Kapitel 2
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Die Idee eines Hobbits


Es war ein sonniger Frühjahrsmorgen im Jahre 1600 des Dritten Zeitalters von Mittelerde. Marcho Tuk war gerade aufgestanden und er hatte gefrühstückt; dann hatte er sich auf den Weg zu seinem Acker gemacht, um mit der täglichen Feldarbeit zu beginnen.
Sein Kopf brummte vor Gedanken. Ihm klangen noch immer die Worte seines Bruders Blanco nach, der am gestrigen Abend von seiner Idee gesprochen hatte, in die westlichen Lande von Arnor zu ziehen.

Der schmale Landstrich von Bree, in dem die Hobbitstämme der Harfüße und der Falbhäute lebten, war in Marchos Augen hoffnungslos überbevölkert. In den fünf Orten des Breelands, Bree, Hang, Stadel, Archet und Chetwald lebten seiner Schätzung nach mindestens dreißigtausend Hobbits. Sie teilten den gerade fünfzehn mal zehn Meilen kleinen Landstrich noch mit etwa zweitausend Menschen. Das Breeland konnte so viele Einwohner nicht aus eigener Kraft ernähren, und das Breevolk war auf Lebensmittellieferungen aus den königlichen Landgütern im Norden angewiesen.
Der Großvater von Marcho und Blanco, Sancho Tuk hatte seinen Enkeln oft Geschichten aus der alten Heimat der Hobbits erzählt. Noch vor sechzig Jahren hatten sie in dem Winkel gelebt, einem Landstrich, der zwischen den östlichen Ausläufern des Nebelgebirges und dem Westufer des Flusses Anduin gelegen hatte. Doch im Nebelgebirge hatten sich die Orks und die Trolle wieder vermehrt, und östlich des Anduin war ein namenloses Grauen erwacht, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Hobbits waren über das Gebirge gen Westen geflohen, als die Orküberfälle zugenommen hatten und das Leben im Winkel immer unsicherer wurde. So waren die Hobbits bis Bree gekommen, wo der König von Arnor ihnen Land und Wohnstätten zugewiesen hatte.
Doch die Zahl der Hobbits war seither wieder angewachsen, und schon lange war das Breeland nicht mehr in der Lage, alle Bewohner zu ernähren. Blanco hatte seinem Bruder vorgeschlagen, um eine Audienz beim König von Arnor zu ersuchen, um für seine Idee zu werben, die Westlande durch die Hobbits besiedeln zu lassen. Blanco war der Meinung, daß dem König damit zwei Lasten zugleich genommen werde. Zum einen müßten keine Lebensmittel mehr nach Bree geschickt werden, und zum anderen würde die Wiederbesiedlung der Ländereien westlich des Baranduin ein Einsickern unerwünschter Feinde verhindern. Aber Marcho hatte seinen Bruder auch darauf hingewiesen, daß sie für diese Idee vor allem zuerst die Hobbits begeistern müßten. Sie hatten zwar ihre liebe Mühe, den kleinen und ausgelaugten Äckern ihr tägliches Brot abzuringen, aber sie waren geschickte Handwerker und die Hobbits konnten mit ihren gefragten Erzeugnissen der Töpferei und Weberei genug Geld verdienen, um ein halbwegs ordentliches Auskommen zu haben. Außerdem hingen viele an Bree, weil sie sagten, daß sie sich hier wohlfühlten. Aber daß die Lebensmittellieferungen, von denen sie doch abhingen, eines Tages weniger werden könnten, kam vielen nicht in den Sinn.

Marco hatte sich für den Abend mit seinen Freunden Fredegar Beutlin und Otho Straffgürtel verabredet. Jeden Freitag trafen sie sich im Gasthaus zum Tänzelnden Pony in Bree, um dort bei einem Krug Bier gemütlich beisammen zu sitzen und vielleicht mit durchreisenden Zwergen oder Menschen etwas Handel zu treiben. Marcho hoffte, seine Freunde vom kühnen Vorhaben seines Bruders überzeugen zu können.
Der Frühlingstag war heiß, und der Sonnenschein wurde nur von einigen kurzen Schauern am Nachmittag unterbrochen. Marcho wollte heute Steine vom Feld räumen, was er meistens dort zu tun hatte. Das Feld lag ziemlich weit unten am Südhang des Breeberges, und der Regen wusch weiter oben immer wieder Geröll frei, das dann zu Tal rollte. Es konnte passieren, daß das mühevoll freigeräumte Feld binnen Tagen wieder voller Steine war, die die Ernte zerstören konnten. Aus diesem Grund waren viele Hobbits unablässig damit beschäftigt, ihre Felder immer und immer wieder frei zu räumen.

„In den Westlanden gibt es mit Sicherheit viele Landstriche, die besser zu bebauen und fruchtbarer sind als dieser hier“ dachte Marcho. „Wenn noch mehr so denken, haben wir vielleicht eine Chance, König Artheleb davon zu überzeugen, und im Westen Land zum Siedeln zuzuweisen.“
Der anstrengende, arbeitsame Tag war wie im Fluge vergangen, und Marcho machte sich auf den Weg nach Bree. Seine kleine Hobbithöhle (die er mit Blanco teilte) lag am Osthang des Breeberges; das Gasthaus lag auf halbem Wege zwischen seinem Feld und seiner Höhle.
Marcho wußte, daß er mit seiner Höhle noch Glück hatte; er und seine Familie mußten sie nur mit Blancos Familie teilen. Es kam häufig vor, daß ganze Sippen in einer Hobbithöhle lebten. Zank und Streitereien waren dort an der Tagesordnung.
Bree war ein kleines Städtchen, der Hauptort des Breelands lag an der Kreuzung zweier uralter Straßen. Die eine führte von den Elbenhäfen im fernen Westen über das Nebelgebirge fern in den Osten zum Einsamen Berg jenseits des Grünwaldes. Dort hatten Zwerge ein großes, blühendes Reich, und viel Verkehr herrschte auf dieser Straße. Die andere Straße führte von Königsnorburg, der Hauptstadt des Nördlichen Königreichs nach Tharbad im Süden und weiter bis nach Osgiliath, der Hauptstadt von Gondor, dem Südlichen Königreich.
Auf dieser Straße war der Verkehr geringer, denn die Lande zwischen Bree und Tharbad waren unbesiedelt, und Reisende liefen Gefahr, von Orks oder Schlimmerem überfallen zu werden, wenn sie nicht auf der Hut waren.
Für alle Reisende war eine Unterbrechung ihrer Fahrt in den Gasthäusern von Bree höchst willkommen, und viele bestanden schon seit Menschengedenken. Vom Tänzelnden Pony und dem benachbarten Dürren Hering hieß es, daß sogar schon die alten Hochkönige Isildur und Anárion dort Stammgäste gewesen waren. Auf alle Fälle waren die Gasthäuser behaglich und auf Meilen die einzigen festen Unterkünfte.
Das Tänzelnde Pony sah von außen sehr einladend aus. Am Haupthaus mit der Gaststube waren rechts und links Gebäudeflügel angebaut, die nach vorne zur Straße hin verliefen und Gästezimmer sowie Ställe enthielten. Zur Straße hin war der Hof mit einem schmiedeeisernen Zaun begrenzt. Bei schönem Wetter räumte der Ponywirt Tische und Stühle nach draußen, und die Gäste genossen ihr kühles Bier unter dem Schatten einer großen Linde, die in der Mitte des Hofs wuchs. Dorthin lenkte Marcho seine Schritte, denn er hatte dort seine Freunde Fredegar und Otho erspäht.

„Hallo Marcho!“ rief Fredegar. Er war größer (und auch schlanker) als viele Hobbits und hatte glatte, braune Haare (was eher selten war, denn die meisten Hobbits haben gelocktes Haar).

„Hallo Fredegar, hallo Otho“ antwortete Marcho, der wie viele Hobbits recht klein war und lockige, braune Haare hatte. Otho war nicht viel größer als Marcho, aber er fiel durch sein flachsblondes Haar auf. Das war (und ist) bei Hobbits eine ausgemachte Seltenheit und gilt als Glückszeichen.
Nach einigen beiläufigen Bemerkungen zum Wetter (das nicht schlechter war als in anderen Jahren) kam Marcho zu dem Thema, das ihn seit gestern nicht mehr losgelassen hatte.

„Die Aussichten, eine gute Ernte einzufahren, sind dieses Jahr gering“ sagte er. „Unsere Felder bringen von Jahr zu Jahr weniger hervor, wenn man vielleicht mal von den Steinen absieht. Und in Arnor, hört man, sind die Aussichten auch nicht gerade besser.“

„Wem sagst du das“ antwortete Fredegar. „Aber wieso machst du dir darüber Gedanken? Wir werden daran wohl kaum etwas ändern können.“

„Vielleicht doch. Blanco hatte gestern so eine Idee. Er meint, in den Ländern westlich des Baranduin wäre genug Platz für alle. Von den Großen Leuten lebt da keiner mehr, die sind alle an den Abendrotsee oder nach Königsnorburg gezogen.“

„In die Königslande will er ziehen? Na, ich weiß nicht. Es heißt doch, dort habe König Isildur einige Jahre gewohnt, als der Große Krieg gegen die Orks war, und deshalb wäre den Königen das Land dort so gut wie heilig. Ich glaube nicht, daß König Artheleb uns dort siedeln läßt.“

„Der König kennt aber die Probleme, die wir alle hier haben“ warf Otho ein. „Er hat sich beklagt, daß die Lebensmittellieferungen, die wir bekommen, Jahr für Jahr zunehmen. In Arnor ist die Ernte seit ein paar Jahren die Ernte nicht gerade reichhaltig ausgefallen. Eigentlich müßte ihm das Angebot, die alten Königsgüter wieder bewirtschaften zu lassen, wie gerufen kommen.“

„Eben“ sagte Marcho. „Wir könnten Lebensmittel nach Arnor liefern anstatt welche zu erhalten. Außerdem müßten wir dort nicht mehr so beengt leben.“

„Ich glaube, bevor wir zum König gehen und ihn fragen, müssen wir erst einmal die hier lebenden Hobbits von unserem Vorhaben überzeugen“ warf Fredegar ein. „Zu dritt können wir die Westlande nicht besiedeln. Viele wurmt es zwar, Nahrung von anderswo kaufen zu müssen oder gar Almosen zu erhalten, aber hier ist es doch schön. Und mit unseren Stoffen, Werkzeugen und Töpfereien verdienen wir gutes Geld.“

„Stimmt“ antwortete Marcho. „Aber jetzt kümmern wir uns erst mal um unser eigenes Wohl.“

Mit diesen Worten kam der Wirt und brachte ihr Abendessen. Es war nicht gerade reichhaltig, aber deftig und wohlschmeckend, so wie die Hobbits es gern hatten. Es gab Schweinelende mit Karottengemüse und als Nachspeise eine süße Himbeertorte. Dazu tranken sie einen Krug kühles, dunkles Bier.

„Das war gut, aber es hätte ruhig noch ein bißchen mehr sein können“ sagte Fredegar, nachdem er geendet hatte. „Leute, ich glaube, morgen sollten wir zum Bürgermeister gehen und ihm von unserer Idee berichten. Wenn der unser Vorhaben unterstützt, finden wir sicher genug Siedler, und die Unterstützung des Königs dürfte dann auch leichter zu erhalten sein.“

„Gut, Fredegar. Dann treffen wir uns morgen früh um zehn bei mir zu Hause. Wir sollten meinen Bruder Blanco mitnehmen. Mal sehen, vielleicht haben wir ja Glück.“

Mit diesen Worten trank Marcho seinen Krug aus, und sie machten sich auf den Heimweg. Es war schon dunkel, als Marcho seine Höhle erreichte. Ein schwacher Lichtschein schimmerte aus der angelehnten Tür.

„Hallo Marcho“ sagte Elena, seine Frau zur Begrüßung, ale er eintrat. „Wart ihr noch im Pony? Blanco hat nach dir gefragt.“

„Ja. Wo ist er? Ich habe mit Fredegar und Otho über seine Idee gesprochen.“

„In der Speisekammer. Wollt ihr allen Ernstes in die Westlande umziehen?“

„Wir wollen es wenigstens versuchen. Schlechter als hier kann es uns dort auch nicht gehen. Jedenfalls wollen wir morgen früh den Bürgermeister fragen, ob er unser Vorhaben unterstützt.“

Mit diesen Worten kam Blanco ins Wohnzimmer. Marcho berichtete ihm von seinem Gespräch mit Otho und Fredegar im Wirtshaus. „Morgen früh gehen wir zum Bürgermeister. Um zehn treffen wir uns hier“ endete Marcho.

„Na, ihr macht ja gleich Nägel mit Köpfen“ meinte Blanco anerkennend. „Dann hätten wir ja fast schon eine Hürde genommen.“

„Eine von vielen. Ohne die Erlaubnis des Königs geht gar nichts. Und wenn der Bürgermeister nicht mitspielt, wird es schwer sein, den König zu überzeugen.“

„Nun gut. Machen wir morgen den Anfang.“

Am nächsten Morgen waren Marcho und Blanco früh wach. Sie zogen ihre beste Kleidung an, um für ihre Vorsprache beim Bürgermeister vorbereitet zu sein. Gegen halb zehn trafen auch Fredegar und Otho ein, und sie machten sich auf den Weg. Der Bürgermeister residierte im Ständehaus in der Oberstadt von Bree.
Das Ständehaus war groß, vier Stockwerke hoch und mit vielen Fenstern. Sein hölzernes Fachwerk, das sich über die drei oberen Stockwerke erstreckte, war in den Stadtfarben von Bree gehalten: die Balken waren blau und golden gestrichen und die Gefache in Ocker gehalten. Rote Bieberschwanzziegel aus gebranntem Ton bedeckten das Dach.
Der Bürgermeister von Bree hatte seine Amtsstube im obersten Stockwerk. In Bree hatte die Familiendynastie der Butterblumes seit ewigen Zeiten das Bürgermeisteramt inne (obwohl er jedes Jahr zum Mittjahrsmarkt von der Bürgerschaft gewählt wurde).

Blanco ging zum Amtsboten und ließ die vier Hobbits beim Bürgermeister anmelden. Sie wurden gleich vorgelassen. Der Bürgermeister, Gerontius Butterblume, saß an seinem Schreibtisch und blickte nicht auf, als die vier in die Amtsstube eintraten. Sie blieben für einen kurzen Moment stehen, dann ergriff Marcho das Wort.

„Herr Bürgermeister“ begann er, „wir haben ein Anliegen!“

Gelangweilt blickte der Bürgermeister auf. „Welches, Herr Tuk?“

„Wir brauchen mehr Land, um alle Hobbitfamilien ernähren zu können. Ich und mein Bruder Blanco haben darüber nachgedacht, die Lande westlich des Baranduin zu besiedeln. Die Herren Beutlin und Straffgürtel denken ebenfalls darüber nach.“

„Und was habe ich damit zu tun“ fragte Butterblume. „Ich kann Euch kein Königsland zuweisen, denn darüber gebietet der König und nicht ich. Ich weiß nicht, wie ich Euch helfen soll, obwohl ich Eure Idee gut finde.“

„Ihr könnt für uns ein gutes Wort beim König einlegen“ antwortete Fredegar. „Ein Empfehlungsschreiben eurerseits könnte unserem Anliegen am Hofe mehr Gewicht verleihen.“

Langsam begann der Bürgermeister sich für die vier Hobbits zu interessieren. Diese Angelegenheit schien wichtiger zu sein als zunächst angenommen. Und wenn dieses Ansinnen wirklich von Erfolg gekrönt sein sollte, dann würde es der Übervölkerung des Breelands mit all seinen Folgen ein Ende bereiten.

„Ich soll Euch also ein Empfehlungsschreiben geben, damit ihr westwärts ziehen und siedeln könnt? Und wie viele Leute sollen es sein, die dann mit Euch gehen?“

„Auch hier benötigen wir Eure Unterstützung“ sagte Marcho. „Wie werden allein vielleicht einhundert oder zweihundert Hobbits für den Umzug begeistern können. Wenn der Stadtrat und der Bürgermeister unsere Sache publik machen (vielleicht machen sie ja auch noch ein bißchen Werbung dafür) dann hoffe ich, fünftausend Hobbits gen Westen führen zu können.“

„Unsere Unterstützung habt Ihr. Fünftausend Laute bedeutet zwar keine große Entlastung, aber es ist besser als nichts. Und vielleicht folgen ja noch mehr Hobbits, wenn Ihr erst mal Fuß gefaßt habt.“

„Das werden sie sicher“ antwortete Otho. „Und in den Westlanden gibt es genug Platz für alle. Es dürfte sich ein reger Handel zwischen uns und Bree sowie Arnor entwickeln, zu unser aller Wohl.“

„Das klingt noch besser“ sagte der Bürgermeister. „Doch bevor wir offen von diesem Vorhaben sprechen, sollten wir die Erlaubnis des Königs einholen. In zwei Tagen wird ein Bote zum Königshof aufbrechen. Mit Eurer Erlaubnis gebe ich ihm einen Brief mit, der von Eurem Ansinnen berichtet und der Euch als Anführer in dieser Sache benennt. Ich hoffe, bald eine wohlklingende Antwort zu erhalten.“

Die vier Hobbits bedankten sich wortreich beim Bürgermeister, und anschließend beschlossen sie, auf ihren ersten Erfolg im Pony mit einem Krug Bier anzustoßen.

