Sechstes Kapitel: Das feindliche Land
Nach der Stärkung im Gasthaus "Zum wilden Riesen" verabschiedeten sich Gildor, Almiel und die anderen vorübergehend von Gandalf; sie hatten sich für den Abend verabredet - im Haus von Großtante Prisca. Um die Mittagszeit machten sie sich auf den Weg zum Turm Ecthelion. Sie hatten sich zuvor alle noch frische Kleidung angezogen. Vor allem Gildor, den sie bisher immer in einfacher Reitkleidung gesehen hatten, sah vollkommen verändert aus. Er trug ein mit vielen Ornamenten besticktes grün- und ockerfarbenes Elbengewand und einen sandfarbenen Umhang, dessen Kapuze er zurückgeschlagen hatte. Natürlich erregte die Gruppe dadurch einiges Aufsehen, aber sie beachteten die Blicke und Tuscheleien der Menschen nicht weiter. Schließlich erreichten sie ihr Ziel. Gildor sprach die Torwachen an und verlangte, mit seinen Begleitern zum Regierenden Truchsess Denethor vorgelassen zu werden. Auch hier wurde der Elb mit äußerstem Erstaunen betrachtet. Ein Wachmann holte sofort Hauptmann Gethron, der die Neuankömmlinge in Empfang nahm.
"Ich grüße Euch", sagte Gethron förmlich zu Gildor, verbeugte sich leicht und stellte sich selbst vor. "Ich bin Gildor aus Imladris", erwiderte der Elb, "und ich habe Neuigkeiten aus Ithilien. Ich war dort einige Zeit im Auftrag des Herrn Elrond unterwegs und habe viel Erschreckendes gesehen. Diese Nachrichten sollte Euer Herr erfahren. Meine jungen Freunde hier", er wies auf die anderen, "waren ebenfalls dort und haben schwere Kämpfe hinter sich. Auch sie können einiges berichten." "Ich werde Herrn Denethor fragen, ob er Euch empfängt. Was die anderen angeht, so bitte ich Euch, dass Ihr einen Mann oder eine Frau auswählt, Euch zu begleiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Denethor mit sechs Leuten gleichzeitig sprechen möchte. Bitte wartet hier auf dem Vorplatz, bis ich wiederkomme." "Gut", sagte Gildor. Während Gethron den Truchsess aufsuchte, fragte Almiel ihre Freunde, ob es ihnen Recht wäre, wenn sie Gildor begleiten würde. Die anderen waren einverstanden. Schließlich hatte Almiel auch zuerst die Idee gehabt, ihrem Hauptmann zu helfen. "Er muss hier irgendwo sein". meinte Turgon, "wenn wir ihn doch nur besuchen könnten..." "Sprechen wir doch mit Hauptmann Gethron, wenn er wiederkommt", schlug Lea vor. "Haltet ihr das für richtig?" fragte Gildor. "Ich glaube, der Hauptmann ist nicht so übel", mischte sich nun Fredegar ein, "er wirkt sehr umgänglich." "Das denkt mein Vater auch", erklärte Almiel. Sie hatte bis jetzt Hauptmann Gethron noch nicht persönlich gekannt, aber ihr Vater erzählte oft von ihm.
Es dauerte nicht lange und Gethron kam mit einem weiteren Wachmann wieder. Er verbeugte sich nochmals kurz vor Gildor und erklärte, dass Herr Denethor es als große Ehre betrachte, ihn mit einem Begleiter oder einer Begleiterin zu empfangen. Gildor nickte. "Es ist auch mir eine Ehre", sagte er. "Die Kriegerin Almiel, die Tochter Hendings und Salvias, wird mitkommen." "Hending ist dein Vater?" fragte Gethron plötzlich erstaunt. "Ja, das ist richtig", erwiderte sie kurz. Gethron bedeutete dann den beiden, dem Wachmann zu folgen. Er werde sie zum Thronsaal bringen.
***
Die anderen vier standen noch im Vorhof der Wachen. Der Hauptmann der Leibwache wollte sich gerade wieder von der Gruppe abwenden, da wurde er von Turgon angesprochen: "Wir haben eine Bitte, Hauptmann Gethron", sagte er. "Dürfen wir Hauptmann Thorongil besuchen?" Alle vier schauten ihn hoffnungsvoll an. "Ich ahnte doch, dass euer Besuch etwas mit ihm zu tun hat. Ihr wart mit ihm in Ithilien?" "Ja", sagte Lea, "es gibt dort schwere Gegner und viele unserer Leute sind gefallen." Maie, die sonst kaum sprach, warf ein: "Es ist ein feindliches Land." Gethron überlegte einen Augenblick. Dann nickte er. Niemand hatte ihm befohlen, keinen Besuch zu Thorongil zu lassen. "Ihr könnt zu ihm, immerhin war er euer Hauptmann - aber eure Waffen müsst ihr abgeben."
Kurze Zeit später folgten die vier ziemlich aufgeregt Gethron und zwei Wachmännern zu den Gefängniszellen. Aragorn, der auf dem Bett lag und wieder einmal über seine Lage nachdachte, hörte Stimmengewirr, aus dem sich eindeutig auch weibliche Stimmen abhoben. Hier bei den Wachen gibt es doch keine Frauen, dachte er gerade, als sich seine Zellentür öffnete. Gethron steckte den Kopf herein, meinte, "Ich habe Besuch mitgebracht", und öffnete die Tür dann vollständig, so dass die Gruppe eintreten konnte. "Das gibts doch nicht", entfuhr es Aragorn. "Was macht ihr denn hier?" Er sprang vom Bett auf, lief auf sie zu und umarmte sie nacheinander alle vier. Gethron erklärte, dass er nun gehen und später wiederkommen würde. Sie beachteten ihn nicht und überhörten auch, dass hinter ihnen die Tür wieder abgeschlossen wurde. "Ich kann euch in dieser.. ähm... Wohnung leider nichts anbieten - noch nicht einmal genug Sitzplätze", sagte Aragorn, während er sie immer noch voller Erstaunen ansah. "Das macht doch nichts", sagte Lea. "Auf dem Bett können zwei bequem sitzen, dann gibts noch diesen Stuhl..." ".. der mit Sicherheit bald zusammenkracht", warf Aragorn ein, doch Lea fuhr unbeirrt fort: "Und dann haben wir noch den Fußboden." Als schließlich alle einen Platz gefunden hatten, erzählten sie Aragorn alles, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte, besonders auch ihren Besuch bei Gandalf. Sie erwähnten sogar die Ausrede an Seredic, zu einer Hochzeit reisen zu wollen. "Almiel und der Elb sind jetzt bei Truchsess Denethor", sagte Turgon schließlich. Aragorn berichtete im Gegenzug, wie es ihm ergangen war. "Dass ich hier zum Nichtstun verurteilt bin, ist das Schlimmste für mich", erklärte er. "Ich starre den ganzen Tag die Wände oder die Decke an und grüble vor mich hin. Lieber würde ich mit 30 Orks gleichzeitig kämpfen." Als die anderen betreten schwiegen, lächelte er sie plötzlich an. "Aber ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Ich werde euch das nie vergessen."
Kurze Zeit später öffnete sich die Zellentür. Zwei Männer der Wache brachten das Abendessen - aber nicht eine Portion, sondern fünf. "Hauptmann Gethron schickt Grüße", sagte einer der Wachmänner. "Die Audienz bei Herrn Denethor ist noch nicht beendet. Da ihr sicher auf eure Gefährtin warten wollt, könnt ihr noch ein wenig hier bleiben und etwas essen." "Richtet ihm unseren Dank aus", erwiderte Turgon. "Ja, macht das", sagte auch Lea. "Das war sehr freundlich von eurem Hauptmann." Dann wandte sie sich an Aragorn. "Ich muss unbedingt noch etwas erzählen", begann sie, "da gibt es so eine nette Geschichte mit Almiels Großtante Prisca und dem Elb..."
***
Die Audienz bei Denethor verlief günstig. Er hatte Gildor förmlich, aber nicht herablassend begrüßt - ein guter Anfang, fand der Elb. Auch zu Almiel war er nicht unfreundlich. Er war von seinem Stuhl aufgestanden und hatte sich mit seinen Gästen zu einem Tisch begeben, an dem mehrere Stühle standen. Dort bat er sie Platz zu nehmen. Diener brachten Gebäck und Getränke. Almiel war klar, dass ihretwegen solcher Aufwand nicht betrieben worden wäre, die bevorzugte Behandlung hatte sie der Anwesenheit Gildors zu verdanken, der als das angesehen wurde, was er war: der Botschafter eines fremden, freien Volkes.
Gildor berichtete Denethor von Herrn Elronds Auftrag, die Lage in Ithilien zu erkunden, und von der fast vollständigen Vernichtung der Elbenkolonie im Süden. "Nur zwei Elben haben überlebt", erklärte er und musste sich dabei sehr beherrschen, seine Trauer nicht zu deutlich zu zeigen. Breit schilderte er dann seine Beobachtungen in dem Menschendorf, die in der Ermordung des jungen Mannes, der sich dem Nazgul widersetzt hatte, und der Zwangsrekrutierung der Bauern durch die feindlichen Krieger gipfelten. "Die Menschen wurden gezwungen, dem Herrn von Mordor die Treue zu schwören, sonst wären sie alle ermordet worden", sagte er und fügte hinzu, was er schon damals gedacht hatte: "Niemand sollte unter solchen Bedingungen leben müssen." Denethor hörte meist schweigend zu, nur hin und wieder stellte er eine Frage. "Auf dem Rückweg bin ich dann Eurem Hauptmann Thorongil und seinen Leuten begegnet. Sie hatten gerade einen schweren Kampf gegen eine Überzahl von Feinden erfolgreich hinter sich gebracht. Sie waren von Wargreitern, Orks und feindlichen Menschen angegriffen worden. Aber dazu kann Frau Almiel mehr sagen."
Almiel nutzte das Stichwort und berichtete von ihrer ersten Schlacht, die ihnen zwar den Sieg gebracht, aber gleichzeitig schwere Opfer gefordert hatte. "Das Land liegt wie unter einem Schatten", erklärte sie. "Ich kann mir vorstellen, dort zu kämpfen, aber nicht, dort zu leben. Die Leute aus den Dörfern sollten die Möglichkeit erhalten, woanders zu wohnen, dort, wo es sicherer ist." Als sie diese letzten Sätze sprach, sah sie Denethor mit großen blauen Augen an - ein Bild rührender Hilflosigkeit. Wo hat sie diesen Blick bloß geübt, dachte Gildor, solche Tricks hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Der Truchsess war nicht immun gegen den Appell an seine Beschützerinstinkte. "Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass die Lage in Ithilien so schwierig ist", sagte er und lächelte sogar ein wenig. "Du meinst also, dass dein Hauptmann richtig gehandelt hat?" Almiel schluckte. Hoffentlich sagte sie jetzt nichts Falsches. "Ich hatte das Gefühl dass es richtig war, Herr Denethor", begann sie zögernd, "aber ich verstehe nichts von strategischen Dingen. Ich bin nur eine einfache Kriegerin in Eurem Dienst, die Tochter meines Vaters. Aber ich habe die zerstörten Dörfer gesehen und auch die Familien, die nur in Sicherheit leben wollen. Es sind so viele Kinder darunter..." Bravo, dachte Gildor in diesem Moment, Mädchen, du hättest Diplomatin werden sollen.
Natürlich hatte Denethor erkannt, dass das Auftauchen Gildors und Almiels einen Tag nach der Verhaftung Thorongils kein Zufall sein konnte. Er war schließlich ein intelligenter Mann. Aber zum ersten Mal, seit er von Thorongils Alleingang gehört hatte, räumte er für sich ein, dass es tatsächlich Gründe für das Verhalten des Hauptmanns gegeben haben könnte. Sowohl Gildor als auch Almiel hielt er für glaubwürdige Augenzeugen. Aber was sollte er jetzt tun? Er war immer noch maßlos ärgerlich, wenn er an Thorongil dachte.
Nun ergriff Gildor wieder das Wort: "Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen, Herr Denethor, vielleicht könntet Ihr ihn in Erwägung ziehen." "Sprecht", erwiderte Denethor. "Wie wäre es, wenn Ihr Euch selbst ein Bild von der Lage in Ithilien machen würdet? Ihr könntet mit einigen Kriegern von Osgiliath aus ein paar Tage lang durch das Land ziehen." Gildor machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: "Allerdings würde ich es auch gut verstehen, wenn Ihr diesem Vorschlag nicht folgen würdet. Ihr habt schließlich die Verantwortung für ganz Gondor zu tragen." Denethor überlegte lange. So einer Erkundungsreise war er durchaus nicht abgeneigt. Er war schon eine ganze Zeit nicht mehr aus Minas Tirith herausgekommen. Gildor und Almiel warteten schweigend. Schließlich hob Denethor den Kopf. "Gut", sagte er, "ich werde nach Ithilien reisen. Was meint Ihr? Wieviele Krieger werde ich brauchen?" "Das kommt darauf an, wie weit Ihr ins Innere des Landes vordringen wollt", meinte Gildor. "In der Nähe von Osgiliath ist alles noch ziemlich sicher, eine Tagesreise weiter wird es schon sehr gefährlich. Ich würde dann mindestens 40 bis 50 Leute mitnehmen." Denethor nickte. "Ich habe natürlich noch einige Vorbereitungen zu treffen", sagte er. "Wie ist es mit Euch, Herr Gildor, würdet Ihr mitkommen?" "Ich muss ohnehin wieder nach Osgiliath, dort sind noch die beiden Überlebenden der Elbenkolonie. Mit ihnen möchte ich in absehbarer Zeit auch nach Bruchtal zurückkehren", antwortete er. "Ich gehe davon aus, dass du auch nach Ithilien mitkommst", wandte sich Denethor an Almiel. "Wenn Ihr es wünscht, komme ich mit." "Dann ist das so beschlossen", sagte Denethor und schaute sie immer noch freundlich an. In diesem Augenblick hatte Almiel eine Art Eingebung. Später wusste sie nicht mehr, warum sie, ohne weiter zu überlegen, die folgenden Worte gesagt hatte, aber nun erschienen sie ihr richtig. "Was habt Ihr mit Hauptmann Thorongil vor?" fragte sie. "Kann er nicht auch mitkommen? Er kennt sich in Ithilien aus, kämpft wirklich gut und hat sich keine Sekunde geschont, als wir angegriffen wurden." Denethor bemerkte, dass sein Ärger wieder in ihm wuchs. Doch dann sah er erneut in die großen blauen Augen Almiels und sagte viel sanfter als beabsichtigt: "Ich habe über Thorongil noch ein Urteil zu sprechen. Das werde ich tun, wenn ich mir ein Bild von der Lage im Osten gemacht habe. Dass er ein guter Krieger ist, ist mir bekannt. Du fragst, ob er mitkommen kann? Er müsste mir sein Wort geben, während der Reise keinen Fluchtversuch zu machen. Ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen kann." Er sah Gildor an, doch der Elb sagte nichts. "Ich werde es mir überlegen", erklärte Denethor schließlich.
***
"Das wäre geschafft", sagte Almiel voller Erleichterung als sie mit Gildor den Thronsaal verlassen hatte. "Es ist doch gar nicht so schlecht gelaufen, oder, Herr Gildor? Ich hatte solche Angst, dass ich etwas Falsches sage." "Ihr wart gut, Frau Almiel... aber sollten wir nicht die Förmlichkeiten lassen, nach allem, was wir schon erlebt haben?" "Gern", antwortete die Kriegerin und lachte. "Ich glaube, ich hatte eben bei der Audienz genug Förmlichkeiten, das reicht für die nächsten Jahre." "Ich war erstaunt, dass Denethor auf unsere Argumente so schnell eingegangen ist.", sagte Gildor. "Der Zauberer hatte Recht mit seinen Überlegungen - und auch damit, dass der Truchsess von Gondor ein schwieriger Mann ist, in einem Moment freundlich, im nächsten distanziert und - wie Mithrandir schon erlebt hat - auch oft sehr aufbrausend." "Mithrandir - was heißt das eigentlich?" "Grauer Pilger..."
Sie waren im Vorhof angekommen und sahen sich nach den anderen um. Es war niemand zu sehen. Doch da kam Hauptmann Gethron auf sie zu. "Wenn Ihr eure Gefährten sucht... sie sind bei Thorongil. Ich werde sie holen..." "Bitte, kann ich ihn auch sehen?" fragte Almiel. "Es ist schon spät..." gab Gethron zu bedenken. "Ich würde Hauptmann Thorongil auch gern begrüßen", sagte Gildor. "Also gut, aber nur ein paar Minuten, dann werde ich von meinem Stellvertreter abgelöst... dann geht es nicht mehr. Bitte gebt mir Eure Waffen." "Ich habe keine Waffen dabei", erklärte Gildor. "Und meine Waffen habe ich Lea gegeben, bevor wir zu Herrn Denethor gegangen sind", erwiderte Almiel.
Als die Tür zu Aragorns Zelle erneut aufgeschlossen wurde, rechneten Lea, Fredegar, Turgon und Maie natürlich damit, dass sie nun gehen müssten. Doch als sie Gildor und Almiel sahen, lachten sie erleichtert. "Ich glaub es nicht", rief Lea. "Wie habt Ihr es geschafft, noch hierher zu kommen? Und wie wars?" "Ein paar Minuten, dann komme ich wieder", sagte Gethron in diesem Moment und verschwand. Aragorn umarmte die beiden Neuankömmlinge freudig und schaute sie dann gespannt an. "Was hat euer Gespräch mit Denethor ergeben?" fragte er. In knappen Sätzen fasste Gildor die Ergebnisse der Audienz zusammen. "Er will tatsächlich selbst die Lage in Ithilien erkunden?" fragte Aragorn verblüfft. "Und vielleicht nimmt er dich sogar mit", sagte Almiel. "Was? Das kann nicht sein..." Aragorn schüttelte ungläubig den Kopf. "Na ja, er hat sich noch nicht entschieden, aber es sieht, glaube ich, ganz gut aus", bekräftigte Almiel. "Das denke ich auch", stimmte Gildor zu. "Übrigens ist an Almiel eine begnadete Diplomatin verloren gegangen", fügte er noch hinzu. "Manchmal ist Denethor förmlich dahingeschmolzen."
***
Nach diesem aufregenden Tag waren alle müde und froh, endlich zur Ruhe zu kommen. Großtante Priscas Haus war dafür genau richtig. Die alte Frau hatte gerade einen Apfelkuchen gebacken, den sich vor allem Fredegar und Turgon gut schmecken ließen. Lea war verschwunden, um ein Bad zu nehmen, und die sonst so schweigsame Maie unterhielt sich mit Großtante Prisca über verschiedene Möglichkeiten, Obst einzukochen und Marmeladen zuzubereiten. Die anderen waren erstaunt: Solche hauswirtschaftlichen Kenntnisse hatten sie der Bogenschützin gar nicht zugetraut.
Auch Gandalf war gekommen - und er war sehr zufrieden. Gildor und Almiel hatten ihm vom Verlauf der Audienz bei Denethor berichtet. Auch dass es Aragorn so weit gut ging, erleichterte ihn ungemein. Der Zauberer hatte sich im Stillen Vorwürfe gemacht, weil er ihn nicht früher gewarnt hatte. Er fragte sich, ob es Aragorn tatsächlich gestattet würde, den Truchsess nach Ithilien zu begleiten. Sollte dies der Fall sein, wollte Gandalf auch selbst dorthin reisen. Vielleicht wurde ja seine Hilfe benötigt; die Recherchen in der Bibliothek von Minas Tirith würde er für diese Zeit eben unterbrechen. Mittlerweile war er überzeugt davon, dass Saurons Herrscherring - der eine Ring - noch irgendwo existierte und letztlich für das Erstarken Mordors verantwortlich war. Er hatte nur keine Vorstellung, wo er nach ihm suchen sollte.
