„Maglor war einer der Söhne Feanors.“ Daeros lehnte sich in seinen Sessel zurück und nippte an seinem Weinglas. „Einst lebten sie in Valinor. Dort erschuf Feanor die silmaril, die schönsten Juwelen, die es jemals gab. Aber Morgoth neidete ihm diesen Erfolg, und er stahl die silmaril.“

„Und er floh nach Mittelerde, habe ich gehört?“ Bucca liebte die alten Geschichten über Elben und ihre Taten im Ersten Zeitalter.

„Ja, Bucca, er floh nach Mittelerde. Das sah aber anders aus als heute. Morgoth hatte weit im Norden und Westen sein Land und weiter südlich lag Beleriand, wo die Elben lebten, und es ist lange her, seit diese Lande im Meer versanken. Feanor und seine Söhne setzten Morgoth nach und überzogen ihn mit Krieg. Zuerst sah es für die Elben recht gut aus, aber der Feind behielt die Oberhand und drängte sie langsam in Richtung Süden. Selbst die Väter der Menschen konnten ihm nicht lange widerstehen, viele fielen gleich unter seinen Schatten und diejenigen, die ihm widerstanden wurden zusammen mit den Elben zurückgedrängt. Viele mutige Taten wurden damals begangen, die noch heute im Lied besungen werden.“

„So wie das von Elbereth und Lúthien, das ist mein Lieblingslied. Aber fielen nicht alle, die sich mit den Elben verbündet hatten unter den Fluch des Mandos? Schließlich halfen sie den Söhnen Feanors bei der Erfüllung ihres Eides.“

„Der Eid wurde nie erfüllt. Feanors Söhne konnten nie die Gewalt über alle drei silmaril gewinnen, aber es ist strittig, ob die Menschen, die ein Bündnis mit Feanors Söhnen eingingen ebenfalls dem Fluch des Mandos unterlagen. Schließlich war es ein Mensch, Eärendil, dem es gelang, Valinor zu erreichen und die Valar um Vergebung für viele Untaten zu bitten. Und bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Valar den Elben vergeben hatten war es keinem von ihnen gelungen, auch nur einen Blick auf das Gesegnete Reich zu werfen. Und die Edain, das sind die Menschen, die mit den Elben verbündet sind wurden reich belohnt: sie erhielten die Insel Andor, das Land der Gabe, Númenor wurde sie später genannt.“

„Und was geschah mit Feanors Söhnen, als der Juwelenkrieg gewonnen war?“

„Bis auf Maglor und Maedhros hatten alle ihr Leben im Kampf verloren. Und die beiden letzten der Söhne Feanors waren nach der Letzten Schlacht, in der Morgoth endgültig niedergeworfen worden war bei den Valar in Ungnade gefallen, heißt es. Sie gaben ihren Anspruch auf die silmaril nicht auf, aber Eönwe, der Herold der Valar verweigerte ihnen die Herausgabe. So stahlen sich die beiden des Nachts heimlich in das Heerlager, erschlugen die Wachen und stahlen die Juwelen. Aber ein silmaril läßt sich nur von jemandem berühren, der ein reines Herz hat, und so mußten Maglor und Maedhros unerträgliche Schmerzen ertragen, die sie schließlich rasend machten. Maedhros stürzte sich in seiner Pein in eine Erdspalte, und Maglor warf seinen silmaril ins Meer, und es heißt, seither würde er an den Ufern der Meere entlang wandern, immer singend und klagend. Aber das ist ein Gerücht, denn unter den Elben ward er seit diesen Tagen nicht mehr gesehen.“

„Eine tragische Geschichte“ sinnierte Bucca. „Ich fände es interessant, mit diesem Elben, wie heißt er – Maglor zu sprechen. Er hätte sicher viel zu erzählen.“

„Das hätte er, zweifellos. Aber niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Kein Elb und kein Mensch hat ihn je wieder gesehen, oder zumindest hat niemand von solch einer Begegnung erzählt, und niemand weiß, was aus ihm geworden ist.“

Ein seltsamer Wunsch, die westlichen Gestade Mittelerdes zu sehen erfüllte den Hobbit. Vor seinem geistigen Auge sah er seltsame Landschaften, steile Klippen ragten im Nebel auf. Natürlich wußte er seit seiner Reise nach Gondor, wie das Meer aussah und er hatte den staunenden Hobbits des Auenlandes oft und gern davon erzählt. Natürlich war er mit einem Schiff gefahren, aber das war ihm doch unheimlich gewesen und er war seekrank geworden. Trotzdem erzählte er gern von diesem kleinen Abenteuer (sein Unwohlsein dabei verschwieg er) und seither galt er in den Augen der meisten Hobbits als seltsam, ja sogar ein wenig verschroben. Aber keiner ließ sich davon etwas anmerken wenn sie ihn sahen, immerhin war er ja der Herr vom Bruch. Und der Herr vom Bruch hatte seine Verpflichtungen, jetzt da die große Pest endlich überwunden war und vieles zu reparieren und wiederherzustellen war. Bucca seufzte.

„Na, da hat wohl jemand Mühe, seine Abenteuerlust zu überwinden“ lächelte Daeros.

„Ja, irgendwie fängt es an, hier langweilig zu werden“ lachte Bucca. „Aber ich glaube, wir beide können hier nicht weg und was sollten wir auch westlich, südlich oder östlich von Arnor zu tun haben?“

„Vielleicht könnte es ja sein, daß wir wieder nach Gondor entsandt werden“ erwiderte Daeros. „Oder der König schickt uns nach Bruchtal oder übers Gebirge. Ich vermute, er wird uns bald wieder auf eine Mission schicken; wir haben uns in seinen Augen sicher bald genug ausgeruht. Wer weiß, was wir in einem Monat tun werden?“

„Uns des Abends am Kaminfeuer von unserem harten Tagwerk ausruhen“ meinte der Hobbit. „Ich denke, das werden wir tun.“

„Na, Herr vom Bruch, wann hattest du in der letzten Zeit denn ein hartes Tagwerk auszuführen?“ lachte Daeros.

„Genau so oft wie du“ versetzte Bucca. „Nein, im Ernst: wir haben uns beide seit der Vertreibung der Orks und Räuber aus Arnor nicht mehr überanstrengt, und das ist auch gut so. Wir hatten harte Zeiten gehabt, und ich möchte das kein zweites Mal erleben.“

„Ich auch nicht. So, ich gehe jetzt zu Bett.“ Daeros erhob sich und verließ das Wohnzimmer. Bucca räumte noch die Weingläser in die Küche, dann begab auch er sich zur Ruhe.

In der Nacht träumte der Hobbit einen seltsamen Traum. Er sah sich auf einer hohen Klippe stehen. Unter ihm rauschte das Meer und ein kühler, regenschwerer Westwind blies ihm ins Gesicht. Der Wappenrock und sein Umhang flatterten im Wind. In der Ferne hörte er Gesang, wie er ihn noch nie gehört hatte.
Plötzlich sah er sich wieder in Gondor, er stand vor dem Königspalast von Osgiliath. Es war heiß, kein Lüftchen regte sich. Niemand beachtete den kleinen Hobbit, der sich ernsthaft fragte, was er hier verloren hatte. Ihm kam wieder sein Abenteuer am Spinnenpaß in den Sinn, und schweißgebadet wachte er auf.

„Meine Güte, was für ein Traum. Ich bin froh, daß ich aufgewacht bin.“

„Was ist denn los, Bucca“ fragte Primula schlaftrunken.

„Ach, nichts. Ich bin bloß wachgeworden. Bloß ein schlechter Traum.“

„Na, dann. Wenn´s weiter nichts ist.“ Primula drehte sich um und schlief wieder ein, und Bucca lag noch ein paar Minuten wach, ehe auch er wieder einnickte. Kein Traum behelligte jetzt seinen Schlaf.

Die Sommertage flossen dahin, im Brandyweintal war es sonnig und warm und die Mücken tanzten im Sonnenlicht. Gegen Mittag wurde die Luft schwül und drückend, und das Leben verlangsamte sich. Erst gegen Abend wurde es wieder kühler und die Hobbits arbeiteten bis tief in die Nacht. Bucca war oft am Fluß unterwegs oder an der Grenzwache droben in Balgfurt. Obwohl der Brandyweinfluß mitten durch Arnor floß, bildete er die Ostgrenze des Auenlandes, und in Zeiten der Not wurden die Grenzen dieser Provinz von den Hobbits bewacht. Die Feinde waren zwar aus Arnor vertrieben worden, aber Bucca hielt es für möglich, daß versprengte Gruppen von Orks oder Räubern sich in den Alten Wald am Ostufer des Brandyweins geflüchtet hatten und dort ihr Unwesen treiben könnten. Aus diesem Grund beließ er eine gut besetzte Wache an der alten Steinbrücke.
Daeros half Bucca so gut er konnte. Oft war er an den Grenzen des Auenlands unterwegs, in Balgfurt oder an der Sarnfurt. Dort war die Südgrenze Arnors, und dieser Grenzposten war dauerhaft besetzt. Daeros war für die Ausbildung der Grenzwächter verantwortlich, und diese Aufgabe war tagefüllend.
Marcho und Blanco kamen ab und an zu Besuch vorbei, wenn sie auf der Reise nach Königsnorburg waren, oder sie kamen von dort. Sie hatten Briefe des Königs dabei oder nahmen Depeschen an ihn mit, und so blieben Bucca und Daeros in stetigem Kontakt mit dem Königshof, und das obwohl sie nun schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr am Hof lebten. Auch in Königsnorburg lief alles wieder seinen alten gewohnten Gang, nur waren jetzt viele der Häuser unbewohnt. Die Pest hatte dort oben verheerend gewütet, und die Hobbits hatten in ihrem Auenland noch mal Glück gehabt.
Nein, es schien tatsächlich so, als ob Bucca ausnahmsweise einmal recht gehabt hätte: alles blieb wie es war, und offensichtlich sollten sie sich in einem Monat wirklich wie immer am Kaminfeuer von ihrem nicht allzu harten Tagwerk erholen.

Der Sommer ging allmählich in einen farbenfrohen Herbst über. Die Auenwälder im Brandyweintal färbten sich langsam bunt und die Tage wurden allmählich kürzer. Überall waren die Hobbits damit beschäftigt, eine reiche Ernte einzufahren, und Bucca hatte schon den ersten vielversprechenden Most probiert, ein kleiner Höhepunkt in einem nicht allzu aufregenden Jahr. Daeros war vor einigen Tagen zum Königshof berufen worden, es schien sich um eine dringende Angelegenheit zu handeln. Aber Bucca war nicht berufen worden, und so genoß er die Ruhe und ein beschauliches Leben, aber tief in seinem Herzen war eine Unrast geweckt worden, die ihm von seinen früheren Abenteuern nur allzu bekannt war, die er sich aber nicht erklären konnte. Seine Ausritte dauerten jetzt wieder länger als nur ein paar Stunden, ja er blieb jetzt mitunter einige Tage fort und zu allem Überfluß übernachtete er auch noch unter freiem Himmel. Primula fragte sich, was das bedeuten würde.

