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Siebzehntes Kapitel

Es war die Nacht vor ihrer Ankunft in Moria. Aragorn war sich dessen gewiß, er kannte die Distanz zu Khazad-dum aus langjähriger Erfahrung. Das Lagerfeuer war noch nicht gänzlich heruntergebrannt, ein wenig rote Glut flackerte bei einigen Windstößen noch unter den fast zu Asche zerfallenen Holzscheiten, aber außer Aragorn achtete niemand darauf. Der König Gondors war der einzige unter all den Männern, der noch nicht schlief, wenn man von den beiden zugeteilten Wächtern absah.
Sie waren nun seit Tagen in Gefangenschaft. Man behandelte sie nicht schlecht, das hätte Aragorn nicht behaupten mögen. Sie bekamen gute Dinge zu essen und sauberes Wasser, man ließ sie nachts in Frieden schlafen und tagsüber ließ man sie während des Ritts meist in Ruhe.
Er hatte mit Frodo nicht mehr über das gesprochen, was ihm vor Thuringwethil drohte. Die beiden hatten überhaupt wenig gesprochen, weil ihre Entführer sie doch meistens aus reiner Neugier nahezu unbemerkt belauschten.
Frodo hatte am Vorabend von Liliane gesprochen. Aragorn hatte zwar gewußt, daß Frodos Handeln in dieser Angelegenheit sich sämtlich auf die Sorge um seine Frau bezogen hatte, doch Frodo hatte ein schlechtes Gewissen und einfach sehr große Angst, über die er mit seinem Freund hatte sprechen wollen.
„Sie werden uns folgen, davon bin ich überzeugt. Hab keine Angst, ihnen wird nichts passieren“, hatte Aragorn den Hobbit zu beruhigen versucht. Frodo fürchtete, daß Liliane fast verrückt würde vor Sorge und daß sie möglicherweise etwas dummes, unüberlegtes täte, um ihm zu helfen.
„Sie ist manchmal etwas unvorsichtig, das stimmt - aber sie weiß sich auch zu wehren. Sei unbesorgt, Bergil paßt auf Sam und Liliane auf!“ war Aragorn sicher, was Frodo etwas zu beruhigen vermocht hatte.
Im Augenblick lag der Hobbit tief schlafend neben ihm. Er hatte den Kopf auf die gefesselten Hände gebettet, die inzwischen völlig blutleer zu sein schienen, aber niemand wollte Frodos Fesseln lockern. Aragorn war dadurch recht verärgert, hatte aber bislang nichts gesagt.
Es war bisher sinnlos gewesen, einen Fluchtversuch unternehmen zu wollen. Zu gern hätte Aragorn es gesehen, daß Frodo die Flucht gelungen wäre, damit er nicht länger Thuringwethil und ihren Schergen ausgeliefert war, aber es war hoffnungslos. Man ließ die beiden nicht aus den Augen.
Dennoch hatte Aragorn es trotz seiner Fesseln und ständiger Beobachtung am Vorabend geschafft, einen scharfkantigen, spitzen Stein ausfindig zu machen und in seine Hosentasche stecken zu können.
Er streckte die Beine aus, ließ sich langsam zu Boden sinken, dann drehte er sich zu Frodo und legte sich so, daß es aussah, als wolle er schlafen. Dieser Eindruck täuschte jedoch.
Reglos blieb er minutenlang liegen und lauschte neben seinem eigenen Herzschlag noch auf Frodos ruhigen Atem, ebenso auf das Gespräch der beiden Wächter, die ihm keinerlei Aufmerksamkeit mehr schenkten.
Er hatte nachgedacht. Nichts war ihm im Augenblick wichtiger als daß Frodo fliehen könnte. Der Hobbit mußte fort, damit niemand ihn unnötig leiden ließ, denn das würde unweigerlich die Folge sein, wenn er nichts unternahm.
Es war fast finster. In unmittelbarer Gebirgsnähe stauten sich die Wolken an den Berghängen und bedeckten den Himmel, so war es finster, wenn man von der Feuersglut absah. Es war ohnehin Neumond, wie der Waldläufer wußte.
Äußerst langsam und achtsam streckte er seine Hände zu Frodos aus. Der Hobbit hatte einen sehr friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht, er hatte sich unter seinem Mantel so bequem wie möglich zusammengerollt und etwas von der Sorge verloren, die Aragorn tagsüber an ihm hatte sehen müssen. Scheinbar träumte er von etwas, das mit ihrer augenblicklich so gefährlichen Situation nicht viel zu tun hatte.
Er legte seine großen, warmen Hände auf die kleineren von Frodo, der erst auf festen Druck geweckt wurde. Schläfrig schlug er die Augen auf und blinzelte fragend zu Aragorn, der ihn freundschaftlich anlächelte.
„Hör jetzt gut zu, Frodo. Ich werde dir die Fesseln durchschneiden, damit du dich verteidigen kannst. Bewaffnet bin ich nicht mehr, aber du wirst aufgrund deiner Größe zu einer flinken Flucht in der Lage sein. Wenn die Stricke zerschnitten sind, wirst du sofort hier im Wald verschwinden, dich irgendwo verstecken und nicht zum Vorschein kommen, bis die Männer mit mir in Richtung Moria fortgeritten sind. Dann wirst du zurücklaufen und auf die anderen stoßen.“
„Aber du...“
„Keine Widerrede. Ich muß mich ihnen stellen, damit ihr nicht in Gefahr seid. Ich bin hier nicht wichtig. Tu, was ich dir sage!“ wisperte Aragorn tonlos und so leise, daß selbst Frodo Schwierigkeiten hatte, ihn überhaupt zu verstehen. Derweil begann er bereits, mit dem dunklen, messerscharfen Kiesel die Stricke um die Handgelenke des Hobbits zu bearbeiten.
Frodo würde nur schnell aufstehen können, wenn seine Hände nicht mehr gefesselt waren. Da er nichts anderes tun konnte, mußte er schnell sein, und das um jeden Preis.
Stumm blickte Frodo ihn aus großen Augen heraus fragend an. Aragorn starrte in eine andere Richtung, er hatte die Ohren gespitzt, um jeden Laut in der Umgebung sofort vernehmen zu können und er konzentrierte sich auf das, was er tat. Er mußte sehen, daß er sich dabei kaum bewegte, damit niemand bemerkte, was er vorhatte.
Seine Augen glitzerten dabei fast gefährlich, wie Frodo unter Staunen bemerkte. Auch er hatte sich kaum bewegt, er hielt ganz still und beobachtete Aragorn nur, hielt ihm die Hände hin und wartete.
Der Stein kratzte über die zähen Fasern des Strickes, zerschnitt sie Bündel für Bündel, sie fransten aus, wurden endlich dünner, zerrissen aber noch nicht völlig.
Es dauerte lange. Schließlich gab Aragorn Frodo ein Zeichen, woraufhin dieser mit einem Ruck das von den Fesseln zerriß, was noch übrig war. Er streifte den Strick ab und lächelte fast traurig, jedoch in keinster Weise so, als wäre er froh und glücklich über das, was Aragorn getan hatte.
„Ich will nicht, daß du zurückbleibst“, flüsterte er leise. Aragorn schloß die Augen und seufzte.
„Mach schon. Noch hat keiner etwas bemerkt!“
Doch das stimmte nicht ganz. Frodo spähte in die nächtliche Dunkelheit des Lagers, hatte jedoch ein Problem, und das waren die in der Nähe liegenden und schlafenden Männer, deren Namen die beiden sich noch nicht gemerkt hatten. Sie waren ihnen auch völlig gleichgültig.
Frodo erhob sich in einer raschen Bewegung, kam sofort auf die Füße und wollte loslaufen, aber einer der im Weg liegenden Männer war noch nicht ganz eingeschlafen, was niemand bemerkt hatte, und er hatte gesehen, wie der Hobbit aufgesprungen war und fliehen wollte.
Blitzschnell hatte er nach einem von Frodos Beinen gegriffen und es fest gepackt, so daß der Hobbit sich nicht losreißen konnte und dadurch zu Fall gebracht wurde. Mit einem Aufschrei prallte Frodo hart auf dem Boden auf, hatte den Fall mit den Armen nicht mehr abbremsen können und landete mit dem Gesicht im Schmutz. Er schlug sich die Wange blutig, außerdem schlug er so hart mit den Rippen auf, daß ihm für einen Moment die Luft wegblieb. Stöhnend versuchte er, sich aufzurichten, spürte in diesem Augenblick jedoch eine harte Stiefelsohle in seinem Rücken und konnte sich nicht mehr rühren.
„Wundervolle Idee, Elessar, aber leider völlig nutzlos. Wir sind nicht dumm, müßt Ihr wissen!“ zischte der Mann, Hargad mit Namen, der Frodo abgefangen hatte. Aragorn blickte zu seinem hustenden Freund, der sich noch immer nicht bewegte.
„Oh wirklich? Seltsam, zeitweise ist mein Eindruck ein anderer gewesen!“ erwiderte Aragorn ungerührt auf eine diplomatisch provozierende Art, was sein Gegenüber sofort zur Weißglut zu treiben schien. Der Mann packte Frodo am Kragen und riß den Hobbit vom Boden hoch, ehe dieser wußte, wie ihm geschah. Im Bruchteil einer Sekunde hielt er Frodo einen Dolch an die Kehle, wie Aragorn im Dunkeln nur schwerlich erkennen konnte, doch es blieb ihm zu seinem Entsetzen nicht verborgen. Frodo unterdrückte einen Aufschrei, hielt völlig still, aber es half ihm nichts - Hargad hatte bereits beabsichtigt, Frodo zu verletzen und das tat er dann auch. Sehr geschickt und achtsam schnitt er ihm unterhalb des Kinns über die Kehle, so daß er den Hobbit nicht ernsthaft verwundete, sondern ihm nur einen Denkzettel verpaßte. In der Zwischenzeit waren die beiden Wächter hinzugekommen und einer begann, Frodo erneut die Hände zu fesseln, doch diesmal auf dem Rücken. Der andere Wächter hielt derweil Aragorn in Schach und grinste fast hinterhältig, während der König ihn finster anstarrte.
„Nein, wir werden auf Euch nur besser achten, aber alles, was Ihr tut, werden wir gegen ihn verwenden. Das Leid eines Freundes mitanzusehen erträgt man nicht so leicht wie den eigenen Schmerz, nicht wahr?“ sagte in diesem Moment Hargad von der Seite, als er Frodo nicht nur los ließ, sondern auch noch unsanft in Aragorns Richtung stieß. Frodo wäre zu Boden gegangen, wenn Aragorn ihn nicht kniend aufgefangen hätte, so gut ihm dies mit gefesselten Händen möglich war.
Der Hobbit bebte spürbar am ganzen Leib. Innerlich fluchte Aragorn, daß sein Plan mehr als fehlgeschlagen war. Die Hälfte der Männer war inzwischen erwacht, woraufhin sie leise zu beratschlagen begannen, was nun zu tun war. Mit einem nahezu teuflischen Grinsen und einem langen Strick in der Hand wandte Hargad sich schließlich den Gefangenen zu, die in einer fast unterwürfigen Geste am Boden knieten. Barsch hieß er sie, sich Rücken an Rücken zu drehen und fesselte sie ohne Umschweife mit dem Strick aneinander.
Aragorns Blicke durchdrangen den Mann voller Wut, er haßte ihn in diesem Augenblick so sehr, daß ihm dafür die Worte fehlten, doch sein Gesicht sprach seine Gefühle deutlich aus. Hargad nahm davon jedoch keinerlei Notiz.
Ab diesem Augenblick überließ man die beiden Gefangenen in dieser Nacht sich selbst. So bequem wie möglich machten sie es, kaum daß sie Ruhe hatten, doch sie froren und konnten sich kaum rühren, wollten einfach nicht einschlafen, da einer sich immer dann regte, wenn der andere fast in den ersten Träumen versunken wäre.
„Es tut mir leid“, flüsterte Aragorn irgendwann, als zwar bis auf die Wächter wirklich alle schliefen, aber er hatte bemerkt, daß Frodo noch wach war.
Dieser gab erst keine Antwort. Aragorn biß sich verzweifelt auf die Lippen, voller Reue und Scham, bis die dünne Stimme des Hobbits an seine Ohren drang.
„Du hast es nur gut gemeint. Es war nicht falsch, Streicher.“
Fast wäre Aragorn zusammengezuckt. Schwer atmend schloß er die Augen und schluckte, denn er haßte es, wenn Frodo ihn in derart extremen Situationen Streicher nannte.
Aber es wurde nicht besser. Die Nacht war viel zu kurz, verlief jedoch ohne weitere Zwischenfälle und am nächsten Morgen brach man sehr zeitig auf, denn Moria war nah.
Voneinander getrennt saßen Frodo und Aragorn wie auch schon an den Tagen zuvor mit zweien ihrer Entführer im Sattel und ließen sich dem Ziel entgegentragen. Der Tag war bedeckt, es wurde immer kühler und das Nebelgebirge erschien ihnen immer bedrohlicher, je näher sie ihm kamen.
Es waren keine zehn Meilen mehr bis zum Westtor von Moria, als man am Mittag eine Essenspause einlegte. Nachdem man den Gefangenen etwas zu essen gegeben hatte, kümmerte man sich nicht mehr um sie. Das war Aragorn jedoch ganz recht, er fand es so bereits schlimm genug, Frodo beim Essen helfen zu müssen, da dieser aufgrund seiner Fesseln zum Nichtstun verdammt war.
„Sie fehlt mir so“, flüsterte er zwischendurch niedergeschlagen. Aragorn schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln.
„Mir fehlt meine Familie auch. Aber hab keine Angst, erinnere dich an das, was wir gesagt hatten. Auf mich kannst du zählen. Vergiß nie, daß ich dein Freund bin, Frodo.“
Bevor er etwas erwiderte, hob Frodo den Kopf, um seinen Freund anzusehen.
„Natürlich weiß ich das, Aragorn. Aber ich spüre ganz genau, mit jedem Schritt, den man uns Moria näherbringt, daß dort ein wahrhaft schwarzes Übel lauert. Verstehst du? Wir glauben, ihr gewachsen sein zu können, doch das sind wir nicht. Ich habe entsetzliche Angst vor dem, was kommt.“
Aragorn nickte stumm. Ihm ging es auch so, und das konnte Frodo in seinen Augen lesen. Die beiden verstanden sich ohne Worte.
Noch am Nachmittag hatten sie das Westtor erreicht, hatten den Sirannon-Teich umrundet und es überraschte die Gefangenen, das Tor wieder intakt und neu errichtet zu finden, noch dazu gut bewacht.
Das war also der Mittelpunkt von Thuringwethils Netzwerk. In welchen anderen Tiefen der Welt sollte ein derartiges Übel sich auch wohlfühlen?
„Absteigen!“ erging ein Befehl von Margol , dessen Namen Aragorn sich inzwischen gemerkt hatte wie auch einige andere. Er wollte wissen, mit wem er es zu tun hatte.
Ohne Umschweife führte man die beiden Gefangenen durch das Hulstentor hinein in die Minen von Khazad-dum, die unterhalb der Zirakzigil stetig in die Tiefe führten. Mit einem Schlag umfing sie Dunkelheit, Kälte kroch in ihre Kleidung, sie atmeten feuchte Luft aus den Tiefen der Erde. Wie vor Jahren erklommen sie in einer von Fackeln flackernd zurückgedrängten Finsternis eine erste Treppe, auf der keinerlei Leichname mehr zu sehen waren. Man hatte es sich inzwischen wohnlich gemacht.
Die kalte Luft roch nicht modrig, sondern so nah an der Tür noch frisch und fast klar. Aber sie hatten sich noch keine Meile weit vom Tor entfernt über schlängelnde, aus dem Fels roh gehauene Pfade durch Tunnel und Kammern, als es langsam stickig und fröstelnd wurde.
Sie kannten diesen Weg. Aragorn achtete tunlichst darauf, daß Frodo in Sichtweite war, am besten vor ihm und das gelang auch meistens. Der Hobbit lief mit gesenktem Kopf vor Aragorn her, der sich jedoch genauer umschaute.
Es war, als hätte die Finsternis eine eigene Seele, als wäre sie lebendig. Sie lauerte in den Ecken, verfolgte sie, gab ihnen ungern den Weg frei und ließ sich selbst durch die vielen Fackeln der Männer kaum vertreiben. Etwas übles lauerte in ihr, sie konnten es spüren. Die Luft wurde wie dick, als wenn man sie zerschneiden könnte, bewegte sich kaum, stand und roch alt, nach Staub, schmutzig. Nahezu metallisch glänzende Felswände begrenzten die Räume und Wege zu beiden Seiten, verengten und verbreiterten die Pfade, die sie meilenweit beschritten, immer tiefer in den Berg hinein und der Dunkelheit entgegen. Treppen und abschüssige Wege beschritten sie im Wechsel, hörten manchmal Wasser plätschern und sahen an manchen Wänden etwas hell im Schein der Fackeln glänzen, was sich als Mithrilspur entpuppte in den meisten Fällen. An manchen Stellen klafften endlose Abgründe neben ihnen auf, Löcher durchzogen den Boden und machten das Beschreiten der Wege zu einem nicht ungefährlichen Unterfangen.
Fast unbeholfen stolperten die beiden Gefangenen, durch ihre Fesseln der Möglichkeit des Abstützens und Sicherns durch die Hände beraubt, ihrem Ziel entgegen ohne eine Aussicht auf Rettung und ohne Hoffnung darauf.
Der Weg war entsetzlich weit und sie beschritten ihn ohne eine Pause. Die Nacht mußte draußen über die Welt hereingebrochen sein, doch dort unten herrschten immer Nacht und dumpfe Stille. Aragorn war überrascht, in welch kurzer Zeit sie dieses Mal die zwanzig Meilen dieser Wegstrecke hinter sich brachten, doch sie marschierten zügig und ohne Unterbrechung, denn die Männer kannten ihren Weg und schienen es eilig zu haben, deshalb drängten sie auch die Gefangenen, weiterzugehen.
Die beiden setzten sich nicht mehr zur Wehr, jeder Versuch zu fliehen wäre ohnehin sinnlos. Aragorn seufzte leise, als er sich überlegte, wie weit Gimli und Legolas gekommen sein mochten. Er hoffte, sie würden unbehelligt den Weg zum Orthanc finden und seinen Splitter sicher verwahren - doch wie sollten sie das anstellen? Ihm wollte selbst kein anderes, gutes Versteck mehr einfallen, wie sollte es den beiden gelingen?
Er durfte nicht sprechen. Wenn er sprach, war alles verloren, man würde die beiden einholen und auch überfallen, ihnen den letzten Splitter nehmen und dann war es vorbei.
Viele abzweigende Gänge ließen sie hinter sich, durchschritten die ersten großen Hallen, weitläufig und hoch, aber finster und mit Spinnweben durchzogen. Selbst die Wachstube, in der sie damals gerastet hatten, hatten sie bald erreicht und es ging noch immer weiter bis zu dem Brunnen, an dem sich damals das Unglück mit Pippin ereignet hatte.
„Aragorn... ich kann nicht mehr länger laufen, meine Füße tun so weh, ich bin müde...“ sagte Frodo leise, ohne seinen Freund anzusehen. Aragorn nickte bekümmert.
„Es geht mir nicht anders, Frodo. Weit kann es aber nicht mehr sein, sie können nicht ewig hier herumlaufen.“
Mehr wußte er dazu nicht zu sagen. Zwischendurch hatte man ihnen etwas zu trinken gegeben, was sie wieder zu Kräften hatte kommen lassen, aber ihnen wurden die Augenlider immer schwerer, je später in der Nacht es wurde. Mitternacht mußte vorüber gewesen sein, als sie kurz hinter der Kammer mit dem Brunnen plötzlich einen Weg einschlugen, den Aragorn nicht kannte. Ein röhrenförmiger Tunnel führte recht steil abwärts, wand sich in den Berg hinein für etwas mehr als eine halbe Meile, ohne auf weitere Verzweigungen und Nachbargänge zu stoßen. Er war breit und hoch, schwarz vor Dunkelheit und bot keine Aussicht auf einen Ausgang anders als der, den man zu erreichen beabsichtigte.
Aragorn starrte hinab auf seine Fesseln. Es war ihm in all den Tagen nicht gelungen, sie zu lösen, er war hilflos und dem Feind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Sein Herz wurde bleiern schwer, als er zu Frodo blickte. Es schien ihm, als trüge der Hobbit eine niederdrückende Last auf den Schultern, eine Last der Angst und Furcht, die ihm die Luft zum Atmen nehmen wollte.
Das nahezu lebensleere Moria wurde mit einem Mal von einem ohrenbetäubenden, fast schmerzhaft hohen Kreischen erschüttert, das die Wände beben und erzittern ließ, die Luft zum Vibrieren brachte, aber es wollte nicht aufhören. Im Gegenteil, der Schrei wurde immer lauter und lauter, er schwoll immer mehr an, bis plötzlich Frodo mitten im Tunnel stehenblieb und sich zu Aragorn umwandte, bevor er sich dicht in einer schutzsuchenden Geste an ihn preßte, so gut ihm das möglich war. Er hielt die Augen vor Entsetzen geschlossen und hätte alles dafür gegeben, sich die Ohren zuzuhalten.
„Ruhig... hab keine Angst, es geht vorüber“, sagte Aragorn in normaler Lautstärke, doch ob des Kreischens einer hörbar bösen Kreatur, die er bereits zu benennen vermochte, hörte nur Frodo allein es.
Man stieß sie unsanft voran und zwang sie, weiterzugehen. Die Lautstärke des Schreis hatte Aragorn vermuten lassen, daß der Feind nicht mehr weit eintfernt sein konnte, und in der Tat war es so.
Zwei der Männer waren mit den beiden vorletzten Kristallsplittern vorausgeeilt und hatten sie ihr überbraucht, der Frau des geheimen Schattens. Sie lauerte in einer nahen Halle und wartete darauf, ihren Triumph feiern zu können, der in greifbare Nähe gerückt war. Sie hatte bereits zuvor davon erfahren, daß dem so war, aber nun waren die Gefangenen fast vor ihren Augen.
„Aragorn... du darfst es nicht tun“, flüsterte Frodo mit zitternder Stimme, als langsam und wellengleich der Schrei endlich verebbt war. Die beiden wußten jetzt, was Faramir zuvor im Kerker von Osgiliath vernommen hatte, und es bereitete ihnen mehr als Unbehagen.
Am Ende des Tunnels zeigte sich plötzlich eine Lichtquelle. Sie leuchtete nur schwach, aber sie drang an ihre Augen, so daß sie das Licht wahrnehmen konnten. Der kleine Punkt wurde größer, je weiter sie sich in ihrer Müdigkeit dem Ausgang entgegenschleppten, das Licht nahm an Intensität zu, es schien geradezu anzuwachsen.
Aragorn hatte die Hände erhoben und auf Frodos Schulter gelegt. Der Hobbit spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach und fast über die Stirn zu perlen schien, derart groß war das Entsetzen, das er in diesem Moment im Angesicht des Übels verspürte, das immer näher rückte.
Schließlich hatten sie den Ausgang erreicht. Die Fackeln der Männer waren nicht mehr die einzige Lichtquelle, weitere hingen an den Wänden entlang in einer großen Halle, deren hohe Decke kaum noch zu erkennen war. Einige Zugänge führten hinein, doch auf den ersten Blick erschien sie völlig leer. Erst, als Aragorn sich genauer umgesehen hatte, fiel sein Blick auf etwas, das ihn nicht unbedingt überraschte.
„Vorwärts!“ erging ein harscher Befehl, als man ihn und Frodo genau in die Richtung dessen stieß, das er hatte ausmachen können. Mehr konnte er noch nicht entdecken, doch er hörte plötzlich hinter sich ein Geräusch, das sich anhörte, als würde gebündelte Luft bewegt, und dann spürte er den Luftzug auch schon in seinem Rücken. Ein dumpfes Rauschen war es, das er vernahm, es klang fast, als würde die Luft zerschnitten, und kalte Furcht ergriff sein Herz zangengleich, um es nicht wieder loszulassen.
„Was wollt Ihr?“ rief er unvermittelt aus, ohne überhaupt Anstalten zu machen, sich umzudrehen. Erschrocken sah Frodo zu ihm hoch, doch er geriet fast in Panik, als Aragorn auf seine Frage eine Antwort erhielt.
„Den letzten will ich, das wißt Ihr doch, Elessar. Oder verstehe ich Eure Frage nicht?“ erklang die eisige Stimme, wie sie nur vom leibhaftigen Übel stammen konnte - doch sehen konnten die beiden sie noch nicht.
Man packte sie unsanft und zerschnitt rasch ihre Fesseln, bevor man sie rücklings an die Mauer stieß und ankettete. Frodo kniff die Augen zusammen, weil er nicht sehen wollte, was er noch sehen mußte. Aragorn jedoch reckte den Kopf erst in die Höhe, weil er wissen wollte, mit wem er es zu tun hatte. Er bemerkte kaum, wie man ihm die metallenen Handschellen um die Handgelenke legte und mit einem lauten Geräusch einrasten ließ, so daß er sich nicht mehr befreien konnte.
Es war zu spät. Im Schatten und der Dunkelheit konnte er in einer Ecke der Halle, die ihm gegenüberlag, eine Bewegung ausmachen von einer Kreatur, deren Größe ihn im ersten Moment erschütterte und entsetzte.
Natürlich hatte er davon gewußt, aber es entsprach in erschreckendem Ausmaß der Wahrheit. Sie war riesig.
Nachdem er hart geschluckt hatte, antwortete er endlich mit fast dünner Stimme.
„Was sind Eure Absichten?“
Erneut rauschte etwas und ein Windstoß erreichte sein kaltes Gesicht im nächsten Augenblick. Sie kam näher. Sie bewegte sich im Einklang mit den Gesetzen des Schattens, geräuschlos und unwahrscheinlich schnell, so daß sie im nächsten Moment vor ihm stand und er es fast nicht bemerkt hatte.
„Meine Absichten? Ich will die Macht zurückholen, die Ihr meinen Herren geraubt habt. Mittelerde erträgt den Frieden nicht, sehr Ihr das nicht, Elessar? Die Dunkelheit ist benachteiligt, sie fordert ihr Recht ein. Die Befehle meines Herrn werden folgen. Daß ihr Sauron besiegt habt, heißt nicht, daß ihr für immer vom Schatten befreit seid. Der Schatten ist zu mächtig und gibt nie auf. Mittelerde ist nicht frei!“
Erbost ballte Aragorn die Hände zu Fäusten, er starrte nur zu ihr und nahm nichts anderes mehr wahr, er wollte einen Schritt nach vorn machen, doch die Ketten fesselten ihn unerbittlich an die Wand.
Sie lachte hämisch angesichts des Königs, der ihr wehrlos gegenüberstehend wie keiner schien, ihr nur ein müdes Lächeln entlockte in seiner abgetragenen, an vielen Stellen zerrissenen und verschmutzten Kleidung. Aragorn hielt ihrem Blick stand.
Und dennoch erschrak ihre Erscheinung ihn nicht weniger als Frodo, der in stummer Ohnmacht neben ihm stand und ihm fast wie weggetreten schien. Kaum daß Aragorn ihren Namen gehört hatte, war ihm klar geworden, mit welcher Gefahr sie es zu tun hatten, und sie war schlimmer als befürchtet.
Sie hatte die beiden letzten Stücke bereits zu all den anderen hinzugefügt. Es erstaunte Aragorn wenig, sehen zu müssen, daß die Stücke von selbst zusammenhielten und bis auf das letzte fehlende die vollständige Form des Kristalls bildeten. Er glühte in ihren Klauen, glühte und schien wie sie nach dem letzten Stück zu verlangen.
Als Botin des leibhaftigen Übels konnte sie diesem wohl in wenig nachstehen und aus diesem Grunde brauchte sie eben Saurons letzte noch verbliebene Macht, um ihre Gestalt wieder erlangen zu können. Tatsache war jedoch, daß sie bis auf einen geringen Teil bereits ihre volle Gestalt wiedergewonnen hatte, da nur noch ein Kristallsplitter fehlte. Wohl fehlten ihr noch einzelne Klauen und ein Ohr, ebenso der halbe rechte Fuß, aber im übrigen sah Thuringwethil wieder so aus, wie sie wohl auch allen erschienen sein mußte, bevor man sie ihrer körperlichen Gestalt beim Falle von Saurons Festung Tol-in-Gaurhoth beraubt hatte. Sie war groß, größer als zwei menschliche Körperlängen, mutete jedoch trotz ihrer gigantischen fledermaushaften Schwingen weniger wie ein Tier an, sondern eher wie ein Dämon aus der Unterwelt, ihrer tatsächlichen Abstammung entsprechend. Schwärzer als alles andere, was Aragorn je zuvor erblickt hatte, war sie, wenngleich diese Schwärze so tief reichte, daß sie eigentlich gar nicht mehr als solche zu bezeichnen war.
Auf klauenbesetzten Füßen stand sie aufrecht vor ihm und funkelte ihn aus gefährlichen grünen Augen an, die fast wie Katzenaugen schienen, in jedem Fall bedrohlich und durchdringend. Ihr Körper sah dem eines Menschen gar nicht so unähnlich, erinnerte Aragorn aber mehr als eine etwas hübschere Gestalt eines Orks, denn diese waren ihm immer ähnlich eigentümlich erschienen. Gesichtszüge hatte sie ebenfalls fast wie ein Mensch, wenn auch animalischer und von Übel durchtrieben.
Ihr ganzer Körper war von ledriger Haut überzogen, deren Beschaffenheit über ihre Stärke hinwegtäuschte, denn ähnlich wie ihre eisernen Klauen war ihr Körper von fast unverletzlicher Kraft, nahezu stählern.
In den von ihren Flügeln entspringenden krallenbesetzten Fingern hielt sie also den nicht ganz vollständigen Kristall, schien mit geschlossenen Augen die Macht in sich aufzusaugen, fast zu wachsen, was Aragorn mit großem Entsetzen beobachtete. Mehr noch als er war Frodo gelähmt vor Schreck, er konnte nicht glauben, daß ein solcher Dämon existierte, doch es war so.
Im Nachhinein überraschte Aragorn nichts mehr. Ihre Gestalt entsprach dem Bild, das er sich, anhand ihrer grausamen Taten und Befehle zu urteilen, gemacht hatte. Und er erwartete keine Gnade, aber er mußte sich eingestehen, daß er Angst hatte. Angesichts dieser schrecklichen Kreatur würde er es nicht verantworten können, das Versteck des letzten Stückes preiszugeben, aber er fürchtete Thuringwethils Gerissenheit. Sie würde einen Weg finden, ihn über kurz oder lang zum Sprechen zu bringen, dessen war er sich gewiß.
Anders als die schrillen Laute, die sie von ihr vernommen hatten, überraschte ihn die Tiefe ihrer Stimme, wenn sie sprach. Es fühlte sich fast an, als würde die Wurzel des Bösen selbst schneidend zu ihm sprechen. Ihre Stimme war dunkel und tonlos.
„Wo haltet Ihr den letzten versteckt, Elessar Telcontar? Oder sollte ich Euch lieber Streicher nennen? Nannten Eure kleinen Freunde Euch nicht einst so? Eurem Erscheinungsbild nach zu urteilen paßt dieser Name besser zu Euch als der Titel eines Königs!“
Aragorn schluckte und starrte äußerlich unbeeindruckt zurück, doch innerlich schnürte sich alles in ihm zu aufgrund der immer stärker aufkeimenden Angst. Sie wußte ihm eindeutig zu viel. Wissen war Macht, und Macht war gefährlich.
„Ich werde auch gerade verrückt genug sein, Euch darauf eine Antwort zu geben!“ gab er bissig zurück und stellte sich so aufrecht hin, wie es nur irgend möglich war. Er wußte jetzt, wie Faramir sich gefühlt haben mußte, stundenlang an einer Wand stehend mit angeketteten Händen, gefesselt von eisernen Handschellen in der Höhe des Kopfes. Er wunderte sich nur, daß etwas derartiges in Moria existierte, aber vermutlich war diese Teufelei ebenfalls Thuringwethils Werk.
Ein scharfes Zischen jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Ihre Augen begannen gefährlich zu glitzern, als sie auf ihn herabstarrte, einen harschen Befehl gab und bereits ein siegessicheres Lächeln aufsetzte.
Frodo erschrak. Die Männer kamen auf ihn und Aragorn zu, was nichts Gutes verhieß. Er machte einen Schritt zur Seite, hörte das schwere metallene Rasseln der Ketten, mit denen er an die Wand gefesselt war. Aufgrund seiner Größe hatte sich nichts anderes für ihn angeboten.
„Wir werden mit Euch nicht derart viel Geduld haben wie mit Eurem Statthalter. Ist es nicht so, daß Elessar für die große Freundschaft zu allen freien Völkern bekannt ist? Und ist es nicht ebenfalls so, daß sein Herz besonders einigen kleinen Halblingen aus dem idyllischen Auenland zugetan ist? Seid Ihr nicht ein Freund des Ringträgers?“
„Ihr seid nicht dumm“, erwiderte Aragorn. Es zu leugnen war zwecklos.
Frodo hob den Kopf zu Aragorn, blieb jedoch stumm. Im Augenwinkel konnte Aragorn die Todesangst in den blauen Augen seines kleinen Freundes sehen, der ihn flehend ansah - flehend, nichts zu sagen, und flehend, es nicht so weit kommen zu lassen wie Faramir.
Denn er wußte, was auf ihn wartete, und er fürchtete sich, weil er wußte, daß Aragorns Wahl eine quälende war, eine, die er gar nicht treffen konnte - und doch mußte er.
Einer der Männer hielt einen Strick in den Händen, blieb vor Frodo stehen und befestigte den Strick stramm an einer Schlinge über Frodos Kopf. Der Hobbit machte sich so klein wie möglich, aber es nützte ihm alles nichts.
„So schont ihn doch, was hat er damit zu tun?“ fragte Aragorn fast hilflos angesichts der drohenden Qual, die Frodo bevorstehen sollte. Thuringwethil lachte laut.
„Er soll Euch zu Zunge lockern, seht Ihr das denn nicht? Wenn Ihr so stur seid, wie man es sich erzählt, dann wird er viel zu erleiden haben!“
Aragorn hielt die Luft an und starrte bitter auf die Dämonin vor sich. Derweil wehrte Frodo sich kaum, als der Mann ihm den zu einer Schlinge verknoteten Strick so um den Hals legte, daß er äußerst fest saß und ihn dazu zwang, aufrecht stehen zu bleiben, wenn er sich nicht selbst die Kehle zuschnüren wollte. Auf Geheiß seiner Herrin zog der Mann den Strick noch ein wenig höher, so daß Frodo folgen und sich fast auf die Zehenspitzen stellen mußte, um nicht zu ersticken. Mit geschlossenen Augen lehnte er schließlich an der Wand und kämpfte mit aufsteigender Panik, denn die Schlinge saß bereits so äußerst fest und ängstigte ihn bis ins Mark.
Wie lang sollte er das durchhalten?
Er spürte Aragorns Blick auf sich. Der König Gondors war trotz allem nur wenig überrascht, daß Frodo nichts sagte. Frodo wußte, er konnte Aragorn nicht darum bitten, nachzugeben, auch wenn er es am liebsten getan hätte.
„Es tut mir leid“, flüsterte Aragorn kaum hörbar, doch Frodo verstand es. Aragorn nahm ein leichtes Nicken wahr, doch dies beruhigte sein Gewissen kaum.
„Sprecht“, forderte die Dämonin ihn erneut auf. „Oder wollt Ihr abwarten, wie lang er es aushält?“
„Nicht!“ rief Frodo, hob den Kopf ein Stück, doch in diesem Moment zog sich die Schlinge bereits ein wenig fester um seinen Hals zu. Er erstarrte in seiner Bewegung. Aragorn zuckte fast zusammen.
„Ich werde die freie Welt nicht Eurer Tyrannei übereignen, nicht, wenn ich es verhindern kann!“
„Aber Ihr könnt es nicht!“ erwiderte Thuringwethil unbeeindruckt. Sie zerbrach sich darüber den Kopf, wie sie Frodo schnell dazu bringen konnte, sich zu bewegen, aber ihr wollte nichts einfallen. Seltsames Getier hatte sie nicht bei sich und von seiner Spinnenphobie wußte sie nichts, also konnte sie dies nicht gegen ihn verwenden.
„Warum sperrt Ihr Euch so? Gebt nach und wer weiß, vielleicht können wir noch ein Friedensabkommen treffen, das Euch auch gelegen käme...“
„Frieden? Ihr tötet Unschuldige und sprecht von Frieden? Nach dem, was ihr meinen Freunden bereits angetan habt? Ihr verhöhnt das Wort des Friedens!“ rief Aragorn. Frodo neben ihm stöhnte, der kalte Boden unter seinen Füßen war so entsetzlich hart, es schmerzte ihn, sein gesamtes Körpergewicht einzig auf den Fußspitzen balancieren zu müssen.
„Halt durch“, versuchte Aragorn, ihm Mut zuzusprechen. Frodo verzog einzig die Lippen zu einem gequälten Lächeln, um Aragorn zu verstehen zu geben, daß er nichts anderes beabsichtigte.
Dennoch wußten sie beide, daß man dieses Spiel nicht ewig treiben konnte.
Frodo versuchte, sich an den Ketten hängen zu lassen oder hochzuziehen, um die Füße zu entlasten, aber es wollte ihm nicht gelingen. Im Gegenteil, kaum daß er einen Fuß hochnahm, um sie wechseln zu können, bewegte er sich zu unvorsichtig und spürte mit einem Ruck, wie das Seil sich weiter zuzog.
Er sog scharf etwas Luft in seine Lungen und schloß wiederum zitternd die Augen.
„Versteht Ihr Freundschaft als die Unfähigkeit, einen Freund von Qualen zu erlösen?“ fragte Thuringwethil höhnisch. Aragorn kniff wütend die Augen zusammen.
„Bei den Valar, so laßt ihn aus dem Verhör heraus und übt Eure Grausamkeit an mir!“ warf er ihr hilflos entgegen, obwohl er wußte, daß es nutzlos und falsch war. Frodo neben ihm stand stocksteif, mußte aber mit aller Willenskraft darum kämpfen und spürte schnell, wie die Muskeln in seinen Waden zu zittern begannen. Seine Füße schmerzten, aber er traute sich erst lange nicht, sich zu bewegen, bis er schließlich mußte.
Wiederum zog die Schlinge sich um seine Kehle zu. Der Strick schnitt ihm inzwischen in die Haut und schnürte ihm zusehends die Luft ab.
Aragorn vernahm im Zorn die Antwort der Dämonin, daß sie kein derart leichtes Spiel mit ihm treiben würde, doch er erwiderte nichts. Die Zeit verstrich weiter, vergrößerte Frodos Anstrengungen nur, und in seinem Kopf war einzig der Gedanke daran, nicht aufgeben zu dürfen. Er mußte durchhalten!
Auf nichts anderes konzentrierte er sich, er mußte es tun, wieder war seine Verantwortung so belastend groß, aber er mußte ihr standhalten.
Der Schmerz wuchs. Er konnte so nicht länger stehenbleiben, er mußte sich bewegen, seine Knie drohten fast zu versagen, so sehr zitterten seine Beine, denn die Muskeln drohten zu verkrampfen.
Dann konnte er es nicht mehr. Er stellte einen Fuß auf den Boden, doch sofort zog sich die Schlinge um seinen Hals fest zu, schnitt ihm die Luftzufuhr ab und ließ ihn verschreckt innehalten. Verzweifelt riß er an den Ketten, versuchte, mit den Fingern auch nur in die Nähe seines Halses zu gelangen, aber es gelang ihm nicht.
Er konnte nicht mehr atmen. Er versuchte es vergebens, keine Luft konnte er in seinen Lungen spüren, der Strick schnürte seinen Hals unnachgiebig zu. In seinem Kopf hämmerte es, vor seinen Augen verschwamm alles, Punkte begannen davor zu tanzen.
Aragorn ertrug die Todesangst seines neben ihm kämpfenden Freundes nicht.
„Haltet ein! An den Grenzen Rohans ist der Stein“, rief er, woraufhin sofort der noch immer bei Frodo stehende Mann sofort den Strick mit einem Dolch zerschnitt und die Schlinge um Frodos Hals lockterte.
Hustend ließ Frodo sich an den Ketten hängen, sog gierig Luft in seine danach schreienden Lungen und keuchte angestrengt.
„Dummkopf!“ erzürnte sich daraufhin Thuringwethil, die noch keinen Befehl dazu gegeben hatte, von Frodo abzulassen. Diesmal befohl sie jedoch, ihn von seinen Ketten zu befreien, was der Mann sofort gehorsamst tat. Frodo glaubte fast an ein Wunder, als man ihn endlich von der Wand löste, aber was ihm dann drohte, war in keinster Weise besser. Woher er so plötzlich gekommen war, vermochte er nicht zu sagen, als sein Blick auf den mitten in der Halle vor Aragorn stehenden Wassereimer fiel. Er konnte gerade noch Luft holen, bevor der Mann sein Gesicht ins Wasser drückte und ihn erneut das Gefühl spüren ließ, daß er zu ersticken drohte.
Er konnte sie noch hören, Thuringwethil und Aragorn, wie sie einander ohne Pause wutentbrannt anbrüllten, doch es half ihm nicht, er kannte nur eine Sorge, und das war Luft zum Atmen. Er kniete vor dem Eimer, wurde unerbittlich hinuntergepreßt und konnte sich nicht wehren, so sehr er sich auch mit den Armen dagegenstemmte, aber es half ihm nicht.
Plötzlich hatte er seine Reflexe nicht mehr unter Kontrolle. In seinem Bewußtsein verschwamm alles, die Luftnot ließ ihn panisch nach Luft schnappen, doch er schluckte nur Wasser, faulig stinkendes, sandiges Wasser, und begann in Todesangst um sich zu schlagen. Der Mann hatte für einen Moment ein Einsehen, riß ihn am Kragen hoch und ließ ihn für einen Moment atmen, aber kaum daß er ihn halb aufgerichtet hatte, drückte er ihn wieder herunter und unter Wasser.
Aragorns gellender Schrei war so laut, daß Frodo ihn einfach wahrnehmen mußte, er hörte, wie Aragorn für ihn um Schonung bat, doch seinem Gesuch wurde in keinster Weise stattgegeben. Frodo spürte, wie seine luftleeren Lungen wieder danach verlangten, zu atmen, er mußte mit aller Willenskraft gegen die der Muskeln kämpfen, aber als es ihm wiederum nicht gelang und er Wasser schluckte, schlug er in seiner Panik versehentlich so heftig gegen den Blecheimer, daß dieser laut scheppernd unter ihm zur Seite kippte und ihn zwar mit der Kante am Auge traf und schmerzerfüllt schreien ließ, doch er konnte atmen.
Keuchend hing er von dem Mann gehalten halb über der sich ausbreitenden Pfütze, aber das Gefühl, endlich wieder atmen zu können, überdeckte jedes andere. Nichts war ihm in diesem Augenblick derart wichtig. Aus seinen Locken tropfte das Wasser, es lief über seinen Hals und seine Brust hinab, es näßte seine Kleidung und auf dem Boden wurden seine Knie naß, aber solange er atmen konnte, kümmerte ihn nichts anderes.
Aragorn war erleichtert. Über Thuringwethils wutentbranntes Fluchen hinweg sandte er in Gedanken ein Stoßgebet zu den Valar, dankte ihnen von ganzem Herzen, wußte aber ebensogut, daß es damit noch nicht vorbei war.
Der Mann stieß Frodo grob zu Boden, der Hobbit rollte sich schwer atmend auf den Rücken und rührte sich nicht. Er war froh, daß man für einen Moment von ihm abließ, so daß er die harschen Befehle der Dämonin nicht bewußt verstand, doch daraufhin erhoben sich Stimmen und Lärm wurde laut. Jemand packte ihn und schleifte ihn grob zurück zu Aragorn, so daß die beiden sich ansehen konnten, und im ersten Moment verstand Frodo den um Vergebung bittenden Blick Aragorns gar nicht.
Man stieß Frodo vor Aragorns Füße, wo der Hobbit aus Vorsicht erst einmal sitzenblieb, ohne sich zu rühren. In Richtung des einzigen Ausgangs stand Thuringwethil, ohne in diesem Moment besonders auf die Gefangenen zu achten, aber der Frieden täuschte und das wußten die beiden.
Aragorn sagte nichts. Frodo beobachtete erst stumm die Männer, so gut er das mit einem anschwellenden Auge konnte, dann hob er den Kopf zu Aragorn und lächelte.
Es zerriß dem König Gondors das Herz, weil er sich fragte, wie Frodo in diesem Moment Zuversicht bewahren konnte. Er hatte seine verloren.
Hatte Frodo denn nicht gehört, womit Thuringwethil gedroht hatte?
Er hatte es in der Tat nicht gehört. Es beunruhigte den Hobbit, der dank seiner für kurze Zeit wiedergewonnene Bewegungsfreiheit einfach sitzenbleiben konnte, auch nicht besonders, seltsame Geräusche des Hämmerns und Sägens zu hören. Sie kamen von irgendwoher, doch er konnte ihren Ursprung nicht sehen und wollte es auch gar nicht. Er hatte keine Ahnung, was auf ihn wartete.
„Was soll ich tun, Frodo?“ fragte Aragorn plötzlich. „Was soll ich jetzt nur machen? Soll ich es zulassen, daß sie auch den letzten Splitter bekommt? Das darf ich nicht! Aber welch ein Freund bin ich, wenn ich dich ihnen derart ausliefere? Ich darf dich doch gar nicht im Vergebung bitten...“
Frodo blickte auf zu dem trotz aller Sorge und Angst immer noch stolz dreinblickenden König, er sah in Aragorns Augen Wahrheit und die Freundschaft, die er immer an ihm gekannt hatte.
„Doch, das darfst du“, antwortete er. „Du kannst doch nichts dafür. Ich... ich muß diese Entscheidung dir überlassen, du weißt, ich ertrage viel...“
Aragorn schloß die Augen, senkte den Kopf und schluckte. Ja. Natürlich wußte er das. Aber wie sollte er guten Gewissens Frodo der Folter überantworten? Es war ihm unmöglich.
Hatte er sich nicht einmal geschworen, nie wieder zulassen zu wollen, daß Frodo etwas derartiges widerfuhr? Und nun stand er da, mehr bangend als hoffend, sah hinab auf seinen kleinen Freund, der überraschend ruhig schien und keinerlei Angst ob der eigentümlichen Geräusche zeigte, die an ihre Ohren drangen.
Wenn er redete, war alles verloren. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Thuringwethil auch das letzte Stück in ihren Händen hielt. Noch war ihre Gestalt nicht vollständig ausgebildet und sie hatte auch noch nicht die Macht, die sie einst besessen hatte, zurückerlangt, doch dies würde dann sogleich geschehen.
In regelmäßigen Abständen traf ein Hammer sein Ziel, trieb die Nägel tiefer ins Holz, zimmerte die massive Vorrichtung speziell für den ihr angedachten Zweck zusammmen, und jeder Hammerschlag schmerzte Aragorn, da er um die Qual wußte, die darauf folgen sollte.
Er würde Frodo dem Tod ausliefern, wenn er nicht irgendwann redete. Das konnte er nicht tun. Bestand denn gar keine Hoffnung, daß nicht seine Freunde reagierten und den Splitter fortschafften?
Er hoffte es sehr. Aber noch durfte er nicht reden. Noch konnte er es nicht tun...
Sein Gewissen trieb ihn in den Wahnsinn. Frodo vor ihm ahnte von nichts, aber das war auch nur gut so.
Aragorn mußte an die anderen denken. Wie sollte er nun entscheiden? Er konnte es doch nicht tun... wenn sie nur niemals Frodo erwischt hätten! Aber er hatte ja Lilianes Stein nehmen und ihn freiwillig aushändigen müssen, ihr zum Schutze. Das war sicherlich nicht falsch gewesen, aber dennoch gefährlich.
Liliane folgte jetzt sicherlich mit den anderen ihrer Spur. Noch konnte Aragorn vielleicht auf Befreiung durch seine Freunde hoffen...
Ein weiterer Schlag. Und noch einer. Holz knackte und ächzte, was über eine lange Zeit so fortschritt und Aragorn fast verrückt machte. Frodo kauerte stumm an seinen Beinen und starrte düster vor sich hin. Er mußte immerzu an Sams Schrei und Lilianes entsetztes Gesicht denken, kaum daß man ihn mit Aragorn von den anderen getrennt und fortgeschafft hatte.
Er wollte zu ihnen zurück. Er wollte zu seiner Familie zurück, zu den Kindern und nach Beutelsend, aber die Heimat war so fern...
Plötzlich erhob sich allgemeiner Tumult, es kam wieder Bewegung in den Raum und lautlos, schattengleich und angsteinflößend, kehrte Thuringwethil zu den beiden Gefangenen zurück. Dadurch verdeckte sie ihnen mit ihren breiten Schwingen die Sicht auf das, was sich hinter ihr bewegte, doch ihr zufriedenes Lächeln behagte Aragorn gar nicht.
„Was, so ruhig, Frodo Beutlin? Seid Ihr noch immer so unerschrocken, wie man es sich erzählt? Oder denkt Ihr gar, Ihr könntet alles ertragen? Ihr erstaunt mich! Aber ich werde Eure Stärke brechen können, seid Euch dessen gewiß! Des Königs Sturheit ist es schuld, daß wir nun zu anderen Mitteln greifen müssen!“
Frodo stand langsam auf, wich zurück neben Aragorn, doch Thuringwethil wollte ihm nicht im Weg sein und machte Platz, so daß er sehen konnte, wovon sie sprach.
Er schrie auf. Er klammerte sich mit einer Hand an Aragorn, preßte sich mit einem Male stark zitternd an ihn und krallte seine Finger in die Seite seines Freundes, der gar nichts tun konnte, hilflos, wie er gefesselt nun einmal war.
Frodos Schrei ging Aragorn durch Mark und Bein, am liebsten hätte er sich die Ohren zuhalten wollen, ihn schützen wollen, doch er konnte nicht. Er durfte doch nicht sprechen! Noch nicht...
„Nein! Verschont ihn doch! Tut ihm das nicht wieder an!“ flehte er verzweifelt und ließ es zu, daß Frodo sich fast hinter ihm versteckte, schwer atmend und außer sich vor Panik.
Der Hobbit glaubte, ihm müßten die Sinne schwinden bei diesem Anblick. Eine für sehr lange Zeit verdrängte Angst brach schlagartig aus ihm heraus, er preßte die Arme auf seinen Oberkörper und spürte, wie seine Knie weich wurden. Es war ihm, als würde er die Schnitte wieder spüren, auch wenn sie es gar nicht waren, die ihm nun drohten.
Es war die Art und Weise.
„Nicht wieder antun? Oh, es soll uns ein besonderes Vergnügen sein, eine alte Erinnerung zurückzubringen!“ spottete Thuringwethil kalt und sorgte dafür, daß man den sich wie wild gebärdenden Hobbit hinter Aragorn hervorzerrte und ihn in die Mitte des Raumes schleppte.
Das hatten sie gezimmert. Den Plan hatten sie schon zuvor gehabt, doch aufgrund Aragorns Sturheit hatte man ihn schließlich in die Tat umgesetzt. Alles hatte bereitgelegen. Man hatte den alten, massiven Holztisch schnellstens umgearbeitet, an den beiden Längsenden hölzerne, mit Stricken umwickelte Winden fest angenagelt und schließlich alles nur noch herbeischaffen und in Sichtweite des Königs aufstellen müssen. Dieser schloß die Augen, denn er konnte nicht hinsehen für den Moment.
Die Männer legten Frodo rücklings auf den Tisch, rissen seine Arme über den Kopf und schlangen am einen Ende des Tisches vorab geknotete Schlingen um seine Handgelenke. Frodo schrie in Todesangst, er ertrug es einfach nicht, wie schon vor Jahren auf diese Weise hilflos jemandem ausgeliefert zu sein. Eisern wurde er festgehalten und spürte, wie man auch seine Füße jeweils festband, doch es war ein schwacher Trost für ihn, zu wissen, daß sie nicht dasselbe tun würden wie die Verkünder der Finsternis.
Er hatte begriffen, daß dies eine Streckbank war.
Sowohl an Händen als auch an Füßen war er nun festgebunden, er paßte genau auf den Tisch, schloß keuchend die Augen und biß sich auf die Lippen, daß es schmerzte. Sein Herz hatte für einen Moment ausgesetzt, schien schmerzhaft zu verkrampfen, er schnappte panisch nach Luft und merkte, wie seine Lippen zu zittern begannen. Die Hände zu Fäusten ballend, zerrte er vergeblich an den rauhen Stricken an seinen Handgelenken, konnte sich jedoch nicht befreien.
„Elessar Telcontar, König des wiedervereinigten Königreiches von Gondor und Arnor! Wollt Ihr den Halbling nicht davor bewahren? Wollt ihr einfach zusehen, wie wir ihn langsam und quälend dem Tode entgegentreiben? Er wird es nicht überleben, wenn Ihr nicht sprecht!“ drohte die Dämonin, die genau zwischen Aragorn und Frodo stand, dem König jedoch nicht die Sicht nahm.
„Ihr seid wahnsinnig! Was habt Ihr gewonnen, wenn er tot ist und ich noch immer nicht spreche? Was wollt Ihr dann tun?“
Thuringwethil verhöhnte ihn.
„Oh nein, Ihr werdet ihn nicht sterben lassen! Es wird nicht mehr lang dauern und Ihr werdet sprechen!“ prophezeihte sie siegessicher. Aragorn schloß die Augen.
„Vergib mir, Frodo“, sagte er leise, jedoch laut genug, daß Frodo es hören konnte.
Der Hobbit gab keine Antwort. Er hielt die Augen fest geschlossen, bewegte sich nicht einmal mehr, denn er hatte sich wehrlos in sein Schicksal ergeben und hoffte nicht mehr auf Erbarmen.
Er rief sich Lilianes Lächeln ins Gedächtnis zurück. Er dachte voller Liebe an seine Frau, die er vor dieser Tortur bewahrt hatte, er dachte an seine beiden Kinder, die ebenfalls Nutzen daraus zogen, daß Aragorn nicht sprach, denn auch sie lebten als freie Bewohner Mittelerdes im Auenland.
Auf ein stilles Kommando hin wurden die Winden beide zur gleichen Zeit knarrend mit einem Ruck gedreht und zerrten über die Stricke an Frodos Armen und Beinen. Ein gepeinigter Schrei entfuhr ihm, daß es Aragorn schüttelte und erzittern ließ. Keuchend öffnete Frodo die Augen und biß die Zähne zusammen. Noch ertrug er den Druck, der auf seinen nun förmlich brennenden Muskeln lastete, auch wenn er sich in keinster Weise mehr bewegen konnte. Er hörte ein leises Knacken in seinen Gelenken, und auch obwohl er keinen Schmerz spürte, wuchs die Angst davor, schnürte ihm die Kehle zu, machte ihm das Atmen fast unmöglich.
„Aragorn Elessar, wie wollt Ihr das je vor Euch verantworten? Wie könnt Ihr zusehen?“ fragte Thuringwethil leise. Wieder wurden die Winden in einander gegengesetzte Richtungen gedreht, so daß die Schmerzen in Frodos Gliedmaßen in Sekundenschnelle nahezu unerträglich wurden.
„Aragorn!“ schrie er aus voller Kehle, er schrie seinen Schmerz hinaus, stöhnte und konnte sich der Tränen nicht länger erwehren, die ihm in die Augen traten, weil er nur noch den Schmerz seiner Muskeln spürte.
Seine Gedanken waren wie gelähmt. Die rauhen Stricke schnitten in seine Haut, rissen an den Gelenken seiner Hände und Füße und schnürten ihm das Blut ab, doch der Druck gab nicht nach, sondern ließ Frodo erneut unter Qualen schreien, weil er anders den Schmerz nicht aushalten konnte. Er fürchtete, daß im nächsten Moment die Muskelfasern reißen würden, er betete darum, ohnmächtig zu werden, dem Schmerz zu entfliehen, es einfach nicht mehr spüren zu müssen...
Wieder zuckte unbeschreiblicher Schmerz mit dem nächsten Ruck durch seinen Körper und sein folgender Schrei wurde noch lauter, denn unter einem lauten Knacken wurde seine Schulter ausgerenkt, der Knochen sprang aus dem Gelenk, doch bot dies nur einen Vorgeschmack auf das, was als nächstes kommen konnte.
Jetzt war es ihm alles gleichgültig, er kannte nichts mehr als Angst und Schmerz. Er flehte darum, er bettelte, er schrie fast ohrenbetäubend unter Tränen und bat Aragorn, es zu beenden, endlich zu sprechen, stöhnte unter entsetzlichen Qualen und glaubte, er müsse zerreißen, wenn man nicht endlich von ihm abließ.
Seine Gelenke schmerzten, die Muskeln brannten und bereiteten ihm ein unaussprechliches Martyrium, dem er nun um jeden Preis entfliehen wollte.
Tränen brannten in seinen Augen, als er nach Aragorn rief.
„Bitte... bitte, s-sag es...“
Die Männer setzten erneut an. Thuringwethil sah zu Aragorn, dem ähnlich wie Frodo allein vom Zusehen der Schweiß auf der Stirn stand, er kämpfte mit sich, rang um die richtige Entscheidung, betete, daß die anderen den letzten Splitter verstecken würden...
Frodo würde unter den schlimmsten Qualen einen langsamen Tod erleiden, wenn er ihn nicht erlöste.
„Nein!“ rief er. „Haltet ein...“
Noch hatten die Männer kein viertes Mal gedreht. Sie warteten, sie konnten sehen, wie der König mit seinem Gewissen einen ungerechten Kampf focht, den er nicht gewinnen konnte.
Er mußte es tun. Er war ein Mensch, keine Kreatur Morgoths, er kannte Mitgefühl und Frodo war sein Freund...
„Im Orthanc, in Sarumans oberster Kammer, dort liegt das Stück auf einer Fensterbank. Ich habe es dort gelassen. Doch jetzt laßt ihn! Quält ihn nicht weiter, ich flehe Euch an!“
Aragorn sah flehentlich zu Frodo. Er konnte es nicht verantworten. Mit Erleichterung stellte er fest, daß man die Winden löste, Frodo von den fesselnden Schlingen befreite, dann zog einer der Männer ihn hoch und schulterte ihn, um ihn fortzubringen. Ohne sich in jedweder Form zu bewegen, ließ Frodo es geschehen, doch Aragorn konnte sein schmerzerfülltes Weinen hören und es machte ihm zu schaffen. Er nahm teilnahmslos zur Kenntnis, daß man ihn von seinen Ketten befreite und mit Frodo zusammen an einen anderen, entfernteren Ort in den Minen brachte, in eine kleine Kammer, wo man ihn so an die Wand kettete, wie man es zuvor mit Frodo getan hatte.
Den völlig entkräfteten Hobbit legten sie mehr oder weniger achtlos neben Aragorn, stellten den beiden ähnlich wie Faramir und Eowyn Wasser und Brot in die Kammer, dann verriegelten sie die Tür und verließen die beiden. Einzig eine kleine Fackel erhellte die Finsternis des Verlieses in Moria.
Aragorn war gelähmt gewesen durch den Schock, den er vom Zusehen gespürt hatte. Er hatte nicht glauben können, was er gesehen hatte, er konnte nicht glauben, daß er das zugelassen hatte...
Er senkte den Kopf und sah hinab zu Frodo, der bäuchlings neben ihm auf dem kalten steinernen Boden lag, sein linker Arm war seltsam abgewinkelt, aber aufgrund seiner Schmerzen bewegte er sich nicht. Nur eins konnte Aragorn an ihm sehen, denn Frodo schluchzte, er zitterte am ganzen Leib, aber das war auch alles an Leben, was noch in ihm war.
„Bitte vergib mir, Frodo, vergib mir... ich schäme mich, ich...“
Hustend und unter großer Anstrengung drehte Frodo den Kopf zu ihm, öffnete matt die Augen und lächelte leicht.
„D-danke, daß du es dann g-gesagt hast...“
Klirrend bewegten sich die Kettenglieder, als Aragorn die eine Hand tröstend auf den Rücken seines kleinen Freundes legte, soweit er ihn erreichen konnte. Die andere Hand hob er und verbarg darin das Gesicht, denn Frodo sollte nicht sehen, wie sich vor lauter Scham und Entsetzen Tränen in den Augen des Königs von Gondor sammelten.
Er blieb stumm, als eine Träne bis zu seinem Kinn hinablief.

