verluste hinnehmen, heißt es.
Nun, Bucca, was die Gerüchte besagen muß nicht immer wahr sein entgegnete der König. Ich habe schon viele Gerüchte gehört, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben. Manches läßt nur vage Rückschlüsse zu. Eigentlich müßte jetzt ein Erkundungstrupp in den Süden geschickt werden, aber ich befolge Elronds Rat und entsende niemanden.
Elrond riet uns, alle Wege in den Süden zu schließen und bis auf weiteres auch geschlossen zu halten. So dürfte es möglich sein, unerwünschte Einflüsse aus Wilderland draußen zu halten.
Die Sarnfurt ist abgetragen worden sagte Bucca. Wir können sie wieder aufbauen, wenn es für notwendig erachtet wird. Im Moment gibt es nur die Möglichkeit, mit einer Fähre über den Fluß zu setzen, und diese Fähre liegt an unserem Ufer. Wichtiger wäre es, die Südstraße ab Bree zu überwachen.
Ein Fort wird gerade an der Straßenkreuzung von Bree errichtet, ich werde bei meiner Rückreise nachsehen, wie weit die Arbeiten fortgeschritten sind. Fürs erste bleibt ein Heer bei Bree stationiert. Ein weiteres soll die Oststraße und die Südstraße absichern. Aber dennoch sollten wir versuchen, Nachrichten aus dem Süden zu bekommen.
Wir könnten Elrond um Hilfe bitten schlug Daeros vor. Er scheint über viele Möglichkeiten zu verfügen, Nachrichten sammeln zu können.
Genau dies habe ich getan, und Elrond ist bereit, uns zu helfen antwortete der König. Er will seine Kundschafter so weit gen Süden schicken, wie sie es nur verantworten können. Sie werden bald mit Nachrichten zurückkommen. Aber ich werde morgen nach Königsnorburg zurückkehren und die Zeit wird zeigen, welche Taten wir noch vollbringen müssen. Ich gehe jetzt zur Ruhe; morgen früh um neun Uhr breche ich auf.
Es war schon eine Woche vergangen, als der König zu seiner Heimreise aufgebrochen war. Eldacar war noch ein paar Tage länger geblieben, bis auch er gen Norden aufbrach. Er war Bucca unendlich dankbar dafür, daß er sich für seinen Ritterschlag eingesetzt hatte. Jetzt waren Bucca und Daeros wieder zum Alltag zurückgekehrt. Es schien, daß der Mensch sich nach seiner Hochzeit gut im Auenland einlebte.
Bucca hatte seinen Freund gerade in seiner neuen Höhle besucht. Rosie und Daeros hatten alle Hände voll zu tun, ihr neues Zuhause einzurichten und ihre vielen Hochzeitsgeschenke in der Höhle unterzubringen. Die Speisekammer war ein einziges Chaos, die Küche so gut wie unbenutzbar, so hatte Bucca das Paar zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen. Die beiden wollten in einer Stunde kommen, und Bucca hatte bis dahin noch einiges zu tun.
Bucca und Primula waren in der Küche zugange. Marcho und Blanco waren zu Gast, und die beiden kümmerten sich um ihre Kinder. Bucca schälte gerade Äpfel und er blickte kurz aus dem Fenster. Er sah, wie ein alter Mann mit spitzem Hut den Gartenweg heraufkam. Der Hobbit stürzte zur Tür hinaus.
Gandalf! rief er. Wenn ich mit jemandem nicht gerechnet hätte, dann bist du es!
Nun, ich war auf einer langen Reise antwortete der alte Mann. Es gibt viel zu erzählen, schätze ich. Diese Lande hier hatten viel mitgemacht.
Das ist leider allzu wahr. Aber komm rein! Die beiden gingen ins Haus zurück. Primula deckte bereits den Tisch. Wir haben heute Abend noch einen Gast mehr! rief Bucca.