„Das lief ja besser als gedacht“ sagte Fredegar, als sie wieder im Biergarten unter der Linde saßen. „Mit so viel Unterstützung gleich von Anfang an habe ich nicht gerechnet.“

„Ich ehrlich gesagt auch nicht“ entgegnete Marcho. „Wir haben aber das drängendste Problem angesprochen, das das Breeland im Moment hat: die Übervölkerung. Das war dem Bürgermeister natürlich sofort klar. Außerdem darf er sich jetzt endlich einmal um etwas anderes als um Familienstreitigkeiten oder Viehdiebstahl kümmern. Und das Thema Übervölkerung wird auch den König nicht kalt lassen. Ich bin wirklich gespannt, wie er entscheiden wird.“

„Ja, das werden wir bald sehen“ sagte Blanco. „Mir wurde nur mulmig, als Herr Butterblume sagte, uns als Anführer in dieser Sache benennen zu wollen. Wenn das mal nicht schiefgeht.“

„Wird es schon nicht“ antwortete Marcho. „Wir bieten unsere Hilfe an. Und mit irgendwem muß der König ja reden. Also mit uns, weil von uns die Idee mit dem Siedeln kommt. Halte dich für eine Fahrt an den Hof bereit!“

„So bald wohl nicht“ lachte Otho. „Nun, wie dem allem auch sei, ich habe noch Feldarbeit zu erledigen.“ Er trank seinen Krug aus und ging.

Marcho, Blanco und Fredegar unterhielten sich noch lange über ihr Vorhaben, ehe auch sie sich aufmachten. Mit etwas gemischten Gefühlen machten sich die Hobbits dann auf den Heimweg. Sie wußten, daß sie vor großen Taten standen, den größten vielleicht, die das Breeland seit langem erlebt hatte.


Bei Hofe

Seit ihrem Besuch beim Bürgermeister waren einige ereignislose Wochen vergangen. Von Königsnorburg oder vom Stadtrat hatten die vier Hobbits seitdem nichts mehr gehört, und langsam bezweifelten sie, dass ihre Angelegenheit am Hof ernst genommen werde.

Auch das Wetter hatte gewechselt. Der Sonnenschein war einem Dauerregen gewichen, der von einem steten Westwind vom Meer herangetragen wurde. Es war kalt geworden (zu kalt für einen Juni, fand Blanco) und der Schlamm klebte hartnäckig an den Füßen. Mehrmals war Geröll vom Breeberg herabgerutscht, und einmal war Marchos Feld betroffen gewesen. Bedrückt begann er, das Feld wieder frei zu räumen. Die Arbeit eines halben Jahres war vergeblich gewesen.
Blanco, Otho und Fredegar hatten Marcho beim Freiräumen seines Feldes geholfen, aber sie wussten, dass er ohne seine Handwerksarbeiten kaum ein Auskommen gefunden hätte. Und es gab einige Hobbitfamilien, die vor eben diesem Problem standen.
An einem dieser trüben Abende klopfte es an der Tür zu Marchos Höhle. Ein Bote des Stadtrats teilte den Hobbits mit, daß sie sich am nächsten Tag um neun Uhr beim Bürgermeister einfinden sollten.

Mit gemischten Gefühlen machten sich Marcho und Blanco anderentags zum Ständehaus auf. Vor der Tür warteten bereits Fredegar und Otho, und sie traten ein.
Die vier wurden sogleich zum Bürgermeister vorgelassen. Mit noch gemischteren Gefühlen betraten sie die Amtsstube.

„Guten Morgen, Ihr Herren“ sagte Herr Butterblume und erhob sich zur Begrüßung. „Gestern Abend ist der Bote vom Königshof zurückgekehrt. Er hatte nur einen Brief dabei: an mich adressiert; betreffend der Angelegenheit Besiedeln der Königsgüter in den Westlanden.“

Der Bürgermeister nahm den Umschlag, brach das Siegel und öffnete den Brief. Dann las er ihn vor:

Gegeben zu Königsnorburg am zweiten Juni im Jahre 1600 des Dritten Zeitalters der Welt.

Ich, König Artheleb II, Hochkönig von Arnor entbiete meinen Gruß an den Herrn Bürgermeister Butterblume von Bree und die Herren Marcho und Blanco Tuk, Fredegar Beutlin und Otho Straffgürtel.
Betreffend Eures Wunsches, in den Landen des Königs, die westlich des Baranduin gelegen sind die Wohnstätten Eures Volkes begründen zu dürfen, fordere ich Euch auf, Euch zum Ratstag am fünfzehnten Juni am Hofe zu Königsnorburg einzufinden. Eure Sache soll dort vorgetragen und beraten werden.

Artheleb II, Hochkönig von Arnor

„Wir sollen zum König kommen?“ fragte Marcho atemlos.

„Gratuliere. Eure Sache soll beraten werden“ antwortete der Bürgermeister. „Damit seid Ihr weit gekommen. Eilt Euch. Morgen solltet Ihr aufbrechen.“

Mit diesen Worten verabschiedete der Bürgermeister die vier Hobbits. Sie machten sich sogleich auf, um ihre Siebensachen zu packen. Aufgeregt gingen Marcho und Blanco nach Hause.

„Was ist denn mit euch los?“ fragte Elena. „Ihr seid ja ganz aufgeregt!“

„Wir sollen uns schnellstens zum Königshof aufmachen“ antwortete Marcho. „Morgen früh brechen wir auf.“

„Also habt ihr mit euren Ideen doch Glück“ sagte Melia, Blancos Frau. „Ich freue mich jedenfalls schon auf eine eigene Höhle.“

„Noch ist nichts entschieden“ entgegnete Blanco. „Wir reisen zum König, um für unser Vorhaben zu werben. Vielleicht gelingt es uns, seine Erlaubnis für den Umzug einzuholen.“

Am nächsten Morgen standen Marcho und Blanco früh auf. Ihre Sachen waren schnell gepackt und die Ponies gesattelt. An der alten Straßenkreuzung gerade außerhalb der Stadtbegrenzung von Bree trafen sie auf Fredegar und Otho.

„Guten Morgen“ rief Blanco. „Alles bereit?“

„Ja“ antwortete Fredegar, und sie bogen nach rechts auf die alte Nord – Süd – Straße, die nach Königsnorburg führte.
Es war ein grauer, regnerischer Morgen, und tiefhängende Wolken zogen über das Land. Bald schon war der Breeberg hinter ihnen verschwunden, und kleine Rauchwölkchen hinter einem Hügel zeigten, dass dort Archet lag.
Gegen Mittag hatten sie das Breeland verlassen, und die wohlbestellten Felder und kleinen Wälder wurden von wildem, ungezähmtem Land abgelöst. Die Straße behielt aber ihren steten Verlauf nach Norden bei, und sie wurde von den Mannen des Königs gut gepflegt.
Alle fünf Meilen waren befestigte Wachposten, die den Verlauf der Straße überwachten und Reisende vor Überfällen schützten. Jeder Reisende hatte sich beim Kommandant zu melden und das Ziel seiner Reise zu nennen. So wurde sichergestellt, dass normale Reisende von Räubern sofort unterschieden werden konnten. Außerdem war es so möglich, die Ankunft geladener Gäste dem Königshof vorzumelden.
Ab und an durchschnitt die Straße große, ausgedehnte Wälder. Die Bäume waren zur Straße hin bis auf Bogenschussweite abgeholzt worden, um Überfälle aus dem Hinterhalt zu vereiteln.

Es hieß, daß zu den Zeiten der alten Hochkönige von Arnor und Gondor diese Lande bis Bree dicht besiedelt gewesen waren, aber die meisten Bewohner waren im großen Krieg gegen Sauron gefallen oder nach dem Krieg gen Norden, näher nach Königsnorburg gezogen. Ab und an konnte man die verfallenen Reste alter Scheunen oder Gehöfte sehen, und von Zeit zu Zeit war noch der Verlauf alter Straßen zu erkennen, die nach rechts oder links von der Hauptstraße abgezweigt waren.

Bei Einbruch der Dunkelheit machten die Hobbits Rast an einer Wachstation. Der Kommandant wies ihnen ein Zimmer zu ebener Erde zu, und sie legten sich ermattet zur Ruhe. Da sie in einer wichtigen Angelegenheit zum König bestellt worden waren, standen ihnen Unterkunft und Verpflegung in der Wachstation zu; normale Reisende mußten sich mit einem Lagerplatz außerhalb der Mauern zufriedengeben.
Für die vier Hobbits war es eine neue Erfahrung, in einem Menschenhaus zu übernachten. Sie waren nicht an hohe Räume und lange Betten gewöhnt, und Marcho fiel das Einschlafen trotz aller Müdigkeit schwer. Er dachte noch lange über ihre kommende Audienz nach.

Am nächsten Morgen machten sie sich früh auf die Weiterreise. Langsam kam die nördliche Hügelkette näher, die die Grenze des Stammlandes des Nördlichen Königreichs markierte. Fredegar schätzte, daß sie dort gegen Abend ankommen würden.
Auch das Wetter hatte sich geändert. Es war freundlicher geworden; die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Die Stimmung der Hobbits hob sich, und Fredegar sang ein Lied.
Langsam stieg das Land an, und die Straße folgte nun dem verlauf eines langgezogenen Tals. Stetig stieg sie an, aber nicht zu steil, so daß sie durchgehend von schweren Karren befahren werden konnte. Vereinzelte Gehöfte säumten die Straße, und bald schon waren die ersten kleinen Dörfer zu sehen. Am Abend machten Die Hobbits Rast in einem kleinen Dorfgasthof nicht weit abseits der Straße.

Nach zwei Tagen einsamen Reisens genossen sie die Gesellschaft, obwohl es nicht wie zu Hause im Tänzelnden Pony in Bree war. Der Gasthof war nicht groß, ein umgebautes Wohnhaus mit einer kleinen Gaststube und nur wenigen Gästezimmern. Die paar Einheimischen in der Gaststube waren erstaunt über die vier Hobbits, denn es kamen nur wenige Fremde hier vorbei.
Doch auch hier gingen die Vier früh zu Bett. Marcho hoffte, am morgigen Tag den Rest der Reise nach Königsnorburg hinter sich zu bringen. Und so brachen sie nach einer geruhsamen Nacht früh auf.
Die Ortschaften rechts und links der Straße wurden nun größer, und zwischen den Feldern und Wäldern waren nur noch wenige unbestellte Landstriche zu sehen. Die Straße wand sich nun wieder hinab, und gegen Mittag sahen sie am Horizont einen großen See. Davor lag eine Stadt, die um ein Vielfaches größer war als Bree. Viele Häuser waren aus Stein, andere aus Holz, aber alle waren mit Ziegeln gedeckt und nicht mit Reet, so wie man es in Bree häufig sah.
Auf den letzten Meilen bis zu dieser Stadt war die Straße gepflastert und keine erdene Spur, und auf einem Schild las Marcho die Aufschrift noch zehn Meilen bis Königsnorburg.

„Bald haben wir es geschafft“ meinte er. „Ob wir uns noch heute Abend am Palast melden sollen?“

„Sollten wir schon, glaube ich“ antwortete Blanco. „Um so schneller erhalten wir Audienz. Außerdem können die uns sicher eine gute Unterkunft empfehlen.“

Marcho betrachtete die langsam näherrückende Stadt. In der Stadtmitte war eine alles überragende Festungsanlage zu sehen. Darin befand sich ein großer Palast, von dem es hieß, daß der Hochkönig Elendil der Lange ihn erbaut hatte. Um die Festungsanlage herum war die Oberstadt, der älteste und vornehmste Stadtteil von Königsnorburg. Hier wohnten die reichen Kaufleute und der höhere Adel von Arnor. Die Häuser waren aus festem Stein erbaut worden, und sie waren groß und schön; weißes Mauerwerk und mit Dächern aus Schiefer.
Weiter unten lag die Unterstadt, wo die einfacheren Leute wohnten. Hier waren die Häuser zwar kleiner als in der Oberstadt, aber fest und solide erbaut.
Als die vier Hobbits in die Stadt einzogen fiel Marcho auf, daß alle Häuser Fenster aus Glas hatten und alle Straßen gut gepflastert waren, mit Rinnen an den Seiten. Auch das war in Bree nicht der Fall.

Die Nacht war gerade hereingebrochen, als die vier den Königshof erreichten. Der Nachtwächter machte seine Runde und zündete die Straßenlampen an.
Marcho sprach bei der Palastwache vor und zeigte das Einladungsschreiben her. Daraufhin wurden die vier sogleich zum Festungskommandanten vorgelassen. Offenbar wurden sie bereits erwartet.

„Guten Abend, Ihr Herren“ sagte er. Der Kommandant trug eine Rüstung aus blank poliertem Stahl und darüber einen reich gestickten Wappenrock mit dem Wappen des Königs; ein silberner Adler, die Schwingen zum Flug ausgestreckt auf nachtblauem Grund. „Wie ich höre, seid Ihr weit und rasch gereist.“

„Das ist richtig“ antwortete Blanco und stellte der Reihe nach seine Gefährten vor. Diese verbeugten sich und stellten sich dem Kommandanten zur Verfügung, so wie es Sitte war.

Sie erhielten eine Unterkunft im Königspalast zugewiesen, was als Ehrenbezeugung für hochrangige Besucher galt. Marcho staunte nicht schlacht, als er ihr Zimmer sah. Es war geräumig und hell, mit goldener Stuckdecke und vorzüglich gearbeiteten Möbeln aus dunklem, poliertem Eichenholz. Ein Abendmahl stand für sie bereit, das üppiger war als so manches Festessen.

„Morgen früh um acht seid Ihr zur Audienz bei Seiner Majestät geladen“ sagte der Kommandant. „Offenbar handelt es sich bei Eurer Angelegenheit um etwas von größter Wichtigkeit.“

„Das liegt im Ermessen Seiner Majestät“ antwortete Marcho. „Wir wollen Arnor helfen, wo wir nur können.“

„Gerüchte hiervon habe ich gehört“ antwortete der Kommandant. „Ist es wahr, daß Ihr in unsere alten Westlande ziehen wollt? Das würde uns so manche Sorge nehmen.“

„Das haben wir vor“ sagte Blanco. „Doch ich hätte nicht gedacht, daß unser Vorhaben schon zum Stadtgespräch geworden ist. Eigentlich war es eher eine fixe Idee.“

„Zum Stadtgespräch ist es noch nicht geworden. Doch es wird sich bald herumsprechen, daß vier Halblinge – Hobbits, sollte ich sagen, bitte um Vergebung – vier Hobbits beim Hohen König von Arnor wie Staatsgäste empfangen werden. Das hat es noch nie gegeben. Und was Euer Ansinnen angeht – der König hat sich hierüber wohlwollend geäußert. Doch das werdet Ihr morgen früh schon selbst merken. Er hat nämlich alle anderen Besprechungen verlegt. Also bereitet Euch gut vor. Gute Nacht!“ Der Kommandant ging und ließ die vier Hobbits alleine.

„Das klappt ja besser wie gedacht“ sagte Fredegar schließlich. „Wir müssen dem König unser Vorhaben nicht mehr schmackhaft machen, glaube ich. Eher unseren Landsleuten.“

„Mal sehen. Möglicherweise erläßt er eine Anordnung, und es kommen mehr Leute mit, als wir jemals gedacht hätten“ antwortete Marcho. „Aber das sehen wir morgen. Wenn ich heute Nacht noch einmal gähnen muß, bekomme ich dem Mund nicht mehr zu. Gute Nacht!“

Die Besprechung hatte am nächsten Morgen früh begonnen, und die vier Hobbits sprachen lange über ihre Pläne. König Artheleb II. war reich gekleidet und trug dem Anlaß entsprechend seinen Königsmantel. Er war dunkelblau, mit weißem Pelzbesatz und in Schulterhöhe war das Königswappen von Arnor aufgestickt: ein weißer Adler, der sich hoch in die Lüfte erhoben hatte. Der König hatte den Hobbits interessiert zugehört, schließlich hob er selbst zu einer kurzen Ansprache an.

