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59. Kapitel: Silberschweif und Nelkenblüten

Frodos Geburtstag und auch die folgenden Tage von Bilbos Aufenthalt verliefen ohne weitere Vorkommnisse. Frodo behielt seine Tränen für sich und gab vor, tatsächlich an Übermüdung gelitten zu haben. Bilbo erschien er glücklich und doch wollte ihm das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war, keine Ruhe lassen, auch wenn er den Grund dafür nicht erkannte.
Frodo gab sich alle Mühe, zufrieden auszusehen, doch es schmerzte ihn, in Bilbos Nähe zu sein. Der Gedanke an ein mögliches Zuhause in Beutelsend ließ ihn nicht mehr los und manchmal wünschte er sich nichts mehr, als in Bilbos Arme zu stürzen und ihm zu sagen, was er fühlte, in der Hoffnung, Bilbo würde seine Worte noch einmal überdenken, aber er wagte es nicht. Er hatte Angst, erneut enttäuscht zu werden und wusste, das allein genügte, um ihn am Sprechen zu hindern.
Nur wenige Tage nach der Geburtstagsfeier, als Bilbo seinen Heimweg antreten wollte, vergaß Frodo seine Vorsätze jedoch. Bilbo nahm ihn zum Abschied in die Arme und Frodo fühlte die Wärme, nach der er sich so sehr sehnte, und wusste doch, dass er alleine war. Gerade in jenem Augenblick, als er sich seiner Sehnsucht hingeben wollte, in der Hoffnung, all der Schmerz der vergangenen Tage wäre nur einem Traum entsprungen, hallten erneut Bilbos Worte in seinen Ohren.
"Saradoc hatte mir geschrieben."
Bilbo war nur wegen Saradoc hier und nicht, weil er dieselbe Wärme empfand, die Frodo spürte - noch nicht. Erst musste Frodo dieser Liebe würdig werden und dann konnte es geschehen, dass Bilbo seinetwegen kam.
Für Bilbo waren die Tränen seines Neffen Abschiedstränen, denn genau das war es, was dieser ihm sagte, und doch wuchsen seine Bedenken noch, als er Frodo in den Armen hielt. Etwas hatte sich verändert.

Pippin kuschelte sich jede Nacht zu Frodo ins Bett. Das Heimweh des jungen Hobbits ließ nicht nach, doch die Nähe seines Vetters schien Pippins Kummer zu lindern. Er war jedoch nicht der Einzige, dem diese Nähe wohl tat, denn auch Frodo dürstete nach jener Art der Zuneigung und war froh, dass der junge Tuk bald gänzlich auf eine eigene Matratze verzichtete. Während Pippin abends oft weinte, um dann in Frodos Armen einzuschlafen, vergoss der Ältere keine weiteren Tränen. Er wollte Pippin nicht noch mehr Kummer bereiten und begnügte sich mit der tröstenden Wärme, die sein Vetter ihm spendete, wenn er heimlich nach seiner Hand tastete und sie fest umklammert hielt, oder sich wieder an ihn herankuschelte, sollte sich einer von ihnen im Laufe der Nacht vom anderen abgewandt haben.
Doch auch Pippin musste sich bald verabschieden, denn nach über einem Monat zog es selbst seine Schwester Perle nach Tukland zurück. Merry redete lange vergebens auf seinen jüngeren Vetter ein, und auch Frodo wollte ihn nicht wieder gehen lassen. Er versuchte jedoch nicht, Pippin zum Bleiben zu überreden, denn es schien ihm nicht recht, dass er ihn seines Zuhauses beraubte nur weil er sich selbst nach einem solchen sehnte.
War es Frodo nach Bilbos Abschied besser ergangen, da er sich nicht länger hatte verstellen müssen, ging es ihm nach Pippins Aufbruch schlechter. Er vermisste den Trost, den sein Vetter ihm, ohne es zu ahnen, gespendet hatte und lauschte lange vergebens auf das beruhigende Atemgeräusch, das ihn in so manchen schlaflosen Nächten begleitet hatte.

Als der Winter langsam ins Land zog, erholte Frodo sich jedoch von seinem Kummer. Die ersten Blätter waren bereits wenige Tage, nachdem Bilbo das Brandyschloss verlassen hatte, gefallen und nur Tage darauf bedeckte eisiger Tau frühmorgens die Wiesen. Der Wind pfiff und jagte schneidend über die kahl geernteten Felder. Es regnete oft und nicht selten wurden die herabfallenden Wassertropfen von winzigkleinen Schneeflocken begleitet. Saradoc sorgte sich sehr ob der zunehmenden Kälte, fürchtete die Ereignisse des Grausamen Winters im Jahre 1311 könnten sich wiederholen. Viele Bewohner des Brandyschlosses litten an Erkältungen oder Schlimmerem und es war kaum jemand anzutreffen, der ohne ein gelegentliches Husten oder Niesen auskam.
An Jul erreichte die Kälte ihren Höhepunkt. In den letzten Tagen des Vorjuls schneite es wie nur selten zuvor und an Jul wären kleine Hobbits wie Melilot, die zu dieser Zeit ihre ersten Schritte tat, beinahe brusttief im Schnee gestanden, wären sie alt genug gewesen, um alleine draußen zu spielen.

Da es im Winter keine Arbeiten auf den Feldern zu verrichten gab, wurden alle jungen Hobbits im Alter von zehn bis fünfundzwanzig vormittags von Saradas und anderen gebildeten Bewohnern des Brandyschlosses im Lesen, Schreiben, Rechnen und in sonstigen nützlichen Dingen unterrichtet. Nur jene Tweens, die bereits eine Lehre angetreten hatten, waren vom Unterricht befreit, denn es lag in den Händen ihrer Meister sie alles zu lehren, was für sie wichtig war. Frodo, Merry und die anderen Kinder waren ob der misslichen Wetterlage wieder dazu übergegangen, in ihrer Freizeit Karten zu spielen und verbrachten ganze Nachmittage an den Wohnzimmertischen, diskutierten wild über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Zuges, straften einander mit bösen Blicken und Worten, sollte jemand es wagen, in die Karten eines anderen zu schielen, lachten über schlaue Taktiken und errungene Siege und genossen die gemeinsame Zeit.
Wie jeden Winter musste Frodo häufig an seine Eltern denken und sein Herz war schwer mit Erinnerungen an Zeiten, in die er sich zurücksehnte. Auch an Beutelsend dachte er manchmal und an die Monate, die er im Winter vor sechs Jahren dort erlebt hatte, und auch wenn er sich dorthin zurückwünschte, schmerzten ihn jene Bilder. Zuweilen vergaß er über Bilbos Worte, oder gab vor, sie wären nie gefallen und an anderen Zeiten trafen sie ihn so hart und schmerzvoll, dass er in Tränen ausbrach und lange brauchte, um sich wieder zu beruhigen. Bilbos Briefe empfing er mit derselben Freude und beantwortete sie mit derselben Gewissenhaftigkeit wie eh und je, versuchte jedoch mindestens zwei Seiten mit Berichten und Erlebnissen zu füllen und stellte sich dabei vor, wie jede verfasste Seite Bilbos Liebe für ihn steigerte.

~*~*~

Frodo saß auf der Holzbank vor dem Kachelofen und lehnte den Kopf mit einem Kissen an die beheizten Kacheln. Im Winter war dies sein Lieblingsplatz und in Momenten wie diesen glaubte er, hier sogar schlafen zu können. Der Raum war warm und verströmte eine angenehme Stimmung. Die flackernden Flammen mehrerer Kerzen erhellten das Zimmer, ebenso wie das Licht eines großen Leuchters, der in der Mitte des Raumes von der Decke hing. Viele Tische, Bänke und Stühle waren aufgestellt worden, um den Bewohnern des Brandyschlosses genügend Platz zu bieten und das Wohnzimmer machte beinahe den Eindruck einer Wirtsstube, wenn nicht der Geruch ein anderer gewesen wäre. Zwar hing auch hier der strenge Duft von Pfeifenkraut in der Luft, doch der Geruch selbst war feiner. Er mischte sich mit dem von Lavendel, Erdnussöl, Kamille und Rosenblüten, dem Duft unzähliger Hobbitfrauen, die viele Stunden in diesem Wohnzimmer verbrachten, um Kleider zu nähen, Decken zu besticken oder Mützen zu stricken. Nur leise Gespräche erfüllten den Raum und ab und an drang ein Niesen oder ein Husten an Frodos Ohr, doch über alle anderen Unterhaltungen hinweg hörte er die tiefe Stimme Gorbadocs, die voller Inbrunst eine Geschichte zum Besten gab. Frodo hörte seinen Worten nur halbherzig zu, doch seine Augen beobachteten die Kleinkinder, die mit großen Augen und offenen Münder völlig begeistert zu Gorbadoc empor blickten. Frodos Großvater saß in einem Schaukelstuhl und die Kinderschar hatte es sich um ihn herum auf dem Fußboden gemütlich gemacht. Ein Lächeln huschte über Frodos Lippen. In Momenten wie diesen schien selbst Gorbadoc wieder so glücklich, wie eh und je. Er war schon immer ein Meister der Geschichten gewesen. Nur Bilbo konnte ihm das Wasser reichen, und so würde es auch immer bleiben.

Frodo wandte den Blick ab. Mit einem tiefen Seufzen zog er die Knie zur Brust und schlang die Arme darum. Nur wenn er Geschichten erzählte, wirkte Gorbadoc so fröhlich, wie er es immer gewesen war, doch selbst dann glaubte Frodo ab und an einen traurigen Glanz in den tiefen braunen Augen erkennen zu können. Er würde seinen Verlust niemals vollständig überwinden können. Ein Stück seines Herzens fehlte, war zerbrochen, genau wie Frodos Herz gebrochen war. Gleich vier große Teile waren ihm genommen worden und nur mehr kleine Scherben schienen übrig geblieben. Drei, die er liebte, hatte er an den Tod verloren und die vierte Person hatte ihn zurückgewiesen, wenn auch nur vorübergehend. Zumindest hoffte er das.
Er seufzte erneut. Woher nahm der Winter die Macht, ihm das Herz schwerer zu machen, als es ohnehin schon war?

Überrascht hob Frodo den Kopf, als die Wohnzimmertür schwungvoll geöffnet wurde und brüllendes Gelächter die leisen Gespräche verstummen ließ. Marroc, Ilberic, Sadoc und Reginard betraten grölend den Raum und taten der angenehm warmen Stimmung einen abrupten Abbruch. Auf einige zischende Zurufe von alten Damen und leisen, aber strengen Ermahnungen dämpften sie die Lautstärke ihrer Stimmen und stapften auf einen kleineren Tisch in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes zu. Marroc drehte sich kurz um und entdeckte Frodo. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke, doch Frodo wandte sich ab, als sich Marrocs Augen zu drohenden Schlitzen verengten. Er hatte nicht vor, das Glück, das ihm in den letzten Monaten hold gewesen war, leichtsinnig herauszufordern. Mit einer raschen Bewegung rutschte Frodo von der Holzbank und verließ eiligst das Zimmer, da er wusste, dass es nur schlecht enden konnte, wenn er und Marroc lange in einem Raum waren. Im Grunde kam ihm das plötzliche Auftauchen seines Peinigers gerade recht. Frodo wollte ohnehin nach draußen, in der Hoffnung, die Kälte und der Schnee würden ihn auf andere Gedanken bringen und die trübe Stimmung, die ihn umfing, seit Merry vor zwei Tagen krank geworden war, vertreiben.

In eine dicke Jacke und einen warmen Umhang gehüllt, machte sich Frodo schließlich zu den Ställen auf. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er das eine Ende eines orangegrünen Schals über die Schultern, als er durch den Schnee stapfte und der Wind ihn säuselnd begrüßte. Er schauderte unwillkürlich ob der plötzlichen Kälte. Der Schnee unter seinen Füßen fühlte sich eisig an und es dauerte einige Zeit, bis Frodo sich an das kalte Gefühl gewohnt hatte, doch er würde ohnehin reiten. Merimac hatte es ihm erlaubt, und so brauchte er sich keine Gedanken zu machen.

Das Scharnier der Stalltür protestierte mit eisernem Krächzen, als Frodo die Tür knarrend öffnete. Der Wind pfiff durch feine Risse im Holz und doch war es im Innern des Stalles merklich wärmer. Der Duft von Heu hieß den jungen Hobbit willkommen, gemischt mit dem unvergleichlichen Geruch der Ponys. Frodo sog den Duft tief in sich ein, während er sich blinzelnd umblickte, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Eines der Ponys schnaubte aufgeregt und ein Lächeln erschien auf Frodos Lippen, als er schnurstracks auf die hinterste Box zuging.

Das Pony scharrte mit den Hufen und schnaubte erneut, als Frodo langsam auf es zutrat. Es war ein junger Hengst mit schwarzem Fell und weißen Fesseln, der erst im vergangenen Sommer von Merimac zugeritten worden war. Einzelne silberne Haare zogen sich durch das gesamte Fell des Tieres und verliehen ihm eine einzigartige Schönheit. Frodos Finger strichen zärtlich über die weichen Nüstern und die Blesse des Tieres, als er den Hengst mit leisen Worten begrüßte. Seit der Hengst zugeritten worden war, ritt Frodo kein anderes Pony mehr und so hatte sich eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen ihm und dem Tier entwickelt. Saradoc gab seinen Tieren keine Namen, doch Frodo hatte dieses Pony Silberschweif getauft und zu seiner Überraschung festgestellt, dass der Hengst seinen Namen zu kennen schien. Frodo holte eine Bürste von der Wand, bevor er in die Box des Ponys trat und sanft über dessen seidiges Fell strich und dessen Hals tätschelte, ehe er es zu bürsten begann. Staub wirbelte auf und kitzelte Frodo in der Nase, brachte ihn zum Niesen, doch Silberschweif erschrak nicht und wartete geduldig darauf, dass sein kleiner Freund seine Arbeit beendete.
Während er das Pony bürstete und für den Ausritt fertig machte, sprach Frodo ständig auf das Tier ein. Merry hatte sich oft darüber lustig gemacht und gemeint, er spräche mehr mit dem Pony als mit sonst jemandem und von Zeit zu Zeit glaubte Frodo, dass sein Vetter damit nicht ganz Unrecht hatte. Es war wesentlich einfacher, mit einem Tier zu sprechen als mit einem Hobbit. Personen konnten ihn unterbrechen, ihn verletzen, ein Tier tat das nicht.

Seine Hand glitt erneut über das seidige Fell am Hals des Tieres. Frodo tätschelte den Hengst, ehe er ihm den Sattel auflegte. Er hatte sich nie viele Dinge gewünscht, erst recht nicht solche großen und wertvollen Dinge wie ein Pony, doch bei Silberschweif war das anders. Frodo wünschte sich, der Hengst wäre nicht nur ein Pony im Stall, sondern sein Pony. Mit ihm könnte er ausreiten, wann immer ihm das ständige Kommen und Gehen im Brandyschloss zuviel wurde, oder seine Gedanken ihn zu ersticken drohten. Natürlich konnte er das jetzt auch, doch wenn Silberschweif sein Pony wäre, müsste er nicht erst um Erlaubnis fragen, sondern könnte ihn einfach aus dem Stall führen und mit ihm über die Felder preschen. Frodo liebte es, den Wind in seinem Gesicht zu spüren und die Landschaft an sich vorübersausen zu sehen. Dann glaubte er, alle Sorgen hinter sich lassen zu können und für kurze Augenblicke war er frei und so glücklich, dass er glaubte, weinen zu müssen. Nie hatte er sich beim Reiten so gefühlt, doch seit er im Winterfilth das erste Mal mit Silberschweif ausgeritten war, war er sicher, so zu einer Unbeschwertheit zurückfinden zu können, die ihn jegliche Verzweiflung vergessen ließe.
Frodo wollte Silberschweif für sich, doch er würde Saradoc niemals darum bitten. Er war einer der wenigen Hobbits seines Alters, der ein eigenes Zimmer hatte, er konnte nicht auch noch nach einem eigenen Pony verlangen.

Wieder wurde Frodo vom beißenden Wind begrüßt, als er nach draußen trat und er schlotterte noch ehe er daran denken konnte, dass ihm kalt war. Rasch schwang er sich in den Sattel und lenkte Silberschweif nach Südosten. Er hatte vor, seine gewöhnliche Strecke etwas zu ändern. Anstatt am Fluss entlang zu reiten, wollte er dieses Mal die Weiten der südlichen Felder genießen und sollte er danach noch nicht genug haben, konnte er über den Weg nahe dem Flussufer zurück reiten.

Während Silberschweif gemächlich dahin trabte und der kalte Wind Frodos Wangen ein gesundes Rot verlieh, schweiften die Gedanken des jungen Hobbits ab. Er musste an Merry denken, der ihn auf solchen Ausritten meist begleitete, doch daran war im Augenblick nicht zu denken. Seit dem Abend vor zwei Tagen hatte sich sein Vetter ständig erbrechen müssen und lag nun mit Fieber, einem hohlen Magen und der Erkältung, die er schon seit fast einer Woche mit sich herumgeschleppt hatte, im Bett. Saradoc hatte, nach einem längeren Besuch Fastreds, sogar das Besuchsverbot verhängt und Frodo machte sich große Sorgen um Merry. Er kam nicht umhin daran zu denken, was das letzte Mal geschehen war, als Saradoc das Besuchsverbot über jemanden verhängt hatte und immer, wenn er daran dachte, verkrampfte sich sein Magen und eine plötzliche Verzweiflung ergriff ihn, sodass er glaubte, sofort in Merrys Zimmer stürmen zu müssen, um nach dem Rechten zu sehen. Bisher jedoch war es ihm immer gelungen, sich wieder zu beruhigen und auch jetzt schüttelte Frodo den Gedanken ab und trieb Silberschweif an.
Wenn er erst einmal die Felder erreicht hatte und in vollem Galopp darüber hinwegfegen konnte, würde er all seine Sorgen vergessen, an nichts denken, genau wie er es vor langer Zeit im Alten Wald getan hatte. Frodo fröstelte unwillkürlich bei der Erinnerung daran.

"Frodo!"
Erschrocken zuckte er zusammen und riss dabei ungewollt an den Zügeln. Silberschweif schnaubte verärgert und warf den Kopf zurück. Verwundert drehte Frodo sich um und erkannte Nelke, die in einen blauen Umhang gekleidet auf einem rostbraunen Pony auf ihn zugetrabt kam. Die Kapuze wurde ihr vom Kopf geweht und ihre braunen Locken tanzten im Wind. Frodo verdrehte die Augen. Ausgerechnet ihr musste er hier über den Weg laufen. Einen Augenblick zog er es in Erwägung einfach umzudrehen und davon zu reiten, doch er entschied sich dagegen und wartete, bis ihr Pony neben seinem zum Stehen gekommen war.
Nelke lächelte von einem Ohr zum anderen. Ihre Wangen waren nicht weniger rot als seine eigenen und sie schlotterte, als sie ihren Umhang ein wenig enger um sich wickelte.
"Was machst du hier?", fragte Frodo und konnte dabei sein Missfallen über ihre Anwesenheit kaum verbergen. Er trieb Silberschweif an, ließ das Pony im Schritt über die schneebedeckte Wiese gehen.
Nelke schob die Unterlippe vor und sah ihn einen Augenblick beleidigt an. "Dafür, dass ich mich dieser Kälte aussetze, könntest du ruhig etwas freundlicher sein", ließ sie ihn ernst wissen.
Frodo warf ihr einen vielsagenden Blick zu. "Ich habe dich nicht darum gebeten, mich zu begleiten. Es steht dir also frei, wann immer du willst, zu gehen."
Seine Stimme klang nicht unfreundlich, doch Frodo wollte alleine sein und schaffte es nicht, dies seiner Stimme nicht anklingen zu lassen. Wenn ihm schon jemand begegnen musste, weshalb ausgerechnet Nelke? Weshalb konnte es nicht jemand sein, der es sich nicht zum Zeitvertreib gemacht hatte, ihn zu verdrießen? Er blickte stur auf Silberschweifs Mähne, trieb den Hengst zu einem etwas schnelleren Tempo an, doch Nelke blieb an seiner Seite.
"Ich weiß, dass du mich nicht darum gebeten hast", antwortete sie und ihre Stimme klang sanfter, als Frodo erwartet hätte. Er hatte geglaubt, sie wäre nun beleidigt, würde ihm eine Gehässigkeit an den Kopf werfen und dann erzürnt umdrehen, doch das tat sie nicht. Stattdessen sagte sie: "Ich wollte nicht, dass du noch länger alleine bist. Es ist nicht gut, so lange alleine zu sein."
Frodo konnte seine Überraschung kaum verbergen. Ein beißender Wind wehte ihm ins Gesicht und er zügelte die Geschwindigkeit unwillkürlich, als er sie verwundert anblickte. Wie konnte sie das meinen? Glaubte sie nun etwa, auf ihn aufpassen zu müssen?
"Ich kann sehr gut auf mich selbst Acht geben", ließ er sie wissen und warf ihr dabei einen scharfen Blick zu. "Außerdem bin ich nicht so lange alleine, wie du vielleicht glaubst."
Nelke lachte. Frodo wusste nicht, was daran so amüsant war und auch der Klang ihres Lachens ließ ihn im Dunkeln. Es klang betrübt, spitz, wie es Marrocs Lachen manchmal war, und zugleich amüsiert. Verwirrt sah er sie an. Einen Augenblick war ihm, als würde sie ihn für dumm verkaufen und war beinahe gekränkt.
"Nein, du bist wirklich nicht lange allein", meinte sie dann und dieses Mal war Spott deutlich in ihrer Stimme zu hören. "Du warst nur den ganzen Vormittag so schweigsam, dass Saradas glaubte, du wärest eingeschlafen und seit der Unterricht vorüber ist, sitzt du alleine im Wohnzimmer und bist mit deinen Gedanken so weit entfernt, dass du nicht einmal bemerkst, wenn man mit dir spricht. Nun willst du reiten, um selbst jenen, die im Wohnzimmer sitzen, aus dem Weg zu gehen, nicht dass du irgendetwas für die Geschehnisse dort übrig zu haben scheinst."
Überrascht sah Frodo sie an, zog wieder an Silberschweifs Zügeln, worauf der Hengst mit einem ungeduldigen Schnauben zum Stehen kam. Das Pony wollte endlich über das vor ihm ausgebreitete Feld galoppieren, wie Frodo es ursprünglich vorgehabt hatte.
Beinahe entschuldigend blickte Frodo in Nelkes Augen, denn ihre Stimme war immer betrübter geworden und ihre Augen sprachen Bände. Vielleicht glaubte sie tatsächlich, auf ihn aufpassen zu müssen, und auch wenn ihn das ärgerte, so sprach doch ehrliche Sorge aus ihrer Stimme. Sie sollte sich nicht um ihn sorgen, niemand sollte das. Er senkte beschämt den Kopf.
"Du solltest dir um mich keine Sorgen machen", erklärte er schließlich leise. "Ich bin nun einmal gerne allein."
Nelke lächelte und dieses Mal war es ein freundliches Lächeln, das Frodo erwiderte, ehe er recht wusste, was er tat. "Also gut, Frodo Beutlin, ich werde mich nicht sorgen", meinte sie und zwinkerte ihm zu, "aber nur, wenn du mich bei einem Wettreiten besiegst."
Mit diesen Worten trat sie ihrem Pony in die Flanken und galoppierte durch den Schnee. Silberschweif brauchte gar nicht erst angetrieben zu werden. Er setzte dem anderen Pony blitzartig hinterher, als wisse er, was von ihm verlangt wurde. Frodo hatte kaum Zeit, seine Schenkel gegen den Sattel zu pressen, so schnell war das Pony losgestürmt. Der Wind pfiff in den Ohren des Hobbits und blies ihm die Haare zurück. Er spürte die klirrende Kälte an Händen und Füßen. Seine Wangen pochten, während der kalte Wind Tränen in seine Augen trieb. Schnee wirbelte unter den Ponyhufen auf und spritzte bis zu seinen Waden, während die Landschaft an ihm vorübersauste. Für den Augenblick vergaß er tatsächlich um seine Sorgen, doch nicht auf die Weise, wie er es erhofft hatte. Er war viel zu sehr damit beschäftig, Nelke wieder einzuholen, um sich über etwas anderes Gedanken zu machen.
Der blaue Umhang flatterte wild hinter dem Mädchen her, während die Pferde über die Ebene preschten. Silberschweif hatte Nelke schon beinahe eingeholt und strengte sich an, um mit ihrem Pony gleichzuziehen. Die Hufe donnerten über den gefrorenen Boden und ließen eine Wolke aus Schnee hinter den Hobbits aufwirbeln.

Erst als sie die Bocklandstraße erreichten, zügelten die beiden Hobbits ihre Ponys und machten schließlich Halt.
"Gar nicht schlecht", ließ Frodo Nelke mit einem Lächeln wissen, denn er war nur wenige Momente vor ihr auf dem zugeschneiten Schotterweg angelangt.
Nelke nickte ihm dankend zu. Sie keuchte und ihr Atem schwebte in weißen Wölkchen vor ihrem Gesicht. "Und wohin nun?"
Frodo keuchte ebenfalls, als wäre er es gewesen, der den ganzen Weg gerannt war. Nichtsdestotrotz klopfte er Silberschweif anerkennend den Hals, ehe er sich auf der Straße umblickte. Sie war leer und erstreckte sich nach beiden Richtungen in unergründliche Weiten. Er blies die Luft aus seinen Lungen und beobachtete die dünne weiße Wolke, die vor seinen Augen emporstieg.
"Lass uns nach Westen reiten", sagte er dann und sah sich um. "Dort erreichen wir den Weg, der das Flussufer säumt. So können wir zurück reiten. Wenn wir noch weiter nach Süden gehen, wird es hügeliger werden, genau wie das am Flussufer auf dieser Höhe bereits der Fall ist. Wir haben uns ein ganzes Stück vom Fluss entfernt und müssen erst durch den Wald, der den Weg an der östlichen Seite säumt. Dort wird es weniger windig sein und mit etwas Glück ist auch der Weg windgeschützt."
Nelke folgte seinem Blick. In der Ferne konnte sie bereits den Waldrand erkennen. Sie nickte schweigend und lenkte ihr Pony in diese Richtung. Frodo ließ Silberschweif neben ihr hertraben. Sie sprachen kaum miteinander, erst recht nicht, als sie den Wald erreichten und Frodo voran ritt, um sie auf Wurzeln und Löcher in der Erde hinzuweisen. Immer wieder musste er sich ducken, um sich nicht den Kopf an einem Ast zu stoßen. Für kurze Zeit waren sie sogar gezwungen, ihre Ponys zu führen, da das Dickicht zu verwachsen war, doch schließlich erreichten die beiden Hobbits den Weg und Frodo hörte das vertraute Plätschern des Brandyweins zu seiner Linken. Auf diesem Weg war er schon mit einem Pony unterwegs gewesen, als er noch nicht einmal hatte reiten können und er genoss seine Vertrautheit.
Er wollte sofort weiter reiten, doch Nelke bat um eine kurze Pause. Frodo gewährte ihr diese und wies auf eine Bank hin, die ein Stück weiter nördlich unter einer Trauerweide im Wald verborgen lag.
"Woher weißt du das alles?", fragte Nelke verwundert, als sie wieder neben ihm her ritt.
Frodo zuckte mit den Schultern und grinste verschmitzt. "Ich erkunde die Gegend mit der Leidenschaft eines Abenteurers", erklärte er nicht ganz ohne Stolz und doch senkte er gleich darauf den Kopf. Er hatte sagen wollen, dass er sein Zuhause auskundschaftete, um jeden noch so verborgenen Winkel davon zu kennen, doch Bockland war nicht sein Zuhause, ebenso wenig wie das Brandyschloss, das fühlte er nur zu deutlich. Er spürte einen schmerzhaften Stich in seinem Herzen und mit einem Mal kehrte die Traurigkeit, die er zu vergessen suchte, zurück und umfing ihn wie ein dichter Nebel, dem er nicht entkommen konnte. Unbemerkt biss er sich auf die Lippen, um das leise Wimmern, das sich in seiner Kehle formte, zu unterdrücken.
Nelke zog eine Augenbraue hoch und schüttelte verständnislos den Kopf.

Wenig später saßen die beiden jungen Hobbits auf der Bank unter einer Trauerweide. Sie hatten sich ihre Umhänge eng um die Schultern gewickelt und blickten über die verschneite Landschaft. Selbst auf den Waldboden hatten sich einige Schneeflocken verirrt. Die dünnen Äste der Weide hingen trüb zu Boden und tanzten wie verschwörerische Schatten vor ihren Augen, wann immer der Wind sich pfeifend durch den Wald schlich. Frodo und Nelke waren wieder in Schweigen verfallen, was Frodo nur recht war. Er war ausgeritten, um alleine zu sein und vielleicht konnte er das tatsächlich, obwohl Nelke an seiner Seite war. Zumindest schien das Mädchen heute nicht darauf aus, ihn zu ärgern und dafür war er dankbar. Frodo hauchte in seine kalten Hände und rieb die Finger aneinander, während er die Ponys beobachtete, die scheinbar völlig unbeeindruckt von der Kälte zwischen den Bäumen standen und ab und an die Nasen zu Boden streckten, um den Schnee zur Seite zu schieben. Silberschweif hob den Kopf, schien kurz zu ihm herüberzublicken, schnaubte und vergrub seine Nase dann wieder im Schnee. Frodo lächelte einen Augenblick, ehe auch er den Blick wieder senkte und erneut in seine Hände hauchte.

"Du bist unglücklich."
Frodo hob überrascht den Kopf und bemerkte erst jetzt, dass Nelke ihn schon längere Zeit zu beobachten schien. Er konnte ihren Blick förmlich am ganzen Körper spüren und verkrampfte sich unwillkürlich. Ein wenig unbehaglich rutschte er auf seinem Platz hin und her. Ihre Bemerkung beunruhigte ihn, ließ ihn vorsichtig werden. Was hatte sie vor?
"Wie kommst du darauf?", fragte er scheinbar unbeeindruckt, doch seine Zunge war trocken, seine Stimme leise. Beinahe zögernd sah er sie an.
Nelke legte den Kopf ein wenig schief. "Es hat etwas mit deinen Augen zu tun."

Frodo erstarrte. Fern in seinen Gedanken echote die Stimme seiner Großmutter.
"Du bist hier unglücklich, Kind. Ich sehe es manchmal in deinen Augen."
Mirabella hatte dasselbe gesagt, was ihm Nelke nun offenbarte. Furcht ergriff ihn. Was konnte sie in seinen Augen sehen? Was war es, das sie dazu getrieben hatte, ihn heute zu begleiten? Was wollte sie mit ihrer Bemerkung bezwecken? Verzweifelt unterdrückte er den Drang wegzulaufen, der sich auf einmal so stark in ihm regte, dass er es kaum vermochte, dagegen anzukämpfen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er musste sich einen Moment von ihr abwenden, bis sich sein schneller gewordener Herzschlag wieder beruhigt und seine Anspannung ein wenig nachgelassen hatte.
Als Frodo langsam den Kopf hob, runzelte er die Stirn, sah ihr in die Augen, doch senkte er den Blick, als ihm klar wurde, dass er selbst Dinge in den Augen anderer sah. War ihm nicht erst heute die Traurigkeit in Gorbadocs Blick aufgefallen? Wusste er nicht bereits, dass jegliches Lachen, nach Mirabellas Tod aus Gorbadocs Augen gewichen war? Hatte er sich nicht selbst oft gefragt, ob andere ebenso in seinen Augen lesen konnten, wie er es in Gorbadocs tat? War Nelkes Bemerkung die Antwort darauf?
"Was meinst du damit?", fragte er schließlich, als er den Kopf erneut hob, und konnte das Zittern seiner Stimme nur mit Mühe verbergen. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals und er hoffte, Nelke könne ihm seine Angst nicht ansehen. Die Kälte, die er zuvor empfunden hatte, schien plötzlich nebensächlich, war beinahe vollständig verflogen.
"Es gab eine Zeit, in der sie strahlten, doch nun sind sie trübe geworden", wisperte sie betrübt, während ihre Augen traurig in die seinen blickten. Plötzlich spürte er ihre Hand auf seiner Wange. Sie war warm auf seiner kalten Haut, ihre Berührung so sanft wie eine Feder. Frodo fühlte sich wie versteinert, konnte nicht mehr tun, als stumm in ihre Augen zu blicken.
"Ich wünschte nichts mehr, als dieses Leuchten wieder zu sehen und dich unbeschwert lachen zu hören", sprach sie leise und ihre Stimme klang wie erstickt, als wäre sie den Tränen nahe.
Frodo stockte der Atem. Merry hatte in letzter Zeit oft dasselbe gesagt und selbst Esmeralda schien seine anhaltende Traurigkeit nicht entgangen zu sein. Erst vor einer Woche war sie zu ihm gekommen und hatte ihn danach gefragt.

~*~*~

Frodo blickte schweigend in das flackernde Licht der Kerze auf dem Schreibtisch. Er hatte die Arme auf dem Tisch verschränkt und ließ das Kinn auf seinen Händen ruhen. Ein zu Ende geschriebener Brief lag neben ihm in einem Umschlag, wartete nur noch darauf, versiegelt zu werden. Frodo achtete nicht auf den Brief, sondern blickte starr in die Flamme der Kerze. Er fühlte sich alleine und verlassen. Drei Seiten hatte er Bilbo geschrieben und doch zweifelte er daran, dass dies genügte, um Bilbos Liebe für sich zu gewinnen. Er fühlte sich den Tränen nahe und kämpfte dennoch verbissen dagegen an, als es plötzlich an seiner Zimmertüre klopfte und Esmeralda eintrat.
Frodo hob verwundert den Kopf, als Merrys Mutter in das Licht der Kerze trat. Sie lächelte.
"Asphodel erzählte mir, du wärest heute Nachmittag geflüchtet, als sie dir die Haare schneiden wollte", sie zwinkerte ihm zu, wusste sie doch, wie ungern er sich seine Haare kürzen ließ. "Sie meinte, deine Lockenpracht würde förmlich darum betteln, abgeschnitten zu werden und da dachte ich mir, ich überprüfe selbst, ob sie damit richtig liegt."
Frodo wich zurück, als Esmeralda in die Knie ging und nach seinen Locken langte. Er war am Nachmittag nur knapp einem neuen Haarschnitt entgangen und wollte, dass es auch so blieb. Auf keinem Fall wollte er sich von Asphodel die Haare schneiden lassen. Seine Tante war dafür bekannt, dass sie nicht gerade freundlich mit ihren Schützlingen umging, nachdem sie mit dem zehnten Kind fertig war. Manchmal war ihre Stimmung auch schon nach dem fünften Kind griesgrämig und Frodo konnte nicht verstehen, wie so viele Eltern seiner Tante die Aufgabe des Haare Schneidens überlassen konnten und dies nicht selbst übernahmen, wie es seine Mutter immer getan hatte. Außerdem hatte Asphodel eine Vorliebe für besonders kurze Locken, schnitt sie sogar noch kürzer als Esmeralda, und Frodo passte das überhaupt nicht. Ihm gefiel die Länge seiner Haare, mochte es, wenn sie ihm gerade so weit ins Gesicht hingen, um seine Ohren zu wärmen und hatte nichts dagegen, wenn einige Strähnen ihn am Nacken kitzelten.
"Die Haare passen so, wie sie sind", erklärte er trotzig, als Esmeralda an einigen seiner dunklen Locken zupfte. Er hatte keine Lust, dies heute zu diskutieren. Andere Dinge, wichtigere Dinge beschäftigten ihn zurzeit und die Länge von Bilbos Brief war eines davon. Würde es etwas an Bilbos Liebe ändern, wenn er eine weitere Seite füllte, auch wenn er nicht wusste, was er noch schreiben sollte?

Esmeralda lächelte, als sie sich erhob, ihre Hand aber auf dem Kopf des Jungen ruhen ließ. "In Ordnung. Du bekommst eine Gnadenfrist von einem Monat, doch dann wird auch dein Krauskopf gebändigt und wenn ich mich selbst darum kümmern muss", drohte sie, doch Frodo nickte nur und wandte seinen Blick wieder der Kerzenflamme zu, schien förmlich darauf zu warten, dass sie sein Zimmer wieder verließ. Esmeralda brach es das Herz, ihn so zu sehen. Ihre Finger kämmten sanft durch seine dunklen Locken. Sie wollte nicht gehen, noch nicht, ganz gleich, wie angespannt Frodo unter ihren Händen zu sein schien.
In der vergangenen Nacht hatte sie geträumt. Sie war in Frodos Zimmer gewesen, hatte ihm durch die Haare gestrichen, wie sie das nun tat, und Frodo hatte es zugelassen. Er hatte den Kopf an ihren Rock gelehnt und sich von ihr in die Arme nehmen lassen. Sie hatte ihn gerne in ihre Arme geschlossen, ihn getröstet und seinen Kummer gelindert, hatte beinahe selbst geweint, als Frodos Tränen ihre Schürze tränkten und sie ihn einfach nur an sich gedrückt und festgehalten hatte. Doch dies war kein Traum. Hier wagte sie nicht, einen Arm um seine Schultern zu legen und ihn in eine Umarmung zu ziehen. Frodo würde es nicht zulassen, war er schließlich jetzt schon so angespannt, dass er förmlich darauf zu warten schien, jeder weiteren Bewegung auszuweichen. Wie gerne würde sie ihn daran hindern, ihn trotzdem in die Arme nehmen, doch sie wusste, Frodo würde sich weigern, würde sich dann noch mehr verschließen und das wollte sie keinesfalls riskieren. Nicht einmal Hanna drang in diesen Tagen zu ihm durch und das bereitet ihr Sorgen.

Frodo spürte Esmeraldas Hand an seinem Kopf, als diese sich wieder erhob, spürte die zärtliche Bewegung ihrer Finger. Er verkrampfte sich unwillkürlich, als er plötzlich bemerkte, dass ihr Rock an seiner Wange lag. Wie eine Welle durchströmte Sehnsucht seinen Körper, füllte ihn bis zur letzten Faser aus. Er schloss erschrocken die Augen und biss sich auf die Lippen. Wie gerne er jener Sehnsucht nachgeben würde. Alles in ihm schrie förmlich danach, sich der Berührung hinzugeben, sich an ihren Rock zu lehnen und ihr zu erlauben, seinen Schmerz zu lindern. Doch Frodo wusste, sobald er dieser Sehnsucht auch nur ein wenig nachgab, würde er zu weinen beginnen und seine Einsamkeit und die Verzweiflung würden unaufhörlich neue Tränen aus ihm herausbrechen lassen und er wollte sie dies nicht sehen lassen. Er wagte nicht, ihr soweit zu vertrauen, denn wer wusste, was geschehen würde, wenn er einmal zu weinen begann. So verkrampfte er sich noch mehr und versuchte, die zärtlichen Finger, die nicht aufhörten, durch seine dunklen Locken zu streichen, nicht länger zu beachten.

"Was ist los, Frodo?", fragte Esmeralda schließlich, wobei sie ihre Finger weiterhin tröstend durch seine Haare gleiten ließ. "Du lachst selten in letzter Zeit."
Und das Leuchten, das dich umgab, ist fast erloschen', fügte sie in Gedanken hinzu und stutzte. Jetzt sah sie selbst, wofür sie Primula einst belächelt hatte.
"Das trübe Wetter schlägt sich auf mein Gemüt", entgegnete Frodo mit leiser Stimme, sah dabei nicht einmal zu ihr auf.
Einen Augenblick hielt Esmeralda inne, ehe ihre Finger mit der sanften Berührung fortfuhren. ‚Ich glaube dir nicht, doch deine Ausreden kommen so rasch und sind so glaubhaft, dass du uns gar nicht erst die Möglichkeit einräumst, sie zu hinterfragen, ganz gleich, was wir zu wissen begehren. Es ist nicht das Wetter, habe ich Recht?', fragte sie in Gedanken, doch kein Wort verließ ihre Lippen.

Frodo hatte beinahe zu zittern begonnen, so stark kämpfte er nun schon gegen seine Sehnsucht an. Er wollte ihr keine weiteren Sorgen aufbürden, doch er wünschte sich nichts mehr, als zu weinen, wollte von ihr getröstet werden, wollte, dass sich ihre Arme schützend um ihn legten, wollte, dass sie nicht wieder damit aufhörte, ihm durch die Haare zu streichen.
Hast du mich lieb?
In Gedanken fragte er, was ihm auf der Zunge lag, doch fürchtete er die Antwort zu sehr, um seine Frage laut auszusprechen.

Esmeralda schaffte es schließlich, ihre Finger zu stoppen und zog ihre Hand zurück. "Dann lass uns hoffen, dass das Wetter bald besser wird", sagte sie und rang sich ein Lächeln ab.
Frodo gelang es, dieses schwach zu erwidern.
Esmeralda schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, drehte sich aber noch einmal um, um ihm zu sagen, er solle nicht zu lange aufbleiben.
Frodo nickte schwach, als sie das Zimmer verließ. Der Verlust ihrer Berührung hatte ihn wie ein Blitz getroffen und ließ sein Herz nun leer und blutend zurück. Mit einem verzweifelten Seufzen ließ er den Kopf wieder auf seine Arme sinken und schloss die Augen, wobei eine einzelne Träne über seine Wange lief.

~*~*~

Frodo blickte noch immer in Nelkes Augen, während ihre Hand auf seiner Wange ruhte. Er war kaum in der Lage zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen. Ihre grünen Augen und ihre Berührung schienen ihn festzuhalten. Erst jetzt, da er länger in diese Augen blickte, fiel ihm auf, dass sie nicht nur grün waren. Ein brauner Schimmer lag darin, schien tief aus Nelkes Innern zu kommen und ihren Augen eine unvergleichliche Schönheit zu verleihen. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet, ebenso wie die spitzen Ohren, die sich unter den braunen Locken versteckt hielten. Ihr Haar, das nun offen auf ihren Schultern ruhte, war heller als sein eigenes, jedoch dunkler als das von Merry.
Frodo hatte nie darauf geachtet, doch jetzt fiel ihm auf, wie hübsch sie war. Er spürte ein Kribbeln im Bauch, nicht unangenehm, doch in Nelkes Nähe ließ es ihn sich unwohl fühlen. Er entzog sich ihrer Berührung, als er endlich aus seiner Erstarrung erwachte und blickte verlegen zu Boden. Nelke tat es ihm gleich und vergrub beschämt ihre Hand in ihrem Schoß.
Frodos Mund war noch trockener als zuvor. Ihre Berührung hatte ihn ihre Worte beinahe vergessen lassen und nur langsam kehrten sie in seine Gedanken zurück. Das Kribbeln in seinem Bauch ließ nicht sofort nach, doch war es nicht mehr so deutlich zu spüren wie zuvor. Er hatte so etwas noch nie gefühlt und, auch wenn er es als angenehm empfand, behagte es ihm nicht, nicht in Nelkes Nähe. Was war überhaupt in sie gefahren, dass sie ihn plötzlich so ansah, solche Dinge zu ihm sagte und ihn berührte? Was war in ihn gefahren, dass er das zuließ, es beinahe genoss, anstatt zurückzuweichen? Sie war schließlich ein Mädchen und ein ziemlich dummes noch dazu, auch wenn sie heute anders zu sein schien.

Frodo schielte zu ihr hinüber. Nelke hatte den Kopf gesenkt, hielt die Hände in ihrem Schoß fest umklammert. Sie zitterte. Plötzlich wirkte sie sehr verletzlich und für einen Augenblick glaubte Frodo sogar, sie mögen zu können. Diesen letzten Gedanken schlug er sich jedoch rasch wieder aus dem Kopf. Nelke war schon immer eine Nervensäge gewesen, und würde auch eine bleiben, ganz gleich, was eben geschehen war. Und doch kam Frodo nicht umhin, daran denken zu müssen, wie sie ihn im Sommer am Fluss verteidigt hatte. Damals schon hatte er gedacht, dass sie ihn mochte und heute bestätigte sich das für ihn noch einmal, schließlich war sie jetzt mit ihm hier und hatte Dinge gesagt und getan, die ihn berührten, auch wenn ihm das nur langsam klar wurde. Ihre Worte hatten ihn zweifelsohne berührt, ebenso, wie ihre Berührung, oder er hätte sich dessen erwehren können. Es bestand kein Zweifel: Nelke mochte ihn. Und vielleicht, vielleicht mochte er sie auch, allerdings nur ein kleinwenig.
Alleine der Gedanke daran trieb ihm die Röte ins Gesicht und er fragte sich, was Merry wohl dazu sagen würde und war erleichtert, dass man ihm seine Verlegenheit ob des schneidenden Windes nicht ansehen konnte.

Frodo holte tief Luft, räusperte sich schließlich unbeholfen und warf sich ein Ende des Schals über die Schultern.
Nelke blickte überrascht auf, schien aus ihren eigenen Gedanken zu erwachen, als sie ihn verwirrt ansah.
"Wir sollten aufbrechen", bemerkte Frodo. "Es ist kalt."
Nelke nickte, lächelte kurz und stand dann auf. "Lass uns aufbrechen."

60. Kapitel: Geheime Gänge

Am nächsten Tag saß Frodo wieder auf der Holzbank vor dem Kachelofen und lehnte den Kopf mit einem Kissen an die warmen Kacheln, wie er es in den vergangenen Nachmittagen ständig getan hatte. Die Wärme und das schwache Licht der Kerzen an den Wänden ließ ihn schläfrig werden. Es hatte wieder zu schneien begonnen und draußen war es noch kälter als am vergangenen Tag und so genoss er die Wärme der Kacheln und die beruhigende Atmosphäre des Wohnzimmers, das sich heute scheinbar keiner großen Beliebtheit erfreute. Nur wenige Frauen saßen an einem Tisch zusammen, tranken Tee und tauschten sich über den neusten Klatsch aus. Hanna, Adamanta und Hilda saßen ebenfalls nahe dem Kachelofen, alle drei mit Nadel, Faden und zerrissenen Kleidungsstücken ihrer Kinder oder Ehemänner bewaffnet. Auch sie unterhielten sich leise, doch Frodo beachtete sie kaum. Seine Aufmerksamkeit galt Gorbadoc, der sich, wie schon am Vortag, in seinen Schaukelstuhl gesetzt hatte und die Geschichte vom Fastitokalon zum Besten gab. Berilac saß auf seinem Schoß und blickte begeistert zu seinem Urgroßvater auf, während Merimas, Minze und viele andere Kinder zu seinen Füßen saßen.
Frodo mochte die Geschichte um den riesigen Schildkrötenwalfisch, hatte sie schon unzählige Male von Gorbadoc gehört und war dabei nicht selten selbst auf seinem Schoß gesessen. Das Fastitokalon, ein großer Schildkrötenwalfisch, wurde von den Menschen für eine Insel im Meer gehalten und so hatten sie ihr Lager auf dem Rücken des Tieres aufgeschlagen. Der Fisch wurde jedoch durch das Feuer, das die Menschen auf seinem Rücken entzündet hatten, aufgeschreckt und tauchte in die Tiefe, woraufhin die Menschen mit all ihrem Hab und Gut im Meer versanken.
Es war eine alte Legende, die unter den Hobbits schon seit vielen Generationen erzählt wurde, und Frodo wusste nicht, wie viel davon tatsächlich wahr war, doch ihm gefielen Gorbadocs Ausschmückungen und die Art und Weise, wie er die Geschichte präsentierte.
Als Gorbadoc zu Ende erzählt hatte, setzte Frodo sich auf und streckte sich, wobei er ein genüssliches Gähnen nicht unterdrücken konnte. Hanna schielte zu ihm herüber und lächelte kurz. Frodo erwiderte das Lächeln zögernd, eilte dann aus dem Wohnzimmer und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Merry ging es noch nicht besser und Frodo wollte sich die Zeit mit einem Buch vertreiben. Er nahm einen Kerzenhalter vom Regal, das an der rechten Wand des Ganges angebracht war und zündete die Kerze an, ehe er vorsichtig den Türknauf drehte und von dem willkommenen Geruch und der Dunkelheit der Bibliothek begrüßt wurde.
"Du bist schon wieder allein", ließ ihn eine Stimme hinter sich wissen.
Frodo zuckte kaum merklich zusammen, bevor er sich zu Nelke umdrehte, die mit dem Rücken gegen die Wand lehnte und die Hände vor der Brust verschränkt hielt.
"Ich habe dir bereits gesagt, dass ich gerne alleine bin", erklärte er nicht unfreundlich. "Außerdem bist du hier und somit bin ich nicht allein."
Nelke lächelte und kam auf ihn zu.
"So soll es auch sein", behauptete sie, als sie über seine Schulter hinweg in die Bibliothek blickte und die Nase rümpfte. Ihre braunen Locken hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten, die nun locker auf ihren Schultern lagen. Sie trug ein schlichtes grünes Kleid über einer weißen Bluse.
Während sie neben ihm stand und in die Dunkelheit der Bibliothek sah, bemerkte Frodo plötzlich, dass er sie anstarrte und wandte verlegen den Blick von ihr ab. Was war mit ihm geschehen? Seit dem gestrigen Nachmittag hatte er immer wieder an Nelke denken müssen und nun starrte er sie auch noch an. Sie mochte vielleicht im Augenblick nett sein, doch er durfte nicht vergessen, wie sehr sie ihm für gewöhnlich auf die Nerven ging. Ob Merrys Krankheit dabei eine Rolle spielte? Hatte sie Mitleid mit ihm und war deshalb freundlicher, tauchte auf, wo immer er auch hinging?
"Willst du denn nicht hineingehen?", fragte sie plötzlich. "Von mir solltest du dich nicht abhalten lassen. Ich komme gerne mit dir."
Frodo zog ein wenig verwirrt eine Augenbraue hoch, sah sie kurz an und trat dann in die Bibliothek, wobei er seinen Blick über die Regale voller Bücher schweifen ließ. Nur schwach ließ das Licht die vielen Buchrücken schimmern und so entzündete Frodo zwei weitere Kerzen, die zu beiden Seiten der Tür an den Wänden hingen. Er musste auf die Zehenspitzen stehen, um sie zu erreichen und Nelke kicherte verstohlen in sich hinein, was Frodo schweigend zur Kenntnis nahm, schließlich war sie nicht viel größer, als er selbst. Anschließend trat er an den großen Tisch, um den zehn Stühle standen, und entzündete die drei Kerzenhalter, die darauf platziert worden waren. Es war unglaublich, was das zusätzliche Licht bewirkte.
Die Regale, die zu allen Seiten des Raumes standen, schienen ihm beinahe einladend entgegenzulachen und auch, wenn bei weitem nicht alle dieser Regale mit Büchern und Schriftrollen gefüllt waren, war es doch die größte Bibliothek, die Frodo kannte und er liebte es, hier zu sein. Er seufzte zufrieden und holte tief Luft. Wie sehr er diesen Geruch doch liebte! Leder, vergilbtes Papier und altes Pergament gehörten ebenso zum eigentümlichen Geruch der Bibliothek, wie der Duft von Holz und Staub.
Ohne zu zögern ging er auf eines der Regale zu und ließ seine Finger über die gebundenen Buchrücken wandern, ehe er ein Buch mit dem Titel Das Auenland - Gründung und Entwicklung herauszog und es interessiert begutachtete. Auch hier strich Frodo mit seinen Fingern über den Einband, ehe er das Buch vorsichtig aufschlug und die erste Seite kurz überflog. Er hatte in letzter Zeit einiges über die Geschichte des Auenlandes gelesen, ein Bereich, der in der Bibliothek des Brandyschlosses besonders ausführlich behandelt wurde, doch er war sich nicht sicher, ob er sich dieses bestimmte Buch bereits zu Gemüte geführt hatte.
"Ich frage mich wirklich, was an all dem so interessant sein soll, dass du immer wieder hierher kommst."
Frodo blickte von seinem Buch auf und wandte sich um. Nelke stand am anderen Ende des Zimmers, legte gerade eine Rolle, die die Stammbäume einer Hobbitfamilie enthielt, wieder in eines der Regale und fröstelte. Sie schlang die Arme um die Brust, als ein Zittern ihren Körper durchlief.
"Es ist kalt, es ist staubig und es ist dunkel, trotz der vielen Kerzen", klagte sie, ehe sie den Kopf fragend in seine Richtung drehte. Ein goldener Schimmer lag auf ihrem Haar und ihre Augen funkelten im flackernden Licht der Kerzen.
Frodo lächelte von einem Ohr zum anderen, schüttelte kurz den Kopf, schlug das Buch zu und verstaute es wieder im Regal. Er nahm seine Hand jedoch nicht vom ledernen Einband und ließ seine Augen lange darauf ruhen. Eine Stille erfüllte das Zimmer, die Frodo wie einen Mantel einzuhüllen schien und Nelke unruhig werden ließ.
"Es sind die Bücher, die den Raum ausmachen", sagte er dann gedankenverloren und ging verträumt am Regal entlang, wobei seine Finger weiterhin über die ledernen Buchrücken strichen.
Nelke zog fragend eine Augenbraue hoch und strich ebenfalls gedankenverloren über einige Bücher, als könne sie Frodos Worte dadurch einfangen und ihr Unbehagen abschütteln.
"Sie sind es, die dem Raum die nötige Weisheit geben, die ihn mit grenzenloser Freiheit erfüllen, denn nur mit Hilfe der Geschichten kann unser Geist der Enge hier entfliehen. Die Bücher sind es, die dem Raum Erinnerungen geben, eine Vergangenheit, ebenso wie eine Zukunft, denn die Stammbäume werden mit jedem neugeborenen Kind erweitert. Selbst der Geruch der Bücher haftet an diesem Raum, wie an keinem anderen und alleine dieser Geruch erzählt eine Geschichte, noch ehe du in den Seiten eines Buches blätterst."
Frodo war in der Ecke angekommen und sah mit fernem Blick am Regal empor. Schließlich blinzelte er, als würde er aus einem Traum erwachen und blickte auf seine Finger, die mit einer dünnen Staubschicht bedeckt waren. Ohne sich von der Stelle zu bewegen, wandte er sich dann zu Nelke um, sah sie beinahe verwirrt an.
Frodo liebte Bücher und ihm war, als hätten sie selbst ihm die Worte in den Mund gelegt, die sie zuvor aus seinem Herzen gestohlen hatten. Er war sich sicher, dass es die Bücher waren, die der Bibliothek ihre Geschichte gaben, doch sie taten es nicht allein. Jener, der in den Büchern las, machte die Bibliothek und deren Inhalt ebenso aus, wie die Bücher selbst. Der Leser war Teil dieser Geschichte, Teil der Faszination, die die Bibliothek für ihn ausstrahlte. Ob Nelke das verstand? Ob er es selbst verstand? Frodo wusste es nicht, denn seine eigenen Worte begannen bereits zu verblassen und, hätte Nelke ihn darum gebeten, er hätte sie nicht wiederholen können.
Nelke sah ihn verwundert und entgeistert zugleich an. Während seine Worte in ihren Ohren klangen, schien sie wie erstarrt. Das flackernde Kerzenlicht hüllte ihn in einen rötlichen Schimmer und sie begann sich zu fragen, ob Frodo wirklich verstand, was er soeben gesagt hatte. Sie selbst war sich nicht wirklich sicher, was seine Worte genau zu bedeuten hatten, denn sie hatte sich nie sonderlich für Bücher interessiert. Sie war praktischer veranlagt und verbrachte lieber einige Stunden damit, Bettwäsche zu besticken oder einen Schal zu stricken, anstatt über Bücher nachzudenken oder gar eines von ihnen zu lesen. Alles, was in dieser Hinsicht wichtig war, wurde ihr ohnehin in den Unterrichtsstunden beigebracht, auch wenn sie damit nicht viel anfangen konnte. Was brachten ihr Bücher und Worte, wenn sie stattdessen lernen konnte, wie sie Kleider zu nähen und Essen zu kochen hatte?
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke und Nelke war überrascht, in Frodos Augen dieselbe Verwirrung zu lesen, die sie empfand. Verwundert runzelte sie die Stirn, nickte aber.
"Das mag sein", sagte sie schließlich, trat an den Tisch heran und blies die Kerzen aus, "aber kalt bleibt es hier trotzdem. Lass uns gehen!"
Ein Lächeln stahl sich über Frodos Lippen, als auch ihm die Kälte, die ebenso Teil der Bibliothek war wie die Bücher, durch die Glieder kroch und ihn zum Frösteln brachte. Die Lust auf ein Buch war ihm vergangen und stattdessen musste er, sehr zu seiner Verwunderung feststellen, dass er froh darüber war, mit Nelke hier gewesen zu sein, und dass er ihre Anwesenheit schätzte. Sie mochte eine Nervensäge sein, doch im Augenblick schien sie genauso gelangweilt wie er. Was sprach also dagegen, wenn er ein wenig Zeit mit ihr verbrachte, zumindest bis Merry wieder gesund war? Bisher hatte sie immerhin bewiesen, dass sie auch nett sein konnte, auch wenn ihm bei dem Gedanken an den vergangenen Nachmittag noch immer etwas mulmig wurde und seine Wangen sich erwärmten.
Nickend kam er schließlich aus der hinteren Ecke der Bibliothek hervor, half ihr, die letzten Kerzen auszupusten und trat schließlich wieder in den Gang hinaus, wo er auch die Kerze auf seinem Halter auspustete. "Und wohin sollen wir gehen?"
Nelke grinste von einem Ohr zum anderen.
"Das wirst du gleich sehen", meinte sie verschwörerisch. "Komm mit!"
Mit diesen Worten eilte sie den Gang entlang und Frodo blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
"Die Bibliothek ist der Ort, an den du dich bei solchem Wetter zurückziehst", erklärte Nelke, während sie Frodo in die westlichen Gänge des Brandyschlosses führte. "Nun möchte ich dir meinen Lieblingsplatz zeigen."
Frodo lächelte in sich hinein. Er hatte die Bibliothek nie als seinen Lieblingsplatz im Brandyschloss angesehen, doch wenn er genauer darüber nachdachte, konnte Nelke damit sogar Recht haben, schließlich war er wirklich gerne dort und zog sich nicht selten darin zurück. Dennoch war wohl sein Zimmer mehr ein Lieblingsplatz für ihn, denn dort hatte er alles, was ihm wichtig war: das Bild seiner Eltern, sein Tagebuch, Erinnerungen, die selbst nach so vielen Jahren noch immer an den Wänden hafteten, und zumindest ein wenig das Gefühl, zu Hause zu sein. Bei dem Gedanken an ein Zuhause wurde ihm das Herz schwer und für einen Augenblick biss er sich auf die Lippen, denn jener Gedanke rief zugleich die Erinnerung an Bilbo wach. Bilbo, der ihn geliebt und ihn dann mit seinen Worten so sehr verletzt hatte. Frodo schluckte den Knoten, der sich in seinem Hals bildete und versuchte, den Gedanken an Bilbo abzuschütteln. Nelke hatte ihm bereits am vergangenen Nachmittag aufgezeigt, dass sie sich um ihn sorgte und er wollte verhindern, dass sie dies weiterhin tat. Mit einem tiefen Luftholen gelang es ihm, sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Frodo warf einen kurzen Blick auf Nelke, die ihm einen Schritt voraus war, um ihn an ihr gewünschtes Ziel zu führen, und wusste, dass sie von der Traurigkeit, die ihn überkommen hatte, nichts bemerkt hatte.
Er würde sie in dem Glauben lassen, er ziehe sich in die Bibliothek zurück, denn es interessierte ihn ungemein, wo wohl ihr Lieblingsplatz, der Lieblingsplatz eines Mädchens, sein konnte. Während er sich noch fragte, wo Nelke sich gerne aufhalten könnte, öffnete das Mädchen eine Tür und verschwand im dahinter liegenden Zimmer.
Frodo blieb überrascht in der Tür stehen, als er erkannte, wohin sie ihn geführt hatte. Ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Magen breit und er ertappte sich dabei, wie er sich verstohlen nach beiden Richtungen umblickte. Seine Nackenhaare sträubten sich und ehe er wusste, was er tat, war er einen Schritt von der Tür zurückgetreten.
"Hast du vor, in der Tür Wurzeln zu schlagen, oder willst du endlich herein kommen?", wollte Nelke wissen, die bereits zum Bett an der rechten Wand des Raumes gelaufen war und ihn nun, verwundert darüber, dass er nicht mehr hinter ihr war, mit in Falten gelegter Stirn, betrachtete.
"Das ist dein Zimmer", stellte Frodo leise zögernd fest und schluckte dann schwer, "und das von Reginard."
"Ist das ein Problem?", fragte Nelke, nicht recht verstehend, worauf er mit seiner Bemerkung hinaus wollte. "Wenn du dir um Reginard Sorgen machst, kann ich dich beruhigen. Der ist nur hier, um zu schlafen. Wo er den Rest des Tages verbringt, weiß ich nicht."
Frodo rührte sich nicht von der Stelle, blickte sich stattdessen noch einmal nach beiden Seiten um. Er konnte sich gut vorstellen, wo Reginard den Tag verbrachte. Vermutlich saß er gleich zwei Türen weiter in dem Zimmer, das sich Marroc mit seinen Eltern teilte, und machte sich über ihn lustig.
"Sollte er dir jedoch zu Nahe kommen, werde ich ihn grün und blau prügeln."
Reginards Drohung klang in seinen Ohren, ließ Frodo einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Was Reginard wohl mit ihm machen würde, sollte er ihn in dem Zimmer vorfinden, das er sich mit seiner Schwester teilte? Frodo würde mindestens die doppelte Tracht Prügel erhalten, weil er die Dreistigkeit besessen hatte, das Zimmer des älteren Hobbits zu betreten. Ein weiterer Schauer lief ihm über den Rücken. Ihm war noch lebhaft in Erinnerung, wie schlecht er sich gefühlt hatte, als er von Marroc verprügelt worden war und wollte nicht riskieren, dass so etwas noch einmal geschah. Sollte Marroc eine Prügelei beginnen, würde er sich verteidigen, aber keineswegs wollte er weitere Prügel heraufbeschwören, weder von Marroc, der seinem Vetter bestimmt zur Seite stehen würde, noch mit Reginard.
Nelke war inzwischen wieder auf ihn zugekommen und musterte ihn eingehend. Die leichte Blässe in seinem Gesicht entging ihr dabei nicht.
"Hast du etwa Angst?", fragte sie und auch wenn ihre Stimme mitfühlend klang, lag der Schatten eines Grinsens auf ihrem Gesicht.
"Natürlich nicht!" ließ Frodo sie wissen und warf ihr einen beleidigten Blick zu, überrascht, dass seine Stimme nicht halb so viel zitterte, wie er befürchtet hatte.
"Na dann, komm. Reginard wird nicht auftauchen. Vertrau mir."
Frodo sah sie einige Augenblicke schweigend an, unwillig, seine Angst zu zeigen. Er wusste nicht, ob er ihr vertraute, aber schließlich trat er ein. Nelke schloss die Türe hinter ihm und auch wenn das mulmige Gefühl in Frodos Magen bestehen blieb, schien mit dem Schließen der Tür ein Großteil seiner Angst von ihm abzufallen. Er seufzte erleichtert und Nelke kicherte, als sie wieder zu dem Bett auf der rechten Seite des Raumes eilte.
Etwas unsicher blickte Frodo sich um. Das Zimmer war nicht sonderlich groß, doch schien es klar in zwei Hälften geteilt worden zu sein. Während Nelke offenbar die rechte Seite des Raumes bewohnte, hauste Reginard auf der Linken. Frodo trat unwillkürlich einen Schritt nach rechts, um keinem von Reginards Eigentum zu Nahe zu kommen. Die Betten standen zu beiden Seiten auf Höhe der Tür an den Wänden. Daneben stand jeweils ein Nachtkästchen, das mindestens doppelt so groß war wie jenes, das Frodo in seinem Zimmer stehen hatte und genauso gut als kleines Regal hätte dienen können. Nelke hatte auf ihrem Nachttisch eine kleine Laterne stehen, ebenso eine Schüssel mit Wasser und einem Tuch, mit dem sie sich morgens und abends wusch. Frodo war froh, dass sich sein eigenes Zimmer nicht weit vom östlichen Badezimmer befand und er deshalb keine Wasserschüssel in seinem Zimmer stehen hatte. Er wusste nicht, wo er sie würde hinstellen können. Neben der Laterne lagen ein Wollknäuel aus grünem Faden und die ersten Reihen eines gestrickten Schals. An der Wand, die der Türe gegenüber lag, stand ein großer Schrank, an dessen Seiten, links und rechts jeweils ein Schreibtisch mit einem Stuhl platziert worden war. Auf beiden Schreibtischen standen ein wunderschöner Federhalter mit zwei Schreibfeder und zwei kleinen Fässchen Tinte daneben.
"Frodo?"
Der junge Hobbit unterbrach seine Begutachtung des Zimmers, als Nelke ihn an ihre Seite rief. Das Mädchen saß hinter dem Fußende ihres Bettes am Boden und lehnte sich gegen die Wand. Die Laterne, die zuvor auf ihrem Nachttisch gewesen war, hatte sie entzündet und neben sich gestellt. Verwundert runzelte Frodo die Stirn, als er zu ihr trat und sich ebenfalls auf den Boden kniete. Ein Knauf, wie der einer Türe, war an der Wand befestigt worden und Frodo erkannte voller Staunen, dass es sich dabei tatsächlich um einen Türknauf handelte. An der Wand zwischen Nelkes Bett und ihrem Schreibtisch war eine kleine Tür. Sie war gerade so hoch, dass ein ausgewachsener Hobbit bequem hindurch kriechen konnte, doch wo sie hinführte, oder wie sie hierher gelangt war, wusste Frodo nicht.
"Was…?", stotterte er verwundert und deutete mit einem völlig verdutzt Gesichtsausdruck auf den Messingknauf.
Nelke strahlte von einem Ohr zum anderen, offensichtlich zufrieden mit dem fassungslosen Blick, den Frodo ihr schenkte.
"Das ist der Gang zu meinem Lieblingsplatz", erklärte sie dann stolz und ihre Augen leuchteten vor Freude.
Mit einem geschickten Handgriff drehte sie den Knauf und öffnete die niedere Tür, die Frodo gar nicht bemerkt hätte, hätte Nelke ihn nicht auf den Messingknauf aufmerksam gemacht. Erst jetzt erkannte er auch die Messingscharniere, die es erlaubten, die Türe zu öffnen und seine Verwunderung wuchs noch. Er erinnerte sich plötzlich daran, wie er vor langer Zeit in einer der Speisekammern mit Merry nach einem geheimen Gang, der geheimen Drachenhöhle, gesucht hatte und das Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals. Damals hatten sie nichts gefunden, doch offensichtlich gab es doch geheime Gänge im Brandyschloss, von denen niemand etwas wusste. Aufgeregt verfolgte er, wie Nelke die Laterne in die Hand nahm, in die Höhle kroch und ihn anwies, ihr zu folgen. Frodo kam dieser Bitte gerne nach und kroch aufgeregt hinter ihr durch die Tür, ohne auch nur einen einzigen Blick zurück zu werfen.
Der Gang war schmal und niedrig, doch Frodo konnte bequem hinter Nelke her kriechen. Die Flamme im Innern der Laterne flackerte unruhig und erleuchtete den Gang von allen Seiten. Immer wieder drang ein Klappern und Klirren an sein Ohr, wenn Nelke mit der Lampe den Boden streifte und auch das leise Rascheln ihrer Röcke war sein ständiger Begleiter, während sie ihn immer tiefer in den geheimen Gang führte.
"Der geheime Gang, der zum Hort des Drachen führt", flüsterte er andächtig, während er jeden Moment aus Bilbos Geschichte vor sich sah.
Dieses Mal war es nicht nur ein Mauseloch. Dieses Mal war es ein geheimer Gang. Frodos Mund war trocken. Er spürte die Anspannung und Aufregung in seinem ganzen Körper, während er vorsichtig hinter Nelke und dem flackernden Licht ihrer Lampe her kroch, immer damit rechnend, jeden Augenblick den Drachenhort und Berge von Gold und Juwelen zu erblicken.
"Du wirst niemals aufhören, an Drachen zu glauben, nicht wahr?", stellte Nelke mit einem Lächeln in der Stimme fest. "Wir sind da."
Der Gang machte plötzlich eine Biegung nach links. Bei näherem Betrachten erkannte Frodo jedoch, dass der Gang hier zu Ende und, was er ursprünglich für eine Abzweigung gehalten hatte, nur die äußere Ecke eines kleinen Raumes war. Der Raum selbst war nicht viel größer als ein besonders großes Doppelbett und auch nicht sonderlich höher als der Gang, durch den sie hierher gelangt waren, doch konnten sie sich, ohne sich dabei den Kopf zu stoßen, bequem auf die Wolldecke setzen, die Nelke bei einem ihrer früheren Besuche hierher mitgebracht haben musste. Nelke machte es sich am anderen Ende des kleinen Raumes bequem, während Frodo seinen Blick durch den vermeintlichen Drachenhort schweifen ließ. Es gab kein Gold, keine Juwelen und auch vom Drachen fehlte jede Spur, doch Frodo war weniger enttäuscht als er erwartet hatte. Immerhin war er durch einen geheimen Gang hierher gelangt und dies war ein geheimer Raum, von dem niemand etwas wusste, und wer konnte schon sagen, ob es nicht noch mehr solche geheimen Räume gab? In einem war bestimmt der Schatz eines Drachen versteckt.
Frodo nickte zufrieden, überlegte sich bereits, wo er mit seiner Suche nach geheimen Gängen am besten beginnen sollte, als er es sich schließlich auf der Decke gemütlich machte, die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkte und konterte: "Du wirst wohl niemals aufhören, sie als Geschichten zu sehen. Es ist eine Schande, dass ausgerechnet du, die das nicht zu würdigen weiß, einen solchen geheimen Gang haben sollst."
Nelke zog eine Augenbraue hoch und sah ihn vielsagend an. Bedrohliche Schatten ragten hinter ihr an der Wand empor, als sie die Laterne zwischen sich und Frodo auf die Decke stellte. Das schwache Licht ließ ihre Augen funkeln. "Glaube mir, ich weiß ihn sehr wohl zu würdigen."
"Wenn das mein Gang wäre, würde ich ihn vor allen Augen schützen und niemand würde je davon erfahren", ließ Frodo sie geistesabwesend wissen. Er fragte sich, ob wohl in seinem Zimmer auch ein solcher Gang war und was er damit alles machen konnte. Gleich heute Abend wollte er sich auf die Suche danach begeben und nur Merry würde er von dem geheimen Gang erzählen.
"Und wie würdest du das anstellen?", fragte Nelke ungeduldig und dieses Mal war es an ihr, die Arme vor der Brust zu verschränken.
Frodo grinste listig.
"Ich ließe mir schon etwas einfallen", teilte er ihr mit. Seine Augen glitzerten im Licht der Lampe und als Nelke dies auffiel, stahl sich ein unbemerktes Lächeln über ihre Lippen. "Ich wünschte, ich könnte mein Zimmer gegen deines tauschen."
"Liebend gerne!" rief Nelke lachend aus. Ein verträumter Ausdruck trat in ihre Augen, als sie den Kopf schief legte und den Blick auf die tanzenden Schatten an der Decke gerichtet hielt. "Mein eigenes Zimmer. Dann dürftest du dich mit Reginard herum schlagen."
Frodo starrte sie entgeistert an. Das Grinsen in seinem Gesicht war mit einem Mal verschwunden und das mulmige Gefühl in seinem Magen, das er beim Betreten des Ganges vollends hinter sich gelassen hatte, kehrte zurück. Wenn Reginard ihn hier erwischte, dann würde er sich mit ihm herum schlagen müssen und dies in einem anderen Sinne, als es Nelke gemeint hatte. Frodo war sich sicher, dass er dabei würde einstecken müssen, denn auch wenn Reginard nicht Marroc war, so war er doch dessen Vetter und fünf Jahre älter, als er selbst. Er erschauderte alleine beim Gedanken daran und wandte rasch den Blick von Nelke ab, sah stattdessen auf seine Finger, die sich in die weiche Decke gruben.
Auch Nelke wandte erschrocken den Blick ab, als sie den entsetzten Ausdruck in seinen Augen sah. Sie erinnerte sich plötzlich, wie ihr Bruder Frodo gedroht hatte, ihn zu verprügeln und für einen Augenblick glaubte sie, derselbe zornige, erschrockene Blick von damals spiegle sich in Frodos Augen wider und sie bereute ihre Worte.
"Verzeih", wisperte sie und spielte verlegen mit einem ihrer Zöpfe ohne Frodo jedoch anzublicken. Für einen langen Augenblick herrschte Schweigen. Nelke wartete unruhig darauf, dass Frodo etwas sagte, doch als ihr klar wurde, dass er das Schweigen nicht brechen würde, hob sie zögernd den Kopf. "Es tut mir Leid, meine Worte waren schlecht gewählt."
Das Licht erhellte nur eine Hälfte seines Gesichtes, ließ die andere in Dunkelheit verschwimmen, doch auch in diesem schwachen Lichtschein konnte sie den verletzten Ausdruck in seinen Augen sehen und es schmerze sie, zu wissen, dass sie einen Teil der Schuld dafür trug.
Frodo rührte sich nicht. Seine Finger gruben sich noch immer in die Decke und für kurze Zeit fühlte er sich unfähig, etwas zu erwidern. Sie hatte nichts Böses getan, weshalb also versetzte ihn ihre Aussage so sehr in Schrecken? Reichte nun schon ein Name aus, um ihn zu ängstigen? Doch was er nun fühlte, war nicht nur Angst. Nur langsam wurde Frodo klar, dass Nelkes Worte an jener Traurigkeit gerüttelt hatten, die er seit Monaten mit sich trug und zu unterdrücken suchte. Bilbos Worte hatten ihn tiefer verletzt, als er sich selbst gegenüber zugeben wollte. Bilbo liebte ihn nicht, ebenso, wie alle anderen Bewohner des Brandyschlosses, abgesehen von Merry, und Reginard ging, genau wie Marroc, noch einen Schritt weiter. Sie hassten ihn und würden ihn nur mit Freuden verprügeln und bestimmt waren sie nicht die Einzigen, die so über ihn dachten. Es gab genügend andere, die ihm wortlos aus dem Weg gingen und Frodo zweifelte nicht daran, dass sie an Marrocs Seite kämpfen würden, sollte dieser sie darum bitten. Er war allein, ungeliebt an einem Ort, der nicht sein Zuhause war. Nelkes ungeschickte Aussage hatte ihm das wieder klar gemacht und Frodo spürte bereits, wie sich die Verzweiflung darüber erneut in ihm ausbreitete. Er wollte nicht verzweifelt sein, wollte seine Traurigkeit und seine Angst besiegen, doch wann immer er es versuchte, wurde er von ihr überwältigt und Frodo fragte sich oft, ob die Wunde, die Bilbo ihm zugefügt hatte, jemals heilen würde. Im Augenblick war ihm, als risse sie neu auf, wann immer er glaubte, vergessen zu können.
"Es muss dir nicht Leid tun", sagte er schließlich leise, hob zögernd den Kopf und holte tief Luft. "Ich sollte mich bei dir entschuldigen. Du hast nichts Falsches gesagt, es ist nur, dass ich…", er zögerte, wohl wissend, dass er ihr eine Antwort schuldig war. "Im Augenblick gibt es viele Dinge, die mich beschäftigen. Möglicherweise denke ich zuviel darüber nach, doch ich kann es nicht verhindern."
Nelke nickte, wobei sie ihm tief in die Augen sah und enttäuscht feststellen musste, dass das Leuchten, das sie für einen Moment in seinem Blick hatte erkennen können, wieder erloschen war.
"Hat es etwas mit Reginard zu tun?", wollte sie wissen und Frodo wusste sofort, auf welches Ereignis sie hinaus wollte.
Er schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln, überrascht, dass auch sie noch immer an jenen Tag am Fluss denken musste. Schon damals hatte er sich bei ihr bedanken wollen, doch bis zum heutigen Tag hatte er dies nicht getan, da er auf einen geeigneten Zeitpunkt hatte warten wollen, einen Moment, an dem sie ihm nicht auf die Nerven ging. Frodo entschied, dass dies ein guter Augenblick dafür war.
"Ich", begann er stockend und senkte für einen kurzen Moment den Kopf, nur um sie gleich darauf wieder anzusehen. "Ich wollte mich schon lange bei dir dafür bedanken, dass du mich damals verteidigt hast."
Nelke lächelte ein so warmes Lächeln, dass Frodo verlegen den Blick senkte und spürte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg und seine Wangen wärmte. Das Kribbeln, das er schon am vergangenen Nachmittag hatte spüren können, kehrte in seinen Bauch zurück und auch wenn Frodo noch immer nicht wusste, ob er es als angenehm oder unangenehm empfinden sollte, entschloss er, dass er es für ein gutes Zeichen hielt.
"Das habe ich gern gemacht", erwiderte Nelke noch immer lächelnd. "Es war nicht recht von meinem Bruder, dich so zu behandeln und auch wenn du manchmal ein ganz schöner Dummkopf bist, bist du mein Freund und sollst nicht in Ärger geraten, für den du nichts kannst." Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde noch breiter und ihre Augen leuchteten, als sie plötzlich unter den Rand der Decke griff und einen Stapel Spielkarten hervor holte. "Wir können nicht durch den geheimen Gang kriechen, nur um dann nur dumm dazusitzen. Komm, lass uns Karten spielen."
Frodo sah sie voller Staunen an, unsicher, was ihn mehr verwunderte, ihre Aussage, oder die Tatsache, dass sie Spielkarten hier hinten hatte. Ein Lächeln stahl sich über seine Lippen und er nickte eifrig. "Gut, lass uns spielen!"
 