Nach dem Gespräch mit Gandalf war Almiel in den Garten gegangen. Sie wollte eine kurze Zeit allein sein. In die allgemeine Zufriedenheit mit dem Verlauf des Tages - die erfolgreiche Audienz, der Besuch bei Thorongil - hatte sich bei ihr ein kleiner Wermutstropfen gemischt: Als die Gruppe den Vorhof der Wachen des Truchsesses gerade in Richtung Stadt verlassen wollte, traf Almiel ihren Vater Hending, der seinen Dienst antreten wollte. Er war erstaunt, seine Tochter in Minas Tirith anzutreffen, hatte aber missbilligend bemerkt, dass sich der Elb Gildor, den er bei der Verhaftung Hauptmann Thorongils gesehen hatte, in ihrer Begleitung befand. Als Almiel ihm kurz von ihrem Gespräch mit Denethor erzählte, war er wütend geworden. Seine Tochter sollte sich nicht in solche Staatsdinge einmischen. Almiel, die wegen ihres Hauptmanns immer noch einen leisen Groll gegen ihren Vater hegte, widersprach heftig, worauf Hending nochmals seinen Standpunkt bekräftigte. Sie trennten sich im Streit. Nun drehten sich ihre Gedanken darum, ob sie die Auseinandersetzung nicht hätte vermeiden können.
Plötzlich trat Turgon hinter sie. Er hatte endlich genug Apfelkuchen gegessen und dann nach Almiel gesucht. "Geht es dir gut?" fragte er. "Hmm ja", antwortete sie. Es klang nicht sehr überzeugend. Turgon hakte nach: "Die Sache mit deinem Vater beschäftigt dich, nicht wahr?" Sie waren alle Zeugen des Streits gewesen und Turgon hatte bemerkt, wie aufgewühlt Almiel seitdem war. Sie drehte sich zu ihm um, sah die Besorgnis in seinen Augen. "Es ist lieb von dir, dass du fragst", sagte sie. "Ich liebe meine Vater, aber er soll sich nicht in meine Angelegenheiten einmischen. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe..." Sie unterbrach sich und fuhr dann fort: "Er denkt immer noch, ich wäre ein Kind." "Das ist normal für Eltern", meinte Turgon. "Kann ich dir irgendwie helfen, Almiel? Du musst es nur sagen..." Almiel ergriff die Hand des jungen Kriegers. "Du hast mir schon geholfen. Dadurch, dass du hier bist. Danke, Turgon." Sie beugte sich zu ihm vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Turgon wurde wieder einmal knallrot. Almiel schenkte ihm daraufhin ein strahlendes Lächeln, wünschte ihm eine gute Nacht und verschwand ins Haus.
***
Minas Tirith brodelte vor Aufregung. Der Regierende Truchsess wollte die Stadt verlassen? So etwas war seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Es hieß, er plane eine Inspektionsreise nach Osgiliath. Möglicherweise werde er von dort auch noch Ithilien besuchen. Die Hälfte seiner Leibwache sollte mitreisen - und noch weitere Kriegerinnen und Krieger. Natürlich, offiziell war das alles nicht, aber die Gerüchte verdichteten sich immer mehr. In den Gasthäusern, auf den Straßen, kaum gab es irgendwo ein anderes Gesprächsthema. Denethor wusste, dass es Gerüchte über seine Pläne gab - die gab es immer. Ihn störte es nicht. Er selbst begann an seiner bevorstehenden Reise Gefallen zu finden. Er würde wieder einmal die Gelegenheit haben, neue, eigene Erfahrungen zu machen und nicht nur Berichte aus zweiter oder dritter Hand zu bekommen. Während er weg war, sollte Hauptmann Gethron die militärischen Belange in Minas Tirith regeln, Baldor, ein Gelehrter und Gesetzeskundiger, würde sich um die zivilen Angelegenheiten kümmern. Doch was sollte er mit Hauptmann Thorongil machen? Er schien bei seinen Leuten beliebt zu sein. Die junge Kriegerin, mit der er gesprochen hatte, war ihm zugetan, ebenso der Elb. Auch von dem Besuch in der Zelle des Hauptmanns hatte er erfahren. In Denethors Augen war Thorongil nach wie vor ein Verräter. Doch seltsamerweise versuchte ihn alle Welt zu überzeugen, dass er keinen Verrat begangen habe.
Denethor beschloss, nochmals mit Thorongil selbst zu reden. Er setzte sich auf die Bank im Garten und beauftragte einen Diener, ihn holen zu lassen. Doch zuerst kam Hauptmann Gethron. Er war irritiert. "Herr Denethor", fragte er ihn mit einer Verbeugung, "sollen wir Euren Gefangenen hierher in den Garten bringen?" "Ja, ich bin doch hier", antwortete er, "warum fragt Ihr nach? Eilt, Ihr kennt meinen Befehl." Kurze Zeit später wurde Aragorn vor Denethor geführt. Auch dieses Mal hatten ihm die Wachleute die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Doch Denethor wies sie an, die Fesseln zu entfernen. "Das ist heute nicht nötig", sagte er. Dann erhob er sich von seinem Platz und forderte Aragorn auf, ein Stück mit ihm durch den Garten zu gehen. Aragorn nickte, sagte aber nichts. Als die Wachleute den beiden folgen wollten, gab Denethor ihnen ein Zeichen zurückzubleiben. Es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, dass ihn sein Gefangener vielleicht angreifen könnte. Erst sehr viel später erkannte er, dass er Thorongil in dieser Situation unbewusst vertraut hatte.
"Du wirst... Ihr werdet wissen, dass ich nach Osgiliath reisen werde - in zwei Tagen", begann der Truchsess zu sprechen und blieb neben einer Blumenrabatte stehen. Aragorn zog eine Augenbraue hoch - er wurde ja auf einmal wieder höflich angesprochen. "Ja, ich weiß es", antwortete er knapp. "Ich habe gehört, dass Ihr vor ein paar Tagen Besuch hattet", fuhr Denethor fort. "Gildor von Imladris und die Kriegerin Almiel haben Euch sicher alles erzählt, was wir besprochen hatten. Ich werde es jetzt nicht wiederholen und frage deshalb gleich: Wollt ihr nach Osgiliath und vielleicht auch nach Ithilien mitkommen?" "Es kommt darauf an, unter welchen Bedingungen", sagte Aragorn. "Ihr wollt über Bedingungen verhandeln...?" Der Truchsess unterbrach sich, holte tief Luft und setzte dann nochmals an: "Ihr seid immer noch mein Gefangener. Mein Urteil ist noch nicht gesprochen. Trotzdem gestatte ich Euch, mich zu begleiten, wenn Ihr folgende Bedingung erfüllt: Gebt mir Euer Wort, keine Fluchtversuche zu machen." Aragorn überlegte einen Moment, dann sagte er bedächtig: "Mein Wort gebe ich nicht leichtfertig. Ich kann Euch versprechen, dass ich in der Zeit bis zum Ende der Reise nicht zu fliehen versuche. Sobald wir aber wieder in Minas Tirith zurück sind, gilt das nicht mehr." "Gut, das ist akzeptabel." "Was ist mit meinen Waffen?" fragte Aragorn. "Da wir mit Angriffen zu rechnen haben, werdet Ihr sie bekommen." Unvermittelt fügte Denethor hinzu: "Die junge Kriegerin war eine gute Fürsprecherin für Euch." "Sie hat sich auch im Kampf gut geschlagen...", meinte Aragorn. Doch dann stellte er die Frage, die ihm momentan am meisten unter den Nägeln brannte: "Bin ich frei, bis wir Minas Tirith verlassen?"
***
Almiel war auf dem Weg zu ihren Eltern. Sie wollte mit ihrem Vater sprechen. Übermorgen würde sie Minas Tirith verlassen und erneut in den Kampf ziehen. Was wäre, wenn sie nicht zurückkäme? Dann gäbe es keine Möglichkeit mehr, den Streit jemals beizulegen. Dies wollte sie unbedingt vermeiden. Ein wenig freute sie sich darüber, wieder als Kriegerin zum Einsatz zu kommen. Lang dauernde körperliche Untätigkeit lag ihr nicht. In den letzten Tagen hatte sie ihre Kampfübungen sträflich vernachlässigt. Neben Almiel würden auch Lea, Maie, Fredegar und Turgon wieder mit von der Partie sein. Sie alle gehörten der Truppe an, die mit dem Regierenden Truchsess nach Osgiliath und Ithilien reisen würde. Denethor hatte verkünden lassen, dass er selbst den Oberbefehl übernehmen wolle. Der Elb Gildor würde den Truchsess als eine Art Berater begleiten.
Almiels Elternhaus lag im oberen Teil der Stadt, in einem Viertel, in dem vorwiegend Familien von Kriegern lebten. Sie wusste, dass ihr Vater heute dienstfrei hatte und sich an solchen Tagen mit Vorliebe im Freien aufhielt. Die Gartentür stand weit offen. Almiel blieb einen Augenblick stehen und sah ihrem Vater bei der Arbeit zu. Hending war gerade damit beschäftigt, einige Pflanzen in die Erde zu setzen. Als er seine Tochter bemerkte, richtete er sich auf und wischte sich die erdigen Hände an einem Tuch ab. "Ich wollte mich verabschieden, Vater" sagte Almiel und trat in den Garten. "Ich bin der Truppe des Herrn Denethor zugeteilt." "So ist das also... nun gut", erwiderte er etwas einsilbig. "Hast du nicht mehr dazu zu sagen?" fragte sie ihn. "Was willst du hören. Ich denke, dass nach deinem letzten Auftritt eine Entschuldigung angebracht wäre, Almiel." "Das mit dem Streit tut mir Leid", erklärte Almiel daraufhin, "aber ich habe richtig gehandelt und du hattest kein Recht, mich zu kritisieren. Ich bin erwachsen und weiß selbst, was ich zu tun und zu lassen habe. Hauptmann Thorongil hat jede Unterstützung verdient." "Genau das meinte ich", rief Hending ärgerlich. "Die Schwierigkeiten, in die sich dein Hauptmann gebracht hat, gehen dich nichts an. Stell dir vor, dass Herr Denethor wütend auf dich wird... oder auf uns alle. Er könnte dich oder mich aus unserem Dienst entlassen, oder wir würden verbannt, entehrt..." "Unsinn - ich habe mit ihm gesprochen. Er wird nichts dergleichen tun..." "Almiel, du hast Glück gehabt. Das Gespräch hätte auch ganz anders ausgehen können." Einige Zeit sagte nun beide nichts. Almiel schaute auf eine Pflanze, die am Boden lag, Hending befasste sich angelegentlich mit seinem Tuch. Doch dann hielt Almiel das Schweigen nicht länger aus. "Wollen wir uns wieder streiten? Können wir nicht einfach alles vergessen, auch wenn wir anderer Meinung sind?" Sie sah ihren Vater bittend an. Er seufzte, doch dann nahm er sie wortlos in die Arme. Lange hielt er sie so fest. Almiel murmelte: "Ich liebe dich, Vater." "Ich kann dir einfach nicht lange böse sein", sagte Hending. "Und ich wünsche dir gute Kämpfe, gute Freunde, die deinen Rücken decken..." "Die habe ich", warf sie ein. "...und dass du heil wieder zurück kommst."
Sie setzten sich dann zusammen auf eine Gartenbank, die ihr Vater selbst gezimmert hatte. Almiel erzählte von ihrer ersten Schlacht und von ihren Freunden. Hending wollte vor allem wissen, wie sie den Elben kennen gelernt hatte. Almiel berichtete daraufhin, dass er in Ithilien mit zwei weiteren Angehörigen seines Volkes zu ihnen gestossen war. "Ich weiß nicht viel über Elben", sagte ihr Vater, "aber sind sie nicht vollkommen anders als wir?" "Das kann ich dir nicht sagen", erwiderte sie, "aber Gildor hat sich als guter Freund erwiesen - und nur das zählt für mich." "Ich war überrascht, dich in Begleitung dieses Mannes zu sehen, ich hatte ihn schon in Osgiliath gesehen..." "... wo du Thorongil verhaftet hast..." "... was du mir übel genommen hast." "Ich weiß natürlich, dass du nichts dafür kannst, aber es hat mich geärgert, dass du es warst." Almiel schwieg einen Moment, dann fragte sie nach ihrer Mutter. Hending erzählte ihr, dass er heute nicht mehr mit ihrer Rückkehr rechne. Sie sei bei einer Freundin zu Besuch, deren Tochter bald heiraten werde. Dort seien sie mit Vorbereitungen für das Fest befasst. Almiel lachte "Wenn sie schon mit mir keine Freude hat... grüß sie von mir. Ich muss jetzt wieder gehen."
Vater und Tochter schlenderten gemeinsam zur Gartentür. Gerade als sie sich voneinander verabschieden wollten, wurde Almiel angesprochen: "Nun Kriegerin - wieder in diplomatischer Mission unterwegs?" Sie fuhr herum. "Thorongil... das... das kann doch... wo kommst du her?" stotterte sie vollkommen überrumpelt. Aragorn lachte fröhlich, umarmte sie und nickte dann auch kurz ihrem Vater zu, der ihn ansah, als ob er einen Geist vor sich hätte. Gestern Abend, als er Dienst hatte, war er doch noch in seiner Zelle gewesen - und jetzt stand er hier vor ihnen. "Seit etwa einer Stunde bin ich frei - vorübergehend", sagte er. "Ich werde euch auf der Reise begleiten. Was danach sein wird, muss ich abwarten..." "Das ist ja wunderbar", rief Almiel. "Alle werden sich freuen." "Das will ich sehr hoffen", warf er ein, noch immer lachend. Doch dann wurde Aragorn plötzlich ernst. Er nahm Almiel bei den Händen und sah ihr in die Augen: "Ich danke dir von Herzen für alles, was du für mich getan hast. Wenn du nicht mit Denethor gesprochen hättest, würde ich immer noch in dieser Zelle sitzen..." Almiel wand sich bei diesen Worten fast vor Verlegenheit, dann brachte sie ein leises "das war doch selbstverständlich" hervor.
***
Nachdem sich Almiel endgültig von ihrem Vater verabschiedet hatte, ging sie mit Aragorn noch ein Bier trinken. Das Lokal war nicht besonders vornehm, eher eine Kaschemme, aber beide störte es nicht. "Wo wirst du wohnen, bis wir die Stadt verlassen?" fragte Almiel und Aragorn zuckte die Schultern. "Ich finde schon einen Platz", meinte er. "Komm doch mit zu meiner Großtante. Da sind wir alle - bis auf Herrn Gandalf. Der übernachtet, glaube ich, noch im Wilden Riesen - jedenfalls habe ich ihn heute nicht beim Frühstück gesehen." "Meinst du nicht, dass deine Großtante schon genug Gäste hat?" "Wirklich nicht, sie genießt es..." Aragorn überlegte nur kurz, dann sagte er: "Also gut, danke, ich nehme das Angebot an. Ich freue mich schon darauf, die alte Dame kennenzulernen." "Oh, meine Freunde haben Geschichten erzählt..." Lauter nette Sachen..." Aragorn lachte. Almiel stimmte in das Lachen ein. Ihre blauen Augen funkelten fröhlich. Sie bestellten sich noch ein Bier und Aragorn zündete seine Pfeife an. Schließlich wurden beide wieder ernster. "Ich kann immer noch nicht glauben, dass du hier neben mir sitzt, Thorongil", sagte Almiel. "So richtig habe ich das auch noch nicht begriffen... es schien alles so - hoffnungslos..." "Eigentlich haben wir es Herrn Gandalf zu verdanken, dass du frei gekommen bist. Wir sind nur seinem Rat gefolgt." "Ich muss mit ihm sprechen", erklärte Aragorn. "Meine... Schwierigkeiten mit Denethor sind ja noch nicht bereinigt. Er ist immer noch der Meinung, dass ich ihn verraten habe... Ich habe einfach ein paar Tage vorläufige Freiheit." "In ein paar Tagen kann viel passieren. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich versuchen, mich abzulenken, so gut es geht..."
Bei Almiels Großtante Prisca fühlte sich Aragorn dann sofort wohl. Er war von ihr begrüßt worden wie ein langjähriger Freund. Mit Erstaunen stellte er fest, dass die anderen Gäste schalteten und walteten, als ob sie hier immer zu Hause wären. Selbst der sonst eher zurückhaltende Elb Gildor bediente sich ungerührt in der Speisekammer oder räumte geduldig alle möglichen Sachen beiseite, die überall im Weg lagen. Großtante Prisca war offenbar der Meinung, dass zu viel Ordnung ein Zuhause nur ungemütlich mache. Natürlich freuten sich alle, als sie sahen, dass Hauptmann Thorongil in Freiheit war. Fredegar hatte Gandalf verständigt und er kam sofort, um Aragorn zu treffen. Beide unterhielten sich lange zu zweit im Garten, wobei der Zauberer seine Absicht bekundete, schon jetzt nach Osgiliath zu reiten, um zur Stelle zu sein, wenn er gebraucht würde. Schließlich ließen sie sich alle ein leckeres Abendessen schmecken. Bis spät in die Nacht saßen sie zusammen, tranken Bier und Wein, redeten und lachten.
***
Zwei Tage später waren sie alle plangemäß in Osgiliath angekommen. Die Stadt lag im Schein der Abendsonne, als sie sich ihren Mauern näherten. Truchsess Denethor hatte sich von 50 Kämpfern begleiten lassen. Auch einige seiner persönlichen Diener ließ er mitkommen. Den ganzen Weg von Minas Tirith bis Osgiliath ritt er an der Spitze seines Gefolges. Auf seinen Wunsch - es war eher ein Befehl - war Gildor an seiner Seite. Aragorn hatte es vorgezogen, sich möglichst nicht in Sichtweite des Herrn von Gondor aufzuhalten. Er ritt mit seinem Pferd Aegnor ein ganzes Stück weiter hinten im Zug zwischen den einfachen Kriegerinnen und Kriegern. Dort befanden sich auch Almiel, Turgon, Lea, Fredegar und Maie. Da Denethor wollte, dass sie schnell vorankamen, hatte er allen, die ihn begleiteten, Pferde besorgen lassen - ein kostspieliges Unterfangen, denn die Tiere waren in Gondor eher selten und teuer.
Hauptmann Peleg erwartete den hohen Gast und seine Truppen am Stadttor. Als er ein paar Tage zuvor erfahren hatte, dass der Regierende Truchsess kommen wolle, mussten in Windeseile umfangreiche Vorbereitungen getroffen werden. Peleg hoffte, dass er nichts vergessen hatte und alles zur Zufriedenheit seines Herrn war. Denethor war in gnädiger Stimmung. Als ihn Peleg mit einer tiefen Verbeugung begrüßte, lobte er ihn für seine gewissenhafte Arbeit in den vergangenen Jahren und für die stets aufschlussreichen Berichte zur Lage der Stadt. Peleg lachte breit und konnte seinen Stolz kaum verbergen. Als sie durch die Stadt ritten, fielen Denethor besonders die provisorischen Lager der Menschen aus Ithilien auf. Peleg berichtete ihm von der immer problematischer werdenden Versorgungslage und schilderte, dass Tag für Tag neue Menschen in die Stadt strömten - oft Verletzte, die Opfer feindliche Angriffe. Schließlich erreichten sie die Häuser der Wache. Peleg hatte für Denethor ein aus mehreren Räumen bestehendes, bequemes Quartier herrichten lassen, in das sich der Truchsess auch erst einmal zurückzog. Später war noch ein Empfang mit wenigen auserwählten Gästen geplant. Neben den Unterhauptleuten Pelegs und Denethors und ihren Ehefrauen waren auch Seredic und Aldor, Gildor und die beiden anderen Elben Rian und Inglor eingeladen. Auch Almiel sollte kommen. Am nächsten Morgen wollte Denethor dann die Truppen in Osgiliath inspizieren und sich ein Bild vom Leben in der Stadt machen.