„Meine lieben Hobbits“ begann er. „Mit großer Freude nehme ich Euer Ansinnen, in den westlichen Königslanden siedeln zu wollen, zur Kenntnis. Wisset, daß dieser fruchtbare Landstrich seit Jahren schon unbestellt ist und brach liegt. Übles Volk kann sich dort breitmachen, wenn es noch länger unbewohnt ist. Doch Ihr spracht noch nicht über die Zahl derer, die am Baranduin siedeln wollen.“

„Wir haben bislang lediglich mit dem Bürgermeister von Bree über unser Vorhaben gesprochen“ antwortete Marcho. „Aber ich vermute, daß mindestens fünftausend Hobbits mit uns gehen dürften. Im Breeland gibt es längst nicht mehr für jeden ein Auskommen, wie Ihr sehr wohl wißt. Doch einem Hobbit ist nichts lieber, als sein tägliches Brot mit eigener Hände Arbeit zu verdienen. Es könnte also durchaus sein, daß noch mehr nachziehen wollen, wenn die ersten Siedler Fuß gefaßt haben.“

„Ich kann sehr wohl anordnen, daß zehn- oder fünfzehntausend Hobbits umgesiedelt werden“ sagte der König. „Auf Dauer kann das Breeland die vielen Einwohner, die es jetzt hat, nicht ernähren. Wenn Euch es nützt, werde ich einen Umsiedlungsbefehl erteilen.“

„Ich glaube nicht, daß dies ein weiser Entschluß wäre“ antwortete Marcho. „Wir Hobbits lieben das freie, selbstbestimmte Leben. Nein, wenn ihnen befohlen wird, gen Westen umzusiedeln, dann bleiben wohl alle anderen in Bree und werden niemals nachkommen, und wenn es ihnen noch so schlecht geht. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Landsleute davon zu überzeugen, freiwillig mit uns mitzukommen. Es mag wohl länger dauern, bis die ersten Siedler kommen, aber diese kommen dann freiwillig; und wenn es ihnen gut geht, kommen noch mehr nach.“

„Die Umsiedlung auf eine freiwillige Basis zu stellen halte auch ich für besser“ ergänzte Fredegar. „Viele murren ja schon bei der kleinsten Steuererhöhung. Stellt Euch den Aufruhr vor, wenn plötzlich alle auf einmal in eine ungewisse Zukunft wegziehen müßten.“

„Auch ich weiß, daß der Aufbruch ins Ungewisse kein leichter Aufbruch ist“ sagte der König bedächtig. „Auf alle Fälle können wenigstens die ersten Siedler auf meine Hilfe zählen. Das Land, das sie zum Leben benötigen, soll ihres sein. Möglicherweise lassen sich noch mehr Hilfen organisieren. Bedenkt aber, daß unsere Staatsschatulle nicht allzu üppig gefüllt ist.“

„Auch aus diesem Grund wollen wir die Umsiedlung vorantreiben“ antwortete Blanco. „Lange können die Hilfen, die wir jetzt zur Zeit für das Überleben brauchen, nicht mehr fließen. Das Breeland ist übervölkert; auch hier sage ich niemandem etwas Neues. Die Frage ist nur, wie wir die Hobbits davon überzeugen sollen, daß ein Umzug für sie alle die beste Lösung ist, ohne daß jemand erst in Not kommen muß.“

„Nun, hierauf kann weder ich noch ein anderer Mensch Euch eine Antwort geben“ antwortete der König. „Hierfür kennt wohl keiner die Hobbits gut genug, außer vielleicht ein Hobbit selbst. Ich weiß wirklich nicht, wie diese Überzeugungsarbeit zu bewerkstelligen ist, wenn noch nicht einmal Ihr die Antwort auf diese Frage kennt.“

„Möglicherweise kommen wir doch weiter“ sagte Otho nachdenklich. „Vielleicht ist einfach der Leidensdruck noch nicht groß genug. Im Moment geht es allen doch noch recht gut, und das, obwohl das Breeland, wäre es auf sich selbst gestellt, bei weitem nicht alle Bewohner ernähren könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser jetzige Zustand noch lange beibehalten werden kann. Nun, ich vermute, es braucht vielleicht noch ein, zwei schlechte Ernten und die Hilfen werden unter dem Hinweis auf die geringen Staatsmittel nicht erhöht. Gleichzeitig bieten wir die Möglichkeit, neue Siedlungsgebiete zu erschließen. Ich glaube, dann dürften wir eine weitaus höhere Anzahl Freiwilliger finden, als dies jetzt womöglich der Fall wäre.“

„Womöglich finden wir sie auch früher. Es ist allen bekannt, daß die Ackerböden, die wir bebauen, ausgelaugt sind. Sie bringen bei weitem nicht mehr die Ernten hervor, die wir noch vor fünf oder vor zehn Jahren auf ihnen erzielt haben. Das wissen alle. Was sie nicht wissen ist, daß es große, unbesiedelte Lande gibt, in denen es ein gutes Auskommen geben kann und wo man zudem noch sicher vor Überfällen ist.“

„Nun, zum größten Teil müßten die Hobbits wohl selbst zu dieser Sicherheit beitragen“ warf der König ein. „Trotzdem werden Feinde, die vom Norden, Westen oder Osten her einfallen wollen, durch die Streitmacht Arnors ferngehalten. Meine Sorge aber ist der Süden. Diese Flanke ist zur Zeit noch offen. Würden sich die Hobbits zum Siedeln entschließen, dann wäre dieses Problem, das auch für Bree zur Bedrohung werden könnte, ein für allemal gelöst.
Aber laßt uns nicht länger von diesen militärischen Dingen reden. Meines Wissens droht vom Süden her keine feindliche Invasion. Ein langsames, allmähliches und zunächst unbemerktes Einsickern unerwünschter Kreaturen ist da wahrscheinlicher. Wenn dann schon ordentliche, rechtschaffene Leute dort leben, die vielleicht noch über eine kleine Ordnungsmacht verfügen, dann trauen die sich nicht auch nur in die Nähe dieses Landes. Nein, das Risiko, in den Westlanden Unruhen zu durchleben, ist eher gering. Außerdem ist ja noch meine Streitmacht da.“

„Aber selbst die Andeutung möglicher Unruhen könnte die Hobbits davon abhalten, an den Baranduin zu ziehen“ warf Marcho ein. „In unserer Vergangenheit wurden wir oft angegriffen und verfolgt. Deshalb sind wir ja auch von unserem Winkel am Großen Strom, auf der östlichen Seite des Nebelgebirges gelegen, hierher gekommen. Früher wurden wir oft von Orks überfallen, die des Nachts von den Bergen herabkamen und viel Leid über uns brachten. Nur die Ältesten unter uns haben diese Zeiten noch selbst erlebt, dennoch sitzt die Furcht, zum wehrlosen Opfer von Überfällen zu werden, bei vielen noch tief.“

„Was Ihr einwendet, hat Belang“ antwortete der König. „Auch wenn im Moment nicht damit zu rechnen ist, Krieg kann es immer geben, denn es braucht nur einen Feind, um ihn vom Zaun zu brechen. Aber diese Gefahr ist in Bree genauso gegeben wie in Königsnorburg oder am Baranduin oder östlich des Nebelgebirges. Ihr könnt Euren Leuten aber sagen, daß sie sicher sind, wenn sie gen Westen ziehen. Der Baranduin bietet auf viele Meilen eine natürliche Barriere, und weiter westlich in den Turmbergen leben Elben, die uns wohlgesonnen sind. Im Süden gibt es lediglich einen etwa zwanzig Meilen großen Durchlaß, der eben ist. Dort wäre eine Invasion oder ein Eindringen, so sie den stattfinden sollte, am wahrscheinlichsten. Aber dann lebtet Ihr in Bree in ständiger Gefahr, denn außer einer hohen Hecke rund um die Stadt herum gibt es dort kein Hindernis, das Feinde am Eindringen hindert.“

„Im Moment herrscht dort ja auch Ruhe“ sagte Blanco. „Nur weiß niemand, wie lange sie anhält. Viele fürchten, daß Hobbits immer diejenigen sein werden, die verfolgt und unterdrückt sind. Wenn es gelänge, diese Bedenkenträger davon zu überzeugen, als Siedler nicht mehr ein Verfolgter zu sein, dann hätten wir viel gewonnen.“

„Ich sehe, Ihr kennt die Denkweise Eurer Leute am besten“ sagte der König und erhob sich. „Ich finde, Ihr solltet am Baranduin siedeln dürfen; und nicht nur dort. Wenn zwanzigtausend Hobbits gen Westen ziehen, dann sollen alle Lande vom Baranduin im Osten bis zu den Turmbergen im Westen und von den Hügeln südlich des Abendrotsees bis zu der Sarnfurt im Süden den Hobbits sein. Einzig das Landgut, das östlich des Baranduin, gerade vor dem Verwunschenen Wald liegt, nehme ich hiervon aus; denn dies war Isildurs Landgut, und es ist des Königs, solange es in Arnor ein Königreich der Dúnedain gibt.
Als einzige Bedingungen hierfür fordere ich, daß die Ost – West – Straße zwischen der Brücke über den Baranduin und den Turmbergen und die Brücke selbst instandgehalten werden; und außerdem sollen die Hobbits Landesherren bestimmen, die dem König von Arnor gegenüber lehnspflichtig sind. Dafür werden sie ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln. Nur im Kriegsfall sollen sie dem Befehl des Königs unterstellt sein.“

Die vier Hobbits erhoben und verbeugten sich. „Mit der Hilfe der Valar und aller guten Mächte soll es so sein“ sagte Marcho.

„Dann ernenne ich Euch, Marcho und Blanco Tuk sowie Fredegar Beutlin und Otho Straffgürtel zu Boten des Königs in dieser Sache. Ihr sollt als Boten des Königs auftreten und in meinem Namen sprechen. Und wenn Euer Ansinnen erfolgreich ist, dann sollt Ihr als Fürsten des Landes auftreten, bis eine ordentliche Verwaltung aufgebaut ist. Und Ihr sollt mit allen Ehren reisen und alle Unterstützung erhalten, die Ihr verlangt. Erstattet mir regelmäßig Bericht.“

„Euer Wunsch sei unser Befehl“ antwortete Marcho. Die vier Hobbits verbeugten sich tief und verließen die Audienzhalle.


Der Zug in den Westen

Noch am gleichen Tag machten sich Marcho, Blanco, Fredegar und Otho auf die Rückreise nach Bree. Sie brannten darauf, nun ihre Aufgabe endlich zu beginnen, da sie jetzt die Erlaubnis des Königs erhalten hatten. Überdies hatte jeder von ihnen ein stattliches Handgeld erhalten, damit sie sich auf ihre Aufgabe voll konzentrieren konnten.
Da sie mit der Gunst des Königs reisten, würde es ihnen unterwegs an nichts mangeln. Sie würden in jedem Gasthof und an jedem Wegposten eine willkommene Aufnahme finden. Gäste des Königs beherbergen zu dürfen war in Arnor eine große Ehre.

Sie schlugen den Weg zur Südstraße ein, und Blanco hoffte, Bree in drei Tagen zu erreichen. Dort wollte er als erstes dem Bürgermeister vom Ausgang ihrer Audienz berichten. Der König hatte ihm in einer Botschaft auftragen lassen, das Ansinnen der vier Hobbits mit allen Kräften zu unterstützen. Als nächstes gedachte er, seine Freunde und Bekannten zusammenzurufen, um sie vom Umzug in den Westen zu überzeugen. Blanco hoffte, daß sie dann ihrerseits diese Idee an ihre Bekannten und Verwandten weitergeben und so für eine Bekanntgabe dieses Vorhabens unter den Breeand- Hobbits sorgten.
Auch Marcho, Fredegar und Otho dachten, dies sei eine gute Möglichkeit, ihr Vorhaben unter den Hobbits publik zu machen. Sie dachten darüber hinaus daran, Versammlungen einzuberufen, um alle so schnell wie möglich über den Königserlaß in Kenntnis zu setzen.

Auf der Rückreise hing jeder seinen Gedanken nach, und es wurde wenig gesprochen. Das Wetter war noch immer schön, und tagsüber wurde es recht heiß. Die vier Hobbits schwitzten, denn kein Baum warf seinen Schatten auf die große Straße.
So lange sie konnten, rasteten sie in Gasthäusern, deren behaglicher Komfort den Hobbits eher zusagte als die nackte Sachlichkeit der königlichen Wachstationen. Sie genossen das gute, reichliche Essen und das kühle, erfrischende Bier, aber sie gingen stets früh zur Ruhe.

Nach drei Tagen hatten sie endlich Bree erreicht. Die vier machten sich unverzüglich zum Bürgermeister auf, obwohl es schon später Nachmittag war. Er war noch in seiner Amtsstube und begrüßte die Hobbits freudig.

„Ihr seid also zurück, und mit großem Erfolg, wie ich höre“ sagte Butterblume. „Der König hat es mich bereits wissen lassen. Überdies habe ich die Weisung, Euer Vorhaben nach Kräften zu unterstützen.“

„Das freut mich“ antwortete Blanco. Er berichtete dem Bürgermeister von ihrer Audienz beim König (dann und wann von den anderen drei Hobbits ergänzt) und erwähnte auch kurz ihre Reiseerlebnisse.

„Ich habe für morgen eine Versammlung der Bürgerschaft einberufen“ sagte der Bürgermeister. „Ihr sollt dort von Eurer Audienz berichten, und anschließend soll der Entschluß gefaßt werden, die Umsiedlung der Hobbits mit allen Kräften zu unterstützen. Nichts dient Bree im Moment mehr als die Entlastung seiner Landstriche.“

„Wir danken Euch für die Möglichkeit, unser Vorhaben vorzustellen. Doch sollten wir bei alledem nicht unsere hauptsächliche Zielgruppe vergessen; die Breelandhobbits. Die sind schließlich diejenigen, die es an den Baranduin umzusiedeln gilt.“

„Das habe ich nicht vergessen. Ihr sollt alle Unterstützung erhalten, wenn Ihr Versammlungen abhalten wollt oder Euer Vorhaben anderweitig vorzustellen gedenkt.“

Die Hobbits bedankten sich und machten sich endlich auf den Heimweg. Sie brannten darauf, ihre Familien wiederzusehen, und sie wollten sich auf die morgige Versammlung vorbereiten. Elena begrüßte ihren Gemahl freudig.

„Hallo Marcho. Ihr seid also endlich zurück.“

„Wir waren gerade mal eine Woche weg. Und diese Woche hat sich gelohnt. Der König unterstützt unser Vorhaben voll und ganz, und morgen sollen wir der Bürgerschaft von unserer Audienz berichten. Bis jetzt ist alles glatt gelaufen.“

„Bis jetzt schon. Während du weg warst, hatten wir einen großen Hangrutsch am Breeberg. Unser Feld ist halb mit Geröll verschüttet, und andere hat es noch schlimmer getroffen. Viele wissen nicht, wie sie über den Winter kommen sollen.“

„Oh“ machte Marcho. „Wir brauchen uns darüber keine so großen Gedanken zu machen, denn der König hat uns vieren ein Handgeld gegeben. Und ich glaube, wir dürften jetzt genug Umzugswillige finden.“

„Ja, das könnte so sein. Ich habe mit Milo Boffin gesprochen. Deren Feld wurde komplett verschüttet. Ich glaube, sie würden sofort mit uns mitkommen.“

„Das ist gut, denn hier gibt es auf Dauer kein Auskommen“ sagte Marcho nachdenklich.

Sie begaben sich nun zur Ruhe. Die Nacht war sternenklar, und Marcho lag noch lange wach. Er ließ die vergangene Fahrt noch einmal Revue passieren. Vor allem dachte er an die Audienz beim König zurück. Er fragte sich, wie der König die Siedler wohl unterstützen würde.

Blanco hatte die ganze Nacht über selig wie ein Murmeltier geschlafen (wenn Murmeltiere überhaupt selig schlafen).

Der nächste Tag wurde für die vier Hobbits zum vollen Erfolg. Der Stadtrat von Bree war einstimmig dafür, die Siedler zu unterstützen. Jeder Hobbit, der sich dazu entschloß, noch in diesem Jahr an den Baranduin zu ziehen, sollte Baumaterialien im Wert von zweihundert arnorschen Silberpfennigen erhalten (was einen hohen Wert darstellte, denn in diesen Tagen konnte man in Bree für hundertzwanzig Silberpfennige bereits ein kleines Haus kaufen). Überdies sollten sie genug Saatgut und Lebensmittel erhalten, um über den Winter zu kommen und im nächsten Jahr die Felder bestellen zu können.

„Zusammen mit den Hilfen des Königs dürften wir jetzt ja genug Anreize haben, um unsere Leute zum Mitgehen zu bewegen“ sagte Blanco. „Aber nachher werden wir ja wissen, welchen Erfolg wir damit bei den anderen Hobbits haben werden.“ Schon für den Nachmittag hatten sie eine erste Versammlung auf der alten Festwiese einberufen.

Die Festwiese füllte sich langsam. Marcho beobachtete die Hobbits, die auf die Wiese kamen. Ihm fiel auf, daß unter ihnen nicht nur viele aus den ärmeren Familien waren, sondern auch viele der wohlhabenderen Hobbits kamen.
Um drei Uhr war die Festwiese schon übervoll, und es kamen immer noch viele der Bewohner von Bree hinzu. Marcho fiel auf, daß von den Großen Leuten von Bree kaum einer dabei war, obwohl auch diese eingeladen waren, an den Baranduin zu ziehen.

Um halb vier traten Marcho und Blanco auf die eigens errichtete Rednertribüne. Beifall brandete auf.