~*~*~
 
Ein Feuer knisterte im Kamin und Frodos Augen blickten verträumt in die züngelnden Flammen. Er saß auf dem Bett in Hannas Zimmer, hatte einen Wollstängel um seine Hände gewickelt und hing seinen Gedanken nach. Hanna hatte ihn nach dem Abendessen darum gebeten, ihr beim Aufwickeln der Wolle behilflich zu sein, während Marmadas mit den Kleinen im Wohnzimmer saß und Frodo hatte gerne zugesagt.
Erst vor kurzem hatten Hanna und Marmadas ihr Zimmer ein wenig umgestaltet, hatten neben dem Kamin eine Ecke eingerichtet, in der die Betten aller drei Kinder aufgestellt waren. Diesen Bereich hatten sie mit einem Vorhang vom eigentlichen Zimmer abgetrennt, sodass Merimas, Minze und Melilot abends nicht so leicht gestört wurden.
Frodo fand es gemütlich auf Hannas Bett zu sitzen, während sie auf einem Sessel vor ihm saß und Wolle auffädelte. Das rotgoldene Licht des Kamins erhellte das Zimmer und das beruhigende Knistern der Flammen klang in seinen Ohren. Es war beinahe so, als wären seine Eltern noch hier, doch der Geruch war ein anderer und das Zimmer hatte sich zu sehr verändert, um die Erinnerung an jene Zeiten wachzurütteln, wenn Frodo es nicht wollte.
Hanna war ungewöhnlich schweigsam, doch wirkte sie auf Frodo fröhlich und so ließ dieser seine Gedanken wandern, erlaubte ihnen, ihn zu Nelke zu führen. Er hatte den ganzen Nachmittag mit ihr verbracht, ehe sie albernd und kichernd den Gang zurück gekrochen waren. Dieses Mal hatte Nelke sich sogar von seiner Vorstellung eines Drachen anstecken lassen, denn sie mochte Geschichten, auch wenn sie kaum welche davon selbst las, und obwohl sie wenig von Drachen hielt, hing sie doch gerne ihren eigenen Vorstellungen nach. Frodo hatte feststellen müssen, dass er sie mochte. Er mochte sie vielleicht sogar mehr, als ihm lieb war. Und Nelke mochte ihn auch. Sie hatte selbst gesagt, dass er ihr Freund war und alleine bei dieser Aussage hatte sein Herz einen solchen Freudensprung vollführt, dass er ihr am liebsten um den Hals gefallen wäre, doch war er zu erstaunt gewesen, um dies auch tatsächlich zu tun. Vielleicht hatte er doch mehr Freunde im Brandyschloss, als er gedacht hatte.
Der Wollstängel war aufgebraucht und zu einem sauberen Knäuel gewickelt worden. Frodo lächelte Hanna kurz an, sah ihr einen Augenblick zu, wie sie alle neuen Wollknäuel verräumte und blickte dann wieder verträumt ins Feuer.
Hanna sah Frodo mit gerunzelter Stirn an, ließ ihren Blick dann zum Feuer wandern und setzte sich neben ihn auf das Bett. Sie hatte ihn schon den ganzen Abend beobachtet, auch wenn sie kaum mit ihm gesprochen hatte. Frodo hatte nicht den Eindruck gemacht, sprechen zu wollen und so hatte sie ihn nicht gedrängt, sondern nur ein paar belanglose Fragen gestellt. Kaum waren diese beantwortet worden, hatten sie schweigend gearbeitet. Frodo hatte dabei ständig ins Feuer gesehen, den Blick leer, als wäre er mit seinen Gedanken weit entfernt und selbst jetzt hatten ihn diese Gedanken nicht losgelassen. Was immer ihn beschäftigte, musste ihm sehr wichtig sein, da er noch mehr vor sich hinträumte, als es selbst für ihn üblich war. Dennoch schien es Hanna, als wären seine Augen klarer, als an vielen anderen Abenden, an denen sie Frodo in den letzten Monaten beobachtet hatte. Eine Traurigkeit hatte ihn umgeben, die so tief saß, dass ihre Worte nicht ausreichten, um Frodo aufzuheitern und, welcher Kummer auch immer ihn beschäftigte, zu vertreiben. Heute schien es ihm jedoch besser zu gehen, obschon sein Ausdruck bekümmert blieb und er ebenso verschlossen war, wie in den vergangenen Wochen.
Frodo war so sehr mit seinen eigenen Grübeleien beschäftigt, dass er nicht einmal bemerkte, wie Hanna sich neben ihn setzte. Seine Gedanken waren von Nelke zu Bilbo gewandert. Wie hatte der alte Hobbit, den er einst so sehr geliebt hatte, ihn so tief verletzen können, dass die bloße Nennung eines Namens ausreichte, um ihn verzweifeln zu lassen? Frodo wusste, er würde nie aufhören können, darüber nachzudenken, nicht so lange ihn Verzweiflung so rasch und unvorhergesehen verschlingen konnte. Dennoch musste er aufhören, an Bilbo zu denken, denn dadurch verletzte er sich selbst und gab jener tiefen Wunde nicht einmal die Möglichkeit, zu heilen. Doch wie sollte ihm das gelingen, wenn ihn die Erinnerung an Bilbos Liebe so sehr quälte? Die Stimme der Sehnsucht schrie so laut in seinem Inneren, dass er sie nicht überhören konnte. Sehnsucht nach Wärme, nach einem Zuhause, erfüllte oftmals jede Faser seines Seins und ließen Verzweiflung über den Mangel, den Verlust an beidem die Überhand gewinnen.
Frodo schloss die Augen und gab sich jener Wärme hin, die sein Herz erfüllte, wie die schwache Erinnerung an seine Mutter. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, seine Verzweiflung gespürt, war die Wärme plötzlich bei ihm gewesen und stillte einen geringen Teil seines Hungers. Seine linke Hand klammerte sich an jener Wärme, jener Liebe fest, um zu verhindern, dass sie ihm je wieder entfleuche. Die Finger schlossen sich um einen warmen, weichen Wollstoff--
-- wie jener aus dem Hannas braunes Winterkleid gemacht war. Erschrocken riss Frodo die Augen auf und wollte sich erheben, doch Hände, eine davon auf seiner Stirn, die andere auf seiner Schulter und seiner linken Hand, geboten ihm mit sanftem Druck, sich nicht zu bewegen.
"Bleib, Frodo, ich bitte dich", hörte er Hanna flüstern und verkrampfte sich unweigerlich.
Erst jetzt wurde ihm klar, dass er den Kopf in ihrem Schoß liegen hatte. Wie hatte es dazu kommen können? Plötzlich verstand er, dass Hanna nicht so fröhlich gewesen war, wie er vielleicht geglaubt hatte. Ob sie sich wegen seines gedankenverlorenen Schweigens nun sorgte? Er unterdrückte das Gefühl der Wärme, das ihn erfüllte, wollte sich aufsetzen, wollte sehen, ob mit Hanna alles in Ordnung war und sich dann in sein Zimmer zurückziehen, doch noch immer hielten ihre Hände ihn sanft zurück. Sie hatte ihren linken Arm um seine Schultern gelegt, ließ ihre Hand nun auf der seinen ruhen, während ihr Daumen nicht aufhörte, über seinen Handrücken zu streichen. Ihre andere Hand ruhte auf seiner Stirn, strich zärtlich über seine Schläfen, wobei sie einige Locken zurückstrich, und kämmte dann sanft durch sein dunkles Haar.
Ein Zittern durchlief seinen Körper und Frodo wusste, dass er gegen seine Sehnsucht nach Liebe machtlos war. Dagegen anzukämpfen, würde sie nur verstärken und so erlaubte er dem Gefühl geliebt zu werden, ihn zu übermannen, entspannte sich schließlich und schloss mit einem leisen Seufzen die Augen. Ohne etwas daran ändern zu können, gab er sich seiner Sehnsucht hin, sog die dargebotene Wärme förmlich in sich auf. Es war nicht die Wärme, die Bilbo ihm geben konnte, oder jene, die seine Mutter ihm geschenkt hatte, doch sie tat wohl und füllte ihn aus, wie das Licht der Sonne. Frodo war Hanna plötzlich unendlich dankbar, dass sie ihn in ihren Armen hielt, hätte ihr das auch gerne gesagt, doch im Augenblick war er nicht dazu in der Lage und wünschte sich nichts mehr, als dass sie ihn nie wieder würde gehen lassen. Nach so vielen Monaten wurde ein Teil seines Schmerzes endlich gelindert und Frodo vermochte es nicht, die Träne der Erleichterung, die ihm dabei über die Wange lief, rechtzeitig wegzublinzeln.
Auch Hanna waren Tränen in die Augen getreten, noch ehe sie die Träne auf Frodos Wangen entdeckt hatte. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt, seinen Schmerz fühlen zu können. Für einen kurzen Moment hatte sie ihn vielleicht sogar verstanden, wie sie ihren eigenen Sohn verstanden hätte, doch dieser Moment war verflogen und sie fühlte sich wieder genauso hilflos, wie zuvor. Alles, was sie wusste, war, dass er ihre Nähe brauchte und diese würde sie ihm geben, wann immer er es zuließ.


61. Kapitel: Bittere Entscheidung

Das Wetter blieb unbeständig und Frodo hatte bald mit den Anfängen einer Erkältung zu kämpfen. Da er jedoch keinerlei Schmerzen verspürte und nur ein gelegentliches Niesen darauf hinwies, dass auch ihm der harte Winter zu schaffen machte, nahm er die aufkommende Krankheit kaum wahr. Er verbrachte die folgenden Tage mit Nelke, die ihn dazu überredete, mit ihr, Marmadoc und Viola, den wenigen Gesundgebliebenen, Karten zu spielen. Frodo war anfangs etwas unsicher, fühlte sich beizeiten unbehaglich, beinahe fehl am Platze, doch mit jeder Runde, die er grübelnd an einem der Wohnzimmertische saß und über seinem Blatt brütete, in der Hoffnung, mit einer ausgeklügelten Taktik auftrumpfen zu können, fühlte er sich wohler. Zwar vermisste er Merry, doch seine Laune besserte sich zusehends und immer häufiger hellte ein Lächeln seine sonst so betrübte Miene auf, ein Lächeln, auf das Nelke meist mit einem ebensolchen antwortete, ganz gleich, ob sie ihn beim Spiel aufzog, oder schweigend ihr eigenes Blatt studierte.
Merry war bereits sechs Tage krank, als Saradoc schließlich das Besuchsverbot aufhob und Frodo ließ es sich nicht nehmen, seinem Vetter als Erster einen Besuch abzustatten. Gleich nach dem Mittagessen war er durch die Gänge des Brandyschlosses zum Zimmer des Jüngeren geeilt, wo er vor der Tür stehen blieb und lauschte. Er erkannte Esmeraldas Stimme, die leise mit ihrem Sohn sprach, als plötzlich ein Besteckstück klimpernd zu Boden fiel. Frodo holte tief Luft und klopfte an der Tür, ehe er vorsichtig den Knauf drehte und zögernd in das Zimmer spähte. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen, ein starker Gegensatz zum warmen Licht des Feuers, das im Kamin an der gegenüberliegenden Seite des Raumes brannte, und ihn sanft willkommen hieß. Merry saß hustend und mit einem angeekelten Gesichtsausdruck auf seinem Bett und hielt eine Teetasse von sich, als wäre deren Inhalt vergiftet. Esmeralda, die auf einem Stuhl neben dem Bett saß, hielt ihm bereits eine andere Tasse hin, die Merry gehorsam trank, um sich dann mit einem Stöhnen, das sowohl erschöpft als auch erleichtert klang, zurückzulehnen und erneut zu husten.
Frodo war versucht, die Türe offen zu lassen, in der Hoffnung, frischere Luft würde ihren Weg in das stickige Zimmer finden, zwang sich aber dazu, sie zu schließen. Esmeralda hatte bestimmt ihre Gründe, die Türe geschlossen zu halten. Frodo ließ seinen Blick auf Merry ruhen, der müde gegen ein aufgeplustertes Kissen lehnte und die Augen geschlossen hielt. Er war blass, die Haare hingen ihm strähnig in die Stirn und das für gewöhnlich gesunde und beinahe pausbäckige Gesicht wirkte mager und eingefallen.
Frodo spürte einen Kloß in seinem Hals und ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. Merry sah nicht halb so gesund aus, wie er gehofft hatte. Im Gegenteil. Er wirkte noch kränklicher als an jenem Abend, an dem Saradoc das Besuchsverbot verhängt hatte und Frodo weggeschickt wurde, gerade in dem Augenblick, als Merry sich zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit erbrochen hatte. Auf Frodo machte sein Vetter im Augenblick keinen merklich besseren Eindruck und er begann sich zu fragen, ob Saradoc sich nicht geirrt hatte, als er ihm erlaubt hatte, Merry zu sehen. Er spielte bereits mit dem Gedanken, das Zimmer wieder zu verlassen, ehe sein Vetter oder Esmeralda seine Anwesenheit bemerkten, doch er entschied sich dagegen. All die Tage hatte er darauf gewartet, dass es Merry besser ging und er seine Zeit wieder mit ihm verbringen konnte, denn auch wenn er das Zusammensein mit Nelke und den anderen schätzte, war ihm Merrys Gesellschaft dennoch um einiges lieber, und nun wollte er nicht gehen, nur weil sein Vetter auf ihn weniger gesund wirkte, als Saradoc glauben mochte.
Merry hustete und verzog dabei schmerzvoll das Gesicht.
"Ein Schal würde bestimmt helfen", meinte Esmeralda, die einen Suppenteller, zwei Tassen und eine Teekanne, ebenso wie zwei Teelöffel und einen Suppenlöffel auf ein Tablett auf dem Nachttisch lud, unwissend, dass Frodo an der Tür stand und sie beobachtete.
Merry stöhnte auf, ohne seine Augen zu öffnen und ließ sich ein wenig tiefer unter seine Decke gleiten.
"Ich trage in der Höhle keinen Schal", ließ er sie sturköpfig, aber mit heiserer Stimme wissen, ehe er zu husten begann.
"Wenn das so ist, ist dir nicht zu helfen", seufzte Esmeralda kopfschüttelnd und küsste ihn auf die Stirn. "Ich hielte es dennoch für besser, würdest du einen anziehen."
Frodo beobachtete sie schweigend, verlagerte dabei aber sein Gewicht unruhig von einem Bein auf das andere. Er fühlte sich unwohl, kam sich vor, als würde er Merry und dessen Mutter heimlich belauschen und einen vertraulichen Augenblick mit seiner Anwesenheit stören. Ein schmerzhafter Stich brachte sein Herz zum Weinen, denn für einen Moment sah er sich selbst auf dem Bett sitzen. Primula war über ihn gebeugt, plusterte das Kissen auf und strich eine verirrte Haarsträhne aus seiner Stirn. Frodo biss sich schmerzhaft auf die Lippen und verdrängte die Erinnerung an die stille Vertrautheit seiner Mutter, die er einst genossen hatte.
Mutter und Sohn hatten noch immer keine Notiz von ihm genommen, als er sich schließlich räusperte, um dezent auf sich aufmerksam zu machen.
Merry blinzelte und sein Gesicht hellte sich mit einem Mal auf, als er den heimlichen Besucher entdeckte. Frodo glaubte, ein wenig Farbe in den blassen Wangen zu erkennen.
"Frodo!" rief er erfreut aus und winkte ihn eifrig zu sich, auch wenn auf den freudigen Ausruf erneutes Husten folgte.
Frodo zögerte einen Augenblick, doch dann glitt ein Lächeln über seine Lippen und jegliches Unbehagen fiel von ihm ab. Als hätte Merrys Ausruf all seine Sorgen vertrieben, huschte er schließlich an das Bett heran, wo ihn Esmeralda lächelnd begrüßte, sich dann aber verabschiedete, das Tablett vom Nachttisch nahm und raschen Schrittes aus dem Zimmer eilte. Überrascht über den plötzlichen Aufbruch sah Frodo ihr stirnrunzelnd hinterher.
"Was machst du hier?", fragte Merry aufgeregt, setzte sich in seinem Bett auf und lehnte sich ein wenig bequemer an dessen Kopfende. "Kann ich dich nicht anstecken?" Die Verwunderung in Merrys Augen machte plötzlich einem wissenden Leuchten Platz und er senkte geheimnisvoll die Stimme. "Oder kommst du her, um dich krank machen zu lassen?" Als wolle er seinen Worten Ausdruck verleihen, hustete er.
Frodo entfernte sich kopfschüttelnd vom Bett, ging zum Schreibtisch und nahm den grünen Wollschal, der dort auf einem Stuhl lag, an sich.
"Ich müsste wahrlich sehr verzweifelt sein, wenn ich mich von dir anstecken lassen wollte", ließ er seinen Vetter wissen. "Saradoc hat das Besuchsverbot aufgehoben", er runzelte die Stirn. "Ich dachte, du wüsstest das."
Merry schüttelte den Kopf, während er widerwillig zuließ, dass Frodos Finger seinen Hals sorgfältig mit dem grünen Wollschal einwickelten.
"Ich hoffe nicht, dass noch eine Ansteckungsgefahr besteht, denn, bei aller Liebe, Merry, ich möchte nicht so aussehen, wie du es gerade tust", fuhr Frodo fort, wobei ein freches Grinsen sein Gesicht zierte.
"Glaub nur nicht, du würdest besser aussehen, nachdem du sechs Tage lang im Bett gelegen hast, nur mit einem feuchten Tuch gewaschen wurdest und dich ständig übergeben musstest", entgegnete der Jüngere mürrisch, konnte sich jedoch ein Lächeln nicht verkneifen.
Während Merry missmutig an seinem Schal zupfte und ihn fragend und mit hochgezogenen Brauen ansah, musste Frodo feststellen, dass die Finger seines Vetters zitterten. Tiefes Mitgefühl erfüllte sein Herz, mischte sich mit der Besorgnis, die er trotz seiner unbekümmerten Worte um seinen Vetter empfand. Sehnlichst wünschte er sich, dass Merry bald ganz gesund war und nahm sich fest vor, seinen Vetter jeden Tag zu besuchen und sich um ihn zu kümmern.
"Deine Mama hat Recht", ließ er den jungen Hobbit schließlich altklug wissen, wodurch er einen vielsagenden Blick erntete, den er mit einem Grinsen zu kontern wusste, "der Schal wird helfen."
Frodo ließ seinen Blick durch das Zimmer gleiten und entdeckte eine Tasse mit Wasser, die auf dem Kamin stand und wohl dazu dienen sollte, die Luft im Raum frischer zu halten, als sie es im Augenblick war. Auf dem langen Bücherregal, in dem sich sowohl Spielzeug, gesammelte Schätze, wie besonders schöne Steine, als auch das eine oder andere Buch wieder fanden, waren drei große Kerzen gestellt worden, die für zusätzliches Licht sorgten. Auf dem Nachttisch stand neben einer leeren Teetasse und einer Kanne, aus deren Nase Dampf aufstieg, eine Schüssel, die in den vergangenen Tagen wohl als Brechschüssel gedient haben musste. Angewidert verzog Frodo das Gesicht und rümpfte die Nase.
"Setz dich zu mir, Frodo, und erzähl mir, was ich in den vergangenen Tagen verpasst habe."
Frodo wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Vetter zu, der einladend mit der Hand auf sein Bett klopfte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Merry etwas weiter an die Wand gerutscht war, sodass Frodo sich bequem neben ihn setzen konnte. Eine Einladung, der er gerne nachkam.
"Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich gelangweilt habe", ließ Merry ihn seufzend wissen, während Frodo in das Bett kletterte und es sich neben ihm gemütlich machte. Dabei lehnte er sich so an das Kopfende, dass Merry den Kopf bequem auf seiner Schulter ruhen lassen konnte, eine Gelegenheit, die sich dieser nicht entgehen ließ.
Frodo wollte zu einem kurzen Bericht ansetzen, zögerte dann aber und schielte zur Brechschüssel. Ihm wurde plötzlich klar, dass der Suppenteller, den Esmeralda hinausgetragen hatte, einmal Brühe beinhaltet hatte. Sorgenvoll zog er die Stirn in Falten.
"Du wirst dich aber nicht übergeben?", fragte er unsicher.
"Natürlich nicht", ließ Merry ihn kopfschüttelnd wissen, "denke ich zumindest."
Frodo langte schon nach der Schüssel, als Merry ihm eine zittrige Hand auf den linken Arm legte.
"Lass sie stehen, Frodo. Ich werde mich nicht übergeben", versicherte er und fügte dann etwas leiser hinzu, "hoffe ich."
Frodo, der seine Hand bereits wieder zurückgezogen hatte, warf Merry einen strafenden Blick zu. "Könntest du dann bitte aufhören, deinen Sätzen Dinge wie, ‚hoffe ich' und ‚denke ich' hinterher zu stellen?"
Merry kicherte, eine Tat, für die er mit einem weiteren Hustenanfall bezahlte.
"Keine Sorge, Frodo, mir geht es gut, wenn man von diesem hartnäckigen Husten und dem Tee, den mir Mama gibt, absieht. Angeblich soll er gegen Übelkeit helfen, bei mir bewirkt er allerdings das Gegenteil." Merry verzog angeekelt das Gesicht.
Frodo lächelte mitfühlend. "Eines ist jedenfalls sicher: wenn du weiterhin soviel Gewicht verlierst, wirst du bald ein Geist sein."
Er lehnte den Kopf an Merrys und auch wenn ihm der Geruch, der vom fettigen Haar seines Vetters ausging, nicht zusagte und ihn die Nase rümpfen ließ, drückte er seinen Vetter sanft an sich. Ihm wurde klar, wie sehr er ihn vermisst hatte und genoss es, Merry wieder bei sich zu haben, während eine tiefe, innere Ruhe von ihm Besitz ergriff, ohne dass er es bemerkte.
"Du hast nicht viel verpasst", erklärte er dann. "Madoc, Minto und Rubinie sind ebenfalls krank und nur noch Marmadoc, Viola, Nelke und ich sind übrig."
"Warum bist du immer dann gesund, wenn alle anderen krank sind?", seufzte Merry.
Frodo lächelte und zuckte mit den Schultern. "Warum müssen alle immer dann gesund bleiben, wenn ich krank werde?"
"Du Ärmster", bemitleidete ihn Merry kichernd. "Ich würde mich sofort von dir anstecken lassen", tat er kund, runzelte dann aber die Stirn, "zumindest, wenn das Wetter schlecht ist und ich nicht Gefahr laufe, etwas Interessantes zu verpassen."
"Herzlichen Dank", entgegnete Frodo spitz, hatte aber Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. "Das ist ausgesprochen großzügig von dir."
Schweigend blickte Frodo in die Flammen der Kerzen auf dem Regal, lauschte dem beruhigenden Knistern des Kaminfeuers und den heiseren Atemgeräuschen seines Vetters. Bei Merry zu sitzen mochte zwar nicht so spannend sein wie ein Kartenspiel, doch er fühlte sich so zufrieden, wie schon lange nicht mehr. Sein Vetter brauchte ihn und es machte ihn glücklich, für ihn da sein zu können.
Merry seufzte leise, lehnte seinen Kopf gemütlicher an Frodos Schulter und rutschte etwas tiefer unter seine Decke. Die Augen waren ihm zugefallen und er schien nicht einmal mehr die Kraft zu finden, die Decke etwas weiter zu seiner Brust zu ziehen, denn schon als seine Finger nach den weichen Daunen griffen, gaben sie den Kampf auf und versuchten gar nicht erst, die ursprüngliche Absicht weiterzuverfolgen.
"Wenn du schlafen willst, kann ich gehen", ließ Frodo ihn leise wissen, übernahm dabei die Aufgabe, zu der Merrys Finger bereits zu müde waren und packte seinen Vetter in die Decke ein.
Merry schüttelte den Kopf. "Nein, bitte bleib."
Frodo lächelte, froh um Merrys Antwort. In Wahrheit wollte er das Zimmer nur ungern wieder verlassen, hatte es seinem Vetter nur aus Höflichkeit angeboten. Vorsichtig nahm er ein Ende des Schals, das Merry nach vorne gerutscht war, in die Hand und legte es seinem Vetter noch einmal um den Hals. Das Feuer im Kamin knisterte, während Frodo fürsorglich über Merrys Wange strich und dessen Kopf immer schwerer auf seinen Schultern ruhte. Frodo war sicher, dass sein Vetter bereits eingeschlafen war, als dieser plötzlich mit heiserer, müder Stimme flüsterte: "Du könntest mir eine Geschichte erzählen."
Ein Lächeln huschte über Frodos Gesicht. Damit hätte er rechnen müssen. Er erinnerte sich daran, wie Pippin dieselbe Bitte geäußert hatte, als er an dessen Krankenbett gesessen war. Wenn es um Geschichten ging, waren sich Merry und Pippin sehr ähnlich und Frodo war froh, das Talent zu besitzen, sich rasch welche auszudenken. So begann er auch jetzt zu erzählen und berichtete von den Abenteuern des Geistes, der einst ein Hobbit war. Merry schlief bereits nach wenigen Worten ein, was Frodo genug Zeit ließ, sich ein Ende auszudenken, das er seinem Vetter bei dessen Erwachen erzählen konnte.
 
~*~*~
 
Prüfend strichen Frodos Finger über die Holzdielen unter seinem Bett. Sowohl den Fußboden, als auch die Wand wollte er inspizieren, in der Hoffnung, doch noch einen geheimen Gang in seinem Zimmer zu entdecken. Überall hatte er schon nachgesehen, doch an diesem Abend, als er über seinem Tagebuch gesessen und seine Gedanken niedergeschrieben hatte, war ihm eine einzige Stelle eingefallen, die er bisher noch nicht untersucht hatte: die Wand und den Fußboden unter seinem Bett.
So hatte Frodo sein Tagebuch geschlossen, hatte sich flach auf den Boden gelegt und war bis zur Wand auf dem staubigen Untergrund entlang gerobbt. Unter seinem Bett war wesentlich weniger Platz, als er vermutet hatte und seine Untersuchung gestaltete sich äußerst schwierig, da er den Kopf nicht hinreichend heben konnte, um zu sehen, wo seine Hände gerade arbeiteen. Noch dazu hatte er kein Licht, denn sein Kerzenhalter war zu hoch, passte nicht unter das Bett und die Gefahr, dass sich etwas entzündete, war zu groß, sodass Frodo ihn auf seinem Nachttisch hatte stehen lassen. Völlig vertieft in seine Untersuchung und in trüber Dunkelheit tauchten plötzlich Bilder von Bilbos Geschichte in seinem Kopf auf. Frodo malte sich aus, wie er mit den Zwergen den geheimen Eingang suchte und stellte sich bereits vor, welche Abenteuer er würde erleben können, hatte er ihn einmal gefunden. Frodo, der große Drachenjäger und Abenteurer aus dem Auenland würde die dunklen Gänge des Brandyschlosses erkunden und das sollte erst der Anfang sein. Hatte er diese einmal durchleuchtet, würde er in die Welt hinausziehen und dort weitere, größere Abenteuer erleben als je ein Hobbit vor ihm. Selbst Bilbos Abenteuer würde klein erscheinen, im Vergleich zu dem, was er erleben sollte und Frodo stellte sich vor, sein Name und seine Erlebnisse wären Auslöser unzähliger Kinderträume. Großväter würden am Feuer sitzen und ihren Enkeln Geschichten von wagemutigen Wanderern erzählen und sein Name würde fallen und Kinderaugen zum Leuchten bringen.
"Frodo?"
Er konnte bereits hören, wie sein Name geflüstert wurde, erst nur ganz leise, doch dann lauter und mit mehr Bestimmtheit, die heimliche Frage der Stimme entwichen. Ein schmerzvolles Zischen entwich Frodos Lippen, als er Saradocs Stimme erkannte, hoch schreckte und sich den Kopf stieß. Eine Hand an seinen Hinterkopf haltend, kroch der junge Hobbit unter seinem Bett hervor und blickte überrascht nach oben. Saradoc stand vor ihm, die Stirn fragend in Falten gelegt, und blickte verwirrt auf ihn herab.
"Was machst du da unten?", wollte der Herr von Bockland wissen.
"Nichts", entgegnete Frodo rasch, unwillig, Saradoc von seinen heimlichen Träumen eines geheimen Ganges und großer Abenteuer in fremden Ländern zu berichten. Der Herr von Bockland würde bestimmt darüber lachen, wie er auch schon darüber gelacht hatte, als er mit Merry das Mauseloch in der Speisekammer zum Eingang einer Drachenhöhle hatte werden lassen. Während er sich weiterhin den Hinterkopf rieb und ihn auf mögliche Beulen prüfte, stand Frodo schließlich auf und klopfte sich mit der anderen Hand den Staub von Hemd und Hose.
Saradoc zog eine Augenbraue hoch. "Auf mich machte das einen anderen Eindruck."
Frodo zuckte mit den Schultern und sah den Herrn von Bockland ein wenig argwöhnisch an. Was machte er hier? Saradoc kam selten in sein Zimmer, erst recht nicht ohne Aufforderung. Hatte er sich vielleicht doch geirrt was das Besuchsverbot bei Merry anbelangte und wollte ihm nun offenbaren, dass auch er in den nächsten Tagen damit rechnen musste, krank zu werden? Frodo erschauderte innerlich bei dem Gedanken daran. Es genügte ihm vollkommen, das Brandyschloss wegen des vielen Schnees nur selten verlassen zu können, er musste nicht auch noch an sein Bett gefesselt sein. Etwas verriet ihm allerdings, dass Saradoc nicht deswegen in sein Zimmer gekommen war. Ernstere Angelegenheiten schienen den Herrn von Bockland zu ihm zu führen. Etwas bereitete ihm Kopfzerbrechen und er, Frodo, spielte dabei eine Rolle. Ein unruhiges Gefühl beschlich ihn und Frodo konnte spüren, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Hatte Bilbo etwa Saradoc geschrieben und ihn gebeten, mit ihm zu sprechen? Konnte es sein, dass der alte Hobbit die Veränderung in seinen Briefen gespürt und Saradoc nun angewiesen hatte, ihn darauf anzusprechen, ihn auszufragen? Der Gedanke alleine brachte seinen Atem zum Stocken, denn Frodo wusste, er würde seine Verzweiflung über Bilbos Zurückweisung nicht verbergen können, sollte sie angesprochen werden. Doch noch wollte er nicht verzweifeln und so schluckte er seine Bedenken, ohne den Blick von Saradoc zu nehmen, versuchte Haltung zu bewahren und wartete ab.
Auch wenn Frodo es sich nicht anmerken ließ, fiel Saradoc die Anspannung im Körper des Kindes auf und er seufzte innerlich. Hatte Frodo wirklich so wenig Vertrauen zu ihm, dass er sich verschloss, wenn er nur dessen Zimmer betrat, oder gab es etwas, dass Frodo vor ihm verbergen wollte, von dem er fürchtete, er könne es erraten, wenn er ihn nur lange genug alleine beobachtete? Saradoc wusste es nicht und auch wenn ihm dieses Verhalten bei Frodo schon mehrere Male aufgefallen war, ließ er sich heute nicht davon ablenken. Es gab wichtigere Dinge zu besprechen und er hatte darauf zu hoffen, dass Frodo den Grund für seine Pläne einsah und sich einverstanden erklärte, ihnen zu folgen. Mit einer Handbewegung wies er den jungen Hobbit an, sich auf das Bett zu setzen, während er selbst auf dem niederen Stuhl des Schreibtisches Platz nahm. Frodo leistete der Anweisung wortlos Folge, doch beäugte er ihn weiterhin kritisch und blieb ebenso angespannt, wie zuvor.
"Ich habe vor kurzem einen Brief erhalten", begann Saradoc sachlich, doch seine Worte ließen Frodo das Blut in den Adern gefrieren.
Er hatte also richtig vermutet. Bilbo hatte Saradoc geschrieben und nun würde das Unvermeidliche folgen: ein Gespräch, schwerer und länger als jedes andere, das er jemals mit dem Herrn von Bockland geführt hatte. Von plötzlicher Furcht ergriffen, ballten sich seine Hände zu Fäusten und sein Herzschlag beschleunigte sich, während Frodo bereits fieberhaft überlegte, wie er die Fragen, die nun zweifelsohne folgen mussten, umgehen konnte. Aber noch ehe er in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, fuhr der Herr von Bockland fort und sein sachlicher Tonfall brach die kurze Stille, die den Raum für einen Augenblick ausgefüllt hatte.
"Dein Vetter Milo hat geschrieben, er wolle wieder in das Brandyschloss zurückkehren."
Frodo hatte nicht gewusst, dass er den Atem angehalten hatte, bis er mit einem gerade noch unterdrückten Seufzen aus seinen Lungen entwich. Ein unsagbar schweres Gewicht schien von seinem Herzen genommen und Frodo konnte die Erleichterung, die er empfand, kaum verbergen. Milo war nicht Bilbo und auf einen Brief von Milo würde auch keine unliebsame Unterhaltung folgen.
"Tatsächlich?", stellte Frodo verwundert fest, unfähig, seine Überraschung darüber, dass Saradoc ausgerechnet ihm davon berichtete, zu unterdrücken. "Das ist schön."
Auch wenn man es seiner Stimme kaum anmerken konnte, freute sich Frodo über Milos Rückkehr. Als er noch klein war, hatte Milo oft auf ihn Acht gegeben, so wie er jetzt manchmal auf Merimas aufpasste und Frodo erinnerte sich, dass er damals ständig an der Seite seines Vetters gewesen war und jedes Wort, das seine Lippen verlassen hatte, geglaubt hatte. Doch als er älter geworden und Milo eines Tages aufgrund seiner Lehre als Tischler mit seinem Vater nach Hobbingen gegangen war, um dort sein Können unter Beweis zu stellen, ging die Bindung zwischen Frodo und seinem Vetter verloren. Milo hatte bei seinem Aufenthalt im Westviertel Päonie Beutlin kennen gelernt und die beiden besuchten sich für viele Jahre regelmäßig, bis sie vor drei Jahren geheiratet hatten und Milo mit seiner Gattin nach Hobbingen gezogen war.
Saradoc stutzte ein wenig ob Frodos Verhalten. War es ihm nur so vorgekommen, oder hatte der Junge tatsächlich einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen wollen? Er fragte sich, ob Frodo geglaubt hatte, er wäre gekommen, um ihn zu bestrafen, doch wofür Saradoc ihn hätte tadeln sollen, wusste dieser nicht. Ihm war keine Missetat des jungen Hobbits bekannt, doch möglicherweise hoffte Frodo tatsächlich, etwas vor ihm verbergen zu können, und so, wie der Junge auf seine Worte reagiert hatte, konnte er nur vermuten, dass Frodos Missetat weit über die gewöhnlichen Streiche junger Hobbits, denen mit wenigen Worten des Tadels genüge getan war, hinaus ging. Saradoc verdrängte den Gedanken für den Augenblick, beschloss aber, Frodo im Auge zu behalten, auch wenn er nicht ganz glauben wollte, dass dies wirklich der Grund für Frodos Anspannung war.
Im schwachen Licht der Kerze konnte Saradoc die Überraschung über seine Aussage in Frodos Augen erkennen und lächelte. "Milo scheint wohl doch mehr an seinem Zuhause zu liegen als wir alle gedacht haben. Päonie erwartet ihr erstes Kind und da die beiden in Hobbingen bei Päonies Eltern gelebt und keine eigene Höhle gefunden haben, haben sie beschlossen, das Kleine im Brandyschloss unter den Augen und guten Ratschlägen vieler großzuziehen."
"Ob das eine gute Ideen war?", stellte Frodo mit einem Kichern fest, als wisse er genau, wovon er sprach und Saradoc konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Dann legte der junge Hobbit jedoch die Stirn in Falten und seine Augen nahmen wieder den argwöhnischen Ausdruck an, den Saradoc schon zuvor bemerkt hatte. "Doch was hat das alles mit mir zu tun?"
Mit einem Mal erlosch Saradocs Lächeln. Den leichten Teil dieses Gesprächs hatte er nun hinter sich gelassen und es galt, Frodo die Notwendigkeit seiner Pläne verständlich zu machen.
"Um dir das zu erklären, bin ich hier. Doch ich möchte dich bitten, Frodo, dass du mir zuhörst, ehe du mich unterbrichst."
Frodo konnte spüren, wie sich sein Magen verkrampfte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich noch. Saradocs Worte ließen auf nichts Gutes hoffen und der Ausdruck im Gesicht des Herrn ließ Frodo einen kalten Schauer der Sorge über den Rücken laufen. So hatte Saradoc noch nie mit ihm gesprochen und das beunruhigte Frodo mehr, als ihm lieb war und für einen Augenblick wünschte er sich, trotz seiner Neugier, er hätte seine letzte Frage nicht gestellt.
Sein Blick ruhte auf Saradoc, dessen Augen ihn im Licht der Kerze ernst und eingehend musterten. Frodo fühlte sich unbehaglich, verspürte den Drang aufzuspringen und die Spannung, die sich so plötzlich über ihn und den Herrn von Bockland gelegt hatte, zu brechen, doch er besann sich, schluckte den Knoten in seinem Hals und nickte schließlich zögernd, gespannt darauf wartend, was Saradoc ihm wohl sagen würde.
Saradoc nickte ebenfalls, ehe er mit seiner Erklärung begann. "Wie du bestimmt weißt, sind im Augenblick so gut wie all unsere Zimmer belegt, da wir mehr oder weniger das ganze Jahr über Gäste zu Besuch haben. Für Milo und Päonie habe ich lange keinen geeigneten Platz gefunden, doch dann fiel mir die Lösung förmlich vor die Füße. Mimosa Braunlock, die bisher in einem geräumigen Zimmer mit ihrem Gatten Togo gelebt hat, hat mir erklärt, dass sie diesen Raum, jetzt da Togo von ihr gegangen ist, nicht mehr benötigte und dass sie das Zimmer gerne Milo und Päonie zur Verfügung stellen will. Das Problem, dass sich mir dadurch auftat, war jenes, dass ich nicht wusste, wo Mimosa hausen sollte, doch auch für dieses habe ich, so denke ich, eine geeignete Lösung gefunden."
Frodo hörte schweigend zu, doch nur langsam wurde ihm klar, worauf Saradoc hinaus wollte. Seine Finger gruben sich in die Bettdecke und sein Herzschlag beschleunigte sich, während er angespannt darauf wartete, dass Merrys Vater, der zu einer kurzen Pause angesetzt hatte, weiter sprach. Der Herr von Bockland würde das bestimmt nicht von ihm verlangen. Dies war sein Zimmer, sein Leben. Alles, was ihm lieb und teuer war, befand sich innerhalb dieser vier Wände, ganz gleich ob es sich dabei um kleine Kostbarkeiten oder Erinnerungen handelte. Diese vier Wände, könnten sie sprechen, wüssten mehr über ihn zu berichten, als alle Bewohner des Brandyschlosses gemeinsam. Saradoc konnte nicht von ihm verlangen, das Zimmer aufzugeben und das würde er auch nicht tun. Der Herr von Bockland besaß Vernunft genug, zu wissen, was ihm dieser Raum bedeutete.
Der Gedanke beruhigte Frodo, doch sein Unbehagen wollte sich mit einer Vermutung allein nicht zufrieden geben und schlich sich durch jede Faser seines Körpers.
"Ich würde dich gerne darum bitten, dein Zimmer in Zukunft mit Merry zu teilen, sodass Mimosa hier ein kleines, neues Zuhause für sich findet."
Noch ehe Frodo wusste, was er tat, war er aufgesprungen und blickte mit funkelnden Augen auf den Herrn von Bockland hinab. Seine Erbitterung brach aus ihm hervor wie das Feuer aus dem Schlund eines Drachen und die Empörung über Saradocs Bitte brachte das Blut in seinen Adern zum Kochen, wandelte sich schließlich in Zorn um.
"Was?!" schrie er aufgebracht, unfähig, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.
Nie hätte er Saradoc zugetraut, eine solche Frage zu stellen. Ahnte er denn nicht, wie wichtig dieser Raum für ihn war? Sah er denn nicht, wie sehr er an diesem Zimmer hing? Woher nahm sich Saradoc überhaupt das Recht, so etwas von ihm zu verlangen. Dies war sein Zimmer, war es schon immer gewesen und würde es auch immer bleiben. Saradoc konnte es ihm nicht nehmen, durfte es nicht!
Frodo keuchte, als sich Furcht mit seinem Zorn vermischte. Saradoc war der Herr von Bockland, er konnte ihn aus seinem Zimmer vertreiben, doch Frodo würde das nicht erlauben. Sein Zimmer, sein Zuhause würde er niemals einem anderen überlassen. Niemals!
"Setz dich, Frodo!" verlangte Saradoc, und auch wenn seine Stimme ruhig war, ließ sein Tonfall ein Nein nicht als Antwort gelten.
Verständnislos ließ Frodo seinen zornigen Blick auf dem Herrn von Bockland ruhen, sah ihm tief in die Augen, senkte dann aber den Kopf, als Saradoc seinem Blick standhielt und die Flamme der Kerze sich gefährlich funkelnd darin spiegelte. Ohne Widerworte ließ er sich schließlich auf sein Bett fallen und starrte zu Boden. Seine Hände zitterten, so krampfhaft ballte er sie zu Fäusten. Er musste es verhindern, irgendwie musste er verhindern, dass Saradoc ihn aus seinem Zimmer vertrieb, doch wie?
"Du hast keinen Grund aufbrausend zu reagieren", ließ Saradoc ihn ruhig wissen. "Ich habe dich lediglich darum gebeten. Noch ist nichts entschieden."
"Aber im Grunde steht es bereits fest", tat Frodo mit zittriger Stimme kund. "Habe ich nicht Recht?"
Saradoc seufzte. Dies gestaltete sich wesentlich schwieriger, als er erhofft hatte. "Ich wäre froh, wenn du einwilligen würdest."
Er konnte Frodos Unwillen verstehen, schließlich hatte der Junge fast sein ganzes Leben in diesem Zimmer verbracht. Allerdings hatte er auch gehofft, Frodo würde seine Gründe einsehen, doch offensichtlich hatte er sich darin getäuscht. Frodo liebte sein Zimmer, dessen war Saradoc sich bewusst, doch er wusste auch, wie oft Merry oder Frodo sich heimlich in das Zimmer des anderen geschlichen hatten und verstand deshalb nicht, dass Frodo auch auf den Vorschlag, sein Zimmer nun mit Merry zu teilen, so heftig reagierte.
Verzweiflung drohte ihn zu übermannen. Frodo erinnerte sich an ein längst vergangenes Gespräch, dass er mit Saradoc geführt hatte. Es war Abend gewesen, als er mit Merry in das Arbeitszimmer des Herrn gegangen war, wo er Saradoc an seinem Schreibtisch sitzend angetroffen hatte. Auch damals war es um ein Zimmer gegangen, doch nicht um sein eigenes. Zu der Zeit hatte er darum gebeten, das Zimmer seiner Eltern zu erhalten und Saradoc hatte ihm diesen Wunsch verwehrt. Frodo war sich beinahe sicher, dass Saradoc ihm auch dieses Mal nicht seinen Willen lassen würde, bis ihm plötzlich ein Gedanke kam.
"Was ist mit Krickloch?", fragte er und hob den Kopf, Hoffnung in seinen blauen Augen. "Milo könnte dort einziehen. Das Haus ist im Augenblick nicht bewohnt und bietet genug Platz für eine Familie. Ich könnte mein Zimmer behalten."
Zu Frodos bitterer Enttäuschung schüttelte Saradoc den Kopf. "Milo und Päonie möchten bei der Familie sein und diese Nähe ist in Krickloch nicht gegeben."
"Was ist mit Mimosa?", wollte Frodo wissen und klammerte sich dabei verzweifelt an seinen letzten Hoffnungsschimmer.
Ein gequältes Lächeln glitt über Saradocs Lippen. "Was soll Mimosa denn alleine in einem so großen Haus? Ihr würde die Decke auf den Kopf fallen. Außerdem, wer sollte dann unser Essen zubereiten?"
Frodos Augen funkelten und er konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht laut auszurufen und erneut aufzuspringen. Stattdessen öffnete er nur den Mund, für den Moment unfähig, ein verständliches Wort zu gebrauchen. Erst jetzt wurde ihm klar, wer Mimosa Braunlock war. Er und alle anderen Kinder im Brandyschloss kannten sie unter einem anderen Namen. Die Küchen-Mimi wurde sie genannt, denn ihre Tätigkeit beschränkte sich auf die Arbeit in der Brandyschlosser Großküche.
"Die Küchen-Mimi", stellte er spöttisch fest, sprang schließlich doch auf und funkelte Saradoc zornig an. "Ihr willst du mein Zimmer geben? Du gehst auf die Wünsche der Küchen-Mimi, einer Fremden, ein, während du meine nicht beachtest?"
Frodos Worte und die Art, wie der junge Hobbit ihn ansah, ließen Saradoc beinahe die Geduld verlieren. Das Funkeln in Frodos Augen zeugte von Aufsässigkeit und genau das war es, was Saradoc noch nie ertragen hatte und im Augenblick auch nicht gebrauchen konnte. Dennoch behielt er seine Ruhe, auch wenn er den Blick streng auf Frodo gerichtet hielt.
"Setz dich!" verlangte er, wie auch schon zuvor, doch seine Stimme war angespannter. Als Frodo seinen Worten keine Folge leistete, wiederholte er die Aufforderung strenger und lauter, aber auch das schien den jungen Hobbit nicht einzuschüchtern.
"Weshalb sollte ich mich setzen?", fragte er zornig und seine Augen blitzten auf.
Saradocs Augen funkelten gefährlich und für einen Augenblick war Frodo versucht nachzugeben. Die Flamme der Kerze auf seinem Nachttisch flackerte, als würde sie die Spannung spüren, die den Raum erfüllte. Frodos Finger gruben sich tief in seine Handflächen. Dieses Mal würde er die Spannung nicht brechen. Dieses Mal würde er Saradocs Blick standhalten und nicht aufgeben. Dies war sein Zimmer und er würde es nicht kampflos aufgeben.
"Es unterhält sich wesentlich besser, wenn du dich hinsetzt", ließ Saradoc ihn wissen und in seinen Augen konnte Frodo erkennen, dass die Ruhe, die noch in seiner Stimme lag, schon lange ihre Grenzen erreicht hatte.
Obschon es ihn seinen ganzen Mut kostete, diese Worte auszusprechen, spie Frodo dem Herrn förmlich entgegen, dass er ihm ohnehin nicht zuhörte. Nein, Saradoc hörte nicht zu. Er hatte ihm noch nie zugehört. Saradoc verstand ihn nicht, würde ihn nie verstehen.
"Ich höre dir zu", ließ Saradoc ihn wissen und stand auf, auf dass Frodo nicht länger auf ihn herabblicken konnte, als würde er ein Kind zurechtweisen. Frodo war es, der das Kind war und Saradoc musste dafür sorgen, dass der Junge wieder wusste, wo seine Grenzen lagen, denn diese hatte er bereits überschritten. "Du bist es, der mir nicht zuhört, Frodo, und jetzt setz dich!"
Seine letzten Worte waren nicht nur ein Befehl gewesen, denn Saradoc hatte ihnen Taten folgen lassen, hatte beide Hände auf Frodos Schultern gelegt und den Jungen so zurück auf das Bett gedrückt. Er selbst blieb stehen, auf dass Frodo nicht noch einmal auf die Idee kam, seine Autorität zu untergraben. Innerlich seufzte er jedoch. Er hatte nicht geglaubt, dass es so schwierig werden würde. Er würde Frodo seinen Wunsch gewähren, wüsste er eine andere Lösung, doch er hatte sich nun schon mehrere Tage den Kopf darüber zerbrochen und keine gefunden. Seine Gesichtszüge wurden sanfter, als er auf Frodo hinab blickte, der mit Augen voller Traurigkeit und Zorn zu ihm aufsah. Er mochte ein Sturkopf sein, doch er hatte begriffen, dass er seine Grenzen überschritten hatte und schien nun wieder gewillt ihm zuzuhören.
"Ich habe gesagt, dass noch nichts entschieden ist und so ist es auch. Ich habe weder deine Wünsche nicht beachtet, noch die von Mimosa in den Vordergrund gestellt. Ich habe dich nur darum gebeten, dein Zimmer aufzugeben und hoffte, die Idee mit Merry zusammenzuziehen, würde dir gefallen. Offensichtlich ist dem nicht so. Ich hatte vor, sein Zimmer neu einzurichten, um es euch beiden gemütlich zu machen. Ich weiß, du hängst sehr an diesem Raum, da du hier gelebt hast, seit du mit sechs Jahren dein eigenes Zimmer bekommen hast und genau deshalb habe ich dich gefragt und deinen Auszug nicht einfach beschlossen. Natürlich wäre es für mich einfacher, wenn du einwilligen würdest, doch ich verstehe auch, wenn du dies nicht tust. Dennoch hoffe ich, dass du deine Worte noch einmal überdenkst, denn du weißt, dass ich nicht weiß, wie ich die Zimmer sonst einteilen sollte. Eines will ich dir aber noch sagen. Du solltest nicht über andere spotten, Frodo, nur weil du sie nicht kennst. Mimosa mag zwar nicht mit den Brandybocks verwandt sein, doch ist sie keine schlechte Person. Auch die Tatsache, dass sie in der Küche arbeitet, ändert daran nichts. Deine Tanten Asphodel und Berylla sind ebenfalls dort tätig. Du willst nicht, dass über dich gespottet wird, also spotte nicht über andere. Dazu hast du nicht das Recht."
Frodo war von Saradocs Tat überrascht gewesen und für einen Augenblick bekam er es mit der Angst zu tun. Er war zu weit gegangen, das ließ ihn Saradoc nun deutlich spüren. Doch was sollte er sonst tun, wenn er sein Zimmer nicht verlieren wollte? Er senkte den Kopf und auch wenn er nicht auf Saradocs Worte reagierte, hatte er jedes einzelne davon in sich aufgenommen. Noch während Saradoc sprach, schwand Frodos Zorn und ließ ihn leer zurück. Er wagte es nicht, dem Herrn noch einmal in die Augen zu sehen, auch nicht, als sie sich schweigend gegenüber saßen, denn Saradoc hatte wieder auf dem Stuhl Platz genommen und musterte ihn eingehend.
"Das letzte Wort liegt bei dir", ließ Saradoc ihn schließlich wissen und als Frodo auch darauf nichts erwiderte, wünschte ihm Merrys Vater eine gute Nacht und verließ das Zimmer.
In der Hoffnung, dieses Gespräch nun in gesitteterem Tonfall weiterführen zu können, auch wenn er insgeheim wusste, dass Frodo nichts mehr sagen würde, setzte sich Saradoc zurück auf den Stuhl. Der junge Hobbit hielt den Blick gesenkt, unwillig, ihn noch einmal anzusehen und so gab Saradoc es schließlich auf. Frodo würde über seine Worte nachdenken, dessen war er gewiss, und das genügte ihm, auch wenn es ihn schmerzte, sich vorzustellen, was der junge Hobbit nun fühlen musste. Doch er hatte ihm die Entscheidung überlassen und sollte Frodo bei seiner Meinung bleiben, so würde er diese akzeptieren und gezwungenermaßen nach anderen Lösungen suchen. Saradoc verharrte noch einen Moment länger unter dem dichten Mantel des Schweigens, der sich um sie gelegt hatte, ehe er erneut das Wort ergriff, um sich von Frodo zu verabschieden.
Frodo blieb alleine zurück, verlassen und zitternd vor Verzweiflung. Saradoc hatte Recht, er liebte sein Zimmer, wie kein anderes im Brandyschloss und er wollte es nicht aufgeben, doch was blieb ihm anderes übrig? Mit seinen Worten hatte ihm Saradoc klar gemacht, dass es im Augenblick keinen anderen Weg gab und doch überließ er ihm die scheinbare Entscheidung.

‚Nimm mir nicht auch noch mein Zimmer', bat er im Stillen. ‚Es ist alles, was mir blieb.'
Sollte er ausziehen müssen, was blieb ihm dann noch? Er hatte seine Eltern verloren, seine Großmutter hatte ihn verlassen und Bilbo hatte sich von ihm abgewandt. Woran sollte er sich klammern, wenn ihm der einzige Ort genommen wurde, an dem er sich noch Zuhause fühlte?
Langsam, beinahe zögernd hob Frodo schließlich den Kopf, griff nach dem Bild seiner Eltern und blickte lange auf die dunklen Kohlestriche, die den Gestalten Leben einhauchten. Ihr Rat war es, den er jetzt brauchte, doch wie schon viele Jahre lang, würde er auch dieses Mal ohne die lieben Worte seiner Mutter oder die weisen Antworten seines Vaters auskommen müssen. Ein leises Seufzen entwich Frodos Lippen, als er spürte, wie die Verzweiflung, die er schon viele Wochen zu bekämpfen suchte, erneut drohte, ihn zu übermannen. Doch er ließ es nicht zu. Stattdessen klammerte er sich an Saradocs letzte Aussage - "Das letzte Wort liegt bei dir." - und traf im Stillen eine Entscheidung, auch wenn er wusste, dass es ihm Kummer bereiten würde, ganz gleich, wozu er sich entschloss.
Seit dem Tod seiner Eltern hatte er sich gewünscht, Saradocs Anerkennung zu erlangen, hatte versucht, ihn glücklich zu machen, doch der erhoffte Erfolg war ausgeblieben. Er hatte bald erkennen müssen, dass Merry bei weitem mehr Anerkennung erhielt, als er selbst. Es hatte ihn geschmerzt, diese Erkenntnis zu gewinnen, doch mit der Zeit hatte er sich damit abgefunden. Merry war Saradocs Sohn, er dagegen war nur ein Junge, dessen Saradoc sich freundlicherweise angenommen hatte. Er sollte Saradocs Güte dankbar sein, anstatt auf sein Lob zu gieren. Und doch war es ihm bei allem was er tat nie gelungen, nicht zumindest auf ein wenig Bestätigung zu hoffen. Nun bot sich ihm die Möglichkeit, Saradocs Anerkennung zu gewinnen, war nur eine einzige Antwort entfernt, und er konnte sie nicht ergreifen.
Saradoc brauchte dieses Zimmer und er wäre bestimmt stolz auf ihn, würde er es ihm zur Verfügung stellen, wie die Küchen-Mimi ihm ihr Zimmer überlassen hatte. Doch Frodo konnte das nicht. An allen vier Wänden, an der Decke, am Fußboden und an allen Einrichtungsgegenständen hingen Erinnerungen. Viele davon waren nicht mehr klar, doch behielten sie ihren Wert und machten das Zimmer zu dem, was es war. Es aufzugeben würde bedeuten, ein weiteres Stück seiner selbst zurückzulassen und dazu war Frodo nicht bereit. So sehr es ihn auch schmerzte, er musste Saradocs Wunsch ablehnen und auf die Annerkennung, die ihm möglicherweise zugekommen wäre, verzichten. 




62. Kapitel: Getroffene Entschlüsse

Frodo saß im Schneidersitz am Fußende von Merrys Bett und knabberte an einem Keks. Der Duft von Kamille lag in der Luft und das Feuer im Kamin knisterte leise, als die Flammen einen noch frischen Holzscheit züngelnd umringten. Verträumt beobachtete Frodo das Schauspiel, während sich flackernde Schatten über sein Gesicht legten und an den Wänden des Zimmers emporragten. Er hatte sich bereits am vergangenen Abend entschieden, würde jedoch erst nach dem Abendessen dazu kommen, dem Herrn von Bockland seine Entscheidung, sein Zimmer betreffend, mitzuteilen, da Saradoc bereits früh am Morgen nach Steingrube, einer Ortschaft im Süden Bocklands, geritten war. Von Merry hatte er erfahren, dass die Einwohner besorgt waren, da viele, die in der Nähe des Hohen Hags lebten, glaubten, die Bäume im Alten Wald wären an diesen trüben Wintertagen besonders rege und Saradoc hatte dieser Sache nachzugehen. Merry hatte darüber gelacht, war der Ansicht, die Hobbits würden Gespenster sehen, doch Frodo war sich dabei nicht so sicher. Merry mochte vielleicht die Geschichten um den Alten Wald kennen, hatte den Hohen Hag, der dessen Grenze bildete, jedoch niemals überschritten. So unwahrscheinlich die Erzählungen um den Wald und die Bäume alle klingen mochten, zu einem gewissen Teil glaubte jeder daran und seit Frodo sich einmal selbst in die unheimlichen Täler jenseits des Hags verirrt hatte, war er bereit, sie noch weniger in Frage zu stellen. Was immer die Bewohner von Steingrube gesehen haben mochten, sie hatten bestimmt ihre Gründe, den Herrn zu sich zu rufen.
Frodo war dies nur Recht. Je länger Saradoc fort war, desto später würde er die Enttäuschung in seinen Augen sehen. Er hatte seine Worte überdacht, war jedoch bei seiner Entscheidung geblieben. Sein Zimmer konnte er nicht verlassen und würde es auch nicht tun, erst recht nicht, damit die Küchen-Mimi dort einziehen konnte.
Frodo blinzelte, blickte in Merrys Augen, die ihn neugierig musterten. Dem jungen Hobbit ging es heute wesentlich besser als noch am Vortag und auch wenn sein Husten geblieben und er noch immer zu schwach zum Aufstehen war, hatten seine Wangen ein wenig Farbe angenommen. Merry lehnte, wie schon am vergangenen Nachmittag, am Kopfende seines Bettes und nippte an einer dampfenden Tasse Kamillentee. Den grünen Schal, welchen Frodo ihm am vergangen Tag angelegt hatte, trug er noch immer, offensichtlich überzeugt von dessen Wirkung.
"Woran denkst du?", fragte der junge Hobbit schließlich, wobei er vorsichtig in seinen Tee pustete.
Frodo zuckte mit den Schultern. Zwar war er sich sicher, dass Saradoc Merry nichts von seinen Plänen erzählt hatte, doch wie er dazu kam, ausgerechnet über die Küchen-Mimi nachzudenken, wollte er dennoch nicht erklären. Es würde Merry verletzen und das wollte er seinem Vetter nicht antun. Nichtsdestotrotz musste er sich eingestehen, dass er förmlich darauf brannte, mehr über Mimosa zu erfahren. Wer war die Frau, die ihr Zimmer so bereitwillig an andere weiterreichte, obschon sie es mit ihrem geliebten Gatten geteilt hatte, bis der Tod sie trennte? Weshalb war sie gewillt, die Erinnerungen an ihren Mann aufzugeben? Hatte sie Togo Braunlock am Ende gar nicht geliebt?
Merry konnte bestimmt einiges über die alte Frau in der Küche erzählen, war er schließlich Sohn des Herrn und wusste oft von Dingen zu berichten, von denen Frodo nicht einmal gehört hatte. Frodo nahm einen weiteren Bissen seines Kekses, blickte ins Feuer und grübelte über seine ungestellten Fragen.
Merry runzelte die Stirn, zuckte dann jedoch ebenfalls mit den Schultern. Er konnte sehen, dass Frodo etwas auf dem Herzen hatte, doch wenn dieser nicht darüber sprechen wollte, konnte er ihn nicht dazu zwingen. Über den Rand seiner Tasse blickte er zu seinem Vetter, unterdrückte den aufkommenden Hustenreiz und versagte.
Auch wenn sie einen Großteil des Nachmittages schweigend verbrachten, genoss Merry die Nähe seines Vetters und war gewillt zu warten, sollte Frodo seine Entscheidung doch noch überdenken und kundtun, was ihn beschäftigte.
Zu seiner Freude entwich nur Augenblicke später ein leises Seufzen Frodos Kehle. Sein Vetter blickte zögernd in seine Augen, als hoffe er, dort erkennen zu können, ob er die folgenden Worte wirklich aussprechen sollte. Merry lächelte ihm aufmunternd zu und Frodo schüttelte den Kopf, erwiderte das Lächeln schließlich.
"Was weißt du über Mimosa Braunlock, die Küchen-Mimi?"
Merry runzelte verdutzt die Stirn. "Die Küchen-Mimi? Wie kommst du denn ausgerechnet auf sie?"
Wieder zuckte Frodo mit den Schultern. Er hatte geahnt, dass Merry diese Frage stellen würde, und da sie unumgänglich war, versuchte er, so ahnungslos wie möglich auszusehen.
Merry sah ihn einen Augenblick stirnrunzelnd über den Rand seiner Tasse hinweg an, schien dann aber auf eine Antwort Frodos zu verzichten und nahm stattdessen einen weiteren Schluck der dampfenden Flüssigkeit.
"Ich wusste nichts über sie", gestand Merry und Frodo runzelte fragend die Stirn.
Merry grinste. "Ich würde noch immer nichts über sie wissen, wäre ich vor etwa einem Monat nicht in Papas Arbeitszimmer gewesen, als ihm die Nachricht von Togos Tod überbracht wurde. Togo war zwar schon weit über achtzig, doch sein Tod kam überraschend und Papa war sehr betrübt. Ich wollte ihn trösten, doch da ich Togo kaum kannte, habe ich Papa gebeten, mir etwas über ihn zu erzählen."
Frodo staunte. Er wusste um Merrys Neugier, doch dass ihm das Glück so hold war und Merry sich erst vor kurzem ausgerechnet über die Person informiert hatte, über die er nun mehr zu wissen begehrte, hätte er nicht gedacht. Den Keks in seiner Hand vergessend sah er auf seinen Vetter, wartete gespannt bis dieser seinen Bericht über die Braunlocks begann.
Merry grinste zufrieden, ob der Erwartung in Frodos Augen. Für einen Moment war er versucht, die Geduld seines Vetters etwas auf die Probe zu stellen, entschied sich dann aber dagegen, schlürfte seinen Tee und erzählte.
Mimosa und Togo gehörten nicht zur Familie, waren nicht einmal entfernt mit den Brandybocks verwandt. Togo aber war ein guter Freund von Frodos Onkel Dodinas gewesen und ein Meister im Anbau von Getreide. Togo war es, der über das Tun auf den Feldern östlich des Brandyweins bestimmte und mit fleißigen Helfern schon viele Jahre für eine gute Ernte sorgte, auch wenn Bestellung und Ernte eigentlich Aufgabe des Herrn waren. Saradoc und auch Gorbadoc hatten sich jedoch gerne von Togo beraten lassen, denn dieser verstand zwar nichts von Handel und Geschäften, wusste jedoch umso mehr über Erde, Korn und deren Zustand. Als Dank für seine Unterstützung hatte Togo vor vielen Jahren ein geräumiges Zimmer im Brandyschloss erhalten, das er seither zusammen mit Mimosa bewohnt hatte. Mimosa wurde in der Küche eingestellt, wo sie zur rechten Hand Asphodels und Beryllas geworden war und nicht nur selbst kochte, sondern auch gemeinsam mit den Frauen das Tun in der Küche überwachte. Das Leben hatte es Mimosa jedoch nicht leicht gemacht. Sie konnte keine Kinder bekommen, auch wenn sich das Paar nichts mehr gewünscht hatte, und mit dem Tod Togos war eine Welt für sie zusammengebrochen.
Merry verstummte und Frodo fand sich außerstande etwas anderes zu tun, als seinen Vetter anzustarren. Der junge Hobbit schlürfte seinen Tee und blickte gedankenverloren auf die Schatten, die auf seiner Bettdecke tanzten, beinahe so, als wäre die Menge an Wissen, die er gerade an seinen Vetter weitergereicht hatte, eine Kleinigkeit gewesen. Frodo hielt es für unmöglich, dass Saradoc Merry all dies erzählt hatte und fragte sich, welch anderer Quellen sich sein Vetter bediente, um seinen Wissensdurst zu stillen. Saradocs Arbeitszimmer war auch für dessen Sohn tabu, wenn der Herr nicht selbst dabei war und doch konnte Frodo sich vorstellen, dass Merry heimlich Dokumente, Schriftrollen und Briefe seines Vaters durchsuchte. Allerdings fragte er sich, welche Art von Unterlage festhalten sollte, wer Togo und Mimosa Braunlock waren, und wozu dies gut sein sollte.
Durch Merrys Husten wurde Frodos Gedankengang unterbrochen. Verwundert sah er in die blauen Augen seines Vetters, auf dessen Gesicht die Schatten des Feuers tanzten.
"Woher weißt du das alles?", begehrte er ungläubig zu wissen.
Merry grinste von einem Ohr zum anderen, zuckte mit den Schultern und blickte Frodo ebenso ahnungslos an, wie dieser ihn zuvor betrachtet hatte. Frodo wusste nicht weshalb, doch Merrys Verhalten löste ein ungutes Gefühl bei ihm aus. Er versuchte, dieses nicht zu beachten, änderte seine Sitzstellung, zog seine Beine an und schlang die Arme um die Knie.
Vielleicht hatte er Mimosa falsch eingeschätzt und verfrüht über sie geurteilt. Er hatte über sie gespottet, noch ehe er gewusst hatte, wer sie überhaupt war und schämte sich nun dafür. Saradoc hatte ihn zu Recht getadelt, denn durch sein Handeln war er nicht besser als jene, die über ihn lästerten.
Frodo spürte ein Kribbeln im Nacken und schielte zu Merry, der ihn eingehend musterte.
"Ich weiß, warum du nach ihr fragst. Papa hat dir bereits von seinen Plänen berichtet, nicht wahr? Eigentlich sollte ich nicht davon wissen, aber ich habe vor einigen Tagen zufällig ein Gespräch meiner Eltern belauscht. Milos bevorstehender Einzug macht Papa sehr nervös. Aber seine Idee gefällt mir. Stell dir nur einmal vor, was wir alles machen könnten: plaudern bis spät in der Nacht, Höhlen bauen, ohne uns von Papa oder Zubettgehzeiten stören zu lassen, nachts heimlich Kekse essen, den Tag schon mit einer Kissenschlacht beginnen. Wir können auch Madoc und Minto einladen, oder uns heimlich zu ihnen hinüber schleichen. Oh, wie viel Spaß wir haben würden!"
Frodo hatte Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand einen solch heftigen Schlag verpasst, dass ihm die Ohren klingelten und sich sein Magen umdrehte. Saradoc mochte vielleicht nichts preisgegeben haben, doch Merry wusste davon. Wie konnte er nun in seinem Zimmer bleiben, ohne seinen Vetter zu verletzen? Der Anblick des erfreuten Leuchtens in den Augen des Jüngeren ließ es ihm übel werden. Er würde die Freude daraus, stehlen, sie in tausende Scherben zerschlagen. Eine plötzliche Panik drohte ihn zu übermannen. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt.
Wie hatte es soweit kommen können? Es war schon schwer genug, Saradoc gegenübertreten zu müssen, um ihm seine Entscheidung mitzuteilen, doch Merry dasselbe zu sagen, würde er nicht übers Herz bringen. Merry würde enttäuscht sein und wütend werden, und das vollkommen zu Recht, hatte es doch eine Zeit gegeben, da sie jeden Abend versucht hatten, in das Zimmer des anderen zu gelangen. Und nun, da sich ihnen die Möglichkeit bot sogar zusammenzuziehen, war Frodo dagegen. War dies seine Art, Merry seine Freundschaft zu beweisen?
"Du bist davon nicht begeistert?", fragte Merry zögernd und sein Ausdruck der Freude bröckelte, während sich tiefe Falten auf seine Stirn legten.
Frodo blickte in die zweifelnden Augen, das Gesicht sorgenvoll und bekümmert.
Er hatte lange über seine Entscheidung nachgedacht, in der Hoffnung, niemand außer ihm und Saradoc erfahre jemals davon. Darüber hatte er jedoch vergessen, dass nicht nur sein Zimmer und was es ihm bedeutete wichtig war, sondern auch seine Freundschaft zu Merry. Saradoc hatte ihm zwar gesagt, dass er bei seinem Vetter einziehen würde, doch Frodo hatte niemals über die positiven Seiten nachgedacht, die ein solcher Umzug mit sich brachte. Merry hingegen schien keine negativen Seiten zu sehen, listete lediglich Vorteile auf, die Frodo außerordentlich gefielen. Blickte er seinem Umzug womöglich zu ablehnend entgegen? Nun, da er darüber nachdachte, fielen ihm immer mehr Vorzüge ein. Merry könnte Recht behalten. Ein gemeinsames Zimmer brachte möglicherweise mehr Spaß als verlorene Erinnerungen. Außerdem würde Frodo so die ersehnte Anerkennung Saradocs erlangen und war diese den Preis nicht wert?
"Frodo?" Merrys Blick war zweifelnd, beinahe ängstlich. Seine Hände klammerten sich krampfhaft an der Teetasse fest.
Frodo begegnete dem Blick seines Vetters und die Sorgenfalten, die sich in seine eigene Stirn gegraben hatten, glätteten sich. Mit einem Mal erschien ein Lächeln auf seinen Lippen, und doch lag ein Schatten der Traurigkeit auf seinen Zügen. "Natürlich bin ich das, allerdings hatte ich gehofft, man könne dich überraschen, du dummer Brandybock!"
Merrys Augen strahlten und der junge Hobbit hüpfte aufgeregt auf seinem Bett auf und ab. "Das heißt, du wirst einziehen?"
Frodo zögerte einen Augenblick, nickte dann aber. "Noch heute werde ich Saradoc Bescheid sagen."
"Wundervoll!" rief Merry aus und hätte in seinem Überschwang beinahe den Rest seines Tees verschüttet.
 
~*~*~
 
Frodo umklammerte den Türknauf zu Saradocs Arbeitszimmer so fest, als würde sein Leben davon abhängen. Nie war er so voller Zweifel gewesen, wenn er dem Herrn von Bockland eine Entscheidung hatte mitteilen müssen. War er am Nachmittag noch überzeugt, bei Merry einziehen zu wollen, wurde ihm nun immer unbehaglicher, je länger er darüber nachdachte. Möglicherweise war es doch keine so gute Idee gewesen, seine Meinung so überstürzt zu ändern. Er hatte in der Eile unmöglich alles beachten und das Für und Wider abwägen können. Hatte er sich vielleicht doch nur von einem von Merry aufgedrängten Gefühl leiten lassen, ohne es wirklich zu wollen? Er hatte sich lange mit seinem Vetter unterhalten und gemeinsam hatten sie sich ausgemalt, was sie alles machen konnten, sobald sie erst zusammen wohnten. Frodo war voller Begeisterung gewesen, doch jetzt nagten erneute Bedenken an seinem Herzen. Erst am vergangenen Abend war er entschlossen gewesen, sein Zimmer und die Erinnerungen, die darin verborgen lagen, niemals zu verlassen oder gar freiwillig hinter sich lassen zu können. Hatte der heutige Nachmittag bei Merry ihn all das vergessen lassen, woran er sich noch gestern geklammert hatte?
Frodo hörte Stimmen näher kommen und erschrak. Der Gang war hell erleuchtet und ganz gleich, wer um die Ecke treten würde, sollte nicht sehen, wie er zaudernd vor der Türe von Saradocs Arbeitszimmer stand und Löcher in den Knauf starrte, als wäre dieser der Ursprung allen Übels. Am Nachmittag hatte er eine Entscheidung gefasst und den Fehler begangen, diese Merry mitzuteilen. Er konnte nun nicht mehr zurück, ganz gleich, wie überstürzt er gehandelt haben mochte. Er würde bei Merry einziehen, ob er nun an seinem Zimmer und den Erinnerungen hing, oder nicht.
Frodo klopfte und trat in das Arbeitszimmer, ohne eine Antwort abzuwarten.
Überrascht hob Saradoc den Kopf, lächelte aber, als er erkannte, wer so überstürzt in sein Zimmer geeilt kam. "Ich habe dich bereits erwartet."
Frodo entgegnete nichts darauf, schloss schweigend die Tür und blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und der Kummer, den sein Vorhaben unweigerlich mit sich brachte, ließ ihn jeglichen Mut, den er versucht hatte aufzubringen, verlieren. Die Kerzen in den Wandhalterungen waren entzündet, ebenso wie jene auf dem Schreibtisch. Im Kamin knisterte ein Feuer, das dem Zimmer einen rötlichen Schimmer verlieh. Frodo fröstelte dennoch, als er von Saradoc zu sich gewunken wurde. Folgsam nahm er den Stuhl, der an der Wand stand, platzierte ihn vor dem Schreibtisch und blieb dahinter stehen, bis Saradoc ihn mit einem Kopfnicken einlud, Platz zu nehmen. Nicht einmal hob er dabei den Kopf.
Der Herr saß müde in seinem Sessel, paffte an seiner Pfeife und sah den jungen Hobbit erwartungsvoll über einen Stapel Briefe hinweg an. Er war erst zum Abendessen zurückgekehrt und hatte einen langen, anstrengenden Tag hinter sich, an dem er vielen beunruhigten Hobbits in Steingrube hatte Gehör schenken müssen. Frodos betrübter Anblick behagte ihm jedoch gar nicht und er ahnte, was der Junge ihm nun mitteilen wollte. Dennoch sagte er nichts, wollte Frodo die Möglichkeit geben, seinen Entschluss selbst auszusprechen und ihm nicht die Worte aus dem Mund nehmen. Als Frodo jedoch keine Anstalten machte zu sprechen, sondern nur auf den Boden blickte und mit seinen Fingern spielte, legte Saradoc schließlich die Pfeife weg und räusperte sich.
"Ich nehme an, du hast über meine Worte nachgedacht", sagte er und Frodo nickte noch ehe er seinen Satz zu Ende gesprochen hatte.
Saradoc runzelte die Stirn. Frodo wirkte so verkrampft, als hätte er eben erst damit begonnen, über seine Worte nachzudenken, schien keineswegs bereit, ihm eine Entscheidung mitzuteilen. Er fragte dennoch, ob er einen Entschluss gefasst habe.
Frodo hatte die Hände gefaltet und blickte auf seine Finger, zu zerrissen, um Saradoc anzusehen. Der Herr würde wissen, dass er seine Entscheidung zwar getroffen hatte, sich ihrer aber nicht sicher war. Er würde ihn wieder weg schicken und das wollte er nicht. Frodo musste daran festhalten, schließlich hatte er es versprochen, und Saradoc sollte sehen, dass er zu seinem Entschluss stand. Der Herr sollte stolz auf ihn sein, wie bereitwillig er sein Zimmer aufgab. Doch noch konnte er ihn nicht ansehen, fühlte sich nicht in der Lage, eine solch folgenschwere Nachricht mitzuteilen. Noch war er zu unsicher.
"Hast du einen Entschluss gefasst?", hörte er Saradoc fragen und auch wenn seine Stimme ruhig war, klang sie laut in Frodos Ohren. Dies waren jene Worte, die seinem Zaudern ein Ende setzen sollten. Jetzt musste er Saradoc das Ergebnis seines Nachdenkens präsentieren, auf sein Zimmer und seine Erinnerungen verzichten und sich für Merry und Saradocs Anerkennung entscheiden. Jetzt musste er zu seinem Wort stehen und durfte nicht länger über das Richtig oder Falsch nachgrübeln.
Frodo schluckte den Knoten in seinem Hals, holte tief Luft und blickte schließlich tief in Saradocs Augen. Dies sollte der Augenblick sein, in dem er den Herrn glücklich machen würde, wie es seinen Vater glücklich gemacht hätte, eine solche Entscheidung aus seinem Munde zu hören. Der Gedanke allein genügte, um ihm ein Lächeln zu entlocken.
"Ich habe mich entschieden", verkündete er dann und das Lächeln auf seinen Lippen wurde noch breiter, als er den verwunderten Gesichtsausdruck Saradocs sah. Offensichtlich hatte er nicht mit einer solchen Antwort gerechnet, denn Frodos Stimme klang freudiger und entschlossener, als selbst er es erwartet hatte.
"Ich habe mich entschieden", wiederholte er noch einmal. "Ich werde in Merrys Zimmer einziehen, sobald du es von mir verlangst. Mimosa soll mein Zimmer bekommen." Frodo stockte einen Augenblick. "Ich hoffe, es wird ihr Freude bereiten."
Ebenso, wie es dir Freude bereiten soll, fügte er in Gedanken hinzu.
Für einen kurzen Moment war Saradoc sprachlos und konnte nichts weiter tun, als verdutzt in die ehrlichen und fest entschlossenen Augen des jungen Hobbits vor sich zu starren. Solche Worte hatte er nicht erwartet, erst recht nicht in solch einer aufrechten Art und Weise, wie Frodo sie ihm eben dargeboten hatte. Was hatte den Jungen umgestimmt, wo er doch am vergangenen Abend so aufbrausend auf den Vorschlag reagierte, dass er selbst den Mut, seine Grenzen zu überschreiten, gefunden hatte?
Nichtsdestotrotz war er erleichtert über Frodos Entschluss und er lächelte zufrieden. "Ich danke dir, Frodo. Was immer dich dazu bewogen hat, deine Meinung doch noch zu ändern, hat eine große Last von meinem Herzen genommen."
Frodo erwiderte das Lächeln und stand auf, als Saradoc sich erhob und hinter dem Schreibtisch hervortrat.
"Ich danke dir", wiederholte der Herr erfreut und legte ihm dabei eine Hand auf die Schulter.
Frodo strahlte von einem Ohr zum anderen, in freudiger Erwartung der Anerkennung, die er nun erhalten sollte. Glücklich blickte er in das zufriedene Gesicht Saradocs, dessen Augen vor Freude und Erleichterung leuchteten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er hatte Mühe, nicht aus lauter Aufregung zu zittern. Er hatte sein Zimmer aufgegeben für das Lob und die Anerkennung Saradocs und dies sollte der Augenblick sein, da er beides erhielt. Würde er ihn in die Arme nehmen und dieselben liebevollen, bestätigenden Worte sprechen, mit denen er sich beizeiten an Merry wandte? Würden seine Augen dabei mit demselben Stolz erstrahlen mit dem der Herr seinen Sohn so häufig betrachtete? Das Feuer im Kamin knisterte und ließ ein freudiges Kribbeln durch Frodos Körper laufen.
"Gibt es sonst noch etwas, das ich für dich tun kann?"
Vor Überraschung stockte Frodo der Atem. Das konnte unmöglich Saradocs Ernst sein. Es konnte doch nicht sein, dass er ihn wegschicken wollte, ohne Lob, ohne ein Wort des Stolzes. Verzweifelt suchte er in den Augen des Herrn nach einer Antwort, doch Saradocs Blick ließ keine weiteren Absichten erkennen. Sollte es tatsächlich bei Dankbarkeit bleiben? Zu fassungslos für eine Antwort schüttelte Frodo den Kopf.
"Dann wäre ich froh, wenn du bald zu Bett gehen würdest", ließ Saradoc verlauten, nahm die Hand von seiner Schulter und setzte sich wieder in den Sessel.
Frodo verharrte einen Augenblick reglos. Alle Aufregung war von ihm abgefallen, ließ ihn hohl zurück. Beinahe wie in einem Traum griff er nach seinem Stuhl und stellte ihn an die Wand.
Saradoc konnte ihn unmöglich wegschicken. Sollten am Ende all seine Ruhelosigkeit und die Verluste, die seine Entscheidung mit sich gebracht hatten, umsonst gewesen sein? Würde er Saradocs Bestätigung nicht einmal so erhalten? Hatte er sie denn nicht verdient?
Frodos Hände klammerten sich plötzlich an der Lehne des Stuhles fest. Er überließ Saradoc sein Zimmer, wenn das nicht genügte, um seine Anerkennung, seine Liebe, zu verdienen, was dann? Er konnte jetzt nicht gehen und aufgeben. Heute würde er dafür kämpfen, denn eine Möglichkeit, wie diese, würde sich ihm nicht wieder bieten.
Entschlossen wandte er sich um, sammelte all den Mut zusammen, den er in sich finden konnte und blickte Saradoc in die Augen. Er öffnete den Mund, doch in jenem Augenblick stockte seine Stimme und die Worte kamen nur als ein zaghaftes Flüstern über seine Lippen. "Hast du nicht etwas vergessen?"
Verwundert runzelte Saradoc die Stirn, blickte einen langen Moment auf das Kind, das zuvor noch so überzeugt gesprochen hatte. Was hatte ihm seine Entschlossenheit so plötzlich genommen und es so zaudernd sprechen lassen?
"Was sollte ich vergessen haben?"
Kannst du dir das nicht denken?
In Gedanken flehte Frodo darum, dass Saradoc auffalle, was er wollte und wiederholte immer wieder dieselbe Frage, doch über seine Lippen kam nur ein leises: "Nichts."
Kaum war dieses eine Wort gesprochen, senkte er erneut das Haupt und ballte seine Hände zu Fäusten. Er war zu schwach, zu feige, fand nicht einmal den Mut eine einfache Bitte zu äußern. Was würde er dafür geben, dass Saradoc erkannte, wonach er sich sehnte. Von sich selbst enttäuscht wandte er sich um und ging zur Tür. Frodo hatte den Türknauf bereits in der Hand, als er Saradoc eine gute Nacht wünschte, ehe er das Arbeitszimmer raschen Schrittes verließ.
Saradoc blieb mit seiner Verwunderung alleine zurück. Erst als sich die Tür hinter Frodo geschlossen hatte, war ihm plötzlich klar geworden, dass Frodo noch etwas von ihm gewollt hatte, doch so sehr er sich auch bemühte, er fand nicht heraus, worum es sich dabei handelte. Beinahe war er versucht, den Jungen zurückzuholen und ihn danach zu fragen, doch ließ er den Gedanken fallen. Er war zu erschöpft, um Frodos verworrenes Verhalten zu ergründen. Sollte es eine wichtige Angelegenheit sein, würde der Junge bestimmt wieder kommen und einen zweiten Versuch wagen und dann würde er sich die Zeit und die Geduld nehmen, Frodos heimlichem Wunsch auf den Grund zu gehen.
Wie blind eilte Frodo durch die Gänge des Brandyschlosses, war froh, dass keiner ihm genügend Aufmerksamkeit schenkte, um seinen verzweifelten Gemütszustand zu bemerken. Verbissen kämpfte er gegen die Tränen an, die in ihm aufzusteigen drohten. Wut auf sich selbst und auf Saradoc mischte sich mit dem bitteren Geschmack der Enttäuschung und der Verzweiflung über den Verlust, den er nun würde hinnehmen müssen. Ihm wurde klar, dass er auf seine Zweifel hätte hören sollen.
Als er den östlichen Gang endlich erreicht hatte, begann er zu laufen, wobei die erste Träne ungehindert über seine rechte Wange kullerte. Schnell riss er seine Zimmertür auf, stürmte in den geliebten Raum und ließ sich verzweifelt auf sein Bett fallen, wo er den Kampf gegen seine Tränen endgültig verlor. Verzweifelt vergrub er das Gesicht in seinem Kissen und schluchzte jämmerlich.
Ihm waren zwei Möglichkeiten zur Wahl gestanden und ganz gleich für welche er sich entschloss, er hätte sowohl Freude als auch Kummer davon getragen. Also hatte er sich für einen Weg entschieden, doch sein Entschluss war falsch gewesen. Niemals hätte er sich gegen sein Zimmer aussprechen dürfen, ganz gleich, wie hoch der Preis dafür sein mochte. Nun hatte er nichts mehr, kein Zimmer, keine Anerkennung, kein Zuhause.
Saradoc hatte ihn verraten, hatte ihm die erhoffte Freude genommen und auch wenn Frodo noch klar vor Augen war, wovon Merry und er am Nachmittag geträumt hatten, schienen diese Dinge nun gering und nichtig im Vergleich zu dem, was er nun aufgeben musste. Er verlor sein Zuhause, den einzigen Ort an dem er sich noch hatte wohl fühlen können und bekam nicht mehr, als ein Wort des Dankes. Insgeheim verachtete er den Herrn, dass er ihm nicht mehr hatte geben wollen und schimpfte sich selbst für die Einfalt, mit der er in Saradocs Arbeitszimmer getreten war. Was hatte er denn erwartet? Saradoc mochte wissen, dass er sein Zimmer liebte, doch er konnte unmöglich begreifen, was es für ihn bedeutete, es aufzugeben. Ebenso würde Saradoc nie verstehen, wie sehr Frodo nach jener Anerkennung hungerte, die der Herr seinem Sohn zuteil werden ließ. Nur ein einziges Mal wollte er so gelobt werden, wie Merry, doch dieser Tag würde niemals kommen. Seine Hoffnungen waren falsch gewesen und der Preis, den er dafür würde bezahlen müssen, war höher, als selbst er begreifen konnte.
Die Brust schien ihm wie zugeschnürt und er wollte seinen Kummer hinausschreien, in der Hoffnung, wieder atmen zu können, doch er wagte es nicht. Stattdessen rollte er sich in seinem Bett zusammen, zog sich die Decke über den Kopf und ließ die Geborgenheit, die er hier finden konnte, auf sich wirken. Doch der Trost, den er in dieser Nacht erhalten sollte, war geringer, als Frodo erhofft hatte, denn er wurde von Verzweiflung überschattet und dem Wissen, jene Geborgenheit nicht mehr lange gewährt zu bekommen.
 
