Nachdem König Elessar alles in Gang gesetzt hatte, was zur Beseitigung der Kriegsschäden notwendig war und allmählich die unmittelbare Erinnerung an die Schrecken der Dunkelheit verblaßt war machte er sich Gedanken über die Neuordnung der Gebiete seines Reiches, die nicht zu Gondor gehörten.
Im Norden, in Arnor lebten zu jener Zeit noch nicht so viele Menschen wie es in späteren Zeiten der Fall sein sollte und Thain Peregrin berichtete, daß im Auenland alles bestens bestellt sei, von der betrüblichen Nachricht vom Fortgang des Ringträgers einmal abgesehen. So fand König Elessar zu seinem eigenen Erstaunen genug Muße, Isengart und den Orthanc, die von alters her zu Gondor gehört hatten zu besuchen. Er wollte, daß alles, was an die Herrschaft Sarumans des Verräters erinnerte vom Orthanc entfernt werde.
Also sandte er nach Gimli und Legolas, denn er fand, daß Zwerge und Elben Dinge zu beachten vermochten, die den meisten Menschen verborgen blieben. Der König dachte daran, den Orthanc wieder seiner alten Bestimmung zuzuführen und ihn den Weisen für die Beobachtung der Gestirne zur Verfügung zu stellen.
"Ich will es nicht dulden, daß Gutes und Schönes nur deshalb sinnlos verrotten soll, weil es jemand in Händen hielt, der nichts Gutes im Schilde führte" sagte er zu Arwen. "Arwen Abendstern, dein Mitkommen wäre eine Bereicherung unseres Tuns."
Und so kam es, daß der König und die Königin gemeinsam nach Isengart aufbrachen. Da auch Legolas und Gimli unterwegs nicht säumig waren, trafen sie sich bald an der Wegscheide des Sehenden Steins, nur wenige Wegstunden von Isengart entfernt.
"Willkommen, meine Freunde, in Isengart" sagte König Elessar zur Begrüßung. "Lange ist es her, seit unsere Wege sich trennten und weit waren unsere Wege, bis wir wieder zusammenkamen."
"Weit fürwahr in den Augen der Sterblichen" erwiderte Legolas. "Doch für mich war es nur eine kurze Zeitspanne, obwohl sie von Freude erfüllt ist."
"Unter dem Berg waren wir nicht müßig, und Minas Tirith bekommt mehr als nur Ersatz für sein zerstörtes Tor. Doch gut Ding will Weile haben" sagte Gimli der Zwerg.
"Fürwahr" antwortete Elessar. "Doch nicht deswegen ließ ich euch rufen. Uns steht eine weniger wichtige, aber nicht weniger aufregende Aufgabe bevor: die Erforschung der Geheimnisse des Orthanc. Lange genug lag die Zitadelle der Sterne im Schatten wichtiger Ereignisse, doch er birgt Geheimnisse, die es wert sind, sie zu lüften. Der Schatten liegt noch über jenem Ort. Laßt ihn fortwehen."
Mit diesen Worten wendete der König sein Pferd und sie hielten auf Isengart zu. Nach einigen wenigen Stunden hatten sie ihr Ziel erreicht. Baumbart der Ent stand dort, wo früher das Tor von Isengart gewesen war, um sie in Isengart willkommen zu heißen. Der alte Ent war sichtlich erfreut als er hörte, daß sie gekommen waren, um den Orthanc vom Schmutz vieler Jahre zu befreien.
"Doch es wird schon Abend" sagte der Ent. "Hram, Ihr werdet sicherlich müde von der langen Reise sein." Und sie schlugen ihr Lager inmitten der Bäume auf, die der Wachtwald genannt wurden.
Die Nacht war kalt und klar, denn der Frühling weilte noch nicht lange in jenen Landen. Und am nächsten Morgen machten sie sich erfrischt ans Werk.
Zunächst stießen sie auf allerlei Unrat, der sich in der Zeit angesammelt hatte, in der Saruman der Gefangene des Turms gewesen war. Aber sie drangen nach und nach in so manche verborgene Kammer vor. Was sie dort fanden, verschlug ihnen die Sprache. Viele Dinge aus den Grabkammern der Könige von Rohan fanden sie und noch viel mehr aus Gräbern anderer Menschen. Entsetzt wandte König Elessar sich ab und sprach: "Saruman war kein Drache, sondern eine Elster, versessen auf Raub und Diebstahl. Doch laßt nach König Éomer von Rohan schicken. Er mag entscheiden, was mit den Dingen geschehen soll, die wir hier finden und die aus seinem Reich gestohlen worden waren."