Er hatte nicht einmal gespürt, daß er zwischenzeitlich das Bewußtsein verloren hatte. Wirre Bilder hatten ihn dann in seinen Träumen heimgesucht, er sah Gordir, aber dieses Mal hatte er kein Messer, er sah eher aus wie der skrupellose Dämon, der ihn den schlimmsten Schmerzen preisgegeben hatte, die er in seinem Leben kennengelernt hatte.
Frodo war erwacht mit Tränen in den Augen, Tränen des Schmerzes, hatte sich mühevoll umgedreht und sich darum gekümmert, daß er und Aragorn trinken und essen konnten. Stumm hatte er dies getan, tunlichst darauf bedacht, seine ausgekugelte Schulter nicht zu belasten. Schließlich hatte er schwach an Aragorn gelehnt und reglos mit Düsternis im Blick vor sich hin gestarrt.
Alles in seinem Körper schmerzte. Jedes Gelenk, jeder Muskel, er kannte keine Stelle an seinem Körper mehr, die nicht schmerzte. Die Pein war unaussprechlich.
Aragorn hatte einen Arm um ihn gelegt in einer tröstlichen Geste. Frodo wußte, wie sehr Aragorn seine Sturheit bereute, doch er wußte auch um die Ängste, die der König Gondors jetzt um den Verbleib des letzten Splitters ausstand.
„Komm her“, flüsterte Aragorn irgendwann, er zog den apathischen Hobbit näher zu sich heran und legte schützend die Arme um ihn. Frodo verbarg den Kopf an der Brust des Königs, versteckte sich in seiner schützenden und wärmenden Umarmung, sprach aber kein Wort.
Es kam Aragorn vor, als hielte er eines seiner Kinder im Arm, wie er es immer getan hatte, wenn Eldarion oder Celebriel aus einem Alptraum erwacht waren und sich noch vor den Schatten der Nacht fürchteten.
Aber diesmal war es kein Alptraum. Es war die Wirklichkeit.
Aragorn hatte gesehen, mit welcher Anstrengung Frodo sich bewegt hatte, um sie beide zu versorgen, er hatte den Schmerz im Gesicht seines kleinen Freundes gesehen.
Eine jede einzelne Bewegung hatte ihm enorme Willensstärke abverlangt, jeden Muskel spürte er brennend, wenn er nur den Arm hob. Aragorn versuchte, sich anhand seiner Erinnerung an bereits erlebte tiefe Erschöpfung vorzustellen, was Frodo ausstand, doch er vermochte nicht, sich diese Schmerzen auszumalen, die Frodo tatsächlich spürte.
Der König bemerkte, daß etwas mit dem Hobbit geschehen war. Es war nicht nur, daß man ihn über die Grenze der Ertragbaren hinaus gefoltert hatte und er sich aufgrund der Schmerzen kaum bewegen konnte - er wollte gar nicht. Frodo war auch innerlich wie gelähmt, etwas lange Verdrängtes war wieder aufgebrochen, und Aragorn wußte auch, was das war.
Deshalb hatte er instinktiv gespürt, daß er Frodo um keinen Preis sich selbst überlassen durfte, er mußte ihm Halt geben, ihn wissen lassen, daß er bei ihm war.
Frodo verstrickte sich in Bildern seiner vor fast zwanzig Jahren ausgestandenen Qual, die sich mit den Schreckensbildern der Befragung Aragorns vermischten. Er begann am ganzen Leib zu zittern, als er auf seine Handgelenke hinabstarrte, blutunterlaufen an den Stellen, wo die Stricke sie wundgeschnitten hatten.
Er konnte noch immer die Schnittnarben des Dolches sehen.
Aragorn drückte Frodo fest an sich, als dieser verzweifelt zu schluchzen begann, strich ihm tröstend über den Kopf, was seine schweren Ketten laut rasseln ließ.
„Es tut mir so leid, Frodo“, flüsterte Aragorn, der angesichts des Leids seines Freundes wiederum Tränen der Scham und Hilflosigkeit in den Augen brennen spürte.
Darauf reagierte der Hobbit nicht, aber er spürte den schweren Atem des erschütterten Menschen und hob schüchtern den Kopf, um Aragorn anzusehen. Für einen Moment hielt Frodo inne, als er die Leere im Blick seines schuldbewußten Freundes bemerkte, denn er hatte noch nie zuvor Tränen in Aragorns Augen gesehen.
„Du kannst nichts dafür“, antwortete Frodo leise. Aragorn schloß die Augen, um Frodo auszuweichen, was dieser traurig zur Kenntnis nahm.
Er nahm es in seinem abwesenden Zustand wie durch einen Nebel wahr, er verlor sich in längst vergangenen Erinnerungen, die ihn zusehends ängstigten. Er fiel zurück in sein verstörtes Verhalten, das er Jahre zuvor gezeigt hatte, als man ihn vor den Verkündern in letzter Sekunde gerettet hatte, aber diesmal hatte er noch Hoffnung und sah noch etwas, das ihn am Leben hielt.
Lange hörte nicht auf, zu weinen, Aragorns Trost half ihm kaum, und so überraschte es den König ein wenig, als er Frodo unter Tränen etwas anfangs unverständliches murmeln hörte. Dennoch konnte er erahnen, daß es Lilianes Name war, den Frodo aussprach, und er lächelte.
Sie brauchte er jetzt bei sich, damit sie ihm Sicherheit gab, nichts anderes hätte er gebraucht, aber noch war sie nicht dort.
„Sie ist bald hier, sie folgt uns bestimmt mit Sam und den anderen“, sagte Aragorn und bemühte sich, ermutigend zu klingen, aber es gelang ihm nicht ganz.
„Es wird doch alles in Dunkelheit versinken...“ flüsterte Frodo daraufhin tonlos. Aragorn blieb stumm, denn er fand keine Worte, nichts gab es, das er zu sagen vermochte.
Er wußte es selbst. Und doch wußte er, daß er richtig gehandelt hatte, irgendwann hätte Thuringwethil es doch erfahren, darin bestand kein Zweifel.
„Jemand muß dir deine Schulter wieder einrenken“, sagte er irgendwann, doch Frodo schüttelte nur teilnahmslos den Kopf.
„Nein. Wofür denn noch.“
Am liebsten wollte er tot sein. Es war alles sinnlos. Das Böse würde die Herrschaft erringen, so es denn wollte.
„Wofür? Ich sage dir, wofür. Je länger wir warten, umso schwieriger wird es und ich will nicht, daß du irgendwann deinen Arm nicht mehr bewegen kannst!“
Die beiden starrten sich an. Aragorn wußte, es war wohl die falsche Art, Frodo anzusprechen und aus der Lethargie zu reißen, aber es mußte sein.
„Nein! Ich weiß, wie sehr das schmerzt, die Schulter war schon ausgerenkt!“ rief Frodo entrüstet. Plötzlich erschien ihm die schützende Umarmung seines Freundes wie etwas bedrohliches, taumelnd sprang er auf, so schnell er konnte, verlor dabei das Gleichgewicht und die Kontrolle über seine zitternden Muskeln, also fiel er rücklings zu Boden und rutschte hastig so weit von Aragorn weg, wie es ihm möglich war.
Reglos hatte Aragorn ihn angestarrt, ihm fehlten angesichts Frodos kopfloser Flucht vor ihm einfach die Worte, aber langsam faßte er sich wieder.
„Frodo, ich will dir nicht wehtun, glaubst du etwa, ich wollte dich quälen?“
Gehetzt starrte Frodo ihn an, er lehnte ihm gegenüber an der Wand und zog langsam die Beine an den Körper. Sein Atem ging stoßweise und beruhigte sich nur langsam wieder. Fast hätte er sich des Gedankens geschämt, aber er war in diesem Augenblick dankbar, daß Aragorn ihm nicht folgen konnte durch seine Ketten. Frodo würde ihm nicht wieder zu nahe kommen, damit Aragorn nicht auf die Idee kommen konnte, ihm die Schulter einzurenken.
„N-nein, ich weiß, d-daß du es nicht so meinst, aber tu mir das nicht an, bitte...“ stammelte er mit zitternder Stimme. Allein der Gedanke daran trieb ihn in den Wahnsinn, er wollte um keinen Preis das noch erdulden müssen. Da ertrug er lieber den unterschwelligen Schmerz in der verletzten Schulter, auch auf die Gefahr hin, damit etwas sehr unvernünftiges zu tun.
Es war ihm ganz egal.
„Frodo, ich will dir nichts tun! Es muß doch sein, siehst du das denn nicht? Ich bin dein Freund, ich verspreche dir, vorsichtig zu sein!“ redete Aragorn auf den verschreckten Hobbit ein, dessen große Augen ihn noch immer unverwandt ansahen.
„Nein! Versuch es gar nicht erst! Du wirst meine Schulter nicht anrühren! Ich habe genug davon...“
Damit verfiel Frodo in eisiges Schweigen und starrte düster vor sich auf den kalten Boden.
„Denk an deine Familie... das sollten wir beide“, erwiderte Aragorn dann, aber Frodo empfand dies als schwachen Trost. Zumindest zuerst, denn er mußte nur kurz an Liliane denken und an seine Kinder und sie begleiteten ihn bis in seine Träume, derer er einige hatte, während sie in einer schieren Ewigkeit in ihrem Gefängnis verweilten.


Achtzehntes Kapitel

Es gab einen kleinen Pfad, der sich einem Spalt gleich von ihrem Rastplatz fort zwischen steil aufragende Felswände an der Silberzinne entlangschlängelte und stetig anstieg. Knorrige, halb verdorrt aussehende hartlaubige Büsche säumten den steinigen Weg, Moose überwucherten neben Farnen die Felsblöcke, welche die drei einsamen Wanderer, ihrer Pferde beraubt, umrunden mußten. Bergil hatte die Pferde weder ausdrücklich laufenlassen, sie jedoch auch nicht angebunden, sondern einfach nur von Hulstentor weg auf eine Kuppe am Torbach geschickt, wo sie den Blicken der Feinde entgehen sollten.
Er suchte den Weg. Die beiden Hobbits folgten ihm stumm und fest in ihre Umhänge gewickelt, denn der schneidende Fallwind aus dem hohen Gebirge ließ sie trotz der sommerlichen Jahreszeit frösteln.
Bleiern hingen die Wolken über den Bergspitzen und verwehrten der Sonne den Blick auf das Gebirge. Liliane, Sam und Bergil konnten jedoch die vereiste Spitze der Zirakzigil über sich aufragen sehen, als sie an Nadelbäumen und anderen widerstandsfähigen Pflanzen vorbei zum Gipfel blickten.
Die Welt schien ihnen grau zu sein. Selbst das Grün der Pflanzen erschien ihnen nicht als solches.
Nach einem nur dürftigen Frühstück hatten sie sich an den Aufstieg gemacht, denn Durins Turm war ihr Ziel. Es würde äußerst gefährlich und sehr beschwerlich werden, aber sie würden es wagen. Was gab es für sie zu verlieren?
Den entschlossensten Gesichtsausdruck von allen dreien zeigte Liliane. In der Nacht hatte sie einen nicht mehr bestimmbaren Traum gehabt, doch das Gefühl, welches er in ihr erweckt hatte, war seitdem geblieben. Es hatte sich zwar verändert, aber sie wurde es einfach nicht mehr los. Seelischen und körperlichen Schmerz der schlimmsten Art hatte sie gespürt, ihren Namen gehört, Schatten und Bösartigkeit gesehen.
Sie hatte es nicht wieder ausgesprochen, doch sie war sich dessen gewiß, daß sie bereits zu spät waren und man Frodo nicht geschont hatte. Um Aragorn zum Sprechen zu bringen, hatte man ihn gefoltert, sie wußte es.
Bergil und Sam vermuteten es aufgrund ihres Alptraumes, doch sie waren sich nicht derart sicher wie sie und hofften, sie täuschten sich.
Eine verbitterte Härte lag in ihren Zügen. Die Verzweiflung im Traum war in unbremsbaren Tatendrang umgeschlagen, kaum daß sie sich beruhigt hatte nach dem Aufwachen. Ohne eine weitere Erklärung hatte sie sich Bergils Dolch erbeten und ihn in die Tasche ihres Kleides gesteckt, dann die störrischen Haare zurückgebunden und ihre Sachen in hastigen Bewegungen zusammengepackt, was die anderen erstaunte.
Sie würde Frodo zu Hilfe kommen. Zwar wußte sie genau, daß sie gegen den Feind kaum etwas ausrichten konnte, aber Frodo mußte sie helfen, egal um welchen Preis.
Die Arme vor der Brust verschränkt, hatte sie den Umhang, der vormals Frodo gehört hatte, eng um ihren Körper gezogen und lief unermüdlich voran, immer hinter Bergil her, jedoch mit gesenktem Kopf und fast etwas eingeschüchtert.
Der große Berg und seine enorme Höhe machten ihr Angst, genau wie Sam. Bergil ging es da anders, er fühlte sich dazu verpflichtet, auf die beiden Hobbits aufzupassen und nahm seine Aufgabe, die ihm nie ausdrücklich gestellt worden war, sehr ernst.
Der Pfad wurde steiler und schmaler, und wenn sie zurückblickten, konnten sie die unter ihnen liegende Gegend immer weiter überblicken.
Das Bergsteigen strengte sie bereits an. Auch wenn die Waldgrenze in Sichtweite war, würden sie diese frühestens am Nachmittag erreichen. Den drei Meilen hohen Gipfel hatten sie dann noch immer für lange nicht erreicht, es war auch nicht abschätzbar, wie lange es dauern würde, bis sie den Berg vollständig erklommen hatten. Zwei Tage, vielleicht auch drei, wenn die Witterung umschlug und sie schlecht vorankamen.
Tapfer stapfte Bergil weiter voran, bis er gegen Mittag über die Schulter zu den in Stillschweigen gehüllten Hobbits blickte, deren Gesichter vor Anstrengung rot und schweißbedeckt waren.
„Wir könnten eine Pause machen“, sagte er, denn er spürte jeden Fleck auf seiner Fußsohle. Seine festen Stiefel eigneten sich zwar zum Bergsteigen, wirklich bequem waren sie jedoch nicht.
Die Hobbits klagten nicht. Sie spürten die hartkantigen, spitzen Steine unter ihren Füßen zwar, aber sie hatten sich daran gewöhnt und schon etwas gegessen, ohne eine Pause zu machen.
„Nur kurz“, sagte Sam, der es unausgesprochen ähnlich eilig hatte wie Liliane.
Hobbits sind wirklich robust, dachte Bergil bei sich, setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm zwischen seine beiden unermüdlichen kleinen Begleiter und biß in einen schmackhaften Apfel. Die Hobbits knabberten ebenfalls an Äpfeln herum, starrten derweil aber nur unbewegt in die karge Umgebung und auf die windgepeitschten Pflanzen. Graumelierter Fels war überall, wohin sie blickten.
In ihren schmerzenden Waden spürten sie jetzt, wie anstrengend der Aufstieg tatsächlich für sie war. Liliane fürchtete fast, die Knie brächen ihr weg, als sie nach der kurzen Rast wieder aufstand, um weiterzuwandern. Sie befanden sich noch immer am Fuß des Berges.
Zum Nachmittag hin verzogen sich die Wolken ein wenig und einzelne Sonnenstrahlen brachen fingergleich durch die Wolkenlücken, um in hellen Punkten den Berg zu berühren. Sofort wurde es ein wenig wärmer, der Wind legte sich ein wenig, aber der Pfad war inzwischen verschwunden und deshalb war die Wanderung für die drei nicht leichter geworden.
Über stufenartig angeordnete Felsgruppierungen erklommen sie den Berg, so gut es ging, mußten sich zum Teil mit den Armen hochziehen, um Hindernisse zu überwinden und weiter voranzukommen. Manchmal ging es etwas ebener, wenn auch von der Fläche her glatter weiter, so daß sie acht geben mußten, um nicht abzurutschen und in den Abgrund zu stürzen. Einmal strauchelte Bergil bedrohlich, doch Sam und Liliane reagierten sofort und packten ihn um Hüfte und Arme, damit er nicht das Gleichgewicht verlor.
Die beiden Schwerter an seinem Gürtel wurden neben dem Rucksack eine inzwischen hinderliche, schwere Last, die er am liebsten zurückgelassen hätte, doch das konnte er nicht. Dabei spürte er sein eigenes Schwert mehr als das seines Königs, das durch seine elbische Beschaffenheit kein nennenswertes Gewicht besaß.
Der Schweiß perlte ihm in Tropfen über die Stirn. Bergil keuchte angestrengt, suchte mit den Fingern an einer schroffen Felskante Halt und zog sich mit aller Kraft hoch, um danach ein erstes Mal aufgrund des großen Höhenunterschiedes ein Seil hinunter zu den Hobbits zu lassen, nachdem er es sich fest um die Hand gewickelt hatte. Nur ein Stück weit mußte er die beiden kleinen Halblinge hochziehen, bevor er sie an den Armen packen und ohne Schwierigkeiten neben sich heben konnte.
Bis zur Abenddämmerung bahnten sie sich so einen Weg am Berg entlang, bis sie plötzlich vor einem Steilhang standen, der fast senkrecht vor ihnen aufragte und nicht viele Stellen anbot, die das Klettern erleichterten.
„Wunderbar“, murmelte Bergil sarkastisch, während er sich umblickte. Es ging in keiner anderen Richtung weiter, also mußten sie klettern. Die Felswand war gute hundert Fuß hoch, aber es war gefährlich und die Dunkelheit würde bald hereinbrechen.
„Klettern wir“, sagte Sam achselzuckend, was Bergil stirnrunzelnd zur Kenntnis nahm.
„Ich weiß nicht, ob wir dort oben Nachtruhe halten können. Was, wenn das ewig so weitergeht?“
„Dann schlafen wir eben nicht“, antwortete Liliane kurzerhand und deutete auf die Felswand.
„Sollen wir das nicht lieber morgen wagen?“ fragte Bergil vorsichtig, aber die beiden schüttelten entschieden die Köpfe.
„Wer weiß, was morgen ist! Komm schon, das schaffen wir“, versuchte Liliane, dem Krieger Mut zu machen.
„Gut. Sam klettert voran, du folgst ihm und ich komme als letzter“, bestimmte Bergil dann, weil er wußte, daß nur er eine Aussicht darauf hatte, jemanden im Fall abbremsen zu können. Würde er jedoch voranklettern und fallen, riß er die Hobbits sicherlich mit in die Tiefe.
Sam erklärte sich einverstanden. In den Emyn Muil hatte er vor Jahren einen ähnlichen Abstieg gewagt, deshalb hatte er in diesem Falle keine sonderliche Angst. Er klammerte sich mit den Händen an Unebenheiten im Fels fest, zog die Füße nach und hangelte sich so bedächtig und vorsichtig hoch.
Kleine Steinchen bröckelten weg und fielen hinter ihm zu Boden. Als er weit genug vorausgeklettert war, machte Liliane sich daran, ihm zu folgen. Sie ließen jeweils recht große Abstände und so kam es, daß Sam das Ende der Felswand fast erreicht hatte, als Bergil gerade mit Klettern begonnen hatte.
Ihm fielen immer wieder Steine entgegen, meist kleinere, aber er mußte sich vorsehen, daß sie ihn nicht ins Gesicht trafen. Er kam nur langsam voran. Wenn er sich mit den Händen Halt verschafft hatte, verankerte er die Füße, so gut es eben ging, suchte wieder einen neuen Halt mit den Fingern und hangelte sich so voran. Nicht selten brachen ganze Steinbrocken unter seinen Füßen weg, so daß er fast hilflos in der Luft hing, aber ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, kletterte er immer weiter.
Als er den Kopf über den Rand des Steilhangs steckte und die beiden Hobbits auf einer ebenen Fläche entdeckte, fand er Liliane keuchend auf dem Rücken liegend vor, während Sam trinkend danebensaß und durstig sein mitgebrachtes Wasser die Kehle hinabstürzte.
„Gute Idee“, bemerkte Bergil und krabbelte auf allen vieren zu den Hobbits, legte sich neben Liliane und schloß die Augen. Das Blut rauschte in seinen Augen, es pulsierte spürbar in seinen Adern, ein Gefühl, das ihm fast Angst machte. Es machte ihn seiner Verletzlichkeit bewußt. Er besaß nur menschliche Kräfte.
Sie waren zu dritt. Sie traten fast einem Heer von bestimmt fünfzig Mann entgegen und vor allem einer zutiefst bösartigen Dämonin, von der sie alle nicht genau wußten, wie sie sich diese vorzustellen hatten.
Die Dämmerung senkte sich über die Hithaeglir. Es war zu gefährlich, weiterzuklettern, also unterließen sie es.
Bergil blickte über die Klippe hinab und stellte im Vergleich zu dem, was sie noch erwartete, fest, daß sie die Hälfte bereit geschafft hatten.
Aber diese Hälfte war witterungsgeschützt gewesen durch die Bäume, sie war flacher gewesen und nicht vereist. Hier oben in der völligen Wildnis waren sie dem Willen der Natur gnadenlos unterworfen.
Ein scharfer Wind pfiff durch seine Haare. Er blickte sich um auf der weitläufigen, ebenen Fläche, auf der sie sich nun befanden und die den Berg zu säumen schien.
„Wenn mich nicht alles täuscht, ist dort drüben eine kleine Nische unter den Felsen. Da ist es vielleicht nicht so kalt wie hier. Laßt uns dorthin gehen für die Nacht!“ schlug er vor, woraufhin die Hobbits sich müde schwankend erhoben und schwach voranschleppten. Sie spürten jeden Muskel an ihrem Körper, waren einfach nur erschöpft und ausgelaugt, unaussprechlich hungrig und schläfrig. Bergil erging es da nicht anders, aber er war überrascht, wie zäh die Hobbits wirklich waren. Kein einziges Murren hatte er gehört.
Der Wind wurde schneidend kalt, piekste und fühlte sich an wie tausend Messerklingen, aber unter dem von Bergil entdeckten Felsvorsprung waren sie einigermaßen sicher vor der Kälte der hereinbrechenden Nacht.
„Mir egal, ob das einer sieht“, erklärte Sam, als er trockenen Reisig zusammensuchte und aufhäufte, „ich will Wärme und Licht und etwas leckeres zwischen die Zähne!“
Liliane lächelte matt. Sie ließ ihn ohne Widerrede gewähren und ertrug kommentarlos die Diskussion zwischen Bergil und Sam über den Sinn eines Lagerfeuers, doch schließlich brannte doch eines und Sam briet noch einige Äpfel darüber.
„Bratäpfel“, murmelte Liliane verträumt, als sie den Geruch wahrnahm. Sie hatte die Beine an den Körper gezogen, die Arme um die Knie gelegt und die Augen geschlossen, war aber nicht eingeschlafen. Sie hatte noch zu großen Hunger.
Sam setzte auch Wasser auf und kochte heißen Tee, der ebenso wärmte wie die vorzüglich schmeckenden Bratäfpel.
„Mit Kaninchenbraten kann ich leider nicht dienen“, murmelte er mit halbvollem Mund und einem genießerischen Gesichtsausdruck. Bergil zuckte desinteressiert mit den Schultern.
„Ihr Hobbits seid derart vorzügliche Köche, daß ich mir von euch alles vorsetzen lasse!“
Liliane lächelte. Sam kochte in der Tat ausgezeichnet, nur leider tat er es viel zu selten, weil ihm die Zeit dazu fehlte.
Das Feuer spendete behagliche Wärme und tröstliches Licht, in dem die drei sich einigermaßen wohl fühlen konnten. Warm war es nicht, aber sie mußten auch nicht frieren.
„Morgen wird es noch schlimmer“, kündigte Bergil mit seltsam verheißungsvoller Stimme an. Schatten tanzten um die drei herum, als sie vom Feuer auf die Felswände geworfen wurden.
„Wir werden den Schnee erreichen, was sehr gefährlich wird. Und ich fürchte, daß wir dort nicht schlafen können. Wir würden erfrieren. Also schlaft heute nacht genug, wir sollten zu dritt wachen und somit jeweils nicht allzu lang, denn das nächste Mal werden wir erst wieder auf der Treppe schlafen können!“
„Wundervoll“, bemerkte Sam trocken, Liliane jedoch sagte nichts dazu. Sie war nur froh, im Augenblick nicht wandern zu müssen, dazu fehlte ihr die Kraft. Den ganzen Tag waren sie nur gelaufen und gelaufen, hatten serpentinenartig den Berghang erklommen, um den jeweils besten Weg zu finden, und das waren weite Umwege gewesen.
Sie war eingeschlafen, bevor die drei überhaupt die Abfolge der Nachtwache hatten klären können. Bergil wollte die erste Wache übernehmen und versprach fest, nicht wieder einzuschlafen, was Sam mit nicht mehr als einem gutmütigen Grinsen bedachte. Dann legte er sich neben Frodos Frau und war ebenfalls im Handumdrehen eingeschlafen.
Bergil blickte zu dem provisorisch gebauten Bogen und den Pfeilen, die aus seinem Rucksack herausragten. Er hatte nichts mehr zu tun. Womit sollte er sich beschäftigen?
Er überlegte, wie sie in Moria, falls sie dort je ankamen, vorgehen sollten. Heimlichkeit war oberstes Gebot, sie mußten unsichtbar bleiben, so gut es ging.
Nichts konkretes wollte ihm einfallen. Er wußte auch nichts davon, daß bereits Männer unterwegs zum Orthanc waren, aber man wußte ebenso nichts von ihnen.
Er wartete. Über seinem Kopf zogen die Wolken hinweg, die Sterne am Himmel wanderten weiter und als er der Meinung war, daß sie weit genug gewandert waren, weckte er Sam und legte sich zum Schlafen nieder. Er hatte zuletzt kaum noch die Augen offenhalten können.
Sam holte seine Pfeife hervor und blies unausgeschlafen den Rauch in die Luft. Stundenlang beobachtete er ihn. Selbst als der Morgen graute und seine Wachzeit bei weitem überschritten war, rührte er sich nicht, hielt jedoch die Augen geschlossen und träumte wie im Halbschlaf vor sich hin.
Er hatte nicht vor, Liliane zu wecken. Im Laufe der Nacht hatte er beschlossen, sie schlafen zu lassen, weil er glaubte, sie brauche den Schlaf nötiger als er oder Bergil. Er mochte auch zwischendurch eingenickt sein, aber keinerlei Gefahr drohte und er schlief auch nicht wirklich ein.
Zu seiner Überraschung schreckte Liliane ihn auf. Sie hatte in Erwartung der Wachübernahme nicht wirklich fest geschlafen, so hatten die ersten starken Sonnenstrahlen sie geweckt und Sam kopfschüttelnd ansehen lassen.
„Ich war dran“, murmelte sie wie beiläufig, was Sam die Augen öffnen ließ.
„Ich habe nicht geschlafen“, versuchte er sich zu verteidigen.
„Das habe ich gesehen, aber das meine ich nicht. Ich war trotzdem an der Reihe.“
„Jaja“, sagte Sam, dann schwieg er wieder und blinzelte zum Frühstück. Die beiden weckten dann Bergil, aßen etwas und machten sich in der Frühe bereits auf den Weg zum Gipfel. Sie waren fast zwei Meilen hoch, als die Sonne über die Gipfel stieg und die Welt in einem warmen, reinen Gelb erleuchtete. Auf den Hängen des benachbarten Rothorn glitzerte der Schnee und die wie blutbespritzten rotleuchtenden Hänge strahlten zu ihnen hinüber, daß es ihnen fast Angst machte.
Wie Insekten krochen sie den Hang hinauf. Die Vegetationsgrenze hatten sie vor der Mittagszeit längst hinter sich gelassen und näherten sich der Zone des ewigen Eises, wo immer Schnee lag.
Sam zwang sich angestrengt, die Augen offenzuhalten. Er merkte, daß er mit den vier oder fünf Stunden in dieser Nacht nicht wirklich weit gekommen war nach dem anstrengenden vorangegangenen Tag. Fast bereute er, daß er Liliane nicht tatsächlich geweckt hatte, aber als er zu ihr hinüberschielte und sie voller Energie und Zuversicht den Berg hochstapfen sah, war er doch zufrieden.
Erste Schneefelder lösten die letzten Moose ab. Noch waren sie nur vereinzelt vorzufinden und sie waren auch nicht hoch, aber hart gefroren und wurden deshalb von den Wanderern zielstrebig umrundet. Bald jedoch wurden die weißgrauen Schneefelder zusammenhängender und zu allem Überfluß zogen Wolken herauf, die fast nebelgleich alle Sicht nahmen, welche die drei bis zu diesem Augenblick gehabt hatten. In einer trüben, zähen Wolkenmasse suchten sie sich in neuntausend Fuß Höhe einen passierbaren Weg durch den immer tiefer werdenden Firn, der als fast eisgleiche Altschneedecke Eisfelder überdeckte. Neuer Pulverschnee war keiner zu finden, da im Sommer selten Schnee in dieser Höhe fiel und im Augenblick hingen die Wolken zu tief, als daß sie den Gipfel erreicht hätten.
Um sie herum war nur noch Schnee. Daß die Luft dünner wurde, merkten die drei nur daran, daß sie langsamer und nur unter größerer Anstrengung vorankamen, jeder Schritt fiel ihnen immer schwerer, aber sie gaben nicht auf. Die Atemluft schien in ihren Lungen gefrieren zu wollen, sie spürten jeden Atemzug, nahmen die Luft bewußt wahr aufgrund ihrer inzwischen fast klirrenden Kälte. Sie waren nicht für Bedingungen wie diese gerüstet und spürten die Kälte deshalb nur umso mehr.
Müdigkeit kroch kurz nach Mittag in ihre Gliedmaßen. Die Feuchtigkeit der umgebenden Wolken setzte sich in ihrer Kleidung fest und fror dort entweder fest oder taute aufgrund ihrer Körperwärme zwischenzeitlich wieder auf. Liliane spürte, wie ihre feuchten Locken in Strähnen zusammenfroren. Es hätte ihnen nur noch gefehlt, daß es schneite, doch dies blieb zum Glück aus. Manchmal konnte es schneien, daß die entgegenkommenden Schneeflocken die Luft zum Atmen nehmen wollten und man die Augen nicht mehr öffnen konnte.
Sie konnten auch so kaum etwas sehen. Inzwischen waren sie mitten auf einem schier endlosen Schneefeld, kämpften sich den steilen Hang unermüdlich hinauf, aber nur langsam und mit jedem Schritt erschöpfter werdend.
„Ich bin müde“, murmelte Sam irgendwann mißmutig, als seine Füße ihm schwer zu werden drohten. Mit jedem Schritt sanken sie in die knirschende, eisharte Schneedecke, die nicht mehr weiß, sondern grau war, versanken bald bis zu den Knien und mußten sich wieder herauskämpfen.
Ihre Lungen schrien nach Sauerstoff, jede Bewegung war eine immer größer werdende Anstrengung, doch sie konnten nichts dagegen tun. Es mußte weitergehen.
„Nicht jammern, wir schaffen das“, sagte Liliane atemlos, während sie den Fuß wieder aus dem Schnee hob und weiter voran stolperte. Bergil mit seinen längeren Beinen war den kleinen Hobbits etwas voraus, Sam war der letzte im Bunde, weil er kaum noch Kraft hatte. Seine Augen wollten ihm ständig zufallen, sein ganzer Körper schrie nach Ruhe, aber diese konnte er nicht haben.
Liliane holte tief Luft und wollte weitermarschieren. Sie hatten ein Ziel vor Augen. Sie mußten die Wolken hinter sich lassen, endlich den Gipfel erreichen und durch Durins Turm in den Berg gelangen.
Sam wischte sich über die kalte, aber dennoch schweißnasse Stirn. Seine Gliedmaßen wollten nicht mehr gehorchen. Sie waren nun schon den halben Tag mit nur einer Essenspause unterwegs, was ihnen allen die Kräfte aufzuzehren drohte. Sie froren und zitterten am ganzen Körper, was zusätzlich an den Energiereserven fraß, die sie noch aufzubieten hatten.
„Ich muß aber schlafen“, klagte Sam zum wiederholten Male, woraufhin Liliane ihn stumm bei der Hand nahm und keuchend mit sich zog. Bergil drehte sich um zu den beiden Hobbits, die sich tapfer hinter ihm durch den Schnee kämpften, dankbar für diese etwas flachere Stelle am sonst gefährlich steilen Berghang.
„Du erfrierst im Schlaf! Sieh doch nur, was du anhast, was soll dich wärmen? Es ist doch schon bitterkalt, obwohl wir uns bewegen“, hielt Bergil dem unleidigen Hobbit vor Augen.
„Tut mir leid, daß ich nicht daran gedacht habe, mir mitten im Wedmath Winterkleidung einzupacken, weil ich doch so genau weiß, daß ich auf einen tausende Fuß hohen Berg klettern werde!“ gab Sam patzig zurück.
„Hört jetzt auf“, versuchte Liliane, das Thema zu beenden, aber ihre beiden Begleiter waren es noch lange nicht zufrieden.
„Ich wußte das auch nicht! Es ist Sommer, ich hatte doch selbst nicht die leiseste Vermutung, daß ich warme Kleidung bräuchte! Ich friere kaum weniger als ihr zwei!“ rief Bergil über die Schulter und stapfte voran durch den tiefen, knirschenden Schnee.
„Das hier ist nichts verglichen mit dem Winter in Mordor! Dort war es kalt! Und selbst wenn es nur Stunden waren, wir haben dort manchmal geschlafen auf dem Weg zum Turm von Udun!“
„Hör jetzt auf, Sam, ich werde nicht zulassen, daß du dich hier zum Schlafen niederlegst! Willst du dich hier in den Schnee legen? Es gibt nichts anderes, und wenn der dich nicht umbringt, erfrierst du von diesem verdammten Wind!“
„Wir hätten zum Osttor gehen sollen...“ murmelte Liliane leise, aber die beiden anderen hörten es dennoch. Sam erwiderte darauf nichts, Bergil jedoch schüttelte energisch den Kopf.
Der Rothornpaß lag kaum tiefer, war nur mit viel Glück schneefrei, aber dieser Weg führte weitaus länger durch die Kälte, als es der von ihnen gewählte tat.
„Nur eine Stunde, bitte...“ begann Sam von neuem, aber Bergil marschierte ohne zu antworten weiter voran.
„Bergil! Ich habe heute Nacht kaum geschlafen, ich kann nicht mehr weiter... bitte, eine Pause...“ flehte Sam inständig.
„Du bist närrisch, Sam! Jetzt reiß dich zusammen, es geht nicht! Das wäre dein Tod! Sieh, bald haben wir es doch geschafft, es kann nicht mehr weit sein...“
„Also ich sehe überhaupt nichts“, murmelte Liliane leise. Sie sah nur graue Wolken überall.
„Ich auch nicht. Aber diese Wolken hören irgendwann auf und dann werden wir bald oben sein!“
Doch das war leichter gesagt als getan. Sie brauchten entsetzlich lang, um überhaupt hundert Fuß in der tiefen Schneedecke vorwärts zu kommen. Bald krochen sie mehr auf allen Vieren als daß sie gelaufen wären, und zu allem Überfluß brach an diesem Tag die Dämmerung früh herein, da der ganze Himmel inzwischen bedeckt war und die Sonne bald in den Wolken versank.
Sie konnten einzig wegen des Schnees noch lang etwas sehen, weil dieser alles Licht reflektierte und erhellend zurückwarf. Die drei hielten sich sehr tapfer, Sam hatte sogar mit seinen Klagen aufgehört. Sie kämpften sich unablässig voran, immer an ihre Freunde denkend, die ihre Hilfe dringend benötigten.
Sie krochen voran. Sie blieben oftmals stecken oder versackten im Schnee, traten auf Eis, froren am ganzen Leib, aber sie gaben nicht auf. Dicht blieben sie zusammen, um einander nicht zu verlieren, liefen weiter und weiter, langsam, aber stetig.
Und mit einem Mal wichen die Wolken zurück. Ein sternenklarer Himmel erstreckte sich nachtschwarz über ihnen, die kleinen hellen Lichtpunkte glitzerten und funkelten fast freudig, als wenn sie die drei begrüßen wollten.
Bergils Gesicht hellte sich auf. Er konnte in etwa einer halben Meile Entfernung, die sich nicht auf die Berghöhe, sondern auf ihre zu beschreitende Wegstreckte in Luftlinie bezog, den Gipfel erkennen, der schneeweiß in den Himmel ragte. Doch um sie herum bot sich ein Anblick, den keiner der drei jemals zuvor erblickt hatte.
„Sieh“, brachte Bergil angestrengt hervor, als Liliane sich staunend umschaute. Ein Meer aus Wolken verhüllte die Berge und bedeckte das umliegende Land. Nichts als watteweiche Wolken konnten sie sehen, die lückenlos in der Luft zu schweben schienen. Sie waren nun über den Wolken, über ihnen war nur noch der Himmel. Fast hätten sie es mit der Angst zu tun bekommen, aber es war ein unaussprechlicher, beeindruckender Anblick, den sie niemals wieder haben sollten.
Sie wurden aus ihren Gedanken gerissen, als mit einem lauten Stöhnen Sam vorwärts in den Schnee fiel und reglos liegenblieb. Die fahle Helligkeit, welche sie umgab, gab den beiden, die noch standen, ein wenig Hoffnung. Bergil wollte sie auf seinen entkräfteten Freund übertragen.
„Sam“, sagte er kopfschüttelnd und stapfte die wenigen Schritte zu dem entkräfteten Hobbit zurück. Sam rührte sich nicht, er hatte die Arme von sich gestreckt und war bleischwer in den Schnee gesunken, denn ihm war schwarz vor Augen geworden und er hatte sich beim besten Willen nicht mehr halten können.
Bergil kniete sich neben ihn, hob ihn trotz seiner stark zitternden Muskeln auf seine Arme und kämpfte sich nun mit einer weiteren Last voran. Liliane, die ihn mit kleinen Augen ansah, konnte sich noch auf den Beinen halten und lief neben ihm her, der sich mit Sam als Traglast sehr schwer tat.
„Sieh, das ist unser Ziel. Wenn wir es erreicht haben, können wir endlich schlafen“, keuchte er stimmlos. Er verfluchte seinen Rucksack, dessen Riemen mehr denn je in seine Schultern schnitten. Es machte ihn fast wahnsinnig. Bergil schleppte sich mit Sam voran, der zwar bei Sinnen war, aber es nicht mehr schaffte, die Augen zu öffnen.
Liliane hielt nur durch, weil sie genügend geschlafen hatte und der Gedanke an Frodo sie immer aufrecht hielt. Eigentlich hatte sie keine Kraft mehr und mußte sich bei jedem Schritt überwinden, doch sie schaffte es.
Der junge Gondorianer trug seinen kleinen Freund bis zum Turm. Seine Knie wurden weich, als er endlich unter den vernichteten Trümmern von Durins Turm stand und auf die Steinblöcke blickte, die beim Kampf von Gandalf mit dem Balrog umhergeflogen waren.
Ihm blieb das Herz stehen.
„Nein...“ murmelte er fast verzweifelt. Irritiert sah Liliane zu ihm hoch, aber er erklärte sich nicht weiter. Fast hastig eilte er voran, stolperte durch Schnee und über Gestein, bis er einen Durchlaß vor Augen hatte, auf dem eine schwere Felsplatte quer lag. Vom ehemaligen, überdachungsartig gebauten Turm der Zwerge war nichts mehr übrig, doch einige Trümmer hatten sich über den Eingang in den Berg gelegt.
„Zwischenräume“, flüsterte Bergil tonlos, ließ Sam neben sich in den Schnee sinken, damit er die Arme frei hatte, und kniete neben einem Felsblock im Schnee, worauf er zu graben begann.
Liliane verstand sofort und begann, ihm zu helfen. Bergil blieb gleichermaßen stumm, er konnte nicht glauben, was er sah - es konnte nicht alles umsonst gewesen sein. Sein Körper brauchte Ruhe und Schlaf, eine Erholung, so dringend...
Sie gruben immer weiter und weiter, Liliane fast schneller als der junge Gondorianer, aber auch das erklärte sich durch ihre unverwüstliche Sorge um Frodo.
Sam erhob sich hustend und fuhr sich durch die Locken. Er wollte den beiden, die fast im Schnee versunken waren, bei ihrer Arbeit helfen, sie saßen bereits in einem Loch, als er dazukam - und urplötzlich sackte Liliane nach unten weg. Mit einem Schrei stürzte sie hinab in ein schwarzes Nichts, worauf im nächsten Augenblick ein dumpfer Aufprall und Totenstille folgten.
„Liliane!“ schrie Bergil zu Tode erschrocken, als er spürte, wie auch der Schnee unter ihm nachzugeben drohte. Er wollte zu Sam hochklettern und dem Loch entkommen, aber es war zu spät. Ruckartig brach der Schnee auch unter ihm weg, doch das Loch weitete sich derart aus, daß auch Sam allen Halt verlor und mit einem Aufschrei in die Tiefe fiel.
Über klumpigen Schnee purzelte er hinab, bis er plötzlich auf etwas stöhnendem liegenblieb, das sich zögerlich unter ihm bewegte.
Bis auf die Endlose Treppe hinab hatte es durch das Loch hineingeschneit, sie hatten an einer Stelle gegraben, wo die Schneedecke jedoch nur dünn gewesen war und sie relativ geschützt einige Fuß in die Tiefe gestürzt waren bis auf einen Treppenabsatz. Bergil lag auf Lilianes Beinen, die kopfüber bäuchlings bis auf die nächste Stufe hinab hing, und Sam war auf Bergil gelandet.
Eine Schneewand hatte sie gebremst, doch nun hatten sie ihr Ziel erreicht.
„Verdammt...“ murmelte Bergil, als er sich sein schmerzendes Kreuz rieb und sich erhob, damit Liliane sich wieder bewegen konnte. Stockfinster war es um sie herum, aber dennoch gelang es Bergil irgendwie, Sam aufzuhelfen und dann Liliane hochzuziehen.
„Ich glaube es nicht...“ sagte diese wie im Traum. „Wir sind hier...“
Bergil lächelte. Er war jetzt froh, noch ein wenig Feuerholz mitgenommen zu haben, damit sie Fackeln entzünden und ein wärmendes Feuer machen konnten. Er ließ mit zitternden Gliedern den Rucksack von seinen Schultern, kramte einen Ast hervor und werkte solange herum, bis er sich endlich entzündete und die drei in der Stockfinsternis der sagenumwobenen Treppe etwas erkennen konnten.
„Endlich!“ entfuhr es Sam voller Freude. Bergil spähte derweil über die Treppe hinab und sah, daß nur wenige Fuß unter ihnen ein weiterer, recht geräumiger Absatz zu liegen schien. Stumm lief er voran, häufte in der Mitte etwas Holz auf und steckte es in Brand. Die Hobbits stolperten müde hinterher, ließen sich schwer neben Bergil auf den Treppenabsatz fallen und aßen noch etwas Brot, immer noch in ihre Mäntel gewickelt, aber langsam wurden sie von dem Feuer gewärmt, dessen Rauch nach oben hin abzog.
Alles um sie herum war totenstill. Röhrengleich schraubte sich die Treppe in den Berg hinab, es gab keinen Spalt zwischen Stufen und Wand, was sie sehr beruhigte.
Eine endlose Wendeltreppe war es, vermutete Bergil. Er lag der Öffnung ins Innere des Berges entgegen, als er sich hatte niedersinken lassen, und kümmerte sich um nichts mehr.
Es gab nichts zu befürchten an diesem weltvergessenen Ort. Niemand hatte auch nur den geringsten Verdacht, daß drei Eindringlinge sich dort zwei Stunden nach Mitternacht endlich zum Schlafen niederlassen konnten. Das Feuer prasselte vergnügt vor sich hin, es vermochte die durch den herabpfeifenden leichten Wind herbeigeführte Kälte zu lindern, aber es war im Inneren des Berges weitaus wärmer als draußen und so dauerte es bei ihrer tiefen Erschöpfung nicht lang, bis die drei Freunde sich nach ihrem Essen niederlegten und fast sofort einschliefen.
Tiefe Stille und Dunkelheit umgaben sie, die Nacht behütete sie und ließ ihnen ihre wohlverdiente Ruhe zukommen. An eine Nachtwache hatte keiner der drei mehr gedacht. Sie lagen im Kreis um das Feuer gebettet und erholten sich endlich.


Neunzehntes Kapitel

In der Gestalt des übergroßen, geflügelten Vampirs hatte sie sich am wohlsten gefühlt, die Frau des Geheimen Schattens, welcher selbst dem Dunklen Herrscher unbekannt war, obgleich er über den meisten Schatten herrschte. Doch anders als er war Thuringwethil immer schon mit Heimtücke und Hinterlist am Werke gewesen, denn sie scheute den offenen Konflikt und ging auf die Weise vor, die ihre Aufgabe verlangte. Korrumpiert und zum Bösen verführt von Sauron, der selbst in den unehrlichen und grausamen Dienst Morgoths getreten war, diente sie beiden, auch wenn Sauron ihr alle Macht verliehen hatte. Als eine Maia hatte sie bereits verschiedene Gestalten gewählt, die ihr ein Aussehen verliehen hatten, doch die Flügel waren ihr als Botin noch immer am dienlichsten gewesen.
Am wolkenverhangenen Nachthimmel war sie meist geflogen, um Nachricht von Tol-in-Gaurhoth nach Angband zu überbringen und als Antwort Befehle des Dunklen Herrschers für seinen Untergebenen entgegenzunehmen, um sie Sauron auf seiner Insel auszurichten. Ähnlich den Nazgul hatte ihre bloße Erscheinung bei allen, die sie gesehen oder ihre Anwesenheit gespürt, ein Gefühl der Beklemmung und des Unbehagens ausgelöst, oftmals noch verstärkt durch ihren schrillen, unwirklichen Schrei, der das Blut in den Venen gefrieren ließ.
Älter als die Welt war sie, so wie die anderen Ainur, und sie hatte schon vielen Schrecken gesehen und sich seltsam angezogen davon gefühlt, was ihr nur dienlich war als treue Untergebene des schrecklichen Fürsten. Dieser hatte Tol Sirion erobert, die Insel als Brutstätte für seine finsteren Künste und Werke erwählt, um dort Werwölfe zu züchten und Orks in Massen hervorzubringen auf Befehl Morgoths, damit diese für den Schatten in den Krieg zogen und Beleriand mit diesem überzogen. Tol-in-Gaurhoth, wie die Insel im Sirion darauf genannt ward, war Thuringwethils Heim, sie wurde dort mit großer Sorgfalt von Sauron gepflegt und behütet, da sie ihm gute Dienste leistete und diese ihm mehr als nützlich waren.
Zufrieden gewesen war sie mit dem, was ihr gegeben ward, bis plötzlich im Jahre 465 des Ersten Zeitalters Luthien sich in Thuringwethils Gestalt verhüllt auf Saurons Insel schlich, um Beren zu befreien und Sauron winselnd vor der Elbin in die Knie ging. Seine Insel ward in den darauf folgenden Kämpfen um die Silmaril der Zerstörung preisgegeben und es war, als ein fallender Felsbrocken die Botin traf, die sich gerade in die Lüfte erheben und fliehen wollte, daß sie ihren Lebensatem aushauchte.
Jeglicher Gestalt beraubt, irrte sie als Geist umher durch die Lande, machtlos und willens, sich einer anderen Gestalt anzunehmen, etwa einen Menschen zu besitzen, um durch ihn erneut einen Körper zu erhalten. Jedoch stellte sie fest, wie unbefriedigend dies Unterfangen für sie war, da sie nicht die Herrin sein konnte über eine Gestalt, die nicht die ihre und ihr zugedacht war.
Sauron war nach dem Untergang Beleriands im Krieg des Zorns nach Mordor in Mittelerde geflohen, um sich nach Verbannung seines Herrn dort zu verschanzen und vor dem Zorn der Valar zu verstecken. Hilflos folgte Thuringwethil ihm, um sich mit einem Hilfegesuch an ihn zu wenden, da es seiner ihm von Morgoth verliehenen großen Macht bedurfte, ihr wieder eine Gestalt zu geben, doch Sauron hatte gelacht und dies verweigert. Er brauchte sie nicht mehr, denn stattzugeben hätte ihm nur Mühen bereitet und so kümmerte ihn ihr Elend nicht.
So ward es, daß Thuringwethil über die folgenden zwei Zeitalter hinweg durch die Lande streifte, immer wieder Besitz von elenden Kreaturen ergreifend, die doch sterblich und ihr dadurch in keinster Weise dienlich waren, und so hatte sie nichts erreicht. In Ungnade gefallen bei Sauron, erkundete sie weite Landstriche, die sich der Kenntnis eines jeden Weisen Mittelerdes entzogen, bis sie sich endlich im Roten Gebirge niederließ und dort für Jahrhunderte in einer Höhle hauste, immer noch als ruheloser Geist auf der Suche nach einer Gestalt.
Nichts hörte sie dort vom Ringkrieg und Saurons Vernichtung, aber als sie im beginnenden Vierten Zeitalter doch auszog und sich eine neue Gestalt suchen wollte, entdeckte sie die Feste des Blauen Zauberers Alatar, die nicht dort gestanden, als sie damals die Orocarni erreicht hatte. Als Geist unsichtbar und nicht mehr als angstauslösend, hatte sie alles eingehend betrachtet, da sie die Nähe eines Maia spürte, und sie hatte im Umfeld des Zauberers für eine ganze Weile spioniert. In seinen Gesprächen mit Bediensteten hatte sie erfahren, daß vor nur kurzer Zeit Menschen aus dem Westen um Hilfe bittend gekommen, und von ihnen wußte er, daß Sauron nicht mehr war. Thuringwethil triumphierte, hatte Sauron doch nichts anderes verdient, da er ihr die Hilfe verweigert hatte.
Doch sie hätte eine derart große, böse Macht wie die seine gebraucht, um wieder eine Gestalt zu erlangen, die ihr zueigen war. Fast hatte sie alle Hoffnung aufgegeben, als sie plötzlich im seinem Schlafe Alatars Gedanken lesen konnte. Es war eine Erinnerung, in der sie einen Halbling sah, von dem eine Macht ausging, die Saurons mehr als nur ähnlich war, denn er trug etwas von dieser in sich, und Alatar hatte sie ihm zu nehmen versucht. In einem Kristall hatte er sie verwahren und für sich nutzen wollen, doch der Kristall war zerstört worden und in elf Teile zersplittert.
So gab es doch noch etwas von Saurons Macht, das sie für sich würde nutzen können, um wieder eine Gestalt zu erlangen! Sie wußte aber auch, daß sie dafür sämtliche Kristallstücke benötigte, denn nur im Ganzen konnte der Stein die Macht freigeben.
Allerdings hatten der König Gondors und seine Gefolgsleute die Splitter an sich genommen und fortgebracht. Von Elessar Telcontar wußte sie, daß er darunter gewesen war, doch kannte sie nicht einen der anderen Namen, nur den König Gondors würde sie finden können und über ihn erfahren, wer die Splitter in seiner Obhut hatte.
Das Risiko, welches ihr Vorhaben in sich barg, kümmerte sie herzlich wenig. Sie wußte, daß ihre Existenz an den Bestand des Kristalls gebunden sein würde, von dem sie die Macht entnehmen wollte, und sollte dieser jemals völlig zerstört werden, dann würde nicht einmal ihr Geist mehr leben können. Aber sie wußte auch, daß es Kräften bedurfte, den Kristall zu zerstören, die niemand in Mittelerde finden konnte. Es bedurfte starker Magie und geheimen Kräften, die nur Maiar entwickeln konnten, und diese konnten davon nicht wissen, vermutete sie. Kein Maia in Mittelerde war so mächtig, glaubte sie, aber sie war mächtig und sie brauchte Saurons letzte Macht, um ihre wieder in voller Gestalt entfalten zu können.
Sie hatte sich auf den Weg nach Gondor gemacht und Elessar unbemerkt beobachtet. Mit nichts hatte er den Verbleib der Kristallsplitter zu erkennen gegeben, doch sie hatte bemerkt, daß er einen treuen Statthalter und Vertrauten hatte, der womöglich selbst ein Kristallstück besaß und die anderen Hüter ebenso kannte. Sie hatte immerhin gesehen, daß sie wohl kaum über Elessar selbst etwas erfahren, geschweige denn sein Stück entwenden konnte, also mußte sie sich einen anderen Plan überlegen.
Den Körper einer armen Frau vereinnahmend, die niemand kannte und niemand vermissen würde, hatte sie sich in Anorien auf die Suche nach Verbündeten gemacht, denn sie selbst hatte allein keinerlei Möglichkeiten, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Ihre Erscheinung hatte über ihre Macht hinweggetäuscht und es hatte zwar einiger großer Worte und fast magischen Taten bedurft, um brotlose Tagelöhner für sich zu gewinnen, aber es war ihr gelungen. Eine große Schar hatte sie um sich sammeln können und ihnen durch Tricks erstes Gold verschafft, um ihnen noch mehr zu versprechen, sollten sie treu ihren Befehlen gehorchen, und das hatten diese getan.
Darunter waren Verstoßene wie Maethor gewesen, der schon damals bei den Verkündern der Finsternis der Verführungskraft des Bösen erlegen war und somit diesmal anfälliger für erneute Einflüsse des Übels. Sie hatten nichts, aber sie hatten auch nichts zu verlieren, und so folgten sie der Botin.
Sie hatte die Männer korrumpiert und für sich gewonnen, sie sämtliche Skrupel vergessen lassen auf ihrem Weg nach Ithilien, auf dem sie gefolgt war und sich in Osgiliath versteckt hatte, immer auf Auskünfte des Statthalters Faramir wartend. Sie hatte einige Männer bereits in verschiedene Richtungen geschickt, damit sie später möglichst schnell vorgehen konnten, wenn sie erst genaueres wußte. Sie hatte inzwischen gut vier Dutzend Männer unter ihrem Befehl, die es kaum erwarten konnten, zugunsten ihrer Herrin zu handeln. Diese lauerte in der Gestalt der armen Bettlerin geduldig in Osgiliath, wo sie Faramirs Befragung unter Folter befohlen hatte, und selbst ihren Gefolgsleuten lief ein Schauer über den Rücken, als sie erstmals ihren eisigen, schrillen Triumphschrei hörten.
Kaum daß sie die Namen der anderen Hüter erfahren hatte, war sie aufgebrochen als Geist und hatte sich auf die Suche gemacht nach denen, welche die anderen Splitter verwahrten, und sie wurde zuerst bei Legolas und Gimli fündig, die sie nach nur kurzer Suche gefunden hatte. Sie war sehr schnell, sie hatte die Gestalt der Frau verlassen, um als Geist im Wind schneller als irgendetwas sonst alle Lande zu beobachten.
Nach Rohan hatte sie sofort jemanden schicken können und auch mit der Suche nach Beregonds Sohn hatte sie sogleich jemanden beauftragt, aber es erwies sich als schwieriger, Gandalf in Seestadt und die Halblinge im Auenland zu finden. Jedoch hatte sie nach sehr kurzer Zeit die Rückkehr nach Osgiliath angetreten und mehr Männer nach Esgaroth und in Richtung Eriador geschickt, um die restlichen Steine zu beschaffen.
Zuguterletzt hatte sie sich mit den übrigen Untergebenen nach Moria begeben, denn von den Minen wußte sie, daß sie unbewohnt waren und ihr als Heimstätte dienlich sein konnten, denn sie mochte den Schatten und in diesem wollte sie lauernd warten, darauf, daß sie endlich wieder ihr Unwesen treiben konnte.
Sie war nicht einmal mehr gestaltlos. Kaum daß sie die ersten vier Splitter erhalten hatte, was sehr bald geschehen war, hatte sie diese zusammenzusetzen versucht. Mit zwei Stücken war es ihr gelungen, und so war sie bald zu Teilen sichtbar gewesen. Immer mehr von ihrer eigentlichen Vampirgestalt war sichtbar geworden, je mehr Stücke sie zusammensetzte, denn sie konnte sich die Teile von Saurons Macht bereits zueigen machen.
Die Männer hatten Moria wohnlich gemacht. Die alten Kampfspuren und die Toten wurden beseitigt, Thuringwethil erhielt über die Wochen hinweg weitere Splitter, bis zuguterletzt nur noch drei fehlten, deren Hüter Samweis, Liliane und Elessar noch immer auf der Flucht waren.
Thuringwethil machte sich nicht die Mühe, selbst nach ihnen zu suchen, da ihre Untergebenen sich den letzten Hütern dicht an die Fersen geheftet hatten. Es war Befehl von ihr ergangen, den Hütern die Kristallsplitter um jeden Preis zu nehmen oder sie im Falle von Schwierigkeiten persönlich in die Minen zu bringen, damit Thuringwethil sie befragen konnte. Sie hatte einen von ihnen gefoltert, so würde sie es erneut tun.
Ihr Triumph hatte fast keine Grenzen gekannt, als sie, nach Wochen des Wartens, Nachricht von der Gefangennahme Elessars und des Ringträgers erhalten hatte. In halber Gestalt lauerte sie, bis sie zwei weitere Stücke empfing und nur noch der Splitter Elessars fehlte, doch mit einem Schlag war sie fast wieder die Kreatur, die sie bereits vor tausenden von Jahren gewesen war. Sie hatte fast ihre vollständige, grauenerregende Gestalt zurückerlangt, als die Gefangenen eintrafen, ihr hilflos gegenüberstehend.
Der Ringträger war der Halbling, den sie in Alatars Träumen gesehen hatte, wie sie inzwischen wußte, und auch ohne durch Maethor je von den Verkündern der Finsternis erfahren zu haben, so wußte sie doch um die Bindung des Königs von Gondor zu Frodo Beutlin. Sicherlich würde Elessar eine zu grausame oder tödliche Folter des Halblings nicht zulassen - sie hatte die Angst des Königs um den Hobbit förmlich zu riechen vermocht, sie hatte ihn voller Freude verhöhnt und verspottet, ihn geschwächt und in die Knie gezwungen, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Danach waren die beiden ihr zu nichts mehr nütze gewesen, weshalb Thuringwethil sie bei Wasser und Brot in den finsteren Kerker hatte sperren lassen.
Sie hatte die beiden vergessen. Ihre Männer waren aufgebrochen zum Orthanc, um dort den allerletzten Splitter zu holen, dessen sie sich inzwischen sicher wähnte, und so weilte sie in tiefer Ruhe und Zufriedenheit in der Finsternis Khazad-dums, unwissend bezüglich Gandalf, Legolas und Gimli, die alles dafür taten, ihre finsteren Pläne zu durchkreuzen. Ebenso ahnte sie nichts von Bergil, Sam und Liliane, die zu diesem Zeitpunkt über die Trümmer der Endlosen Treppe stiegen, um den von Folter gepeinigten Frodo und seinen verzweifelten Freund Aragorn zu finden.
Thuringwethils schwarze Seele war wieder erstarkt, sie hatte mit ihrem bösen Geist die Luft fast vergiftet, schwarze Wolken über der Zirakzigil zusammengebraut und sie als Zeichen ihrer Macht in die Lande Mittelerdes entsandt, tief über ihre Absichten nachsinnend, die sie nun zu haben gedachte.
Wenn sie erst ihre Gestalt vollständig zurückerlangt hatte, wollte sie den Kristall bei sich tragen und als Nachtschatten den Himmel zu ihrem Königreich erklären, dem sich alle freien Länder Mittelerdes zu unterwerfen hatten. Gondors König saß gefangen in einer Zelle, die tiefer im Berg lag, als die Zwerge meist geschürft hatten, und somit war Gondor nur mit des Königs Statthalter der Belagerung preisgegeben. Ähnlich schwach erschien ihr das Königreich Rohan, es war niemand da, der ihr nun noch etwas entgegenzusetzen hatte, davon war sie überzeugt.
Ebenso war sie sicher, daß ihr Herr Melkor die Rückkehr nach Arda mehr als verdient hatte, denn er rühmte sich, der mächtigste unter den Valar zu sein, demnach hatte er den uneingeschränkten Herrschaftsanspruch geltend zu machen.
Ja, wenn sie erst Mittelerde auf seine Ankunft vorbereitet hatte und die Festen der Welt geschwächt waren, wollte sie ihm den Weg ebnen. Von ihm, das wußte sie, würde sie ihren Lohn erhalten, denn er war anders als Sauron.
Thuringwethil beabsichtigte nichts anderes mehr. Sie würde jeden strafen, der sich ihr in den Weg zu stellen wagte, und sie würde ihn so strafen, daß er es nie vergessen würde.