~*~*~
 
Zärtlich strich Hanna über die Wange ihrer jüngsten Tochter. Melilot war nach langem Quengeln endlich eingeschlafen und nun hatten auch Minze und Merimas die Ruhe die sie brauchten, auch wenn sich ihr Sohn vom Jammern des Babys schon lange nicht mehr stören ließ. Nach beinahe sechs Jahre im elterlichen Schlafzimmer war der junge Hobbit unempfindlich gegen Geräusche und schlief ein, sobald er müde war, ganz gleich wer noch im Zimmer war.
Verwundert hob Hanna den Kopf als sie hörte, wie eine Tür knarrend ins Schloss fiel.
"Frodo?", flüsterte sie verwirrt, warf einen letzten Blick auf ihre Tochter und trat dann aus dem kleinen, durch einen Vorhang abgetrennten Bereich ihrer Kinder heraus, ging am Kamin vorbei zur Tür, wobei sie sich die Falten an ihrer Schürze glatt strich. Vorsichtig trat sie in den Gang hinaus und sah sich um. Keiner war zu sehen und so trat sie an die gegenüberliegende Tür und lauschte. Zu ihrem Entsetzen drang leises Schluchzen an ihr Ohr, dessen Klang sie tief in ihrem Herzen berührte und sie traurig stimmte. Entschlossen, Frodo Trost zu spenden, griff sie nach dem Türknauf und wollte anklopfen, als plötzlich ein anderes Geräusch an ihr Ohr drang. Melilot hatte wieder zu weinen begonnen. Hanna brach es das Herz zwischen zwei weinenden Kindern zu stehen und sich für eines entscheiden zu müssen. Verzweifelt biss sie sich auf die Lippen, blickte von einer Tür zur anderen.
"Vergib mir, Frodo", flüsterte sie dann, legte eine Hand an die Tür und schloss die Augen.
Melilots Klagen wurde lauter und schließlich zögerte Hanna nicht länger und eilte zu ihrer Tochter, doch ihr Herz schmerzte beim Gedanken, Frodo mit seinen Tränen allein zu lassen.
  


63. Kapitel: Einzug
 
Nur zwei Tage nach seinem Gespräch mit Frodo war Saradoc nach Bockenburg gefahren, um dort bei einem Tischler ein neues Bett in Auftrag zu geben. Dieser versprach, sich so bald als möglich darum zu kümmern, auch wenn es dennoch mehrere Wochen dauern konnte, bis das Bett fertig war. Saradoc störte das wenig, schließlich hatten Milo und Päonie die ersten Tage des Astrons für ihren Umzug erwählt und bis dahin würden sich sowohl Frodo als auch Mimosa bereits an ihre neuen Zimmer gewöhnt haben.
Frodo verbrachte in jenen Tagen viel Zeit bei Merry, der sich nur langsam erholte und rasch ermüdete, wenn er nicht in seinem Bett blieb. Oft ging er schon nach dem Frühstück zu seinem Vetter und blieb bis zum Abendessen, schließlich hatte er sich selbst versprochen, dass er sich um Merry kümmern wollte und daran hielt er fest, auch wenn er ab und an von Nelke gefragt wurde, ob er nicht doch lieber einen Nachmittag Karten spielend verbringen wollte.
Frodo ließ sich nicht anmerken, wie betrübt ihn sein bevorstehender Umzug stimmte. In den Tagen nach der Unterhaltung mit Saradoc hatte er sich oft überlegt, noch einmal mit dem Herrn zu sprechen, seine Entscheidung rückgängig zu machen, doch hatte er diesen Gedanken ebenso oft verworfen, wie er aufgekommen war. Sein Entschluss stand fest, hatte festgestanden seit jenem Augenblick, an dem Merry ihm verkündet hatte, dass er von den Plänen seines Vaters wusste. Frodo wollte seinen Vetter nicht verletzen, indem er seine Meinung nun änderte, denn Merrys Freundschaft war ihm sogar lieber als sein Zimmer. Er würde umziehen, wie er es Saradoc gesagt hatte, ungeachtet seiner Befürchtung das letzte Stückchen Zuhause zu verlieren, das ihm im Brandyschloss noch geblieben war.
Nichtsdestotrotz hatte er Saradoc nicht vergeben, dass er ihm nicht mehr als ein Wort des Dankes geschenkt hatte, hatte jedoch bald eingesehen, dass er zuviel erwartet hatte, denn Saradoc war nicht sein Vater, würde ihn nie so verstehen, wie Drogo Beutlin es getan hätte. Frodo musste sich mit Dank zufrieden geben und froh sein, dass ihm dieser gewährt worden war, auch wenn sein Herz nach mehr verlangte.
Wenn er abends in seinem Zimmer war, versuchte er, die Zeit zu genießen, in der er jene vier Wände noch sein Eigen nennen konnte. In seine Decke eingewickelt, blickte er oft in die Nacht hinaus, betrachtete den Himmel und die Sterne, sofern die dichte Wolkenschicht die Sicht darauf freigab. Er dachte an all die Jahre seines Lebens, die er in jenem Zimmer verbracht hatte und versuchte, jede Erinnerung, sei es ein Erlebnis, ein Geruch oder ein Gefühl in sich aufzunehmen, auf dass sie nie vergessen wurden. Er ließ sich von der Geborgenheit, der Sicherheit, die er empfand, gefangen nehmen, selbst wenn ihn der Gedanke, diese Dinge vielleicht nie wieder so spüren zu können wie in seinem Zimmer, häufig noch trauriger stimmte, als er es ohnehin schon war.
Seinem Vetter sagte Frodo nichts von alledem, doch konnte er Merry nicht verheimlichen, dass er seinem Umzug mit gemischten Gefühlen entgegensah. Sein Vetter wusste jene Sorgen jedoch schnell zu vertreiben, indem er seinen müden Kopf auf Frodos Schoß legte und sich lange Nächte voller Geschichten und Gesprächen, eigene Höhlen und heimliche Beschäftigungen bis in die frühen Morgenstunden ausmalte. Frodo geriet dabei ebenfalls ins Träumen und bemerkte bald, dass er es kaum noch erwarten konnte, bis sie all ihre Pläne auch umsetzen konnten. Am Ende freute er sich beinahe auf seinen Einzug, war mindestens genauso aufgeregt wie sein Vetter und konnte es kaum abwarten, dass der Tischler sein neues Bett lieferte.
Es war der Morgen des dritten Rethes, der Schnee war größtenteils geschmolzen, auch wenn hier und da noch einzelne Hügel und halbgeschmolzene Schneehobbits an die weiße Pracht erinnerten, die in diesem Jahr besonders reichlich gefallen war und das Auenland für mehr als zwei Monate unter einem weißen Mantel bedeckt hatte. Der Wind blies kalt, ließ den Herrn von Bockland nicht selten fürchten, dass sein Land von neuen Schneemassen heimgesucht werden würde, und obschon keine weiteren Flocken fielen, wagte der Frühling noch nicht, sein Regiment anzutreten und ließ das Land weiterhin grau und kahl aussehen.
Nichtsdestotrotz erhellte ein Lächeln Frodos Miene, als Esmeralda bald nach dem Frühstück in sein Zimmer kam, um mit seiner Hilfe den Kleiderschrank auszuräumen.
Aufbruchsstimmung war eingekehrt im kleinen Zimmer im östlichsten Gang. Das Bett war bereits abgezogen, der Bezug lag auf einem Haufen auf dem Fußboden, wo er nur darauf wartete, in die Wäschekammer getragen zu werden. Die Kerze und die Streichhölzer lagen noch auf dem Nachttisch, doch würden sie von Frodo nicht wieder verwendet werden. Das Bild, die Holztruhe, seinen Federhalter und die beiden Tintenfässchen hatte Frodo auf dem Schreibtisch platziert, um sie später in sein neues Heim zu bringen. Auf der Truhe lagen auch einige von Frodos Schnitzereien, ein Pony bei dem der Schweif abgebrochen war, als er mit dem Messer abgerutscht war, ein Kerzenhalter und einen Stern, der als Anhänger für eine Kette hätte verwendet werden können, ebenso wie drei Steine, die er vor langer Zeit einmal gefunden und danach vergessen hatte. Einer war weiß wie Schnee, ein zweiter schien zu funkeln, wenn er in die Sonne gehalten wurde, und der Dritte hatte die Form eines Drachen. Er hatte sie unter seinem Schal und einigen Kerzen gefunden, die das obere Fach seines Nachttisches besetzt hatten. Dieses war, bis auf die Kerzen, nun ebenfalls ausgeräumt und sauber gemacht worden, wartete nun darauf, mit neuen Habseligkeiten gefüllt zu werden.
Neben der Truhe stand ein kleines, ausgestopftes Kaninchen, ein Mathom, das er bei seinem letzten Besuch in den Großen Smials an Pippins Geburtstag erhalten hatte.
Esmeralda hatte lange auf Frodos Besitz geblickt, überrascht, wie wenig der junge Hobbit sein Eigen nannte. Sie wusste, dass Frodo nur wenige Spielsachen gehabt hatte und dass Primula und Drogo diese von Zeit zu Zeit an jüngere Kinder weitergereicht hatten, während Frodo meist mit Dingen spielte, die wiederum von älteren Kindern an ihn weitergegeben worden waren. Sie konnte sich erinnern, dass Frodo nie sonderlich anspruchsvoll gewesen war und auch auf Märkten nur selten um etwas gebeten hatte. Einst hatte Frodo einen Rechenschieber besessen, doch Merry war darauf getreten, als Frodo diesen hatte vom Boden aufheben wollen, woraufhin er kaputt gegangen war. Drogo hatte vorgehabt, Frodo an seinem Geburtstag im Solmath einen neuen zu schenken, doch dazu war es nie gekommen.
Auch Frodos Sammlerleidenschaft schien, anders als Esmeralda erwartet hatte, nicht sehr ausgeprägt. Hatte Merry sich am vergangenen Abend beklagt, dass Saradoc, der ihm beim Ausräumen seiner Schränke zur Hand gegangen war, all seine mühevoll gesammelten Steine, sonderbar geformten Äste und einen toten Laubfrosch, den er schon seit dem Herbst in einer mit Moos ausgelegten Holzkiste aufbewahrt hatte, weggeworfen hatte, hatten Frodos Schränke, bis auf die wenigen Steine, keine solch unliebsamen Überraschungen für sie bereitgehalten.
Frodo ließ seinen Blick über drei Wäschestapel wandern, die Esmeralda auf sein Bett gelegt hatte. Einer bestand aus Hemden, Nachthemden und Hosen, ein anderer aus Decken, Bettlaken, Jacken und Umhängen und ein dritter aus Kleidungsstücken, von denen sie glaubte, dass sie ihm zu klein geworden waren. Mit Entsetzen bemerkte er, dass Esmeralda seinen grünen Lieblingsmantel ebenfalls auf den dritten Stapel gelegt hatte. Dieser Mantel konnte ihm unmöglich zu klein sein. Mit einer raschen Handbewegung zog er ihn unter den anderen Kleidungsstücken hervor und schlüpfte hinein, doch ganz gleich, wie sehr er am Saum zupfte und den Bauch einzog, der einst so bequeme Mantel wollte ihm nicht mehr passen, war hier zu eng, da zu kurz und warf dort unschöne Falten.
"Frodo!"
Esmeralda schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihm umwandte und bemerkte, wie er sich in seinen Mantel zwängte, in der Hoffnung, er müsse noch nicht an einen anderen weitergereicht werden. Frodo hörte nicht auf sie, bemühte sich stattdessen mit konzentriert herausgestreckter Zunge darum, die Knöpfe zu schließen. Er rutschte jedoch immer wieder ab, brachte sie kaum aneinander.
"Wenn du noch lange daran herumzupfst, wirst du ihn kaputt machen", mahnte Esmeralda streng und so gab er den Kampf schließlich mit einem missmutigen Grummeln auf und legte den Mantel trübsinnig zurück auf den dritten Wäschestapel, während ihn Esmeralda wieder an ihre Seite rief, wo sie ihm eine Hose an die Hüften hielt, um zu testen, ob auch sie ihm zu klein geworden war.
"Sehr gut", meinte sie schließlich und legte auch die letzte Hose auf den ersten Stapel. Zufrieden blickte sie auf die leer geräumten Schrankfächer und dann wieder zu den ordentlich aussortierten Kleidungsstücken.
Frodo wirkte weniger begeistert, wusste er doch, dass dies der letzte Handgriff gewesen war, ehe er sein Zimmer würde verlassen müssen und schluckte das mulmige Gefühl, das sich trotz seiner erwartungsvollen Aufregung in ihm regte. Um sich abzulenken griff er nach dem Eimer mit Seifenwasser, der neben dem Schrank stand, wohl wissend, dass es nun seine Aufgabe war, die Fächer sauber zu machen, ehe die Küchen-Mimi ihre Kleider darin einräumte. Esmeralda ließ ihn alleine, brachte die schmutzigen Bettbezüge in die Wäschekammer.
Frodo blickte sich mit einem wehmütigen Seufzen im Zimmer um. Die Sonne schien durch das östliche Fenster, ließ feinen Staub in der Luft sichtbar werden und Frodo schloss für einen Augenblick die Augen, holte tief Luft. Den Duft, den er dabei in sich aufnahm, konnte er nicht zuordnen und doch wusste er, dass dieser ein Teil von ihm war, ebenso wie der Geruch von Lavendel Teil seiner Mutter oder jener von Pfeifenkraut Teil seines Vaters gewesen war.
"Wie ich sehe, bist du für deinen Umzug bereit."
Frodo wandte sich überrascht um, als er Hannas Stimme vernahm. Er nickte lächelnd, machte sich schließlich daran, einen Fetzen aus dem Wasser zu nehmen, um das mittlere Fach zu säubern.
Hanna war seit seinem Gespräch mit Saradoc häufig bei ihm gewesen, um nach dem Rechten zu sehen, wie sie sagte. Was genau sie mit ihren abendlichen Besuchen bezweckte, wusste Frodo nicht. Anfangs hatte ihn das beunruhigt, doch dann hatte er sich beinahe daran gewöhnt, dass Hanna noch zu ihm kommen würde, ehe er zu Bett ging und es erfüllte sein Herz mit unsagbarer Freude und tiefer Dankbarkeit. Meist sprachen sie nicht viel miteinander, wechselten nur ein kurzes "gute Nacht", doch manchmal setzte sie sich zu ihm auf das Bett, blickte mit ihm in die Nacht hinaus und einmal, einmal hatte sie sogar einen Arm um ihn gelegt und ihn für einige Zeit festgehalten. Frodo war erschrocken gewesen, hatte zurückweichen wollen, doch ehe ihm klar geworden war, was er tat, hatte er genau das Gegenteil getan, seine Arme um ihren Hals gelegt und auch sie festgehalten. Er hatte sich um Hanna gesorgt, hatte befürchtet, dass sie zu ihm kam, um Trost zu suchen, ebenso wie Pippin in Momenten der Traurigkeit zu ihm ins Bett gekrochen war, doch als er in ihre Augen gesehen hatte, hatte er kein Zeichen von Kummer erkennen können. Dies hatte ihn noch mehr verwundert und doch war er froh gewesen, dass sie ihn in die Arme genommen hatte, denn an diesem Abend hatte er sich sehr nach einer tröstenden Umarmung gesehnt und Hanna schien seinen heimlichen Wunsch gehört zu haben.
Frodo wusste, dass er sie vermissen würde.
"Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, auch wenn ich nicht mehr nebenan wohne", sagte Hanna, als kenne sie seine Gedanken. "Meine Tür wird dir immer offen stehen, ganz gleich, zu welcher Zeit."
Frodo nickte und Hanna konnte erkennen, dass er schwer schluckte, ehe er sich rasch mit seiner Aufgabe ablenkte. Sie konnte sehen, dass sie dem Jungen ebenso fehlen würde, wie er ihr. Natürlich war er nicht aus der Welt, doch hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, auf ihn aufzupassen, ihm Trost zu spenden. Dadurch, dass er ihr gegenüber wohnte, war ihr das häufiger gelungen als manch einem anderen, denn nicht selten war sie zu ihm gekommen, weil sie ihn hatte seufzen hören oder hatte ihn unauffällig in ihr Zimmer bitten können, wenn er eigentlich auf dem Weg in sein eigenes gewesen war, zweifelsohne, um sich dort zu verkriechen.
Seit sie ihn im Nachjul weinen hörte ohne zu ihm gegangen zu sein, hatten Gewissensbisse sie gequält und sie war jeden Abend zu ihm gekommen, als könne sie dadurch wiedergutmachen, was sie damals versäumt hatte. Nun bereute sie beinahe, dass sie dies nicht schon früher getan hatte, denn Frodo wurde mit jedem ihrer Besuche weniger misstrauisch, war in den letzten beiden Wochen sogar mit freudiger Erwartung in seinem Bett gelegen, als sie schließlich zu später Stunde nach ihm gesehen hatte. Er hatte sich umarmen lassen, zaghaft zwar, doch er ließ es zu und es kam ihr vor, als hätte Frodo all die Jahre nicht mehr verlangt, als dass sie ab und an nach dem Rechten sah, nur war sie nicht in der Lage gewesen, dies zu erkennen.
Sie hatte ihn lieb gewonnen, sah in ihm beinahe einen Sohn und Frodo sollte wissen, dass sich daran nichts änderte, nur weil er nun in den mittleren Bereich des Brandyschlosses zog. Sie würde dennoch für ihn da sein und sie würde auch weiterhin die Augen offen halten, wenn sie ihn sah, denn sie fürchtete, dass Frodo trotz ihrer Worte nicht nach ihrer Hilfe fragen würde. Das hatte er nie getan.
Hanna trat schließlich an seine Seite, bat ihn um den Fetzen und wischte das oberste Fach sauber, das er nicht erreichen konnte. Er bedankte sich mit einem Lächeln, woraufhin sie ihm durch die Haare wuschelte, sich zu ihm herabbeugte und ihm die Stirn küsste.
"Du dankst mir mehr, indem du meine Worte nicht vergisst", sagte sie mit einem Lächeln, ehe sie das Zimmer verließ.
Frodo blieb vollkommen verdutzt zurück, sah ihr mit verwirrten Augen und offenem Mund hinterher. Die Finger seiner linken Hand strichen zaghaft über seine Stirn, während die der Rechten den Stofffetzen fest umklammert hielten. Er bemerkte erst, dass er den Atem angehalten hatte, als er geräuschvoll nach Luft schnappte und verwirrt auf seine Finger blickte. Neben Bilbo war er von niemandem, außer seinen Eltern jemals auf die Stirn geküsst worden und die Überraschung, dass Hanna dies getan hatte, ließ sein Herz einen freudigen Sprung vollführen. Ein Lächeln brachte seine Mundwinkel zum Zucken, während er auf die Tür blickte, durch die Hanna verschwunden war. Bedeutete ihre liebevolle Tat, dass sie ihn liebte, wie er einst geglaubt hatte, dass Bilbo ihn lieben würde? Frodo verwarf den Gedanken sofort, denn eine plötzliche Furcht bemächtigte sich seiner. Selbst wenn dem so war, durfte er nicht daran glauben, sich nicht an jenen Gedanken klammern, denn nur so konnte er verhindern, dass sein Herz erneut gebrochen wurde, sollte er sich irren.
"Bist du soweit?"
Frodo zuckte erschrocken zusammen, als Esmeralda raschen Schrittes in das Zimmer trat. Nickend ließ er den Fetzen in den Eimer fallen, als sie ihn anwies, seine Habseligkeiten in sein neues Zimmer zu tragen, denn dieses hätte Saradoc soeben fertig eingerichtet.
Beladen mit all seinem Besitz, abgesehen von den Kleidungsstücken, derer Esmeralda sich angenommen hatte, und einem mulmigen Gefühl in der Magengegend schlurfte Frodo durch die spärlich beleuchteten Gänge des Brandyschlosses, vorbei am östlichsten Badezimmer, in dem er sich jeden Morgen zurechtgemacht hatte, vorbei an unzähligen Gängen, die zum größten Teil mit ehemaligen Gästezimmern, die längst zu dauerhaft genutzten Räumen geworden waren, aber auch mit einigen kleineren Wohnzimmern und Küchen ausgestattet waren, vorbei an der Empfangshalle und dem großen Kleiderschrank für Mäntel jeglicher Art, wo ihm die Lampen, die im Mittelgang am hellsten schienen, entgegen leuchteten, bis er schließlich in den ersten Gang westlich des Mittelganges abbog, dort wo sich Merrys und nun auch sein Zimmer befand.
Das Herz klopfte ihm vor Aufregung bis zum Hals und er wusste nicht, ob er nun glücklich oder traurig sein sollte. Er fiel hinter Esmeralda zurück, die zügigen Schrittes an ihm vorüber huschte, offensichtlich erpicht, den Umzug so bald als möglich hinter sich zu bringen. Auch wenn Frodo wusste, dass er seine Entscheidung nicht würde rückgängig machen können, kehrten seine Zweifel plötzlich wieder und er fragte sich, ob es richtig war, sein Zimmer im östlichen Gang aufzugeben.
Drei Frauen liefen lachend und schnatternd an ihm vorüber, nahmen kaum Notiz von ihm, ehe sie in einem der beiden Wohnzimmer, die in diesem Gang lagen, verschwanden. Frodo blickte ihnen mit in Falten gelegter Stirn hinterher. Er vermutete, dass er lange brauchen würde, bis er sich an den Trubel in den mittleren Gängen gewöhnt hatte und vergaß dabei völlig, dass er schon häufiger bei Merry übernachtet und bisher immer Schlaf gefunden hatte.
"Frodo!"
Merry kam ihm freudestrahlend entgegen gerannt. Ein Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, zierte sein Gesicht und seine Augen leuchteten vor Aufregung, als er ihm den ausgestopften Hasen aus der Hand nahm, um ihm beim Tragen zu helfen. Dass er durch seine überschwängliche Freude, die ihn nicht einmal stillstehen ließ, beinahe alles in Frodos Händen zu Boden geworfen hätte, schien ihm vollkommen gleichgültig. Ganz im Gegensatz zu Frodos Gesichtsausdruck, der nicht halb so glücklich aussah, wie er das noch beim Frühstück getan hatte. Der junge Hobbit schob die Unterlippe vor, was ihn beinahe beleidigt aussehen ließ und legte den Kopf schief.
"Lächle", meinte er dann und grinste über das ganze Gesicht. "Du wirst es lieben!"
Frodo war sich dessen nicht mehr sicher, brachte aber dennoch ein zaghaftes Lächeln zustande, was Merry augenblicklich zufrieden stimmte. Der Jüngere hakte sich bei ihm ein und schwärmte davon, wie phantastisch ihr neues Zimmer war und wie sehr er sich darauf freute, ihn als Mitbewohner zu haben, bis er, wenige Schritte vor der Türe, plötzlich stehen blieb und erklärte, dass Frodo ihm all seine Besitztümer abgeben solle.
Frodo zog eine Augenbraue hoch, unsicher, was sein Vetter damit vorhatte, doch brachte ihn der freudig bittende Ausdruck im Gesicht des Jüngeren zum Schmunzeln und so reichte er ihm schließlich alles, bis auf das Bild seiner Eltern.
Merry bedankte sich überschwänglich, machte dann auf dem Absatz kehrt und stürmte in sein Zimmer, nicht ohne Frodo anzuweisen, sich nicht von der Stelle zu rühren.
"Sei vorsichtig damit!", bat Frodo und zuckte unwillkürlich zusammen, als Merry beinahe gestolpert wäre. Er seufzte, während sein Vetter hinter der Tür verschwand und schüttelte den Kopf. Merrys Freude hatte ihn neugierig gemacht und sein Unbehagen war, in Anbetracht der vielen geschmiedeten Pläne, schon beinahe vergessen. Frodo wagte einen zaghaften Schritt auf die Tür zu, doch gerade, als er in das dahinter liegende Zimmer spähte, kam Esmeralda ihm entgegen, wohl um den letzten Wäschestapel, der noch auf seinem Bett lag, heranzutragen.
"Nicht schummeln!" hörte er Merry schimpfen, während sein Blick noch Esmeralda folgte und er lächelte verschmitzt. Endlich trat sein Vetter aus dem Zimmer, stellte sich hinter ihn und hielt ihm die Augen zu.
"Merry, was soll das?", beklagte er sich, nicht gerade erfreut, dass sein Vetter ihn vor sich her schob. Mit ausgestreckten Händen versuchte er, sich zu orientieren, während Merry hinter ihm in sich hineingluckste, ihm jedoch weiterhin die Sicht versperrte. Schließlich bekam er den Türrahmen zu fassen, wo Merry ihn anwies, stehen zu bleiben. Er konnte spüren, wie sich sein Vetter neben ihn stellte, wollte bereits nach dessen Händen greifen, als Merry schließlich den Blick auf das Zimmer freigab.
Frodo stockte der Atem. Mit offenem Mund und großen Augen blickte er von einer Ecke in die andere. Ein zaghaftes Lächeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab und seine Augen leuchteten voller Staunen. Alles hatte sich verändert. Kaum ein Gegenstand war an seinem Platz geblieben. Ein Feuer brannte im Kamin an der gegenüberliegenden Wand, tauchte den Raum in ein angenehmes, warmes Licht. Der Duft von Zedernholz lag in der Luft, ebenso wie jener von frisch verarbeitetem Holz und alten Möbeln. Merrys Bett stand noch an der selben Stelle, wie zuvor, war jedoch etwas näher zur Tür geschoben worden, sodass das Regal, das zuvor an der linken Wand gestanden hatte, nun rechts, gleich neben dem Kamin und somit über dem Bett hatte platziert werden können. Auf dem Regal standen zwei Kerzen, die für zusätzliches Licht sorgten. Merrys Schlafstätte gegenüber, an der linken Wand, stand das eigens für ihn gezimmerte Bett. Merrys alter Nachttisch war daneben platziert worden und auch darauf stand eine brennende Kerze, die ihr Licht auf seine Holztruhe warf, die Merry dort abgestellt hatte. Der Schreibtisch ruhte wie eh und je in der Ecke links neben der Tür, doch war Merrys alter Schreibtisch durch einen größeren ersetzt worden, der ihnen beiden genügend Platz schenkte, selbst wenn sie zur selben Zeit daran saßen, um zu schreiben oder zu lesen. Zu beiden zugänglichen Seiten stand ein Stuhl. Auch Merrys alter Schrank war durch einen größeren ersetzt worden, der nun gleich neben der Tür an der Wand und nicht etwa, wie zuvor, anschließend an Merrys Bett stand. Beides waren offensichtlich alte Möbelstücke, die Saradoc aus einem der Keller geholt hatte.
Merry ließ seinen Blick voller Freude auf Frodo ruhen, dessen Augen immer wieder staunend von einer Seite zur anderen wanderten. Er selbst hatte sich nicht anders in seinem neuen Zimmer umgesehen, als sein Vater nach dem Frühstück alle Möbel herangetragen hatte. Seine Mutter hatte eben erst die Betten frisch bezogen, um dem Raum eine noch wohnlichere Stimmung zu geben. Er selbst hatte sich sofort wohl gefühlt und er hoffte, dass es seinem Vetter ebenso ging, denn in den vergangenen Wochen war er beizeiten ein wenig beunruhigt gewesen, da Frodo nicht selten einen beinahe betrübten Eindruck gemacht hatte, wenn vom Umzug gesprochen worden war. Nun glaubte er jedoch, in Frodos Gesicht erkennen zu können, dass dieser sowohl ungläubig und überrascht, als auch hoffnungsvoll und in einem angenehmen Sinne erleichtert war.
"Es gefällt dir", stellte Merry schließlich fest und das Grinsen, für einen Augenblick zu einem zaghaften Lächeln verkümmert, kehrte in aller Breite zurück. Er sprang übermütig in das Zimmer, drehte sich einmal um sich selbst und nahm dann einen tiefen Atemzug der sowohl neuen als auch alten Düfte auf, die nun Teil seines und Frodos Zimmers waren.
"Willst du denn nicht hereinkommen?", fragte er, griff dann kurzerhand nach Frodos Handgelenk und zog ihn herein, da sein Vetter wie angewurzelt in der Tür stehen blieb.
Frodos Griff um sein Bild verstärkte sich unweigerlich, während seine Augen immer wieder von einer Seite zur anderen wanderten, unfähig zu begreifen, wie sehr sich das Zimmer verändert hatte. Es war nicht mehr nur Merrys Zimmer, es war jetzt auch seines und, anders, als er gefürchtete hatte, fühlte er sich willkommen, beinahe so, wie er dies in seinem alten Zimmer getan hatte. In den vergangenen Wochen hatte er sich oft vorzustellen versucht, wie das Zimmer sich verändern würde, wenn auch für ihn Platz geschaffen wurde, doch nie hätte er sich so etwas erträumen lassen. Obschon nun mehr Möbel den Raum schmückten, hatte dieser nichts von seiner Freundlichkeit eingebüßt, bot selbst jetzt noch Platz für mindestens zwei Matratzen, sollte Pippin sie wieder besuchen kommen. Ein Gewicht, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es trug, schien von seinem Herzen genommen und er war plötzlich überzeugt, dass er sich hier ebenso wohl fühlen würde wie in seinem alten Zimmer.
"Frodo?" Merrys Stimme klang nun beinahe beunruhigt. Der junge Hobbit stand an seiner Seite, betrachtete ihn fragend und mit in Falten gelegter Stirn. "Es gefällt dir doch, oder etwa nicht?"
Mit einem Lächeln im Gesicht wandte sich Frodo endlich seinem Vetter zu und schloss ihn in die Arme, von Erleichterung und Freude gleichermaßen überwältigt.
"Und wie es mir gefällt!" rief er glücklich, wirbelte dann selbst einmal herum, um sich schließlich auf sein Bett fallen zu lassen. Mit einem zufriedenen Seufzen ließ er seinen Blick noch einmal durch den Raum wandern, nahm schließlich die Holztruhe vom Nachttisch und stellte sein Bild darauf. Liebevoll strichen seine Finger über den Rahmen und sein Lächeln wurde noch fröhlicher. Er brauchte sich nicht länger zu sorgen, er würde sich hier rasch einleben.
 
~*~*~
 
Nachdem Esmeralda sie angewiesen hatte, zu Bett zu gehen, war Merry noch einmal aus dem Zimmer verschwunden. Frodo war alleine zurückgeblieben, im Licht dreier Kerzen und dem rötlichen Schein der ausgehenden Glut. Merry und er hatten den ganzen Nachmittag damit verbracht, geeignete Plätze für all ihre Schätze zu finden und somit den Umzug abzuschließen. Sein Bild hatte Frodo auf dem Nachtkästchen stehen lassen, denn nur dort gehörte es hin. Die Holzkiste hatte er, wie schon zuvor, im untersten Fach des Nachttisches verräumt und auch seine Steine und die Schnitzereien hatten nach langem überlegen ebenfalls einen Platz auf dem Nachttisch bekommen, wo sie nun neben und hinter seinem Bild standen. Einzig Pippins Hase, der zuvor im Schrank verstaubt war, fand keinen geeigneten Platz, bis Merry schließlich erlaubte, diesen in das Regal zu stellen, von wo aus es das Geschehen im Zimmer überwachen konnte.
Im Laufe des Nachmittages war Frodo noch einmal in den östlichen Gang gegangen, um einen letzten Blick in sein Zimmer zu werfen. Er hatte nicht damit gerechnet, die Küchen-Mimi beim Einräumen ihrer Kleider zu stören. Erschrocken hatte er sich entschuldigt, wollte den Raum schon wieder verlassen, als sie ihn zurückrief. Zaghaft war er eingetreten, hatte sich mit einer Mischung aus Schrecken und Verwunderung im Zimmer umgesehen, denn dieses hatte sich bereits den Wünschen Mimosas angepasst. Statt des Schreibtisches stand ein kleines Tischchen mit einer gehäkelten Decke in der Ecke und daneben war ein Schaukelstuhl platziert worden, der unter dem Gewicht eines darüber gelegten Kleides leicht vor und zurück wippte.
Frodo hatte geschluckt, plötzlich bemerkend, dass dies nicht länger ein Ort war, den er als Zuhause bezeichnen konnte, und für einen Augenblick war ein trauriger Ausdruck über seine Züge geschlichen. Dieser war jedoch verschwunden als seine Augen auf Mimosa Braunlock, der Küchen-Mimi, zur Ruhe kamen. Ihr graues Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten. Strähnen hatten sich daraus gelöst, waren in spröden Locken über ihre Schultern gefallen. Sie hatte nicht gelächelt, war offensichtlich nicht erfreut gewesen, dass er hereingeplatzt war. Dennoch bedankte sie sich bei ihm, dass er dem Herrn und somit ihr sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte. Mehr sagte sie nicht und auch Frodo entgegnete nichts weiter, sondern ließ sie, nach einem letzten Blick in sein altes Zimmer, allein. Er verspürte nicht den Drang, länger an jenem Ort zu bleiben, doch auch wenn der Anblick der neuen Einrichtung einen bitteren Beigeschmack auf seiner Zunge hinterließ, störte es ihn weniger, als er erwartet hatte.
Überrascht sah er auf, als sich die Tür öffnete und Merry mit zwei Schüsseln eintrat. In einer waren Kekse, in der anderen Nüsse, die der junge Hobbit zweifelsohne aus der Speisekammer stibitzt hatte.
"Was…", rief er überrascht aus und sprang vom Bett um seinem Vetter eine Schüssel abzunehmen und sie auf den Boden zu stellen.
Merry strahlte über das ganze Gesicht, warf ihm einen verschmitzten Blick zu. "Danken kannst du mir später, wenn ich auch die Milch habe."
Frodo runzelte die Stirn, wollte fragen, was es damit auf sich hatte, doch da war sein Vetter schon wieder aus dem Zimmer verschwunden, nicht ohne sich zuvor versichernd umzusehen. Ein Lächeln stahl sich über seine Züge. Er vermutete, Merrys Absichten zu kennen und so stellte er auch eine der Kerzen in der Mitte des großen Raumes auf. Sein Atem stockte, als plötzlich etwas gegen die Tür pochte. Zögernd drehte er den Knauf, spähte vorsichtig hinaus, hoffend, dass weder Saradoc, noch Esmeralda im Gang standen. Zu seiner Erleichterung war es nur Merry, beladen mit zwei Tassen Milch, die er aus der Küche geholt haben musste. Ein beunruhigter Ausdruck lag im Gesicht des jüngeren Hobbits, als er mit einem erleichterten "Das war knapp!" auf die Holzdielen kniete.
Frodo ließ sich neben ihm zu Boden sinken, während Merry nach einer Stärkung, bestehend aus drei Walnüssen, zu erklären begann.
"Onkel Merimac hat mich gesehen und sein Blick war so kritisch, dass ich glaubte, er würde mich gleich darauf ansprechen, doch er ließ mich wortlos an sich vorüber gehen."
Frodo atmete erleichtert auf. Merimac, der einige Jahre jünger war als Saradoc, ließ sich zwar häufiger zu Späßen hinreißen und drückte beizeiten auch zwei Augen zu, durfte aber dennoch nicht unterschätzt werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Bruder des Herrn eine ihrer Missetaten an eben jenen weiterleitete, denn nicht selten war es Merimac, der für Saradoc die Augen offen hielt, wenn dieser nicht zugegen war.
Nichtsdestotrotz schmunzelte er, als er die Beine verschränkte und sich zu einem Keks verhalf. Er wusste bereits, weshalb Merry ihnen jene späte Zwischenmahlzeit beschert hatte, doch das sollte nicht heißen, dass er sich nicht einen Spaß erlauben konnte.
"Und wozu die ganze Aufregung, werter Vetter?", fragte er und hatte Mühe, sich auf Merrys verdutzten Gesichtsausdruck das Lachen zu verkneifen. "Ich weiß deine Mühen durchaus zu schätzen", tat er mit einem herzhaften Biss in einen Keks kund, "doch,…"
"… du hast keine Ahnung von einem Einweihungsfest!" konterte Merry kopfschüttelnd und beinahe beleidigt, lächelte dann aber, als er Frodos Schmunzeln bemerkte, und langte nach seiner Milchtasse. Die Flamme der Kerze spiegelte sich in seinen Augen, während er die Tasse in die Höhe hielt, als wäre sie ein Bierkrug. Frodo zog kichernd eine Augenbraue hoch, tat es ihm aber gleich.
"Auf unser neues Zuhause!" prostete Merry schließlich.
"Und viele glückliche Stunden!" fügte Frodo hinzu, ehe sie die Milchtassen geräuschvoll aneinander schlugen. Ein Lächeln lag auf den jungen Gesichtern, als sich beide zufrieden den Milchschaum von den Lippen leckten und sich zu den Leckereien verhalfen, die hoffentlich niemand vermissen würde.
Merry war zufrieden, in Frodos Gesicht dasselbe Grinsen zu sehen, das schon den ganzen Tag nicht aus seinem eigenen weichen wollte. Ihr Zusammenzug war eine gute Idee gewesen und doch kam er nicht umhin, sich um Frodo zu sorgen. Frodo hatte ihm gesagt, dass er nicht sicher war, ob er sich auf den Umzug freute und Merry hatte angenommen, dass sein Vetter deshalb so still gewesen war. Dennoch war Frodo schon zuvor, als er noch nicht einmal von den Plänen seines Vaters hatte wissen können, sehr zurückgezogen gewesen, hatte mehr Zeit alleine verbracht als gewöhnlich und manchmal glaubte Merry, in den Augen seines Vetters eine unbestimmte Traurigkeit zu sehen, die selbst ihm das Herz schwer machte.
"Bist du wirklich glücklich?", platzte es plötzlich beinahe furchtsam aus ihm hervor, ehe er wusste, dass er überhaupt etwas hatte sagen wollen.
Verwundert sah Frodo seinen Vetter an und für einen Augenblick verschwand das Lächeln in seinem Gesicht, machte einem nachdenklichen Ausdruck Platz. Merrys Stirn legte sich in Falten und Frodo war gleichermaßen gerührt und entsetzt von der Sorge, die er im Gesicht seines Vetters erkennen konnte. Sein Vetter sollte sich seinetwegen nicht sorgen, niemand sollte das. Die tiefen Falten auf Merrys Stirn mussten eiligst geglättet werden, auf dass sie niemals wiederkehrten.
"Ja, das bin ich", sagte er dann, als sich ihre Blicke trafen und sein Lächeln lag nicht nur auf seinen Lippen, sondern auch in seinen Augen. "Das bin ich", wiederholte er noch einmal und war froh, seine Antwort ehrlich zu meinen. Es gab vieles, das ihn beizeiten bedrückte und in den vergangenen Monaten war ihm das Herz mit jedem Tag schwerer geworden, doch im Augenblick war er zufrieden und er hoffte, dass sich daran nichts ändern würde.
Merrys Miene hellte sich auf, was Frodo ungemein erleichterte und während leise Stimmen aus dem Wohnzimmer ihr Beisammensein untermalten, prosteten sich die jungen Hobbits erneut zu und genossen ihren ersten Abend im gemeinsamen Zimmer.



64. Kapitel: Erkenntnisse

Sie hat gesagt, ich wäre ihr Freund. Es tut gut das zu wissen, doch die Blicke, die sie mir beim Kartenspielen schenkt, lassen mich unruhig werden. Etwas ist anders. Ihre Blicke machen mich verlegen, was sie zuvor nie taten. Selbst ihre Sticheleien haben sich irgendwie verändert. Ich weiß nicht genau, was daran anders ist, doch manchmal weiß ich nichts darauf zu erwidern und auch das war früher nie der Fall.
Manchmal, wenn ich sie ansehe, kehrt das Kribbeln in meinen Bauch zurück. Es ist kein unangenehmes Gefühl, doch…
Sie mag meine Freundin sein, doch soll sie nichts zum Kribbeln bringen, schließlich macht Merry das auch nicht. Trotzdem ist bei ihr etwas anders. Vielleicht ist dieses Gefühl nur da, weil ich erst seit kurzem weiß, dass sie meine Freundin ist? Vielleicht liegt es daran, dass sie ein Mädchen ist? Vielleicht…
 

"Was schreibst du da?
Mit einer raschen Handbewegung klappte Frodo das Buch zu und überkreuzte die Arme darüber. Die Kerze, die vor ihm auf dem Schreibtisch stand, flackerte, ließ sowohl seinen, als auch Merrys langen Schatten an der Wand tanzen.
Drei Monate waren seit dem Umzug vergangen und Frodo hatte sich inzwischen daran gewöhnt, nicht mehr alleine zu sein, auch wenn Merrys ständige Präsenz ihm bisweilen etwas unbehaglich war, vor allem dann, wenn er in sein Tagebuch schrieb.
"Nichts", entgegnete er, wobei er sich mit einem möglichst unschuldigen Lächeln an Merry wandte, der ihn mit einem ungläubigen Blick betrachtete. Sein Vetter hatte ihn in den vergangenen Wochen häufig beobachtet, wenn er in sein Tagebuch geschrieben hatte und obwohl er ihn gewähren ließ, war er zunehmend neugieriger geworden, was Frodos Unruhe noch verstärkte. Es war nicht so, dass er seinem Vetter nicht vertraute, doch zu wissen, dass Merry wusste, wo er sein Tagebuch aufbewahrte, hatte es ihm in den vergangenen Tagen immer mulmiger werden lassen.
"Es ist mein Tagebuch", fügte er schließlich ernst hinzu, "und es geht dich nichts an. Ebenso, wie mich die Eintragungen in deinem Tagebuch nichts angehen würden, hättest du eines."
Merry ließ sich auf den anderen Stuhl sinken und stützte beleidigt den Kopf in die Hände. Das Kerzenlicht warf verspielte Schatten auf seinen zerzausten Lockenkopf und den verletzten Gesichtsausdruck des Jüngeren.
"Traust du mir wirklich zu, dein Tagebuch zu lesen?"
Frodo taten seine strengen Worte beinahe Leid und er legte entschuldigend den Kopf schief, während er die Feder zurück in die Halterung steckte. Eine Hand ließ er dennoch auf dem ledernen Einband ruhen. Er vertraute Merry und er vertraute auf ihre Freundschaft, doch gerade deshalb glaubte er daran, dass Merry sein Tagebuch lesen würde, wenn sich ihm eine Möglichkeit dazu bot. Einst hatte er seinem Vetter all seine Sorgen anvertraut und auch wenn Merry noch immer mehr wusste, als jeder andere, hätte sein Tagebuch auch ihm eine Reihe wohl gehüteter Geheimnisse offenbart und Frodo wusste, dass Merry sich dessen durchaus klar war.
"Wenn du dort hineinschreibst, heißt das, dass du unglücklich bist?"
Inzwischen war Merry dazu übergegangen, mit dem Wachs der Kerze zu spielen und dadurch das gleichmäßige Licht der Flamme zu stören. Auch wenn sein Vetter ihn nicht ansah, wusste Frodo um dessen besorgten Gesichtsausdruck. Es bekümmerte ihn, Merry so zu sehen und er legte einen Arm auf dessen Schulter. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, ließ sein Gesicht freudig erstrahlen.
"Glaub mir, es wären wesentlich weniger Seiten gefüllt, wenn dem so wäre."
Merry lächelte zufrieden und Frodo war erleichtert, keine Sorge in seinem Blick zu erkennen.
Frodo hatte den bedrückten Blick seines Vetters, wenn er in sein Tagebuch schrieb, selbst dann spüren können, wenn er ihm den Rücken zugewandt hatte. Es schmerzte ihn, dies zu sehen, machte ihm manchmal sogar Angst. Was, wenn Merry mit Saradoc über seine Sorge um ihn sprach und dieser daraufhin eine Nachricht an Bilbo schickte? Bilbo würde erfahren, dass er nicht so stark war, wie er ihn in seinen Briefen glauben lassen wollte, sich noch mehr von ihm abwenden und er würde die Liebe seines Onkels niemals gewinnen und für den Rest seines Lebens ohne ein Zuhause bleiben. Frodo fürchtete diesen Gedanken und setzte alles daran, jegliche Sorgen aus Merrys Gesicht zu wischen und auch sonst niemandem den Kummer seines Herzens aufzubürden. Die anderen hatten mit ihren eigenen Lasten genug zu tragen und er wollte zeigen, dass er auch ohne ihre Hilfe zurechtkam, selbst wenn das hieß, dass er sein Tagebuch an einen anderen Ort bringen musste.
Er vertraute Merry, doch sein Vetter sollte sich nicht jedes Mal Gedanken machen, wenn er die leeren Seiten des Buches mit Worten füllte, schließlich zeugten seine Einträge nicht immer von Kummer. Dennoch gab es genügend Zeilen, die Merry betrüben würden und Frodo wollte sicher gehen, dass er diese niemals zu Gesicht bekam. Er würde ein anderes Versteck für sein Tagebuch finden, wusste sogar schon wo.
 
~*~*~
 
Milo und Päonie waren in den ersten Tagen des Astron eingezogen, doch Frodo hatte feststellen müssen, dass, welches Band auch immer ihn einmal mit seinem älteren Vetter verbunden hatte, nicht länger vorhanden war. Schon vor Milos Umzug ins Westviertel war dieses nicht mehr besonders stark gewesen, doch jetzt, da er zurück war, schien es Frodo, als hätte dieses Band nie existiert. Zwar hatte Milo ihn mit einem freundlich gemeinten durch die Haare wuscheln begrüßt, sich seither jedoch nicht ein einziges Mal mit ihm unterhalten. Er sprach viel lieber mit Merimac, Seredic und Saradoc über Geschäfte, von denen Frodo seiner Meinung nach ohnehin nichts verstand.
Zu allem Überfluss war Päonie bereits bei ihrer Ankunft hochschwanger gewesen und hatte schon zwei Wochen nach ihrem Einzug ihren ersten Sohn, Mosco, geboren. Die Geburt war ohne Probleme verlaufen, doch Fastred, der zu der Zeit häufig im Brandyschloss gewesen war, hatte bei einem seiner Besuche dennoch einen Blick auf Mutter und Kind geworfen. Lily, seine jüngste Tochter, hatte ihn, wie auch schon an vielen anderen kalten Wintertagen, begleitet. Offensichtlich war sie bei ihm in die Lehre gegangen. Frodo wusste noch genau, wie das Mädchen ihn vor mehr als einem Jahr gemustert hatte, als er dem Heiler Salben brachte. Er erinnerte sich noch gut an das unbehagliche Gefühl, da er zitternd auf der Schwelle gestanden und dem urteilenden Blick in den grünen Augen hilflos ausgesetzt gewesen war. Sie mochte nett sein, doch er konnte sich nicht vorstellen, sich freiwillig von ihr untersuchen zu lassen, war er ihrem kritischen Blick dann doch noch schutzloser ausgeliefert.
Die Augen, denen er seine Aufmerksamkeit hingegen sehr viel lieber schenkte, gehörten Nelke. Seine Blicke waren in den vergangenen Wochen immer häufiger zu ihr gewandert und nicht selten hatte er sie dabei ertappt, wie auch sie zu ihm herüber sah. Wann immer sich ihre Blicke kreuzten, zierte ein breites Lächeln ihre Lippen und eben jenes Lächeln war oft Grund für das Kribbeln in seinem Bauch. Selbst beim Kartenspielen bedachte sie ihn manchmal mit diesem Blick, oder rutschte näher an ihn heran als ihm lieb war. Sie mochte seine Freundin sein, doch sie blieb immer noch ein Mädchen.
Auch als er nun an den Regalen der Bibliothek entlang schritt, ein Bündel, das er mit sanften Fingern an seine Brust drückte, in der rechten Hand, waren seine Gedanken bei Nelke. Er erinnerte sich daran, wie sie mit ihm hier gewesen war, am selben Tag, als sie ihm auch den geheimen Gang gezeigt hatte, den er seither nicht wieder betreten hatte, auch wenn er mehr Zeit mit Nelke verbrachte als zuvor. Manchmal tauchte sie plötzlich neben ihm auf, wenn er ein Buch las und schielte über seine Schultern oder schloss sich mit ihren Freundinnen den Kartenspielen der Jungen an. Ein seltsames Mädchen, auch wenn er sich eingestehen musste, dass ihm ihre Nähe lieb war.
Die Finger seiner linken Hand strichen beinahe zärtlich über die Buchrücken im Regal. Bis auf den Schein einer einzelnen Kerze, die er von draußen mit herein getragen und auf dem Tisch abgestellt hatte, war es dunkel im Raum und hätte er in den Büchern lesen wollen, hätte er kaum ein Wort erkennen können. Doch Frodo ging es nicht um die Bücher, auch wenn ihn deren Duft und deren bloßes Vorhandensein sofort in ihren Bann zogen. Er konnte diesen Raum nicht verlassen, ohne zumindest einmal über die ledernen Buchrücken zu streichen. Seine Absichten waren jedoch andere.
Erst vor wenigen Tagen, als er, auf der Suche nach einem Buch, an den Regalen entlang gegangen war, hatte er in der linken, hinteren Ecke eine lose Diele entdeckt. Die Diele schloss mit der Wand ab, ebenso, wie es das raumhohe Regal tat, und Frodo hätte nicht einmal bemerkt, dass sie nicht fest saß, hätte er sich nicht auf den Zehenspitzen abgemüht, ein Buch, zwei Regale oberhalb seines Kopfes zu erreichen. Lautes Knarren, ein Geräusch, das sich gefährlich nach einem drohenden Einbrechen des Bodens angehört hatte, hatte ihn darauf aufmerksam werden lassen. Neugierig war er zurückgetreten, hatte den Boden untersucht und war auf einen Hohlraum unter der Diele gestoßen. Die lose Holzplatte war nicht besonders breit und Frodo hatte schon gefürchtet, dass ihm dieser vermeintliche Eingang zu einem weiteren Geheimgang nichts nutzen würde, als ihm aufgefallen war, dass der Hohlraum sich über die gesamte Bibliothek erstreckte - zumindest über die lose Diele und jene in ihrer unmittelbaren Umgebung, jenen Teil, den er mit dem spärlichen Licht einer Kerze beleuchten und mit seiner Hand ertasten hatte können.
An eben jene Holzplatte hatte er am vergangenen Abend gedacht. Der Hohlraum darunter erschien ihm das beste Versteck für sein Tagebuch. Niemand würde es hier vermuten und keiner würde sich Gedanken machen, wenn er ab und an in der Bibliothek verschwand, tat er dies schließlich häufig. Hier würde er auch ungestört schreiben können, denn auf dem Tisch standen bereits eine Feder und die dazugehörigen Tintenfässchen, eigentlich dazu gedacht, einem eifrigen Leser die Möglichkeit zu bieten, sich wichtige Dinge zu notieren. Frodo erinnerte sich daran, dass seine Großmutter bisweilen Gebrauch davon gemacht hatte, wenn sie in einem der älteren Bücher über das Auenland Notizen zu irgendwelchen Kräutern gefunden hatte. Hier wäre sein Tagebuch wohl aufgehoben, er würde wieder die nötige Ruhe haben, um seine Einträge zu schreiben und Merry würde sich keine Sorgen mehr machen.
Er wandte sich versichernd um. Nichts rührte sich in der Dunkelheit, nicht einmal das sanfte Licht der Kerze wurde durch einen verirrten Windhauch gestört wie es manchmal der Fall war. Unwillkürlich schloss Frodo seine Finger fester um das Bündel, während er sich hinkniete und mit seiner linken Hand den Boden abtastete. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er die lose Diele fand, das Bündel schließlich zur Seite legte und die Holzplatte vorsichtig löste. Ein leises Knarren hallte durch den Raum, ließ Frodo erschrocken zusammenzucken. Wieder wandte er sich um, sah sich beinahe ängstlich in der Bibliothek um, doch war nichts zu erkennen, außer dem schwachen Licht der Kerze.
Das Küchentuch, das er zuvor aus dem Stapel frisch gewaschener Wäsche hatte mitgehen lassen, zurückschlagend, holte er tief Luft und offenbarte sein Tagebuch. Schweigend betrachtete er es, die Stirn sorgenvoll in Falten gelegt. Eine unbestimmte Angst bemächtigte sich seiner und immer wieder blickte er sich um, als fürchte er, erwischt zu werden. Die kühle Luft der Bibliothek machte ihn frösteln und er schloss für einen Augenblick die Augen.
Er hatte Angst davor, sein Tagebuch hier zurückzulassen, unbewacht und in einem Raum, in dem er nicht halb so oft war, wie in seinem Zimmer. Ein Raum, zu dem jeder freien Zugang hatte. Frodo glaubte nicht, dass jemand von der losen Diele wusste, hatte er sie schließlich selbst nur durch Zufall entdeckt, doch was, wenn dem nicht so war? Was, wenn er eines Tages her kam und sein Tagebuch verschwunden war?
Wieder wanderten seine Augen durch den Raum, während seine Hand Besitz ergreifend auf dem Buch ruhte. Plötzliche Zweifel schlichen sich in sein Herz. Jeder konnte hierher kommen und niemand würde Verdacht schöpfen, verließ er das Zimmer mit einem Buch in der Hand. Wollte er sein Tagebuch wirklich hier aufbewahren, unbewacht?
Frodo schüttelte den Kopf. Er musste es hier verstecken, denn einen sichereren Ort gab es nicht. Früher oder später würde Merrys Neugier über seine Vernunft siegen und er würde darin lesen, wenn es weiterhin in seinem Nachttisch ruhte. Jene Einträge waren für keine Augen, außer für seine eigenen, bestimmt, denn sollte sie dennoch ein anderer zu Gesicht bekommen, wäre der daraus resultierende Ärger groß. Das Tagebuch musste hier bleiben, oder vernichtet werden.
Der Gedanke, sein Buch zu verbrennen, war Frodo schon einmal gekommen. Auch das war ihm anfangs als eine gute Lösung erschienen. Es gehörte sich für einen Jungen nicht, Tagebuch zu schreiben und mit der Vernichtung desselben hätte er zwei Probleme auf einmal beseitigt. Niemand konnte mehr darin lesen und die anderen hatten einen Grund weniger, ihn als anders, als verrückt zu bezeichnen. Doch diese Tat hätte er niemals über sein Herz gebracht. Sein Tagebuch war ihm beinahe ebenso wichtig wie das Bild seiner Eltern. Es war ein Teil von ihm. Er konnte über seine Sorgen nicht sprechen, seinen Gedanken nicht entfliehen, doch er vermochte sie niederzuschreiben und seinen eigenen Schmerz dadurch zu lindern, selbst wenn er nicht vergessen konnte.
Das Tagebuch musste hier bleiben. Entschlossen, doch nicht völlig angstfrei wickelte er es wieder in das Tuch und legte es behutsam in den Hohlraum unter der Diele. Beinahe zufrieden betrachtete er sein Werk, versicherte sich erneut, dass das Buch hier gut aufgehoben war, sah sich ein letztes Mal um und legte die Diele wieder an ihren Platz, ehe er sich erhob und sich den Staub von den Hosen klopfte. Erleichtert atmete er auf, auch wenn er das konstante Pochen seines Herzens deutlich spüren konnte. Besorgt trat er einige Schritte zurück, den Blick sorgenvoll auf dem Fußboden ruhend. Nichts deutete darauf hin, dass hier eben noch eine Platte gelöst gewesen war und das beruhigte ihn. Er hatte sich ein gutes Versteck ausgesucht.
Ohne erneut zurückzublicken, wandte er sich schließlich um, ging raschen Schrittes am Regal entlang, nahm die Kerze vom Tisch und ging zur Tür. Vom schwachen Licht einer Wandlampe willkommen geheißen, pustete er die Kerze aus und stellte den Halter auf das dafür vorgesehene Regal.
"Ich hätte auch gleich darauf kommen können, in der Bibliothek nachzusehen als du nicht draußen warst. Das hätte mir eine lange Suche erspart."
Frodo lächelte in sich hinein, den Blick nicht von der Wand nehmend. Niemand war zu sehen, doch er wusste, dass sie sich hinter der Biegung im Schatten versteckt hielt, vermutlich hoffend, ihn durch ihre, wenn auch sanft gesprochenen Worte, zu erschrecken. Wenn dem so war, sollten ihre eigenen Waffen sie nun zur Strecke bringen. So leise es ihm möglich war, schlich er sich an der Wand entlang und gerade als er um die Biegung spähte, sagte er: "Du hättest es wissen müssen, hast du sie schließlich selbst als meinen Lieblingsplatz erkannt."
Nelke sog scharf die Luft ein, wich erschrocken einen Schritt zurück, die rechte Hand überrascht auf ihrer Brust ruhend.
"Du Dummkopf!" schimpfte sie, was Frodo ein siegreiches Grinsen entlockte. "Bist du des Wahnsinns, mich so zu erschrecken?!"
Er sah sie beinahe beleidigt an, nicht ohne den goldenen Schimmer der Lampe in ihrem offen getragenen Haar zu bemerken. Mit einem sehr selbstzufriedenen Grinsen ging er an ihr vorüber, angestrengt darum bemüht, das Kribbeln, das ihr Anblick hervorrief, nicht zu beachten.
"Nicht weniger wahnsinnig, als du", bemerkte er dann, "schließlich wolltest du mich zuerst erschrecken."
Nelke sah ihm entrüstet hinterher und auch wenn er sich nicht zu ihr umdrehte, konnte er ihren Blick auf sich spüren und es erfüllte ihn mit einer heimlichen Freude, sie ärgern zu können. Die Sorge um sein Tagebuch hatte er schon fast wieder vergessen. Sein Lächeln verschwand jedoch, als sich das Mädchen plötzlich bei ihm einhakte, sich verschwörerisch den Zeigefinger an die Lippen legte und ihn mit einem hinterlistigen Lächeln bedachte, das ihn nicht wenig an Marroc erinnerte. Verwundert runzelte er die Stirn, doch noch sie reagierte nicht darauf, ergriff stattdessen seine Hand und eilte raschen Schrittes durch einen der hinteren und wenig benutzten Gänge in jenen, in dem ihr Zimmer lag. Sie begegnetem niemandem, was Frodo erleichterte, denn so aufgeregt und neugierig ihn ihre Heimlichtuerei auch machte, so unbehaglich ließ sie ihn werden.
"Was hast du vor?", fragte er mit leisem Ton und entzog ihr seine Hand, kaum dass sich ihm eine Möglichkeit dazu bot. Sie standen vor ihrer Zimmertür und Nelke blickte sich erst verschwörerisch nach beiden Seiten um, ehe sie vorsichtig in das Zimmer spähte. Ohne seine Frage zu beachten, sprang sie hinein und zog ihn mit sich.
Frodo war gar nicht erst dazu gekommen, sich seiner Lage klar zu werden und sich ebenfalls umzublicken, als sich seine Hand erneut in der ihren wieder fand. Die zarte Berührung wärmte seine kalten, noch immer mit einer dünnen Staubschicht bedeckten Finger.
Mit einem erfreuten Lächeln, das Frodo mehr in ihrer Stimme hörte als dass er es sah, wandte sich Nelke zu ihm um. "Der erste Teil wäre geschafft."
Dieses Mal war sie es, die ihre Finger von den seinen gleiten ließ und er ertappte sich dabei, wie er ihre Hand für einen Augenblick festhielt, plötzlich Gefallen daran findend. Nelke verharrte reglos, ihre Haltung eine aufgeregter Überraschung, die ihm das Blut zu Kopfe steigen ließ. Rot bis zu den Ohrenspitzen zog er seine Hand eiligst zurück, im Stillen dankbar, dass der Raum dunkel war und nur ein blasser, kaum Licht spendender Schein durch den Spalt unter der Tür hereindrang.
Das Kribbeln in seinem Bauch ließ sich nicht länger verschweigen. Es kam einer wohligen Wärme gleich, die sich wie eine knisternde Flamme in seinem Innern ausbreitete. Frodo ließ seinen Blick heimlich zu Nelke wandern, die die Lampe auf ihrem Nachttisch entzündete. Ein leises Zischen war zu hören, als das Streichholz Feuer fing und ein schwacher, rötlicher Lichtschein für einen Augenblick ihr Gesicht erhellte. Wie nicht selten zuvor, fiel ihm die Schönheit auf, die in ihren Zügen lag und er wandte erschrocken den Blick ab, als er sich dessen bewusst wurde und sie sich lächelnd zu ihm umdrehte.
Seine Wangen glühten, seine Atmung zitterte. Was war nur mit ihm los? Es schien ihm, als hätte Nelke eine geheimnisvolle Macht über ihn. Nur sie konnte ihn so verlegen machen. Nur ihr Anblick ließ ihm das Herz vor Aufregung bis zum Hals schlagen. Dabei gab es nicht einmal einen Grund, aufgeregt zu sein und auch keinen, seine Hand länger in der ihren ruhen lassen zu wollen. Was dachte er sich überhaupt dabei?
"Frodo ist verliebt!"
Pippins Gekicher in seinen Ohren, riss er die Augen auf. Sein Vetter hatte ihn mit seiner Aussage necken wollen, doch was, wenn er im Recht war? War er verliebt? Unwillkürlich schüttelte Frodo den Kopf. Nelke war eine Freundin und er konnte unmöglich in sie verliebt sein.
"Frodo?"
Er war nicht überrascht, als er erkannte, dass Nelke nun wieder vor ihm stand, den Kopf fragend zur Seite gelegt, die Brauen verwirrt zusammengezogen. "Ist alles in Ordnung?"
Ein zaghaftes Lächeln huschte über seine Züge und er nickte eiligst.
"Komm mit", sagte sie dann und kniete sich hinter ihrem Bett auf den Boden, um den Gang, der hinter der kleinen Tür mit dem Messingknauf verborgen lag, zu betreten.
Seiner Lage plötzlich bewusst, blickte Frodo sich unruhig um. Er war in Reginards Zimmer und, anders als Marroc, der in diesem Frühjahr seine ersten Lehrtage als zukünftiger Stallbursche des Brandyschlosses angetreten hatte und ihm nicht mehr allzu schnell zu nahe kommen würde, konnte Nelkes Bruder jederzeit in sein Zimmer treten. Frodo schluckte schwer, ließ seinen Blick beunruhigt zur Tür wandern, als befürchte er, Reginard stünde bereits dahinter. Mit klopfendem Herzen beeilte er sich, hinter Nelke her zu kriechen. Wie schon beim ersten Mal wurde das Rascheln von ihren Röcken zu seinem ständigen Begleiter, während der Schein der Lampe vor ihm jede Ecke des niedrigen Ganges ausleuchtete, bis sie schließlich den kleinen Raum erreichten und es sich auf der ausgebreiteten Decke gemütlich machen konnten.
Frodo blickte sich staunend um. Das Licht der Lampe tauchte die Wände in einen goldgelben Schimmer, ließ lange Schatten daran tanzen. Die Faszination, die dieser Ort auf ihn ausübte, war auch bei seinem zweiten Besuch nicht weniger geworden, auch wenn sich seither nichts verändert hatte. Ein Gefühl von Abenteuer schien dem Raum beizuwohnen und Frodo konnte es sich nur mit Mühe verkneifen, Nelke mit einer neuerlichen Geschichte über den geheimen Gang zu einem Drachenhort zu ärgern.
Ein Kribbeln in seinem Nacken gebot ihm sich umzuwenden. Das Mädchen musterte ihn eingehend, ein Lächeln auf ihren Zügen und ein freudiger Glanz in den grünen Augen. Sie war glücklich und eh Frodo wusste, wie ihm geschah, ging ihr Entzücken auf ihn über und er konnte nicht anders als ihr Lächeln zu erwidern, wenn auch nur zaghaft und mit verlegen niedergeschlagenen Augen.
"Du magst sie auch, nicht wahr?"
Hannas Worte hallten plötzlich in seinen Ohren. Jene Unterhaltung vor fast einem Jahr hatte er vergessen geglaubt. Damals hatte er Hanna nicht ganz glauben können, war sich seiner Empfindungen zu unsicher gewesen, doch nun wurde ihm plötzlich klar, dass er Nelke nicht nur mochte, sondern sie sogar sehr gern hatte. Nach Merry schätzte er sie am meisten, wenn auch auf eine etwas andere Art, denn schließlich war sie ein Mädchen und besaß diese geheimnisvolle Macht über ihn.
"Frodo ist verliebt!"
Er schüttelte den Gedanken vehement ab.
"Was hast du vor?", fragte er stattdessen noch einmal. "Weshalb bin ich hier?"
Nun war es an Nelke, den Blick abzuwenden und selbst im schwachen Licht der Lampe, glaubte Frodo erkennen zu können, wie sich ihre Wangen röteten. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn, so als wisse er nicht, ob ihre Verlegenheit Unbehagen oder ein schadenfrohes Lächeln hervorrufen sollte. Verwirrt legte er den Kopf schief, betrachtete sie eingehend, ohne zu wissen, was er noch sagen sollte, denn immerhin war sie es, die ihn hierher gebracht hatte.
"Ich wollte reden", sagte sie plötzlich und hob zaghaft den Kopf.
Jene Aussage genügte, um einen Pfeil der Anspannung durch Frodos Körper zu senden und jegliches Kribbeln durch Misstrauen zu ersetzen. Seine Augen verengten sich, doch er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Sie wollte reden. Er wusste nicht worüber und deshalb gab es auch keinen Grund, unruhig zu werden. Sie wollte nur reden, weder über ihn, noch über Bilbo. Dies war keines der problematischen Gespräche, die Saradoc und Esmeralda häufig zu führen versuchten, sondern eine Unterhaltung mit Nelke, nicht schlimmer als jedes ernste Gespräch mit Merry. Vielleicht war sie nicht so glücklich wie es den Anschein hatte und wollte nun ihre Sorgen mit ihm teilen. Er war gerne bereit, ihr den nötigen Trost zu spenden.
"Ich wollte über dein Zimmer sprechen."
"Über mein…", Frodo legte verwundert die Stirn in Falten. "Warum denn das?"
Sie zuckte mit den Schultern, sah ihn mit einem Ausdruck verwirrter Entschuldigung an und brachte ein kaum sichtbares Lächeln zustande. Jegliche Anspannung wich aus seinem Körper, während er ihr Gesicht betrachtete als wäre es das einer Fremden. Er verstand sie nicht, wusste nicht, worauf sie mit ihrer Aussage hinaus wollte. Hatte sie ihn am Ende nur hierher gebracht, um ihn zu ärgern?
Nelke war es, die das unangenehme Schweigen, das zwischen ihnen aufgekommen war, zuerst brach. Sie war auf ihren Knien gesessen, hatte sich nun jedoch zur Seite gleiten und ihre Füße unter ihren Röcken verschwinden lassen.
"Ich wollte wissen wie es dir gefällt, dein Zimmer zu teilen, denn schließlich hast du zuvor alleine gelebt", sagte sie schließlich, ohne den geringsten Hauch von Verwirrung, der sich zuvor noch auf ihrem Gesicht abgezeichnet hatte. "Das letzte Mal hast du dein Zimmer noch mit mir tauschen wollen, um nicht mehr alleine zu sein und ich habe mich gefragt, ob es jetzt besser ist, da du mit Merry zusammenlebst."
Frodo konnte seine Überraschung über ihre Aussage kaum verbergen. Mit leicht geöffnetem Mund starrte er sie an. Er hatte ihr nicht zugetraut, dass sie über solche Dinge nachdachte. Dennoch ließen ihn ihre Worte schmunzeln bis er schließlich in leises Gekicher verfiel.
"Dein Zimmer wollte ich doch nicht, weil du es mit deinem Bruder teilst, sondern wegen dem Geheimgang!" Er lachte, während er seinen Blick durch eben jenen wandern ließ. "Ich habe dir schon mehrmals gesagt, dass ich gerne alleine bin und auch mein Einzug bei Merry hat daran nichts geändert."
Für einen Augenblick wirkte sie sowohl geknickt, als auch überrascht, ehe sie schließlich voller Überzeugung kundtat, dass er in diesem Fall wohl lieber in seinem alten Zimmer, als bei seinem Vetter leben würde.
Jene Worte schienen ihn wie einen Schlag zu treffen, denn er wandte den Blick von ihr ab und das Lachen war mit einem Mal aus seinem Gesicht verschwunden. Nelke beunruhigte das. Eigentlich hatte sie nur nach einer Ausrede gesucht, ihn mit sich hierher zu bringen und nicht damit gerechnet, auf ihre nicht ernst gemeinte Bemerkung eine solche Reaktion zu erhalten. In den letzten Monaten hatte sie geglaubt, Frodo wäre zunehmend glücklicher geworden, doch nun fragte sie sich, ob sie sich geirrt hatte. Mit besorgtem Ausdruck betrachtete sie den Jungen, dessen Gesicht schmeichelnd vom Licht der Kerze umspielt wurde. Sie wollte etwas sagen, doch als er den Kopf hob und ihre Blicke sich für einen kurzen Augenblick trafen, fand sie sich unfähig, den Mund zu öffnen.
"Ich bin glücklich dort wo ich jetzt bin", ließ er sie wissen und die Ehrlichkeit in seinen Augen wurde durch seine leise Stimme nicht völlig bestätigt, "doch manchmal wünsche ich mir mein altes Zimmer zurück und die Ruhe, die mir dort vergönnt war."
Frodo wusste nicht, weshalb er ihr das sagte, doch eine plötzliche Welle des Vertrauens hatte es ihm aufgetragen und als er nun in ihre Augen blickte, wusste er, dass sie diese Worte für sich behalten würde. Ein zaghaftes Lächeln huschte über seine Züge. Nelke hatte tatsächlich Macht über ihn, brachte ihn nicht nur in Verlegenheit, sondern auch zum Ausplaudern seiner Gedanken. Nicht einmal Merry wusste davon und er würde sich hüten, seinem Vetter jemals davon zu berichten. Er hatte einen Teil seiner Ruhe zurück gewonnen, indem er sein Tagebuch in der Bibliothek versteckt hatte und das war alles, was er im Augenblick brauchte.
Nelke erwiderte sein Lächeln, überrascht und zugleich erleichtert über seine Worte. Ihr ganzes Leben hatte sie damit verbracht, ihn zu ärgern, auch wenn sie nach dem Tod seiner Eltern ab und an das Gefühl gehabt hatte, auf ihn aufpassen zu müssen. Sie hatte gehört, was die anderen sagten und Frodo verteidigt, wann immer sie den nötigen Mut dazu aufgebracht hatte. Schon damals war etwas an ihm gewesen, das sie nicht losgelassen hatte, auch nicht nachdem er sich nach dem Tod seiner Eltern verändert hatte und zurückgezogener geworden war. Seit ihrem Sieg am Mittjahrstag war ihr Interesse an Frodo noch gestiegen und sie hatte sich immer häufiger dabei ertappt, wie sie ihn heimlich beobachtete und sich schließlich eingestehen müssen, dass sie verliebt war. Sie wusste nicht, ob es Frodo ebenso ging und hatte ihn hierher gebracht, um eben dies zu erfahren. Er mochte sie, dessen war sie sich bewusst, doch…
"Wie sehr magst du mich?"
Frodos Augen weiteten sich, sein Ausdruck eine Mischung aus Überraschung, Verwunderung und purer Erschütterung.
"Ich…", stotterte er hilflos und wandte verlegen den Blick, der zuvor nicht von ihrem Gesicht gewichen war, von ihr ab.
"Frodo ist verliebt!"
Das Kribbeln war mit einem Mal wieder da und er spürte, wie seine Wangen sich röteten. Das Herz klopfte ihm plötzlich bis zum Hals, als eine aufgeregte Neugier ihn erfüllte. Wusste sie bereits, wie sehr er sie mochte und wie froh es ihn stimmte, wenn er mit ihr zusammen sein konnte, auch wenn er sie das nicht wissen ließ? Hatte Pippin schon damals gesehen, was er selbst jetzt noch für beinahe unmöglich hielt?
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Nelke sich bewegte und nur einen Augenblick später spürte er das Kitzeln einer Haarsträhne, die ihr nach vor gerutscht war, an seinem Hals und ihre Lippen auf seiner Wange. Die Flämmchen in seinem Bauch vereinten sich zu einer großen Flamme, die ihre Wärme und ihr Knistern durch seinen ganzen Körper sandte und ihn aufgeregt die Luft anhalten ließ. Er fühlte sich unfähig, sich zu rühren. Freudige Überraschung erfüllte ihn, versetzte jede Faser seines Körpers in Aufregung.
"Ich mag dich nämlich sehr", hörte er Nelke flüstern.
Sie hatte sich nicht zurückhalten können. Etwas in ihr hatte seine Reaktion gedeutet, noch ehe sie sich dessen bewusst geworden war und ein zaghafter Kuss auf die Wange erschien ihr die beste Antwort darauf. Außer ihrem Bruder hatte sie noch keinen anderen Jungen geküsst und selbst dieser war schon viele Jahre lang nicht mehr in den Genuss eines Gute-Nacht-Kusses gekommen.
Sie schluckte, während sie seine Augen fragend auf ihm ruhend ließ. Frodo rührte sich nicht und das ließ sie unsicher werden, bis sie fast davon überzeugt war, einen Fehler begangen zu haben. Sie hatte es geschafft, Frodo zum Freund zu gewinnen und nun küsste sie ihn, ohne überhaupt zu wissen, ob ihm das recht war. Verlegen ließ sie ihren Blick von einer Ecke in die andere wandern, darum bemüht, Frodo nicht anzusehen. Sie fürchtete seine Reaktion, war beinahe froh, dass er nicht geantwortet hatte, doch zugleich konnte sie es kaum erwarten, dass er aus seiner scheinbaren Erstarrung erwachte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Pippin hatte Recht gehabt und Hanna hatte es gewusst. Er war verliebt. Ein Grinsen stahl sich über seine Lippen. Jetzt war er sich sicher: das Kribbeln war alles andere als unangenehm und hatte ihm schon seit langer Zeit verständlich machen wollen, was ihm erst jetzt klar wurde. Er war verliebt. Aufgeregt nahm er einen Atemzug, während seine Hand zögernd über jene Stelle strich, wo eben noch ihre Lippen geruht hatten. Die Haut war warm, doch schien sie unverändert. Er konnte das Blut in seinen Ohren Rauschen hören, ebenso, wie das Pochen seines Herzens. Seine Gedanken waren wirr und er glaubte, Tage zu benötigen, bis er sie wieder geordnet hatte, doch vergingen nur wenige Momente, ehe er mit zitternder Stimme gestand: "Ich habe dich auch sehr gern."
Überrascht hob Nelke den Kopf und ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen schienen im Licht der Lampe zu schimmern. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne zurück, lächelte zaghaft. Frodo konnte den Blick nicht von ihr nehmen und in all der Zeit, wurde sein Lächeln noch breiter. Er hatte nicht vorgehabt, jemals eine feste Freundin zu haben, doch jetzt, da er eine hatte, störte ihn das nicht. Nelke war bestimmt eine gute Freundin und er würde sich auch bemühen, dasselbe für sie zu sein, auch wenn er nicht wusste, was einen guten Freund ausmachte. Im Augenblick störte ihn das jedoch wenig und es hätte ihm genügt, sie für den Rest des Tages anzusehen.
 