Almiel war gar nicht begeistert, dass sie an dem Empfang teilnehmen sollte. Auch Gildor hätte den Abend lieber in weniger offizieller Umgebung verbracht. Aber so eine Einladung konnten sie nicht ausschlagen, ohne Ärger zu provozieren. Aragorn, dessen Anwesenheit nicht erwünscht war, hatte grinsend etwas von "neuen diplomatischen Missionen" gemurmelt, was ihm einen vernichtenden Blick seitens der jungen Kriegerin einbrachte. Lea, Fredegar und Maie spürten keinerlei Neid auf die bevorzugte Behandlung Almiels; sie hatten sich zusammen mit Thorongil vorgenommen, eine in den Nähe liegende Gastwirtschaft zu besuchen. Gandalf, der schon in Osgiliath weilte, würde zu ihnen stossen. Nur Turgons Laune hatte war beträchtlich gesunken, als er erfahren hatte, in welch vornehmer Gesellschaft seine bewunderte Almiel den Abend verbringen würde. Die anderen versuchten ihn aufzuheitern, aber vergeblich. "Ich gehe schlafen", hatte er lapidar gesagt und war dann in sein Quartier verschwunden.
Als sich Denethor in seinen Wohnräumen aufhielt, nutzte Aragorn die Gelegenheit, mit Peleg, Seredic und Aldor ein kurzes Gespräch zur augenblicklichen Lage in der Stadt zu führen. Alle drei konnten sich kaum von ihrer Überraschung erholen, den Mann aus dem Norden vor sich zu sehen. Aragorn berichtete ganz kurz, was in den vergangenen Tagen geschehen war, allerdings ohne die Mitwirkung der jungen Kriegerinnen und Krieger an seiner vorläufigen Freiheit zu erwähnen. Er hatte sich daran erinnert, dass sie ja angeblich an einer Hochzeit teilgenommen hatten. Als Aragorn schwieg, ergriff Seredic das Wort: "Da wir keine anderen Befehle erhalten hatten, haben wir die Evakuierung Ithiliens fortgesetzt", sagte er. "Aber noch waren unsere Leute nicht in allen Dörfern." Peleg ergänzte: "Die Stadt ist jetzt schon überfüllt von Menschen. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, wohin sie gehen können. Auf Dauer sind wir mit ihrer Versorgung überfordert." "Außerdem gibt es nach wie vor viele Opfer von Orküberfällen", erklärte Aldor. Aragorn nickte. "Das hatte ich erwartet." "Und dann ist da noch eine ganz merkwürdige Sache", sagte Seredic schließlich zögernd. "Frauen aus einigen Dörfern im Süden Ithiliens haben mir erzählt, dass ihre Männer von feindlichen Kriegern dazu gezwungen wurden, mit ihnen zu gehen. Offenbar sollen sie für die Seite des Feindes kämpfen." "Das deckt sich mit dem, was mir der Elb Gildor erzählt hatte", warf Aragorn ein. "Ja, aber das ist noch nicht alles", fuhr Seredic fort. "Einige Frauen haben ihrer Männer später wiedergesehen und fanden sie völlig verändert." "Wie verändert?" fragte Aragorn. "Sie sollen dem Feind treu ergeben sein, sagten sie. Und sie würden kein Wort dulden, das sich gegen den Herrn von Mordor richtet. Besonders schlimm aber ist eines: Die einst friedlichen Bauern, sollen jetzt auch gegen ihre Familien gewalttätig geworden sein." "Das klingt gar nicht gut... Es sieht so aus, aus ob sie unter einem üblen geistigen Einfluss stehen würden", meinte Aragorn. Er beschloss, später mit Gandalf darüber zu sprechen.
"Es gibt nur eine Möglichkeit", erklärte Gandalf am Abend, als ihm Aragorn von dem Verhalten der unfreiwilligen Krieger erzählte, "ihr Geist muss befreit werden." "Kannst du das tun?" fragte Aragorn. "Vielleicht... Ich weiß nicht, ob meine Kraft reicht... ich hoffe es", erwiderte der Zauberer. "Dafür müssten wir sie aber erst einmal haben", sagte plötzlich Lea, die ebenso wie Maie und Fredegar Aragorns Schilderungen gespannt mit angehört hatte. "Ihr glaubt doch auch nicht, dass sie sich freiwillig entzaubern lassen, oder wie immer das genannt wird?" "Ich denke, sie werden uns angreifen - und sicher zusammen mit anderen Feinden kämpfen", stimmte Aragorn zu. "Wie sollen wir die... gezwungenen Feinde von den andern unterscheiden?" mischte sich nun auf einmal Maie ein. "Gar nicht", sagte Gandalf. "Ihr könnt sie im Kampf nicht schonen... Wenn es danach aber Gefangene gibt, müsste ich sie mir ansehen. Meistens erkenne ich, wenn Menschen unter einem Zwang stehen. Versprechen kann ich es aber auch nicht." "Und Herr Denethor? Wird es ihm Recht sein, wenn Ihr bei den Gefangenen einen Zauber wirkt?" fragte Fredegar. "Das weiß ich nicht", antwortete Gandalf. "Darüber können wir uns immer noch Gedanken machen, wenn es soweit ist."
***
Am kommenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, verließ eine männliche Gestalt, gekleidet in einen grauen Umhang mit einer Kapuze, die tief ins Gesicht gezogen war, die Häuser der Wache von Osgiliath. Der Mann ging zu Fuß in den Südwesten der Stadt, dorthin, wo die Männer, Frauen und Kinder aus den ithilischen Dörfern untergebracht waren. Auf mehreren Plätzen waren provisorische Zeltlager aufgebaut worden. Trotz der frühen Stunde herrschte dort reges Treiben. Viele Menschen warteten mehr oder weniger geduldig auf Essenrationen, die an mehreren Stellen von Freiwilligen verteilt wurden. Meist waren es Frauen aus der Stadt, doch einige Männer der Wachmannschaft Osgiliaths befanden sich auch darunter. Ein paar Schritte weiter drängten sich die Menschen um eine Brunnen. Kinder rannten herum, Tiere waren ebenfalls zu sehen, Schweine, Hühner, Kaninchen - irgendwo verteilt zwischen den Zelten. Alles wirkte ein wenig ungeordnet. Ab und zu waren laute Stimmen zu hören, Leute die offenbar miteinander stritten. Dennoch war die Atmosphäre vorwiegend friedlich. Ich werde mit einigen dieser Leute reden, dachte der Mann. Hoffentlich erkennt mich niemand. Es war Denethor. Er hatte sich in der vergangenen Nacht überlegt, inkognito ein wenig in der Stadt umherzustreifen. Misstrauisch, wie er war, befürchtete er, dass ihm die Anführer seiner Krieger ein falsches Bild der Lage vermitteln könnten. Es war eher unwahrscheinlich, dass ihn jemand erkennen würde. Abgeschirmt von seiner Leibwache konnte am gestrigen Tag kaum jemand einen Blick auf sein Gesicht werfen - und wenn, dann nur von ferne.
Er überlegte gerade, wen er ansprechen sollte, als er plötzlich die energische Stimme einer älteren Frau hörte: "He du, steh hier nicht rum. Wenn du nichts zu tun hast, kannst du uns ruhig helfen." Denethor sah sich um. Wen hatte die Frau gemeint? Dann fasste ihn jemand am Arm. Sein erste Impuls war, seinen Dolch zu ziehen, den er unter dem Mantel verborgen trug, doch dann sprach die Frau wieder, dieses Mal eindeutig zu ihm: "Dich meine ich, Mann. Wir brauchen hier keine Zuschauer. Schnapp dir die Kelle und hilf mit, Suppe zu verteilen... oder verschwinde." Dem Truchsess verschlug es einen Moment die Sprache und ehe er noch reagieren konnte, hatte er eine Suppenkelle in der Hand. Etwas unschlüssig schaute er sie an. Auf einmal kam ihm das Komische an der Situation zu Bewusstsein. Hier stand er, der Herr Gondors, und eine einfache Frau erwartete von ihm, dass er Küchendienste verrichtete. Warum nicht? dachte er, ich wollte ja unerkannt bleiben, da kann ich keine ehrerbietige Behandlung erwarten.... Er schlug die Kapuze zurück und begann damit, Suppe auf Teller zu verteilen. Besonders geschickt war er dabei nicht, aber die Frau schien zufrieden zu sein. "Na, so was hast du sicher noch nicht gemacht", sagte sie, ein wenig freundlicher als vorher, "aber das macht nichts. Die Krieger da drüben stellen sich auch nicht besser an." "Bist du hier aus der Stadt? Wie ist dein Name?" fragte Denethor. "Du kommst wohl nicht von hier..." erwiderte sie. "Wir haben ein paar Straßen weiter einen Laden, mein Mann und ich. Wir verkaufen Sachen aus Leder. Viele Leute kennen uns. Mein Name ist Margerite... und wer bist du?" "Ich bin Cirion", sagte Denethor und nannte damit den Namen eines seiner Vorfahren. "Du hast Recht, ich komme nicht von hier. Ich wohne sonst in Minas Tirith." "Dann gehörst du wohl zum Gefolge des Herrn Denethor und bist ein bedeutender Mann", sagte Margerite, schien aber keineswegs besonders beeindruckt. "Ich bin mit den Truppen gestern angekommen", bestätigte er. "Und wie ist er so, der Truchsess?" fragte Margerite. Nun kam Denethor doch ein wenig ins Schleudern. Was sollte er sagen? "Ich komme klar mit ihm", meinte er schließlich.
Einen Moment stockte das Gespräch, schweigend teilten die beiden weiter Suppe aus, wobei sie den Leuten, die ihre Teller in Empfang nahmen, meist kurz zunickten. "Nein, mein Kleiner, du bist schon hier gewesen, zweimal kann ich dir nichts geben", sagte plötzlich Margerite zu einem vielleicht 12-jährigen Jungen. "Sieh mal, andere wollen auch etwas zu essen..." Traurig zog der Junge ab. "Er tut mir so Leid, ich hätte ihm gern noch etwas gegeben", sagte sie mit Blick auf Denethor. "Aber wir haben so wenig, wir müssen alles einteilen... Weißt du, Cirion, ich finde es ganz wichtig, dass Herr Denethor mal in unsere Stadt gekommen ist. Ich hoffe, er sieht sich hier mal um. Viele in Osgiliath helfen diesen armen Leuten - so gut sie es eben können. Aber das reicht nicht." "Was soll der Truchsess deiner Meinung nach denn tun?" fragte Denethor interessiert. "Na, den Leuten Siedlungsplätze geben und Lebensmittel, Kleidung, Baumaterial und was sie sonst noch so brauchen für den Anfang." "Wäre es nicht besser gewesen, wenn die Leute in ihren Dörfern geblieben wären?" "Wenn du es nicht gesagt hättest, dann würde ich spätestens jetzt wissen, dass du nicht von hier bist... Du weißt ja gar nicht, wie es östlich des Flusses aussieht. Wir haben hier wenigstens die Stadtmauern. Dort gibt es gar keinen Schutz - nur immer neue Angriffe und viele Tote und Verletzte..." Sie wollte weiter fortfahren, wurde aber auf einmal von einer jungen Frau angerufen. "Margerite, kannst du Trinkwasser zum Zelt der Verwundeten bringen, wenn du mit der Suppe fertig bist?" "Sicher, das mache ich gleich...", antwortete sie. Kurz darauf waren die Reste der Suppe verteilt und Margerite schaute zu Cirion. "Hilfst du mir noch mal?" Denethor nickte. "Was ist zu tun?" "Komm mit." Margerite ging zu dem Brunnen, füllte einige Eimer, die dort standen, mit Wasser und begann damit, sie auf einen hölzernen Ziehwagen zu heben. Denethor ging ihr dabei zur Hand, ohne weiter zu überlegen. "Der Wagen ist schwer zu bewegen, zu zweit geht es besser", meinte sie dann. Beide fassten an, und zogen das Gefährt langsam über den holprigen Boden, bis sie bei einem großen Zelt angekommen waren. Nun luden sie die Eimer ab. Denethor warf einen Blick in das Zelt und der Geruch von Blut, Schweiß und ungewaschenen menschlichen Körpern schlug ihm entgegen wie eine Wand. Unwillkürlich zuckte er zurück. Doch dann zwang er sich, nochmals genauer hinzusehen: Viele Männer, Frauen und Kinder lagen auf Decken am Boden, teilweise mit großen, oft blutigen Verbänden, manchmal stöhnend oder auch vollkommen apathisch. Denethor hatte in seinem Leben schon so manches Schlachtfeld gesehen, doch selten hatte ihn etwas so erschüttert, wie dieser Anblick. "Komm gehen wir wieder", sagte Margerite, die seinen entsetzten Blick bemerkt hatte, "hier können nur die Heiler etwas tun." "Bitte lasst mich durch", sagte in diesem Moment jemand von hinten. Der Truchsess drehte sich um und sah in das Gesicht der Elbin Rian, die einen Korb mit Verbandszeug in der Hand trug. Als Gast des Empfangs am vorangegangenen Abend erkannte sie ihn sofort. Aber sie war doch erstaunt, ihn in dieser Umgebung zu sehen. "Ich grüße Euch, Herr Denethor", sagte sie höflich, "können wir etwas für Euch tun?" "Nein, vielen Dank, ich will Euch nicht bei der Arbeit stören..." antwortete er langsam. Sie nickte ihm zu. "Dann werde ich jetzt weitermachen", erklärte sie und ging ohne weitere Verzögerung in das Zelt der Verwundeten.
Margerite hatte das kurze Gespräch der beiden gehört. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was die Worte bedeuteten. Das war der Regierende Truchsess? Und sie hatte ihn Suppe austeilen lassen - einfach furchtbar. Doch dann straffte sie sich. Sie hatte schließlich nichts Unrechtes getan. Denethor hatte sich zu Margerite umgedreht und sah sie nachdenklich an. Dass sein Inkognito gelüftet war, drang erst allmählich in sein Bewusstsein. Margerite ergriff die Initiative: "Wenn ich Euch beleidigt haben sollte, Herr, tut es mir Leid", sprach sie ihn an, "aber ich stehe zu allem was ich gesagt habe - und was ich tue." Denethor lächelte bei ihren Worten fast unmerklich. "Heute habe ich das erste Mal in meinem Leben Suppe verteilt und Wasser geschleppt, Margerite. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich", meinte er dann. "Unser Gespräch war sehr aufschlussreich, ich bedanke mich dafür. Leb wohl." Bei diesen Worten nickte er Margerite zu, zog dann die Kapuze über seinen Kopf und ging langsam von ihr fort.
***
Lea und Almiel saßen auf dem Boden des Übungsplatzes der Wachen und hielten ihre Schwerter in der Hand. Beide Frauen waren am frühen Morgen in einem Übungskampf gegeneinander angetreten und Lea konnte ihre Freundin erstmals besiegen. Der Kampf hatte recht ausgeglichen begonnen, doch dann gewann Lea langsam die Oberhand. Mit harten Schlägen trieb sie Almiel immer weiter zurück, sie wehrte sich bald nur noch mechanisch. Als Almiel wegen einiger Büsche nicht mehr ausweichen konnte, startete sie schließlich einen halbherzigen Angriffsversuch. Dabei vernachlässigte sie ihre Deckung und bevor sie so richtig erfasste, was geschah, hielt ihr Lea die Schwertspitze vor die Brust. Der Kampf war zu Ende. Beide waren außer Atem und schauten sich einen Moment schweigend an. "Du hast gewonnen", sagte Almiel schließlich und schob mit der linken Hand die Schwertspitze von ihrem Körper weg. "Wenn ich ein Ork wäre, würde ich dich jetzt zum Frühstück verspeisen", meinte Lea im Hochgefühl ihres Sieges und lachte. Doch Almiel erwiderte das Lachen nicht. Sie drehte sich von Lea weg und wollte wortlos gehen. Lea hielt sie am Arm fest. "Ärgerst du dich, weil ich den Kampf gewonnen habe?" fragte sie. "Ich bin bloß müde, lass mich in Ruhe", antwortete Almiel mürrisch. Sie ließ sich auf dem Boden nieder, offenbar in der Absicht, andere Übungskämpfe zu beobachten.
Lea setzte sich neben sie. "He, was ist los mit dir?" fragte sie. "Du lässt wohl nie locker", erwiderte Almiel. "Also gut, ich habe mich geärgert - aber nicht über dich... vielleicht nur ein bisschen über dich... und über mich. Ich war viel zu unkonzentriert im Kampf..." Sei schüttelte den Kopf und setzte neu an: "Es geht um den Empfang gestern. Ich hab mich da gar nicht wohl gefühlt. All die Förmlichkeiten... jeder drückt sich so besonders gewählt aus.. Mir gegenüber haben sich die meisten freundlich verhalten, aber es wirkte vor allem bei den Frauen nicht echt, sondern eher wie eine Art Herablassung..." "Wie meinst du das?" "Einige haben mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich eigentlich viel zu tief unter ihnen stehe, um an einem solchen Empfang teilzunehmen - und dann musste ich mir von einem unverschämten Weib anhören, ich sei wohl des Herrn Denethors neueste... na ja... Gespielin. Das war unerträglich." "Wer war die Frau?" "Hauptmann Pelegs Ehefrau, Adamanta heißt sie, glaube ich. Am liebsten hätte ich sie mit dem Schwert aufgespießt." "Was war mit Gildor?" "Er wurde fast den ganzen Abend von Herrn Denethor mit Beschlag belegt. Wir haben kaum ein Wort miteinander geredet - leider." In einer spontanen Geste legte Lea Almiel den Arm um die Schultern. "Vergiss den Abend einfach", sagte sie. Almiel seufzte. "Das würde ich ja gern, aber das ist noch nicht alles, was passiert ist. Heute früh ging es weiter: Auf dem Weg zum Badehaus begegnete ich Turgon. Ich war mit meinem Handtuch beschäftigt und habe ihn nicht gleich gesehen... Er hat mich angefahren, ich wäre wohl jetzt zu vornehm, um ihn zu begrüßen... Er ließ mir keine Zeit, etwas zu sagen und stapfte einfach weiter..." "Ach, mach dir doch nichts draus", sagte Lea besänftigend. "Turgon hatte sich den Abend gestern eben anders vorgestellt und deswegen hat er schlechte Laune. Du kannst nichts dafür... Er wird schon wieder normal werden." "Glaubst du?" "Ganz sicher, Und wenn nicht, solltest du ihm mal eine Abreibung mit dem Schwert verpassen."
"Guten Morgen, ihr zwei, mögt ihr etwas zu trinken?" Aragorn kam auf den Übungsplatz geschlendert und hielt einen Wasserschlauch aus Tierdarm in der Hand. "Mhm, Durst hab ich schon", rief Lea und Aragorn warf ihr den Schlauch zu. Sie nahm einen großen Schluck und reichte ihn dann an Almiel weiter. Auch sie trank, murmelte "danke" und gab den Rest des Wassers an Aragorn zurück. Aragorn machte keine Anstalten, sich zu den Frauen zu setzen. Statt dessen wippte er auf Zehen und Fersen hin und her und war offensichtlich voller Tatendrang. "Hat eine von euch beiden Lust auf einen Übungskampf" fragte er gut gelaunt. Almiel schnitt eine Grimasse. "Ohne mich", sagte sie genervt. "Nicht in Form heute?" "Lass sie, Thorongil", meinte Lea. Aragorn musterte Almiel einen Augenblick schweigend, dann nickte er. "Wie ist es mit dir Lea?" fragte er nun. Sie lachte ihn an. "Ich würde gern mit dir kämpfen", erklärte sie und fügte dann betont förmlich hinzu: "Es ist mir eine Ehre, Euch zum Gegner zu haben." Aragorn lächelte und antwortete, ebenso förmlich: "Auch mir ist es eine Ehre." Aragorn reichte Lea die Hand, um ihr aufzuhelfen, dann gingen sie in die Mitte des Übungsplatzes. Kurz darauf standen sie sich mit gezogenen Schwertern gegenüber. Dann klirrte Metall auf Metall.