„Ich hasse diese Treppe...“
„Wenn ich so kurze Beine hätte wie du, würde ich zustimmen“, erwiderte Legolas dem Zwerg fast verständnisvoll. Mit hochrotem Kopf und angestrengt schnaufend erklomm Gimli hinter dem Elben und Gandalf die endlose Treppe im Orthanc, die sich unaufhörlich nach oben wand und kein Ende zu nehmen schien. Gandalf nutzte seinen Stab als Stütze, denn auch ihn strengte das Treppensteigen inzwischen an. Er erinnerte sich daran, daß dies immer der Fall gewesen war und er Saruman niemals um diese Behausung beneidet hatte.
Doch irgendwann erreichten die drei die Kammer, in der Aragorn den letzten Splitter verborgen hatte. Zielstrebig steuerte Legolas auf das Fenstersims zu, griff nach der kleinen Schatulle und brachte dann den funkelnden Kristallsplitter zum Vorschein, den Gandalf prüfend in die Hand nahm.
„Was gedenkst du nun zu tun, Gandalf?“ fragte Legolas bedächtig. Gandalf wog den Splitter langsam, antwortete schließlich aber nach einer kurzen Pause des Überlegens.
„Ich werde eine Kopie davon machen. Ich denke, Saruman hat ausreichend Dinge angehäuft, um mir dies zu ermöglichen.“
„Und dann?“ fragte Gimli ratlos.
„Wir müssen doch mit dem richtigen Stück nach Moria gelangen, ohne daß man uns deswegen verfolgt und ihn uns stiehlt! Das kann nur geschehen, wenn die Männer nicht wissen, daß dem so ist. Sie müssen glauben, den Splitter zu haben, wenn sie herkommen und ihn holen wollen, sie dürfen keinen Verdacht schöpfen, wenn sie damit nach Moria reiten. Auf dem Weg dorthin müssen wir dann längst sein, damit wir genügend Zeit haben und uns vorbereiten können. Wir müssen im richtigen Moment dort sein, wenn Thuringwethil den Kristall zusammensetzen will und es nicht paßt. Wir brauchen diesen Überraschungsmoment, um aller Stücke habhaft zu werden, dann setzen wir sie zusammen und ich zerstöre den Kristall, damit sie uns niemals mehr behelligen kann.“
Gespannt hatten Legolas und Gimli gelauscht, doch ihnen stellte sich erneut eine Frage.
„Und wie willst du den Kristall zerstören?“ wollte Legolas von Gandalf wissen. Der Zauberer seufzte fast schwermütig.
„Ich hätte mich viel eher daran erinnern müssen. Erinnert euch an den Kampf mit dem Balrog auf der Brücke von Khazad-dum: Ich sagte, ich sei der Hüter des Geheimen Feuers. Daran hat sich nichts geändert. Das Geheime Feuer ist derart mächtig, daß es alle Gegenstände schmelzen und vernichten kann. Beim Ring der Macht war dem nicht so, da dieser, aus dem Feuer des Schicksalsberg erschaffen, nur dort zerstört werden konnte - aber diesmal kann ich durch den Einsatz der unvergänglichen Flamme Anors den Kristall vernichten.“
Gimli nickte langsam. Er erinnerte sich sehr gut daran, ebenso wie Legolas, der nichts darauf zu sagen wußte. Niemand hatte daran gedacht, Gandalf hatte es vergessen, weil er dazu verpflichtet gewesen war, dieses Geheime Feuer nur dann zu benutzen, wenn er es mußte. Er war der Hüter des Geheimen Feuers, doch dieses war ihm nicht immer willens, deshalb hatte er sich daran nicht erinnert.
„Natürlich...“ murmelte Legolas leise. Die drei sahen sich für einen Moment an, bis Gandalf das Schweigen brach.
„An die Arbeit! Ich werde eine Kopie des Splitters erschaffen, die härter ist als Glas und dem Original fast völlig gleicht, damit niemand den Schwindel bemerkt. Jetzt benötige ich Sand, Kalk und Lauge, schafft mir davon alles herbei, was ich finden kann, den Rest suche ich selbst.“
Er ließ den Splitter in seiner Tasche verschwinden und betrat daraufhin eine Nebenkammer zu der, in welcher sie sich augenblicklich befanden. Gimli und Legolas starrten ihm ratlos hinterher, wandten sich dann aber einem der Regale zu und durchstöberten die vielen Glasbehältnisse und Schalen, Kisten und Schachteln.
„Sand? Woher sollen wir hier Sand nehmen?“ fragte Gimli laut. Legolas zuckte mit dem Schultern.
„Wenn er Glas herstellen will, brauchen wir einiges an Sand. Kalk findet sich sicherlich dort an den Wänden, wo Wasser eintritt, und Lauge gibt es in einem dieser Gläser, was meinst du?“
Im Nebenzimmer rumorte Gandalf geräuschvoll herum. Gimlis Gesicht zeigte einen recht hilflosen Ausdruck, aber er suchte weiter.
Legolas öffnete ein Glas nach dem anderen und roch an den verschiedenen Flüssigkeiten, die sich darin befanden. Als nicht unkundiger Elb nahm er andere Behältnisse zu Hilfe und goß zur Überprüfung einige scharfriechende Flüssigkeiten zusammen, bis er schließlich der Meinung war, eine Lauge gefunden zu haben. Gimli kratzte derweil an einer weißkalkigen Stelle am Fenster herum, die nicht ganz dicht schien und deshalb Regenwasser eingelassen hatte, nur Sand hatten sie noch keinen gefunden.
Gandalf suchte in der Zwischenzeit in Sarumans großem Schrank der geheimnisvollen Gegenstände, wo es viele unterschiedliche Pulver und andere Dinge zu entdecken gab, die verschiedentlich beschriftet waren, teilweise schon sehr alt, manche Schilder waren nicht einmal mehr lesbar. Grüne, blaue und rote Kristalle blitzten ihn an, wenn er hineinsah und die Pulver zu bestimmen versuchte. Vieles davon kannte er nicht einmal.
Schließlich jedoch hatte er ein süß riechendes gelbes Pulver entdeckt, dessen Beschaffenheit der entsprach, die er suchte. Ebenso hatte er auch eine große Schale voller Sand entdeckt, die er mitsamt des gelben Pulvers und einer klaren, geruchlosen Flüssigkeit in das andere Zimmer mit hinüber nahm.
Gimli und Legolas präsentierten ihm bereits eine Lauge und etwas Kalk, doch es war alles in ausreichender Menge vorhanden.
Gandalf nahm ein großes, steinernes Behältnis, gab einiges an Sand und Kalk hinein, fügte etwas von den geheimnisvollen Kristallen in Pulverform hinzu und nahm dann die Lauge und die andere Flüssigkeit, die er äußerst vorsichtig und in sehr genauer Dosierung dazugoß. Ein scharfes Zischen war zu hören, als die Stoffe sich vermischten, weißer Rauch stieg auf, dann begann Gandalf mit einem Eisenstab in der seltsamen Mischung herumzurühren. Noch wußten Gimli und Legolas, die fasziniert danebenstanden, nicht zu bestimmen, was Gandalf dort tat, aber er schien es genau zu wissen. In der anderen Hand hielt er den Kristallsplitter fest umklammert und bat Legolas unerwartet, in Sarumans Kamin ein Feuer zu entzünden und noch etwas von dem gelben Pulver hineinzugeben.
„In die Flammen soll ich es geben?“ fragte Legolas verwirrt, woraufhin Gandalf bestätigend nickte.
Legolas und Gimli nahmen Holzscheite und schichteten sie auf, steckten sie dann in Brand und zum Schluß gab Legolas etwas von dem Pulver in die Flammen. Mit einem gewaltigen Knall explodierte es unter seiner Hand, er schrak verwirrt zurück, aber er sah, daß Gandalf wohlüberlegt gesagt hatte, was er tun sollte.
Die Flammen begannen, sich blau zu färben, bis plötzlich keinerlei gelbe Flammen mehr zu sehen waren. Ein gespenstisches Rauschen drang an ihre Ohren.
Derweil rührte Gandalf noch immer in der Masse herum, die inzwischen sirupartig anmutete, aber völlig klar dabei war. Er nahm die Schüssel in die Hand und trug sie zu dem enorm heißen Feuer hinüber, das noch immer mehr hörbar als sichtbar brannte. Eine Zange legte er an die Schüssel, bevor er sie über die heißen Flammen hielt.
Gebannt beobachteten Legolas und Gimli, was Gandalf tat. Es hieß für einige Augenblicke zu warten, doch dann sahen sie, was Gandalf bezweckte.
Die Flüssigkeit wurde leuchtend rot, mutete an wie flüssiges Feuer, dabei war es flüssiges Glas. Ein tiefes, sattes Rot war es, das sie sahen, es drang inzwischen sogar ein seltsames Pfeifen an ihre Ohren, und sehr zu ihrer Überraschung entsprach die Menge des flüssigen Stoffes etwa der Größe des Kristallsplitters, den Gandalf in der Hand hielt.
Der Zauberer nahm plötzlich die Schüssel wieder vom Feuer weg, stellte sie auf den steinernen Boden und hielt seine andere Hand darüber. In der einen Hand hielt er nun den Kristall, die andere Hand hatte er über die Schüssel mit dem flüssigen Glas gebreitet, schloß die Augen und konzentrierte sich auf das, was er tat, denn nun mußte das Vorhaben gelingen.
Zum Erstaunen von Gimli und Legolas begann die Flüssigkeit wie von selbst, genau die Form des Kristallsplitters anzunehmen. Langsam ging es vonstatten, aber es gelang. Sie ballte sich zusammen, das rote Leuchten wurde schwächer, schließlich erstarrte das Kristallglas in der Form, die Gandalf ihm zugedacht hatte. Der Zauberer ließ erst davon ab, als das Glas nur noch erkalten mußte.
Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. In der Schale lag nun ein täuschend echtes Duplikat des Kristalls, welcher weitaus gefährlicher war. Mit der Zange griff Gandalf danach und zog es heraus, bevor er das Originalstück danebenhielt und seine Freunde sehen ließ, was er geschaffen hatte.
„Das ist nicht möglich...“ flüsterte Gimli ungläubig. Er starrte gleichermaßen fasziniert auf das Glasstück, wie Legolas es tat, doch urplötzlich und anfänglich zu ihrem Entsetzen ließ Gandalf das Stück plötzlich fallen.
Fast hätte Legolas vor Schreck einen Schrei ausgestoßen, doch verblüfft sahen er und Gimli, daß das Stück unbeschädigt auf dem Boden lag und im Licht des erkaltenden Feuers bunt glitzerte, genau wie der Kristall es tat.
„Wie hast du das gemacht?“ fragte Legolas voller Staunen. Gandalf lächelte.
„Das gelbe Pulver und das heiße Feuer haben dieses Glas derart gehärtet, daß man es aus weitaus größerer Höhe fallen lassen oder mit enormer Kraft darauf schlagen müßte, um es zersplittern zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Kristall selbst. So wird wirklich niemand merken, daß es nicht das echte Stück ist!“
„Und es hat genau dieselbe Form!“ merkte Gimli bewundernd an.
„Welches ist das Original?“ fragte Legolas lachend. Er konnte noch immer nicht glauben, was Gandalf vollbracht hatte.
Gimli hob das Stück auf. Inzwischen war es nur noch warm, deshalb konnten sie die beiden Splitterstücke noch auseinander halten.
Beeindruckt verglich der Zwerg die Stücke. Sie ähnelten einander bis ins Detail.
„Gandalf, du bist ein wahrer Held. Wenn wir dich nicht hätten!“ lobte Gimli seinen Freund mit einem warmen Lächeln, das Gandalf erwiderte.
„Nun sollten wir dieses hierlassen und dorthin legen, wo es liegen muß, damit niemand Verdacht schöpft. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“
Dem war in der Tat so. Gandalf legte die Kopie in die Schatulle, aus der er das Original entnommen hatte, und dieses steckte er in seine Tasche. Kaum daß sie alle Spuren beseitigt und das Feuer gelöscht hatten, verließen sie die Kammer, um sich an den Abstieg zu machen. Dieser erschien ihnen weitaus leichter als der Aufstieg, doch als sie vor der wieder verschlossenen Tür standen, erkannten sie ein weiteres Problem.
„Kann man die Tür durchdringen, wenn sie verschlossen ist?“ fragte Legolas zögerlich, als er sie bereits wieder mit dem Schlüssel verriegelt hatte.
„Nein, eigentlich nicht... warum fragst du?“ erwiderte Gandalf.
„Nun, wenn sie nicht hereinkommen, gibt das nur zusätzlichen Ärger! An die Kopie dürfen sie doch gelangen...“
„Du meinst, wir sollen die Tür offen lassen? Dann fällt doch auf, daß wir hier waren!“ widersprach Gandalf dann, aber Gimli mischte sich zusätzlich in die Diskussion ein.
„Wissen die überhaupt von dem Schlüssel? Bisher ist doch davon nichts aufgefallen! Aber in der Tat sollten wir es ihnen nicht zu schwer machen, an das Duplikat zu gelangen!“
Schließlich einigten sie sich darauf, mit viel Fingerspitzengefühl die Tür so zu verschließen, daß sie auf den ersten Blick abgeschlossen erschien - doch ein kleines Holzstück im Schloß verhinderte, daß dieses einrastete und so konnte man die Tür mit der nötigen Gewalt öffnen.
„So, werte Freunde, viel Vergnügen mit der Fälschung!“ feixte Gimli amüsiert, als er den anderen hinterhereilte, als diese zu den Pferden gingen. Eine Minute später saßen sie im Sattel und machten sich auf den Weg nach Moria, allerdings achteten sie bereits tunlichst darauf, nicht den Feinden zu begegnen, die ihnen entgegenkommen mußten.
Gimli blickte ein letztes Mal auf Isengart zurück, als sie in der Abenddämmerung den Furten des Isen zustrebten. Der Orthanc lag ruhig da, erschien ihm fast friedlich, aber die tiefe Dunkelheit der darüber hängenden Wolken machte diesen Eindruck zunichte, denn das Böse rührte sich spürbar.
„Wollen wir hoffen, daß den anderen nichts zugestoßen ist“, murmelte Legolas, als ahne er, daß ihre Freunde in diesem Moment bereits in großer Gefahr schwebten.
Nichtsahnend ritten die drei Freunde Moria entgegen, um Thuringwethil den Kampf zu erklären.

Er lag auf der rechten Seite, hatte sich wie ein Kind zusammengerollt und es irgendwie geschafft, sich in seinen Umhang zu wickeln, was ihn aber aufgrund des kalten Bodens nicht sonderlich zu wärmen vermochte.
Während Frodo endlich wieder eingeschlafen und in irgendwelchen Träumen versunken war, saß Aragorn ihm stillschweigend mit tiefer Düsternis im Blick gegenüber. Er konnte den Blick nicht von Frodo wenden.
Sein Freund sah entsetzlich aus.
Die Wange des Hobbits war aufgeschürft, ebenso seine Stirn, sein Auge war angeschwollen und seine Kleidung war an einigen Stellen bestenfalls zerfetzt. Frodos Handgelenke, das konnte Aragorn schmerzlich genau erkennen, waren extrem blutunterlaufen und wundgescheuert.
Den rechten Arm hatte Frodo unter den Kopf gelegt, der linke Arm lag recht instabil auf seiner Seite, doch immerhin war er unbelastet, denn etwas anderes war aufgrund der ausgekugelten Schulter gar nicht möglich.
Frodo hatte sich rücklings an die Wand gelehnt. Wirr hingen ihm seine Locken in die Stirn, er erschien Aragorn totenbleich, aber so sicher konnte er sich im Dämmerlicht der Fackel nicht sein.
Aragorn wußte, daß er selbst kaum besser aussah. Er machte, da war er sich sicher, hilflos angekettet einen sicherlich erbärmlichen Eindruck - aber man hatte ihm nicht so zugesetzt wie Frodo, was er ausschließlich sich anlastete, sich selbst, er hatte Frodo der Folter ausgeliefert.
Und schließlich doch gesprochen.
„Was habe ich getan...“ murmelte er laut, er sprach seinen Selbstvorwurf sogar aus, begriff ihn schmerzlich, schämte sich unsäglich.
Er mußte nur einen Blick auf Frodo werfen und wußte, daß er sich niemals verzeihen würde, das zugelassen zu haben. Hatte er sich nicht zuvor geschworen, Frodo vor einer erneuten Folter um jeden Preis bewahren zu wollen?
Warum nur war er derart stur gewesen?
Wie groß mußte die Qual für Frodo gewesen sein, als er ihn gebeten, angefleht hatte, zu sprechen?
Hängenden Kopfes saß Aragorn mit angezogenen Knien an die kalte Steinmauer gelehnt und rührte sich nicht, denn wenn er nur die Hand hob, rasselten die schweren Ketten unerträglich laut.
Er bezweifelte, daß Thuringwethil beabsichtigte, die beiden wieder freizulassen. Keinen größeren Trumpf konnte sie im Augenblick ausspielen als den, Gondors König in Gefangenschaft zu sehen.
Ihre Absichten waren grausam, ihr Geist durchtrieben böse. Ihre Gestalt war ihr so gut wie sicher, und auch wenn man sie als Dienerin möglicherweise unterschätzen konnte, so wußte Aragorn doch, daß Thuringwethil weitaus gefährlicher war als angenommen. Ihr Terror würde bald über ganz Mittelerde herrschen, wenn seine Freunde versagten.
Und Vorwürfe würde er ihnen niemals machen dürfen, denn wie sehr hatte er versagt? Er hatte mitansehen müssen, wie man Frodo gepeinigt hatte, und schließlich hatte er doch nachgegeben. Aragorn schämte sich so sehr.
Er hatte jedes Zeitgefühl verloren, jedoch lag er mit seiner Vermutung nicht ganz falsch, daß die zweite Nacht seit ihrer Ankunft hereingebrochen sein mochte. Wiederholt hatte er versucht, den völlig verstörten Frodo näher an sich heranzuholen, doch dieser hatte sich nicht gewagt, sich in Aragorns Reichweite zu begeben. Zu sehr hatte er gefürchtet, Aragorn würde ihm durch das Einrenken seiner Schulter erneut Schmerzen zufügen - und Schmerzen waren es, die er noch immer spürte. Sie begleiteten ihn ständig, doch seine isolierte Haltung seines im Augenblick einzigen Freundes gegenüber machte es ihm nicht leichter. Wie gern wäre Frodo wieder zu Aragorn hinüber gegangen, denn er hätte Trost so gut brauchen können, Aragorn hätte ihm Trost spenden können - aber zu groß war seine Furcht.
Deshalb lag er nun noch immer in der anderen Ecke der Zelle.
Aragorn starrte vor sich hin. Verbittert hatte er die Zähne zusammengebissen, überlegte hin und her, betete insgeheim, daß seine Freunde sicher ihre Ziele erreichten. Legolas und Gimli mußten unbehelligt am Orthanc eintreffen und ein neues Versteck für den Kristallsplitter finden, und was die anderen betraf, so hoffte und bangte Aragorn darum, daß sie sich auf dem Weg nach Moria befanden.
Sie waren im Moment ihre einzige Aussicht auf Rettung, doch sie würden sich selbst in Lebensgefahr begeben, wenn sie kamen.
Langsam hob er den Blick zu Frodo. Sein Herz sagte ihm, daß der Hobbit seine Freunde um sich brauchte, er hatte Lilianes und Sams Gegenwart so sehr nötig, daran bestand kein Zweifel.
Sie mußten kommen. Doch noch würde es, so sie es wirklich schafften, einige Zeit dauern, das wußte Aragorn auch.
Plötzlich schreckte Frodo ihn auf. Der Hobbit regte sich wieder, erwachte aus seinem leichten Schlaf, denn die Kälte kroch ihm zusehends in die Glieder und ließ ihn nicht mehr schlafen.
Sehr vorsichtig und leise stöhnend richtete er sich auf. Seine Schulter war sichtlich ausgerenkt, was sicherlich sehr schmerzte, doch dieser Schmerz war Frodo lieber als das Einrenken. Aragorn verstand es nicht ganz.
Er schenkte Frodo ein warmes, freundschaftliches Lächeln.
„Geht es dir besser?“ fragte er leise. Frodo hob unbestimmt die rechte Schulter und blickte betreten zu Boden.
„Ein wenig vielleicht“, log er mit zitternder Stimme. Dennoch freute seine Antwort Aragorn, der nicht damit gerechnet hatte, überhaupt eine zu erhalten.
Frodo spürte unablässig, wie seine Muskeln noch immer brannten und bei jeder Bewegung fast krampfartig zuckten. Sein schmerzverzerrter Gesichtsausdruck verriet gegen seinen Willen, wie es ihm wirklich ging.
„Willst du nicht wieder herkommen?“ wagte Aragorn einen Annäherungsversuch. Skeptisch hob Frodo den Blick. Seine Augen schienen dem König schreckhaft und sprachen eine ganz eigene, furchtsame Sprache.
„Ich tue dir auch nichts, das verspreche ich bei meiner Ehre“, sagte Aragorn dann. Frodo bewegte sich noch immer nicht.
Natürlich wußte er, daß Aragorn noch niemals gelogen hatte, aber vielleicht versuchte er diesmal einen Trick?
„Bist du sicher?“ fragte Frodo fast bitter. Aragorn seufzte laut.
„Natürlich, Frodo. Nun komm schon, darum kümmern wir uns irgendwann, wenn du willst, ich will dir nicht wehtun. Man hat dich genug erleiden lassen.“
Tiefe Betroffenheit war aus Aragorns Stimme zu entnehmen, was in Frodo alle Sperren brechen ließ. Langsam und sehr mühselig erhob er sich, schwankte fast und fiel, doch dann ging er hinüber zu Aragorn, der fast einladend seinen Arm ausstreckte. Mit einem leichten, traurigen Lächeln setzte Frodo sich neben ihn, lehnte sich an seinen großen Freund und spürte den schützenden Arm Aragorns um seine Schultern gelegt.
Ganz bewußt hatte Aragorn seine Hand auf Frodos linke Schulter gelegt, sehr vorsichtig und nur leicht, damit es nicht schmerzte, aber er hatte es getan.
„Dich trifft doch keine Schuld, Streicher. Du hast es nur gut gemeint und es war doch nicht falsch, einen für alle opfern zu wollen...“ flüsterte Frodo leise. Erschüttert blickte Aragorn zu ihm hinab.
„Das ist nicht dein Ernst, Frodo.“
„Doch, ist es. Ich hatte es so lang ertragen wollen wie Faramir, doch vielleicht kannst du dir vorstellen, daß der Schmerz irgendwann zu groß wird und man alles vergißt, was man sich vorgenommen hatte.“
„Das hat doch damit nichts zu tun! Es hätte dich umgebracht, ist dir das nicht klar? Weißt du nicht, was eine Streckbank bewirken kann? Sie hätte dir alle Gliedmaßen gebrochen, es hätte dir die Wirbelsäule zerrissen, irgendwann...“
Er brach ab. Frodo nickte düster.
„Ja, das weiß ich. Und nur der Schmerz war es, der mich nach dir hat rufen lassen. Ich habe nicht den Tod gefürchtet, nur den Schmerz. Hätten sie mich kurzerhand umbringen wollen, so hätte ich mich nicht gewehrt.“
Fassungslos starrte Aragorn Frodo direkt ins Gesicht. Der abgeklärte Ton in der Stimme des Hobbits erschütterte ihn am meisten, er war unfähig zu glauben, was Frodo sagte, denn er wußte genau, daß er es ernst meinte.
„Aber ich hätte dich nicht sterben lassen. Natürlich ist jetzt alles in großer Gefahr, aber es besteht doch noch Hoffnung! Frodo, du kannst dich nicht immer opfern. Darum geht es hier gar nicht. Es war ein dummer Zufall, daß man dich erwischt hat. Wenn das nicht geschehen wäre, hätten sie mich gefoltert, und das wäre gerechter gewesen...“
Die beiden versanken in Schweigen. Vor Frodos Augen war alles düster, doch das war es in der Zelle ohnehin. Die Tür hatte in Augenhöhe eines Mannes ein vergittertes Loch, durch das man von außen hineinsehen konnte, doch kein Licht fiel hindurch. Der Gang war finster und der Kerker war nur von der einen Fackel erleuchtet, die neben der Tür hing.
Brot hatten sie längst keines mehr, auch das Wasser ging ihnen zur Neige. Sie sparten sehr.
Nach einer ganzen Weile hatte Aragorn plötzlich eine Idee. Er nahm auch die linke Hand zu Hilfe, legte sie eisern um Frodos Handgelenk, warf ihm jedoch einen besänftigenden Blick zu.
„Ich will sie nur abtasten, einverstanden?“ sagte er. Frodos Augen wurden groß.
„Nein, bitte...“ murmelte er, doch Aragorn hielt ihn unerbittlich fest, auch an der verletzten Schulter.
Er umfaßte sie äußerst vorsichtig mit der Hand. Schmerzerfüllt biß Frodo die Zähne zusammen und schloß die Augen, als Aragorn mit einer Hand seine Schulter abzutasten begann, zwar so vorsichtig wie möglich, aber nicht ohne Schmerzen dabei zu verursachen.
„Natürlich wird es wehtun, sie wieder einzurenken, aber ich sehe da keine Schwierigkeiten“, sagte Aragorn, als er endlich wieder von Frodo abließ. Dessen Anspannung ließ nur langsam nach, er war wie erstarrt, hatte die Prozedur jedoch klaglos über sich ergehen lassen.
„Aber nicht jetzt, bitte“, flehte er inständig mit bebender Stimme. Aragorn nickte langsam.
„Ich habe es dir versprochen. Ich wollte mich nur vergewissern, daß es nicht ernst ist.“
Tränen standen Frodo in den Augen, das konnte Aragorn zweifellos erkennen.
„Es tut mir alles so leid, Frodo. Du solltest jetzt nicht hier sein.“
Frodo verzog das Gesicht. Er starrte noch immer reglos auf seine wundroten Handgelenke, was ihn erschauern ließ.
„Du auch nicht. Wenn sie nur nicht triumphiert...“
Aragorn biß sich auf die Lippen. Den expliziten Gedanken an die Dagor Dagorath hatte er noch nicht entwickelt, aber seine Befürchtungen gingen in eine ähnliche Richtung.
Und alles hing an einem Splitter. Den man nicht auf ewig verstecken konnte, man mußte den gesamten Kristall zerstören.
Doch dies war in seinen Augen unmöglich.
„Darauf hatten wir niemals einen wirklichen Einfluß. Keiner von uns. Auch die anderen nicht, denn sie ist äußerst mächtig. Um ehrlich zu sein, fürchte ich, daß sie Gandalf hat umbringen lassen, denn er ist der einzige, der sich ihr noch entgegenstellen kann.“
Frodo ließ den Kopf sinken. Stumme Tränen liefen als Antwort auf Aragorns resignierende Worte über seine Wangen, was Aragorn sehr wohl bemerkte, doch ihm selbst ging es kaum anders.
„Wir sollten froh sein, wenn wir sie alle vor dem Ende ein letztes Mal sehen dürfen...“
Seine Stimme zitterte unnatürlich, wie Frodo sofort bemerkte,und als der Hobbit zu Aragorn aufblickte, sah er auch in dessen Gesicht Tränen auf den Wangen.
Eine bodenlose Angst bemächtigte sich seiner, als er das entdecken mußte.
„Du warst immer derjenige unter uns allen, der bis zuletzt hatte kämpfen wollen, Streicher. Wenn du aufgibst, haben wir alle verloren!“ wisperte Frodo unter Tränen.
Aragorn zuckte unwirsch mit den Schultern.
„Ich wage nicht zu leugnen, daß sie mich in die Knie gezwungen hat, Frodo. Auch wenn alle das immer geglaubt haben - auch ich bin anfällig für Angst. Ich kenne Angst genauso wie du oder Sam oder Liliane. Und ich habe keine Kraft mehr, mich ihr entgegenzustellen.“
Nichts wußte Frodo darauf zu erwidern. Schweigend saßen die beiden nebeneinander in der Kammer, hilflos und das Ende erwartend.
Irgendwie schlich die Nacht vorüber, schleppend und schier endlos. Es mochte auf der Welt, fernab der finsteren Tiefen Morias, die Zeit des Tagesanbruchs gewesen sein, als Aragorn endlich selbst einschlief. Frodo bemerkte die tiefen Sorgenfalten im Gesicht seines Freundes, die ihn erschreckten.
Aragorns Wangen waren eingefallen. Sorge hatte sein Gesicht gezeichnet. Ausgemergelt erschien er Frodo, aber dennoch nicht derart schwach, wie Aragorn selbst gesagt hatte. Noch immer regte sich in ihm Widerstand.
Trotz aller Verzweiflung nahm Frodo es teilnahmslos hin, daß irgendwann ein Wächter in das Verlies kam und neues Brot neben frischem Wasser brachte.
Selbst wenn Frodo gewollt hätte, er hätte nicht danken können, weil er nicht wußte, wozu es noch gut sein sollte, weiter am Leben zu bleiben.


Zwanzigstes Kapitel

Ein frostiger Wind pfiff scharf hinab durch den gerissenen Spalt, begleitet vom aschfahlen Tageslicht, welches durch den Schnee ein wenig gedämpft wurde. Der Gipfel lag zudem zu dieser Stunde in trüben Wolken verborgen, die nicht offenbaren wollten, welche Tageszeit es war. Dem Sonnenstand nach zu urteilen, der sich in diesem Moment allen Blicken entzog, war es bereits kurz vor Mittag, es war hell, die Schatten der Nacht waren zurückgewichen in die hintersten Winkel, waren vertrieben worden und würden sich vorerst nicht mehr zeigen.
Liliane blinzelte schläfrig, ihr war mit einem Male so kalt gewesen, daß sie frierend erwacht war, so schaute sie sich also nun um. Bergil und Sam lagen noch immer schlafend bei ihr, hatten sich unter ihren Sachen zusammengerollt, sahen so friedlich dabei aus. Liliane setzte sich fast geräuschlos aufrecht, da sie die beiden nicht wecken wollte. Die Stufen über ihrem Kopf, das konnte sie im Augenwinkel noch sehen, waren naß von geschmolzenem Schnee, ihr kleines Lagerfeuer war jedoch inzwischen völlig heruntergebrannt und verlöscht, weshalb es auch so kalt geworden war.
Leise wühlte sie in ihrem Rucksack und holte ein inzwischen recht hartes Stück Brot hervor, an dem sie fast unschlüssig herumknabberte, während sie gedankenverloren vor sich hin starrte.
Zerklüfteter Fels bildete eine hohe, dunkle Mauer um die Treppe herum. Etwas skeptisch blickte Liliane auf die Stufen, die in den Berg hineinführten, sich aber sehr bald aus ihrem Blickfeld entwanden und nicht mehr zu sehen waren, doch sie fragte sich daher umso mehr, was dort wohl zu sehen war.
Eine Hand legte sie auf den weißen Edelstein, den sie an der filigranen Silberkette um den Hals trug. In ihrem Herzen entflammte gleich einem Feuer das Gefühl der großen Liebe zu Frodo, beflügelt von ebenso großem Mut, der sie nicht zögern lassen würde, ihm zu Hilfe zu eilen.
Ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, sie aß weiter vom Brot, versuchte derweil aber, sich sein Gesicht wieder vor Augen zu holen, sich an ihn zu erinnern. Nun waren sie erst wenige Tage getrennt, aber es erschien ihr wie eine Ewigkeit, denn die Angst um ihn machte alles ungleich schwerer.
Sie sehnte den Vater ihrer Kinder herbei, der einige Meilen entfernt unter ihr in diesem Berg gefangengehalten wurde, möglicherweise jegliche Hoffnung aufgegeben hatte...
Sichernd legte sie ihre Hand auf die Tasche ihres Kleides, die vorn auf dem Rock aufgenäht war, und darin lag Bergils kurzer, scharfer Dolch, mit dem sie sich in jedem Falle zur Wehr zu setzen wußte. Liliane wußte, daß sie eigentlich alles andere als sonderlich geschickt im Kampf war, aber darum ging es in diesem Moment nicht. Es war lang her, daß man sie mit dem Schwertkampf vertraut gemacht hatte, aber da sie im Augenblick kein Schwert trug, war das ohnehin nicht von besonderer Bedeutung.
Er ging hier einzig um Verteidung und die Möglichkeit, sich freizukämpfen, einfach bewaffnet zu sein.
Sie war verrückt, das wußte sie selbst. Sie hatte als Hobbit und noch dazu als Frau keinem Gegner viel entgegenzusetzen - außer dem Mut, den sie im Herzen trug, der Mut, den sie zur Suche nach Frodo benötigen würde.
Sie trank einen Schluck Wasser, lehnte sich an die kalte, feuchte Wand, dann zog sie die Beine an den Körper.
Einst hatte sie das Versprechen gegeben, immer zu ihm zu stehen, und das würde sie halten. So finster Moria auch sein mochte und so böse Thuringwethil, die sie nicht kannte - nichts würde sie einschüchtern oder abschrecken, denn sie wußte, daß Frodo sie brauchte.
Und sie brauchte ihn.
Mühsam versuchte sie, das Feuer wieder in Gang zu bringen, doch ihr Werken weckte schließlich Bergil, dessen Schlaf nicht mehr sonderlich fest gewesen war.
„Laß gut sein“, murmelte der junge Mann und gähnte, als er sich streckte und erhob. Liliane blickte auf.
„Mir ist kalt.“
„Mir auch, aber wir sollten ohnehin aufbrechen, meinst du nicht?“
Liliane zuckte mit den Schultern.
„Ich wollte euch noch schlafen lassen“, erklärte sie dann.
„Nicht nötig. Ich werde Sam auch wecken, der Tunichtgut hat genug geschlafen!“ bemerkte Bergil grinsend. Er hatte einen ungefähren Verdacht, wie spät es inzwischen sein mochte.
„Meinetwegen“, stimmte Liliane zu und packte die Sachen zusammen, ohne auf Bergil und Sam zu achten. Bergil weckte Sam vorsichtig, der erstaunlich schnell wieder zu sich kam, aber immerhin hatte er auch sehr lange geschlafen.
„Und nun?“ fragte er sogleich. Die anderen waren bereits marschfertig, als er sich erhob, und zuckten mit den Schultern.
„Nun geht es dort hinunter“, sagte Bergil, als er mit der Hand auf die abwärts führenden Stufen verwies, außerdem machte er sogleich Anstalten, vorangehen zu wollen.
Die beiden Hobbits folgten ihm ohne Umschweife. Sie waren alle wieder frohen Mutes, der lange Schlaf hatte ihnen die dringend benötigte Kraft zurückgegeben, aber sie hatten einen sehr weiten Weg vor sich, das wußten sie.
Die Endlose Treppe war eine Wendeltreppe, wie sie verwundener nicht hätte sein können. Noch bevor sie weit gekommen waren und das Licht der Außenwelt sie wieder verließ, hielt Bergil kurz inne und entzündete eine während einer Nachtwache selbstgebaute Fackel, die ihnen nun sehr nützlich war.
„Kommt weiter“, sagte er, und seine Stimme hallte dumpf in der Röhre wider, was sie erschauern ließ.
Die Treppe war hoch und breit, es war kein enger Tunnel, andernfalls hätten sie sich auch gefragt, wie jemals der Balrog dort hinauf hatte gelangen können.
Die drei schritten nacheinander die Stufen hinab. Die Fackel warf spukende Schatten von ihnen an die Wand, leuchtete in einem satten Orangeton, aber sie wies ihnen den Weg hinab in den Berg.
Am Anfang bemerkten sie nicht einmal, wie lang die Treppe tatsächlich war und was sie noch erwarten würde. Tapfer beschritten sie eine grob aus dem Fels gehauene Stufe nach der anderen, was nicht ungefährlich war, denn sie waren unterschiedlich hoch und nicht unbedingt eben, was sie oft genug stolpern und straucheln ließ.
Wenn sie die Fackel nicht gehabt hätten, wären sie in der Finsternis verloren gewesen. Je weiter sie sich vom Gipfel entfernten, umso finsterer wurde es um sie herum, das Licht verschwand und verließ sie.
Plötzlich stellte Sam fest, der sich immer an der Wand entlanggetastet hatte, daß diese sich von den Stufen zu entfernen schien, außerdem spürte er an seiner Hand einen eiskalten Luftzug, den er nicht einordnen konnte.
„Warte, Bergil...“ sagte er.
„Was denn?“
„Leuchte mal her“, bat Sam und deutete auf den Spalt zwischen Treppe und Wand, der sich tatsächlich als ein solcher entpuppte.
„Auf der anderen Seite ist kein Spalt“, sagte Liliane dann, die zur Innenseite der Treppe blickte.
„Also paßt gut auf, wohin ihr tretet!“ mahnte Bergil, um seine Freunde besorgt, denn er wollte um keinen Preis, daß sie sich etwas taten.
Von diesem Moment an achtete Bergil bewußt auf den sich stetig vergrößernden Spalt zu seiner Linken, bis er plötzlich feststellte, daß die Wand sich nicht nur stetig einige Fuß weit entfernte, sondern schließlich gänzlich zurückwich und den Blick auf eine endlose, neben ihnen aufklaffende Schwärze preisgab.
Bergil blieb stehen und hielt die Fackel über den Rand der Treppe hinaus, doch ihr Licht leuchtete ins Leere, traf auf kein Ziel mehr. Die Wand war derart weit weg, daß sie nichts mehr davon sehen konnten, ebenso konnten sie keinen Boden und keine Decke finden.
Von einer langen Felssäule abgesehen, um die sich die Endlose Treppe wand, war um sie herum überhaupt nichts mehr.
„Gespenstisch“, sagte Bergil leise, aber die Leere um sie herum fing seine Stimme auf, um sie in einem lauten Echo verstärkt zurückzuwerfen.
Liliane spürte, wie eine Gänsehaut sie überlief. Der Berg schien an dieser Stelle so gut wie hohl zu sein, nur die sich windende Treppe war dort, wie sie sich endlos hinabschraubte, ansonsten war dort nichts.
Sam fühlte Schwindel in sich aufsteigen angesichts dieser Feststellung. Wenn er sich umsah, konnte er nur Schwärze entdecken und mittendrin nichts außer der holprigen Treppe und Gestein.
„Das ist schrecklich“, flüsterte er, doch auch dieses Flüstern warf das Echo fast zischend zurück.
Liliane nahm seine Hand. Sam vermochte nicht zu sagen, ob sie ihn oder sich selbst damit beruhigen wollte, aber ihre Gegenwart ließ ihn seinen Mut nicht verlieren.
Bergil blickte sich um zu den Hobbits, die zögerlich hinter ihm standen.
„Kommt, wir halten uns innen und nichts wird passieren“, sagte er ungeachtet des Echos, denn er selbst verspürte eine ähnliche Angst wie die Hobbits, wenn er daran dachte, daß die Leere neben ihnen noch drei Meilen in die Tiefe führte - wenn nicht gar weitaus tiefer.
Liliane kämpfte gegen das Schwindelgefühl, das auch in ihr wuchs und sie bis ins Mark ängstigte, denn Hobbits scheuten nichts mehr als große Höhen.
Vorsichtig tasteten sie sich weiter hinab. Sam begann, die Stufen zu zählen, um sich abzulenken, verlor aber nach zweihundert die Lust daran und außerdem machte ihm das ständige Laufen im Kreis zu schaffen.
„Wartet“, bat er schließlich, und als die anderen nach all diesem Treppensteigen stehenblieben, spürten sie, wie sich auch in ihren Köpfen alles drehte und sie die Orientierung verloren.
Liliane preßte sich an die Treppensäule und schloß die Augen, atmete tief durch, dann wurde sie wieder ruhiger.
„Schrecklich“, murmelte Bergil, streckte die Fackel in die Höhe und versuchte, zu erkennen, woher sie gekommen waren, was er aber nicht mehr sehen konnte.
Sie sahen immer nur die nächste Biegung der ewigen Wendeltreppe vor sich. Für lange Zeit stiegen sie weiter die Treppe hinab, bis Bergil plötzlich zögerte, dann sogar stehenblieb.
„Eine Engstelle“, erklärte er, denn gerade rechtzeitig hatte er eine Stelle entdeckt, wo drei Viertel des Gesteins von drei Stufen weggebrochen waren.
„Ich gehe vor und ihr tastet euch vorsichtig hinterher“, sagte er dann, während er sich mit dem Rücken zur Säule drehte und, mit dem ganzen Körper daran gepreßt, seine Arme ausbreitete, bevor er vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann auf die nächsttiefere Stufe trat, oder das, was davon übrig war.
Er streckte Liliane die Hand hin, half ihr hinüber, dann holten sie gemeinsam Sam hinüber und gingen weiter. In der Tat hatten Gandalf und der Balrog derart gewütet, daß bald vielerorts die Treppe fast verwüstet schien.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie plötzlich auf einer Länge von vier Stufen sämtliches Gestein nur noch weggebrochen vorfanden. Ein riesiges Loch klaffte in der Treppe auf.
„Herrlich“, mokierte sich Bergil, dem das gar nicht gefallen wollte. Sam trat neben seinen Freund, blickte auf die zwei Fuß tiefer und drei Fuß entfernt liegenden Stufen hinab, aber dann zuckte er nur mit den Schultern.
„Da kann man hinüberspringen“, erklärte er kurzerhand, was Liliane und Bergil erstaunt dreinschauen ließ.
„Ja, das haben wir damals auf dem Weg zur Brücke von Khazad-dum auch machen müssen!“ fuhr Sam fort, was den beiden nicht ganz logisch erschien.
„Du willst sagen, daß... also das ist schon gefährlich“, murmelte Bergil vorsichtig, doch Liliane stimmte Sam bereits zu.
„Eine andere Möglichkeit haben wir doch nicht, oder?“
Unwirsch schätzte Bergil die Entfernung ab, die er an sich nicht fürchtete, doch er fürchtete, daß er nicht richtig aufkam und die Treppe hinunterstürzte - denn die meiste Angst hatte er vor der Leere neben der Treppe.
„Nein, haben wir nicht“, sagte er dann selbst, holte tief Luft und ging in die Hocke, bevor er mit einem Satz über das Loch in die Tiefe sprang, ungeachtet der Fackel in seiner Hand und seines Gepäcks. Taumelnd und mit rudernden Armen versuchte er, sich abzufangen, als er schwankend auf zwei Stufen aufkam, aber es geschah nichts.
Keuchend beugte er sich hinab und legte die Fackel ab, bevor er sich mit ausgebreiteten Armen den Hobbits zuwandte.
„Los, Liliane“, sagte er und lächelte ermutigend. So gut sie konnte, versuchte Liliane, hinüberzuspringen, aber sie trat einige Steine locker, die geräuschvoll die letzte Stufe hinabkullerten, bevor sie ins Leere fielen. Davon irritiert, verlor sie fast das Gleichgewicht und wäre gefallen, wenn Bergil sie nicht aufgefangen hätte.
Mit festen Griff packte er die Hobbitfrau und ließ sich gegen die Säule zurückfallen.
„Keine Angst“, brachte er erschrocken hervor, dann setzte er Liliane, die am ganzen Leib zitterte vor Schreck, auf den Stufen ab.
Ängstlich starrte sie hoch zu Sam, den Bergil jedoch sicherer in Empfang nehmen konnte als sie. So hatten sie endlich auch diese Hürde geschafft.
Weiter führte ihr Weg sie hinab, immer entlang der Säule, immer in derselben Richtung, immer weiter durch die leere, jedes Geräusch tausendfach beantwortende Finsternis. Ihre Augen waren fast mehr ans Licht der Fackel geheftet als auf die Stufen, was zumindest Liliane irgendwann bemerkte und von da an zu unterlassen versuchte, um nicht ins Leere zu treten.
Irgendwann hatten sie sich an die ständige Drehbewegung gewöhnt, allerdings mußten sie sich sehr vorsehen, daß sie nicht zu hastig die Treppe hinabstolperten, denn irgendwann beschleunigten sich ihre Schritte wie von selbst.
Und dann passierte das Unglück auch schon. Sam paßte nicht auf, rutschte von einer Stufenkante ab und verlor das Gleichgewicht. Mit einem Aufschrei fiel er vorwärts gegen Liliane, riß sie mit sich auf die Stufen nieder, und es war nur dem großen Abstand der beiden zu Bergil zu verdanken, daß dieser reagieren und sich umdrehen konnte, um sie aufzufangen. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Stufen und bremste die Hobbits in ihrem Fall ab.
Einander schockiert anschauend, blieben sie für einen Moment auf der Treppe sitzen.
„Das überleben wir nicht“, flüsterte Liliane mit zitternder Stimme. Sie war zu Tode erschrocken.
„Doch, tun wir. Ich würde sagen, ein Drittel des Weges haben wir hinter uns“, versuchte Bergil, grob zu schätzen, wie weit sie vorangekommen waren.
Sam stöhnte laut.
„Hervorragend. Ich sehe nur noch Stufen und in meinem Kopf dreht sich alles!“
Achselzuckend stand Bergil wieder auf, half den beiden Hobbits hoch, dann gingen sie weiter, ohne länger zu verweilen.
Über eine Strecke, die gemessen am reinen zurückgelegten Höhenunterschied etwa zweitausend Fuß betrug, an abzulaufender Strecke jedoch mehr als diese halbe Meile darstellte, geschah gar nichts. Die Treppe war halbwegs eben und unbeschädigt, wenn man von einzelnen Löchern absah, doch mit einem Mal verengte sie sich stetig immer weiter, bis sie so schmal an der Säule entlanglief, daß die drei nur noch mit äußerster Vorsicht und langsam die Stufen hinabbalancieren konnten.
„Ich will von dieser Treppe fort, ich falle gleich...“ begann Liliane plötzlich zu jammern, denn sie spürte, wie sich inzwischen ihr Magen umzudrehen schien, so unnatürlich war dieser Abstieg für sie.
„Halt durch“, gab Bergil von vorn zurück, der mittlerweile mehr als zwanzig dieser schmalen Stufen zählte, welche sie schon überwunden hatten.
„Diese Treppe ist in der Tat endlos!“ sagte Sam dann, der darum kämpfte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Etwa fünfzig dieser Stufen mußten sie hinter sich bringen, bevor sie sich endlich wieder verbreiterten. Bergil hatte sehen können, daß sie alle abgebrochen waren, und kaum daß sie zweihundert Fuß tiefer standen, konnten sie schon sehen, was das bedeutete. Erst dort hatten herabfallende Gesteinsbrochen derartige Löcher in die Treppe geschlagen, daß kaum noch etwas von ihr übrig war.
„Sinnlos, hier springen zu wollen“, stellte Bergil mißgelaunt fest. Das alles gefiel ihm gar nicht.
„Und nun?“ wagte Sam fast schüchtern zu fragen. Auch er konnte sehen, daß auf einer langen Strecke die komplette Treppe weggebrochen schien.
Bergil packte seinen Rucksack und griff hinein, wühlte ein wenig herum, bis er schließlich ein langes, säuberlich zusammengerolltes Seil herauszog.
„Damit kommen wir weiter“, behauptete er und zeigte den Hobbits auch, wie das vonstatten gehen sollte. Er schlag das Ende des Seils einmal um die Säule und lief mit der Fackel suchend herum, um eine Stelle zu finden, wo das Seil wieder auf die Treppe treffen würde.
Dreißig Fuß waren es, die es so zu überwinden galt, doch darunter waren wieder Stufen in Sicht.
Auch diesmal machte Bergil den Anfang. Er steckte sich irgendwie die Fackel an den Rucksack, packte das Seil, dann hangelte er sich mit dieser Sicherungsleine in den Händen an der Säule entlang abwärts. Er entschwand für die Hobbits außer Sichtweite.
„Wo bist du?“ rief Liliane, als sie ihn plötzlich nicht mehr erkennen konnte, weil Treppenstufen ihr die Sicht auf Bergil nahmen.
„Gleich unten“, kam die Antwort. Verunsichert blickten die beiden Hobbits sich an.
„Der macht mir Spaß“, beklagte sich Sam, doch dann rief Bergil hoch: „Bin unten! Komm, Liliane!“
Seufzend umfaßte Liliane das Seil mit den Händen und klammerte sich nahezu krampfhaft daran fest, als sie im nächsten Moment den Boden unter den Füßen verlor.
„Langsam abseilen“, rief Bergil, der das hin und her schwingende Seil bemerkte und es sichernd festhielt.
Liliane spürte, wie der Strick in ihre Haut schnitt, also mußte sie sich vorsehen, sich nicht herabrutschen zu lassen.
Es war beschwerlich, sich herabzukämpfen, aber plötzlich spürte sie Bergils Arme um ihre Hüfte, sah das Licht, dann ließ sie los und war erleichtert, endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben.
Ebenso unsicher wie die Hobbitfrau folgte nun Sam, der ebenfalls einige Zeit brauchte, bis er die beiden unten erreicht hatte.
Seufzend starrte Bergil auf das Seil.
„Wenn wir noch eines brauchen, stehen wir dumm da, das war mein einziges“, klagte er, denn es gab keinerlei Aussicht darauf, es zu lösen.
„Leider ist es kein Elbenseil“, fügte Sam schulterzuckend hinzu.
Die drei gingen weiter. Über eine von kleineren Löchern durchzogene, niemals enden wollende Treppe arbeiteten sie sich nach unten in den Berg vor. Es waren Meilen, die sie über die Stufen zurücklegten, was sie irgendwann deutlich in zitternden Knien und schmerzenden Waden spürten. Das ständige Schwindelgefühl und die aufkeimende Übelkeit versuchten sie irgendwann zu vergessen, sie gewöhnten sich auch an die Leere, die um sie und die Treppe herum herrschte, doch enden wollte sie lange nicht.
Aber irgendwann hielt Bergil abrupt an und starrte vor sich. Die Wände schienen zu ihren zurückzukehren, denn plötzlich konnte er schattenhafte Umrisse im Licht der Fackel erkennen. Keuchend blieben die Hobbits hinter ihm stehen.
„Was denn?“ fragte Liliane irritiert.
„Da ist die Wand“, gab Bergil dann zur Antwort, lief dann aber weiter voran. Eine weitere halbe Meile später, in der rund um die Treppe herum die Wände sie wieder einkreisten, rief Bergil plötzlich überrascht: „Hier ist ein Loch, es scheint mir ein Gang zu sein!“
„Ein Gang?“ wiederholte Sam ungläubig. Die beiden Hobbits traten neben den jungen Mann, der auf eine Öffnung in der Wand verwies.
Tatsächlich, ein Tunnel klaffte vor ihnen auf.
„Was tun wir? Sollen wir ihm folgen?“ fragte Sam dann. Bergil zuckte ebenso wie Liliane unentschlossen mit den Schultern.
Doch da keiner der drei länger der Treppe folgen wollte, beschlossen sie, ihr Glück mit diesem Gang zu versuchen.
Stickige Luft umgab sie bald darin. Ein ebener, jedoch stetig abfallender Boden lag unter ihren Füßen, weitere Gänge öffneten sich neben ihnen, doch sie beschlossen, diesen nicht folgen zu wollen, sondern nur dem Hauptgang.
Zwei Meilen weit liefen sie den Gang entlang, ohne sich in einem schieren Labyrinth von Gängen zu verlaufen. Mancherorts konnten sie durch Öffnungen in große Räume blicken, aus denen ein frischer Luftzug ihnen begegnete, manchmal wurde die Decke des Ganges höher, Stufen führten darin abwärts, aber ansonsten war dort nichts zu entdecken, überhaupt nichts.
„Ich hasse Gänge“, murmelte Sam mehr zu sich selbst als zu einem der anderen, die jedoch wußten, worauf diese Abneigung beruhte. Seit er in einem derartigen Tunnel auf Kankra hatte treffen müssen, waren solche Gänge für ihn mit Schrecken und Angst verknüpft.
Dennoch hielten sie sich alle tapfer. Sie liefen voran, unermüdlich, ohne eine Pause zu machen. Als sie jedoch auf einen ähnlich großen, schräg kreuzenden Nebengang trafen, waren sie für einen Moment verwirrt.
„Was nun?“ fragte Liliane zu Bergil gewandt, der sich in seiner unfreiwilligen Führerrolle nicht ganz wohl fühlte.
„Also wenn ich mir überlege, daß wir die ganze Zeit stetig von der Treppe fortgelaufen sind... die Treppe führt doch mitten ins Herz Khazad-dums! Sam, wo würdest du dich verstecken, wenn du Thuringwethil wärst? Du kennst Moria...“
Sam überlegte für einen Augenblick.
„Nun, ich würde sagen, ich würde in einer der Hallen nahe der Wachstube bleiben, die sind groß und liegen mittig, von da aus ist alles erreichbar, man ist sicher...“
„Das denke ich auch“, pflichtete Bergil bei. Es war mehr Instinkt als Wissen, doch jeder von ihnen würde sich eher zentral verschanzen als irgendwo, zumal Sams Einschätzung von Moria dafür sprach, daß tatsächlich im Herz des Berges die wichtigsten Hallen lagen, die am besten zu benützen waren.
„Der Gang da führt wieder mitten in den Berg hinein, so wie es aussieht... ich glaube nicht, daß wir uns verlaufen, ich habe mir den Weg gemerkt und wir sind nur demselben Gang gefolgt“, sagte Bergil, was die beiden Hobbits nachvollziehen konnten.
„Also folgen wir doch diesem!“ schlug Liliane vor.
Wie sich bald herausstellte, war diese Idee nicht dumm gewesen. Dieser Gang glich keinem Tunnel, sondern eher einem Pfad, der sie an Hallen vorbei und durch Felsspalten führte, ganz ähnlich wie der Hauptweg, der von West-zum Osttor führte.
Was die drei nicht wußten, war, daß dieser Weg parallel zum Hauptweg verlief, allerdings sechshundert Fuß höher.
Seit Stunden waren sie unterwegs. Es wurde bereits Abend, als sie, sehr zu ihrer Überraschung, noch immer unbehelligt auf den Hauptweg trafen, wie Sam bald zweifelsfrei feststellte.
„Das ist hinter der Wachstube... was tun wir jetzt?“ fragte er die anderen. Da keiner von ihnen eine Idee hatte, wohin sie gehen mußten, schlugen sie Sam vor, einfach irgendeinen Weg einzuschlagen, der ihm sinnvoll erschien.
„Wir laufen einfach herum und hoffen, daß wir jemanden treffen!“ sagte er achselzuckend, denn er kam sich sehr hilflos vor.
Es war noch immer dunkel um sie herum, aber nicht mehr gar so stickig. Über einen holprigen Pfad an klaffenden Abgründen und Gerät zum Fördern von Mithril vorüber liefen sie, folgten den Kurven und Windungen durch mehrere Hallen, mit erhöhter Vorsicht die Ohren spitzend und sehr aufmerksam. Bergil nahm seine Rechte nicht mehr vom Schwert. Auch Anduril hütete er noch immer gewissenhaft.
Wäre es draußen noch Tag gewesen, wäre die vierte von ihnen passierte Halle wohl erleuchtet gewesen, aber so erblickten sie im Fackelschein nur gigantische, steil hochragende Säulen, die das hohe Dach trugen und abstützten, erbaut in höchster zwergischer Baukunst.
Staunend blickten Liliane und Bergil sich um. Beide kannten sie Zwergenbinge nur aus Erzählungen, doch nun waren sie dort und sahen, wovon ihnen berichtet worden war.
Die Münder standen ihnen noch offen, als Bergil plötzlich von einem Geräusch aufgeschreckt wurde. Stocksteif blieb er stehen und lauschte, woraufhin er es fast mit der Angst zu tun bekam. Schnell warf er die Fackel zu Boden und trat die Flamme mit dem Fuß aus, dann packte er die beiden überraschten Hobbits, bat sie noch, leise zu sein und hastete mit ihnen hinter die nächste Säule, die er in der Düsternis nur an ihrem Platz vermuten konnte. Fast wäre er dagegengelaufen, aber als die drei endlich hinter der Säule standen, bedurfte es keiner weiteren Erklärung mehr.
Stimmen näherten sich, außerdem konnten sie durch den Türspalt Licht heller werden sehen. Es war äußerst knapp gewesen, denn so wurden sie nicht ansatzweise bemerkt, doch sie hatten nur Glück gehabt. Schon in der nächsten Minute kam ein gutes halbes Dutzend Männer in die Halle, Fackeln bei sich tragend und die stillen Beobachter an diejenigen erinnernd, die sie ausgeraubt hatten.
„... zwei Wochen. Dann werden wir es ja sehen, aber ich glaube nicht, daß Elessar gelogen hat. Und wenn, würden wir es erfahren, wenn sie vom Orthanc mit leeren Händen zurückkehren!“
„Und dann“, pflichtete ein anderer bei, „würde die Herrin sie beide spüren lassen, was ihr Zorn bedeuten kann. Als hätte die Streckbank nicht Genüge getan!“
Bergil spürte, wie Liliane neben ihm zusammenzuckte, als sie dieses Wort hören mußte. Im Dämmerlicht konnte er ihre angsterfüllten Augen blitzen sehen, aber sie alle rührten sich nicht und wurden hinter der Säule auch nicht vermutet. Die Gefolgsleute der Dämonin passierten die Halle ohne besonderes Mißtrauen.
Hämisches Gelächter erschallte.
„Aber so wird er vielleicht ein wenig größer, habt ihr den kleinen Halbling gesehen? Tat ihm sicher gut, was?“ spottete einer. Sam ballte die Hände zu Fäusten und mußte einen Aufschrei unterdrücken, denn rasende Wut ermächtigte sich seiner. Bergil legte ihm eine Hand auf die Schulter, zog im gleichen Moment die zitternde Liliane an sich heran und spähte noch immer an der Säule vorbei.
So grausam es auch war, was sie hören mußten, so erfuhren sie dennoch auf Anhieb einiges.
Liliane schlug die Augen nieder. Sie hatte es gewußt. Frodo war gefoltert worden und Aragorn hatte gesprochen. Aragorn hatte es zugelassen, daß man Frodo quälte! Und das für nichts, wenn er doch geredet hatte.
Tränen sammelten sich in ihren Augen. Irgendwo in Moria lag er nun, wenn sie noch etwas von ihm übrig gelassen hatten, aber daran hegte sie ernsthafte Zweifel. Unwillkürlich suchte ihre Hand nach dem Dolch in ihrer Tasche, aber sie nahm ihn nicht heraus.
Sie achteten nicht weiter auf das Gespött der Männer, doch noch bevor diese auf dem Weg die Halle verlassen hatten, den die drei zuvor gekommen waren, hefteten sie sich an deren Fersen.
Bergil schob die beiden Hobbits zielstrebig voran, sie hatten nun eine zu verfolgende Spur, die sie nicht mehr verlieren wollten. Von Säule zu Säule huschten sie in der Dunkelheit den Männern hinterher, die jedoch schon in der nächsten Halle einen gänzlich unbekannten Weg einschlugen.
Es war der Weg, den auch Frodo und Aragorn genommen hatten, und er führte in einen weiteren, dunklen Tunnel.
Bergil überlegte fieberhaft. Man hatte bereits Männer zum Orthanc entsandt. Gimli und Legolas mußten sich also sehr beeilen, um den letzten Splitter in Sicherheit zu bringen.
Auch in seinem, genau wie in Lilianes und Sams Kopf, hallte das Wort Streckbank immer wieder. Elessar, Frodo, Folter... er konnte sich ein Bild davon machen, was geschehen war.
So leise und unauffällig wie möglich verfolgten sie die Männer durch den Gang, folgten mehr dem Lichtschein als etwas anderem, wurden aber dennoch nicht abgeschüttelt.
Auch wenn die Luft nicht stickig war, so fehlte ihnen mit einem Male plötzlich die Luft zum Atmen, glaubten sie fast. Etwas Böses lag spürbar in der Luft, es war nah, fast greifbar nah.
In der Tat war Thuringwethil nicht fern, doch da im Moment nicht viel geschah, hatte sie sich in aller Ruhe zurückgezogen.
Das Licht der vorauseilenden Fackel war abgelöst worden durch das stärkere Licht, welches aus der großen Haupthalle zu ihnen drang. Es bestand kein Zweifel daran, daß die Männer dorthin gegangen waren.
„Diese Teufel...“ knurrte Sam plötzlich leise. Als in diesem Augenblick Bergil zu dem Hobbit hinabblickte, sah er Tränen auf dessen Wangen glänzen, Tränen der Wut und Entrüstung.
Plötzlich vernahmen sie wiederum Stimmen. Die Männer, denen sie gefolgt waren, waren fort, denn nun waren es nur noch zwei Stimmen, die zu hören waren. Bevor die drei Freunde es wagten, aus dem Gang zu treten, lauschten sie erst still, standen an die Wand gepreßt und harrten wartend aus, um mehr Dinge erfahren zu können.
„Hast du Maethors Gesicht gesehen? Er stand die ganze Zeit dort drüben und hat es sich angesehen, und wenn du die Begeisterung in seinen Augen gesehen hättest, es hätte dich geschüttelt.“
„Warum das?“ fragte der andere Wächter.
„Ein Verhör und seine Methoden sind eine Sache, aber ich finde es verabscheuungswürdig, daran auch noch Freude zu haben. Vom Statthalter hat man mir ja nur erzählt, das muß ähnlich gewesen sein... die Herrin weiß wirklich, was sie tut. Daß sie sich daran weidet, wundert mich nicht, aber ich wußte immer schon, daß Maethor ein abscheuliches Ekel ist!“
In Bergil keimte ein entsetzlicher Verdacht auf. Es konnte doch kein Zufall sein, daß sie von einem Maethor sprachen?
„Er fand das schon damals faszinierend, hat er gesagt. Maethor ist ein wenig verrückt, finde ich, aber was stellst du dich denn so an? Der sture König hat doch nichts anderes verdient! Er allein hatte die Verantwortung und er hat es zugelassen, also warum stellst du dich an und hast Skrupel?“
„Sei still. Du warst schließlich gestern nicht unten und hast ihnen etwas zu trinken gebracht! Der König hält sich noch gut, aber der Ringträger stand völlig neben sich. Es war ein erschreckendes Bild, ich hatte nicht geahnt, daß es derartige Folgen haben kann! Sie hat es nur aus Freude getan, glaub mir...“
„Und wenn schon. Du bist ein wirklich komischer Kauz, weißt du das? Da unten in dem Kerkerloch will ich zwar auch nicht sitzen, aber Mitleid mit denen habe ich nun wirklich nicht!“
Bergil holte tief Luft. Es war tatsächlich der Maethor, mit dem er damals bei den Verkündern der Finsternis zu tun gehabt hatte. Er war hier! Zwar wußten die Hobbits nichts mit diesem Namen anzufangen, doch ihn erschreckte er zutiefst.
„Ich auch nicht... aber ich habe das noch nie zuvor gesehen! Folter ist wirklich nicht normal, wenn auch effektiv...“
„Ach, du bist doch noch grün hinter den Ohren!“
Die beiden fuhren mit der Diskussion fort. Bergil überlegte noch, was nun zu tun war, als sich unerwartet Liliane mit einem langen, blitzenden Gegenstand in der Hand von der Wand löste und aus dem Gang hinaustrat.
„Nein!“ zischte Bergil und wollte ihr mit einem Satz nachspringen, aber es war zu spät. Sie stand bereits in der Halle mit dem Dolch in der Hand, aber sie tat nichts. Sam, der noch nicht sehen konnte, was geschah, hörte in diesem Moment einen bis ins Mark gehenden Angstschrei und wie scheinbar der Dolch klirrend zu Boden fiel, was ihn dazu brachte, mit einem Satz und Stich in der Hand hinter Bergil her aus dem Gang zu hasten.
Sie standen in der Halle, wo das Verhör stattgefunden hatte, und Liliane hatte in einer Ecke noch die Streckbank stehen sehen. Zwar hatte sie keinen Moment daran gezweifelt, daß es wirklich geschehen war, doch nun sah sie den Beweis, der ihr jede Illusion raubte.
Liliane hatte nicht mehr gewußt, was sie tat. Das sinnlose Gerede über das Für und Wider von Folter drohte sie schier um den Verstand zu bringen, sie hatte einfach nur gewollt, daß sie aufhörten, nicht mehr davon sprachen, ganz egal ob Skrupel oder nicht, aber niemand durfte so über Frodo sprechen.
Die Streckbank hatte sie jedoch zu Tode verängstigt. Bergil, der neben ihr stand, baute sich im nächsten Augenblick schützend vor ihr auf, als die beiden aufgeschreckten Wächter ihm mit gezogenen Waffen entgegensprangen, doch Sam eilte dem jungen Krieger zu Hilfe und mischte sich sofort ins Duell ein.
Die Schwerer krachten ohrenbetäubend laut gegeneinander, Bergil drückte sein Gegenüber zurück und parierte einen gut gezielten Schlag, doch sein Feind war nicht zu unterschätzen. Dasselbe mußte Sam feststellen, der von seinem Gegner aufgrund seiner Größe fast verhöhnt wurde, doch davon ließ er sich nicht irritieren. Seine Größe und Geschicklichkeit brachten ihm Vorteile.
Noch immer starrte Liliane hinüber zur Streckbank, die niemand wegzuräumen beabsichtigt hatte, da man sich lieber den Mund darüber zerriß. Grenzenlose Wut bemächtigte sich ihrer und sie fuhr herum, sie sah, wie Sam sich erbittert gegen seinen Feind zu behaupten versuchte, doch das war eine wahrhaft schwierige Aufgabe für ihn.
Sie zögerte nicht länger. Niemand achtete auf sie, als sie mit dem Dolch in der Hand auf den Mann zuging, der gerade Sam entwaffnen wollte, und sie ließ ungezielt in blindem Zorn die Hand vorschnellen.
Schmerzerfüllt schrie der Mann für einen Moment auf, da sie ihn empfindlich am Arm getroffen hatte, und Sam nutzte diese Chance, um seinem Kontrahenten die Schwertklinge mit aller Macht in die Brust zu rammen.
Liliane ging zitternd in die Knie, sie sah nicht mehr hin, sie konnte nicht, denn sie ertrug es nicht, zu sehen, was man Frodo angetan hatte.
Sie bemerkte in diesem Moment nichts mehr. Bergil besiegte seinen Gegner ebenfalls und nahm ihm sofort die Schlüssel ab, als er tödlich getroffen zu Boden gesunken war. Einen nicht unauffälligen Schlüsselbund trug er nämlich am Gürtel, und die Worte vom Kerker waren Bergil Hinweis genug gewesen bezüglich des Aufenthaltsortes ihrer Freunde.
Keuchend steckte er sein Schert weg, bevor er zu den Hobbits sah. Sam starrte nun ebenfalls fassungslos dorthin, wovon Lilianes Augen sich erst nicht hatten lösen können.
„Elende Kreatur“, murmelte er leise und voller Abscheu, dann reichte er Liliane die Hand und zog Frodos schluchzende Frau hoch, dann schloß er sie tröstend in die Arme.
„Aber es geht ihm sonst gut“, flüsterte er leise. Sam spürte selbst, wie sehr seine Stimme bebte, als er sprach, denn er war sich seiner Worte selbst nicht sicher.
Bergil seufzte. Sie hatten keine Zeit, die Toten zu verstecken, sie hatten die Schlüssel, er sah auf der anderen Seite der Halle einen weiteren Ausgang und nahm sich vor, es dort versuchen zu wollen.
„Kommt“, sagte er, ohne ein weiteres Wort über etwas anderes zu verlieren. Er nahm Sam bei der Hand, der Liliane mit sich zog.
„Wir sind kurz vorm Ziel“, sagte Sam, als er sich umschaute, um festzustellen, daß niemand außer ihnen mehr dort war.
Im nächsten Moment umfing sie wieder Dunkelheit, woraufhin Bergil ein letztes Mal zurückeilte und eine Fackel von der Wand nahm. Dann verschwanden die drei in dem dunklen Gang und suchten weiter nach Aragorn und Frodo.