Gut, daß du mir das jetzt sagst rief sie zurück. Noch ist unsere Speisekammer randvoll, aber wer weiß, wie lange das anhält. Ich vermute, heute werden wir eine lange Nacht der Erzählungen haben. Zum Glück hat Daeros ja übergenug Wein.
Daeros staunte nicht schlecht, als er Gandalf gegenüberstand. Er machte den Zauberer mit seiner Frau bekannt und bald waren sie in ein Gespräch über dies und das vertieft. Bucca lächelte, als er sie zum Essen rufen wollte. Man könnte meinen, in den letzten Monaten wäre nichts Schlimmes passiert.
Sie setzten sich zu Tisch und die nächste Stunde verging wie im Fluge. Das Abendessen war so reichhaltig wie es bei Hobbits üblich war, der Wein war genau richtig, alle wurden satt (sogar Bucca) und anschließend überließen sie das Aufräumen dem Dienstpersonal und sie gingen ins Kaminzimmer. Daeros hatte einige Flaschen Wein mit, die jetzt geköpft wurden.
Man könnte meinen, im Auenland hätte sich nichts seit meinem letzten Besuch verändert sagte Gandalf. Alles ist, wie es sein sollte.
Ja, jetzt ist es wieder so, aber wir hatten in der letzten Zeit einige Probleme antwortete Marcho. Zuerst hatten wir hier ziemlich schlimm die Pest, dann gab es beinahe Krieg mit Angmar, aber es wäre ausgestanden, hoffe ich.
Die Pest hat überall in Mittelerde gewütet sagte Gandalf nachdenklich. In Gondor ist die halbe Bevölkerung dahingerafft worden. Tharbad und Dunland sind so gut wie ausgestorben. Und östlich des Nebelgebirges hat es bei den Menschen des Düsterwaldes und den Zwergen vom Erebor viele Tote gegeben. Mich wundert es, daß es hier im Auenland scheinbar so wenige Opfer gegeben hat.
Auch hier wütete die Pest erwiderte Blanco. Aber die Kräuterfrauen von Buckelstadt kennen eine Möglichkeit, diese Seuche zu therapieren, wenn die Krankheit noch nicht allzu weit fortgeschritten ist. Wer einmal geheilt wurde scheint gegen die Pest immun zu sein. Mein Sohn Bucca hatte die Pest gehabt, aber er wurde geheilt und er hatte nachher mit vielen Pestkranken Kontakt, ohne daß die Krankheit bei ihm wieder ausbrach.
Wir haben Heiler nach Königsnorburg und Bree geschickt, und so gab es auch dort nicht allzu viele Pesttote, aber es stellte sich heraus, daß in Angmar nahezu die ganze Bevölkerung von der Seuche dahingerafft wurde. Der Hexenkönig steht jetzt ohne Volk da.
Er steht nicht nur ohne Volk, sondern auch ohne Streitmacht da ergänzte Bucca. Vor etwa einem Monat wurden wir von ihm angegriffen. Die Heerführer des Königs meinten, ein Angriff auf die Nordgrenze Arnors wäre am Wahrscheinlichsten, aber der Angriff erfolgte weiter südlich an der Oststraße.
Bucca erzählte von den Kampfhandlungen und von seinem Zweikampf gegen den Hexenkönig. Gandalf kam aus dem Staunen nicht heraus, als er dem Hobbit zuhörte.
Du hast einen Mut, den ich dir so nicht zugetraut hätte sagte Gandalf schließlich. Ich kenne große Krieger der Menschen, die sein Antlitz flohen. Nur wenige ertragen lange seine Anwesenheit, und er treibt seine Krieger zur Raserei an.