„Ich vermute mal, es wird bald wieder ein Abenteuer geben“ erklärte Bucca, als er von seiner Frau darauf angesprochen wurde. „Daeros wurde ja in den Norden gerufen, und irgendwie habe ich wieder dieselbe Unrast wie vor ein paar Jahren, als wir plötzlich nach Gondor reisen sollten – und ihr ins Auenland kamt.“

„Ihr Falbhäute seid ein seltsames Hobbitvolk, und die Tuks sind die seltsamsten von allen“ lachte Primula. „Aber dieser Bucca vom Bruch übertrifft sie alle. Kaum läuft es mal wieder ein wenig ruhiger und er könnte sich endlich verdientermaßen von seinen Mühen erholen, zieht es ihn wieder hinaus in die wilden Lande. Ich glaube, ich bin nicht die einzige, die das nicht versteht.“

„Ich weiß, worauf du anspielst“ grinste Bucca. „Hinter meinem Rücken tuscheln die Leute, daß ich ein verschrobener Geselle wäre, nicht wahr? Sie trauen sich nicht, mir es direkt ins Gesicht zu sagen, aber ich habe Ohren im Kopf, und diese Scheinheiligkeit ärgert mich mehr als wenn sie mir auf die Nasenspitze zu sagen würden, ich sei verrückt und sollte doch einfach ins Blaue laufen. Nein, das Auenland kommt mir in der letzten Zeit wie ein Käfig vor. Ein goldener zwar und alles steht zum besten, aber mir fehlt doch was. Irgendwie fehlt mir der Westwind, der über die weiten Ebenen bläst und tagelanges Reiten, ohne dauernd anhalten und grüßen und schwatzen zu müssen. Versteh mich bitte nicht falsch, ich liebe das Auenland sehr – aber ich glaube, ich bräuchte mal einen kurzen Urlaub davon.“

„Ja, irgendwie braucht dieser seltsame verschrobene Herr vom Bruch Luftveränderung“ sagte Primula kopfschüttelnd. „Na schön, du willst für ein paar Tage weg, und wie ich dich kenne werden da ein paar Monate draus. Aber du hast hier auch Pflichten, die nicht allzu lange vernachlässigt werden dürfen, und ich glaube nicht, daß der König dich allzu lange vom Auenland wegreiten läßt.“

„Was der König sagt weiß ich noch nicht. Er hat Daeros zu sich gerufen weil er keine Ländereien zu beaufsichtigen hat, aber ich finde, Hobbits brauchen nicht so eine Aufsicht wie bei Menschen. Versuch doch mal, einem Hobbitbauern vorzuschreiben, was er anbauen soll. Du kannst jede Wette drauf eingehen, daß das schiefgeht. Nein, ich bin eigentlich nur pro forma der Herr vom Bruch und das ist gut so. Stell dir nur mal vor, was hier los wäre, wenn ich jeden kleinen Nachbarschaftsstreit schlichten sollte, so wie das bei den Menschen üblich ist. Wir hätten keine ruhige Minute mehr.“

„Dennoch kann es Dinge geben, um die sich nur der Herr vom Bruch kümmern kann. Nimm den Alten Wald, zum Beispiel. Die Leute flüstern hinter vorgehaltener Hand, daß darinnen dunkle und furchterregende Wesen hausen würden. Und wer soll sich um die Grenzwache kümmern, wenn nicht ein Ritter von Arnor?“

„Das ist doch klar: ein Ritter von Arnor!“ lachte Bucca. „Ich spiele aber schon seit längerem mit dem Gedanken, eine Expedition in den Alten Wald zu führen, die darinnen mal so richtig aufräumt und die letzten Gesetzlosen daraus vertreibt. Nur das kann letzten Endes für die Sicherheit der Oststraße garantieren, und es ist bei weitem nicht so, daß eine Reise nach Bree jetzt gefahrlos wäre. Die wenigen, die es wagen, die Straße zu benutzen tun dies bewaffnet. Und das muß geändert werden, finde ich.“

„Der König würde gut daran tun, die Abenteuerlust meines Herrn Gemahl in dieser Weise zu befriedigen“ erwiderte Primula. „So wärst du nicht allzu lange fort und du würdest wieder für eine Zeitlang Ruhe geben. Und die Lande östlich des Brandywein wären auch wieder sicherer.“

„Das wären sie, zweifellos. Aber was der König dazu sagen wird, weiß ich nicht. Ich habe ihn deswegen vor einem halben Jahr angeschrieben und um Unterstützung gebeten, aber es ist seither nichts passiert. Fast glaube ich, selbst einen Trupp auf die Beine stellen zu müssen.“

„Daeros wurde doch an den Hof gerufen. Vielleicht hat das damit was zu tun, und du hast deinen Trupp schneller als du denkst.“

„Das wäre eine gute Sache“ antwortete Bucca, und er fing an, den Tisch fürs Abendessen zu decken.

Die Tage vergingen, ohne daß Buccas Unrast sich wieder legte. Tatsächlich wurde er von Tag zu Tag unruhiger, und er arbeitete täglich an seiner Ausrüstung, weil er der Meinung war, hier und dort noch was verbessern zu müssen. Oft blickte er von der Werkstatt aus auf die nahe Straße, und er hoffte, einen Boten dort entlang reiten zu sehen und endlich einen erlösenden Befehl des Königs zu bekommen. Aber nichts dergleichen geschah, und der Hobbit mußte seine Abenteuerlust damit befriedigen, Ausritte zur Brückenwache zu machen und dort für ein paar Tage zu bleiben. Primula sah sich das kopfschüttelnd an und meinte, das würde schon vergehen wenn der erste Schnee fiele.

Es war wieder so ein grauer, langweiliger Herbsttag, und Bucca war wieder in der Werkstatt zugange, als ein Hobbit wie der Blitz die Straße entlang geritten kam und verlangte, sofort zum Herrn vom Bruch vorgelassen zu werden.

„Herr Bucca, die Brückenwache wird von Räubern angegriffen! Wir können noch standhalten, aber wir benötigen die Hilfe eines Ritters!“

„Wann wurdet ihr angegriffen, Ponto?“

„Vor zwei Stunden. Es sind nicht wenige Räuber, wie viele es sind kann keiner sagen, weil sie sich im nahen Wald versteckt halten. Sie kämpfen ausdauernd und erbittert, so als ob da Befehle irgendeines großen Hauptmanns dahinterstecken.“

„Das wird wohl so sein“ sagte Bucca. Er legte seine Rüstung an, schwang sich auf sein Pferd und donnerte die Straße entlang gen Norden. Primula sah ihm kopfschüttelnd nach. „Daß er nicht noch ´na endlich´ gesagt hat wundert mich“ dachte sie im Stillen.

Bucca war im Nu an der Brandyweinbrücke, und mit gezogenem Schwert fuhr er wie der Blitz über die Räuber her. Diese waren überrascht und verwirrt ob dieses plötzlichen Ausfalls, und ihnen fiel nichts besseres ein als Hals über Kopf in den Wald zu flüchten. Nach ein paar Minuten war nichts mehr von den Angreifern zu sehen.

„Wie? Das war alles?“ fragte Bucca verdutzt.

„Mit dem Angriff eines Ritters haben die einfach nicht gerechnet“ sagte Balgo Hornbläser, der Hauptmann der Brückenwache. „Die Räuber versuchten offenbar, ins Auenland einzufallen, es auszurauben und dann wieder zu verschwinden.“

„Dafür ging mir das alles zu schnell. Man könnte fast meinen, die hätten Befehl gehabt, sich bei der Ankunft eines Ritters sofort zurückzuziehen. Offenbar sollten die herausfinden, wie es um unsere Verteidigung bestellt ist. Normalerweise ziehen Räuber sich nicht so schnell zurück, wenn sie Beute wittern. Wir müssen wachsam bleiben.“

Bucca beschloß, bei der Brückenwache zu bleiben und er ordnete verstärkte Wachen an. Er vermutete, daß die Räuber bei Nacht wieder angreifen könnten, deswegen legte er sich ein wenig zur Ruhe, um eine Nachtwache übernehmen zu können.
Die Nacht war ruhig verlaufen, und selbst am folgenden Tag waren keine Spuren von irgendwelchen Angreifern zu entdecken. Bucca beschloß, mit einigen mutigen Hobbits in den Wald zu reiten um herauszufinden, ob Räuber irgendwo in der Nähe lagerten.

„Seid vorsichtig!“ sagte er zu seinem Trupp. Zehn kräftige und ausdauernde Hobbits der Grenzwache hatten sich freiwillig für die Expedition gemeldet. „Wir müssen auf alle Fälle dicht zusammenbleiben. Im Wald ist es dunkel und da geht schnell jemand verloren. Und wir müssen äußerst wachsam sein, schließlich können sich die Räuber überall versteckt halten.“

„Und was ist mit den Waldgeistern?“ fragte ein Hobbit ängstlich.

„Von denen hab ich noch nichts gesehen. Und wir waren schon ein paarmal um Alten Wald auf der Jagd nach Wildschweinen. Die schlimmsten Waldgeister waren wilde Eber, aber auf die haben wir es jetzt nicht abgesehen. Aber sei unbesorgt! Wir wollen heute Abend sowieso wieder zurück sein.“

Sie brachen auf. Die Sonne schien hell, und keine Wolke war am Himmel zu sehen. Die elf waren guten Mutes, als sie den Brandywein auf der alten Steinbogenbrücke überquerten. Auf der Ostseite sahen sie die Reste des Räuberlagers. Ein verkohlter, kreisrunder Fleck auf der Uferwiese war alles, was vom großen Lagerfeuer übriggeblieben war. Dort verließen sie die Straße und folgten der leicht erkennbaren Spur, die in den Wald hineinführte. Mit einer Handbewegung bedeutete Bucca seinen Leuten, leise und vorsichtig zu sein.
Ihre Augen hatten sich rasch an das Halbdunkel im Wald gewöhnt. Der Alte Wald war ein dichter Kiefern- und Tannenwald, und nur ein leises Rascheln war von den Hufen der Ponys und Pferde zu hören. Kein Unterholz behinderte ihre Sicht, und zunächst kamen sie rasch voran. Von den Räubern war mittlerweile nichts mehr zu sehen; die Spur, die den Hobbittrupp von der Straße herunter geführt hatte war jetzt kaum mehr zu erkennen.
Nach einer Stunde kamen sie auf eine große Lichtung. Vorsichtig spähte Bucca über das dichte Gestrüpp, das die zerzauste Lichtung begrenzte. Ein rauhes Lachen drang an die Ohren der Hobbits. Dort lagerten einige Räuber, Bucca schätzte, es mit zwanzig Feinden zu tun zu haben und er schätzte die Stärke seiner eigenen Leute ab. Sie waren alle mit kurzen Schwertern und Äxten bewaffnet und trugen Helme und Kettenhemden. Und sie hatten vor zwei Tagen gegen eben diese Räuber gekämpft. Bucca entschied sich rasch.

„Dort lagern noch welche“ sagte er leise. „Wir reiten um die Lichtung herum, wir sehen sie von Westen her, aber der einzige Zugang ist von Osten. Mal sehen, ob es noch mehr von dem Pack in der Nähe gibt.“

Wie ein leiser Nachtwind ritten sie um die Lichtung herum. Von weiteren Räubern in der Nähe war nichts zu sehen, und sie hatten keine Wachen aufgestellt. Offenbar fühlten sie sich im Alten Wald sehr sicher.

„Wir greifen jetzt an und überraschen die. Noch ist es hell, und wir sollten zusehen, mindestens einen Gefangenen zu machen, aber geht kein unnötiges Risiko ein. Und bleibt um jeden Preis zusammen!“ Leise erteilte der Ritter seine Anweisungen, und dann rückten sie leise vor. Am Waldrand hielten sie für einen Moment an. Bucca zog sein Schwert und gab seinem Pferd die Sporen. Die anderen folgten ihm rasch.
Erst als sie kurz vor dem Lager waren begannen die Hobbits mit ihrem Kriegsgeschrei. Die unvorbereiteten Räuber waren buchstäblich zu Tode erschrocken und sie kamen nicht mehr dazu, ihre Gegenwehr zu organisieren. Zwei hatten ihre Schwerter gezogen, aber plötzlich surrten Hobbitbogen und sie sanken mit mehreren Pfeilen im Leib tot zusammen. Die anderen versuchten den Hobbits zu entkommen, aber dies wurde von Buccas Trupp verhindert. Sie schafften es, einige ihrer Waffen zu ziehen, aber mittlerweile waren die Grenzwächter zu weit in das Räuberlager vorgedrungen und diejenigen, die Waffen zogen hatten keine Zeit mehr, dies zu bereuen.
Nach einer knappen Viertelstunde war der Kampf zu Gunsten der Hobbits entschieden. Achtzehn Räuber lagen tot auf dem Schlachtfeld und vier waren gefangen genommen worden. Zwei Hobbits waren leicht verwundet, aber es handelte sich um kleinere Kratzer. Bucca befahl den Rückzug zur Brandyweinbrücke.
Am späten Nachmittag waren sie wieder in Balgfurt. Sie hatten die Grenze zum Auenland erreicht, ohne angegriffen worden zu sein. Trotzdem war Bucca erleichtert, als er das wohlvertraute Gurgeln des träge dahinfließenden Brandywein hörte, der die Brückenpfeiler umspülte.