„Meine lieben Landsleute“ begann Blanco. „Das Breeland ist schon seit längerem nicht in der Lage, uns allen ausreichend Brot zu geben. Viele sagen, es leben zu viele Leute hier. Aus diesem Grund haben wir den König von Arnor gebeten, uns Raum zum Siedeln zu geben, und er gewährt es uns bereitwillig. Westlich des Baranduin, eine Tagesreise zu Pony von hier, dürfen wir auf den alten, verlassenen Landgütern siedeln. Wir stehen dort unter dem besonderen Schutz des Königshauses. Jeder Siedler soll genug Land erhalten, um dort sein Auskommen zu finden; und es ist genug Land für alle da, denn bis zu den Turmbergen weit im Westen soll das Land unser sein.“

„Wie unsere Vorfahren begonnen haben, sollten wir weitermachen“ ergänzte Marcho. „Einstmalen verließen unsere Großeltern und Urgroßeltern die Länder, die wir östlich des Nebelgebirges hatten und die der Winkel genannt wurden. Sie sagen, es sei ein schönes Land gewesen, aber Orküberfälle machten es unsicher, und viele von uns Hobbits wurden versklavt. Sie kamen nach Bree, weil wir hier sicher sind und unter dem Schutz des Königs der Nördlichen Dúnedain stehen.
Jetzt haben wir die wohl einmalige Gelegenheit, wieder Lande unser Eigen zu nennen, die schöner sein können als es der Winkel jemals war, denn auch am Baranduin stehen wir unter dem Schutz des Königs. Dort werden alle von uns ein gesichertes Auskommen haben, und mit unserer eigenen Hände Arbeit können wir der Armut entrinnen. Wir werden ein Land haben, um das uns unsere Großeltern beneidet hätten. Der Preis, den der König hierfür fordert, ist gering: er fordert von uns die Treue, die wir ihm jetzt schon entgegenbringen, außerdem sollen wir die Oststraße nebst allen Brücken instandhalten. Für das, was wir gewährt bekommen, ein billiger Preis.“

„Heute Morgen hat der Stadtrat von Bree beschlossen, allen Siedlungswilligen, die dieses Jahr noch mit uns gen Westen ziehen wollen, ausreichend Baumaterial, Lebensmittel und Saatgut zur Verfügung zu stellen“ sagte Blanco. „Dies hat seinen Grund: wir sollen bald, möglichst noch in diesem Sommer losziehen, um vor dem ersten Frost unsere Unterkünfte errichtet zu haben. Am ersten August soll der erste Treck, angeführt von mir und Marcho, in die Lande westlich des Baranduin ziehen. Wer mit will, sollte sich baldmöglichst beim Bürgermeisteramt von Bree melden. Er kann sich aber auch heute schon in die Siedlerlisten eintragen lassen, die am Ausgang bereit liegen. Wer Fragen hat, kann sie gerne an mich oder meinen Bruder Marcho oder auch an Fredegar Beutlin oder Otho Straffgürtel stellen. Wir wünschen Euch noch einen schönen Tag und daß viele von Euch bald schon mit uns gen Westen ziehen werden!“

Tosender Beifall brandete auf. Solche Reden liebten die Hobbits: kurz, bündig und schnell auf den Punkt kommend. Viele schien die Rede der Tukbrüder überzeugt zu haben, denn bei den Stadtschreibern, die die Siedlerlisten führten, bildeten sich schnell lange Schlangen. Andere (auch nicht gerade wenige) bestürmten Marcho und Blanco mit Fragen aller Art, und sie hatten einen langen und anstrengenden Tag. Viele wollten wissen, wie die Lande am Baranduin beschaffen waren, andere machten sich Sorgen um ihre Sicherheit, und mancher wollte einfach nur wissen, wie die Hilfen vom Stadtrat und des Königs aussahen. Marcho hatte vom König eine Karte der Ländereien zwischen dem Baranduin und den Turmbergen erhalten und konnte damit den umstehenden Hobbits zeigen, wie groß die Siedlungslande im Vergleich zum Breeland waren, und daß sie von Osten, Norden und Westen her durch natürliche Barrieren und durch Verbündete des Königs von Arnor geschützt waren. Nur von Süden her würden sie sich selbst schützen müssen. Im Vergleich dazu waren sie im Breeland geradezu auf dem Präsentierteller für feindliche Übergriffe; aber der starke Arm des Königs hatte sie hier in stetem Frieden leben lassen.

Die nächsten Wochen wurden für Marcho, Blanco, Fredegar und Otho zu langen, anstrengenden Tagen. In allen Orten des Breelandes hielten sie Versammlungen ab, und viele Hobbits waren sofort bereit, in den Westen zu ziehen. Wegen des starken Andrangs mußten sie die Versammlungen zwei- drei- oder oft auch viermal abhalten. Viele Fragen wurden beantwortet und so mancher Zweifel beseitigt.

Marcho sandte eine Botschaft an den König, in der er die Zahl der Siedler nannte, die noch in diesem Jahr an den Baranduin ziehen wollten: es waren über zwölftausend Hobbits aus allen Schichten. Viele Bauern waren darunter, aber auch Handwerker; schmiede, Sattler, Schreiner, Zimmerleute und noch viele mehr. Marcho ersuchte den König um die Erlaubnis, am ersten August losziehen zu dürfen.
In der Zwischenzeit wurden in Bree die ersten Wagen mit Baumaterialien und Lebensmitteln beladen und reisefertig gemacht. Der Stadtrat ließ verlauten, daß alle, die sich in die Listen als Siedlungswillige eingetragen hatten, mit dem ersten Treck ziehen dürften. Für alle waren genug Lebensmittel und Ausrüstung für den nächsten Winter vorhanden; schon seit Tagen erreichte ein nicht enden wollender Strom von Wagen mit Waren aller Art Bree.

Am zwanzigsten Juli erreichte schließlich ein Eilbote des Königs das Breeland. In seiner Botschaft übermittelte König Artheleb II. seine besten Wünsche an alle Siedler und bestätigte noch einmal das Recht der Landnahme westlich des Baranduin. Marcho, Blanco, Fredegar und Otho wurden offiziell als Anführer der Hobbits benannt und als Fürsten von Arnor bezeichnet. Somit erhielten sie freie Hand für ihr Vorhaben.
Die arbeitsamen Tage vergingen rasch, und der erste August rückte immer näher. Viele Hobbits ließen sich von der Euphorie der Siedler anstecken und meldeten sich nun ebenfalls für den Treck an. Marcho erklärte, daß auch nach Ablauf dieses Jahres Siedler willkommen waren. Doch nur wenige Hobbits verhielten sich abwartend, die meisten brannten darauf, endlich auf eigenen Beinen zu stehen und nicht mehr von den Hilfen anderer abhängig zu sein.

Endlich war der langersehnte Abreisetag gekommen. Ganz Bree war auf den Beinen, um ihre langjährigen Freunde und Nachbarn zu verabschieden. Ein endlos scheinender Wagenzug hatte sich formiert, und alle waren reisebereit.

Am Abend zuvor waren Marcho, Blanco, Fredegar und Otho noch einmal zu einem letzten Krug Bier im Tänzelnden Pony zusammengesessen. Sie waren zu dem Entschluß gekommen, sich ab der Brücke über den Baranduin in drei Gruppen aufzuteilen. Marcho wollte noch ein Stück an der Oststraße entlang ziehen. Auf einer Länge von etwa fünfundzwanzig Meilen verlief neben ihr ein kleines Flüßchen. Marcho fand, daß sich entlang dieses Flusses ideale Siedlungslande für die Hobbits befinden mußten. Blanco hatte vor, sich gen Süden zu wenden und auf der Westseite des Baranduin zu siedeln. Er fand, daß auch in den Hügellanden, die südlich der Oststraße verliefen gute Ackergründe sein mußten. Die Freunde Fredegar und Otho planten, noch weiter als Marcho auf der Oststraße zu ziehen, damit sichergestellt war, daß die Straße auf ihrer ganzen Länge instandgehalten werden konnte.

Nun waren sie also zum Aufbruch bereit. Der Bürgermeister von Bree wollte noch eine kurze Ansprache halten, und dann würden sie losziehen. Marcho schätzte, daß sie zwei Tage bis zum Baranduin unterwegs sein würden. Jede Gruppe würde für sich dann noch etwa eine Woche unterwegs sein.

Herr Butterblume stieg auf eine Mauer und erhob das Wort. „Ihr lieben Hobbits! Ihr steht auf der Schwelle zu einer Reise, die Euer Leben ganz und gar verändern wird. Es hängt von Euch ab, wie dieses Abenteuer ausgehen wird, doch bei so vortrefflichen und fleißigen Leuten, wie Ihr es seid, habe ich keine Befürchtungen zu hegen. Ich bin mir sicher, daß Ihr Euer Land zur Blüte führen werdet, und Ihr werdet Frieden und Wohlstand finden. Fahrt denn, und möge der Segen aller guten Wesen auf Euch liegen!“

Beifall brandete auf, und dann ergriff Blanco, der neben dem Bürgermeister stand, das Wort. „Landsleute! Heute nun brechen wir auf, eine neue Zukunft zu finden!“ Lauter Jubel. „Wir werden uns ab dem Baranduin in drei Gruppen aufteilen. Eine zieht gen Westen, eine gen Süden und eine wird in der Nähe der Brücke bleiben. Es ist Euch freigestellt, Euch der Gruppe anzuschließen, deren Siedlungsorte Euch gefallen. Es wird kein Abschied auf Dauer sein, denn unsere Wohngebiete werden aneinander grenzen, so daß gegenseitige Besuche kein Problem sein werden. In den nächsten zwei Tagen könnt Ihr Euch entscheiden, wohin Ihr ziehen wollt.“

Mit diesen Worten sprang Blanco von der Mauer herunter, schwang sich auf sein Pony und setzte sich an die Spitze des Zuges. Dann brachen sie endlich auf und ließen ihr altes Leben hinter sich.

Schon bald hatten sie den Breeberg hinter sich gelassen, und zu ihrer Linken sahen sie hohe, grasbewachsene Hügel. Auf vielen von ihnen waren die Gräber der Könige und Fürsten von Arnor, denn hier war seit alters her die Mitte des Königreiches der Nördlichen Dúnedain.
Gegen Abend hatten sie die Hügel der toten Könige hinter sich gelassen, und am Saum des Alten Waldes hielten sie an. Niemand wagte es, in diesen Wald hineinzugehen, denn er galt als absonderlich und verwunschen. Selbst die Elben vermieden es, diesen Wald zu betreten. Es hieß, er sei der letzte Überrest der alten Wälder von Mittelerde, die das ganze Land einst von den eisigen Küsten im hohen Norden bis zu den Landstrichen im fernen Süden bedeckten. Hinter vorgehaltener Hand erzählten sich die Menschen von Bree, daß in diesem Wald irgend etwas Bösartiges lauerte, und daß die Bäume des nachts umhergingen und Jagd auf alles machten, was auf zwei Beinen ginge. Nein, diesen Wald wollten sie des Nachts nicht durchqueren, denn im Gegensatz zur Nord – Süd – Straße rückten die Bäume dicht an die Straße heran, und an vielen Stellen verlief sie wie durch einen grünen Tunnel, deren Gewölbe aus altersgrauen Bäumen gebildet wurde.
Diesen Tunnel durchschritten die Hobbits anderentags, und nach fünf Stunden im schattigen Wald standen sie plötzlich auf der großen, alten Brücke über den Baranduin, von der es hieß, daß sie zu Zeiten des Hochkönigs Elendil erbaut worden war.

Hinter der Brücke befand sich eine große Wiese. Marcho und Blanco, die an der Spitze des Zuges ritten beschlossen, dort anzuhalten und die Ankunft aller Hobbits abzuwarten.
Marcho blickte auf die endlos scheinende Wagenschlange hinter ihm zurück. Er vermutete, daß es bis zum Abend dauern würde, bis alle Siedler den Wald verlassen hatten. Am Schluß waren Fredegar und Otho, und mit ihnen wollte er ihr weiteres Vorgehen besprechen.
Der Hobbit hatte nun Zeit, den Saum des Alten Waldes zu betrachten. Kiefern, Föhren und Tannen wuchsen auf dem mageren Sandboden, und nur am Waldrand hatten Himbeeren und Brombeeren überhaupt eine Chance, sich auszubreiten. Nur wenig Sonnenlicht drang auf den Waldboden, und derjenige, der aus dem Alten Wald heraustrat, fühlte sich von der plötzlichen Intensität des reinen und ungefilterten Sonnenlichts wie geblendet.
Nun blickte Marcho gen Westen; dorthin, wo er siedeln wollte. Er überlegte, ob er vielleicht eine Ortschaft direkt an der Brücke gründen sollte. Auf alle Fälle würde er noch ein gutes Stück weiter gen Westen ziehen müssen, um alle Hobbits unterbringen zu können. So weit der Hobbit blicken konnte, verlief nördlich der Straße eine Hügelkette. Sie war dicht bewaldet und nur an wenigen Stellen von Wiesen durchbrochen. Von den alten königlichen Gutshöfen sah man kaum eine Spur.
Blanco war schon ein Stück entlang des Flusses geritten, um sich einen ersten Überblick über sein künftiges Siedlungsland zu verschaffen. Das Land zur Rechten des Baranduin war auf einer Breite von etwa fünf Meilen topfeben, erst dann erhob sich die Hügelkette, die den Reisenden auf der Oststraße zu seiner Linken auf etwa drei Tagesreisen stetig begleitete.
Das flache Marschland war sumpfig, und Blanco vermutete, daß es im Frühjahr und im Herbst Überflutungen durch den Hochwasser führenden Baranduin ausgesetzt war. Hier wuchsen vereinzelt Pappeln und Erlen, die aus dem dichten Gestrüpp herausragten. Es gab einige höherliegende, trockenere Landstriche, auf denen nur Gras wuchs. Blanco beschloß, sie als möglichen Bauplatz für Häuser im Hinterkopf zu behalten.

Zum Sonnenuntergang waren auch Fredegar und Otho in ihrer neuen Heimat angekommen. Sie saßen noch lange mit Marcho und Blanco am Lagerfeuer zusammen, denn anderentags wollten sie sich trennen und zu ihren Siedlungsgebieten aufbrechen.

„Bis jetzt ist ja wirklich alles glattgegangen“ sagte Fredegar. „Alle sind wohlbehalten am Baranduin angekommen. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, wenn es weiterhin so gut klappt.“

„Ja“ antwortete Blanco. „Bislang klappt alles besser als gedacht. Aber das Jahr vergeht schnell, und der Winter kommt schneller als manche denken. Wir müssen uns ranhalten, wenn alle bis zum ersten Frost eine Unterkunft haben sollen.“

„Wann, schätzt du, müssen wir mit dem ersten Frost rechnen?“ fragte Fredegar.

„Schwer zu sagen. In Bree mußten wir ja ab September mit Frösten rechnen. Die Lande hier scheinen milder zu sein. Ich würde aber trotzdem sagen, daß bis September alle in Häusern oder Höhlen untergebracht sein müssen.“

„Das wird ein hartes Stück Arbeit, und trotzdem kann es sein, daß wir den ersten Winter in der gleichen, drangvollen Enge wie in Bree erleben.“

„Möglicherweise. Ich würde aber trotzdem vorschlagen, weiterzubauen so lange es geht. Wir müssen bis September für alle bloß die Möglichkeit schaffen, irgendwo unterzukommen. Wenn wir weiterbauen können, weil es noch keinen Frost gibt, dann ist es nur um so besser.“

„Wir sollten auch daran denken, Äcker anzulegen und Land urbar zu machen“ ergänzte Otho. „Dieses Jahr werden wir wohl nichts mehr aussäen können. Trotzdem ist es im nächsten Frühling zu spät, dann erst mit dem Roden zu beginnen, weil dann die Zeit der Aussaat bereits gekommen ist.“

„Wohl wahr“ antwortete Marcho. „Für diesen Winter haben wir genug Lebensmittel für alle. Wir haben durchaus noch Zeit, was das Roden von Waldflächen angeht. Wir haben aber wenig Zeit, Unterkünfte für alle zu schaffen. Dies sollten wir zuerst in Angriff nehmen. Morgen breche ich auf. Ich werde mit so vielen Leuten, die mit mir gehen wollen, noch ein Stückchen weiter westwärts ziehen. Dort gründen wir unsere ersten Siedlungen direkt an der Oststraße.“

„Ich gehe gen Süden. Das Land entlang des Baranduin scheint mir fruchtbar genug zu sein, um eine große Anzahl von Leuten ernähren zu können.“

„Ich werde noch weiter westwärts ziehen als Marcho“ sagte Fredegar. „Entlang der Oststraße muß es noch viele fruchtbare Landstriche geben, ehe wir die Turmberge erreichen. Noch mehr davon muß es abseits der Straße geben. Das dürfte mit Sicherheit interessant werden. Vielleicht wird es sogar ein Abenteuer!“

„Und wo gehst du hin, Otho“ fragte Marcho.

„Ich weiß es noch nicht genau. Vielleicht gehe ich mit Fredegar zu den Turmbergen. Ich hatte zwar überlegt, in die Lande nördlich der Oststraße zu ziehen, aber vielleicht ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh. Nein, wir sollten uns zuerst entlang der Oststraße und vielleicht noch entlang des Flusses niederlassen, und die abgelegeneren Gebiete dieser Gegend erforschen wir dann, wenn wir unsere ersten Ansiedlungen hier gefestigt haben.“

„Das scheint der richtige Weg zu sein“ sagte Fredegar. „Dieses Jahr bleiben wir noch an den bekannten Wegen. Otho hat recht. In den nächsten Jahren sollten wir die abgelegenen Lande erforschen und besiedeln. Jetzt aber brechen wir auf zu unserem ersten Schritt. Viele wollen mit mir noch weiter ziehen. Morgen früh geht es los.“

„Ich komme mit dir“ sagte Otho.

„Dann trennen sich morgen also fürs erste unsere Wege“ sagte Blanco feierlich. „Wir werden Kontakt halten, aber auch selbst für uns sorgen müssen. Bald sorgen wir vielleicht auch für andere.“


In den neuen Landen

Die letzten heißen Sommertage waren vergangen und der herbst mit seiner rotgoldenen Pracht war auch viel zu schnell vorübergegangen. Es war nun schon mehr als ein Jahr her, seit die Hobbits von Bree ausgezogen waren, eine neue Heimat zu finden, und sie hatten sich in ihrem neuen Land gut eingelebt.

Der erste Winter war relativ hart gewesen, denn sie hatten noch nicht für alle eine Höhle oder ein Haus bauen können, und so mußten zwei, manchmal auch drei Familien eine Unterkunft teilen. Aber das waren sie aus Bree noch gewohnt. Schwerer wog der Umstand, daß sie noch keine eigenen Nahrungsmittel hatten anbauen können, so daß sie auf die eher kargen Rationen des Königs angewiesen waren.