~*~*~
 
Zwei Wochen waren seit jener Erkenntnis im Geheimgang vergangen. Die ersten Vorbereitungen für die Lithe-Tage hatten bereits begonnen, doch noch schien die Zeit des Feierns fern und der Herr von Bockland war vollends mit der Heuernte beschäftigt. Frodo und Merry waren dieser beschwerlichen Arbeit nur knapp entkommen, indem sie sich freiwillig dazu gemeldet hatten, die Schafe zu hüten.
Da die Weiden unweit des Brandyschlosses bereits von den vielen Nutztieren des Herrn abgefressen oder abgemäht worden waren, mussten Frodo und Merry die Schafe auf eine Wiese weit im Süden führen. Es war nicht immer leicht, die Mutterschafe und ihre Lämmer beisammen zu halten, doch die beiden Hobbits hatten inzwischen viel Erfahrung und meisterten diese Aufgabe mit Leichtigkeit.
Die Sonne lachte warm vom Himmel, als Frodo sich im Schatten einer Buche niederließ und sich einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche gönnte. Merry wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn und lehnte sich an den kräftigen Stamm des Baumes, um müde die Augen zu schließen.
"Solche Schwäche schon am frühen Morgen?", gab Frodo zu bedenken, obwohl von früh längst nicht mehr die Rede sein konnte, war es doch schon fast Zeit für den Elf-Uhr-Imbiss. "Ich bin enttäuscht."
Er kicherte in sich hinein, während er seine heruntergerutschten Ärmel wieder hoch krempelte und sich der Länge nach im Gras ausstreckte. Der Duft von abgemähten Wiesen mischte sich mit dem der Schafe und stieg ihm in die Nase, bis ein Stück Stoff auf seinem Gesicht landete und er die eben noch entspannt geschlossenen Augen erschrocken aufschlug. Merry hatte sich seines Hemdes entledigt und ihm dieses trotzig angeworfen.
"Wenn du glaubst, um so vieles ausdauernder und wacher zu sein, darfst du dich gerne um unser Essen kümmern, anstatt hier faul in der Sonne zu liegen", ließ sein Vetter ihn frech wissen, während er zu ihren Rucksäcken nickte und sich gemütlicher an den Stamm lehnte.
Frodo gähnte herzhaft, warf Merrys Hemd zur Seite und legte die Hände hinter den Kopf.
"Später", tat er kund, denn der Schatten und das kühle Gras waren nach dem anstrengenden Marsch eine Verlockung, der er gerne nachgab.
Merrys Zeh berührte ihn am Kopf, ließ Frodo gestört murren, was seinen Vetter zum Kichern brachte. "Wer selbst zu faul zum Essen ist, soll hungrig bleiben", meinte dieser erheitert, ehe er nach seinem Rucksack langte und sich ein Brot herausfischte, das er genüsslich und geräuschvoll verzehrte, zweifellos, um Frodo zu ärgern.
Frodo ließ sich davon jedoch nicht stören, sondern hing seinen Gedanken nach. In den letzten Tagen hatte er sich häufig mit Nelke getroffen, war beim Kartenspielen unauffällig näher an sie herangerutscht, oder hatte ihre Hand gehalten, wenn keiner hinsah. Jene Hand mit der weichen, blassen Haut, die die Seine in einer solch warmen Berührung umklammert hielt. Die Berührung ihrer Hand war jedoch nichts im Vergleich zu der Sanftheit ihrer Lippen. Nelke hatte ihn nur dieses eine Mal auf die Wange geküsst und alleine die Erinnerung daran ließ ihn erröten. Obwohl er diesen Augenblick genossen hatte, war er froh, dass sie das nicht noch einmal wiederholt hatte. Er wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Natürlich hatte er schon häufig gesehen, wie ein Paar einen Kuss getauscht hatte, nicht zuletzt seine Eltern, doch hatte es nie zu den Dingen gehört, die er selbst tun wollte, erst recht nicht das, was die Tweens beizeiten taten. Die Art wie ihre Lippen sich fanden, empfand er beinahe als widerlich und er war fest entschlossen, seine Lippen niemals in solch einen Kuss zu verwickeln.
"Was geht eigentlich zwischen dir und Nelke vor?"
Frodo schlug überrascht die Augen auf und konnte ein ertapptes nach Luft schnappen gerade noch verhindern. Merry hatte sich unbemerkt auf den Bauch gelegt und stützte seine Hände nun neben seinem Kopf ab, während er die Augen neugierig auf ihm ruhen ließ.
"Nichts", beeilte sich Frodo zu sagen, doch musste er mit Grauen feststellen, dass sich ein wissendes Grinsen auf Merrys Gesicht abzeichnete.
Merry waren die Blicke, die Nelke und sein Vetter tauschten, nicht entgangen. In den vergangenen Tagen war dies noch häufiger der Fall gewesen, als in den Monaten zuvor. Etwas war in Gange, von dem er noch nicht wusste, doch er war fest entschlossen, dies herauszufinden und er würde nicht eher Ruhe geben, bis Frodo ihm alles erzählt hatte.
"Dann hat also nichts sie gestern Abend nach deiner Hand tasten lassen?"
Frodos Wangen färbten sich dunkler und für einen kurzen Augenblick schien er darauf keine Erklärung zu wissen, was Merry ungemein verzückte. Er konnte die Aufregung seines Vetters förmlich in dessen Augen erkennen, als dieser sich aufzurappeln suchte und sich schließlich mit den Ellbogen vom Gras abstützte. Einige Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch das Blätterdach gefunden hatten, ließen verspielte Lichtpunkte über seinen Körper tanzen, verliehen den dunklen Locken hier und da einen hellen Schimmer.
Frodo spürte, wie sein Mund trocken wurde und sein Herz zu pochen begann. Wusste Merry etwa auch schon davon? War seine Nähe zu Nelke denn so offensichtlich? Angespannt dachte er an die vergangenen Tage und kam zu dem Schluss, dass er Nelke zwar häufig getroffen hatte - im Wohnzimmer, im Garten oder beim Kartenspiel - aber selten mit ihr alleine gewesen war. Merry mochte vieles erkennen, doch über seine neu gefundene Liebe hatte er bestimmt nichts in Erfahrung bringen können. Dennoch fürchtete er, dass seine Stimme zittern würde, wenn er antwortete und war beinahe überrascht, als dem nicht so war und seine Worte stattdessen gleichgültig und fast ein wenig verwundert klangen.
"Was Nelke mit ihren Händen macht, kann mir gleich sein."
Er hätte nicht weiter sprechen sollen, doch die Worte, weshalb ihn das interessieren sollte, waren aus seinem Mund getreten, noch ehe er es hatte verhindern können.
Merrys Augen blitzten mit plötzlicher Erkenntnis und Frodo hätte sich fast auf die Lippen gebissen, als ihn die Ahnung, durchschaut zu sein, beschlich. Er hielt den Blick seines Vetters fest, doch was sich in dessen grinsendem Gesicht abzeichnete, gefiel ihm nicht. Er war erwischt worden! Merry hatte ihn ertappt! Konnte er denn nicht einmal so etwas für sich behalten? War er so leicht zu durchschauen?
"Sag mir nicht, dass du dich in sie verliebt hast!"
Merry brachte es fertig, seine Stimme entrüstet, überrascht und erheitert zugleich klingen zu lassen und Frodo wandte geschlagen den Blick ab.
"Nelke?!" rief Merry aus, unfähig, sich länger liegend mit seinem Vetter zu unterhalten, sodass er sich in eine sitzende Position aufrappelte. Er hatte etwas in dieser Art befürchtet, doch nicht geglaubt, dass es tatsächlich eintreffen würde. Nelke war immerhin eines der lästigsten Mädchen, das er kannte und noch dazu Marrocs Cousine und Reginards Schwester.
"Sie ist eine Nervensäge!"
Frodo ließ sich zurück ins Gras sinken. Er hatte verhindern wollen, dass Merry es erfuhr, zumindest vorerst, doch offensichtlich war ihm das nicht gelungen. Merry würde ihn nun Tag und Nacht damit necken, ihm keine Ruhe mehr lassen. Wenn er Pech hatte, würde sein Vetter Nelke ebenfalls ärgern. Es war bereits zu spät, etwas anderes zu behaupten und er musste das Beste daraus machen. Merry war schließlich nicht dumm und wenn er ihm seine Gründe erklärte, würde er ihn vielleicht sogar verstehen. Dass dieser Fall eintraf, glaubte er jedoch nicht wirklich, verstand er es schließlich selbst noch nicht ganz, doch er konnte es versuchen und an Merrys Freundschaft appellieren, in der Hoffnung, er würde sich zumindest ein wenig zurückhalten und nicht sofort das ganze Brandyschloss in die Neuigkeit einweihen, wie es Pippin zweifelsohne tun würde.
"Sie ist eine liebenswerte Nervensäge", versuchte er, das Mädchen zu verteidigen und blickte sowohl hoffnungsvoll als auch entschuldigend zu seinem Vetter auf.
Merry verdrehte die Augen.
"Wenn du dich schon verlieben musst, warum dann nicht in ein vernünftiges Mädchen wie… wie…", er warf die Hände in die Luft, plötzlich bemerkend, dass es keine vernünftigen Mädchen gab. Seine laute, entrüstete Stimme brach, wurde zu einer leisen, verzweifelten. "Warum musst du dich überhaupt verlieben?"
Frodo zuckte mit den Schultern, einen ahnungslosen Ausdruck im Gesicht.
Kopfschüttelnd ließ sich Merry neben seinem Vetter ins Gras fallen, legte den Kopf auf dessen Brust und ließ den Blick auf der Baumkrone ruhen. Er wollte Frodo nicht verlieren, nicht an Nelke. Was fand er überhaupt an ihr? Vor einem Jahr hatte er schließlich noch gejammert, als er sie zur Spielpartnerin bekommen hatte und nun war er der Ansicht, sie zu lieben? Konnte das überhaupt sein? Er seufzte schwer.
Frodo runzelte die Stirn. Merrys Reaktion war nicht die, die er erwartet hatte und für einen Augenblick fragte er sich, ob er sich darüber freuen oder besorgt sein sollte. Als Merry laut aufseufzte, entschied er sich für letzteres, legte die Stirn in Falten und versuchte, einen Blick auf seinen Vetter werfen zu können, was ihm nur schwer gelingen wollte.
"Ist alles in Ordnung?", wollte er wissen. Merry entgegnete nichts, schien mit einem Mal erzürnt und betrübt, als hätte er soeben die schlimmste Nachricht seit langem erhalten. Für einen Augenblick schloss Frodo bekümmert die Augen. Es schmerzte ihn, dass sein Glück Merry traurig stimmte. "Ist das denn so schlimm?"
Enttäuscht, dass sein Vetter nicht länger der war, der ihm zur Seite stand, wenn es darum ging, die Mädchen zu ärgern, war Merry nicht gewillt, ihm zu antworten. Eine Weile blickte er stur zum Himmel, bis ihm klar wurde, dass er keinen Grund hatte, auf Frodo wütend zu sein, denn schließlich hatte sein Vetter ihm soeben sein neustes Geheimnis offenbart, wenn auch nicht ganz freiwillig. Zwar konnte er nicht verstehen, weshalb Frodo seine Meinung über Mädchen geändert hatte, und noch weniger was er an einem Mädchen wie Nelke fand, doch übel nehmen konnte er es ihm auch nicht. Frodo war nun einmal Frodo und auch wenn ihm vieles an seinem Vetter unverständlich erschien, war und blieb er doch sein bester Freund.
Er nahm einen tiefen Atemzug der frischen Luft, während sich ein Lächeln über seine Lippen stahl.
"Nein, das ist es nicht."

 

65. Kapitel: Neues Glück und alte Sorgen

Anfang Wedmath 1387 AZ
 
Ein freundlicher Sommer zog ins Land. Regen und Sonne wechselten sich ab, sodass es nicht zu unangenehmer Hitze kam und eine reiche Ernte gesichert war. Für Frodo war es ein anstrengender Sommer, denn er musste fleißig bei der Feldarbeit mithelfen oder bei der Heuernte zur Hand gehen, doch das machte ihm nichts aus. Sein Herz war so leicht wie schon lange nicht mehr und ganz gleich, ob er seine Zeit nun mit Merry oder Nelke verbrachte, er war glücklich. Mit Nelke traf er sich jedoch nur selten allein, denn weder er, noch sie wollten, dass eines der anderen Kinder von ihrer engen Freundschaft erfuhr, denn beide wussten um das Gerede, das dann zweifelsohne aufkommen würde. Einzig Merry war darin eingeweiht und der behielt es für sich, auch wenn er es sich nicht nehmen ließ, Frodo manchmal am Abend damit aufzuziehen.
Silberschweif versuchte, nach Frodos Hand zu schnappen, als dieser ihm über die Nüstern strich. Es war ein sonniger, warmer Tag und der Duft von frisch abgemähtem Gras und Mohnblumen hing in der Luft. Frodo lächelte. Er war den ganzen Morgen bei der Heuernte behilflich gewesen und hatte sich nach dem Mittagessen einen Apfel gegönnt. Vermutlich lag der Geruch des Obstes noch auf seiner Hand und Silberschweif hoffte, einen Bissen davon zu ergattern.
"Hier gibt es nichts für dich zu finden, mein Freund", meinte er, strich noch einmal über die Blesse, klopfte dem Tier dann den Hals und beobachtete, wie der Hengst über die Koppel galoppierte. Die Sonne brachte das silberschwarze Fell zum Schimmern und Frodo blickte dem Tier wie gebannt hinterher, legte schließlich die Arme auf den unteren der beiden Balken und ließ seinen Kopf darauf ruhen. Das Pony verkörperte für ihn die Freiheit, nach der er sich sehnte. Seit er sich dessen gewahr war, ritt er noch häufiger aus und bisher war es ihm fast immer gelungen, seine Sorgen und Gedanken hinter sich zu lassen. Silberschweif und seine schnellen Hufe hatten ihm dies ermöglicht und es gab kein Tier in den Ställen des Herrn, das Frodo mehr liebte, als den schwarzen Hengst, dessen Fell von silbernen Haaren durchzogen war.
Ein leichter Wind kam auf, strich ihm sanft über den Nacken und Frodo schloss für einen kurzen Moment die Augen. Merry war bereits in den frühen Morgenstunden mit seinem Vater zum Brückengauer Markt geritten. Brückengau war eine Gegend nördlich der Großen Oststraße, dort, wo die Wässer in den Brandywein mündete. Der dortige Markt war einer der größten im ganzen Auenland, denn das Volk von Balgfurt und Weißfurchen tat sich zusammen, um mit einigen Händlern aus Stock und Froschmoorstetten ihre Waren anzupreisen. Merry war aufgeregt gewesen, seit Saradoc ihm mitteilte, dass er ihn begleiten durfte. Der Herr hoffte dort, wie jedes Jahr, zu erfahren, wie es in anderen Bereichen des Auenlandes, vor allem im Ostviertel, mit der Ernte voran ging und ob mit vollen Vorratskammern gerechnet werden konnte. Auch Frodo hätte mitkommen können, doch zog es ihn nicht auf einen Markt und selbst die Aussicht, dass er dort möglicherweise Fredegar Bolger treffen würde, änderte daran nichts. Er sah lieber einem Tag ohne seinen Vetter entgegen, an dem er ungestört ein wenig Zeit mit Nelke verbringen konnte, die er in der letzten Woche ausgesprochen selten gesehen hatte. Merry hatte dies enttäuscht und Frodo ahnte, dass sein Vetter genau wusste, dass Nelke der Grund für sein Daheimbleiben war. Zwar hatte Merry nichts gesagt, doch hatte er ihm jenen Blick geschenkt, den Frodo nicht recht zu deuten wusste, der jedoch immer häufiger in den Augen seines Vetters lag, wenn von Nelke die Rede war. Er dachte sich jedoch nichts weiter dabei, denn am Morgen schien er seine Entscheidung akzeptiert zu haben, da er ihn ohne ein weiteres Wort der Überredung verlassen hatte.
"Wie immer treffe ich dich nichts tuend an."
Frodo verkniff sich ein Lächeln, als er die Stimme vernahm, die er zu hören gehofft hatte. Ohne sich umzuwenden bemerkte er spitz: "Wie immer erkennst du erst die Faulheit anderer, ehe du den Blick auf deine eigene richtest."
Nelke lehnte sich mit einem verträumten Lächeln neben ihn an den Zaun, um ihre Augen auf den Ponys ruhen zu lassen. Eines wälzte sich im Gras, während zwei andere über die Koppel preschten, als veranstalteten sie ein Wettrennen.
Frodo schielte zu ihr hinüber. Sie trug ein braunes Kleid über einer dünnen Bluse, deren Ärmel sie zurückgeschoben hatte. Das Haar hatte sie sich mit einer Spange hochgesteckt und nur eine einzelne Strähne hing ihr über die Ohren und umspielte ihr Kinn. Vor einem Jahr noch war er um einiges frecher gewesen und Nelke ebenso. Er fragte sich insgeheim, wie es dazu gekommen war, dass aus den Neckereien von damals eine Freundschaft wie die ihre geworden war. Nicht, dass er sie nicht noch immer manchmal ärgerte, doch das Gefühl, dass er nun empfand, war ein anderes. Früher hatte er seine Worte beizeiten durchaus ernst gemeint und der bloße Gedanke, mit Nelke zusammen sein zu müssen, hatte ihn mit Grauen und Abneigung erfüllt. Heute waren seine Worte jedoch nichts weiter als Mittel, sie zum Lachen zu bringen und ihr zu zeigen, dass er ihr in Sachen Frechheit noch immer in nichts nachstand. Manchmal, so wie jetzt, legte er es sogar darauf an, mit ihr alleine sein zu können, denn dann war das Kribbeln am stärksten und er konnte sich offen mit ihr unterhalten.
"Ich habe gehört, du hast Merry und den Herrn nicht begleiten wollen."
Frodo wandte sich ihr zu, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. "Märkte sind langweilig."
Nelke nickte zustimmend, doch ihr Gesichtsausdruck gab klar zu verstehen, dass sie ihm kein Wort glaubte. Sie wusste, weshalb er hier geblieben war und auch wenn es sie mit einer überschwänglichen Freude erfüllte, hütete sie sich davor, den Grund auszusprechen.
Frodo richtete sich auf, ließ seinen Blick zum Brandyschloss wandern, das am nördlichen Horizont aufragte. In der Ferne konnten sie einige Hobbits sehen, die noch immer mit dem Einsammeln der Heumahden beschäftigt waren. Manche schienen sich jedoch auf sie zu zu bewegen und Frodo entschied, dass es besser war, nicht länger hier zu bleiben. Das Gerede der Kinder würde schon schlimm genug sein, doch nichts im Vergleich zu dem der Erwachsenen.
"Komm", sagte er schließlich und ergriff ihre Hand.
Frodos Herz schlug schneller, als sich ein Lächeln über Nelkes Lippen legte und ihre Augen funkelten. Ihre Finger schlossen sich sanft um die seinen. Es kam selten vor, dass Frodo es war, der ihre Hand zuerst ergriff und es erfüllte ihn mit einer ungemeinen Freude, gemischt mit einem Hauch von Verlegenheit, dieses Mal vor ihr gehandelt zu haben.
Unweit der Koppel, verborgen im Schatten eines einzelnen Apfelbaumes, stand Reginard. Die dichten Locken seines kastanienbraunen Haares verbargen die dunklen Augen, die voller Missgunst auf Frodo ruhten. Wie konnte er es wagen, seiner Schwester so nahe zu kommen? Glaubte der Junge tatsächlich, er würde tatenlos zusehen und erlauben, dass er sich mit seiner Schwester traf? Reginard und sein Vetter waren sich in vielen Dingen uneins, doch ihre Meinung über Frodo war dieselbe, nur dass Marroc sich dieser Tatsache schneller gewahr geworden war als er. Nelke war zu gut für ein wimmerndes Muttersöhnchen wie ihn. Sobald sich ihm die Möglichkeit dazu bot, würde er sich selbst darum kümmern, dass Frodo ihr nicht noch einmal zu nahe kam, doch bis dahin hatte er andere Pläne für den Jammerlappen. Seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, folgten den beiden, bis er sie in der Ferne kaum noch erkennen konnte, ehe er sich schließlich umwandte und zum Brandyschloss zurückging.
"Viola und Rubinie sind mit einigen anderen am Fluss", erklärte Nelke, als Frodo plötzlich stehen blieb und sich zufrieden umsah. "Ich werde später noch zu ihnen müssen."
Er wusste, dass sie nicht den ganzen Nachmittag miteinander verbringen konnten, doch zumindest für eine Weile würde sie ihm das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Ihm war klar, dass sie sich dessen nicht bewusst war, doch alleine dass sie seine Freundin war, ließ ihn so empfinden. Von allen Jungen in Bockland hatte sie sich für ihn entschieden, ohne dass er dafür etwas hätte tun oder sein müssen. Bilbos Liebe mochte er nicht verdienen und vielleicht verdiente er ihre ebenso wenig, doch Nelke ließ sie ihm dennoch zuteil werden und dafür war Frodo dankbar.
"Es ist schön hier", sagte sie nach einer Weile und er lächelte zufrieden, während sie mit leuchtenden Augen um sich blickte.
Sie hatten den Platz erreicht, an dem Drogo seinem Sohn einst versprochen hatte, mit ihm Pfeife zu rauchen, wenn dieser alt genug war. Die Erinnerung daran erfüllte Frodo mit Trübsinn, doch ließ er sich das Herz nicht schwer machen.
Der Brandywein, auf dessen braunem Wasser sich das Licht der Sonne spiegelte, plätscherte nicht weit entfernt gemächlich dahin. Ein sanfter Wind wehte über die Hügel, brachte nicht nur das Gras, sondern auch Nelkes Haar und den Rock ihres braunen Kleides zum Tanzen. Kaum ein Geräusch war zu hören und nur gelegentlich drang das Zwitschern eines Vogels oder das Summen einer Biene an ihre Ohren. Um sie herum wölbten sich kleinere und größere Hügel empor, manche von ihnen mit roten Mohnblumen bedeckt. Sie waren auf einem schmalen Weg hierher gelangt, dessen östlicher Rand von einem Waldstück gesäumt war, doch hatten sie diesen inzwischen verlassen.
"Ich komme gern hierher", ließ Frodo sie wissen und verzichtete darauf hinzuzufügen, dass er seit dem Tod seiner Eltern nur ein einziges Mal hier gewesen war, ganz gleich, wie häufig und gern er diese Gegend früher besucht hatte. Hierher war er mit seinem Vater gekommen, wenn er dessen Rat gebraucht oder dessen Nähe gesucht hatte. Seine Mutter hatte oft gelächelt und gescherzt, die beiden Beutlins wären zu sehr an Ruhe und Gemächlichkeit gewöhnt, die ihnen bei den aufgeweckten und fleißigen Brandybocks verwehrt blieben. Häufig hatte sie lachend kundgetan, Drogo hätte in die falsche Familie geheiratet, doch Frodo fand, dass sein Vater sich genau richtig entschieden hatte.
"Träumst du?"
Frodo schreckte aus seinen Gedanken, als Nelke vor seinem Gesicht herumfuchtelte. Lächelnd schüttelte er den Kopf, doch Nelke winkte ab, seufzte und ließ sich ins Gras fallen. "Manchmal wünschte ich, ich könnte deine Gedanken lesen."
Lachend legte sich Frodo neben sie hin, stützte sich mit dem linken Ellbogen ab, um sie ansehen zu können. "Glaub mir, so interessant sind sie nicht."
"Ach nein? Und woran hast du gedacht?"
Frodo betrachtete ihr fragendes Gesicht für einen Augenblick, rollte sich dann auf den Rücken und blickte zum Himmel. Nur wenige flauschigweiße Wolken störten das tiefe Blau.
"Was glaubst du, liegt über den Wolken?"
"Frodo Beutlin!" schimpfte sie und kniff ihn in die Seite. "Du weichst vom Thema ab!"
"Ich weiß nicht, wovon du redest", lachte Frodo, zuckte zusammen und schob ihre Finger von sich weg, als sie ihn erneut kneifen wollte. Es dauerte einen Moment, bis er ihre Hände zu fassen bekam, doch wurde er sofort wieder ernst, als sie von einem weiteren Angriff absah. "Was meinst du, liegt darüber?"
Nelke folgte schließlich seinem Blick und legte die linke Hand hinter den Kopf, während die Rechte auf ihrem Bauch ruhte. Lange Zeit herrschte Schweigen und Frodo konnte das leise Säuseln des Windes hören, während einzelne Grashalme seine Ohren kitzelten, bis Nelke plötzlich voller Überzeugung kundtat, dass es die Sterne wären. Frodo brach in schallendes Gelächter aus.
"Natürlich!" rief er aus, als er glaubte, genug Luft zum Sprechen gefunden zu haben, wurde jedoch sofort von einem weiteren Lachanfall geschüttelt. "Und der Mond ist auf der anderen Seite der Sonne!"
"Natürlich nicht!" ließ Nelke ihn gekränkt wissen und stieß ihn in die Seite. Als dies nichts an Frodos Gelächter änderte, kniff sie ihn erneut, ließ ihn dadurch überrascht zusammenzucken, doch lachte er noch immer. Beleidigt richtete sie sich auf, ein verschmitztes Grinsen auf ihren Zügen. Was glaubte er denn? Er könne sie Dinge fragen, zu denen er selbst keine Lösung wusste und dann ihre Antwort belächeln?
Frodo wusste nicht, wie ihm geschah, als sie sich plötzlich auf ihn stürzte und ihn überall dort kitzelte, wo er sich gerade nicht zu schützen wusste. Er hatte alle Mühe, ihre Hände von ihrem kleinen Racheakt abzuhalten, doch nach einigem Gerangel bekam er schließlich ihre Handgelenke zu fassen. Nelke schmunzelte, während er sich die Lachtränen aus den Augen blinzelte und die letzten Gluckser zu verhindern suchte.
"Wenn du so viel klüger bist, dann sag mir doch, was über den Wolken ist?", forderte Nelke ihn heraus und bedachte ihn mit einem überlegenen Blick, den Frodo zu ihrer Überraschung erwiderte. Offensichtlich sehr mit sich selbst zufrieden, ließ er von ihren Handgelenken ab, wischte sich schmunzelnd die Spuren seines Lachanfalles aus dem Gesicht und legte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zurück ins Gras. Sein Blick ruhte auf einer Wolke, die über ihm dahin zog und einen blassen, kaum sichtbaren Schatten über die Hügel gleiten ließ.
"Ich weiß es nicht", gestand er dann mit einem Lächeln und nahm gerne in Kauf, dass er einem weiteren Kneifen von Nelke hilflos ausgeliefert war.
 
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Die Sonne stand bereits im Westen, als Marroc vier Heugabeln in der Scheune verstaute und sich den Schweiß von der Stirn wischte. Seit dem Frühling stand er unter der Aufsicht von Merimac, Marmadas und vielen Stallburschen, die alle einen höheren Rang zu haben schienen als er, denn scheinbar war es jedem vergönnt, ihn herumzuordern. Er hatte lange damit gewartet, sich eine Lehrstelle zu suchen, und dass auch seine Eltern dieser Sache nicht nachgegangen waren, war ihm nur Recht gewesen. Doch als der Winter in den Frühling übergegangen war, hatte Saradoc mit seinem Vater gesprochen und ihm eingeredet, er müsse arbeiten. Der Herr war der Ansicht gewesen, dass er seine Kraft im Stall am sinnvollsten einsetzen konnte. Marroc selbst hielt von dieser Idee überhaupt nichts, und hätte sein Vater dies vorgeschlagen, hätte er sich aufgelehnt, doch gegen Saradocs Wort kam er nicht an, nicht in dieser Angelegenheit. Er hasste den Herrn dafür und war fest entschlossen, seine Arbeit schlecht zu machen, doch ständig war jemand an seiner Seite, trieb ihn zur Eile oder wies ihn zurecht, wenn er unordentlich wurde. Noch mehr als den Herrn von Bockland hasste Marroc die Ställe und jenen, dem er diese Arbeit zu verdanken hatte. Zweifelsohne war der Herr nur wegen dem kleinen Jammerlappen auf die Idee gekommen, ihn hier zur Arbeit zu verpflichten und Marroc konnte den Tag seiner Rache kaum abwarten. Frodo würde dafür bezahlen, dass er jetzt von allen die Arbeit aufgeladen bekam, für die sie zu faul waren.
Überrascht wandte er sich um, als er ein leises Zischen vernahm. Sein Vetter trat aus den Schatten hinter dem Heuboden und Marroc grüßte ihn mit einem Kopfnicken. Seit er nicht mehr dazu in der Lage war, immer wieder ein Auge auf Frodo zu werfen und so den richtigen Augenblick für seine Rache zu wählen, hatte er Reginard mit dieser Aufgabe betraut. Mit seiner Hilfe wollte Marroc einen Zeitpunkt wählen, an dem Frodo sowohl alleine, als auch leicht angreifbar war. Der heutige Tag war ihm dafür gut geeignet erschienen, denn der Sohn des Herrn, der wie eine Klette am Muttersöhnchen hing, war endlich fort. Doch er hatte Frodo nur morgens bei der Ernte beobachten können und es hatte ihn verärgert, dass ein zufriedenes Lächeln sein armseliges Gesicht geziert hatte. Anders als ihm, schien Frodo diese Schinderei auch noch Spaß zu machen und das hatte Marroc nur noch mehr Hass empfinden lassen. Sofort hatte er Reginard damit beauftragt, Frodo zu beobachten. Er würde seine Rache kriegen, und er würde sie heute bekommen.
"Wo ist er?", zischte Marroc, während er die Gabeln an die Wand lehnte.
Reginard blickte sich versichernd um, ein Anflug von Unruhe in seinem Ausdruck. Marroc war wegen Frodo schon häufig in Schwierigkeiten mit dem Herrn geraten, doch ihm schien das offensichtlich nichts auszumachen. Im Gegensatz zu seinem Vetter war Reginard jedoch nicht dazu bereit, sich wegen jemandem wie Frodo Ärger einzuhandeln und wollte dies, zumindest vorerst, Marroc überlassen. Sollte der Kleine seine Lektion dann noch immer nicht begriffen haben und seine Schwester weiterhin auch nur ansehen, würde ihm jedoch nichts anderes übrig bleiben, als ebenfalls einzugreifen. Und dann würde es nicht bei einer Drohung bleiben.
"Heute Nachmittag ging er nach Süden", erklärte er. "Ich vermute, dass er sich irgendwo dort am Flussufer herumtreibt, denn bisher habe ich ihn nicht zurückkehren sehen."
Den ganzen Nachmittag hatte er immer wieder nach Süden geblickt. Seine Schwester war zur Teezeit zurückgekehrt, um sich mit ihren Freundinnen am Fluss zu treffen, doch von Frodo fehlte jede Spur.
Ein gemeines Grinsen zeigte sich auf den Zügen seines Vetters und Reginard war froh, dass er nicht Ziel dieser funkelnden Augen war. Früher war er es manchmal gewesen, der Opfer von Marrocs Zorn geworden war, doch hatte sich das geändert, seit dessen Hass auf Frodo zugenommen hatte. Da Frodo es war, der auch Ziel seiner eigenen Wut war, zumindest seit er es gewagt hatte, seine Schwester anzufassen, empfand Reginard kein Mitleid mit ihm, hätte Marroc auf seinem Rachefeldzug am liebsten begleitet und sei es nur, um zuzusehen, wie der Kleine um Gnade bettelte, wie er es scheinbar schon einmal getan hatte.
"Ich werde mich um ihn kümmern", sagte Marroc schließlich und das Licht, das durch die Risse im Holz hereindrang, malte unheimliche Schatten auf sein Gesicht. Zufrieden klopfte der Ältere seinem Vetter auf die Schultern, ehe er in die Sonne hinaustrat, zumindest für heute verfrüht mit der Arbeit fertig.
 
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Frodo saß auf einem Stein am Ufer des Flusses und ließ die Füße baumeln. Nur kurz war er im Wasser gewesen, hatte den Fluss jedoch wieder verlassen, nachdem er nur zwei Schritte von dem Stein entfernt, auf dem er es sich nun gemütlich gemacht hatte, bis über dem Bauchnabel im Wasser gestanden war. Frodo mochte einen Großteil seiner Angst vor dem Fluss verloren haben, doch er war nicht gewillt, zu testen, wie tief er wohl im Wasser stehen würde, wenn er zwei weitere Schritte tat.
So begnügte er sich damit, seine Füße abzukühlen, während er verträumt den Fluss beobachtete. Verspielt kräuselte sich das braune Nass um einen Felsen, der unweit seiner Uferseite aus dem Wasser ragte. Einige Wasserläufer bewegten sich mit ihren langen Beinen flink über den Fluss und Frodo fragte sich im Stillen, weshalb sie nicht untergingen. Die Sonne hatte ihren Weg nach Westen fortgesetzt und er würde bald aufbrechen müssen, wenn er nicht zu spät zum Abendessen kommen wollte. Doch Frodo war unwillig, diesen Ort zu verlassen, denn er genoss die Ruhe, die ihm hier zuteil wurde. Den ganzen Nachmittag hatte er mit Nelke hier verbracht, doch das Mädchen war schon lange zu ihren Freundinnen gegangen, hatte ihn alleine zurückgelassen, was ihn jedoch nicht störte. Er hatte diesen Ort viel zu lange gemieden, denn die Erinnerung hatte ihn geschmerzt. Sie schmerzte noch, doch war es keine Qual mehr, auch wenn manche Bilder, die ihn hier unweigerlich heimsuchten, einen schwermütigen, fast schon bitteren Beigeschmack besaßen.
"Ich weiß zwar nicht, was du an diesem Ort findest, doch ich bin dir dankbar, dass du die Einsamkeit suchst. So machst du es mir leichter."
Erschrocken fuhr Frodo herum. Er hatte nicht damit gerechnet, hier auf jemanden zu treffen, erst recht nicht auf Marroc, dessen Stimme er erkannt hatte, noch ehe er ihn sah. Breitbeinig hatte sich dieser hinter ihm aufgebaut und Frodos Augen weiteten sich sorgenvoll, während er sich beeilte, die Füße aus dem Wasser zu nehmen und sich dem Älteren zuzuwenden. Sein Peiniger hatte sich lange im Hintergrund gehalten, zu lange. Mit wachsender Unruhe wurde Frodo plötzlich klar, wie unvorsichtig er geworden war und fürchtete bereits, dass er nun dafür bezahlen musste.
"Was willst du?", fragte er mit einer Stimme, die zu seiner Überraschung nichts von dem Unbehagen, das seinen Körper ergriffen hatte, preisgab, und fügte in Gedanken noch hinzu, Wie hast du mich gefunden?
Einzig Nelke wusste, dass er hier war, doch sie würde ihn nie verraten.
"Ich will viele Dinge", erklärte Marroc mit einer Gleichgültigkeit, die seiner Stimme einen unheilvollen Unterton verlieh, "doch nur wenige werden mir zuteil."
Angespannt musterte Frodo den älteren Hobbit, der vor dem Stein auf und ab ging, ohne ihn auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen. Die Abendsonne spielte mit dem nussbraunen Haar und Frodo wusste mit Übelkeit erregender Gewissheit, dass dieser Ruhe ein Sturm folgen würde, sollte er Marroc nicht schnell genug entgehen können. Er schalt sich selbst für seine Dummheit. Seit Marroc in den Ställen arbeitete, war Frodo ihm noch seltener begegnet und er hatte geglaubt, dass nun keine Gefahr mehr drohte. Wie hatte er nur so leichtsinnig sein können?
"Etwas werde ich mir gleich selbst gönnen", fuhr Marroc in demselben ruhigen Ton, der Frodo das Blut in den Adern gefrieren ließ, fort "während anderes von dir…", er machte eine kurze Pause, als müsse er seine Wortwahl bedenken, "… besorgt werden kann."
Frodos aufkeimende Angst schärfte seine Sinne. Er hörte den Wind säuseln, hörte das gemächliche Plätschern des Flusses, hörte wie sein rechter Fuß auf dem Gras zu ruhen kam, nachdem er sich endlich vollends vom Brandywein abgewandt hatte. Er biss sich auf die Lippen, hoffend, dass Marroc dieser Dinge nicht ebenfalls gewahr war, denn er wollte jenen Augenblick zur Flucht nutzen, an dem sein Peiniger am weitesten von ihm entfernt stand. Doch Marrocs Augen ruhten auf ihm, schienen ihn mit ihrem Blick an dieser Stelle festzunageln. Seine Atmung ging schwer, zitterte mit jedem Luftholen mehr. Die Zeit des Redens würde nicht mehr lange anhalten und Frodo war nicht erpicht, zu erfahren, was Marrocs Worten folgen sollte.
Ruckartig stieß er sich vom Stein ab und stürmte davon, doch wie er es gefürchtet hatte, hatte Marrocs Aufmerksamkeit nicht nachgelassen und ehe Frodo mehr als fünf Schritte getan hatte, hatte Marroc seine Arme um seine Brust geschlungen, beraubte ihn dadurch der Luft in seinen Lungen und seiner Bewegungsfreiheit. Die Furcht, die er zuvor unter Kontrolle hatte halten können, brach wie eine Welle über ihn herein. Wie wild geworden trat er um sich, keuchte, versuchte mit aller Gewalt, sich aus Marrocs Griff zu winden, doch dieser hielt ihn nur noch fester. Er war gefangen wie eine Fliege im Netz der Spinne. Ein hohles Gefühl breitete sich in seinem Bauchraum aus. Er konnte das wilde Pochen seines Herzens am Hals spüren, hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.
"Lass mich gehen!" verlangte er, doch konnte er die Angst auch in seiner Stimme nicht länger verbergen. Die Worte klangen schrill in seinen Ohren. Schrill und hilflos.
"Weshalb sollte ich das tun, jetzt da ich dich endlich habe?"
Marrocs Worte ließen ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen und Frodo war nicht in der Lage, das angstvolle Zittern, das diesen begleitete, zu unterdrücken. Er konnte Marrocs hämisches Grinsen mehr spüren, als dass er es sah. Verzweifelt versuchte er, seinen Gegner ins Schienbein zu treten, doch Marroc war schneller, trat ihm erst auf die Zehen, sodass er ins Straucheln geriet und verpasste ihm dann mit dem Knie einen heftigen Stoß, woraufhin er der Länge nach zu Boden fiel.
Frodo biss sich auf die Lippen, hatte jedoch keine Zeit, Schmerz zu empfinden, sondern rappelte sich sogleich auf, um einen erneuten Fluchtversuch zu wagen. Wieder war Marroc schneller. Frodo hatte nicht einmal Zeit, zu sehen, wo sein Peiniger war, als dieser ihn erneut packte und zu Boden warf. Dieses Mal schlug er mit dem Hinterkopf im Gras auf. Neben sich konnte Frodo den Fluss hören und als er sich mit der linken Hand aufzustützen suchte, griff er ins Wasser. Von entsetzlicher Furcht ergriffen, war er zu keinem klaren Gedanken fähig, wusste nur, dass er Marroc nicht entkommen konnte. Inzwischen hatte sich sein Peiniger vor ihm aufgebaut und die Sonne schien golden in sein Gesicht. Mit dem letzten bisschen Verstand, das ihm in seiner Lage noch geblieben war, zwang Frodo sich dazu, sich zusammenzureißen. Wenn Marroc ihn verprügeln wollte, sollte er das tun und er würde sich verteidigen, so gut er es eben konnte, aber aufgeben würde er nicht. Entschlossen blickte er zu seinem Gegner auf, bereit, seinem Schicksal entgegenzutreten, ganz gleich, wie sehr es ihn ängstigte.
Marrocs Augen verengten sich zu wutentbrannten Schlitzen. Wie konnte er es wagen, ihn selbst jetzt noch so anzusehen. Wie er diesen Blick hasste! Dieses entschlossene Glimmen, das ihm trotz der Angst, die Frodos jämmerlicher Gestalt deutlich anhaftete, immer wieder entgegen trat. Er würde das Glühen auslöschen, doch noch nicht. Der Kleine wollte sich erneut aufrappeln, aber Marroc wusste dies zu verhindern, kniete sich mit all seinem Gewicht auf die Brust des Jungen und tastete nach dessen Handgelenken, die Frodo ihm jedoch zu entwinden suchte.
Frodo war fest entschlossen, kein Geräusch von sich zu geben. Weder ein Jammern, noch eine trotzige Antwort oder eine Aufforderung, ihn in Frieden zu lassen. Seine Hoffnungen waren zwar gering, doch vielleicht würde Marroc dadurch das Interesse verlieren. Diesen Vorsatz vergaß er jedoch fast, als ein gefährliches Funkeln in Marrocs Augen trat. Eben jenes Funkeln, das Frodo zuletzt bei ihrem letzten großen Streit gesehen hatte, Momente bevor Marroc wie blind vor Wut auf ihn eingeprügelt hatte. Seine Furcht lähmte ihn, ließ kalte Schweißperlen auf seiner Stirn sichtbar werden. Es war zu spät, jenem Zorn noch zu entfliehen und auch wenn er einen letzten zaghaften Versuch wagte, sich aufzurichten, wusste er, dass er bereits verloren hatte. Marrocs Knie bohrten sich in seine Brust, während er seine Hände zu Boden drückte, sodass er sich nicht verteidigen konnte.
"Weißt du, dass es allein deine Schuld ist, dass ich in diesem verfluchten Stall arbeite?", zischte Marroc durch zusammengepresste Zähne.
Frodo war verwundert, dass er eine Erklärung erhielt, weshalb er verprügelt werden sollte, denn für gewöhnlich bedurfte sein Peiniger dessen nicht. Noch überraschter war er jedoch von Marrocs Worten. War er jetzt völlig verrückt geworden oder suchte er nur nach einer Ausrede, mit der er sich selbst weiß machen konnte, er hätte einen Grund ihn zu verprügeln? Marroc war schließlich ein Tween und jeder Tween musste früher oder später arbeiten. Was konnte er dafür, dass ihm diese Arbeit nicht gefiel?
Die lähmende Angst fiel von ihm ab, machte verständnisloser Wut Platz. Er wollte seinen Vorsatz gerade brechen, als Marroc die Antwort auf seine Frage von alleine preisgab.
"Mein Vater hätte sich nie um eine Lehrstelle gekümmert, hätte nicht der Herr den nötigen Druck ausgeübt. Er meinte, dort käme ich nicht wieder auf die Idee, andere quälen zu müssen. Er will nicht einsehen, dass ich ihm einen Gefallen tue, wenn ich dich aus dem Weg schaffe, will nicht begreifen, dass ein wimmerndes Muttersöhnchen wie keinen Wert hat."
Frodo versuchte, seine Hände aus Marrocs Griff zu winden, doch dessen Finger umklammerten seine Handgelenke nur noch fester, erweckten pochende Schmerzen, die sich bis in seine Finger zogen. Seine Augen funkelten zornig, doch Frodo war zu keiner Antwort fähig, denn jeder Atemzug kostete ihn Mühe und er glaubte, Marrocs Gewicht nicht mehr lange auf seiner Brust aushalten zu können. Er keuchte, versuchte, sich von Marroc wegzudrehen, doch sein Peiniger erlaubte ihm nicht die kleinste Bewegung und Frodo spürte, wie sich eine neue Welle der Angst in ihm ausbreitete. Wenn Marroc nicht sofort von ihm abließ, würde er ihn erdrücken. Das Atmen fiel ihm plötzlich noch schwerer und Frodo kniff angstvoll die Augen zusammen, um nicht in Panik zu geraten. Er musste ruhig bleiben, ruhig bleiben. Völlig verkrampft versuchte er, sich auf die Geräusche des Sommerabends zu konzentrieren, doch nichts drang an sein Ohr, außer Marrocs Stimme.
"Ich könnte dir neuen Wert geben", versprach sie voller Hohn.
Frodo öffnete die Augen, um Marrocs Gesicht zu begegnen, das nun dicht vor seinem lag. Ein unangenehmes Kribbeln durchzog seinen angespannten Körper, während er mühevoll dem stechenden, kalten Blick standhielt.
"Du könntest deine Schuld bei mir abtragen", schlug Marroc vor. "Da du es warst, der mich in diese missliche Lage gebracht hat, bist auch du es, der diesen Zustand angenehmer gestalten kann."
Frodos zitternde Atemzüge stockten und ein hämisches Grinsen zeichnete sich auf Marrocs Gesicht ab, als dieser sich dessen Aufmerksamkeit sicher war. Noch besser, als dem Jungen Schmerz zuzufügen war, ihn für sich arbeiten zu lassen.
"Du wirst mir den Tag versüßen, indem du mir einige Kleinigkeiten besorgst", fuhr er mit sachlichem Tonfall fort, ließ seine Worte jedoch zugleich wie eine Drohung klingen. "Mal wird es ein Apfel sein, mal ein Kuchenstück, mal etwas anderes. Das werde ich aus dem Bauch heraus entscheiden." Das Grinsen in seinem Gesicht wurde noch breiter, als er sah, wie sich Frodos Augen in purem Unglauben weiteten. Dann verdunkelte sich seine Miene jedoch und er verstärkte den Griff um die Handgelenke des Jungen, bis seine Knöchel weiß hervortraten. "Arbeite für mich, oder du wirst deines Lebens nicht mehr froh."
Frodo konnte nicht glauben, was er hörte. Einst mochte er getan haben, was Marroc verlangte, doch diese Zeiten waren vorüber. So leicht würde er sich nicht wieder in die dunklen Machenschaften des Älteren ziehen lassen, erst recht nicht für etwas, wofür er keine Schuld trug.
"Lieber sterbe ich, als dass ich für dich stehle!" brachte er keuchend hervor, ohne sich über die Konsequenzen seiner Worte im Klaren zu sein.
Ein Blitzen trat in Marrocs Augen, das Frodo hätte zurückweichen lassen, wäre er ihm gegenübergestanden und nicht bereits hilflos vor ihm auf dem Boden gelegen.
"Das sollst du haben!" fauchte er und ehe Frodo wusste, wie ihm geschah, war Marroc aufgestanden, hatte ihn am Kragen gepackt und ihn hochgehoben.
Frodo schlug um sich, versuchte, Marrocs Finger zu lösen, doch seine Kraft reichte nicht aus. Jenes unberechenbare Funkeln war in die Augen seines Peinigers zurückgekehrt und Frodo wusste, dass ihn jetzt nichts mehr aufhalten konnte. Kalte Angst ergriff ihn, schnürte ihm die Luft ab und breitete sich, einem unaufhaltbaren Gift gleich, in seinem Körper aus, machte ihn für alles unempfänglich, außer für Marrocs todverheißende Augen. Er schnappte nach Luft, als er plötzlich das kalte Wasser des Brandyweins an seinen Füßen spürte, das langsam aber bestimmt immer weiter anstieg. Erst umspielte es seine Knöchel, dann seine Kniekehlen, dann war es bereits auf Höhe seiner Hüften. Zu spät verstand Frodo, was Marroc vorhatte. Er begann zu strampeln, denn er hatte keinen Boden unter den Füßen. Er traf Marroc, der inzwischen ebenfalls im hüfthohen Wasser stand, mindestens zwei Mal, doch schien ihm dies nichts auszumachen. Frodo wusste, dass ihm das Wasser hier bis zum Bauchnabel reichte, doch der Grund schien ihm unerreichbar.
Seine Stimme endlich wieder findend, schrie er auf, grub seine Finger verzweifelt in Marrocs Arme, doch jegliche Gegenwehr kam zu spät.
Plötzlich konnte er den sandigen Untergrund und die wenigen Steine unter seinen Füßen spüren, doch noch ehe er Halt finden konnte, wurde er tiefer unter Wasser gedrückt. Er schloss die Augen und die Welt verschwamm in Dunkelheit. Nur das Sprudeln des Wassers drang an sein Ohr. Das Wasser war kalt an seinem Nacken und am Kopf. Er strampelte, schlug sich dabei die Ferse an einem spitzen Stein auf, doch er gelangte nicht zurück an die Oberfläche. Marroc hielt ihn erbarmungslos unter Wasser. Frodo griff nach dessen Hand, doch der klammernde Griff des Älteren wollte sich nicht lockern. Er würde ihn umbringen!
Ruckartig wurde er aus dem Wasser gerissen und Frodo schnappte verzweifelt nach Luft. Er war nicht in der Lage, die Augen zu öffnen, ehe Marrocs Stimme erneut an sein Ohr drang.
"Wirst du für mich arbeiten?"
Niemals! Frodo schüttelte entschlossen den Kopf, während er sich nur schwach bewusst wurde, dass Kleider und Haare nass und kalt an seinem Körper klebten und ein dumpfes Pochen sich seines rechten Fußes bemächtigt hatte. Für einen kurzen Augenblick spürte er die Kälte eines schwachen Luftzuges, doch noch ehe er ausreichend Luft geholt hatte, wurden diese Eindrücke wieder durch die dumpfen, beinahe schwerfälligen Laute unter Wasser ersetzt. Er hörte das undeutliche Rauschen seiner strampelnden Bewegungen, hörte das Blubbern der letzten Luftbläschen, die aus seinem Mund entwichen. Das Wasser schmeckte schleimig, war mit einzelnen Sandkörnchen versehen. Wenn er nicht immer wieder mit den Füßen an den Boden geschlagen wäre, hätte er geglaubt, er würde schweben.
Frodo spürte ein Brennen in der Lunge. Er musste atmen - sofort! Verzweifelt biss er sich auf die Lippen, um der Versuchung, nach Luft zu schnappen, nicht nachzugeben, atmete jedoch zugleich durch die Nase ein wenig des Wassers ein.
Hustend und strauchelnd wurde er wieder an die Oberfläche gerissen. Er sog die Luft in sich auf, nur um sich ihrer hustend wieder zu entledigen.
"Deine Antwort?"
Frodo kniff Marroc schmerzhaft in den Unterarm. Er würde nicht stehlen. Seinem Peiniger war dies offensichtlich Antwort genug, denn gerade als Frodo den ersten vernünftigen Atemzug hatte nehmen können, schloss sich der Fluss erneut über seinem Kopf. Dieses Mal öffnete er die Augen. Das Wasser hatte hier eine grünlichbraune Farbe, die immer dunkler wurde, je weiter er nach unten sah. Er hatte Sand aufgewirbelt, der nun vor seinen Augen tanzte, während sich die Sonne spottend an der sich kräuselnden Oberfläche spiegelte. Wieder trat er um sich, in einem verzweifelten Versuch sich zu befreien, doch seine Kräfte reichten nicht aus. Dieses Mal befand sich weitaus weniger Luft in seinen Lungen als zuvor und Frodo begann sich plötzlich zu fragen, ob seine Eltern vor ihrem Tod ebenso empfunden hatten. Hatten sie dasselbe Brennen in ihren Lungen gefühlt, denselben Drang verspürt, zu atmen? Ein Verlangen, so stark, dass es nicht verwehrt werden konnte. Hatten auch sie noch die letzten Strahlen der Sonne gesehen, die ihnen wie zum Hohn den Weg zu einer Oberfläche gezeigt hatten, die sie aus eigener Kraft nicht länger erreichen konnten? Starb er nun auf dieselbe Weise, wie sie es getan hatten?
Tränen stiegen in ihm auf. Er wollte nicht sterben, nicht im Brandywein. Nie hätte er geglaubt, dass Marroc ihn wirklich töten würde, doch hätte er es wissen müssen, als er das gefährliche Funkeln in dessen Augen gesehen hatte.
Seine Augen brannten und als er seine Lider schloss, sah er seine Eltern. Sie trieben im Fluss, schwebten, wie er es nun tat, denn seine Füße hatten aufgegeben, sich vom Grund abstoßen zu wollen. Ihre Kleider bauschten sich um ihre Körper und das dünne, blaue Tuch, das seine Mutter in der einen Hand hielt, wurde vom Wasser zu ihm herüber getragen und legte sich um seinen Hals. Leise wimmernd, ließ Frodo nun auch von Marrocs Unterarm ab und nahm einen tiefen Atemzug.

66. Kapitel: Schmerz

Marroc spürte, wie Frodo den Kampf gegen ihn aufgab und erst da wurde ihm klar, wie lange er sein Opfer bereits unter Wasser hielt. Der Funke in seinen Augen erlosch und von plötzlichem Unbehagen ergriffen, riss er den Körper, der ihm hilflos unterlegen war, wieder aus dem Fluss. Wie leblos sank dieser gegen seine Brust. Von plötzlichem Schrecken ergriffen, umklammerte Marroc die Oberarme des Jüngeren, schüttelte ihn, um Farbe, Leben, in das Gesicht des Jungen zurückzulocken.
Gefangen vom schmerzlichen Anblick seiner Eltern erlaubte Frodo seinem Geist ihn zu verlassen. Er gab sich auf, wissend, dass Marroc ihn nie würde gehen lassen. Das Wasser brannte sich seinen Hals hinab. Seine Lungen füllten sich damit und bald verklang auch das Verlangen zu Husten. Er bemerkte kaum, wie er hochgehoben wurde, bis Schwindel ihn überfiel und er erneut zu husten begann. Anstelle des befürchteten Wassers füllte jedoch Luft seine Nase und Frodo riss vor Überraschung die Augen auf. Würgend und keuchend hustete er die Flüssigkeit aus seinen Lungen, begierig den ersehnten Lebenshauch an deren statt zu fühlen. Der erste Atemzug brannte in seinen Lungen wie eine lodernde Flamme, doch es war ihm gleich. Sollte er brennen, so lange er nur wieder atmen konnte. Sein Körper zog sich krampfhaft zusammen unter der Macht dieses Verlangens und als er verzweifelt einen weiteren Zug nahm, drängte sich das Wasser seinen Hals empor. Der grausige Geschmack von Sand und Algen legte sich auf seine Zunge, der faule Geruch des Todes füllte seine Nase und er spuckte und spie, um sich dessen zu entledigen.
Er blinzelte, ob dem Gras, das seine Wangen und Arme kitzelte. Die Sonne blendete ihn und immer wieder schlossen sich seine Lider, als einzelne Wassertropfen in die empfindlichen Augen zu rinnen drohten. Schwerfällig stützte er sich auf seinen linken Arm, würgte einige Male trocken, als könne er sich dadurch des schleimigen Geschmackes, der noch auf seiner Zunge lag, entledigen, doch es gelang ihm nicht und so ließ er sich schwer zurück ins Gras sinken. Eine Hand ruhte auf seiner Brust, die andere lag wie leblos neben seinem Körper. Nur langsam beruhigten sich seine ruckartigen, flachen Atemzüge, die aus reiner Verzweiflung geboren waren, bis sich seine Brust schließlich in gleichmäßigen Bewegungen hob und senkte. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören, spürte jeden verzweifelten Herzschlag, doch noch würde er nicht sterben.
"Du bleibst also bei deiner Antwort?"
Frodos Augen weiteten sich in blankem Entsetzen. Unbeholfen setzte er sich auf, schwindelte kurz und wich zurück, ehe seine zitternden Arme wieder unter ihm weg brachen. Kalte Angst spiegelte sich in seinen Augen wider. Jegliche Entschlossenheit war erloschen, hatte nur mehr Furcht zurückgelassen. Er spürte deren grobe Finger, die sich kalt um seine Eingeweide schlossen, sie zusammenzogen, bis seine Atmung stockte und er einen Anflug von Übelkeit empfand. Seine Finger gruben sich in die weiche, warme Erde, als könne sie ihn festhalten, sollte Marroc ihn erneut hochheben.
Angstvoll kniff er die Augen zusammen, als sich Marrocs kräftige Gestalt vor ihm aufbaute und das Licht der Sonne verdeckte. Er konnte ihn schlagen, konnte ihn treten, so lange er ihn nicht wieder unter Wasser hielt. Er wagte kaum zu nicken, brachte die zaghafte Bewegung nur durch Zwang zustande. Die feinen Härchen an seinem Nacken richteten sich auf, ebenso wie jene an seinen Armen und Beinen. Er konnte hören, wie Marroc sich zu ihm herabbeugte, wagte jedoch nicht, die Augen zu öffnen. Nur durch einen schmerzhaften Biss auf die Unterlippe konnte er sich daran hindern, zu wimmern und Marroc um Gnade zu bitten, als dieser ihn plötzlich erneut am Kragen packte, seinen Oberkörper anhob.
Erschrocken schnappte er nach Luft, riss die Augen auf. Marrocs Gesicht ruhte vor dem seinen und die dunklen Augen schienen ihn förmlich zu durchbohren. Frodo war wehrlos gegen diesen Blick, doch hob er eine Hand, um Marrocs Arm zu umklammern. Eine nutzlose Berührung, kaum in der Lage, was immer auch kommen mochte, abzuwenden.
"Geh", knurrte Marroc und stieß ihn kraftvoll zurück zu Boden. "Geh mir aus den Augen, ehe ich es mir anders überlege."
Frodo wusste nicht, woher dieser Sinneswandel stammte, doch er dachte nicht einmal daran, ihn zu hinterfragen. Marroc bot ihm die Möglichkeit, das zu tun, was er im Augenblick am meisten ersehnte, und diese würde er ergreifen, so lange er noch dazu in der Lage war. Er rappelte sich auf, stolperte mit weichen Knien vom Ufer weg und den Hang hinauf. Oben angekommen, blickte er noch einmal zurück. Marroc saß an derselben Stelle wie zuvor, sah nicht einmal zu ihm herauf. Für einen Augenblick fragte Frodo sich, was ihm jetzt wohl durch den Kopf ging, dann begann er zu laufen, so schnell es seine zitternden Beine erlaubten.
Er bebte, doch ob vor Kälte oder Furcht wusste er nicht zu sagen. Die nasse Kleidung klebte an seinem Körper. Kleine Rinnsale liefen von seinen Haaren über seinen Nacken oder tropften von seiner Kleidung, um in einer zarten Berührung über seine Beine zu gleiten. Im leichten Wind trockneten diese jedoch rasch. Seine Lungen brannten wie Feuer und ihm war, als würden tausende Nadeln in seine Brust gebohrt. Heißes Blut tropfte von einem Kratzer an seiner rechten Ferse und mit jedem Tritt ging ein pochender Schmerz davon aus. Dennoch rannte Frodo weiter, flüchtete vor Marroc und dem unberechenbaren Funkeln in dessen Augen. Er hatte einmal erlebt, wie Marroc sich vergaß, doch Schläge waren nichts im Vergleich zu dem, was der ältere Hobbit ihm heute angetan hatte. Um ein Haar hätte er ihn umgebracht. Und all das nur, weil Marroc glaubte, er wäre Schuld an dessen ungeliebter Arbeit.
Frodos Schritte verlangsamten sich, ehe er schließlich keuchend auf die Knie sank. Der Kopf schwamm ihm. Ihm war übel und ein dünner Schweißfilm bedeckte seine Stirn. Sein Herz drohte zu bersten, so wild schlug es in seiner Brust. Verzweifelt gegen den Brechreiz ankämpfend, schloss Frodo die Augen.
Silberschweif.
Sein erster, klarer Gedanke galt dem jungen Hengst. Er würde reiten. Nur für eine kurze Weile würde er mit dem Pony davon reiten und dem Gedanken an Marroc entfliehen. Er würde das Abendessen versäumen, doch er hatte ohnehin keinen Hunger, nicht mehr. Er musste nur fort von hier, fort und wieder zu sich kommen. Schnaufend kam er wieder auf die Beine, richtete den Blick auf die Pferdekoppel, die ein Stück weiter nördlich lag, ehe er sich strauchelnd in Bewegung setzte, fest entschlossen, sein Vorhaben umzusetzen.
 
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Es war ihm ein Leichtes gewesen, Silberschweif mit einem der Halfter, die am Zaun hingen, einzufangen und ihn mit sich zum Brandyschloss zu führen. Dort hatte er ihn aufzäumen wollen, doch Merimac hatte seinen Plan durchkreuzt, war auf ihn zugekommen, ehe Frodo dem Pony den Sattel hatte anlegen können. Der Bruder des Herrn hatte wissen wollen, was er um diese Zeit noch vorhabe und weshalb er nicht fragte, ehe er sich ein Pony auslieh. Frodo hatte diese Fragen weder beantworten können, noch wollen und so hatte er auf den Sattel verzichtet, sich mit etwas Mühe auf den Rücken des Tieres geschwungen, nach den Zügeln gegriffen und war davon galoppiert, ehe Merimac ihn hatte aufhalten können.
Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, pfiff in seinen Ohren. Er hatte Silberschweif nach Südosten gelenkt und galoppierte nun mitten durch frisch abgemähte Wiesen. Schweine in ihren Schmutzlöchern, Schafe und Ziegen hoben die Köpfe, als Frodo mit seinem Reittier an ihnen vorüber preschte, während einige Ponys sie wiehernd begrüßten und sie am Zaun entlang ein Stück weit begleiteten. Frodo nahm all dies kaum wahr. Tränen waren in seine gereizten Augen getreten und da er ohnehin kein bestimmtes Ziel zu erreichen hoffte, war es ihm gleich, wohin der Hengst ihn führte. Er presste seine Schenkel an den Körper des Tieres, um ausreichend Halt zu finden, spürte, wie sich die Muskeln des Ponys bei jeder Bewegung anspannten. Silberschweif schien zu spüren, dass es ihn fortdrängte, denn Frodo brauchte ihn nicht anzutreiben. Dennoch glaubte er bald, jeden Muskel in seinen Beinen zu spüren, biss jedoch die Zähne zusammen, unwillig, jetzt schon anzuhalten. Er war noch nicht weit genug geritten, auch wenn er nur mehr selten auf Bauern oder Feldarbeiter traf, deren Felder und Wiesen er passierte. Der Wind hatte seine Kleidung und Haare beinahe getrocknet, doch hatte er nichts, womit er den sandigschleimigen Geschmack in seinem Mund wieder hätte loswerden können. War dies das Letzte gewesen, was seine Eltern vor ihrem Tod geschmeckt hatten?
Frodos tränenden Augen schlossen sich, während seine Beine um ihren Halt vergaßen und hätte Silberschweif die Veränderung nicht gespürt und wäre in einen gemütlichen Schritt verfallen, wäre Frodo von dessen Rücken gerutscht. Vor seinen geschlossenen Lidern trieb das blaue Tuch seiner Mutter, das eine Ende noch immer um blasse, feingliedrige Finger gewickelt, während das andere seinen Hals liebkoste. Seine Eltern schwebten vor ihm im Wasser, die Gesichter, deren Ausdruck er nicht zu lesen vermochte, ihm zugewandt XXeXX. Seine Augen suchten die ihren, als er einen tiefen Atemzug nahm.
Frodo spürte, wie der Brechreiz ihn übermannte, riss unbeabsichtigt grob an den Zügeln und ließ sich von Silberschweifs Rücken gleiten, noch während der Hengst den Kopf in die Höhe warf. Kaum berührten seine Füße das weiche Gras, sank er auf die Knie, würgte trocken. Seine Finger schlossen sich beinahe krampfhaft um die Grashalme, wobei sein ganzer Körper unkontrolliert zu zittern begann. Tränen liefen über seine Wangen, begleitet von leisen Schluchzern.
Er war gelähmt gewesen, seit Marroc ihn aus dem Fluss gezogen hatte, doch jetzt brach alles aus ihm hervor. Er hatte Angst, schreckliche Angst. Nie zuvor hatte er sich so sehr gefürchtet wie in jenem Augenblick, an dem Marroc ihn das erste Mal unter Wasser gehalten hatte. Es war ein entsetzliches Gefühl gewesen, atmen zu wollen, doch keine Luft zu finden, den Grund unter seinen Füßen zu spüren und doch nicht in der Lage zu sein, sich an die Oberfläche zu stoßen, das Licht zu sehen und es doch nicht erreichen zu können.
Immer neue Schluchzer brachten seinen Körper zum Beben, bis er sich schließlich zur Seite sinken ließ und den Kopf ins Gras legte. Seine rechte Hand strich immer wieder über die saftigen Halme, als könnten sie ihm die Ruhe spenden, die sein verängstigter Geist benötigte. Um ein Haar wäre er erstickt, hätte denselben Tod gefunden wie seine Eltern. Welch schreckliches Ende sie doch ereilt hatte. Er konnte sie sehen, wie sie vom Wasser verschlungen wurden, spürte ihren Schmerz, ihre Verzweiflung während sie vergebens versuchten, wieder an die Oberfläche zu gelangen. Er roch den algenartigen, beinahe modrigen Geruch des Flusses, der alsbald durch kaltes Wasser in seiner Nase ersetzt wurde, um sich mit dem sandigschleimigen Geschmack auf seiner Zunge zu vereinen und sich einen Pfad in seine brennenden Lungen zu suchen. War dies der Augenblick gewesen, an dem der Tod sie ereilt hatte?
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, während er verzweifelt darum bemüht war, den Gedanken abzuschütteln. Er wollte nicht über ihren Tod nachdenken, nicht auf diese entsetzliche Weise. Mühevoll stützte er sich auf und spie aus. Er musste diesen Geschmack loswerden. Mit zitternden Knien erhob er sich schließlich, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen, nur um diese sogleich durch neue zu ersetzen. Silberschweif stand neben ihm, genoss offensichtlich die Abendsonne. Frodo griff unter dem Hals des Tieres nach den Zügeln und führte ihn neben sich her. Auch seine Finger zitterten, gaben ihm das Gefühl, völlig schwach und wehrlos zu sein. Sein Atem stockte, wurde immer wieder durch leise Schluchzer unterbrochen. Silberschweif schnaubte, als wolle er fragen, weshalb er so betrübt war und Frodo strich ihm zärtlich über die Nüstern. Die Anwesenheit des jungen Hengstes beruhigte ihn ein wenig, auch wenn das Pony ihm in seiner Lage nicht helfen konnte. Nur langsam lief er über die Wiese, auf einen Baum zu, von dem er hoffte, dass er um diese Jahreszeit Früchte trug.
Er hatte Glück, denn im Schatten der kräftigen Äste lagen heruntergefallene Pflaumen. Frodo war froh, dass am Nachmittag offensichtlich niemand hier gewesen war, um das Fallobst aufzulesen, denn er wäre nicht in der Lage gewesen, den Baum zu erklimmen. Silberschweifs Zügel loslassend, griff er nach einer Pflaume, nahm einen Bissen, kaute und spuckte ihn dann aus. Der scheußliche Geschmack hielt sich hartnäckig, doch wurde er mit jedem Bissen weniger und als Frodo mit der ganzen Pflaume so verfahren war, war er durch einen leicht süßlichen, rauen Geschmack ersetzt worden. Erleichtert und zumindest ein wenig beruhigt, lehnte Frodo sich gegen den Stamm, ließ sich langsam daran zu Boden gleiten.
Ein roter Streifen schimmerte am westlichen Horizont, kündigte das Ende des Tages an. In den raschelnden Blättern des Baumes hatten sich einige Vögel eingefunden, die ihr letztes Lied sangen, ehe sie sich zur Ruhe begeben würden. Neben ihm roch Silberschweif ebenfalls an einer Pflaume, war von der Frucht jedoch wenig angetan. Frodo ließ den Hengst wortlos gewähren. Erschöpft schloss er die Augen. Er hatte sich auf diesen Tag gefreut, war glücklich gewesen. Weshalb hatte Marroc dieses Glück zerstören müssen? Was hatte er ihm denn getan? Hatte der Ältere nun jeglichen Skrupel verloren? Was mit Drohungen und kleineren Handgreiflichkeiten begonnen hatte, war vor zwei Jahren zu einem blutigen Kampf ausgeartet, in dem keine Rücksicht genommen worden war. Frodo hatte geglaubt, Marroc hätte dabei den Höhepunkt seiner Grausamkeit erreicht, doch heute hatte er am eigenen Leibe das Gegenteil erfahren müssen. Nur ein kleines Bisschen hatte gefehlt und Marroc wäre nicht einmal vor Mord zurückgeschreckt.
Frodo wusste, dass er mit Saradoc darüber sprechen sollte, doch er fürchtete sich davor. Wenn Marroc erfuhr, dass er geredet hatte, ehe Saradoc handeln konnte, würde dieser auch seine letzten Hemmungen verlieren und zu Ende bringen, was er am Fluss begonnen hatte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, brachte seinen Körper zum Erzittern. Ohne sich dessen bewusst zu sein, schüttelte er den Kopf. So etwas wollte er nie wieder durchmachen. Was würde es schon ändern, wenn er mit Saradoc sprach? Er hatte bereits oft genug erleben müssen, wie wenig der Herr ihm helfen konnte, wenn es um Marroc ging. Hätte Saradoc wirklich Einfluss, wäre so etwas wie an diesem Tag nie geschehen. Frodo schluckte, während sich Tränen in seinen Augenwinkeln sammelten Er würde schweigen, in der Hoffnung, dadurch Schlimmerem zu entgehen.
Müde schloss er die Augen, erlaubte einer Träne, über seine Wange zu gleiten. Er würde warten, bis er sich ausreichend beruhigt hatte. Mit etwas Glück war Saradoc noch nicht wieder daheim, wenn er zum Brandyschloss zurückkehrte und er würde, zumindest vorerst, lästigen Fragen entgehen.
 
~*~*~
 
Die Sonne hinterließ nur mehr einen blassen, hellblauen Streifen am westlichen Horizont, als Frodo aus der Sattelkammer trat und sich bereit machte, die Gänge des Brandyschlosses zu betreten. Er war mit Silberschweif bis zur Koppel geritten, hatte ihm dort das Halfter abgenommen und ihn wieder zu den anderen Ponys traben lassen, ehe er sich zu Fuß auf den Heimweg gemacht hatte. Die Zügel an ihren Platz hängend, wollte er nichts weiter, als sich in sein Bett zu legen. Er fühlte sich kraftlos und auch wenn er die Zeit davor genossen hatte, brannte er darauf, diesem Abend ein Ende zu setzen.
Tief Luft holend trat er in die Nacht hinaus, als sich plötzlich die Hintertür des Brandyschlosses öffnete. Eine große, dunkle Gestalt zeichnete sich im Lichtschein ab, der durch die Tür nach draußen drang.
"Wo warst du?"
Frodo verkrampfte sich, biss sich auf die Lippen. Das Glück, von dem er vor kurzem noch geglaubt hatte, es wieder gefunden zu haben, war ihm nicht länger hold. Der Herr von Bockland trat an ihn heran und Frodo senkte den Kopf, hoffte, Saradoc möge sich kurz fassen und ihm weiteren Schmerz ersparen.
Saradoc war müde. Er war erst vor wenigen Augenblicken von seinem Marktbesuch zurückgekehrt und hatte sich auf ein entspannendes Bad gefreut, als Esmeralda ihm beunruhigt offenbart hatte, dass Frodo nicht zum Abendessen erschienen war und dass sie ihn schon seit dem Mittag nicht mehr gesehen hatte. Von seinem Bruder hatte er erfahren, dass der Junge früh am Abend mit einem Pony davon geritten war, es offensichtlich so eilig gehabt hatte, dass er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, dem Tier einen Sattel anzulegen. Mit einer Mischung aus Sorge und Wut hatte er sich aufmachen wollen, den Jungen zu suchen, da offenbar keiner seiner Familie und Freunde auf die Idee gekommen war, dies auch ohne seine Anweisung zu tun. Eine Tatsache, die ihn zusätzlich reizte. Er brauchte nicht weit zu gehen, und obschon er erleichtert war, Frodo hinter der Höhle vorzufinden, gelang es ihm nicht, seine Verärgerung über dessen unvermittelte Entscheidung, ohne eine Erklärung wegzugehen, zu verbergen.
"Ausreiten."
"Und wohin?"
Der fordernde Tonfall ließ Frodo kaum merklich zusammenzucken. Er wusste, dass Saradoc seine knappe Antwort nicht genügen würde, doch der Herr würde sich damit zufrieden geben müssen.
"Fort."
"Das habe ich gesehen", meinte Saradoc ernst. "Du weißt, dass du dir ohne Erlaubnis kein Pony nehmen darfst, erst recht nicht, wenn keiner weiß, wo du hin willst. Weshalb bist du so plötzlich gegangen, obwohl du genau wusstest, dass du zum Abendessen zu Hause sein solltest?"
Frodo zuckte mit den Schultern und Saradoc spürte den Zorn in sich erwachen.
"Sieh mich an, Frodo", forderte er streng. "Wo warst du heute Abend?"
Zaghaft hob Frodo den Kopf, doch schien er darum bemüht, ihn nicht anzusehen, denn seine Augen sahen durch ihn hindurch. Etwas an diesem Blick gefiel Saradoc nicht, ließ ihn stutzig werden, doch er konnte nicht sagen, was es war.
"Fort", wiederholte Frodo noch einmal in leisem, gleichgültigem Tonfall.
Saradoc seufzte schwer. Frodos Sturkopf war eine Mauer, die er nur selten zu durchbrechen vermochte, doch selbst für einen Versuch reichte seine Kraft heute nicht mehr aus. Einen langen Augenblick sah er den Jungen vor sich an. Etwas stimmte nicht. "Ist alles in Ordnung?"
Frodo nickte. In der Dunkelheit konnte Saradoc sein Gesicht kaum erkennen, doch für einen kurzen Augenblick glaubte er, auf den Zügen des Jungen dieselbe Müdigkeit zu erkennen, die auch seinen Gliedern anhaftete. Kaum merklich schüttelte er den Kopf, griff sich unwillkürlich mit den Fingern zwischen die Augen. Es hatte keinen Sinn, ihn länger auszufragen. Er war zurück und das war die Hauptsache.
"Geh auf dein Zimmer", verlangte er dann, woraufhin Frodo schweigend an ihm vorüber schritt, scheinbar erleichtert, endlich in die Höhle treten zu dürfen. Saradoc beobachtete ihn einen Moment schweigend und folgte ihm schließlich.
 