Und ein Bote aus des Königs Gefolge ritt schnell nach Edoras, wo Éomer sich aufhielt. Unterdessen stieß Legolas auf eine Kammer, die Schriftrollen und Landkarten enthielt. Beim genaueren Studieren dieses Materials kam heraus, daß Saruman eine weitaus größere Kenntnis der Lande des Westens als sie während des Krieges angenommen hatten. Doch sie ließen ihre Herzen nicht schwer werden bei dem Gedanken, was hätte sein können, wenn Saruman sein Wissen an Sauron weitergegeben hätte oder es konsequent zum eigenen Vorteil genutzt hätte. Karten und Beschreibungen von Gondor, Rohan, Lothlórien und dem Auenland und vielen anderen Gegenden von Mittelerde fanden sie, und es war kein beruhigender Gedanke, daß ihr Feind so viel über sie wußte.
Doch die Erforschung des Orthanc war noch lange nicht abgeschlossen, und sie stießen noch auf so manche verborgene Kammer und so manchen wohlgehüteten Schatz. Viele Stücke fanden sie, die einstmals Menschen, Elben oder Zwergen gehört hatten, und ein Wagen allein würde zu ihrer Rückführung nicht ausreichen. Die diebische Elster Saruman war in ihren letzten Herrschaftsjahren über Isengart nicht müßig gewesen. Voller Abscheu stellten sie fest, daß Saruman noch nicht einmal davor zurückschreckte, die Ruhe der Toten zu stören, nur um irgendwelche fragwürdigen Forschungen voranzutreiben.
In der Bibliothek fand König Elessar so manche verloren geglaubte Schriftrolle, die noch aus Númenor oder Valinor stammte und deren Wert jetzt nicht in Gold und Edelsteine aufgewogen werden konnte. Und er fand Berichte, die von Elendil selbst verfaßt worden waren und viele Umstände und Begleiterscheinungen der Akallabêth, dem Untergang von Númenor erklärten.
Doch bei vielen Büchern und Schriftrollen hatte es den Anschein, daß sie vor langem zum letzten Mal gelesen worden waren, denn sie trugen dicke Staubschichten, zu deren Bildung es mehr als die wenigen Jahren brauchte, die seit der Niederwerfung Sarumans vergangen waren. Es hatte allen Anschein, als ob Saruman die Schriften nur um des Sammelns und Besitzens willen gesammelt hatte.
Tage vergingen, und Elessar, Gimli und Legolas stießen immer wieder auf neue Kammern und Gänge an Orten, wo niemand sie vermutet hätte. So wurden sie des Suchens nicht müde. Und noch so manches Erbstück aus Eorls Haus oder auch aus dem haus der Truchsessen, das längst in den Zeitläufen der Geschichte verloren geglaubt worden war, trat wieder zu Tage.
Nach drei Tagen traf auch König Éomer von Rohan in Isengart ein, um sich an der Erforschung des Orthanc zu beteiligen und die Dinge, die zu Rohan gehörten nach Hause zu bringen.
Éomer war es auch, der ziemlich weit oben im Turm auf einen Hohlraum stieß, wo ihn wirklich niemand vermutet hätte: mitten im lebenden Fels des Orthanc klangen die Steine hohl!
"Dies kann kein Zufall sein" sagte Gimli, als er mit dem Hammer gegen die Steine schlug. "Der Fels ist massiv, oder ich bin kein Zwerg. Doch fragt mich jetzt um Himmels willen nicht, ob es einen Zugang gibt und wo dieser sein könnte. Wir müssen alle Räume absuchen, die an diesen Hohlraum grenzen und dürfen uns hierbei nicht nur auf diese Etage beschränken!"
Es wurde eine langwierige Suche, denn der Orthanc war hier verwinkelt, und oft genug wußten sie nicht, wo genau sie waren. Aber sie arbeiteten sich stetig an ihr Ziel voran. Und wieder war es Éomer, der den richtigen Einfall hatte.
"Laßt uns doch in Sarumans Privatgemächern suchen. Wo sonst würdet ihr einen Geheimgang beginnen lassen? Vielleicht haben wir dort bei unseren vorherigen Besuchen etwas übersehen?"
Raum um Raum suchten sie ab. Sie stießen hierbei auf Pläne, die Isengart in seiner vollen Ausdehnung nach allen Umbauten, die Saruman ausführen ließ zeigte. Große Ställe für allerlei Getier, ausgedehnte Unterkünfte für Menschen und Orks und unzählige Labore waren dort verzeichnet. Elessar und Éomer waren sich einig, daß diese Anlagen vernichtet werden müßten, falls die Ents etwas übersehen haben sollten. Da alles so ausgedehnt und weitläufig gewesen war konnte dies durchaus der Fall sein.