Aber der Winter war schnell vorüber gegangen (und er war nicht allzu kalt gewesen) und das emsige Arbeiten war weiter gegangen. Otho und Fredegar waren bis fast an die Turmberge gezogen, und die etwa fünftausend Hobbits, die mit ihnen gegangen waren, hatten viele kleine Dörfer und Weiler und drei hübsche Städtchen gegründet. Die größte (und schönste) Stadt war Michelbinge. Es war an den östlichsten Ausläufern der Turmberge gelegen. Viele große und schöne Höhlen hatten die Hobbits in die Hänge gegraben, und im Talgrund standen große, niedrige Häuser. Sowohl die Häuser als auch die Höhlen hatten runde Fenster und sogar runde Türen. Die Wände waren nach außen ausgebaucht und bestanden aus festen Bruchsteinen oder aus roten, gebrannten Tonziegeln.
Die Ziegel kamen aus Nadelhohl, einem kleinen Städtchen, das anderthalb Tagesreisen nordöstlich von Michelbinge gelegen war. Das Land dort war ebenso hügelig wie in Michelbinge, aber die Täler waren von weitläufigen Mooren und Sümpfen durchzogen. An den Hängen aber hatten die Hobbits die wohl vorzüglichste Tonerde von Mittelerde gefunden. Noch weiter nördlich war ein felsiges, langgezogenes Tal. Es war trockener als die Täler bei Nadelhohl, und auf den Südhängen gedieh wilder Wein. Die Weinstöcke waren vor Urzeiten von den Dúnedain gepflanzt worden, als sie hier ihre neue Heimat nach ihrer Flucht über das Meer gefunden hatten. Die Könige des Westens schätzten den Rebensaft aus der Gegend des Baranduintals, und es hieß, in alten Zeiten war er weit nach Süden verschickt worden und wurde dort in Gold aufgewogen. Doch vor langer Zeit schon hatten die Menschen diese Gegend verlassen, und die einstmals gehegten und gepflegten Weinstöcke waren jetzt verwildert und wuchsen nun ungezügelt und ungezählt inmitten zahlloser Abkömmlinge.

Fredegar und Otho hatten ihre Wohnungen in Michelbinge. Dort hatte jeder eine große und schöne Höhle in den Südhang des Michelberges gegraben. Michelbinge hatte seinen Namen von Fredegars jüngstem Sohn Michel, der gleich nach ihrer Ankunft angefangen hatte, im Sand zu buddeln (noch ehe sein Vater vom Pony abgestiegen war) und damit unfreiwillig den Namen und den Ort der westlichsten Hobbitstadt festgelegt hatte.

Marcho war nicht weit von der Baranduinbrücke geblieben und hatte die erste Hobbitsiedlung in ihren neuen Landen gegründet; Balgfurt an der Brücke. Blanco, Fredegar und Otho waren bei der Ortsgründung noch zugegen gewesen.
Langsam war Marcho dann entlang der Oststraße westwärts gezogen, und die nächsten Ortsgründungen waren Weißfurchen, Froschmoorstetten und Wasserau gewesen. Diese Orte lagen genau einen Nachmittagsspaziergang voneinander entfernt. Durch alle drei Orte floß das kleine Flüßchen, dem die Oststraße auf drei Tagesreisen folgte und das von den Hobbits kurz und knapp „die Wässer“ genannt wurde. Bei Wasserau weitete sich das Flüßchen zu einem See, und an diesem schönen Flecken Erde lebten bald so viele Hobbits, daß sich rings um den See schöne Hobbithöhlen befanden. Am Ostufer lag Wasserau und die Siedlung am Westufer wurde von ihren Bewohnern „Hobbingen am See“ genannt.

Blanco war entlang des Baranduin gen Süden gezogen, und unweit der Oststraße und von Balgfurt hatte er das Örtchen Stock gegründet. Es lag auf einer Anhöhe inmitten der Marschlande, die von kleinen Bächen und unzähligen Nebenarmen des Baranduin und der einmündenden Wässer durchzogen waren. Rohrholm und Weidegrund lagen ebenfalls am Baranduin, aber am Weidegrund war der Boden fester, und hier weideten unzählige Kühe, Schafe und Ponies.
Die Hobbits hatten begonnen, die Lande zwischen Stock und Weidegrund trockenzulegen und urbar zu machen. Viele Entwässerungsgräben führten das überschüssige Naß zum Fluß, und jetzt hatten sie dort, wo noch vor einem Jahr schlammige Sümpfe waren, viele fette Weiden und gute Äcker.

In den südlich der Oststraße gelegenen Hügeln hatte Blanco eine Stadt gegründet, die inmitten ausgedehnter Buchen- und Eichenwälder lag. Hier in Buckelstadt war das Klima milder und trockener als unten am Fluß, und hier hatte Blanco seine Höhle.
Südlich von Buckelstadt, an den südlichen Ausläufern der Hügel, war ein weiteres Städtchen, Langgrund. Dort hatten die Hobbits weitläufige Ackerflächen und große Weinberge, die schon von den Dúnedain angelegt worden waren. Diese Lande hatten die Menschen zuletzt aufgegeben, und es fanden sich hier und da noch Ruinen der alten Gutshöfe.
Südlich von Langgrund war eine große Ebene, die bis zum Horizont reichte. Der Baranduin wand sich wie ein silbernes Band, bis er sich in der Ferne verlor. Was südlich der Sarnfurt war, die inmitten der Ebene war, wußte kein Hobbit.

Nach dem nicht allzu strengen Winter war der Frühling des Jahres 1601 gekommen, und die Aussaat hatte ziemlich zeitig begonnen. Hobbits können fleißiger als die Bienen sein, wenn es sein muß, und sie arbeiten rasch und gründlich. Sie hatten weite Landstriche fruchtbar gemacht, und die Weinberge waren wieder in Ordnung gebracht worden. Das ganze Land hatte vor Betriebsamkeit nur so gesummt, und die Angesandten des Königs berichteten bei Hofe staunend von den enormen Fortschritten.
Das Wetter war gut, die Sonne schien im rechten Maß und es regnete dann, wenn der Regen gebraucht wurde. Das Getreide wuchs schnell und hoch, die Bäume bogen sich unter der Last der Kirschen, Birnen, Äpfel und vielen anderen Früchten und alles wuchs und gedieh.
Auch abseits der Felder tat sich viel. Erste befestigte Wege wurden angelegt, um die Orte untereinander und mit der Straße zu verbinden. Noch immer wurden neue Häuser gebaut und Höhlen angelegt, und noch immer kamen Hobbits aus Bree, die in den neuen Landen siedeln wollten. Milch und Käse gab es schon jetzt im Überfluß, und was überschüssig war, wurde nach Arnor geschickt. Im Gegenzug erhielten die Hobbits Saatgut, Baumaterialien und viele weitere Dingen des täglichen Bedarfs. Die Hobbits, die am Baranduin lebten, nannten ihren Fluß bald nur noch Brandywein (wer auf diesen Namen gekommen war und warum, wußte keiner so genau) und das Land, in dem sie wohnten, nannten die Hobbits der vielen Flußarme und Bäche wegen das Auenland, und auch diese Bezeichnung hatte sich überall im ganzen Land eingebürgert. Marcho wunderte sich ein wenig darüber, wie schnell die Hobbits die Ortsnamen an ihre eigene Lebensweise angepaßt hatten, aber das zeigte auch, wie schnell sie hier schon heimisch geworden waren. Nach den schlechten alten Zeiten der drangvollen Enge von Bree sehnte sich hier niemand mehr zurück.
Auch Handel und Handwerk gediehen. In den Nordmooren fanden sich vorzügliche Erze, aus denen Schmiede kunstvolle Werkzeuge und Schmuck aus Eisen, Kupfer und Zinn fertigten. Die Waren wurden bis nach Königsnorburg und an die Menschensiedlungen am Abendrotsee verkauft, und viele der Dúnedain von Arnor fragten sich, warum sie die Hobbits nicht schon früher an den Baranduin geschickt hatten.

Der Herbst war gekommen, und die Zeit der Ernte war da. Die Speicher waren voller Getreide, in den Kellern lagerten Unmengen Obst und Gemüse, und der Most war vorzüglich. Fredegar hatte die Idee, einige Flaschen an den Königshof zu schicken. Die Dúnedain waren wie versessen auf Wein, aber an den wenigen brauchbaren Hängen am Abendrotsee konnten sie nur irgendein saures Zeug hervorbringen.
Der Erfolg der Hobbits vom Auenland hatte sich in Bree wie ein Lauffeuer herumgesprochen (zumal Fredegar einige Flaschen des wohl süßesten Mosts von Mittelerde zum Ponywirt geschickt hatte) und so kamen noch immer unzählige Siedler, die dem Breeland den Rücken gekehrt hatten. Viele neue Ortschaften wurden gegründet, und die Zahl der Einwohner wuchs stetig. Bald schon wurde in Bree die Sorge laut, daß es dort wohl bald keine Hobbits mehr geben würde. Doch es gab einige, die das Breeland nicht verlassen wollten, und auch deren Wohlstand wuchs, da jetzt das kleine Ländchen nicht mehr so viele Leute ernähren mußte.
Zwischen dem östlichen Auenland und Bree wurde der Verkehr sogar stärker, denn es gab viele, die ihre alten Freunde besuchen wollten. Die einen waren neugierig, wie es ihren alten Nachbarn und Freunden in ihrer neuen Heimat wohl ging, und die anderen wollten ihre alte Heime noch einmal sehen. Es durfte schon gesagt werden, daß es allen jetzt besser ging, vor allem, weil Bree jetzt der Dreh- und Angelpunkt im Handel zwischen dem Auenland und Arnor war. Und als der König im folgenden Jahr die ersten Flaschen auenländischen Weines erhielt, war der ganze Hof der festen Überzeugung, mit der Ansiedlung der Hobbits in den Westlanden die beste Tat seit vielen Jahren begangen zu haben.

Marcho, Blanco, Fredegar und Otho trafen sich jeden Monat mindestens einmal, um Erfahrungen auszutauschen und Rat von den anderen einzuholen. Mittlerweile war es wieder November, und die Blätter färbten sich allmählich rot. Marcho war in seinem neuen Haus in Balgfurt an der Brücke, und gemeinsam mit seiner Frau Elena machte er die Gästezimmer für ihr monatliches Treffen bereit. Dieses Mal sollten nicht nur die vier Hobbits ihre Probleme und Vorhaben besprechen; nein, es waren Gäste aus dem fernen Königsnorburg angekündigt worden. Sie waren vom König geschickt worden, um vom Erfolg der Hobbits zu lernen und um deren Methoden für Ackerbau und Viehzucht kennenzulernen. Einige von ihnen waren sogar aus dem fernen Gondor gekommen, um hier im Auenland die Agrarwirtschaft der Hobbits zu studieren.
Gondor, das Königreich der Südlichen Dúnedain lag unzählige Wegstunden südlich des Brandywein und westlich des Nebelgebirges. Man erzählte sich noch immer die Geschichten von der Landnahme der Könige von jenseits des Meeres, als der Große Feind von den Hohen Königen niedergeworfen wurde, ehe die Reiche von Arnor und Gondor auseinanderfielen und die weiten Lande zwischen dem Norden und dem Süden wieder unsicher wurden. Auch wenn Sauron, der Große Feind, von Elendil, Isildur und Anárion niedergeworfen worden war, seine Diener und Kreaturen hatten die Niederwerfung überlebt und machten die langen Wegstunden auf der alten Südstraße zu einem Wagnis.
Nicht zuletzt deswegen hatte König Artheleb II. von Arnor dem Ansinnen der Hobbits zugestimmt, in den alten Westlanden von Arnor zu siedeln. Seit der Niederwerfung des Feindes war die Zahl der Dúnedain im Norden zwar wieder gestiegen, aber die Verluste, die dieser vernichtende Krieg vor Menschenaltern schon geschlagen hatte, waren noch immer nicht ausgeglichen.
Nach allem, was man hörte, war es den Dúnedain im Süden besser ergangen. Ohne die unmittelbare Bedrohung durch Feinde war das Volk von Gondor stetig gewachsen, und viele Lande, die seit alters her keine menschlichen Behausungen mehr gekannt hatten, waren nun dicht besiedelt. Nur an der äußersten Nordgrenze hatten sie kleinere Scharmützel mit Orks, aber die Menschen von Westernis erwiesen sich immer als die Stärkeren.
Trotz allen Glücks und Friedens gab es auch in Gondor Probleme. Die Könige von Gondor sahen es mit Sorge, daß sich die Bevölkerung auf wenige, wenn auch fruchtbare Landstriche konzentrierte, wo das Land Mühe hatte, alle zu ernähren; und nur wenige Wegstunden entfernt lag gutes Ackerland brach. Man erzählte sich, in Númenor war es üblich gewesen, daß die Sippe beieinander wohnte und zusammen das Land bestellte. Aber Númenor war eine Insel, die schon lange untergegangen war (hieß es) und die alten Sitten, die dort gut und richtig gewesen waren, mochten sich auf dem Festland als nicht so praktisch erweisen.

Im Gegensatz zu den Menschen lebten die Hobbits nicht in großen Städten, sondern in der Mehrzahl in kleinen Dörfern und Weilern, die von ausreichend Ackerland und Weiden und Wäldern umgeben waren. Nur dort, wo Handel und Handwerk blühten, hatten sie Städte gegründet (wie in Michelbinge oder Buckelstadt) und nur dort lebten mehr als fünfhundert Hobbits in einer Ansiedlung. Marcho hatte bewußt sein Heimatdorf Balgfurt als Ort der Novemberversammlung gewählt, um den Menschen von Arnor und Gondor die Lebensweise der Hobbits nahezubringen.


Ein grauer Wanderer

Marcho war schon seit Tagen damit beschäftigt gewesen, sein Haus für die Novemberversammlung vorzubereiten. Zusammen mit seiner Frau stellte er fast alle Zimmer auf den Kopf, und mit jeder Stunde wurde er immer aufgeregter.

„Wann treffen unsere Gäste wohl ein“ fragte Elena.

„Blanco, Fredegar und Otho wollen morgen früh hier sein“ antwortete Marcho. „Wir besprechen unsere alltäglichen Probleme zuerst. Die Menschen sollen erst in ein paar Tagen hier sein. Es heißt, daß sie zuerst zum König gehen, um von ihm Botschaften und Befehle zu erhalten. Das gibt uns Hobbits Zeit, uns besser auf sie vorzubereiten. Außerdem müssen sie unseren alltäglichen Kleinkram nicht unbedingt mitkriegen.“

„Und wo bringen wir sie unter?“

„Natürlich hier bei uns, in unseren Gästezimmern. Die Hobbits wissen Bescheid, daß es zuerst einmal enger als gewohnt zugeht. Der Bote des Königs hat vier Menschen aus Arnor und Gondor angekündigt. Jeweils zwei von denen kommen in einem Gästezimmer unter. Nachher soll jeder von ihnen mit einem von uns mitkommen, um unser Land kennenzulernen.“

Marcho, Blanco, Fredegar und Otho waren jetzt schon drei Tage in Marchos Haus in Balgfurt an der Brücke zusammen gewesen. Sie hatten viel über ihre alltäglichen Probleme diskutiert und debattiert. Es war aber um nicht viel mehr als die Aufteilung von Ackerland und den Bau von Straßen gegangen.
Abends waren die vier dann in die Brückenstube gegangen. Die Brückenstube war das erste Gasthaus, das der Reisende von Bree kommend im Auenland antraf, und die Gaststube bot einen herrlichen Blick auf den Brandywein und den Alten Wald. Eine große Fensterfront, die an schönen Tagen geöffnet wurde, brachte dem Gast diese herrliche Aussicht. Bei schönem Wetter konnte man aber auch im Biergarten direkt am Flußufer Platz nehmen. Marcho fand es gut, daß der Brückenwirt diese alte breeländische Tradition übernommen hatte.
Das Wetter war die ganze Zeit über schön gewesen, aber heute, am dritten Abend ihrer Zusammenkunft hatte es umgeschlagen und es hatte zu regnen angefangen. Ein steter Westwind brachte immer neue Regenwolken vom Meer heran. Die vier beeilten sich, ins warme und trockene Wirtshaus zu kommen und den Regen auszuschließen.
Die vier erwarteten ihre Gäste für übermorgen. Sie waren noch nicht in Bree angekommen, und Marcho vermutete, daß die Menschein die Nacht dort im Tänzelnden Pony verbringen würden. Den Hobbits würden noch zwei Tage der Ruhe verbleiben.

Sie hatten Platz an einem der Tische an der Fensterfront genommen. Der Regen schlug gegen die Butzenglasscheiben, und draußen waren nur undeutlich die Schemen des Brandywein und des dahinterliegenden Alten Waldes zu erkennen. Doch die vier blickten nur selten nach draußen, denn sie waren schon bald in eine Unterhaltung mit den ortsansässigen Hobbits vertieft.
Sie sprachen über ihre erste große Ernte (die besser ausgefallen war als gedacht), die bevorstehende Weinlese (ein sehr verheißungsvolles Thema) und über das Bier (ein wohlschmeckendes und deshalb beliebtes Thema). Marcho meinte, daß sie schon jetzt Überschüsse erwirtschaftet hatten.

„Wir sollten einen Teil davon für schlechtere Zeiten aufheben und den anderen Teil dem König schicken“ meinte er. „Schließlich haben wir es ihm zu verdanken, daß wir hier wohnen dürfen. Und er soll ruhig noch mehr von unserem Erfolg erfahren.“

„Stimmt es, daß Menschen hierherkommen wollen, um von uns zu lernen“ fragte Gerontius Pausbacken, ein ortsansässiger Bauer.

„Ja“ antwortete Blanco. „Übermorgen dürften sie hier eintreffen. Stellt euch vor, unser Erfolg hat sich sogar bis in den fernen Süden herumgesprochen, denn zwei der Menschen kommen aus dem fernen Gondor.“

Ungläubiges Staunen machte die Runde. „Vom fernen Gondor“ sagte Gerontius. „Aber nicht, daß die hier auch noch siedeln wollen.“

„Das glaube ich nicht“ sagte Marcho. „Der König sprach davon, daß es in Gondor viele brach liegende Landstriche gibt, aber wie diese sinnvoll zu bewirtschaften sind, weiß dort keiner. Nein, sie kommen ins Auenland um zu lernen, wie man aus ödem Brachland Ackerland macht.“

„Ach so“ sagte Gerontius. „Also deshalb kommen Menschen aus dem warmen Süden in den kalten, regnerischen Norden“ lachte er. „Na, bei mir könnten die einiges lernen.“

„Vielen Dank für das Angebot. Ich komme darauf zurück“ lachte Marcho. „Einer von denen wird bei mir bleiben, die anderen gehen mit Blanco, Otho und Fredegar mit. Wir werden uns bei dir melden, wenn wir soweit sind.“

Sie wandten sich wieder ihrem Bier zu (von dem reichlich auf dem Tisch stand) und bemerkten nicht, wie ein grau gekleideter, alter Mann die Gaststube betrat. Er schien ein Mensch zu sein, obwohl er eher klein und gedrungen war. Er trug einen hohen, breitkrempigen Hut, der oben spitz zulief, hatte einen langen, weißen Bart und stützte sich beim Gehen auf einen langen Stab. Langsam blickte er sich um, als ob seine Augen sich an das fahle Licht der Wirtsstube erst noch gewöhnen mußten.