Einundzwanzigstes Kapitel

Irgendwann wunderte Frodo sich selbst, daß er zeitweise derart viel mit Aragorn gesprochen hatte. Es mußte der vierte Tag ihrer Gefangenschaft sein, auch wenn sie das nicht so genau zu sagen vermochten. Frodo hatte es inzwischen aufgegeben, noch zu hoffen. Wenn er schlief und träumte, erschienen ihm schreckliche Visionen von Untergang, denn anders konnte er die endzeitlichen Bilder von Dunkelheit und Schrecken nicht benennen.
Manchmal wußte er nicht mehr, ob er wachte oder träumte. Er versuchte oftmals, sich bewußt seine Kinder ins Gedächtnis zu rufen, seine hübsche Melethiell und den frechen, liebenswerten Perhail, aber wenn er die beiden sah, schwebte bedrohlich über ihnen die Vampirbotin, die Dienerin des Bösen, wollte auf sie herabstoßen und sie angreifen, aber dann schrak Frodo hoch und verdrängte diese Gedanken.
Die Zeit verrann ereignislos. Selten war ihnen ein Zeitraum derart lang vorgekommen wie diese Tage der Gefangenschaft. Sie waren nicht einmal allein, und doch wollte die Zeit einfach nicht verstreichen.
Aragorn bemerkte, wie Frodo wieder in nicht zu brechendes Schweigen zurückfiel. Er hatte aufgegeben, denn Aragorns Resignation hatte ihn zutiefst bestürzt.
Der König bemerkte, daß auch nach dieser mittlerweile recht langen Zeit Frodos Schmerzen nur wenig nachgelassen hatten. Er konnte sich nicht vorstellen, was Frodo hatte ertragen müssen, doch ähnlich wie bei Faramir war es unaussprechlich gewesen.
Frodo hatte seine tiefe Verzweiflung nur vorübergehend überwunden, er war wieder in seine alte, tiefsitzende Angst zurückgefallen, die ihn lähmte und nicht loslassen wollte.
Irgendwie verstrich die Zeit. Lethargisch trottete Frodo gelegentlich durch die kleine Zelle, spionierte jeden Winkel aus, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, aber deren gab es keine.
„Warum lassen die uns nicht gehen...“ klagte Frodo irgendwann, als er sich mit zitternden Knien an der Tür entlang zu Boden rutschen ließ. Er zog die Beine an und stützte den Kopf auf die Arme, die er auf seine Knie legte. Es zerriß Aragorn das Herz, den Hobbit so zu sehen.
Ihnen beiden fehlte die Sonne. Die Vorstellung, daß Mittelerde in ähnlicher Dunkelheit versinken sollte, ängstigte sie bis ins Mark.
Frodo sehnte sich einfach nur nach der Freiheit. Er vermißte Liliane unaussprechlich, er wollte zu seinen Kindern zurück, einfach nur nach Hause. Seine Augen sprachen aus, was er fühlte, sie verliehen seinem Schmerz Ausdruck, und so versuchte er vergeblich, diesen zu verstecken.
Aragorn hatte es aufgegeben, mit den aufgelösten Hobbit sprechen zu wollen. Zwischendurch hatte er erneut eine Provokation gewagt, als er Frodo wieder auf das Einrenken seiner Schulter angesprochen hatte. Frodo hielt nun wiederum großen Abstand zu ihm, doch er hatte gar nichts dazu gesagt, sondern nur traurig geschwiegen.
Die beiden isolierten sich immer mehr voneinander, verloren sich aus den Augen, kümmerten sich kaum noch umeinander. Frodo hatte sich irgendwann, als er sich wiederum mehr als elend fühlte, in einer Ecke zusammengerollt und war einfach liegengeblieben.
Mal hatte er geschlafen, dann war er wieder wach. Er glaubte, immer noch zu träumen, denn zwischen dem Wachsein und dem Schlaf vermochte er irgendwann nicht mehr zu unterscheiden, doch er träumte nicht mehr, als sich plötzlich etwas rührte. Frodo schrak hoch aus seiner stillen Apathie, hob den Kopf und lächelte, glaubte sich tot, als die Tür sich öffnete und Bergil eintrat, gefolgt von Sam und auch Liliane.
Nur der Schmerz erinnerte ihn daran, daß er noch lebte, als er die Arme ausstreckte und ihr entgegenkommen wollte, sie noch einmal an sich spüren wollte - doch dann war sie tatsächlich da.
Hastig kniete Liliane sich vor ihn, vorsichtig die Arme um ihn legend, denn sie hatte den Zustand seiner Schulter bemerkt. Er war nicht ganz bei sich, er war in Lethargie verfallen, fast in einen Wahn zwischen Traum und Wirklichkeit, denn die konnte er genausowenig ertragen wie die Erinnerungen an die Folter.
Er spürte ihre Arme, wie sie ihn sichernd umschlossen, ihn heranzogen, dann drückte sie ihn fest an sich, strich ihm über den Kopf und sprach besänftigend zu ihm, streichelte ihn tröstend, sie küßte ihn sogar. Er spürte ihre Wärme, ihre Nähe, sie war da, sie war bei ihm, umarmte ihn, also lehnte er sich zu ihr und klammerte sich hilfesuchend an sie, vergrub den Kopf an ihrer Schulter und weinte stumm.
Sie strich ihm zärtlich durchs Haar. Fast wie ein Kind wiegte sie ihn in den Armen, summte leise, beruhigte ihn damit langsam, dann strich sie liebevoll über seine Wange und lächelte.
„Ich bin bei dir, Frodo, ich werde nicht mehr gehen“, sagte sie leise und wischte vorsichtig seine Tränen fort.
„Liliane...“
„Alles ist gut. Hab keine Angst.“
Mit einem Lächeln erwiderte Frodo ihre Umarmung schließlich und begriff, daß er nicht mehr träumte, denn so schön war es nur, wenn sie wirklich da war.

Auch wenn sie kaum in der Lage dazu gewesen waren, überhaupt etwas zu sehen, so hatten sie sich doch beeilt, waren so schnell wie möglich den Gang entlanggeeilt und hofften inständig, daß sie wirklich dem richtigen Weg folgten. Es hatte ihnen sehr geholfen, daß sie die Wachen belauscht hatten, denn diese hatten ihnen einiges verraten, und vermutlich hätten sie ohne ihre Hinweise niemals den Weg zum Verlies gefunden.
Liliane hätte keine Worte gefunden, ihre Aufregung auszudrücken. Sie kannte in diesem Moment keine Angst und keine Erschöpfung mehr, sie dachte einzig daran, Frodo zu finden. Das Bild, das sich ihr in der großen Halle geboten hatte, ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.
Wie würde sie Frodo vorfinden?
Bergil hatte es nicht mehr gewagt, sein Schwert wegzustecken. Ebenso hatte Sam noch immer die Hand am Griff seines Schwertes, denn sie mußten damit rechnen, daß sich ihnen noch immer Feinde entgegenstellten. In dieser einsamen Tiefe jedoch waren sie ganz allein.
Der Gang machte eine Windung, welche die drei mit ihrer winzigen Fackel erst spät bemerkt hatten. Sie verlangsamten ihren Lauf, überrascht, sich plötzlich einigen Türen gegenüber zu sehen.
„Was bei Eru...“ murmelte Sam, während Bergil noch einige Schritte nach vorn machte und plötzlich im Augenwinkel den schwachen Fackelschein wahrnahm, der das Innere einer Zelle erhellte. Er blickte auf die Schlüssel in seiner Hand. Ohne weiter zu zögern, baute er sich vor der Tür auf und begann, einen Schlüssel nach dem anderen ins Schloß zu stecken und damit zu versuchen, die verriegelte Tür zu öffnen.
Liliane spürte, wie ihr Puls sich schlagartig rapide beschleunigte. Nervös trat sie von einem Bein aufs andere, bis Bergil endlich die Tür geöffnet hatte. Tatsächlich schwang sie endlich auf.
Fast zögernd standen die drei noch in der Tür, bis sie glaubten, daß ihnen gegenüber tatsächlich Aragorn an der Wand saß, festgekettet und unfähig, sich zu befreien - und keine fünf Fuß von ihm entfernt lag Frodo apathisch in einer Ecke, ohne die drei wahrzunehmen, geschweige denn sie zu beachten.
Aragorn war mehr als überrascht, er sprang auf, sofern die Ketten das zuließen, er blickte die drei ungläubig an, die der Reihe nach eintraten. Bergil eilte auf seinen König zu, langsamer jedoch folgten Liliane und Sam.
Unablässig sah sie zu Frodo. Sein Zustand fiel ihr auf und entsetzte sie zutiefst, aber sie achtete nur auf seine Reaktion, denn langsam fixierte er sie, erhob sich langsam und streckte die Arme nach ihr aus.
Ohne weiter zu zögern kniete sie sich vor ihn und preßte ihn zitternd an sich. Sam blieb tief bewegt neben ihr stehen und blickte immer wieder sichernd zur Tür.
Frodo war außer sich. Liliane hatte ihn noch niemals so erlebt, Sam jedoch, der langsam die Tür schloß, schloß entsetzt die Augen, als er Frodo so vorfand. Es war genau wie damals.
Liliane sprach beruhigend auf ihn ein, gab ihm Halt und Sicherheit, wich nicht mehr von seiner Seite und gab ihm die Nähe, nach der er sich die ganze Zeit über so sehr gesehnt hatte. Ein Bild tauchte in ihrem Kopf auf, welches sich vor Jahren ereignet hatte, doch damals war Frodo es gewesen, der zu ihr gekommen und sie beruhigend umarmt hatte.
Diesmal war sie es, die ihn retten mußte.
Von Schluchzern geschüttelt lehnte er sich schwer an sie, aber sie ließ ihn nicht mehr los, sondern spürte, daß noch Leben in ihm war, was sie mehr als erleichterte. Sie hatte sich so sehr um ihn gesorgt.
Sie strich ihm fast zärtlich über den Kopf und küßte ihn auf die Wange. Schließlich löste er sich selbst ein wenig aus ihrer Umarmung und sah sie aus tränennassen Augen an, in die langsam etwas Leben zurückkehrte, allein durch ihre Anwesenheit bewirkt.
Vorsichtig legte Liliane ihre Hand auf seine verletzte Gesichtshälfte. Ihre Wärme zu spüren linderte seinen Schmerz schlagartig, er glaubte, es sofort spüren zu können, legte sogar zur Bekräftigung seine eigene Hand auf ihre.
„Daß ich dich wiedersehen darf...“ flüsterte Frodo mit bebender Stimme. Liliane schluckte schwer. Ihr Blick schweifte ab zu seinem blutunterlaufenen Handgelenk, die Rötung war inzwischen zurückgegangen, doch der Bluterguß hatte sich blau verfärbt. Es sah entsetzlich aus.
Langsam griff sie nach seiner anderen Hand und selbst als sie zu seinen Füßen hinabschaute, mußte sie sehen, was man ihm angetan hatte.
Ohnmächtige, rasende Wut wuchs mit einem Schlag in ihr, es fühlte sich an wie eine unerträgliche Spannung, die sich zu entladen suchte. Ihre Hand begann zu zittern, denn sie wollte einfach nicht verstehen, wie man ihm das hatte antun können. Sie bemerkte seine ausgekugelte Schulter im nächsten Moment ebenfalls, was ihre Gesichtszüge verhärten ließ.
Frodos fast glücklicher Gesichtsausdruck verlor seine Leichtigkeit, als er das sah.
„Was ist los, Liliane?“ fragte er vorsichtig. Liliane holte tief Luft, bevor sie antwortete.
„Wer dir das angetan hat, wird mich kennenlernen! Dieses abscheuliche Monster!“ entfuhr es ihr unwillkürlich. Ihre Lippen begannen vor Zorn zu zittern, doch dann ließ sie die Wut mit einem Male hinter sich und drückte Frodo erneut an sich.
„Nichts wird dir mehr zustoßen, das verspreche ich!“ murmelte sie fast verbittert.
Es war spürbar, wie Frodo aus seiner Lethargie aufwachte. Sam und Liliane sahen einander vielsagend an, bis Sam flüsterte: „Er hat dich nie so gebraucht wie jetzt.“
Liliane nickte stumm, senkte derweil den Blick und wich Sams aus, denn diesen wollte sie nicht erwidern.
Ebenso schauten auch Bergil und Aragorn zu den drei Hobbits. Bergil war vor seinem König niedergekniet und ohne ein weiteres Wort verloren zu haben, hatte er begonnen, die Schlüssel auch an den Ketten Aragorns zu versuchen.
„Ich hätte nicht geglaubt, daß ihr dazu fähig seid“, gab Aragorn ganz offen zu. Es war das erste, was er in diesem Moment überhaupt sagte, und es ließ Bergil überrascht aufblicken.
„Wir hatten es ebenfalls bezweifelt, Herr Aragorn. Wir mußten über Durins Turm eindringen, wir hatten keine andere Wahl.“
Mehr wollte Bergil in diesem Moment darüber nicht sagen, doch er bemerkte das schiere Staunen im Gesicht seines Königs. Mit großen, von Überraschung zeugenden Augen suchte Aragorn nach Bergils Blick, doch der junge Mann konzentrierte sich auf die Schlüssel, um die Handschellen zu öffnen.
„Sind Legolas und Gimli auf dem Weg?“
Bergil nickte auf die Frage Aragorns, woraufhin dieser erleichtert aufatmete.
„Und Ihr habt gesprochen, sehe ich das richtig?“ wagte Bergil fast verschüchtert, zu fragen.
„Ich mußte. Was geschehen ist, siehst du“, antwortete Aragorn, indem er auf Frodo deutete.
In diesem Moment klackte es im Schloß und die Eisenmanschetten sprangen auf. Mit einem erfreuten Lächeln befreite Aragorn sich endlich von den Ketten und konnte aufstehen.
Die beiden Männer sahen sich betroffen an. Sie begannen, sich ein wenig im Flüsterton zu unterhalten über verschiedene, nicht unbeding bedeutsame Dinge. Ebenso wie Sam, der neben Frodo und Liliane kniete, sahen sie immer wieder voller Sorge zu den beiden. Frodo beruhigte sich langsam in Lilianes Armen, doch er ließ sie nicht los, hielt den Kopf an ihrer Schulter vergraben, was sie seine Tränen spüren ließ.
„Und ein Problem habe ich seit dem Verhör mit ihm. Er läßt mich seine Schulter nicht einrenken.“
Daraufhin musterte Bergil Frodo etwas genauer, was ihn erkennen ließ, daß die Schulter des Hobbits noch immer verletzt war. Noch hatte er das gar nicht bemerkt.
„Was tun wir?“
„Wir müssen es jetzt tun, auch gegen seinen Willen. Falsches Mitleid ist diesmal nicht angebracht“, erklärte Aragorn fast hart, aber Bergil wußte, daß er es nicht so meinte.
Verstehend nickte er.
„Bringen wir es hinter uns“, sagte Aragorn schließlich und stand auf, legte sanft seine Hand auf Frodos Schulter, dann fügte er hinzu: „Hab keine Angst, es wird wehtun, wie du weißt, aber es muß sein.“
In diesem Moment zuckte Frodo fast panisch zusammen und starrte zu Aragorn hoch, doch Liliane, die seine ausgekugelte Schulter bereits bemerkt hatte, hielt ihn mit aller Kraft fest, damit er nicht davonlief.
„Frodo, sei vernünftig“, begann sie, „Aragorn hat Recht. Nun komm schon, gleich ist es vorbei, du wirst sehen.“
Gehetzt starrte Frodo sie an. Sam und Bergil tauschten betroffene Blicke, aber für Mitleid blieb tatsächlich keine Zeit.
Beschwörend sah Liliane ihn an. Frodo konnte ihrem Blick kaum ausweichen, doch dann stand er zögerlich und mit zitternden Knien auf. Liliane verzog angesichts Aragorns entschlossenen Gesichtsausdrucks das Gesicht, drückte Frodo noch einmal fest an sich und ließ ihn dann los, nahm dann jedoch seine rechte Hand und versprach ihm, nun nicht zu gehen.
Frodo sah auf zu Aragorn. Er wußte, es mußte sein, aber er fürchtete den Schmerz. Einzig Lilianes gutes Zureden konnte ihn dazu bewegen, nicht die Flucht zu ergreifen, doch diesmal gab es ohnehin kein Entrinnen, denn die Tür war verschlossen und niemand war angekettet.
„Leg dich auf den Boden“, bat Aragorn ihn freundlich mit einem ermutigenden Blick. Frodo schloß die Augen, doch dann tat er, wie ihm geheißen - für einen Moment. Er lag noch nicht, als er aufsprang und sich in blinder Panik von Liliane losriß, um zur Tür zu stolpern. Er war nicht wirklich schnell und sehr zu seinem Entsetzen stellte Sam sich in seinen Weg, also hastete er in eine Ecke, doch fühlte sich dort wie ein in die Enge gedrängtes Kaninchen.
Mit geweiteten Augen starrte er zu seinen Freunden, die ihm in diesem Moment wie Feinde erschienen, und nur Liliane ließ er nah an sich herankommen. Sie wußte, daß sie die einzige war, die sich ihm nun nähern durfte, und sie tat es vorsichtig.
„Frodo, nun komm schon. Niemand will dir etwas böses!“
„Bitte tut das nicht...“ schrie Frodo flehentlich zurück, er preßte sich hilflos an die Wand, er hatte eine solche unbeschreibliche Angst vor dem Schmerz.
Liliane wandte sich um zu Aragorn und Bergil. Die beiden verstanden, was sie stumm sagen wollte, traten vor und packten Frodo, da ihnen nichts anderes mehr übrig blieb.
Schreiend und sich wie wild gebärdend versuchte Frodo, sich ihren Griffen zu entwinden, doch dies gelang ihm nicht. Auf Aragorns Geheiß drückte Bergil den Hobbit zu Boden, legte seine Arme auf Frodos Brust und verhinderte so mit aller Gewalt, daß Frodo sich noch bewegen konnte.
Liliane kniete sich neben ihm und legte ihm eine Hand auf die Stirn, mit der anderen nahm sie seine Rechte und drückte sie fest, während sie beruhigend auf ihn einsprach. Wie erstarrt sah Sam zu, als Aragorn Frodos linken Arm ergriff, ihn erst langsam hochziehend. Bergil hielt Frodo, der inzwischen verstummt war und die Augen geschlossen hielt, eisern zu Boden gedrückt, und dann ging es sehr schnell. Ruckartig zog Aragorn an Frodos Arm, genau in die Richtung, die seine Schulter zurück ins Gelenk springen ließ. Ein lauter, schmerzerfüllter Aufschrei entfuhr Frodo in diesem Moment, aber es war überstanden. Er blinzelte vorsichtig und sah empor zu Aragorn, der ihn mit einem warmen Lächeln bedachte und ihm langsam aufhalf.
„Siehst du, nun ist es vorüber“, sagte er mit sanfter Stimme, was Frodo widerspenstig nicken ließ. Noch hämmerte und pochte es schmerzhaft in seiner Schulter, doch auch das würde vorübergehen.
Keuchend stand er seinen Freunden gegenüber. Langsam kehrten die Lebensgeister in ihn zurück.
„Laßt uns keine Zeit verlieren“, sagte Aragorn dann, „wir sollten hier schnellstens verschwinden, oder nicht?“
Bergil nickte zustimmend. „Wir haben den Wächter mit den Schlüsseln umbringen müssen, um daran zu kommen - es wird auffallen. Wir haben kaum Zeit, alles andere klären wir, wenn wir in Sicherheit sind!“
Die drei Hobbits hatten in diesem Moment wenig dazu zu sagen. Liliane wischte in einer liebevollen Bewegung Frodo die Tränen von den Wangen, der vorsichtig seine Schulter zu bewegen versuchte, erleichtert, daß Aragorn sie endlich eingerenkt hatte. Er hatte es hinter sich.
Die fünf wandten sich zum Gehen, doch gerade in diesem Moment hörten sie sich nähernde Stimmen und Schritte auf dem Gang. Wie ein kalter Schlag traf es sie, sie verharrten in ihrer Bewegung und Bergil zog noch Anduril aus der Scheide, um Aragorn sein Schwert zurückzugeben, aber dieser hatte es kaum in Empfang genommen, als ein halbes Dutzend Männer ihnen nicht unbedingt überrascht gegenüberstand.
„Die Geister haben also Gestalt!“ bemerkte einer giftig, als er Bergil, Liliane und Sam erblickte. Da Frodo und Liliane noch immer unbewaffnet waren, bauten ihre drei Freunde mit Schwertern sich noch vor ihnen auf und versuchten, ihren Feinden gegenüberzutreten, doch damit hatten sie fast keinen Erfolg. Die Männer waren in der Überzahl und hatten als festes Ziel, die Gefangenen nicht entkommen zu lassen. Sie hatten Sam nahezu im Handumdrehen entwaffnet, Bergil in die Enge getrieben, einzig Aragorn war ein noch ernstzunehmender Gegner - aber nur, bis er einsah, daß er verloren hatte.
Kurzerhand wurden die fünf gepackt und in den finsteren Gang gezerrt. Liliane wehrte sich schreiend aus Leibeskräften, Sam versuchte, nach seinem Gegenüber zu treten, aber es war hoffnungslos. Sie hatten ihnen nichts mehr entgegenzusetzen.
„Wollen doch mal sehen, was die Herrin zu den frechen Spionen zu sagen hat!“ verkündete einer der Männer siegessicher, was Aragorn zu einem bösen Blick hinriß und Liliane empört ausrufen ließ: „Sie hat ihr Vergnügen gehabt, auch sie wird noch für das bezahlen müssen, was sie getan hat!“
Nicht mehr als hämisches Gelächter war die Antwort, was Liliane jedoch kaum beeindruckte. Sie tauschte Blicke aus mit Frodo, dessen Gesichtsausdruck ihr nicht sonderlich behagte, aber sie schwor sich, Thuringwethil gegenüber keine Furcht zu zeigen.
Wiederholt versuchten sie, sich loszureißen, um die Flucht zu ergreifen, doch es war hoffnungslos. Man hatte ihnen die Waffen genommen, nahm ihnen jede Möglichkeit zur Gegenwehr und stieß sie unerbittlich voran, der großen Halle entgegen, aus der die drei Befreier gekommen waren, dem Ort, wo man nicht nur Frodo gebrochen hatte.
Bergil fragte sich, was sie wohl erwartete, er wandte sich um zu Aragorn und Frodo und versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen, denn die beiden kannten Thuringwethil bereits. Ihm fiel auf, daß Sam außer gut sichtbarem Unwillen kaum Regungen der Angst oder ähnlichem zu zeigen schien, ganz im Gegensatz jedoch zu allen anderen.
Der kleine Gärtner und sein tapferes Herz wurden nicht schnell von etwas erschüttert, das wußte Bergil bereits, Sam sorgte sich weniger um sich selbst als um seine Freunde und sein Gesichtsausdruck verriet, daß er am liebsten ihre Gegner erschlagen hätte, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre.
Frodo blickte voller Panik in den Augen zu Liliane, die äußerlich recht unbeeindruckt und höchstens widerspenstig schien. Sie ließ sich nicht ohne weiteres ans Ziel bringen, spürte Bergils Blick derweil auch nicht auf sich, jedoch bemerkte sie, wie Aragorn sie ansah.
Sein Ausdruck erschütterte sie bis ins Mark. Während sie wiederholt versuchte, die klammernden Arme loszuwerden, schaute er sie nahezu beschwörend an, er flehte stumm, daß sie sich nicht so sehr wehren möge, und das aus einem guten Grund.
Er hatte einmal gesehen, wie schnell Thuringwethil gegen Widerstand vorzugehen wußte, und Lilianes augenblickliches Verhalten würde schwere Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sie sich nicht zurückhielt. Irgendwie versuchte er, ihr dies mitzuteilen, er sah sie bittend an, fast ängstlich, doch sie konnte in ihrer Verwirrung nicht deuten, was er ihr damit sagen wollte.
Sie mußte nur zu Frodo schauen und wußte, was sie zu tun hatte. Natürlich war es klüger, die Dämonin nicht zu provozieren, aber Lilianes Vernunft kam nicht an gegen ihre tobende Wut bezüglich des Leides, welches Frodo hatte ertragen müssen.
Wer auch immer Thuringwethil war, sie sollte wissen, daß es noch jemanden gab, der nicht ohne weiteres ihre Taten hinnahm.
In extrem kurzer Zeit, so erschien es ihnen allen, hatten sie die Halle erreicht. Lauthals wurden weitere Wächter alarmiert, die hinzukamen und die Gefangenen mit gezogenen Schwertern in Schach hielten, denn derweil eilte jemand fort, um Thuringwethil über die Vorgänge in Kenntnis zu setzen.
Man ließ sie los. Die fünf sammelten sich in einer Ecke, Bergil baute sich zuvorderst in einer schützenden Geste auf, während Liliane und Sam sich um Frodo kümmerten, der in ohnmächtiges Schweigen verfallen war und am ganzen Leib bebte.
Aragorn konnte nicht umhin, die Hobbits anzusehen. Flehend blickte er zu Liliane, die Frodo in ihre Umarmung zog und fragend seinen Blick erwiderte, denn er verwirrte sie noch immer.
„Liliane, du solltest dich nicht mit ihr anlegen, ganz egal wie wütend du bist - sie läßt keinerlei Gegenwehr gelten! Du würdest es bereuen!“ flüsterte Aragorn leise. Lilianes Augen wurden groß.
„Ach wirklich?“ ereiferte sie sich zornig. „Daß sie dich eingeschüchtert hat, weiß ich! Aber du hättest ihm diese Qual ersparen können und das weißt du auch, denn wir hatten vorgesorgt! Wenn du es schon nicht für nötig hältst, ihr um Frodo willen die Stirn zu zeigen, werde ich das tun!“
Ungläubig wandte Sam den Kopf zu ihr. Bergil hatte ihre Worte nicht gehört und Frodo reagierte nicht darauf, doch Sam konnte nicht glauben, was sie sagte.
„Aragorn hat das doch auch nicht gewollt!“ erwiderte er, weil Aragorn in Unglauben verstummt war und Lilianes Blick nur stur erwiderte.
„Aber zugelassen hat er es und irgendjemand muß sie dafür zur Rechenschaft ziehen!“ gab Liliane bissig zurück und küßte Frodo auf die Stirn, der bald vor Todesangst nicht mehr ein noch aus wußte.
In bitterem Schweigen starrte Aragorn Liliane an, die in keinster Weise auch nur daran dachte, sich für ihre wütenden Worte zu entschuldigen.
Mit dünner Stimme sagte plötzlich Frodo, daß nur Liliane es hören konnte: „Tu nichts, sie würde dich umbringen...“
„Unsinn, das tut sie nicht, aber ich werde mich von ihr nicht einschüchtern lassen!“ erwiderte Liliane unbeeindruckt.
Allerdings gefror ihr entschlossener Gesichtsausdruck im nächsten Moment, als sie herumfuhr, weil sie ein seltsames Rauschen und dumpfes Klopfen gehört hatte. Voller Entsetzen weiteten sich ihre Augen, als sie Thuringwethil in die Halle treten sah, in riesenhafter und furchteinflößender finsterer Gestalt, und Sam griff nach ihrem Arm, denn auch er hätte sofort zugegeben, daß sie ihm gewaltig Angst einjagte allein durch ihre Erscheinung.
Bergil wich unwillkürlich zurück. Er hatte sich einiges vorgestellt, doch dies übertraf seine schlimmsten Befürchtungen bei weitem.
Ihre dunkle, gefährlich ruhig klingende Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken, als Thuringwethil zu sprechen begann, kaum daß sie sich den Gefangenen zugewandt hatte.
„Ich hatte nicht geglaubt, dafür Sorge tragen zu müssen, Elessars Freunden ihre Frechheit auszutreiben, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Drei weitere Hüter sehe ich, stimmt es nicht? Allen voran der treulose Leibwächter Elessars!“
Bergil spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Voller Abscheu starrte er unbewegt zurück, wagte es jedoch nicht, etwas zu erwidern. Er fragte sich, während er merkte, wie Angst in ihm aufkeimte, auf welche Weise sie ihn hatte identifizieren können.
„Und auch der Ringträger hat nun Gesellschaft. Sind es nicht sein treuer Gefolgsmann Samweis und seine Frau? Ich habe euch wahrhaft unterschätzt, und ich frage mich, wie ihr einen Weg in diese Minen hinein gefunden habt!“
Ihre giftgrünen Augen blitzten gefährlich, denn sie hatte eine Frage gestellt, die keiner der drei Angesprochenen zu beantworten wagte.
„Was soll ich nun mit euch anfangen? Keiner von euch ist zu etwas nütze, nehme ich an, warum sollte ich euch überhaupt am Leben lassen?“
„Scheusal!“ entfuhr es Bergil daraufhin, und auch wenn er nur leise gesprochen hatte, so hörte Thuringwethil es doch. Sie achtete in diesem Moment jedoch nicht auf ihn, sondern auf Liliane, die sich schützend vor Frodo stellte.
Thuringwethil war überrascht. Keiner der vier anderen zeigte einen derart tollkühnen Mut wie Liliane, die nur tief Luft holte, weiter aber keine Reaktion zeigte. Ihr Gesicht verriet mehr Entschlossenheit denn Angst, womit Thuringwethil nicht gerechnet hatte. Frodo hatte sie in Panik erlebt, auch Sam zeigte trotz seines hobbittypischen Mutes keinerlei Gegenwehr, aber Liliane signalisierte offen, daß sie Thuringwethil nicht fürchtete.
Insgeheim tat sie es natürlich wie die anderen auch, denn ihre Größe und ihre Bösartigkeit ließen sie erschaudern, aber es war ihr gleichgültig. Frodos Leid beschäftigte sie mehr als ihre eigene Angst.
„Sprecht aus, wonach es Euch verlangt, Liliane Beutlin, meine Neugier ist geweckt!“ forderte die Dämonin Liliane in einem beunruhigend schmeichelnden Ton auf. Thuringwethil konnte nicht begreifen, wie ein so kleiner Halbling nicht in Furcht erstarrte.
„Was soll ich zu sagen haben? Wen überrascht es wohl, zu erfahren, daß ich Frodos Peiniger nichts weiter als Haß entgegenbringen kann?“
„Nein!“ rief Aragorn aus, der fast gehofft hatte, Liliane würde vernünftig sein, aber nun war es zu spät. Die Dämonin machte einen großen Schritt auf die Gefangenen zu, was ihre Gefolgsmänner zurückweichen ließ, denn mit ausgebreiteten Schwingen trieb Thuringwethil allein die Gefangenen unerbittlich in die Enge.
Zur Überraschung aller trat Aragorn vor und stellte sich vor Liliane, die sich noch immer nicht ängstlich zeigte, denn an ihm nagte das schlechte Gewissen ob ihrer nicht ganz unwahren Worte, wie er dachte. Welche Vorwürfe würde er sich zu machen haben, wenn er zuließ, daß man auch Frodos Frau so verletzte wie Frodo selbst?
Ein unbewegtes Lachen war die Antwort auf Lilianes giftige Worte. Liliane glaubte fast, dies müsse sie zur Weißglut treiben, auch Aragorns Handeln ärgerte sie sehr. Ohne länger zu überlegen, ließ sie Frodo los und löste sich auch von Sam, dann trat sie entschlossen mit vor der Brust verschränkten Armen vor Aragorn, der nicht mehr wußte, was er noch tun sollte.
„Liliane...“ sagte Frodo fast flehentlich, als er mit Entsetzen feststellte, welche Dummheit seine Frau begehen würde. Liliane hörte es zwar, doch sie blickte nicht einmal zurück, wollte auch auf ihn nicht hören.
Die kleine Hobbitfrau stand fast furchtlos der soviel größeren Vampirbotin gegenüber, die erst nicht wußte, wie sie reagieren sollte.
„In der Tat unterschätzte ich die Freunde derer, die ihre Schwächen nicht verstecken konnten. Ungleich wahnsinniger sind die, welche glauben, sie könnten sich mir noch entgegenstellen!“
Liliane holte tief Luft. Nach diesen Worten wurde ihr die Bedrohlichkeit der Situation erstmals bewußt, doch es kümmerte sie nicht.
„Wahnsinnig vielleicht, aber gewiß nicht feige! Und welches Recht erlaubt sich jemand, grundlos jemanden bis aufs Blut zu quälen? Den Tod habt Ihr dafür verdient!“ schrie sie Thuringwethil wutentbrannt entgegen. Jetzt hatte sie nichts mehr zu verlieren.
„Du elender Halbling wagst es?“ zischte Thuringwethil scharf. „Was willst du gegen mich tun? Mich etwa töten? Wage es, mich anzugreifen und ich werde ihn bis in den Tod foltern, bevor du selbst an der Reihe bist!“
Tränen brannten in Lilianes Augen. Sie wußte nicht mehr, was sie tat, als sie blitzschnell in ihre Tasche griff, von plötzlicher Angst erfaßt, zu nichts weiter als zu ihrer Verteidigung Thuringwethil den Dolch mit der Hand entgegenhielt und tonlos flüsterte: „Nichts abscheulicheres hat je unter der Sonne gelebt...“
Sie machte einen Schritt zurück. Thuringwethil rührte sich nicht, zeigte keine Reaktion, doch Liliane ertrug es nicht, wie sie Frodos Leid verhöhnt hatte.
„Und ihr werdet noch für Frodos Qualen bezahlen“, fügte sie dann etwas lauter hinzu, wollte sich schon umdrehen und zu den anderen zurückgehen, steckte den Dolch bereits in die Tasche - aber sie hatte diesmal Thuringwethils stillen Zorn unterschätzt, der sich nur überraschend zeigte.
Die anderen hatten atemlos beobachtet, was Liliane tat, waren bis auf Aragorn zurückgewichen und Sam nahm mit Bestürzung zur Kenntnis, wie Frodo seinen Kopf an der Schulter seines treuen Freundes verbarg, von Angst ergriffen, doch als sie es kommen sahen, war es auch schon zu spät.
Liliane hielt den Kopf gesenkt, hatte gesagt, was sie sagen wollte und gab auf, aber Thuringwethil ließ das nicht mehr gelten. Rasend schnell, so daß die Gefangenen es nur noch sehen konnten, holte sie mit einer ihrer riesenhaften Schwingen aus, stieß einen schrillen Schrei aus und schlug Liliane mit ihrem Flügel derart hart in den Rücken, daß sie, die damit nicht im entferntesten gerechnet hatte, mit enormer Kraft gegen die noch einige Fuß weit entfernte Wand geschleudert wurde. Sie prallte ungebremst gegen den Stein und ging ohnmächtig zu Boden, nachdem alle Luft aus ihren Lungen gewichen war.
Aragorn schrie entsetzt auf und Sam schloß erschrocken die Augen, während Frodo und Bergil sich überhaupt nicht rührten. Frodo hatte nicht einmal gesehen, was geschehen war, aber er hatte es gehört und fürchtete das schlimmste.
„Wer möchte mir noch etwas mitteilen?“ fragte Thuringwethil gehässig, sie verschwendete nicht einmal mehr einen Blick auf Liliane, die reglos auf dem Boden lag.
Keiner rührte sich. Fassungslos starrte Aragorn die Dämonin an, die seinen Blick fast neugierig erwiderte, bevor sie sagte: „Ich brauche Euch noch, Elessar. Über Eure Freunde werde ich dieses letzte Mal Gnade walten lassen, doch sollte mir einer von euch in irgendeiner Form störend auffallen, ist er des Todes!“
Zu ihren Dienern gewandt erteilte sie den Befehl, die Gefangenen in den Kerker zurückzuschaffen, womit sie sich wegdrehte und flink aus der Halle verschwand, schattengleich und gespenstisch.
Die Gefangenen rührten sich nicht. Sam spürte, wie seine Lippen bebten, er sah unablässig zu Liliane hinüber, die wie tot dalag. Aragorn kümmerte sich um nichts mehr, sobald Thuringwethil verschwunden war, er hastete zu Frodos Frau hinüber und drehte sie äußerst vorsichtig auf den Rücken, bevor er endlich seine Hand über ihre Nase halten konnte.
Er war sich nicht einmal sicher, ob er noch einen Atemzug spürte. Ungeachtet dessen kniete er neben ihr nieder und hob sie sanft auf seine Arme, stumm beobachtet von Bergil und Sam, der Frodo beruhigend im Arm hielt.
Ohne weitere Gegenwehr ließen sie sich stillschweigend abführen.
Totenstill war es, wenn man vom Geräusch der Schritte und Frodos leisem Schluchzen absah. Der Hobbit hatte einzig mitangehört, worum es in der Konfrontation Lilianes mit der Dämonin gegangen war, er hatte die wagemutigen Worte seiner Frau gehört und dann, wie Thuringwethil gewaltsam zugeschlagen hatte, was seine Freunde zutiefst entsetzt hatte.
Mehr mußte er nicht wissen. Sam lief mit ihm voran, Aragorn folgte erst mit Liliane, die er nicht anzusehen wagte.
Düster starrte Frodo auf den Boden. Er spürte noch, wie feuchte Tränen über seine Wangen strömten, er weinte voller Erschütterung, doch sonst war alles in ihm leer. Das Schweigen seiner Freunde sprach für ihn eine eigene Sprache.
Schließlich erreichten sie den Kerker. Ohne Umschweife sperrten die Männer die fünf Gefangenen wieder dort ein, wo Frodo und Aragorn zuvor ihr Dasein gefristet hatten.
Donnernd fiel die Tür ins Schloß. Die Schritte entfernten sich bald, dann war alles wieder still.
Aragorn hatte Liliane fast liebevoll vor sich auf den Boden gebettet, legte vorsichtig seine Hand auf ihre Brust und schloß voller Erleichterung die Augen, als er zumindest einen Herzschlag spürte. Dann stellte er endlich fest, daß sie auch noch atmete.
Also war sie nicht tot.
Im Dämmerlicht der Fackel erschrak er fast, als er plötzlich einen dunklen Blutfaden in ihrem Mundwinkel entdeckte. Im nächsten Moment mußte er feststellen, daß sie auch Nasenbluten hatte, was ihn fast panisch werden ließ, denn das war kein gutes Zeichen.
Bevor er irgendetwas anderes tat, wandte er sich zu Frodo und Sam, die beide fast apathisch hinter ihm standen.
„Sie lebt“, sagte Aragorn mit bedrückter Stimme. Sam nickte stumm und nahm Frodos Hand, der nur langsam den Kopf hob und erst auf Aragorns Worte hin das Wagnis unternahm, Liliane anzusehen.
Er stellte sich langsam neben Aragorn und kniete neben ihr nieder, doch als auch er die Blutspuren in ihrem Gesicht entdeckte, gefror sein Herz vor Angst um seine Frau.
Zögerlich nahm Frodo ihre Hand. Sie war eiskalt.
„Liliane, wach auf“, flüsterte er. Sie rührte sich nicht. Ratlos kniete Aragorn noch immer vor ihr und fragte sich, was geschehen war. Die Blutungen bereiteten ihm Sorgen, denn das Nasenbluten hätte er durch den Aufprall erklären können - aber daß ihr das Blut sogar über die Lippen lief, wußte er sich nicht zu erklären.
Er hob die Hand und öffnete vorsichtig eines ihrer Augen. Fast wäre seine Hand zurückgezuckt und er war dankbar, daß Frodo es nicht gesehen hatte - selbst ihre Augen schienen rot, waren extrem blutunterlaufen, es war angsteinflößend.
Abseits in einer Ecke kauerte Bergil, der den Kopf auf die Knie gestützt hatte. Schweigend beobachtete er, was Frodo und Aragorn taten, genau wie Sam, der still weinend hinter ihnen stand.
„Was hat sie nur getan...“ murmelte Aragorn verzweifelt.
Was sollte noch geschehen?
Plötzlich schien Frodo wie aus einer Ohnmacht aufzuwachen. Ungeachtet ihres Zustandes zog er Liliane langsam in seine Arme, lehnte sich rücklings an die Zellenwand und wiegte seine Frau fast zärtlich in den Armen. Sam gesellte sich zu ihm, aber Aragorn blieb ihm gegenüber sitzen.
„Sie ist manchmal dumm“, erwiderte Frodo wie auf Aragorns Frage. Er strich Liliane eine Strähne aus dem Gesicht und tupfte mit seinem Hemdärmel das Blut fort aus ihrem Gesicht, so gut es ging.
Sie lag da wie tot. Aragorn überlegte fieberhaft, was sie sich getan haben konnte, aber solange sie nicht bei sich war, vermochte er darüber kein Urteil abzugeben.
„Und das wegen mir...“ brachte Frodo stockend hervor, bevor er das Gesicht hinter einer Hand verbarg und wiederum leise schluchzte, doch diesmal deshalb, weil er fürchtete, daß Liliane etwas schlimmes zugestoßen war.
„Wach doch auf, Liliane... ich liebe dich, komm wieder zurück“, flüsterte er unter Tränen, doch sie rührte sich nicht.
Weinend wiegte er sie in den Armen. Erst jetzt wurde er vollständig aus seiner Lethargie gerissen, denn sein eigener Schmerz war plötzlich vergessen. Nicht er selbst war jetzt wichtig, er mußte sich jetzt um Liliane kümmern.
Sam warf ihm einen ermutigenden Blick zu, wenn auch halbherzig. Alle Blicke waren auf Frodo und Liliane gerichtet, denn nichts anderes beschäftigte sie in diesem Moment.
Obwohl Frodo nicht, wie die anderen, gesehen hatte was geschehen war, so hatte er doch einen richtigen Verdacht, der seine Angst nur schürte. Er flehte in Gedanken darum, daß Liliane wieder zu sich kommen möge, doch es verstrich viel trostlose Zeit.
Niemand wußte, worüber zu sprechen es sich lohnen sollte. Bergil versank in düsteren Gedanken, er sah noch immer Thuringwethil vor sich und spürte großes Verständnis für Aragorns Schwäche. Sam blickte betroffen auf den unglücklichen König, der sich lange nicht rührte.
Er lastete es sich an. Er trug doch immer eine große Verantwortung, doch die für seine Freunde entglitt ihm viel zu oft. Er mußte nur hinübersehen zur Frodo und Liliane und bezweifelte, daß Liliane nichts schlimmes passiert war.
Wenn sie überhaupt wieder aufwachte. Thuringwethil hatte keine Gnade gezeigt, sie hatte derart fest zugeschlagen, daß es Liliane sofort hätte umbringen können.
Vielleicht würde sie für immer...
Er schob den Gedanken beiseite. Es wäre Frodos Tod, wenn er sie nun verlor.
Und er hatte nicht aufgepaßt.
Sie rechneten mit nichts, als Liliane plötzlich leise aufstöhnte und mühsam die Augen aufschlug, doch sie selbst merkte sofort, daß sie nicht scharf und fast nicht farbig sehen konnte.
Frodo zuckte fast zusammen, als er ihre stark blutunterlaufenen Augen sehen mußte. Liliane biß die Zähne zusammen und wollte sich bewegen, doch dann schrie sie schmerzerfüllt auf.
Aragorn hob den Kopf. Er war ganz in Gedanken versunken gewesen, aber daß sich endlich etwas tat, riß ihn aus seinen trübsinnigen Grübeleien.
„Was ist los, Liliane?“ fragte Frodo sofort, als sie sich schwer in seine Arme hatte zurücksinken lassen.
Wie durch dichten Nebel nahm sie seine Stimme wahr. Liliane sah sein Gesicht über sich, verschwommen, aber eindeutig. Jetzt, wo sie das Bewußtsein zurückerlangt hatte, stellte sie sofort fest, daß etwas nicht in Ordnung war.
Ein jeder Atemzug schmerzte unsäglich. Sie biß die Zähne fest zusammen und versuchte erneut, Luft zu holen, aber ihre Rippen fühlten sich an wie eingedrückt, gequetscht, ließen sie kaum atmen.
„Es... es tut weh...“ flüsterte sie und hustete, was ihr Tränen in die Augen trieb. Ihr Herz pochte schmerzhaft und mit einem Mal keimte Todesangst in ihr auf.
„Ich... ich ersticke...“ sagte sie mit zitternder Stimme und hob zitternd die Hand, um sie auf ihre Brust zu legen, was Frodo mit großen Augen beobachtete.
„Was meinst du damit?“ fragte er. In diesem Augenblick kam Aragorn hinzu.
„Wie fühlt es sich an, Liliane?“ fragte er ganz ruhig, legte seine warme Hand auf ihre Stirn und beruhigte sie damit ein wenig.
„Es... meine Rippen... es fühlt sich so an, als wären sie... zerquetscht...“ brachte Liliane mühsam hervor. Jeder Atemzug strengte sie an, bald fürchtete sie, nicht genügend Luft in ihre Lungen zu bekommen.
Aragorn seufzte leise.
„Das habe ich befürchtet. Der Aufprall an der Wand war äußerst hart, aber ich denke, das gibt sich wieder. Spürst du sonst noch etwas?“ fragte er dann.
Liliane sagte, daß sie nicht richtig hören und sehen konnte, ihre Stimme bebte beim Sprechen sehr, aber das war nicht so schlimm, befand Aragorn.
Weil sie in unbequemer Schräglage an Frodo lehnte, wollte sie sich aufrichten und ihre Position verändern, doch plötzlich bemerkte sie, daß ihre Beine ihr nicht gehorchen wollten. Ganz bewußte versuchte sie dann erneut, sie zu bewegen, doch es gelang ihr nicht.
Sie konnte die Arme noch bewegen, aber die Beine blieben starr.
„Was...“ murmelte sie erschrocken. Die anderen sahen sie aufgeschreckt an.
„Liliane?“ fragte Aragorn skeptisch.
„I-ich... ich kann meine Beine... nicht bewegen... ich spüre meine Beine nicht!“ stammelte Liliane entsetzt. Sofort reagierte Aragorn und legte seine Hand auf ihren Fuß.
„Spürst du das?“
Sie schüttelte stumm den Kopf. Frodo zuckte zusammen, als Aragorn daraufhin etwas unsanft auf ihr Bein drückte, doch nicht einmal das spürte sie.
„Einen Augenblick“, sagte Aragorn, zog ungeachtet Frodos verwirrten Gesichtsausdrucks Liliane unter den Armen hoch, doch in diesem Moment schrie sie voller Schmerzen laut auf.
„Nein, bitte...“ flüsterte sie atemlos, aber Aragorn ließ sie nicht los, sondern versuchte, sie vor sich aufrecht stehen zu lassen, doch kaum daß er sie los ließ, drohte sie umzufallen.
„N-nein...“ flüsterte sie atemlos, legte ihre eigene Hand auf ihr Bein, doch das spürte sie nur durch die Hand. Sie konnte ihre Beine überhaupt nicht bewegen.
Vorsichtig half Aragorn ihr dabei, sich wieder auf Frodos Schoß zu setzen, der sie tröstend in die Arme schloß, aber weiterhin mit großen Augen ansah.
Plötzlich fiel Aragorn etwas ein und er bat Frodo, ihm dabei zu helfen, Liliane so zu halten, daß sie ihm den Rücken zudrehte. Er bat sie, ihr Kleid aufknöpfen zu dürfen und tat es dann, was ihm zeigte, warum sie ihre Beine nicht bewegen konnte.
„Das hatte ich befürchtet“, sagte er bedrückt. „Seht, die Wirbelsäule scheint fast verschoben... und das ist ein Bluterguß.“ Mit diesen Worten zeigte er auf einen mehr als handtellergroßen, anschwellenden Fleck auf ihrem Rücken in Höhe ihrer Taille, der wirklich furchtbar aussah.
Liliane hielt sich zitternd an Frodo fest, der ebenfalls nicht glauben konnte, was er hörte. Hilflos schaute er zu Aragorn.
„Aber... aber das heilt doch wieder?“ fragte er verschüchtert.
Aragorn zuckte ratlos mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht“, antwortete er, während er Lilianes Kleid wieder zuknöpfte. Sie versuchte noch immer mit aller Gewalt, aber erfolglos, ihre Beine zu bewegen.
„Es ist, als wären sie gar nicht da“, sagte sie dann, tastete verzweifelt nach ihren Beinen, fühlte sich mit einem Mal entsetzlich hilflos, fast panisch.
Frodo strich ihr liebevoll über den Kopf.
„Keine Angst, Liebes, ich passe schon auf dich auf... das wird wieder“, behauptete er unsicher. Liliane wischte flüchtig eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Ich... ich war verrückt“, murmelte sie, „du hattest Recht, Aragorn... bitte verzeih mir...“
Sie lehnte schwach den Kopf an Frodos Schulter, der sie nicht mehr los ließ. Bestürzt sahen alle Freunde vom einen zum anderen, unfähig, irgendetwas zu sagen.


Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Himmel war düster, die schwarzen Wolken reichten so weit das Auge sehen konnte, aber die drei Hüter wollten sich davon nicht einschüchtern lassen. Sie wußten, daß die Dämonin noch nicht unbesiegbar war, da sie den letzten Splitter noch bei sich trugen, um ihn vor ihr zu verstecken.
Es war kalt geworden. Die Sonne konnte die finstere Wolkendecke schon lange nicht mehr durchdringen, außerdem wehte der sich am Gebirge brechende Wind sehr rauh. Gimlli war noch damit beschäftigt, zu überlegen, wie sie nach Moria hinein gelangen und die anderen finden sollten, als Legolas plötzlich aufmerksam in die Ferne blickte.
„Was sieht dein Elbenauge?“ fragte Gandalf. Legolas starrte weiterhin in eine nicht erkennbare Richtung, dann antwortete er: „Sie kommen, Thuringwethils Männer nähern sich uns!“
„Also hat Aragorn gesprochen“, sagte Gandalf leise.
Nachdem sie sich hinter dichter Vegetation verborgen hatten, um von den Männern nicht entdeckt zu werden, sagte Gimli: „Hoffentlich haben sie ihnen nicht zu sehr zugesetzt!“
Legolas zuckte mit den Schultern. Sie waren vor zwei Tagen vom Orthanc fortgeritten, also war ihr Vorsprung denkbar geschrumpft, wenn die Feinde ihnen jetzt schon begegneten.
„Aragorns Verfassung hat mir ohnehin nicht besonders gefallen“, murmelte er monoton, während er aufmerksam die Handlanger der Dämonin im Vorbeireiten beobachtete. Es war mehr als ein halbes Dutzend Männer, aber damit hatten sie eigentlich gerechnet, immerhin hatten sie auch etwas wichtiges zu erledigen. Es waren eher noch zuwenige Männer als zuviele.
„Was meinst du damit?“ fragte Gandalf an Legolas gewandt.
„Nun ja“, erwiderte der Elb, „immerhin sprach er doch davon, sich freiwillig auszuliefern. Natürlich wissen wir alle, daß Aragorn sehr um jeden seiner Freunde besorgt ist, er wollte uns ganz einfach vor einer Folter wie Faramirs schützen - aber wir wissen doch auch, daß er selbst nichts mehr fürchtet als Folter. Verstehst du, was ich meine? Er hatte eine seltsame Art der Voraussicht. Zwar glaube ich, daß er diese Vorahnungen oft hat, aber diesmal war es sehr gespenstisch. Aus ihm sprach eine Resignation, die mir Angst gemacht hat.“
Nachdenklich nestelte Gandalf an Schattenfells Mähne herum, denn er verstand zu gut, was Legolas sagen wollte.
„Du meinst, er wußte, daß er sich tatsächlich Thuringwethil nicht entziehen kann? Nun... er hat nicht unklug überlegt, er wollte euch aus der Angelegenheit heraushalten und ich weiß, daß er sehr mutig und tapfer ist. Aber willst du sagen, daß er aufgegeben hatte?“
Legolas verzog unwillig das Gesicht.
„Nein, nicht... nicht ganz... das trifft es nicht. Natürlich hatte er noch Mut - aber ich glaube, daß er Thuringwethil gegenüber Schwäche zeigen wird, und das wußte er. Deshalb wollte er uns aus der Sache heraushalten, was ihm nicht gelungen ist. Und daß die Männer bereits kommen, ist doch der beste Beweis dafür, daß sie ihn gebrochen hat...“
Gimli meldete sich nun von der Seite zu Wort. „Ach was, Aragorn gibt doch nicht auf! Das wäre mir aber neu. Er hat nur Frodo geschützt, aber er wird nicht schwächeln!“
„Ich sorge mich um sie beide. Er wußte, daß er Thuringwethil nichts entgegenzusetzen hat, das wird mir immer klarer“, erklärte Legolas. „Sie ist unvorstellbar grausam und er ist nicht irgendwer. Ich fürchte nur, daß er noch Fehler machen wird...“
Gandalf seufzte laut. „Ich verstehe. Manchmal gibt Aragorns Verhalten auch mir Rätsel auf... ich denke nicht, daß er nicht standhaft bleiben wird, er kennt doch seine Verantwortung!“
Und genau das ist das Problem, dachte Legolas im Stillen. Er hatte Aragorn niemals zuvor so erlebt wie nach der Verfolgungsjagd und bei seiner Gefangennahme. Eine seltsame Gleichgültigkeit war an ihm gewesen, was Legolas Angst einjagte, denn er wußte nicht, was Aragorn nun tun würde. Einen Verdacht hatte er, denn er kannte die Opferbereitschaft seines Freundes zu gut.
„Laßt uns weiterreiten“, brach Gandalf schließlich das Schweigen. Die drei saßen im nächsten Augenblick wieder in den Sätteln, denn die Gefahr war vorüber und der Weg nach Moria nun unversperrt offen für sie.
Ein Blitz flammte auf in den dunklen Wolkenfetzen, die den Himmel bedeckten, und einen Augenblick später grollte polternd und an den Berghängen widerhallend ein lauter Donnerschlag. Gimli blickte unwirsch in den ringsum schwarzen Himmel.
„Was soll denn das?“ fragte er.
Legolas erwiderte nichts, er fand es sehr eigentümlich. Die Düsternis und das immer dämmrige Licht, die schwarzen Nächte, es alles schlug ihm sehr auf die Stimmung.
„Das ist ihr böser Wille“, sagte Gandalf, „und früher oder später wird Morgoth diese mächtigen Zeichen sehen. Es ist wie damals, als die Nacht ohne Morgen heraufzog! Doch damals gab es ein Morgen, und wir sollten dafür sorgen, daß dies auch jetzt der Fall ist!“
Wie der Wind ritten sie, bis früh an diesem Tag, wie an denen zuvor, die Dämmerung über dem Dunland hereinbrach. Ein Lagerfeuer zu entzünden riskierten sie ob ihrer wertvollen Fracht nicht, aber sie suchten sich ein geschütztes Plätzchen für die Nacht, um den peitschenden Winden zu entgehen.
„Drei Eingänge gibt es, von denen ich weiß. Das Hulstentor, das Osttor und Durins Turm, doch meines Wissens sind sie bis auf das Osttor vernichtet! Dieses liegt jedoch jenseits des Gebirges. Wir hätten auf der anderen Seite an Moria heranreiten müssen!“ sagte Gimli, zog derweil an seiner Pfeife und sah in die Runde.
„Unsinn“, widersprach Gandalf, „die Brücke von Khazad-dum ist doch zerstört, der Zugang in die Minen ist uns von dieser Seite versperrt! Und Durins Turm ist ebenfalls vernichtet, seit ich gegen den Balrog auf der Zirakzigil gekämpft habe. Es gibt nur einen Eingang, und das ist das Westtor.“
„Und dieses wird bewacht sein...“ fügte Legolas hinzu.
„Sicher, aber zwergische Schläue ist nicht zu unterschätzen! Wir werden uns an den Wachen vorbeischleichen, denn hinein müssen wir doch! Wir müssen die anderen befreien und den Kristall vernichten!“
Legolas zuckte mit den Schultern als Antwort auf Gimlis Aussage, dann murmelte er: „Sicher... wenn Bergil und die Hobbits den beiden nicht längst zu Hilfe geeilt sind...“
„Zu dritt schaffen sie es nicht, die beiden herauszubringen. Aragorn und Frodo müssen in Moria sein, und wenn wir schon das Problem haben, in die Minen zu kommen, haben die drei es auch“, überlegte Gandalf.
Ratlos blickten sie einander an. Was es nun zu tun galt, wußten sie nicht. Gimli überlegte weiterhin, wie sie sich unbemerkt durchs Hulstentor nach Khazad-dum schleichen sollten, aber noch hatte er keinen Anhaltspunkt.
Bald lag er schlafend zwischen seinen Freunden. In dieser Nacht wollte Gandalf wachen, damit der Elb endlich wieder einmal schlafen konnte, und so saß er dann irgendwann allein dort und fühlte sich erdrückt von den tiefhängenden Wolken.
Nein, noch drohte der Untergang nicht, aber allein der von Thuringwethil ausgehende Terror würde derartigen Schrecken über Mittelerde bringen, wie dies auch Saurons Schergen getan hatten.
Ihm gingen Legolas‘ Worte nicht aus dem Kopf. Der Elb hatte sehr seltsam gesprochen, aber inzwischen hatte er gut darüber nachgedacht und war zu der Ansicht gelangt, daß Legolas nicht Unrecht haben mochte.
Aragorn konnte unberechenbar sein. Wie die anderen ihm und Frodo zu Hilfe kommen wollten, gab Gandalf wirklich Rätsel auf, aber er wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Zwar gab es bei der endgültigen Zerstörung des Kristalles noch Schwierigkeiten, aber er würde es wagen.
Zerstörte er nur den letzten Splitter, war Thuringwethil nicht besiegt, schlimmer noch - man würde sie niemals besiegen können.
Erst mußte der gesamte Kristall zusammengesetzt und dann vernichtet werden, doch dies bedeutete eine immense Gefahr.
Gandalf riskierte unsäglich viel, das wußte er, aber noch war die Überraschung auf ihrer Seite.
Wie sie es schaffen sollten, vermochte er nicht zu sagen, aber er ließ sich nicht einschüchtern.
Gedankenverloren starrte er in die Ferne, soweit er sie erkennen konnte. Es würde nun eine knappe Woche dauern, bis sie sich in Moria befanden, sie hatten noch immer einen Vorsprung, aber den galt es zu nutzen.
Alles stand auf dem Spiel.

„Warum?“
Langsam hob Liliane den Kopf und öffnete die Augen. In ihren und Frodos Umhang gewickelt lag sie neben ihm, hatte den Kopf in seinen Schoß gebettet und war fast eingeschlafen, denn sie war schwerer verletzt, als sie im ersten Moment geglaubt hatte. Sie konnte noch immer weder richtig hören noch sehen, in ihrem Kopf hämmerte ein unnachgiebiger Schmerz, ebenso in ihrem Rücken. Zwar konnte sie ab einem bestimmten Wirbel überhaupt nichts mehr spüren, doch oberhalb schmerzte ihr Körper fast überall.
Sie lag seitlich an der Wand und rührte sich nicht. Sie konnte sich gar nicht rühren, sie konnte nur ihren Oberkörper bewegen und das strengte nicht nur an, sondern quälte sie durch den furchtbaren Schmerz in ihrem gequetschten Brustkorb. Sie hatte selbst vorsichtig nach ihren Rippen getastet und glaubte, daß keine gebrochen war, doch ein jeder Atemzug peinigte sie schrecklich.
„Was meinst du?“ fragte sie zu Frodo hoch, den sie durch ihre halb geöffneten Augen nur schemenhaft wahrnahm.
„Warum hast du das getan, Liliane?“ stellte er seine Frage diesmal genauer, fast verbittert, mit von Tränen erstickter Stimme.
Liliane tastete nach seiner Hand und biß die Zähne zusammen. Sie spürte den Schmerz auch, wenn sie nur still lag, aber das war noch immer besser, als wenn sie sich bewegt hätte.
Tröstend strich sie über seine Hand und lächelte schwach.
„Wegen dir, Frodo. Weißt du das denn nicht? Ich würde sie am liebsten tot sehen, dieses Monster...“
Wieviel Zeit verstrichen war, wußte niemand zu sagen. Bergil hockte noch immer düster vor sich hin starrend in einer Ecke, Sam war an Frodos Schulter eingenickt und Aragorn saß mit dem Rücken an die Tür gelehnt und spielte mit Bergils Dolch herum, den er von Liliane bekommen hatte. Keiner der Feinde hatte noch daran gedacht, den Dolch fortzunehmen, deshalb besaßen sie ihn noch.
Ohne aufzusehen, hörte Aragorn den Hobbits zu, Bergil jedoch war in Gedanken ganz woanders.
„Du bist wirklich verrückt, Liliane. Du hättest es nicht tun dürfen, das war es nicht wert!“
Liliane blickte Frodo direkt in die Augen.
„Nein? Das sagst du vielleicht... Kannst du dir denken, wie ich mich gefühlt habe? Ich habe im Traum gesehen, was sie dir angetan hat. Aufgeschreckt bin ich davon! Ich habe nicht genau gesehen, was geschehen ist, aber ich habe deinen Schmerz gespürt, Frodo. Das hat genügt. Und ich mußte hören, wie die Männer draußen darüber sprachen, hämisch und gemein, und dann habe ich sogar gesehen, daß sie nicht gelogen haben, sondern die Wahrheit gesagt. Ich habe es vor mir gesehen, und dann habe ich dich gesehen. Es war einfach zuviel. Ich habe es nicht ertragen.“
In Frodos Augen glitzerten Tränen der Rührung. Es erschütterte ihn nicht, daß sie so offen von der qualvollen Folter sprach, aber es ließ ihn nicht unberührt, wie sehr sie Anteil daran nahm. Seine eigenen Probleme hatte er über ihre Verletzungen vergessen, etwas anderes zählte für ihn nicht mehr.
Zärtlich strich er mit einer Hand über ihre Stirn. Liliane lächelte matt.
„Bist du gekommen, um mich zu rächen? Nur Thuringwethil verdient nun an deiner Sturheit, sie hat etwas gewonnen, aber wir haben verloren. Wir haben alle verloren! Es war ein Fehler, glaub mir“, sagte Frodo, „du hättest es nicht tun dürfen. Was, wenn du nie wieder gesund wirst...“
Liliane zuckte stumm mit den Schultern und wich seinem Blick aus. Seine Wärme zu spüren war so angenehm und es beruhigte sie ungemein, daß er nicht mehr in Lethargie versunken war, also hatte sie wenigstens das bewirken können.
„Hast du darüber nachgedacht, daß es gleichgültig ist, ob ich gesund werde oder nicht? Es ist nur eine Frage der Zeit. Das soll nicht heißen, daß Aragorn nicht sprechen durfte. Natürlich mußte er sprechen. Aber auch, wenn die anderen es zum Orthanc schaffen und den Splitter verstecken, so werden sie früher oder später aufgespürt und auch der letzte Splitter wird verloren sein. Dann ist ohnehin alles gleichgültig.“
Aufgeschreckt durch die heftige, entrüstete Bewegung Frodos als Reaktion auf Lilianes Worte, rührte Sam sich und gähnte laut. Die versteinerten Mienen seiner Freunde wollten ihm nicht gefallen.
„Wie geht es dir, Liliane?“ fragte er zuerst.
„Furchtbar“, erwiderte sie ehrlich. Ihre Augen waren noch immer gespenstisch rot, kaum mehr weiß, sie brannten und schmerzten, weshalb Liliane sie meistens geschlossen hielt.
„Gebt doch die Hoffnung nicht auf“, versuchte Sam, den anderen ein wenig Zuversicht zu spenden.
„Hoffnung?“ fragte Liliane. „Worauf hoffst du noch, Sam? Es ist vorbei, sie hat gewonnen. Diesmal nützt uns Hoffnung nicht mehr.“
Entgeistert blickten sowohl Frodo als auch Sam sie an.
„Dann, das frage ich mich wirklich, hattest du keinen Grund, zu tun, was du getan hast! Wofür, wenn alles sinnlos ist?“
Liliane öffnete erneut die Augen.
„Weil ich sie vor dem Ende wissen lassen wollte, daß ich sie verabscheue. Das war alles. Mehr konnte ich nicht mehr tun, also wollte ich zumindest das tun, verstehst du? Ich liebe dich, Frodo, und auch, wenn das Ende nah ist, wollte ich dafür weiter einstehen.“
Frodo verzog niedergeschlagen das Gesicht, erwiderte aber nichts. Sam stand langsam auf, um ein wenig in der Zelle herumzulaufen, denn er wollte sich die Füße vertreten.
„Du hattest Recht, Liliane“, mischte Aragorn sich plötzlich ein und hob den Blick. Erstaunt blinzelte Liliane in seine Richtung.
„Nein, Aragorn, das hatte ich nicht. Ich war ungerecht. Ich hatte dich angeschuldigt, bevor ich Thuringwethil gesehen habe. Jetzt, wo ich weiß, wie durchtrieben sie ist, verstehe ich, daß du nicht reden konntest - du bist es nicht schuld. Ich war blind, ich habe es nicht gesehen. Du bist es nicht schuld, sie allein trägt Schuld an der Folter, denn es war ihr Werk. Du mußtest doch schweigen, und schließlich mußtest du auch sprechen.“
Die beiden tauschten bedeutungsschwere Blicke. Langsam nickte Aragorn.
„Es war die teuflische Wahl, die ich nicht treffen durfte. Würde ich um Frodo willen sprechen, wäre alles verloren, zumal er mich doch gebeten hatte, zu schweigen - ich konnte den Untergang nicht riskieren. Aber unter todbringenden Qualen hat er mich gebeten, zu sprechen, was meinem eigenen Wunsch in höchstem Maße entsprach, denn noch schlimmer hätte ich es empfunden, Zeuge seines Todes zu sein.“
„Ich hätte diese Wahl auch nicht treffen wollen“, murmelte Sam von der Seite. Er stand deprimiert an die Wand gelehnt, hörte seinen Freunden die ganze Zeit über zu, hatte aber bislang nichts zu sagen gewußt.
Erstaunt sahen die anderen ihn an. Es traf sie fast wie ein Schlag, als sie Sam unter Tränen sprechen sahen.
„Aragorn hat es richtig gemacht. Was sonst hättest du tun sollen? Denn da sind immer noch die anderen. Sie hüten den letzten Splitter, wenn auch ohne Aussicht auf Erfolg. Thuringwethils Handschrift ist grausamer als Saurons, sie kennt nur die Sprache der Folter, das war schon bei Faramir der Fall. Nicht du allein bist verantwortlich, jeder von uns ist es. Wir alle haben unsere Splitter verloren und waren weniger standhaft als du. Du weißt, daß Frodo dir verziehen hat, das haben wir alle, aber wir können uns alle selbst nicht verzeihen. Wißt ihr, woran ich denke?“
Er schniefte laut und ließ sich zitternd zu Boden sinken. Erschüttert blickten alle zu ihm, selbst Bergil war inzwischen aufmerksam geworden, hatte Sam sich doch die ganze Zeit über nur schweigsam und still gezeigt. Einen derartigen Ausbruch hatte niemand erwartet.
„Ich denke an Celebriel, die ich nicht einmal kenne, und dann sind da Eldarion und Arwen. Ich denke an Arigonas, den ich ebenfalls gern vor dem Ende kennengelernt hätte, und ich denke an Melethiell, Perhail und meine eigenen Kinder, die Rosie nun alle hütet.“
Seine Stimme wurde dünn, die anderen taten sich inzwischen schwer, ihn noch zu verstehen. Sam zeigte seine Verzweiflung so offen wie selten.
„Ich dachte einst, ich würde Rosie niemals wiedersehen, und dann kam Gandalf und hat uns gerettet. Ich habe Rosie wiedergesehen und konnte sie heiraten, aber werde ich sie jetzt ein letztes Mal sehen? Diesmal ist Gandalf nicht da, um uns noch zu retten. Wir haben immer für die Freiheit gekämpft, und das ganz umsonst. Es ist zu spät, wir haben den Kampf verloren. Wir haben uns etwas vorgemacht, als wir auszogen, diesem Dämon gegenüberzutreten. Gegen Morgoth kann man nicht gewinnen, und Morgoth spricht durch sie stärker, als er es je durch Sauron getan hat. Es ist nun vorbei. Und ich werde sie vor dem Ende nicht einmal wiedersehen...“
Wortlos erhob Aragorn sich und ging zu Sam hinüber, bevor er sich vor ihm niederkniete und an sich zog.
„Soll ich dir etwas erzählen?“ fragte er, einem plötzlichen Impuls folgend, der seinen früheren Ansichten nicht im Geringsten entsprach.
Sam nickte leicht.
„Sieh mal, damals wußtest du auch nicht, daß Gandalf noch am Leben war. Wir glaubten ihn schon einmal fälschlicherweise verloren. Ich glaube jetzt zwar auch, daß wir auf ihn nicht hoffen können, aber wir haben uns schon einmal getäuscht. Was, wenn er auch jetzt wieder kommt und uns allen hilft? Das ist doch möglich! Und glaub mir, Sam, niemand in deiner Familie ist dir böse, weil du nicht mehr bei ihnen bist. Sie wissen, daß du immer für sie gekämpft hast! Außerdem“, fügte Aragorn hinzu, „mag ich es nicht, wenn selbst du deine Zuversicht verlierst. Das paßt nicht zu dir.“
Für einen Augenblick war wiederum alles still. Aragorn verlor sich in traurigen Gedanken. Lilianes Entschuldigung war ehrlich gewesen, aber die Worte, welche sie vorher gesprochen, hallten noch immer in seinem Gedächtnis wider und er hielt sie für wahrer als ihre spätere Entschuldigung.
Natürlich war er schuld. Er hätte sich doch ausrechnen können, daß er sprechen würde, warum hatte er also nicht Frodo vor der Folter bewahrt?
Thuringwethil war so sehr von Haß durchtrieben. Was hatte sie gesagt, sie brauchte nur ihn und die anderen sollten dankbar sein, daß sie sie am Leben ließ...
Was hatte er denn getan, daß er das Leben verdiente und die anderen den Tod? Das Gegenteil war seiner Ansicht nach der Fall.
Aragorns Selbsthaß wuchs mit einem Mal schlagartig an. Und der Wunsch nach dem Tod.
Er wünschte sich geradezu, tot zu sein, denn dem, was nun kommen würde, zog er den Tod eindeutig vor.
Er spürte den Dolch in seinem Stiefel stecken. Am liebsten wollte er ihn sofort herausziehen und sich ins Herz stoßen, um nicht länger dieses Elend ertragen zu müssen.
Wenn er zu seinen Freunden blickte, zerriß es ihm das Herz.
Da war sein junger Leibwächter, auf den er immer vertraut hatte, doch Bergil wäre ihm besser nie gefolgt. So würde auch dieser junge Mann seine Familie niemals wiedersehen.
Bergils Gesichtsausdruck sprach Bände, er sehnte sich so sehr nach der Freiheit, er sah in Gedanken das Bild von am Himmel dahinziehenden Wolken vor sich, endlos frei, er wünschte sich, noch einmal einen Sonnenuntergang zu sehen, den Kerker hinter sich zu lassen.
Was er bei Frodo und Liliane sehen mußte, belastete ihn ungleich mehr. Er hatte nicht nur darin versagt, Frodo zu schützen - er hatte sich nicht genug für Liliane eingesetzt, obwohl er es hätte tun können. Zwar hatte ihre Verletzung Frodo wieder zu sich gebracht, doch was war dies noch wert?
Niemand konnte leben mit gelähmten Beinen. Liliane, das hatte Aragorn gespürt, war zwischenzeitlich dem Tode näher gewesen als dem Leben, und er hatte wiederum versagt, sie vor sich selbst und der Dämonin zu schützen.
Und wie sollte Sam das alles ertragen? Er war immer anders gewesen als Frodo, nur ein einfacher, wenn auch tapferer Hobbit, aber jetzt war er entwurzelt.
Aragorn ließ sich neben ihm niedersinken und verbarg das Gesicht in den Händen. Seine Scham wurde immer größer. Er hatte niemals den Tod im Kampf gefürchtet, er hatte keinem Übel gegenüber Furcht gezeigt...
Aber er wußte, Thuringwethil würde ihn noch zu einem teuflischen Spiel benutzen. Er als Gondors König würde früher oder später durch sie den Tod finden, etwas, das er nicht wollte. Er wollte ihr den Plan durchkreuzen.

Sie saß in diesem Moment tiefer unter dem Berg, als Gandalf und der Balrog bei ihrer Jagd jemals vorgedrungen waren. Vor Jahrhunderten, als die Zwerge dort unten geschürft hatten, immerzu auf der Suche nach Mithril und gierig danach ohne Unterlaß, waren viele von ihnen in den Tiefen der Erde verschwunden, wenn sie an Orte vorgedrungen waren, wo die namenlosen Dinge lauerten. Kreaturen der Nacht hausten dort, die nur solche Zwerge und Gandalf an manchen Orten zu Gesicht bekommen hatten. Sie waren deshalb namenlos, weil niemand ihnen je Namen hätte geben können und es für ihre Erscheinungen keine Namen gegeben hätte, schattengleich und einander hinterrücks mordend, in Gestalt werwolfähnlicher, geflügelter Kreaturen, die in den Klüften unterhalb Morias ihr Unwesen trieben seit Anbeginn der Zeit.
In ihrer Gesellschaft fühlte Thuringwethil sich wohl. Sie hatte ihren Männern nicht gesagt, wohin sie zu gehen gedachte, aber sie hatte ihre Sinne geschärft und beabsichtigte, in absehbarer Zeit wieder zurückzukehren in die Nähe der großen Halle, die der inoffizielle Treffpunkt zu jedweden Gelegenheiten geworden war.
Augen starrten aus jedem finsteren Winkel in ihre Richtung, Augen, in denen das Licht des glühenden Edelsteins glitzerte, die gefährlich funkelten und sich bewegten, jedoch nicht näher kamen.
Abgesehen vom gleißend hellen, strahlend weißen Licht des fast vollständig zusammengesetzten Kristalles war dort keinerlei Licht wahrzunehmen, denn es gab keines, nur Dunkelheit.
Ihre krallenartigen Finger umfaßten den Stein, in dem zuoberst noch ein Loch aufklaffte. Alle anderen Stücke hielten jedoch bereits wie von Zauberhand zusammen und das Licht strahlte, gitterartig von ihren Fingern schattenhaft unterbrochen, fast zerschnitten, zu allen Seiten ab, aber die Finsternis in den Tiefen der Erde verschluckte es, bevor es auf etwas treffen konnte, so dick war sie.
Ihr Atem ging stoßweise und tief, ihre Augen waren groß, wie sie gebannt auf ihren Schatz starrten, der ihre Gestalt fast vollständig zurückgebracht hatte. Sie fühlte die Macht in sich erstarken, Schwäche und Unsicherheit verflogen langsam, doch sehr stetig.
Ihre lederartigen Schwingen hob und senkte sie zum Zeichen großer Zufriedenheit, während sie den Kristall durch die Finger gleiten ließ, ihn wog und nahezu streichelte, voller Hingabe und Leidenschaft, denn ihr einziges Begehren lag auf ihm und sie wollte ihn mehr als alles andere, wollte sogar von der Macht in ihm geknechtet sein, wenn nichts anderes möglich war, weil doch der Kristall ihre Erlösung bedeutete.
Stunden verbrachte sie so, gewöhnte sich an das neue Gefühl der Körperhaftigkeit, bewegte sich wie zum Zeichen, daß sie noch am Leben war.
Ihre Augen waren zu Schlitzen verengt und begannen, bedrohlich zu funkeln, als sie sich bequem zum Nachdenken niederließ. Noch immer hatte sie keine genauen Pläne geschmiedet, was ihre weitere Vorgehensweise betraf. Der Ruf Morgoths war noch nicht erschallt, denn ihre sich verbreitenden Zeichen der erstarkenden Macht waren ihm noch nicht unter die Augen gekommen. Aber es genügte ihr ohnehin, Mittelerde mit Dunkelheit zu überziehen, ohne selbst in Erscheinung zu treten, denn das würde sie noch früh genug - aber erst, wenn sie in Vollbesitz ihrer Gestalt war und niemand mehr an den Kristall gelangen konnte.
Sie würde besonders nachts durch die Winde fliegen und die Bewohner in den weiten Landstrichen Eriadors, Rhovanions, Rohans und Gondors das Fürchten im Schlaf lehren. Ihre bloße Gegenwart genügte dabei völlig, wie sie wußte, und dann würde sie ihren Siegeszug Schritt für Schritt beginnen.
Sie wußte inzwischen, daß Elessar der mächtigste Mann unter der Sonne Mittelerdes war, und genau dieser Elessar saß sehr zu ihrer Zufriedenheit in diesem Moment im Kerker, eingesperrt von ihr, er war völlig unter ihrer Kontrolle.
Das mächtigste Königreich, Gondor, war nun führerlos und der Statthalter, bereits gebrochen, hatte ihr nicht viel entgegenzusetzen. Fiel erst Gondor, würde Rohan im Handumdrehen folgen und die letzten Elben würden fliehen, bevor ganz Mittelerde unter den Schatten fiel.
Wer sollte ihr gegenübertreten? Sie hatte die Macht der gewaltigen Furchteinflößung inne, sie war mit ihrer Größe jedem überlegen und nicht verwundbar, solange der Kristall existierte, denn ihr Leben war an dessen Bestand gebunden. Ihre Männer würden die Vorboten ihrer Knechtschaft sein, sie würde jeden, der Widerstand leistete, so wie die Hüter eine grausame Folter spüren lassen, notfalls dem Tode überantworten, und es würde immer ein qualvoller Tod sein.
Sie war schnell, konnte den Mut der Gegner lähmen, wenn sie ihnen erst auf lange Sicht das Sonnenlicht nahm und sie würde weitere Wankelmütige finden, die ihr folgen würden.
Elessar. Er war die besondere Schlüsselfigur in diesem Spiel, wie sie es im Augenblick spielen wollte. Alle Wege führten zu ihm, zu umgehen war er nicht, aber niemand würde die Minen betreten, geschweige denn einnehmen und ihn befreien können, solange sie dafür Sorge trug, daß dies nicht geschah.
Es war nicht leicht gewesen, an ihn heranzukommen, doch sie hatte sich einiges berichten lassen. Elessar hatte sich selbst ausliefern wollen zum Schutze seiner Freunde, ungeachtet seiner Position und Bedeutung, allein aus Freundesverantwortung.
Ein Schwächling ohnegleichen, wie sie fand, denn nun war sein Land führerlos und diese Schwäche würde sie zu nutzen wissen, da sie um den Wankelmut der Menschen wußte.
Was sollte sie mit ihm anfangen? Es gab verschiedene Möglichkeiten. Vor allem mußte sie Sorge dafür tragen, daß er niemals entkam und die Freiheit wiedersah. Elessar würde auf ewig ihrem Willen unterworfen sein - dieser Gedanke entlockte ihr ein teuflisches Lächeln, wie es jedem Beobachter das Blut schlagartig in den Adern hätte gefrieren lassen.
Unsägliche Gedanken jagten durch ihren Kopf. Gebrochen war er, doch zeigte noch immer Trotz, wie sie wußte. Sie hatte es gespürt an der Art, wie er sie angesehen hatte, voller Verachtung, wenn auch voll Schmerz, aber den letzten Widerstand galt es noch immer zu brechen.
Sie war nicht sicher, ob ihr das mit Folter gelingen würde. Er war ein Mann anders als die anderen, denen sie bislang begegnet war, so glaubte sie fälschlicherweise, denn sie hielt es schlichtweg für abwegig, daß er Folter fürchtete und so würde sie ihn dadurch nicht brechen, höchstens in den Tod treiben.
Doch war das nicht ebenso eine Vorgehensmöglichkeit? Welchen Nutzen brachte er ihr noch?
Aber sie konnte nicht wissen, wie sehr die Bürger Gondors wütend und angriffslustig reagierten. Sie glaubte, daß sie mit enormem Widerstand zu rechnen hatte, sollte sie Elessar töten.
Nein, ihre Vorgehensweise mußte eine andere sein. Ihn in die Knie zwingen zu wollen, war die beste Möglichkeit, sie mußte ihn gefügig und unterwürfig machen, durch und durch, bis in die letzte Faser seines Körpers.
Noch war es nicht soweit und mit Folter konnte sie es kaum erreichen, vermutete sie. Aber das mußte sie doch... sie konnte ihn auf ewig gefangenhalten, aber das würde über kurz oder lang nur Ärger mit seinen Untertanen bedeuten, blieb zu fürchten.
Und die Fluchtgefahr war einfach zu groß.
Nein, unterwerfen mußte sie ihn, und zwar völlig, sie mußte ihm den Widerstand austreiben, dann würden auch seine Freunde aufgeben, denn das hatten sie nicht, wie sie wußte. Ebenso würden seine Untertanen willens sein, zu gehorchen, wenn ihr Oberhaupt den Posten an jemand anderen abtrat.
Über sein Verantwortungsgefühl war er angreifbar. Er hatte dem Halbling gegenüber Gnade gezeigt, weil er Verantwortung für ihn besessen hatte, und als König sollte er dies auch für sein Volk haben. Das war es! Sie mußte an sein Gewissen appellieren und ihn somit zwingen, klein beizugeben, wenn es anders nicht zu schaffen war, ihm drohen, sein Land mit Krieg und Schrecken zu überziehen, wenn er nicht tat, was sie gebot...
Was würde geschehen, wenn sie als Zeichen einen seiner Freunde umbrachte oder ebenfalls folterte? Würde es vermehrten Widerstand oder doch Resignation hervorrufen?
Wie brach sie Elessars Willen? Noch hatte er ihn, seine Furcht war noch nicht groß genug.
Die Hüter kannten überhaupt nur erschreckend wenig Furcht, das hatte sie an der Halblingsfrau gesehen, die blind vor Wut beleidigend zu ihr gesprochen hatte, fast drohend, was mehr als nur eine Frechheit war.
Sie hatte ihre gerechte Strafe bereits erhalten, soviel stand fest. Zwar wußte Thuringwethil nicht, ob sie Liliane getötet hatte, schwer verletzt jedoch mit Sicherheit. Und auch, wenn sie die Halle verlassen hatte, so hatte sie das Entsetzen der Freunde förmlich gespürt, ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung.
Sie würde Elessar nicht umbringen, aber sie würde ihm mit seinem Land drohen und seine Freunde einen nach dem anderen qualvoll vor seinen Augen sterben lassen, bis er einlenkte - oder vielleicht gar darüber hinaus, da wollte sie sich nicht festlegen.
Was seine Freunde betraf, die sich nicht in Moria befanden, wollte sie sich den Kopf nicht zerbrechen. Einzig Elessar war wichtig, und das besonders.
Er würde einst ihr oberster Gefolgsmann sein. Sie würde ihn Zeuge sein lassen, wenn sie den letzten Splitter zu den zehn hinzufügte, seinen Splitter, würde ihn seine Niederlage spüren lassen, ihn auf ewig in Ketten legen und das nicht nur bildlich gesprochen.
Elessar, der Elbenstein, verbunden mit Hoffnung und Güte. Gondors Herrscher war er nicht mehr, sie hatte ihn bereits gestürzt, aber ihr Spiel war noch nicht zuende gespielt, wenngleich doch gewonnen, wie sie glaubte.
Niemanden gab es, der sie zu bekämpfen vermochte, denn der letzte Splitter war ihr gewiß, es war nur eine Frage der Zeit, dann würde Elessar Zeuge ihrer Machtübernahme werden.
Vielleicht brach ihn auch das bereits.
Er war nicht nur ein Mensch, er war ein Symbolträger für alle in Mittelerde, und wenn er stürzte, stürzten sie unweigerlich mit.
Einen schrillen hohen, markerschütternden Schrei ausstoßend, verbarg sie den Kristall unter ihrem Flügel und huschte flink und mit geschmeidigen Bewegungen, nur durch ein leichtes Rauschen der Luft zu vernehmen, hinfort durch die Dunkelheit, der höher gelegenen Hallen entgegen.
Sie hatte dort einiges mit ihren Männern zu besprechen.

Er hatte über Tage hinweg den Gedanken nicht fallen gelassen. Sie hatten vor einigen Stunden etwas zu essen bekommen, und nachdem die anderen ihren Hunger gestillt hatten, waren sie endlich eingeschlafen. Aneinandergeschmiegt lagen Frodo und Liliane ihm gegenüber, daneben Sam und ein Stück weiter Bergil.
Lilianes Zustand hatte sich kaum verändert. Ihre Blutungen hatten aufgehört, sie konnte wieder normal hören und sehen, aber die Schmerzen an ihren Rippen wurden kaum schwächer und bewegen konnte sie sich noch immer nicht.
Frodo hingegen schien die Ereignisse verarbeitet zu haben, zumindest weitaus besser als befürchtet, denn er kümmerte sich aufopfernd um Liliane. Öfter als nötig war er ihr dabei behilflich, ihre Position zu verändern, es ihr so bequem zu machen wie möglich, sie mußte nicht frieren und hungern, denn er gab ihr seine Anteile am Essen fast vollständig ab.
Sie hatten wenig gesprochen in diesen Tagen. Vier Tage waren verstrichen, seit die anderen zu ihnen gestoßen waren, aber nichts war besser geworden.
Aragorn zog den Dolch aus seinem Stiefel und betrachtete ihn fasziniert. Noch immer dachte er daran, Thuringwethils Pläne irgendwie zunichte zu machen. Er wollte kein Druckmittel sein, er wollte nicht auf ewig eingesperrt sein und in der Finsternis dahinvegetieren, denn sein Stolz verbot es ihm. Er war ein Ehrenmann, ein Krieger, er ertrug es nicht, ein Opfer zu sein und zum Spielball des Feindes zu werden.
Sie würde mit ihm tun, was ihr beliebte. Diese Tatsache machte ihn fast wahnsinnig.
Der Dolch gewann an Freundlichkeit für ihn. Natürlich war es alles andere als ehrenhaft, den Freitod allem anderen vorzuziehen...
Sein Selbstvertrauen war jedoch so fundamental erschüttert, daß ihm alles gleichgültig wurde. So leicht wollte er es ihr jedoch auch nicht machen.
Und er wollte nicht warten. Er wollte ihren Triumph nicht miterleben - er wollte vielmehr durch ihre eigene Hand sterben. Er wollte ihr ein letztes Mal Aug in Aug gegenüberstehen und ihr damit ernsthafte Probleme bereiten.
Entschlossen stand er auf, er steckte nicht einmal den Dolch weg, und ungeachtet seiner schlafenden Freunde begann er, laut gegen die Tür zu trommeln und nach den Handlangern der Dämonin zu rufen.
„Bei den Valar...“ murmelte Bergil schlaftrunken, als er wie seine Freunde vom Lärm geweckt wurde. Ungläubig sprang er auf und packte Aragorn mit beiden Armen von hinten, um ihn von der Tür wegzuziehen.
„Majestät!“ entrüstete er sich, aber Aragorn wollte nicht, daß sein Leibwächter ihm in die Quere kam.
„Verschwinde, Bergil, du bist hier nicht im Dienst, setz dich und laß mir meinen Frieden!“ warf Aragorn ihm erregt entgegen. Die beiden starrten sich wie versteinert an.
„Was tut ihr da?“ fragte Sam irritiert, der sich nun auch regte und nicht glauben konnte, was er sah. Wie zwei verbitterte Kontrahenten stierten sie sich an, Aragorn riß sich gewaltsam los und warf Bergil einen bitterbösen Blick zu, der nicht wußte, wie er reagieren sollte.
„Wage es nicht, dich mir in den Weg zu stellen“, sagte Aragorn mit fester Stimme. Bergil ließ beschwichtigend die Arme senken.
„Was tut Ihr da, Herr Aragorn? Seid Ihr denn des Wahnsinns?“
Achselzuckend erwiderte Aragorn: „Möglich, Bergil. Ich versuche gerade, Thuringwethil Probleme zu bereiten!“
Mit diesen Worten schlug er erneut mit geballten Fäusten auf die Tür ein und brüllte laut: „Bewegt euch her, ich bin noch immer euer König und ich habe euch etwas mitzuteilen!“
„Er bereitet sich selbst Probleme...“ murmelte Sam, der sich ungläubig neben Bergil aufbaute, der Aragorn erst untätig zusah.
„Das meint er nicht ernst“, sagte Bergil dann und gab Sam ein Zeichen, daß er ihm helfen solle.
Atemlos sahen nun auch Frodo und Liliane zu, die ihren Augen nicht trauten. Mit vereinten Kräften warfen Sam und Bergil sich gemeinsam auf Aragorn und umklammerten ihn, so gut es ging, zerrten ihn, der sich rasend zur Wehr setzte, von der Tür fort, doch Aragorn hatte sämtliche Vernunft vergessen.
Wutentbrannt riß er einen Arm los und holte mehr unabsichtlich denn gewollt aus, wollte sich befreien und verpaßte Bergil dabei einen harten Schlag ins Gesicht, der dem jungen Mann sofort das Blut aus der Nase schießen ließ.
Aragorn fürchtete nicht den Tod, doch Thuringwethil hatte ihn gebrochen. Er zeigte einen Wesenszug, den niemand an ihm kannte. Ebenso wußte niemand von seinem lang gefaßten Vorhaben, sein Leben selbst zu beenden mithilfe der Kraft, die ihm von seinen Ahnen gegeben war, er wollte nicht alt und schwach sterben, sondern in Ehren.
Zu diesem Zeitpunkt bezweifelte er fälschlicherweise, daß er jemals danach handeln würde.
Er verlor die Kontrolle. Bergil wich hustend zurück, denn er sah nur noch Sterne, Aragorn stieß auch Sam von sich und holte tief Luft, wollte sich der Tür wieder zuwenden - doch in diesem Moment wurde diese auch schon geöffnet.
Die Wächter waren nicht zu weit weg postiert gewesen. Vom Lärm aufgeschreckt, kamen sie herbei, um nachzusehen, was geschah, und ihnen offenbarte sich ein höchst seltsames Bild.
Sam lag neben den anderen Hobbits am Boden, Bergil taumelte und lehnte sich keuchend an die Wand, Aragorn stand derweil fast wie unbeteiligt daneben.
„Was soll das? Wer ist dafür verantwortlich?“ fragte einer der Männer in einem ungeduldigen Unterton. Noch bevor Aragorn in seiner blinden Wut einen klaren Gedanken fassen konnte, antwortete Bergil.
„Ihr sollt uns endlich rauslassen, ich will fort von hier!“ rief er mit Bestimmtheit und hielt ihnen seine blutige Nase entgegen, wie um zu demonstrieren, daß er der Urheber der Unruhe war. Die Männer hielten es für ausgeschlossen, daß der besonnen danebenstehende König Gondors der Grund dafür war, Bergil machte in diesem Moment einen weitaus unkontrollierteren Eindruck.
„Was tust du?“ fragte Sam erschrocken von der Seite, der nicht glauben konnte, was Bergil tat.
Der junge Mann verfolgte jedoch eine bestimmte Absicht. Er hatte seinen König durchschaut und bemerkt, wie dieser den Lebensmut verloren hatte, aber er wollte ihn als sein Leibwächter schützen. Er fürchtete, daß Thuringwethil Aragorns Todessehnsucht unwissentlich stattgeben würde, auch wenn er es war, der für Unfrieden sorgte und keiner seiner Freunde, denen sie offen den Tod angedroht hatte.
Bergil konnte nicht zulassen, daß der König sein lebensunwilliges Ziel erreichte. Seine Aufgabe war es noch immer, ihn zu schützen.
„Du kleine Ratte stiftest also Unruhe? Sollen wir die Herrin davon unterrichten?“ fragte dann einer der Wächter. Frodo schrie auf und flehte darum, daß sie es nicht taten, unfähig, zu begreifen, was gerade geschah.
Bergil starrte die beiden trotzig an.
„Ich fürchte mich nicht vor eurer Herrin!“ gab er fast patzig zurück und blieb unbewegt stehen. Als einzige Antwort darauf traten die Männer auf ihn zu und packten ihn unsanft.
Aragorn starrte Bergil fassungslos an.
„Hört nicht auf ihn, er weiß nicht, was er redet, er hatte einen Streit mit mir, so laßt ihn doch...“ murmelte er, jedoch erfolglos.
„Jeder Unruhestifter mit Ausnahme von Euch soll der Herrin vorgeführt werden, also tun wir dies!“
Verzweifelt wollte Aragorn Bergil aus dieser Situation heraushelfen, denn es war alles andere als seine Absicht gewesen, ihn zu gefährden. Es sah aus, als wolle er die drei Männer angreifen und Bergil helfen, aber er schaffte es irgendwie, flink in seinen Stiefel zu greifen und Bergil unbemerkt den Dolch in den Hosenbund zu stecken.
Unsanft stieß man ihn zurück. Aragorn geriet ins Taumeln und prallte rücklings an die Wand. Ohne einen weiteren Blick auf die anderen zu verschwenden, wurde Bergil hinausgezerrt und die Tür hinter ihm verriegelt.
Zitternd sank Aragorn in sich zusammen. Er wagte es nicht, die anderen anzusehen, die ihn ungläubig anstarrten. Frodo half Liliane auf, so daß sie sich an die Wand lehnen konnte, dann erhob er sich selbst und ging langsam auf Aragorn zu.
Dieser hatte den Kopf auf die Knie gelegt und unter den Armen verborgen. Inzwischen, das spürte er sehr deutlich, war er tatsächlich dem Wahnsinn nah.
Was auch immer er tat, er machte nur Fehler. Atemlos schnappte er nach Luft.
Unerwartet ging Sam an Frodo vorbei, der sich nicht rührte, Sam kniete sich vor Aragorn nieder und legte seine kleinen Hobbithände auf die großen des gondorianischen Königs.
Der Hobbit konnte spüren, daß Aragorn nicht umsonst am ganzen Körper bebte. Er vermutete stumm, daß Aragorn weinte, daß er in seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung nicht mehr wußte, was er noch tun sollte.
Sam wollte ihn verstehen.
„Warum hast du das getan?“ fragte er leise. Aragorn zeigte keine Reaktion, doch Frodo legte seine Hand auf Sams Schulter und sah ihn eindringlich an, als wolle er ihn um irgendetwas bitten, was Sam jedoch nicht verstand.
Frodo hoffte, Sam würde den König in Ruhe lassen, denn auch wenn er selbst dessen Ziele ebensowenig verstand wie sein Freund, so wußte er doch, daß Aragorn seine Gründe hatte.
Sam rührte sich nicht, sondern blieb vor Aragorn hocken. Frodo kehrte achselzuckend zu Liliane zurück, die nicht weniger verwirrt war wie er.
Aus großen Hobbitaugen sah Sam Aragorn an. Dieser rührte sich lange nicht.
„Ich wollte nicht mehr, daß sie mit mir machen kann, was sie will. Sie... sie sollte mich lieber töten als mich weiter quälen, ich wollte ihr ein letztes Mal gegenüberstehen und sie selbst einen Fehler begehen lassen...“
Nahezu unverständlich war die Erklärung Aragorns für Sam, Frodo und Liliane hörten schon gar nicht mehr, was Aragorn überhaupt sagte, denn er hatte den Kopf noch immer auf die Knie gelegt und blickte nicht auf.
Sam ließ sich schwer zu Boden sinken.
Aragorn war verrückt geworden. Nur verübeln konnte er es ihm nicht, denn wie sollte man in diesem Loch mit Aussicht auf den Untergang von allem, was gut war, noch bei klarem Verstand bleiben?
„Es gibt noch Hoffnung, Aragorn, was redest du denn da? Seit Tagen tut sich hier nichts, warum vertraust du denn nicht auf die anderen? Dazu sind Freunde doch da, damit man ihnen vertraut! Sie schaffen es zum Orthanc, sie haben einen Vorsprung. Noch ist nicht alles verloren!“
Aragorn lachte bitter.
„Sicher. Du mußt ja auch nicht das größte freie Reich Mittelerdes regieren und läufst allein aufgrund dieser Aufgabe Gefahr, bald mehr erdulden zu müssen als jeder andere! Eines Tages bringt sie mich um, aber nicht einfach so, sie wird mich zu Tode foltern. Ihr habt sie doch gesehen!“
Die Hoffnungslosigkeit in Aragorns Stimme bereitete Sam eine Gänsehaut. Er überlegte für einen Moment, was er darauf erwidern sollte.
„Unsinn... nichts wird geschehen. Komm endlich wieder zu dir!“
„Ich bin bei Sinnen, Samweis Gamdschie! Ist dir nicht klar, daß ich gerade meinen Leibwächter dem Henker übergeben habe? Was soll ich noch tun? Was tue ich dir als nächstes an? Oder vielleicht beginne ich mit den beiden hinter dir? Ich sollte tot sein, ich gefährde euch nur!“
Sam wollte Aragorn in einer tröstenden Geste Mut zusprechen, aber kaum daß er sich ihm näherte, stieß Aragorn ihn grob zurück, sprang auf und kauerte sich in einer Ecke zusammen, ohne sich wieder zu rühren.
Sam versuchte, Aragorn zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. Aragorn verlor langsam, aber sicher den Verstand. Diese Gefangenschaft zehrte ihn in jeder Hinsicht aus, und mehr als das.

Bergil leistete im ersten Moment keinerlei Gegenwehr. Daß Aragorn ihm seinen Dolch zugesteckt hatte, hatte er gespürt, nur half ihm dies noch nicht. Man hielt ihn zu unerbittlich fest, als daß er sich hätte rühren können.
Man zog ihn unnachgiebig in Richtung der großen Halle. Bergil spürte, wie ihn ein kalter Schauer der Angst überlief, denn er fürchtete Thuringwethil mehr als den Tod. Er hatte gesehen, wie sie Faramir, Frodo, Liliane und auch die anderen hatte leiden lassen, er hatte gesehen, wie jeder sich quälte, was würde ihn nun erwarten?
Er fand sich im nächsten Moment in der Halle stehend wieder. Erst wollte man ihn festketten, sah dann aber doch davon ab. Mit Schwertern hielt man ihn in Schach, bis im nächsten Moment schattengleich und äußerst geschwind Thuringwethil in der Halle auftauchte, mit ihren Katzenaugen giftig auf Bergil herabstierend, der ob ihrer gigantischen schwarzen Gestalt zurückwich.
„Ein Unruhestifter also? Du suchst den Tod? Habe ich nicht damit gedroht, jeden zu töten, der störend auffällt?“
Bergil schluckte hart. Daß dies kein Spiel war, wußte er gut genug.
„I-ich wollte nicht...“ begann er leise, aber Thuringwethil hörte gar nicht hin, wartete gar nicht auf Entschuldigungen oder Erklärungen, sondern hob in einer gerinschätzigen Bewegung eine ihrer Schwingen und befahl kalt: „Enthauptet ihn.“
Bergils Knie wurden weich. Seine Kehle schnürte sich zu in Todesangst, alle Farbe wich ihm aus dem Gesicht und er schrie auf in Panik, als man ihn wiederum packte und zu seinem weiteren Entsetzen hinüber zur Streckbank zerrte, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Nein! Tut das nicht!“ schrie er unkontrolliert, wollte fliehen, aber er schaffte es nicht. So sehr er sich auch dagegen stemmte, er konnte nicht verhindern, daß man ihn zur Streckbank hinüberschleppte.
Er hörte nur noch ein leises Rauschen, das ihm verriet, daß Thuringwethil nicht einmal mehr seiner Hinrichtung beiwohnen wollte. Sie zog es vor, wieder zu verschwinden und ihre Diener die Drecksarbeit erledigen zu lassen.
„Bei den Valar, habt Erbarmen!“ flehte er, als man ihn gegen die Streckbank stieß, die ihm von Nahem betrachtet einen Schauer über den Rücken jagte, weil er sich der Dimension der Folter erst jetzt wirklich bewußt war.
Unerbittlich drückte man ihn mit dem Oberkörper nach unten. Er konnte seine Arme nicht mehr weit bewegen, spürte schwere Arme auf seinem Rücken und den Schultern, dann zwei starke Hände an seinem Kopf, die ihn festhielten und hinunterpreßten. Bergil keuchte in Todesangst, doch plötzlich hatte er eine Idee.
Metallenes Kratzen verriet ihm, daß man das Schwert bereits zog und zum tödlichen Schlag ansetzen wollte. Er konnte nichts sehen, aber er wußte, jetzt mußte es schnell gehen.
Mit zitternden Fingern griff er nach dem Dolch in seinem Hosenbund, umklammerte ihn mit der Hand, dann stieß er nur noch den Arm nach hinten weg in die Richtung, in der er den Mann vermutete, der ihn auf die Streckbank preßte.
Ein Aufschrei ging durch die Halle, warmes Blut sickerte in Sekundenbruchteilen über Bergils Finger, aber er zögerte nicht. Sofort holte er wieder aus, zog den Kopf nach hinten weg und schlug mit dem Dolch nach dem Mann, der gerade das Schwert auf ihn hatte niedersausen lassen wollen.
Schwer atmend richtete sich auf und blickte sich nur kurz um. Er sah, daß er einen Mann nahezu tödlich getroffen hatte, mit einer tiefen Stichwunde war er zu Boden gesunken und rührte sich nicht, obwohl er noch lebte. Denjenigen, der sein Henker hatte werden sollen, hatte er quer über den Bauch mit der Klinge gestreift, die beiden anderen, die noch dabei standen, starrten ebenso erstaunt auf die Verletzten wie er und regten sich nicht.
Ohne Zeit zu verlieren wandte Bergil sich ab, hielt den Dolch noch fest und rannte um sein Leben, er hastete atemlos in Richtung des Eingangs, aus dem sie gekommen waren, er lief so schnell wie noch nie zuvor.
„Haltet ihn!“ brüllte man ihn noch hinterher, aber er nahm es kaum wahr, denn alles flog an ihm vorbei, während er in einen ihm unbekannten, völlig finsteren Gang hastete und zuerst gegen die Wand lief. Mit Sternen vor den Augen taumelte er weiter, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, er lief um sein Leben, denn dieses war noch immer in Gefahr.
Er hörte, wie Schritte ihm folgen wollten, aber er huschte in einen Nebengang, sobald er einen fand, stand plötzlich auf dem großen Hauptweg und rannte in eine weitläufige Halle, die er nicht kannte, um von dort aus atemlos den Weg in eine kleine Kammer einzuschlagen. Von dort aus, das sah er im Augenwinkel, führt eine Treppe hoch in den Berg, die er hastig erklomm, er spürte sein Herz hämmern und schnappte nach Luft.
Immer weiter rannte er. Um ihn herum war alles still, während er die Treppe hinaufhastete und sich schließlich in einer kleinen, leeren Kammer wiederfand, die stockfinster war und ihm deshalb nicht verriet, ob sie einen weiteren Ausgang hatte.
Schwer atmend blieb er dort sitzen, unfähig, zu glauben, was soeben geschehen war. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand und steckte zitternd den blutverschmierten Dolch weg, dankbar, daß er noch am Leben war.