Die Orks des Hexenkönigs hatten einen Gewaltmarsch von mehreren Tagen ohne Unterbrechung hinter sich. Sie waren leicht zu besiegende Gegner, die nicht viel Widerstand leisteten. Nun, und was mich geritten hat, mich dem Fürsten der Geister entgegenzustellen weiß ich nicht mehr genau. Auf alle Fälle mußte ihm der Zutritt zu Arnor verwehrt werden, und irgendwas mußte ich tun. Es scheint den Hexenkönig jedenfalls gewaltig aus dem Konzept gebracht zu haben, sich einem Hobbit gegenüberstehen zu sehen und dieser verrückte Hobbit machte noch nicht mal Anstalten, ihn zu fliehen.
Das muß ihn wirklich durcheinander gebracht haben lachte Gandalf. Du hast ihm sein Schwert entwunden, seinen Dolch abgewehrt und ihn zur Flucht gezwungen? Ich vermute, er wird lange darüber nachsinnen, was Halblinge wirklich sind und wie gefährlich sie ihm noch werden können. Ich fürchte, die Hobbits müssen besser auf ihr Land aufpassen.
Elrond meinte, der Hexenkönig werde auf Rache sinnen, und es möge mehrere Generationen brauchen, bis er soweit ist. Ich werde das wohl nicht mehr erleben, aber es ist wichtig, diese Warnung an unsere Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. Jetzt hat er sich in den fernen Norden zurückgezogen, wo es außerhalb unserer Reichweite ist.
Der Hexenkönig sitzt in seiner Festung von Carn Dûm und leckt seine Wunden sagte Gandalf. Das hat sich überall herumgesprochen. Ich wußte bis eben nur nicht, wer ihm diese Wunden zugefügt hat. Aber jetzt scheint es so, als ob Zeiten des Friedens die Belohnung für deinen Mut sein werden.
Ja, jetzt scheint alles ausgestanden zu sein meinte Daeros. Die einzige Sorge, die wir noch haben ist die Pest. Kann sie wieder ausbrechen?
Natürlich kann sie wieder ausbrechen antwortete Gandalf. Es wird in der nächsten Zeit aber keine Epidemien mehr geben. Viele sind an der Pest gestorben oder sie haben sie überlebt und sind nun immun. Es fehlt quasi der Nährboden für eine neue Epidemie.
Das ist gut sagte Bucca. Es ist betrüblich, daß so viele Leute ums Leben gekommen sind. Vor allem in Gondor hat es viele getroffen, und das stimmt mich doch nachdenklich. Vor gerade mal fünf Jahren waren wir da, und jetzt ist es entvölkert.
König Minardil, den du kennengelernt hast ist schon vor drei Jahren von Korsaren aus Umbar erschlagen worden sagte Gandalf. König Telemnar, den ihr vor den Spinnen des Schattengebirges gerettet hattet hatte sein Amt gerade mal zwei Jahre inne. Er ist wie so viele in Gondor an der Pest gestorben, und dort unten gibt es niemanden, der ihnen helfen konnte. Jetzt ist Tarondor König von Gondor, und er hat viele Mühen, sein Land wieder aufzubauen. Er ist ein Verwandter Telemnars und stammt ebenso wie er von Hochkönig Anárion ab.
Eines aber ist Gondor nicht: entvölkert. Viele Menschen haben sich nach Calenardhon zurückgezogen, das noch nie dicht besiedelt war und dort hatte die Pest keine große Gelegenheit, sich auszubreiten. Aber in Dunland gab es unzählige Tote, und diese Gegend ist wirklich entvölkert, und Tharbad liegt verlassen an den Ufern der Grauflut.
Ja, es war an der höchsten Zeit, die Starren ins Auenland zu holen meinte Bucca. Ich glaube, sie wären jetzt ansonsten tot.
Das wären sie gewiß erwiderte Gandalf. Aber sie kamen ja rechtzeitig ins Auenland, und jetzt sind sie ein Teil davon.
Ja, ohne sie wäre das Leben langweilig meinte Bucca. Und was würde ich ohne meine Primula tun?
Das wage ich nicht auszumalen sagte Primula und küßte ihn auf die Wange.