Almiel hatte sich inzwischen ebenfalls erhoben. Etwas unschlüssig, ob sie gehen oder bleiben sollte, schaute sie dem Kampf der beiden zu. Fredegar ging in der Nähe vorbei und winkte kurz. Als er aber sah, dass seine Freundin mit Thorongil kämpfte, blieb er ebenfalls stehen. Inzwischen war der Kampf in vollem Gange. Beide schenkten einander nichts. Lea spürte jedoch, dass sie langsam müde wurde. Sie hatte schließlich kurz zuvor schon einen Schwertkampf absolviert. Mit mehreren schnellen Schlägen hintereinander wollte sie den Kampf rasch zu Ende bringen. Fast gelang es ihr, ihrem Gegner das Schwert aus der Hand zu schlagen, denn sie brachte ihn einen Moment aus dem Gleichgewicht. Doch dann fing er sich wieder und konnte Leas Angriff parieren. "Du bist wirklich gut", rief er ihr zu, griff dann aber seinerseits erneut an. Lea wich einem Schlag aus, wehrte auch einen zweiten und dritten ab, stolperte dann aber über eine aus der Erde wachsende Wurzel und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Als sie zu Boden ging, entglitt das Schwert ihrer Hand. Sie wollte danach greifen, hatte keine Möglichkeit mehr, es wieder aufzunehmen, denn Aragorn stellte sofort seinen Fuß darauf und richtete gleichzeitig sein Schwert auf sie. "Ist ja schon gut, ich habe verloren", sagte Lea und sah zu ihm hoch. Aragorn steckte sein Schwert weg. Als Lea versuchte, wieder aufzustehen, fuhr ihr plötzlich ein stechender Schmerz durch den linken Fuß. "Verdammt", rief sie und konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Aragorn stützte sie sofort und sah sie besorgt an. "Bist du verletzt?" "Ja, mein Fuß - er tut weh, wenn ich darauf trete." "Ich werde ihn mir mal ansehen", erklärte er und hob sie hoch. "Was machst du denn? Lass mich runter, ich kann doch selbst laufen..." rief sie. "Nein, das wirst du nicht tun", sagte Aragorn bestimmt. "Ich trage dich in dein Quartier und dann sehen wir weiter."
Fredegar und Almiel hatten bemerkt, dass mit Lea offenbar etwas nicht in Ordnung war. Warum sonst wurde sie getragen? Aragorn rief ihnen im Vorbeigehen zu, sie sollten ihnen folgen. Im Schlafraum der Kriegerinnen angekommen, legte Aragorn Lea auf ihr Bett, zog ihr vorsichtig die Schuhe aus und schob ihre Hose zurück. Fredegar und Almiel standen etwas hilflos daneben und schauten zu. Leas Freund war ganz aufgeregt. "Sollten wir nicht einen Heiler holen?" fragte er. Aragorn ging nicht auf Fredegars Einwurf ein. Vorsichtig betastete und bewegte er Leas linken Fuß. Sie ließ die Untersuchung tapfer über sich ergehen, zuckte aber manchmal vor Schmerz zusammen. Schließlich atmete er auf. "Nichts gebrochen", sagte er zu ihr, "es ist nur eine schmerzhafte Verstauchung. Ich werde es verbinden." "Bist du sicher? Was ist, wenn du falsch liegst und ihr Bein doch gebrochen ist?" wollte Fredegar wissen. Nun wandte sich Aragorn dem jungen Krieger zu und legte ihm die Hände auf die Schultern: "Hab keine Angst Fredegar", sagte er, "ich kenne mich mit Heilkunst ein wenig aus. Glaub mir, ich weiß, was ich tue..." Er verschwand kurz in seinem Quartier - Peleg hatte ihm sein kleines Zimmer frei gehalten - und kam mit einer Ledertasche wieder. Er holte eine Kräutersalbe hervor, mit der er den Fuß einrieb, dann machte er aus Leinenstreifen, die er ebenfalls in seiner Tasche hatte, einen festen Verband. "Bleib noch ein bisschen liegen", empfahl er Lea schließlich, "heute Abend wird es dir sicher schon wieder etwas besser gehen." "Danke für die Hilfe, Thorongil", sagte sie und lächelte noch ein wenig angespannt. "Gern geschehen", murmelte Aragorn, "... tut mir Leid, dass das passiert ist." "Es war ja nicht deine Schuld."
***
Fredegar hatte sich entschieden, bei Lea zu bleiben, Almiel und Aragorn verließen das Zimmer, um wieder ins Freie zu gehen. "Was war vorhin los mit dir?" fragte Aragorn auf einmal. "Sonst hast du doch immer Lust auf einen kleinen Kampf." "Ja, das stimmt schon, aber kurz bevor du kamst, hatte mich Lea besiegt - das erste Mal übrigens - und die Erfahrung brauche ich heute nicht zweimal." "Verstehe... Wo sind eigentlich Maie und Turgon?" "Maie wollte irgendwas an ihrer Kleidung ausbessern, ich glaube, sie ist in den Garten gegangen..." "Und Turgon?" "Ich habe keine Ahnung," Almiels Miene verschloss sich, sie presste die Lippen zusammen und sah starr geradeaus. Irgendetwas ist zwischen den beiden vorgefallen dachte Aragorn und beschloss, nicht weiter danach zu fragen. Schweigend waren sie bis zum Tor der Häuser der Wache gegangen. Dann ergriff Aragorn wieder das Wort: "Was hältst du davon, wenn wir ein Stück durch die Straßen laufen?" fragte er. "Ich habe nichts dagegen. Momentan haben wir ja alle keine rechte Aufgabe", erwiderte sie. "Bis Denethor entschieden hat, wie es weitergeht", warf Aragorn ein. "Ich nehme an, er wird heute noch mit verschiedenen Leuten reden und dann werden wir es hoffentlich bald erfahren." "Gildor weiß sicher Bescheid..." "Ja, Almiel, ich werde mit ihm reden, wenn ihn Denethor mal nicht an seiner Seite haben will."
Beide waren inzwischen bis zum Fluss gegangen und setzten sich an seinem Ufer ins Gras. Gestern Abend hat mir eine Frau zu verstehen gegeben, dass ich wohl die neueste Geliebte des Truchsesses sei", sagte Almiel plötzlich. "Und was hast du gesagt?" fragte Aragorn. "Sie soll sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern - in etwas anderen Worten. Ich war ziemlich laut. Alle möglichen Leute haben mich danach schockiert angesehen." Schade, den Auftritt hätte ich gern erlebt, Almiel." "Du hast wirklich nichts verpasst... Aber, Thorongil, weißt du, dass es auch Gerüchte gibt, wir wären... zusammen?" "Auf diese Gerüchte gebe ich nichts", antwortete er. "Stört es dich?" Er stockte und schaute sie nachdenklich an. "Oder wünschtest du, es wäre wahr?" "Nein, Thorongil... ich meine... es ist nicht so, dass du mir nicht gefällst und ich rede immer gern mit dir, sonst gäbe es ja nicht diese Gerüchte, aber... nein." Bekräftigend schüttelte sie den Kopf. "Dann bin ich beruhigt. Du bist eine attraktive junge Frau, die sicher vielen Männern gefällt. Ich kann dir nie mehr sein als ein Freund... aber das möchte ich auch sein." "Das bist du - mein geheimnisvoller Freund aus dem Norden." "Aus dem Norden ist schon richtig, Almiel... aber geheimnisvoll? Ich bin bloß ein Waldläufer - und manchmal ein Söldner." Almiel stützte die Hände in ihr Kinn. "Lass mich mal nachdenken", sagte sie. "Was weiß ich von dir? Du bist schon mehrmals hier gewesen, um für Gondor zu kämpfen. Du bist älter als du aussiehst. Du hast eine Verlobte im Norden. Du warst in Bruchtal bei den Elben und sprichst ihre Sprache. Du hast Ahnung von der Heilkunst. Du heißt Thorongil und Estel - Hoffnung. Warum Hoffnung? Und dann gibt es noch ein merkwürdiges Inkognito, das nicht gelüftet werden soll - das weiß jedenfalls der Zauberer. Also erzähl mir nicht, dass du bloß ein Waldläufer oder Söldner bist." "Almiel, du bist scharfsinnig und wie immer neugierig. Du möchtest jetzt natürlich vor allem etwas über dieses Inkognito erfahren." Almiel nickte. "Leider kann ich dir nicht viel dazu sagen. Nur soviel: Ich habe noch einen weiteren Namen. Gandalf kennt ihn. Diesen Namen auszusprechen oder zu verwenden bedeutet Gefahr. Bitte frag nicht weiter. Ich kann dir nicht mehr offenbaren."
***
Denethor hatte die Häuser der Wache fast erreicht und er dachte noch immer über die Erlebnisse der vergangenen Stunden nach. Die Beobachtungen in dem Zeltlager hatten ihn mehr aufgewühlt als er sich selbst eingestehen wollte. Hilfe für diese Menschen war nötig. Er würde sie ihnen gewähren - das nahm er sich vor. Und er begann auch über einige seiner Vorstellungen nachzudenken. Vor allem die Elbin Rian hatte ihn erstaunt. Sie war ohne zu zögern in das Zelt der Verwundeten gegangen - ihm war allein von dem Geruch schon fast schlecht geworden. Er hätte das einer Frau ihres Volkes niemals zugetraut. Elben waren für Denethor Wesen, die Lieder sangen, über Kunst und Poetik zu reden verstanden und sich keinen schwierigen Situationen aussetzten. Rian entsprach nicht diesem Bild, ebensowenig wie Gildor, der offenbar über beträchtliche Kampferfahrung und Kenntnisse in Strategie verfügte. Elbenkrieger konnte er sich bisher allenfalls in längst vergangenen Zeitaltern vorstellen. Und Margerite? Sie arbeitete freiwillig in dem Zeltlager, hatte Kriegern der Wache und auch ihm vollkommen selbstverständlich Befehle erteilt. Später war sie ihm unerschrocken gegenüber getreten. Denethors Erfahrungen mit Frauen außerhalb der höchsten Adelskreise seines Landes beschränkten sich auf die zur Unterwürfigkeit angehaltenen Dienerinnen seines Hauses. Jemanden wie Margerite hatte er bisher nie kennengelernt. Doch wahrscheinlich gab es viele solcher Frauen.
Kurz vor dem Eingangstor zu den Häusern der Wache blieb er stehen. Sollte er schon zurück gehen? Da er die Suppe nur ausgeteilt aber nicht gegessen hatte, verspürte er auf einmal Hunger. Er konnte sich natürlich etwas bringen lassen, aber auf der anderen Seite der Straße hatte er einen Gasthof erspäht. Es reizte ihn, noch ein letztes Mal inkognito aufzutreten. Außerdem hatte er ein Gasthaus schon seit vielen Jahren nicht mehr betreten. Später wollte er dann eine Besprechung mit den Anführern seiner Truppen abhalten und mit seinen Leuten am nächsten Tag nach Osten aufbrechen. Die Entscheidung, das feindliche Land, das dennoch zum Reich Gondor gehörte, wenigsten teilweise selbst zu erkunden, hatte er im Geiste bereits getroffen.
Er betrat also den Gasthof und setzte sich an einen Tisch ganz hinten, weitab vom Fenster. Wer ihm ins Gesicht sehen wollte, musste schon sehr nahe herankommen. Er bestellte einen Imbiss und ein Bier. Viele Gäste waren zu der frühen Stunde nicht hier, aber das war ihm Recht. Auf einmal sah er ein bekanntes Gesicht. Konnte das wahr sein? Sicher, der Mann war immer da, wo etwas passierte. Denethor hatte Gandalf erblickt.
Mit feinem Gespür bemerkte der Zauberer, dass er beobachtet wurde. Unauffällig sah er sich in der Gaststube um. Es konnte nur der Mann in der Ecke sein. Alle anderen Gäste hatte er schon öfter gesehen. Gandalf blickte genauer hin, einmal, dann ein zweites Mal. Konnte das wahr sein - der Truchsess von Gondor saß in einer einfachen Gastwirtschaft? Was wollte er hier? Nun, es ist seine Sache, dachte Gandalf. Wenn er mich sprechen will, so muss er den ersten Schritt machen. Er trank einen Schluck Tee und beschloss, ihn zu ignorieren.
Auch Denethor hatte kein Interesse an einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Zauberer. Er war davon überzeugt, dass ein Gespräch mit ihm wieder im Streit enden würde. Soll er doch in Osgiliath bleiben, dachte er. So lange er mich nicht mit seinen ungebetenen Ratschlägen belästigt, ist es mir Recht. Doch er beschloss, Gandalf von einem seiner Leute beobachten zu lassen. Vielleicht konnte er so etwas über seine Absichten erfahren. Er erhob sich, warf ein paar Münzen auf den Tisch und verließ die Gaststube.
Siebtes Kapitel: Der Traum
Am nächsten Morgen brachen Denethor und seine Truppen nach Südosten, ins Landesinnere von Ihtilien auf. Vorangegangen war ein Treffen des Herrn von Gondor mit seinen Hauptleuten und Unterhauptleuten, bei der die Route und mögliche Orte für feindliche Angriffe besprochen wurden. Überraschenderweise hatte er Aragorn mit einbezogen. Er zeigte dem Truchsess auf einer Landkarte Plätze, an denen sich Feinde leicht verbergen könnten, und machte auch Vorschläge für geeignete Rast- und Lagerplätze.
Dieses Mal ritten sie nicht den gleichen Weg, den Aragorn mit seinen Leuten vor kurzer Zeit genommen hatte; sie hielten sich ein ganzes Stück südlicher. Vier Tage zogen sie auf Haupt- und Nebenstraßen durch das Land und sahen überall die vielfältigen Zeichen der Zerstörung und Vernachlässigung in den fast immer unbewohnten Dörfern. Für diejenigen, die bereits mit Aragorn durch Ithilien geritten waren, war dieser Anblick nicht neu. Anderen war ihr Entsetzen anzusehen. Der Truchsess selbst ritt mit unbewegter Miene; er sah sich aufmerksam um, aber ihm waren keine Emotionen anzusehen. Abends ließ er sich stets ein Zelt aufbauen, in das er sich bald zurückzog, den Kontakt mit seinen Kriegerinnen und Kriegern suchte er nicht. Ab und zu sprach er mit Gildor oder Seredic über die in diesem Teil Gondors herrschenden Verhältnisse, manchmal wanderte er auch herum und beobachtete seine Leute.
Angriffe hatte es bisher nicht gegeben. Auch am fünften Tag geschah nichts Außergewöhnliches. Denethor hatte befohlen, einen Bogen zu schlagen und wieder in Richtung Osgiliath zu marschieren. Landschaftlich wechselten sich in dieser Gegend, wie auch weiter im Osten des Landes, Waldstücke und landwirtschaftliche Nutzflächen ab. Der Norden Ithiliens war dagegen viel stärker bewaldet. Ackerbau war dort kaum möglich. Abends bot sich das gleiche Bild wie auch in den vergangenen Tagen. Denethor sprach nur mit wenigen Leuten ein paar Worte, dann zog er sich zurück. Die meisten anderen saßen noch am Lagerfeuer, redeten miteinander oder erzählten sich Geschichten. Einige schliefen auch schon. Fredegar und Lea hatten außerhalb des Feuerscheins einen Platz gefunden, an dem sie allein und unbeobachtet waren. Aragorn hatte nochmals nach seinem Pferd gesehen und sich dann in der Nähe einiger Büsche ins Gras gesetzt. Er beobachtete die Sterne. Obwohl über diesem Land der Schatten des Bösen herrschte, erschienen sie ihm so hell wie in seiner Heimat im Norden. Ich könnte einfach verschwinden, dachte er auf einmal, niemand würde es vor morgen früh bemerken... Doch fast im selben Moment wusste er, dass er diesem Impuls nie nachgeben würde. Sein Wort, wem auch immer er es gegeben hatte, würde er nie brechen.
Maie hatte sich in den vergangenen Tagen mit einem Krieger namens Largo angefreundet. Er war 15 Jahre älter als die 22-jährige Frau, aber das schien sie nicht zu stören. Sie hatten sich gemeinsam an einem der Lagerfeuer niedergelassen und Maie lauschte bewundernd den Erzählungen Largos von früheren Kämpfen und großen Siegen. Die Freundschaft zu Largo ließ Maie sogar etwas gesprächiger werden. Als er sie nach ihrem bisherigen Leben fragte, schilderte die Bogenschützin Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend als Bauerntochter und er erfuhr auch, warum sie Kriegerin geworden war. Largo konnte ihre Gründe gut verstehen. Sie wollte nicht ihr Leben lang auf einem kleinen Bauernhof arbeiten, ohne jemals ihr Dorf verlassen zu können. Er selbst stammte ebenfalls aus einer Bauernfamilie, auch wenn sie etwas wohlhabender als die Familie Maies war. Weil er jedoch noch vier ältere Brüder hatte, wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich zu Hause oder auf einem anderen Hof als Knecht zu verdingen. Auf den Bauernhof hatte er kein Anrecht. So zog er es vor, ein Krieger zu werden.
Turgon wollte sich an diesem Abend bei Almiel endlich für sein Verhalten am Morgen nach dem Empfang entschuldigen. Die Tage zuvor hatte er damit kein Glück, denn er traf Almiel fast nie allein an. Eine echte Chance hatte er vor zwei Tagen vertan: Almiel hatte sich um ihr Pferd gekümmert und war dann allein zu einem kleinen Bach gegangen. Er ging ihr ein Stück nach, doch bevor sie ihn bemerkt hatte, verließ ihn der Mut und er kehrte ins Lager zurück. Beide hatten zwar - seit sie Osgiliath verlassen hatten - wieder miteinander geredet, doch ihre allmählich gewachsene Vertrautheit war nicht mehr vorhanden. Turgon litt sehr darunter, Almiel ging es ebenso, wenn sie es auch vor sich selbst nicht zugab. Als sich die Kriegerin zu ihrem Schlafplatz begeben wollte, nahm er all seinen Mut zusammen, passte sie ab und stellte sich ihr direkt in den Weg. "Turgon, ich bin müde", sagte sie gereizt, "lass mich vorbei." "Almiel, bitte... ich möchte nur kurz mit dir sprechen..." erwiderte er und hielt sie am Arm fest. Zuerst wollte sie seine Hand wütend abschütteln, doch dann schaute sie ihn herausfordernd an: "Gut, dann sprich, aber mach es kurz. Worum geht es?" "Du weißt es doch... Ich möchte mich entschuldigen, dafür, dass ich dich angeschrien habe. Bitte glaub mir, dass es mir sehr Leid tut. Ich... ich war fest davon überzeugt, dass du mich absichtlich übersehen hast, dass ich nicht gut genug für dich bin, jetzt da du mit diesen ganzen vornehmen Leuten verkehrst." Er sagte es leise und ziemlich nervös. "Die Leute kümmern mich nicht", sagte Almiel. "Aber du hast lange dafür gebraucht, bis du auf die Idee gekommen bist, mit mir zu sprechen." "Ich habe mich nicht getraut", meinte er kleinlaut. "Bitte, nimmst du die Entschuldigung an?" Almiel holte tief Luft. Dann nickte sie. "Ja... ich nehme sie an... vergessen wir das Ganze... aber jetzt lass mich schlafen gehen." "Danke." Erleichtert ließ Turgon ihren Arm los. "Im cen millin ", murmelte er noch. Er hatte es vor kurzem von Gildor gelernt. "Was hast du gesagt?" fragte ihn Almiel. "Ach nichts, ich wünsche dir eine gute Nacht." Sie lächelte leicht. "Schlaf du auch gut."