„Ja, wir haben ein paar von denen erwischt“ sagte Bucca zu Ponto. „Sie waren unvorsichtig und leicht zu besiegen. Vier haben wir gefangen gesetzt. Mal sehen, was die uns zu sagen haben. Trotzdem bleibt es bei der erhöhten Wachsamkeit.“

Die Gefangenen wurden in das Verlies der Brückenwache gesperrt, und Bucca beschloß, mit seinem Trupp ins Brückengasthaus zu gehen.

„Heute Nacht wird keiner von uns Wache schieben, außerdem finde ich, wir haben uns eine kleine Stärkung verdient.“

Der Vorschlag wurde von allen begeistert angenommen, und den Rest des Abends verbrachten sie mit Schmausen. Der Brückenwirt holte seine besten Sachen aus der Speisekammer (schließlich zahlte Bucca) und es gab den ersten Federweißer.
Die Hobbits waren so sehr mit Schmausen und Trinken beschäftigt, daß sie nicht bemerkten, wie mehrere Menschen die Gaststube betraten. Ihr Anführer lächelte, als er die Hobbits sah, dann kämpfte er sich zu Bucca durch.

„Na, ihr kleinen Helden? Feiert ihr euren Heerzug?“

„Welchen Heerzug, Daeros?“ entgegnete Bucca. „Wir haben im Alten Wald nur ein wenig aufgeräumt und stärken uns jetzt ein bißchen.“

„Das sehe ich. Ihr hattet Spaß und wir hetzen uns den ganzen Weg von Königsnorburg ab und kommen wie es scheint zu spät.“

„Nicht wirklich. Wir waren heute nicht weit im Wald und ich schätze, für euch gibt es noch mehr als genug zu tun. Aber nicht heute, hoffentlich. Kommt, setzt Euch und stärkt Euch von der langen Reise!“ Mit einer Handbewegung lud er die Menschen ein, sich zu den Hobbits zu setzen. Rasch hatten sie Platz für die Ritter von Arnor geschaffen, und die Hobbits hatten keine Scheu, mit dem Festmahl noch mal anzufangen.

„Na, ihr meint es aber gut mit uns“ ächzte Daeros, als sie beim achten Gang angekommen waren und noch immer kein Ende in Sicht war. Die anderen Ritter hatten es längst aufgegeben, sich die Teller vollzuladen, sie beließen es bei kleinen Höflichkeitsbissen.

„Ihr seid rasch und weit und wie es scheint mit eng geschnalltem Gürtel geritten“ antwortete Bucca. „Da ist es nur recht, wenn ihr ein wenig aufgepäppelt werdet.“

„Wenn ihr so weitermacht werden alle neue Gürtel brauchen, weil die alten zu kurz sind, außerdem müssen die Rüstungen dann neu geschmiedet werden. Ich glaube, morgen wird keiner von uns kämpfen.“

„Mein lieber Herr Daeros, wie lange lebst du schon bei uns im Auenland? Du müßtest dich eigentlich an unsere Küche gewöhnt haben.“

„Ich schon, aber meine Kameraden nicht. Und was ist, wenn ihre Pferde unter ihnen zusammenbrechen?“

„Das wird schon nicht passieren“ lachte Bucca. Trotzdem bedeutete er dem Wirt, das Dessert aufzutragen, dann ließ er noch mehr Federweißer kommen.

„Den müßt ihr probieren“ sagte der Hobbit. „Das wird ein super Jahrgang, der Sommer war gerade richtig!“

Der süße, angegorene Traubensaft fand regen Zuspruch bei den Rittern von Arnor, und so kam es, daß an diesem Abend mehr Krüge geleert wurden als vielleicht gut gewesen wäre. Sie saßen bis tief in die Nacht zusammen, und im Osten wurde es schon wieder hell, als sie den Weg zu den Unterkünften bei der Brückenwache fanden.
Bucca war so ziemlich der erste, der wieder wach war (es war später Nachmittag) und seinen schweren Schädel an der frischen Luft auskurierte. Die anderen schliefen noch tief und fest, und er entschied, sie für die Nachtwache einzuteilen. Ansonsten war nichts los gewesen, offenbar hatten die anderen Räuber (so es sie denn gab) noch nichts vom Angriff der Hobbits mitbekommen.

Während es an der Brandyweinbrücke ein ruhiger Abend war, paddelten weiter südlich dunkle Gestalten über den Fluß und stahlen sich an Land. Wie dunkle Schatten nahenden Unheils schlichen sie sich zu einem nahen Gutshof.

Rosie war zu Besuch bei Primula eingetroffen. Lange schon hatte sie sich auf die Reise an den Brandywein gefreut, aber jetzt wollte sie sich einfach nur vom langen Ritt ausruhen. So war auf dem Gutshof alles ruhig. Die Sonne war hinter dem Tukland untergegangen und Primula schloß die Fensterläden.
Plötzlich ertönte ein lautes Krachen, und die Haustür zerfiel in tausend Splitter. Große Menschen huschten herein und ehe Primula es sich versah, war sie gefesselt und geknebelt. Rosie war noch nicht eingeschlafen und geistesgegenwärtig genug, durch das Fenster ins Freie zu flüchten, ehe die Räuber in ihr Zimmer kamen.

„Ist noch jemand in dem Haus?“ fragte einer der Unholde. Sein stinkender Atem raubte Primula fast den Verstand. Sie schüttelte den Kopf und hoffte, daß die Menschen nicht den Weg zum Gästezimmer fanden.
Rasch durchsuchten die Räuber das Haus und nahmen alles mit, was für sie wertvoll zu sein schien. Bucca und Primula legten wenig Wert auf teuren Schmuck oder edle, aber viel zu teure Stoffe und so waren ihre Hände leerer als erhofft.

„Die nehmen wir mit“ knurrte ein Räuber. Er schien der Anführer zu sein. „Wir sind hier in der Hütte von dem Halblingsboß. Der soll für sein Weibchen mal schön bluten.“

Primula versuchte verzweifelt, die Fesseln zu lösen, aber sie waren zu fest. Einer der Räuber hielt ihr eine rostige Klinge an den Hals. „Halt still, oder du kriegst das zu spüren“ fauchte er.

„Du tust ihr nichts“ rief der Anführer. „Die ist uns ne Menge Geld wert, wer sie anfaßt erlebt seinen letzten Abend!“

„Trotzdem würde ich dir anraten, still zu halten, sonst könnte ich mich anders entscheiden, mein Täubchen“ flüsterte er leise in Primulas Ohr. Dann packte er sie roh und sie verließen rasch das Haus. Im Nu hatten sie den Brandywein überquert und waren im Alten Wald verschwunden. Primula horchte auf die nächtlichen Geräusche des Waldes. Irgendwo knarrten Bäume, es raschelte und knackte und irgendwo rief ein Uhu. Natürlich hatte sie die Schauermärchen über die Waldgeister gehört, aber nie so recht daran geglaubt. Bucca hatte sie immer vor der Gefahr der Räuber gewarnt, aber sie hatte (wie die anderen Hobbits) nie daran gedacht, Wachen am Flußufer aufzustellen.
Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie wurde rücksichtslos auf den Boden geworfen und die Räuber entzündeten ein Feuer. Dann nahm einer den Knebel ab.

„So, jetzt kannste schreien, wenn du willst. Es wird dich eh keiner hören. Oder laß es gleich bleiben, dann kriegste vielleicht nen Knochen zu essen.“ Der Unhold lachte rauh. „Und wenn es nach mir ginge, würdest du eine Gegenleistung dafür bringen müssen. Aber der Chef sagt nee und da halt ich mich dran. Dein Glück.“ Primula starrte ihn angewidert an. Was er mit der Gegenleistung meinte wagte sie nicht zu erraten.

Aus dem Wald kamen noch mehr Räuber. „Und? Erfolgreich gewesen?“ fragte einer.

„Ja und nee. Denen ihr Chef hat weniger Klunkern als gedacht. Aber von seinem Mäuschen können wir uns ein schönes Lösegeld erhoffen.“

„Seid ihr wahnsinnig? Der hat uns damals im Norden mehr Probleme gemacht als uns lieb war. Ist uns einfach ausgebüxt, wenn du dir das vorstellen kannst. Nachher hat der einen richtigen Haß auf uns rechtschaffene Bürger entwickelt. Erst vorgestern hat er wieder zugeschlagen, heißt es. Ich möcht´ dem nicht in die Fänge geraten.“

„Alter Angsthase“ lachte der Anführer. „Wir haben ja nicht den, sondern seine Frau. Damit is er verwundbar. Der tut uns nix, weil wir das stärkere Argument haben, und er weiß das bald. Ich hab einen zuverlässigen Boten an die Brückenwache geschickt, der dem Kleinen einschärfen soll, erstens keinen Scheiß zu machen und uns zweitens tausend Silberpfennige zu geben, dann hat er seinen Schatz wieder und wir auch einen.“

„Und dann? Dann lassen wir uns einfach abschlachten, so wie die anderen?“

„Nein. Wir bleiben zusammen und teilen nachher gerecht, wenn wir die Halblinge in ihre Schranken verwiesen haben. Dann mag jeder seine Wege gehen oder bleiben, wenn er will.“

Die Räuber debattierten noch eine Zeitlang, aber es ging eher um Beute und Teilen (bei Räubern immer ein Streitpunkt) als um einen Plan, sich gegen einen Ritter von Arnor zu verteidigen. Primula tat das, was Bucca ihr immer eingeschärft hatte: sie versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und zu überlegen, was sie tun könnte.
Vorsichtig sah sie sich um. Die Räuber schienen keine Wache zu halten, und sie lag völlig unbeachtet beim Gepäck. Ihr knurrte der Magen, der Waldboden war unangenehm kalt, ein leichter Nieselregen setzte ein und verstärkte das Gefühl der Kälte, aber sie sah sich vorsichtig um. Ihre Waffen trugen die Räuber bei sich, aber nicht allzu weit von ihr weg lag ein spitzer Stein. Leise, fast unmerklich bewegte sie sich dorthin. Noch leiser ließ sie den Strick über den Stein gleiten. Faser um Faser riß, und sie wagte fast nicht zu atmen. Die Räuber wurden immer lauter, je mehr Schnaps floß. Keiner dachte im Moment daran, ihre Geisel zu bewachen, die wie ein Beutel beim Gepäck lag.
Nach einer aufregenden Viertelstunde riß endlich der Strick. Primulas geschickte Finger hatten rasch die Fußfesseln gelöst. Sie wußte nicht warum, aber unwillkürlich steckte sie die Stricke in ihre Rocktasche. Dann schlich sie sich so leise wie eine Hobbit es nur konnte in den nahen Wald. Anschließend rannte sie nur noch.

Rosie war wie von Orks gejagt zu den Nachbarn gerannt und hatte atemlos berichtet, was vorgefallen war. Der alte Hamfast Buchenholz rief die Hobbits von Stock zusammen. Ein Bote wurde zu Bucca geschickt.

Bucca tobte, als er von dem Überfall und der Entführung hörte. „Beruhig dich!“ rief Daeros und hielt seinen kleinen Freund sanft an der Schulter fest. „Wenn du jetzt kopflos losstürmst dann hilft das gar nichts! Wir müssen Ruhe bewahren und überlegen, was zu tun ist! Die Räuber werden sich bestimmt bald melden. Dann sehen wir weiter.“

„Na hoffentlich hast du recht und die wollen keine Rache an mir nehmen. Du weißt ja, Grund genug hätten die ja.“ Bucca lief im Raum auf und ab wie ein Tiger im Käfig. „Am liebsten würde ich über die herfallen und denen allesamt den Hals umdrehen!“

„Das kann ich verstehen, aber das wird Primula nichts nützen. Und Rache nehmen scheint nicht deren Ziel zu sein, schließlich haben sie alle Wertgegenstände mitgenommen.“

Bucca setzte sich. „Doppelte Wachen heute Nacht, und sie sollen Ausschau nach Boten halten. Ruft mich, wenn einer auftaucht!“

Wer keine Wache hatte legte sich zur Ruhe. Es schien klar, daß sie morgen früh aufbrechen würden, um den Alten Wald endgültig von Gesetzlosen zu säubern und die Entführer von Buccas Frau zu jagen. Nur Bucca blieb wach. Er stieg auf den Wachturm und beobachtete unablässig die Oststraße.
Es dauerte nicht lange, bis sich ein Mensch die Straße entlang stahl. Barsch hieß Bucca ihn, stehen zu bleiben. Der tat das und lachte rauh.