Dreiundzwanzigstes Kapitel

Noch immer saß er, mit angezogenen Beinen rücklings an die kalte Wand gelehnt, in einer winzigen Kammer, die den fast zu Staub zerfallenden alten Bettstätten nach zu urteilen ein Schlafraum gewesen sein mußte, doch mehr gab es darin nicht.
Der junge Mann hatte sich erst wieder beruhigen müssen, dann hatte er sich nicht getraut, den Raum wieder zu verlassen. Unter ihm, das hörte er durch den schmalen Treppenschacht, den er erklommen hatte, liefen Männer laut rufend herum und schienen nach ihm zu suchen, lange hatte er sie gehört, doch irgendwann waren die Stimmen wieder verstummt und alles war still geworden.
Das warme, flackernde Licht seiner Fackel war nur schwach, aber es genügte dem königstreuen Mann, der unentwegt auf den kurzen Dolch starrte, den er einfach vor seinen Füßen hatte liegen lassen.
Er hatte zu vernehmen geglaubt, daß der Mann, dem er mit der Waffe die Bauchwunde beigebracht hatte, daran gestorben war. Trotz aller Panik und Verzweiflung verspürte er noch Mitleid, denn eigentlich hatte er niemanden töten wollen, er hatte sich nur verteidigt.
Das dickflüssige, dunkle Blut trocknete langsam, aber an manchen Stellen glänzte es tiefrot auf der silberfunkelnden Klinge, die Bergil das Leben gerettet hatte.
Noch immer war er zutiefst verwirrt und erschüttert. Seit bestimmt einer Stunde starrte er in die immer bewegte Flamme der Fackel, aber er selbst rührte sich nicht.
Ihm ging zuviel durch den Kopf.
Daß sein König nicht mehr er selbst gewesen war, war Bergil nicht verborgen geblieben, aber daß er plötzlich derart ausrastete, hatte er niemals im Entferntesten erwartet. Es hatte ihn verängstigt, denn er hatte nie zuvor seinen König seine Haltung verlieren sehen. Fassungslos war er wohl zuvor gewesen, aber nicht so erschüttert, daß er sich selbst zerstören wollte.
Was war nur vorgefallen, das Aragorn dorthin getrieben hatte? Konnte Thuringwethil wirklich eine derart tiefe Furcht in dem sonst so unerschrockenen König ausgelöst haben?
Er hatte sich selbst umbringen wollen. Ihm war alles gleichgültig gewesen, er hatte fast den Verstand verloren.
Bergil hatte um das Wohl seines Herrschers und Freundes gefürchtet. Natürlich hatte er vernommen, daß Thuringwethil eher alle anderen Gefangenen als gerade Aragorn töten wollte, aber Bergil hatte dies bezweifelt und Aragorn retten wollen, indem er sich vor ihn gestellt und die Schuld auf sich genommen hatte. Als des Königs Leibwächter war es seine verdammte Pflicht, dessen Leben zu schützen!
Aragorn hatte sichtlich nicht zu reagieren gewußt, aber er hatte Bergil, obwohl er ihm nicht zu Hilfe geeilt war, um keinen Preis dem sicheren Tode überlassen wollen. Weshalb sonst hatte er ihm den Dolch zugesteckt?
Somit hatte er im Gegenzug auch sein Leben gerettet. Das war es Bergil wert gewesen, so sein König nur sicher war, wollte er zufrieden sein.
Ohne den Dolch wäre er nun tot.
Ein Schauer jagte ihm über den Rücken, als er nur daran dachte, und noch immer hallte Thuringwethils gnadenloser Befehl in seinem Kopf nach, der einfach hatte folgen müssen.
Aber ob es von irgendeinem Nutzen war, daß er noch lebte?
Er befand sich irgendwo unter der Zirakzigil in den Tiefen der Erde, in den Minen von Moria, die er nur aus Erzählungen kannte. Sein König und die Hobbits waren gefangen in einem bewachten Kerker, Bergil würde aber auch den Weg nach draußen nicht finden können. Inzwischen wußte er nicht mehr, wie er die Endlose Treppe hätte finden können, und einen anderen Weg gab es für ihn ohnehin nicht.
Er sehnte sich plötzlich so sehr danach, einfach nur den Weg nach Hause einschlagen zu können, endlich in die Heimat zurückzugelangen, die nun so fern und unerreichbar war. Er wollte zurück zu seiner Frau und seinem Sohn, er wollte ein guter Vater sein und weiter seinen Wachdienst ableisten, wie er es die letzten Jahre über getan hatte.
Aber er saß allein und verloren in Khazad-dum und mußte den Schergen der Dämonin entgehen, die ein Todesurteil über ihn gesprochen hatte, und sie würde das weiter tun, wenn es ihr gelingen sollte, Mittelerde zu unterwerfen.
Sie besaß die nötigen Fähigkeiten. Sie verfolgte ihr Ziel schon so lange ohne einen Umweg und hatte es fast erreicht. Zehn von elf Splitterstücken hielt sie bereits in Händen, das elfte würde bald folgen, wenn nicht die Freunde schneller waren als der Feind.
Somit würde Bergil vielleicht niemals seine Familie wiedersehen.
Er sah wieder Sam vor sich. Er sah, wie der Hobbit, hilflos ob seiner Gefangenschaft, durch die Zelle lief und sich zu seiner Familie zurückwünschte, und in diesem Moment teilte Bergil diese Sehnsucht so sehr, daß es schmerzte, er hätte es nicht in Worte fassen können.
Er verstand den Hobbit so gut. Nichts wäre nun besser, als endlich wieder daheim zu sein.
Aber die Heimat konnte nicht sicher sein, solange Thuringwethil ihr Unwesen trieb!
Doch was sollte er nun tun?
Er starrte wiederum auf den Dolch. Die blutverkrustete Klinge war sein einziges Mittel, sich irgendwie zu verteidigen. Langsam erhob er sich und griff danach, rieb das Metall an der Wand vorbei und reinigte die Klinge so zum größten Teil, bevor er sie wegsteckte.
Inzwischen waren Stunden vergangen, es war Nacht, man suchte wohl woanders nach ihm. Ewig konnte er nicht in der Kammer sitzenbleiben, er mußte handeln, doch wie?
Er dachte nach, während er die Treppe leise wieder hinabstieg. Es war wohl sinnlos, versuchen zu wollen, die anderen aus dem Kerker zu befreien. Den Weg würde er wohl finden, aber er war allein und sie wurden bewacht.
Zu gern wäre er dorthin gegangen! Er hätte sie so gern wissen lassen, daß er noch am Leben war, er wollte sich bei Aragorn bedanken, den vieren beistehen und sie in Sicherheit bringen, aber es war ihm unmöglich.
Aber wie sollte er einen Weg aus Moria heraus finden? Er wußte doch gar nicht, wo er sich jetzt überhaupt befand - er würde sich rettungslos in den Minen verirren, wenn er nicht acht gab, und er bezweifelte, daß er den Hauptweg finden würde.
Dennoch wollte er sich nützlich machen. Sehr vorsichtig blickte er sich um, spähte in die Halle, die er nun betrat, aber sie war leer.
Er lebte noch. Und er würde diesen Kerlen zeigen, was es bedeutete, einen Ehrenmann Gondors herauszufordern! Sie hatten ihn nicht umgebracht, aber er würde sie umbringen, denn er hatte seinen Schock überwunden und würde nun als heimlicher Spion sein Unwesen treiben, weil ihm keine andere Wahl blieb.
Zuerst brauchte er ein richtiges Schwert. Man hatte ihm sein eigenes, ein teures Stück aus der königlichen Waffenkammer, abgenommen, ebenso Anduril. Das bereitete ihm Bauchschmerzen, denn zumindest die Waffe des Königs wollte er gesichert wissen!
Er hätte sie besser den anderen überlassen, nun war sie fort.
Er würde sich also auf den Weg machen und sie alle aushorchen und versuchen, Anduril wiederzufinden. Sie würden es nicht gewagt haben, die Waffe zu verlieren!
Schattengleich huschte er an der Wand entlang. Entschlossenheit prägte seine Züge, er war zu allem bereit und beschloß, nichts und niemanden zu fürchten. Irgendwohin würde sein Weg ihn schon führen.
Angestrengt lauschend setzte er seinen Weg durch diverse Gänge fort. Alles blieb still. Wahrscheinlich, so vermutete er, suchte man überall nach ihm, aber nicht in der großen Haupthalle, aus der er geflohen war.
Auf leisen Sohlen pirschte er sich an diese heran. Er näherte sich durch den Eingang, welcher bislang immer sein Zugang dorthin gewesen war, und er entdeckte irgendwo an der gegenüberliegenden Seite in Richtung einer Kammer zwei Wächter, die sich angeregt unterhaltend an der Wand standen und auf nichts anderes achteten als ihr Gespräch.
Bergil überlegte. Passend wäre es, wenn die Waffen irgendwo ganz in der Nähe lagen, also mußte er an den Männern vorbei.
Sie hatten alles im Blickfeld. Sie waren zu zweit und hatten große Schwerter, also was sollte er tun?
Wo hatte er nur seinen selbstgebauten Bogen verloren? Diesen könnte er nun so gut gebrauchen...
Doch halt - hatte er nicht irgendwo einen Raum passiert, in dem schlechtere Speere und Holzlatten gestanden hatten nebst anderen handwerklichen Rohstoffen?
Zwerge gab es keine mehr in Khazad-dum, aber sie hatten nicht alles mitgenommen!
Geschwind schlich er zurück. In der Tat hatte er es richtig gesehen und einen Raum entdeckt, in dem allerhand Gerümpel zu finden war, Holzreste und irgendwelche metallenen Haken, Hämmer und ein Amboß, eine Feuerstatt und, unter einem kleinen Steinhaufen, eine Axt.
Ordentlich waren die Zwerge wohl nicht, dachte Bergil bei sich, während er die Axt an sich nahm, die klapprige Holztür des Raumes hinter sich verschloß und nach einem Speer und der Axt griff. Kurzerhand zerschlug er den langen, schlanken Speer in mehrere kurze Stücke, suchte dann in den Bergen von Holz herum und prüfte das Holz auf seine Biegsamkeit. Nach einigen Minuten hatte er eine schmale Latte gefunden, die er etwas kürzte, aber immer noch ein langes Stück in der Hand hielt, das er mit einiger Kraft an einer Wand bog, dann griff er nach dem Rest seines Bindfadenknäuels für alle Notfälle und band es als notdürftige Sehne an die eingeritzten Enden des Holzes.
Dem Bogen schenkte er vorübergehend keine weitere Beachtung, sondern wandte sich stattdessen den grob geschlagenen Pfeilen zu, denen er als Behelfsfedern sehr dünne Holzstücke aufsetzte, bevor er die anderen Enden mit seinem Dolch empfindlich zuspitzte.
Nun kam es darauf an. Der stark gespannte Bogen ließ sich nur schwer ziehen, es fiel ihm auch nicht leicht, den Pfeil richtig zu halten, aber schließlich ließ er die Sehne los, nachdem er auf einen dunklen Fleck an der einige Meter entfernten Wand gezielt hatte.
Wirklich getroffen hatte er diesen damit nicht, aber der Pfeil war nicht weit davon entfernt gegen die Wand geprallt.
Es mußte eben reichen.
Trotz allem kannte der junge Mann keine Hast. Nun endlich besser bewaffnet, schlich er zurück zur Haupthalle und verbarg sich im Schatten, von wo aus er auf einen der beiden Wächter seelenruhig zielte.
Die Muskeln in seinem Nacken und dem linken Arm, mit dem er den Bogen hielt, begannen schließlich vor Anspannung zu zittern, worauf er den Pfeil losschnellen ließ.
Etwas schwerfällig, fallend und nicht besonders schnell flog der Pfeil durch die Halle, aber der Bogen stand derart unter Druck, daß er das nicht besonders flugtüchtige Geschoß zuverlässig ins Ziel beförderte. Irgendwo in der Lendengegend traf der Pfeil mit ziemlicher Wucht den ersten Mann, was Bergil sofort den zweiten Pfeil hinterherschicken ließ, um auch den anderen Mann außer Gefecht zu setzen, der sofort nach ihm mit Blicken suchte.
Der Pfeil traf nur ins Leere, Bergil verfehlte den Wächter. Er legte den dritten von seinen fünf Pfeilen nach, zielte und schoß. Diesmal traf er sein Ziel, der Pfeil bohrte sich zwischen den Rippen des Mannes in sein Fleisch und ließen ihn in die Knie gehen.
Die beiden Wächter wußten kaum, wie ihnen geschah, als Bergil wiederum schoß, seine letzten beiden Pfeile opferte und sie damit noch tödlicher verwundete.
Am Rande des Vergessens konnten sie nur noch mitansehen, wie der Krieger flink an ihnen vorbei in die Nebenkammer huschte und einen überraschten Ausruf ausstieß.
Hier war zentral alles gelagert. Vorräte stapelten sich bis unter die Decke, es war außerdem die Waffenkammer und auch Decken konnte er dort finden.
Blindlings griff er nach einer Tasche, die zwischen den Decken lag, und stopfte wahllos einige Nahrungsmittel hinein, während er mit den Blicken zwischen den Schwertern suchte. Auch gute Bögen und Pfeile fand er.
Obst, Brot und Wasserflaschen verstaute er in der Tasche, steckte mehr als ein Dutzend Pfeile dazu und hängte sich einen Bogen über die Schulter, bevor er zwischen den herumliegenden Schwertern nach seiner und den Waffen seiner Freunde suchte.
Zuerst fiel ihm Stich ins Auge. Frodos kurzes Schwert lag mittendrin, unbeachtet von denen, die es seinem Besitzer gestohlen hatten. Auch dieses steckte Bergil in den Rucksack, schob die anderen Schwerter auseinander, dann fand er endlich sein eigenes Schwert mitten dazwischen.
Aber wo war Anduril? Er bezweifelte zu Recht, daß die Waffe des König zwischen allen anderen lag. In der Tat hatte man die Flamme des Westens auf einen Tisch, der hinter Bergil in einer Ecke stand, gelegt und einige Mithrilbrocken, die man in den Tiefen Morias gefunden hatte, daneben gelagert.
Ohne Zeit zu verlieren schnallte Bergil sich erneut beide Waffen an den Gürtel, zog sein eigenes Schwert aber sofort aus der Scheide und verließ den Raum dann wieder, diesmal bis an die Zähne bewaffnet.
Einer der Männer lebte noch, hatte die Augen aber geschlossen. Bergil sah ihn nur noch atmen, aber er kümmerte sich nicht weiter darum.
Wer der Dämonin diente, hatte keine Gnade verdient, umgekehrt ließ man ihnen auch keine zukommen.
Er hatte sich zu helfen gewußt. Ohne sich um etwas anderes zu kümmern, rannte Bergil den finsteren Gang hinab, stand schließlich auf dem breiten Hauptgang und beschloß, diesem in vermuteter westlicher Richtung zu folgen gen Hulstentor.
Er beabsichtigte, jeden herauszufordern, der sich ihm entgegenstellte. Er wollte Thuringwethils selbsternannte Armee dezimieren, bevor sie ausschwärmen konnte - anders konnte er sich kaum nützlich machen.
Aufmerksam betrachtete er alles, was er passierte, denn er fürchtete, sich zu verlaufen. Instinktiv folgte er dem Hauptweg, aber er war auf der Hut, denn er mußte sich im Notfall geschwind verstecken können.
Bergil blickte nicht zurück. Er hatte etwas zu essen, seinen Umhang und Waffen, mehr brauchte er in diesem Moment nicht.

„Bei Eru, haben die denn niemals einen Wachwechsel?“ brummte Gimli unwirsch. Legolas zuckte unbestimmt mit den Schultern.
„Der wird schon kommen, keine Sorge“, murmelte er als Antwort, war aber nicht ganz bei der Sache.
Bäuchlings lagen Gandalf, Legolas und Gimli hinter einem Gebüsch in der wie üblich früh hereinbrechenden Abenddämmerung, denn die Wolken hatten sich seit Tagen nicht mehr verzogen. Das Nebelgebirge lag unter einem dunklen, feindlich anmutenden Grau, das ihnen nicht sonderlich behagte, aber sie sorgten sich nicht länger darum, da sie ohnehin nichts dagegen unternehmen konnten.
Sie waren nahezu rastlos gen Moria geritten, denn der Abstand zu den Feinden durfte sich nicht verringern, sie mußten um jeden Preis vor diesen die Minen erreicht haben. Das war bislang auch gelungen, aber nun mußten sie irgendwie in die Minen hineinkommen mit ihrer wertvollen Fracht, ohne dem Feind ins Netz zu gehen.
Stundenlang beobachteten sie inzwischen die Wachen, die mehr als ein halbes Dutzend zählten und somit in der Überzahl waren.
„Schieß doch einfach auf sie, Legolas“, schlug Gimli zum wiederholten Male vor, aber das war Legolas zu riskant. Die Männer waren zu nah am Tor und konnten hineinlaufen, sobald er den ersten Pfeil abgeschossen hatte, und schon war der Feind wiederum gewarnt.
„Ich bin zu weit entfernt!“ erklärte Legolas geduldig. Gandalf, dem die Situation nicht sonderlich gefiel, sagte: „Wir warten bis zum Wachwechsel, da gibt es nichts zu diskutieren! Der muß bald kommen. Und sobald er stattfindet, werden wir gleich ein Dutzend Männer für uns unschädlich machen, außerdem achtet da niemand auf uns und wir schaffen es, hinzulaufen.“
Gimli runzelte die Stirn. Er fand den Plan nicht besonders gut. Ein Dutzend war etwas mehr als ein halbes Dutzend, was auch schon schwer zu besiegen war, und das fand er zu gefährlich.
Auf der anderen Seite waren sie auch gute Kämpfer und würden weniger in Gefahr sein, wenn sie diese Hürde erst einmal hinter sich gebracht hatten.
„Das wird etwas langweilig hier“, bemerkte Gimli ungeduldig. Er legte seine Axt nicht mehr aus der Hand, auch wenn sie im Augenblick nicht von sonderlicher Bedeutung war.
Die drei waren etwa hundert Fuß von den Wachen entfernt und unterhielten sich seit Stunden nur im Flüsterton, der vom plätschernden Wasser überdeckt wurde. Die Pferde hatten sie eine ganze Zeit vorher fortgeschickt und sich unbemerkt angeschlichen.
Es verstrich noch etwa eine halbe Stunde, in der es stockfinster wurde, aber dann rührte sich endlich etwas bei den Wachen.
„Seht, die Ablösung kommt!“ zischte Legolas und richtete sich halb auf, bevor er bereits nach Pfeil und Bogen griff. Jetzt halfen nur Schnelligkeit und Unerschrockenheit.
Gandalf zog in einer entschlossenen Geste Glamdring, Gimli machte ein sehr zufriedenes Gesicht und lief voran, brach geräuschvoll aus dem Gebüsch hervor, dann rannte er auf das Tor zu.
Legolas schoß bereits. Er ließ Gandalf und Gimli erst voranlaufen und hielt sich als Schütze im Hintergrund, zielte sehr sicher und traf auf Anhieb vier der dreizehn Männer.
Einige dieser waren ebenfalls als Bogenschützen ausgerüstet, doch es sollte ihnen nicht gelingen, die drei Angreifer zu treffen. An Gimlis Kettenhemd prallten sie diesmal ab, der Zwerg stellte sich den Schützen überraschend unerschrocken entgegen und hielt auch Pfeile von Gandalf ab, der ihm folgte.
Als die beiden herangekommen war und Legolas in der Zwischenzeit noch zwei Männer getroffen hatte, griffen sie mit ihren Waffen an. Gimli schlug mit der Axt nach einem der Krieger, während Gandalf hochkonzentriert mit gleich zwei Angreifern einen Kampf ausfocht. Legolas eilte ihm und Gimli mit gezogenen Langmessern zu Hilfe, traf einen Mann auf Anhieb tödlich und rang dann mit zwei weiteren.
Die drei Freunde waren derart entschlossen, daß ihre Gegner ihnen wenig entgegenzusetzen hatten. Gnade walten ließen sie diesmal keine, so dauerten die Zweikämpfe auch nicht besonders lang, und schon standen sie als Sieger zwischen den besiegten Feinden, die sich nicht mehr rührten.
Gandalfs Kutte war teilweise mit Blut bespritzt, die Schneide von Gimlis Axt tropfte von Blut und Legolas reinigte mit einem alten Fetzen aus seiner Tasche seine Messer. Man hatte ihn einmal fast getroffen, deshalb hatte er genau wie Gandalf einige Schnitte in der Kleidung, aber sie alle waren nicht einmal verletzt.
„Die sollten sich wundern“, bemerkte Gimli trocken und zuckte fast desinteressiert mit den Schultern.
„Man, mellon nin?“ fragte Legolas überrascht, wohlwissend, daß Gimli einige Brocken Sindarin verstand.
„Sag jetzt noch, daß sie dir leid tun, Spitzohr, und ich erkläre dich für verrückt!“
„Gimli, immerhin haben wir Leben ausgelöscht, da ist es ganz gleich, wessen Leben dies waren!“
„Schön, aber vielleicht ist dir aufgefallen, daß hier einige von den Männern dabei waren, die uns überfallen haben! Ich habe den Mistkerl erwischt, der dich verletzt hat, und vielleicht ist auch der nun tot, der auf mich geschossen hat! Ich bitte dich, die wollten uns in der Einöde sterben lassen, da werde ich mich jetzt wohl kaum bei ihnen für meinen Sieg entschuldigen!“
Fast streng musterte Gandalf die beiden streitenden Freunde. Er konnte Gimlis Groll gut verstehen, aber auch Legolas hatte Recht.
„Natürlich ist es nie schön, jemanden zu töten, aber was sonst hätten wir tun sollen?“
„Genau, wer ist es denn, der hier unsere Freunde foltert?“ pflichtete Gimli Gandalf bei.
„Schluß jetzt“, erwiderte Gandalf kurz angebunden, was Gimli ein wenig irritierte. Dann überlegten sie, was sie mit den Toten anfangen sollen, denn sie liegenzulassen erschien ihnen zu auffällig.
„Aber Blutspuren gibt es auf jeden Fall, dann ist es gleichgültig, ob wir sie verstecken oder nicht“, überlegte Legolas laut.
Die drei beschlossen, sich damit nicht länger aufzuhalten. Ihre Anwesenheit würde ohnehin auffallen, aber sie waren schnell und zu allem bereit. Ohne länger zu zögern, liefen sie durch das Tor hinein nach Khazad-dum.
„Es ist nicht dunkel“, bemerkte Legolas, dem sofort die Fackeln an den Wänden ins Auge stachen. Er erinnerte sich an Moria als einen zutiefst düsteren Ort.
„Nicht, daß Thuringwethil Licht bräuchte, aber ihre Männer brauchen es“, erklärte Gandalf leise.
„Ich auch“, fügte Gimli grinsend hinzu. Er war nun angesichts ihres erfolgreichen Eindringens guter Dinge.
„Zwergenbinge will von diesem Scheusal befreit werden, das hier ist Zwergengebiet und nichts für einen derart scheußlichen Dämon!“
„Ihre Heimat ist die düstere Unterwelt Utumnos und Tol-in-Gaurhoths, was erwartest du?“ erwiderte Legolas mit einem kurzen Seitenblick.
„Ganz Mittelerde muß von ihr befreit werden“, murmelte Gimli dann, als er es für zu engstirnig betrachtet hielt, nur von zwergischen Belangen auszugehen.
„Dazu müssen wir sie und den Kristall erst finden. Wo könnte sie sein?“ fragte Legolas. Gandalf zuckte mit den Schultern.
„Ich habe eine Vermutung“, erklärte der Zauberer, „sie ist immerhin groß und wird sich dort aufhalten, wo genügend Platz vorhanden ist. Wie wir wissen, betrifft das die großen Haupthallen mitten unter dem Berg. Und außerdem nehme ich an, daß sie in die Tiefen der Erde hinabsteigt, die niemand kennt, denn dort hausen Kreaturen, die ihresgleichen sind.“
„Du weißt es doch, Mithrandir“, widersprach Legolas vorsichtig.
„Ja, aber ich habe mich bemüht, sie zu vergessen.“
Mehr wollte Gandalf darüber nicht sagen. Aber ihnen allen erschien seine Annahme als sehr wahrscheinlich.
„Folgen wir dem Hauptweg?“ fragte Gimli.
„Wenn du keinen anderen geheimen Weg kennst, müssen wir das wohl“, antwortete Gandalf zum Zwerg gewandt. Gimli dachte nach.
„Nun, ich war selten hier und weiß nicht, wie sehr manche Wege verwüstet sein können... wenn wir uns nicht verlaufen wollen, sollten wir auf dem Hauptweg bleiben, würde ich sagen.“
Das war zwar fürs Erste die gefährlichere Variante, aber sie wollten sich vorsehen.
Leises Wassertropfen drang an ihre Ohren, als sie tiefer in den Berg hinabstiegen. Die Wände waren feuchtglänzend und dunkel, fast schwarz, wo kein Licht hinfiel, doch dieses leuchtete nur sehr spärlich.
Alles war still. Die Männer hielten sich nur an bestimmten Orten auf, das übrige Minengebiet war völlig leer.
Wie damals im Ringkrieg wanderten die drei durch die Düsternis der unterirdischen Pfade und Tunnel, stiegen Treppen hinab und folgten sich windenden Wegen. Viele Pfade zweigten vom Hauptweg ab, aus denen kalte Luft in ihre Richtung strömte oder faulig riechender Gestank an ihre Nasen drang, manchmal schien die Luft geradezu zu stehen.
Schmiedestätten und Wohnräume, große und kleine Hallen passierten sie, gestützt von mächtigen steinernen Säulen. Hinab führte der Weg in die Dunkelheit, an Brunnen oder eingestürzten Felswänden vorbei, totenstill und leer.
„Wo sind die denn alle? Die können unmöglich fort sein!“ murmelte Gimli skeptisch. Doch nach nicht allzu langer Zeit fanden sie eine Antwort auf die Frage des Zwerges. Als sie sich einer Halle näherten, hörten sie von dort Stimmen kommen und entdeckten beim vorsichtigen Hineinspähen durch die Tür kein halbes Dutzend Männer, mit dem sie sich jedoch auch nicht weiter befassen wollten.
„Bleiben wir unentdeckt und umgehen sie“, schlug überraschend Gimli vor, der noch immer die Worte seines elbischen Freundes im Ohr hatte und außerdem einen Weg kannte, diesen Ort nicht betreten zu müssen.
Sie waren alle für die gewaltlose Möglichkeit, ihren Weg weiter zu beschreiten, und so führte Gimli seine Freunde in einen Nebengang, der über einige Umwege an der Halle vorbeiführte und das Betreten von dieser überflüssig machte.
Immer tiefer ging es in den Berg. Achtsam beschritten die Freunde ihren Weg, bis sie irgendwann, es mochte spät in der Nacht sein, sehr müde wurden und sich abseits des Hauptweges schlafen legten für eine kurze Weile.
Diesmal war Legolas an der Reihe, Wache zu halten, was er auch gewissenhaft ausführte. Er mußte sehr darauf achten, daß niemand ihnen zu nah kam, denn Gandalf trug noch immer den letzten, den richtigen Splitter bei sich.
Es war dunkel. Vom Gang her fiel ein wenig Licht in die Kammer, in die sie sich zurückgezogen hatten, aber sonst war alles finster. Geschützt hinter einigem Gerümpel hatten sie sich versteckt, Gimli schlief in seinen Umhang gewickelt und Gandalf ließ die Hände nicht ab von Glamdring und dem Splitter in seiner Tasche.
Neben den beiden sinnierte Legolas lange vor sich hin und lauschte hinaus in die Totenstille Morias, nicht ahnend, was den anderen zugestoßen war.
Bergil befand sich bei ihnen ganz in der Nähe und die anderen verloren zusehends die Zuversicht, denn sie waren schon so lang gefangen.
Wo sie suchen sollten, wußte Legolas nicht. Wie nah das Böse war, konnte er spüren, aber noch hatten sie Thuringwethil nicht gefunden.

Sie genoß das Gefühl, endlich wieder Luft holen zu können, so sehr, daß sie es nicht in Worte hätte fassen können. Liliane hatte wieder Hoffnung. Zwei weitere Tage waren verstrichen, zwei Tage, in denen ihre Schmerzen endlich nachgelassen hatten, sie konnte wieder frei atmen, denn ihre geprellten Rippen peinigten sie nicht mehr so sehr, wie sie es bislang getan hatten. Ihre Lunge konnte endlich wieder atmen, denn aufgrund der Ruhe, die Liliane hatte, war die Quetschung bald zurückgegangen.
Die kleine Hobbitfrau hatte die meiste Zeit an Frodo gelehnt, ohne sich viel zu bewegen, was ihr sehr geholfen hatte. Wenn sie den Kopf in seinen Schoß gebettet hatte, strich er ihr liebevoll über den Kopf und lächelte ermutigend, doch sie war oft nicht sicher, ob sie diesen Mut teilen konnte.
Sie hatte mehr davongetragen als die Quetschung und das war es, was ihr Angst machte. Der riesige Bluterguß auf ihrem Rücken hatte sich inzwischen scheußlich verfärbt, ging aber nicht zurück, und als Aragorn sie sich zum letzten Mal vor einem Tag angesehen hatte, hatte er sehen müssen, daß tatsächlich mit der Wirbelsäule selbst etwas nicht in Ordnung schien. Nicht nur die Blutung trug Schuld an ihrer Lähmung, es war mehr geschehen. Inzwischen hatte sie sich jedoch an die Situation gewöhnt und wehrte sich nicht mehr gegen den Gedanken, für den vielleicht ohnehin nur kurzen Rest ihres Lebens gelähmt und hilflos zu bleiben. Sie wurde einzig durch die Tatsache gequält, daß sie Frodo zur Last fiel.
„Ich werde mich immer um dich kümmern“, hatte er gesagt, so als wäre es selbstverständlich. Das war es jedoch in keinster Weise für Liliane. Es war dazu gekommen, weil sie für ihn eingetreten war, aber es war ihre eigene Schuld gewesen.
„Es ist nicht deine Pflicht, denn es war mein Fehler“, hatte sie darauf erwidert, doch er wollte es nicht gelten lassen.
„Der Grund ist gleichgültig! Wichtig ist nur, daß ich dich liebe und mich als dein Mann immer um dich kümmern werde.“
„Ich werde für immer gelähmt sein! Welcher Mann kann denn eine solche Frau wollen? Du weißt nicht, was du sagst! Am besten ist es wirklich, wenn das Ende jetzt naht, dann wirst du wenigstens nie mehr Gelegenheit haben, deine jetzigen Worte zu bereuen!“
Frodos Gesicht war wie versteinert gewesen. Zuerst hatte er auf ihre bitteren Worte nichts zu erwidern gewußt, aber er hatte nicht gelten lassen wollen, was sie gesagt hatte.
„Du bist mir eine gute Frau, du mußt doch nichts für mich tun! Jetzt muß ich etwas für dich tun, ich will dir auch ein guter Mann sein. Du bist dadurch nicht weniger liebenswert! Gib dich doch nicht auf, ich brauche dich, du mußt kämpfen!“
„Ich kann aber so nicht leben...“ flüsterte sie tonlos. Frodo hatte sie zu trösten versucht, als sie zu weinen begonnen hatte, aber sie wäre am liebsten fortgelaufen, wenn sie gekonnt hätte.
Wie erstarrt hatte sie in seinen Armen gelegen, aber sie sagte nichts mehr und er ließ sie auch nicht los. Er wollte die Hoffnung einfach nicht aufgeben.
Verzweifelt versuchte sie für Stunden, ihre Beine zu bewegen ungeachtet der Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens. Der Bluterguß in ihrem Rücken war spürbar und schmerzte, aber das war alles. Sonst rührte sich lange nichts.
Liliane hoffte fast darauf, daß alles untergehen möge. Wenn sie sich vorstellte, derart hilflos nach Hause zurückzukehren, wurde ihre Verzweiflung endlos groß. Nichts würde sie mehr ohne Hilfe tun können, sich nicht ankleiden oder aufstehen, durch den Garten gehen, mit den Kindern etwas unternehmen... sie würde nur noch irgendwo sitzen können, würde nicht mehr tun können als nähen und Handarbeiten erledigen. Sie würde Rosie nicht mehr zur Hand gehen können mit 15 Kindern im Haus...
Für Stunden hatte sie einfach nur dagesessen, aber eine ganze Zeit später versuchte sie zum wiederholten Male mit aller Willenskraft, ihre Beine zu bewegen. Noch immer konnte sie von der Taille abwärts nichts spüren und haßte das Gefühl, keine Gewalt mehr über sich zu haben.
Irgendetwas schmerzte im Rücken, aber dessen ungeachtet kämpfte sie weiter, wollte Widerstand leisten, konnte sich doch nicht einfach mit ihrer Verfassung abfinden.
Sie starrte auf ihre Füße. Sie wollte einfach nicht gelähmt sein, das war für sie fast wie der Tod, sie wollte weiterleben, hatte einfach ein Recht darauf...
Sie wollte sich nicht von Thuringwethil besiegt wissen. Auch Frodo hatte seine Qualen überwunden.
Mit aller Gewalt versuchte sie, den Fuß zu bewegen und glaubte an eine Täuschung, als sie eine Bewegung ihrer Zehen wahrzunehmen glaubte. Sie sah genauer hin, starrte auf ihren rechten Fuß, dann versuchte sie es erneut und konnte sehen, wie sich ihre Zehen ein wenig bewegten.
Liliane hielt die Luft an. Es stimmte, da war eine Bewegung, zwar klein, aber nicht zu übersehen.
Dennoch schwieg sie. In ihr flammte die Hoffnung wieder auf, aber sie wollte bei niemandem sonst eine vielleicht unberechtigte Hoffnung wecken. Noch war es zu früh.
Sie blickte hinüber zu Aragorn. Frodos Kopf war gegen ihren gesunken, denn er schlief. Die beiden hatten sich aneinander gelehnt.
Aragorn saß noch immer in einer Ecke und schwieg. Er hatte sich seit Stunden nicht bewegt und kümmerte sich um nichts, nicht um den stumm verzweifelten Sam, sah nicht mehr nach Lilianes Verletzungen, tat überhaupt nichts. Sein Blick war tiefdüster, unbewegt, aber seine Gefühle wurden sichtbar durch das feuchte Glänzen in seinen verzweiflungstrüben Augen. Nichts an ihm erinnerte an den König, er sah durch und durch aus wie der Waldläufer von einst, doch er kannte nicht mehr dessen Trotz.
Seit Bergil fort war, hatte Aragorn nicht gegessen. Er verweigerte stur seit zwei Tagen die Nahrung, schien fast zu schlafen, war ausgemergelt und gezeichnet von Hoffnungslosigkeit. Den drei Hobbits machte seine Erscheinung Angst, denn fern seines gewöhnlichen Verhaltens blieb nun plötzlicher Jähzorn zu befürchten, wenn man ihn ansprach.
Mit angezogenen Knien und darauf gestützten Armen saß Aragorn in einer dämmrigen Ecke des Kerkerlochs, ohne auf die Hobbits zu achten, die ihn nicht anzusprechen wagten.
Es blieb für Stunden völlig still im Kerker. Frodo schließ und Liliane beobachtete die gleichbleibend kleine Bewegung ihrer Zehen. Vor Sam lag das letzte Brot, auch ein nicht mehr besonders gefüllter Wasserkrug stand daneben, und genügen würde es alles nur noch für die nächste Mahlzeit.
Liliane dachte an Bergil. Seine Dummheit war sein Todesurteil gewesen, Bergil war tot, ermordet, hatte keine Gnade erfahren, denn Thuringwethil kannte davon nichts.
Liliane wußte, daß Aragorn sich seit zwei Tagen den Tod seines jungen Gefolgsmannes vorwarf. Er war stundenlang nach dessen Abholung in der Zelle herumgelaufen wie ein gehetztes Tier und hatte aus dem vergitterten Loch in der Tür gestarrt, immer in der Hoffnung, ein Zeichen Bergils zu entdecken.
Es war alles still geblieben. Weder Bergil noch irgendjemand sonst hatte sich gezeigt. Aragorn hatte insgeheim die Hoffnung gehegt, daß der Krieger zumindest ein Lebenszeichen geben würde, wenn ihm die Flucht gelungen war, wenn nicht sogar einen Versuch unternahm, seine Freunde zu befreien.
Da sich jedoch nichts rührte, hatte Aragorn spätestens am darauffolgenden Tag einsehen müssen, daß Bergil tot war und er dafür die Verantwortung trug, weil er auch ihn nicht geschützt hatte.
Hatte er überhaupt jemanden geschützt? Er hatte bislang nur versagt, aber nichts auch nur im Ansatz richtig gemacht. Er haßte sich abgrundtief dafür.
Auch die Hobbits trauerten um Bergil. Es ging ihnen allein gleichermaßen elend. Liliane ergab sich völliger Resignation, ihren halben Körper gefühllos zu sehen, raubte ihr fast den Verstand. Sie hatte ebenfalls gehofft, daß Bergil ihnen helfen würde, aber Bergil hatte den Tod gefunden.
Vermutlich war auch Gandalf tot. Auf ihn hätten sie hoffen können, doch auch das war vorbei. Nichts gab es mehr, woran sie sich festhalten konnten.
Frodo sorgte sich immer sehr um Lilianes Befinden und fragte sie oft danach, aber sie war immer gleichermaßen still, schien fast verstört und ließ ihn nicht an sich heran, was fast aussah, als wäre eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Er machte Aragorn für nichts einen Vorwurf, aber er fürchtete ihn plötzlich, denn er hatte in seiner blinden Verzweiflung seinen eigenen Leibwächter geschlagen, einen Freund, und dieser hatte sich sinnlos geopfert, obwohl er dies besser gelassen hätte.
So war er immer schon gewesen. Frodo hatte in der Nacht, als Liliane und Sam schliefen und er Aragorn keine Beachtung schenkte, still geweint, um seinen tapferen Freund geweint, der ihn einst beschützt hatte.
Immer wieder war er für ihn dagewesen, er war immer für jeden dagewesen, und das hatte ihm einen ungerechten Tod beschert.
Bei Sam sah es noch düsterer aus. Er vermißte seine Familie und die Heimat so unbeschreiblich, daß es ihm innerlich das Herz zerreißen wollte. Er fürchtete das Böse und den Schatten so, hatte inständig gehofft, dagegen eintreten zu können wie immer in seinem ganzen Leben, aber nun hatten sie den Kampf zum Schluß doch noch endgültig verloren.
Er hätte zuhause bleiben sollen. So gab es nur Tote und Elend zu beklagen.
Er verspürte trotz der Leere in ihm irgendwann Hunger und bewegte sich. Liliane blickte stumm in seine Richtung, als er aufstand und das verbleibende Brot stur in vier Teile aufteilte. Er reichte Liliane zwei, die Frodo nicht wecken wollte, dann faßte er sich ein Herz und ging hinüber zu Aragorn in die Ecke, um ihm seinen Anteil zu geben.
„Nimm“, bat Sam ihn mit einem freundschaftlichen Lächeln, aber Aragorn blickte nicht einmal auf.
„Gib es ihr, sie braucht es mehr als ich“, erwiderte er kurz angebunden, während er unablässig vor sich auf den Boden starrte, als gäbe es dort etwas ungemein interessantes zu entdecken.
„Du hast jetzt seit zwei Tagen nichts gegessen, glaubst du nicht, daß du es sehr wohl brauchst?“ fragte Sam stirnrunzelnd. Diesmal, das hatte er sich geschworen, wollte er nicht nachgeben, sondern erreichen, daß Aragorn seinen Anteil bekam und das Brot aß. Nicht ein weiteres Mal würde er das Brot zwischen Liliane, Frodo und ihm aufteilen.
„Ich habe keinen Hunger, Sam“, seufzte Aragorn laut.
„Doch, hast du. Jeder muß nach dieser Zeit Hunger haben! Nun hab dich nicht so, warum quälst du dich so? Das führt doch zu nichts!“
„Ist das so! Samweis Gamdschie, jetzt setz dich endlich wieder an deinen Platz und laß mir meinen Frieden! Ich quäle mich nicht, ich habe hier bislang nur jeden anderen gequält und bin der Meinung, daß ich euch am allermeisten dienlich bin, wenn ich gar nicht mehr lebe. Aber wie soll ich sterben ohne eine Klinge? Mein Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden, denn wie stehe ich da? Ich bin der Mörder eines Freundes! Welche Schande könnte größer sein als das?“
Sam verzog das Gesicht, dann steckte er die beiden Brotstücke in seine Taschen, bevor er die Hände in die Seiten stemmte.
„Streicher! Ich habe nicht vor, tatenlos zuzusehen, wie du dich hier durch deinen dummen Stolz zu Tode hungerst! Du bist nicht schuld an Bergils Tod und du bist auch nicht schuld an Herrn Frodos Leid oder Frau Lilianes Verletzung! Niemand hat dir jemals einen Vorwurf gemacht! Wie stehst du denn im Moment da?Wenn jemand klagen dürfte, wären es die beiden“, er deutete auf Frodo und Liliane, „weil sie mehr erlitten haben als du! Was willst du eigentlich? Du bist nicht verletzt, du bist nicht gefoltert worden, du sollst nicht einmal sterben, aber uns droht der Tod! Gar nichts hast du falsch gemacht, aber jetzt...“
Sam kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Blitzschnell war Aragorn aufgesprungen, hatte den Hobbit grob an den Schultern gepackt und stieß ihn zurück gegen die Wand. Sam leistete keinerlei Gegenwehr, sondern starrte nur unbewegt hoch zu Aragorn, dessen Atem stoßweise ging vor lauter Wut, die sich zu entladen drohte.
„Ich bin anders als ihr! Ihr Hobbits habt ein anderes Gemüt als wir Menschen, ihr seht die Realität doch gar nicht! Und außerdem, Samweis, bin ich der König Gondors und deshalb für Thuringwethil besonders interessant. Wir können gern die Rollen tauschen, mein Freund, dann kannst du demnächst ihren gehässigen Sieg erleben, denn das werde ich müssen! Sie wird mich in Knechtschaft zwingen wollen, also warum ziehst du den Tod nicht noch vor? Wir sind verloren, ganz Mittelerde ist verloren! Und ich habe nur Fehler gemacht! Also laß mir doch wenigstens jetzt die Wahl, noch den einzigen Fluchtweg zu nehmen, der mit geblieben ist!“ brüllte Aragorn auf den Hobbit hinab, der verwirrt die Augen zusammenkniff, aber sonst ungerührt stehenblieb.
„Du bist dumm“, erwiderte Sam leise. „Du bist so feige, warum willst du sterben? Du wählst den Freitod? Das ist nun wirklich die schlechteste von allen Möglichkeiten! Die anderen sind noch da draußen mit deinem Splitter, Aragorn, deinem! Wenn du jetzt stirbst, fliehst du vor deiner Verantwortung und das ist ungerecht! Aber tu doch, was du willst.“
Mit diesen Worten stieß Sam den großen Menschen von sich, legte Aragorns Brotanteil mitten im Raum auf den Boden, dann setzte er sich neben Frodo und Liliane, die den beiden wortlos zugehört hatten.
Aragorn starrte ihm wortlos hinterher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß Sam ihm gegenüber eine derartige Frechheit besaß, aber diese hatte ihn so sehr erstaunt, daß er nichts mehr zu erwidern wußte.
Mit unbewegter Miene blickte Sam kauend zu Aragorn hoch und deutete auf das Brot vor seinen Füßen.
„Von uns wird das keiner essen. Entweder es setzt Schimmel an oder du nimmst es endlich!“
Sie alle konnten sehen, wie wütend Aragorn innerlich war, er war sichtlich aufgewühlt, aber er nahm sich sehr zusammen, da er sich in diesem Moment jegliche Handgreiflichkeiten streng untersagte. Zwar hätte er am liebsten vor lauter Wut zugeschlagen, aber er schaffte es, sich zu beherrschen.
Sehr zu ihrer aller Überraschung beugte er sich hinab und nahm das Brot, aber er steckte es nur in seine Tasche.
„Dartho, Elessar“, sagte Frodo plötzlich, was Aragorn aufsehen ließ, direkt in die Augen des Ringträgers, der genau gewußt hatte, daß er Aragorn auf diese Weise auf sich aufmerksam machen konnte.
„Was sagst du da?“
„Wir sind deine Freunde, Aragorn“,erklärte Frodo. „Sam hat Recht. Wir würden uns wünschen, daß du nicht aufgibst, wir brauchen dich noch. Die anderen kommen schon. Noch hat Thuringwethil nicht gewonnen! Du nimmst ihren Sieg vorweg. Deine alte Stärke würde uns allen helfen, denn sie unterschätzt dich!“
Aragorn wußte darauf nichts zu sagen, also blieb er stumm. Er wahrte auch die Distanz zu den Hobbits, weil er sich noch immer schämte, aber er mußte sich eingestehen, daß sie Recht hatten.
Die drei aßen stumm, ohne sich noch um ihn zu kümmern, aber Sam hatte etwas erreicht, das wußte er.
Noch hatte sie nicht gewonnen.


Vierundzwanzigstes Kapitel

Er konnte nicht sagen, ob es drei oder vier Tage waren, die er bereits damit verbrachte, durch Moria zu irren und jeden zum Duell herauszufordern, der sich ihm entgegenstellte.
Bis an die Zähne bewaffnet mit Pfeil, Bogen und Schwert, war er nicht zu unterschätzen, besonders wenn er aus dem Hinterhalt angriff.
Bergil war nicht umsonst ein geschickter, gut geschulter Krieger und hoch angesehen in der königlichen Leibwache der Zitadelle. Unerschrocken schlich er umher, verlief sich gelegentlich, fand den Hauptweg jedoch immer wieder und folgte ihm weiter.
Nicht jeden Wachposten, den er sah, griff er auch an. Je nachdem, wieviele es waren, schlich er lieber unbemerkt auf einem anderen Weg vorbei, denn sein Ziel zu erreichen war ihm wichtiger als das Dezimieren der Feinde. Er mußte das Hulstentor erreichen und damit einen Ausweg, denn er konnte noch hoffen, dort auf Hilfe zu treffen. Wenn er nachrechnete, so kam er zu dem Schluß, daß Legolas, Gimli und Gandalf Moria bald erreicht haben mußten.
Zu gern hätte er die anderen im Kerker befreit, doch das war sinnlos.
Unbeirrt schlich er weiter, obwohl er gar nicht wußte, wo er sich befand. In den letzten Tagen hatte er ein gutes halbes Dutzend Männer besiegt und war zwei Dutzend aus dem Weg gegangen, die wohl alle über ihn und seine tollkühne Flucht gesprochen hatten, aber er hatte auch erfahren, daß man die Suche nach ihm abgebrochen hatte.
Über die Gefangenen konnte er nichts herausfinden, was er nicht schon gewußt hätte. Aragorn schien nicht zuversichtlicher als zuvor und auch die Hobbits hatten nichts nennenswertes getan. Inzwischen war bei den Männern bekannt, daß Liliane zwar noch lebte, aber gelähmt schien.
Allein bei der Vorstellung schüttelte es Bergil.
Weiter und weiter lief er durch Moria, nicht wissend, daß er nicht allein war. Seine Freunde näherten sich ihm am zweiten Tag kontinuierlich über den Hauptweg. Doch der junge Krieger war wachsam.
Es war der späte Nachmittag eines düsteren Tages im Sommer, kühl und sonnenlos, unter dem Berge jedoch finster und kalt, als er Schritte entgegenkommen hörte.
Er befand sich auf einem schmalen, sich über einem Abgrund entlangwindenden Pfad, der keinerlei Ausweichmöglichkeiten bot. Ihm wurde mit einem Schlag heiß und sein Herz hämmerte vor Aufregung, denn er wußte, daß sein Leben auf dem Spiel stand, wenn er entdeckt wurde.
Er mußte planen, was er tat, und diese Gelegenheit hatte er nun nicht.
Wie der Blitz wandte er sich um und hastete so schnell wie möglich den Weg zurück bis in eine Felsnische, die sich irgendwo in der Finsternis auftat. Sein Schwert und Anduril klirrten leise aneinander, was Bergil verärgert brummen ließ. Ungesehen, aber nicht ungehört verschwand er ins Nichts.
„Hast du das gehört?“ fragte jemand in diesem Augenblick sehr leise, dessen Stimme Bergil so nicht erkennen konnte.
„Da war was. Laßt uns vorsichtig sein“, erwiderte jemand anders genauso leise und tonlos. Bergil legte die Hand an den Griff seines Schwertes und zog es sehr leise aus der Scheide, aber dennoch kratzte es leise daran und kam den Unbekannten zu Ohren, wie er glaubte, denn plötzlich blieben sie sogar stehen. Alles war still.
Den Feind aus dem Hinterhalt erwartend, lauerte Bergil in einem Felsspalt, lauschte auf die sich nähernden Schritte, aber die Feinde waren stumm, sprachen nicht mehr.
Bergil schloß die Augen und holte tief Luft. Seinen Zweihänder hielt er sicher in den Händen, blickte dann zur Seite und starrte auf den Pfad, der keine sechs Fuß neben ihm vorbeilief.
Sie waren fast dort.
Niemand sprach, aber sie gingen weiter und plötzlich verdeckte ein großer Schatten das Licht der Fackeln, das die Nische, in der Bergil stand, bis kurz vor seinen Füßen noch erhellt hatte. Bergil konnte nichts erkennen, aber er bewegte sich leicht und wollte mit erhobenem Schwert nach vorn schnellen, um anzugreifen, doch sein Gegenüber hatte seine Sinne derart gut geschärft, daß er sofort den Schlag parierte und Bergil hinterrücks an die Wand zurückdrängte.
Der junge Mann schrie auf und wollte sich wehren, als er plötzlich eine Axt auf sich zuschnellen sah, die jedoch fallengelassen wurde, und er spürte ein elbisches Langmesser metallisch kalt an seine Kehle gepreßt. Vor allem fiel jedoch sein Blick zuerst auf Gandalf, der die Augen verdrehte und Glamdring sinken ließ.
„Bei Eru dem Allmächtigen, willst du dich umbringen?“ entfuhr es dem Zauberer.
Gimli lachte laut.
„Sieh mal einer an, dieser Taugenichts hat doch nichts besseres zu tun, als seinen eigenen Freunden aufzulauern!“
„Ihr!“ seufzte Bergil und fuhr sich über die Stirn. Er zitterte am ganzen Leib vor Anspannung.
„Was machst du denn hier?“ fragte Legolas überrascht. Bergil verzog das Gesicht.
„Das frage ich mich auch. Ich weiß nicht, ich suche euch und den Ausweg, ich suche Feinde, ich bin da nicht wählerisch...“ erklärte er augenzwinkernd.
„Laßt uns erst verschwinden, bevor wir reden!“ mahnte Gandalf, was sie dazu bewegte, den Gang zu verlassen und sich in einer kleinen Kammer zu verstecken, die weit genug vom Pfad entfernt war, um nicht bemerkt zu werden.
„Was tust du hier ganz allein, Bergil?“ fragte Gandalf dann, als sie sich alle an der Wand entlang in einem kleinen, leeren Raum niedergelassen hatten.
„Ich versuche, nicht getötet zu werden, um genau zu sein.“ Damit begann Bergil seine Erzählung von den Ereignissen, die sich zugetragen hatten.
Seine Freunde lauschten voller Spannung und ihre Augen wurden groß, als sie vernahmen, was vorgefallen war. Gandalf konnte nicht glauben, daß Bergil mit Liliane und Sam die Zirakzigil erklommen hatte und über die Endlose Treppe nach Moria gelangt war. Er zollte dem jungen Krieger alle erdenkliche Bewunderung angesichts dieser Strapazen.
„Wir haben Aragorn und Frodo schließlich in einem Verlies gefunden. Frodo war schrecklich zugerichtet, denn man hat ihn gefoltert, um Aragorn zum Sprechen zu bringen, so wie sie es angedroht hatten“, murmelte Bergil betroffen.
„Was hat sie sich diesmal ausgedacht?“ fragte Legolas. Bergil berichtete von den Wunden des Hobbits und dem, was er aus Erzählungen über die Streckbank erfahren hatte. Gandalf seufzte laut, als er das hörte, weil er gefürchtet hatte, daß man Frodo eine solche Grausamkeit würde spüren lassen.
„Und dann kamen sie und haben uns erwischt, vor Thuringwethil gebracht und... nun, Liliane zeigte angesichts der Dämonin überhaupt keine Furcht. Sie hat einen Streit vom Zaun gebrochen, daß es uns wirklich Angst gemacht hat, und dann hat Thuringwethil sich dafür gerächt. Sie hat Liliane in den Rücken geschlagen und sie so hart gegen eine Wand geschleudert, daß... wir glaubten, sie sei tot. Sie konnte kaum atmen und jetzt ist sie gelähmt.“
Gimli kratzte sich mit einem erschütterten Gesichtsausdruck am Kopf und blickte betreten zur Seite. Legolas senkte den Blick und Gandalf nickte verstehend.
„Sie kann von Glück sprechen, daß sie überlebt hat!“
Bergil nickte zustimmend.
„Ihr habt sie nicht gesehen. Es war schrecklich... und nach zwei Tagen ist Aragorn ausgerastet. Er wollte sich Thuringwethil gegenüberstellen und sich von ihr töten lassen, er hat den Tod gesucht, weil er fürchtete, daß sie mit ihrer Macht ihm ähnliche Dinge antun würde wie Faramir und Frodo. Er wollte nicht, daß sie mit ihm spielt.“
Bergil erzählte, wie Aragorn sich aufgeführt hatte und wie er im Gegenzug zu seinem Schutz für ihn vor Thuringwethil getreten war. Die anderen trauten ihren Ohren kaum, als er von seinem Todesurteil und der wahnwitzigen Flucht sprach, die er in allerletzter Sekunde hatte antreten können.
„Seitdem laufe ich durch die Minen und spiele den unsichtbaren Geist, der den Schergen der Dämonin das Leben schwermacht. Ich kann nichts für die anderen tun, ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch leben. Mein einziger Weg führte nach Westen zum Hulstentor und zu euch.“
„Ich wußte, daß Elessar verzweifeln würde“, sagte Legolas leise. Niemand wußte darauf eine Antwort zu geben, bis Gandalf das Schweigen brach.
„Und er hat Recht. Sie wird ihn in die Knie zwingen, wenn man sie läßt, und wie sehr er Knechtschaft fürchtet, wissen wir alle.“
„Aber wir lassen sie doch nicht!“ widersprach Gimli mit einem zuversichtlichen Lächeln. Bergil suchte neugierig seinen Blick.
„Was tut ihr überhaupt ihr?“ fragte er dann.
„Nun, wie verabredet sind wir nach Moria geritten“, begann Legolas, „und dort saß Gandalf vor der Tür des Orthanc, um ihn zu bewachen. Wir haben dort den Splitter geholt und eine Kopie angefertigt, mit der wir den echten Splitter ersetzt haben. Thuringwethils Schergen kamen uns auf unserem Rückweg entgegen, sie werden das Duplikat nun bei sich tragen.“
Gandalf zog währenddessen den echten Splitter aus seiner Tasche und zeigte ihn Bergil, dessen Augen vor Aufregung zu glitzern begannen.
Auf seine Frage hin, was Gandalf damit nun zu tun gedachte, berichtete dieser von seiner Odyssee in Sachen Dämonin und Saurons letzter Macht. Er erzählte von seinem Wissen und seinem Vorhaben, den zusammengesetzten Kristall zu zerstören.
Nach der Art und Weise fragte Bergil in seiner Faszination nicht mehr. Starr vor Staunen blickte er Gandalf an und hegte keinen Zweifel daran, daß der Plan des Zauberers gelingen konnte.
„Es geht nur, wenn der gesamte Kristall zusammengesetzt ist. Dadurch, daß die Männer die Kopie herbeischaffen, wird bis zuletzt niemand merken, daß wir noch einen Vorteil auszuspielen haben. Im Überraschungsmoment werden wir die Splitter an uns bringen und ich werde den Kristall zusammensetzen, dann zerstören und mit ihm Thuringwethil, auf daß sie niemals wieder zurückkehrt“, erklärte Gandalf bestimmt.
Bergil nickte bedächtig. Er sah einen Lichtstreif am Horizont, es gab wieder Hoffnung, er konnte sie spüren. Nun, da er nicht mehr allein war, Gandalf noch lebte und sie sogar den letzten Splitter sicher verwahrt hatten, gab es doch noch eine Chance.
„Und nun?“ fragte er.
„Nun werden wir uns von dir dorthin führen lassen, wo Thuringwethil sich aufhält. Ihre Männer kommen bald, das steht fest, und sie wird dann den Kristall vor den Augen der Gefangenen zusammensetzen wollen, damit sie ihren Triumph gebührend feiern kann. Also müssen wir unsere Freunde nicht befreien, sondern uns nur auf die Lauer legen, abwarten und im richtigen Moment angreifen“, sagte Gandalf. Die anderen nickten zustimmend, denn dieser Plan erschien ihnen am besten. Die anderen zuvor suchen zu wollen war zu gefährlich, denn sie durften sich nicht erwischen lassen mit ihrer wertvollen Fracht. Bis zuletzt mußten sie versteckt bleiben.
„Worauf warten wir noch?“ fragte Gimli voller Tatendrang, was die anderen aus Aufforderung zum Aufbruch verstanden. Sie befanden sich knappe zehn Meilen von der großen Haupthalle entfernt, wie Bergil wußte, und sie mußten sich beeilen, um nicht zu spät zu kommen.
Vorsichtig schlichen sie voran durch die Kälte in der Tiefe des Berges. Bergil wußte, wo der Feind lauerte, also umgingen sie diese Stellen.
Es war ein weiter Weg, den sie nur unter größter Vorsicht beschreiten konnten. Sie alle waren sich ihrer wertvollen Fracht bewußt und sie durften sich nicht entdecken lassen.
Alles stand auf dem Spiel.
Wie dicht ihnen der Feind bereits auf den Fersen war, ahnten sie nicht im Entferntesten. Die Männer, die nichtsahnend im Orthanc den falschen Splitter voller Stolz geholt hatten, hatten nur Hast gekannt auf ihrem Weg nach Khazad-dum. In Windeseile hatten sie aufgeholt und da sie sich nicht verstecken mußten, verringerte sich der Vorsprung der vier Freunde unter dem Berg zusehends.
Bergil führte sie recht zuverlässig. Er hatte die vergangenen Tage damit verbracht, alles auszukundschaften und wagte fast zu behaupten, er kenne Moria besser als Gimli, was dahingehend stimmen mochte, daß der Zwerg seit Jahr und Tag nicht dort gewesen war.
Sie sprachen über alles, was in der Zwischenzeit geschehen war, zum wiederholten Male. Um Aragorn machten sie sich verstärkt Sorgen, aber auch um die Hobbits, die sie gut genug kannten, um zu wissen, daß sie nicht ewig durchhielten.
Irgendwann legten sie eine letzte Schlafpause ein, um noch ein wenig Kraft sammeln zu können, die sie gewiß gut brauchen konnten. Die meiste Angst von ihnen kannte jedoch Gandalf.
Stumm sinnierend starrte er auf seinen Stab, der ihm wie damals auf der Brücke von Khazad-dum helfen würde. Zumindest hoffte er das, aber die Gnade der Valar würde ihm zuteil sein. Es blieb nur zu hoffen, daß Thuringwethil nicht stärker war als angenommen.
Was Bergil von ihr geschildert hatte, hatte ein wahres Schreckensbild einer Dämonin entworfen, wie man es Gandalf zuvor bereits erzählt hatte. Es bestand kein Zweifel daran, daß sie vom Bösen durchtrieben war als einer der treuesten Diener Morgoths, sie war nicht zu unterschätzen, aber wie schon ihre Herren war sie nicht unbesiegbar, das wußte Gandalf genausogut.
Sie brachen früh wieder auf und liefen weiter bis zur Halle. Je näher sie kamen, umso vorsichtiger bewegten sie sich und Bergil überlegte, wo sie sich verstecken konnten.
„Ich weiß es nicht“, erklärte er im Flüsterton, „in der Vorratskammer sind wir nicht sicher und ob woanders Kammern sind, vermag ich nicht zu sagen!“
Gimli überlegte still, als er sah, um welche Halle es sich handelte.
„Sie hat drei Eingänge. Einer führt in die Tiefen der Minen, den anderen werdet ihr benutzt haben und der dritte ist etwa dort, wo auch derjenige sich befindet, der ins Dunkel führt. Wenn wir diesem Gang dort folgen, müßten wir ihn finden!“
Sie verloren keine Zeit. Blind vertrauend folgten sie Gimli, der sich im Zwielicht der Fackeln einen Weg suchte bis in einen völlig finsteren Gang hinein, in dem sie gänzlich die Orientierung verloren.
Sie verloren den richtigen Weg einige Male, aber das kümmerte den ungerührten Zwerg nicht, der Gandalf bat, für ein wenig Licht zu sorgen.
Durch ein Gewirr von Gängen, mit Spinnweben und Staub durchzogen, irrten sie, bis sie schließlich ihr Ziel erreichten. Gandalf ließ das Licht seines Stabes verlöschen, dann setzten sie sich außer Sichtweite in diesem Gang so, daß sie noch in die Halle blicken konnten. Ein halbes Dutzend Wachen konnten sie sehen, die Wächter waren seit Bergils Angriff verstärkt worden, aber von Thuringwethil gab es wie üblich keine Spur.
„Jetzt heißt es warten“, flüsterte Legolas, der sich bequem zurücklehnte und ein nachdenkliches Gesicht machte.
Alles stand auf dem Spiel und das Nichtstun trieb sie in den Wahnsinn. Aber für Stunden blieb alles still und nichts rührte sich.