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Mit leisem Zischen fing das Streichholz Feuer. Die Flamme flackerte, als Frodo seine Hand vorsichtig zur Kerze bewegte, um den Docht zu entzünden. Inzwischen fand er sich hier ebenso gut zurecht wie in seinem alten Zimmer, selbst in völliger Dunkelheit.
Der sanfte Lichtschein tauchte sein Gesicht in einen goldenen Schimmer. Tränen, zuvor in der kühlen Finsternis verborgen, legten einen feuchten Glanz über seine traurigen, blauen Augen, deren Blick auf dem Bild ruhte, das ihn mit seinen Eltern zeigte.
"Ich möchte niemals ertrinken müssen", flüsterte er tonlos, wobei seine Finger zärtlich über den Rahmen strichen. "Nie."
Das Klicken der Tür ließ ihn überrascht zusammenzucken. Eiligst wischte er sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen und wandte sich um. Merry trat leise und mit erschöpftem Gesichtsausdruck ein.
"Frodo", rief er überrascht aus, als er ihn erkannte. "Wo warst du? Mama, Papa und ich haben uns Sorgen gemacht."
Frodo zuckte mit den Schultern. "Ich war fort."
Merry bedachte ihn mit einem fragenden Blick, eine Augenbraue hochgezogen, die Lippen leicht geöffnet, als wolle er etwas sagen. Das schwache Licht, das vom Gang hereindrang, erlosch, als der jüngere Hobbit die Tür hinter sich schloss. Um seinen Vetter von weiteren Fragen abzuhalten, rang Frodo sich ein gequältes Lächeln ab, das, zu seiner eigenen Überraschung ausreichte, den Jüngeren zufrieden zu stellen. Mit einem Kopfnicken setzte sich Merry in Bewegung, taumelte gähnend auf sein Bett zu und ließ sich müde auf die Matratze sinken.
"Du hast so viel verpasst!" tat er dann kund und knöpfte sich im Liegen das Hemd auf. "Dick und Estella waren dort und jemand hat einen riesigen, hölzernen Drachen mitten auf dem Marktplatz aufgestellt. Wir sind die ganze Zeit darauf herumgeklettert, bis uns Papa auf einen großen Krug Holdersaft eingeladen hat. Später durfte ich sogar ein Glas Beerenmilch haben. Köstlich!" Er leckte sich die Lippen, um seinen Worten Ausdruck zu verleihen und schälte sich aus seinem Hemd.
Frodo hörte ihm schweigend zu. Die Worte seines Vetters erfüllten ihn mit Schwermut und er wünschte sich insgeheim, er wäre auch auf den Markt gegangen und Marroc dadurch entkommen, doch zumindest brauchte er nicht zu reden, solange Merry das tat. Während er sich ebenfalls seiner Kleider entledigte und in sein Nachtgewand schlüpfte, fuhr Merry fort.
"Es gab so viele schöne Dinge: Schnitzereien, an denen jede Einzelheit ausgearbeitet war, Messer, um diese Kunstwerke selbst zu machen, Lederbeutel, Glücksbringer, Kuchen und Pasteten. Alles, was das Herz begehrt. Es war herrlich!"
Die Tür öffnete sich und Saradoc trat ein, wie er es jeden Abend tat. Diese Tatsache war Frodo gleich nach seinem Umzug aufgefallen, war er es doch gewohnt gewesen, abends allein zu sein, bis Hanna angefangen hatte, ab und an nach ihm zu sehen. Es hatte ihn verärgert, dass sowohl Saradoc, als auch Esmeralda die Zeit fanden, jeden Abend noch einmal zu ihrem Sohn zu gehen, während sie in all den Jahren nie daran gedacht hatten, auch bei ihm noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Der Herr und seine Gattin waren eben doch nur für ihn verantwortlich und ersetzten nicht die Familie, die er auf so grausame Art verloren hatte.
Ihre Blicke trafen sich, noch ehe Frodo sich hatte abwenden können, um sich mit dem Gesicht zur Wand in sein Bett zu legen. Er konnte hören, wie Merry ebenfalls unter seine Decke kroch. Saradoc ging zu ihm hinüber, setzte sich auf dessen Bettkante. Frodo brauchte es nicht zu sehen, um zu wissen, dass der Herr seinem Sohn durch die Haare strich, während dieser sich für den ereignisreichen Tag bedankte.
"Ich bin stolz auf dich", hörte er Saradoc antworten und verkrampfte sich innerlich. Seine Finger gruben sich in das Laken, bis seine Hand zitterte. "Du hast dich heute sehr gut benommen und ich war glücklich, dich bei mir zu haben."
Frodo biss sich auf die Lippen. Merry brauchte nicht mehr zu tun, als sich gut zu benehmen, um Saradoc stolz zu machen, während er dessen Lob nicht einmal bekam, wenn er bei der Heuernte fleißig zur Hand ging oder sich freiwillig von seinem geliebten Zimmer trennte. War Merry denn um so vieles besser, als er? Hatte er Saradocs Anerkennung nicht ebenso verdient?
Rasch zog Frodo die Decke über seinen Kopf, als er hörte, wie der Herr sich erhob. Er wusste, dass Saradoc für ihn kein Lob bereithielt, denn er hatte ihn heute verärgert. Auf ihn warteten nur neue Fragen. Fragen, deren Antworten er dem Herrn schuldig bleiben würde, um ihn dadurch vermutlich noch mehr zu enttäuschen.
Als Saradoc sich von Merry abwandte, sah er, wie Frodo sich das Laken über den Kopf zog. Er seufzte leise, wohl wissend, dass dies Frodos Art war, ihm zu sagen, dass er seine Anwesenheit nicht wünschte. Dennoch trat er an das Bett heran und setzte sich auf dessen Kante. Das seltsame Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war, hatte ihn noch immer nicht losgelassen. Sein Blick fiel auf das Bild des Jungen und er fragte sich, ob Primula und Drogo wüssten, wie er Frodo dazu bringen konnte, sich ihm anzuvertrauen, sich zu öffnen. Er hatte schließlich versucht, für ihn da zu sein, ihn zu trösten, wenn er Sorgen hatte, hatte ihm immer die Möglichkeit gegeben, mit ihm zu reden, wenn er Probleme hatte, doch anstatt ihm näher zu kommen, schien sich Frodo immer weiter von ihm zu entfernen. Was hatte er falsch gemacht?
"Gute Nacht, Frodo", sagte er schließlich und tätschelte ihn dort, wo er seine Schulter vermutete. Als er keine Antwort erhielt, verließ er das Zimmer schweigend.
Frodo blieb reglos liegen, selbst als er hörte, wie Merry sich aufrichtete. Tränen, die er verzweifelt zu schlucken suchte, lagen in seinen Augen. Warum tat Saradoc ihm das an? Wusste er überhaupt, was er ihm durch seine Worte antat?
"Was ist los mit dir, Frodo?", fragte Merry mit verärgertem Tonfall. "Wenn Nelke dir die Laune verdorben hat, brauchst du das nicht an meinem Papa auszulassen. Er kann nichts dafür."
Frodo spürte Zorn in sich aufflammen, biss sich auf die Zunge, um sich am Antworten zu hindern. Merry verstand gar nichts und dass er die Schuld für seinen Gemütszustand bei Nelke suchte, machte dies nur noch deutlicher. Bemerkte er denn nicht, wie unterschiedlich sie in manchen Dingen behandelt wurden? Er hätte nicht übel Lust gehabt, seinem Vetter die Meinung zu sagen und sich so eines Teiles seines Frustes zu entledigen, doch er hielt sich zurück, obgleich es ihn einige Überwindung kostete. Wenn er jetzt seine Wut an Merry ausließ, würde ihn das nicht glücklicher machen und der Tag würde noch schlimmer enden, als er es ohnehin schon tat. So blieb er seinem Vetter die Antwort schuldig, schluckte seinen Zorn und ersehnte den Schlaf, auch wenn jener in dieser Nacht lange auf sich warten ließ.

67. Kapitel: Unentdeckt, doch aufgeflogen

"Achtung!"
Merrys Ausruf hallte zwischen den Bäumen wider, doch kaum jemand schenkte ihm Beachtung. Nichtsdestotrotz setzte sich der junge Hobbit in Bewegung, spurtete über den Steg, wobei er beinahe über Marmadoc gestolpert wäre, der dösend auf den warmen Holzleisten lag, und landete mit einem lauten Platschen im Fluss. Wasserspritzer, die im Licht der Sonne in allen Farben funkelten, flogen durch die Luft, ehe Merry prustend zwischen Minto und Madoc auftauchte und die Haare, die im Sommer einen fast goldenen Glanz annahmen, zurückwarf.
"Merry!" schimpfte Rubinie, die ebenfalls auf dem Steg geruht hatte, und schenkte ihm einen nicht allzu freundlichen Blick. Sie war durch seinen wenig eleganten Sprung nass und in ihrem Sonnenbad gestört geworden. Merry kümmerte das jedoch wenig und er sandte frech eine handvoll Wasser in ihre Richtung, wofür er Jubel und fleißige Unterstützung von Madoc und Minto erntete. Überrascht schrie Rubinie auf, ebenso wie Viola, die dank der vereinten Kräfte der Jungen ebenfalls mit dem kühlen Nass bespritzt wurde.
Kreischend und schimpfend entfernte sich die Ältere der beiden Schwestern schließlich vom Steg, strich sich über ihr nun wieder feuchtes Unterkleid und ließ sich neben Nelke ins Gras fallen. Diese lag unweit des Ufers auf dem Bauch, den Kopf auf ihren Armen ruhend. Auch sie war nur in ein Unterkleid gehüllt, hatte Bluse und Rock neben sich im Gras liegen. Die Haare trug sie offen. Braune Locken, durchzogen von einigen feuchten Strähnen, bedeckten ihren Rücken bis zu den Schulterblättern.
Rubinie sah wütend zurück und schüttelte den Kopf. "Dieser Merry!"
Ihr Blick fiel auf ihre Freundin, doch diese hatte nur Augen für Frodo Beutlin, der nur wenige Schritte von ihr entfernt im Gras saß und sich, auf seine Ellbogen zurückgelehnt, von der Sonne bräunen ließ. Ab und an wanderte sein Blick herüber und wann immer er das tat, erschien ein Lächeln auf seinen Lippen, das Nelke alsbald erwiderte. Rubinie beobachtete dies einige Zeit, bis Frodo der zusätzlichen Aufmerksamkeit gewahr wurde. Wie zufällig ließ er seinen Blick zurück zum Fluss gleiten, auch wenn sie die Überraschung deutlich in seinen Augen erkennen konnte. Bildete sie sich das nur ein oder hatte sich die sonnengebräunte Haut seiner Wangen tatsächlich gerötet? Ein wissendes Grinsen stahl sich über ihr Gesicht, und, welcher Zauber auch immer Frodo und ihre Freundin verbunden hatte, war gebrochen, denn Nelke wandte sich ihr plötzlich zu, Verwunderung in den Augen.
"Rubinie", bemerkte sie überrascht, "seit wann bist du schon hier?"
"Lange genug", entgegnete das Mädchen verschmitzt und stützte sich auf ihre Ellbogen, um Nelke besser ansehen zu können. "Und du willst mir wirklich noch immer weiß machen, dass das zwischen dir und Frodo keine ausgesprochen enge Freundschaft ist?"
Nelkes Gesicht wurde erst rot, dann blass, nur um sich kurz darauf erneut für die gesündere Farbe zu entscheiden. Verlegen schlug sie die Augen nieder.
"Ausgerechnet Frodo?!" rief Rubinie so laut aus, dass Frodo überrascht in ihre Richtung sah und Nelke zusammenzuckte. Ein sowohl frecher, als auch neugieriger Glanz der Erheiterung trat in ihre Augen, als sie Nelkes abgewandtes Gesicht betrachtete. Beinahe verschwörerisch beugte sie sich zu ihrer Freundin, flüsterte mit gesenkter Stimme: "Hast du ihn etwa auch schon geküsst?"
"Ruby!"
Entrüstet richtete Nelke sich auf, starrte ihre Freundin voll Unglauben, Überraschung und Verlegenheit an. Ihr Blick wanderte heimlich zu Frodo, der ihren hilflosen Ausdruck mit einem Augenzwinkern erwiderte und sich schließlich räuspernd erhob. Rubinie warf er dabei einen scharfen Blick zu, den diese jedoch mit einem zuckersüßen Lächeln konterte, wohl wissend, dass sie bereits mehr wusste, als ihm lieb war, und noch mehr erfahren würde.
Scheinbar gleichgültig schlenderte er an die Mädchen heran, ein hinterhältiges Funkeln in seinen Augen. Er hatte genug gehört und Rubinie ging eindeutig zu weit. Frodo hatte nicht verstanden, was sie von Nelke gewollt hatte, doch offensichtlich waren ihre Worte seiner Freundin unangenehm, denn sie blickte zu Boden und kaute auf ihrer Unterlippe, als suche sie nach den richtigen Worten. Außerdem hatten schon ihre ersten Worte ausgereicht, um ihn wütend zu machen, denn schließlich war es allein Nelkes Entscheidung, mit wem sie zusammen sein wollte und mit wem nicht. Andererseits konnte er ihr nicht wirklich böse sein, hatte Merry schließlich dieselbe Einstellung, wie die junge Pausbacken und Frodo spielte bereits mit dem Gedanken, ihr ebendies zu sagen, entschied sich dann aber dagegen. Das wollte er Merry nicht antun.
"Ich habe gehört, freche Mädchen, die ihre neugierigen Knollennasen zu tief in Angelegenheiten stecken, die sie nichts angehen, leben gefährlich", bemerkte er stattdessen beiläufig, während er Rubinie umkreiste, als plane er, sie zum Abendessen zu verspeisen.
"Und ich habe gehört", entgegnete die ältere der Pausbackenschwestern spitz, kam jedoch nicht dazu, ihren Gedanken zu Ende zu führen, denn Frodo packte sie plötzlich von hinten und zog sie auf die Beine.
Überrascht schrie sie auf, wollte sich befreien, doch Frodo hatte ihre Handgelenke bereits zu fassen bekommen und so konnte sie sich seiner nicht erwehren, als er sie neben sich her zum Flussufer zog. Sie begnügte sich damit, ihm ins Schienbein zu treten und ihn wüst zu beschimpfen, während sie um die Hilfe ihrer Schwester und Nelke bat, doch Viola war bereits wieder in den Fluss gesprungen und Nelke hatte sich zwar erhoben und tapste hinter Frodo her, musste sich jedoch auf die Lippen beißen, um sich ein verschmitztes Lächeln zu verkneifen. Frodo war sich seiner Sache sicher, stolzierte förmlich zum Ufer, während ein breites Grinsen seine Züge erhellte. Dieses Mal würde es ihm noch mehr Vergnügen bereiten, das Mädchen in den Fluss zu schmeißen, geschah es schließlich nicht nur aus Eigeninteresse.
Das aufgeweichte Gras am Ufer gab sumpfige Geräusche von sich und die schmutzigen, von der Sonne erwärmten Pfützen umschlossen seine Zehen, als er Rubinie ins Wasser stieß, wo diese prompt nach vor stolperte, um der Länge nach im Fluss zu landen.
Frodo klopfte siegreich die Hände aneinander, schenkte dem Mädchen dasselbe zuckersüße Lächeln, das sie ihm zuvor zugeworfen hatte, ehe auch er plötzlich überrascht nach vor stolperte, um im knietiefen Wasser zu stehen zu kommen. Verwundert wandte er sich um, um den Übeltäter zurechtzuweisen. Zu seiner Verwunderung fand er jedoch nur Nelke, deren Lächeln sein Herz Sprünge vollführen ließ. Entschuldigend sah sie ihn an, als er fragend die Stirn in Falten legte.
"Sie ist meine Freundin", erklärte das Mädchen knapp. "Ich muss zu ihr halten."
Beinahe hätte er erwidert, dass er auch ihr Freund war und sie demnach auch ihm beistehen müsse, als er plötzlich der Länge nach im Wasser landete. Rubinie hatte sich unbemerkt wieder aufgerappelt und sich auf ihn geworfen.
Er wusste, dass der Boden nur wenige Schritte vom Ufer entfernt rapide abfiel, und als er sich nun mit den Händen abfing und sein Kopf für einen kurzen Augenblick mit dem Wasser in Berührung kam, ergriff plötzliche Panik Besitz von ihm. Seine Augen weiteten sich und er wollte sich aufrichten, doch Rubinie hinderte ihn daran, während Nelke bereits heraneilte, zweifelsohne, um ihre Freundin zu unterstützen.
"Dafür kommst du nicht ungestraft davon", hörte er Rubinie sagen und noch ehe sie ihn nass gespritzt hatte, schmeckte Frodo den sandigen Schleim in seinem Mund, spürte das Brennen in seinem Hals, als sich seine Kehle plötzlich zuschnürte und er nicht mehr atmen konnte. Kalte Angst hielt seine Eingeweide umklammert, erschwerte das Denken, ließ jedoch zugleich ungeahnte Kräfte zum Leben erwachen. Als der erste Wasserspritzer sein Gesicht berührte, stieß er mit der einen Hand Rubinie von sich, während die andere Nelkes Handgelenk grob umklammerte. Mit blinden Augen sah er zu ihr auf, ehe er auch sie zur Seite stieß, sich schwankend aufrappelte und aus dem Fluss stürmte. Keuchend und zitternd sank er schließlich wenige Schritte vom Ufer entfernt auf die Knie.
Ein kalter Schauer war Nelke über den Rücken gelaufen, ehe Frodo sie weggestoßen hatte. Nachdem sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte, eilte sie dem Jungen sofort hinterher und ließ sich neben ihm ins Gras sinken, wobei sie eine Hand auf seine Schulter legte. Frodo war kreidebleich und schnaufte, als hätte er einen langen, anstrengenden Lauf hinter sich. Die Muskeln unter ihrer Hand waren angespannt und zitterten. Sie hatte dies für ein Spiel gehalten, einen Spaß, doch als er plötzlich ihr Handgelenk so fest umklammert hatte, wie nie zuvor, hatte sie etwas in seinen Augen gesehen. Nackte Angst war darin gelegen, so kalt und rein, dass ihr der Atem stockte. Seinen Augen hatte plötzlich eine andere Farbe innegewohnt. Es war nicht länger ein tiefes, dunkles Blau gewesen, sondern eine blasse, flüchtige Zeichnung dessen, was sie sonst darin zu sehen glaubte. Beinahe so, als wäre ein Schleier vorgezogen worden. Mit einem Mal hatte sie gewusst, dass dies bitterer Ernst war.
"Frodo?", fragte sie besorgt, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern. "Ist alles in Ordnung?"
Frodo antwortete nicht, bedachte sie jedoch mit einem Ausdruck, der ihr Herz bluten machte.
"Bist du verrückt geworden, du Dummkopf?", schimpfte Rubinie wutentbrannt, als sie an die beiden herantrat.
Ihr Kleid klebte an ihrem Körper und selbst ein Teil ihrer Haare war vom Wasser nicht verschont geblieben. Ihre Augen funkelten, als sie zornig auf Frodo hinabblickte und die Hände in die Hüften stemmte. Sie sah aus, als wolle sie ihre Beschimpfungen weiter ausführen, doch als Frodo nichts weiter tat, als sie entschuldigend anzusehen, winkte sie ab, schüttelte den Kopf und ging schließlich zurück zum Steg.
Frodos Augen folgten ihr, während seine Atmung sich langsam wieder beruhigte. Nelke zog ihn in eine zögerliche Umarmung, die er wortlos geschehen ließ.
"Was ist geschehen?", fragte sie sanft.
Frodo konnte fühlen, wie die Angst, nun, da er wieder Gras unter den Füßen hatte und nur vereinzelte Wassertropfen über seine Wangen liefen, von ihm abließ. Das wilde Pochen seines Herzens wurde langsamer und der Geschmack des Wassers, eben noch klar auf seiner Zunge, verblasste. Er war nicht sicher, was geschehen war, doch noch während das Zittern seines Körpers abklang, traf ihn die Erkenntnis wie ein Hammerschlag. Seine Angst vor dem Fluss, die er beinahe überwunden hatte, war zurückgekehrt. Die Furcht, ertrinken zu müssen, wenn der Wasserpegel einen bestimmten Punkt überschritt, hielt ihn wieder umklammert. Und das war alles Marrocs Schuld.
Betrübt schloss er die Augen, schüttelte unmerklich den Kopf und seufzte tief. Ein zarter, lieblicher Duft, ein Hauch von Bienenwachs, umschmeichelte seine Nase, vertrieb schließlich die schrecklichen Gedanken an Fluss und Tod. Weiche Hände lagen auf der nassen Haut zwischen seinen Schulterblättern und erst, als er die Augen langsam öffnete, wurde ihm klar, dass sein Kopf an Nelkes Schulter ruhte. Erschrocken wich er zurück, stieß sie beinahe von sich. War er von allen guten Geistern verlassen, sie zu umarmen? Hier, wo jeder sie sehen konnte? Blut schoss in seine Wangen, färbte diese von den Lachgrübchen bis zu den Ohren rot, noch ehe er verlegen den Blick von ihr hatte abwenden können. Nie zuvor hatten sie sich auf diese Weise umarmt, eine Tatsache, die seiner Gesichtsfarbe nicht eben zugute kam.
Nelke wurde sich ihrer Tat ebenso plötzlich bewusst, wie er es getan hatte und schlug die Augen nieder, ein verlegenes Lächeln im Gesicht.
"Es… es tut mir Leid."
Sie war es, die ihre Stimme zuerst wieder fand. Frodo, eifrig damit beschäftig, das Gras neben seinen Beinen abzuzupfen, hob überrascht den Kopf. Ein Funkeln lag in seinen Augen, die, sehr zu Nelkes Freude, wieder von einem dunklen Blau waren.
"Das muss es nicht", gestand er mit einem schüchternen Lächeln, erhob sich dann aber mit einer raschen Bewegung und wandte sich von ihr ab.
Nelke stockte der Atem. Sie hatte bereits bemerkt, dass mehr in Frodo steckte, als das Auge sah, doch dass er so kühn war, hatte sie nicht gedacht. Beinahe hätte sie ihn mit offenem Mund angestiert, doch schaffte sie es mühevoll, ihr Kinn an Ort und Stelle zu behalten und beschränkte sich darauf, zu starren.
"Keine Sorge, mir geht es gut", versicherte er ihr dann und eilte davon, um sich sein Hemd zu holen. Lächelnd sah er noch einmal zu ihr zurück, ehe er sich gemächlichen Schrittes vom Ufer entfernte. Nelke schien wie versteinert. Für einen langen Augenblick konnte sie nichts weiter tun, als still zu sitzen und dem aufgeregten Pochen ihres Herzens zu lauschen, ihre Wangen noch immer rot und erhitzt.
Merry war gerade aus dem Wasser geklettert, als er sah, wie Frodo in Nelkes Armen lag. In ihren Armen! Erst hielt er es für eine Täuschung, doch ganz gleich, wie oft er blinzelte, das Bild wollte sich nicht ändern. Vollkommen aus der Fassung gebracht, starrte er zu den beiden hinüber. Etwas in ihm begann zu brodeln. Eine gefährliche Hitze, die sich auf Frodo, doch noch mehr auf Nelke richtete. Wie konnte sie es wagen? Auf solch schäbige Art und Weise wollte sie sich seines besten Freundes bemächtigen. Was konnte sie Frodo schon geben? Nelke war nichts im Vergleich zu ihm. Sie kannte Frodo nicht halb so gut wie er es tat. Er allein war es, der schon seit eh und je Frodos Geheimnisse wusste und so sollte es auch bleiben. Er durfte Frodo nicht verlieren, nicht an sie! Nelke durfte ihm seinen Vetter nicht wegnehmen!
"Hinein mit dir!"
Mit einem überraschten Ausruf taumelte Merry rückwärts, verlor schließlich das Gleichgewicht und landete im Fluss. Minto und Madoc sprangen neben ihm hinein, tauchten ihn kurz unter, als er ihnen entfliehen wollte und zogen ihn dann unter den Steg. Merry hatte beinahe vergessen, wie angenehm kühl und schattig es unter den Holzleisten war, seit Marroc und seine Freunde den Steg in den letzten Jahren ständig für sich beansprucht hatten. Dieses Jahr waren jedoch alle, außer Reginard, in Lehrberufe eingetreten und Marrocs Freunde waren nur mehr selten im Brandyschloss gesehen, denn Ilberic arbeitete in Weißfurchen als Hufschmied, während Sadoc in Tiefenhain einem Bauer zur Hand ging, dessen Sohn sich im vergangenen Jahr das Bein gebrochen hatte und seither schlecht zu Fuß war.
Einen letzten Blick auf seinen Vetter werfend, ließ Merry sich schließlich von Madoc und Minto zu abenteuerlichen Tauchgängen auf den Grund des Flusses hinreißen. Mit Nelke würde er später sprechen, ebenso mit Frodo. Sein Vetter musste dringend einsehen, dass es nicht gut war, sich mit Mädchen einzulassen, da dadurch nur allzu leicht in Vergessenheit geriet, was wirklich von Bedeutung war. Und eine Umarmung wie jene, die er eben noch zu Gesicht bekommen hatte, gehörte ganz gewiss nicht dazu!
Merry konnte nicht ahnen, dass er nicht der Einzige gewesen war, der die flüchtige Zärtlichkeit der jungen Hobbits beobachtet hatte und dass es jemanden gab, den diese Freundschaft noch zorniger stimmte, als ihn.
 
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Das Herz schlug ihm vor Aufregung bis zum Hals. Ein Lächeln, gleichermaßen aus Freude und Verlegenheit geboren, erhellte seine Züge, während er sich das Hemd überstreifte. Er hatte laut gedacht und damit nicht nur Nelke überrascht. Frodo hätte sich seine Worte niemals zugetraut, nicht in einer solch prekären Lage, wie jener, in der er sich eben erst befunden hatte. Alleine der Gedanke daran trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht. Sie hatte ihre Arme um ihn gelegt und er hatte es zugelassen. Sie hatte ihn umarmt, wie ihn nie zuvor ein Mädchen umarmt hatte, nicht zuletzt deshalb, weil er niemals auch nur daran gedacht hatte, sich von einem Mädchen umarmen zu lassen, und das Gefühl, das dabei in ihm aufgekommen war, war ihm völlig neu. Es war Wärme, ebenso angenehm wie jene, die er vor vielen Jahren in den Armen seiner Eltern empfunden hatte, jene, von der er einst geglaubt hatte, sie in Bilbos Umarmungen wieder finden zu können. Und doch war sie anders, fremd. Sie hatte das Kribbeln zu neuem Leben erweckt und Frodo legte nun eine Hand auf seinen Bauch, während er das Hemd in den Hosenbund stopfte, doch einfangen konnte er das Gefühl nicht.
Frodo blickte zurück. Inzwischen hatte er den flachen Hang erklommen, konnte in der Ferne nur mehr das schwache Schimmern der westlichen Hälfte des Flusses erkennen, das trotz des dunklen Wassers das Blau des Himmels und das Grün des Schilfs und Gebüschs widerspiegelte. Nelke und die anderen Kinder waren aus seinem Blickfeld gewichen und auch deren Gelächter und ihre gelegentlichen Ausrufe drangen nicht länger an sein Ohr. Tief durchatmend versuchte Frodo, seiner Gefühle wieder Herr zu werden. Er hatte laut gedacht und die Worte waren über seine Lippen gekommen, noch ehe er gewusst hatte, was er ihr entgegnen würde. Er war verrückt, sich von ihr umarmen zu lassen, doch noch verrückter war, dass er scheinbar Gefallen daran fand.
Frodo schüttelte den Gedanken ab. Bestimmt genoss er ihre Umarmung nicht, sondern hatte sich in einem Augenblick der Verwirrung dazu hinreißen lassen. Es war die Schuld des Flusses - Marrocs Schuld - und Nelke hatte seine vorübergehende Schwäche schamlos ausgenutzt. In diesem Falle war sie jedoch sehr geschickt vorgegangen und Frodo konnte sich ein anerkennendes Lächeln nicht verkneifen, schüttelte jedoch sogleich den Kopf, als er sich dessen bewusst wurde. Entschlossen setzte er seinen Weg zum Brandyschloss fort. Für heute hatte er genug von Nelke und der Macht, die sie über ihn besaß.
Seine Gedanken wanderten dennoch zurück, kreisten jedoch nicht länger um das Mädchen, sondern um den Fluss. Seit dem Vorfall mit Marroc waren beinahe drei Wochen vergangen und Frodo hatte geglaubt, den Schrecken jenes Abends hinter sich gelassen zu haben. Er war eines Besseren belehrt worden und alleine der Gedanke an das Gefühl, im Wasser unterzutauchen, ließ ihn erschaudern. Die kalte Angst, die sich seiner bemächtigt hatte, war schlimmer gewesen als alles, das ihn nach dem Tod seiner Eltern nicht hatte in den Fluss gehen lassen. Es war mehr als nur Furcht gewesen, er hatte um sein Leben gebangt.
Tief in Gedanken achtete Frodo nicht länger auf den Weg, ging mit gesenktem Kopf über die Wiesen. Ein sanfter Nordwind strich über seine linke Wange und spielte mit seinen Locken. Vogelgezwitscher erfüllte den wolkenlosen Nachmittag, war selbst in Frodos Grübeleien noch gegenwärtig. Die Blätter eines Apfelbaumes raschelten, als Frodo daran vorüber ging. Auf beinahe allen Wiesen unweit des Brandyschlosses standen Apfel- und Birnenbäume, manche von ihnen eingezäunt, damit sich das Vieh nicht an den Stämmen kratzen konnte und dadurch die Ernte verdarb.
Frodo hätte auch diesem Baum keine große Beachtung geschenkt, hätte er nicht aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen. Überrascht hob er den Kopf, doch wurde er grob an den Haaren gepackt, noch ehe er sich dem Baum vollends hatte zuwenden können. Er wusste nicht, wie ihm geschah, als sein Kopf plötzlich nach vorne gedrückt und sein linkes Knie hochgerissen wurde, fühlte nur den Schmerz, der durch seinen Kopf dröhnte, wie der Donner nach dem Blitzschlag den Himmel ergrollen ließ. Er schrie auf und Tränen schossen in seine Augen. Die Welt verschwamm in Dunkelheit und blinkende Sterne tanzten vor seinem Gesicht, als sein Kopf wieder zurückgerissen wurde. Sein Magen drehte sich ob der ruckartigen Bewegung, doch Frodo konnte sich nicht einmal dessen gewahr werden, bevor er erneut aufschrie, da sein Rücken schmerzhaft gegen den Baumstamm prallte. Hände legten sich grob auf seine Schultern, gruben sich in sein Fleisch, während die Daumen zu beiden Seiten gegen seinen Hals drückten und ihm das Atmen erschwerten.
"Wenn es nach mir ginge, würde ich dich jetzt grün und blau prügeln, wie ich es dir versprochen hatte", drohte eine Stimme, "doch ich denke, das werde ich mir auf ein anderes Mal aufsparen."
Frodo spürte das Blut aus seiner Nase laufen, schmeckte es auf seinen Lippen. Seine Ohren klingelten, sein Kopf pulsierte. Ihm schwindelte und während er benommen auf sein Gegenüber blickte, tauchte Reginards wutentbranntes Gesicht vor seinen tränenverschleierten Augen auf. Von Furcht ergriffen, wollte sich Frodo von ihm abwenden, doch die Bewegung sandte eine neue Welle des Schwindels durch seinen Körper und er musste bald einsehen, dass er ohne den Griff seines Angreifers, längst zu Boden gegangen wäre.
Reginard zitterte, so sehr musste er sich zusammenreißen, um sein Wort zu halten. Anstatt ihn zu schlagen, presste er seine Daumen noch fester gegen Frodos Hals, bis dessen flache Atmung zu einem Röcheln überging, das beizeiten von einem Gurgeln unterbrochen wurde, wenn der Jüngere mühevoll versuchte, sein eigenes Blut hinunterzuschlucken. Seit Reginard den Jungen heute mit seiner Schwester gesehen hatte, konnte er seine Wut kaum mehr kontrollieren. Es war schon zuviel gewesen, dass Frodo ihre Hand genommen hatte, doch sich auch noch in ihre Arme zu legen, war ungeheuerlich. Was glaubte er denn, wer er war?
"Nelke hat etwas Besseres verdient, als dich", zischte er giftig, während Frodo ihn aus geweiteten Augen anstarrte, jedoch keine Anstallten machte, sich zu verteidigen oder gar zu befreien. "Was soll sie mit einem Jammerlappen, einem Träumer, der seine Nase nur in Bücher steckt und über sein eigenes Leid klagt? Da sie das nicht einsehen will, werde ich dafür sorgen, dass du es verstehst."
Reginard drückte noch fester gegen Frodos Hals, bis das Röcheln erstarb und sein Opfer ihn in die Arme kniff. Der geringe Schmerz führte jedoch nicht dazu, dass er innehielt, was einen panischen Ausdruck auf dem Gesicht des Jüngeren erscheinen ließ. Beinahe hätte Reginard siegreich gegrinst, doch da trat Frodo ihn schmerzhaft gegen das Schienbein und er sog scharf die Luft ein. Seine Finger ließen vom Hals seines Opfers ab, drückten stattdessen gegen dessen Schlüsselbein, doch sollte Frodos Tat keineswegs ungestraft bleiben. Für einen kurzen Moment zog Reginard den Jungen vom Baum weg, was diesen beinahe stolpern ließ, um ihn dann noch einmal kräftig dagegen zu stoßen. Ein Wimmern entwich Frodos Lippen und auch wenn der Junge keinen weiteren Laut von sich gab, konnte Reginard in dessen schmerzverzerrtem Gesicht erkennen, dass seine Tat ihre Wirkung nicht verfehlt hatte.
Während Frodo verzweifelt versuchte, die Luft, die durch den schmerzlichen Aufprall aus seinen Lungen gewichen war, wieder einzuatmen, starrte Reginard ihn grimmig an, zeigte keine Regung.
"Wenn ich euch noch einmal zusammen sehe, wirst du deines Lebens nicht mehr froh", drohte der Ältere und Frodo wich zurück, als ein gefährliches Funkeln in die dunklen Augen trat, das dem in Marrocs Blick nicht unähnlich war.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Kopf schien auf jedes Pochen mit einem Hammerschlag zu antworten. Er war benebelt und sich seiner Angst kaum bewusst, während er starr in die Augen seines Gegners blickte, unfähig, etwas zu erwidern. Unaufhörlich lief ihm Blut aus der Nase. Frodo schmeckte es auf seiner Zunge, spürte, wie es über sein Kinn lief, um auf sein Hemd zu tropfen.
"Du wirst ihr klar machen, dass du nichts von ihr wissen willst", fuhr Reginard mit bedrohlicher Stimme fort, "und danach wirst du sie in Frieden lassen, oder eine blutende Nase wird das Kleinste deiner Probleme sein."
"Frodo!"
Besagter Hobbit wäre beinahe strauchelnd nach vor gefallen, als Reginard beim Klang der Stimme plötzlich von ihm abließ, um, mit einem letzten drohenden Blick, davonzueilen. Frodo schwindelte, lehnte sich Halt suchend an den Stamm, nur um schließlich doch zu Boden zu gleiten. Mit dem Handrücken wischte er sich das Blut von Kinn und Lippen, verschmierte dieses jedoch nur. Seine Augen füllten sich nicht länger mit Tränen, doch einzelne Tränenperlen, stumme Zeugen seines Schmerzes, suchten weiterhin ihren Weg über seine Wangen. Vorsichtig legte Frodo eine Hand auf seine Nase, um den Blutfluss zu bremsen, zuckte jedoch schmerzvoll zusammen, als er das Ziel von Reginards Überraschungsangriff berührte. Nur langsam wurde ihm klar, was geschehen war und ein eisiger Schauer der Furcht und des Schreckens brachte seinen Körper zum Erzittern.
Merry rannte an seines Vetters Seite, erlaubte ihm, sich an seine Brust zu lehnen.
"Was ist geschehen?", fragte er sorgenvoll und voller Entsetzen, doch im Grunde war keine Antwort mehr vonnöten. Sein Blick wanderte nach Nordosten, wo Reginards Gestalt in einiger Entfernung noch zu erkennen war. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Nelkes Bruder seinen Zorn an Frodo auslassen würde und wenn dieser ihn schon verprügelte, wollte Merry nicht wissen, was Marroc tun würde, sollte er von der Freundschaft zwischen Frodo und Nelke erfahren. Er erschauderte unweigerlich.
Frodo entgegnete nichts und so bettete Merry den Kopf seines Vetters schließlich auf seinen Schoß und strich ihm tröstend über die Stirn, wischte mit dem Handrücken eine Träne weg. Die Farbe war aus Frodos Gesicht gewichen und durch die Blutspuren wirkten dessen Wangen noch blasser. Er hielt die Augen geschlossen. Sein Ausdruck sprach von Schmerz und Schrecken.
Merry spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Frodos Anblick ließ ihn lodernden Zorn empfinden, den er auf Reginard und Nelke richtete. Hätte er gewusst, was Reginard mit seinem Vetter vorhatte, wäre er nicht wortlos an Nelke vorübergegangen, als er das Flussufer verlassen hatte. Wenn sie nicht wäre, wäre Frodo niemals von Reginard verprügelt worden, dessen war Merry sich sicher. Er hatte Frodo bereits zu warnen versucht, hatte ihn gebeten, auf der Hut zu sein, doch sein Vetter hatte nicht hören wollen. So sehr ihn das damals verärgert hatte, so Leid tat ihm Frodo nun. Vielleicht mochte er Nelke wirklich, doch weshalb sah er nicht ein, dass es ihm nur Ärger brachte, wenn er mit ihr zusammen war? Sie und ihre ganze Familie waren nicht gut für ihn.
"Ich weiß, was du denkst", hörte er Frodo sagen und blickte verwundert auf ihn hinab. "Sie hat damit nichts zu tun."
"Aber…", begann Merry, doch Frodo brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Schwankend richtete er sich auf, wäre erneut zu Boden gesunken, hätte Merry ihn nicht stützend am Arm ergriffen.
"Ich weiß, was du von Nelke denkst", fuhr Frodo fort, wobei er sich in Bewegung setzte und sich noch einmal über die Lippen wischte. Seine Nase hatte aufgehört zu bluten. "Ich will nicht, dass du sie in meinen Streit mit Reginard hineinziehst. Nelke kann nichts dafür."
Merry konnte kaum glauben, was sein Vetter von sich gab, starrte ihn entgeistert an. Wollte er denn noch immer nicht begreifen? War er denn schon so blind geworden? Beinahe wäre er stehen geblieben, hätte dadurch auch Frodo zum Halt gezwungen, doch er hielt sich zurück. Sollte sein Vetter glauben, was er wollte, spätestens wenn seine Eltern das Blut sahen, würde Frodo eine Erklärung bereithalten müssen.
Frodo mochte benommen gewesen sein, doch er hatte Reginards Worte verstanden, hatte sie sehr gut verstanden. Nelke hatte nichts vom Vorhaben ihres Bruders gewusst. Reginard war es, der gegen ihre Freundschaft war. Reginard hatte allein entschieden, ihn zu schlagen, um ihn dadurch von Nelke fernzuhalten, doch das würde ihm nicht gelingen. Frodo würde den Schmerz ertragen, selbst wenn Reginard ihn noch einmal verprügelte, wie er es gedroht hatte, denn er wollte ebenso mit Nelke zusammen sein, wie sie mit ihm und nur weil einem halbstarken Hobbit dies nicht passte, würde er sie und sich selbst nicht darunter leiden lassen. Sollte Reginard tun, was er nicht lassen konnte, aber Frodo würde sich weder von Nelke fern halten, noch jemandem den Grund für diese Auseinandersetzung verraten, auf dass die Erwachsenen dafür sorgten, dass er seine Freundin nicht mehr sah.
Die Vettern sprachen nicht miteinander, während sie ihren Heimweg fortsetzten. Frodo war es, der das Schweigen brach, während er sich am Ziehbrunnen vorsichtig das Gesicht wusch. Er wollte, dass sein Vetter für sich behielt, was er gesehen hatte, doch Merry war von dieser Idee wenig angetan.
"Er hat dich verprügelt!" versuchte er, seinem Vetter klar zu machen. Ungläubig schüttelte er den Kopf, bekam langsam den Eindruck, dass Frodos Verstand weitaus mehr an Reginards Schlägen gelitten hatte, als seine Nase. "Willst du ihn etwa ungestraft lassen?"
Frodo entgegnete nichts, warf ihm jedoch einen vielsagenden Blick zu, ehe er starrköpfig zur Hintertür der großen Höhle ging. Merry folgte ihm mit den Augen, unfähig, die Gründe seines Vetters zu verstehen. Welche Gründe hatte er denn? Frodo hatte keinen genannt, doch in dessen Augen konnte Merry lesen, dass er auf sein Stillschweigen hoffte und nicht vorhatte, Reginard zu verraten.
Aufgebracht schlug er mit der Faust auf das Brunnenrohr, nicht wissend, auf wen er zorniger war. Nelke war ihm schon lange ein Dorn im Auge und Reginard war zu einem geworden, seit er Frodo im letzten Sommer gedroht hatte. Dass Frodo nun weder den einen bestrafen, noch sich von der anderen fernhalten, sondern stattdessen seinen Sturkopf durchsetzen wollte, ließ Merry auch auf ihn wütend werden. Was musste denn noch geschehen, damit Frodo verstand, dass Nelke kein Umgang für jemanden wie ihn war? Genügte es denn nicht, dass sie ein Mädchen war und offensichtlich jeder in ihrer Familie ein Gräuel gegen ihn hegte?
"Frodo!"
Merry eilte seinem Vetter hinterher, während er sich darüber aufregte, dass er in solche Dinge hineingeraten musste. Natürlich war es gut gewesen, dass er Reginard hatte aufhalten können, ehe Schlimmeres geschehen war, doch wenn er nur etwas später gekommen wäre, wäre er nun nicht gezwungen, für Frodo zu lügen. Jetzt stand er vor der Wahl seine Eltern zu betrügen oder seinen Vetter zu verraten und beides behagte ihm nicht.
Er seufzte schwer, als er in Frodos bittende Augen blickte und schüttelte den Kopf.
"Tu, was du tun musst", sagte er dann traurig, "aber rechne nicht mit meiner Unterstützung. Ich werde deine Geschichte weder bejahen, noch verneinen."
Frodo nickte und für einen kurzen Augenblick stahl sich ein Lächeln über seine Züge. "Danke."
Wäre Frodo nicht sein bester Freund gewesen und hätte er nicht gewusst, dass dieser dasselbe für ihn täte, hätte Merry dieses Lächeln nicht erwidern können.
"Lass uns zu Mama gehen", seufzte er dann. "Sie soll sich deine Nase ansehen."
 


68. Kapitel: Zwistigkeiten

Frodo entzündete die Kerze auf seinem Nachttisch, blickte dann zu Merry, der auf seiner Seite des Zimmers dasselbe tat. Sein Vetter war den ganzen Abend über sehr schweigsam gewesen, hatte, wie er es versprochen hatte, weder für, noch gegen ihn gesprochen. Esmeralda hatte ihm geglaubt, als er gesagt hatte, er wäre hingefallen, hatte ihn jedoch damit aufgezogen, dass er besser aufpassen sollte, wo er seine Nase hineinsteckte. Auch Saradoc hatte den Grund für seine Verletzung nicht in Frage gestellt und so atmete Frodo tief durch, als er sich schließlich auf sein Bett setzte, sich das Hemd aufknöpfte und mit den Ereignissen des Tages abschloss.
Sein Blick glitt zum Bild seiner Eltern und zu einer neuen Schnitzerei, die auf dem Nachttisch ihren Platz gefunden hatte. Es war ein Mathom, das Merry ihm an seinem Geburtstag gegeben hatte. Im Grunde war es mehr als das, denn Merry hatte die Schnitzerei, die einen Hobbit beim Schnitzen zeigte, auf dem Brückengauer Markt erstanden. Als Frodo die Figur ausgepackt hatte, hatte sein Vetter gelacht und gemeint, dass jener Hobbit aus Holz ihm nicht unähnlich sah.
Müde schob sich Frodo die Hosenträger von den Schultern, glitt schließlich auch aus dem blutigen Leinenhemd, das er auf den Boden schmiss. Morgen würde er es in die Wäsche geben. Als er sich umdrehte, um sein Nachthemd zu holen, öffnete sich die Tür und der warme Lichtschein der Lampen im Gang drang herein. Merry sog überrascht die Luft ein. Verwundert wandte Frodo sich um. Saradoc stand in der Tür, sah ihn fassungslos an. Unweigerlich hielt Frodo sich das Nachthemd vor den Körper, blickte erst verwirrt an sich herab, sah dann von einem erschütterten Gesicht in das andere.

Saradoc öffnete die Tür zum Zimmer der Jungen, als sich ihm im schwachen Lichtschein ein Anblick bot, der ihm den Atem stocken ließ. Drei große blaue Flecken zierten Frodos Rücken. Zwei waren ein Stück über dem Hosenbund zu beiden Seiten gelegen, während sich der dritte knapp unter dem linken Schulterblatt befand. Frodo hatte erzählt, er wäre gestolpert und dabei ungeschickt gefallen, doch was Saradoc für einen kurzen Augenblick zu Gesicht bekommen hatte, waren weit mehr als die Spuren eines tollpatschigen Sturzes. Rasch schloss er die Türe hinter sich, eilte zu dem Jungen, der völlig verwirrt zwischen ihm und seinem Sohn hin und her blickte, und fasste seine Vermutung in Worte. „Wer hat dich geschlagen, Frodo?“

Frodo spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog. Seine Augen weiteten sich, alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Stechend spürte er seinen Herzschlag bis in den Hals, als ihm plötzlich klar wurde, dass er bei seiner Ausrede eine wichtige Kleinigkeit vergessen hatte: seinen Rücken. Immer wieder hatte er am Abend ein leichtes Pochen in seinen Muskeln gespürt, doch hatte er dem keine weitere Beachtung geschenkt. Erst jetzt verstand er, dass sein Körper nicht unbeschadet gegen den Baum geprallt war. Er hatte zu früh aufgeatmet und musste jetzt schnell handeln.
„Geschlagen?“ All seine Überraschung über Saradocs ungeahnte Entdeckung ließ er in seine Stimme fließen, wobei er fragend die Stirn in Falten legte und ahnungslos zum Herrn von Bockland aufblickte. „Ich bin gefallen.“
Saradoc ließ sich neben ihm auf dem Bett nieder und stoppte seinen Versuch, in sein Nachtgewand zu schlüpfen, indem er eine Hand auf die seinen legte und ihn mit der anderen sanft, aber bestimmt umdrehte, sodass er sich seinen Rücken genauer ansehen konnte. Frodo spannte den Oberkörper an, bemüht, seine Aufregung zu verbergen.
„Wenn ich deinen Worten Glauben schenken darf, bist du auf dein Gesicht gefallen“, erklärte der Herr.
„Und auf den Rücken!“ beeilte sich Frodo hinzuzufügen, während Saradocs Finger hier und da über die verletzte Haut glitten und ihn unweigerlich zusammenzucken ließen. Saradocs Aufmerksamkeit behagte ihm nicht, ließ ihn um seine Ausrede bangen.
„Und du hast ganz zufällig vergessen, dies heute Abend zu erwähnen“, bemerkte Saradoc mit bestimmtem, doch undeutbarem Ton, wobei er den Jungen wieder umdrehte.
Frodo wusste nicht recht, ob er darauf etwas erwidern sollte, doch erleichterte ihm der Herr die Entscheidung, indem er ihn eingehend, beinahe fordernd betrachtete. Das Licht der Kerze spiegelte sich in den grünen Augen und der junge Hobbit fand sich nicht in der Lage, dem Blick lange standzuhalten. Wortlos senkte er den Kopf.
„Wer hat dich geschlagen?“

Frodo hatte die Hände auf seinen Schoß sinken lassen, grub nun die Finger in das Nachtgewand, bis sie zitterten. Der bittere Geschmack einer Niederlage lag auf seiner Zunge. Saradoc hatte ihn durchschaut, doch hieß das noch lange nicht, dass er nun sagen würde, was geschehen war. Er hatte seine Gründe, dies geheim zu halten und an diesen hielt er fest. Ein angespanntes Kribbeln ging durch seinen Körper, als er entschlossen die Lippen zusammenpresste. Saradoc mochte glauben, dass seine Probleme gelöst werden konnten, indem er ihm verriet, mit wem er seine Meinungen nicht teilte, doch sah der Herr nicht ein, dass es manchmal besser war, solche Dinge für sich zu behalten. Glaubte er denn, Reginard würde nicht noch einmal zuschlagen, nur weil er ihn zur Rede stellte, ihn bestrafte? Frodo wusste, dass genau das Gegenteil der Fall sein würde. Saradoc konnte ihm nicht helfen, hatte ihm noch nie helfen können und auch wenn er nicht wagte, ihm das ins Gesicht zu sagen, konnte er zumindest schweigen.

Merry klammerte sich mit den Händen an der Bettdecke fest. Er kannte den Blick, mit dem sein Vater Frodo bedachte. Eine stumme Aufforderung zu antworten. Die Stille war es, die diesen Blick so gefährlich machte. Jeder Atemzug hallte in seinen Ohren wider und manchmal glaubte er sogar, die Kerze brennen zu hören. Er hatte Frodo versichert, nichts zu sagen, weder zum Guten, noch zum Schlechten und das nagte nun an seinem Herzen. Es hatte ihn Überwindung gekostet zu schweigen, als seine Mutter nachgefragt hatte und noch mehr, als sein Vater sich über die Gründe für Frodos geschwollene Nase erkundigt hatte. Doch nun wusste Saradoc die Wahrheit. Frodo hatte keinen Grund mehr, seinen Streit mit Reginard zu leugnen. Dass er es trotzdem tat, ließ die Wut des späten Nachmittages neu in Merry auflodern. Selbst jetzt schwieg Frodo lieber, anstatt preiszugeben, dass seine Freundschaft zu Nelke schuld an der Misere war. Merry war froh, dass das Mädchen im Augenblick nicht anwesend war, denn er glaubte nicht, dass er seine Wut hätte kontrollieren können, hätte er sie gesehen. Wie hatte sie seinen Vetter so rasch so sehr verderben können?
„Frodo?“
Saradocs Stimme verlangte nach einer Antwort und Merry zitterte aus lauter Verärgerung über jene drei Hobbits, die ihn in diese Lage gebracht hatten. Nicht zuletzt richtete er seinen Zorn jedoch auch gegen sich selbst, denn schließlich war er es gewesen, der eingewilligt hatte zu schweigen. Er biss sich auf die Lippen, grub seine Finger fester in die Decke.

„Es war Reginard!“
Frodo zuckte förmlich zusammen, als die Worte aus seinem Vetter herausplatzten. Entrüstet und mit offenem Mund starrte er Merry an, der keuchend auf dem Bett saß und entschuldigend zu ihm herüberblickte. Er hatte ihn verraten! Frodo konnte es kaum fassen. Merry hatte sein Versprechen gebrochen und Saradoc schien darüber nicht weniger überrascht als Frodo selbst. Zu seinem Unglück erholte sich der Herr jedoch, während er noch darüber nachdachte, ob er enttäuscht oder wütend sein sollte. Er hatte immer geglaubt, er könne Merry vertrauen und die Erkenntnis, dass dem nicht so war, versetzte ihm einen Stich ins Herz, raubte ihm die Stimme.

„Reginard Boffin?“, Saradoc blickte verwundert von einem zum anderen. „Worum ging es?“
„Um…“, begann Merry, unfähig, länger zu schweigen, doch fiel ihm Frodo ungehalten ins Wort.
„Um nichts!“ rief er wütend. „Du warst nicht einmal da, also tu nicht so, als wüsstest du, wovon du sprichst!“
Ein zorniges Funkeln trat in Frodos Augen, eben jenes Licht, das Saradoc schon häufig gesehen hatte, wenn dieser sich gegen seine Entscheidungen stellte. Es war ein Ausdruck, der ihm nicht gefiel, doch noch weniger sagte ihm der Tonfall zu, mit dem der junge Hobbit seinen Sohn zurechtwies. Beschwichtigend legte er eine Hand auf Frodos Brust, als der Junge sich aus seiner kauernden Haltung aufrichtete, um böse Blicke ans andere Ende des Zimmers zu werfen.
„Frodo!“ wies er ihn streng zurecht, blickte dann zu seinem Sohn und zog fragend eine Augenbraue hoch. „Merry?“
Saradoc hofft, wenigstens von ihm die Antworten zu erhalten, die Frodo ihm nicht geben wollte, doch nachdem dieser einen langen, wütenden Blick mit seinem Vetter gewechselt hatte, schlug er die Augen nieder und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Frodo hat Recht“, sagte er beinahe tonlos. „Ich war nicht dort.“
Saradoc schloss entnervt die Augen. Er spürte mehr, als dass er hörte, wie Frodo erleichtert aufatmete und nahm schließlich die Hand vom wild pochenden Herzen des Jungen. Er war sich nicht sicher, ob Merry die Wahrheit sprach, oder ob Frodo ihn durch seine Blicke eingeschüchtert hatte, doch er wusste, dass er es noch herausfinden würde.

Schweigen breitete sich im Zimmer aus. Frodo war zwar erleichtert, dass Merry nicht vorgab, mehr zu wissen, als er es tatsächlich tat, doch in seinem Inneren brodelte es. Wie hatte er ihm so etwas antun können? Weshalb hatte er ihn nicht einfach gewähren lassen können? Schließlich wusste er, was er tat, doch Merry schien das nicht verstehen zu wollen. Zornig und enttäuscht zugleich, blickte er seinen Vetter an. Dieser hatte zwar den Blick gesenkt, spielte unruhig mit seiner Bettdecke, hob aber ab und an den Kopf. Eine wütende Flamme loderte in den Augen, die ebenso blau waren, wie seine eigenen, doch lag auch Schmerz darin.
Schmerz! Frodo hätte beinahe verbittert gelacht. Welchen Grund hatte Merry denn schon, verletzt zu sein? Er war nicht von seinem besten Freund verraten worden, nur weil dieser glaubte, alles besser zu wissen. Dabei wusste Merry gar nichts. Merry war beliebt, wurde von vielen für das gemocht, was er war.
Bei ihm war es anders. Bisher hatte nur Merry ihn so gemocht, wie er war und alle anderen hatten ihn zwar geduldet, sahen in ihm jedoch ebenso wenig einen Freund, wie Frodo sie als solche bezeichnete. Bis Nelke kam. Nelke mochte ihn um seinetwillen. Und nun sollte er das alles aufgeben, nur weil Reginard damit nicht einverstanden war?
Frodo wusste, dass Saradoc mit Reginard sprechen würde, sollte er ihm von der Prügelei erzählen. Wenn dies geschah, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Nelke davon erfuhr, und sie würde bestimmt nicht wollen, dass er noch einmal geschlagen wurde, und sich von ihm fernhalten. Reginard hätte gewonnen, und dies sollte keinesfalls geschehen, denn Frodo genoss es, ab und an mit einem anderen außer Merry über das zu sprechen, was ihn beschäftigte, auch wenn Nelke ihn bei weitem nicht so gut verstand wie sein Vetter.
Mit Merry konnte er über alles sprechen, doch nicht über Nelke. Je mehr Zeit vergangen war, desto klarer war ihm geworden, dass Merry eine ähnliche Einstellung hatte, wie Reginard. Er war der Ansicht, Nelke wäre nicht gut für ihn, würde ihn nur in Schwierigkeiten bringen, wollte jedoch nicht einsehen, dass sie für ihn auch wichtig war.
Und nun hatte er ihn verraten, gefährdete dadurch seine Freundschaft zu dem Mädchen und ließ zusätzlich Saradoc auf ihn wütend werden. Der Herr hätte nie erfahren, dass er ihn belogen hatte, wenn Merry geschwiegen hätte. Nun hatte er sich einen weiteren Schritt von Annerkennung und Stolz wegbewegt.
Würde etwa auch Bilbo davon erfahren? Sollte er sich am Ende auch von dessen Liebe weiter entfernen?
Zitternd vor Bitterkeit starrte er Merry an. Seine Finger gruben sich krampfhaft in das Nachtgewand. Er wusste nicht, was er mit seinem Vetter machen würde, wenn er ihm durch seine Untreue all dies genommen hatte.

Saradoc seufzte, rieb sich mit den Fingern zwischen den Augen. Sein Blick glitt von Frodo zu seinem Sohn und wieder zurück. Er konnte die Spannung, die in der Luft lag, spüren und hielt es für das Beste, wenn er mit Frodo alleine sprach. Mit ruhiger Stimme wandte er sich an seinen Sohn, bat ihn, sie alleine zu lassen. Nickend ließ sich Merry vom Bett gleiten, blickte noch einmal wütend zu seinem Vetter, ehe er das Zimmer wortlos verließ.
Saradoc wartete, bis die Tür mit einem leisen Knacken ins Schloss fiel, ehe er sich an Frodo wandte. Der Junge hatte sich von ihm abgewandt, die Hände auf dem Schoß zu verkrampften Fäusten geballt, die er unter seinem Nachtgewand zu verstecken suchte. Saradoc war wütend, doch sein Schmerz, dass Frodo ihn lieber belog, anstatt mit ihm zu sprechen, war stärker. Schweigend holte er einen Stuhl vom Schreibtisch, den er vor den Jungen stellte, ehe er sich darauf niederließ und sanft seine Hände auf Frodos legte, obwohl dieser erschrocken zusammenzuckte, sich der Berührung entziehen wollte.
„Mir scheint, Merrys Anwesenheit regt dich auf“, sagte er mit Bedacht. „Wirst du denn mit mir sprechen, jetzt, da er fort ist?“
Der Schatten des Kerzenlichts tanzte über Frodos rechte Wange, verliehen ihr einen goldenen Glanz, doch der Junge zeigte keine Regung. Schweigen legte sich über sie wie ein unsichtbarer Schleier und wieder war es Saradoc, der das Wort ergriff.
„Du weißt, dass ich hier bleiben werde, bis du mir sagst, was geschehen ist.“
Ruckartig drehte Frodo den Kopf, die Augen voller Zorn und Verbitterung. Er entzog ihm seine Hände, rutschte auf dem Bett zurück, bis er mit dem Rücken an der Wand lehnte.
„Was willst du denn hören?!“, zischte er aufgebracht, legte ohne es anzusehen sein Nachthemd zurecht. „Dass ich Reginard wütend gemacht habe? Dass ich es verdient habe? Dass ich…“
„Die Wahrheit, Frodo!“ unterbrach Saradoc, die Stimme lauter als beabsichtigt. „Ich möchte die Wahrheit hören.“

Frodo starrte den Herrn einen Augenblick wortlos an, zog sich dann das Nachthemd an, um die Spuren des Streites zu verbergen. Was nutzte Saradoc die Wahrheit? Die Wahrheit war, dass er schweigen musste, um das Wenige, das ihm geblieben war, zu schützen. Merry verstand das nicht und Saradoc noch weniger.
„Es war nichts“, sagte er dann, zog die Knie an und legte die Arme darum.
Saradoc sah ihn überrascht an. „Dann geht ihr also immer so miteinander um?“
An der Stimme des Herrn konnte Frodo erkennen, dass dieser weit wütender war, als er zugab. Seine Worte jedoch ließen wiederum ihn zornig werden. Saradoc wusste noch weniger, als er gedacht hatte. Seine Augen funkelten voller Zorn.
„Wir gehen überhaupt nicht miteinander um!“
„Das habe ich auch gedacht“, entgegnete der Herr knapp, „bis mir ein kleiner, verletzter Junge weiß machen wollte, dass nichts war.“
Entrüstet starrte er Saradoc an. Er hielt ihn also für klein? Glaubte er deshalb, sich in alles einmischen zu müssen? Er war nicht so klein, wie der Herr glauben mochte und er konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen. Trotzig, doch mit Bedacht antwortete er: „Es war ein Versehen.“

„Ein Versehen?!“ rief Saradoc erzürnt, bemerkte nicht, wie Frodo erschrocken zusammenzuckte. „Ein solches Versehen, dass er dir die Nase blutig schlug und deinen Rücken in ein Schlachtfeld verwandelte? Nein, Frodo, das war kein Versehen!“
Nie zuvor hatte er erlebt, dass der Geschlagene den Schläger verteidigte und die Sturheit, mit der Frodo das tat, ließ ihn zornig werden. Er wusste, was er Frodo zutrauen konnte, wusste, dass er frech sein konnte und das eine oder andere Mal schneller sprach oder handelte, als gut für ihn war. Er wusste jedoch auch, dass er Marroc und seinen Freunden nur mit respektvollem Abstand begegnete, der beinahe an Angst grenzte.
Reginard war ein Rüpel von Marrocs Schlag, hielt sich jedoch gerne im Schatten seines Vetters verborgen. Saradoc war klar, dass er einen Grund gehabt haben musste, um Frodo zu verprügeln, denn er war kein Schläger wie Marroc, der, zumindest bei Frodo, schon aus reiner Lust und Laune zugeschlagen hatte, auch wenn sich das seit seinem Lehrantritt im Frühjahr gebessert hatte.
„Worum ging es bei dem Streit?“
„Das ist unwichtig“, entgegnete Frodo sofort, den Blick starr, entschlossen.
Saradoc verdrehte entnervt die Augen. Er hatte sich immer für einen geduldigen Hobbit gehalten, doch Frodos Starrköpfigkeit ließ ihn verzweifeln. Mit dem Ellbogen stützte er sich am Schoß ab und rieb sich zwischen den Augen. Er verstand den Jungen nicht und das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Wie schon einmal in diesem Monat fiel sein Blick auf das Bild von Frodos Eltern und wieder fragte er sich, wie sie an seiner Stelle handeln würden. Esmeralda hatte einst gesagt, Frodo wäre ein Buch mit sieben Siegeln und Saradoc fragte sich unwillkürlich, wann sich der Junge so sehr verschlossen hatte. War er schon immer so gewesen? Hatte Primula einst mit denselben Sorgen zu kämpfen, die ihn nun plagten oder war es erst über die Jahre so gekommen? Ihm schien, dass es mit jedem Jahr schlimmer wurde. Frodo zog sich immer mehr zurück und Saradoc vermutete, dass ihm dieser Sturkopf das Leben schwer machen würde, sollte es ihm nicht gelingen, irgendwie zu ihm durchzudringen, ihn irgendwie zu verstehen.
„Warum, Frodo?“, seufzte er, wobei er dem Jungen tief in die Augen sah. „Warum lässt du so mit dir umgehen? Weshalb erlaubst du mir nicht, dir zu helfen? Was verbirgst du? Welches Geheimnis ist dir so wichtig, dass es dich mich belügen lässt? Muss ich dich auf Schritt und Tritt beobachten, um sicher zu sein, dass ich dir glauben kann?“

Erschrocken wich Frodo dem geraden Blick aus, lehnte die Stirn gegen die Knie und ließ die Hände auf sein Bett sinken. Er fühlte sich schrecklich. Wenn diese Unterhaltung beendet war, würde Saradoc enttäuschter von ihm sein, als jemals zuvor. Der Herr war jetzt schon traurig und verletzt, ganz gleich wie zornig seine Stimme zuvor noch geklungen hatte. Das hatte er nicht gewollt, ebenso wenig, wie er Saradoc hatte belügen wollen. Er log nicht wirklich, verschwieg nur die Wahrheit.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Weshalb hatte Reginard ihn schlagen und sein Leben dadurch noch schwerer machen müssen? Es war nicht der Schmerz der ihn quälte, es war der Ausdruck in Saradocs Augen. Manchmal wünschte er, er könnte sprechen, könnte all die Last der vergangenen Jahre ablegen, doch er wusste, dass die Worte nie über seine Lippen kommen würden. Er hatte sich einst geschworen, dass er schweigen würde, bis die richtige Person und der richtige Zeitpunkt gekommen waren, doch manchmal glaubte er, dass es keine richtige Person gab, nicht für ihn. Zumindest nicht im Brandyschloss. Er liebte Saradoc, sah zu ihm auf wie zu einem Vater und wusste doch, dass er nicht dessen Sohn war. Saradoc gab ihm ein Zuhause, bot ihm eine Familie, doch sein Zuhause war es nicht. Frodo wusste, dass er nicht sprechen konnte, bis er jene Geborgenheit, jene Liebe, die ihn einst auf Schritt und Tritt begleitet hatte, wieder gefunden hatte, fürchtete jedoch zugleich, dass es so etwas für ihn nicht gab. Sein Herz würde hungern und eines Tages an seinem Hunger sterben.
Er schluckte Tränen, die seine Augen nie erreichen sollten, während sich Stille im Zimmer ausbreitete. Es war zu spät, um umzukehren. Saradoc war bereits verletzt und er hielt es für besser, es dabei zu belassen, als zusätzlich auch seine Freundschaft zu Nelke zu gefährden. Zögernd hob er den Kopf, schlug jedoch die Augen nieder, als er bemerkte, dass Saradoc ihn noch immer mit demselben traurigen Blick ansah. Lachen, wohl aus dem Wohnzimmer kommend, drang an sein Ohr. Die Kerze flackerte, als er geräuschvoll ausatmete.
„Bestraf ihn nicht“, bat er schließlich leise. „Es wird nicht wieder vorkommen.“
Saradoc schüttelte den Kopf, betrachtete ihn ernst. Frodo konnte seinen Blick auf sich spüren, fühlte sich unbehaglich. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Bitte.“ Beinahe flehend sah Frodo zum Herrn auf, auch wenn es ihn Überwindung kostete, in das ernste Gesicht zu sehen, dessen betrübte, grüne Augen das Licht der Kerze auf seltsame Weise spiegelten. „Ich kann das selbst in Ordnung bringen.“

Wieder breitete sich Schweigen im Zimmer aus, während sich Ziehvater und angenommener Sohn lange in die Augen sahen. Beide wussten um ihre Liebe zueinander und doch fürchtete jeder, damit allein zu sein. Frodo glaubte, Saradoc sehe in ihm keinen Sohn, während der Herr vermutete, dass der Junge nur schwieg, weil er seine Nähe nicht wünschte.
Schließlich erhob sich der Herr von Bockland, stellte den Stuhl zurück an den Schreibtisch.
Frodo folgte ihm mit den Augen, unsicher, ob er ihm antworten würde. Umso erleichterter war er, als Merrys Vater kundtat, dass er es sich durch den Kopf gehen lassen wollte. Seine Miene hellte sich auf, doch war dies nur ein flüchtiger Schatten, der binnen eines Wimpernschlages wieder verblasste. Frodo spürte, wie ein Teil seiner Anspannung von ihm abfiel. Mit zaghafter Stimme rief er Saradoc zurück.
Der Herr hatte bereits den Türknauf umklammert, als er sich umwandte. Der Junge hatte wieder die Arme um die Knie gelegt, sah hoffnungsvoll zu ihm auf.
„Danke“, wisperte er.
Saradoc nickte mit dem Kopf, wünschte ihm dann eine gute Nacht und verließ das Zimmer.

Müde schloss Frodo die Augen, froh, der Enttäuschung in Saradocs Blick nicht länger begegnen zu müssen. In einem tiefen Seufzer stieß er die Luft aus seinen Lungen und entledigte sich seiner Hose, die er alsbald über einen Stuhl am Schreibtisch legte. Weshalb endeten Gespräche mit Saradoc meist damit, dass er das Gefühl hatte, versagt zu haben? Ein hartnäckiger, hohler Schmerz, der an seinem Herzen nagte und ihm klar machte, dass er sich immer weiter von dem entfernte, was er zu erlangen hoffte. Es war ein Kampf, den er verzweifelt zu gewinnen suchte und doch immer wieder verlor. Die Traurigkeit in Saradocs Augen hatte ihm gezeigt, wie sehr er versagt hatte. Er hatte sich nicht nur weiter von Stolz und Annerkennung entfernt, indem er den Herrn durch seine Worte verletzte, sondern hatte auch seine Freundschaft zu Nelke nicht schützen können. Sollte Saradoc sich trotz allem dazu entscheiden, Reginard zur Rede zu stellen, hätte er alles verloren, was er durch sein Schweigen hatte retten wollen. Und all dies war nur Merrys Schuld.
Frodo ballte die Hände zu zitternden Fäusten und biss sich auf die Lippen, während die Wut auf seinen Vetter, die er zuvor gespürt hatte, zurückkehrte. Hätte Merry zu ihm gehalten, hätte Saradoc nie erfahren, dass er gelogen hatte und jene Unterhaltung, die ihm nur noch mehr Leid gebracht hatte, wäre niemals geführt worden. Seine Finger gruben sich in seine Handflächen, als sich plötzlich die Tür öffnete und Merry im hellen Licht des Ganges das Zimmer betrat. Sein Vetter bedachte ihn mit einem Blick, den Frodo zornig erwiderte. Er konnte den Schmerz von zuvor in den Augen des Jüngeren erkennen, ebenso wie Wut und Unverständnis. Merry hatte kein Recht, ihn so anzusehen. Er besaß, was Frodo zu schützen gesucht hatte, erhielt Saradocs Stolz ohne darum kämpfen zu müssen.
Frodos Wangen glühten vor Zorn. Seine Atmung stockte. Ruckartig wandte er sich von Merry ab, pustete die Kerze aus und legte sich mit dem Gesicht zur Wand in sein Bett. Mit seinem Vetter wollte er nichts mehr zu tun haben.

Merry schüttelte verständnislos den Kopf, schloss schweigend die Tür hinter sich und zog sich um. Er hatte gehofft, Frodo würde die Wahrheit sagen, wenn er mit Saradoc alleine sprach, doch in den Augen seines Vaters hatte er erkennen können, dass dem nicht so war. Kurzerhand wollte er klären, was Frodo nicht hatte in Ordnung bringen können, doch er hielt sich zurück. Der Zorn und die Enttäuschung in Frodos Augen hatten sich tief in sein Inneres gebohrt. Er hatte ihn betrogen und fühlte sich denkbar schlecht dabei. Dass er nun jedoch mit demselben Blick noch einmal bedacht wurde, hatte er nicht erwartet. Zorn. Enttäuschung. Schmerz! Frodo verstand nichts von Schmerz! Er hatte nicht zusehen müssen, wie sein Vater wohlweislich belogen wurde und das, obwohl der Herr bereits geahnt hatte, was vorgefallen war. Er spürte den Zorn in sich brodeln und wünschte, er hätte gesagt, was er wusste, damit Nelke wieder zu einem lästigen Mädchen wurde mit dem sich gut Streiten ließ und Frodo zur Vernunft kam.
„Du hast nichts gesagt“, stellte er fest, weil er fühlte, dass er etwas sagen musste, wenn er nicht wollte, dass seine Wut ihn innerlich zerriss. Den abfälligen Tonfall, der dabei in seiner Stimme lag, konnte er nicht verhindern. Als Frodo nicht antwortete, schüttelte er erneut den Kopf, pustete seine Kerze aus und kroch unter seine Decke. Schlafen konnte er nicht und so begnügte er sich damit, zur Decke zu starren.

Merrys Aussage führte dazu, dass sich alles in ihm zusammenzog. Seine Finger krallten sich in das Kissen. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören. Mit einem Mal war Frodo sich sicher, dass Merry geredet hatte, dass sein Vetter die Anerkennung geerntet hatte, die er schweren Herzens opferte. Er spürte einen Zorn in sich, den er nie zuvor empfunden hatte und versuchte, ihn mit der Enttäuschung über Merrys Handeln zu erdrücken.
„Du hintergehst mich also“, stellte er im selben verletzenden Tonfall fest, mit dem Merry ihn zuvor bedacht hatte.
„Du ließest mir keine andere Wahl.“
Merrys Antwort kam so rasch und ausdruckslos, dass Frodo nicht länger an sich halten konnte. Mit vor Erbitterung funkelnden Augen setzte er sich auf und rief mit aufgebrachter Stimme: „Du hättest schweigen können!“
„So wie du?!“
Im schwachen Licht, das unter der Tür hereindrang, konnte Frodo kaum erkennen, wie Merry sich aufrichtete, doch er hörte es, ebenso wie er die Klage, die sein Vetter gegen ihn erhob, aus dessen schriller Stimme vernahm.
„Ich hab geschwiegen!“ erklärte Merry scharf. „Ich habe zugehört, wie du meine Eltern belogen hast! Ich habe sie ebenfalls belogen, indem ich deine Aussagen nicht richtig stellte! Aber das ist dir wohl vollkommen gleich!“
Merry schnappte nach Luft und ein Zittern lag in seiner Stimme. „Ich habe geschwiegen, bis ich sah, was er mit deinem Rücken gemacht hat.“
Frodo wandte den Blick ab. Merrys Worte bohrten sich einem Pfeil gleich in sein Herz, ließen es blutend zurück. Musste sein Vetter nach allem, was er getan hatte, noch mehr Leid über ihn bringen? Sein Körper zitterte vor Anspannung. Entschlossen kniff er die Augen zusammen, ballte, wie schon so häufig an diesem Abend, die Hände zu Fäusten. So würde er nicht mit sich umgehen lassen.
„Dir geht es doch nicht um meinen Rücken“, sagte er barsch. „Dir geht es nur um Nelke. Du willst nicht, dass sie meine Freundin ist.“

„Weil sie nicht gut für dich ist!“
Merry konnte kaum fassen, dass Frodo das noch immer nicht erkannte. Was musste denn noch geschehen, dass er verstand? Die Starrköpfigkeit, mit der Frodo das Mädchen verteidigte, brachte seinen Zorn nur noch stärker zum Brennen, auch wenn Mutlosigkeit ihn zu übermannen drohte. Was hatte Nelke nur aus seinem Vetter gemacht? Er unternahm einen letzten, verzweifelten Versuch, Frodo klar zu machen, was vor sich ging.
„Heute wurdest du von ihrem Bruder verprügelt und wer weiß, was morgen kommt? Ihr Vetter und ihr Bruder finden Gefallen daran, dich zu schlagen. Lohnt es sich da wirklich, sie heimlich zu treffen?“
„Sie weiß davon nichts“, entgegnete Frodo knapp und kalt, „und sie mag mich.“
„Sie mag dich?! Sie hat dich blind werden lassen für das, was wirklich zählt!“ schrie er, unfähig, seinen Zorn länger zu kontrollieren. Die Wut brach aus ihm heraus, rann wie heißes Öl über seine Haut. Eine Flamme loderte in seinem Innern, die seinen Körper zum Erzittern brachte. Hätte er annehmen dürfen, dass Frodo zur Vernunft käme, wenn er ihn schlug, hätte er es getan, doch er hatte bereits gesehen, dass Prügel keine Wirkung zeigten. Oh, wie dumm war er gewesen, dass er diese Freundschaft nicht von Anfang an verhindert hatte! Zornig schlug er mit der Faust gegen die Wand, bis der Schmerz ihm die Tränen in die Augen trieb. Er vernahm, wie Frodo aufgeregt seinen Namen rief, doch er war zu wütend, zu verletzt, als dass er hätte aufhören können. Er musste etwas schlagen und da Nelke nicht zur Verfügung stand und er seinem Vetter das nicht antun wollte, prügelte er immer weiter auf die Wand ein, bis seine Hand zurückgehalten wurde.
„Merry?“, hörte er die beunruhigte Stimme Frodos. Schnaufend drehte er sich um, blickte in die nun sorgenvollen Augen seines Vetters, was ihn nur noch verzweifelter werden ließ. Was hatte Nelke nur aus ihm gemacht? Er entwand sich Frodos Griff, stieß ihn kraftvoll von sich, ehe er an das Kopfende seines Bettes rutschte, die Knie anzog und sich in seine Decke einwickelte.
„Nichts ist dir mehr wichtig“, stellte er traurig fest, „nicht einmal mehr du selbst. Du lässt dich verprügeln und bittest sogar darum, deinen Angreifer nicht zu bestrafen. Ich bin dir nicht mehr wichtig, denn du zwingst mich dazu, meine Familie zu belügen und zum Dank schreist du mich an.“
Er spürte, dass noch nicht aller Zorn ihn verlassen hatte und verkrampfte sich, um Schlimmeres zu verhindern, als er schluchzend zu seinem Vetter aufblickte, der auf dem Bettrand saß und ihn schweigend ansah.
„Ich war also nicht da? Ich weiß nicht, wovon ich rede?“ Merry schüttelte den Kopf. „Mir scheint, ich weiß weitaus mehr als du. Nelke gibt dir etwas, das ich dir nicht geben kann. Was ist es, Frodo, das du nur mehr mit ihr zusammen sein willst? Ist es nur, weil sie ein Mädchen ist? Seit du mit ihr befreundet bist, habe ich das Gefühl, dass du nicht länger mein Freund sein willst.“

Frodo blieb sprachlos zurück, als sich Merry schließlich von ihm abwandte, sich in seinem Bett einem Igel gleich zusammenrollte und die Decke über den Kopf zog. Als leises Schluchzen an sein Ohr drang, war er versucht, tröstend eine Hand auf Merrys Schulter zu legen, ließ es jedoch bleiben. Es hätte nichts gebracht. Verwirrt und mit schwerem Herzen ging er schließlich zurück in sein eigenes Bett, ließ sich wortlos unter seine Decke gleiten. Sein Zorn war mit einem Mal erloschen, ließ ihn nun zitternd zurück. Erst hatten Merrys Worte frische Scheite in das Feuer seines erhitzten Gemüts gelegt und er hatte ihn zurechtweisen wollen, doch dann war Schrecken an Stelle der Verärgerung getreten. Er hatte Merry noch nie so zornig erlebt, ebenso, wie er sich selbst nie zugetraut hätte, so mit seinem Vetter umzugehen. Was hatte er nur getan? Wozu hatte er ihn getrieben?
Noch immer pochte ihm das Herz wild in der Brust. Furcht begann sich in ihm auszubreiten, ließ ihn sich leer und hilflos fühlen. Er kannte jenes Leiden, denn es war schon vor langer Zeit zu einem Teil von ihm geworden. Es war die entsetzliche Angst, verlassen zu werden.
„Seit du mit ihr befreundet bist, habe ich das Gefühl, dass du nicht länger mein Freund sein willst.“
Hatte er Merry tatsächlich dieses Gefühl vermittelt? Waren jene verzweifelten Schläge gegen die Wand aus derselben Furcht entstanden, die er nun empfand? Hilflos blickte Frodo zu seinem Vetter, doch dessen Schluchzer waren inzwischen von tiefen, gleichmäßigen Atemzügen abgelöst worden. Schwer schluckend rollte auch er sich in seinem Bett zusammen, umschloss mit der linken Hand den Zipfel der Bettdecke, als könne er ihn vor weiterem Leid schützen. In seinen Gedanken hörte er noch einmal die Worte, die Merry so verzweifelt an ihn gerichtet hatte und sie verunsicherten ihn.
Er hatte Merry verletzt, mehr als jemals zuvor und der heutige Abend war nur der Höhepunkt einer langen Qual gewesen. Als er von seinem Vetter verlangt hatte, für ihn zu lügen, hatte er nicht geahnt, dass er ihm dadurch wehtun würde. Hatte Merry am Ende Recht? Hatte er den Blick für das, was wichtig war, verloren? Es stimmte, Nelke mochte ihn mögen, doch rechtfertigte dies, dass er seinen Vetter zum Lügen anstiftete und ihm das Gefühl gab, nicht länger sein Freund sein zu wollen?
Frodo wusste, dass dies nicht der Fall war und vergrub schuldbewusst den Kopf in seinem Kissen. Was hatte er nur getan? Welch Wahnsinn hatte ihn so handeln lassen, wie er es getan hatte? Weder Saradoc, noch Merry hatten Schuld an dem, was geschehen war. Er hatte sich mit seinem Verhalten, alles, was er gewollt hatte, selbst genommen. Er war zum Lügner geworden. Und was noch viel schlimmer war: er hatte auch Merry zum Lügen angestiftet. Er war zu dem geworden, was Marroc einst aus ihm hatte machen wollen, nur dass es dieses Mal keiner Drohungen bedurft hatte. Es war ihm ganz allein gelungen, den Herrn zu enttäuschen, Merry zu verletzen und sich selbst das Leben zu erschweren. Was war nur aus ihm geworden?
Traurig schloss Frodo die Augen und holte tief Luft. Solch einen Abend wollte er nicht wieder durchleben und er nahm sich fest vor, Saradoc nicht wieder zu belügen, sollte er noch einmal in dieselbe Lage geraten, die ihm heute zum Verhängnis geworden war.