Endlich bemerkte Blanco ihn und erhob sich von seinem Platz. Er trat auf ihn zu. „Seid willkommen, alter Mann. Kommt und setzt Euch zu uns!“ Er half ihm aus dem Mantel, nahm seinen Hut und brachte beides zur Garderobe. Dann holte er einen Stuhl und stellte ihn an ihren Tisch. Mit einer Handbewegung und einem Kopfnicken lud er den alten Mann ein, sich zu ihm zu setzen.

„Guten Abend“ sagte dieser. Er sprach mit einer tiefen, melodischen Stimme, die gar nicht zu ihm zu passen schien. Dunkle, gebieterische Augen funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen. „Sicher werdet Ihr Euch wundern, was ein so alter Mann wie ich in so einem entlegenen Landstrich denn suchen mag. Es ist jedenfalls mehr als nur der bloße Schutz vor Regen und Wind; obwohl ich sagen muß, daß ich sehr überrascht bin, ein so gastliches Wirtshaus an der alten Brücke zu finden. Als ich hier zum letzten Mal unterwegs war, fand ich nichts als karges, unbewohntes Land. Aber ich dachte mir schon, daß sich hier einiges geändert haben dürfte.“

„Wieso dachtet Ihr, daß sich in den Westlanden etwas geändert haben sollte“ fragte Marcho neugierig. „Von Euch haben wir hier noch nie etwas gehört.“

„Ich aber von Euch. Ich bin schon häufiger durch Bree gezogen und habe von euch Hobbits gehört. Nur hätte ich nie geglaubt, daß an dem Gerücht etwas Wahres sein würde: ihr wollt in ein eigenes Land ziehen. Aber nun seid ihr hier. Und nun zu mir: manche nennen mich Olórin, manche Gandalf, die Elben nennen mich Mithrandir. Ich bin einer der Fünf Zauberer, die allen guten Wesen zur Seite stehen. Und zur Seite stehen will ich euch. Ich suche die vier Anführer, die die Hobbits von Bree hierher geführt haben.“

„Die vier Anführer“ sagte Blanco. „Anführer haben wir keine, außer dem König. Wir haben unseren Leuten lediglich den Weg hierher gezeigt. Ich bin Blanco, das ist Marcho“ er zeigte auf den Hobbit neben sich, „das ist Fredegar und das Otho. Wir haben zwar den König gefragt, ob wir hier siedeln dürfen, aber Anführer sind wir deshalb keine.“

„Ach was“ rief da ein Hobbit aus dem Hintergrund. „Hört nicht auf deren Gerede. Natürlich sind wir den Vieren ins Auenland gefolgt, Herr Gandalf. Ihr habt schon die Richtigen gefunden.“

„Und das ist gut so“ sagte Gandalf. „Ich muß mit euch vieren noch einiges bereden. Ich kann euch sicherlich einige recht nützliche Dinge zeigen und Rat geben.“

„Danke“ sagte Marcho. „Wir werden Eure Hilfe wohl schneller in Anspruch nehmen als Ihr denkt. Übermorgen soll eine Delegation Menschen hier eintreffen, denen wir etwas über Ackerbau beibringen sollen. Aber ich finde, darüber sollten wir morgen sprechen. Heute nacht sollt Ihr mein Gast sein, und Ihr sollt kommen und gehen, wie es Euch beliebt. Alles weitere sehen wir später. Doch jetzt essen wir zu Abend.“

Mit diesen Worten brachte der Wirt ihr Abendmahl. Es war reichlich und genug für fünf, und nach einer Stunde des Schmausens, die nicht durch unnötiges Gerede unterbrochen wurde, stieß selbst Otho einen satten Seufzer aus.

„Man könnte meinen, du hättest zugenommen, seit wir uns zum letzten Mal getroffen haben“ bemerkte Marcho über den Rand seines Bierkruges hinweg.

„Das wollte ich dich auch gerade fragen“ erwiderte Otho.

„Fürwahr, euch geht es hier offenbar nicht schlecht“ bemerkte Gandalf. „In Bree waren die Wirte noch nie so freigiebig wie hier. Und ich kenne es schon eine Zeitlang.“

„Ja, Bree war entbehrungsreich“ sagte Fredegar. „Aber hier haben wir endlich die Gelegenheit, uns von diesen Entbehrungen zu erholen.“

„Schlecht ist Euch der Umzug nicht bekommen“ meinte der alte Mann. „Euer Wohlergehen spricht sich schnell in diesen Gegenden herum; für meine Begriffe zu schnell. Keine zehn Tagesreisen von hier ist altes Troll- Land, und nur die Mannen des Königs sorgen noch für Frieden und Sicherheit. Doch die Zahl der Menschen schwindet, obwohl sie noch immer stark sind in diesen Landen. Eines Tages werden sich die Hobbits wohl oder über selbst helfen müssen.“

„Eines Tages? Ich hoffe doch, wir werden es nicht mehr erleben“ rief Marcho. „Was die kommenden Generationen vielleicht an Mühen und Kämpfen haben mögen können wir, die wir heute auf dem Antlitz der Welt wandeln, wohl kaum beeinflussen.“

„Manches aber doch“ entgegnete Gandalf. „Ihr könnt jetzt den Grundstein für den Wohlstand der kommenden Generationen legen, wenn ihr jetzt gewissenhaft an das Wohl aller Hobbits denkt. Ich wandle schon weitaus länger auf dem Antlitz dieser Welt als Ihr und ich habe schon viele Reiche kommen und gehen sehen. Nicht wenige bestanden nur kurz, weil ihre Herrscher nur an das eigene Wohlergehen dachten und nicht an das ihres Volkes.“

„Aber wir haben kein eigenes Reich“ warf Blanco ein. „Wir sind dem König von Arnor treu ergeben und denken nicht daran, uns selbst regieren zu wollen.“

„Der König von Arnor“ murmelte Gandalf nachdenklich. „Der König und sein ganzes Volk sind lange nicht mehr so stark wie einst, als Isildur den Großen Feind stürzte. Wer weiß, was die Zukunft bringt?“

„Das, vermute ich, weiß niemand“ sagte Fredegar, der Gandalfs Bemerkung gehört hatte. „Aber erzählt doch mehr von Euch. Wir kennen Euch ja kaum, obwohl man in Bree von Euch erzählt hat. Was führt Euch zu uns?“

„Alles was Ihr fragt, ergibt eine lange Geschichte“ antwortete Gandalf. „In meiner Jugend, die lange her ist, nannte man mich Olórin, im Westen Gandalf, die Elben im Süden nennen mich Mithrandir, Tharkûn bin ich bei den Zwergen und zu den Orks im Osten gehe ich nicht. Vor vielen Jahren bin ich aus dem fernen Westen über das Meer gekommen. Die Hohen Könige der Menschen hatten gerade Sauron, den Großen Feind niedergeworfen, doch die Valar, die Herren des Westens wissen, daß er nicht gestürzt ist. Fünf Zauberer haben sie nach Mittelerde entsandt, und ich bin einer von ihnen. Wir helfen allen freien Völkern bei ihrer ewigen Aufgabe, frei zu bleiben, aber wir wirken im Verborgenen und damit um so nachhaltiger. Sauron mag zwar niedergeworfen sein, aber sein Geist lebt weiter. Seine Orks treiben noch immer ihr Unwesen, und nicht jeder kann die Freiheit genießen, in der Ihr lebt.“

Blanco schien es, als ob bei der Erwähnung des Großen Feindes ein dunkler Schatten draußen vor dem Fenster vorbeigezogen wäre. Der Regen prasselte noch immer gegen die Scheiben. Nur noch wenige Gäste waren in der Gaststube.

„Ich möchte ja nicht unhöflich sein“ warf er ein, „aber es wird spät, und der Wirt möchte sicher bald schließen. Marcho hat Euch ja schon Unterkunft bei ihm zu Hause angeboten, und dorthin sollten wir aufbrechen. Nach einem kleinen Nachtmahl könnt Ihr uns ja Eure Geschichte weitererzählen.“

Dieser Vorschlag wurde von allen begrüßt, und so machten sie sich auf den Weg zu Marchos Haus. Es war schon stockfinstere Nacht (das konnte an den Regenwolken liegen) und kein Stern war am Himmel zu sehen. Es goß noch immer in Strömen.
Nach wenigen Minuten hatten sie Marchos Haus erreicht. In der Dunkelheit konnte man nicht viel erkennen, denn Elena war schon zu Bett gegangen und hatte alle Fensterläden geschlossen. Die fünf traten rasch ein, und Marcho warf ein paar Holzscheite auf das Kaminfeuer.

Die Glut war wieder aufgeflammt und verbreitete wohlige Wärme im Wohnzimmer. Marcho war in der Speisekammer, um noch etwas Eßbares für das versprochene Nachtmahl aufzutreiben, Blanco deckte derweil den Tisch und Fredegar und Otho bereiteten das Gästezimmer für Gandalf. Ihn hatten sie in einen breiten Lehnsessel genötigt, und mit einem Glas Wein in der Hand wartete er darauf, daß seine Gastgeber mit ihren Vorrichtungen fertig werden würden.
Nach wenigen Minuten war der Tisch fertig gedeckt, und die Fünf nahmen Platz. Der Tisch bog sich unter der Last von verschiedenen Obstkuchen, Braten, gebackenen Kartoffeln, gekochtem Gemüse, Äpfeln und Birnen. Teller und Besteck fanden kaum Platz auf dem Tisch, und die Weinflaschen mußte Marcho unter dem Tisch deponieren.

„Marcho, dein Tisch ist zu klein“ grinste Blanco.

„Den Verdacht habe ich auch. Jetzt habe ich aber schon den dritten Tisch angeschafft und es reicht immer noch nicht.“

„Meine lieben Hobbits“ stöhnte Gandalf. „Erwartet ihr noch Besuch? Fünf Leute schaffen das alles nie!“

„Mit leerem Bauch ist nicht gut zuhören, und Erzählen erst recht nicht“ erwiderte Marcho. „Greift zu, stärkt Euch, Ihr wart doch auf einer langen Reise.“

Gandalf sah ein, daß Widerspruch in dieser Sache zwecklos wäre, und die nächste halbe Stunde des späten Schmausens wurde nicht von unnötigem Gerede unterbrochen.

„Ich weiß nicht, ob so ein voller Bauch noch erzählen kann“ sagte Gandalf schließlich. Der Tisch sah ziemlich leer aus, und Marcho und Blanco waren mit dem Aufräumen beschäftigt. Otho und Fredegar legten noch ein paar Scheite nach. Schließlich saßen alle wieder im Wohnzimmer.

„Bevor wir die Brückenwirtschaft verließen habt Ihr von Gefahr gesprochen, die vom Großen Feind droht“ sagte Marcho.

„Diese Gefahr gibt es“ erwiderte Gandalf. „Doch in diesen Landstrichen wurden nur wenige Orks gesehen, die schon immer Diener des Feindes waren. Trolle gibt es zwar, aber die leben weit nördlich und werden von den Mannen des Königs in Schach gehalten. Andere Feinde leben weit entfernt im Osten und Süden und stellen für die Hobbits im Moment keine Gefahr dar.
Aber ich erzähle die Geschichte von der Mitte ab. Ich habe Euch vorhin von meiner Herkunft erzählt. Wir Zauberer wirken im Verborgenen, aber nicht im Geheimen. Unsere Arbeit ist hart, häufig entbehrungsreich und schier endlos. Und häufig ernten wir hierfür keinen Dank.

Als die Hohen Könige Elendil, Isildur und Anárion den Großen Feind niederwarfen erkannten die Weisen, daß dies nicht das Ende Saurons war. Daraufhin machten wir uns auf den Weg nach Mittelerde, denn die Menschen des Westens waren durch den langen und entbehrungsreichen Krieg stark geschwächt worden. Wir befürchteten, daß Feinde aus dem Osten den letzten Rest der freien Menschen unterwerfen könnten, und mit ihnen würden alle freien Völker versklavt werden.
Sauron ist zwar gestürzt, aber wir befürchten, daß sein Geist noch immer weiterlebt. Seine bösen Kreaturen; Orks, Trolle und Warge sind noch immer nicht vernichtet; sie vermehren sich sogar wieder. Doch sie leben weit entfernt von hier; fern im Osten, im Nebelgebirge treiben sie ihr Unwesen.“

„Und vor ihnen sind wir gen Westen geflohen“ ergänzte Fredegar. „Mein Vater erzählte mir häufig von den alten Landen, in denen wir lebten, östlich des Nebelgebirges an den Ufern des Anduin. Immer öfter wurden wir von Orks angegriffen, die des Nachts vom Gebirge herunter kamen und plündernd und mordend durch unsere Lande zogen. Das erwog unsere Vorfahren vor zwei, drei Generationen gen Westen zu ziehen, und von Bree sind wir dann letzten Endes hierher gekommen.“

„Auch euer Volk wurde also vom Feind bedroht. Und im Süden, an der Furt über die Grauflut in der Nähe von Tharbad leben Hobbits, die vom Auenland noch nichts wissen. Auch sie werden von Orks aus dem Nebelgebirge bedroht; jetzt wohl noch mehr, seit ihr aus deren Reichweite weggezogen seid. Sie nennen sich zwar selbst nicht Hobbits, sondern Halblinge (diese Bezeichnung haben ihnen die Dúnedain des Südens gegeben) aber sie sind euch in Statur und Wesen nicht unähnlich. Ein so exzessives Nachtmahl wie das heutige habe ich dort zwar noch nicht erlebt, aber auch sie haben gern sechs Mahlzeiten am Tag, wenn sie diese bekommen können, gerne auch mehr. Doch ihre Lande sind nicht so reich wie diese hier, und Ihr habt Euch in Eurem ersten Jahr mehr als gut gehalten.

Doch Ihr fragtet vorhin nach dem Grund, weswegen ich Euch hier besuchen komme. Ihr lebt hier in Frieden, fernab von jeglichen Feinden. Aber Euer Erfolg spricht sich in Mittelerde schnell herum, für meine Begriffe zu schnell. Feinde, die bislang ihr Augenmerk noch nicht auf so kleine und unbedeutende Leute wie die Hobbits gerichtet haben, könnten dies interessant finden. Außerdem lebt Ihr an einer großen und bekannten Straße. Viel Volk reist hier durch, und nicht alle mögen Euch wohlgesonnen sein.
Der König von Arnor hat zwar großen Einfluß, aber er schwindet, ansonsten hätte er Euch sicher nicht gestattet, in seinen fruchtbarsten Landen zu siedeln. Noch dürft Ihr nicht in dem Landstrich auf der Ostseite des Baranduin wohnen, aber auch das wird kommen.
Vor langen Jahren, noch vor dem Großen Krieg hatten die Hohen Könige in diesem Land ihre Stammgüter, und Isildur und Anárion waren hier im Exil, als Sauron das Südliche Königreich überrannt hatte. Für die Dúnedain des Nordens ist dieser Landstrich aus diesem Grund fast schon heiliges Land; sie zehren ja heute noch von den damaligen großen Taten.
Doch diese Ereignisse sind schon viele Menschenalter her. Und seither ist in Mittelerde nicht mehr viel geschehen. Die Zahl der Dúnedain ist wieder etwas gestiegen, aber so viele wie vor dem Krieg werden sie wohl nicht mehr werden, denn häufig werden sie von den Dienern des Feindes angegriffen. Doch so halten sie eine große Bedrohung von den freien Ländern Mittelerdes fern.
Hier im Norden ist es der König von Arnor, der die Feinde in Schach hält, die weit nördlich von hier leben. Schon die Hochkönige haben gegen sie gekämpft und sie besiegt. Im Moment herrscht Frieden, weil die Zahl der Feinde stark dezimiert wurde. Doch der Frieden ist trügerisch, wie so oft, wenn seit Jahren nichts mehr vorgefallen ist. Auch deswegen ist es wichtig, daß Ihr rasch hier Fuß faßt, und deswegen bin ich gekommen. Menschen von Arnor und Gondor sind auf dem Weg in Euer Land, und Euer Beispiel soll denen Mut machen, die noch auf der Suche nach Siedlungsland sind. Aber Menschen geben ihr Wissen gern unbedacht weiter, und nicht zu selten gelangt es in falsche Hände. Dann heißt es standhaft zu bleiben, denn der Feind hat viele Gesichter.“

„Wie kommt es eigentlich, daß die Hohen Könige, obwohl sie den Feind besiegt hatten, nicht für einen dauerhaften Frieden in Mittelerde sorgen konnten“ fragte Otho. „Sie hätten nach ihrem Sieg doch gewiß genug Gelegenheiten gehabt, diese Feinde zu vertreiben?“