***
"Gondor wird fallen. Du wirst sterben, so wie alle deine Krieger. Nichts bleibt übrig - nichts!" Die Stimme hallte in Denethors Kopf, als er versuchte, sich gegen fünf oder sechs Orks gleichzeitig zu wehren. Er schlug mit dem Schwert auf sie ein, Blut spritzte. Er wusste, dass er gegen alle zusammen keine Chance hatte, aber er versuchte sein Bestes. "Gib auf - du bist allein" Wieder hörte er diese Stimme. Ja, er war allein. Wo waren seine Leute? Warum halfen sie ihm nicht? Das Horn - er musste das Horn blasen. Dann würden sie kommen. Er schaffte es, das Horn schallte weithin, aber er musste diesen Moment mit einem Schwerthieb in seine linke Seite bezahlen. Noch immer kam niemand. Ein weiterer Schlag traf ihn - dieses Mal quer über die Brust. Er fiel. "Gondor wird besiegt. Du hast versagt." Denethor merkte, wie er langsam in Bewusstlosigkeit versank. Ist das jetzt das Ende? dachte er und dann sah er sie - Finduilas, seine Frau. Sie stand im Licht der Morgensonne. "Komm, Liebster, folge mir", sagte sie mit ihrer hellen, klaren Stimme. "Aber... aber du bist doch tot..." Sie lachte. "Wie kann ich tot sein, wenn ich hier bin? Lass uns in den Wald gehen..." Sie eilte leichtfüßig davon, auf den Wald zu. "Warte, meine Liebste, mein Juwel, ich folge dir..." Denethor rannte los. Wieso spüre ich meine Verletzungen nicht? dachte er verwundert, doch als er Finduilas zwischen den Bäumen verschwinden sah, beeilte er sich, ihr nachzukommen. Er fühlte Kälte an den Beinen, stolperte über Pflanzen und Geäst. Dann verlor er plötzlich den Boden unter den Füßen und ein durchdringender Schmerz im rechten Arm durchfuhr ihn. Er blinzelte. Erde war um ihn herum, einige Äste. Als er versuchte, den schmerzenden Arm zu bewegen, stöhnte er. Flüchtig dachte er an seine Frau, wo war sie nur? Hoch über sich sah er ein paar Sterne schimmern. Wieso war es Nacht? Vorhin war doch noch Tag... Bei den Valar, was ging hier vor? Denethor blinzelte nochmals und versuchte zu begreifen, wo er hier war. Im Wald, aber in einer Art Grube - vielleicht eine Fallgrube für Tiere? Er hatte keine Schuhe an und führte kein Schwert bei sich. Einige Minuten überlegte er, ordnete seine Gedanken. Dann endlich hatte er es erkannt: Es war ein Traum gewesen, so wirklichkeitsnah, dass er im Schlaf gewandelt sein musste. Denethor wusste, dass er als Kind öfter in der Nacht herum gewandert war, als Erwachsener war ihm das bisher aber noch nicht passiert. An jedes Detail seines Traums konnte er sich erinnern. Er hatte aber keine Ahnung, wie weit er gelaufen war.
Er sah sich um, soweit es eben in der Dunkelheit möglich war. Die Wände der Fallgrube waren hoch und steil. Mit seinem verletzten Arm würde er mit Sicherheit nicht aus eigener Kraft hinaufsteigen können. Einen Moment durchfuhr ihn Angst. Was war, wenn ihn keiner fand? Dann befahl er sich, Ruhe zu bewahren. Spätestens im Morgengrauen würde man nach ihm suchen. Als er Geräusche hörte, sah er gespannt nach oben. Sollten sie ihn schon gefunden haben? Der Kopf eines Mannes war am Rand der Grube zu sehen, dann weitere Köpfe. "Das ist ja en seltsames Tier, was wir da gefangen haben", sagte einer. "Was machen wir mit ihm?" "Töten wir ihn doch einfach." "Nein, das dürfen wir nicht. Das muss Buran entscheiden, oder Mauhúr." "Holen wir ihn raus und schaffen wir ihn zu ihnen." Denethor hatte dem Wortwechsel der Männer entsetzt zugehört. Es waren keine Krieger aus seiner Truppe. Menschen ja, aber keine Freunde. Die Namen Buran oder Mauhúr hatte er noch nie gehört. Was konnte er tun? Er war verletzt und bis auf einen kleinen Dolch unbewaffnet. Die Männer, das hatte er mittlerweile gesehen, hatten Speere oder Schwerter und Bögen. "Befreit mich aus dieser Grube und ihr werdet fürstlich belohnt", rief er in der Hoffnung auf ihre Gier. "Er kann ja sprechen... Ja, wir holen dich hier raus, aber nicht, weil wir dich freilassen." Zwei Männer ließen sich an einem Seil in das Erdloch hinunter und wickelten es ihm um den Körper. Vorher hatten sie ihn noch durchsucht und den Doch an sich genommen. Als sie ziemlich grob seinen verletzten Arm anfassten, konnte er einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Dann wurde Denethor nach oben gezogen. Die beiden anderen folgten, nachdem ihnen von einem anderen Mann nochmals ein Seil zugeworfen wurde.
Es waren insgesamt sechs Männer. Einer von ihnen untersuchte Denethors gebrochenen Arm und schiente ihn notdürftig. Drei andere bedrohten ihn mit gespannten Bögen. Dann holte ein zweiter Mann ein dünnes Seil. Er fesselte damit Denethors Arme dicht an den Körper, so dass er zwar die Hände nicht mehr gebrauchen, aber noch laufen konnte. Auch der gebrochene Arm wurde damit unbeweglich gemacht und durch die Fesseln schmerzte er trotz der Scheine noch mehr als vorher. Denethor hatte kein Wort gesagt - auch nicht als er gefesselt wurde. Schweiß trat ihm auf die Stirn, mit Mühe schaffte er es, nicht zu stöhnen. Einer fragte ihn mehrfach nach seinem Namen, doch er schwieg beharrlich. Das brachte ihm einen schmerzhaften Schlag mit der Faust in den Magen ein. Er krümmte sich, fiel zu Boden, rang nach Luft und konnte erst einige Minuten später mühsam wieder aufstehen. "Lasst ihn jetzt", sagte einer, offenbar der selbst ernannte Anführer der Gruppe. "Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Los gehts!" Denethor erhielt einen Stoß in den Rücken, bei dem er fast das Gleichgewicht verlor. Dann trieben ihn die Männer weiter in den Wald.
***
Als das Lager am Morgen zum Leben erwachte, wurde Denethor bald vermisst. Sein Zelt war leer, niemand hatte eine Idee, wo er sein konnte. Hatte er einen Spaziergang gemacht? War er heimlich von Feinden entführt worden? Ratlosigkeit herrschte. Da Peleg in Osgiliath geblieben war, hatte Seredic das Kommando. Er war der Ranghöchste, da Denethor Aragorn nach seiner Verhaftung jedes Kommando entzogen und diese Entscheidung auch nicht widerrufen hatte. Doch Seredic schien ein wenig überfordert und wandte sich an seinen ehemaligen Hauptmann. "Was sollen wir tun?" fragte er ihn. "Habt Ihr einen Vorschlag, Herr Thorongil? Aragorn überlegte einen Moment, dann sagte er bedächtig: "Zuerst suchen wir nach Spuren. Dann sehen wir weiter."
Er ging zum Zelt Denethors und bat Seredic zurückzubleiben, damit möglichst wenig Spuren zerstört würden. Das erste, was Aragorn auffiel, waren Denethors Stiefel, die unbenutzt neben seinem Schlafplatz standen. Dann sah er, dass sich auch sein Schwert und sein Panzerhemd im Zelt befanden. Hinweise auf Feinde oder auf Gewalt, wie beispielsweise umgeworfene Gegenstände, bemerkte er nicht. Der Truchsess hatte offenbar freiwillig sein Zelt nur in Hemd und Hose, ohne Schuhe und Schwert verlassen. Dann sah sich Aragorn draußen um. Richtig, da führten Fußspuren vom Lager weg. Denethor musste sich schnell bewegt haben, das erkannte Aragorn, der ja ein geübter Spurenleser war, auf den ersten Blick. Denethor war vorwiegend auf den Fußballen unterwegs gewesen, ein Zeichen dafür, dass er gerannt war. Aragorn verfolgte die Spuren bis zum Wald, dann kehrte er zurück ins Lager.
Seredic schaute ihn erwartungsvoll an. "Was habt Ihr gefunden?" fragte er. "Die Fußspuren führen im Wald weiter." "Und nun?" "Wir gehen mit einer kleinen Gruppe - vielleicht acht bis zehn Leuten - in den Wald und folgen den Spuren. Die anderen kommen - einschließlich der Pferde - in einigem Abstand nach... Das würde ich jedenfalls machen, wenn ich es zu entscheiden hätte", erklärte Aragorn. "Dann machen wir es so... Herr Thorongil, würdet ihr die erste Gruppe zusammenstellen?" "Wenn es Euer Wunsch ist." "Ja, bitte. Ich werde in der Zwischenzeit unsere Leute von allem informieren, was vorgefallen ist."
Aragorn überlegte, wen er in die Suchgruppe aufnehmen sollte. Natürlich würde er Gildor mitnehmen, ebenso wie Almiel, Turgon, Maie, Lea und Fredegar. Sie würden sich ohnehin nicht zurückhalten lassen. Er müsste sie dafür schon festbinden. Seredic würde sie sicher auch begleiten. Damit wären sie schon zu acht. Olo sollte noch mitkommen, in seine Fähigkeiten als Krieger hatte Aragorn großes Vertrauen. Das reicht, dachte Aragorn. Als er sich aber mit der Gruppe kurz besprach, bat Maie darum, doch auch Largo mitzunehmen. Dann wären wir zehn Leute, überlegte er und sagte zu Maie, dass er einverstanden sei.
Die zehn liefen seit etwa einer Stunde durch den Wald, als sie die Fallgrube fanden. Aragorn stellte sofort fest, dass Denethor dort hinein gefallen war. "Mehrere Männer waren da", sagte er, "sie müssen ihn heraus geholt haben. Es waren mit Sicherheit keine Freunde, sonst wäre er zu uns zurück gekommen oder sie hätten ihn gebracht." Er sah sich weiter um und meinte dann: "Er scheint verletzt zu sein. Hier liegen Reste von Verbandszeug". Er fasste die Leinenstreifen mit zwei Fingern an und warf sie mit einer kleine Geste des Abscheus wieder weg. "Besonders sauber sind sie nicht." Immer noch suchte Aragorn den Waldboden ab. Er deutete auf eine Stelle. "Hier hat ein Kampf stattgefunden, nein, ich glaube, dass Denethor zusammengeschlagen wurde. "Und danach" fragte Gildor gespannt. "Siehst du, was dann passiert ist?" "Offenbar konnte er wieder aufstehen. Die Spuren führen weiter. Seine ist dabei." Aragorn sprach nun alle an: "Wir müssen davon ausgehen, dass Truchsess Denethor von den Männern entführt wurde und nicht besonders gut behandelt wird. Ich nehme an, sie bringen ihn in irgendein Versteck oder feindliches Lager. Möglicherweise wissen sie, wer er ist, vielleicht aber auch nicht. Aber wie auch immer: Wir müssen besonders wachsam und leise sein, wenn wir jetzt weitergehen."
***
Von der Morgendämmerung bis zum frühen Abend waren die sechs Männer mit Denethor unterwegs. Es wurden nur wenige kurze Pausen gemacht, damit sie etwas essen und trinken konnten. Denethor erhielt nichts. Er konnte sich irgendwann kaum noch auf den Beinen halten. Seine Füße bluteten, weil er barfuß auf dem Waldboden laufen musste, das Seil, mit dem er gefesselt worden war, schnitt ihn ins Fleisch, in den Händen hatte er kaum noch Gefühl und sein gebrochener Arm schmerzte. Zu allem Überfluss machte er sich noch Vorwürfe, weil er sich in diese Situation gebracht hatte. Wenn ich nur in Minas Tirith geblieben wäre, dachte er immer wieder. Die Männer, die ihn gefangen genommen hatten, schienen einfache Leute zu sein, die höchstwahrscheinlich aus Gondor stammten. Sie sprachen jedenfalls den Akzent der hiesigen Landbevölkerung.
Schließlich erreichten sie eine Waldlichtung, auf der sich ein provisorisch befestigtes Lager befand. Ein alter vergessener Wachturm stand dort, schon halb verfallen. Um ihn herum gruppierten sich kleine mit Stroh gedeckte Holzhäuser und Schlafplätze unter freiem Himmel. Eine Einzäunung existierte nicht, aber rund um das Lager waren Wachen postiert. Ein paar Lagerfeuer brannten. Denethor, der inzwischen völlig erschöpft war, sah eine kleinere Anzahl von Orks, vielleicht 15, und ungefähr die 5-fache Anzahl an Menschen. Die Männer führten ihn zu einem der Häuser, vor dem ein etwa 35-jähriger Mann saß, mit dunklen Haaren, mittelgroß aber sehr muskulös - und schwer bewaffnet. "Wen habt ihr mir da gebracht?" fragte er. Der Mann, der Denethors Arm geschient hatte, ergriff das Wort. "Wir wissen nicht, wer er ist, Buran. Wir haben ihn gefunden. Er war in eine Grube gefallen." "Wie heißt du?" fragte Buran seinen Gefangenen. Denethor II, Ecthelions Sohn, 26. Regierender Truchsess von Gondor - das ist mein korrekter Name schoss ihm durch den Kopf. Doch er schwieg. "Ich habe dich gefragt, wie dein Name ist - oder verstehst du unsere Sprache nicht?" "Er versteht sie", warf einer der Männer ein. Er erhielt wieder keine Antwort. Nun wurde Buran wütend und schlug Denethor zwei Mal mit der flachen Hand hart ins Gesicht. Er spürte, dass seine Nase nach den Schlägen zu bluten angefangen hatte. Da hörte er Burans Stimme schon wieder: "Meine Geduld ist nicht unbegrenzt - antworte mir." Irgend etwas würde er sagen müssen, sonst würden sie ihn sicher weiter schlagen oder Schlimmeres. "Ich heiße Cirion." Es war der Name, den er auch bei seinem morgendlichen Gang durch Osgiliath benutzt hatte. "Na es geht doch... bist du ein Bauer?" Denethor überlegte fieberhaft. Nein, Bauer konnte er nicht sagen, er verstand nichts von Ackerbau. Wenn ihm jemand ein Frage dazu stellen würde, hätte er keine Ahnung. Aber was machte irgend ein Mensch in dieser Gegend nachts in der Wildnis. "Ich bin Jäger", erklärte er, dankbar, dass ihm sein Verstand treu geblieben war. Buran begann dröhnend zu lachen. "Ein Jäger, der sich in einer Fallgrube selbst gefangen hat..." Burans Männer stimmten in das Lachen mit ein.
Plötzlich kam einer der Orks näher. Denethor hatte zu Zeiten der Regentschaft seines Vaters oft gegen Orks gekämpft, ihr häßliches Äußeres, ihr Gestank - sie schienen sich nie zu waschen - erregte jedes Mal, wenn er eines dieser Wesen sah, seinen Widerwillen. "Wer ist das, Buran?" fragte der Ork mit hartem Akzent in der Gemeinsamen Sprache. "Das ist bloß ein Jäger, Mauhúr, den meine Leute irgendwo im Wald aufgelesen haben." "Töten wir ihn." "Nein, vielleicht kann ich ihn noch brauchen", erwiderte Buran. "Was soll er uns nützen?" rief der Ork und zog ein Schwert. "Ich kann es gleich hier erledigen." Denethor spürte, wie Angst in ihm hoch kroch. Er versuchte, nach außen ruhig zu bleiben. "Nein, das wirst du nicht tun", sagte Buran verärgert und sprang von seinem Stuhl hoch. "Ich bin hier der Anführer über die Menschen, du über deine Leute. Meine Späher haben den Jäger gefunden. Deshalb habe ich zu entscheiden, was mit ihm passiert. Sonst gibt es großen Ärger - und wir haben sehr viele Menschen hier." Mit seinem Ausbruch hatte der Mann Erfolg. Der Orkanführer zog kampflos ab. Dann zeigte Buran, erneut laut lachend, auf Denethor. "Schafft ihn weg und bindet ihn gut an, damit er nicht fortläuft und wieder in eine Grube fällt." Zu seinem Gefangenen gewandt, sagte er: "Morgen wirst du erfahren, was ich mit dir vorhabe. Ich kann dir einen schellen, leichten oder einen langsamen, qualvollen Tod gewähren - oder ich beschäftige dich im Lager... Vielleicht werfe ich Münzen?" Denethor hatte es geschafft, bei Burans Äußerungen einigermaßen gelassen zu wirken, obwohl er mit große Angst daran dachte, was ihn am nächsten Tag erwartete. In Minas Tirith hatte er sich auf neue Erfahrungen gefreut. Solche Erfahrungen brauchte kein Mensch. Thorongil fiel ihm ein - ihn hatte er selbst mit dem Tod bedroht. Das ist etwas ganz anderes, dachte Denethor und versuchte, den Gedanken weit weg zu schieben. So ganz gelang es ihm jedoch nicht. Schließlich führten ihn zwei Männer Burans zu einem Brunnen neben dem verfallenen Wachturm. Der Brunnen war von einem eisernen Gestänge umgeben. Sie drückten ihn zu Boden, wickelten das Seil von seinem Körper und banden ihn damit an das Gestänge. Den rechten gebrochenen Arm ließen sie frei, er konnte ihn ohnehin kaum bewegen, den linken Arm fesselten sie mit einem zweiten Seil ebenfalls an eine Eisenstange. "So, das wärs, nun kannst du nicht verschwinden", sagte einer zu ihm. "Kann ich etwas Wasser haben?" fragte Denethor leise. "Da muss ich erst... ach was solls." Der Mann setzte ihm einen Wasserschlauch an den Mund und Denethor trank so schnell er konnte. Als die beiden Männer ihn allein ließen, hatte er zumindest seinen Durst stillen können. Kurze Zeit später fiel er in einen Schlaf totaler Erschöpfung.
***
"Da vorne ist etwas. Ich sehe Bewegungen und höre Stimmen." flüsterte Gildor. Aragorn kniff die Augen zusammen und sah in die Richtung, in die der Elb gezeigt hatte. Er konnte noch nichts erkennen. Den ganzen Tag waren sie den Spuren der Männer und ihres Gefangenen bis kurz vor die Waldlichtung gefolgt. "Ich will näher ran", sagte Aragorn leise zu Gildor. Er wollte sich zuerst alleine umsehen. "Ein einzelner Mann fällt weniger auf", erklärte er seinen Leuten, die ihn begleiten wollten, und schlich vorsichtig auf die Lichtung zu. Es gelang ihm, ziemlich nah an die Häuser heranzukommen. Früher war dieses Lager wahrscheinlich ein einfaches Dorf gewesen. Er ging vorsichtig, Schritt für Schritt, um das Gelände herum, prägte sich Einzelheiten ein und schätzte die ungefähre Anzahl der Gegner. Außerdem suchte er nach Denethor. Vielleicht konnte er den Truchsess ja irgendwo sehen. Einmal knackte ein Ast unter seinen Füßen. Ein Wachposten war irritiert, versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Aragorn stand ganz still. Nach kurzer Zeit wandte sich der Mann dann ab. Aragorn wollte sich schon wieder zurückziehen, doch da hörte er ein leises Stöhnen aus der Richtung des alten Wachturms. Er schaute genauer hin und entdeckte Denethor, der an den Brunnen gleich neben dem Turm gefesselt war. Da der Brunnen im Schatten der Feuerstellen lag, hatte er zunächst kaum etwas sehen können. Drei Männer waren als Wachen in der Nähe, direkt bewacht wurde Denethor jedoch nicht.