„Ich weiß, wer du bist. Ich hatte dich mal zu bewachen und mir bist du nicht entwischt. Aber das ist was anderes. Paß auf! Wir haben deine Angebetete bei uns zu Gast und mein Chef sagt, wenn du ihre Zeche von tausend Silberpfennigen morgen Mittag bezahlst, dann kriegst du sie wieder. Aber mach keinen Mist, sonst kriegst du sie in Einzelteilen!“ Der Mensch verschwand wieder im Wald. Bucca war sprachlos vor Wut.

„Na, das klingt schon mal nicht hoffnungslos“ sagte Daeros, als er vom Vorfall erfahren hatte. Er hatte seine liebe Mühe, Bucca wieder zu beruhigen. „Die tausend Silberpfennige würde ich schon mal holen. Was ist das Geld schon gegen ein Leben?“

„Ein Problem ist, daß ich nicht soviel habe“ sagte der Hobbit unter Tränen. „Und woher soll ich so viel Geld nehmen?“ König Artheleb hatte seinen Rittern verboten, allzu viele Reichtümer anzusammeln und natürlich hatte Bucca sich an dieses Gebot gehalten.

„Ihr habt doch ein Räubernest hochgehen lassen. Ist irgend jemand mal auf die Idee gekommen, deren Beute zu zählen?“

Daeros erteilte einige Anweisungen, und rasch kamen sie zu dem Ergebnis, mehr als die geforderten tausend Silberpfennige erbeutet zu haben. Bucca war es zwar gar nicht recht, das alles an Räuber zurückzugeben anstatt es unter den Bedürftigen zu verteilen, aber Daeros machte ihm klar, keine andere Wahl zu haben.

„Deine Frau ist jetzt das Wichtigste. Aber wenn sie in Sicherheit ist, werden wir die Unholde verfolgen und ich möchte wetten, du wirst dann nur noch mehr zum Verteilen haben.“

„Na ich hoffe, du hast recht.“

Bucca hatte keine Minute geschlafen, als die Sonne aufging. Je mehr es auf den Mittag zuging, desto unruhiger wurde er. Plötzlich grinste er still in sich hinein und zog sich auf den Wachturm zurück.

„Na was hat der denn vor?“ wunderte sich Daeros.

Kurz vor der Mittagsstunde erschien eine Horde Menschen. Das Tor war auf Buccas Geheiß geschlossen worden, aber dahinter warteten berittene Kämpfer, bereit, auf ein Zeichen Buccas loszupreschen und Gefangene zu machen.

„Macht das Tor auf!“ rief einer der Räuber. „Dann kommen wir rein und holen das Geld!“

„So schon mal gar nicht!“ rief Bucca. „Wo ist die Gefangene? Bringt sie her, dann werden wir euren Wunsch in Erwägung ziehen!“

Ratlos standen die Räuber da. „Verdammt, ich hab gesagt das geht schief!“ sagte einer leise.

„Was geht schief?“ rief Bucca, der das gehört hatte.

„Geld her, oder deine Frau kriegt Probleme!“

„Ihr habt gleich ein ganz gewaltiges, wenn sie nicht gleich hier ist“ knurrte Bucca leise, aber gut hörbar. Daraufhin gaben die Gesetzlosen Fersengeld, aber auf ein Zeichen Buccas öffnete sich das Heutor und die Berittenen preschten hervor. Nach einem kurzen Handgemenge kehrten sie mit Gefangenen zurück.

Bucca schritt vor den Gefangenen auf und ab. Er hatte eine Reitgerte unter seinen Arm geklemmt und es war ihm anzumerken, daß er gelinde gesagt ungehalten war. „Soso. Ihr habt wohl geglaubt, hier einfach so aufkreuzen zu können, das Geld einzukassieren und dann mir nichts, dir nichts abhauen zu können.“ Daeros grinste, als er den Hobbit wie einen Ausbilder, der mit den Leistungen seiner Rekruten unzufrieden war vor den doppelt so großen Menschen auf und ab schritt. „Wo habt ihr sie hingeschafft? Redet, oder es rollen Köpfe!“

„Sie ist uns entkommen“ sagte einer leise.

„Was ist sie?“ rief Bucca laut.

„Sie ist uns entwischt, so wie du damals“ sagte der Mensch wieder. „Keiner weiß, wie sie das geschafft hat, aber sie ist weg. Weiß der Geier, wo sie hingerannt ist. Die anderen suchen sie.“

„Und so lange bleibt ihr hier. Wer weiß, was ihr meiner Frau sonst antut. Vielleicht, wenn sie unversehrt ist und ich gute Laune habe kommt es zu einem Geiselaustausch. Führt sie weg und werft sie in den Kerker!“

„Und? Was jetzt?“ fragte Daeros, als die Räuber weggeführt worden waren.

„Was wohl? Ich reite los und suche Primula. Zur Not reite ich allein, wenn es sein muß. Ich wäre ja fast vom Glauben abgefallen, aber sie ist denen doch tatsächlich entwischt. Sie wird allmählich eine richtige Falbhaut.“

„Das sagst du ihr mal, wenn du sie wiedersiehst“ lachte Daeros. „Da bin ich gespannt drauf, und deswegen komme ich mit. Ich fürchte nur, es wird so viele Freiwillige geben daß die Grenzwache unbesetzt ist.“

Primula war immer weiter in den Wald gelaufen, ohne auf die Richtung zu achten oder vielleicht den Tagesanbruch abzuwarten. Sie wollte bloß weg, so weit weg von den Räubern wie es nur ging. Immer weiter lief sie, und als es endlich hell wurde war vom Brandywein keine Spur zu sehen. Der Wald war selbst bei Tag düster, und sie hatte keine Ahnung, woher sie kam oder wohin sie ging. Rings um Primula war ein schier undurchdringliches grünes Gewirr von Ästen, Zweigen und Ranken, das einzig und allein einen Weg in Richtung Süden freizugeben schien. Mittlerweile war sie sich nicht mehr so sicher, ob es eine gute Entscheidung war, die Gelegenheit zu nutzen und vor den Räubern wegzulaufen. Sie schauderte, als sie an die anzüglichen Bemerkungen der Unholde dachte und entschied, daß es besser war. Aber wohin sollte sie nun gehen? Der Rückweg schien der einzig gangbare Weg zu sein, wenn sie sich nicht gen Süden halten wollte, ein Weg nach wer weiß wohin. Aber hinter ihr waren die Räuber, die sie sicherlich verfolgen würden. Primula atmete tief durch und ging weiter.
Ab und zu hielt sie an und hörte sich ängstlich um, aber niemand schien sie zu verfolgen. Irgendwie hatte sie das unerklärliche Gefühl, nicht mehr verfolgt zu werden, ja es schien, als ob dieser Teil des Waldes von irgendeiner unbekannten Macht von jeglichen Unholden frei gehalten wurde. Auch die Vegetation änderte sich. Die Tannen und Kiefern wurden weniger, dafür wuchsen hier Eichen, Buchen, Birken, Ulmen und viele andere Laubbäume. Der Wald schien heller zu sein, aber er war nicht weniger undurchdringlich. Mit der Zeit schien Primula die Furcht vor den Räubern in den dunklen Tannenwäldern gelassen zu haben, hier im hellen Laubwald ging ihr Herz auf und sie pfiff ein Lied. Hätte Bucca sie sehen können, er wäre der Ansicht gewesen, die Entführung wäre ein schlechter Traum gewesen, aber jetzt wäre es an der Zeit, vom Picknick heimzukehren. Wahrscheinlich hätte er sich gefragt, wieso um alles in der Welt sie in den Alten Wald zum Picknicken gegangen waren.

Bucca und Daeros ritten an der Spitze von dreißig gut bewaffneten Hobbitkriegern, um Primula aus den Fängen der Räuber zu befreien – oder um sie zu rächen. Die Ritter von Königsnorburg übernahmen derweil die Sicherung der Ostgrenze des Auenlandes. Es war schließlich ein unhaltbarer Zustand, daß Räuber sich ungestraft und ungehindert in Arnor bewegen konnten.

„So“ meinte Bucca. „Hier sollten wir die Oststraße verlassen und es mit dem Alten Wald aufnehmen.“ Deutlich war ein Pfad zu erkennen, der nach Süden mitten in den Wald hinein führte und in der letzten Zeit offensichtlich häufig benutzt worden war.

Die anderen sagten nichts, folgten ihm aber in den Wald. Auf dem schmalen Pfad konnten sie nur hintereinander reiten, und sie bewegten sich vorsichtig voran. Trotz aller Wut behielt Bucca einen kühlen Kopf. Er wußte, was auf dem Spiel stand und es würde niemandem nutzen, wenn sie blindlings in eine Räubergruppe hinein ritten.
Den ganzen Tag ritten sie gen Osten und Süden. Die gefangenen Räuber hatten angegeben, ihr Lager sei mitten im Wald, keiner konnte aber genau sagen, wo es war und so hatte Bucca beschlossen, es mit einer Portion Glück zu versuchen. Schließlich konnte ja keiner genau sagen, wohin Primula gelaufen war, und da könnten sie es gleich von Anfang an mit Glück versuchen.
Allmählich ließen sie den dichten Nadelwald hinter sich. Auf einer kleinen Lichtung beschlossen sie, ihr Nachtlager einzurichten. Die Sterne funkelten und der Mond schien und erhellte die Lichtung ein wenig mit seinem fahlen Licht.

„Na, zu müde um weiterzusuchen?“ fragte Daeros.

„Nein, das nicht. Es macht nur keinen Sinn, blind in der Dunkelheit umherzutappen und dabei vielleicht Zeichen zu übersehen, die für unsere Suche wichtig sind. Aber hätte ich die Sonne zur Hand, um den Wald zu erhellen, dann würde ich weitersuchen.“

Sie schlugen keine Zelte auf, denn es war noch ziemlich warm (zumindest für den Herbst) und im Wald wehte kein Wind. Außerdem wollten sie beim ersten Tageslicht weiterreiten. Sie losten die Wachen aus und aßen dann ein karges Nachtmahl.

„Wir sollten ein Feuer entzünden“ sagte Bucca.

„Nein, sollten wir nicht“ entgegnete Daeros. „Es könnte Räuber anlocken, die uns dann angreifen. Und wer weiß, was es sonst noch anlockt.“

„Eben. Wenn Räuber in der Nähe sind, dann wissen sie so oder so, wo wir sind. Aber wenn Primula hier in der Nähe sein sollte, dann wird der Lichtschein sie vielleicht herlocken und wir könnten unsere Suche beenden. Und wenn Räuber kommen sollten, dann wissen wir mit Sicherheit, daß ihr Lager in der Nähe ist und dann kommen wir auch so mit unserer Suche weiter. Und da ich eh nicht schlafen kann werde ich mich an der Wache beteiligen.“

Dem hatte Daeros nichts entgegenzusetzen, und so brannte die ganze Nacht über ein helles Wachtfeuer, aber nichts geschah. Früh am Morgen brachen sie wieder auf.

Primula lief immer weiter, und es schien ihr, als ob das Land immer tiefer liegen würde, je weiter sie gen Süden ging. Bucca hatte ihr einmal eine Karte dieser Gegend gezeigt, als sie in Königsnorburg gewesen waren, und sie erinnerte sich daran, daß ziemlich weit im Süden ein Fluß war, der in den Brandywein mündete. Ihm würde sie nur zu folgen haben, um wieder nach Hause zu finden. Und es würde schon eine Möglichkeit geben, über den Brandywein zu kommen, da war sie sich sicher.
Als es dunkel wurde, hielt sie an. In einer kleinen Senke bereitete Primula ein dürftiges Nachtlager. Erst jetzt bemerkte sie, wie hungrig sie war. Außer ein paar Beeren hatte sie seit ihrer Flucht nichts gegessen. Sie sah sich um, aber im letzten Tageslicht konnte sie nichts Eßbares in der Nähe ausmachen.