69. Kapitel: Neue Karten

Frodo ließ sich von Silberschweifs Rücken gleiten und klopfte dem Tier den Hals. Etwas verunsichert schaute er nach Norden, in die Richtung, aus der er soeben gekommen war. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. War es richtig gewesen, her zu kommen?
Eine Biene summte an ihm vorüber, landete im roten Kelch einer Mohnblume, nachdem sie einmal um Frodos Kopf geschwirrt war. Die Blumen, zwischen denen er vor einem Monat mit Nelke gesessen war, waren beinahe verblüht. Anders als zu Beginn des Wedmath, war er heute jedoch auf dem Pfad unweit des Flusses geblieben und nicht über die hügelige Landschaft nach Westen gewandert, um sich am Ufer des Brandyweins niederzulassen. Eben jener Fluss war nun durch die Hügel verdeckt und Frodo hatte statt des gemächlich plätschernden Wassers das sanfte Rauschen des Waldes, der am östlichen Wegrand seinen Anfang fand, im Ohr. Er seufzte leise und strich Silberschweif über die Nüstern.

Merimas war nach dem Mittagessen zu ihm gekommen, ein strahlendes Lächeln im pausbäckigen Gesicht. Nur knapp war er seiner Mutter entkommen, die bereits nach ihm gerufen hatte, weil sie ihn für seinen Mittagsschlaf zu Bett bringen wollte. Frodo hatte den Jungen lächelnd in die Arme geschlossen, seltsam beruhigt, dass der kleine Hobbit ihn trotz der Ereignisse des letzten Tages so bereitwillig umarmte. Natürlich wusste Merimas nichts von den Geschehnissen und selbst wenn, hätte er nichts von alledem verstanden.
"Ich habe eine Nachricht", hatte der inzwischen sechsjährige Hobbit stolz verkündet und die Arme ausgestreckt, um hochgehoben zu werden. Kaum auf Frodos Schoß sitzend, hatte er sich verschwörerisch umgeblickt und ihm schließlich ins Ohr geflüstert: "Nelke sagt, du sollst zu den Mohnblumen am Wald kommen, mit deinem Pony, zum Teetrinken!"
Er kicherte, ohne zu ahnen, dass er Frodo dadurch noch mehr kitzelte als mit seinem warmen Atem.
"Sie ist lieb", fügte er hinzu und fragt dann, mit plötzlicher Verwirrung im Gesicht: "Gibt es auch bei den Mohnblumen Kuchen? Und wozu brauchst du ein Pony?"
Frodo zuckte nur mit den Schultern und rieb sich das kribbelnde Ohr, denn er wusste mit Merimas' Nachricht nichts anzufangen.
"Du Lausebengel!" tadelte eine strenge Stimme, woraufhin Merimas kichernd die Augen niederschlug.
Überrascht wandte Frodo sich um. Hanna stand hinter ihm und forderte ihren Sohn stumm auf, mit ihr zu kommen. Frodo lächelte unschuldig, obschon er bei ihrem Anblick am liebsten geweint hätte.
Seine Bindung zu Merimas hatte nicht unter seinem Umzug gelitten, doch jene zu Hanna sehr. Seit er nicht mehr im östlichen Gang lebte, hatte er sie nur noch abends in den Wohnzimmern getroffen und dabei nie mehr als wenige Worte mit ihr gewechselt. Er vermisste sie, vermisste ihre allabendlichen Besuche, denn bei ihr hatte er gewusst, dass sie seinetwegen gekommen war und nicht wegen Merry. Zwar hatte er den Gedanken, dass sie ihn liebte, wie Bilbo es einst getan hatte, verdrängt, doch in Momenten wie diesem, da er mit Merry im Streit stand und sich undenkbar einsam und verlassen fühlte, wünschte er sich nichts mehr, als ihre tröstliche Nähe wieder zu spüren.
"Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, auch wenn ich nicht mehr nebenan wohne. Meine Tür wird dir immer offen stehen, ganz gleich, zu welcher Zeit."
Ihre Tür mochte offen stehen, doch sein Mut war zu gering. Er wollte sie nicht mit seinen Sorgen belasten und sie ebenso enttäuschen, wie er Saradoc enttäuscht hatte.
"Und du bist kein geringerer, Frodo Beutlin", lachte Hanna und zerzauste ihm das Haar, ehe sie Merimas mit einem Kopfnicken andeutete, mit ihr zu kommen.
Der junge Hobbit umarmte ihn noch einmal und ging dann mit seiner Mutter und seinen Schwestern. Frodo beobachtete sie, bis er plötzlich die Augen eines anderen auf sich spürte und Nelkes Blick auffing.
Mohnblumen am Wald.
Plötzlich hatte er gewusst, welchen Ort sie ausgesucht hatte und doch verwunderte es ihn, dass sie Merimas mit einer Nachricht schickte, anstatt selbst zu ihm zu kommen. Kaum merklich nickte er ihr zu, ehe sie den Blickkontakt wieder abbrachen.

Und nun stand er hier, zwischen Mohnblumen und Wald und streichelte Silberschweifs Blesse, doch von Nelke fehlte jede Spur. Ohne es zu wollen, begann er zu zweifeln. War es richtig gewesen, hierher zu kommen? Weshalb machte das Mädchen ein solches Geheimnis um das Treffen?
Frodo beobachtete, wie die Biene den letzten offenen Blütenkelch hinter sich ließ und über die Wiese summte. Es war ihm schwer gefallen, Nelkes Einladung anzunehmen. Merrys Worte wollten ihn nicht loslassen und immer, wenn er die Augen schloss, sah er, wie sein Vetter blind vor Empörung gegen die Wand schlug. War wirklich er Grund für Merrys Wutausbruch? Er und seine Freundschaft zu Nelke? Frodo hatte den ganzen Vormittag damit verbracht darüber nachzudenken. Ganz allein war er in der friedlichen Stille der Bibliothek gesessen, hatte einzelne Sätze in sein Tagebuch geschrieben, doch zu einem Ergebnis war er nicht gekommen. Er mochte beide, Nelke und Merry, und keiner konnte von ihm verlangen, die Freundschaft des einen aufzugeben, um die des anderen halten zu können.

Silberschweif schnaubte, stupste seinen kleinen Freund mit der Nase und erweckte ihn so aus seiner Tagträumerei. Wiehernd begrüßte er dann das Pony, das sich ihnen trabend näherte.
Erst jetzt bemerkte auch Frodo den anderen Reiter und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er Nelke erkannte. Rasch schwang er sich auf Silberschweifs Rücken und winkte ihr zu.
"Danke, dass du gekommen bist", sagte Nelke und schenkte Frodo ein Lächeln, das ihn all seine Zweifel vergessen ließ.
"Ich muss gestehen, dass ich dein Rätsel nicht sofort gelöst habe", gestand er, während sie im Schritt nebeneinander her ritten
"Es musste leider sein", entgegnete das Mädchen mit verlegenem Ausdruck, ließ ihre Stimme jedoch ernst und entschlossen klingen. "Ich wollte nicht, dass außer dir jemand davon erfährt."

Frodo erstarrte. Er war froh, dass das andere Pony die Führung übernommen hatte und Nelke den Schmerz, der für einen Augenblick in seinem Gesicht sichtbar wurde, nicht erkennen konnte. Sie wusste von Reginard. Der Herr hatte ihm seinen Wunsch nicht gewährt. Die Boffins hatten erfahren, was vorgefallen war und Nelke hatte ihn nur treffen wollen, um ihm zu sagen, dass sie ihm von nun an aus dem Weg gehen würde. Reginard hatte gesiegt und er war wieder alleine.
Betrübt blickte er auf ihr schimmerndes Haar, das sie im Nacken mit einer Spange zusammengenommen hatte. "Sprichst du von deinem Bruder?"
Nelke wandte sich verwundert um, die Stirn in Falten gelegt. Ihre Augen blickten tief in die seinen, als prüfe sie, was er mit seiner Frage bezweckte. Ein unangenehmes Kribbeln ging durch seinen Körper und nach einigem Zögern senkte Frodo den Kopf und räusperte sich, um der Stille, die sie für einen flüchtigen Augenblick umgeben hatte, zu entrinnen. Sein Mund war trocken. Furcht ergriff ihn und er wünschte sich plötzlich, er wäre nicht hergekommen oder hätte wenigstens geschwiegen. Ihr Blick hatte gezeigt, dass sie nicht wusste, wovon er sprach. Er hatte sich durch dieselbe Dummheit verraten, mit der er sich am Abend zuvor dessen beraubt hatte, was er liebte. War er selbst zu seinem größten Feind geworden?
Seine Finger schlossen sich krampfhaft um die Zügel. Was tat er hier nur?
"Ich spreche von Rubinie", drang Nelkes Stimme an sein Ohr. Verwundert hob er den Kopf.
"Sie weiß jetzt schon zuviel", fuhr das Mädchen mit einem bitteren Lächeln fort.
Nun war es an Frodo, die Stirn zu runzeln und sie eingehend zu betrachten, doch Nelke erlaubte ihm gar nicht erst, in ihr Gesicht zu blicken, sondern trieb ihr Pony zu einem wilden Galopp, ehe er mehr als einen sorgenvollen Ausdruck in ihren grünen Augen erkennen konnte.

Nelke zügelte ihr Pony erst, als sie eine Stelle erreichte, an der die Bäume weniger dicht standen. Sie erinnerte sich, wie sie zu Beginn des Jahres hier gewesen war und Frodo sie auf die kleine Bank, die zwischen den Bäumen verborgen lag, hingewiesen hatte. Frodos verwirrte Fragen, was sie hier wollten und was denn überhaupt geschehen sei, beachtete sie nicht, als sie sich aus dem Sattel gleiten ließ und ihr Reittier in den Wald führte, wo unter einer Trauerweide eben jene Bank zum Vorschein kam. Mit einem Seufzen ließ sie sich darauf nieder und richtete den Blick auf die schimmernden Baumkronen. Obschon kein Luftzug zu spüren war, ging ein leises Flüstern durch die Blätter der Weide. Einer der langen, dünnen Äste verfing sich in ihrem Haar.
"Was ist denn los?"
Frodos völlig verdutzte Stimme drang an ihr Ohr. Sie spürte seinen Blick auf sich, wusste um die in Falten gelegte Stirn, doch verdrängte sie das Bild, indem sie reglos sitzen blieb und der Trauerweide und den Vögeln lauschte, die das kleine Waldstück nicht mehr lange besiedeln würden. Das morsche Holz der Bank knarrte leise. Frodo hatte sich neben sie gesetzt.
"Wir waren unvorsichtig", sagte sie dann. Ihre Worte fielen ihr nicht leicht. "Rubinie weiß davon und wenn sie es weiß, werden bald alle erfahren, dass wir zusammen sind und ich will nicht, dass es dazu kommt."
Nelke hatte lange darüber nachgedacht, wie sie ihre Worte kleiden sollte, hatte es jedoch aufgegeben. Worte, die traurig stimmen und verletzen würden, blieben traurig, auch wenn sie mit Bedacht gesprochen wurden.
Frodos Ausdruck war von Empörung gezeichnet und Nelke wandte den Blick ab, um seinen Schmerz nicht zu sehen. Er ahnte bereits, worauf sie hinaus wollte.

"Weshalb?"
Frodos Stimme klang überraschter, als er gewollt hatte. Natürlich hatten sie ihre Freundschaft geheim gehalten, weil sie um das Getuschel wussten, das unweigerlich folgen würde, sobald jemand davon wusste, doch etwas in ihren Worten ließ ihn unsicher werden. Es schien mehr als nur das Gerede der anderen dahinter zu stecken. Seine Furcht, für einen Augenblick durch Sorge um Nelke abgelöst, kehrte zurück, umklammerte ihn mit eisernen Fäusten. Bedeuteten ihre Worte, dass sie nicht länger seine Freundin sein wollte? Verzweifelt versuchte er, den Gedanken abzuschütteln. Nelke wusste nicht, dass er geschlagen worden war und Reginard hatte selbst gesagt, dass sie nicht einsehen wollte, dass sie etwas Besseres verdient hatte.
Hilflos sah er sie an, doch ihr Gesicht verriet nicht, was in ihr vorging. Als er ihrem Blick, der starr auf ihre im Schoß gefalteten Hände gerichtet war, jedoch folgte, erkannte er, dass ihre Finger zitterten. Zögernd legte er eine Hand auf die ihren, spürte, wie sie unter der Berührung zusammenzuckte. Etwas stimmte nicht, denn so angespannt und bekümmert war sie nicht einmal gewesen, als sie vor acht Monaten das erste Mal hier gesessen waren und sie sich seinetwegen gesorgt hatte.
"Was bedrückt dich?", fragte Frodo zögernd und die Fürsorge, die die verzweifelte Überraschung seiner Stimme überdeckte, erstaunte selbst ihn.

Nelke sah ihn verwundert an, doch die Besorgnis in seinem Blick trieb ihr die Tränen in die Augen und sie wandte den Blick rasch wieder ab, damit er ihre Traurigkeit nicht sah. Sie hatte einen schrecklichen Fehler begangen. Ihre Gedanken wanderten um ein Jahr zurück, als Reginard ihre Schlammschlacht auf solch gemeine Weise beendet hatte. Die Behandlung, die ihr Bruder Frodo hatte zuteil werden lassen, war alles andere als gerecht gewesen und Nelke, die den nur wenige Monate jüngeren Hobbit schon damals mehr gemocht hatte, als ihr lieb gewesen war, hatte sich verpflichtet gefühlt, ihn zu verteidigen. Reginard hatte sie des Abends zurechtgewiesen, hatte ihr des Langen und Breiten erklärt, was er von Frodo Beutlin hielt. Schon damals hatte sie geahnt, dass es ein schlimmes Ende nehmen würde, sollte sie sich mit ihm treffen. So hatte sie sich zurückgehalten, ihn heimlich beobachtet, bis das einst so helle Leuchten ganz aus seinen Augen erloschen war. Etwas hatte sein grüblerisches Gemüt noch verschlossener werden lassen und Nelke hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein wenig Freude in die blauen Augen zurückzubringen. Ohne jenes besondere Licht schienen sie stumpf und leblos und es schmerzte sie, ihn so traurig zu sehen. Merrys Krankheit hatte ihr dann erlaubt, ihn noch besser kennen zu lernen und auch wenn sie viele Dinge nicht verstanden hatte, hatte sie sich nicht wieder von ihm trennen können, nachdem sie das schwache Licht in seinen Augen wieder entdeckt hatte. Sie hatte die Ängste, die sie zurückgehalten hatte, beiseite geschoben, immerhin war sie bald ein Tween und sollte für sich selbst entscheiden. Außerdem hatte sie gehofft, ihre Freundschaft zu Frodo geheim halten zu können. Frodo hatte sie erzählt, sie sorge sich um das Gerede, doch was sie ängstigte, war ihre Familie, die nie sonderlich gut auf den einzigen Sohn der Beutlins zu sprechen gewesen war. Pansy Boffin sagte, er wäre zwar nett, aber auch etwas seltsam, da er nicht immer die Nähe der anderen Kinder gesucht hatte. Nelke erinnerte sich daran, wie sie das einst ebenfalls verwundert hatte. Manchmal war sie ihm sogar nachgelaufen und hatte ihn gedrängt, wieder zu den anderen Kindern zurückzukommen, anstatt alleine unter der großen Eiche zu sitzen und die Wolken zu beobachten. Doch Frodo hatte sich von seinen Träumereien nur selten abhalten lassen.
Olo Boffin hatte ähnliche Ansichten wie seine Gattin, glaubte, etwas Unnatürliches an Frodo erkennen zu können. Selbst heute behauptete er noch, der junge Hobbit habe sie alle verzaubert, doch Nelke hatte nie einen Zauber erkennen können. Alles, was sie bisweilen gesehen hatte, war jenes Leuchten gewesen, doch selbst das war nach dem Tod seiner Eltern trübe geworden.
Nelke ballte die Hände zu Fäusten, obwohl seine Hände noch immer auf den ihren lagen. Würde sie jenes Leuchten, das zu Beginn des Jahres langsam in seine Augen zurückgekehrt war, nun wieder rauben? Der Gedanke schmerzte sie, doch sie wusste, dass ihr keine andere Wahl blieb, wenn sie nicht wollte, dass es für sie beide noch schlimmer wurde.

"Reginard hat dich verprügelt."
Frodo zuckte unmerklich zusammen. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er hatte sich selbst verraten und seine Worte konnte er nicht zurücknehmen. Mit einem leisen Seufzen wandte er den Blick von ihr ab und ließ ihre Hände los. Er hatte geahnt, dass dieses Gespräch kommen würde, hatte gelogen und sowohl Saradoc, als auch Merry verletzt, um ihm zu entgehen. Und nun saß er doch hier, das Herz voller Schmerz und Sorge um ein Mädchen, das nicht länger seine Freundin sein würde. Er nickte zaghaft.
"Ich hätte es wissen müssen."
Ihre Worte waren kaum mehr als ein Wispern und sie schüttelte verzagt den Kopf. "Es tut mir Leid, Frodo. Es tut mir Leid, dass ich Reginard Grund gegeben habe, dich zu schlagen."
Schon vor einigen Tagen hatte sich ihre Lage zugespitzt, als Reginard sie wegen Frodo zur Rede gestellt hatte. Sie war sich nicht sicher gewesen, woher er um ihre Freundschaft wusste, dennoch hatte sie geahnt, dass es schlimme Folgen nach sich ziehen würde und doch nicht hören wollen.
"Du hast…", begann Frodo, doch Nelke schnitt ihm das Wort ab, sah ihm ernst in die Augen.
"Ich will nicht, dass so etwas wieder geschieht", sagte sie entschlossen. "Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Das erspart uns beiden eine Menge Ärger."

Nelkes Worte trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte sie geahnt, sie gefürchtet, doch nicht damit gerechnet, dass sie ihn dennoch so sehr schmerzen würden. Seine Hoffnungen, einen weiteren Freund im Brandyschloss gefunden zu haben, zersplitterten und hinterließen tiefe Wunden. Seine Augen suchten die ihren, als hoffe er, in ihnen ein Anzeichen zu finden, dass sie scherzte, doch was er stattdessen in den grünen Augen mit dem braunen Schimmer sah, ließ alle Farbe aus seinem Gesicht weichen. Er sah Schmerz und denselben Kummer, unter dem auch er litt, und der Anblick ließ ihn beinahe verzagen.
"Schlägt er dich etwa auch?!"
Die Worte hatten seinen Mund verlassen, ehe er sicher gewesen war, dass er sie aussprechen wollte. Nelkes bekümmerter Ausdruck mischte sich mit Entsetzen.
"Er ist mein Bruder!" rief sie erschüttert aus und schüttelte den Kopf. "Er will nur das Beste für mich und…", sie stockte, schloss die Augen und wandte das Gesicht ab, ehe sie ihre Aussage mit einem zögernden Flüstern beendete. "Wie es scheint, entsprichst du nicht seinen Vorstellungen."
Frodo starrte sie für einen Augenblick sprachlos an, doch Nelke fuhr fort, ehe er etwas erwidern konnte.
"Ich denke nicht wie Reginard", erklärte sie, "doch ist es besser, wenn wir uns nicht mehr sehen."
Sie sah ihn beinahe flehend an, bat ihn stillschweigend, ihre Worte nicht länger in Frage zu stellen. Zärtlich berührte sie seine Wange, wie sie es schon einmal getan hatte und wieder fühlte sich Frodo unfähig, sich der Berührung zu entziehen. Stattdessen legte er eine Hand auf die ihre. "Ich will nicht, dass er dich verletzt."
"Seine Taten verletzen mich nicht mehr, als es deine Worte tun, solltest du diese wirklich ernst meinen", sagte er bekümmert.
Ihre Augen schimmerten mit ungeweinten Tränen und obwohl Frodo um ihre Freundschaft fürchtete, wusste er doch, dass nicht sie es war, die sie beenden wollte. Hatte sie ihn nicht erst gestern noch umarmt? Sie durfte ihn nicht wieder alleine lassen, nur weil Reginard ihn schlug. Sollte er ihn verprügeln, wenn es ihm Freude bereitete, doch er durfte ihm nicht Nelkes Freundschaft nehmen.
Wortlos stolperte Nelke in einer überstürzten Bewegung zu den Ponys, wo sie ihrer Fuchsstute zärtlich über die Nüstern strich.
Frodo blieb hilflos auf der Bank sitzen. Lief er Gefahr Merry und Nelke zu verlieren, wenn er nicht handelte? Doch was sollte er tun, was sollte er sagen, ohne noch mehr falsch zu machen, als er es bereits getan hatte?
"Wenn wir uns heimlicher treffen als zuvor?", schlug er schließlich zaghaft und ohne sie anzusehen vor. Er hatte nicht viel Hoffnung, dass sie diesen Vorschlag annahm, doch etwas Besseres fiel ihm nicht ein.
"Seit du mit ihr befreundet bist, habe ich das Gefühl, dass du nicht länger mein Freund sein willst."
Ein leises Rauschen ging durch die Blätter der Trauerweide. Betrübt dachte er an die Worte, die Merry voller Zorn und Verzweiflung gesprochen hatte und ihm war klar, dass er auch seinen Vetter bei seiner Überlegung nicht außer Acht lassen durfte. Um auch ihm gerecht zu werden, fügte er noch leiser hinzu. "Und uns seltener sehen?"

Nelke hob verwundert den Kopf und bemerkte, dass seine flehenden Augen auf sie gerichtet waren. Nur schwer gelang es ihr, diesem Blick standzuhalten. Beinahe hätte sie gelächelt. Er hielt an seiner Freundschaft fest, ganz gleich, welchen Preis er dafür bezahlen musste. Sie bewunderte das, doch war sie nicht sicher, ob sie seinen Vorschlag annehmen konnte. Wie gerne hätte sie es getan! Es wäre ein Wagnis. Sie würde noch vorsichtiger sein müssen und ihre Ausreden noch besser. Ein Kribbeln durchlief ihren Körper, während er ihren Blick in einer stummen Bitte festhielt. Sie mochte ihn mit jedem Tag mehr, ganz gleich, was andere über Frodo Beutlin sagen mochten. Konnte sie ihre Freundschaft verraten, nur weil sie nicht denselben Mut aufbringen konnte, den er besaß? War es denn Mut und nicht vielmehr Dummheit? Sie schüttelte den Kopf. Sie wusste, was sie wollte und Frodos Augen ließen ihr das wieder bewusst werden, ganz gleich, was sie zuvor getan oder für richtig befunden hatte. Sie wollte seine Freundschaft nicht mehr missen und doch…
"Ich weiß nicht, ob das möglich sein wird."
Die Hoffnung, die in Frodos Herzen aufkeimte, wischte alle Anzeichen von Traurigkeit und Grübelei aus seinem Gesicht und brachte einen kindlichen Glanz in seine Augen. "Wir können es versuchen."

~*~*~

Ein erleichtertes Lächeln lag auf Frodos Gesicht, als er Sattel und Zaumzeug in die dafür vorgesehene Kammer trug. Nelke hatte ihre Zweifel, doch sie hatte heimlicheren Treffen zugestimmt. Wie sie das tun wollten, wussten sie noch nicht, doch Frodo war zuversichtlich, dass ihnen etwas einfallen würde. Die eine Freundschaft hatte er mit Müh und Not gerettet und nun galt es, widergut zu machen, was er am vergangenen Abend verbrochen hatte.
Als er zufrieden an Silberschweifs Box trat, kitzelte der Duft von frisch eingetragenem Heu seine Nase. Im trüben Licht, das durch die feinen Risse und Spalten im Holz hereindrang, tanzten kleine Staubkörnchen. Nelke, die dem Pony den Hals klopfte, wandte sich ihm zu. Ihre Blicke trafen sich und Frodo erkannte das Lächeln, das in ihren Augen schimmerte und war glücklich.
"Wir werden uns trennen müssen", stellte Frodo fest.
Nelke nickte, wobei sie über seine Schulter hinweg zum Stalltor sah, das den Blick zum Bockberg freigab. "Einer von uns wird zu spät zum Abendessen kommen."
"Nicht du."
Frodo wusste nicht, wie ihm geschah, als sie plötzlich die Arme um seinen Hals schlang und ihn festhielt. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Er hielt gespannt den Atem an. Der Geruch von Heu und Ponys mischte sich mit dem ihrer Haare. Hatte er auf dem Rückweg zum Brandyschloss wieder ein angenehmes Kribbeln verspürt, entfachte ihre Berührung ein kleines Feuer, das sein wärmendes Knistern in seinem Körper ausbreitete. Zaghaft legte er seine Arme um sie, um ihre unausgesprochene Dankbarkeit auf dieselbe Weise zu erwidern. Dass sie ihn daraufhin schüchtern auf die Wange küsste, tat nichts dazu, seine Aufregung zu mindern. Wie zart sich ihre Lippen anfühlten! Für den Bruchteil eines Wimpernschlages glaubte er sogar, sich an dieses Gefühl gewöhnen zu können, ganz gleich, was er über das Küssen dachte.

"Nelke Boffin!"
Die Röte, die ihm gerade in die Wangen steigen wollte, verblasste auf halber Strecke. Nelke stieß ihn förmlich von sich weg und der Schrecken in ihren Augen ließ jegliches Kribbeln sofort ersterben. Frodo erkannte die Stimme nicht, doch die Strenge und Empörung, die darin lagen, ließen selbst ihm einen Schauer über den Rücken laufen. Erschrocken wandte er sich um, um die stämmige Gestalt von Nelkes Vater in der Tür zu erkennen. Die Sonne schien ihm in den Rücken, sodass sein Schatten lang und bedrohlich in den Stall geworfen wurde, während der entschlossene Vater seiner Tochter, die angstvoll einige Schritte zurückwich, raschen Schrittes entgegen stampfte.
Frodo stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, denn Olos wutentbrannter Blick galt nicht nur Nelke. Silberschweif schnaubte unruhig und Frodo klammerte sich unwillkürlich an die Box, als ein erstes Gefühl der Angst auch die letzten knisternden Flämmchen erstickte, auf dass nicht einmal die Erinnerung daran zurück blieb.
"Wie kannst du es wagen, sie so zu berühren, du Lüstling!" donnerte Olo mit tiefer Stimme, während er Frodos Ohrläppchen packte und es grob verdrehte. Ein leiser Schmerzenslaut entwich Frodos Lippen, als der Hobbit an seinem Ohr zog und ihn schließlich unsanft am Kiefer ergriff, um ihn so dazu zu zwingen, in dunkle Augen zu blicken, die ihn mit Dolchen zu durchbohren schienen. Frodo hielt mit der einen Hand Olos Handgelenk umklammert, war jedoch vor Überraschung wie gelähmt. Mit weit aufgerissenen Augen sah er in das pausbäckige Gesicht, das seinem immer näher kam. Der scharfe Geruch von Branntwein drang in seine Nase, die er angeekelt rümpfte. Er versuchte sich abzuwenden, doch die Hand an seinem Unterkiefer erlaubte ihm die Bewegung nicht. Auch die Finger, die noch immer sein Ohrläppchen gefangen hielten, zerrten mahnend, ließen ihn sich verkrampfen, um dem Schmerz nicht noch einmal nachzugeben.
"Solltest du noch einmal wagen, Hand an sie zu legen, werde ich dich lehren, was der Herr offensichtlich versäumt hat."

"Vater!"
Nelke war die ganze Zeit über schweigend in der Ecke gestanden, hatte wie erstarrt beobachtet, was geschah. Schließlich löste sie sich aus ihrer Versteinerung, um Frodo zu Hilfe zu eilen, doch ihre Stimme klang verzagt und zitterte. Nichtsdestotrotz legte sie eine schlichtende Hand auf den Arm ihres Vaters, der sie unsanft zur Seite stieß.
"Wir sprechen uns noch, junges Fräulein!" fauchte er, warf Frodo einen letzten giftigen Blick zu ehe er von ihm abließ, um Nelke mit dem Handrücken zu ohrfeigen.
Sie starrte ihren Vater an, erschüttert und entsetzt. Bevor sie mit einer Hand die Wange berühren konnte, kam bereits der nächste, klatschende Schlag. Frodo zuckte zusammen, als wäre er es, der getroffen worden war, die Lippen zu einem stummen Aufschrei geöffnet.
Olo packte Nelkes Oberarm, zog seine Tochter, die den Kopf gesenkt hielt und nicht einmal zurückblickte, mit sich fort, während seine wütende, zurechtweisende Stimme die abendliche Ruhe durchschnitt.

Frodo blieb fassungslos zurück, starrte seiner Freundin mit blinden Augen hinterher. Er war überrascht gewesen, dass Nelkes Vater so grob mit ihm umgegangen war, doch als dieser Nelke geschlagen hatte, hatte für einen Augenblick alles in ihm verzagt. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass Eltern ihre Kinder mit der Hand züchtigten, erst recht nicht wegen einer nett gemeinten Umarmung. Der Schrecken darüber ließ seinen Körper erzittern. Der Gedanke, dass Nelke von ihrem eigenen Vater und nicht etwa von ihrem Bruder, wie Frodo es vermutet hatte, geschlagen wurde, wollte ihm nicht in den Kopf. Es war zu absurd, zu fürchterlich. Seine Knie wurden weich und er ließ sich langsam an der Ponybox zu Boden gleiten, während er endlich den Blick von der Türe abwandte. Deshalb hatte sie sich nicht mehr mit ihm treffen wollen. Aus Angst, ihr Vater könne sie zusammen sehen und sie verprügeln. Frodo schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals bildete. Hatte er heute Nachmittag wirklich eine Freundschaft gerettet oder nur die Lage seiner Freundin verschlimmert?

Völlig mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, bemerkte Frodo nicht, wie sich auf dem Heuboden etwas regte. Ein groß gewachsener, kräftig gebauter Hobbit steckte die Gabel ins Heu, ein hinterhältiges Funkeln in den dunklen Augen. Das Licht, das durch ein kleines Loch in der Wand herein drang, zeigte sein nussbraunes Haar und das zufriedene Lächeln, das sein Gesicht zierte.
‚Reginard hatte also doch Recht', dachte der Tween und verschwand im Schatten.

~*~*~

"Wir haben uns getrennt."
Die ausdruckslose Stimme drang durch die stille Dunkelheit des Zimmers an sein Ohr. Trotz ihrer geringen Lautstärke klangen die Worte schwer und Merry konnte sie nicht sofort begreifen. Einen langen Augenblick blieb er reglos liegen, bis deren Bedeutung ihm plötzlich gewiss wurde und er verdutzt die Stirn in Falten legte. Er hatte heute wenig mit Frodo gesprochen, hatte seine Zeit damit verbracht, seine Gedanken zu ordnen. Sein Zorn auf Frodo war zu einer bloßen Erinnerung geworden, auch wenn er dessen Absichten noch immer nicht begreifen konnte. Als er abends die Nähe seines Vetters gesucht hatte, war dieser jedoch sehr schweigsam gewesen und ein Ausdruck von Schwermut, den Merry ebenso wenig begreifen konnte, wie die eben gesprochenen, leisen Worte, war in seinen Augen gelegen.
"Weshalb?", fragte er verblüfft und richtete sich auf.
"Hast du nicht das gewollt?", fragte dieselbe ausdruckslose Stimme.
Merry runzelte die Stirn. "Schon, aber…"
"Dann solltest du es hinnehmen, ohne zu fragen."
Verwundert blickte Merry dorthin, wo er Frodo vermutete, doch konnte er ihn weder erkennen, noch hören, wie er sich rührte. Er wusste, dass er an dieser Trennung nicht unschuldig war und die Traurigkeit, die nun in Frodos Stimme lag, sorgte dafür, dass er sich schlecht fühlte.
"Es tut mir Leid", wisperte er schließlich und überlegte, ob er noch hinzufügen sollte, dass er Nelke nicht ganz so schlimm fand, wie er behauptet hatte, doch behielt er seine Worte für sich. Schwer ließ er den Kopf in sein Kissen sinken.

Eine Träne stahl sich aus Frodos Augenwinkel, lief über seine Nase und tropfte schließlich auf das Kissen. Merrys Freundschaft war ein Preis gewesen, den er nicht hatte bezahlen wollen und nur deshalb hatte er seinen Vorschlag so formuliert, wie er es getan hatte. Nelkes Wohlbefinden war wiederum ein Preis, den er nicht bezahlen durfte und nur deshalb würde er sich von ihr fernhalten und so die unfreiwilligen Absichten verfolgen, zu denen ihm das Mädchen zuerst geraten hatte.

~*~*~

Mit leisem Klicken fiel die Tür ins Schloss. Frodo nahm den Stuhl, der an der Wand lehnte und trug ihn zögernd zum Schreibtisch.
"Einen Augenblick", bat der Herr, ohne von der Tabelle, über der er brütete, aufzublicken.
Frodo setzte sich wortlos und ließ den Blick durch das Arbeitszimmer wandern. Ein Strauß weißer und lilafarbener Astern stand auf der Kommode und wurde vom einfallenden Licht der Sonne umschmeichelt. Der Schreibtisch sah weniger einladend aus. Papiere türmten sich darauf und auf den meisten konnte Frodo ähnliche Tabellen erkennen wie jene, die Saradoc studierte. Daneben lagen mehrere Briefe, manche ungeöffnet, die anderen mit erbrochenen Siegeln. Ein kleiner Messingbrieföffner schimmerte im Sonnenlicht.
Ein wenig beunruhigt beobachtete Frodo, wie der Herr die Stirn in Falten legte, sich nachdenklich mit der Feder über die Lippen strich. Er wusste nicht, weshalb er hier war. Nach dem Frühstück hatte er mit Merry zum Bruch gehen wollen, doch der Herr hatte es ihm verboten und verlangt, dass er in sein Arbeitszimmer käme, sobald er beim Waschen des Frühstücksgeschirrs behilflich gewesen war. Von zunehmender Unruhe ergriffen, begann Frodo ungeduldig mit den Fingern auf die Schenkel zu klopfen. Die Stille behagte ihm nicht.

Seufzend steckte Saradoc die Feder schließlich zurück in die Halterung, streckte sich kurz und blickte dann auf den jungen Hobbit vor sich, der ihn mit einer stummen Frage im Gesicht ansah. "Weißt du, weshalb du hier bist?"
Wie er es erwartet hatte, schüttelte Frodo den Kopf. Geduldig faltete Saradoc die Hände, legte sie auf den Schreibtisch, nachdem er die Tabelle zur Seite gelegt hatte.
"Olo Boffin war gestern Abend bei mir und wir haben uns lange unterhalten", erzählte er dem Jungen beiläufig und konnte beobachten, wie sich erst Überraschung, dann Entsetzen und schließlich Sorge in seinen Zügen widerspiegelte.
"Er hat mir manches anvertraut und sich über vieles aufgeregt. Er meinte, du hättest keinen Funken Anstand und stiegest den Mädchen nach." Frodos Gesicht wurde erst rot, dann blass. "Zu guter Letzt hat er meine Erziehungsmethoden in Frage gestellt und mir des Langen und Breiten erklärt, was ich bei dir alles falsch gemacht habe."

Frodo senkte den Kopf. Seine Finger hatten aufgehört zu klopfen, suchten nun aber nach einer anderen, unauffälligen Beschäftigung. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt. Er hatte geahnt, dass Nelkes Vater der Grund für seine Bestrafung war und Saradocs Worte ließen ihn bange werden.
"Olo Boffin und ich haben sehr unterschiedliche Ansichten", erklärte der Herr und Frodo war überrascht ob des aufmunternden Tonfalles in dessen Stimme. Zaghaft hob er den Kopf, um Saradoc freundlich lächeln zu sehen. "Ich halte dich nicht für einen Lüstling, ebenso wie ich nichts davon halte, Kinder für eine Umarmung zu bestrafen."
Erleichterung brachte Frodos Mundwinkel zum Zucken, auch wenn die nervöse Anspannung nicht aus seinem Körper weichen wollte. Würde er das Arbeitszimmer entgegen seiner Erwartungen ohne eine Bestrafung verlassen? Von Saradocs Nachsicht ermutigt, stellte er schließlich die Frage, die ihn beschäftigte. "Weshalb bin ich hier, wenn du mich nicht bestrafen willst?"
Saradoc erhob sich und Frodos Hoffnung sank, denn die Gesichtszüge des Herrn wurden ernst.
"Olo hat mir ungewollt die Antworten auf jene Fragen gegeben, die du mir auferlegt hattest. Du hast mich belogen, Frodo, und nun weiß ich auch weshalb."
Der Herr verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wandte sich dem Fenster zu, blieb einen nicht enden wollenden Augenblick wortlos stehen und betrachtete den lauen Morgen. Frodo presste die Lippen aufeinander und starrte zu Boden. Saradocs enttäuschter Tonfall hatte ihm einen schmerzhaften Stich versetzt. Würden ihn die Fehler jenes Abends nicht wieder loslassen? Traurige Verzweiflung schlich in sein Herz und nur seine verkrampft ineinander gefalteten Finger hielten sie davon ab, aus ihm hervor zu brechen.

Ein Zittern ging durch den jungen Körper, als Saradoc sich schließlich umwandte, ein Zeichen, dass Frodo bereits um seinen Fehler wusste. Zufrieden nickte der Herr mit dem Kopf, beinahe so, als bestätige er dadurch die Richtigkeit seines Vorgehens. Frodo sah ihn nicht an.
"Du und Nelke, so scheint mir, seid euch näher gekommen und Reginard war nicht sehr glücklich darüber. Hat er dich deshalb geschlagen?"
Frodo nickte zaghaft, was Saradoc erleichtert aufatmen ließ. Zumindest war der Junge jetzt ehrlich.

Es hatte keinen Sinn zu leugnen, denn was er zu schützen gehofft hatte, gab es nicht länger. Er hätte niemals lügen dürfen, das war ihm jetzt klar. Wenn er Saradoc den Grund für die Prügelei genannt hätte, hätte das seine Lage nicht schlimmer machen können, als sie es nun war.
"Muss ich dich auf Schritt und Tritt beobachten, um sicher zu sein, dass ich dir glauben kann?"
"Verzeih mir!" wisperte Frodo und seine Stimme brach, als die Erinnerung an Saradocs Worte andere Bilder zurückrief. Vor sechs Jahren hatten Marrocs Lügen dazu geführt, dass keiner ihm geglaubt hatte und Frodo würde die hilflose Leere, die er damals gefühlt hatte, niemals vergessen können. Seine eigene Lüge sollte nicht dazu führen, dass Saradoc erneut das Vertrauen in ihn verlor.
"Verzeih mir", wiederholte er noch einmal und verzweifelte Tränen, die er nicht hatte weinen wollen, traten in seine Augen. "Ich wollte dich nicht belügen. Ich…" Er schnappte zitternd nach Luft. "Bitte, glaube mir, bitte."

Von Mitleid und Schmerz ergriffen, eilte Saradoc um den Schreibtisch. Er hatte den Jungen nur sehr selten weinen gesehen und bisher hatte es ihm jedes Mal das Herz gebrochen. Dieser Morgen sollte keine Ausnahme bilden. Wortlos kniete er sich vor dem Kind nieder, legte tröstend die Arme um die zitternden Schultern und zog den Jungen in eine liebevolle Umarmung. Frodos Finger ergriffen seine Ärmel, hielten sich krampfhaft daran fest. War er womöglich zu streng gewesen?
"Sieh mich an, Frodo", bat er und legte die Hand auf dessen Wange, als der Junge ihn aus tränennassen Augen anblickte. "Ich habe dich heute Früh für deine Lüge bestraft und ich sehe, dass du deine Lektion gelernt hast. Ich vertraue dir."
Frodo schwieg, seine Unterlippe zitterte. Saradoc schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, während er mit dem Daumen eine Träne wegwischte. Frodo ließ von seinem Hemd ab und nur Augenblicke später hatte er sich ganz aus der Umarmung gelöst. Während Saradoc die nun geröteten Wangen seines angenommenen Sohnes betrachtete, wischte sich dieser mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. Er hatte die Fassung rasch wiedererlangt. Ganz gleich, wie verzweifelt er sich an ihm festgehalten hatte, schien er nicht gewillt, in der Trost spendenden Umarmung zu verweilen. Saradoc hatte das wilde Pochen von Frodos Herzen an seiner Brust spüren können, hätte ihn gerne länger beruhigt, doch wie sollte er das tun, wenn der Junge es nicht zuließ?
Er schüttelte den Gedanken ab, als ihm klar wurde, dass Frodo ihn fragend ansah, und erhob sich, um dem Jungen durch das Haar zu streichen.
"Olo war, ebenso wie Reginard, nicht erfreut, dich mit Nelke zu sehen", stellte er fest.

Schweigend blickte Frodo auf die Papierstapel auf dem Schreibtisch, die Hände angespannt im Schoß gefaltet. Seine Verzweiflung hatte ihn so plötzlich übermannt, dass ihm erst klar wurde, was geschehen war, als der Herr über seine tränenfeuchte Wange gestrichen hatte. Das Mitgefühl in den grünen Augen hatte neue Tränen in ihm empor getrieben, doch Frodo hatte verzweifelt dagegen angekämpft. Auch jetzt mied er das Gefühl der Sehnsucht, das die Finger, die so tröstlich durch seine Locken strichen, hervorriefen, denn er wusste nicht, wann seine Tränen wieder versiegen würden, wenn er sich ihnen überließ. Zu vieles machte ihm in diesem Sommer das Herz schwer und er vermisste die stille Einsamkeit seines Zimmers in dem jene Tränen, deren Spuren noch in seinen Augen lagen, für gewöhnlich des Nachts sein Kissen getränkt und ihm so das Weitergehen leichter gemacht hatten.
Tief Luft holend, antwortete er schließlich auf Saradocs Bemerkung.
"Er muss sich nicht sorgen. Wir werden uns nicht mehr treffen."
Saradoc sah ihn verwundert an, nickte jedoch. Mit in Falten gelegter Stirn, als würde er seine nächsten Worte bedenken, setzte er sich zurück an den Schreibtisch. Frodo war froh, dass er ihn nicht länger zu beruhigen versuchte, denn es fiel ihm immer schwerer, nicht auf die flehende Stimme seines Herzens zu hören.
Er nahm einen weiteren zitternden Atemzug.
"Er hat Nelke geohrfeigt. Zweimal", die Stimme leise, zögernd, "und das, obwohl sie nichts getan hat."
Frodo hatte nicht vorgehabt, Saradoc davon zu erzählen, doch der Ausdruck stummen Schreckens, der in Nelkes Gesicht gestanden hatte, als Olo aufgetaucht war, ihre zitternde Stimme, als sie ihn zu beschwichtigen suchte und der Ausdruck von Überraschung und Vorahnung, als der erste Schlag unerwartet auf sie niedergegangen war, wollten ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er musste handeln, und wenn Saradoc ihm nicht helfen konnte, wer dann?
"Du darfst das nicht zulassen!"
Endlich glaubte er, sich so weit unter Kontrolle zu haben, um den Herrn wieder ansehen zu können, doch gefiel ihm nicht, was er erkannte. Saradoc wirkte zwar erschrocken, doch als er ihm in die Augen sah, legte sich Bekümmerung über dessen Gesicht.
"Es tut mir Leid, Frodo, doch ich fürchte, hier sind mir die Hände gebunden, selbst wenn ich sein Handeln nicht gutheiße."
Frodos Hoffnungsschimmer verdunkelte sich und zugleich hallte der flache Schlag von Olos Hand in seinen Ohren wider.
"Aber du bist Herr von Bockland!" versuchte er ihn zu erinnern, den Blick nun hilflos und ohne Verständnis.
"Ich habe dir bereits gesagt, dass Olo und ich sehr unterschiedliche Ansichten haben", begann der Herr ruhig zu erklären, "und das nicht nur, wenn es um die Erziehung geht. Wir gehen unterschiedliche Wege. Ich mag Herr von Bockland sein, doch habe ich nicht das Recht, seine Erziehungsmethoden zu hinterfragen."
Frodo konnte es kaum fassen. Seiner anfänglichen Verzweiflung mischten sich Empörung und die Wut der Hilflosen bei. Saradoc konnte dies doch nicht einfach geschehen lassen!
"Aber er schlägt sie!" beharrte Frodo mit erhobener Stimme, den Körper gerade, die Muskeln angespannt. Er war ein Bild der Entschlossenheit, doch Saradoc schüttelte den Kopf.
"Viele Eltern bevorzugen es, ihre Kinder mit der Hand zu züchtigen, Frodo. So lange er sie nicht grundlos verprügelt, handelt er nicht unrecht. Ich bin davon ebenso wenig erfreut wie du, doch ich fürchte, ich kann hier nicht eingreifen."
Frodo erhob sich, die Hände zu zitternden Fäusten geballt, die Augen verständnislos auf den Herrn gerichtet, der ihn entschuldigend ansah.
"Warum?", hätte er beinahe gefragt, denn so dankbar er war, dass Saradoc ihm seine Lüge verziehen hatte, so verletzt war er, dass der Herr nicht einmal in Erwägung zog, Nelkes Vater zur Rede zu stellen. Sein aufkeimender Zorn ließ ihn jedoch anders handeln, denn Frodo wusste, dass er seine Worte bereuen würde, sollte er dieses Gespräch fortführen.
"Kann ich gehen?", fragte er stattdessen gereizt. Saradocs Ausdruck war unverändert und auf sein Nicken hin, packte Frodo den Stuhl, stellte ihn an seinen Platz an der Wand und stakste schwer atmend aus dem Zimmer.

~*~*~

Als Frodo nachmittags am Zaun der Ponykoppel stand, hatte sich sein Gemüt wieder beruhigt. Er sorgte sich um Nelke, doch Merimas, der an seiner Seite stand und mit einem kleinen Holzpferd spielte, das Marmadas für ihn geschnitzt hatte, lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Der junge Hobbit plapperte vergnügt vor sich hin, während er sein Pony über den unteren Balken des Zaunes wandern ließ. Lächelnd blickte Frodo auf ihn hinab, strich ihm durch die hellen Locken. Als Merimas gesehen hatte, dass er ganz alleine unterwegs war, hatte er ihn unbedingt begleiten wollen und nicht nachgegeben, bis Frodo und Adamanta, die auf ihn und ihren eigenen Sohn Berilac Acht gegeben hatte, es ihm erlaubten. Erst hatte Frodo mit ihm Fangen gespielt, dann hatte Merimas nach einer Geschichte über Ponys verlangt und da es sich an der Koppel am besten darüber erzählen ließ, hatte Frodo das Kind hierher geführt. An der Geschichte hatte Merimas jedoch bald das Interesse verloren und war schließlich dazu übergangen, sich mit seinem neuen Spielzeug zu beschäftigen.
Frodo spürte ein Kribbeln im Nacken und wandte sich verwundert um, als seine linke Hand, die eben noch durch Merimas' Locken gestrichen hatte, grob am Gelenk gepackt und verdreht wurde. Zischend schnappte er nach Luft, packte den Arm seines Angreifers, nur um von lähmender Angst überwältigt zu werden, als ihn dessen dunkle Augen mit scharfem Blick durchbohrten. Sein Rücken prallte gegen den Zaun, ließ ihn schmerzvoll das Gesicht verziehen, denn seine blauen Flecken waren noch nicht verheilt. Merimas rief ängstlich seinen Namen.

Ein gemeines Glitzern war in Marrocs dunkle Augen getreten, als sie Frodo alleine mit dem Jungen fanden und ein grausamer Plan sich zu entwickeln begann. Welch ein glücklicher Zufall, dass Frodo ausgerechnet auf Marmadas' einzigen Sohn aufpasste. Marmadas Brandybock, einer von zweien, die ihn beim Ausmisten immer zur Ordnung mahnten, ihn bei der Heu- und Strohernte zur Eile trieben und ihm zusätzliche Arbeit aufbürdeten, wenn er nicht fleißig war. Marroc würde sich an ihm rächen und zugleich bekommen, was ihm vor einem Monat verwehrt worden war. Sein eigenes Leben mochte Frodo nichts mehr wert sein, doch das des Jungen war es bestimmt. Leise, wie es nur Hobbits waren, hatte sich Marroc an den Zaun geschlichen, wo er sein Opfer schneller überwältigte, als er erwartet hatte.
Rasch hatte er auch Frodos anderes Handgelenk ergriffen und auch wenn dieser sich wehrte, gelang es ihm, ihn festzuhalten.
"Bevor du daran denkst, dich mit Gewalt befreien zu wollen", erklärte er mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht, "solltest du die Folgen einer solchen Tat bedenken."
Damit ließ er von Frodo ab, packte stattdessen Merimas an der Schulter und zog ihn zu sich heran, sodass das Kind zwischen ihm und seinem eigentlichen Ziel stand. Merimas schrie überrascht auf und Frodo stürzte erschrocken nach vor, um den Jungen zu befreien, doch Marroc drehte sich erst von ihm weg, packte Frodo dann am Schopf und riss ihm den Kopf zurück, gerade als dieser die Hand des Kindes ergriffen hatte.

"Frodo!"
Der Angesprochene verbiss sich den Schmerzenlaut, als er die Furcht und den Schrecken in Merimas' Augen sah. Er hatte ebensolche Angst. Kalt und unberechenbar war sie über ihn hereingebrochen, als er in die funkelnden Augen seines Peinigers geblickt hatte, hatte ihm die Luft abgeschnürt und ihn vor Schrecken wie erstarrt sein lassen. Hätte der Ältere nicht plötzlich nach Merimas gegriffen, wäre er nicht in der Lage gewesen, sich zu rühren, doch so hatte er handeln müssen. Was hatte Marroc mit Merimas vor? Er durfte ihm nicht wehtun!
"Hör mir gut zu, Beutlin", zischte Marroc in sein Ohr und stieß ihn von sich weg. "Dem Jungen wird nichts geschehen, solange du tust, was ich dir sage und du weißt, was ich von dir will."
Frodo stolperte zum Zaun, wo er sich sofort wieder umdrehte, um Marroc stechend anzusehen, doch veränderte sich sein Ausdruck, als er seinen Worten lauschte. Er erinnerte sich noch sehr gut, was Marroc wollte, doch ebenso, wie vor einem Monat, war er nicht gewillt, für den älteren Hobbit zu stehlen. Sein Ausdruck verfinsterte sich.
"Und wenn ich das nicht tue?"
"Dann werde ich zu härteren Methoden greifen müssen", fuhr Marroc trocken fort und um seinen Worten Ausdruck zu verleihen und den nörgelnden Fratz, der ihm als Druckmittel diente zur Ruhe zu bringen, drückte er die Schulter des Kindes so fest zusammen, bis dieses einen Schmerzenslaut von sich gab.
Voller Entsetzen hob Frodo die Hand, gebot Marroc mit einem angstvollen Ausruf zur Einhalt.
Merimas sah furchtsam zu ihm auf, wand sich aus Marrocs Umklammerung und versuchte, nach ihm zu treten, doch der Ältere ließ ihn nicht gehen, sondern grinste zufrieden. Die Sonne spielte mit dem nussbraunen Haar Marrocs, während Frodo fieberhaft darüber nachdachte, wie er Merimas aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Die Furcht saß ihm kalt im Nacken, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Frodo wollte nicht glauben, dass Marroc dem Kleinen etwas antun würde, nur weil er wollte, dass er für ihn arbeitete, doch dann erinnerte er sich an das verzweifelte Gefühl, nicht mehr atmen zu können, roch den Fluss und schmeckte den schleimigen Geschmack des Wassers. Furchtsam schloss er die Augen. Der Ältere hätte ihn beinahe ertränkt, um seinen Willen zu bekommen, wie sollte er sicher sein, dass Marroc nicht auch dazu fähig war, ein Kind zu verletzen?
"Ich will zu meiner Mama!" jammerte Merimas plötzlich. Er blickte Hilfe suchend zu ihm auf, die dunklen Augen mit ungeweinten Tränen angefüllt und Frodo spürte, wie er zu zittern begann. Er wusste, dass es nicht möglich war, jetzt einzuwilligen um Merimas zu schützen und später nicht zu tun, was Marroc verlangte. Sein Wort war bindend und an die Folgen eines Bruchs wagte Frodo nicht einmal zu denken. Merimas durfte nichts geschehen! Nach allem was Marmadas und Hanna für ihn getan hatten, durfte er ihren Sohn nicht unnötig in Gefahr bringen. Das konnte er weder ihnen, noch Merimas antun.
Seine Augen fanden die des Kindes und versprachen wortlos, ihn wohlbehalten zu seiner Mutter zurückzubringen und auch später für seine Sicherheit zu sorgen.
"Wirst du für mich arbeiten?", forderte Marroc, sein Ton strenger als zuvor. Die Bindung, die für einen Augenblick zwischen Frodo und Merimas bestanden hatte, brach und Frodo hob den Kopf, um seinem Peiniger entschlossen in die Augen zu sehen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und das Herz pochte ihm bis in den Hals, denn er wusste, dass er nicht den Mut besaß, den er zu haben vorgab. Plötzlich weiteten sich seine Augen.
"Bei allen Auen - ja!" schrie er aufgebracht. "Ja!"

Marroc grinste zufrieden in sich hinein. Er hatte gewusst, dass der Junge seinem Opfer teuer war. Von Merimas unbemerkt, ließ er sein Schnitzmesser, das hinter dessen Krauskopf aufgetaucht war und Frodo so sehr erschreckt hatte, wieder verschwinden. Er hatte nicht wirklich vor, das Kind zu verletzen, doch es gefiel ihm, dass Frodo ihm dies offensichtlich zutraute. Was Marmadas wohl dazu sagen würde, wenn sein kleiner Sohn mit der einen oder anderen Schnittwunde wieder nach Hause käme? Ob er sich diese Tat eher für den kleinen Berilac aufheben sollte, um so auch an Merimac Rache zu nehmen? Er verwarf den Gedanken vorerst, widmete seine Aufmerksamkeit stattdessen Frodo, dessen Augen noch immer vor Angst und Schrecken geweitet waren. Wie er die Furcht in seinem Blick doch liebte!
"Eine weise Entscheidung", höhnte er ungetrübt - grinsend. Mit einer Bewegung, so unerwartet, dass Merimas ihr erst gewahr wurde, als es schon zu spät war, entriss er seinem Druckmittel das Holzpferd, das dieser umklammert hielt. Der Kleine schrie entsetzt auf, wand sich, trat und beschimpfte ihn und Marroc konnte ihn kaum wieder zur Ruhe bringen.
"Es gehört mir!" rief er immer wieder, sah mit flehendem Blick zu ihm auf und versuchte immer wieder, nach der Figur zu langen. "Gib es zurück!"
Doch Marroc dachte nicht daran, warf das Pony stattdessen Frodo zu, der es geschickt auffing. Flinke Hände würde der Junge auch haben müssen, wenn er für ihn arbeitete, dafür würde er sorgen.
"Zerstöre es!" verlangte er streng, als er den verstörten Ausdruck im eingeschüchterten Blick seines Opfers erkannte.

Fassungslos sah Frodo von der Figur auf. Das konnte er nicht tun! Merimas hatte das Pferd erst vor kurzem von Marmadas erhalten. Er liebte dieses Spielzeug! Hilflos schüttelte er den Kopf, doch Marrocs Ausdruck blieb unerbittlich. Frodo spürte den hoffnungsvollen Blick des Kindes, der erst ihm galt und dann zu der Holzfigur in seinen Händen wanderte.
"Gib es mir!"
Die rechte Hand seines Schützlings war ausgestreckt, während die Finger der anderen sich um Marrocs braungebrannten Arm schlossen.
"Bitte", flehte der kleine Hobbit, als hinter seinem rechten Ohr plötzlich das Messer aufblitzte.
Frodo erstarrte und schnappte nach Luft. Alles in ihm verkrampfte sich, als Marroc die Klinge so drehte, dass sie im Sonnenlicht glitzerte. Ein kalter Schauer der Furcht lief ihm über den Rücken und sein Herz verzagte.
‚Vergib mir, Merimas', dachte er verzweifelt, wobei er traurig in die mit Tränen gefüllten Augen des Kindes blickte. ‚Vergib mir, doch ich muss es tun, um dich zu schützen.'
Frodos Herz brach, als sich ein Bein mit einem leisen Knacken vom Körper der Holzfigur trennte. Merimas schrie entsetzt auf und die ersten Tränen liefen über sein Gesicht.
Frodo grub sich die Nägel der freien, zur Faust geballten Hand ins Fleisch, blickte verbittert zu Marroc und seine Augen weiteten sich, als dessen Lippen die Worte "alle vier" formten.
"Nein", wisperte er tonlos, schüttelte den Kopf und die Messerklinge glitzerte.
Von Schmerz erfüllt und begleitet vom lauten Weinen des Kindes, drehte Frodo zaghaft die Figur in seinen Händen, hielt den Atem an, als er mit langsamen Bewegungen das zweite Bein vom Körper trennte. Das verzweifelte Rufen und Schreien des Kindes trieben ihm die Tränen in die Augen. Wie kalt und grausam Marroc doch war, dies von ihm zu verlangen! Verletzt und ohne Hoffnung kniff er die Augen zusammen.
Er drehte das Holzpferd weiter in seiner Hand, als Marroc das wild um sich schlagende Kind nicht länger festhalten konnte. Der Kleine stürmte sofort auf ihn zu, bat ihn verzweifelt, aufzuhören und ihm sein Spielzeug zurückzugeben, versuchte jedoch zugleich, es ihm zu entreißen.
Frodo hielt das Holzpferd in die Höhe, hörte das leise Knacken, als das dritte Bein brach. Mit der linken Hand, hielt er Merimas davon ab, an seinem Hemd zu reißen, doch wandte er den Blick ab, als er die verzweifelten Tränen sah, die über die Wangen des Kindes liefen. Merimas konnte nicht verstehen, weshalb er sein Spielzeug vernichtete und Marroc hätte sich keine grausamere Folter ausdenken können, um ihn seinen Dienst antreten zu lassen. Merimas trat ihn und zerrte an seinem Hemd, als auch das letzte Bein brach und Frodo kraftlos den Arm sinken ließ. Ohne den Jungen anzusehen, gab er ihm zurück, was sein war, doch sein Herz war gebrochen, ebenso, wie die Beine des Tieres. Voller Entsetzen blickte Merimas auf die Splitter, sah Frodo einen langen Augenblick verständnislos und mit zitternder Unterlippe an, entriss ihm schließlich die zerstörte Figur.
"Ich hasse dich!" schrie er empört, ehe er laut schluchzend davon stürmte.
Seine Worte trafen Frodo wie ein Dolchstoß. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schmerzes und er richtete den Blick bekümmert auf das Gras zu seinen Füßen. Seine Augen drohten überzulaufen, doch hielt er seine Tränen verbissen zurück und ballte die Hände zu Fäusten. Was hatte er getan, dass die Welt ihm alles nahm, was er liebte?
"Warum tust du das?", fragte er mit erstickter Stimme, als Marroc an ihn herantrat.
"Das war gute Arbeit."
"Warum?!" schrie er und funkelte Marroc trotz seiner Hilflosigkeit zornig an.

Marroc packte ihn grob an der Schulter. Er hatte erreicht, was er wollte, doch konnte es nicht schaden, Frodo dennoch zu zeigen, wo sein Platz war. Ein siegreiches Grinsen erschien auf seinen Zügen. Er hatte nie zufriedener ausgesehen. "Weil ich sicher sein muss, dass der Junge sein kleines Geheimnis für sich behält und du nicht willst, dass ihm etwas geschieht, nicht wahr?"

Frodo zeigte keine Regung und auch, als Marroc seinen Griff noch verstärkte, veränderte sich sein Ausdruck nicht. Er spürte den Schmerz, hieß ihn sogar willkommen. Nach allem, was er Merimas angetan hatte, hatte er es verdient, verletzt zu werden. Fast wünschte er sich, Marroc würde ihn schlagen, doch er wusste, dass er Merimas seinen Schmerz nicht würde nehmen können, indem er selbst Schmerz empfand. Er hasste Marroc für das, was er ihm angetan hatte. Sein Peiniger wusste, dass Merimas kein Wort über ihn verlieren würde, sondern die Tatsache, dass sein Pony kaputt war, nun viel wichtiger für ihn war. Und er hasste Marroc dafür, ebenso, wie er sich selbst dafür hasste, dass er Merimas in seine Probleme mit dem Tween hineingezogen hatte.
"So lange du tust, was ich sage, wird dem Kleinen nichts geschehen", sagte Marroc und Frodo hätte das hämische Grinsen am liebsten aus dessen Gesicht geprügelt. "Ich werde Reginard informieren, auf dass auch er dich in Zukunft in Frieden lässt. Du kannst dich von nun an getrost mit Nelke treffen, schließlich bist du jetzt einer von uns."
Der Ältere lachte und ging davon.
Frodo blieb reglos stehen, ordnete Marrocs letzte Worte und sank schließlich weinend auf die Knie, das Herz blutend und die Gedanken voller Bitterkeit. Er war einer von ihnen.

~*~*~

Als Frodo abends im Wohnzimmer saß, kam Hanna zu ihm und befragte ihn wegen des Pferdes. Lange Zeit sah er sie schweigend an, wäre ihr beinahe weinend in die Arme gefallen. Er hatte gesehen, wohin ihn seine Lüge geführt hatte, doch nun würde er wieder lügen müssen, ganz gleich, wie viel Schmerz es ihm bereitete. Er spürte Marrocs Blick auf sich ruhen, als er zu einer zaghaften Antwort ansetzte.
"Es war ein Versehen. Ich habe mich darauf gesetzt. Es tut mir Leid."
Er konnte sie nicht ansehen und auch, als sie ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte und erklärte, dass dies halb so schlimm sei und Merimas es bald vergessen haben würde, hob er den Kopf nicht. Er war ein Verräter. Er betrog sie alle, denn auch wenn er nicht vorgehabt hatte, wieder zu lügen, tat er es, indem er schwieg. Er konnte es verantworten, wenn Marroc ihm etwas antat, doch nicht, wenn dieser seinen Zorn gegen Merimas richtete. Er musste schweigen, um den Kleinen nicht in noch größere Gefahr zu bringen.
Wortlos stand er auf, ehe Hanna seine Verzweiflung spüren hätte können und verließ das Zimmer. Nach allem, was er an diesem Tag getan hatte, konnte er es nicht ertragen, in ihrer Nähe zu sein. Er konnte ihren Trost nicht in Anspruch nehmen, wo er doch das Unglück ihres Sohnes war.



70. Kapitel: Zug um Zug

Nachjul 1388 AZ
 
Der Herbst zog ins Land und färbte die Blätter bunt. Im Winterfilth wurden die letzten Felder und Gemüsebeete abgeerntet und jene Äpfel und Birnen, die sich nicht von den Ästen trennen wollten, von den Bäumen geschüttelt. Es war ein reiches Jahr gewesen und die Vorratskammern Bockenburgs und des Brandyschlosses waren bis zum Bersten gefüllt. Als das Vieh in die Ställe zurückgetrieben und die Schafe geschert wurden, bemerkte keiner, dass einer der Stallburschen nicht fleißig bei der Arbeit war, sondern sich ein noch warmes, großzügig geschnittenes Kuchenstück gönnte, über dessen Verbleib sich die Küchen-Mimi bereits den Kopf zerbrach. Sie gab die Schuld einem der Kinder, doch wurde der Übeltäter nie gefasst, auch nicht, als eine Woche später ein weiteres frisch gebackenes Kuchenstück verschwand.
Gegen Ende des Monats bedeckte der erste Frost die Wiesen und die Kinder wussten, dass die Zeit des Unterrichts bald anbrechen würde. Manche, so wie Lily Brandybock, Frodos Cousine zweiten Grades, die erst in diesem Monat ihren zehnten Geburtstag gefeiert hatte, freuten sich darauf, während andere dieser Zeit des Jahres weniger begeistert entgegenblickten. Frodos Vetter Marmadoc war aus ihrer kleinen Gruppe der Einzige, der sich freute, denn in diesem Jahr stieg er in die höchste Stufe auf.
Die ersten Wochen fielen jedoch auch ihm nicht leicht und jeder war froh, als der Vorjul anbrach. Ab Mitte des Monats wurden die Jul-Vorbereitungen zum Hauptgesprächsthema und die Belehrung der Kinder verlor an Bedeutung. Dies änderte sich erst, als die Feierlichkeiten vorüber waren. Dann wurde die Klasse jedoch gefordert, denn scheinbar erwartete jeder, dass die Kinder im neuen Jahr bereit waren, ihre Vormittage zu opfern und ihren Geist mit begrifflichem Wissen anzufüllen.
Die Klasse bestand, sehr zum Verdruss des unterrichtenden Hobbits, aus allen im Brandyschloss lebenden Kindern im Alter zwischen zehn und fünfundzwanzig, und es fiel nicht leicht, eine solch große Gruppe bei Laune zu halten. Aus diesem Grund war vor vielen Jahren beschlossen worden, die Klasse in unterschiedliche Stufen zu teilen. Während die Kleinsten, im Alter von zehn bis dreizehn, lernten mit der Feder umzugehen, sofern ihnen das nicht bereits von den Eltern beigebracht worden war, halfen die Ältesten, jene im Alter von zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig, die in keiner Lehrverpflichtung standen, dem unterrichtenden Hobbit bei der Belehrung der Jüngsten. Vor allem jene waren nicht leicht zu unterweisen, da manche ihre Buchstaben bereits von den Eltern gelernt hatten, während andere nicht einmal wussten, wie sie eine Feder zu halten, geschweige denn zu verwenden hatten.
Die Kinder im Alter von vierzehn bis siebzehn perfektionierten ihre Schrift, übten das Lesen und lernten zudem zu rechnen. Außerdem wurde ihnen ein wenig Grundwissen zur Vegetation mitgegeben, all dies, was sie in den langen Sommern auf den Feldern und in den Wäldern meist übersahen. Die übrig bleibende Gruppe, jene Kinder von achtzehn bis einundzwanzig, durften sich mit schwereren Rechenaufgaben quälen, denn ihre Buchstaben beherrschten die meisten. Außerdem wurden sie in der Geschichte und Geografie instruiert, lernten nicht nur, wo welche Ortschaften lagen, sondern auch, wer die Bewirtschaftung der einzelnen Vierteln zu überwachen hatte.
Der Unterricht war ein Sonderrecht, das jedem im Brandyschloss lebenden Kind zuteil wurde, doch war dies nicht alles, was jungen Hobbits mitgegeben wurde. Was sie über die wärmeren Monate auf den Feldern oder während der Tierversorgung lernten, war nicht minder von Bedeutung. Dies waren jedoch Lehrstunden, der sich die Eltern annahmen und somit sahen die Sommermonate bei jedem Kind unterschiedlich aus, da nicht alle Eltern den Umgang mit Booten oder das Scheren von Schafen für wichtig hielten. So nahm die Mithilfe in der Küche bei einem Mädchen mehr Zeit in Anspruch, obwohl gewünscht wurde, dass jeder Hobbit zu kochen lernte. Handarbeit wiederum war eine Beschäftigung, die einzig dem weiblichen Nachwuchs zugedacht wurde, während die Arbeit auf Hof und Feld den Jungen vorbehalten war.
Jenes Wohnzimmer, in dem der Unterricht für gewöhnlich abgehalten wurde, befand sich in einem der westlichen Gänge. Im Raum waren mehrere Tische aufgestellt, um die sich die Kinder versammelten. Die Ältesten ließen sich nahe des Kamins nieder, während die Jüngsten nahe der Türe saßen, da sie meist die Letzten waren, die morgens erschienen und die Ersten, die den Unterricht wieder verließen. Ein Kerzenkronleuchter spendete ausreichend Licht, während das Kaminfeuer für die nötige Behaglichkeit sorgte.
Jammern oder Weinen vonseiten der Jüngsten war nichts Ungewöhnliches und störte die anderen nur selten bei der Arbeit. Frodo ließ seinen Blick dennoch in diese Richtung wandern, als Rumil Bolger zu schimpfen begann und Flüche ausstieß, von denen er sich wunderte, woher das Kind sie kannte. Rumil war Drida Bolgers ältester Sohn und Frodos Vetter zweiten Grades. Der Junge war für seine Ungeduld und seinen Trotzkopf, die nicht selten zu einem minderen Wutausbruch führten, bekannt.
Marmadoc stand neben dem jungen Hobbit, einen hilflosen Ausdruck im Gesicht, während er versuchte, das Kind zu beruhigen und wieder zum Schreiben zu bewegen. Ein erheitertes Lächeln schlich sich über Frodos Züge. Marmadoc hatte sich seinen Platz in der Lerngruppe wohl nicht so vorgestellt. Ein älteres Mädchen mit dunklem Haar, an dessen Namen Frodo sich nicht sofort erinnern konnte, gesellte sich zu seinem Vetter und ihr gelang es schließlich, den erzürnten jungen Bolger soweit zu beruhigen, dass dieser aufhörte zu schreien. Rumil behielt seinen entschlossenen Ausdruck jedoch bei, verschränkte betont die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf, um klar zu machen, dass er nicht länger Buchstaben kritzeln wollte.
"Frodo?"
Der Angesprochene erwachte aus seinen Gedanken, als Madoc Platschfuß ihm einen Zettel reichte. Wie in beinahe jedem Winter, hatte sich Frodo auch dieses Jahr mit Nelke, Rubinie, Madoc und Minto an einen Tisch gesetzt. So konnten sie all ihre Rechenprobleme und geografischen Sorgen gemeinsam lösen. Mit leisen Worten bedankte sich Frodo beim Älteren der Platschfuß-Brüder und machte sich daran, das Blatt Papier zu studieren, das Merimac, der für den heutigen Tag durch den Unterricht führte, zuvor ausgeteilt hatte.
Es war kein besonders schwerer Text. Auf zwei Seiten waren in kurzen Worten die wichtigsten Ämter innerhalb des Auenlandes zusammengefasst, angefangen von den drei Landbütteln, die in jedem Viertel tätig waren, über die Postboten, bis hin zum Herrn, dem Thain und dem Bürgermeister. Das Meiste war Frodo bereits bekannt, denn wer wusste nicht, was ein Landbüttel war und dass man ihn an der Feder an seiner Mütze erkennen konnte?
Gelangweilt reichte er das Papier an Nelke weiter und versank in Gedanken. Die Stunden des Unterrichts waren für ihn zu einer Zeit der Erholung geworden. Während jener ruhigen Stunden im Lernzimmer gab es für Marroc keine Möglichkeit ihm aufzulauern und ihn zu schändlichen Diebereien zu zwingen. Seit nunmehr über vier Monaten war er dem älteren Hobbit dienlich und brachte ihm Kuchen und andere Leckereien aus den Speisekammern. Frodo war erleichtert gewesen, dass dies alles zu sein schien, was Marroc von ihm wollte, doch kaum hatte sich dieser Gedanke in ihm festgesetzt, hatte der Tween mehr verlangt. Erst hatte Frodo Saradoc Münzen stehlen müssen, die der Tween zweifelsohne für den Genuss von Bier ausgegeben hatte, während er nun vor allem für das Auftreiben von Pfeifenkraut herangezogen wurde. Eine Pfeife hatte Marroc bereits, doch offensichtlich verfügte er nicht über die Mittel, sich das nötige Kraut zu besorgen. So war es an Frodo, Tabakbeutel zu stehlen, wenn keiner ihn beachtete und diese an Marroc weiterzureichen, ehe der Verdacht auf ihn fallen konnte. Zwei Mal hatte man ihn schon beschuldigt, doch hatte er seine Beute rechtzeitig seinem Auftraggeber zukommen lassen, sodass ihm die Tat nicht hatte nachgewiesen werden können und doch wusste Frodo, dass Saradoc und andere ein scharfes Auge auf ihn gerichtet hatten.
Da Sadoc und Ilberic nicht länger im Brandyschloss weilten, war es nun vor allem Reginard, der von Marrocs neuster Gemeinheit profitierte. Meist saßen die beiden Vettern gemeinsam auf dem Heuboden und rauchten, während Frodo mit schlaffer Haltung und ausdrucksloser, nüchterner Miene neben ihnen stand, die Angst, er könne auf seinen Diebeszügen erwischt werden, noch immer in den Knochen. Mehrere Male hatte er darüber nachgedacht, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, doch verdrängte das Bild eines von Messerschnitten übersäten Merimas diesen Gedanken jedes Mal aufs Neue. Er konnte nicht zulassen, dass ihm etwas geschah und da Frodo die Gewissheit, dass Hannas Sohn in Sicherheit war, niemals haben konnte, schwieg er, auch wenn seine Entwendungen weitaus größere Ausmaße annahmen, als er anfangs gefürchtet hatte.
Die Furcht entdeckt zu werden, sei es bei der Ausführung eines Auftrages, oder um einen neuen zu erhalten, war zu seinem ständigen Begleiter geworden. Er war angespannt und dadurch leicht zu reizen. Frodo sehnte sich nach einem Ort, an den er sich zurückziehen konnte, doch auch wenn er jene Erlösung in der Bibliothek fand, war sie nicht von Dauer. Er wagte nicht, sich lange in jenem verstaubten Raum aufzuhalten, denn er fürchtete, Marroc könnte ihn auch dort aufspüren und soweit sollte es nicht kommen. Die Bibliothek hütete noch immer seinen größten Schatz und dessen sollte sein Peiniger nicht gewahr werden.
Seine Bindung zu Merimas hatte an jenem Tag auf der Pferdekoppel großen Schaden genommen. Der kleine Hobbit hatte ihm seine Tat zwar verziehen, beobachtete ihn seither jedoch mit kritischen Augen, wann immer Frodo mit seinem Spielzeug spielte. Frodo verbrachte seine Zeit nur mehr selten mit Merimas, denn er wollte nicht, dass das Kind Ziel seiner empfindlichen Laune wurde oder Hanna Fragen über ebenjene stellen konnte. Im Stillen hatte er Abschied von der Familie genommen, die ihm so vieles bedeutete, denn noch mehr Schaden wollte er nicht über sie bringen, auch wenn es ihn schmerzte, nun gar nicht mehr mit Hanna zu sprechen.
Einen Vorteil brachte sein Bündnis mit Marroc jedoch. Reginard duldete seine Freundschaft zu Nelke, wenn auch nur widerwillig und mit einem kritischen Auge. Frodo war fest entschlossen gewesen, Nelke nicht wieder zu treffen, nachdem ihm der Grund für ihren Trennungswunsch klar geworden war. Mit weinendem Herzen hatte er ihr seine Entscheidung mitteilen wollen, doch war es dieses Mal Nelke gewesen, die ihn umgestimmt hatte. Ganz gleich, was Olo Boffin denken oder tun sollte, sie wollte ihn weiterhin heimlich treffen, wie sie es beschlossen hatten. So lange sie vorsichtig waren, konnte ihnen nichts geschehen. Frodo hatte trotz seiner Sorge um Nelke zugestimmt, denn anders als sie, wusste er, dass Reginard nun nicht länger gegen sie war. Nelkes Bruder würde sie nicht noch einmal verraten, so wie er es an jenem Abend, an dem Olo Boffin sie überraschte, getan hatte.
Nelke hatte dennoch beschlossen, dass es während der Wintermonate besser war, wenn sie sich nur im Unterricht sahen und Frodo hatte dem zugestimmt. Zwar blieben ihnen persönliche Gespräche verwehrt, doch genügte es ihnen, einen gelegentlichen Blick zu tauschen und nebeneinander zu sitzen.
Nelkes Stimme war es, die ihn wieder in die Wirklichkeit zurückholte und blinzeln ließ.
"Ich dachte immer, das Amt des Thains wäre das Wichtigste und doch hat der Bürgermeister mehr Pflichten."
Madoc zuckte mit den Schultern, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Nelke reichte das Papier an Rubinie weiter, die es eiligst überflog, als hoffe sie, die Antwort auf die Frage ihrer Freundin in den Zeilen zu finden, doch Frodo kam ihr zuvor.
"Das stimmt", sagte er und richtete sich in seinem Stuhl auf, hatte er sich doch davor mit dem Ellbogen vom Tisch abgestützt und das Kinn in den Händen ruhen lassen, "allerdings bleibt der Thain die wichtigste Person."
Zweifelnde Blicke trafen ihn, sowohl von den Platschfuß-Brüdern, als auch von Nelke. Einzig Rubinie schien ihm nicht zuzuhören und befasste sich lieber mit dem Zettel, den sie erhalten hatte. Fragend blickte Frodo seine Mitlernenden an und ein Lächeln schlich über seine Züge. Die Aufgaben der einzelnen Ämter waren klar im Text angeführt worden. Sollte er etwa der Einzige sein, der einen Sinn daraus hatte entnehmen können? Sein Standpunkt stand jedenfalls fest und er war durchaus bereit, diesen zu verteidigen, denn die Gesichter der anderen ließen darauf schließen, dass sie nicht derselben Meinung waren.
Nelke schüttelte den Kopf und winkte ab. "Im Vergleich zum Bürgermeister macht der Thain nichts."
Sie erntete zustimmendes Nicken von den Brüdern, doch Frodo lächelte nur, während er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte und zu erklären begann.
"Er mag zwar Postmeister und erster Landbüttel sein, doch wenn wir in weniger friedlichen Zeiten leben würden, müsste der Thain das Heer anführen und unser Land verteidigen, denn er ist sowohl Hauptmann der Hobbit-Wehren, als auch der Auenland-Heerschau. An den Bürgermeister würde sich dann niemand mehr erinnern."
Minto schüttelte den Kopf, lehnte sich ebenfalls in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Fragend zog Frodo eine Augenbraue hoch, damit rechnend, der Jüngere würde seine Aussage anfechten, doch stattdessen sagte er, sehr mit sich selbst zufrieden: "Ganz gleich, wer das wichtigste Amt hat und an wen man sich erinnern wird, ich werde bei der Post arbeiten."
Einen Augenblick herrschte überraschtes Schweigen. Den Blick in die Ferne gerichtet, schaukelte Minto mit seinem Stuhl und hing seinen Gedanken nach. Nelke gab als erste ein leises Kichern von sich, in das kurz darauf auch Madoc, Frodo und sogar Rubinie, die den Jüngeren mit einem skeptischen Blick ansah, einstimmten. Beinahe wäre Minto vom Stuhl gefallen, als das laute Lachen ihn aus seinen Tagträumen riss. Nelke langte über den Tisch, legte tröstlich ihre Hände um Mintos Rechte und sah ihn mit erheitertem Mitleid und einem verkniffenen Lachen an. "Ja, Junge, geh du nur zur Post."
Einen Moment sah Minto ihr völlig verdattert in die Augen, bis ihm klar wurde, dass sie sich über ihn lustig machten. Missmutig stieß er Nelkes Hände von sich weg, verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust und blickte griesgrämig in die Runde, wobei er mitteilte, dass es ihnen noch Leid tun würde, ihn belächelt zu haben.
"Meine Damen, meine Herren?"
Das Lachen ebbte zu einem leisen Kichern ab, während sich die Kinder wieder ordentlich an ihre Plätze setzten und versuchten, möglichst geschäftig zu wirken. Rubinie, die sich kurz zu einem Mädchen am Nebentisch umgewandt hatte, drehte sich rasch wieder um und vergrub die Nase im Zettel, wobei sie beinahe mit Nelke zusammenstieß, die ebenfalls so tat, als würde sie die Zeilen noch einmal überfliegen.
"Gibt es Probleme?"
Merimac stützte sich auf die Stuhllehnen von Frodo und Madoc und blickte in die Runde. Das Gelächter am Tisch war ihm nicht entgangen und er wollte nach dem Rechten sehen. Minto, der Jüngste in der Gruppe, ließ einen strafenden Blick zu den anderen wandern, ehe er den Kopf schüttelte. Nicht wirklich überzeugt, wollte Merimac der Sache auf den Grund gehen, doch Frodo versicherte ihm, dass alles in Ordnung war, bevor er auch nur den Mund hatte aufmachen können. Madoc nickte ebenfalls beschwichtigend, den Hauch eines Grinsens im Gesicht. "Frodo hat uns nur den Inhalt des Textes erläutert."
"Ist das so?", Merimac blickte erst auf Frodo, dann in die eifrig nickenden Gesichter der anderen Kinder. Ein Lächeln stahl sich über seine Lippen und er klopfte seinem jüngeren Vetter anerkennend auf die Schulter. "Gut gemacht!"
Frodo strahlte über das ganze Gesicht, wirkte zugleich verlegen und Merimac bemerkte nicht zum ersten Mal den bewundernden Blick, den Nelke ihm zuwarf.
 