Zunächst überlegte Aragorn, ob er die Wachposten nacheinander allein ausschalten könne, doch dann entschied er sich dagegen. Das Risiko, von den anderen Feinden bemerkt zu werden war zu groß. Eine Entdeckung konnte zudem den Tod des Gefangenen bedeuten. Er ging zu seinen Leuten zurück und berichtete ihnen, was er gesehen hatte. Sie planten dann das weitere Vorgehen. Aragorn und einige aus der Gruppe der zehn wollten die Wachtposten in der Nähe des Truchsesses ausschalten, ihn befreien und aus der Kampfzone schaffen. Die anderen aus der Gruppe sollten zusammen mit den in einigem Abstand folgenden etwa 40 Kriegerinnen und Kriegern genau zur gleichen Zeit mit lautem Geschrei einen Angriff auf die andere Seite des Lagers starten. Sie würden damit von der Befreiungsaktion ablenken.
Fast drei Stunden benötigten sie, bis die nachfolgenden Truppen herangekommen und in Stellung gegangen waren. Es ging alles nur sehr langsam, denn sie durften kaum Geräusche verursachen. Seredic wollte den Angriff des größeren Teils der Kriegerinnen und Krieger leiten. Das Zeichen zum Angriff würde Aragorn geben. Gildor begab sich an Seredics Seite, denn er war durch seine geschärften Elbensinne der einzige, der in der Dunkelheit das Zeichen überhaupt erkennen konnte.
Als der Angriff begann, ging alles ganz schnell. Aragorn, Lea und Fredegar schnitten den drei Wachposten, die vollkommen überrumpelt waren, die Kehlen durch. Almiel und Turgon waren in der Zwischenzeit zu dem Brunnen gelaufen, mussten zuvor jedoch noch zwei auf sie zustürzende Feinde besiegen. Das ging sehr schnell, denn viel Ahnung vom Kämpfen schienen die zwei Männer nicht zu haben. Bei Denethor angekommen, schnitt ihm Turgon die Fesseln durch. Almiel hatte sich umgedreht, um mögliche Feinde abzuwehren. Aber das Kampfgeschehen tobte ganzes Stück weiter weg. Offenbar war den Feinden der Gefangene nicht so wichtig. Als Denethor frei war, konnte er sich nicht mehr im Sitzen halten, er kippte zur Seite weg. Er war zwar nicht bewusstlos, denn er blinzelte mit den Augen und stöhnte erneut, weil er auf den gebrochenen Arm gefallen war, so richtig hatte er aber noch nicht erfasst, was vor sich ging. Turgon und Almiel trugen ihn gemeinsam in den Wald. Ein ganzes Stück außerhalb des Lagers, dort wo es keine Kämpfe mehr gab, legten sie ihn vorsichtig nieder. Dann liefen sie ins Lager zurück, um die anderen im Kampf zu unterstützen.
Aragorn hatte gesehen, dass die Befreiungsaktion geglückt war, und stürzte sich nun ebenfalls auf alle Feinde, die er finden konnte. Es war ein großer Vorteil, dass es gelungen war, die Gegner zu überrumpeln. Manche mussten erst ihre Waffen holen, andere hatten zwar ihre Waffen bei sich, doch vorbereitet war kaum einer von ihnen. Die Reihen der Feinde lichteten sich daher bald. Hinzu kam, dass es menschliche Gegner zwar in großer Zahl gab, doch kaum einer von ihnen war gut ausgebildet. Die Orks waren schon andere Gegner. Vor allem ihr Anführer Mauhúr war ein schrecklicher Feind, der erst mit den vereinten Kräften mehrerer Krieger besiegt und getötet werden konnte. Als der Sieg für die Gondorianer schon fast erreicht war, gab es noch eine Krise: Drei schwarze Reiter - Nazgul - griffen in das Kampfgeschehen ein und verbreiteten zumindest in den ersten Sekunden allein durch ihre Anwesenheit unglaubliche Furcht. "Weicht zurück - bekämpft sie mit Feuer" schrie Aragorn. Die Lagerfeuer brannten noch, so konnten die Gondorianer nach den ersten Schrecksekunden die Ringgeister mit brennenden Holzscheiten in die Flucht schlagen, ohne dass sie viel Schaden angerichtet hatten.
Als die Morgendämmerung anbrach, war der Kampf zu Ende. Drei Männer und zwei Frauen aus Gondor waren den Feinden zum Opfer gefallen, zehn waren verletzt, darunter Largo, Maies neuer Freund. Damit war alles noch verhältnismäßig glimpflich abgelaufen. Almiel und Turgon ging es gut. Sie hatten außer ein paar blauen Flecken und Hautabschürfungen keinen Schaden erlitten. Maie, Fredegar, Lea und Gildor waren ebenfalls nicht verletzt. Auch Aragorn blieb unversehrt. In den Reihen der Feinde sah es anders aus: Von den mehr als 70 Menschen blieben circa 30 am Leben und wurden gefangen genommen - darunter Buran ihr Anführer. Die Orks waren alle tot.
***
Aragorn kümmerte sich nach dem Ende der Kampfhandlungen zuerst um zwei schwer Verwundete. Mit den anderen Verletzten befasste sich Gildor, der auch ein wenig von der Heilkunst verstand. Von Almiel ließ sich Aragorn dann zu der Stelle führen, an der sie Denethor hingelegt hatten. Der Truchsess war zwar bei Bewusstsein, aber ihm fielen ständig die Augen zu. Doch immer wieder wachte er auf, wenn eine neue Welle des Schmerzes seinen Arm durchfuhr. Aragorn entfernte den Verband um den Arm und schaute sich den Bruch an. Er war nicht richtig geschient, das sah er auf den ersten Blick. Als Aragorn den Arm vorsichtig bewegte, öffnete Denethor, von neuen Schmerzen gepeinigt, die Augen. Nach einigen Sekunden, in denen er sein Gegenüber ansah, erkannte er, wen er vor sich hatte. "Thorongil... was... ist geschehen?" fragte er schwer atmend. "Bleibt ruhig, ich kümmere mich um Eure Verletzungen..." "Aber..." "Nicht reden, das hat Zeit bis später, Herr Denethor", sagte Aragorn bestimmt und der Truchsess schwieg, viel zu müde, um zu streiten. Aragorn stabilisierte die provisorische Armschiene mit ein paar Ästen und legte dann einen neuen, sauberen Verband an. Auch um die wund gelaufenen Füße kümmerte er sich und rieb sie mit einer Salbe ein, nachdem er sie, so gut es ging, gereinigt hatte. "Hier in der Wildnis kann ich nicht viel mehr für Euch tun", sagte er. "Es wäre gut, auf schnellstem Wege nach Osgiliath zurückzukehren, oder - besser noch - nach Minas Tirith." Denethor nickte schwach. "Habt Ihr Hunger, oder Durst?" fragte er dann. "Nur Durst..." "Gut... Wasser kommt gleich." Almiel, die die ganze Zeit neben den beiden gestanden hatte, holte daraufhin einen Wasserschlauch und reichte ihn an Aragorn weiter. Er hob Denethors Kopf an, damit er besser trinken konnte und gab ihm von dem Wasser. Denethor murmelte etwas, das wie "danke" klang, und schlief sofort wieder ein.
Als der Truchsess schließlich erwachte, lag er auf einer Schlafdecke unter freiem Himmel. In der Nähe lagerten seine Leute. Einen Moment benötigte er, um sich zu orientieren, dann kehrte die Erinnerung an die vergangene Nacht zurück. Seine Leute mussten das Lager angegriffen und ihn befreit haben. Wie hatten sie ihn gefunden? Danach hatte Thorongil seine Verletzungen versorgt. Er hätte nie gedacht, dass dieser Mann die Heilkunst beherrschte. Doch noch seltsamer fand er, dass er ihm geholfen hatte. Er war sich nicht sicher, ob er dies an seiner Stelle getan hätte. Denethor fühlte sich gut ausgeruht und einigermaßen wohl. Sein Arm schmerzte nur, wenn er ihn bewegte, und auch die Füße taten nicht mehr so weh. Er stellte fest, dass seine Stiefel und sein Schwert direkt neben ihm lagen. Mit etwas Mühe zog er mit Hilfe der linken Hand die Stiefel an und legte auch den Gürtel um, an dem das Schwert befestigt war. Nicht, dass es mir irgendwie nützlich wäre, dachte er mit einem Anflug von Humor, wenn ich mit der linken Hand kämpfe, kann mich fast jeder Anfänger besiegen.
Er stand in dem Moment auf, als sich Seredic näherte und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Denethor erwiderte den Gruß und sagte dann: "Ich möchte eine Kleinigkeit essen und habe danach eine Menge Fragen." "Ja, natürlich, Herr. Hier drüben sind Sachen zum Frühstück vorbereitet", antwortete Seredic und fügte hinzu: "Ich beantworte gern Eure Fragen." Während beide einen Imbiss zu sich nahmen, sah sich Denethor um. Seine Leute hatten Gefangene gemacht, er erkannte sogar einige der Menschen, die nun ein Stück abseits mit gebundenen Händen und bewacht von einigen seiner Krieger apathisch auf dem Boden saßen. Ein paar von ihnen waren verletzt. Buran, der Anführer, der Denethor mit dem Tod bedroht hatte, war auch unter ihnen - und der Mann, der ihm das Wasser gegeben hatte, nachdem er an das Brunnengestell gebunden worden war. Er entdeckte Thorongil, der geschäftig von einer zur anderen Stelle lief, mit Leuten sprach, Befehle erteilte und offensichtlich von allen als Anführer akzeptiert wurde. Seredic schien dies gleichmütig hinzunehmen. Vielleicht lag es daran, dass er Thorongils Stellvertreter gewesen war.
Denethor erhielt von Seredic nach dem Frühstück einen detaillierten Bericht über die Spurensuche, die Befreiungsaktion und die anschließenden Kämpfe im Lager der Feinde. Er hörte dabei meist schweigend zu und nickte hin und wieder. Als Seredic dann die Ereignisse nach dem Kampf schilderte, sagte Denethor nachdenklich: "Ich habe doch richtig verstanden, dass Thorongil praktisch die Leitung der Truppen übernommen hat." "Nun ja, er hatte gleich einen Erfolg versprechenden Plan... und er kann ausgezeichnet Spuren lesen. Die Leitung hatte er eigentlich nicht, aber... es klang alles vernünftig, was er vorschlug." Denethor hatte genug gehört. "So ist das also," sagte er. "Gut, dann bedanke ich mich für den Bericht." "Habt Ihr noch Befehle, Herr Denethor?" fragte Seredic schließlich und hoffte keine unangenehmen Fragen mehr beantworten zu müssen. Er hatte Glück. Denethor wollte nichts weiter wissen. "Ja, schickt Thorongil zu mir", erklärte er nur noch.
Aragorn hatte sofort erfahren, dass Denethor ihn sehen wollte, und kam kurz darauf zu ihm. "Was macht Euer Arm - schmerzt er noch stark?" fragte er mit einer leichten Verbeugung. Denethor machte Aragorn ein Zeichen, sich ihm gegenüber hinzusetzen. "Der Arm ist besser geworden, er schmerzt nur noch, wenn ich ihn bewege", antwortete er. "Auch das wird nachlassen, Herr Denethor. In einigen Wochen ist der Arm wieder in Ordnung." "Ihr habt mich gut versorgt, Thorongil", erklärte Denethor nun, "und von Seredic habe ich jetzt auch erfahren, dass ich Euch meine Befreiung zu verdanken habe." Als Aragorn schwieg, fuhr der Truchsess fort:. "Ich bedanke mich dafür - ohne Euch wäre ich wahrscheinlich heute von diesen Leuten getötet worden. Der Anführer der Menschen, ein gewisser Buran, hatte mir das angedroht. Er ist übrigens unter den Gefangenen. Glücklicherweise wusste er nicht, wer ich bin. Ich habe ihm erzählt, ich wäre ein Jäger..." Aragorn nickte wortlos und der Truchsess ergriff erneut das Wort: "Ich glaube mich zu erinnern, Thorongil, dass Ihr mir heute Nacht geraten habt, nach Osgiliath und dann nach Minas Tirith zurückzugehen. Das sollten wir auch tun. Ich habe erst einmal genug gesehen." Er machte ein Pause, bevor er weitersprach: "Was Euch betrifft, so habt Ihr von mir nichts mehr zu befürchten. Zu viel ist seit gestern geschehen... ich stehe in Eurer Schuld... Wir sollten in Minas Tirith nochmals über alles reden. Nun, was sagt Ihr?" Höchst interessiert an seiner Reaktion, schaute Denethor sein Gegenüber an. Aragorn hatte seit dem vergangenen Abend nicht mehr ernsthaft damit gerechnet, dass er wirklich noch in Gefahr sein konnte. Dennoch durchflutete ihn spontan eine ungeheure Erleichterung. Äußerlich war ihm jedoch kaum etwas anzumerken. "Einverstanden... und danke", entgegnete Aragorn schließlich lapidar.
Sie saßen dann eine kleine Weile schweigend nebeneinander. Denethor beobachtete das Lagerleben und Aragorn war noch nicht aufgestanden, weil der Truchsess das Gespräch noch nicht offiziell beendet hatte. Schließlich stellte er eine Frage - ganz direkt, ohne Umschweife: "Was hat Euch eigentlich veranlasst, nachts in den Wald zu laufen, Herr Denethor?" Zuerst kam keine Antwort. Aragorn dachte schon, dass der Truchsess dazu gar nichts mehr sagen würde, doch auf einmal sprach er doch: "Es war ein Traum - ein sehr wirklichkeitsnaher Traum... ich kämpfte allein gegen eine Überzahl Orks und wurde schwer verletzt, dann erschien plötzlich meine... meine Frau und forderte mich auf, ihr zu folgen. Sie wirkte so lebendig... Ich bin im Schlaf gewandelt." "Der Traum kann von der Macht des Bösen geschickt worden sein, von Sauron oder einer seiner Kreaturen, um Euch in eine Falle zu locken", meinte Aragorn, "oder es war einfach nur ein Alptraum." "Ich weiß es nicht", sagte der Denethor, "aber es war erschreckend, in diesem Erdloch aufzuwachen... und was danach kam möchte ich nur noch vergessen." "Ich verstehe", Aragorn lächelte leicht. "Die meisten der Leute hier haben übrigens keine Ahnung, dass Ihr das Zelt selbst verlassen habt, sie glauben an eine Entführung. Mein Vorschlag wäre, sie in diesem Glauben zu lassen, die Wahrheit würde zu viele Fragen aufwerfen. Seredic, Gildor und ein paar wenige von meinen Freunden wissen allerdings Bescheid." "Alle die, die Euch in Minas Tirith im Gefängnis besucht haben?" "Ja, Ihr seid gut informiert." "Das betrachte ich als Teil meines Amtes", sagte Denethor und fügte hinzu: "Würdet Ihr die Rückreise leiten, Thorongil?" "Wenn es Euer Wunsch ist, mache ich es... Aber ich habe noch eine Frage: Was soll mit den Gefangenen passieren?" "Ich weiß es noch nicht... Wir nehmen sie erst einmal mit. Buran, ihr Anführer, muss besonders bewacht werden." Bei der Nennung des Namens hatte sich Denethors Gesicht verfinstert. Aragorn nickte. "Ich werde es veranlassen."
Achtes Kapitel: Entscheidungen und Abschiede
Ein paar Tage später kamen sie ohne weitere Zwischenfälle in Osgiliath an. Hauptmann Peleg war entsetzt, als er von der so genannten Entführung Denethors hörte. Später wunderte er sich dann auch, wie schnell die Geschichte in der Stadt die Runde machte. Darüber hinaus nahm er erstaunt zur Kenntnis, dass Thorongil offenbar wieder etwas höher in der Gunst des Truchsesses stand. Ein oder zwei Nächte wollten Denethor und seine Leute in der Stadt bleiben und dann nach Minas Tirith aufbrechen. Die Kriegerinnen und Krieger bezogen wieder ihre alten Quartiere, die Gefangenen wurden in ein altes Verlies unterhalb der Häuser der Wache gebracht. Als Peleg dem Truchsess vorschlug, zur Feier ihrer Rückkehr ein kleines Fest zu veranstalten, lehnte Denethor ab. Er habe noch viel zu erledigen, außerdem sei für ein Fest angesichts der Erfahrungen der vergangenen Tage nicht der richtige Zeitpunkt. Peleg nahm die Abfuhr gelassen, so musste er sich nicht mit der Organisation einer solchen Veranstaltung befassen.
Kurz nach der Ankunft in der Stadt hatte Denethor auf dem Übungsplatz in den Häusern der Wache zu den Kriegerinnen und Kriegern gesprochen, die ihn auf der Reise nach Ithilien begleitet hatten. Er hatte sich förmlich für seine Rettung bedankt und ihren Kampfgeist gelobt. Besonders gut kam an, dass er von nun an ihren Sold erhöhen würde. Gildor und Aragorn standen gemeinsam am Rande des Platzes und gaben leise Kommentare zu den Ausführungen Denethors ab. Der Elb erklärte, dass die Redekunst des Truchsesses noch verbessert werden könnte und Aragorn meinte, mit etwas weniger Förmlichkeit würde Denethor die Herzen der Menschen leichter erreichen. "Ich denke, er will sich ehrlich bedanken", sagte Aragorn. "Warum klingt es dann so, als ob er einen Gesetzestext vorliest?" Gildor lachte. "Ihm fehlt einfach die Leichtigkeit im Umgang mit anderen. Immerhin hat er ihren Sold erhöht..." "Klar", fiel Aragorn ein, "das ist dann wenigstens etwas Handfestes."
Gegen Abend kam Gandalf zu den Häusern der Wache. Er hatte sich in den vergangenen Tagen in der Stadt umgesehen und auch mit vielen Menschen gesprochen, die Erfahrungen mit Saurons Kreaturen gemacht hatten. Dabei beobachtete er amüsiert, dass ihm stets betont unauffällig ein Mann folgte. Denethor sollte seine Spione wirklich besser ausbilden lassen, dachte er. Am Nachmittag hatte der Zauberer mit Aragorn gesprochen und so alles erfahren, was in Ithilien vorgefallen war. "Vielleicht wird Denethor durch seine Erfahrungen ein wenig umgänglicher", meinte Aragorn abschließend. Doch Gandalf glaubte nicht daran. "Das gilt sicher für den Moment, in ein oder zwei Jahren wird die Sache wieder ganz anders aussehen. Sein Stolz und sein Geltungsbedürfnis bleiben ihm erhalten und werden immer wieder einmal seine Vernunft und seine Intelligenz überlagern. Aber es ist ja schon ein Fortschritt, dass er zurzeit offenbar guten Argumenten zugänglich ist."
Am Tor der Wache angekommen, begehrte der Zauberer Einlass und wünschte den Regierenden Truchsess zu sprechen. Nach kurzer Rückfrage wurde er hinein gebeten und in Denethors Arbeitszimmer geführt. Als sein Besucher kam, erhob sich Denethor. Gandalf begann sofort zu sprechen. "Ich grüße Euch. Unsere letzte Begegnung in Minas Tirith stand unter keinem guten Stern, Denethor, Truchsess von Gondor. Ich wünsche mir, dass unser heutiges Gespräch freundlicher verläuft." "Auch ich grüße Euch, Gandalf, der Graue. Was führt Euch zu mir?" "Nicht die Neugier, wie Ihr vielleicht annahmen könntet." "Dass Ihr schon über alles Bescheid wisst, was vorgefallen ist, hätte ich mir denken können"; meinte Denethor, "aber nehmt Platz." Er wies auf einen Stuhl und Gandalf setzte sich. Auch der Truchsess hatte sich wieder niedergelassen und ließ dann für beide noch einen Krug Wein bringen. "Besondere Ereignisse verbreiten sich eben in Windeseile", erklärte Gandalf. "Ihr seid mit Thorongil befreundet", sagte Denethor. Der Zauberer zuckte mit den Schultern. "Das stimmt schon, aber seinetwegen bin ich nicht hier." "Und weshalb dann?" "Wegen Eurer Gefangenen." Gandalf berichtete Denethor, was er über die vom Bösen beeinflussten Bauern gehört hatte. "Ich denke, ich kann Eure wahren Feinde erkennen und die armen Geschöpfe, die nur unter einem Bann stehen, befreien - wenn Ihr das zulasst." "Was Ihr sagt, klingt sehr abenteuerlich..." "Habt Ihr schon entschieden, was mit den Leuten geschehen soll?" "Nein. Ich habe erfahren, Gandalf, der Graue, dass die meisten der Menschen sehr schlecht ausgebildet waren. Das würde für eure Theorie sprechen. Andererseits..." Er überlegte eine Weile, dann sagte er: "Versucht es. Wenn es sich wirklich um Bauern handelt, die unter Zwang gehandelt haben, würde ich mich bereit erklären, sie frei zu lassen. Das gilt allerdings nicht für ihren Anführer Buran." "Ich danke Euch, Denethor, Truchsess von Gondor." Friedlich verabschiedeten sie sich voneinander. Doch kurz bevor er ging, konnte sich Gandalf eine Bemerkung doch nicht verkneifen: "Darf ich Euch noch einen - wie üblich nicht erbetenen - Rat geben?" Denethor runzelte bei diesen Worten die Stirn. Dieser Zauberer schaffte es doch immer wieder, ihn zu verärgern. Herausfordernd sagte er: "Da Ihr mir diesen Rat ohnehin geben werdet, nur zu." "Gut. Mein Rat ist: Überlegt Euch genau, wen Ihr als Spion einsetzt - oder bildet Eure Leute besser aus. Den Mann, der mir die vergangenen Tage gefolgt ist, habe ich schon nach ein paar Minuten entdeckt."