„Los, streng dich an, du schaffst es! Du kannst das! Ein kleines Stück noch...“
Aragorn verspürte große Zuversicht. Am Tag nach seinem Streit mit Sam hatte Liliane plötzlich ihrer aller Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als sie ihnen gezeigt hatte, daß sie ihren gesamten rechten Fuß zu bewegen in der Lage gewesen war. Gespannt hatten Frodo, Sam und Aragorn den Fortschritt ihrer Heilung beobachtet, Aragorn hatte sie erneut untersucht und festgestellt, daß die Rückenmarksprellung zurückzugehen schien. Er hatte auch mit nicht unerheblichem Kraftaufwand riskiert, die leicht verschobene Wirbelsäule zu richten, woraufhin Liliane beide Füße und schon das gesamte rechte Bein hatte bewegen können.
Sie kam wieder zu sich. Die Freude unter den Freunden war grenzenlos, und nun, drei Tage später, unternahm sie erstmals selbst den Versuch, aufzustehen. Gebannt standen Frodo und Sam neben Aragorn, der sich vor die Hobbitfrau gekniet hatte und ihre kleinen Hände in seinen hielt, damit sie Halt hatte und sich hochziehen konnte.
Mit aller Kraft stemmte Liliane die Füße gegen den Boden und zog sich an Aragorn hoch, versuchte, ihre schwachen Knie zu belasten und stehenzubleiben. Bis in die Hocke hatte sie es bereits geschafft, sie spürte ihre noch halb gefühllosen Muskeln zittern und nahm sich zusammen, um sie anzuspannen und sich aufzurichten. Aragorn half ihr so wenig wie möglich dabei.
Daß sie auf dem Weg der Besserung war, hatte ihm Hoffnung gegeben. Der Streit mit Sam war nicht spurlos an ihm vorübergegangen, er hatte wieder gegessen und begonnen, mit den Hobbits zu sprechen. Über viele verschiedene Dinge hatten sie sich unterhalten und spekuliert, was die anderen wohl tun würden.
Eine vage Hoffnung hegte besonders Frodo noch, daß Bergil nicht tot war. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl, das er hatte, worüber er auch nicht sprach, aber ausmerzen ließ es sich nicht.
Noch immer machte Aragorn sich so viele Vorwürfe, aber Selbstmitleid war überflüssig, jetzt war es wichtig, daß er sich um die Hobbits, besonders um Liliane und Frodo, kümmerte.
Frodos Schulter war wieder geheilt, seine Wunden waren verschwunden, zumindest die äußerlichen. Und eines wußte Aragorn mit Gewißheit: Da Liliane Frodos Aufmerksamkeit brauchte, verhinderte sie, daß er wie damals in Gondor in Lethargie versank.
Es war vorgekommen, daß er nachts von einem Alptraum hochgeschreckt war, aber Lilianes Gegenwart half ihm so sehr, die Ereignisse zu verarbeiten.
Ihr wieder erwachter Kampfgeist steckte an. Die Freunde wollten nicht aufgeben. So gut wie eben möglich hatten sie versucht, die Langeweile der Gefangenschaft zu vertreiben, und jetzt lag das Hauptinteresse auf Liliane.
Sie biß die Zähne zusammen. Noch immer waren ihre Beine und die Hüfte stellenweise taub, aber die Lähmung war zurückgegangen.
„Weiter, du kannst es!“ redete Aragorn ihr gut zu. Er sah, wie sehr sie sich bemühte, selbst auf die Beine zu kommen, aber er mußte ein wenig helfen und zog sie ein Stück weit hoch.
Liliane hielt die Luft an, spürte, wie ihre Knie zitterten, aber sie gab nicht auf und kämpfte sich nach oben. Ihre Beine kribbelten unerträglich, doch schließlich hatte sie es geschafft und stand aufrecht neben Frodo, ohne daß jemand sie festhielt.
Tränen traten ihr in die Augen.
„Ich kann es gar nicht glauben...“ flüsterte sie fassungslos und fast sprachlos vor Glück. Ihre Stimme bebte und sie umarmte Aragorn voller Erleichterung.
Frodo legte seine Hand auf ihre Schulter, dann ging er zwei Schritte von ihr weg und sagte: „Komm zu mir!“
Liliane konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber ihre Beine waren noch derart schwach, daß sie sofort schwankte und umzufallen drohte. Frodo schnellte vor und fing sie auf.
Liliane ließ sich schwer in seine Arme sinken, doch dann versuchte sie es weiter und zog den anderen Fuß nach. Es sah noch steif und unbeholfen aus, aber sie war dazu in der Lage, sich wieder zu bewegen.
Sie schaffte es, noch zwei kleine Schritte zu machen, dann stand sie aufrecht vor Frodo.
„Du hältst mich fest und dann werde ich gehen, ja?“ fragte sie mit einem warmen Lächeln, das Frodo das Herz erwärmen wollte.
Er erwiderte ihren Blick glücklich und legte ihren Arm um seine Schultern, hielt sie vorsichtig im Rücken fest und verschaffte ihr somit genügend Halt.
Sie wagte einen Schritt nach vorn und schwankte erneut, doch Frodo ließ sie nicht los. Er zog nach, dann machte sie einen weiteren Schritt.
„Das ist so anstrengend“, sagte sie, während sie innehielt und sich die störrischen Locken aus dem Gesicht strich. Frodo küßte sie auf die Wange.
„Das kann ich mir vorstellen, aber du hältst dich sehr tapfer! Gehen wir bis zur Wand!“
Das nahmen die beiden in Angriff. Zwar knickten Liliane immer wieder die Beine weg und sie fühlte sich noch unsäglich schwach, aber bis zur Wand schaffte sie es, dann ließ sie sich mit Frodos Hilfe wieder zu Boden sinken und holte tief Luft.
„Ich kann es wieder...“ murmelte sie ungläubig. Sie strahlte übers ganze Gesicht, aber daß ihr dieser Gehversuch alles abverlangt hatte, konnten die anderen sehen.
„Das würde ich jetzt gern feiern bei einem guten Krug Bier und einer ordentlichen Pfeife!“ erklärte Sam im Brustton der Überzeugung. Aragorn lachte, was alle überrascht aufmerken ließ.
„Deine Zuversicht möcht ich haben!“ antwortete er, während er sich neben den Hobbits niederließ und auf seine schmutzigen Stiefel starrte. Einem plötzlichen Gedanken folgend, stand er wieder auf und legte sowohl seinen alten Mantel als auch sein zerlumptes Hemd ab, woraufhin ein edles, silberbesticktes blaues Hemd zum Vorschein kam, wie der König es immer voller Stolz trug, um das Wahrzeichen Gondors zu präsentieren.
„Was hast du denn vor?“ fragte Frodo überrascht.
„Ganz einfach. Ich habe nicht vor, ihr Schwäche zu zeigen, sie soll nicht glauben, sie hätte mich bezwungen. Und sie soll es gar nicht erst wagen, uns zu bedrohen“, sagte Aragorn, aber es klang weniger überzeugend als es hätte sein sollen, denn er glaubte selbst nicht daran.
Es war eine Trotzreaktion, nichts weiter. Er leugnete nicht, daß er noch immer eine unglaubliche Angst verspürte und ihr bis ins Mark mißtraute, aber sein Trotz befahl ihm, es ihr so schwer wie möglich zu machen.
Er fühlte sich innerlich so zerrissen. Er hatte seine Angst und Niedergeschlagenheit nicht vergessen, aber angesichts der unverwüstlichen Hobbits und Lilianes Genesung konnte er nicht ständig Trübsal blasen.
Dieses äußerliche Zeichen sollte ihm mehr innere Stärke geben. Und er tat noch mehr, er legte seine Hand auf den Abendstern, den er um den Hals trug, denn um immer an Arwen zu denken, hatte er ihn mitgenommen.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der Eldarion das Schmuckstück seiner Eltern getragen hatte, doch während seiner Kampfausbildung war es ihm zu gefährlich, diesen Schatz bei sich zu haben, weil er ihn nicht verlieren wollte. So hatte er den Abendstern seinem Vater zurückgegeben, der ihn nicht mehr ablegte.
Mut keimte in ihm auf, wollte stärker werden, denn der Gedanke an seine Familie ließ Aragorn nicht wieder verzweifeln. Er versuchte, gegen die ständige Furcht anzukämpfen, denn er wollte den Hobbits keine Angst einjagen, aber das fiel ihm sehr schwer.
Sam träumte lautstark von allerhand guten Dingen, die es im Grünen Drachen zu Wasserau zu genießen gab, während Liliane ihre Beine anzog und mit den Händen abtastete, um noch gefühllose Stellen zu finden.
Frodo hing derweil ganz anderen Gedanken nach. So lange Jahre war sein Leben von Abenteuern und Gefahren bestimmt gewesen, die ihn bis auf die Schwelle zum Tod getrieben hatten, aber er lebte noch immer und wollte nicht aufgeben, nicht jetzt, denn er konnte nicht glauben, daß diesmal alles vorbei sein sollte.
Er liebte Mittelerde und das Auenland, es war einfach seine Heimat, für die er immer eingestanden hatte. Nichts Böses sollte die Freiheit unterwerfen können.
Gedankenverloren blickte er zu Aragorn. Wie sehr achtete er Elessar Telcontar als Freund und König, das hatte er immer schon getan. Er hatte ihm immer vertraut, all die Jahre, von Beginn an, als er sich erst als aufrechter Mann entpuppt hatte.
Aber er selbst kannte auch Schwäche, wie sollte Aragorn sie nicht kennen?
Wenn er nur nicht vollends verzweifelte. Aber Frodo hatte sich vorgenommen, ebensowenig verzweifeln zu wollen, denn noch gab es etwas, woran sie glauben konnten.
Die anderen waren noch irgendwo und er wußte, Thuringwethil würde sie holen, um sie Zeugen sein zu lassen, wenn sie ihren Triumph feierte.
Er fragte sich, wer noch was zu befürchten hatte. Ruhe hatten sie nun seit etwa einer Woche gehabt, aber sie würde bald vorbei sein.
Er ahnte nicht, wie sehr er damit Recht hatte. Zwei Stunden dauerte es etwa noch, bis plötzlich einige Männer sich näherten, den Schritten nach zu urteilen.
Sie fuhren hoch. Frodo zog Liliane auf die Beine, die es noch immer kaum schaffte, zu gehen, auch das Stehen fiel ihr noch schwer.
Wie oft hatte Sam die Tür des Verlieses verwünscht, doch nun, als sie sich öffnete, wünschte er sich mehr, sie wäre verschlossen geblieben.
Sieben Männer traten ein, bewaffnet und mit ungerührten Gesichtern.
„Was soll das?“ fragte Aragorn grimmig. Er verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und zeigte nichts von der nagenden Angst, die in ihm wuchs.
„Ihr alle sollt Zeugen des Sieges unserer Herrin sein!“ war die gnadenlose, kalte Antwort, die ihnen das Blut in den Adern erstarren ließ.
„Sieg?“ murmelte Frodo entsetzt. Seine Augen wurden groß. Er nahm Liliane in eine schützende Umarmung, doch es war sinnlos.
Die Männer traten auf die Gefangenen zu, die verwirrt und furchtsam zurückwichen ohne Ausnahme, dann führten sie ihre Befehle aus. Sie fesselten den Hobbits die Hände auf dem Rücken, was diese nur widerwillig über sich ergehen ließen. Überrascht, Liliane aufrecht stehen zu sehen, musterten einige Männer sie kurz, aber da sie sehen konnten, wie schwer es ihr fiel, das Gleichgewicht zu halten, stellten sie vorerst keine weiteren Fragen.
Aragorn starrte sein Gegenüber grimmig an, während er sich die Hände vorn fesseln ließ. Er fragte sich, welcher scheußliche Befehl diesmal von Thuringwethil ergangen war.
„Folgt uns!“ befahl einer der Männer harsch, aber die Gefangenen rührten sich nicht. In ihren Köpfen war alles leer, sie wußten nicht, was sie glauben sollten.
„Thuringwethil wird niemals siegen!“ widersprach Aragorn stur.
„Ach nein? Und wie, König von Gondor und Arnor, erklärt Ihr es Euch, daß soeben Euer Splitter, der allerletzte, hier eingetroffen ist? Ihr werdet es nun sehen!“
„Nein, das kann nicht sein!“ rief Frodo entsetzt, der nicht glauben konnte, was er hörte.
Kalte Finger der Angst griffen nach ihnen, als sie nacheinander aus der Zelle geführt wurden. Liliane stolperte ungelenk voran und fiel fast, woraufhin einer der Männer sie gut festhielt, aber sehr unsanft voran stieß, so daß sie wiederholt taumelte.
Mit einem Schlag war alles sehr bedrohlich. Thuringwethil hielt den letzten Splitter in Händen? Wie war das möglich? Hatten ihre Freunde es nicht geschafft, ihn zu hüten?
„Was habt ihr mit den anderen gemacht?“ schrie Sam außer sich vor Wut. „Sie kann den Splitter gar nicht haben, sie...“
„Nun, Herr Halbling, Tatsache ist, daß unbeachtet und unbewacht der Splitter an gewiesener Stelle im Orthanc gelegen haben muß. Eure Freunde haben wohl feige die Flucht ergriffen, wie mir scheint!“ erwiderte plötzlich einer von hinten mit eisiger Stimme, und es war Maethor, der sprach. Frodo überlief ein kalter Schauer.
Nagende Zweifel ergriffen Besitz von ihnen. Der Weg zur Halle war zu schnell beschritten, sie hatten kaum Zeit, auch nur einen Gedanken zu fassen, als sie die Halle hilflos und voller Ohnmacht betraten.
Es war keine Lüge gewesen. Dort stand Thuringwethil und lächelte böse.

Gimli hatte gelangweilt mit seiner Axt herumgespielt, die anderen drei hatten sich als nicht besonders gesprächig erwiesen, denn sie alle starrten stundenlang hinaus in die Halle, in der sich für lange Zeit nichts rührte.
Als sie jedoch vor lauter Untätigkeit fast die Wände hochzugehen drohten, bewegte sich etwas und nicht gerade zu ihrer Überraschung betraten die Männer den Raum, die zum Orthanc geritten waren, um den letzten Splitter zu holen.
Lauter Jubel erhob sich. Es war nicht zu übersehen, daß sie Erfolg gehabt hatten, denn siegreich hielt einer der Männer das Kristallstück in die Höhe und lachte.
Stimmengewirr drang an die Ohren der vier Beobachter. Bergil konnte sich nur mühsam ein spöttisches Grinsen verkneifen, weil er doch genau wußte, daß sie alle einem Irrglauben aufgesessen waren.
„Holt die Herrin!“ rief jemand und zwei Männer eilten davon, um Thuringwethil vom Erfolg ihrer Aufgabe zu berichten.
Gimli lehnte sich entspannt zurück, was gar nicht der Anspannung entsprach, die Legolas und besonders Gandalf verspürten.
Es würde nicht mehr lange dauern, das wußten sie. Gandalf hatte die Hand auf dem Splitter liegen und hielt in der anderen seinen Stab fest umklammert, den er dringend brauchen würde.
Er hatte schon einmal einen wahren Dämon der Unterwelt damit zurückgedrängt, der von Morgoth selbst gesandt gewesen war. Es bestand noch Hoffnung.
Nur für Minuten herrschte Stille in der Halle. Legolas stand in der Zwischenzeit bereits auf und zog seine Messer, zu allem bereit, aber er war nicht gegen das gewappnet, was sich seinen Augen kurz darauf offenbarte.
Bevor Thuringwethil jedoch persönlich auftauchte, hörten sie die Dämonin. Ihr ureigenster, schrecklicher Schrei erschallte, schrill und schreiend, schmerzhaft laut und kreischend, dem Bösen eine Gestalt verleihend. Der Schrei schwoll an und hielt sich, daß Bergil und Gimli sich schnell die Ohren zuhielten, weil sie glaubten, es anders nicht aushalten zu können.
Gandalf erstarrte und erhob sich. Sie war es, er hörte durch sie Morgoth sprechen, und selbst als der Schrei verhallt war, verspürte er noch Angst.
Das eigentümliche Rauschen in der Luft drang allzu bald an ihre Ohren, das ihr Auftreten begleitete. Schlagartig wich Bergil zurück, als er ihre grauenhafte Gestalt erblickte, da er sie noch immer fürchtete, Legolas ließ fassungslos die Arme sinken und Gimli erstarrte in Unglauben. Einzig Gandalf versuchte noch, die Fassung zu bewahren, aber angesichts der riesigen Vampirin mit den gigantischen schwarzen Schwingen fehlten ihm die Worte.
„Man kann sie schon sehen...“ flüsterte Gimli entsetzt, dem nicht bewußt gewesen war, daß sie die bisherige Macht zu nutzen vermocht hatte.
„Ja, so sieht sie aus“, erwiderte Bergil, der sich mehr als unwohl fühlte.
Sie waren zwar unentdeckt geblieben, aber sie mußten besonders jetzt mucksmäuschenstill sein.
„Bei den Valar“, wisperte Legolas erschrocken. Er hatte schon viel in seinem langen Leben gesehen, aber ihre Katzenaugen und das vom Bösen gezeichnete Gesicht, wenn man ihre harten Züge so nennen konnte, schockierten ihn.
„Holt die Gefangenen her“, ließ Thuringwethil den Befehl ergehen, „fesselt sie, aber tut es bei Elessar so, daß er noch etwas tun kann. Ich brauche ihn noch!“
Legolas‘ Augen wurden groß. Er bekam durch ihre Stimme eine Gänsehaut und umklammerte seine Langmesser fester, obwohl er bezweifelte, daß er damit etwas ausrichten konnte.
Die grünen Augen richteten sich auf den Mann, welcher den Splitter in der Hand hielt. Keiner der Beobachter vermochte nachher noch zu sagen, woher sie die Stücke plötzlich genommen hatte, aber alle zehn Splitter hielt sie in den krallenartigen Händen, sie glitzerten und leuchteten und nur eines fehlte. Gandalfs Finger krallten sich um das letzte Stück in seiner Tasche.
Noch bemerkte Thuringwethil nichts.
„Was tut sie?“ fragte Bergil leise. Er konnte nicht verstehen, daß Thuringwethil den Kristall nicht längst zusammensetzen wollte.
„Elessar wird nun sehen, was es heißt, in die Knie zu gehen!“ prophezeihte sie hämisch, was zumindest Gimli kalt ließ, da er sich darauf verließ, daß sie nicht einmal den richtigen Splitter besaß.
„Dieses Monster!“ entfuhr es Legolas. Er hatte verstanden, was ihre teuflischen Absichten waren.
Es dauerte nur Minuten, was Bergil nicht überraschte, da er wußte, wo der Kerker sich befand. Wie gebannt hatten die Beobachter auf die Botin gestarrt, bis Schritte an ihre Ohren drangen und ihre Freunde mit den Dienern Thuringwethils in ihr Blickfeld traten.
„Liliane...“ murmelte Bergil, als er die Hobbitfrau ohne fremde Hilfe gefesselt neben Frodo stehen sah.
„Ich dachte, sie sei gelähmt!“ zischte Legolas fragend, worauf Bergil mit den Achseln zuckte.
„War sie auch... sie wird wieder gesund!“ freute der junge Krieger sich leise.
Sie waren alle dort. Es stach den Freunden bis auf Bergil sofort ins Auge, daß besonders Sam fast abgemagert schien, auch die anderen Hobbits hatten unter der Mangelernährung bei Wasser und Brot gelitten. Aber sie waren alle wohlauf.
Es erstaunte sie, Aragorn halb in königlicher Robe zu erblicken. Bergil nickte versonnen, denn er begriff, daß Aragorn wieder zu sich gekommen zu sein schien.
Dann nahm es seinen Lauf.
Aragorn schluckte schwer, als er versuchte, Thuringwethils Blick standzuhalten. Man hatte ihm die Hände so gefesselt, daß er sie noch bewegen konnte, und genau wie Legolas ahnte auch er inzwischen, was die Vampirin mit ihm im Sinn hatte.
Mit einer flinken Bewegung gab sie einen Befehl. Bevor Sam wußte, wie ihm geschah, hatte ein Mann ihn gepackt und neben seine Herrin gezogen, hielt ihm einen Dolch an die Kehle und hielt ihm den Mund zu, weil er direkt gespürt hatte, daß Sam protestieren wollte.
Das tat der Hobbit auch. Sich aus Leibeskräften wehrend sah er zu seinen Freunden, ahnte aber, daß etwas schreckliches bevorstand.
„Seht her! Seht meinen Diener, was er mit anderen vollbracht hat, seht den letzten Kristallsplitter!“ rief Thuringwethil siegessicher und voller Häme, was Frodo erschaudern ließ.
Aragorn biß sich auf die Lippen, während er auf den Gefolgsmann der Dämonin starrte, der vor ihr stand und den letzten Splitter in die Höhe hielt. Derweil hielt Thuringwethil die anderen zehn noch fest, dann sprach sie weiter, außerdem war ihr inzwischen Liliane ins Auge gestochen.
„Nun, wie ich sehe, kommt man gegen Halblinge kaum an! Die Kleine ist nicht tot, nicht einmal verletzt - ich hätte sie töten sollen, das war wohl ein Fehler. Aber es hängt ganz von Euch ab, Elessar, ob ihr der Tod noch droht oder nicht! Ebenso dem Ringträger, der wohl erstaunlich gut vergessen zu haben scheint, was ihr ihn habt spüren lassen!“
Diesmal blieb Liliane stumm. Noch immer waren ihre Beine halb taub, sie hatte ihre Lektion gelernt.
Frodo neben ihr zitterte am ganzen Leib, er starrte hinüber zu Sam, der sich inzwischen nicht mehr bewegte. Erstes Blut tropfte seinen Hals entlang, denn der Mann hatte ihn verletzt, als er sich wie wild gebärdet hatte.
„Nicht ich habe ihn gefoltert!“ erwiderte Aragorn bitter, aber Thuringwethil ließ das nicht gelten.
„Ihr habt es aber zugelassen, ist es nicht so? Und nun kommt es wieder ganz auf Euch an, denn wir haben da noch immer eine Rechnung offen. Ihr seid nicht länger der Herrscher über Gondor, Ihr habt verloren, seht es ein! Wenn ihr Euch und allen anderen viel Leid ersparen wollt, solltet Ihr gehorchen!“
„Wem? Einer animalischen Dämonin?“ fragte Aragorn mit bebender Stimme.
„So stolz erscheint ihr mit dem Weißen Baum Gondors, wie er auf Eurer Brust prangt. Dieses Symbol wird untergehen! Seht doch genau hin, Euer Splitter ist nun auch mein, es ist der letzte!“
Aragorn sog scharf die Luft ein. Natürlich konnte er es sehen und er fragte sich noch immer, ob nun alles vorbei war, wie es hatte geschehen können, daß sie den letzten Splitter in die Hände bekommen hatte.
Ihre Männer standen mit gezogenen Schwertern um sie herum. Bergil war fort, die anderen schienen ebensowenig noch zu kommen, um sie zu erlösen, dann waren sie wohl tot.
Sie hatten verloren. Aragorn mußte es einsehen. Fast demütig senkte er den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten, weil er es einfach nicht glauben konnte, aber es war vorbei.
Sein Widerstand bröckelte. Es war zwecklos, sich noch wehren zu wollen.
„Nehmt ihn noch ein letztes Mal an Euch, Elessar. Eurem kleinen Freund hier“, sie wies auf Sam, „wird sofort die Kehle durchgeschnitten, wenn Ihr nicht gehorcht - oder auch er wird die Streckbank zu spüren bekommen, wenn Ihr Euch sehr störrisch anstellt. Vielleicht seid Ihr gar so stur, daß auch die Frau des Ringträgers seine Qual noch erfahren muß!“
Aragorn starrte noch immer zu Boden. Er sah Sam vor sich, wußte, die anderen Hobbits standen neben ihm und er war mittendrin, wieder sollte es an ihm sein, einen Fehler zu machen.
„Was verlangt Ihr?“ fragte er, ohne den Kopf zu heben.
„Ihr werdet den gesamten Kristall zusammensetzen, Elessar. Weigert Ihr Euch, werden Eure kleinen Freunde Eure Sturheit zu spüren bekommen. Daß ich nicht scherze, solltet Ihr wissen! Fragt nur den Ringträger danach!“
„Scheusal!“ brüllte Aragorn zornerfüllt, hob den Blick und starrte sie haßerfüllt an.
„Nicht so wütend, Elessar Telcontar. Ihr habt die Wahl. Zusammensetzen werde ich den Kristall ohnehin, selbst wenn vorher Eure Freunde sterben sollten, so folgt doch gleich meinem Befehl und erspart ihnen eine Todesqual!“
Das war es also. Aragorn hatte es immer gefürchtet, sie wollte ihr teuflisches Spiel mit ihm spielen, nun hatte er den Beweis. Er fürchtete sie mehr als den Tod.
„Laßt sie aus dem Spiel, sie haben damit nichts zu schaffen! Nehmt mich, bringt mich um, aber laßt dieses Spiel!“
Er zeigte Schwäche, das wußte er, aber es war ihm gleichgültig. Die gleiche Angst wie vor Tagen bemächtigte sich seiner, er konnte sich dagegen nicht wehren, es war vorbei.
„Was tut ihr? Soll ich Folter und Tod anordnen oder wollt Ihr das Unvermeidliche tun und ihnen zumindest die Qual ersparen?“
Sam wehrte sich heftig bei diesen Worten. So nah bei ihr zu stehen lehrte ihn schon gewaltig das Fürchten, aber er wollte nicht, daß Aragorn sich unterwarf.
Aragorn seufzte. Sich zu weigern war mehr als sinnlos.
Er schloß die Augen, bevor er unterwürfig die Hände ausstreckte.
„Ich tue es.“
So sollte er selbst es sein, der ihren Sieg besiegelte, aber er tat es als letzten Dienst an seinen Freunden.
„Nein...“ flüsterte Frodo von der Seite, als er sah, wie Thuringwethil näher kam. Liliane starrte zu der Dämonin hoch, die sie abgrundtief haßte, denn was auch immer sie getan hatte, es war spürbar geblieben. Frodos Angst und ihr Schmerz waren nicht vergessen und nun war Sam es, den sie sich ausgesucht hatte.
Fassungslos wurden sie Zeugen, wie Aragorn von Thuringwethil die zehn Splitter entgegennahm. Er war sich der Tatsache bewußt, daß man Sam bedrohte, aber auch auf ihn und die anderen Hobbits Schwerter richtete. Er hatte keine Wahl, wenn er fliehen wollte, waren sie alle des Todes.
Der Mann, welcher den Splitter hielt, reichte Aragorn diesen in die gefesselten Hände. Aragorn spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, es widerstrebte ihm so, sich derart zu unterwerfen, aber ihm blieb keine Wahl, Sturheit würde sinnlos und nur qualvoll enden.
Es war sein Splitter. Er hielt ihn in der Linken, die anderen in der Rechten, dann hob er die Linke zitternd. Daß die anderen ihn beobachteten, spürte er genau, alle Blicke lasteten auf ihm, es brachte ihn fast um, aber er mußte es jetzt tun.
Er biß sich die Lippe blutig, als er den letzten Splitter in das verbleibende Loch des Kristalls setzte. Es paßte genau, er sah es, ihm wurde übel vor Angst und Abscheu, doch sehr zu seiner Verblüffung geschah überhaupt nichts.
Thuringwethil hatte selbstsicher auf das gewartet, das nun kommen sollte, doch nichts rührte sich. Ihr Körper blieb unvollständig und die Macht entfaltete sich nicht.
„Was!“ schrie sie außer sich vor Wut. „Was ist das? Warum geschieht nichts?“
Frodo blinzelte verschüchtert, aber dann ging alles rasend schnell. Derjenige, der Sam festgehalten und bedroht hatte, fiel von einem sirrenden Pfeil tödlich getroffen zu Boden, ebenso wie im nächsten Augenblick zwei weitere Männer. Legolas und Bergil schossen vorrangig Aragorn einen Weg frei.
„Aragorn!“ brüllte Gimli. „Komm her!“
Sie alle fuhren herum. Einige weitere Männer fielen und die allgemeine Aufregung nutzte Aragorn intuitiv, um Gimlis Aufforderung Folge zu leisten.
Thuringwethil jedoch reagierte ähnlich schnell und wollte ihn aufhalten, hielt ihm einen Flügel entgegen und versperrte ihm somit den Weg, aber damit hatte Gandalf gerechnet.
„Wirf den Kristall hinüber, schnell!“ rief er zu Aragorn, der fast hinterrücks von Thuringwethil angefallen worden wäre, wenn Legolas ihr nicht in den Hals geschossen und sie somit kurz zurückgedrängt hätte.
„Ich bin unverletzlich, Legolas Grünblatt!“ zischte sie scharf, als sie den ersten Überraschungsmoment überwunden hatte, aber es war zu spät. Aragorn hatte mit aller Kraft den Kristall auf den Boden geworfen und zu Gandalf hinübergerollt, während Legolas erneut auf Thuringwethil schoß, um sie zurückzuhalten.
Sie wußte nicht, wie ihr geschah. Sie konnte nicht fassen, was passierte, stieß nur einen Entsetzensschrei aus, der sie alle zusammenzucken ließ, doch es war zu spät.
Frodo und Liliane waren einige Fuß weit geflohen, ebenso wie Sam, dann hatten sie sich zu Boden geworfen, um nicht etwa von verirrten Pfeilen getroffen zu werden.
„Unverletzlich?“ fragte Gandalf ruhig, der den Kristall in der Hand hielt. Vor ihm standen Bergil und Gimli mit gezogenen Waffen, Legolas visierte Thuringwethil konzentriert an, aber diese rührte sich nicht, ebensowenig wie Aragorn, der ungläubig zu seinen vier Freunden starrte.
„Was wollt Ihr damit, Olorin?“ fragte Thuringwethil gehässig. „Wie Ihr seht, hat der letzte Splitter seine Wirkung verfehlt! Ihr könnt den Kristall nur zerstören, wenn er vollständig ist, und das ist er nicht! Also was wollt Ihr tun? Ich werde euch alle töten, wenn es mir beliebt, und das wird gleich geschehen! Ich hätte Euch viel früher umbringen lassen sollen!“
Gandalf hielt den Kristall in einer Hand, klopfte mit der anderen leicht darauf und ließ das Duplikat so herausfallen.
„Ihr seid nichts weiter als der Abschaum Utumnos, das nicht mehr existiert, und Ihr habt ebensowenig das Recht, Euer Unwesen hier weiterhin zu treiben und den Schatten über die freien Lande zu schicken!“ erwiderte Gandalf. Angespannt starrte Thuringwethil ihn aus glühenden Augen an, die ihm einen Schauer über den Rücken jagten, aber er hatte keine Angst mehr, da er den Kristall in den Händen hielt.
Blitzschnell hatte der Zauberer den wahren Splitter aus der Tasche gezogen und setzte ihn rasch an seinen Platz. Ein greller Lichtblitz durchzuckte, vom Kristall ausgehend, die gesamte Halle und blendete sie alle. Thuringwethil stieß einen Schrei aus, da sie spürte, wie sie plötzlich an Kraft gewann, auch ihre Gestalt war nun vollständig, daran bestand kein Zweifel.
„Ihr seid wahnsinnig!“ höhnte sie, sie wollte schon ausholen und auf Gandalf zutreten, um ihm den Kristall abzunehmen, aber Aragorn baute sich davor auf und Legolas schoß erneut auf die Dämonin, was sie wiederum zurückweichen ließ.
Gandalf ließ den Kristall vor sich zu Boden fallen. Er richtete die Spitze seines Stabes darauf und beeilte sich, zu sprechen.
„Ich als sein Diener rufe das Geheime Feuer! Flamme Arnors, erstrahle!“ rief Gandalf aus. Ein weiterer, diesmal roter Lichtblitz flammte auf, aber diesmal schrak Thuringwethil nicht zurück, die begriff, in welcher Gefahr sie schwebte.
„Ich rufe das Geheime Feuer, zerstöre dies Werk des Bösen!“ rief Gandalf, während er den Stab noch immer auf den Kristall gerichtet hielt, der unerwartet feuerrot zu glühen begann. Thuringwethil schrie wiederum auf, doch diesmal vor schierem Entsetzen, denn vor ihren Augen zerschmolz der nahezu unzerstörbare Kristall, der jedoch dem Geheimen Feuer nicht standhalten konnte. In heißer Glut zerfloß der Kristall, doch selbst dieser Überrest verschwand plötzlich vor ihren Augen, verdampfte in der Luft, und unter einem Klageschrei sank Thuringwethil schrumpfend in sich zusammen, ihr Leib löste sich auf, wurde von einem leichten Luftzug erfaßt und verweht, schwarzem Staub gleich und ohne Wiederkehr.
Gandalf ging in die Knie und ließ den Stab fallen. Es hatte ihn unsäglich viel Kraft gekostet, dies zu tun, aber er hatte es vollbracht. Sprachlos starrte Aragorn zu ihm und schloß die Augen, als schlagartig alle Beklemmung von ihm abfiel und sich in Erleichterung umwandelte.
Sam blinzelte schüchtern, unfähig zu glauben, daß sie in letzter Sekunde alles gerettet hatten. Bergil und Legolas gingen mit erhobenen Waffen zu den Hobbits und starrten auf die Diener der Dämonin, die angesichts der siegreichen Freunde nichts eiligeres zu tun hatten, als die Flucht zu ergreifen.
Vorsichtig befreite Bergil Frodo und Liliane von ihren Fesseln, was Legolas mit Aragorn und Sam tat. Die Freunde liefen zusammen und umarmten sich, weinend vor Freude und überglücklich. Selbst Gimli wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und lachte, so unglaublich bewegend war dieser Moment.
Aragorn umarmte Bergil und klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken.
„Ich war noch nie so froh, dich zu sehen!“ erklärte er lachend. Die drei Hobbits lagen sich in den Armen, Gimli und Legolas strahlten und der Elb half Gandalf wieder auf die Füße, der tief Luft holte.
„Es war sehr knapp“, sagte er, aber er lächelte dabei.
Bergil konnte es nicht fassen. Wenn er sich seine Freunde ansah, überkam ihn nichts weiter als schiere Glückseligkeit, denn sie waren alle so erleichtert und fröhlich, daß es ein wunderschönes Bild bot. Sie hatten fast nicht mehr geglaubt, daß es noch Rettung gibt, weil Thuringwethil sie vollends in der Hand gehabt hatte.
„Ich dachte, ich hätte dich auf dem Gewissen“, erklärte Aragorn kleinlaut, als er Bergil von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Der junge Mann hatte nichts eiligeres zu tun, als Anduril von seinem Gürtel abzuschnallen und seinem König dessen prachtvolle Waffe zurückzugeben.
„Nein, Herr Aragorn, ich war selbst dumm, ich hätte dies nicht tun dürfen. Ihr wart es doch, der mich gerettet hat, ohne Euren Dolch wäre ich verloren gewesen!“
Wiederum umarmte Aragorn seinen Leibwächter voller Freude.
„Ihr seid unglaublich!“ entfuhr es Sam angesichts seiner unerwartet eingetroffenen Freunde, während er sich mit dem Hemdsärmel das Blut vom Hals wischte, das von seinem leichten Schnitt herrührte.
Gimli grinste triumphierend. „Ihr wißt doch, daß man sich auf uns verlassen kann! Ihr dachtet wohl, die Dämonin hätte den richtigen Splitter? Falsch gedacht! Jeder Feind sollte sich vornehmen, wenn er es mit Gandalf zu tun hat!“
Der Zauberer hörte geflissentlich weg, als Gimli ihn derart lobte, aber der Zwerg ließ ihn nicht.
„Es war ein wahres Meisterstück, wie Gandalf das Duplikat geschaffen hat - wir mußten darauf achten, ihn nicht zu verwechseln!“ Somit begann Gimli, von ihren Taten im Orthanc zu berichten und ihren Plänen, die Feinde mit der Kopie hereinzulegen und den echten Splitter weiter etwas sorgloser hüten zu können.
„Ihr seid wahrhaft des Wahnsinns. Ich dachte, es sei alles verloren, als sie den Splitter präsentierte und mich zu ihrem Handlanger machen wollte! Wie hätte ich ahnen sollen, daß es nicht der echte ist? Ich dachte, ich trüge nun Schuld daran, daß Thuringwethil Mittelerde unterwirft...“
„Nein. Ich hatte oft daran gezweifelt, daß der Plan gelänge, aber als wir dort hinten lauerten, sah es gut aus, da sie keinen Verdacht schöpfte“, antwortete Gandalf. „Und dir ist es unter anderem zu verdanken, daß ich den Kristall zusammensetzen und dann durch das Geheime Feuer zerstören konnte.“
„Daß wir daran nicht eher gedacht haben...“ murmelte Legolas.
„Da hast du leider Recht“, gab Gandalf zu, „dabei wäre es doch so einfach gewesen. Schon damals gegen den Balrog habe ich damit erfolgreich gekämpft, aber dieses Feuer ist etwas, das ich selbst kaum genau benennen kann und es verlangt mir einiges ab, es gegen jemanden einzusetzen. Obwohl ich ein Diener dieses Feuers bin, kann ich es nicht immer einsetzen. Aber in höchster Not stand es uns bislang immer bei.“
„Das Ende war so nah, und dann kamt ihr“, sagte Frodo leise, aber sichtlich glücklich, was sie alle sehr erfreute.
„Und du wirst wieder gesund?“ fragte Bergil zu Liliane gewandt, die sich nicht weniger glücklich auf Frodo stützte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
„Ja, die Lähmung ist verschwunden! Ich konnte es kaum glauben, ich hatte schon aufgegeben, aber es gibt doch Hoffnung! Sie aufzugeben ist immer falsch.“
Die vier Gefangenen waren noch immer recht überrascht, Gandalf endlich zu sehen, aber weniger überraschte sie die Tatsache, daß er es war, der alles gerettet hatte. Er hatte als einziger unter ihnen gewußt, wie er Thuringwethil begegnen mußte, da er genug Zeit gehabt hatte, sich ein umfangreiches Bild zu machen.
Und dennoch war es nur mit vereinten Kräften möglich gewesen, die Dämonin zu besiegen. Ihre Schergen waren schmählich davongelaufen, aber wie Aragorn, Bergil und Frodo feststellten, hatte Legolas Maethor Augenblicke zuvor erschossen. Sie alle hegten wenig Mitleid für den brutalen Handlanger Thuringwethils, dem es immer eine große Freude bereitet hatte, andere zu quälen. Bergil verabscheute ihn so sehr.
„Wir sollten nach Hause gehen“, bat Sam von der Seite, der sich noch immer den Hemdsärmel gegen den Hals drückte, um die Blutung zu stillen. Als Aragorn das sah, nahm er sich seiner an und legte einen nicht zu festen Verband um die Wunde an.
„Oh ja“, sagte Bergil und die anderen pflichteten Sams Vorschlag ebenso bei. Bergil schlug noch vor, sich an den feindlichen Vorräten zu bedienen, da sie selbst kaum noch genügend Nahrungsmittel bei sich trugen.
Selbst Gimli wünschte sich jetzt nichts weiter, als Moria zu verlassen. Mit prall gefüllten Taschen machten sie sich alle auf den Rückweg zum Hulstentor. Frodo trug Stich am Gürtel, das Sam sich trotz allem nicht zurückgeben lassen wollte, denn wie üblich hatte er im Auge der Gefahr die Waffen mit seinem Freund getauscht, da dieser noch zusätzlich Liliane beschützen mußte.
Und solange Thuringwethils Männer noch umgingen, wollte Sam dem ersten Frieden nicht trauen.
Aragorn und Gandalf gingen mit Bergil voran und unterhielten sich, nicht so jedoch Gimli und Legolas, die ihnen schweigend folgten. Zwischen ihnen befanden sich noch die Hobbits, die wahrhaft guter Dinge waren. Aus Rücksicht auf Liliane, die stur selbst gehen wollte, aber noch nicht so schnell konnte wie die anderen, gingen sie alle etwas langsamer.
Bergil erzählte von der Endlosen Treppe, Gandalf von seinen Recherchen und Aragorn brachte offen seine Angst vor Thuringwethil zur Sprache, jedoch sprachen sie über nichts wirklich ausführlich.
Legolas‘ Elbenaugen blieben wachsam, während Gimli sich mit den Hobbits zu unterhalten begann. Sams Fröhlichkeit war wirklich ansteckend, es wurde gelacht und gescherzt, was sie nun endlich wieder tun konnten. Frodo blieb seltsam ruhig dabei, er beobachtete nur Sam und besonders Liliane, wie sie amüsiert Gimli bei seinem Bericht von Gandalfs Glasbrennen lauschten, den der Zwerg augenzwinkernd und sehr lebendig vortrug.
Zwischendurch wurde Liliane jedoch immer langsamer, bis ihr schließlich die Knie wegbrachen und Frodo sie um ein Haar nicht einmal hätte auffangen können, als sie zu fallen drohte.
„Es... es geht nicht“, gestand Liliane sich ein, was augenblicklich Aragorn zu einer Reaktion hinriß, die er sich nicht einmal von Frodo nehmen ließ.
„Das macht doch nichts, dann trage ich dich eben“, bot er lächelnd an und hob Liliane auf seine Arme. Frodo sah ihn fast entrüstet an, aber er ließ seinen Freund sein Vorhaben in die Tat umsetzen, da er wußte, daß Aragorn damit eine bestimmte Absicht verfolgte. Außerdem bereitete es Aragorn bei seiner Größe und Stärke kaum Schwierigkeiten, die kleine Hobbitfrau zu tragen.
Liliane lachte. „Welch eine Ehre ist es doch, von einem König auf Händen getragen zu werden!“
Allgemeines Gelächter war die Antwort. Sie hielt sich gut an Aragorn fest, baumelte aber vergnügt mit den Beinen, die zusehends wieder zu ihr gehörten.
Einige Meilen legten sie noch zurück, aber sie waren bald zu müde, um Moria noch zu verlassen, also ließen sie sich an einem geschützten Ort nieder, schürten ein wärmendes kleines Feuer und aßen im Kreis um das Feuer herum.
Jedem Beobachter hätte sich ein friedliches Bild geboten. Wieder einmal reinigte Bergil gewissenhaft sein inzwischen nicht mehr sehr sauberes Schwert, Aragorn genoß mit Gimli, Gandalf und Sam eine gute Pfeife und Liliane und Frodo schienen einfach nur zufrieden zu sein. Aragorn, Gandalf und Legolas saßen beieinander mit etwas ernsteren Mienen, zeigten sich dementsprechend auch etwas wortkarger als die anderen, doch der regen Unterhaltung von Sam und Gimli zu lauschen, erwärmte auch ihre Herzen.
„Jetzt habe ich tatsächlich meinen Umhang und das alte Hemd vergessen“, erinnerte Aragorn sich plötzlich und seufzte fast wehmütig. Gimli lachte laut.
„Was, mit dem Lumpenhaufen wolltest du nicht wirklich bis zu deinem Tode in der Einöde herumlaufen, oder? Nun schaut euch diesen Tunichtgut an! Da ist er der mächtigste Mann in Mittelerde und trägt die schönste Kleidung, wie man sieht, und er trauert einem Fetzenhaufen hinterher!“
„In diesem Fetzenhaufen, wie du so treffend sagtest, lieber Freund“, erwiderte Aragorn, „habe ich einige der wichtigsten Schlachten geschlagen! Ich fühlte mich darin wohl und ich habe die Sachen immer wieder gebraucht, wie wir wissen.“
„Dann nimm ihren Verlust als Zeichen, daß sie wohl nicht mehr gebraucht werden mögen“, sagte Legolas. Aragorn zuckte mit den Schultern.
„Elbische Worte sind oft weise“, antwortete er. „Laßt uns hoffen, daß du Recht behältst, mellon nin!“
Bald lagen Gimli und Sam einträchtig schnarchend nebeneinander zusammengerollt unter Mantel und Decke. Bergil war der Kopf zur Seite gesunken und Aragorn hatte ihn fast fürsorglich zugedeckt. Als sein Blick jedoch zu Frodo und Liliane schweifte, war er sich nicht gar so sicher, ob wirklich alles in Ordnung war.
Liliane schlief, fast bis an die Nasenspitze zugedeckt, in Frodos Armen. Der Hobbit hatte sich zwar nach ihrem Sieg gefreut, daran bestand kein Zweifel, jedoch war er seitdem auch sehr schweigsam gewesen.
„Diesmal ist sie für immer tot, Frodo“, sagte Aragorn, der zu wissen glaubte, was Frodo bedrückte.
Langsam hob dieser den Kopf und sah zu König, Elb und Zauberer, die noch keinen Schlaf gefunden hatten.
„Ich weiß“, antwortete Frodo leise. „Und dennoch sehe ich sie noch immer vor mir, es war so schrecklich, sie wieder erblicken zu müssen. Es... es läßt mich nicht vergessen, was war.“
„Diesmal trägst du aber keine sichtbaren Narben davon, Frodo Beutlin, und auch deine seelischen Wunden werden schneller heilen als damals“, mischte Gandalf sich ein, ruhig und fast tröstlich sprechend.
Frodo seufzte, während er auf Liliane hinabblickte und ihr eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Mit jedem Tag war sie älter geworden, doch sie hatte für ihn nichts von ihrer Schönheit verloren, sie war von einer ungeheuren Güte. Wie sehr hatte ihre Anwesenheit ihm geholfen und ihn aufzurichten vermocht, und eigentlich hätte er doch damit rechnen müssen, daß sie für ihn eintreten und ihn vielleicht sogar rächen wollte. Der ungebrochene Sinn für Gerechtigkeit war einer ihrer ihm liebsten Wesenszüge.
„Das tun sie bereits“, antwortete der Hobbit dem Zauberer. „Die Wunden sind tief, das spüre ich, aber nicht unheilbar. Nur fällt es mir sehr schwer, sie jetzt zu vergessen.“
Er starrte hinab auf seine Handgelenke. Die von den Stricken gerissenen Wunden waren nicht mehr zu sehen, nur die Schnittnarben von damals, und auch in seiner Seele hatte Thuringwethil nicht so tiefe Wunden geschlagen wie Morgoths Jünger es geschafft hatten.
„Überstürze nichts, Frodo“, sagte Gandalf. „Die Zeit wird dir Heilung bringen, und das wird auch deine Familie. Denk an die Heimat, bald bist du wieder dort und kannst vergessen, was vorgefallen ist, denn von Thuringwethil sind wir bis in die Ewigkeit befreit.“
Das war auch gut so. Das Böse, das nie hatte existieren sollen, sollte nicht siegen, am Ende stand immer seine Niederlage und der Sieg des Guten, auch wenn das Übel unendlich viel Pein in die Welt brachte. Niemals würde es aufhören, Schlachten würden immer geschlagen werden, aber die Hoffnung war stärker.
Frodo bettete Liliane sanft neben sich auf den Boden, breitete eine wärmende Decke über sie beide und küßte seine Frau zärtlich auf die Wange, was sie, wie er glaubte, im Schlaf leicht lächeln ließ. Liebevoll zog er sie an sich und schloß die Augen, bewußt ihre Wärme an sich spürend.
Aragorn lächelte, denn er kannte Frodos Stärke und wußte, daß er sich um ihn nicht sorgen mußte. Daß der Hobbit ihm verziehen hatte, ließ ihn seinen Frieden finden.
Der Tag hatte viel gutes gebracht. Bald schliefen alle bis auf Gandalf, der in der zweiten Nachthälfte von Legolas abgelöst wurde. Alles blieb still in den von im Feuerschein tanzenden Schatten erfüllten Hallen Morias, die nun vom Übel befreit waren.
Die Wolken über dem Gebirge zogen sich zurück, um dem fahlen Licht des Neumondes den Weg auf Mittelerde freizugeben, das nicht in den Schatten gefallen war.


Fünfundzwanzigstes Kapitel

„Daß es uns nicht vergönnt ist, einander wiederzusehen, wenn kein ernster Anlaß besteht, ist doch wahrhaft eine Schande!“ stellte Bergil fest, der mit Legolas und Gimli seinen anderen Freunden gegenüberstand. Aragorn hatte beschlossen, die Hobbits bis ins Auenland zu begleiten und erst dann nach Gondor zurückzureiten. Damit hatte er Bergil in ernsthafte Gewissensnöte gestürzt, da der Wächter so gern nach Hause zurückwollte, jedoch auch seinen König schützen, und so hatte dieser ihn nur mit einem Befehl dazu bringen können, auch wirklich nach Hause zu reiten.
„Wo willst du eigentlich hin?“ fragte Gimli Gandalf, der Schattenfell in einer fast kameradschaftlichen Geste über die Mähne strich und bisher noch nichts dazu hatte verlauten lassen, wohin er reiten wollte.
„Oh, ich? Mein Weg wird mich nach Bruchtal führen, jedenfalls für den Moment. Die Zwillinge müssen erfahren, was vorgefallen ist, immerhin habe ich sie über die Gefahr in Kenntnis gesetzt! Aber wir sehen uns wieder.“
Aragorn seufzte laut, aber er lächelte glücklich.
„Nun“, begann er, „so soll es sein, daß wir uns vor den Toren Morias trennen. Aber seid euch gewiß, mein Weg führt an Aglarond vorbei und ich werde kommen, um nach dem Rechten zu sehen!“ Augenzwinkernd klopfte er Gimli auf die Schulter, der ergeben mit den Achseln zuckte.
„Klar, wenn du nicht immer alles weißt, bist du wirklich unglücklich!“
Alle lachten belustigt und in Aragorns Augen meinte Legolas ein fröhliches, glückliches Glitzern zu entdecken, um dessen Verbleib er sich bislang gesorgt hatte.
Sie hatten Moria in den Nachmittagsstunden endlich verlassen, alles war menschenleer und friedlich gewesen und nun standen sie bei den Pferden vor dem Hulstentor, um sich voneinander zu trennen.
„Ich hasse solche Abschiede“, murmelte Sam ehrlich. „Es ist wirklich bedauerlich, daß wir so weit voneinander entfernt leben!“
Sie alle umarmten sich nacheinander und wünschten sich eine gute Heimreise. Legolas und Gimli bestiegen ein Pferd, Bergil hatte seines inzwischen ebenfalls wiedergefunden, Gandalf saß bereits im Sattel und Aragorn überlegte, wie er nun mit einem Pferd und drei Hobbits das Auenland erreichen sollte.
„Dann wandern wir eben“, erklärte Frodo schulterzuckend, was Liliane mit einem Nicken bestätigte. Skeptisch blickte Aragorn zu ihr hinab.
„Du willst wandern?“ fragte er angesichts der Tatsache, daß sie noch immer wegen Bewegungsschwierigkeiten an Frodo lehnte.
„Ja... ich will es versuchen“, sagte sie, aber Aragorn sagte vorerst nichts mehr dazu.
„Namarie!“ rief Legolas, Bergil winkte ihnen und Gandalf gab Schattenfell bereits die Sporen, hob jedoch zum Abschiedsgruß ein letztes Mal seinen Stab. Nach Norden ritt er davon, dann schlugen Gimli, Legolas und Bergil den Weg nach Süden ein, woraufhin Aragorn zuletzt mit den Hobbits am Sirannon entlang vom Nebelgebirge fort gen Westen wanderte.
Er führte sein Pferd an den Zügeln und schloß die Augen, beruhigt die klare, warme Luft atmend. Weiße Wolken zogen über den strahlend blauen Himmel dahin und die Sonnenstrahlen tauchten die grünen Lande in eine lebendige, leuchtende Farbe. Das sich weitläufig vor ihnen erstreckende Land machte einen überaus friedlichen Eindruck, vom warmen Sommerwind gestreichelt und vom Bösen befreit. Nichts war davon mehr zu sehen.
Sie hörten, wie ihre Freunde davongaloppierten.
„Schade, daß unsere gemeinsame Zeit im Frieden nicht länger währte“, sagte Liliane, die sich sichtlich bemühte, mit den anderen Schritt zu halten und ihre Beine nicht wegbrechen zu lassen.
„Wir alle sehnen uns nach der Heimat“, sagte Aragorn, „auch ich tue das. Aber ich möchte euch sicher im Auenland eintreffen wissen und außerdem sind zumindest wir auf diese Weise noch für eine Weile zusammen.“
Es war in der Tat ein recht überstürzter, aber von allen dennoch begrüßter Aufbruch gewesen, denn in der Einöde verweilen wollte nach diesen Strapazen niemand. So hatten sich ihre Wege schnell wieder getrennt.
Zwei Stunden mochten vergangen sein, in der sie keine weite Strecke zurückzulegen in der Lage gewesen waren, als Liliane sich plötzlich keuchend an Frodo lehnte und die Augen schloß.
„Es geht einfach noch nicht“, erklärte sie. Ihre Freunde brauchten sie nur anzusehen und bemerkten, wie sehr ihre Beine zitterten. In der Tat strengte sie sich viel zu sehr an.
„Wozu haben wir ein Pferd?“ fragte Aragorn augenzwinkernd und half Frodos Frau galant in den Sattel des eigentlich viel zu großen Pferdes. Sie lachte, als sie von oben auf die anderen hinabschaute.
„Seht, ich kann nicht nur Ponys reiten!“ verkündete sie lachend, was Frodo und Sam belustigt grinsen ließ. Aragorn mußte nicht gar so sehr den Kopf recken, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Ich sagte es doch immer: Ihr Hobbits seid größer, als ihr ausseht!“
Bis zur Abenddämmerung und länger liefen sie, was sie knapp zwanzig Meilen von Moria fortbrachte. Als sie allerdings zu müde wurden, schlugen sie ein Nachtlager auf, Sam nahm sich ihres leiblichen Wohls an und dann begannen sie, sich noch ein Weilchen zu unterhalten. Sie brachten den Gedanken an die Heimat zurück, indem sie von den Kindern und ihren Streichen erzählten.
„Und sie wollte tatsächlich ein Schwert stehlen, das größer war als sie selbst?“ fragte Sam lachend, nachdem Aragorn von seiner kleinen Tochter erzählt hatte.
„Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das ausgesehen hat! Und dann klebte sie wie eine Klette am Bein des armen Mannes, der nicht mehr ein noch aus wußte. Ich weiß nicht, von wem sie das hat...“
Frodo lachte. „Natürlich nicht! Das klingt mir sehr nach Arwen!“ erklärte er augenzwinkernd, was Sam mit vor Lachen schmerzendem Baum nach hinten sinken ließ. Bald standen ihm die Tränen in den Augen.
„Herrlich! Das ist glatt so, als würden Robin oder Tom Stich stibitzen!“
Sie waren äußerst guter Dinge. Der Schrecken und die Dunkelheit waren vergessen und nicht mehr von Bedeutung.
Weil sie geritten war, kannte Liliane im Gegensatz zu den anderen keinerlei Müdigkeit und erklärte sich bereit, die erste Wache zu übernehmen.
Für den Augenblick tat auch Aragorn so, als wolle er schlafen, aber er war ebensowenig müde wie sie. Als er das Gefühl hatte, daß Frodo und Sam eingeschlafen waren, richtete er sich zu Lilianes Verwunderung wieder auf und starrte nachdenklich in die flackernden Flammen.
„Was ist?“ fragte die Hobbitfrau im Flüsterton.
„Ich... ich weiß nicht. Ich kann nicht schlafen. Mir geht so viel im Kopf herum.“
„Und das wäre?“
Aragorn zuckte unschlüssig mit den Schultern. Ihm saß der Schreck mit dem letzten Splitter noch immer tief in den Gliedern, denn nicht einmal er hätte mit einem derart ausgeklügelten und erfolgreichen Plan seiner Freunde gerechnet, wie sie ihn tatsächlich durchgeführt hatten.
Aber da war noch mehr. Wann auch immer er Liliane ansah, nagte an ihm das schlechte Gewissen.
„Ich glaube, du solltest etwas wissen“, begann er.
„Wovon sprichst du?“ fragte Liliane, während sie näher an ihn heranrückte, ihren Umhang fester um die Schultern zog und ihn erwartungsvoll ansah.
„Ich... ich mache mir noch immer Vorwürfe, auch wenn er mir verziehen hat. Nicht zu leugnen ist aber, daß es ein Fehler war.“
Damit begann Aragorn, von seinem endlosen, qualvollen Verhör durch Thuringwethil zu berichten, und zum ersten Mal sprach er über das, was Frodo tatsächlich widerfahren war.
„Da war mehr als die Streckbank. Ich habe ihn mehr erleiden lassen und kann damit nicht leben!“
„Warum erzählst du mir das jetzt? Wir waren mehr als eine Woche gemeinsam gefangen...“ warf Liliane ein.
„Sicher. Aber so wie jetzt hat sich nie eine Gelgenheit ergeben, es schliefen niemals Frodo und Sam, während wir noch wach waren, und dann war da erst noch Bergil. Als er fort war, sah ich mich nicht mehr in der Lage, überhaupt irgendetwas zu sagen.“
Liliane rutschte noch ein Stück näher heran und legte ihre kleine, zierliche Hand auf die große Hand des gondorianischen Königs, die seine Stärke verriet.
„Du hast uns einen großen Schreck eingejagt“, gab sie ehrlich zu, „denn niemand hätte das von dir erwartet. Aber ich habe dich so gut verstanden, ich hätte genauso gern die Hoffnung aufgegeben, da ich nicht daran zu glauben wagte, jemals wieder gehen zu können. Mein Leben wäre wertlos gewesen!“
„Oh nein“, widersprach Aragorn. „Das ist nicht wahr. Dein Mann und deine Kinder lieben dich und es hätte immer jemanden gegeben, der für dich gesorgt hätte. Aber mich ließ meine Schuld verzagen. Was ich getan habe, ist eine wahre Schande. Ich habe zu lang gezögert, bevor ich überhaupt aufgebrochen bin, habe mich nicht genügend um Faramir und Eowyn bemüht und zu allem Überfluß den Splitter nicht dort gelassen, wo er sicher war. Und es hätte nur Sinn gemacht, daß ich mich ausliefern würde, wenn niemand anders in die Fänge dieser Bastarde geraten wäre. Ich habe die Gefahr unterschätzt. Was du nicht weißt: Ich habe einmal versucht, Frodo zur Flucht zu verhelfen, aber vergebens. Wir wußten die ganze Zeit, was käme, und ich hatte eine unaussprechliche Angst.“
Der König machte eine kurze Pause und starrte in die blitzenden Funken der Glut, die in der Schwärze der umgebenden Nacht verglühten. Eine tröstliche Wärme ging vom Lagerfeuer aus.
Dann fuhr er fort und schilderte, was mit Frodo vorgefallen war.
„Fast wäre er durch den Strick erstickt. Es war grauenvoll. Aber damit nicht genug, man hat ihn unter Wasser gedrückt, bis er in Panik geriet und sich befreien konnte. Damit ließen sie es fürs Erste gut sein, aber während er noch halbtot einige Fuß von mir entfernt auf dem Boden lag und wieder zu sich kommen mußte, drohte Thuringwethil mir mit der Streckbank. Ich nahm es nicht ganz ernst, ich hoffte, sie würde mir nur Angst einjagen wollen, aber bevor ich reagieren konnte, ging sie und erteilte Befehle. Frodo kehrte zu mir zurück, er hatte ihre Worte nicht gehört und das war fürs Erste sein Glück. Ich litt bereits, als ich nur hörte, wie sie hämmerten. Und er wiederholte derweil, daß ich nicht sprechen solle, also entschied ich mich wieder um und beschloß, seinem Wunsch stattzugeben. Unser Abkommen, daß er mich irgendwann darum bitten konnte, zu sprechen, hatte ich nicht vergessen.
Und dann kamen sie. All seine alten Wunden rissen wieder auf, als sie ihn fortzerrten und festbanden, aber er bat mich nicht, er sprach nicht, er wollte stark bleiben. Mir war klar, daß es tödlich enden konnte und ich hätte es dazu nicht kommen lassen, doch ich wollte noch warten, weil er es gesagt hatte und dabei auch blieb. Ich werde den Anblick nie vergessen, es war fast wie damals...“
Aragorn fuhr sich mit der Hand über die Augen. Seine Stimme zitterte hörbar, was Liliane dazu veranlaßte, seine Hand in einer tröstlichen Geste zu drücken. Sie spürte, wie sehr sein Bericht Aragorn zu schaffen machte.
„Kannst du es dir vorstellen? Du hast sie gesehen, nicht? Ich habe mitgezählt. Dreimal haben sie gedreht, nicht öfter. Frodo schrie so laut, wie ich ihn nie zuvor habe schreien hören, beim dritten Mal sprang seine Schulter aus dem Gelenk und bis heute wage ich nicht, mir seine Schmerzen auszumalen, die unerträglich gewesen sein müssen, wenn er mich anflehte...“
Liliane lehnte sich an Aragorn, der am ganzen Leib bebte.
„Hör auf, Streicher“, sagte sie und strich beruhigend über seine Hand. „Mach dir keinen Vorwurf. Frodo ist dir nicht böse, weil du getan hast, was er wollte. Du weißt doch, wie stark er ist!“
„Aber er hat sich überschätzt“, erwiderte Aragorn.
„Nein, das hat er nicht. Natürlich macht es ihm zu schaffen, aber er ist bereits darüber hinweg, das spüre ich. Streicher, du hast alles richtig gemacht oder zumindest die besten Absichten gehabt. Niemand ist perfekt. Denk nur an meine Dummheit! Ich wußte, daß du Recht hattest, als du mich warntest, aber ich wollte ja nicht hören. Ich mußte ja mit Thuringwethil einen Streit vom Zaun brechen, dessen Ausgang mich hätte töten können. Damit bin ich Frodo auch nicht gerecht geworden! Ich habe es meiner eigenen Wut zugunsten getan, nichts weiter. Und ich habe dafür bezahlt. Aber du hast keinen Grund, dir Vorwürfe zu machen!“
„Doch. Nicht einmal da habe ich auf dich geachtet, obwohl ich es besser wußte. Welcher Feigling tut denn das?“
„Keiner, Elessar. Du wußtest ebenso wie jeder andere, daß du mich nicht abhalten konntest, denn das wäre dir in der Tat nicht gelungen. Wir haben alle Fehler gemacht, aber keine, die man nicht verzeihen könnte.“
Aragorn blickte betreten zu Boden, als er Liliane so sprechen hörte. Ihre Sicht der Dinge war klüger als jeder seiner eigenen Gedanken.
„Paß mir gut auf Frodo auf“, sagte er leise. „Er kann sich glücklich schätzen, dich zu haben!“
Liliane lächelte. „Oh, ich werde auf ihn aufpassen. Das muß man nämlich!“
Aragorn hob fast schüchtern den Blick, aber auch er lächelte, denn er hatte den amüsierten Unterton in ihrer Stimme nicht überhört.
„Das glaube ich dir aufs Wort“, antwortete er.