Nach mehreren Stunden ausgiebigen Suchens stießen sie auf eine geheime Tür, ganz aus Stahl in einer stählernen Wand, selbst für geübte Augen schwer zu entdecken. Aber einem akribisch suchenden Zwerg bleibt selbst so etwas nicht verborgen.
Als sie es nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich geschafft hatten, die Tür aufzubrechen, fanden sie sich in einer stählernen Kammer inmitten des lebenden Felsens des Orthanc Sie war beinahe leer. Nur auf einem hohen Bord lag eine Schatulle. König Elessar nahm das kleine Kästchen aus Rosenholz und öffnete es. Darinnen war eine kleine goldene Kapsel an einer Kette. Und Elessar fand noch etwas anderes. Er war baff vor Staunen.
"Seht, Freunde, hier halte ich etwas Kostbares in Händen; etwas, dessen Wert sein Finder sicherlich nicht kannte." Er holte einen weißen, hell schimmernden Edelstein auf einem Stirnreifen aus mithril aus dem Kästchen. "Die ist er, der sagenhafte Elendilmir. Er kam von Silmarien zu Elendil als Zeichen der Herrschaft über das Nördliche Königreich. Isildur muß es getragen haben, als er in den Norden reiste."
König Elessar schwieg andächtig. Minutenlang herrschte Stille in der kleinen Kammer.
"Also muß Saruman die Schwertelfelder doch durchsucht haben" murmelte er dann. "Das erklärt auch den Zweck der Kapsel."
Er öffnete sie. Sie war leer.
"Ich habe richtig vermutet, Freunde: in dieser kleinen Kapsel bewahrte Isildur den Ring auf. Ach, hätte er ihn doch darinnen gelassen! Viel Mühe und Pein wäre uns erspart geblieben."
"Aber wie ist das" fragte Legolas. "Du sagtest, Isildur selbst habe diese Dinge getragen. Doch wie kommen sie dann, nach all den Jahren ausgerechnet hierher?"
"Was den Stein, den Elendilmir angeht, bestehen keine Zweifel. Es gibt genügend Beschreibungen von ihm, außerdem gibt es eine Nachbildung, die für Isildurs Sohn Valandil angefertigt worden war. Bei der Kapsel ist bekannt, daß Isildur stets eine solche bei sich trug, seit er Sauron besiegt hatte, doch was sie enthielt, war sein Geheimnis. Ja, hier halte ich ein Stück Geschichte in Händen."
Ehrfürchtig betrachteten sie die Schatulle in Elessars Hand. Er wollte sie an sich nehmen, um ihren Inhalt in Minas Tirith würdevoller unterzubringen als hier. Den Elendilmir wollte der König aber erst anlegen, wenn er in den Norden reisen sollte.
"Er gehört zum Norden wie die weiten Wälder und die Seeluft, die vom Westmeer kommt" sagte Elessar und legte ihn in sichere Verwahrung.
Sie durchsuchten in den folgenden Tagen das weitläufige Gelände rund um den Orthanc nach möglichen Resten von Sarumans Bergwerken. Schließlich entschied König Elessar, die Pläne von Isengart an Baumbart zu übergeben, damit er die endgültige Zerstörung der Bergwerke weiterführen könnte. Denn den König riefen seine Pflichten.
Einige Wochen waren vergangen, ehe König Elessar die Zeit fand, seine Funde aus Isengart eingehender zu untersuchen. Wie nur hatte Saruman diese kostbaren Kleinodien gefunden? War es Zufall, eben jenes Glück, das der Fleißige manchmal hat, oder war es das Ergebnis systematischen Vorgehens?
Gegen den Zufall sprach, daß Saruman beide Dinge, Kapsel und Stirnreif gefunden hatte. Auch lag die Vermutung nahe, daß Isildur bei seinem Tod diese Dinge am Körper trug, so wie es seine Gewohnheit war. Hatte Saruman womöglich auch die Gebeine dieses berühmten Vorfahren König Elessars gefunden aber wieso fanden sich dann keine Spuren davon im Orthanc? Hatte Saruman seinen Spott damit getrieben; etwa die Gebeine in einem seiner Öfen verbrannt oder für irgendwelche Magie mißbraucht? Fragen, auf die es keine Antwort gab. Elessar seufzte und blickte aus dem Fenster gen Norden. Was hatte sich dort, in den Weiten Mittelerdes vor unzähligen Jahren abgespielt; lagen die Überreste Isildurs womöglich noch im Schlick des Anduin verborgen?