~*~*~
 
Zufrieden schlenderte Saradoc durch die Gänge des Brandyschlosses, den lang erwarteten Brief endlich in Händen. Er hatte ihn bereits gelesen und dessen Inhalt stimmte ihn froh. Olo Boffin hatte ihn schon im letzten Herbst gebeten, beim Tischler von Bockenburg um eine Lehrstelle für seinen Sohn anzufragen. Da Saradoc den Tischler, Bingo Wühler, persönlich kannte, hatte er sich dieser Sache gerne angenommen, war jedoch mit einer Antwort auf das nächste Jahr vertröstet worden. Das neue Jahr war nun gekommen und Bingo Wühler hatte seine Erwartungen nicht enttäuscht. Bereits im nächsten Monat sollte Reginard Boffin bei ihm in die Lehre treten. Um Olo ebendies mitzuteilen, ging er alle Wohnzimmer ab, in denen er den älteren Hobbit vermutete, als Frodo plötzlich um eine Biegung stürmte und ihm geradewegs in die Arme lief. Der Junge zuckte erschrocken zusammen, verkrampfte sich und wollte sich alsbald aus seinem auffangenden Griff lösen.
"Vorsicht!" mahnte Saradoc streng, doch legte er die Stirn in Falten, als er den gehetzten, beinahe panischen Ausdruck in den Augen des Jungen sah. "Ist alles in Ordnung?" Beunruhigt ließ er seinen Blick zur Biegung wandern. "Du rennst, als würdest du verfolgt."
"Nein… ja… ich meine", stammelte der Junge und schüttelte den Kopf, als könne er sich dadurch seiner Verwirrung entledigen. "Es ist alles in Ordnung."
Frodo war gleichermaßen erleichtert und entsetzt, ausgerechnet Saradoc in die Arme zu laufen. Der Schrecken vor Marroc, der aus einem Wohnzimmer getreten war und zu seiner panischen Flucht geführt hatte, saß ihm noch im Nacken. Schon seit fast einer Woche hatte er nichts für den Älteren besorgen müssen und so lange er Marroc nicht begegnete, würde dies auch so bleiben. Deshalb war er gerannt, noch ehe er gewusst hatte, ob sein Peiniger ihn überhaupt gesehen hatte und verfolgte. Trotzdem ertappte er sich dabei, wie er über seine Schulter schielte, als auch Saradocs Blick noch einmal prüfend zur Biegung wanderte, doch weder hörten sie Schritte, noch sahen sie den vermeintlichen Verfolger.
"Bist du dir sicher?", fragte Saradoc noch einmal und blickte ihm dabei so tief in die Augen, dass Frodo den Kopf abwenden musste, auf dass der Herr der heimlichen Bitte nicht gewahr wurde. Er wollte nicht mehr stehlen müssen, wollte Marroc nicht länger dienlich sein. Er wünschte sich nichts mehr, als die Furcht endlich hinter sich zu lassen. Furcht um Merimas, aber auch Angst um sich selbst. Er hielt es nicht länger aus, für Marroc zu arbeiten und Ziel seiner Wut zu werden, doch es war zu spät, um umzukehren. Dieses Spiel lief bereits zu lange, war schon zu weit gegangen, als dass Frodo es noch hätte stoppen können. So nickte er entschlossen und schenkte Saradoc ein zaghaftes Lächeln. Der Herr schien nicht ganz zufrieden, denn er bedachte ihn einen langen Augenblick, spähte dann noch einmal zur Biegung. Schließlich nickte er und nahm die Hände von Frodos Schultern.
"Esmie sucht bereits nach dir. Alleine will sie euer Zimmer nicht aufräumen."
Frodo nickte, bedankte sich knapp bei Saradoc und eilte an ihm vorüber, den Blick, der ihm folgte, auf seinem Rücken spürend.
Esmeralda hatte schon vor einiger Zeit angekündigt, dass das Zimmer, das er mit Merry bewohnte, einer gründlichen Reinigung bedurfte. Oberflächen sollten von Staub befreit werden, Schränke von Kleidern, die den nächsten Sommer nicht mehr erleben sollten und Schubladen von überschüssigem Plunder. Merry hatte sich gleich nach dem Mittagessen an die Arbeit gemacht und war bereits fleißig damit beschäftigt, alle Gegenstände von seinem Regal zu nehmen und dieses mit einem feuchten Lappen zu putzen, als Frodo in das Zimmer schlurfte.
"Da bist du ja endlich!" Merry hatte seinen schmutzigen Lappen nach ihm geworfen, noch ehe Frodo die Tür hatte schließen können. "Wolltest dich wohl vor der Arbeit drücken."
Frodo nahm den Fetzen von seiner Schulter und warf ihn zurück. Ohne auf die Bemerkung einzugehen, setzte er sich auf sein Bett, das seiner Bezüge entledigt worden war, und gähnte herzhaft. Die vergangene Nacht war kurz gewesen, denn wie so oft hatten Merry und er sich in das Zimmer von Madoc und Minto geschlichen, wo sie Karten gespielt hatten, bis Herr Platschfuß sie entdeckt und in ihre eigenen Betten geschickt hatte. Frodo und Merry waren zwar in ihr Zimmer zurückgekehrt, doch hatte sie das Spielfieber gepackt und so waren sie im Licht des ausgehenden Feuers auf dem Fußboden neben dem Kamin gesessen und hatten gewürfelt, lange nachdem es in den Wohnräumen ruhig geworden und die Schlafzimmertür des Herrn und der Herrin mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen war.
"Heute Früh hat man davon noch nichts bemerkt", stellte Merry mit einem Zwinkern fest, suchte nach einem neuen Gegenstand, den er nach Frodo schmeißen konnte, um ihn aufzuwecken. Er fand das Kaninchen, das Frodo von Pippin erhalten hatte und warf es ihm zu. Frodo fing das ausgestopfte Tier auf, schüttelte den Kopf und begann dann, den Staub aus dem weichen, braunen Fell zu streicheln, um wenigstens einen geschäftigen Eindruck zu machen, denn auf einen Zimmerputz hatte er keine Lust.
Als Esmeralda in das Zimmer zurückkehrte, nahm sie darauf jedoch keine Rücksicht und verlangte sogleich, dass er seinen Nachttisch ausräumte und darin für Ordnung sorgte. Missmutig machte sich Frodo an die Arbeit, räumte Kerzen, Streichhölzer und andere Kleinigkeiten aus der oberen der beiden Schubladen. Das Feuer schien ihm dabei warm ins Gesicht und Frodo ließ sich vom leisen Knistern und dem angenehmen Duft von Apfelholz beruhigen. Wenn das Glück auf seiner Seite war, würde er Marroc heute nicht mehr begegnen.
Erschrocken zuckte er zusammen, als Merry eine kalte Hand an seinen Nacken hielt. Sein Vetter lachte, stellte fest, dass er schon wieder träumte, eine Anschuldigung, die sich Frodo in letzter Zeit häufiger als gewöhnlich hatte anhören müssen, und machte sich dann daran, das Regal wieder einzuräumen. Mit einem Lächeln im Gesicht bemerkte Frodo, wie Merry darauf achtete, dass manche Steine, die er erst im vergangenen Sommer aus dem Brandywein gefischt hatte, dem Blick seiner Mutter verborgen blieben. Einige wurden hinter dem ausgestopften Kaninchen versteckt, andere verschwanden vorübergehend in Merrys Hosentaschen. All die Zeit ließen sie ihr Gespräch immer wieder zur Überflüssigkeit eines Zimmerputzes wandern, bis Esmeralda, die derweil die Kleider im Schrank aussortierte, dem ein Ende setzte und Merry zu sich rief, um einige ältere Hosen anzuprobieren.
Nachdem er den Tisch und die obere Schublade geputzt und alles wieder an seinen Platz gestellt hatte, widmete sich Frodo der unteren Lade. Beinahe zärtlich strichen seine Finger über die alte Holztruhe, die er darin verwahrte, ehe er sie vorsichtig heraushob und auf das Bett stellte. Unter der Truhe kam eine weitere flache, lange Holzkiste mit zwei Messingscharnieren zutage. Frodo nahm auch sie heraus, legte sie auf seinen Schoß und strich mit den Fingern darüber. Das dunkle, geölte Holz war bis auf ein großes ‚B', das in den Deckel eingraviert worden war, unverziert. Die Kanten waren abgerundet. Spuren des Gebrauchs waren genauso wenig zu erkennen, wie solche des Alters. Vorsichtig nahm Frodo den Messingstift am Verschluss heraus, schob den Deckel bis zum Anschlag um den Inhalt zu betrachten. Edles Briefpapier, dessen weißgelbe Farbe einen Kontrast zum dunklen Holz bildete, kam zum Vorschein. Daneben lag eine Fasanenfeder, ebenso unbenutzt wie das Papier. Frodo hatte es von Bilbo an dessen Geburtstag erhalten. Es war ein Dankeschön für die vielen Briefe, die er seinem Onkel über die Jahre hatte zukommen lassen, ebenso wie eine Anregung, jenen Kontakt weiterhin aufrecht zu erhalten. Frodo dachte häufig an den alten Hobbit, schrieb ihm ebenso fleißig wie eh und je, doch seine Worte fielen ihm immer schwerer. Bei jedem Brief erwachte der Schmerz aufs Neue und mit ihm die Gewissheit, dass er Bilbos Liebe erst noch verdienen musste.
Manchmal wünschte er sich, er hätte damals nicht nachgefragt, bis die grausame Wahrheit ans Licht gekommen war. Er hatte gespürt, dass Bilbo sein Zuhause war, weshalb also hatte er dennoch eine Bestätigung seines Gefühls verlangt? Hatte er nicht einfach zufrieden sein können? Manchmal wünschte er sich, er könne wenigstens vergessen, dass jene Worte gefallen waren und weiterhin im Glauben leben, Bilbo würde ihn lieben, selbst wenn es eine Lüge war. Bilbos Briefe hatten ihm Mut gegeben, waren etwas, auf das er sich hatte freuen können. Jetzt vermisste er beides. Zwar erhielt er noch immer regelmäßig Nachrichten aus Hobbingen, doch brachten sie statt der Freude zerstörte Hoffnungen und daraus ließ sich keine Kraft schöpfen. Kraft, die er im Augenblick dringend benötigte, doch keiner ihm geben konnte.
Hinter ihm lachte Merry auf, schimpfte seine Mutter, sie würde ihn kitzeln und für einen kurzen Augenblick spähte Frodo zu ihnen. Einst hatte er geglaubt, Esmeralda wäre für ihn da, selbst wenn er das nicht sofort bemerkt hatte. Nun war er sich dessen nicht mehr so sicher. In den vergangenen Monaten war ihm klar geworden, dass ihr Merry schon immer wichtiger gewesen war. Frodo konnte ihr deshalb keinen Vorwurf machen, doch es schmerzte ihn dennoch. Sie mochte zwar bei ihm sein, war dies im Grunde aber nur, weil Merry auch hier war. Und selbst wenn sie sich um ihn kümmerte, tat sie das nur, wenn sie sich um ihn sorgte, nicht, weil sie ihn ebenso liebte wie Merry. Dennoch suchte er ihre Nähe, als wolle er seine Beobachtungen Lüge strafen. Er suchte ihre Nähe und wagte doch nicht, auf sie zuzugehen.
"Frodo?"
Der Junge war ungewöhnlich still geworden und als Esmeralda eine Hand auf seine Schulter legte, um nach dem Rechten zu sehen, spürte sie die Überraschung, die durch seinen Körper ging. Wie in einem Traum wandte er sich zu ihr um, den goldene Glanz des Feuers in den tiefblauen Augen. Sein Ausdruck war jedoch ein anderer, sprach von Traurigkeit, von Schmerz, die sich so deutlich in seinem Blick spiegelten, dass Esmeralda gezwungen war, die Luft anzuhalten. Ihre Hand schloss sich fester um seine Schulter, zog ihn zu sich.
"Was ist geschehen?", wollte sie fragen, doch Merry kam ihr zuvor und seine Worte ließen Frodo vor der Berührung zurückschrecken.
"Ich habe ihn gefunden", rief ihr Sohn freudestrahlend, "den Würfel, den wir gestern Nacht verloren haben."
Frodo wandte sich von ihr ab, verschloss die Kiste mit dem Briefpapier. Besorgt ließ sie ihren Blick auf ihm ruhen, doch was immer sie gesehen hatte, war aus seinem Gesicht gewichen. Sie blinzelte kurz, als könne sie sich dadurch vergewissern, nicht zu träumen, ehe sie sich zu Merry umdrehte. Ihr Sohn war bis zur Körpermitte unter seinem Bett verschwunden, wobei seine Hände den Boden abtasteten. Mit einem letzten Blick auf Frodo zog sie die Stirn kraus. "Gestern Nacht?"
Für den Bruchteil eines Wimpernschlags erstarrte Merry in seiner Bewegung und wäre Esmeralda nicht seine Mutter gewesen, hätte sie jenes kurze Innehalten nicht bemerkt.
"Es war gestern Abend", erklärte Frodo mit ruhiger Stimme, legte die Kiste mit dem Briefpapier ebenfalls auf das Bett und suchte nach dem Lappen. "Merry meint im Moment, alles was nach dem Abendessen stattfindet, wäre nachts."
Aus den Augenwinkeln erkannte er, wie sie ihn zweifelnd betrachtete, doch schenkte er ihr keine weitere Beachtung. Sie hatte ihn umarmen wollen und er wusste, dass er es zugelassen hätte. Doch der Augenblick der Schwäche war vergangen, der flüchtige Moment des Erkennens verstrichen und er hatte seine Fassung wiedererlangt, war entschlossen, Esmeralda keine Last aufzubürden, die zu tragen sie nicht bereit war.
"So ist es", erklärte Merry, wobei er wieder unter dem Bett hervor kroch. "Schließlich ist es ebenso dunkel wie nachts."
Als Frodo sich erhob, bemerkte er den dankbaren Blick seines Vetters, doch gelang es ihm nicht, diesem mit einem Lächeln zu antworten, denn ihm wurde plötzlich klar, dass Esmeralda ihn noch immer fragend ansah. Sein Herzschlag beschleunigte sich, ihm wurde eng um die Brust.
Und wenn er sich damals nicht geirrt hatte? Wenn sie ihn trotz allem so liebte, wie Merry, es nur nicht so offen zeigte? Wäre sie am Ende doch bereit, zumindest einen Teil seiner Bürde zu tragen?
"Bedrückt dich etwas, Kind?"
Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der Feuerschein zeichnete sanfte Schatten auf ihr Gesicht. Ein goldener Schimmer lag in ihren blauen Augen, die ihn eingehend musterten. Frodo spürte, wie die Maske der Stärke bröckelte und sein Geist sich erneut an einen letzten Hoffnungsschimmer zu klammern suchte, dem er doch nicht zu vertrauen wagte.
Mehr, als du dir vorstellen kannst.
Wie erstarrt sah er sie an, schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, während er insgeheim darauf wartete, dass sie ihn in ihre Arme schloss, ihm zeigte, dass er mehr war, als nur ein Kind, dessen sie sich angenommen hatte, da kein anderer dazu bereit gewesen war.
"Mama!"
Merrys energische Stimme drang an ihr Ohr und die Hand, die sie um Frodos Schultern hatte legen wollen, auf dass sie noch einmal mit mehr Feingefühl hätte nachfragen können, verharrte in ihrer Bewegung.
Frodo wandte sich von ihr ab, um den ersten seiner beiden Holzbehälter wieder im Nachtkästchen zu verstauen und Esmeralda wusste, dass was immer er geantwortet hätte, nun wieder tief verborgen lag und es gelang ihr nicht, den Ärger darüber aus ihrer Stimme zu halten.
"Was?"
Beinahe wäre es ihr gelungen, etwas mehr von Frodo zu bekommen, als die üblichen oberflächlichen und ausweichenden Antworten und sie musste sich zusammenreißen, Merry nicht die Schuld dafür zu geben, dass ihr dies erneut missglückt war.
"Hilfst du mir nun, die oberen Fächer einzuräumen?", wollte ihr Sohn wissen, den Blick ein wenig verunsichert auf sie gerichtet. "Ich kann sie nicht erreichen und an Frodos unteres Nachtkästchenfach darf ohnehin niemand ohne seine Erlaubnis. Ihm kannst du also nicht helfen, mir dafür umso mehr. Außerdem warst du es, die den Schrank ausräumen wollte."
Esmeralda seufzte schwer, beobachtete ernüchtert, wie Frodo auch die zweite Truhe an ihren Platz zurückstellte, ohne sich auch nur zu ihr oder Merry umzuwenden. Sie hatte ihre Möglichkeit vertan und selbst wenn sie ihren Sohn warten ließ, würde sich ihr keine Neue bieten - nicht heute. So strich sie sich schließlich die Haare aus der Stirn, holte einen ersten Wäschestapel von Merrys Bett und legte ihn zurück in den Schrank.
 
~*~*~
 
Das rote Schimmern der Glut war, abgesehen vom immerwährenden Schein unter der Tür, das einzige Licht, das den Raum erfüllte. Der Duft von Rosen hing an den frischen Laken, umschmeichelte die Nasen der Vettern, die sich darin zur Ruhe gelegt hatten.
"Du kannst nicht teilen", brach es plötzlich aus Frodo hervor. Den ganzen Abend hatte er an nichts anderes denken können, als an jenen flüchtigen Augenblick am vergangenen Nachmittag, den Merry so unbedacht zunichte gemacht hatte. Zwar war er wütend auf seinen Vetter, doch seine Worte waren nicht mehr als eine Feststellung, eine Feststellung, die er nicht länger für sich behalten konnte.
Der Rahmen von Merrys Bett knarrte und Frodo wusste, dass sein Vetter zu ihm herüberblickte. "Was meinst du damit?"
Frodo konnte die Verwirrung in der Stimme des Jüngeren hören und schüttelte den Kopf. Merry verstand nicht, hatte nie verstanden und Frodo wusste, dass es unweigerlich zum Streit kommen würde, wenn er seine Gedanken weiterhin preisgab. Wie schon zu früheren Zeiten würde Merry ihm vorwerfen neidisch und selbstsüchtig zu sein und Frodo wusste nicht einmal, ob die Anschuldigungen seines Vetters nicht ebenso der Wahrheit entsprachen, wie seine eigenen. Tief Luft holend, drehte er sich der Wand zu und hüllte sich in Schweigen.
Merry war jedoch nicht bereit, ihn wortlos davon kommen zu lassen, fragte noch einmal eindringlicher nach, was er ihm unterstellen wolle.
"Du kannst nicht teilen", wiederholte Frodo ausdruckslos, wandte sich schließlich doch seinem Vetter zu, wissend, dass er diesem Gespräch nicht entgehen würde, nun, da er es begonnen hatte. "Deine Eltern nicht mit mir und…"
Plötzlich erinnerte er sich an den vergangenen Sommer und wie oft Merry von ihm verlangt hatte, auf Nelkes Freundschaft zu verzichten. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass Merry nicht nur unfähig war, die Liebe seiner Eltern zu teilen und die Verärgerung, die er zuvor geschluckt hatte, bemächtigte sich seiner Stimme. "… und mich nicht mit Nelke."
"Nelke?" Die Verwunderung Merrys hatte zu einem Augenblick der Stille geführt. "Ich dachte, ihr hättet euch getrennt?"
Frodo biss sich auf die Lippen, schloss gequält die Augen. Was tat er hier nur?
"Ist das wieder eine deiner Launen?", wollte Merry genervt wissen. "Bist du wieder einmal wegen etwas gereizt und brauchst jemanden, an dem du deine Wut auslassen kannst?"
Merry verdrehte die Augen, ließ sich auf sein Kissen fallen, nachdem er sich zuvor auf seinen Ellbogen gestützt hatte. Sein Vetter war in den letzten Monaten häufig grundlos wütend geworden und hatte sich deshalb nicht selten bei ihm entschuldigen müssen. Doch Merry war es leid, Ziel von Frodos Gereiztheit zu sein, wo er nicht einmal wusste, weshalb sein Vetter so angespannt war. Wenn er ihn darauf ansprach, führte es meist zu einer Diskussion wie dieser, in der Frodo seinen Sturkopf beweisen und das letzte Wort haben musste. Er hatte bereits überlegt, zu seinem Vater zu gehen, doch Frodo hatte einst gesagt, dass ihm das nichts helfen würde, womit er Recht behielt. Wie sollte sein Vater herausfinden, was mit Frodo war, wenn sein Vetter sich nicht einmal ihm anvertraute?
"Warum nehme ich nicht Merry?", äffte er missmutig. "Ich finde bestimmt etwas, das ich ihm vorwerfen kann. Was war es letzte Woche?", Merry machte eine kurze Pause, in der er nachdenklich zur Decke sah. "Ach ja, letzte Woche bemerkte ich, dass er zu besorgt ist, also muss es heute etwas anderes sein", wieder schüttelte er den Kopf. "Was fiel deinem Adlerauge heute auf, Frodo, dass du glaubst, ich könne nicht teilen?"
Frodo hatte sich von seinem Vetter weggedreht, doch mit jedem Wort loderte mehr Zorn in ihm auf. Merry mochte zwar sein bester Freund sein, doch manchmal hatte er keine Ahnung, was vor sich ging. Wenn sein Vetter es darauf anlegte, Salz in seine Wunden zu streuen, konnte er das auch tun. Er ballte die Hände zu Fäusten, wandte sich ruckartig zu Merry um und stützte sich auf.
"Du willst wissen was mir auffiel?", zischte er. "Ich werde es dir sagen. Du kannst es nicht ertragen, wenn Esmeralda mir für einen Augenblick näher ist als dir", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut glomm in seinen Augen und seine Finger gruben sich in die Bettdecke. "Du musstest sie sofort zu dir zurückrufen, aus Angst, sie könnte auch mich lieben. Ebenso wie du versucht hast, mich von Nelke fern zu halten, weil du fürchtetest, ich könne in ihr einen weiteren Freund finden."
Kaum war das letzte Wort gesprochen, kniff Frodo die Augen zusammen. Seine keuchende Atmung zitterte. Soweit hatte er nicht gehen wollen. Sein Körper verkrampfte sich, als er sich für Merrys Gegenschlag rüstete.
"Wirst du jetzt vollkommen verrückt?"
Merry blickte entrüstet auf das schemenhafte Gesicht, das er in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. Seine Brust war wie zugeschnürt. Er wusste nicht, ob er zornig, schockiert oder verletzt sein sollte. Sein Mund öffnete sich, schloss sich wieder.
"Du hörst dich an, wie, wie…" Der Satz sollte nie beendet werden, denn Merry war zu empört, um einen Vergleich zu finden. Er konnte kaum glauben, was sein Vetter ihm vorwarf. Was war nur in ihn gefahren? Frodo war es gewesen, der seinen Eltern immer wieder ausgewichen war, wenn sie ihm abends eine gute Nacht hatten wünschen wollen. Frodo war es gewesen, der ihn darum gebeten hatte, all die Geheimnisse für sich zu behalten und vor allem seinen Eltern nichts davon zu erzählen und nun war er plötzlich neidisch auf ihn? Warf sogar ihm vor, eifersüchtig zu sein! Merry konnte seinen Vetter nur anstarren, wusste nichts zu antworten, bis sich ihm die Worte von selbst in den Mund legten.
"Ich sag dir was, Frodo: ich brauche keine Angst zu haben, dass Mama dir näher sein könnte als mir. Das wird sie niemals sein, denn sie ist meine Mutter und du hast keinen Anspruch auf sie."
Einen langen Augenblick starrte Frodo in die Dunkelheit vor sich. Merrys Worte brannten sich in sein Herz wie glühendes Eisen. Er hatte mit vielem gerechnet, doch damit nicht. Der Ellbogen, auf den er sich lehnte, drohte nachzugeben und so setzte er sich auf. Seine Finger krallten sich in die Matratze, als ein hilfloses Zittern ihn durchlief.
"Denkst du etwa, das wüsste ich nicht?", flüsterte er schwermütig. "Glaubst du, ich würde das nicht jeden Tag aufs Neue spüren?"
Dann stand er auf und stolperte mit weichen Knien zur Tür. Er musste hinaus, bevor er mehr sagen und sein Vetter mehr erwidern konnte. Er hörte noch, wie Merry seinen Namen rief, ehe ihn das Licht des Ganges willkommen hieß. Er eilte zur Haupteingangstür, vorbei an den behaglichen Wohnzimmern und Küchen. Manch einer sah ihm verwundert hinterher, ein anderer rief ihn zurück, doch Frodo hörte nicht auf sie, sondern rannte in die Nacht hinaus, hoffend, sein Vetter würde ihm nicht folgen.
Kalt wehte ihm der Wind entgegen, machte ihn frösteln. Sein Atem stieg in dünnen, weißen Wölkchen vor seinem Gesicht empor. Lampen, die im nun gefrorenen Boden steckten, erleuchteten den schmalen Pfad vor dem Schloss zu beiden Seiten. Doch ihr Licht war nur schwach und alles, was dahinter verborgen lag, verschwamm in Dunkelheit. Schwer atmend blieb Frodo stehen, lehnte sich gegen die massive, runde Holztür. Keine Schritte waren dahinter zu vernehmen. Merry war ihm nicht gefolgt. Erleichtert schloss er die Augen.
Merrys Worte hatten ihn tief getroffen, doch in seinem Innern wusste er, dass er es nicht anders verdient hatte. Er war es schließlich gewesen, der diesen Streit begonnen hatte und unzählige Wortgefechte davor. Was war nur aus ihm geworden? Wie hatte er zulassen können, dass es ihm immer leichter fiel, Streit mit seinem Vetter zu suchen? Merry war schließlich nicht an seiner Misere Schuld, wusste nicht einmal, dass er wieder in Marrocs Fänge geraten war.
Frodo schlang die Arme um die Brust und bibberte. Es war eine kalte, wolkenverhangene Nacht und sein dünnes Nachtgewand reichte nicht aus, um ihn warm zu halten. Hinein gehen wollte er aber noch nicht. Er war verletzt worden und selbst wenn er seine Worte bereute, wusste er, dass er wieder wütend werden würde, sollte Merry seine Entschuldigung nicht sofort annehmen. Kurzerhand entschloss er sich, Silberschweif einen kurzen Besuch abzustatten, begab sich zitternd auf den Weg um das Brandyschloss. Er ging östlich daran herum, wohl wissend, dass kaum jemand durch jene Fenster nach draußen sehen würde. Ein Knistern war zu vernehmen, wann immer seine Füße auf das gefrorene Gras traten. Die Kälte kroch seine Beine empor, bis sein ganzer Körper von einer Gänsehaut überzogen war. Der Wind pfiff in seinen Ohren und Frodo war erleichtert, als sich die Tür zum Ponystall mit einem protestierenden Ächzen und Knarren öffnete und er die kalte Nacht zumindest für einen Augenblick aussperren konnte.
Schlotternd hauchte er sich in die Hände, ging zaghaften Schrittes zur hintersten Box, als ein dumpfes Geräusch ihn herumfahren ließ.
"Hallo?", fragte er in die Dunkelheit, die Stimme unsicher. "Merry?"
Es war der erste Name, der ihm in den Sinn gekommen war. Der Wind pfiff durch die dünnen Spalten im Holz und Frodo fröstelte, doch nicht mehr nur vor Kälte. Unbehagen erfüllte seinen Magen. Da er sich auf seine Augen nicht verlassen konnte, schärften sich seine anderen Sinne. Die eigene Atmung klang laut in seinen Ohren. Er hörte den Schweif eines Ponys gegen die Box schlagen, während ein anderes der rostigen Wassertränke ein Quietschen entlockte. Frodos Körper verkrampfte sich, sein Herzschlag beschleunigte sich kaum merklich. Der Duft von Heu und Hafer kitzelte seine Nase und über den strengen, unvergleichlichen Geruch der Ponys bemerkte er noch einen anderen, den er in den vergangenen Monaten viel zu oft in den Ställen hatte wahrnehmen müssen: Pfeifenkraut.
Frodo sog scharf die Luft ein. "Marroc."
Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, sah er die groß gewachsene Gestalt auf sich zukommen. Ihre Schritte erzeugten kaum ein Geräusch und Frodo spürte die Furcht, die dazu führte, dass sich die feinen Härchen auf seinem Nacken aufrichteten.
"Du bist gut, Beutlin", ließ ihn eine Stimme wissen, "aber nicht gut genug."
Frodos Herz sank. Die Zeit der Ruhe war vorüber. Er würde einen neuen Auftrag erhalten. Wie in Stein gemeißelt blieb er stehen, die Hände zu Fäusten geballt, den Kopf gesenkt. Er schloss die Augen, als Marroc sich vor ihm aufbaute, eine Hand auf seine Schulter legte und so lange zusammendrückte, bis es wehtat. Es war zu einem Ritual geworden. Bei jedem Zusammentreffen würde Marroc ihm auf die eine oder andere Weise Schmerzen zufügen, doch Frodo hatte gelernt, dies nicht in seinem Ausdruck sichtbar werden zu lassen. Jammerte er oder verzog er auch nur eine Miene, würde Marroc Gefallen daran finden und sein Spiel fortführen. Ließ er sich hingegen nichts anmerken, verlor sein Peiniger rasch die Lust und schickte ihn weg.
"Du dachtest wohl, du würdest mir entgehen, wenn du davon läufst", zischte Marroc und Frodos Muskeln spannten sich unweigerlich fester an. "Denk nicht, ich hätte dich nicht gesehen. Eines kann ich dir sagen: wenn du noch einmal wegrennst, wird dein kleiner Schützling dafür bezahlen müssen."
Frodo biss sich auf die Lippen, fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Marroc seine Drohung wirklich umsetzen würde. Eine Antwort fand er jedoch nicht, ebenso wenig wie er wagte, es herauszufinden. Dazu war ihm Merimas zu teuer. Dazu traute er Marroc zuviel zu.
Erschrocken schnappte er nach Luft, als sich Marrocs Hand plötzlich um seinen Hals legte und er gezwungen war, zu dem Älteren aufzusehen. Er roch nach Schweiß, Pferdemist und Tabak. Frodos Hand umklammerte das Handgelenk seines Peinigers, hoffend, die Angst, die durch seine Glieder jagte, zeige sich nicht in seinen Augen.
Marroc verzog die Lippen zu einem Lächeln, das das Blut in Frodos Adern gefrieren ließ. Seine linke Hand wanderte hinter seinen Rücken. "Bis übermorgen hast du mir neues Kraut besorgt, oder dein kleiner Freund…"
Frodo war des Schnitzmessers seines Peinigers nicht gewahr, bis der kalte Stahl über seine Wange strich. Kaum merklich zuckte er zusammen, wobei seine Augen jeder Bewegung des Messers angstvoll folgten. Marroc verletzte ihn nicht, ließ die Klinge nur über seine Haut wandern und ergötzte sich an der Furcht, die Frodo nicht länger verbergen konnte. Seine Hand schloss sich fester um das Gelenk des Älteren, bis dieser plötzlich von ihm abließ, das Messer wegsteckte und sich umwandte.
"Übermorgen", wiederholte er drohend, während er zur Tür ging und Frodo ihm mit zitternden Knien und klopfendem Herzen hinterher blickte.



71. Kapitel: Fern des Alltags

Frodo saß auf dem Fußboden des östlichsten Ganges, den Rücken an die Wand gelehnt, die Knie angezogen. Sein Blick ruhte auf Hannas Zimmertür. Gleich nach dem Mittagessen war die junge Mutter in ihrem Zimmer verschwunden, um ihre Töchter zur Ruhe zu betten. Frodo war ihr heimlich gefolgt, nur um sich dann auf den Boden zu setzen, weil er nicht den Mut aufbrachte, an ihre Tür zu klopfen. Er wusste, dass sie im Zimmer verweilen und Handarbeiten erledigen würde, bis ihre Töchter wieder aufwachten. Als er ihr noch gegenüber gewohnt hatte, war er um diese Zeit häufig zu ihr gegangen, doch waren inzwischen zu viele Dinge geschehen, als dass er noch wagte, in ihrer oder ihrer Kinder Nähe zu sein.
Mit einem leisen Seufzen ließ er sich zur Seite sinken, bis sein Kopf an der Wand ruhte. Ihre Stimme drang leise singend an sein Ohr. Es war ein Kinderlied, dessen Melodie Frodo gut kannte und eh er sich versah, hatte er summend mit eingestimmt. Er genoss die Abgeschiedenheit des östlichen Ganges, die Stille und das spärliche Licht der wenigen Wandlampen. Hier war er vor Marroc sicher, konnte außerdem alleine sein. Kein anderer Ort, an den er sich hätte zurückziehen können, war ihm geblieben. In seinem Zimmer konnte er nichts tun, ohne dass Merry ihm über die Schulter sah. Selbst wenn er einmal alleine war, musste er immer damit rechnen, dass sein Vetter hereinkommen würde. In der Bibliothek hatte Saradoc sich ausgebreitet, weil er die Stammbäume auf den neusten Stand bringen wollte und auf dem Heuboden, wohin er ab und an verschwunden war, konnte er nicht mehr, da dort nun Marroc regierte. Ihm war nichts geblieben. Mit seinem Einzug bei Merry hatte Saradoc ihn seiner Zurückgezogenheit beraubt und ihn dadurch noch einsamer werden lassen.
Frodo verstummte, als Hannas Lied endete, blickte lange auf ihre Tür. Nichts rührte sich. All seinen Mut zusammennehmend erhob er sich, tat die wenigen Schritte, die ihn von Hannas Zimmer trennten. Er hob seine Hand um zu klopfen, verharrte einen Augenblick regungslos und ließ sie dann wieder sinken. Es war besser, wenn er nicht zu ihr ging. Mit gesenktem Kopf wandte er sich ab. Er hatte einen Auftrag auszuführen.
Scheinbar gelangweilt schlenderte er durch die Gänge, grüßte Tanten und Onkel und andere Verwandte, die ihm entgegen kamen. In Wahrheit jedoch war jeder seiner Muskeln bis aufs Äußerste angespannt und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Erst am vergangenen Abend hatte Marroc ihm im Badezimmer aufgelauert, hatte ihm aufgetragen, eine süße Kleinigkeit aus der Speisekammer mitgehen zu lassen. Marroc, der diesen Nachmittag die Ställe ausmisten musste, wollte damit verpflegt werden. Frodo hasste Diebstähle am Nachmittag. Jeder war dann auf den Beinen und kaum einer begnügte sich damit, sich in einem Wohnzimmer aufzuhalten. Kinder spielten in den Gängen, Frauen trugen Wäscheberge von einem Waschraum in den nächsten, Zimmermädchen staubten hier und da Lampen ab oder wischten den Boden, während wieder andere durch die Höhle spazierten, weil es ihnen draußen zu kalt war. Ältere Frauen, deren Knochen müde waren, ließen sich von ihren Zofen Tee bringen, der die Schmerzen lindern sollte, und durch die Tür zur Hauptküche konnte Frodo bereits der Diskussion bezüglich des Abendessens lauschen. Es herrschte reges Treiben und selbst abends war es einfacher, einen Beutel Tabak mitgehen zu lassen, als nachmittags.
Doch Frodo wusste, wie er vorzugehen hatte und mit geübtem, sicherem Blick gelang es ihm, ungesehen in einer der Speisekammern zu verschwinden.
Den Duft von Lehm und Holz in der Nase, atmete er erleichtert auf und lehnte sich mit dem Kopf gegen die Tür. Den ersten Schritt seiner Aufgabe hatte er hinter sich gebracht. Er lauschte, um sicher zu gehen, dass ihn wirklich niemand gesehen hatte, doch schien alles seine gewohnten Wege zu gehen und er wusste nicht recht, ob er sich darüber freuen sollte. Natürlich würde er mit einem erfolgreichen Diebeszug Marrocs Wut entgehen, doch verstrickte er sich damit nicht immer tiefer im Netz seines Peinigers? Machte er es dadurch nicht immer schwerer, sich selbst und Merimas aus dieser Lage zu befreien? War ihm überhaupt noch zu helfen oder war sein Schicksal bereits besiegelt? Frodo seufzte schwer, während er auf dem Regal neben sich nach einer Lampe suchte. Es hatte lange gedauert, und hätte seine Qual nicht solche Ausmaße angenommen, hätte er noch immer nicht den Mut dazu, doch inzwischen würde er den Kampf gegen Marroc wagen, wenn er nicht ständig um Merimas fürchten müsste. Seine Hände schlossen sich krampfhaft um die gefundene Streichholzschachtel. Wenn Merimas nicht wäre, hätte dieses bittere Spiel womöglich schon längst ein Ende gefunden. Doch es lief weiter, bis er irgendwann einem weitaus bittereren Ende würde entgegentreten müssen.
Mit leisem Zischen fing das Streichholz Feuer und einen Augenblick später war die Lampe entzündet, warf ihr flackerndes Licht auf Frodos betrübtes Gesicht. Suchend ließ er seinen Blick durch die kellerartige Kammer gleiten. Der Lehmboden war hier nicht mit Holzdielen verdeckt worden. Der Raum war angefüllt mit Regalen, auf denen Schüsseln und Töpfe mit Getreide gesammelt wurden. Große und kleine Fässer, die Mehl, Salz und Zucker beinhalteten standen gleich hinter der Tür. Ihnen gegenüber war ein weiteres Regal, das die ganze Breite des Zimmers einnahm und mit Marmeladegläsern jeglicher Sorten angefüllt war. Von Marillen über Erdbeeren, Brombeeren, Preiselbeeren und Kirschen war alles zu Konfitüre verarbeitet und in diesem und weiteren Regalen in anderen, kleineren Speisekammern gesammelt worden. Jede Hausfrau wäre mit offenem Mund und starrendem Blick davor stehen geblieben, doch Frodo wusste um die Mengen an Lebensmittel, die im Brandyschloss aufbewahrt wurden und schenkte seine Aufmerksamkeit dem letzten Regal, das nicht minder groß war. Auf ihm waren Einweckgläser mit Kompotten und eingelegten Früchten gestapelt. Sie schienen Frodo genau richtig, um sie Marroc zu bringen, denn er wusste, einen weiteren Kuchen, und sei es nur ein kleines Stück, würde er nicht nehmen können, ohne früher oder später den Verdacht auf sich zu lenken. Kuchen und Kekse hatte er schon viel zu häufig verschwinden lassen und nicht immer nur für Marroc.
Schnurstracks ging er auf das Regal zu. Die Lampe stellte er neben sich auf den Boden, während er sich auf die Zehenspitzen stellte, um ein Glas Birnenkompott zu erreichen. Seine Finger streiften das Glas jedoch nur und so stützte er sich an einem Brett ab, wobei er versuchte, seinen Körper weiter zu strecken.
"Frodo?"
Entsetzt wandte er sich um, hätte beinahe eines der Gläser zu Boden geschmissen. Die Lampe flackerte, als er mit der Ferse dagegen stieß. Im schwachen Licht erkannte er den einfachen grünen Rock und die weißgelbe Schürze Esmeraldas und verkrampfte sich unweigerlich. Ob sie seinen Lügen glauben würde?
"Du hast mich erschreckt."
"Was machst du hier?"
Ohne auf seine hervor gepressten Worte einzugehen, trat sie auf ihn zu und Frodo erkannte den Argwohn in ihrem Gesicht und schluckte. Sie hatte die Haare zu einem strengen Knoten zusammengenommen. Eine Strähne hatte sich jedoch nicht bändigen lassen und fiel ihr über die Schulter. Angespannt wich Frodo zur Seite, als sie die Lampe aufhob, sodass sie auch in sein Gesicht blicken konnte. Fragend hob sie eine Augenbraue, blickte von ihm auf das Regal und wieder in sein Gesicht. Ein unsicheres Lächeln lag auf seinen Zügen, während er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und schüchtern erklärte, dass er sich etwas zu essen habe holen wollen.
"Seit dem Mittagessen sind noch nicht einmal zwei Stunden vergangen", bemerkte Esmeralda.
"Ich hatte Hunger."
Selbst Frodo fand, dass diese Antwort seine Lippen viel zu schnell verlassen hatte, doch er hütete sich davor, sich dies anmerken zu lassen, behielt stattdessen sein unschuldiges Lächeln bei. Er war einen Schritt zurückgetreten, hatte die Finger ineinander gefaltet und presste die Daumen abwechselnd in die Handflächen. Nie zuvor war er auf frischer Tat ertappt worden und die Angst darüber nahm ihm den Atem. Doch was fürchtete er mehr? Marrocs Zorn, sollte er mit leeren Händen zurückkehren, oder die Folgen seines Tuns? Saradoc würde Maßnahmen ergreifen und Merimas würden Dinge blühen, über die Frodo nicht einmal nachzudenken wagte. Unruhig verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere, fügte seinen Worten schließlich weitere hinzu. Dieses Mal sprach er mit mehr Bedacht, zeigte die Hektik nur in der rascheren Zuckung der Finger hinter seinem Rücken. "Wenn du nicht willst, dass ich etwas nehme, warte ich bis zum Tee, obwohl ich bis dahin bestimmt halb verhungert sein werde."
Scheinbar gleichgültig zuckte er mit den Schultern, wünschte sich jedoch insgeheim, sein Magen würde knurren, um seinen Worten Ausdruck zu verleihen und von seiner Anspannung abzulenken.
"Warte, Frodo!"
Esmeralda rief den Jungen zurück, als dieser sich bereits zum Gehen wandte. Die Tür stand einen spaltweit offen, ließ das Licht des Ganges auf Frodos unruhiger Gestalt ruhen. Er hatte in seiner Bewegung innegehalten, sich jedoch nicht umgedreht. Sein Körper stand kerzengerade und Esmeralda war sicher, seine Muskeln gespannt wie eine Bogensehne unter ihren Fingern zu spüren, hätte sie ihre Hände nach ihm ausgestreckt. Doch sie rührte ihn nicht an. Sie kannte jene Körperhaltung. Er würde ausweichen, im schlimmsten Falle sogar weglaufen, sollte sie falsch handeln. Im Stillen fragte sie sich, ob dies wirklich der richtige Augenblick war, das Gespräch mit ihm zu suchen. Seine Reaktion ließ sie an seinen Worten zweifeln und doch war sie bereit, darüber hinwegzusehen, wenn er zuließ, dass sie einige Worte mit ihm wechselte. Sie hatte schon seit dem Zimmerputz mit ihm sprechen wollen, ihn jedoch nie alleine angetroffen. Sie wusste, dass sie mit ihm allein sein musste, wenn sie nicht wollte, dass sich die Ereignisse jenes Nachmittages wiederholten.
"Ich mache mir Sorgen um dich", sagte sie dann und es war die Wahrheit. Unruhe hatte sich in ihr geregt, seit Saradoc ihr im Sommer von Frodos Streit mit Reginard erzählt hatte. Lange Zeit hatte sie ihn beobachtet, doch war ihr kaum eine Veränderung aufgefallen. Beinahe hätte sie die Sache auf sich beruhen lassen, doch dann war Hanna zu ihr gekommen und die beiden Frauen hatten sich lange über den Jungen unterhalten, dem sie sich beide verpflichtet fühlten. Hanna hatte berichtet, dass er sich von ihr zurückgezogen hatte und jene Gespräche, die sie zuvor häufig geführt hatten, verstummt waren. Auch sie sorgte sich um Frodo, doch da er ihr auswich, hatte Esmeralda beschlossen, den Jungen im Auge zu behalten. Manchmal, so wie an jenem Nachmittag im Zimmer der Kinder, hatte sie geglaubt, Frodo suche ihre Nähe, doch wann immer sie sie ihm gewähren wollte, schien der Junge furchtsam zurückzuweichen. Sie wusste sich keinen Rat, auch nicht, als Frodo immer angespannter wurde und Seredic ihn der Dieberei bezichtigte. Sein Pfeifenkraut war, neben vielen anderen Dingen, abhanden gekommen, doch wurde es nicht bei Frodo gefunden und Esmeralda traute dem Kind eine solche Tat auch nicht zu. Frodo mochte seine Sorgen vor ihnen verbergen, doch er war ein ehrlicher Junge.
Frodo spürte das Zittern, das bei ihren Worten durch seinen Körper ging. Er wusste nicht, ob es Wut oder Enttäuschung war, die ihn dazu veranlasste, seine Hände zu Fäusten zu ballen. Ein stechender Schmerz rührte sich in ihm, als er seine Beobachtungen ein weiteres Mal bewahrheitet fand. Sie war nur für ihn da, wenn sie sich um ihn sorgte.
Er schloss die Augen und presste die Lippen zusammen, ehe er sich langsam zu ihr umwandte. Den Blick auf den Fußboden gerichtet, flüsterte er: "Ihr sorgt euch häufig, nicht wahr, du und Saradoc?"
"Natürlich tun wir das", bestätigte Esmeralda, legte den Kopf schief und hielt die Lampe etwas höher, als er sie zaghaft anblickte. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Sein Gesicht war ebenso ausdruckslos wie seine Augen.
"Warum?"
Es war keine Frage, auch keine Feststellung, doch der Klang seiner Stimme ließ Esmeralda erschaudern. Wann hatte er gelernt seine Stimme so hohl und leblos klingen zu lassen? Mühevoll widerstand sie dem Drang, ihre Hand nach ihm auszustrecken, aus Angst, er würde zurückweichen.
"Du wirktest in den letzten Wochen sehr angespannt", erklärte sie schließlich, "und ich würde gerne wissen, was dahinter steckt."
Mit einem Mal loderte ein Feuer in seinen Augen auf und es geschah genau das, was Esmeralda befürchtet hatte. Frodo wich zurück.
Sein Zorn überwältigte ihn so plötzlich, dass Frodo ihn kaum zu kontrollieren vermochte. Er biss sich auf die Lippen. Seine Hände zitterten. Doch wurde sein Ärger alsbald von Gram abgelöst und er wandte den Blick ab. Sagte er ihr, was der Grund für seine Unruhe war, würde sie ihm den Rücken kehren, sobald die Spannungen mit Marroc und Saradoc, die zweifelsohne folgen würden, überstanden waren. Ihre Sorge wäre gelindert und die spärliche Zeit, in der sie sich um ihn kümmerte, würde ebenso vorüber sein, wie Marrocs grausames Spiel. Für einen Augenblick kam ihm der Gedanke, dass er bereit wäre, dies zu opfern und sich weiterhin alleine durchzuschlagen, doch dann fühlte er den Schmerz des Alleinseins. Und er sah Merimas, sah die Messerklinge glänzen und fürchtete das Blut, das den kleinen Körper zu bedecken drohte.
"Das ist mein Leben", sagte er dann, die Stimme fester, als er vermutet hatte, den Blick entschlossen, "und es geht dich nichts an."
Esmeralda starrte ihn entgeistert an.
"Das tut es, Frodo!" Ihre Stimme war lauter als zuvor. Es war eine Zurechtweisung. "Ich bin dein Vormund!"
Frodo blickte starr in ihre blauen Augen. Die Lampe tauchte ihr strenges Gesicht in ein gelbes Licht. Ihre Worte ließen alle Fasern seines Körpers sich verkrampfen, als sich die Wut erneut an die Oberfläche kämpfte. Wieder ballten sich seine Hände zu Fäusten, wieder begann er zu zittern und Frodo benötigte all seine Willenskraft, nicht zu sagen, was auf seiner Zunge lag. Ruckartig wandte er sich zur Tür, riss sie auf und stolperte in den Gang hinaus, wo sein mühevoll aufrecht gehaltener, undurchsichtiger Gesichtsausdruck in sich zusammenfiel und sich der Drang zu weinen seiner Miene bemächtigte.
Du magst mein Vormund sein, doch eine Mutter bist du mir nicht!
Esmeralda wollte ihm hinterher eilen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht und sie blieb reglos zurück, die Lampe flackernd in ihren Händen. Gequält schloss sie die Augen. Erneut hatte sie versagt. Sie spürte, dass der Junge litt und konnte ihm doch nicht helfen, hatte es noch nie vermocht. Einst hatte sie einen großen Fehler begangen, hatte ihrer Trauer erlaubt, über sie zu bestimmen, als dass sie sich jenem zugewendet hatte, der sie zu dieser Zeit am meisten gebraucht hätte. In den schlimmsten Tagen seines Lebens hatte sie Frodo alleine gelassen, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Über die Jahre war ihr klar geworden, dass sie damals die einmalige Möglichkeit gehabt hatte, Frodos Vertrauen zu gewinnen, doch sie hatte sie vertan und musste nun für den Rest ihres Lebens dafür bezahlen. Sie fühlte seinen Schmerz, doch konnte sie ihn weder zuordnen noch lindern, denn wann immer sie glaubte, zu Frodo durchzudringen, wich er zurück, sperrte sie aus. Was sie damals getan hatte, war unverzeihlich, doch es war nicht gerecht, dass nun auch Frodo dafür bezahlen musste. Kraftlos rang sie nach Luft, schüttelte betrübt den Kopf und löschte die Flamme.
 
~*~*~
 
Am Mittag, drei Tage später, verabschiedete sich Saradoc mit einem letzten "Benehmt euch!" von seinen Sprösslingen und wagte nicht, dem eifrigen Nicken, das seiner Mahnung folgte, zu vertrauen. Er war wegen einiger amtlicher Angelegenheiten in Weißfurchen, wollte außerdem vom dortigen Markt einige Lebensmittel besorgen, die im Brandyschloss knapp zu werden drohten. Sehr zum Verdruss seines Sohnes hatte er alleine reisen wollen, doch Esmeralda hatte ihn umgestimmt.
"Nimm ihn mit", hatte sie gesagt, als er sich am vergangenen Abend müde auf sein Bett gesetzt und sich seines Hemdes entledigt hatte. "Ihn und Frodo. Ein Tag fern des Alltags wird den Kindern gut tun."
Sie hatte ihre Arme von hinten um seine Brust geschlungen und ihr Kinn auf seine Schulter gelegt. "Ich werde nicht nur auf dem Markt zugegen sein."
Ihr warmer Atem hatte einen wohligen Schauer durch seinen Körper gehen lassen, als sie lächelnd einen Kuss auf seinen Hals gehaucht hatte. "Sie sind alt genug, um alleine zurechtzukommen."
Saradoc hatte dem nur schwer widersprechen können und die Kinder schließlich lange vor dem Frühstück geweckt. Während Esmeralda dafür gesorgt hatte, dass die beiden warm genug angezogen waren, hatte er ein Pony anspannen lassen und als die Sonne aufging und das Auenland erwachte, hatte er den Wagen bereits auf die Große Oststraße gelenkt. Manch ein Ochsenkarren und Ponyfuhrwerk leistete ihnen auf ihrem weiteren Weg Gesellschaft, denn einige Händler und Bauern aus Stock und den nördlichen Gebieten des Bruchs, wollten sich den Markt nicht entgehen lassen. Während der Dauer ihrer Fahrt, hatte er die Kinder immer wieder ermahnt, sich anständig zu benehmen und auf sich aufzupassen, denn der Gedanke, sie alleine zu lassen, behagte ihm auch am neuen Morgen nicht. Merry und Frodo versicherten zwar, dass ganz bestimmt nichts passieren würde und sie schon wussten, was sie taten, doch war Saradoc durch ihre Worte nicht beruhigt.
Auch als er nun mit der Zunge schnalzte und die glücklich winkenden Kinder hinter sich zurückließ, fühlte er sich nicht eben besser.
Kaum war Saradocs Karren hinter der nächsten Biegung verschwunden, wurde aus dem braven, unschuldigen Lächeln, das die Gesichter der jungen Hobbits zierte, ein siegreiches Grinsen. Merry warf den eng um sich geschlungenen Umhang über seine Schultern und öffnete den obersten Knopf seines Wintermantels.
"Allein!" triumphierte er.
"Und zu allen Schandtaten bereit!" kommentierte Frodo, ein spitzbübisches Glitzern in den Augen.
Merry rieb sich ungeduldig die Hände. "Möge das Abenteuer beginnen!"
Die Vettern warfen sich ein verschmitztes Lächeln zu, ehe sie der Großen Oststraße den Rücken kehrten und in die Seitengasse abbogen. Um den Marktplatz zu erreichen, brauchten sie nur wenige Schritte zu gehen. Frodo war von Euphorie ergriffen, die ihn zappelig werden ließ, und Merry, der neben ihm her hopste, schien noch viel aufgeregter. Bisher hatte Frodo nur den Markt von Bockenburg alleine besuchen dürfen, denn das Volk dort kannte ihn und der Weg nach Hause war nicht weit. Er hatte nicht damit gerechnet, Saradoc nach Weißfurchen begleiten zu können. Noch weniger hatte er erwartet, dass Merry und er den Markt alleine durchforsten durften. Der Herr hatte sogar jedem einige Münzen gegeben, die sie nach ihrem eigenen Gutdünken ausgeben durften, ehe er sie zur Teezeit wieder an der Kreuzung abholen wollte.
"Sieh dir das an!" jubelte Merry, die Augen leuchtend, als hätte er nie zuvor einen Marktplatz gesehen. Ohne eine Reaktion Frodos abzuwarten, eilte er zum Stand eines Glasbläsers um die liebevoll gemachten Figuren, Gläser, Krüge und Kerzenhalter zu begutachten. Als wolle sie diesen Augenblick noch beeindruckender machen, wagte sich die Mittagssonne unter der Wolkendecke hervor und sandte ihre Strahlen durch das Glas, das in allen Farben des Regenbogens funkelte. Die bunten Lichtpunkte malten ein Muster auf das weiße Tischtuch, mit dem der Verkaufstisch abgedeckt worden war und spiegelten sich in den Gesichtern der staunenden Hobbitkinder.
"Kann ich den jungen Herren behilflich sein?", fragte der Glasermeister, ein ältlicher Hobbit mit freundlichen graugrünen Augen.
Frodo schüttelte lediglich den Kopf, ehe er erneut dem Lichtspiel der Figuren verfiel, während Merry sich nicht einmal die Mühe machte, den Hobbit anzusehen.
So verzaubert schlenderten die Hobbits über den Markt, betrachteten Spielzeuge, Kerzen, Handarbeiten, Kleider, Körbe und Schreibwaren. Die ausgestellten Lebensmittel wie Honig, frisch gebackenes Brot und Kuchen ließen ihre Mägen knurren, während Süßigkeiten jeglicher Art sie von einem Stand zum nächsten lockten. Fleisch und Speck wurde ebenso angepriesen wie eine Schar Hühner, deren Eier gleich am Nebenstand gekauft werden konnten. Das Volk von Weißfurchen und der umliegenden Umgebung hatten sich in Massen auf dem Marktplatz eingefunden und keiner wollte mit leeren Händen nach Hause gehen. Nicht selten verloren sich die Vettern für einen kurzen Augenblick zwischen aufgebauschten Röcken und wehenden Umhängen aus den Augen, nur um sich am nächsten interessanten Stand wieder über den Weg zu laufen. Frodo ließ sich von wunderschönen Schnitzereien inspirieren, wobei seine Augen jedoch immer wieder zu den edlen Messern wanderten, die der Händler mitsamt den fertigen Kunstwerken anbot. Welch schöne Figuren er mit einem solchen Messer würde erzeugen können! Bisher hatte er meist Marmadas' Schnitzmesser ausgeborgt, wenn er sich an eine neue Arbeit gesetzt hatte. Ein eigenes zu besitzen reizte ihn sehr, doch er musste der Versuchung widerstehen, denn die wenigen Münzen, die Saradoc ihm gegeben hatte, reichten nicht aus, eines zu kaufen. Außerdem hatte er nicht daran gedacht, seinen Silberpfennig mitzubringen und war nicht einmal sicher, ob er diesen für ein Messer ausgegeben hätte.
Die Sonne war längst wieder hinter den Wolken verschwunden, als die Mägen der jungen Hobbits nach einer Stärkung verlangten. Gemeinsam kauften sie sich zwei große Becher Holundersaft, zwei Käsefladen und ließen sich von einer Bauersfrau zwei mit Nüssen gefüllte Gebäcksstangen geben, die großzügig mit Zuckerguss überzogen worden waren.
In der Mitte des Marktplatzes brannte ein Feuer, um dessen warmen Schein es sich die Vettern gemütlich machten. Sie setzten sich Rücken an Rücken auf einen Baumstumpf, der dort lag und beobachteten schmausend das Geschehen. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie einige Kinder sahen, die an den Händen ihrer Eltern über den Markt gezogen wurden, ohne auch nur einen Blick auf die angepriesenen Leckereien zu erhaschen. Frauen wie Männer standen beisammen und tratschten, einige Tweens saßen auf einem Karren und maßen ihre Kräfte im Armdrücken, während hier und da ein Huhn gackerte oder ein Schwein quiekte. Das Rufen und Lachen der Besucher und Händler mischte sich mit dem Knistern und Knarren des Feuerholzes und unzählige Gerüche umschmeichelten die Nasen der zufriedenen Kinder. Es roch nach Honigwein, Seife, Käse, geräuchertem Schinken und nach den wenig verführerisch duftenden Stalltieren.
 
Ringlein, Ringlein, du musst wandern,
von der einen Hand zur andern.
Das ist schön! Das ist schön!
Niemand darf das Ringlein sehn.
 
Frodo wandte sich um, als er den Reim hörte. Unweit des Feuers stand eine Gruppe Kinder in einem engen Kreis beisammen und reichte den vermeintlichen Ring hinter ihren Rücken umher. In der Mitte des Kreises stand ein verloren aussehendes Mädchen, das verzweifelt erhoffte, einen Blick auf den Ring zu ergattern. Frodo lächelte, erinnerte er sich doch nur zu gut an die helle Freude, die ihn ergriffen hatte, als er vor vielen Jahren häufig in der Mitte eines solchen Kreises gestanden und den Ring entdeckt hatte. Inzwischen konnte er einem solchen Spiel jedoch kein Vergnügen mehr abgewinnen.
Zufrieden ließ er sich gegen seinen Vetter sinken. "Wir sollten häufiger nach Weißfurchen."
"Ja", stimmte Merry zu, wobei er sich genüsslich den Zuckerguss von allen zehn Fingern leckte, "so ein Markt hat seine Vorteile, vor allem, wenn man alleine ist."
Frodo nickte, ein ungetrübtes Lächeln im Gesicht. Seine Gedanken wanderten zu all den schönen Dingen, die er gesehen hatte.
"Kaufst du dir etwas?", wollte er schließlich wissen.
Merry zuckte mit den Schultern. "Dazu muss ich mich noch einmal genauer umsehen."
Als hätten sie es abgesprochen, sprangen die Vettern auf die Beine und stürzten sich ein weiteres Mal ins Marktgetümmel. Wieder führten sie sich begeistert von einem Marktstand zum anderen. Frodo zeigte seinem Vetter das begehrte Schnitzmesser, doch der Jüngere fand wenig Gefallen daran. Merry konnte sich hingegen für einen kleinen Lederbeutel begeistern, in dem er seine schönsten Steine aufbewahren wollte.
So verging die Zeit rasch und hatte zum Mittag noch die Sonne zwischen den Wolken hervorgezwinkert, fiel am Nachmittag bereits Schnee. In den vergangenen Tagen hatte es häufig geschneit, doch waren die spärlichen Flocken selten länger als einige Stunden liegen geblieben. Die jungen Hobbits kümmerte das Wetter jedoch wenig. Sie lachten und alberten, spielten mit Kindern ihres Alters, ärgerten die Mädchen und sorgten so für einigen Tumult auf dem Markt. Sie genossen ihre gemeinsame Zeit und Frodo fühlte sich so ausgeglichen wie lange nicht mehr.
Merry entschloss sich schließlich dazu, den Lederbeutel zu kaufen, während Frodo mit einem solch wehmütigen Ausdruck vor dem Schnitzmesser stand, dass der Händler sich seiner erbarmte und ihm einen geschnitzten Stern mit fünf Zacken schenkte, den Frodo dankbar annahm. Als der Schneefall heftiger wurde, kletterten die Vettern auf einen Holzbalken nahe einem Milchwarenstand, der in einer windgeschützten Ecke stand. Die Bauersfrau, die diesen führte, war nicht viel älter als Primula Beutlin es gewesen wäre. Ihr dunkles, langes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, den sie unter dem warmen, braunen Wollumhang versteckt hielt. Frodo und Merry grüßten sie freundlich, ehe sie sich über die gebrannten Mandeln hermachten, die Merry mit seinen letzten Münzen gekauft hatte.
"Zu einem solchen Mahl gehört auch eine große Tasse Milch", rief die Bauersfrau, die sich später als Bella Kleinbau vorstellte, ihnen zu und bald darauf hatte jeder der Vettern eine ebensolche in der Hand. Bella wies sie jedoch darauf hin, von den fünf großen Kannen Milch, die neben dem Holzbalken standen, fern zu bleiben, denn ihr Gatte Karl sehe Kinder nur ungern in deren Nähe. "Er ist ein wenig empfindlich, seit die Nachbarskinder ihm mal mehr als hundert Liter Milch verschüttet haben."
Merry und Frodo versprachen, gut auf die Kannen, die je sechzig Liter Flüssigkeit fassten, Acht zu geben, was Bella zufrieden lächelnd zu ihren Käufern zurückkehren ließ.
Frodo hatte die Kapuze seines grünen Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Einige feuchte Haarsträhnen zeigten sich darunter, hingen ihm in die Augen. Eine Schneeflocke landete auf seiner roten Nase, verweilte dort einen Augenblick, schmolz und tropfte ihm schließlich von der Nasenspitze. Seine Hände umklammerten den Holzbalken, während sein Blick gedankenverloren auf seinen baumelnden Füßen ruhte.
An den vergangenen Tagen hatte er häufig darüber nachgedacht, Saradoc nach seinem alten Zimmer zu fragen. Er teilte sich gerne ein Zimmer mit Merry, war glücklich, sich jede Nacht mit ihm unterhalten und bis in die frühen Morgenstunden Karten spielen zu können, doch manchmal vermisste er die Abgeschiedenheit seines alten Zimmers. Die Stille jener vier Wände, die alleine ihm gehörten und die Sterne, die ihm des Nachts Trost gespendet hatten. Trost, den er jetzt vermisste und der ihn beizeiten Dinge aussprechen ließ, die er nicht hatte sagen wollen. Merry antwortete darauf mit verständlichem Zorn. Der bittere Beigeschmack ihrer letzten großen Auseinandersetzung war geblieben, ebenso wie der Schmerz, dass ausgerechnet Merry ihm hatte sagen müssen, was Frodo zwar spürte, aber nie ganz zu glauben gewillt war. Er hatte keine Mutter - nicht mehr.
Frodo hatte gefürchtet, er und Merry würden sich wegen der Streitigkeiten, die immer häufiger geworden waren, auseinander leben, und Frodo war fest entschlossen gewesen, mit dem Herrn von Bockland zu sprechen. Doch der Marktbesuch hatte ihm gezeigt, dass eine solche Unterhaltung nicht vonnöten war. Der heutige Tag hatte ihm das Gegenteil bewiesen. Er und sein Vetter hatten schon immer zusammengehört und würden auch immer zusammen gehören.
"Ich bin gleich zurück!" ließ Merry ihn wissen, versicherte sich mit einem raschen Blick, dass die Bauersfrau nicht zu ihnen herübersah und hüpfte vom Balken, um in den schneebedeckten Büschen hinter dem Marktstand zu verschwinden.
So plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, blickte Frodo seinem Vetter verwirrt hinterher, ehe er seinen Umhang enger um sich schlang. Bis zur Teezeit war es nicht mehr lange hin und Frodo hoffte, Saradoc würde sie pünktlich abholen, denn inzwischen sehnte sich sein frierender Körper nach der prasselnden Wärme eines Kaminfeuers. In der Hoffnung, dass ein wenig Bewegung ihn wieder aufwärmen würde, stellte sich Frodo schließlich auf den schmalen Holzbalken. Er hatte keine große Mühe, sein Gleichgewicht zu halten, schwankte aber dennoch einige Male, als er ein wenig in die Knie ging und sich nach vor beugte, um die zwei Tassen aufzuheben, aus denen er und Merry zuvor ihre Milch getrunken hatten. Ein unruhiges Wanken ging durch seine Beine und er verharrte einen Augenblick regungslos, die Finger der einen Hand in den Henkeln der Tassen, die der anderen in einem sicheren Griff um den Balken gelegt. Das Gleichgewicht wieder gefunden, richtete Frodo sich langsam auf, streckte die Arme nach außen und schwankte mit bedachten Schritten an den Milchkannen vorbei auf Bella Kleinbau zu. Ein kräftiger Windstoß wehte ihm die Kapuze vom Kopf und blies ihm Schnee ins Gesicht, doch Frodo ließ sich davon nicht beirren.
"Vorsicht, Junge! Nicht, dass du runter fällst", mahnte Bella erschrocken, als sie seiner gewahr wurde. Rasch nahm sie ihm die Tassen ab, die er ihr dankbar reichte. Diese schnell beiseite legend, griff sie nach seiner Hand, stützte ihn, während er sich vorsichtig umdrehte.
"Keine Sorge", beruhigte Frodo sie mit einem verschmitzten Lächeln, "ich bin schon auf schmaleren Balken gelaufen, ohne herunterzufallen."
Im vergangenen Sommer hatten Merry und er sich einen Spaß daraus gemacht, auf immer schmaleren und immer höheren Balken und Stangen zu balancieren. Besonders beliebt waren die Bretter der Pferdekoppel gewesen, auch wenn es ihnen meist nur mit der Hilfe des Anderen gelungen war, überhaupt darauf zu stehen. Manchmal waren sie heruntergefallen und noch häufiger herunter gesprungen, wenn das Gleichgewicht sie verlassen hatte, doch Frodo war es zwei Mal gelungen, die ganze Koppel zu umrunden, ohne ein einziges Mal von den Brettern springen zu müssen. Merry hatte ihm nachzueifern versucht, entschlossen, dieselbe Leistung zu erbringen, doch stellten die Eckpfosten ein schier unüberwindbares Hindernis für seinen Vetter dar. Jedes Mal waren sie ihm zum Verhängnis geworden und hatten ihn, sehr zu seiner Verärgerung, zu einem rettenden Sprung ins Gras gezwungen.
Nicht völlig von den Worten des Jungen überzeugt, ließ Bella dennoch von seiner Hand ab, als dieser sich scheinbar sicheren Schrittes aufmachte, seinen Weg zurückzugehen. Lieber wäre sie mit ihm gegangen, um ihn im Notfall aufzufangen oder zumindest zu stützen, doch eine junge Mutter mit zerzausten, kastanienbraunen Locken, einem Kleinkind auf dem Arm und einem zweiten an der Hand, rief sie zu sich an den Verkaufstisch.
Pfeifend trat Merry hinter dem Marktstand hervor, nur um erschrocken zusammenzuzucken, als eine wütende Stimme ihn anfuhr.
"Du da! Verschwinde von den Kannen!"
Die Stimme gehörte zu einem untersetzten, stämmigen Hobbit, dessen dunkles Haar wirr in alle Richtungen zeigte. Obwohl Merry den Bauer nicht kannte, wusste er sofort, dass es sich um Karl Kleinbau handelte und bemerkte erst, dass sein zorniger Ausruf nicht ihm galt, als mit lautem Klirren und Poltern eine der Kannen zu Boden fiel und ihren Inhalt auf dem gefrorenen Boden verteilte. Frodo stand daneben, einen schmerzvollen Ausdruck im Gesicht und ein Bein angewinkelt. Die Hände hatte er verzweifelt um die daneben stehende Kanne geschlungen, doch sein Blick ruhte verzagt auf der verschütteten Milch. Die Bäuerin stand an seiner Seite, war jedoch im Gegensatz zu Frodo nicht untätig, sondern beeilte sich, die umgefallene Kanne wieder aufzurichten.
Merry witterte den Ärger, der auf Frodo zukam, als er das wutentbrannte Gesicht des Bauers sah. Für einen Moment kniff er die Augen zusammen, sammelte so den Mut, um Frodo beizustehen.
Der plötzliche Ausruf ihres Mannes hatte Bella überrascht und als sie sich umwandte, sah sie, dass der ihr unbekannte Junge noch mehr erschrocken war. Wild mit den Armen rudernd, versuchte er, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, und sie eilte zu ihm, ohne über ihr Handeln nachzudenken. Bevor sie ihn jedoch erreichen konnte, rettete er sich mit einem wackeligen Sprung auf de n Boden, stieß dabei jedoch gegen zwei der Kannen. Das Umfallen der einen konnte er gerade noch verhindern, doch die andere fiel auf seine Zehen, noch ehe er sich hatte umwenden können, um auch sie zu retten. Bella hörte das schmerzhafte Zischen, als er seinen Fuß unter der schweren Eisenkanne hervorzog. Darum bemüht, nicht in die verschüttete Milch zu treten und den Schaden so gering wie möglich zu halten, eilte sie erst um das Kind herum und stellte die Kanne wieder auf, als ihr Mann fluchend und schimpfend heran stürmte.
"Frodo!"
Bella wandte sich zu dem hellhaarigen Jungen um, von dem ihr erst jetzt auffiel, dass er zuvor nicht zugegen gewesen war. Frodo war also sein Name?
"Ist alles in Ordnung?" fragte sie besorgt, wusste sie doch nur zu gut um den Schmerz, den eine umfallende Milchkanne verursachen konnte.
Frodo hatte die Milchkanne vor dem Umfallen bewahren wollen, als er so ungeschickt gefallen war, doch jetzt hielt er sich mehr daran fest, während pochende Schmerzen durch seinen Fuß jagten. Ehe er der Bäuerin antwortete, versicherte er sich, ob er noch im Besitz aller fünf Zehen war, denn im Augenblick fühlte es sich an, als wären sie alle noch immer unter der Kanne begraben. Schließlich nickte er jedoch und ließ sich von Merry stützen, als dieser zu ihm kam. Sein Vetter hatte jedoch keine Möglichkeit ihm zu helfen, denn der Bauer kam dem jungen Brandybock zuvor, packte Frodo am Arm und zerrte ihn von den Kannen weg.
"Was fällt dir ein, du kleiner Taugenichts!" grummelte er und Frodo zuckte zusammen, als er gezwungen war, mit seinem verletzten Fuß aufzutreten. "Was machst du hier? Wo sind deine Eltern?"
"Ich bin mit dem Herrn von Bockland hier", beeilte Frodo sich zu antworten und fügte hektisch hinzu, dass er die Kanne nicht mit Absicht umgeworfen hatte. "Es war ein Versehen."
"Du bist der Sohn des Herrn?" fragte Karl verblüfft, ließ von seinem Arm ab und blickte ihn eindringlich an.
Frodo schüttelte den Kopf und deutete auf Merry, der sogleich kundtat, dass er Saradoc Brandybocks Sprössling war und dass dieser es ganz bestimmt nicht gutheißen würde, wenn Karl grob mit seinem Vetter umging.
Der entschlossene Ausdruck, den Merry dabei aufsetzte, ließ Frodo beinahe laut auflachen, doch gelang es ihm, diesen Ausbruch von Erheiterung zu einem Kichern, das er hinter seiner Hand verborgen hielt, abzuschwächen.
Karl Kleinbau ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Er funkelte Merry ebenso zornig an, wie er zuvor Frodo betrachtet hatte. "Dann würde ich vorschlagen, dass du deinen Vater schleunigst hierher holst und er wird dann entscheiden können, was gutgeheißen wird und was nicht. Bis dahin bleibt dein Freund bei mir."
"Aber…", wollte Merry protestieren, doch Frodo, der hinter dem Bauern stand, brachte ihn mit einem Kopfschütteln zum Schweigen. Anders als Merry war sich Frodo durchaus bewusst, dass es hierbei nicht um eine Strafe ging, sondern um den Verlust, den sein Ungeschick den Bauer gekostet hatte. Er hatte bestimmt vierzig Liter Milch verschüttet und diese würden bezahlt werden müssen.
Mit einem letzten verzweifelten Blick auf seinen Vetter eilte Merry davon, um am ausgemachten Treffpunkt auf seinen Vater zu warten. Frodo blieb schwer seufzend zurück. Saradoc würde für den Schaden aufkommen, doch er selbst kam bestimmt nicht straflos davon. Ob er seine Schulden würde abarbeiten müssen?
"Es war keine Absicht, Karl", beschwichtigte Bella ihren Gatten, als dieser seinen wutentbrannten Blick wieder auf Frodo richtete. Ohne auf seine Frau zu hören, stellte der Bauer den Jungen neben den Markstand, wo er warten musste, bis er abgeholt wurde.
Wehmütig blickte Frodo auf seine schmerzenden Zehen, zog sich erneut die Kapuze über den Kopf und hörte zu, wie der Bauer sich über den Verlust seiner Milch beklagte und die Bäuerin sich um neu herangetretene Käufer kümmerte.
Die Zeit verging und Frodo begann, sich zu langweilen. Er war dazu übergegangen, die Besucher des Marktes zu beobachten und Kindern - besonders den Mädchen, die ihn schadenfroh belächelten - Grimassen zu schneiden. Daran verlor er jedoch bald das Interesse, nicht zuletzt, weil Kinder und Eltern alsbald wieder im Marktgetümmel verschwanden, während er an Ort und Stelle gebunden war und schon ermahnt wurde, wenn er nur einen Schritt zur Seite machte. Bella hatte ihm eine weitere Tasse Milch geben wollen, doch Karl hatte sie davon abgehalten und gemeint, er habe schon mehr als genug von ihrer Milch für sich beansprucht, eine Aussage, die Frodo beschämt den Blick senken ließ.
"Na wenn das nicht Frodo Beutlin ist!" Frodo hob den Kopf, als die kräftige, tiefe Stimme an sein Ohr drang. "Treibst selbst in Weißfurchen dein Unwesen, was?"
"Unwesen?!" zürnte Bauer Kleinbau grimmig. "Der verdirbt mir den ganzen Verkauf, das tut er!"
Während Frodo entsetzt einen Schritt zurückwich, führte Karl seinen zornigen Bericht über das Ungeschick des jungen Tunichtguts fort, nicht ohne diesen ein weiteres Mal anzubrüllen, als Frodo beim angstvollen Zurückweichen mit der Ferse gegen eine weitere Kanne stieß und sich für einen Augenblick auf deren Deckel setzte. Als er sich dessen klar wurde, sprang er jedoch sofort wieder auf die Beine, hielt sich aber an der Kanne fest, als könne sie ihn schützen. Vor ihm stand die breitschultrige Gestalt Bauer Maggots, doch seine Aufmerksamkeit galt weder dem Bauern, noch der Geschichte, die dieser mit Herrn Kleinbau austauschte. Sie galt dem Hund, der ihn mit wachsamen Augen beobachtete. Frodo hegte keinen Zweifel, dass jene tiefgründigen, dunklen Augen ihn wieder erkannten und auch wenn er fernab von Maggots Grund und Boden war, verkrampfte er sich, immer damit rechnend, der Hund würde ihn anfallen. Er wagte nicht einmal mehr zu atmen, während er das Tier angespannt beobachtete und seine Pobacken gegen die Milchkanne presste, als könne er dadurch weiter in den Hintergrund verschwinden.
"Dort drüben ist es."
Zwischen den Besuchern des Marktes tauchten Merry und Saradoc auf, beide eng in ihre Umhänge gewickelt. Merry hatte seinen Vater bei der Hand genommen und führte ihn eiligen Schrittes zum Verkaufstisch der Kleinbaus, wo sich dieser sofort am Gespräch der Bauern beteiligte.
Frodo stand wie angewurzelt, die Augen vor Furcht geweitet. Der Hund saß ihm friedlich gegenüber, blieb an der Seite seines Herrn und wedelte mit dem Schwanz wann immer Maggot mit den Fingern über seinen Kopf kraulte. Das Tier wirkte nicht halb so Furcht einflößend wie an jenem Tag, an dem es ihn knurrend und kläffend die Landstraße entlang gejagt hatte. Frodo schluckte schwer und kniff die Augen zusammen. Ohne sie wieder zu öffnen tapste er zaghaften Schrittes in Merrys Richtung, denn sein Vetter war nicht weniger entsetzt einige Schritte vom Marktstand entfernt stehen geblieben. In den Jahren ihrer Raubzüge hatten beide Hobbits großen Respekt vor Maggots Hunden bekommen. Als sich nichts rührte, wagte Frodo schließlich, seine Augen wieder zu öffnen und rannte mit klopfendem Herzen zu Merry. Der Hund hatte ihn beobachtet, sah nun mit schief gelegtem Kopf zu ihnen herüber, was den Vettern nicht sonderlich behagte.
Nicht lange darauf wanderten die Kinder an der Seite des Herrn über den Marktplatz, erleichtert Abstand zwischen sich und Maggots Hund zu bringen. Frodo hatte den Kopf gesenkt, schielte jedoch ab und an zu Saradoc. Dieser hatte kein Wort mit ihm geredet, seit er die verschüttete Milch bezahlt hatte und Frodo fürchtete, er grüble bereits über eine besonders harte Strafe nach.
"Hast du die Münzen noch, die ich dir gegeben habe?"
Überrascht hob Frodo den Kopf und nickte. "Nicht mehr alle, aber…", er wühlte in seiner Hosentasche, um sie dem Herrn zu präsentieren.
Saradoc betrachtete sie einen langen Augenblick, rümpfte die Nase, als sich eine Schneeflocke darauf niederließ. Wortlos nahm er dann den Beutel von seinem Hosenbund und öffnete die dünne Lederschnur. In Gedanken sah Frodo schon, wie er in zehn Jahren noch wehmütig auf das begehrte Schnitzmesser blickte, doch ließ er die Münzen mit einem tiefen Seufzen zurück in den Beutel fallen. Saradoc hatte um einiges mehr ausgeben müssen, um den Schaden wieder gutzumachen, den er angerichtet hatte.
Der Herr nickte zufrieden. "Ich nehme an, bis auf dieses kleine Missgeschick habt ihr euch gut gehalten?"
Überrascht runzelte Frodo die Stirn, denn Saradocs Worte klangen trotz seiner vorherigen Schweigsamkeit fröhlich. Er tauschte einen verwunderten Blick mit Merry, der nur mit den Schultern zuckte, sah dann zum Herrn auf. Ein Lächeln zeigte sich auf dessen Zügen und Frodo atmete erleichtert auf. Saradoc hatte nicht vor, ihn strenger zu bestrafen.
"Wir haben uns sehr gut benommen", versicherte Merry.
Frodo nickte bekräftigend und spürte plötzlich wieder denselben Übermut, der ihn zu Beginn des Tages ergriffen hatte. Ein breites Lächeln ließ sein schneenasses Gesicht erstrahlen, doch verschwand dieses, als er schwer seufzend den Kopf schüttelte.
"Wenn ich gewusst hätte, dass ohnehin ein Unglück passiert", tat er kund, während Saradoc ihn verwundert und mit einem Hauch von Sorge betrachtete, "und dass du heute mit Strafen gnädig bist, hätte ich es nicht dabei belassen, den Mädchen Grimassen zu schneiden und mit Stroh nach ihnen zu werfen."
Frodo bemerkte, wie die Besorgnis in Saradocs Gesicht der Erheiterung wich und zuckte schmunzelnd zusammen, als der Herr ihm strafend auf den Hinterkopf schlug.
"Ich glaube, bis wir zu Hause sind, werde ich mir wohl doch eine härtere Strafe für dich ausdenken müssen", meinte er augenzwinkernd. "Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?"
Merry verbiss sich ein Kichern, setzte stattdessen einen nachdenklichen Ausdruck auf. "Da wäre die Prügelei mit den Tweens, in die wir hineingeraten sind,…"
"… und die Dreckklumpenschlacht hinter dem Hühnerstall", machte Frodo vergnügt weiter.
"Die Mädchen haben vielleicht geschrieen!" Merry rollte mit den Augen, hatte jedoch Mühe, ernst zu bleiben.
Kopfschüttelnd und mit einem Lächeln im Gesicht legte Saradoc einen Arm um jeden seiner Jungen, während diese munter kichernd fortfuhren, ihm von ihren angeblichen Schandtaten zu berichten.