Zuguterletzt hatte nur Aragorn Wache gehalten, aber er war darüber eingenickt, doch dies hatte keine weiteren Folgen. Frodo und Sam ahnten von der nächtlichen Unterredung nichts, als es am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück weiterging. Liliane ritt hoch zu Pferd, was Sam des öfteren neidisch zu ihr hochschauen ließ, denn immerhin war es ein königliches Pferd.
Am Glanduin entlang wanderten sie in aller Ruhe und genossen den wärmenden Sonnenschein, der die Lande sanft berührte. Ein Hauch von Spätsommerduft lag bereits in der Luft, andernorts wurden gewiß die Felder gemäht, aber die vier Wanderer hatten damit nichts zu schaffen. Sie überquerten den Glanduin an einer Furt und planschten dort vergnügt im Wasser herum, bis sie sich pitschnaß vor Lachen nicht mehr rühren konnten.
Die nächsten Tage verbrachten sie damit, Tharbad entgegenzugehen, beobachteten die Marschen entlang der Schwanenflut und waren immerzu guter Dinge.
Der Weg war noch weit genug, aber das ließ sie nicht verzagen. Sie hatten Tharbad bald hinter sich gelassen und wanderten die Nord-Süd-Straße gemütlich und unbehelligt entlang.
„Es gibt keinen Grund mehr, nun zu hetzen“, stellte Sam zufrieden fest. Seit nunmehr einer Woche begleitete die Sonne sie auf ihrem Weg ins Auenland, ungestört wärmend und die Schatten vertreibend, die Mittelerde bedroht hatten.
Etwas weniger beschwerlich als zuvor lief Liliane nun in ihrer Mitte, deren Zustand sich mit jedem Tag gebessert hatte. Inzwischen wollte sie völlig auf das Reiten verzichten, weil sie der Meinung war, daß ihre Beine faul genug gewesen seien. Und es ging fast wieder wie vorher, was sie alle sehr glücklich stimmte.
Es kam auch vor, daß der Himmel sich zuzog und ein warmer Regen über den Landen Eriadors niederging. Das kümmerte jedoch keinen der Wanderer sonderlich, im Gegenteil, die von der sommerlichen Hitze ausgedörrten Wiesen brauchten den Regen dringend.
Sie standen kurz vor der Sarnfurt, die sie am nächsten Tag überqueren wollten, als sie ein Nachtlager aufschlugen. Sam wollte etwas zu essen bereiten, während Aragorn ziellos in der Gegend herumstreifte. Frodo versuchte, das Lagerfeuer in Gang zu bringen und Liliane sammelte Holz. Jeder hatte seine Aufgaben, inzwischen bildeten sie eine gut eingespielte Gemeinschaft und dennoch freuten sie sich sehr auf die Heimat. Da war Aragorn den bodenständigen Hobbits nicht unähnlich, auch er wollte zurück zu seinen Wurzeln und diese lagen in Minas Tirith, fern vom Auenland.
Als sie Sams gute Kost verspeist hatten und sich ihrer Müdigkeit kaum noch erwehren konnten, wollte Liliane die erste Nachtwache übernehmen. Bald lagen die drei Herren der Gruppe friedlich schlafend da und boten einen ruhigen Anblick, der Liliane besonders bei Aragorn überraschte. Den König Gondors einmal derart entspannt zu sehen war wirklich ein seltener Anblick. Als ein derart mächtiges Staatsoberhaupt konnte er in der Tat selten wirklich Ruhe finden.
Sam schnarchte wieder so laut, daß keinerlei Grillen mehr in der Nähe zirpend zu hören waren; entweder hatte er sie verscheucht oder übertönte sie schlichtweg. Aragorn schlief reglos, Frodo neben ihr wälzte sich inzwischen jedoch mit jeder Minute unruhiger hin und her.
Ihre Nachtwache war bereits fortgeschritten, als sie plötzlich zu der Überzeugung gelangte, daß mit Frodo etwas nicht in Ruhe war. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er schien völlig außer sich, vermutlich plagte ihn ein Alptraum.
Natürlich, das war nicht unwahrscheinlich, nach allem, was vorgefallen war...
„Frodo...“ Liliane beugte sich zu ihm hinab und flüsterte seinen Namen in sein Ohr. Kaum daß sie seine Schultern mit den Händen berührte, murrte er unwillig im Schlaf und wollte sich wohl wehren, aber sie ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen und küßte ihn sanft auf den Mund. Davon wurde er schließlich wach.
Gehetzt schlug er die Augen auf, in denen seine Panik und Todesangst sichtbar wurde. Er versuchte, Liliane zu fixieren, die ihn mit einem warmen Lächeln ansah und ihm zärtlich mit der Hand über die Wange streichelte.
Was er allerdings tat, überraschte sie sehr. Ohne irgendetwas zu sagen, klammerte er sich an sie, schlang die Arme um sie und zog sie zu sich hinunter.
„Frodo... Frodo, was tust du denn?“ fragte Liliane verwirrt und zog ihn vorsichtig hoch, dann erwiderte sie die Umarmung und strich ihm tröstlich über die Locken.
Sein Blick starrte an ihr vorbei. Sein Herzschlag wollte sich nicht einmal beruhigen, auch nicht, obwohl Liliane ihn liebevoll im Arm hielt.
Es war gewesen wie echt. Es war ihm in keiner Sekunde wie ein Traum erschienen, und das war das Schreckliche daran.
Jeder Winkel dieser Halle hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er stand, mit eisernen Handschellen an die Wand gekettet, neben Sam und starrte auf Aragorn, der nicht stattgeben wollte. Thuringwethil hatte ihn wiederholt aufgefordert, nicht so starrsinnig zu sein, aber Liliane wollte ja keine Schwäche zeigen, genau wie Frodo selbst zuvor, obwohl er seine Frau doch angefleht hatte, nicht denselben Fehler zu machen wie er, denn Aragorn wollte nichts tun, was sie nicht wollte.
Es war dieselbe Situation. Frodo kniff die Augen zu, denn er wollte nicht hinsehen, er konnte nicht, er fürchtete Thuringwethil, die Aragorn abwartend anstarrte, doch dieser wich ihrem Blick aus und rührte sich nicht.
Frodo ballte die Hände zu Fäusten. Sam sprach zu ihm, aber er konnte die Worte nicht verstehen, versuchte es gar nicht. Er sah nur, daß Sam ihn bittend anschaute, aber das war alles.
Noch schwieg Liliane. Frodo spürte jedoch ihre Angst und die Furcht vor dem Schmerz, der kommen würde. Frodo wußte, wie es sich anfühlte...
„Nicht! Aragorn, so tu es doch endlich, laß das nicht zu! Liliane! Bitte nicht...“ flehte Frodo, er schrie, so laut er konnte, er wollte sich befreien und losreißen, Liliane zu Hilfe eilen... sie sollte nicht das erleiden, was er hatte spüren müssen.
Doch dann hörte er das häßliche Knirschen des Holzes und ihren markerschütternden Schmerzensschrei.
„Nein!“ schrie Frodo außer sich vor Panik. Er konnte sehen, daß Liliane ihm den Kopf zuwandte, Tränen glitzerten in ihren Augen, aber sie zeigte keine Schwäche, sie wollte nicht aufgeben, sondern es aushalten.
Seine eigenen Wunden waren noch nicht verheilt, schon ereilte Liliane dasselbe Schicksal wie ihn. Wenn er nur an ihrer Stelle sein könnte... er wußte um die grausamen Qualen, für welche die Streckbank verantwortlich war.
Er zuckte zusammen, als sie ein zweites Mal drehten und Liliane gepeinigt aufschrie und zu weinen begann.
„Aragorn!“ brüllte Frodo aus Leibeskräften. „Tu es doch endlich, bist du denn wahnsinnig?“
Aber Aragorn zuckte nur mit den Schultern und schwieg still.
„Nein...“ flüsterte Frodo. Aber es war sinnlos, sie drehten ein drittes und ein viertes Mal, was Liliane unvorstellbare Qualen bereiten mußte, denn noch nie zuvor hatte Frodo sie derart schreien hören.
„Liliane, gib doch auf, laß ihn das tun, bitte!“ bettelte Frodo, aber es nützte nichts. Sofern sie noch zu sprechen in der Lage war, verneinte sie seine Bitte, sie wollte nicht, daß Aragorn Thuringwethil gegenüber nachgab. Auf was sie hoffte, gab allen ein Rätsel auf, denn verhindern konnte sie nicht, daß der Kristall zusammengesetzt wurde...
„Sei nicht so stur“, flehte Frodo vergeblich, denn Liliane war nichts anderes als stur, sie wollte aus Prinzip nicht nachgeben.
Er konnte hören, wie die Knochen zerbarsten. Als sie ein sechstes Mal gedreht hatten, hörte er nichts weiter als leises Weinen und Wimmern von seiner Frau, was ihn innerlich zerriß und kaum weniger peinigte als sie selbst, nur auf eine andere Art.
Und dann bat sie Aragorn doch, nachzugeben, nachdem man ihr bereits alles gebrochen hatte. Frodo hoffte, sie möge das Bewußtsein verlieren, doch das tat sie nicht.
Und Aragorn tat, was Thuringwethil ihn hieß, um Liliane endlich zu erlösen, denn noch lebte sie...
Aber die Dämonin gab keinen Befehl, die Hobbitfrau loszubinden. Seelenruhig stand sie daneben und starrte gehässig auf Liliane herab, die keine Kontrolle mehr über sich hatte, willenlos war, gebrochen, genau wie Frodo und vielleicht noch schlimmer. Sie wollte nur noch Gnade erfahren, nichts weiter, aber die blieb ihr verwehrt.
Thuringwethil ließ sie nicht gehen. Es war ihre persönliche Rache an der kleinen Aufsässigen...
Frodo schlug die Augen wieder auf, denn wenn er sie schloß, kehrten die Schreckensbilder seines Traums allzu deutlich zurück. Langsam begriff er zwar, daß es nur ein Traum gewesen war, denn Liliane saß wohlbehalten vor ihm und spendete ihm Trost, aber seine ureigensten Ängste waren in diesem Traum zusammengekommen, er hatte ihre Sturheit und Aragorns Starrköpfigkeit gesehen, die Rachegelüste Thuringwethils und die eigene Hilflosigkeit. Wie sehr hatte er gefürchtet, daß Liliane etwas derartiges widerfuhr!
Zitternd preßte Frodo seine Frau an sich, zutiefst erleichtert, daß es ihr gut ging. Liliane verstand im ersten Moment nicht, was ihn bewegte, aber dann brach es aus ihm heraus und er erzählte von dem, was er gesehen hatte.
„Das darf nicht sein, es war so entsetzlich...“ flüsterte er mit Tränen in den Augen. Liliane lächelte großherzig.
„Ach Frodo... Sie kann uns nichts mehr tun, dir nicht und mir auch nicht. Beruhige dich doch...“
Ihre Anwesenheit allein genügte. Sie hatte immer gewußt, wie sensibel er auf derartige Dinge reagierte, seit er in Gondor den Verkündern der Finsternis in die Hände gefallen war, hatte er vor so vielen Dingen Angst.
Sie hatte geahnt, daß es ihm noch immer zu schaffen machte, wie sollte er auch so schnell vergessen, was vorgefallen war?
In der Tat hatte sie Angst davor, daß er reagierte wie damals. Er hatte zuerst keinerlei Anzeichen gezeigt, daß es ihm schlecht ging, das stürzte erst später umso schwerer auf ihn ein und er hatte sich lange nicht davon erholt.
Aber diesmal hatte er sie und die Kinder. Die beiden hatten es bisher immer geschafft, ihn ins Leben zurückzuholen, mehr noch als sie selbst.
Sie wiegte ihn tröstend in den Armen. Wie sehr dies Frodo half, wußte sie genau, und als die Zeit ihrer Wache vorüber war, weckte sie Aragorn und legte sich gemeinsam mit Frodo schlafen.
Der König merkte, daß etwas vorgefallen war, aber weil er nichts bemerkt hatte, konnte er nur ahnen, was es war.
Die nächsten Tage verstrichen, ohne daß noch etwas vorfiel. In recht kurzer Zeit erreichten sie endlich die Grenzen des Auenlandes, und nur bis dort begleitete Aragorn seine kleinen Freunde.
„Auf daß wir uns das nächste Mal aus einem erfreulicheren Anlaß wiedersehen!“ sagte er und umarmte seine Freunde der Reihe nach.
Liliane strahle übers ganze Gesicht, genau wie Sam, der überglücklich war, endlich wieder zuhause zu sein. Mitgenommen sah ihre Kleidung aus, aber ihre Augen glänzten, sie waren sichtlich glücklich und erleichtert.
„Paß mir gut auf ihn auf“, flüsterte Aragorn Liliane ins Ohr, die zur Antwort wissend nickte und lächelte. Der König klopfte ihr sanft auf die Schulter und sie umarmte ihn ein zweites Mal.
„Danke, Streicher“, antwortete sie, denn sie würde ihm nie vergessen, wie er sich um sie gekümmert hatte. Um sie, Frodo und alle anderen.
„Grüß mir die Familie!“ bat Aragorn Sam, der wie selbstverständlich nickte.
„Aber natürlich tue ich das! Die Kinder wollen doch Geschichten von Elessar aus Gondor hören! Auf daß du einen sicheren Heimweg hast!“ sagte Sam und schlang die Arme um die Taille seines Freundes, denn höher reichte er nicht. Aragorn grinste.
Frodo sah er einen Augenblick lang vielsagend, aber stumm an. Noch immer wortlos umarmten sie sich, doch Aragorn kniete gar vor Frodo nieder und zog ihn an sich, dann schloß er die Augen.
Er spürte die Vergebung seines Freundes. Wieviel ihm dies bedeutete, hätte er mit Worten kaum auszudrücken vermocht.
„Danke, Aragorn, du bist wahrhaft weise und gütig. Danke, daß du mein Freund bist!“ flüsterte Frodo. Aragorn biß sich auf die Lippen, aber es war Freude, die er spürte.
„Du bist der größte Held, den ich kenne, auch wenn du keiner sein willst“, antwortete Frodo. „Ich danke den Valar, daß du mein Freund bist!“
Sam vergrub die Hände in den Hosentaschen, während er der Verabschiedung seiner Freunde zusah. Liliane lächelte gedankenverloren, denn daß die beiden, Frodo und Aragorn, einander sehr schätzten, war kein Geheimnis.
„Gemeinsam werden wir immer stark sein“, sagte Sam, als Aragorn aufstand, die letzten Vorräte auf dem Rücken seines Pferdes sicherte und in den Sattel stieg.
„Laßt von euch hören, meine Freunde“, sagte er, „ihr werdet mir fehlen!“
„Und du uns erst“, erwiderte Liliane, die ihn immer gemocht hatte.
Sam winkte zum Abschied, als das Pferd zu traben begann.
„Auf Wiedersehen!“ rief Frodo hinterher und seufzte.

Er hatte Dunland bereits erreicht, als ihm zum ersten Mal seit zwei Wochen jemand begegnete. Aragorn war zügig geritten und hatte sich nicht lang aufgehalten, da es auch ihn nun wirklich nach Hause zog, aber es war ihm aus vielerlei Gründen ein Bedürfnis gewesen, die Hobbits noch zu begleiten, und er war glücklich damit.
Auf Anhieb erkannte er den Reiter nicht, als dieser sich ihm näherte, obwohl er ihn wachsam beobachtete und ihn nicht für feindlich hielt - eine Annahme, die bald ihre Bestätigung fand, denn er war sich bald sicher, daß Gandalf herbeigeritten kam.
„Mellon!“ rief Aragorn, der nicht wirklich überrascht war, seinen guten Freund in dieser Einöde zu treffen.
In der Tat hatte der Zauberer darauf spekuliert, Aragorn auf seinem Weg nach Minas Tirith zu treffen. Zwar wollte der Zauberer eigentlich nur bis Aglarond der Nord-Süd-Straße folgen, aber er hatte den Zeitpunkt bewußt gewählt, nachdem er ausgerechnet hatte, wie lang Aragorn für seinen Weg brauchen würde.
„Aragorn! Wenn du einverstanden bist, leiste ich dir Gesellschaft bis nach Rohan, ich möchte Legolas und Gimli noch einen Besuch abstatten und sehen, wie die Dinge in Aglarond stehen.“
„Natürlich bin ich einverstanden!“ erwiderte Aragorn schmunzelnd. Der Zauberer tat gerade so, als wären die beiden sich unabsichtlich begegnet, doch daran glaubte Aragorn nicht.
„Ich war bis vor einer Woche in Bruchtal“, begann Gandalf, „um Elladan und Elrohir vom glücklichen Ausgang der Dinge zu berichten. Die beiden wußten immerhin von der Bedrohung vor euch und hatten mir ihre Hilfe angeboten, aber wie wir ja inzwischen wissen, sind ihre Warnungen überall zu spät eingetroffen. Nun, ich hatte viele Dinge mit ihnen zu besprechen, denn ich hatte damals vieles richtig vermutet, wie ich inzwischen weiß. Dies alles ging die beiden unbedingt etwas an.“
Gandalfs Ankunft allein hatte die Elbenzwillinge zu beruhigen vermocht, da sie gefürchtet hatten, der Zauberer würde so bald aufgrund der zunehmenden Gefahr nicht zurückkehren. Aber er war wohlbehalten nach Bruchtal gekommen und hatte ihnen mitgeteilt, daß es sich tatsächlich um Thuringwethils Geist gehandelt hatte, der sie derart das Fürchten gelehrt hatte.
„Aber wo kam sie überhaupt her?“ fragte Aragorn.
„Das weiß ich auch nicht. Wie du weißt, habe ich nur davon gelesen, daß sie nicht völlig vernichtet wurde bei der Schlacht auf Tol-in-Gaurhoth. Das ist sie erst jetzt durch uns, in allerletzter Sekunde, denn hätte ich nicht um meine vergessenen Fähigkeiten gewußt, so wären wir bald dem Untergang geweiht gewesen.“
Gandalf wußte keine Antwort darauf zu geben, wie Thuringwethil die Zeitalter überstanden und überhaupt von ihnen allen erfahren hatte. Dieses Geheimnis hatte sie für immer mit ins Vergessen genommen.
„Was meinst du mit dem Untergang?“ wollte Aragorn wissen, der hinter Gandalfs Worten mehr vermutete, als der Weise ausgesprochen hatte.
„Zu dir habe ich bislang aus gutem Grunde noch nicht darüber gesprochen, weil unsere Freunde dabei waren und sie davon nicht wissen sollten. Nun, Mittelerde wäre in einem ersten Schritt unter ihren Schatten und in ihre Sklaverei gefallen, soviel steht fest. Das war ihr unumstrittenes erstes Ziel nach ihrer Gestaltwerdung, die selbstverständlich am Anfang stand - doch ihr Terror verbreitete sich, wie wir wissen, auch nur durch ihren Geist mithilfe ihrer Handlanger. Aber genau wie Saurons drohender Triumph wäre es der erste Schritt zum völligen Untergang gewesen. Davon habe ich damals nie gesprochen, weil ich es nur geahnt hatte und die Gefahr war so schon groß genug, warum euch noch ängstigen? Nein. Aber diesmal lag es noch mehr auf der Hand - Sauron war ein eigener Herrscher gewesen, Thuringwethil wäre es nun zum ersten Mal geworden, sie war zuvor nicht mehr als eine, wenn auch geschickte, Dienerin und Botin.“
Aragorn nickte besonnen. Dessen war er sich bewußt gewesen.
„Ich habe die Gefahr am Anfang sehr unterschätzt“, sagte der König. „Ich habe mir dafür vielfach Vorwürfe gemacht. Dadurch, daß sie mit Faramir begonnen hat, habe ich nur an ihn persönlich und seine Funktion gedacht, nicht jedoch im größeren Rahmen. Ich hätte es tun müssen! Es war nicht mehr als entsetzlicher Leichtsinn. Die Erkenntnis stand viel zu spät. Und daß sie schließlich mich als Ziel wählte... wie oft habe ich es schon verflucht, der König Gondors zu sein! Es hätte mich meinen Stolz und irgendwann mein Leben gekostet.“
„Oh, ich weiß, warum du getan hast, was du tatest. Ich kenne ich gut genug, mein Freund, und ich verstehe dich auch. Natürlich war es trotzdem falsch - aber hast du geahnt, worauf es hinausläuft?“
Aragorn schüttelte auf Gandalfs Frage hin den Kopf, worauf dieser die Antwort gab.
„Wir hätten es nicht erlebt, aber wir hätten es verschuldet. Sie hätte Morgoth den Weg geebnet und die Dagor Dagorath wäre unvermeidlich gewesen.“
Als einer der wenigen Menschen in Mittelerde wußte Aragorn mit diesem Begriff etwas anzufangen, und er wurde bleich, als er Gandalfs Worte vernahm.
„Die Letzte Schlacht? Aber natürlich... es wäre nicht nur alles in Dunkelheit versunken, es wäre alles zerstört worden! Bei den Valar...“
„Aber es ist nicht allein an dir, Vorwürfe gegen dich selbst zu erheben. Auch ich habe mir Dinge vorzuwerfen, denn man hat mich beraubt, was bei dir niemals gelungen ist, wie dir möglicherweise bewußt ist. Gesprochen hast du, aber doch wohl in dem Glauben, daß wir den Splitter verstecken, und so war es. Du, Elessar, warst der einzige von uns allen, der weise genug gehandelt hat als ein Hüter. Ich habe mich im Schlaf überrumpeln lassen und die Zeichen nicht richtig gedeutet. Ich bin ziellos durch Mittelerde gestreift und habe mit den anderen gesprochen, obwohl ich ahnte, daß sie in Moria war. Ich hätte sie damals bereits stellen können! Ich hätte gegen sie kämpfen müssen, bevor sie alle Stücke besessen hat, doch das habe ich nicht...“
„Nein,“ widersprach Aragorn. „Das ist nicht wahr. Zuguterletzt hätten wir alle Stücke beisammen haben müssen. Du hast richtig gehandelt, du hast sogar am Orthanc gewacht.“
Er brach ab, woraufhin die beiden sich stillschweigend anblickten. Diese ständigen Schuldzuweisungen führten zu nichts, dessen waren sie sich nun bewußt.
„Und du warst nicht schwach, Aragorn. Du warst ein Mensch mit Empfindungen, wie man sie für Freunde hegt, wie man sie für seinen eigenen Schutz entwickelt. Du hast uns alle damit verwirrt, das gebe ich zu, denn als ich von all diesen Vorfällen erfuhr, war ich schockiert. Aber verurteilen kann ich es nicht.“
Argaorn zuckte hilflos mit den Schultern. Inzwischen dachte auch er, mit etwas Abstand zu allem, nicht mehr gar so schlecht über alles, was sich ereignet hatte. Er haßte sich nicht, aber er lastete sich noch immer einen Teil seiner Schwäche an. Er hatte es übertrieben, das wußte er inzwischen, und das war unnötig gewesen.
Sie war mächtig gewesen, was die Gefahr nur vergrößert hatte. Mittelerde war nur knapp dem größten versuchten Anschlag auf die Freiheit entgangen, der sich seit Saurons Sturz ereignet hatte.
Die beiden Männer sprachen noch lang über Gandalfs Erkenntnisse und die Ereignisse, die Aragorn gemeinsam mit den anderen vor und während der Gefangenschaft erlebt hatte. Selten genug war es vorgekommen, daß er selbst derart ausgeliefert gewesen war.
Es war vorbei. Die Abenddämmerung fand wiederum sehr friedlich statt und hätte die beiden Männer pfeiferauchend um ein Lagerfeuer sitzen sehen, wenn sie zu dieser Zeit nicht längst vorüber gewesen wäre.
„Frodo hat dir verziehen, das weißt du. Verzeih du dir selbst auch, Aragorn. Es ist alles gut, Liliane ist wieder gesund, Sam wird den beiden Beistand leisten und anders als damals wird Frodo diesmal genug Halt haben, um ins Leben zurückzufinden.“
Während er Rauchringe in die Luft blies, sprach Gandalf aus, was Aragorn hauptsächlich bewegte. Über all der Verantwortung schwebte hauptsächlich eines: Die Sorge, die er für das Schicksal seiner kleinen Freunde trug. Besonders Frodo war ihm immer wichtig gewesen.
„Merry und Pippin hätte ich gern wiedergesehen“, sagte Aragorn plötzlich und lächelte und Gandalf wußte, daß es gut war, denn Aragorn klang sehr glücklich und seine Worte sprachen eine eigene, erleichterte Sprache.
„Oh ja... aber wir werden sie wiedersehen. Wie Legolas bereits bemerkt hast: Es mag ein Zeichen sein, daß du deine alten Sachen nicht mehr bei dir trägst.“
Gandalf musterte Aragorn, während er sprach, denn über seiner halb königlichen Robe trug er einen Ersatzumhang, an seiner Seite hing Anduril, aber er war dennoch durch sein Auftreten von einem gewöhnlichen Krieger zu unterscheiden. Und der Waldläufer war er seit langem nicht mehr.
Vier Tage waren sie dann gemütlich nach Rohan geritten, hatten über alles ein letztes Mal nachgedacht und sich dann der Zukunft zugewandt, die auf sie wartete.
Kurz nachdem sie die Pforte Rohans hinter sich gelassen hatten, trennten die beiden sich. Aragorn zog es nach Hause, aber Gandalf wollte Legolas und Gimli besuchen. Dieses Vorhaben setzte er dann auch in die Tat um und erreichte die Glitzernden Grotten zwei Tage später hoch zu Pferde und von den Zwergen freundlich gegrüßt.
„Seht, wer kommt! Holt Gimli und den Elbenprinzen!“ riefen die Zwerge an den Toren und einige eilten sogleich hinfort, um die beiden Freunde zu holen.
„Nicht nötig“, winkte Gandalf mit einem Lächeln ab, als er vom Pferd gestiegen war, um sich zu Fuß dem Eingang zu den Höhlen zu nähern.
„Ich werde die beiden suchen.“
Damit ließ man ihn eintreten und die neue große Wohn- und Arbeitsstätte der Zwerge seit Beginn des neuen Zeitalters erstreckte sich weitläufig vor seinen Augen. Ein Stimmengewirr und Arbeitslärm von schweren Hämmern und Meißeln drang an seine Ohren, wie er es erwartet hatte.
„Mithrandir!“ rief Legolas, der den Zauberer schnell erspäht hatte, da er mit Gimli unterhalb des Felsvorsprunges stand, auf dem Gandalf noch nach ihnen suchte, zumal man den beiden doch von Gandalfs Ankunft berichtet hatte.
„Ah! Meine Freunde!“ antwortete Gandalf und begab sich hinab zu den beiden.
„Wie geht es Elladan und Elrohir?“ fragte Legolas sogleich, der begierig darauf war, zu erfahren, was einige der letzten Elben in Mittelerde zu berichten hatten.
Die drei Freunde begaben sich gemeinsam in eine Wirtsstube, die in den glitzernden Fels gehauen war, und machten es sich bei gutem zwergischen Gebräu gemütlich.
Legolas und Gimli wußten zu berichten, daß sie sich knapp zwei Wochen zuvor von Bergil getrennt hatten, als diesen sein Weg noch weiter gen Osten führte ins Königreich Gondor. Sie waren unbehelligt bis nach Aglarond gereist und hatten keinerlei Sorge, daß Bergil nicht sicher in der Heimat eintreffen würde. Die Gefahr war inzwischen gebannt.
„Es sind kaum noch Elben hier, zu denen ich gehen könnte“, erklärte Legolas fast wehmütig. Sie waren zwar aus dem Düsterwald gekommen, als sie überfallen wurden, doch das lebendige Treiben in Aglarond lag Legolas mehr als die oft leblose Stimmung unter den letzten Elben Mittelerdes. Er hatte viele wertvolle Dinge von Gimli gelernt, die das Leben betraf.
Funkelnd im Licht der helligkeitsspendenden Fackeln erhoben sich die Wände neben ihnen; wohin das Auge sah, gab es die Antwort auf die Frage, was die Zwerge an dieser neuen Heimstatt so faszinierte.
Gandalf sah, daß alles in Ordnung war. Er verweilte nur wenige Tage bei seinen Freunden, bis er aufbrach zu unbekannten Zielen.
„Lassen wir den Geheimniskrämer machen, wie er meint“, sagte Gimli, „es gibt Gandalf nicht ohne seine Geheimnisse. Aber laß dich wieder sehen, bevor das nächste Jahrzehnt vorüber ist!“

Frodo spürte, wie seine Aufregung zusehends wuchs, je näher sie dem Bühl kamen. Es war wie ein Traum, endlich zurück zu sein, aber es war nun Spätsommer auch im Auenland und deshalb sah ihre Heimat ganz anders aus als zu dem Zeitpunkt, als sie sie verlassen hatten.
Er verspürte ein Gefühl, wie er es nie zuvor gespürt hatte, es war ihm völlig unbekannt, hin- und hergerissen zwischen Freude und Angst war er, denn er wußte nicht, wie er nun mit seiner Heimkehr umgehen sollte. Er hatte seine Kinder zwei Monate lang nicht gesehen - er hatte sie zwar zuvor schon für längere Zeit als diese verlassen, aber es war etwas anderes. Es war noch ganz anders als damals nach Rhûn, denn von dort war er trotz aller schwierigen Erfahrungen mit einem guten Gefühl zurückgekehrt.
Diesmal war ihm nur umso bewußter geworden, daß nicht nur er allein betroffen war von Gefahren und Schwierigkeiten verschiedenster Art. Diesmal wären auch seine eigenen Kinder betroffen gewesen und er hatte auch für sie die Folter auf sich genommen, er erinnerte sich sogar daran, wie er an sie gedacht hatte, als es sich anfühlte, als würde er zerreißen.
Sie waren noch so verletzbar. Fael war noch ein Kind... und Meli erst auf der Schwelle zum Erwachsenwerden.
Ähnlich, aber nicht genau wie Frodo erging es Sam in diesem Moment, er war ebenfalls in Gedanken bei der Familie, die er niemals aufgegeben hatte, denn auch wenn er daran gezweifelt hatte, sie wiederzusehen, so hatte er immer voller Glück an sie gedacht.
Nur Liliane freute sich unbeschwert auf ihr Zuhause, denn sie war genesen und nicht von solchen Ängsten geplagt wie ihr Mann, der tief Luft holte und schließlich als erster um die Ecke bog, wo Beutelsend endlich in Sicht kam, die stolze Höhle über Hobbingen, vor der die jüngsten von Sams Kindern in diesem Augenblick spielten, weil es erst früher Abend war.
„Papa!“ schrien Robin und Bilbo, bevor sie auf Sam zurannten und ihn fast mit ihrer stürmischen Umarmung umwarfen.
„Meine Jungs“, entfuhr es Sam, dessen Stimme zu zittern begann, als er seine Söhne im Arm hielt, zu überwältigt war er von den Gefühlen der übergroßen Freude. Kleine Hände gruben sich in seinen Rücken, voller Liebe und Anhänglichkeit, und irgendwo waren die Kinder wie üblich sehr stolz auf ihren Vater, der erneut siegreich von einem Abenteuer zurückgekehrt war.
Aber auch die anderen Kinder und Rosie waren nicht fern. Perhail hatte seine Freunde draußen gehört und war tobend aus der Hähle gelaufen, sobald er gesehen hatte, daß seine Eltern und Onkel Sam endlich zurück waren aus der Ferne, wo auch immer diese gewesen sein mochte.
„Papa! Mama!“ rief er, während er zu ihnen lief, so schnell seine kleinen Füße ihn trugen, und das dicht gefolgt von Meli.
Liliane lächelte sanft und mit vor Glück glitzernden Augen. Sie hatte sich so darauf gefreut, ihre geliebten Kinder unversehrt wiederzusehen, aber was dann geschah, verwunderte selbst sie.
Frodo ging schluchzend in die Knie und schloß seine Kinder in die Arme, am ganzen Leib bebend, er klammerte sich an sie, als wären sie sein letzter Halt, und er erschrak sie zutiefst damit, ohne es zu wissen und zu wollen.
„Papa...“ murmelte Meli erschrocken. „Stimmt etwas nicht?“
Frodo löste sich ein wenig von den beiden und strich Fael über den Kopf, den er ganz schief legte, während er seinen Vater neugierig musterte.
„Doch, jetzt ist alles gut. Ich liebe euch, ihr zwei.“ Mehr zu sagen war Frodo nicht imstande, seine Wangen waren tränennaß und er weinte noch immer, weil ihm so bewußt war, wieviel die beiden ihm bedeuteten.
Zärtlich küßte er Melethiell auf die Stirn, die seine Tränen wegwischte.
„Ja, Papa, jetzt ist alles gut, ihr seid wieder da!“ sagte sie leise und schmiegte sich an ihn. Liliane schüttelte stumm den Kopf, als sie ihre Kinder mit ihrem Vater so sah. Einen derartigen Ausbruch Frodos hatte sie nicht erwartet.
„Ich habe es für euch getan“, sagte dieser, „ich habe es alles für euch getan...“
Unverständig runzelte Perhail die Stirn, aber Melethiell kümmerte sich gar nicht darum, denn für sie zählte nur, daß Frodo zurück war. Sie hing sehr an ihrem Vater.
Die drei lagen sich für Minuten in den Armen und ließen sich durch nichts stören. Die Kinder blickten zu Liliane, die längst nicht mehr so mitgenommen aussah wie kurz nach ihrer Befreiung. Abgemagert waren die drei Heimkehrer ebenfalls nicht mehr zu sehr, sehr zu Rosies Erleichterung, wie Sam wußte, denn sonst hätte sie sich nur unnötige Sorgen gemacht.
Sie küßte Sam zur Begrüßung und sagte: „Ich vermisse dich jedes Mal so sehr, daß du es dir nicht vorstellen kannst. War es das wert?“
Obwohl Sam ihr Augenzwinkern bemerkte, nickte er äußerst ernst.
„Und ob es das war. Das war es so sehr wert wie vor zwei Jahren und wie damals im Ringkrieg. Genau so.“
Auch wenn Rosie nicht genau wußte, worum es gegangen war, so verstand sie seine Worte doch und nahm sie vorerst hin, wohlwissend, daß Sam wahr sprach. Er hatte für alle seine Taten immer einen Grund.
Schließlich stand Frodo mit zitternden Knien auf, legte den Arm um die Schultern seines Sohnes, während er Melethiell über die Locken strich. Seine Tochter lehnte an ihm und lächelte zufrieden, sie sah zu ihrer Mutter, die im Gegensatz zu ihrem Vater ganz ruhig war, jedenfalls äußerlich.
Rosie sorgte dafür, daß sie sich alle in der Küche um den Tisch setzten und mit einer guten Mahlzeit versorgt wurden, und erst dann erlaubte sie ihnen, von ihren Erlebnissen zu erzählen, was die ganze Familie im Wohnzimmer wie gebannt verfolgte. Zuvor hatten die drei sich eine kinderfreundliche Version des Abenteuers überlegt mit Rücksicht auf die Jüngsten in der Gruppe, aber die Dämonin beschrieb Liliane bis in alle einzelheiten, daß es die Kinder sichtlich gruselte.
„Und du hast mit ihr Streit angefangen, Mama?“ fragte Melethiell ungläubig. Liliane lachte.
„Natürlich! Sie hat deinem Vater weh getan wegen Aragorn, das fand ich mehr als scheußlich. Was kümmert es mich, daß dieses Monster größer ist als ich? Papa hat es sogar geschafft, den Ring im Schicksalsberg zu zerstören, da werde ich mich wohl noch mit einem Dämon streiten können!“
Die Kinder lachten. Es hatte für die drei Heimkehrer eine seltsame Dimension an sich, zu sehen, wie spannend und auch amüsant ihr Bericht für die Kinder war, und sie hörten sich sprechen wie von weit weg, so als hätten sie den Schrecken und die Angst dieser Tage nicht selbst erlebt.
„Sie hat mir fast einige Knochen gebrochen, als sie unerwartet zugeschlagen hat mit diesem riesigen Flügel“, erzählte Liliane und verschwieg damit die Wahrheit. „Aber eben nur fast. Man setzt dickköpfigen Hobbits eben nicht so leicht zu!“
„Oh, ihr hättet Sam erleben müssen, wie er sich mit Aragorn gestritten hat“, begann dann Frodo. „Da steht er vor dem mächtigsten Mann Mittelerdes und diskutiert über ein Stück Brot, es war wirklich herrlich, euren Vater zu sehen. Das war so typisch für ihn!“
Stundenlang erzählten sie die halbe Wahrheit, bis es Zeit war für die Kinder, schlafen zu gehen. Es geschah dann etwas, was zuletzt vor Jahren geschehen war. Meli und Fael schlichen plötzlich ins Schlafzimmer ihrer Eltern, nur Minuten nachdem diese sie ins Bett gebracht hatten, und legten sich ohne eine weitere Erklärung ins große Bett von Frodo und Liliane, mitten hinein, und deckten sich bis an die Nasenspitzen zu.
„Was wird denn das?“ fragte Liliane skeptisch.
„Laß, Liebes, die beiden sollen hier ruhig sein“, sagte dann Frodo mit einem bittenden Blick, der für Liliane mehr aussagte, als er je mit Worten hätte ausdrücken können.
So kam es, daß Frodo bald neben seiner halbwüchsigen Tochter lag und Liliane neben ihrem schlummernden Sohn. Trotz aller Erschöpfung konnten die beiden erst nicht schlafen, und als er sicher war, daß die Kinder nicht mehr zuhörten, sagte Frodo: „Ich habe es wirklich für sie getan. Es war gut so. Und ich glaube, jetzt wirst du dir nie mehr Sorgen um mich machen müssen.“
Er hatte nur heimkommen und sehen müssen, wofür er all die Jahre gekämpft hatte. In der Tat war es nun soviel leichter, das Leid zu ertragen, als damals in Gondor. Nun neben seinen Kindern und Liliane liegen zu können spendete ihm soviel Kraft, alle Kraft, die er brauchte, um vergessen zu können, was ihm zugestoßen war, und eins wußte er: Das war es wert gewesen.
Auch Sam und Rosie lagen zu dieser Zeit noch wach, weil sie keinen Schlaf finden konnten. Sam nutzte die Gelegenheit, Rosie die Wahrheit zu erzählen, er berichtete ehrlich von allem, was vorgefallen war, weil er vor ihr nicht die Geheimnisse haben wollte wie vor den Kindern zu deren Schutz.
„Man hat ihn wie damals gefoltert, was Liliane nicht ertragen hat. Sie hat die Streckbank gesehen und war nicht mehr sie selbst, als sie Thuringwethil dann gegenübertrat, voller Zorn und Verzweiflung. Sie war gelähmt, als die Dämonin nach ihr geschlagen hatte, wir glaubten schon, daß sie nie wieder gehen könnte. Aragorn wollte sich umbringen, was uns große Angst gemacht hat, weil er sonst nicht so ist. Aber verstehen konnte ich ihn. Er glaubte, er habe alles auf dem Gewissen, er glaubte Bergil tot durch seine Schuld, Mittelerde verloren und den Schatten gekommen. Eins kannst du mir glauben: Wären wir geblieben, wären wir nun alle verloren.“
Rosie war wie erstarrt bei diesen Worten. Sie machten ihr Angst, weil sie wußte, daß sie wahr gesprochen waren, aber nun, da Sam zurück war, wußte sie auch, daß die Gefahr gebannt war.
Einige Fragen stellte sie ihm, die er wie eh und je bestmöglichst zu beantworten versuchte, und eines spürte sie ganz deutlich. Sam trug manche Züge, die sie niemals würde verstehen und teilen können, aber das wollte sie auch nicht. Sie hatte das Auenland einmal in ihrem Leben verlassen und einen Krieg gesehen, das war vor zwanzig Jahren in Gondor gewesen. Daß außerhalb ihrer Heimat nicht alles derart idyllisch war, hatte sie so erfahren, aber weil dieses Wissen ihr Angst machte, ließ sie Sam zwar ziehen, war ihm jedoch nie wieder gefolgt, weil sie es nicht konnte.
Aber er tat es aus Liebe. Er tat es aus Liebe und weil er es mußte, sie ließ ihn ziehen, um ihn nicht zu zerreißen. Da war sie anders als Liliane, die genug Mut aufbrachte, um Frodo zu folgen, und weil sie seine schwierige Vergangenheit kannte und ihn schützen wollte, trug sie seine Aufgaben mit. Nur so konnte sie ihn verstehen. In ihren Adern floß genügend falbhäutisches Blut, um sie derart unerschrocken handeln lassen zu können.
Es war eine von vielen weiteren sternenklaren Nächten, deren Frieden durch nichts gestört wurde. Im goldenen Schein der Sommersonne lebten die Heimkehrer sich besonders mithilfe der Kinder schnell wieder ein, Sam ging bald seinen bürgermeisterlichen Aufgaben wieder nach, Frodo und Liliane wurden ebenfalls vielfältig beschäftigt und vergaßen so allen vorangegangenen Schrecken.
Erst nach Wochen setzte Frodo sich seufzend an den Schreibtisch und nahm die Feder zur Hand. Er wollte an Aragorn schreiben und begann damit, daß ein tiefes Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit eingekehrt war.
„Wir haben alles richtig gemacht und zum Guten gewendet“, schloß er den Brief an seinen Freund Aragorn.




Epilog

Daß er nicht aus dem Sattel seines Pferdes sprang und seinem Verlangen nachgab, bis ans Ende seiner Kräfte die Straßen zu seinem Heim hochzulaufen, war einzig darauf zurückzuführen, daß er nicht von der gesamten Stadt wie ein Verrückter angestarrt werden wollte. Bergil saß angespannt im Sattel, er freute sich wie ein kleines Kind, vergessen war alles, was vorgefallen war.
Er wollte nur zurück zu Frau und Sohn.
Seit er sich von Legolas und Gimli getrennt hatte, war Bergil allein geritten, hatte nur kurz Rast gemacht in Edoras und war nun, müde aber glücklich, endlich zurück in der Weißen Stadt, die er seine Heimat nannte, seit er denken konnte.
Die rote Abendsonne strahlte ihm über das Weiße Gebirge hinweg entgegen, was ihn sehr daran erinnerte, wie alles begonnen hatte. An einem Abend wie diesem, der mehr als vier Monate zurücklag, war sein Vater in die Stadt gekommen und hatte die schreckliche Nachricht des Verschwindens von Herrn Faramir und Frau Eowyn überbracht.
Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt geahnt, was daraus erwachsen würde.
Er war seit etwa drei Monaten von zuhause fort. Bergil schwor sich, das Alaniel und Arigonas nicht noch ein drittes Mal anzutun - damals, als er mit nach Rhûn gereist war, hatte er sie bereits ähnlich lang verlassen, und daß es diesmal ebenfalls so lang dauern würde, hatte er bereits geahnt.
Der Markt auf dem großen Platz im dritten Stadtring wurde geschlossen. Bergil war seinem Heim nun endlich wieder so nah, er hatte sich so lange gedulden müssen, daß er es jetzt kaum noch erwarten konnte.
So, wie er in diesem Augenblick aussah, fiel es einigen Leuten schwer, ihn zu erkennen. Seine Haare waren ein ganzes Stück länger geworden, sein Bartwuchs sah etwas verwildert aus und der Zustand seiner Kleidung war nicht mehr der beste. Für viele, die ihn sonst immer gegrüßt hatten, sah er fast aus wie ein Fremder, aber Bergil hatte andere Sorgen. Er durchritt nur äußerlich ruhig das Stimmengewirr der umherlaufenden Menschen auf dem Platz, fing mit seiner Nase einen nicht genau zu bestimmenden köstlichen Duft auf und mußte lächeln, als er wie eh und je die Kinder am Springbrunnen spielen sah.
Dafür hatte es sich gelohnt, gemeinsam hatten sie all dies Gute gerettet!
Er wippte nervös mit dem Fuß hin und her und kam sich fast albern vor - es war nur eine Heimkehr, keine Beförderung, er war auch nicht erst seit gestern verheiratet, aber er liebte Alaniel und seinen Sohn einfach über alles und deshalb konnte er nichts gegen seine Aufregung tun.
Sein Herz schlug schneller, als er das Pferd in seine Straße lenkte. Im nächsten Moment hielt ihn nichts mehr, er sprang aus dem Sattel, als sei Morgoth persönlich hinter ihm her, führte das Pferd fast stürmisch an den Zügeln und band es am Regenrohr neben der Haustür vorübergehend an.
Er würde nicht erst zur Zitadelle und zum Statthalter reiten und das Pferd vorher fortbringen.
Mit Sicherheit würde er das nicht tun!
Er klopfte noch, aber er wartete die Antwort nicht ab, sondern trat sogleich ein, schließlich war es sein Haus.
„Alaniel! Ich bin zurück!“ rief er laut, worauf zuerst eine andere als die erwartete Antwort ertönte.
„Papa!“ schrie Arigonas und kam von irgendwoher herbeigelaufen, um seinem Vater in die Arme zu springen.
„Mein großer Junge!“ rief Bergil und fing seinen Sohn mit ausgebreiteten Armen auf, wäre fast von dem Kleinen umgerissen worden, aber er fiel nur gegen die Wand zurück und blickte in strahlende, glückliche Augen eines frechen Kindes.
„Endlich!“ freute Arigonas sich und schlang seine kleinen Arme um den Hals seines Vaters. Bergil drückte seinen Sohn an sich und strich ihm liebevoll über den Rücken, als er ein zweites neugieriges Gesicht erblickte, mit dem er nur entfernt gerechnet hatte.
„Du bist ja immer noch hier!“ entfuhr es Bergil voller Überraschung, als er seinen Bruder Borlas erblickte. Dieser hatte sich bereiterklärt, bei Alaniel und dem Jungen zu bleiben während Bergils Abwesenheit, und er hatte es die ganzen drei Monate durchgehalten.
„Ja, es ist sehr gemütlich hier und deine Frau ist wirklich sehr liebenswürdig!“ erklärte Borlas augenzwinkernd, was Bergil mit nicht mehr als einem strengen Gesichtsausdruck entgegennahm.
„Aber vergeben ist sie leider auch. Bist du etwa immer noch nicht fündig geworden?“
Borlas blieb ihm vorerst die Antwort schuldig, weil in diesem Moment Alaniel um die Ecke bog, die aus der hintersten Ecke des kleinen Hauses gekommen war, als sie die Stimme ihres Mannes gehört hatte.
„Bergil!“ rief sie. Dieser versuchte, mit Arigonas auf dem Arm aufzustehen und es gelang ihm auch, dann fiel er seiner geliebten Frau um den Hals und drückte sie lächelnd an sich.
Borlas wurde Zeuge des überglücklichen Wiedersehens der kleinen Familie, die sich lang in den Armen hielt, bevor sie sich voneinander lösten.
„Ich dachte, ich sähe dich überhaupt niemals wieder“, begann Alaniel und blickte kurz zu Boden, während sie sich eine glänzende Strähne ihres langen kastanienbraunen Haares aus dem Gesicht strich. Bergil küßte sie zärtlich auf die Wange und nahm ihre Hand, hielt in der anderen die viel kleinere seines Sohnes und blickte kurz zu Borlas, der mit einem verschwörerischen Grinsen das Weite suchte.
„Komm, setz dich doch in die Küche, du mußt hungrig sein! Hast du Durst?“ fragte Alaniel, aber Bergil schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, aber ich sehne mich nach einer anständigen Rasur und einem gründlichen Haarschnitt“, murmelte er fast entschuldigend, weil er Alaniels verwirrtes Gesicht bei seinem Anblick bemerkt hatte.
„Oh, das hat Zeit... es zählt doch nur, daß du wieder zurück bist! Die Zeit wurde auch mit Ari und Borlas zusammen sehr lang ohne dich“, sagte Alaniel, während sie sich mit einem seltsam strahlenden Lächeln Bergil gegenübersetzte, der auf dem Schoß seinen Jungen hielt.
Sie legte ihre Hände auf seine. Bergil runzelte fragend die Stirn, sagte aber nichts.
„Bevor du mir schon wieder davonläufst, mein Lieber... oh, ich kenne dich, Bergil, Beregonds Sohn! - Nun, ich habe dir jedenfalls etwas mitzuteilen.“
Der Druck ihrer Hände auf seine wurde fester, dann sah sie ihm direkt ins Gesicht und schluckte, was ihn ganz nervös werden ließ, doch dann sprach sie endlich.
„Kaum daß du fort warst, habe ich es bemerkt... es ist wirklich wunderbar... wir sind bald zu viert, Bergil, ich erwarte ein Kind!“
Es traf den jungen Gondorianer wie ein Schlag, aber ein endlos schöner, der sich nicht in Worte hätte fassen lassen. Bergil machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber er fand keine Worte, denn damit hatte er im Entferntesten nicht gerechnet. Seine Augen wurden groß, er schnappte nach Luft, dann lachte er voller Freunde und Glück und drückte Alaniels Hände seinerseits nun ganz fest.
„Meine Liebe, das... das ist wundervoll, das ist, als würde ein Traum in Erfüllung gehen!“
„Ich will aber keine Schwester!“ maulte Arigonas, der wußte, daß seine Eltern sich eine Tochter wünschten.
Bergil lachte wiederum, diesmal über die Äußerung seines Sohnes, und wußte gar nicht wohin mit sich vor lauter Glück.
„Jetzt weiß ich, warum ich unbedingt heimkommen wollte!“ sagte er mit glänzenden Augen. Im nächsten Augenblick sprang er auf, setzte Arigonas ab und kniete sich vor Alaniel, um sie zu umarmen, was sie völlig verdutzte.
„Bergil, du bist verrückt. Ich bin doch nur...“
„Nur? Sage einem Mann nie, daß er nur Vater wird! Der Stolz eines Vaters ist größer als alles andere!“
Bekräftigend zerstrubbelte er seinem Sohn die Haare und küßte seine Frau.
„Du bist wundervoll. Bei meiner Ehre, mir fehlen die Worte...“
Alaniel tat überrascht, da Bergil in einem fort sprach, aber er redete nur irgendetwas, weil er es noch immer nicht fassen konnte.
In seinem Kopf sah es sehr wüst aus. All die Bilder seiner Reise tauchten vor seinem inneren Auge wieder auf, der Abschied von seiner Familie, die Sorge um sie...
Er holte tief Luft. Ja, das roch ganz wie zuhause.
Die Abendsonne schien durchs Fenster hinein und zauberte einen hellen Strahl in die Luft und einen Lichtschein auf den Boden. Staub tanzte im Licht, aufgewirbelt von all den Bewegungen in der Küche, was Bergil daran erinnerte, wie aufgewühlt er nun selbst war.
Stumm stand er auf und blickte sich um. Gegenüber im Türrahmen lehnte Borlas mit einem Lächeln, immerhin hatte er gelauscht, denn die Freude seines Bruders wollte er sich nicht entgehen lassen. Vergessen war alle Angst, daß Bergil nie von seiner zweiten Vaterschaft erfahren könnte, weil er im Dienste des Königs fallen mochte. Er war sehr lebendig, glücklich und zufrieden, lief einfach nur durch jedes Zimmer und schaute sich um, bevor er sich kurz verabschiedete.
„Ich muß hoch zur Zitadelle und mit dem Statthalter sprechen“, erklärte er, „aber ich bleibe nicht lang. Ich werde mich vorerst vom Dienst freistellen lassen, denke ich, nach dieser Reise darf ich das wohl verlangen!“
Er lachte. Guter Dinge verließ er das Haus, führte das Pferd am Zügel hinauf zur Feste des Königs und wurde von erstaunten Kameraden begrüßt.
„Wer kehrt denn da aus der Wildnis zurück?“ entfuhr es Nerias mit einem Augenzwinkern. Bergil strafte ihn mit einem gespielt unwirschen Blick.
„Ich werde mir die Haare morgen schneiden lassen“, sagte er. „Sei froh, daß ich überhaupt noch lebe!“
„Wo hast du denn den König gelassen?“ fragte ein anderer Wächter. Bergil zuckte mit dem Schultern.
„Ich weiß nicht, er wollte die Halblinge bis ins Auenland begleiten und erst dann folgen. Wo er nun ist, weiß ich nicht, aber ich sollte gehen.“
Man ließ ihn nicht durch. Bevor er endlich zu Faramir gelangte, stand er den Männern für eine Weile Rede und Antwort, denn auch sie hatten an seiner und des Königs wohlbehaltenen Heimkehr zu zweifeln begonnen, als erst zwei Monate ins Land gegangen waren. Keine Meldung hatte man erhalten in Minas Tirith, nichts, was auf den Verbleib Elessars schließen ließ.
Bergil stapfte entschlossen die Treppen hoch, grüßte die wachhabenden Männer freundlich, dann fragte er sich zum Statthalter durch, der gerade mit seiner Frau beim Essen saß.
„Ich bringe Nachricht vom König“, meldete Bergil nach einer höflichen Verneigung, als er ungefragt ins Zimmer hereinplatzte.
Faramirs Gesicht zeigte seine Überraschung offen.
„Bergil! Endlich ein Zeichen von dir und Elessar! Wo sind denn Legolas und Gimli? Warum bist du allein?“ bestürmte er Bergil mit Fragen, der sich auf Eowyns Aufforderung erst einmal setzte.
„Oh, die Geschichte ist lang“, begann er und erklärte vorab, warum er allein gekommen war. Dann fuhr er fort, vorerst in aller Kürze von den Ereignissen zu berichten.
„So war es wirklich die Dämonin“, murmelte Faramir leise. „Ich hatte es geahnt, seit Gandalf hier war, um mit mir zu sprechen. Sicher war er sich nicht, aber die Vermutung war sehr stark. Wir standen hier große Ängste aus!“
Es erfreute Bergil zutiefst, Faramir endlich wieder genesen zu sehen, er und Eowyn hatten ich nun endgültig von allem erholt und waren Aragorn eine würdige Vertretung während dessen Abwesenheit gewesen.
„Geh zurück zu deiner Familie, berichte uns morgen ausführlich von allem. Du mußt müde sein!“ sagte Eowyn lächelnd, was Bergil mit einem Nicken bejahte.
„Oh, das bin ich in der Tat. Die Reise war anstrengend!“ Bergil zögerte kurz, beevor er fortfuhr.
„Eine Frage habe ich: Wann soll ich den Dienst wieder antreten?“
Faramir lächelte. „Frag das den König, wenn er zurück ist!“
Erleichtert stand Bergil auf. Darauf hatte er gehofft. Zwar tat er seinen Dienst gern, aber er wollte jetzt zuerst Zeit mit seiner Familie verbringen - und darüber nachdenken, wie sein Kind heißen sollte.
Faramir und Eowyn entließen ihn damit an diesem Abend. Bergil hatte es denkbar eilig, zur Familie zurückzukehren, wo ihn ein gutes Abendessen erwartete. Als Alaniel ihm jedoch die Tür öffnete, ließ sie es sich nicht nehmen, ihm mit einem leidenschaftlichen Kuß um den Hals zu fallen.
„Ich... ich habe dienstfrei bis zur Heimkehr des Königs“, murmelte Bergil halblaut und zwinkerte verschwörerisch.
„Oh, das ist gut! Dann bist du jetzt mein!“ erwiderte Alaniel und warf schwungvoll die Haare zurück, als würde sie ihm damit etwas sagen wollen.
In dieser Verfassung gefiel sie ihm, dachte Bergil, während er ihr in die Küche folgte. Gemeinsam mit Borlas und Arigonas aßen die beiden zu Abend, dann folgte auch für Bergil ein ausführlicher Bericht über die Ereignisse für die Daheimgebliebenen. Arigonas schickte er vorsorglich ins Bett, bevor es wirklich dramatisch wurde.
Als Bergil geendet hatte und glaubte, die Augen nicht länger offenhalten zu können, beschlossen sie alle, endlich zu Bett zu gehen. Kaum jedoch daß Borlas fort war, schlang Alaniel die Arme um Bergil und sah ihm tief in die Augen.
„Wie müde bist du wirklich?“ fragte sie. Er grinste.

Die Männer umarmten sich freundschaftlich.
„Du hast lang gebraucht“, behauptete Faramir lachend, was Aragorn sichtlich amüsierte.
„Ich glaube, ich habe nur die Unterwerfung Mittelerdes mit den anderen verhindert!“ antwortete er scherzhaft, auch wenn er doch die Wahrheit sprach.
Zwei Wochen nach Bergils Heimkehr hatte auch Aragorn nun den Weg nach Minas Tirith gefunden. Faramir war überrascht, ihn nicht mehr in seiner Waldläuferkleidung zu sehen, aber dies war nur eines von vielen Zeichen für den Wandel, den Aragorn durchgemacht hatte. Er hatte hart gekämpft, das sahen Faramir und Eowyn, die von Bergil alles erfahren hatten, was sich zugetragen hatte.
Arwen und Celebriel standen neben Aragorn, der Vater hatte seine kleine Tochter an sich gezogen in einer schützenden Geste. Ähnlich wie Bergil, jedoch nicht derart schlimm, sah auch er aus, aber immerhin hatte er sich in Edoras ein wenig zurechtmachen lassen, um seine Familie und Freunde nicht so zu erschrecken wie sein Leibwächter. Doch die Reise von einer Woche bis nach Minas Tirith hatte wiederum ihre Spuren am König hinterlassen.
„Ihr dürft nun nach Hause zurückkehren“, bemerkte er gegenüber Faramir und Eowyn, was ihm fast überflüssig vorkam, aber es bekräftigte seine Absicht, die Staatsgeschäfte sofort wieder aufnehmen zu wollen.
Das war es auch, was Faramir und Eowyn bald tun wollten. Sie waren der Königin Gondors gern zur Hand gegangen während der Abwesenheit Aragorns, aber sie sehnten sich nach Ithilien, seit sie in der Stadt waren. Fast fünf Monate waren vergangen.
Allerdings hatten Faramir und Aragorn noch einige Dinge zu besprechen, bevor Faramir wirklich nach Ithilien zurückkehren wollte.
„Bergil hat von Frodo erzählt“, sagte Faramir. „Es wunderte mich nicht. Ich habe es bereits erlebt und befürchtet, daß etwas derartiges wieder geschehen könnte. War es wie damals? Wie hat er es verkraftet?“
„Er war genauso stark wie du. Er war so stark, wie er es immer schon gewesen ist. Und obwohl es war wie damals, hat er es diesmal verkraften können. Es war aus einem Grunde nicht so schlimm: Er wußte, daß ich ihn nicht sterben lassen würde, das wußte er damals jedoch nicht, da man ihm gesagt hatte, daß er geopfert werden sollte. Diesmal war es anders. Er hatte für etwas zu kämpfen, er hatte noch eine Wahl, und ich war da. Natürlich habe ich mir vorgeworfen, daß er dieser Qual ausgesetzt war, aber er wollte es so und hat mir verziehen. Liliane achtet auf ihn, er hat sie jetzt, das ist anders als damals.“
Faramir wußte inzwischen, wie Folter sich anfühlte, deshalb war sein Interesse an Frodos Schicksal verständlicherweise sehr groß. Bergil hatte ihm kaum Auskunft geben können, aber Aragorn hatte Frodos Leiden bezeugt und wußte deshalb mehr zu berichten, was er auch für eine ganze Weile tat.
Die beiden liefen durch die königlichen Gärten und besprachen sich lang. Aragorn konnte sich davon überzeugen, daß Faramir alles gut überstanden hatte, und dieser sah nun, daß er nichts falsch gemacht hatte, als er widerwillig hatte sprechen müssen.
Er blieb noch für zwei Tage mit Eowyn. Danach jedoch ließen die beiden sich von nichts mehr aufhalten und verließen Minas Tirith endlich. Unter der leuchtenden Herbstsonne ritten sie Osgiliath entgegen ohne Angst, sie würden die Ruinen auf ihrem Heimweg durchqueren und sie wußten, daß ihnen dort nichts mehr drohte.
Sie waren stärker als das Böse gewesen. Mit ihnen hatte es begonnen und auch sie kamen nun endlich nach Hause, gezeichnet zwar, aber nicht gebrochen.
Faramir sah hinüber zu Eowyn, die verträumt in die Landschaft blickte, die sich hinter den verfallenen Ruinen erstreckte. Ein warmer Wind strich über das sattgrüne Gras Ithiliens, das Land, das den Mond in seinem Namen trug und dessen in seiner Schönheit gerecht wurde.
Es war ein freies Land. Für die Freiheit lohnte es sich, zu kämpfen.





ENDE




Anmerkung

Um selbst in diesem Alternative Universe so nah wie möglich am Original zu bleiben, habe ich mich bei vorhandenen Tatsachen bedient. Von Eomers Frau und seinem Sohn sind die Namen überliefert, wohingegen von Merry nur bekannt ist, daß er einen Sohn hatte. Von Aragorn weiß man, daß er neben Thronfolger Eldarion einige namenlose Töchter hatte, also mußte ich der ersten hier einen Namen geben, so wie ich es auch bei Merrys Sohn getan habe. Nur Bergils Familie ist außer seinem Bruder pure Phantasie, dessen Name in Tolkiens Herr der Ringe-Fortsetzung „The New Shadow“ (nachzulesen auf http://www.fountain.btinternet.co.uk/tolkien/) Erwähnung findet.
Darüber hinaus ist die Feindin Thuringwethil in ihrer Biographie zum größten Teil eine von Tolkien selbst erschaffene Figur, deren Existenz ich erst nach ihrem Gestaltverlust, welcher oft als Tod wiedergegeben wird, weitergedacht habe.