„Na, das ist ja toll“ sagte sie zu sich selbst. „Zig Meilen bis zum Brandywein und wer weiß wie viele bis zu einer Möglichkeit, drüberzukommen, und nichts für zwischen die Zähne dabei. Das kann ja nur ein wunderbarer Ausflug werden.“

Unglücklich sah sie sich um. Ihr schien es, als ob in der Ferne ein Lichtschein durch den Wald leuchtete, es schien, daß dort ein Feuer brannte. Blitzschnell schossen ihr Gedanken an Bucca durch den Kopf. Primula sah vor ihrem geistigen Auge, wie er auf dem Pferd saß und durch den Wald hastete. Rasch schob sie den Gedanken beiseite.

„Er wird in Balgfurt die Angriffe der Räuber abwehren und verhindern müssen, daß sie ins Auenland eindringen. Wenn das Räuber sind, dann sollte ich mich besser aus dem Staub machen. Und wenn das ein Waldbrand ist, dann erst recht.“ Sie redete wieder mit sich selbst, als sie sich langsam erhob und vorsichtig an den Rand der Senke schlich. Der Feuerschein schien weit weg im Norden zu sein und in der Luft lag kein Brandgeruch. Trotzdem ging sie noch ein wenig weiter.
An einem Bach fand Primula ein Plätzchen, das ihr für ein Nachtlager geeignet zu sein schien. Wenn weiter nördlich wirklich der Wald zu brennen schien, dann würde sie hier am Wasser bessere Chancen haben, dem Feuer zu entkommen. Außerdem könnte sie sich nach dem Aufstehen endlich wieder einmal waschen.

Langsam ritten die Krieger durch den Wald. Die Augen der Reiter suchten mehr den Boden nach irgendwelchen Zeichen ab als darauf zu achten, was vor ihnen lag. Irgendwie schien es allen, als ob es hier keine Räuber geben würde, so als ob jemand auf diese Gegend besonders aufpaßte.

Plötzlich stieß Bucca einen Schrei aus. „Bleibt! Folgt mir noch nicht!“ Er saß ab und hob ein Halstuch vom Boden auf. Es gehörte Primula.

„Endlich ein Zeichen!“ rief Daeros. Er saß ab und untersuchte den Boden. „Hier hat vor nicht allzu langer Zeit ein Hobbit gelagert, aber es scheint, als ob der Platz überhastet verlassen wurde.“

Ohne allzu lange zu zögern saßen die beiden wieder auf und folgten den Fußstapfen, die im weichen Waldboden recht leicht zu erkennen waren. Sie führten genau gen Süden. Bucca fragte sich, was Primula bewegte, immer weiter in den Wald hineinzugehen. Was es auch immer war, er wußte, er müßte sich beeilen, um es herauszufinden.

Als es hell geworden war, hatte Primula sich gewaschen und nun war sie wieder auf den Beinen. Es wurde kühler und jetzt fiel ihr auf, daß sie irgendwo ihr Halstuch verloren haben mußte. Sie zuckte mit den Schultern, denn sie hatte keine Lust, zurückzugehen und möglicherweise den Räubern in die Hände zu fallen. Was die mit ihr machen würden, wenn sie ihrer habhaft würden wagte sie nicht auszumalen.
Gegen Mittag ging es nicht mehr weiter. Vor ihr war ein Fluß. An seinen Ufern standen Weiden, Weidenäste hingen ins Wasser und Weidenblätter wirbelten auf seinen Wassern. Zu ihrem Erschrecken stand sie genau auf einem Trampelpfad, der zu allem Überfluß häufig benutzt zu werden schien.

„So, was nun?“ sagte sie zu sich selbst. „Zurückgehen oder dem Fluß folgen?“

„Zu mir kommen, kleine Dame.“

Erschrocken drehte Primula sich um. Hinter ihr stand ein Mensch, zumindest schien er einer zu sein, denn eigentlich war er zu klein und zu dick für einen. Aber für einen Hobbit war er zu groß. Er trug gelbe Stiefel und einen riesigen Hut mit einer Feder dran.

„Wer seid Ihr?“ fragte sie ängstlich.

„Ich bin Tom Bombadil. Ich lebe hier am Fluß zusammen mit der Tochter des Flusses. Ich sehe, du hast Angst. Es wundert mich, eine Hobbit hier zu treffen, so weit von zu Hause entfernt. Das ist bestimmt eine Geschichte, die anzuhören sich lohnt.“

Seltsamerweise verspürte Primula nach dem ersten Schrecken über die unerwartete Begegnung keine Angst, und ihre Zurückhaltung wich einer unüberwindlichen Neugier. „Aber was seid Ihr? Ich habe nicht gewußt, daß hier im Wald außer Räubern jemand wohnt.“

Bei der Erwähnung der Räuber schien Toms Gesicht sich zu verfinstern. „Ich bin der Hüter des Flusses, und die Tochter des Flusses wohnt bei mir. Ich war schon hier, als die Menschenkönige kamen und drüben am Baranduin ihre Ländereien hatten und ich war hier, als sie gegangen waren, und als die Hobbits kamen, habe ich mir das angesehen. Ihr seid ein seltsames Volk, ihr kleinen Leute. Alles wächst und gedeiht besser als bei den Menschen, und doch wollt ihr nicht mehr haben als das, was ihr habt. Das habe ich bei Sterblichen noch nicht erlebt. Aber was machst du hier?“

„Die Menschen sagen selbst, daß wir Hobbits ein seltsames Volk sind“ lachte Primula. „Aber ich hatte gar nicht vor, herzukommen“ sagte sie ernst. „Vor drei Tagen haben Räuber mein Haus überfallen und mich in den Wald verschleppt, aber ich konnte ihnen entkommen. Sie verfolgten mich, aber ich glaube, jetzt haben sie von mir abgelassen.“

„In Tom Bombadils Reich wagen sie sich nicht. Aber der ganze Norden des Waldes wimmelt von ihnen, und du wärest da nicht in deine Heimat durchgekommen. Aber es ist eine lange Wanderung entlang der Weidenwinde zum Baranduin, wie ihr den großen Fluß nennt, und heute sollten wir sie nicht in Angriff nehmen. Komm mit und ruh dich ein wenig aus, und morgen sehen wir weiter.“

Primula nahm das Angebot jetzt gerne und erleichtert an. Dieser Tom Bombadil schien wirklich von Hobbits zu wissen, und das war irgendwie beruhigend. Und sie vertraute ihm, auch wenn er ein komischer Kauz zu sein schien. Er sang mehr als er redete und tanzte und hüpfte mehr als er ging. Seine Heiterkeit war ansteckend, und Primula scherte sich keinen Deut mehr über ihre Flucht und ihre Gefangenschaft. Selbst ihren Hunger hatte sie vergessen, aber als Tom schließlich rastete und Honigbrote auspackte meldete er sich wieder zurück.

„Kleine Hobbits haben den größten Appetit“ lachte Tom, als Primula das fünfte Honigbrot verzehrt hatte.

„Ich hatte zwei Tage lang außer ein paar Walderdbeeren nichts. Nichts gegen Walderdbeeren, es gibt keine köstlicheren Früchte, aber auf Dauer ist das doch ein bißchen wenig.“

Tom lachte. „Wir sollten trotzdem weitergehen. Der Tag schreitet fort, und Goldbeere wartet.“

Lachend gingen die beiden weiter auf dem Pfad entlang der Weidenwinde. Er führte die beiden gen Osten, und in der Ferne war ein kleines Haus zu sehen. In der Tür stand eine Elbenmaid. Primula war sprachlos.

„Ich bin Goldbeere“ sagte sie. „Selten haben wir Besuch hier, und noch seltener sind Hobbits hier zu sehen. Willkommen, ruhe dich aus, denn ich sehe, du hast einiges hinter dir.“

Primula nahm ihre Hand und sie gingen in das Haus. Die ganze Zeit schon hatte sich der Himmel bewölkt, und nun fing es an zu regnen. Aber sie sperrten den Regen aus und machten es sich im Haus behaglich.

Bucca wurde im Lauf des Tages immer mürrischer. Erst hatten sie Primulas Spur verloren, und dann fing es auch noch zu regnen an. Irgendwie schien es nicht sein Tag zu sein.

„Und, was tun wir jetzt?“ fragte Daeros.

„Primula geht aus welchen Gründen auch immer gen Süden. Entweder reiten wir zurück, bis wir ihre Spur wieder aufgenommen haben oder wir reiten direkt in Richtung Süden, bis wir auf die Weidenwinde stoßen. Dieser Fluß fließt in Richtung Westen, über ihn kommt Primula nicht drüber. Dort müßten wir wieder auf ihre Spur treffen.“

„Oder wir verlieren sie endgültig, wenn sie die Richtung geändert hat. Das bekommen wir dann nicht mit, und wer weiß, was mit ihr passiert, wenn wir sie nicht rechtzeitig finden. Sie hat seit drei Tagen nichts gegessen.“

Bucca blickte verzweifelt um sich. „Was immer wir entscheiden, kann sich als verheerend auswirken, wenn es falsch ist. So langsam bin ich mit meiner Weisheit am Ende. Was sollen wir nur tun?“

„Einen kühlen Kopf bewahren, Bucca. Du kennst Primula am besten. Was würde sie denn deiner Meinung nach tun?“

„Normalerweise behält sie einen einmal eingeschlagenen Weg bei, wenn sie der Meinung ist, es ist der richtige. Ich glaube nicht, daß sie ihren Weg ändert, es sei denn sie hat einen triftigen Grund. Wäre sie im Zweifel, dann hätte sie es schon längst getan.“

„Dann gilt es keine Zeit zu verlieren.“ Daeros schwang sich wieder aufs Pferd, und sie ritten wie der Wind gen Süden. Nach einer halben Stunde waren sie an der Weidenwinde, und Bucca wunderte sich über den Trampelpfad genauso wie Primula. Noch mehr staunte er über die Fußspuren. Ein Hobbit war neben einem gestiefelten Menschen hergelaufen, und nichts deutete darauf hin, daß dies unter Zwang geschehen war.

„Das ist ja höchst merkwürdig“ meinte Bucca. „Na, dann wollen wir mal herausfinden, was das damit auf sich hat.“

„Sei aber trotzdem vorsichtig“ entgegnete Daeros. „Wer weiß, mit wem sie da mitgegangen ist. Wir müssen trotz allem zusammenbleiben.“

Bucca nickte, dann ritten sie den Pfad gen Osten entlang. Der Fluß machte viele Biegungen, deshalb kamen sie eher langsam voran. Der Regen schlug ihnen ins Gesicht, und der Hobbit fragte sich, wo in dieser kalten Wildnis jemand wohnen würde.

Tom, Goldbeere und Primula waren in der Küche zugange. Der Tag neigte sich dem Abend zu, und sie waren dabei, ein kleines Abendessen (wie Tom dazu sagte) zuzubereiten. Primula war erleichtert, denn es schien, daß hier nach Hobbitmaßstäben gekocht wurde. Es gab Graupensuppe, Milchsuppe, Apfelkuchen, Erdbeerkompott, Rhabarberauflauf und natürlich Honigbrot. Primula stellte fest, daß es kein Fleisch und keine Wurst gab. Dafür liefen Toms Tiere überall herum, und sie vermutete, daß es ihm wohl zu schwer fallen würde, eines zu schlachten.

„Primula, kommst du mal?“ Tom war gerade von draußen hereingekommen. Außer seinen Stiefeln war nichts naß, aber Primula kam nicht dazu, lange darüber zu staunen. „Einunddreißig Hobbits und ein Mensch, bewaffnet bis an die Zähne reiten auf uns zu. Ich weiß nicht, ob es die sind, vor denen du geflüchtet bist oder ob es die sind, auf die du hoffst. Was meinst du?“

„Hobbits sind keine Räuber“ antwortete Primula. Ihr Herz sprang bis zum Hals. „Das muß Bucca sein. Hat mein Mann doch alles unternommen, mich zu retten. Aber daß der gleich einunddreißig Leute mitbringt, das sieht ihm wieder mal ähnlich.“

„Das soll kein Problem sein. Wir haben so selten Besuch hier, daß es auf ein paar Leute mehr nicht ankommt. Ich gehe ihnen entgegen.“

Bucca ritt vorsichtig den Pfad entlang. In der Ferne sah er ein Haus. Verwundert rieb der Hobbit sich die Augen, dann ritt er weiter. Ein kleiner, untersetzter Mann kam ihnen entgegen. Daeros wollte sein Schwert ziehen, aber Bucca hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

„Er ist unbewaffnet. Und ich bin gespannt, was er uns sagen kann.“

Der Mann kam näher. Bucca saß ab und ging ihm einige Schritte entgegen. Zehn Schritt voneinander entfernt blieben sie stehen.