"Darauf weiß wohl keiner eine Antwort" murmelte der König und wandte sich wieder seinen Regierungsgeschäften zu.
Der Zufall, eben jenes Glück, das der Fleißige manchmal hat, brachte nördlich des Emyn Muil einen seltsamen Fund zutage. Es waren anderthalb Jahre vergangen, seit Elessar in Isengart gewesen war, und er war damit beschäftigt, die alten Grenzfestungen in den Biegungen des Anduin wiederaufbauen zu lassen. Es war der Abend eines heißen Sommertages, und der König beschloß, in der Kühle der Nacht einen Ausritt zu machen. Er entfernte sich nicht weit vom Lager und ritt am Ufer des Anduin entlang. In Gedanken war er in jener Zeit, als er mit dem Ringträger diesen Schicksalsfluß befuhr, vor großen Taten stehend.
Beinahe wäre er achtlos an jener Sandbank vorbeigeritten, die das letzte Hochwasser freigelegt hatte. Vorher war sie dicht bewachsen gewesen, aber die Flut hatte die Vegetation fortgespült. Etwas Weißes blitzte kaum erkennbar aus dem Sand. Elessar saß ab und legte mit bloßen Händen Knochen um Knochen frei, bis er das Skelett eines mächtigen Mannes vom Sand befreit hatte.
Ehrfürchtig betrachtete König Elessar die bleichen Gebeine, dann stockte ihm der Atem. Im Bereich des Herzens lagen drei Glieder einer goldenen Kette, und König Elessar kannte deren Machart sehr wohl. Hier waren die fehlenden Glieder der Kette, die zur goldenen Kapsel gehörte, die Isildur einst getragen hatte!
Es bestand kein Zweifel. Elessar kniete neben Isildur. Nachdem er sein Gebet beendet hatte, legte er seinen Mantel ab und bedeckte damit ehrfurchtsvoll die Gebeine. Dann ging er zu einem nahen Hain, schlug dort mit seinem Schwert Andúril mehrere Äste ab und fertigte daraus ein Gestell, auf das er den Mantel mit den Gebeinen legte. Dieses Gestell band er dann an den Sattelriemen seines Pferdes, so daß es von diesem über den ebenen Grund gezogen werden konnte.
Im Lager erregte der König damit einiges Aufsehen, als er sagte: "Dort liegt einer, der um ein vieles würdiger und berühmter ist als ich, und es ist angemessen, daß er von einem König als sein Diener gebracht werde."
Und alle, die die Gebeine sahen, verneigten sich ehrfürchtig, denn von ihnen schien eine Würde auszugehen, die selbst nach unendlichen Jahren noch erstrahlte.
"Wir haben die ehrenvolle Aufgabe, König Isildur von Arnor und Gondor nach Minas Tirith zu bringen" sagte König Elessar feierlich. Und so sollte sich bewahrheiten, was dereinst, als Isildur als vermißt gemeldet wurde gesprochen wurde: "Wenn dieser Feind vernichtet und die Dúnedain wieder vereint sind, dann werden Isildur und Anárion nebeneinander in Frieden ruhen." Doch niemand hatte so recht daran geglaubt.
Festlich geschmückt zogen sie in Minas Tirith ein, und Könige und Fürsten als allen Teilen Mittelerdes waren gekommen, um Isildur dem Großen sein letztes Geleit zu geben.
Es war an König Elessar, eine kurze Ansprache zu halten. "Ihr Menschen dieses Landes und von weit her, hört den König dieses Landes! Vor unzähligen Jahren, nachdem Sauron von der Letzten Allianz besiegt worden war, verschwand Isildur auf seiner Heimreise in den Norden spurlos. Man sagt, er sei von Feinden überfallen worden. Durch die Macht des Ringes, der jetzt vernichtet ist, wurde er um seinen Sieg und um sein Leben betrogen.
Und jetzt erst, nachdem ein Zeitalter vergangen ist, wurde er gefunden. Wir sind heute zusammengekommen, um seinen letzten Wunsch in die Tat umzusetzen. Isildur soll neben Anárion, seinem Mitkönig und Bruder ruhen. Er ruht, wie allgemein bekannt ist, in einem Grabhaus in Rath Dínen. Dieses Grabhaus ist noch offen, denn ein Platz ist noch frei. Diesen wollen wir jetzt belegen."
Sie zogen schweigend zur Begräbnisstätte, und schweigend wurde König Isildur beigesetzt. Und jeder wußte im Grunde seines Herzens, kein Feind hatte die Ruhe seiner Gebeine jemals gestört.