„Die Hohen Könige haben Sauron besiegt und seine Streitmacht vernichtet. Die bösen Völker, die der Große Feind gezüchtet und vermehrt hatte, lebten aber weiter. Selbst die Hohen Könige, die über das Meer gekommen waren hätten in der Blüte ihrer Reiche vor dem Großen Krieg nicht die Kraft gehabt, diese Völker endgültig zu besiegen. Es gibt irgendein Bindeglied oder irgendeine Ausgeburt schwarzer Magie, die das verhindert. Auch deshalb wurden die Fünf Zauberer nach Mittelerde entsandt: herauszufinden, worin das Geheimnis des Fortbestandes von Saurons Dienern liegt; und wenn möglich, dies aufzudecken und unschädlich zu machen. Aber das mag eine Aufgabe sein, die viele Lebensspannen dauern mag.
Was den Großen Feind betrifft, so hatten die alten Könige der Menschen von Westernis Sauron sogar gefangengenommen, als das Königreich Númenor auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Aber es war auch ihr Untergang.
Vor unzähligen Jahren, im Ersten Zeitalter dieser Welt hatten die Vorfahren der Dúnedain geholfen, Morgoth, dem Sauron seinerzeit lediglich diente, zu besiegen und in die Verbannung zu schicken. Zur Belohnung hatten die Herren des Westens den Dúnedain dafür eine große Insel weit im Westmeer zum Königreich gegeben, die fortan Númenor genannt wurde.
Obwohl den Númenórern eine Lebensspanne zugebilligt wurde, die das Leben gewöhnlicher Menschen um das Dreifache überstieg, blieben sie dennoch Sterbliche. Und je größer ihr Wohlstand wurde und je mehr ihr Reichtum wuchs, desto schwerer fiel es ihnen, sich eines Tages von alledem trennen zu müssen. Sie neideten den Elben ihre Unsterblichkeit, und je reicher sie wurden, desto größer wurde ihre Unzufriedenheit.
Die Númenórer waren schon bald nach ihrer Reichsgründung wieder gen Mittelerde gesegelt; nicht, um dort zu wohnen, sondern um den weniger Privilegierten Frieden und Freiheit zu bringen. Aber es dauerte nicht lange, und sie wurden habgierig und herrschsüchtig, und sie beuteten Land und Leute aus. Sie rodeten weite Landstriche südlich von hier; und diese Lande, die einstmalen dicht bewaldet waren, sind nun öd und kahl und der scharfe Ostwind pfeift nun ungehindert über die Ebene. Die Númenórer brauchten die Bäume, um ihre Kriegsflotte auszubauen, und sie brauchten Ruderer, die diese Schiffe bedienten. Also trieben sie viele der Völker, deren Freiheit sie eigentlich garantieren sollten, in die Sklaverei.
Hierüber gerieten sie in Streit mit den Elben von Valinor, und die Könige von Númenor verboten den Umgang mit ihnen. Doch einige wenige Númenórer standen treu zum alten Bündnis mit den Elben, und diese wurden dafür verfolgt. Sie wurden die Getreuen Númenórer genannt, und die Könige von Arnor und Gondor stammen von ihnen ab.
Sauron, der zu dieser Zeit nur von wenigen als böse erachtet wurde, bot sich den unterdrückten Völkern als Befreier an, und sie liefen in Scharen zu ihm über. In diesen Jahren gewann er rasch an Einfluß, und bald schon war er der mächtigste Gegenspieler des Elbenkönigs Gil-galad. Der hatte schon gegen Morgoth gekämpft, und er war immer der Feind Saurons gewesen. Die Dinge wären wohl schlecht für die freien Völker Mittelerdes ausgegangen, wenn Saurons Haupthaß sich nicht gegen die Menschen gerichtet hätte, die maßgeblichen Anteil am Sturz seines Meisters hatten. Also bot er sich den Númenórern als Köder an, wohl wissend, daß sie ihn in ihrem Stolz und ihrem Hochmut nur zu gern annehmen würden. Er begab sich freiwillig in die Gefangenschaft des Königs von Númenor (nachdem einige Scheingefechte stattgefunden hatten, die lediglich den Zweck hatten, die Streitmacht von Númenor aus der Reserve zu locken) und er bot sich ihm als sein getreuer Diener an.“ Gandalf seufzte. „König Ar-Pharazôn der Goldene, der sich von Kindesbeinen an der Beherrscher des Westens nannte, nahm diese Dienste nur allzu leichtfertig an. Zu bald schon stand er unter dem Einfluß von Saurons Zauber, und mit ihm fast alle Númenórer, mir Ausnahme der Getreuen.
Sauron ließ im Namen des Königs eine gewaltige Streitmacht aufstellen, die nur ein Ziel hatte: Valinor anzugreifen, um die Verbannung seines Herrn Morgoth aufzuheben. Und als dieser Angriff endlich begann, wurden die wenigen Getreuen gezwungen, ins Exil nach Mittelerde zu gehen.
Doch den Angreifern erging es schlecht. Es gelang ihnen zwar, die erste Verteidigungslinie von Valinor zu durchbrechen und den Fuß auf dieses geheiligte Land zu setzen, aber die Herren des Westens gaben ihre Herrschaft über die Welt an den Einen zurück, der alles erschaffen hat. Dieser setzte das ganze Heer mit einem einzigen Handstreich gefangen. Als nächstes traf sein Bannstrahl Númenor, und dieses ganze Land ging mit Mann und Maus unter wie ein leckgeschlagenes Schiff, und es ist für immer vom Antlitz dieser Welt getilgt.
Doch den wenigen Getreuen, die noch auf der Flucht über das Große Meer waren schickte er einen starken Westwind, der sie sicher an die Gestade Mittelerdes brachte. Dort schlugen die Anführer der Getreuen, Elendil der Lange und seine Söhne Isildur und Anárion zuerst die Feinde im Norden und nachher im Süden, und sie gründeten die Königreiche der Númenórer im Exil, Gondor im Süden und Arnor im Norden. Und so schien sich die Prophezeiung Manwes, daß die Númenórer letzten Endes doch Frieden und Freiheit nach Mittelerde bringen würden, doch noch zu erfüllen.
Aber Sauron konnte dem Untergang von Númenor entkommen, und heimlich züchtete er in Mordor die gewaltigste Armee heran, die Mittelerde jemals gesehen hatte. Mit ihrer Hilfe überrannte er das nichtsahnende Gondor und die Dúnedain, die Menschen aus Númenor flohen nach Arnor. Man sagt, daß Isildur, der Hohe König von Gondor, gerade gegenüber von hier seine Zuflucht hatte, deshalb ist das Gutsland östlich des Baranduin noch immer Königsland.
Die Menschen und Elben schlossen sich zu einem letzten Bündnis zusammen, und gemeinsam gelang es ihnen, Sauron zu besiegen. Und seither haben Arnor und Gondor ihren Frieden, auch wenn sie ab und an angegriffen werden. Aber man sagt, so lange die Menschen einig sind, werden ihre Reiche bestehen.“

Marcho regte sich. „Ihr erzählt von gewichtigen Dingen, Herr Gandalf. Diese Geschichte ist uns Hobbits neu, obwohl wir so etwas in Gerüchten gehört haben. Und es zeigt uns einmal mehr auf, wie sehr das Schicksal von uns Hobbits von den Menschen abhängt.“

„Die Dúnedain erzählen ihre eigene Geschichte nicht am Kaminfeuer“ erklärte Gandalf. „Sie erachten sie als ihr höchstes Gut, und sie wissen, daß der Feind aus den Fehlern, die ihre Vorfahren zweifellos gemacht haben, gern Kapital schlägt. Denkt daran, wenn Ihr mit den Menschen von Arnor oder von Gondor zu tun habt. Ich habe Euch deren Geschichte erzählt, damit Ihr wißt, mit wem Ihr es zu tun habt, und damit Ihr sie respektiert. Sie haben in der Vergangenheit Großes geleistet.
Doch es mag durchaus eine Zeit kommen, in der die Hobbits ohne die Fürsorge der Menschen ihr Auskommen finden müssen. Ihr werdet das sicher nicht mehr erleben. Doch Ihr werdet Euren Nachkommen helfen, diese Bürde zu schultern, wenn Ihr jetzt den Grundstock für ihr späteres Auskommen legt.“

„Das ist alles eine größere Verantwortung als gedacht, als wir im Frühjahr des letzten Jahres den Entschluß faßten, hierherzukommen“ antwortete Marcho. „Fast fürchte ich, daß diese Bürde zu groß für uns vier Hobbits werden könnte. Was Ihr sagt, klingt irgendwie entmutigend.“

„Das sollte es aber nicht sein“ entgegnete Gandalf. „König Artheleb hätte Euch mit Sicherheit nicht das Recht zugestanden, hier zu siedeln, wenn Ihr nicht selbst für euch sorgen könntet. Nein, auch die keinen Leute können Großes bewegen, wenn die Großen es nicht tun, und das allein ist schon ermutigend.
Aber ich gehe jetzt zu Bett, bevor ich Euch noch zu Tode rede. Und Ihr solltet das jetzt auch tun. Morgen werdet Ihr viel zu tun bekommen.“


Hoher Besuch und was sonst noch so anliegt

Marcho lag noch lange, nachdem sie zu Bett gegangen waren wach. In seinem Kopf schwirrten unzählige Gedanken von Siedlern, Freuden, Feinden und wer weiß noch was; und er schaffte es einfach nicht, einzuschlafen. Der Regen klatschte gegen die Fensterläden, und der Westwind rauschte durch die Zweige des nahen Waldes. Eigentlich hatte er jeden Grund, sich behaglich zu fühlen, denn er war in einem trockenen und warmen Hobbit- Haus und nicht draußen in einem Zelt.
Der Hobbit dachte über die vergangenen Monate nach. Seit ihrer Ankunft im Auenland war er noch ein kleines Stückchen an der Oststraße entlanggezogen. An Plätzen, die den Siedlern geeignet erschienen hatten sie Ortschaften gegründet, die seither rasch gewachsen waren. Ihn wunderte, wie schnell sie ihr neues Land als Heimat angenommen hatten. Noch vor einem Jahr hätte er nicht geglaubt, daß so viele Hobbits das Breeland verlassen würden, aber jetzt kamen noch immer jeden Tag von Neuem unzählige Siedler an, die der Enge von Bree entfliehen wollten. „Und alles das ist noch keine zwei Jahre her“ dachte Marcho. „Wahnsinn, daß alles so gut geklappt hat. Und das hat sich sogar bis in den fernen Süden herumgesprochen.“ Marcho erschauerte plötzlich. Was, wenn die Orks aus dem Nebelgebirge oder den nördlichen Heiden ebenfalls davon erfuhren und ihren Teil vom Erfolg der Hobbits abhaben wollten? „Aber wir haben ja den König“ dachte Marcho und drehte sich in seinem Bett herum. Doch der Gedanke an den König war seltsamerweise kein Trost für ihn. Immer wieder glaubte er, Gandalfs Stimme in seinem Geiste zu hören. „Doch es mag durchaus eine Zeit kommen, in der die Hobbits ohne die Fürsorge der Menschen ihr Auskommen finden müssen.“ So war es Marchos Vorfahren ergangen, als sie noch im Winkel, jenseits des Nebelgebirges gelebt hatten, und sie waren schutzlos gewesen und hatten vor den erstarkenden Orks und einem namenlosen Grauen aus dem Düsterwald fliehen müssen.
„Ich weiß, was mir noch fehlt“ sagte Marcho plötzlich. Er stand auf, und wie durch ein Wunder fand er in der dunklen Speisekammer (die er mit traumwandlerischer Sicherheit gefunden hatte) eine geräucherte Wurst. Plötzlich stieß er an irgend etwas Weiches und unterdrückte einen Schrei.
Der andere war noch erschrockener als Marcho. Er zuckte zusammen und schrie unwillkürlich auf. Es war Blanco.

„Ach, du bist´s“ sagte Marcho erleichtert.

„Marcho?“ fragte Blanco noch etwas ängstlich.

„Ja. Wer denn sonst?“

„Und ich dachte schon, irgendein wildes Tier aus dem Alten Wald hätte sich hier eingeschlichen und wollte uns fressen.“

„Also die einzigen wilden Tiere hier drin sind schon lange geräuchert worden und hängen an der Stange dort drüben, an der Wand. Bedien dich ruhig, die tun dir nichts mehr“ lachte Marcho.

„Sehr witzig“ brummte Blanco. „Wo hängen die Würste? Im Dunkeln sehe ich so schlecht.“

„Gerade hinter dir. Du mußt dich nur umdrehen.“

Blanco drehte sich um und stieß gegen irgendein Regal. Gläser klirrten, und mit einem gewaltigen Bums fiel etwas zu Boden. Nur wenige Augenblicke später hörten sie, wie die Tür aufging und plötzlich fiel das helle Licht einer Fackel in die dunkle Speisekammer. Marcho und Blanco blinzelten.

„Ach, ihr seid das“ rief Fredegar. „Na, so ein Zwergenaufstand kann ja nur von der Familie Tuk kommen.“

„Jetzt seht euch die Bescherung an!“ rief Otho. Sie schauten zu Boden. Einige Marmeladengläser waren beim Aufprall auf den Steinfußboden zertrümmert worden, und ihr Inhalt klebte jetzt auf den Steinen. Als ob das nicht genug gewesen wäre, waren die Wildschweinschinken (eine Hobbit- Delikatesse, die für hohe Festtage aufgespart wurde) mitten hinein in die rote Erdbeerpampe gefallen.

„Die werden wir nachher wohl essen müssen“ sagte Marcho.

„Wildschweinschinken in Erdbeermarmelade?“ rief Fredegar entsetzt, „und welcher Teil des Regals ist dir auf den Hinterkopf gefallen, Marcho?“

Marcho sagte nichts mehr, und die anderen lachten. „So, wenn unsere beiden Chaosbrüder wieder für Ordnung gesorgt haben, legen wir alle uns am besten wieder hin. Nachher soll ja die Delegation der Menschen eintreffen.“

Marcho und Blanco wischten schnell die Marmelade auf und hängten die Schinken wieder an ihren Platz.

„Die willst du doch nicht wirklich essen?“ fragte Blanco.

„Wieso nicht? Wir waschen sie ab, dann müßten sie noch genießbar sein.“

„Wäßriger Schinken? Ich weiß nicht.“

Sie legten sich wieder hin, und dieses Mal schlief Marcho sofort ein und wurde erst von der Morgensonne und den singenden Vögeln geweckt. Draußen war es hell, die Regenwolken hatten sich zum fernen Gebirge verzogen und die Sonne schien. Blanco und die anderen waren schon wach und wuselten irgendwo im Haus herum.

„Morgen, Marcho“ sagte Blanco, als er in das Speisezimmer kam. Sie hatten den Frühstückstisch bereits gedeckt und sie waren im Begriff, sich hinzusetzen und mit dem Essen zu beginnen. Marcho grinste, als er den Schinken in der Mitte des Eßtischs sah.

„Ist Gandalf schon wach?“ fragte er dann.

„Soweit ich weiß, ja. Er ist jedenfalls nicht mehr in seinem Zimmer. Wenn er sich nicht beeilt, wird der Tisch ziemlich leer sein, wenn er kommt.“

In diesem Moment betrat Gandalf das Speisezimmer, und Marcho bedeutete ihm, sich an den Tisch zu setzen. Ohne viel Zeit mit Gerede zu vertun fingen sie mit dem Frühstück an. Jeder hatte ordentlich zu tun, und schon bald war nicht mehr viel auf dem Tisch zu sehen. Gandalfs Gesicht verzog sich etwas, als er von dem Schinken aß. Marcho und Blanco grinsten still in sich hinein.

„Heute sollen die Menschen ankommen“ sagte Gandalf, als er sein Frühstück beendet hatte.

„Wann werden sie eintreffen“ fragte Blanco.

„Ich denke, ihr wißt das?“ rief Gandalf. „Habt ihr denn keine Wachen an der Oststraße postiert?“

„Nein. Wieso sollten wir?“

„Blanco, der König von Arnor ist zwar mächtig, aber er und seine Leute können nicht überall sein. Des Königs Stärke rührt nicht zuletzt daher, daß seine Untertanen selbst auf sich aufpassen. Ich würde an eurer Stelle wenigstens an den Grenzen eures Landes Wachen postieren.“ Kopfschüttelnd stand Gandalf auf und ging zur Tür hinaus.

Kurz nach ihm stand auch Marcho auf und sprach draußen mit einigen Hobbits. Einige gingen zur Brücke und andere verschwanden im Wald. Marcho ging zurück in die Küche.

„Und? Was ist?“ meinte Blanco.

„Gandalf hat recht. Gerade an den Grenzen unseres Landes sollten wir uns nicht nur auf unser Glück verlassen. Niemand weiß, was sich da draußen alles herumtreibt.“ Er deutete auf den Alten Wald. „Aber ich habe jetzt einige handfeste Hobbitburschen als Wachen aufgestellt. Sie werden uns nachher die Ankunft unserer Gäste rechtzeitig melden.“

Blanco blickte nachdenklich in seine Teetasse. „Noch nicht einmal hier sollen wir in Frieden leben können“ fragte er verzweifelt.

„Das sagt ja keiner. Wir müssen nur lernen, auf uns selbst aufzupassen. Wir müssen unseren Frieden selbst sichern und sollten uns nicht auf die anderen verlassen.“

Gegen Mittag kam die Nachricht, daß die Delegation der Menschen noch eine Wegstunde von der Brandyweinbrücke entfernt war. Marcho und Blanco bereiteten alles für die Ankunft der Menschen vor. Gandalf zog es vor, sich bedeckt zu halten.

„Aber wieso?“ fragte Marcho.