„Ich bin Tom Bombadil, der Hüter des Flusses. Ich bin der Meister dieses Landes. Welchen Grund habt Ihr, bewaffnet durch mein Land zu reiten?“

„Wir verfolgen Räuber, die eine Hobbit entführt haben. Sie müßte hier in der Nähe sein, oder es gibt hier mehrere Hobbits.“

„Seid Ihr Bucca vom Bruch?“

Verdutzt blickte Bucca den Menschen an. „Ja!“

„Dann seid Ihr und Eure Begleiter in meinem Haus willkommen. Primula wartet auf Euch. Und eilt Euch, sonst wird das Abendessen kalt.“

Dankbar nahm Bucca die Einladung an, und langsam gingen sie den Weg zu Toms Haus hinauf. Sie führten ihre Pferde und Tom meinte, man könnte sie auf dem Rasen weiden lassen. „Sie werden hier bleiben bis Ihr sie wegführt, außerdem müßte ich sonst den Rasen noch selbst mähen. Kommt nur herein!“

Bucca betrat als erster nach Tom das Haus und sah sich um. In der Küche hörte er jemanden rumwirtschaften. Tom nickte ihm zu.

„Primula!“ Der Hobbit stürmte in die Küche und umarmte seine Frau. „Wie um alles in der Welt kommst du hierher?“

„Das wollte ich dich auch fragen. Ich dachte, du wärest an der Grenze.“

„Da war ich auch, aber es gab eine Angelegenheit, die nicht warten konnte.“

Goldbeere betrat den Raum, und Bucca war ob ihrer Schönheit sprachlos. Sie hieß ihn willkommen, aber Bucca fehlten die Worte, zumindest so lange, bis Primula ihn in die Seite kniff. Goldbeere lachte. „Dein Gemahl ist ein Elbenfreund, das sehe ich. Er ist gerne in der Gesellschaft der Erstgeborenen.“

„Kommt. Das Essen ist angerichtet.“ Tom führte sie ins Wohnzimmer, wo für fünfunddreißig Leute gedeckt war. Es war ein wenig beengt, aber der Tisch bog sich unter der Last der Speisen und Getränke und es war genug für alle da. Das Festmahl wurde nicht durch unnötiges Gerede unterbrochen und dauerte über eine Stunde. Dann bedeutete Tom seinen Gästen, sitzenzubleiben und sich von ihren Strapazen auszuruhen, während er und Goldbeere flugs den Tisch abräumten. Natürlich hielten sich die Hobbits nicht daran und ruck- zuck war das Geschirr gespült und weggeräumt. Dann räumten sie Tisch und Stühle weg und setzten sich um den Kamin im Kreis auf den Boden.

„Jetzt interessiert es mich brennend, was an dem Abend vor drei Tagen und danach passiert ist“ sagte Bucca. „Du hast uns mehr als einmal ein Rätsel aufgegeben, und die Lösung würde mich brennend interessieren.“

„Und ich würde gerne wissen, wie du dazu gekommen bist, mit einer handfesten Truppe Hobbits in den Alten Wald zu ziehen. Ist die Grenze jetzt unbewacht?“

„Das ist sie nicht. Aus Königsnorburg ist Verstärkung gekommen, und wenn die Grenze gesichert ist wollen wir den Räubern an den Kragen. Die Mannen des Königs sind gekommen, um für Frieden zu sorgen.“

„Das klingt gut“ sagte Tom. „Die Räuber treiben sich im Norden des Waldes herum. Hierher trauen sie sich nicht, außer Ärger gibt es nichts zu holen. Macht euch um mich keine Sorgen. Aber ich würde auch zu gerne wissen, was dir passiert ist, Primula.“

Damit gab Primula einen vollständigen Bericht von allem ab, was seit dem Überfall auf den Gutshof passiert war. Bucca mußte sich sehr beherrschen, als er mit anhören mußte, wie die Räuber sich verhalten hatte. Aber als er von Primulas Flucht hörte grinste er still und zufrieden in sich hinein.

Anschließend berichtete Bucca kurz von ihrem Ritt und der Verfolgung der Räuber und wie sie Primulas Spur fanden. Er gab ihr das Halstuch zurück, das er am Morgen gefunden hatte, und Primula legte es wieder um.

„Das Feuer, das ich letzte Nacht gesehen hatte, das wart ihr?“ staunte sie. „Ich dachte, es wären Räuber oder ein Waldbrand. Hätte ich das gewußt, hätte ich mehr Mut gefaßt und wäre euch entgegen gegangen.“

„Das waren wir. Aber niemand kam uns entgegen und so mußten wir weiterreiten. Und wärst du uns entgegengekommen, hätten wir ja nie Tom und Goldbeere kennengelernt, und das wäre dann doch sehr schade, oder?“

Primula schmiegte sich an Bucca. „Ja, das stimmt. Das wäre schade.“

Tom räusperte sich. „Ich sehe, eure Fahrt war schicksalsgeführt. Aber es ist spät, und wir sollten uns jetzt zur Ruhe legen.“

Dem stimmten alle zu, aber so richtig zur Ruhe kamen die Hobbits nicht. Bucca und Primula durften im Gästezimmer übernachten (und waren neben Tom und Goldbeere die einzigen, die eine halbwegs ruhige Nacht hatten) aber die anderen waren überall zu finden, wo Platz war. Aber da sie für Nächte im Freien ausgerüstet waren (keiner hatte im Ernst damit gerechnet, im Alten Wald in einem Haus schlafen zu können) stellte das kein Problem dar. Der Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, im Kamin prasselte die ganze Nacht über das Feuer und sie hatten es mollig warm und trocken. Besser konnten sie es nicht haben.
Erfrischt wachten sie am nächsten Morgen auf. Es war noch immer regnerisch, und keiner hatte so richtig Lust, aufzubrechen. Tom war der Ansicht, daß es für kleine Hobbits besser sei, bei solch einem Wetter im Haus zu bleiben.

„Goldbeere hält ihr Herbstgroßreinemachen, da ist es besser, nicht im Weg zu sein, sonst kommt man durchnäßt zu Hause an. Heute ist ein wunderbarer Tag, sich am warmen Kamin auszuruhen und Geschichten zu erzählen.“

So saßen sie den ganzen Tag zusammen und lauschten Toms Erzählungen vom Alten Wald und was alles darinnen hauste und kreuchte und fleuchte. Die Hobbits hatten das Gefühl, eigentlich ein Fremdkörper in diesem abgeschlossenen System zu sein und Erzählungen von wandelnden Bäumen, die es tief drinnen im Wald gab ließen sie erschauern. Und es gab noch andere Dinge darinnen, die durchaus geeignet waren, nicht nur Hobbits schlaflose Nächte zu bereiten. Aber Tom hieß sie, nicht zu verzagen.

„Sie leben tief drinnen und wenn sie nicht durch unvorsichtige Besucher aufgeschreckt werden, bleiben sie auch dort. Also wagt euch nicht zu weit vor! Viele Räuber sind schon zu tief in den Wald vorgedrungen und nicht mehr herausgekommen.“

„Geflüsterte Erzählungen berichten von grausamen Geistern“ sagte Bucca erschauernd. „Niemand erzählt solche Geschichten gern, nicht einmal am hellichten Tag, aber es ist bekannt, daß es tief drinnen im Alten Wald Unholde gibt, und manchmal, so heißt es, wagen sie sich des Nachts sogar bis auf die Oststraße vor. Niemand benutzt diese Straße gern bei Nacht, und selbst bei Tag beeilt sich jeder Reisende.“

„Es ist weise, sich vor diesen Unholden in Acht zu nehmen. Sie sind weitaus länger hier als die Räuber und waren schon da, als die Hobbits noch weit weg waren. Aber Tom ist stärker als sie, viel stärker sogar und sie gehen ihm aus dem Weg. Einmal haben sie tatsächlich geglaubt, mich angreifen zu können, aber ich habe sie eines Besseren belehrt. Wenn Tom jemanden geleitet, dann behelligen sie diese nicht. Und morgen solltet ihr wirklich aufbrechen und ins Auenland zurückkehren. Eure Leute werden euch vermissen.“

Tom wandte sich wieder den Erzählungen zu, und noch lange saßen sie beieinander. Bucca erfuhr, daß die Könige von Arnor ein Stückchen weiter östlich ein uraltes Heiligtum hatten, genau auf der Hügelkette hinter Toms Haus. Dort waren die Gräber vieler Könige und Fürsten, und es hieß, daß der alte Hochkönig Isildur hier bestattet werden wollte. Aber er war nach dem Sieg gegen Sauron auf der Heimreise gefallen, hieß es, und niemand in Mittelerde wußte, wo sein einsames Grab war.
Aber Isildurs Söhne waren glücklicher gewesen, und sie hatten das Nördliche Königreich geschickt regiert und gegen den Hexenkönig, den großen Feind im Norden gehalten. Bucca erschauerte erneut, als er von ihm hörte.

„Na, mein Kleiner, ich glaube, über den Hexenkönig kannst du mehr erzählen als der alte Bombadil“ meinte Tom, der das bemerkt hatte.

Weniger bereitwillig als Tom erzählte Bucca von seinen Abenteuern, die er zusammen mit Daeros in den Zeiten der Großen Pest erlebt hatte. Dann und wann (wenn er sich nicht mehr so genau erinnern konnte oder wollte) wurde er von Daeros korrigiert; und Tom staunte nicht schlecht, als er erfuhr, daß die beiden sogar bis in Sichtweite von Carn Dûm, der Festung des Feindes geschlichen waren.

„Es kommt noch besser“ sagte Daeros zu den staunenden Zuhörern. „Unser Bucca hat sogar gegen ihn gekämpft!“ Dann erzählte er von der letzten Schlacht, in der die feindlichen Heere vollends aufgerieben worden waren. „Aber das alles hätte nicht geklappt, wenn unser Hobbit es nicht gewagt hätte, sich ihm in den Weg zu stellen und zum Kampf herauszufordern. Der Hexenkönig hat immer wieder seine Leute zusammengerufen und zum Kämpfen angestachelt, und wir hätten am Ende womöglich verloren. Aber Bucca hat den Hexenkönig vertrieben und besiegt, und so wurden die Feinde in alle Winde zerstreut.“

„In Hobbits steckt doch viel mehr als das Auge erblickt“ staunte Tom. „Herr Bucca wird am Königshof doch sicherlich mit allen Ehren empfangen? Er muß doch einer der großen Fürsten des Landes sein.“

„Ein Fürst bin ich sicher nicht“ lachte Bucca. „Dazu gehört mehr als nur ein paar Kämpfchen auszutragen. Nein, unter Hobbits nennt man mich den Herrn vom Bruch, aber ich weiß nicht, ob das auf den Stockbruch oder meine handwerklichen Fähigkeiten gemünzt ist.“

„Soweit ich weiß hast du noch nie getöpfert“ feixte Daeros. „Aber daß der Herr vom Bruch nicht vom Stockbruch kommt gibt mir doch zu denken.“

„Daeros, man könnte fast meinen, du wärst schon länger mit Bucca verheiratet als ich“ lachte Primula. „Wenn ich nur daran denke, wenn mein Göttergatte mal das Geschirr abtrocknen soll. Dann ist er wirklich der Herr vom Bruch!“

Bucca machte nur noch ein seltsames Gesicht, eine Mischung aus einem Aufschrei, Lachen, Gestikulieren, Luft holen und mit den Füße aufstampfen und dabei kippte er vornüber vom Hocker und blieb wie eine Schildkröte, die auf den Rücken gefallen war liegen. Primula konnte nicht mehr vor Lachen, Daeros hätte sich beinahe daneben gelegt, Tom gab unter Lachkrämpfen bekannt, Bucca nicht mehr in die Küche zu lassen und Goldbeere schüttelte nur noch den Kopf.