72. Kapitel: Der letzte Durchgang

"Nein, das geht zu weit!" Ein Kopfschütteln, die Stimme furchtsam, beunruhigt.
"Ich entscheide, was zu weit geht und was nicht." Den Blick entschlossen, siegessicher.
"Wozu brauchst du es?" Fragend nun, doch einen Schritt zur Seite weichend.
"Das geht dich nichts an!" Lodernder Zorn in dunklen Augen.
Ein Funke der Beherztheit, ein helles Licht als Spiegel des Zornes. "Ich werde es nicht tun!"
Marrocs rechte Hand schoss nach vorne, um Frodo am Hals zu packen, doch der Jüngere wich ihm aus. Anstelle seiner Kehle bekam Marroc seine linke Schulter zu fassen und schlug diese hart gegen den Türrahmen der Abstellkammer. Frodo schnappte nach Luft, als der Schmerz ihn durchfuhr. Die Kerze auf dem Seifenregal flackerte zornig auf, ließ bedrohliche Schatten über die Gestalten wandern.
"Du wirst tun, was ich dir sage!" zischte Marroc wutentbrannt. "Ich will dieses Siegel!"
Gequält schloss Frodo die Augen, die Hände nutzlos an den Seiten hängend. Er konnte das nicht tun, er wollte nicht. Doch was er wollte, hatte Marroc nie gekümmert. Marroc störte die Gefahr nicht, der Frodo sich seit sieben Monaten immer wieder aufs Neue stellte. Frodo hatte gehofft, mit den ersten warmen Frühlingstagen würde auch Marroc den winterlichen Trott hinter sich lassen und sich neuen Dingen widmen. Doch nun war es bereits Astron und anstatt weniger stehlen zu müssen, waren Marrocs Aufträge immer häufiger geworden. Aufträge, die Frodo nicht länger erfüllen konnte, wenn er nicht wollte, dass er an ihnen zerbrach. Wenn Merimas nur nicht wäre. Ihn zu schützen war alles, was für ihn noch zählte.
Merimas.
"Hast du mich verstanden?!"
Ein grobes Rütteln und ein schmerzhaft fester Griff um seine Schultern ließen ihn die Augen öffnen. Er verstand sehr gut. Marroc würde ihn so lange quälen, bis seine Kräfte aufgezehrt waren.
Merimas.
Wie konnte er den Kleinen schützen, wenn er nicht einmal sich selbst zu schützen vermochte? Half er ihm wirklich, indem er sich von Marroc ausnutzen ließ?
Das Messer, das Blut. Merimas.
Frodo kniff die Augen zusammen. Brach er den Kreis, würde Hannas Sohn leiden. Ließ er ihn bestehen, würde Marroc immer stärker werden. Marroc war jetzt schon mächtiger denn je. Alleine würde er ihm nie entkommen.
"Das Siegel, Beutlin!" Ein Zischen nahe seinem Ohr. Unverhohlener Zorn, der ihn zittern machte. Er brauchte eine Antwort.
Merimas.
Ein schwerer Atemzug, Furcht. Nie war er vor einer solchen Entscheidung gestanden. Er konnte nicht entkommen, doch es war an der Zeit, die Worte seines Peinigers einer Prüfung zu unterziehen. Hielt er an seiner Drohung fest?
Vergib mir, Merimas, doch ich ertrage es nicht länger. Wenn ich Glück habe, verprügelt er mich, wenn nicht…
Er würde ihn aufhalten!
Ein weiterer tiefer Atemzug genügte, die Angst zu besiegen und als Frodo seine Augen öffnete, loderte ein Feuer in ihnen, dessen Funke heller strahlte, als jemals zuvor. Marroc antwortete jenem Licht mit verblüfftem Zurückweichen, ehe Zorn die Dunkelheit seiner Augen ausfüllte. Zorn, der ebenso plötzlich von erneutem Erstaunen abgelöst wurde, als Frodo ihn hart gegen das Schienbein trat, um ihm anschließend kräftig mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Das Kerzenlicht flackerte. Marroc taumelte einige Schritte zurück, stieß gegen die Strohbesen an der Wand, ehe er zu Boden stolperte.
Frodo nutzte die Möglichkeit, die sich ihm auftat, stieg über Marrocs Gestalt und die umgefallenen Besen hinweg und eilte zur Tür hinaus, bevor sein Peiniger auch nur daran denken konnte, ihn zu packen. Mit wild schlagendem Herzen stürmte Frodo den Gang entlang, hätte beinahe seinen Vetter Milo umgerannt. Die Mahnung, die dieser ihm hinterher rief, hörte er nicht, denn in seinen Ohren rauschte das Blut, dem wilden Tosen eines Sturzbaches gleich. Er war von einem einzigen Gedanken erfüllt: er hatte Marroc geschlagen! Gefangen zwischen überschwänglicher Freude und Schrecken über seine Tat, wagte er kaum zu atmen. Zitternd vor Aufregung lehnte er sich schließlich zwischen dem Licht zweier Lampen gegen die Wand. Die Finger seiner rechten Hand waren taub geworden und pochten mit jedem Herzschlag. Er hatte Marroc geschlagen! Stark genug, dass sein Peiniger hilflos zu Boden gegangen war. Wie gebannt blickte Frodo auf seine schmerzenden Finger. Woher kam dieser plötzliche Mut? Woher die Entschlossenheit, die Kraft? Ein zaghaftes Lächeln bemächtigte sich seiner Züge. Er war stark gewesen. Er hatte die nötige Beherztheit gefunden, um zu tun, was er schon lange hätte tun sollen. Und er hatte gesiegt.

"Denk daran, dich zum Schlafengehen fertig zu machen."
Merrys Mutter zerzauste ihm das Haar, um ihn aus seinen Gedanken zu wecken. Frodo sah ihr verwirrt hinterher, denn noch ehe er den Kopf gehoben hatte, waren Esmeralda und ihre Freundin Adamanta bereits lächelnd an ihm vorübergeschlendert. Die Herrin blickte jedoch über ihre Schulter zurück, um sicher zu gehen, dass er ihre Anweisung verstanden hatte.
Schlafen! Wie konnte er schlafen, wenn es ihm gerade erst gelungen war, Marroc zu besiegen?
Plötzlich weiteten sich seine Augen und wo zuvor noch Unglauben und Freude gewesen waren, machte sich Sorge breit. Kalter Angstschweiß lag mit einem Mal auf seinem Nacken, ließ einen Schauer der Furcht über seinen Rücken laufen.
Merimas.
Hatte er durch sein Handeln den Jungen in Gefahr gebracht? Frodo wusste es nicht, doch eine Übelkeit erregende Sorge, die sich wie eine große Leere in seinem Bauch ausbreitete, gebot ihm, sicher zu stellen, dass es seinem Schützling gut ging. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte Frodo durch das Brandyschloss, wohl wissend, dass Hanna ihren Sohn längst zu Bett gebracht hatte.

Der östliche Gang lag verlassen und als Frodo sein Ohr gegen die Tür von Hannas Zimmer presste, grüßte ihn friedliche Stille. Einen Seufzer der Erleichterung ausstoßend, ließ er sich im Licht einer einzelnen Lampe zu Boden sinken. Dieses eine Mal hatte er gesiegt. Womöglich gelang es ihm doch, Marrocs Kreis zu durchbrechen. Am Ende war er vielleicht stark genug, seinem Peiniger alleine entgegenzutreten. Ein erlöstes Lächeln im Gesicht, schloss Frodo die Augen.
"Was glaubst du, was du tust, Beutlin?"
Das ungetrübte Lächeln verschwand ebenso schnell, wie es gekommen war. Eiligst rappelte Frodo sich vom Boden auf, um die Tür mit seinem Körper zu versperren. Enttäuschung und verlorene Hoffnungen ließen ihn bangen und seine Furcht zögerte nicht, ihn von neuem heimzusuchen. Frodo schluckte sie, dieselbe Entschlossenheit in den Augen wie zuvor, doch seine Stimme zitterte. "Was willst du?"
"Was ich will?!" Marroc packte ihn grob am Kragen, hob ihn hoch, sodass er ihm ins Gesicht sehen konnte. "Das weißt du ganz genau, doch du wolltest es nicht anders."
"Lass mich!"
Frodo presste die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, spürte, wie Angst ihm die Luft abschnürte, doch wollte er sich nicht geschlagen geben. Wie schon zuvor trat er seinem Peiniger gegen die Beine. Dieses Mal war Marroc jedoch darauf vorbereitet und rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen holte er das Schnitzmesser aus einer Halterung am Hosenbund und fuhr damit von Frodos Ohr bis zu dessen Lippen.
"Du kannst es mir einfach machen, Beutlin, und verschwinden", versprach er, "oder du bleibst wo du bist, und ich werde mit dir beginnen."
Frodos Muskeln verkrampften sich, als er mit dem kalten Eisen in Berührung kam. Ein heimliches Zittern ging durch seinen Körper, das seine Glieder nicht zu zeigen wagten. Seine Hände legten sich nutzlos um Marrocs Handgelenke. Seine Atmung lag still. Alle Beherztheit wich aus seinem Blick und seine Entmutigung machte ihn hilflos. Marroc war tatsächlich bereit, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Er war machtlos dagegen.

Kalter Hass loderte in ihm auf, als er jenes abscheuliche Funkeln in den Augen seines Opfers erkannte. Wie konnte er es wagen, sich gegen ihn zu stellen? Wie konnte er es wagen, ihn noch immer so anzusehen? Marroc hatte geglaubt, jenen Funken der Gegenwehr ausgelöscht zu haben und es ärgerte ihn über alle Maße, nun erkennen zu müssen, dass er all die vergangenen Monate falsch gelegen hatte. Aber er würde ihn brechen. Er würde ihn brechen und das Licht in seinen Augen ein für alle Mal auslöschen, ganz gleich, was er dafür tun musste.
Marroc musste sich zusammenreißen, ihn nicht an Ort und Stelle zu verprügeln, so wütend war er. Die Finger seiner Rechten schlossen sich beinahe krampfhaft um das Messer. Es wäre so leicht, die Kontrolle zu verlieren, doch vor jenem Bildnis schreckte selbst er zurück und er war froh, als der Funke in den blauen Augen erlosch. Mit einem verärgerten Knurren stieß er den Jungen zur Seite. Frodo sog scharf die Luft ein, als er mit der Ferse auf den Holzdielen aufschlug und mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden landete.
"Warte!" rief er aufgebracht und Marroc, der nach dem Türknauf langte, hatte Mühe, sich ein siegreiches Lächeln zu verkneifen. Der Junge war so leicht zu durchschauen. Marroc hatte sofort gewusst, dass Frodos Sorge um Marmadas' Sohn ihn hierher locken würde, ebenso, wie er gewusst hatte, dass er zumindest so tun musste, als wäre er bereit, seine Drohung umzusetzen, wenn er im Spiel bleiben wollte.
"Ich besorge dir das Siegel." Die Stimme gebrochen, den Kopf gesenkt.
Zufrieden steckte Marroc das Messer weg, wobei er beobachtete, wie Frodo sich wieder auf die Beine kämpfte. Ein Anblick, der ihn seinen Sieg auskosten ließ.
"Ich wusste doch, dass du vernünftig wirst", meinte er ölig und legte ihm brüderlich eine Hand auf die Schulter, die er zuvor so grob gegen den Türrahmen gestoßen hatte, wohl wissend, dass er Frodo damit Schmerzen bereitete. Er wurde nicht enttäuscht, denn auch wenn der Kleine dagegen ankämpfte, zuckte er kaum merklich zusammen. Mit einem gewissenlosen Lächeln und einem gezischten "Verdirb es ja nicht!" verabschiedete Marroc sich schließlich von seinem Opfer, sorgte jedoch mit einem kräftigen Faustschlag in den Bauch dafür, dass dieser erneut keuchend zu Boden ging.

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Die Sonne, deren blasses Licht mehr vom Winter sprach, als von der ersten Frühlingswärme, sandte ihre Strahlen durch das nordwestliche Fenster. Ihre Kraft reichte kaum aus, um den großen Raum mit Helligkeit zu fluten. Ein Funke spritzte aus der abkühlenden Glut, erzeugte ein leises Zischen. Einige Himmelschlüssel, die in einer kleinen Vase auf der Kommode platziert worden waren, ließen traurig die Köpfe hängen.
Frodo schielte zwischen den ordentlich gestapelten Papieren über die Kante des Schreibtisches, als er Schritte auf dem Gang vernahm. Stimmen näherten sich, ließen ihn die Muskeln anspannen. Wie ihm diese Aufgabe doch zuwider war! Die ständige Sorge erwischt zu werden, über dem Wunsch, Marroc endlich das Handwerk zu legen und wieder frei zu sein. Er verachtete ihn. Kalter, abgrundtiefer Hass ließ ihn den Griff der mittleren Schreibtischlade umklammern, als lege er die Hände um die Kehle seines Feindes. Wenn er die Kraft dazu hätte…
Die Stimmen erstarben und Frodo schüttelte die Anspannung von sich ab. Ein Blick auf seine verkrampften Finger ließ ihn entsetzt seine Hände von der Schublade nehmen. Schwer schluckend schloss er für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Es erschreckte ihn, dass er solche Verbitterung empfinden konnte, selbst wenn er davon überzeugt war, dass Marroc es verdient hatte. Er wusste, weshalb sein Peiniger von ihm verlangte, das Siegel des Herrn zu besorgen. Marroc mochte ein skrupelloser Schläger sein, der selbst vor Kindern keinen Halt machte, doch er war nicht so dumm, als dass er nicht bemerkt hätte, dass Frodo das Eigentum des Herrn nur ein einziges Mal angerührt hatte und selbst damals nur aus Verzweiflung. Marroc wollte ihn an seine Grenzen treiben, an seine Grenzen und darüber hinaus. Ihn nur zum Dieb zu machen, war seinem Peiniger nicht genug. Marroc wollte, dass er die bestahl, die ihm am liebsten waren, auf dass er den Schmerz fühlte, den ein solcher Verrat mit sich brachte.
Selbst jetzt, während seine Finger über Bücher, Briefe, Listen, Federn und Tintenfässchen strichen, spürte Frodo jene Pein. Tat er, was Marroc verlangte, bürdete er sich eine Schuld auf, die er nie vollständig würde abtragen können. Tat er es nicht, würde eine noch größere Schuld auf seinen Schultern lasten, eine, unter der er gewiss zerbrechen würde.
Verzweifelt stieß Frodo die Lade zu, wandte sich der obersten und letzten zu. Er atmete erleichtert auf, als sein Auge sah, was er zu finden gekommen war: das Siegel des Herrn von Bockland. Frodo wollte es gerade in seinen Besitz bringen, als die Tür geöffnet wurde.
Beim Anblick Saradocs sprang er entsetzt auf die Beine, verharrte dann jedoch regungslos. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinab.

"Was hast du hier verloren?"
Die Hand noch immer um den Türknauf gelegt, blickte Saradoc verblüfft auf den jungen Hobbit. Die aufkommende Wut, die er über sein Hier sein empfand, vermochte er nicht zu verbergen. Er hatte den Kindern strengstens verboten, sein Arbeitszimmer zu betreten, wenn sie nicht dazu aufgefordert wurden und Frodo sah nicht so aus, als wäre er nur zufällig hier.
Ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, ging er langsam auf den Schreibtisch zu, trat schließlich darum herum und ließ seinen Blick prüfend über sein Eigentum wandern. All die Zeit stand Frodo stockstill, schien nicht einmal mehr zu atmen und doch rührte er sich kaum merklich, als sein misstrauischer Blick auf die Siegel fiel, sowohl jenes der Brandybocks, als auch das des Herrn. Saradoc wandte sich dem Jungen zu, doch hatte dieser den Kopf gesenkt. Nicht ohne Grund, wie Saradoc glaubte. Achtsam schloss er die Lade, nicht wissend, ob er enttäuscht oder zornig sein sollte, nun, da er langsam zu verstehen begann.
"Du steckst hinter den Diebereien, nicht wahr? Du und Marroc."
Der Name des Tweens lockte Frodo aus der Reserve. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte er ihn an.
‚Ja, Kind, ich weiß mehr, als dir lieb ist und doch tappe ich im Dunkeln.'
"Ich habe euch gestern zusammen gesehen", fuhr Saradoc ruhig fort und beobachtete den Schrecken, der sich immer deutlicher in Frodos Gesicht abzeichnete. "Ich bin mir sicher, dass er seine Finger im Spiel hat. Du schützt ihn."
Der Junge wich einen Schritt zurück, als fürchte er die Wahrheit, die in seinen Worten lag. Saradoc spürte, wie Wut und Enttäuschung sich vermengten und stärker wurden, doch er erlaubte ihm den Abstand - vorerst.
"Warum, Frodo?", fragte er streng. Ein weiteres Zurückweichen, eine weitere Flucht, wollte er nicht dulden. "Was hat er dieses Mal gedroht?"
"Gedroht?" Die Stimme zitternd, doch der Ausdruck entschlossen. "Nichts."
Frodo wich einen weiteren Schritt zurück und hatte er zuvor an ihm vorbei gesehen, blickte er nun direkt in seine Augen. Ein Funke der Rebellion lag in seinem Blick, als hätte er an seinem neuen Standpunkt neuen Mut schöpfen können, und als der Junge ihm schließlich klar machte, dass er aus freien Stücken hier war, war seine Stimme fest und furchtlos.
Saradoc spürte, wie der Zorn in ihm zu brodeln begann, doch er zwang sich dazu, die Ruhe zu bewahren. Stattdessen verringerte er den Abstand zwischen sich und Frodo erneut, bereit, dem Kind eine letzte Möglichkeit zu geben, das Richtige zu tun. "Erinnere dich an das letzte Mal, als du mich belogen hast und überdenke deine Antwort noch einmal."

Saradocs Worte ließen ihn zurückweichen, bis er mit dem Rücken gegen das Fenstersims stieß. Was hatte er getan? Wie tief war er gesunken? Seine Gedanken wanderten zurück zu jenem Sommerabend, an dem er Saradoc wissentlich belogen hatte. Damals hatte er sich fest vorgenommen, den Herrn nicht noch einmal zu belügen, sollte er in dieselbe Lage geraten und doch tat er es nun erneut. Was als eine Verheimlichung begonnen hatte, war zu einer Lüge geworden. Eine Lüge, die sich einer Schlinge gleich um seinen Hals gelegt hatte und sich, seiner Antwort ungeachtet, zuziehen würde. Hoffnungslos schloss er die Augen und senkte den Kopf.
"Wie soll ich dir vertrauen können, wenn du jetzt schweigst?"
Die Enttäuschung in der Stimme des Herrn ließ ihn zusammenfahren. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Fäden des Netzes, in das er sich verstrickt hatte, waren gerissen und obschon er noch immer gefesselt war, fiel er bereits einen Abgrund hinab. Er sauste einem unbekannten, dunklen Ziel entgegen, unfähig, sich zu befreien. Er hatte Marrocs grausames Spiel verloren, hatte nie die Möglichkeit zum Sieg gehabt und der letzte Zug würde ihn brechen.
"Mir kann niemand vertrauen", wisperte er hilflos und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen, doch der Herr packte ihn so überraschend an der Schulter, dass ihm ein Schmerzensschrei entwich.

Erschrocken zog Saradoc seine Hand zurück. So fest hatte er nicht zupacken wollen und, als er darüber nachdachte, war er sich sicher, dass er das auch nicht getan hatte. Frodo stand reglos vor ihm, war sich offensichtlich bewusst, dass er dieser Unterhaltung nicht entgehen konnte. Einer Ahnung folgend, trat Saradoc um den Jungen herum, bat ihn, sein Hemd auszuziehen. Das Kind tat nichts dergleichen, starrte nur in einer völlig verkrampften Haltung zu Boden. Erst als Saradoc seine Forderung mit Nachdruck wiederholte, öffneten Frodos Finger zögernd die drei obersten Knöpfe. Langsam und mit Bedacht schob er seine Hände unter den Stoff seines Hemdes, strich es mitsamt den Hosenträgern von der linken Schulter, um einen faustgroßen Bluterguss zu entblößen.
Saradoc stockte der Atem. "War er das?"
Der Junge antwortete nicht, sah ihn nicht einmal an. Wortlos beobachtete Saradoc, wie er sich das Hemd wieder zuknöpfte und doch sahen seine Augen noch immer das Dunkelrot und Blau des gepeinigten Fleisches. Der Zorn in ihm begann zu kochen. Die Hitze, die ihn seine Muskeln anspannen ließ, zeigte sich in seinen Augen, doch er wusste nicht, ob er seine Wut gegen Frodo oder gegen Marroc richten sollte. Weshalb schützte Frodo jene, die ihm Gewalt antaten? Warum ertrug er lieber den Schmerz, als sich ihm anzuvertrauen? War er mit seinem Sturkopf am Ende davon überzeugt, das Richtige zu tun? Saradoc wollte das nicht glauben, kannte er den Jungen doch schon sein Leben lang und hatte bisher immer geglaubt, ihn zumindest ein wenig zu verstehen. Sollte Frodo jedoch tatsächlich von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt sein, sollte er weiterhin schweigen, so würde Saradoc einsehen müssen, wie wenig er von dem Jungen wusste und wie unähnlich sie sich waren. Er zwang sich zur Ruhe, doch in seiner Hilflosigkeit gelang ihm das nicht und eh er sich versah, schrie er seinen Ziehsohn an, wie er ihn nie zuvor angeschrieen hatte.
"Warum, Frodo? Weshalb schweigst du? Antworte!"

Frodo kniff furchtsam die Augen zusammen und schnappte nach Luft. Die Schlinge zog sich bereits zu, der Grund kam immer näher.
"Zwing mich nicht, mit dir zu sprechen", flüsterte er, die Stimme gebrochen, tränenerstickt. Ein Zittern ging durch seinen Körper. Marrocs Messer blitzte auf, Merimas schrie und das Blut…
Frodo schlug die Hände vor sein Gesicht und schüttelte vehement den Kopf, als könne er sich so der grausamen Vision entledigen. Er zuckte zusammen, als sich Saradoc zu ihm herabbeugte und ihm vorsichtig eine Hand auf die unverletzte Schulter legte. Verzweifelt hob er den Kopf, blickte in die hilflosen, doch fordernden Augen des Herrn.
"Zwing mich nicht", wiederholte er leise, kopfschüttelnd, "denn dann wird er ihm wehtun und soweit soll es nicht kommen. Er kann nichts dafür und soll nicht darunter leiden, wenn ich mich Marroc widersetze."
"Wer, Frodo?" Die Stimme streng, die Augen funkelnd. Der Griff um seine Schulter wurde fester und Frodo wusste, dass er das Ende des Abgrunds erreicht hatte. Würde er Saradocs Zorn und seine Enttäuschung auf sich nehmen oder das Leid, das Merimas blühte? Gequält schloss er die Augen, holte tief Luft, wobei plötzlich unlängst gefallene Worte in seinen Ohren widerhallten.

"Muss ich dich auf Schritt und Tritt beobachten, um sicher zu sein, dass ich dir glauben kann?"
Saradocs Blick verzweifelt, ernst und dem, mit dem er ihn jetzt bedachte nicht unähnlich. Doch der Ausdruck in den grünen Augen veränderte sich, wurde zu einem voller Güte und Verständnis.
"Ich sehe, dass du deine Lektion gelernt hast. Ich vertraue dir."

Frodo biss sich auf die Lippen und ballte die Hände zu Fäusten. Saradoc vertraute ihm. Ein Vertrauen, das ihm so wichtig war und welches er doch so leichtsinnig aufs Spiel setzte. Ein Vertrauen, das er nicht länger verdient hatte, denn er war zum Lügner geworden und wusste richtig nicht länger von falsch zu unterscheiden. Selbst ein Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte, hatte er gebrochen und um jetzt noch den Weg der Ehrlichkeit zu gehen war es bereits zu spät. Oder etwa nicht?
Zaghaft hob er den Kopf, sah Hilfe suchend in Saradocs Augen. "Wenn ich es dir sage, versprichst du dann, dass du es für dich behältst?"
Wie er es gefürchtet hatte, schüttelte Saradoc den Kopf. "Nein, Frodo, du weißt, dass ich das nicht kann."
Frodo nickte und Tränen sammelten sich in seinen Augen, die er alsbald wegblinzelte. Kalte Angst umklammerte sein Herz, machte ihm das Atmen schwer, doch er hatte sich für einen Weg entschieden und würde ihn nun bis zum bitteren Ende gehen müssen. Er hoffte, Merimas würde ihm seine Selbstsucht vergeben.
"Marroc wird Merimas verletzen, wenn ich ihm das Siegel nicht bringe."
Saradoc stutzte. "Merimas? Weshalb er?"
Frodos Mund verzog sich zu einem gequälten Lächeln. "Weil ich nicht für ihn gearbeitet habe, als er mich bedroht hat. Er weiß, dass Merimas mir lieb ist und", verzweifelt sah er zum Herrn auf, "du musst ihn aufhalten, Saradoc, ehe er ihm wehtun kann."
"Erst wirst du mir erzählen, was vor sich geht", erklärte der Herr streng und holte einen Stuhl an den Schreibtisch, auf dem sich Frodo niederlassen sollte, "danach werde ich weiter sehen."

So erzählte Frodo schließlich, was vorgefallen war und mit jedem Wort, das seine Lippen verließ, wurde Saradoc zorniger. Immer wieder unterbrach er ihn mit aufbrausendem Ton, fragte nach dem Grund, doch Frodo konnte nur sagen, was er dem Herrn schon zuvor mitgeteilt hatte. Er hatte Merimas geschützt, indem er getan hatte, was von ihm verlangt worden war. Doch das war dem Herrn nicht genug. Frodo spürte seine Erregung, sah das zornige Funkeln in den grünen Augen, während Saradoc unermüdlich vor ihm auf und ab ging, die Hände unruhig zuckend hinter dem Rücken verschränkt. Der Zorn wartete nur darauf, aus ihm heraus zu brechen und Frodo fürchtete den Augenblick, an dem der Herr die Geduld verlor. Er wagte kaum, seinen Bericht fortzusetzen und eingeworfene Fragen zu beantworten oder mit einem hilflosen Schulterzucken abzutun. Die Unruhe Saradocs ging auf ihn über und während er auf seinem Stuhl kauerte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals und seine Augen wanderten immer wieder von einer Ecke des Zimmers zur anderen, als wüssten sie nicht, worauf sie ihren Blick richten sollten. Seine Finger spielten mit einem Knopf seines Hemdes, knöpften ihn auf, nur um ihn kurz darauf wieder zu schließen. Er hatte Saradoc schon häufig wütend erlebt, doch der Herr hatte sich immer zu beherrschen gewusst und eine Ruhe bewahrt, die Frodo jetzt vermisste. Beinahe hätte er erlöst aufgeatmet, als der Herr schließlich verkündete, dass er hier zu warten habe, bis er Marroc gefunden hatte und auch dessen Gründe kannte.
Doch die Erleichterung währte nicht lange. Zweifel schlichen sich in sein Herz und er fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte. Saradocs unverhohlener Zorn ängstigte ihn und er fürchtete die Strafe, die ihm drohte. Er wusste, dass er niemals hätte stehlen dürfen, doch was hätte er sonst tun sollen?
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Plötzliche Panik ergriff ihn und Frodo sprang entsetzt auf. Seine Atmung ging schwer, seine Knie zitterten. Er hatte falsch gehandelt. Marroc würde Saradoc sehen und wissen, dass er geredet hatte. Merimas würde…
Frodo verdrängte das Bild von Marrocs Messer im Körper seines Schützlings und stürmte aus dem Zimmer. Er musste Merimas beschützen, so lange er es noch konnte.

"Frodo, ins Arbeitszimmer!"
Frodo erstarrte vor Schreck, schnappte entsetzt nach Luft, als er beinahe mit Saradoc zusammenstieß. Der Ausdruck des Herrn war grimmig. Seine linke Hand hatte er kraftvoll um Marrocs rechten Oberarm gelegt, zerrte ihn so grob den Gang entlang.
"Ins Arbeitszimmer!" wiederholte er noch einmal barsch, den funkelnden Blick auf Frodo gerichtet.
Angstvoll wich Frodo einen Schritt zurück, tastete mit der rechten Hand nach dem Knauf, vergessend, dass er die Tür nicht geschlossen hatte. Um ein Haar wäre er gefallen, doch Saradoc packte ihn rechtzeitig am Oberarm, um ihn auf den Beinen zu halten.
"Setz dich!" zürnte er und Frodo stolperte rückwärts zu seinem Stuhl, unfähig, die weit aufgerissenen Augen von Saradoc zu nehmen. Er hatte Saradocs Wut häufiger gefürchtet, doch jetzt wurde ihm klar, dass er den Herrn niemals wirklich wütend erlebt hatte. Verärgert, verletzt, enttäuscht, sogar aufgebracht, doch niemals zornig, und ihm wurde klar, dass er ihn fürchtete - mehr noch als Marroc. Mit wild pochendem Herzen kauerte er auf dem Stuhl, die Hände auf dem Schoß gefaltet, den Blick auf den Boden gerichtet und die Augen furchtsam zusammen gekniffen.

"Warum?!" Saradocs Frage donnerte durch den Raum und Frodo schluckte, froh, dass die Worte nicht an ihn gerichtet waren. Der Herr war wieder dazu übergegangen, im Zimmer auf und ab zu gehen, die Hände vor Wut zitternd.
"Ich weiß, weshalb Frodo gestohlen hat", erklärte er dann mit einer Stimme, gerade ruhig genug, um nicht wie eine Drohung zu klingen, "und ich weiß, was du getan hast. Ich weiß auch, dass es für solche Dinge immer zwei braucht: einen wie dich und einen, der dumm genug ist, auf dich zu hören."
Frodo hob empört den Kopf, öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch wandte er den Blick ab und ließ die Schultern hängen, als der Herr für den Bruchteil eines Augenblicks zu ihm herübersah.
"Was ich jedoch nicht weiß", fuhr Saradoc fort und blieb vor Marrocs Stuhl stehen, "ist: warum? Warum tust du das? Gefällt es dir, einen anderen zu beherrschen oder ging es dir nur um die Münzen, die du dadurch gespart hast?"

Marroc saß auf dem Stuhl neben dem Kamin, demselben Stuhl, auf dem er vor fast drei Jahren schon einmal gesessen war. Sein auf Frodo gerichteter Blick war finster und voller Hass. Der Kleine hatte es verdorben. Er hätte wissen müssen, dass Frodo früher oder später aufgeben würde, selbst auf die Gefahr hin, dass seinem kleinen Schützling etwas geschah. Er besaß keinen Mut, besaß keine Stärke. Er verkroch sich in seinen Träumereien, wo er über die Grausamkeit seines Lebens jammerte. Wie er ihn hasste!
Marrocs Hände ballten sich zu zitternden Fäusten, während sein Blick Frodo förmlich zu durchbohren schien.
"Sieh nicht ihn an", forderte Saradoc streng, "sieh mich an!"
Ruckartig wandte Marroc sich um und das Funkeln in seinen Augen stand dem des Herrn in nichts nach, doch besaß der Tween nicht das Durchhaltevermögen des Schlossherrn.
"Das Muttersöhnchen hat es nicht anders verdient!" presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und sandte einen weiteren giftigen Blick in Frodos Richtung. "Er hat alles und ist dennoch unzufrieden! Ich gebe ihm nur einen Grund unzufrieden zu sein. Was ist er denn schon wert? Ohne seine Eltern noch weniger als zuvor. Er hätte uns einen Gefallen getan, wäre er mit ihnen umgekommen!"

Der dumpfe Schlag einer Ohrfeige brachte den Wortschwall zu einem jähen Ende. Saradoc lehnte keuchend über dem Tween, die Hände krampfhaft um die Stuhllehne gelegt. Er zitterte am ganzen Leibe, benötigte all seine Willenskraft, den Jungen nicht noch einmal zu schlagen. Marroc hatte den Kopf überrascht der Wand zugewandt. Auf seiner Wange zeichnete sich ein weißroter Handabdruck ab. Seine Worte hatten sich einer Messerklinge gleich in Frodos Herz getrieben, hatten alten Schmerz zum Leben erweckt und vergessene Trauer wieder in Erinnerung gerufen. Doch die ungeweinten Tränen waren vergessen, als Schrecken ihn so plötzlich packte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Frodo zum Herrn von Bockland und seinem Peiniger. Die kalten Finger der Furcht strichen über seinen Rücken, ließen eine Gänsehaut zurück. Ein Mantel der Stille senkte sich über den Raum, machte selbst das Atmen schwer. Die Zeit stand still.

"Was lässt dich solchen Hass empfinden?", fragte Saradoc fassungslos und schüttelte den Kopf. Es war ihm unbegreiflich, wie Marroc so leichtsinnig über den Tod von Frodos Eltern sprechen konnte, wie er dem Jungen so offensichtlich den Tod wünschen konnte. Angeekelt wich er vor dem Tween zurück, versuchte, seinen Zorn und seine Empörung unter Kontrolle zu bringen, ehe sie ihn beherrschen konnten, denn dann, so wusste er, würde Marroc um die Ohrfeige, die er soeben erhalten hatte, betteln.
"Geh in dein Zimmer, Frodo", keuchte er schließlich, ohne das Kind anzusehen. "Warte dort auf mich."
Ohne zu antworten wich der Junge zur Tür zurück und eilte aus dem Raum. Das Opfer war außer Gefahr. Saradoc war mit dem Täter allein und wusste doch nicht, wie er mit solcher Gefühlskälte umzugehen hatte ohne seiner Entrüstung freien Lauf zu lassen. Doch konnte Gewalt mit Gewalt besiegt werden? Saradoc schüttelte den Kopf und holte tief Luft, um den Aufruhr in sich zu bezwingen. Fäuste und Schläge würden Marroc ebenso wenig lehren, wie sie einem Kind die Tränen trockneten.


73. Kapitel: Bittere Überraschungen
 

Ein Feuer prasselte im Kamin. Sein warmer Schein tauchte den gemütlichen Raum in ein angenehmes Licht. Frodo saß mit überkreuzten Beinen auf seinem Bett, den Blick leer und ausdruckslos. In den Händen hielt er das Bild seiner Eltern, doch seine Augen sahen durch die Zeichnung hindurch. Tief in Gedanken summte er eine leise Melodie, die seine Mutter häufig gesungen hatte. Sein Herz pochte aufgeregt in seiner Brust, während er gegen die aufkommende Unruhe ankämpfte und wünschte, die Einsamkeit würde nicht länger andauern. Es war nicht so, dass er die Stille, die ihn umgab, fürchtete, doch der Sturm, den sie ankündigte, behagte ihm nicht.
Wie Saradoc es verlangt hatte, war er in sein Zimmer gegangen, um zu warten. Seine Furcht war bald verflogen und als Merry zu ihm gekommen war und er seinem Vetter erzählen konnte, was er zuvor dem Herrn mitgeteilt hatte, hatte er sich beinahe beruhigt gefühlt, auch wenn Merry mit demselben Unverständnis reagiert hatte, wie auch sein Vater. Frodo hatte die Reaktion seines Vetters wortlos hingenommen, wohl wissend, dass er Merry nicht hätte von seiner Sicht der Dinge überzeugen können. Für seinen Vetter war Saradoc die Lösung aller Probleme. Für ihn gab es nichts, das sein Vater nicht hätte in Ordnung bringen, oder verhindern können. Dennoch hatte Merry mehr Mitgefühl gezeigt, als es Saradoc getan hatte und ihn nach einem langen Augenblick des Schweigens in die Arme geschlossen, ehe er schließlich seinen Kopf auf Frodos Schoß gelegt hatte, als wäre er es, der getröstet werden musste.
So zog der Nachmittag dahin und als Saradoc noch immer nicht aufgetaucht war, gingen die Vettern dazu über, Karten zu spielen, bis Esmeralda sie unterbrach. Mit einem Tablett in den Händen, auf dem eine großzügige Portion des Abendessens angerichtet war, war sie in das Zimmer getreten und hatte Merry zum Essen gerufen. Frodo musste alleine bleiben. Dies hatte selbst Merry beunruhigt und während er das Zimmer verließ, hatte er seine Mutter mit Fragen gelöchert. Fragen, deren Antworten Frodo nicht mehr hatte hören können. Schweigend und mit knurrendem Magen hatte er sich an den Schreibtisch gesetzt. Sein Appetit hatte unter der Aufregung nicht gelitten und so hatte er den Eintopf und die zwei Scheiben Brot gierig verspeist. Gerne hätte er nach einer zweiten Portion verlangt, doch hatte er nicht gewagt, gegen Saradocs Wunsch zu handeln.

Ein Scheit knackte, ließ Frodo aus seinen Gedanken erwachen. Sein Blick glitt erst zur Tür, dann zurück zu seinem Bild. Ein schwerer Seufzer entwich ihm. Zärtlich strichen seine Finger über den Holzrahmen, als wollten sie sich an das Gefühl der Nähe jener beiden Lieben erinnern. Doch sie blieben fern, eingesperrt hinter Glas und Holz; Kohlestriche auf weißem Pergament, die trotz allem soviel mehr waren, als nur ein Bildnis.
Betrübt schloss Frodo die Augen, versuchte, sich an die gemütlichen Abende im Zimmer seiner Eltern zu erinnern. Das leise Knistern des Feuers, die erzählende Stimme seines Vaters, das Gefühl der Geborgenheit in der schützenden Umarmung seiner Mutter. Ein Zittern durchlief ihn und sein Herz weinte, ob dem unerwarteten Verlust der flüchtigen Bilder. Er vermisste sie, vermisste sie noch immer und glaubte nicht mehr daran, dass die Zeit seine Wunden würde heilen können, wo sie doch in Augenblicken wie diesem so frisch schienen wie am ersten Tag.
Liebevoll hielt er das Bild an seine Brust, ehe er es auf den Nachttisch stellte. Bekümmert schlang er die Arme um seine Beine, ließ das Kinn auf seinen Knien ruhen, während seine Gedanken zum vergangenen Nachmittag wanderten. Der lodernde Zorn in Saradocs Augen, der Hass in Marrocs Stimme, seine eigene furchtsame Wiedergabe der Ereignisse und das Gefühl der Zerrissenheit über die Richtigkeit, die Falschheit seines Tuns. Und er dachte an Merimas. Seinem Vetter zufolge ging es dem Jungen gut, doch Frodo war sich dessen nicht sicher.

"Ich weiß auch, dass es für solche Dinge immer zwei braucht: einen wie dich und einer, der dumm genug ist, auf dich zu hören."

Saradocs Worte hallten in Frodos Ohren wider und er ballte die Hände zu Fäusten. Wie konnte der Herr so etwas sagen, wo er doch wusste, was auf dem Spiel stand. Es schmerzte ihn, dass Saradoc so über ihn dachte und er fragte sich unwillkürlich, ob sein Vater auch so gedacht hätte. Hätte Drogo Beutlin ihn als dumm bezeichnet oder hätte er ihn verstanden? Eines stand fest: sein Vater hätte ihn nicht so lange im Ungewissen warten lassen. Sein Vater wäre niemals so wütend geworden, dass Frodo ihn hätte fürchten müssen. Sein Vater hätte niemals zugelassen, dass Marrocs grausames Spiel überhaupt einen Anfang fand. Marroc hätte nicht einmal gewagt, ihm zu drohen, wenn sein Vater noch leben würde.
Frodos Traurigkeit schürte den Groll, den er in sich trug. Seine Wut richtete sich auf Saradoc. Saradoc, der Merry bevorzugte. Saradoc, der nie die Zeit fand, auch ihn zu loben. Saradoc, den er vergebens zu erfreuen gehofft hatte. Saradoc hatte nicht das Recht, so mit ihm zu sprechen, denn Saradoc war nicht sein Vater.

Die Tür protestierte ächzend, als Saradoc den Knauf drehte und in das Zimmer der Kinder trat. Frodo erblickte ihn, drehte ihm jedoch sofort den Rücken zu. Genervt verdrehte der Herr die Augen. Eines Tages würde ihn der Sturkopf dieses Jungen in den Wahnsinn treiben. Er wusste, er würde gegen eine Wand sprechen, wenn er sofort sagte, was er zu sagen hatte. Wenn er sich jedoch lange genug geduldete, würde sich Frodo geschlagen geben und von alleine zu sprechen beginnen, auf dass, auf die eine oder andere Weise, ein Gespräch beginnen konnte. Es verärgerte ihn, doch Saradoc hatte an diesem Nachmittag bereits so viel Zeit ungenutzt verstreichen lassen, dass es auf eine weitere kleine Ewigkeit in ausgedehntem Schweigen nicht ankam. Wortlos schloss er die Tür und setzte sich neben Frodo auf dessen Bett.
Der Zorn des Nachmittages hatte sich beinahe verflüchtigt, seit er vor dem großen Fenster gestanden war und die dunkler werdende Nacht betrachtet hatte. All die Diskussionen, die Lügen und den aufgestauten Hass, der ihm in Marroc begegnet war, hatten ihn ermüdet. Dass dessen Eltern seine Taten zwar bedauerten, sie jedoch hinnahmen und nicht in der Lage schienen, den Tween zu rügen, hatte Saradoc zusätzlich erzürnt und an seinen Kräften gezehrt. Schließlich hatte er ein Machtwort gesprochen und veranlasst, dass Marroc den angerichteten Schaden in Münzen auszubezahlen hatte, ganz gleich, wie lange es dauerte, bis seine Schulden abgearbeitet waren. Es war nicht seine liebste Lösung gewesen, denn während er vor Marroc auf und ab gegangen war, hatte er sich daran erinnert, wie er drei Jahre zuvor exakt dasselbe getan hatte. Er hatte an Esmeraldas Worte denken müssen und dieses Mal wäre er bereit gewesen, ihrem Wunsch nachzukommen und Marroc fortzuschicken. Doch auf Bitten der Eltern hatte er dem Tween eine letzte Möglichkeit gewährt, sich zu bessern, hatte jedoch Merimac und Marmadas aufgetragen, ihren Lehrling bis an seine Grenzen zu treiben. Er selbst war ebenfalls fest entschlossen, den Jungen im Auge zu behalten, bereit seine Drohung jederzeit in die Tat umzusetzen, wenn dieser Frodo oder Merimas auch nur schief ansah. Bree schien ihm ein ausgezeichneter Ort für Marroc.

"Du hältst mich also für dumm."
Saradoc wurde nicht enttäuscht, obschon ihn die Art, wie Frodo seine Bemerkung präsentierte, ein wenig irritierte. Er schüttelte den Kopf.
"Was bleibt mir denn anderes übrig, wenn du so lange über solche Dinge schweigst?"
Frodo fuhr herum. Seine Augen funkelten vor Zorn. "Was hätte ich denn tun sollen?", tobte er, "Was soll ich jetzt tun? Er wird ihm etwas antun! Er wird…" Aufgebracht keuchend drehte sich der Junge von ihm weg. "Ich hätte nie mit dir sprechen dürfen."
Saradoc hatte geglaubt, sich wieder unter Kontrolle zu haben, doch Frodos Worte ließen den Zorn von neuem in ihm auflodern. Wie konnte der Junge nur so denken? Ohne nachzudenken, packte er ihn an den Oberarmen, zwang ihn gewaltsam, ihm in die Augen zu sehen. Furcht und Bitterkeit gleichermaßen starrten ihm aus den tiefen Abgründen von Frodos Augen entgegen. Vergeblich versuchte sich das Kind aus seinem starken Griff zu winden und zürnte, während Saradoc die Dummheit aus ihm herauszuschütteln suchte.
"Denkst du denn, ich halte meine Versprechen nicht?", fragte er aufbrausend. Die Hitze seiner eigenen Wut brannte durch seinen Körper und loderte in seinen Augen, als er Frodos Blick schließlich festhielt, ohne von seinen Arme abzulassen.

Das Feuer knirschte, ließ seine flüchtigen Schatten über ihre grimmigen Gesichter tanzen. Für einen kurzen Moment senkte sich eine vor Spannung knisternde Stille über sie. Saradoc hatte ihn so plötzlich herumgerissen, dass Frodo Mühe hatte, nicht von der Bettkante zu rutschen, doch er rührte sich nicht, hielt dem durchdringenden Blick des Herrn wortlos stand. Furcht und Unmut ließen sein Herz schneller schlagen und ihn noch stärker an seinen Vater denken. Wäre er so mit ihm umgegangen? Hätte Saradoc Merry so grob gepackt?
"Ich habe dir einmal gesagt, Marroc würde dir nichts mehr antun", fuhr Saradoc schließlich ein wenig ruhiger fort, "doch wie soll ich daran festhalten, wenn du nicht darüber sprichst?"
Ungläubig sah Frodo den Herrn an. Er verstand nicht. Er glaubte noch immer, reden würde alles besser machen, ohne zu begreifen, dass sich dadurch nichts änderte. Missverstanden wandte er den Blick ab. Wut, Schmerz und Traurigkeit ließen ihn zittern, doch hütete er sich, jene innere Unruhe vor Saradoc zu zeigen.
"Gegen Marroc kannst du nichts ausrichten", brummte er giftig, entschied sich dann doch dazu, Saradoc erbost anzusehen. "Das konntest du nie!"

"Und du kannst es?!" zischte Saradoc aufgebracht und sein Griff verstärkte sich abermals. Er verspürte den Wunsch, Frodo ebenfalls zu ohrfeigen, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen und benötigte all seine Willenskraft, dem nicht nachzugeben. Was war nur in den Jungen gefahren, dass er so eisern darauf beharrte, mit seinem Problem alleine fertig werden zu wollen? War er nicht dazu da, ihm beizustehen, wenn er in Situationen wie diese geriet? Weshalb lehnte Frodo seine Hilfe so widerspenstig ab? Was ließ ihn so hart und verbittert sein?
Auf Frodos starren, entschlossenen Blick hin, der nicht an seiner Überzeugung zweifeln ließ, verzogen sich Saradocs Lippen zu einem humorlosen, traurigen Grinsen. "Nein, Frodo, wenn du weiterhin so mit dir umgehen lässt, kannst du gar nichts tun."
Saradoc hatte gehofft, eine weitere Diskussion vermeiden zu können, doch die gereizte Stimmung des Kindes schien eine zu erfordern. Die Erschöpfung des Nachmittags nagte an seinen Gliedern und er seufzte schwer, ließ schließlich von den Armen des Kindes ab und griff sich mit den Fingern seiner linken Hand zwischen die Augen. Wie sollte er Frodo noch klar machen, dass er mit ihm reden musste, wenn er sich nicht in Intrigen dieser Art verstricken wollte? Nachdenklich sah er den Jungen an. Frodo war zum Kopfende des Bettes hinauf geflüchtet, hatte die Arme um seine Beine geschlungen und ließ das Kinn auf seinen Knien ruhen. Die Finger hatte er krampfhaft ineinander geschlungen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in raschen Atemzügen und Saradoc wusste, dass die Spannungen noch nicht ausgestanden waren. Frodo würde erneut zürnen, wenn er seine Worte nicht geschickt wählte. Er besaß einen hartnäckigen Sturkopf, den Saradoc nur durchdringen konnte, wenn er Geduld aufbrachte. Geduld und Ruhe, an der es ihm im Augenblick mangelte. Er seufzte schwer.
"Durch dein Handeln bringst du Merimas und dich selbst in Gefahr, Frodo. Weiß ich, was vor sich geht, kann ich dafür sorgen, dass…"
"… dass was?!" keifte Frodo, schlug mit beiden Händen auf die Matratze und starrte ihn aus funkelnden Augen an. "Du kannst weder mich, noch Merimas, noch Marroc vierundzwanzig Stunden am Tag beobachten. Das ist schließlich der Grund, weshalb ich Marroc immer wieder in die Hände falle. Glaubst du etwa, ich mache das mit Absicht? Glaubst du, es gefällt mir, wie er mit mir umgeht?"
Frodo zitterte vor Erbitterung, doch die Mauer der Verärgerung, die er um sich errichtet hatte, drohte einzustürzen. Keuchend und mit zusammengebissenen Zähnen starrte er Saradoc an, wobei sich Tränen in seinen Augen sammelten. Saradoc begegnete diesem Blick betrübt, sagte jedoch nichts, bis Frodo das Gesicht schließlich in seinen Händen vergrub und hilflos zu schluchzen begann. "Wenn er Merimas etwas antut, könnte ich mir das nie verzeihen."

Saradoc tat es im Herzen weh, den Jungen weinen zu sehen. Marrocs Taten waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Der Bluterguss an Frodos Schulter war nur eine äußerliche Wunde, doch der Tween hatte auch andere Waffen angewandt. Mit Grauen dachte der Herr an die Worte, die am Nachmittag gefallen waren.

"Was ist er denn schon wert? Ohne seine Eltern noch weniger als zuvor. Er hätte uns einen Gefallen getan, wäre er mit ihnen umgekommen!"

Marrocs Zunge war gefährlicher als jeder Fausthieb. Schon einmal war Frodo den Einschüchterungen des Tweens erlegen, da Marroc darum wusste, seine Worte geschickt zu verpacken. Selbst er, der Herr von Bockland, war damals von Marroc getäuscht worden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dieses Mal war es nicht anders, obschon der Tween seine Intrigen heimlich gesponnen hatte. Frodo sollte gebrochen werden, doch nicht durch den Unwillen der anderen, sondern durch sein eigenes Gewissen. Merimas war ein gutes Druckmittel gewesen, doch vermutete Saradoc, dass die Verletzung des Kindes nicht Marrocs einzige Drohung gewesen war.

"Du kannst weder mich, noch Merimas, noch Marroc vierundzwanzig Stunden am Tag beobachten. Gegen Marroc kannst du nichts ausrichten."

Frodos Worte hallten in seinen Ohren wider und für einen kurzen Augenblick glaubte Saradoc, an sich selbst zweifeln zu müssen. Er war in der Tat nicht in der Lage, Frodo den ganzen Tag zu beobachten. Aber er war da! Der Junge konnte immer zu ihm kommen, selbst wenn er nur vermutete, dass Marroc eine neue Grausamkeit plante. Er würde ihm jederzeit Gehör und Hilfe schenken, wenn er ihm nur sagte, was vor sich ging.
Betrübt streckte der Herr seine Hand aus, um das Kind in eine tröstende Umarmung zu ziehen und seine Tränen zu trocknen, doch Frodo schlug die Finger weg, noch ehe sie seine Schulter hatten berühren können. Saradoc seufzte leise und schloss die Augen, als seine Gedanken erneut zum vergangenen Nachmittag wanderten.

Aufgebracht war er vor dem Jungen auf und ab gewandert, während er versucht hatte, Ordnung in die Worte zu bringen, die Marroc so hasserfüllt ausgespieen hatte. Schließlich war er vor dem Tween stehen geblieben, hatte tief in die dunklen Augen geblickt und in ihnen zu lesen versucht. "Du verstehst dich nicht besonders gut mit deinen Eltern, nicht wahr? Du bist eifersüchtig auf ihn, weil Frodo jemanden hat, an den er sich wenden, dem er vertrauen kann."
Marroc hatte spöttisch aufgelacht und Saradocs Wut zum Lodern gebracht, bis seine Finger sich zitternd um die Armlehne von Marrocs Stuhl gelegt hatten.
"Wie sehr er dir vertraut haben wir ja gesehen. Er arbeitet bereits seit beinahe acht Monaten für mich, ohne dass du auch nur davon geahnt hast."

"Warum sprichst du nicht mit mir, Frodo?", fragte der Herr bekümmert und sah den Jungen hilflos an. "Ist dein Vertrauen zu mir so gering?"
Verwundert hob Frodo den Kopf, zog die Nase hoch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Dennoch sah er Saradoc nur kurz an, ehe er das Gesicht erneut hinter seinen Händen versteckte. Der Schmerz und der Kummer, die in den Augen des Herrn lagen, machten ihn elend. So wütend er auf Saradoc war, wollte er ihn doch nicht verletzen. Der Herr mochte nicht sein Vater sein, doch Frodo liebte ihn und war weiterhin darauf erpicht, ihn stolz zu machen, selbst wenn er sein Lob nicht erhielt.
Dennoch wusste er die Frage nicht zu beantworten und so schwieg er, lauschte lange dem leisen Knistern des Feuers. Die Ruhe breitete sich aus und beinahe hätte er annehmen können, alleine im Zimmer zu sein, doch als er die Hände vom Gesicht nahm, saß Saradoc noch immer vor ihm und sah ihn mit demselben fragenden Blick an.
Frodo schluckte schwer. Was der Herr zu lösen versuchte, war keine Frage des Vertrauens, sondern eine des mangelnden Unterschiedes. Er zögerte und seine Finger klammerten sich in den Bezug seines Kopfkissens, als könne er so die Kraft finden, dieses Gespräch fortzuführen.
"Ich mag Marroc nicht daran hindern können, mir wehzutun, doch ich vermag Merimas zu schützen."
Saradocs Augen weiteten sich ungläubig. "Der Preis, den du dafür zahlst, ist zu hoch."
"Das ist mir gleich", entgegnete Frodo achselzuckend und wäre beinahe erschrocken zurückgewichen, als Saradoc einen Augenblick darauf beide Hände sanft auf seine Schultern legte. Inständig sah der Herr ihm in die Augen, sagte jedoch nichts, denn es bedurfte keiner Worte, um Frodo klar zu machen, was er ausdrücken wollte. Wieder stockte Frodo, wich schließlich dem Blick aus. Er überlegte lange, ob und was er auf die unausgesprochene Bitte antworten sollte, doch am Ende hob er den Kopf und erklärte beinahe zaghaft, dass er an dem Tag mit Saradoc reden würde, an dem dieser ihm versichern konnte, dass Marroc weder Merimas, noch ihm etwas zuleide tun konnte.
Der Herr entgegnete nichts darauf, doch schien er mit dieser Antwort einverstanden, denn er nickte, ehe er von seinen Schultern abließ. Frodo atmete erleichtert auf, froh das Ende dieser Unterhaltung erreicht zu haben, doch legte er argwöhnisch die Stirn in Falten, als der Herr sich nicht erhob, sondern gedankenverloren zum Kamin blickte.
"Weshalb bleibst du noch hier", wagte er zu fragen.

Saradoc schüttelte den Kopf, als er sich erhob und seinen Rücken streckte. Er wollte sich nicht in eine weitere Diskussion verstricken lassen, denn dazu fühlte er sich bereits zu ausgelaugt. Dennoch wandte er sich dem Jungen noch einmal zu.
"Ich frage mich, wann du einsehen wirst, dass dieser Tag bereits gekommen ist. Allerdings hängt es nicht nur von mir ab, ob ich mein Versprechen halten kann. Wenn du von Anfang an gesprochen hättest, Frodo, hättest du uns allen eine Menge Leid erspart. Solange du mit mir redest, kann ich dir helfen, denn, wie du selbst festgestellt hast, kann ich weder dich, noch Marroc, noch einen Anderen ständig im Auge behalten. Doch ich kann dir zuhören und dir helfen, wenn du es nur zulassen würdest."
Ohne eine Antwort abzuwarten, verabschiedete sich Saradoc mit einem Kopfnicken und wandte sich zur Tür.

Frodo spürte den Zorn von neuem in sich aufwallen. Seine Hände krallten sich in den Kissenbezug und ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen. Ein Zittern ging durch seinen Körper.
Der Herr hatte noch immer nicht begriffen, dass er auf Marroc keinen Einfluss hatte. Marroc bekam, was er wollte, ganz gleich, ob der Herr von Bockland über sein Tun Bescheid wusste, oder nicht. Er sollte mit ihm reden? Was glaubte Saradoc, würde das nützen? Wenn Frodo ihm erzählte, dass Marroc ihn verprügelt hatte, war er bereits grün und blau geschlagen. Welches Leid glaubte der Herr, hätte er ihnen durch reden ersparen können? Keines! Saradoc wollte ihm helfen? Er hatte ihm erzählt, dass Marroc sich würde rächen wollen, weil er geredet hatte, doch der Herr hatte dennoch vor, ihn in seinem Zimmer allein zu lassen, auf dass Marroc zuschlagen konnte, sobald Saradoc hinter der nächsten Ecke verschwunden war.
Die Röte stieg ihm ins Gesicht. Unentschlossen, ob er seine Gedanken laut aussprechen sollte, grub Frodo seine Finger so fest in das Kissen, bis seine Knöchel weiß hervortraten und biss die Zähne zusammen. Wie konnte der Herr ihn als dumm bezeichnen, wo er es doch war, der nicht verstehen wollte?
Die Tür fiel ins Schloss und Frodo sprang von seinem Bett, war einen Augenblick versucht, Saradoc hinterher zu eilen und ihm zu sagen, was er von seinen Worten hielt, doch die Erinnerung an den Schrecken, den Saradocs Zorn bei ihm ausgelöst hatte, ließ ihn sich zurückhalten. Keuchend starrte er auf die Tür. Ein rotgoldener Lichtschein lag auf seiner Gestalt, als er plötzlich das Kissen packte und es mit einem Schmerzensschrei gegen die Tür schleuderte, ehe er selbst auf die Knie sank. Tränen traten in seine Augen, die Frodo erfolglos wegzublinzeln suchte.
Weshalb verstand er ihn nicht? Weshalb konnte Saradoc ihn nicht einmal verstehen, wie sein Vater ihn verstanden hatte?

~*~*~

Es hatte nicht lange gedauert, bis Frodo sich wieder beruhigt und seine Tränen getrocknet hatte. Als Merry nach einiger Zeit noch immer nicht zurückgekehrt war, war er schließlich in sein Nachthemd geschlüpft und hatte sich abermals an das Kopfende seines Bettes gesetzt. Den Kopf an die Wand gelehnt, betrachtete er das Bild seiner Eltern, das er in den Händen hielt.
War dies das bittere Ende, das er gefürchtet hatte? Ein Ende der Verbitterung, des Zornes und der Furcht? Ein Ende des Schmerzes, des Kummers und der Enttäuschung? Marroc hatte ihm in den vergangenen Monaten häufig genug gezeigt, dass er zu heftigen Emotionsausbrüchen fähig war, doch Frodo hätte nie gedacht, dass er seinen Zorn so gezielt auf Saradoc richten würde. Er wusste, er hätte noch weitaus mehr gesagt, als er es getan hatte, hätte seine Wut sich nicht in einem ständigen Tauziehen mit seiner Furcht befunden. Furcht vor Marroc und Saradoc gleichermaßen hatte zu seinen heftigen Aussagen geführt und der Schmerz, den er in den Augen des Herrn hatte sehen können, verletzte auch ihn. Die Pein war allgegenwärtig, und er zerrissen gewesen. Selbst jetzt wusste er nicht, ob er sich richtig entschieden hatte. Er hatte sich gewünscht, nicht mehr stehlen zu müssen, doch machte das nicht alles nur noch schlimmer? Die Angst, falsch gehandelt zu haben, ließ ihn nicht los, schnürte ihm die Luft ab. Jeder Schritt, den er vernahm, ließ ihn die Muskeln anspannen, aus Furcht, Marroc würde kommen und sich rächen. Und doch hoffte er beinahe, der Tween würde zu ihm kommen und ihn verprügeln, denn dann wäre zumindest Merimas außer Gefahr.
Der Gedanke an Merimas ließ ihn verzweifeln und brachte den ganzen Zorn, den er am Nachmittag empfunden hatte, wieder zum Kochen. Zorn auf Saradocs mangelndes Verständnis, Zorn gegen sich selbst, denn er hätte es nie soweit kommen lassen dürfen. Zorn auf Marroc, der durch seine Worte das alte Leid erweckt hatte.
Sanft strichen seine Finger über den Rahmen, als sich eine Träne aus seinen Augenwinkeln löste, auf das Bild tropfte und das lächelnde Gesicht des kleinen Jungen bedeckte. Seine bekümmerte. Seele blutete unter der Last erstarkter Trauer und Verzagtheit, sehnte sich nach der Liebe jener Verlorenen und verurteilte die Welt und alles Leben in ihr, da sie ihr nicht geben konnte, was sie so verzweifelt suchte.

Eiligst wischte er sich die Tränen aus den Augen, als es an der Tür klopfte und Hanna eintrat. Der Ausdruck in ihrem Gesicht löste ein ungutes Gefühl in ihm aus und er schluckte schwer, während er sein Bild vorsichtig auf dem Nachttisch platzierte.

Es war das erste Mal, dass sie sich unwohl fühlte, wenn sie Frodo aufsuchte. Unzählige Nächte hatte sie damit verbracht, über den Grund seiner Distanzierung nachzudenken und jetzt, da sie ihn kannte, scheute Hanna sich davor, Frodo zur Rede zu stellen, denn sie wusste nicht, welche Worte ihren Mund verlassen würden, hatte sie ihn einmal geöffnet. Als Marmadas ihr nach dem Abendessen berichtete, was Saradoc ihm zuvor mitgeteilt hatte, hatte sie ihren Ohren erst nicht glauben wollen. Doch dann begann alles Sinn zu ergeben.
Wie sie es gefürchtet hatte, hatte sich Frodo gleich nach seinem Umzug ein wenig zurückgezogen. In ihr Zimmer war er nie wieder gekommen, doch hatten sie ab und an abends am Kamin einige Worte wechseln können. Anfangs war er ihr recht fröhlich erschienen und nur manchmal hatten Sorgen seine Augen verdunkelt. Im Herbst war jedoch derselbe undurchdringbare Schatten zurückgekehrt, den sie schon ein knappes Jahr zuvor zu lichten versucht hatte. Zuerst hatte sie geglaubt, es läge an der Jahreszeit, denn am Jahrestag des Todes seiner Eltern und manchmal auch in den Tagen davor und danach, war Frodo noch schweigsamer, als es selbst für ihn üblich war und zog die Einsamkeit jeglicher Gesellschaft vor. Doch seine Distanzierung hatte angehalten und wann immer sie ihn hatte ansprechen wollen, war er noch weiter zurückgewichen, bis sie am Ende Esmeralda damit beauftragt hatte, die Nähe des Kindes zu suchen, da sie nicht mehr in der Lage war, zu ihm durchzudringen.
Jetzt verstand sie. Es war alles nur wegen Merimas und Marroc gewesen. Sie hatte den Tween schon verabscheut, als sie damals erfahren hatte, dass er den Rahmen von Frodos Bild vernichtet hatte, doch war dies nichts im Vergleich zum Groll, den sie nun gegen ihn hegte. Insgeheim war sie froh, dass Marmadas es ihr überlassen hatte, mit Frodo zu sprechen, während er Marroc zur Rede stellen wollte.

Frodo betrachtete sie mit einem unsicheren Ausdruck und Hanna holte tief Luft, ehe sie sich auf das Bett zu bewegte. Selbst im schwachen Licht des Feuers konnte sie sehen, dass das Kind geweint hatte. Seine Augen waren geschwollen und seine Wangen trugen den Glanz frisch getrockneter Tränen. Sie konnte sich vorstellen, dass es auch für ihn nicht leicht war und doch konnte sie sein Handeln nicht verstehen. Mitleidig sah sie ihn an, wusste nicht, ob sie ihn trösten oder zurechtweisen sollte.
"Bitte sag mir nicht, dass du bereits seit acht Monaten darüber schweigst", bat sie schließlich und unterdrückte Tränen ließen ihre Stimme zittern. "Du setzt Merimas nicht bereits seit acht Monaten einer solchen Gefahr aus."

Frodo schloss gequält die Augen. "Fang du nicht auch noch damit an, bitte."
Die Worte hatten seine Lippen verlassen, ehe er gewusst hatte, was er antworten würde. Er hatte genug, genug davon, ein und dieselbe Frage immer wieder gestellt zu bekommen, obschon keiner seine Erklärung hören wollte. Gerne hätte er Hanna eine Antwort gegeben, die sie zufrieden gestimmt und den Kummer aus ihrer Stimme gelöscht hätte, doch war dies der Tag der Wahrheit und er wollte sein Gewissen nicht mit einer neuerlichen Lüge beflecken, ehe es völlig rein gewaschen war.
Unruhig rutschte er auf dem Kissen hin und her, den Herzschlag stechend im Hals spürend. Er wusste, dass er Hanna verletzt und ihr Vertrauen missbraucht hatte, und hatte schreckliche Angst davor, sie zu verlieren. Er selbst hatte die Bande zerschnitten, indem er sich von ihr und ihrer Familie zurückgezogen hatte und wusste nun, dass es ein Fehler gewesen war. Er wagte vielleicht nicht daran zu glauben, dass sie ihn liebte, wie Bilbo ihn einst zu lieben vorgab, doch ihre Nähe war ihm immer lieb gewesen und in den vergangenen Monaten hatte sie ihm gefehlt. Hanna durfte nicht auch noch ihre Seite der Bindung zerreißen.

Kraftlos ließ sich Hanna auf das Bett sinken. "Warum, Frodo? Warum schweigst du?", begehrte sie zu wissen. "Du tust damit nicht nur dir selbst weh, sondern auch anderen."
Frodo zuckte unter ihren Worten merklich zusammen, sah sie jedoch nicht an. Stattdessen drehte er sich noch weiter von ihr weg, bis sein Blick auf die Wand gerichtet war, und ließ seine Füße unter seinem Nachthemd verschwinden. Hanna glaubte nicht daran, dass Marroc seine Drohung tatsächlich umgesetzt hätte, nicht zuletzt, weil sie der Ansicht war, dass sich dem Tween keine Möglichkeit geboten hätte, doch Frodo war davon überzeugt gewesen und hatte zugelassen, dass Marroc ihn für seine Zwecke benutzte. Ihre Worte mochten ihn schmerzen, doch Hanna hatte nicht vor, ihn zu verletzen. Sie wollte ihm helfen zu verstehen, weshalb es so wichtig war, dass er ihr und seinen Pflegeeltern vertraute.
"Rede, Kind! Behalte solche Dinge nicht für dich!" bat sie verzweifelt. "Siehst du denn nicht, wozu das führt? Indem du schweigst, gibst du Marroc Macht. Macht, die er nicht über dich haben sollte."

"Du verstehst nicht, dass mir keiner helfen kann, nicht wahr? Weder du noch Saradoc!"
Frodo verabscheute die Verbitterung in seiner Stimme, doch vermochte er diese nicht zu kontrollieren. Sein Körper verkrampfte sich unter verborgenem Zorn. Angespannt presste er die Lippen zusammen. Seine Hände umklammerten den Leinenstoff seines Nachtgewands bis seine Finger zitterten.
"Es spielt keine Rolle, ob ich rede oder schweige", ließ er Hanna schließlich wissen und drehte den Kopf, sein Ausdruck ein Bildnis der Verzweiflung. Ingrimm lag in seinen Augen. "Denkst du, ich hätte jetzt Ruhe vor ihm?", er schüttelte den Kopf. "Für einen Monat mag das vielleicht zutreffen, doch dann wird es von vorne beginnen. Er wird fester zuschlagen als zuvor und dieses Mal wird er mich vielleicht nicht rechtzeitig an die Oberfläche reißen, sollte er sich wieder dazu entschließen, mich im Brandywein ertränken zu wollen."

Frodos Stimme hatte mit jedem Wort verzagter geklungen und am Ende lagen Tränen in seinen Augen, die er zu verbergen suchte, indem er das Gesicht erneut der Wand zuwandte. Hanna starrte ihn entsetzt an, unwillig, ihren Ohren zu trauen.
"Er hat…", keuchte sie stockend, verstummte dann jedoch, unfähig zu wiederholen, was sie gehört hatte. Die Tränen, mit denen sie schon seit ihrem Eintreten zu kämpfen hatte, drohten sie zu übermannen. Ohne einen weiteren Augenblick zu zögern, rutschte sie an den Jungen heran und streckte ihre Hände aus, um ihn in eine schützende Umarmung zu ziehen. Wie konnte Marroc nur so etwas tun? Wie hatte sie nur einen Moment glauben können, Frodo zurechtweisen zu müssen, wo er doch Trost soviel nötiger hatte?

Einen Augenblick glaubte Frodo, sich der Berührung erwehren zu müssen, doch sein Körper ließ sie willenlos geschehen und seine Seele stürzte sich gierig auf die dargebotene Zuneigung. Hanna stieß ihn nicht von sich, trotz allem, was er getan hatte. Ein Schluchzen der Erleichterung entrang sich seiner Kehle und mit einem Mal erlag er der Hilflosigkeit, gegen die er sich in den vergangenen Monaten so tapfer gewehrt hatte. Bittere Tränen brannten in seinen Augen, flossen über seine geröteten und erhitzten Wangen. Seine Finger krallten sich am Stoff ihrer Bluse fest, als könne er so verhindern, dass sie ihn jemals wieder gehen ließ.
"Hilf mir, Hanna!" schluchzte er elend und vergrub den Kopf an ihrer Schulter. "Ich will keine Angst mehr haben, weder vor Marroc, noch um Merimas."

Hanna spürte seine Tränen an ihrem Hals, fühlte das Beben seiner Schultern. Beschützend drückte sie ihn fester an sich, kämmte durch sein Haar und strich zärtlich über seinen Rücken.
"Ich bin hier", beruhigte sie, "ich passe auf dich auf."
Ihr Herz blutete, als sie seiner Verzweiflung gewahr wurde und sie schalt sich selbst, dass sie nicht schon früher bemerkt hatte, was vor sich ging. Schon als Frodo sich von ihr abgewendet hatte, hätte sie hartnäckiger nachfragen müssen. Womöglich wäre es ihr dann gelungen, Frodo unnötiges Leid zu ersparen und ihren Sohn einer unabsehbaren Gefahr zu entziehen. Ihre eigenen Tränen tropften auf Frodos dunklen Lockenkopf, während sie ihn in ihren Armen wiegte, in der Hoffnung, so seinen Kummer zu lindern.

Das Gefühl der Geborgenheit regte sich in ihm, die schwache Erinnerung an seine Mutter. Frodo wehrte sich dagegen, wissend, dass er Hannas Trost nicht verdient hatte, nicht nach allem, was er ihr angetan hatte. Er wollte sich aus der Umarmung lösen, doch die Stimme seines Herzens zwang ihn, sie nicht gehen zu lassen und so wurde er von Schuld übermannt, denn er stillte seine Sehnsucht, anstatt auf die Rücksicht zu nehmen, die er so gedankenlos belogen und verletzt hatte. In diesem Augenblick verwunderte es ihn nicht, dass Bilbo sich von ihm abgewandt hatte. Wie hätte Bilbo jemanden wie ihn lieben können? Jemand, der sich so selbstsüchtig nahm, was ihm nicht gebührte. Immer mehr Tränen tränkten Hannas Bluse und wieder versuchte er, sich von ihr wegzubewegen, doch hielt sie ihn fest an sich gedrückt und auch seine Finger waren nicht gewillt, ihre verzweifelte Umklammerung zu lösen.
"Vergib mir", wisperte er tränenerstickt, "dass ich Merimas mit hineingezogen habe. Du hast jedes Recht, von mir enttäuscht zu sein."

Ein schmerzliches Wimmern entwich ihm, als Hanna ihre Hände auf seine Schultern legte und ihn in eine aufrechte Position brachte. Verunsichert sah sie ihn an, woraufhin Frodo mit einem gequälten Lächeln ihre Hand von seiner linken Schulter schob. Er zitterte, nicht wissend, ob er um die verlorene Wärme trauern sollte oder ob er froh war, sich nicht länger wie ein gemeiner Dieb fühlen zu müssen.
Hannas Augen weiteten sich voller Entsetzen, als sich der Stoff von Frodos Nachthemd für einen Moment bewegte und den Blick auf einen dunkelroten Bluterguss freigab, der sich über die gesamte Schulter zu ziehen schien. Sie benötigte keine Erklärungen, um zu wissen, dass Marroc jene Verletzung verursacht hatte und wieder fragte sie sich, wie der Tween zu solchen Taten fähig sein konnte. Rasch biss sie sich auf die Lippen, als sie Zorn in sich aufwallen spürte. Der Schmerz half ihr, sich zu besinnen und so legte sie schließlich ihre Hände auf Frodos Oberarme und hielt seinen Blick fest.
"Ich bin nicht enttäuscht", versicherte sie ihm ehrlich. "Du bist jung und machst Fehler. Dein ganzes Leben wirst du Fehler machen, Frodo. Du solltest nur in der Lage sein, aus ihnen zu lernen." Tränen lagen in ihren Augen, die sie vergeblich wegzublinzeln suchte. "Sprich das nächste Mal mit uns, selbst wenn du glaubst, dass keiner dir helfen kann."
Wortlos sah Frodo sie an und das blasse Licht des Feuers verhüllte sein Gesicht hinter unwirklich erscheinenden Schatten. Er schluckte schwer, schlug dann die Augen nieder und wollte sich von ihr abwenden, doch Hanna hielt ihn fest. Sie wusste, dass er ihre Nähe brauchte, denn wie schon einmal, hatte sie seine Sehnsucht spüren können und war nun nicht gewillt, diese ungestillt zu lassen. Wortlos legte sie ihre Hände auf seine tränenfeuchten Wangen und zwang ihn mit sanftem Druck, seinen Kopf auf ihren Schoß zu legen. Das Kind erzitterte, als sie ihre Hand auf die Seinen legte und mit der anderen über seine Schläfen strich. Bekümmert schloss sie die Augen, als neuerliches Weinen an ihr Ohr drang und sie leise murmelnd versuchte, den Schmerz des Jungen zu lindern.

Unendliche Dankbarkeit erfüllte ihn, als Hanna ihn neuerlich in ihre Arme schloss und jene Wärme zurückbrachte. Frodo hatte sie nicht verdient, doch Hanna gewährte ihm ihre Nähe trotzdem. Sie hatte ihm verziehen. Er musste an Bilbo denken und der Gedanke ließ neue Tränen in ihm erwachen. Wie oft war er so in Bilbos Schoß gelegen und hatte ein noch stärkeres Gefühl des Geborgenseins empfunden. Dies war nur eine schwache Erinnerung daran, denn bei Bilbo war er Zuhause gewesen, bis sein Onkel beschlossen hatte, ihn zu verstoßen. Er war alleine. Eine einsame Seele in einem überfüllten Heim, das nicht das Seine war.
Hanna.
Liebte sie ihn, wie er sich wünschte, geliebt zu werden? Frodo wagte nicht, daran zu glauben, denn schon einmal hatte jener Gedanke ihn verraten. Einen weiteren Verlust würde er nicht ertragen und so ließ er sich lieber von der tröstlichen Wärme des Augenblicks umgeben, als von falschen Hoffnungen enttäuscht zu werden. Jetzt war Hanna für ihn da und mehr brauchte er nicht zu wissen.

Als Esmeralda kurze Zeit später mit Merry in das Zimmer zurückkehrte, war Frodo in Hannas Armen eingeschlafen. Hanna war kaum gewillt, ihn wieder alleine zu lassen, doch schließlich bettete sie ihn vorsichtig zur Ruhe. Frodos Schlummer war so tief, dass er nur einmal blinzelte, ohne der Störung wirklich gewahr zu werden und sich sofort zusammenrollte, als Hanna ihn zudeckte und zärtlich über seine Wange strich.


letztes Update: 23.6.