„Auch bei den Menschen, sei es im Norden oder im Süden bin ich wohlbekannt. Und durch ein unbedachtes Wort könnte es sein, daß Feinde von meinem Interesse am Auenland erfahren. Die fragen sich dann ihrerseits, was am Auenland so wichtig ist und kommen hierher. Und das würdet ihr nicht wollen.“

„Nein, gewiß nicht. Aber ich hatte gehofft, Ihr würdet uns beim Umgang mit diesen Menschen helfen.“

„Mit denen kommt ihr alleine zurecht. Nein, wenn ihr es wissen wollt: ich werde mich in euerm Land ein bißchen umsehen. Mal sehen, was ihr Hobbits aus dieser Brache gemacht habt.“ Mit diesen Worten nahm Gandalf sein Bündel (das von Marcho noch ordentlich vergrößert worden war) und stapfte langsam und ohne sich umzudrehen gen Westen, der alten Straße folgend.

Blanco blickte ihm kopfschüttelnd nach. „Ein komischer Kauz. Ich weiß nicht recht.“

„Wohl wahr“ entgegnete Marcho. „Aber eine größere Hilfe als wir zu erwarten hatten.“

Otho und Fredegar waren den Fremden bereits entgegengegangen. Gandalf hatte ihnen eingeschärft, nichts über ihre Begegnung mit ihm zu erzählen. „Die müssen nicht alles wissen, und ich werde mich ihnen schon offenbaren, wenn es nötig ist. Denn ihr werdet nicht allein bleiben.“

Bald hatten die Hobbits die vier Menschen gesehen, und sie hielten an und erwarteten sie. In einer Entfernung von zwanzig Schritten blieben auch sie stehen. Einer löste sich aus der Gruppe und trat auf die Hobbits zu. Er war hoch gewachsen (fast doppelt so groß wie Otho) und hatte schwarzes Haar. Mehr konnte Fredegar in der Düsternis des Waldes nicht erkennen.

„Mein Name ist Castamir“ sagte der Mensch. „Dies sind Maedhros, Aregond und Derethor“ er deutete auf die anderen. „Ich und Maedhros kommen auf Geheiß unseres Königs aus dem fernen Gondor und Aregond und Derethor sind Menschen aus Arnor. Mir der Erlaubnis des Königs von Arnor suchen wir das Land der Halblinge.“

„Ihr habt es gefunden“ antwortete Fredegar und verbeugte sich. „Mein Name ist Fredegar Beutlin und dies ist Otho Straffgürtel, zu Euren und Eurer Familie Diensten. Ihr habt die Grenzen unseres Landes fast erreicht. Es beginnt dort drüben, jenseits des Flusses. Wir haben Euch bereits erwartet, denn der König hat Euer Kommen bereits angekündigt.“

Sie schritten nun auf den Brandywein zu, und zur Mittagsstunde waren sie wieder im Auenland. Fredegar machte die Menschen mit Marcho und Blanco bekannt und dann kehrten sie in der Brückenstube ein, um dort im Biergarten zu Mittag zu essen.
Die Menschen versuchten anfangs noch, mit dem Tempo und den verzehrten Mengen der Hobbits mitzuhalten, aber nach dem vierten Mittagsgang konnten sie nicht mehr. Ihre Kraft reichte gerade noch für ein paar Höflichkeitsbissen. Marcho und Blanco tauschen vielsagende, verschmitzte Blicke aus.

„Euer Wohlstand ist wirklich nicht zu übersehen“ seufzte Maedhros. „Eßt Ihr immer so viel? Ich glaube, ich bin satt bis morgen früh.“

„Normalerweise essen wir zu Mittag nicht so viel, außer zu feierlichen Anlässen“ antwortete Marcho. „Heute Nachmittag treffen wir uns noch zum Fünf- Uhr- Tee, so wie jeden Tag.“

„Wie jeden Tag, sagt Ihr?“

„Nun, wer draußen ist, wird schnell hungrig“ erläuterte Blanco. „Wir nehmen dann einen Imbiß mit zur Feldarbeit. Nur wenn draußen nichts zu tun ist, treffen wir uns zu Hause. Ansonsten sind wir erst wieder zum Abendessen zusammen.“

„Und wann erledigt Ihr Eure Arbeiten?“

„Dafür haben wir den ganzen Tag Zeit“ lachte Marcho. „Wir stehen morgens normalerweise früh auf, noch vor dem Sonnenaufgang, und nach einem kurzen Frühstück beginnen wir pünktlich mit dem Sonnenaufgang mit der Arbeit. Die geht bis zum Mittag. Zum Mittagessen treffen wir uns wieder, danach geht es bis zum Sonnenuntergang wieder raus.“

„Wir nehmen aber immer einen Imbiß mit, um uns zwischendurch zu stärken“ ergänzte Fredegar. „Aber dennoch steht auch bei uns die Arbeit im Vordergrund, weil ansonsten nichts mit Frieden und Wohlstand ist.“

Dann sprachen sie über die Landwirtschaft in Arnor und im fernen Gondor. In Arnor wurden lediglich noch die Lande um Königsnorburg und am Abendrotsee bewirtschaftet, ansonsten lebten viele Menschen vom Fischfang im See. In Gondor waren wegen der höheren Temperaturen bei der Gerste und dem Roggen sogar zwei Ernten im Jahr möglich, weil es in den südlichen Niederungen so gut wie keinen Frost gab. Dafür ernteten die Menschen nicht so viel wie die Hobbits. Und den Grund hierfür wollten Castamir und Maedhros hier im Auenland herausfinden. Aregond und Derethor waren Forstleute. Sie interessierten sich für die Art und Weise, mit der die Hobbits ihre Wälder in so kurzer Zeit urbar gemacht hatten. Im Norden Arnors gab es noch viele große und unberührte Wälder, die König Artheleb II. nutzen wollte.

Castamir und Maedhros sollten bei Marcho und Blanco bleiben und die Bauernhöfe am Brandywein besuchen. Südlich von Stock hatten die Hobbits begonnen, die großen Sumpflande trockenzulegen, und sie hatten riesige Felder angelegt. Diese Methoden des Ackerbaus müßte für die Gäste aus dem Süden interessant sein. Aregond und Derethor würden mit Otho und Fredegar in die weiten Wälder des Nordviertels gehen. Dort verdienten viele Hobbits ihren Lebensunterhalt mit der Forstwirtschaft. Sie fällten genug Holz, um den Bedarf an Bauholz im Auenland und in Arnor zu decken, und doch wurden die Wälder nicht großflächig gerodet.

„Das waren die Fehler unserer Vorfahren“ sagte Derethor. „Sie haben unten an der Grauflut die dichten Wälder großflächig abgeholzt. Dann wusch der Regen die Erde weg. Heute ist da nur noch kahler Fels, wo einstmals dichter Wald war.“

„Das passier uns nicht“ antwortete Otho. „Wir holen nur die besten und schönsten Bäume aus dem Wald. Der Rest darf weiterwachsen und so bleibt der Wald, wie er ist und wie wir ihn gern haben.“



Die Menschen von Arnor und Gondor waren mehrere Monate im beschaulichen Auenland geblieben und sie hatten viel über die Landwirtschaft und das Forsten der Hobbits erfahren. Dafür hatten die Hobbits noch so manche Tricks und Kniffe aus der gondorianischen Landwirtschaft erfahren. Vor allem in der Viehzucht war der Erfahrungsschatz im Auenland noch gering.
Des Abends waren sie noch lange zusammengesessen, und die Hobbits hatten vielen Geschichten aus dem fernen Gondor gelauscht oder die Menschen erfuhren, wie es den Hobbits auf ihrem langandauernden Zug vom Nebelgebirge in die Westlande ergangen war.

Marcho und Blanco hatten viel über die Taten der Dúnedain erfahren, und die Menschen aus Arnor und Gondor freute es, daß auch andere Völker Interesse an ihrer Geschichte hatten.
Doch auch diese geselligen Tage waren irgendwann einmal vorüber, und zum Mittjahrstag des Jahres 1601 im Dritten Zeitalter der Welt brachen Castamir, Maedhros, Aregond und Derethor zu ihrer Heimreise auf. Sie wollten sich zuerst gen Norden wenden, um sich beim König von Arnor abzumelden und Botschaften für Gondor entgegenzunehmen. Dann hatten Castamir und Maedhros vor, sich an die alte Südstraße zu halten, die von Königsnorburg aus an Bree vorbei über unzählige Meilen hinweg bis nach Gondor führte. Maedhros schätzte, daß sie für diese Reise etwa drei Monate brauchen würden, denn die Straße war südlich von Bree in schlechtem Zustand und der Gefahren des Wegesrandes waren es nicht wenige. Und die Menschen wollten auf alle Fälle vor Beginn der Herbststürme wieder in ihrer Heimat sein.

Von Gandalf hatten die Hobbits während der ganzen Zeit keine Nachricht erhalten, nur dann und wann ging das Gerücht von einem alten Mann im grauen Mantel um, der hier und da aufzutauchen und wieder zu verschwinden drohte. Marcho glaubte fast, daß er jedes Interesse an den vier Hobbits verloren hatte.
Eine Nachricht der vier Menschen hatte die Hobbits aufhorchen lassen. Maedhros hatte ihnen eines Abends von einer seiner langen Wanderungen durch Mittelerde erzählt. Auf einer von ihnen hatte er bereits Bekanntschaft mit Hobbits gemacht (obwohl diese sich nicht so nannten). Sie lebten wenige Tagesreisen westlich der alten Stadt Tharbad an den Ufern der Grauflut und ernährten sich (mehr schlecht als recht im Vergleich zu den Auenländern, fand Maedhros) vor allem vom Fischfang (worüber die ortsansässigen Hobbits ungläubig den Kopf schüttelten). Fredegar vermutete, daß sie entfernte Verwandte sein mußten, die sich in grauer Vorzeit von den Vorfahren der auenländischen Hobbits getrennt hatten und seither ihre eigenen Wege gegangen waren.

Die Tage flossen dahin, und der Sommer wandte sich allmählich zum Herbst. Draußen färbten sich die Blätter bunt, und die Hobbits hatten alle Hände voll zu tun, die Ernte des Jahres einzufahren. So nahm zunächst niemand Notiz von dem alten Mann im grauen Mantel, der die Oststraße entlang wanderte. Von Zeit zu Zeit sah dieser sich um, als ob er nach bekannten Gesichtern Ausschau halten würde. Doch die Hobbits, die draußen auf den Feldern beschäftigt waren, schienen seiner nicht zu achten.
Als der alte Mann in Balgfurt ankam, steuerte er zielstrebig auf die Brückenstube zu. Mittlerweile war es Abend geworden, und Licht strömte aus den zahllosen Fenstern des Gasthauses. Als er die Tür öffnete, schlug ihm lautes Stimmengewirr entgegen. Sofort wurde er von zahllosen Hobbits umringt, die ihm behilflich waren, seinen Hut, Mantel und Stab abzulegen und die ihn auf einen freien Platz neben Marcho Tuk nötigten.

„Guten Abend, Gandalf“ sagte dieser zur Begrüßung. „Wir haben dich lange nicht mehr hier gesehen. Was führt dich zu uns?“

„Die Aussicht auf ein gutes Abendessen und ein längeres Schwätzchen“ lachte Gandalf. „Nun, ich war ein bißchen unterwegs und habe mir euer Ländchen angesehen. Außerdem hat es mich sehr interessiert, was vier Menschen aus Arnor und dem fernen Gondor dazu treibt, einen kleinen, unbedeutenden Landstrich im Nordwesten Mittelerdes zu besuchen.“

„Was dieses seltsame Verlangen angeht, da kann ich dir einiges erzählen“ sagte Marcho und gab Gandalf einen kurzen, aber vollständigen Bericht vom Besuch der Menschen. „Blanco, Fredegar und Otho können dir bestimmt noch einiges dazu erzählen, denn bei ihnen waren die Menschen auch zu Gast.“

„Zu ihnen werde ich die nächsten Tage auch noch gehen“ antwortete Gandalf. „Aber jeder der Reihe nach. Jetzt war ich gerade zufällig in Balgfurt und dachte, dann schaue ich mal beim Herrn Tuk herein.“

„Aber alles und zu seiner Zeit“ sagte der Wirt, der Gandalfs letzte Worte gehört hatte. „Jetzt bekommt Ihr erst einmal Euer Abendessen. Mit den besten Empfehlungen des Hauses!“

Nach einer Stunde des Schmausens setzten die beiden ihre Unterhaltung fort. Allmählich leerte sich das Gasthaus.

„Wieso haben wir von dir so lange nichts gesehen“ fragte Marcho.

„Von euch habe ich eine ganze Menge gesehen, aber ich wollte nicht, daß die Menschen von meiner Anwesenheit erfahren. Gandalf der Graue ist bekannt von den eisigen Buchten im hohen Norden bis zu den grünen Gründen Lebennins im fernen Süden von Gondor. Ich möchte nicht mehr Aufmerksamkeit auf euer Land ziehen als unbedingt notwendig. Nicht alle Menschen sind vertrauenswürdig und nicht alle hegen gute Absichten. Manchmal ist es besser, sich ruhig zu verhalten. Ich habe Gerüchte gehört, daß die Orks des Nebelgebirges sich wieder vermehren, und wenn das stimmt, dann ist das ein schlechtes Zeichen. Ich fürchte, ich werde dem auf den Grund gehen müssen, und das heißt, für eine Zeitlang von eurem schönen Auenland Abschied zu nehmen.
Aber laßt euch davon das Herz nicht schwer machen. Euer Land wird vom König gut beschützt, und das Nebelgebirge ist weit weg.“

Sie sprachen noch eine Zeitlang über die Ereignisse der Welt, aber der Abend schritt fort, du es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Natürlich sollte Gandalf wieder bei Marcho übernachten.

„Rate mal, wer hier ist“ rief Elena, als Marcho die Haustür öffnete.

„Gandalf ist hier, das weiß ich schon“ antwortete Marcho.

„Oh“ machte Elena. „Guten Abend, Herr Gandalf. Daß Ihr hier seid, wußte ich bis eben noch nicht. Aber Blanco, Fredegar und Otho sind eben hier angekommen.“

„Wir dachten, da das Brückengasthaus gleich schließt bleiben wir hier und warten auf dich“ sagte Blanco. „Wie ich sehe, hast du bereits einen Gast?“

„Das stimmt. Gandalf sagte, er wollte mit uns reden. Am besten setzen wir uns ins Wohnzimmer.“

Dort saßen der Zauberer und die Hobbits dann bis tief in die Nacht. Sie sprachen über dies und jenes und Gandalf erfuhr alles, was er über die Menschen erfahren wollte.
Aber irgendwann kam für alle die Zeit, zur Ruhe zu gehen. Da Gandalf jetzt alle vier gesehen hatte wollte sich er gleich am nächsten Morgen auf eine lange Wanderung begeben.

Marcho und Blanco wollten nach Bree, sobald die Ernte eingefahren war. Dort hatten sie vor, einige alte Bekannte zu besuchen. Fredegar und Otho hatten dort auch noch einiges zu erledigen, so beschlossen sie, gemeinsam zu reisen.

Einige Wochen waren bereits vergangen, seit Gandalf zu seiner Wanderung aufgebrochen war. Der Herbst wandelte sich allmählich zum Winter, und im Nordviertel hatte es bereits die ersten Schneefälle gegeben. Marcho und Blanco waren bei Fredegar zu Besuch. Marcho staunte jedesmal über die dichten Tannenwälder und die tiefen Täler des Nordviertels. Ihn faszinierte diese Landschaft, die ihn irgendwie an sagenhafte Geschichte aus fernen Zeiten erinnerte. Fredegars Höhle lag direkt am Waldrand, und von den Gästezimmern hatte man einen grandiosen Ausblick bis in das ferne Tal der Wässer weit im Süden, wo die Oststraße entlang lief.

„Schön hast du es hier“ sagte Marcho.

„Warte mal ab, bis der Winter kommt“ entgegnete Fredegar. „Hier im Norden ist es kälter als drunten an der Wässer. Dafür ist es im Sommer angenehm kühl.“

„Mir gefällt es überall in unserem Auenland“ sagte Blanco. „Es gibt überall schöne Flecken. Alles ist hier ganz anders als in Bree. Jeder hat den Platz zum Leben, den er braucht. Weißt du noch, wie wir uns auf unseren kleinen, steinigen Äckern abmühen mußten und trotzdem hat das, was wir geerntet haben kaum zum Leben gereicht.“

„Ja, das waren harte Zeiten damals in Bree“ antwortete Marcho. „Ich wünsche mir sie wirklich nicht zurück. Und trotzdem gibt es noch Hobbits in Bree, die von dort nicht weg wollen.“

„Denen geht es jetzt ja auch besser“ entgegnete Fredegar. „Sie haben jetzt genauso viel Land zur Verfügung wie wir hier im Auenland. Und nicht jeder ist so wagemutig wie die Siedler hier. Das alles hätte ja auch schiefgehen können.“

„Das stimmt sicher. Aber so fleißig wie wir alle die letzten zwei Jahre gewesen waren, konnte es doch nur gut gehen. Gerade waren Abgesandte des Königs da und haben mehrere Scheunen und Lagerhäuser inspiziert. Sie hatten den Auftrag zu überprüfen, ob wir selbst genug Lebensmittel haben, um über den Winter zu kommen. Der König selbst hat sich über die Mengen an Lebensmitteln gewundert, die wir ihm an den Hof geschickt haben. Er hat wohl geglaubt, wir wollten ihn mit unserer Überproduktion beeindrucken und wir würden hierbei nicht an uns selbst denken.“

„Bei mir waren sie auch“ lachte Fredegar. „Sie ließen mir ausrichten, so viele Häuser könnten die Menschen von Arnor gar nicht bauen, um alles Holz zu verbrauchen, was wir ihnen geschickt haben. Außerdem sollten wir auf unsere Wälder aufpassen.“

„Also war es wohl goldrichtig, daß wir hierhergekommen sind“ meinte Marcho. Stimmt´s oder habe ich recht?“