„Na, ein edler Herr muß ja auch nicht spülen“ grinste Tom, als er nach einer Viertelstunde endlich wieder ein wenig Fassung errang. „Und es ist keine Kleinigkeit, sich einfach so dem Hexenkönig entgegenzustellen. Ich kannte mächtige Krieger, die vor seinem Antlitz geflohen sind wie die Kaninchen.“

„Das ist wirklich unbestritten“ erwiderte Daeros. „Trotzdem glaube ich, daß diese Taten unter Hobbits nicht gerade als rühmenswert erachtet werden. Man spricht eher davon, daß er die Grenzwache neu ordnete, eine Kleinigkeit, und ansonsten ist er ein komischer Kauz, der freiwillig auf Auslandreisen geht (wobei Königsnorburg zum Ausland zählt) und deswegen mitunter komisch angeschaut wird.“

„Wir wußten von diesen Taten einfach nichts“ sagte einer der Hobbits. „Herr Bucca hat uns nie gern von dieser Schlacht erzählt. Er meinte immer, es sei besser, nicht alles zu erfahren und wir sollten froh sein, daß sie nicht im Auenland stattgefunden hat.“

„Damit hat er recht“ meinte Daeros. „Zumindest was den Ort der Schlacht angeht. Aber was seine Taten angeht, da habt ihr beileibe noch nicht alles gehört.“

„Das muß aber auch nicht sein“ sagte Bucca plötzlich. „Ich meine, es ist vergangen und ich bin froh, wenn so was nicht wiederkehrt. Und selbst bei der letzten Schlacht bin ich mir nicht so sicher, ob sie gut ausgegangen ist. Das feindliche Heer wurde aufgerieben, ja schon, aber die meisten haben sich in den Alten Wald geflüchtet und machen ihn jetzt unsicher. Da gibt es noch viel zu tun, fürchte ich. Und in jedem Kampf kann einen sein Schicksal ereilen, da ist es egal, gegen wen man mal gekämpft hat.“

„Das stimmt sicherlich“ sagte Tom. „Aber wenn diese Räuber in einem Heer unter der Führung des Hexenkönigs hier eingefallen wären, dann sähe es hier um einiges schlimmer aus. Niemand würde es wagen, noch im Auenland zu wohnen. So sind die vereinzelt und leicht zu verjagen. Und selbst wenn die Schlacht nutzlos gewesen sein sollte, so mindert das nicht den Wert der Taten, die begangen wurden.“

Bucca schwieg, und Daeros erzählte von ihren Abenteuern in Gondor. Nicht nur die Hobbits staunten, als sie von Buccas Abenteuern hörten, und nur Primula hatte diese Geschichten schon gekannt. Es schien ihm überhaupt nicht recht zu sein, daß diese Dinge einfach so daher erzählt wurden, aber Daeros war nun voll in Fahrt und nicht mehr zu bremsen.
Der Tag war nun schon fast vergangen und sie deckten wieder den Tisch für das Abendessen. Vor lauter Erzählen hatten sie das zweite Frühstück, den Elf- Uhr- Imbiß, das Mittagessen und den Vier- Uhr- Tee vergessen, und jetzt hatten alle einen Bärenhunger. Tom bestand darauf, daß die Hobbits es sich bequem machten und im Nu hatte er den Tisch gedeckt. Nun saßen sie beisammen und stärkten sich.
Plötzlich waren draußen Schritte zu hören. Tom sah verdutzt zur Tür. Es klopfte, und Goldbeere öffnete sie. Ein Elb trat herein, er war durchnäßt vom Regen und sah abgehetzt aus.

„Willkommen, Galdor“ sagte Tom. „Lange ist es fürwahr her, daß wir uns gesehen haben.“

„Und es war in besseren Zeiten als diesen“ erwiderte der Elb. „Ich freue mich, dich hier anzutreffen. Große Gefahren liegen hinter mir.“

„Es wunderte mich, dich hier, fernab aller Wege, die Elben normalerweise nehmen zu sehen“ antwortete Tom. „Was führt dich zu uns?“

„Zu dritt wurden wir von meiner Herrin Galadriel von Laurelindorenan ausgesandt, um wichtige Botschaften zu Círdan dem Schiffbauer zu bringen. Doch unsere Gemeinschaft wurde vom Unglück verfolgt. Das Gebirge empfing uns im Sommer mit Schnee, was es sonst nicht tut, und dann wurden wir zwei Tagesreisen vor Bree überfallen und meine zwei Kameraden gefangen genommen und verschleppt.“

„Wer hat Euch überfallen? Was konntet Ihr erkennen?“ fragte Bucca.

Der Elb erschrak. „Er ist ein Ritter des Königs von Arnor und selbst dabei, Räuber zu verfolgen“ erklärte Tom. „Er ist vertrauenswürdig.“

„Soweit ich es im Dunkeln erkennen konnte, waren es Menschen“ sagte Galdor dann. „Es war aber eine sternen- und mondlose Nacht, und ich konnte nicht viel sehen. Ich schlief ein wenig abseits, deswegen konnte ich fliehen, aber die Räuber bemerkten mich und verfolgten mich bis hierher.“

„Sie verfolgten Euch bis hierher? Habt Ihr sie gesehen, wurdet Ihr angegriffen oder hattet Ihr lediglich das Gefühl, verfolgt zu werden? Derlei passiert im Alten Wald oft“ sagte Bucca.

„Ich wurde vor einer Stunde erst angegriffen“ erwiderte der Elb. „Sie schossen mit Pfeilen auf mich, und nur durch Glück wurde ich nicht verletzt.“ Galdor zog einen Pfeil aus seinem Rucksack und reichte ihn Bucca. „Das ist einer.“

„Ein Pfeil, wie ihn die Menschen des Hexenkönigs verwenden“ sagte der. „Nun denn. Jungs, ich glaube, wir werden heute Abend noch was zu tun bekommen. Alle Kämpfer sollen sich bewaffnen. Ich werde derweil vor der Tür ein wenig Ausschau halten. Mal sehen, ob die Räuber noch mal eine blutige Nase haben wollen.“

Binnen weniger Minuten waren sie kampfbereit, und Daeros ließ die Krieger draußen aufsitzen. Bucca hatte derweil ein wenig die Umgegend erkundet und war der Meinung, daß ein Angriff nur vom Alten Wald aus erfolgen könne. Auf den östlichen Höhen war eine kleine Garnison, wo königliche Ritter die Gräber bewachten. Zu ihnen schickte Bucca einen berittenen Boten, um Hilfe zu holen.
Keine zwanzig Minuten später hörten sie rauhe Gesänge und fahler Fackelschein war zwischen den Bäumen zu erkennen. Leise bezogen die Hobbitkrieger Stellung. Es war ausgemacht worden, daß Bucca einen einzigen Hornruf als Angriffszeichen ertönen lassen würde. Erst dann würden sie zuschlagen.
Die Räuber zogen an ihnen vorbei. Offenbar waren sie so darauf erpicht, den Elben gefangenzunehmen, daß sie jede Vorsicht außer Acht ließen. Ihr Anführer schien von der Kriegführung keine Ahnung zu haben. Niemand sicherte sie zur Flanke hin ab.
Als die Hälfte der Räuber an ihnen vorbeigezogen waren, gab Bucca das Zeichen zum Angriff. Die Hobbits trieben einen Keil zwischen die Räuber, dann wurden die einzelnen Teile niedergemacht. Obwohl die Hobbits zahlenmäßig unterlegen waren hatten sie keine Verluste zu beklagen, es gab noch nicht mal Verwundete. Nun machten sich die langen und harten Ausbildungsstunden bezahlt.
Das Gemetzel war in Buccas Augen ein Übel, so notwendig es auch sein mochte. Zwei Räuber hatten sich ergeben und wurden gefangen gesetzt, aber die anderen zogen es vor, zu kämpfen. Nach einer Stunde war der Kampf vorüber, aber am nächsten Morgen würden sie die Toten bestatten müssen und wer wollte schon sagen, was dann noch passierte. Mißmutig ging Bucca ins Haus zurück.

„Na, das war für uns doch kein Problem“ meinte Daeros, als Bucca das Wohnzimmer betrat. Tom und Goldbeere saßen am Tisch.

„Ja und nein“ antwortete Bucca. „Besiegt haben wir die gleich, aber sie könnten wiederkommen und Rache nehmen wollen. Und wir können ja nicht auf ewig hier bleiben.“

„Normalerweise wagt kein Räuber, diese Gegend zu betreten“ sagte Tom. „Viele Waldgeister sind meine Freunde, und sie halten alle von meinem Haus fern, die nicht kommen sollen. Ich frage mich, wie sie bis hierher vordringen konnten.“

„Sie waren viele und fühlten sich stark“ meinte Bucca. „Das haben wir an der Art gemerkt, wie sie kämpften. Zuerst waren sie wie Furien, aber als einige von ihnen gefallen waren wendete sich das Blatt. Hast du schon Nachricht von der Gräberwache, Daeros?“

„Der Bote ist eben zurückgekehrt. Der Hauptmann der Wache läßt seine Grüße ausrichten, er will mit einem Trupp selbst vorbeikommen und die Lage erkunden. Wir sollen seine Ankunft in einer Stunde erwarten.“

„Es leben die Verwaltungsvorschriften“ grantelte Bucca. „Hast du die Antragsformulare für die Erteilung von Amtshilfe fremder Truppenteile mit?“

„Ich glaube nicht, daß du hier so was brauchen wirst“ grinste Daeros. „Diesen Unfug hat der König seit der Pest einstellen lassen. Er ist der Ansicht, wichtigere Probleme zu haben.“

„Ich bin mal gespannt, was es hier noch zu erkunden gibt“ brummte Bucca. „Er kann eine Aufgabe von uns übernehmen. Immerhin wurden zwei Elben entführt, und das kann der König von Arnor ja wohl schlecht dulden.“

„Sicher nicht“ lachte Daeros. „Aber ich fürchte, du wirst nicht in der Lage sein, die Grabwächter dazu zu bewegen, Räuber meilenweit über Stock und Stein zu verfolgen. Nein, mein lieber Bucca, ich glaube, dieser Ausflug bleibt uns vorbehalten.“

„Na toll. Und ich hatte gedacht, nach diesen mißlichen Tagen einfach nur in Ruhe bei meiner Primula sein zu können.“ Buccas Abenteuerlust war ehrlich gesagt auf dem Nullpunkt angekommen, er hatte genug von Räubern, Regen, Schlamm und durchwachten Nächten.

„So kenne ich meinen Bucca ja gar nicht“ sagte Primula. „Vor einer Woche noch fühltest du dich noch in einen goldenen Käfig eingesperrt und jetzt willst du freiwillig in ihn zurück! Keiner sagt, daß du ohne mich auskommen mußt.“

„Ich kann dich doch unmöglich auf so eine lange Fahrt ins Ungewisse mitnehmen“ entgegnete Bucca entsetzt. „Wer weiß, wann wir wieder nach Hause kommen. Und wer weiß, ob uns unterwegs nicht etwas passiert. Und dann hast du ja noch nicht mal eine Rüstung.“

„Als ob das ein Problem darstellen würde, Bucca. Ich gehe doch recht in der Annahme, daß du vorhast, bei der Grenzwache an der Sarnfurt vorbeizuschauen, damit diejenigen Hobbits, die nicht mitkommen wollen von dort aus nach Hause zurückkehren können. Dort müßte es sehr wohl möglich sein, an einige Ausrüstungsgegenstände zu kommen.“

„Na gut. Wenn du in Sarnfurt passend ausgerüstet werden kannst und dann noch mitwillst, dann sollst du mitkommen“ sagte Bucca. „Aber du mußt wissen, möglicherweise wochenlang ohne Obdach und mit eng geschnalltem Gürtel reiten zu müssen. Du kannst es dir ja noch überlegen, wenn wir an der Sarnfurt sind.“

Hornsignale kündigten die Ankunft bewaffneter Kämpfer an. Bucca und Daeros gingen nach draußen, um die Ritter von der Grabwache zu empfangen.