Gandalf begab sich nach dem Gespräch mit Denethor in das Verlies und sah sich jeden der Gefangenen genau an. Bei 24 der 30 Männer war er sich sicher, dass sie unter einem bösen Einfluss standen. Mit Hilfe seines Zauberstabes und einigen rituellen Formeln gelang es ihm, sie nacheinander von dem Bann zu befreien. Die Männer hatten, wie sie später berichteten, die Ereignisse als Krieger des Bösen wie in einem Nebel erlebt, seltsam unwahr. An ihre friedliche Vergangenheit als Bauern oder Viehzüchter erinnerten sie sich in dieser Zeit nur dunkel. Ihre Familien erschienen ihnen - falls sie sie einmal getroffen hatten - als unvertraut oder sogar als Feinde. Nun, nach Gandalfs Einsatz, waren sie wieder die Männer, die sie vorher waren, hoffnungsvoll, ihre Familien wiederzufinden, und glücklich, dass sie frei gelassen wurden. "Falls Eure Truppen wieder einmal Gefangene machen, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie ebenfalls unfreiwillig unter dem Einfluss des Bösen stehen", hatte Gandalf zu Peleg gesagt. "Sollte ich in der Nähe sein, schaue ich sie mir gerne an - oder schickt eine Nachricht an die Bibliothek in Minas Tirith. Dorthin komme ich von Zeit zu Zeit."
Die sechs übrigen Gefangenen, einschließlich ihres Anführers Buran, handelten nicht unter Zwang. Dies stellte Gandalf bei einem neuerlichen Besuch der Männer endgültig fest. Sie wurden daher weiterhin in dem Verlies festgehalten. Denethor würde zu gegebener Zeit eine Entscheidung über ihr Schicksal treffen.
***
Zur gleichen Zeit, als Gandalf das Verlies besuchte, wanderten Almiel und Turgon gemeinsam ein Stück den Fluss entlang. Beide waren glücklich, den Kampf in dem Lager unbeschadet überstanden zu haben. Turgon freute sich, dass er zu Almiel in den letzten Tagen wieder das vertraut freundliche Verhältnis aufbauen konnte, wie es vor diesem unseligen Empfang geherrscht hatte. Doch als er die Kriegerin von der Seite anschaute, wurde ihm wieder einmal klar, dass ihm das nicht reichte. Er wollte eine richtige Beziehung zu Almiel, nicht nur eine Freundschaft. Doch er traute sich nicht, seine Absichten deutlicher zu zeigen und Almiel hatte ihm auch nicht zu verstehen gegeben, dass sie mehr als einen Freund in ihm sah. Der flüchtige Kuss in Großtante Priscas Garten war das einzige Mal, bei dem sich die beiden ein wenig näher gekommen waren.
"Wollen wir uns nicht setzen?" fragte Turgon schließlich und zeigte auf eine grasbewachsene Uferstelle des Anduin. Almiel lächelte und ließ sich neben ihm auf dem Boden nieder. "Denkst du auch manchmal daran, wie dein Leben in 20 oder 30 Jahren aussehen wird?" meinte Turgon. "Sicher, wer tut das nicht?" erwiderte sie. Doch dann fügte sie hinzu: "Wir sind für den Kampf ausgebildet und das bedeutet, wir sind auch immer wieder in Gefahr. Ich weiß nicht, ob es gut ist, so viel nachzudenken..." Vorsichtig legte Turgon Almiel die Hand auf den Arm. Würde sie ihn wegstoßen? Sie tat es nicht. "Ich bin gern mit dir zusammen", sagte er unvermittelt, beugte sich zu ihr hinüber und sah ihr tief in die Augen. Zu seinem Entsetzen bemerkte er, dass er schon wieder rot wurde. Im Kampf war immer alles so einfach, warum konnte er nicht ebenso couragiert sein, wenn es um Almiel ging? Die Kriegerin erwiderte seinen Blick. "Auch ich bin gern mit dir zusammen, Turgon", antwortete sie ihm. Mutiger geworden, legte er einen Arm um sie und strich mit seiner anderen Hand sanft über ihr Haar. Sie versteifte sich fast unmerklich. Sofort ließ er sie wieder los, unsicher, was er nun weiter tun sollte. Noch immer sah er ihr in die Augen. Almiel seufzte. Als sie Turgon daraufhin besorgt anschaute, sprach sie weiter: "Turgon, ich glaube, ich weiß, was du für mich empfindest. Ich... ich mag dich auch sehr und könnte mir auch vorstellen, dass wir eines Tages mehr sind als nur gute Freunde. Aber heute? Es geht nicht." Sie sah die Enttäuschung in seinen Augen. "Ich habe einen Mann sehr geliebt" sagte sie leise. "Er... er hat mich verlassen - von einem Tag auf den anderen... Ich bin noch nicht soweit, einem... neuen Mann mein volles Vertrauen zu schenken. Du bist so lieb, so besorgt, wenn es mir schlecht geht... In deiner Nähe fühle ich mich immer wohl. Aber ich habe Angst, deine Freundlichkeit auszunutzen." "Du nutzt mich nicht aus Almiel. Das kannst du gar nicht... Du hast gesagt, dass du dir vorstellen kannst, richtig mit mir zusammen zu sein. Das wäre mein größtes Glück. Schon nachdem ich dich das erste Mal gesehen hatte, musste ich immer an dich denken. Ich... ich liebe dich..." "Ich weiß." Almiel lächelte ein wenig traurig. "Bitte lass mir Zeit." Turgon straffte sich: "Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, ich werde auf dich warten." Er nahm sich vor, Almiel geduldig zu umwerben. Irgendwann, so hoffte er, würde sie seine Gefühle erwidern.
***
Zwei Tage später kehrte Denethor mit seinen Leuten wieder nach Minas Tirith zurück. Auch Gandalf war mitgekommen. Zuvor - noch in Osgiliath - hatte der Truchsess bereits einige wichtige Entscheidungen getroffen. Vor allem wies er den aus Ihtilien stammenden Bauern und Handwerkern mit ihren Familien neue Siedlungsgebiete zu und stellte ihnen auch weitere Hilfen für den Anfang in Aussicht. Durch seine Reise und seine Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen war er inzwischen überzeugt davon, dass es ratsam sei, alle noch bewohnten Dörfer im Gebiet östlich des Anduin unverzüglich zu evakuieren. Er gab die entsprechenden Befehle und bestätigte damit im Nachhinein auch Aragorns Handlungen. Gleichzeitig wollte er künftig weitere Krieger in Osgiliath stationieren und die Stadtmauern verstärken lassen. Bei dieser Arbeit und bei ähnlichen Tätigkeiten sollten die noch gefangenen Feinde in den nächsten Jahren mit eingesetzt werden - unter Bewachung, versteht sich. Denethor hatte es Peleg frei gestellt, sie - nach seinem Gutdünken - irgendwann wieder gehen zu lassen, allerdings nicht vor Ablauf von zehn Jahren. Dem Anführer Buran wollte der Truchsess keine weitere Chance geben. Doch zu einem Urteil kam es nicht. Seitdem Buran erfahren hatte, wer sein Gefangener war, fürchtete er sich vor einem langsamen, qualvollen Tod. Da er sich sicher war, dass ihm der Herr von Gondor keine Gnade erweisen würde, erhängte er sich im Verlies mit seinem Gürtel.
Als sie die Stadtmauern passierten, atmete Denethor erleichtert auf. Er hatte sein Abenteuer - wenn auch mit einigen Blessuren - gut überstanden. Als sie langsam den Weg hinauf zum Turm Ecthelion ritten, winkte der Truchsess Aragorn zu sich. "Morgen vormittag, so um die zehnte Stunde, möchte ich mit Euch sprechen, Thorongil", erklärte er. "Ich werde da sein", antwortete Aragorn. "Auch wenn Euer gegebenes Wort nun nicht mehr gilt?" "Auch dann... oder gibt es noch einen Grund zu fliehen?" "Nur wenn Euch mein Wein nicht schmeckt", entgegnete Denethor. Aragorn lachte, erstaunt über die humorvolle Antwort. Manchmal, so dachte er, konnte ihn der Truchsess doch noch überraschen.
***
Almiel hatte in Minas Tirith zunächst ihre Eltern kurz besucht, hauptsächlich, um ihnen zu bestätigen, dass es ihr gut ging, doch dann war sie zu ihrer Großtante Prisca gegangen. Auch ihre Freunde hatte sie wieder eingeladen, sich bei ihr einzuquartieren. Alle sagten begeistert zu; sie mochten die alte Dame. Am Abend füllte sich das Haus mit den Gästen. Nicht nur Turgon, Lea, Fredegar und Maie waren gekommen, auch Gildor, Gandalf und natürlich Aragorn. Nur der mit Maie befreundete Largo befand sich in den Häusern der Heilung. Er benötigte sicherlich noch einige Tage, bevor er von seinen Verletzungen genesen war. Großtante Prisca freute sich sehr, sie alle wiederzusehen. Dass sie bei der Begrüßung Aragorn auf die Füße trat und Lea beinahe zu Boden riss, weil sie stolperte, störte eigentlich niemanden, am wenigsten die beiden Betroffenen. "Ihr habt doch sicher Hunger", meinte sie, setzte sich seelenruhig auf einen Stuhl und überließ es den Gästen, die Speisen und die Getränke aus ihrer Vorratskammer zu holen und den Tisch zu decken.
Nachdem die Gruppe ausgiebig zu Abend gegessen hatte, erklärte Gildor, dass er in Kürze mit Rian und Inglor nach Bruchtal aufbrechen wollte. Da einige Heiler aus Minas Tirith ihren Kollegen in Osgiliath zu Hilfe kommen würden, könne Rian jetzt guten Gewissens abreisen. Auch Inglor sehne sich danach, der überfüllten Stadt zu entkommen. Beide Elben wollten sich mit Gildor in zwei Tagen am Rande eines Dorfes treffen, das an der Hauptstraße nach Norden, ein Stück westlich von Osgiliath lag. "Ich finde es sehr schade, dass du abreisen wirst, Gildor", sagte Almiel, "aber ich verstehe, dass du auf Dauer nicht in einer Stadt der Menschen leben kannst." Der Elb lächelte. "Noch bin ich ja nicht weg und ich kann mir auch vorstellen, dass wir uns irgendwann wiedersehen - vielleicht sogar in Bruchtal... Elronds Haus liegt sehr weit im Norden, aber Gäste sind dort immer willkommen." "Die Gastfreundschaft Bruchtals habe ich schon oft genießen dürfen", warf Gandalf ein. "Ich kann sie weiterempfehlen." "Mein Sindarin ist immer noch nicht besonders - das wäre eine gute Gelegenheit, mehr zu lernen", meinte Turgon. "Warum nicht?" erwiderte Gildor. "Bruchtal hat gute Lehrer." Währenddessen hatte sich Gandalf seine Pfeife angezündet und begann behaglich zu rauchen. "Ich werde noch in Minas Tirith bleiben", sagte er, "meine Recherchen in der Bibliothek nehmen sicher ein paar weitere Wochen in Anspruch. Doch dann will auch ich nach Norden ziehen." "Und wir werden weiter gegen unsere Feinde kämpfen", erklärte Fredegar. "Ithilien mag zurzeit unbewohnbar sein, doch es ist ein guter Platz, um zu kämpfen." "Da stimme ich dir zu", sagte Lea, "so lange wir es gemeinsam tun."
Aragorn hatte die ganze Zeit geschwiegen. "Was wirst du nun machen?" fragte ihn Almiel deshalb direkt. "Herr Denethor wird dich doch jetzt nicht mehr bestrafen wollen, oder?" "Nein, nach allem, was er in den vergangenen Tagen gesagt hat, glaube ich es nicht. Aber Genaueres weiß ich erst nach dem Gespräch mit ihm morgen früh. Ich vermute, dass auch ich gehen werde..." Gandalf nickte. "Ich halte deine Einschätzung für richtig." "Wir werden sehen..." Aragorn und zuckte die Schultern. "Vielleicht wende ich mich nach Rohan. Leute, die kämpfen können, werden überall gesucht." "Du meinst, Herr Denethor schickt dich weg?" fragte Almiel. "Und das, nachdem du ihn gerettet hast?" "Warum hältst du das für so unwahrscheinlich? Es mag ja sein, dass ich ihm einen Dienst erwiesen habe, aber in seinen Augen bin ich doch immer noch ein Verräter oder zumindest ein viel zu unabhängiger Untergebener." "Der Truchsess von Gondor hat Probleme mit allen, die seine Befehle nicht buchstabengetreu ausführen oder eigene Entscheidungen treffen. Das wird sich auch nie ändern, solange er dieses Amt inne hat", sagte Gandalf.
"Was ist eigentlich mit euch anderen?" fragte Fredegar schließlich Almiel, Maie und Turgon. "Bleibt ihr dem Kriegerleben treu oder reichen euch die bisherigen Erfahrungen?" "Ich will auf jeden Fall weiter kämpfen", erwiderte Maie, "Bogenschützen werden immer gebraucht." "Auch ich möchte den Kampf gegen die Bedrohung unseres Landes nicht aufgeben", sagte Turgon. "Es gibt einen geheimen Stützpunkt Gondors, ganz im Nordosten Ithiliens gelegen, Henneth Annún genannt. Ich habe von mehreren anderen Kriegern gehört, dass für diesen Stützpunkt Leute gesucht werden. In der Gegend soll es unzählige Feinde geben." "Und du willst da hin?" fragte Maie. "Ich habe es mir noch nicht genau überlegt", antwortete Turgon. "Aber wenn ich das Böse bekämpfen will, dann möchte ich es an einem Ort tun, an dem es sich lohnt." "Ich kenne den Stützpunkt", ließ sich Aragorn vernehmen. "Er ist ziemlich sicher und liegt an einer strategisch günstigen Stelle... Aber er ist sehr weit von den Annehmlichkeiten jeder Stadt entfernt." "Das würde mich nicht stören", erklärte Turgon, "einige von euch wissen es nicht, aber ich stamme aus einem Dorf ein Stück nördlich von Minas Tirith... Die... Annehmlichkeiten einer Stadt habe ich erst kennen gelernt, als ich mich für ein Leben als Krieger entschied." "Ich hatte es mir am Anfang einfacher vorgestellt, eine Kriegerin zu werden", meinte Almiel. "Die Kampfübungen haben mir immer viel Spaß gemacht. Aber der Ernstfall war dann doch anderes. Die Opfer der ersten Schlacht... und auch die fünf Krieger, die bei der Befreiungsaktion ihr Leben lassen mussten - ich sehe sie immer wieder vor mir... selbst die getöteten Feinde. Es zeigt, wie... wie zerbrechlich doch alles ist... Trotzdem werde ich weitermachen. Wir haben keine Wahl..." Almiel schwieg. Alle waren bei ihren Worten ein wenig ernster geworden. "Mag noch jemand etwas trinken?" fragte Lea plötzlich. Zustimmung wurde laut. Die Stimmung lockerte sich langsam wieder. Lachen klang auf. Einige Geschichten wurden zum Besten gegeben. Und den Rest des Abends kamen keine ernsthaften Themen mehr zur Sprache.
***
Zu Hause angekommen, hatte Denethor erst einmal ein Bad genommen und sich dann in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Er wollte nach den Erlebnissen der vergangenen Tage ein wenig zur Ruhe kommen. Später hatte er vor, mit seinen Söhnen zu sprechen - allerdings erst, nachdem er sich bei ihren Lehrern über ihr Verhalten während seiner Abwesenheit kundig gemacht hatte. Doch er hatte die Rechnung ohne die Jungen gemacht. Sobald sie nämlich erfahren hatten, dass ihr Vater gekommen war, suchten sie ihn in seinem Arbeitszimmer auf. Obwohl das nicht Denethors Plan entsprach, freute er sich doch, als sie vor ihm standen. "Was ist mit deinem Arm passiert, Vater", fragte Boromir sofort. "Hast du mit ein paar Orks gekämpft?" "Der Arm ist gebrochen - es war in Unfall", erwiderte der Truchsess knapp. "Wird das wieder gut?" Faramir mischte sich ein und schaute seinen Vater mit großen Augen an. "Ja, natürlich. Es dauert nur noch ein bisschen", erwiderte Denethor, wandte sich dann aber wieder seinem älteren Sohn zu, der ihn am Ärmel zupfte. "Aber ihr habt doch gegen Orks gekämpft?" fragte er. "Ja, und auch gegen andere Feinde." "Das ist gut. Wenn du das nächste Mal in den Kampf ziehst, Vater, gehe ich mit... Bekomme ich jetzt mein Schwert?" Als Denethor nicht gleich antwortete, fügte er drängend hinzu: "Bitte... ich brauche das Schwert." "Ich habe noch nicht mit deinem Ausbilder gesprochen." Boromir verzog das Gesicht. "Machst du das heute noch?" "Du bist ein Plagegeist, mein Sohn, weißt du das?" "Ich will doch nur mein Schwert. Dann kann ich dir auch immer helfen, deine Feinde zu besiegen." "Deine Absicht ist lobenswert, Boromir. Also gut, du wirst doch keine Ruhe geben; ich werde mit deinem Lehrer im Schwertkampf reden."
"Können wir da gleich hingehen, Vater? Er ist unten im Übungshof... dann kann ich dir auch zeigen, wie gut ich bin." Denethor ließ sich überreden. Seinem älteren Sohn konnte er wenig abschlagen. Faramir hatte es da schon schwerer. Er war ruhiger und weniger draufgängerisch als sein Bruder. Der Truchsess erfüllte seine Pflicht ihm gegenüber - aber nicht mehr. Boromirs Ausbilder im Schwertkampf, ein schon erfahrener Mann namens Derufin, verbeugte sich tief, als sein Herr unvermittelt auftauchte. "Was kann ich für Euch tun?" fragte er ihn mit der Gelassenheit des bewährten Kämpfers. "Ich möchte mich nach dem Stand der Kampffertigkeiten meines Sohnes Boromir erkundigen." "Eurer Sohn ist sehr begabt. Aber das wisst Ihr ja. Er könnte sich schon heute mit einem 14- oder 15-jährigen Jungen messen." "Er möchte ein richtiges Schwert, Derufin. Ich habe bisher noch nicht entschieden, ob ich es ihm geben soll, und frage Euch: Was haltet Ihr davon?" "Wenn Boromir mein Sohn wäre, würde ich ihm den Wunsch gewähren. Es gibt einen Zeitpunkt, zu dem ein Holzschwert in der Kampfausbildung nicht mehr ausreicht. Ich denke, bei ihm ist es so weit." Denethor nickte. "Dann soll es so sein. Boromir, du bekommst dein Schwert." "Jaaaa!" Boromir stieß einen begeisterten Schrei aus. "Vater, ich liebe dich..." rief er dann und umarmte ihn stürmisch. Leider umfasste er dabei auch seinen verletzten Arm und Denethor stöhnte kurz auf. "Vorsicht, mein Arm", sagte er etwas gequält. Boromir ließ ihn los. "Ich wollte dir nicht weh tun, Vater..." meinte er unsicher. "Das weiß ich doch, mein Sohn... und nun zeig mir mal, wie du schon kämpfen kannst." Derufin und Boromir begannen daraufhin mit Holzschwertern einen Übungskampf, der Denethor durchaus von den Fähigkeiten seines Sohnes überzeugte.
Den Rest des Tages ließ sich der Truchsess alles berichten, was in der Zeit seiner Abwesenheit geschehen war, er schaute sich Schriftstücke und Bittbriefe an, beobachtete seine Leibwache und bestellte einen Heiler zu sich, der sich nochmals seinen Arm ansehen sollte. Der Heiler untersuchte ihn, wobei Denethor ein paar Mal eine ziemlichen Schmerz fühlte, und erklärte ihm dann, dass er überhaupt nichts tun könne. "Wer immer sich um den Arm gekümmert hat, versteht sein Handwerk, Herr Denethor", erklärte er. "Das heißt, es bleibt nichts zurück?" "Vollständige Sicherheit gibt es dafür nicht. Aber eine sehr große Wahrscheinlichkeit." Damit musste er sich zufrieden geben. Es wird schon alles heilen, beruhigte er sich schließlich selbst.
***
Am kommenden Morgen begab sich Aragorn vereinbarungsgemäß zum Turm Ecthelion. Hauptmann Gethron hatte schon erfahren, dass ihn Denethor zu einem Gespräch bestellt hatte, und führte ihn in den Thronsaal. Der Truchsess saß nicht auf seinem üblichen Platz, sondern kam ihm entgegen und begrüßte ihn. Dann forderte er Aragorn auf, sich zu ihm zu setzen und ihm bei einem Frühstück Gesellschaft zu leisten. Er ließ verschiedene Speisen, Tee und einen Krug Wein bringen. Aragorn aß eine Kleinigkeit. Er hatte zwar schon ausgiebig gefrühstückt, wollte Denethor aber nicht beleidigen, indem er ablehnte. Zunächst sprachen sie über Dinge des Alltags, wie die fähigsten Handwerker der Stadt, die Ansprüche, die sie an gute Waffen stellten, oder sogar ihre Lieblingsspeisen. Die Unterhaltung war nett, unverbindlich und jeder der beiden wusste, dass sich das Gespräch irgendwann grundsätzlicheren Fragen zuwenden musste. Nur wer sollte den Anfang machen? Aragorn hatte beschlossen abzuwarten, bis Denethor die Initiative ergreifen würde. Schließlich hatte er ihm befohlen zu kommen.
Dann gab es eine unvermittelte Gesprächspause. Eine Zeit lang sahen sie sich nur an. Endlich begann Denethor langsam und ernsthaft zu sprechen: "Ihr habt sehr unabhängig gehandelt, Thorongil. Inzwischen konnte ich durch eigene Erfahrung feststellen, dass ich Eure Entscheidungen ebenfalls getroffen hätte, wenn ich gefragt worden wäre. Aber ich wurde nicht gefragt und war - sagen wir - ...enttäuscht..." "Glaubt nicht, dass ich Eure Stellung vergessen habe, Herr von Gondor. Ich hatte vor, Euch alles zu berichten. Doch die Zeit reichte dafür nicht - es standen viele Leben auf dem Spiel", entgegnete Aragorn und fuhr fort: "Als ich das erste Mal hier bei Euch war, habe ich das Versprechen gegeben, niemals etwas zu tun, das Gondor und seinen Menschen schadet. Dieses Versprechen habe ich nicht gebrochen." "Das mag so sein, Thorongil. Ihr habt mir - ohne zu zögern - aus einer schwierigen, nein, lebensgefährlichen Situation geholfen, obwohl ich Euch zuvor mit einem Todesurteil bedroht hatte. Das zeugt von Eurer Ehrenhaftigkeit." "Danke", sagte Aragorn einfach. "Diese Schuld Euch gegenüber werde ich auch nie abtragen können. Dennoch..." Denethor holte tief Luft, bevor er weitersprach, "dennoch habe ich Euch betreffend eine Entscheidung getroffen..." "Wie lautet sie?" "Verlasst das Land." "Ihr verbannt mich?" "Ich werde Euch erklären, was ich meine... Um Gondor zu regieren, benötige ich Beratung, in strategischen Fragen und auch in allen anderen Bereichen. Kein Herrscher kann seine Augen überall haben und an alles denken. Aber Entscheidungen treffe ich allein. Ich kann niemanden brauchen, der meine Regentschaft in Frage stellt und einfach mitregiert, wenn er es für richtig hält. Glaubt mir, ich weiß Eure Fähigkeiten zu schätzen, sonst hätte ich Euch kein Kommando gegeben. Doch ihr würdet immer wieder eigene Entscheidungen treffen - sicher aus guten Gründen, aber an mir vorbei. Das kann ich nicht zulassen." Denethor schwieg und sah sein Gegenüber fast etwas bedauernd an. "Ich verstehe", sagte Aragorn mit unbewegter Miene. "Wann muss ich Gondor verlassen?" "Es ist nicht so eilig", erwiderte Denethor beschwichtigend und bemerkte gar nicht, dass er ständig seine Teetasse hin und her bewegte, "irgendwann in den nächsten Tagen oder in der nächsten Woche. Lasst Euch so viel Zeit, wie Ihr braucht, um alles zu regeln. Das zumindest bin ich Euch schuldig." Der Truchsess machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: "Solltet Ihr in Zukunft einmal etwas Wichtiges hier zu tun haben, so kündigt Euren Besuch an und ich werde Euch einen Aufenthalt von ein paar Tagen oder Wochen gestatten. Ein Kommando kann ich Euch nicht mehr geben." Aragorn nickte.
Beide schwiegen lange. Doch dann ergriff Aragorn wieder das Wort: "Ich habe noch eine Bitte, Herr Denethor", sagte er. "Welche?" "Sie betrifft meine gondorianischen Freunde. Ihr wisst schon, wen ich meine..." "Ja, Almiel und die zwei Frauen, die immer mit ihr zusammen sind, und die Krieger Turgon und... wie heißt der zweite?" "Fredegar... Hinzu kommt noch Largo. Er ist unserem Kampf im Lager verwundet worden." "Und? Was ist mit ihnen?" "Sie alle wollen weiter gegen Gondors Feinde kämpfen... Bitte sorgt dafür, dass sie nur gemeinsam eingesetzt werden, wenn sie es wünschen." "Gut, das kann ich Euch versprechen. Aber auch ich habe eine Bitte: Richtet Gandalf, dem Grauen, aus, dass ich den bewussten Mann abgezogen habe; er weiß schon Bescheid..." "Gandalf?" "Mir ist bekannt, dass er Euer Freund ist, Thorongil, ihr müsst mir nichts vormachen... Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?" "Nein, ich werde jetzt gehen - es ist ja alles gesagt." "Wohin werdet Ihr Euch wenden?" "Nach Norden." Nach einem Blick in Aragorns Gesicht, war Denethor klar, dass er nicht mehr von ihm erfahren würde. Er reichte ihm die linke Hand, die Aragorn nach kurzem Zögern ergriff. "Lebt wohl, Thorongil... vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder..." "Ja, vielleicht...", erwiderte Aragorn nachdenklich. Doch im gleichen Moment, in dem er es sagte, wusste er - woher auch immer - mit absoluter Sicherheit, dass er den Truchsess von Gondor niemals mehr treffen würde.
***
Vier Tage lang benötigte Aragorn, bis er seine Angelegenheiten erledigt hatte. In dieser Zeit besuchte er sehr alte Freunde aus der Zeit des Truchsesses Ecthelion und verabschiedete sich von Gildor, den er wahrscheinlich bald in Bruchtal wiedersehen würde. Er bedankte sich bei ihm für nochmals für seine Hilfe, als in Schwierigkeiten war. Gildor lächelte. "Du bist Estel, die Hoffnung deines Volkes. Ich kann doch nicht zulassen, dass diese Hoffnung vor ihrer Erfüllung schwindet", sagte er. "Doch was noch wichtiger ist: Du bist mein Freund." Aragorn lächelte ebenfalls und umarmte Gildor. "Gute Reise für dich, Rian und Inglor", murmelte er dabei. Mit Gandalf führte Aragorn ein längeres Gespräch. Sie vereinbarten, sich in etwa sechs Monaten in Elronds Haus zu treffen, um die Ergebnisse der Recherchen des Zauberers zu besprechen und vielleicht auch ein Stück gemeinsam zu wandern.
Am fünften Tag wollte Aragorn Minas Tirith verlassen. Bereits als der Morgen graute, war er auf den Beinen und verabschiedete sich von Almiels Großtante Prisca, deren Gastfreundschaft er sehr genossen hatte. Er gab ihr einen Tiegel mit einer wunderbar duftenden Hautcreme, den er in einem Laden in der Stadt besorgt hatte. Die alte Dame schnüffelte begeistert an der Creme und sagte zu Aragorn mit verschmitztem Lächeln, dass sie sich jetzt viel jünger fühle, weil ein so reizender Mann ihr ein solches Geschenk gemacht habe. Kleine Geschenke hatte Aragorn auch für seine Kriegerfreunde besorgt, zumeist Nützliches wie gepolsterte Lederhandschuhe für Fredegar oder lederne Gürtel für Lea und Maie. Turgon schenkte er ein Buch mit elbischen Gedichten und ihrer Übersetzung in die Gemeinsame Sprache. Almiel schließlich bekam einen kleinen Dolch mit silbernem verzierten Griff - handlich, wirksam und leicht zu verbergen. Der Abschied war ebenso tränenreich wie herzlich. Sie umarmten sich, wünschten sich gegenseitig gute Kämpfe und Erfolg bei allen ihren Missionen.
Mit Almiel hatte Aragorn zuvor noch allein gesprochen. Sie waren zusammen ein Stück durch die Stadt gelaufen und hatten sich zuletzt in einem Gasthof ein Bier gegönnt. "Ich habe nicht geglaubt, dass du das Land verlassen musst", sagte Almiel leise. "Du weißt doch, dass ich Denethor schon lange kenne, ich habe nichts anderes erwartet." Aragorn lachte plötzlich: "Für seine Verhältnisse war er geradezu unglaublich freundlich - und ein wenig unsicher... Aber das Wichtigste ist: Die Menschen aus Ithilien erhalten eine neue Heimat, sie müssen nicht mehr täglich mit der Gefahr leben. Bevor es uns nicht gelungen ist, Sauron endgültig zu besiegen, ist das die beste Lösung. Dass ich Gondor verlassen muss, ist ein geringer Preis." "Der Preis ist hoch und du bezahlst ihn allein, Thorongil." "Ohne deinen Besuch bei Denethor wäre er höher gewesen, mein Dank..." "Bitte lass das", warf Almiel ein. "Ich habe es gern getan und du hast mir schon genug gedankt." Aragorn nickte. "Also gut", sagte er und fragte dann: "Wirst du nach Ithilien gehen, um weiter zu kämpfen?" "Ja, zu der geheimen Zuflucht im Nordosten Gondors - und wir gehen alle zusammen." "Das ist schön, Almiel..." Er unterbrach sich. "Jetzt muss ich noch einmal ganz direkt fragen. Wie sieht das aus mit Turgon und dir? Der Krieger verschlingt dich ja geradezu mit Blicken..." "Wir sind sehr gute Freunde - im Augenblick. Vielleicht wird einmal mehr daraus." "Nun ich wünsche dir alles Gute, wie auch immer sich die Sache mit Turgon entwickelt." "Thorongil..." "Ja?" "Ich hoffe, wir sehen uns wieder..." "Das hoffe ich auch. Wenn ihr mich treffen wollt, kommt in den Norden nach Bruchtal. Von Zeit zu Zeit bin ich da, ebenso wie Gandalf - und du weißt ja, dass Gildor dort lebt. Wenn ich unterwegs bin, weiß Elrond meistens, wo ich ungefähr zu finden bin." "Turgon brennt darauf, dort einmal hinzureisen. Ich könnte mir vorstellen, mich anzuschließen..." "Mach das, ich würde mich sehr freuen..." "Dort bist du Estel, die Hoffnung... oder Thorongil, oder... du sagtest doch in Osgiliath, du hast noch einen weiteren Namen?" Aragorn lächelte. "Ja, das sagte ich - und auch, dass ich ihn nicht - noch nicht - offenbaren kann, Almiel." "Na ja, in Ordnung - es war einen Versuch wert..."
***
Denethor stand auf dem höchsten Aussichtspunkt des Turms Ecthelion. Von dort hatte er einen großartigen Rundblick über die gesamte Stadt und das umliegende Land. Er sah die Menschen auf den Straßen - teils geschäftig, teils gemächlich umhergehend -, bemerkte lebhaftes Treiben auf dem Markt sowie ein ständiges Kommen und Gehen an den Stadttoren. Er schaute nach Osten. Von dort würde der Feind kommen; er würde sich nicht mit Ithilien zufrieden geben, sondern weiter nach Westen drängen. Seine Aufgabe würde es sein, genau das zu verhindern - mit allen Mitteln und mit allen Kräften, die Gondor zur Verfügung standen. Der Truchsess dachte an die letzten Tage. Er hatte in früheren Zeiten schon viele Kämpfe erlebt - auch durchaus bedrohliche Situationen -, aber das Gefühl der völligen Hilflosigkeit, das er während seiner kurzen Gefangenschaft erfahren hatte, war für ihn neu. Er würde es sicher nie vergessen. Seine Leute hatten ihn nicht im Stich gelassen, obwohl er durchaus nicht immer freundlich zu ihnen war. Selbst Thorongil hatte ihm geholfen. Denethor wusste, dass sein ehemaliger Hauptmann heute die Stadt verlassen würde. Gethron hatte ihn am frühen Vormittag darüber informiert. Der respektlose Mann aus dem Norden würde seine Autorität nicht mehr herausfordern - ein angenehmer Gedanke. Andererseits verlor er einen guten Mann. Nun, er musste eben Prioritäten setzen.
***
Es war Zeit sich auf den Weg zu machen. Aragorn hatte Aegnor gesattelt und die Reisetaschen aufgelegt. Er stieg auf sein Pferd und ritt langsam los. Almiel, Turgon und die anderen hatten sich vor dem Haus von Großtante Prisca zu seiner Verabschiedung versammelt und winkten ihm nochmals zu. Er lächelte und winkte ebenfalls. So lange er noch zu sehen war, standen sie dort. Dann wendeten sie sich von der Straße ab und gingen ein wenig traurig in das Haus zurück.
Als Aragorn das Stadttor in Richtung Norden schon ein gutes Stück hinter sich gelassen hatte, schaute er noch einmal auf die weiße Stadt. Er würde irgendwann wiederkommen. Hier hatte er tapfere Menschen kennen gelernt und Freunde gefunden, die ihn auch in schwierigen Situationen immer unterstützen würden. Es tat ihm Leid, dass er ihnen seinen wahren Namen nicht offenbaren konnte. Vielleicht war das irgendwann in der Zukunft möglich.
Der Turm Ecthelion hob sich deutlich vor dem blauen Himmel ab. Aragorn, der immer noch seinen Blick auf die Stadt gerichtet hatte, sah auf einmal in einem der obersten Räume des Turmes ein Flackern, so, als ob sich ein Lagerfeuer im Wind bewegen würde. Die Ursache dieses Flackern kannte er nicht. Was ging dort vor? Aragorn schüttelte leicht den Kopf. Er würde dieses Rätsel heute nicht lösen können. Entschlossen wandte er sich um und ließ sein Pferd in gestreckten Galopp verfallen. Als er sich das nächste Mal umsah, war Minas Tirith nur noch ein kleiner Punkt am Horizont. Er würde andere Plätze für seinen Kampf gegen Sauron finden, dachte er. Dann ritt er weiter.
Epilog
Im Sommer 3018, Drittes Zeitalter - 29 Jahre später...
Die sonst schwarze Kugel aus undurchsichtigem Kristall, die im obersten Raum des Turmes Ecthelion, verborgen vor allen anderen Augen, aufbewahrt wurde, flackerte hell. Gebannt schaute Denethor, Truchsess von Gondor, in die Kugel - den Palantir von Minas Tirith. Die Kugel hatte die Macht, weit entfernte Geschehnisse zu zeigen - oder auch eine Ahnung von kommenden Dingen. Der Herr von Gondor nutzte die Möglichkeiten des Palantir seit einigen Jahren immer häufiger, in dem Maße, in dem die Macht Saurons zunahm. Mittlerweile schien der Kampf gegen den Feind im Osten mehr und mehr sinnlos zu werden. Denethor glaubte inzwischen, dass Gondor nur noch kämpfend untergehen konnte. Doch vielleicht blieb ja noch Hoffnung. Sein Sohn Boromir hatte sich vor kurzem auf die Reise nach Bruchtal begeben, um dort Rat und Hilfe zu erbitten.
Denethor konzentrierte sich auf die Kugel. Es dauerte einen Moment, dann wurde das Flackern schwächer. Der Palantir zeigte ihm nun verschiedene unzusammenhängende Bilder und Szenen - kämpfende Menschen, Verwüstungen, brennende Häuser, aber hin und wieder auch kleine Siege. Ganz kurz erblickte er seinen Sohn Boromir; er rastete gerade an einem Bach. Auf einmal sah er einen kämpfenden Mann, der ihm seltsam bekannt vorkam. Sein Gesicht erschien - zuerst unklar und wie von ferne, dann immer näher, deutlicher. Es war Thorongil, der Mann, den er vor vielen Jahren aus Gondor weggeschickt hatte. Mit seinem Schwert und dem Schlachtruf "Elendil" schlug er grimmig auf mehrere Feinde gleichzeitig ein. Die Szene wechselte, zeigte jetzt Gandalf zusammen mit Thorongil. Plötzlich hörte er die Stimme des Zauberers, die zu Thorongil sprach, so klar, als ob er neben ihm stünde: "Du kennst deine Aufgabe, Aragorn, Arathorns Sohn, Fürst der Dúnedain. Deine Mission ist es, König zu werden. Du bist Isildurs Erbe und musst Gondor und Arnor unter deinem Banner wieder vereinigen." Denethor wurde blass. Er konnte nicht glauben, was er gehört hatte. Thorongil, oder Aragorn hatte Anspruch auf den Thron von Gondor? Das konnte doch nicht sein. Aber der Palantir zeigte die Wahrheit. Davon war er überzeugt. "Nein! Nein! Nein!" rief er aus. "Es kann nicht sein! Es darf nicht sein!" Denethor, schlug wütend mit den Händen auf einen Tisch, immer und immer wieder, bis er keine Kraft mehr dazu hatte. Schließlich wurde er ruhiger. Er sah seine Hände an; sie waren gerötet. Ich regiere dieses Land, ich habe es all die Jahre gegen unsere Feinde verteidigt, dachte er erbittert, und nach mir soll mein Sohn herrschender Truchsess sein - er hat ein Recht darauf. Wir brauchen keinen König, nicht so einen Waldläufer, niemals so einen Waldläufer. Denethor warf noch einen Blick auf den Palantir, dann drehte er der Kristallkugel den Rücken zu. Er holte tief Luft, richtete sich gerade auf und verließ den Raum. Langsam, aber entschlossen ging hinunter in den Thronsaal. Selbst wenn es sein Schicksal war, der Letzte seines Amtes zu sein, so wollte er jedenfalls nicht kampflos aufgeben. Noch nicht...