„Wir hörten, Ihr wäret von Räubern bedrängt, Herr Bucca?“ fragte der Hauptmann. „Wie es scheint, hat sich das Problem gelöst.“

„Dieses schon, aber wir haben ein neues“ antwortete der Hobbit. „Diese Räuber verfolgten einen Elben und es scheint, sie gehörten zu einem Trupp, der zwei weitere Elben gefangen genommen hatte. Ich fürchte, Räuber könnten hierher zurückkommen, wenn wir weitergezogen sind, um Rache zu nehmen.“

„Seid unbesorgt. Ich werde hier eine so lange eine Wache postieren bis es im Wald keine Räuber mehr gibt“ entgegnete der Hauptmann. „Der König hat Truppen entsandt, um den Wald zu säubern. Er hat Kunde von der Entführung und ruft alle Krieger auf, die Gesetzlosen zu verfolgen.“

„Teilt ihm mit, daß Bucca vom Bruch und Daeros vom Abendrotsee die Verfolgung aufnehmen. Wir werden noch heute aufbrechen.“

Bucca übergab dem Hauptmann die Gefangenen, und Galdor wollte ebenfalls mit ihm mitkommen. Er war müde und verletzt und konnte sich nicht an der Jagd beteiligen. Sie packten ihre Sachen und verabschiedeten sich zuletzt von Tom und Goldbeere.

„Lebt wohl, meine kleinen Freunde“ sagte Tom. „Kurz, aber fröhlich war unser Zusammentreffen. Kommt wieder, wenn es wieder friedlich in diesen Gegenden ist, und erzählt von euren Abenteuern!“

„Von mir sollt ihr ein besonderes Geschenk erhalten“ sagte Goldbeere. „Bucca, ich hörte, du wolltest die Entführer verfolgen. Nimm dies,“ sie gab ihm eine kleine Flasche, „darin enthalten ist ein Heiltrank, der Schmerzen lindert und Müde stärkt. Du wirst ihn sicherlich brauchen können.“

Bucca bedankte sich im Namen aller für die erhaltene Gastfreundschaft. Goldbeere umarmte Primula, und schließlich saßen sie auf und ritten widerwillig los. Oben auf der Hügelkette angekommen drehte Bucca sich noch einmal um und winkte ins Tal hinab. Das Haus schien verloren und klein dazustehen.

„Ein seltsamer Bursche, dieser Tom Bombadil, aber ich glaube, es wird schwer sein, einen besseren zu finden“ sagte Bucca. „Ich glaube, bald werden wir uns nach seinem Kaminfeuer und seinen weichen Betten sehnen.“

„Also ich werde seine harten Treppenstufen ganz bestimmt nicht vermissen“ lachte Daeros. „Du hast aber recht: einen besseren Kerl wie den gibt es nicht. Aber jetzt sollten wir zusehen, zur Sarnfurt zu kommen. Hoffentlich gibt es dort Nachrichten von den Räubern.“

Bucca gab seinem Pferd die Sporen, und auf der baumlosen Ebene, die sich südlich der Hügelgräberhöhen erstreckte kamen sie rasch voran. Wie ein bedrohlicher schwarzer Saum stand der Alte Wald im Norden und welche Geheimnisse er noch barg wollte keiner der Reiter wissen. Sie waren darauf erpicht, diese eintönige Ebene so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.
Nach zwei Tagen und zwei Nächten standen sie am Ostufer des Brandywein. Drüben zeigten Rauchwölkchen an, daß sich in einer Senke das Dörfchen Weidegrund befand. Nun wandten sie sich gen Süden, und am Nachmittag hatten sie die Sarnfurt erreicht. Die alte Straße in den Süden lag wie ein graues, sich in der Ferne verlierendes Band da.

„So, da wären wir“ sagte Bucca. „Heute Nacht bleiben wir in der Grenzfestung. Morgen werden diejenigen, die nach Hause wollen sich von uns trennen müssen. Aber jetzt sehen wir zu, ein Nachtlager zu bekommen.“

Mit diesen Worten lenkte er sein Pferd in die Furt, und die Grenzwache begrüßte den Trupp jubelnd. Die Kunde von Primulas Entführung hatte im ganzen Auenland die Runde gemacht, und viele fürchteten, der Trupp wäre im Alten Wald verloren gewesen. Aber die Kunde von der Entführung der Elben und vom königlichen Befehl der Verfolgung hatte sich auch wie ein Lauffeuer herumgesprochen.

„Wir werden alsbald die Verfolgung aufnehmen“ sagte Bucca. „Meldet dem König, wann und wohin wir aufgebrochen sind. Ob wir Verstärkung brauchen und wohin sie sich wenden soll entscheiden wir morgen, wenn klar ist, wer mit uns mitkommen will. Für heute Nacht bräuchten wir lediglich Unterkunft für fünfunddreißig Leute.“

Das war kein Problem, und überdies erhielt Bucca ein Bericht über alles, was von den Entführern bekannt war. Es handelte sich um Gerüchte und Vermutungen von Reisenden, die etwas von jemandem gehört hatten die gemeint hatten, etwas gesehen zu haben oder die selbst jemanden kannten, der meinte, etwas zu wissen. Aus allen Vermutungen ging eines jedoch klar hervor: die Räuber flüchteten gen Westen, scheinbar ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten und offenbar im Zickzack und ohne großes Tempo.

„Das scheint wohl leichter zu werden als gedacht“ meinte Daeros. „Wir sollten einfach die Südstraße ein Stück entlang reiten und von dort aus die Spur der Räuber aufnehmen. Zu Pferd sind wir schneller als dieser Fußtrupp.“

„Irgendwie ist mir das zu einfach“ sagte Bucca nachdenklich. „Sie gehen im Zickzack und wissen scheinbar nicht, wohin sie gehen sollen. Und wieso behalten sie ihre Grundrichtung Westen trotz allem stetig bei? Da gibt es eine große Unbekannte, und so lange wir sie nicht kennen könnte es gefährlich für uns alle werden.“

„Du meinst, da steckt ein großer Plan dahinter?“

„Entweder das oder absolute Planlosigkeit. Beides ist gefährlich für die Geiseln: entweder ist ihr Schicksal besiegelt, wenn wir einen Fehler machen, weil das diesen Plan gefährdet oder weil die Geiseln als unnützen Ballast empfunden werden. Und da sie zu viel wissen werden sie sicher nicht einfach so gehen gelassen.“

„Wie dem auch sei, wir haben jetzt eine Spur, die wir verfolgen können. Aber da mache ich mir heute Abend keine Gedanken mehr drüber. Komme was wolle, ich genieße jetzt den Luxus eines Federbettes du einer warmen Mahlzeit.“

Tags darauf standen sie früh auf. Primula war entschlossen, mit ihnen mitzureiten, und Bucca führte sie in die Waffenkammer. Dort erhielt sie ein kleines Kettenhemd, einen runden Helm und einen Schild. Ihren Rock mußte sie gegen eine Hose und einen Lederwams tauschen, und so seltsam ausstaffiert stand sie eine halbe Stunde später im Hof.

„Bucca sagte vor ein paar Tagen, ich glaube es war nachdem er die Nachricht erhalten hatte, du seiest den Räubern entflohen, daß du schon eine halbe Falbhaut wärest, und ich glaube, das trifft voll und ganz zu“ lachte Daeros.

„Was hat Bucca über mich gesagt?“ rief Primula. „Ich geb dem gleich was für eine Falbhaut! Es reicht schon, daß ich zu dieser verrückten Familie der Tuks gehöre, auch wenn ich vom Bruch heiße!“

Bucca, der von allem nichts mitbekommen hatte, blickte seine Frau verdutzt an, als er aus der Kommandantur trat und ohne Vorwarnung einen Backenstreich erhielt. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ murmelte er fassungslos.

„Nichts! Absolut nichts, du Falbhaut!“

Daeros kringelte sich vor Lachen. „Sie ist nur begeistert darüber, daß du sie vor kurzem ohne ihr Wissen in den ehrenvollen Kreis der Falbhäute aufgenommen hast. Irgendwie scheint das einer rechtschaffenen Starren gar nicht zu passen, wo die doch berühmt dafür sind, sich aus jeglichen Abenteuern herauszuhalten.“

„Ähh – ja. Soll ich das als rechtzeitige Entscheidung deuten, doch zu Hause zu bleiben und sich fürderhin nicht mehr auf den Unsinn einzulassen, den Falbhäute Abenteuer zu nennen pflegen? Ich müßte das aber bald wissen, wir haben nicht allzu viel Zeit.“

„Nein, mein lieber Bucca.“ Primula umarmte ihn und hob ihn dabei ein Stückchen hoch. „Du sollst mich nur nicht wieder eine Falbhaut nennen. Ich mag das gar nicht. Die Leute schauen schon komisch genug, wenn die Rede auf dich kommt.“

„Mich stört das nicht“ versetzte Bucca. „Was meinst du, wie die Leute dich anschauen, wenn du in dem Aufzug durchs Auenland reitest?“

„Ich werde mich rechtzeitig vor unserer Rückkehr umziehen“ entgegnete Primula. „Mich wird keiner blöd anschauen. Das wäre ja noch schöner!“

„Es wird noch schöner: wir nehmen keinen unnötigen Ballast mit, das heißt, du wirst dein Kleid, das für so eine Reise sowieso zu dünn ist hierlassen. Der Waffenmeister hat es bereits eingepackt und nach Stock geschickt. Dafür habe ich ein geräumiges Zelt eingepackt: davon haben wir alle was.“

„Das ist nicht dein Ernst, Bucca! Wie sehe ich denn aus?“

„Wie eine Kriegerin, und anders werde ich dich auch nicht mitnehmen, und das ist mein letztes Wort. Wenn du dich mit einer Falbhaut einläßt mußt du auch die Konsequenzen aus dieser Entscheidung tragen.“

„Trotzdem: ich laß dich erst dann wieder auf den Boden, wenn du mir versprichst, mich nie wieder eine Falbhaut zu nennen!“

Bucca sagte nichts, er grinste nur.

„Bucca! Jetzt versprich das endlich! In dieser verdammten Rüstung bist du schwerer als sonst und ich kann dich nicht mehr lange halten!“ japste Primula.

„Jetzt versprich schon endlich“ lachte Daeros. Ihm kamen vor lauter Lachen schon die Tränen.

„Wieso sollte ich? Ich brauch nur Falbhaut zu sagen, schon werde ich getragen. Das ist doch praktisch!“

„He! So hab ich das nicht gedacht!“ rief Primula und ließ Bucca auf den Boden fallen.

„Ich zeig dir mal was“ rief Bucca übermütig. Er hob Primula auf und trug sie herum. „Du bist in deiner Rüstung nicht viel schwerer als üblich und es ist mir ein Leichtes, dich herumzutragen. Oder hast du in den letzten Tagen so viel abgenommen, daß das sogar das Gewicht der Rüstung ausgleicht? Das wären dann ja fünfundzwanzig Pfund!“

„Du bist heute mal wieder überaus nett zu einer Dame“ lachte Daeros, der sich mittlerweile am Sattel seines Pferdes festhielt. „Wenn das mal nicht irgendwann zurückkommt. Ich hab da so meine Erfahrungen.“

„Wieso? Ich wollte damit nur sagen, daß sie so ohnehin schöner ist wie vorher. Von mir aus braucht sie nicht wieder zuzunehmen.“

„Danke, Bucca! Ich finde, ich sollte dich auch mal auf Diät setzen, du hast es gerade nötig. Wenn der edle Herr jetzt so nett wäre, mir aufs Pferd zu helfen?“

„Das Aufsitzen in Rüstung werden wir aber noch zur Genüge üben“ sagte Bucca, als er Primula aufs Pferd hob. „Spätestens wenn es zum Kampf kommt mußt du es alleine können.“

Daeros mußte noch immer lachen, als sie endlich aufbrachen. Und wenn Bucca Tage später das Wort Falbhaut sagte, brach Daeros sofort in einen Lachkrampf aus. Bucca fand, dieses Verhalten wäre kindisch.

„Na, vielleicht ist das ein erstes Anzeichen fortgeschrittenen Alters“ lachte er. „Es heißt ja, im Alter werde man wieder wie ein kleines Kind.“

„Dann müßtest du mindestens zweihundert Jahre alt sein“ fand Primula. Daeros fiel vor Lachen beinahe vom Pferd.

Sie ritten nun auf der Straße gen Süden. Sie hielten nach einer Spur Ausschau, die von der Straße weg gen Westen führte. Zwei Tage nach ihrem Aufbruch von der Sarnfurt fanden sie, was sie suchten. Deutlich war zu erkennen, daß vor höchstens drei Tagen ein Trupp die Straße gekreuzt hatte. Sie bogen in die Wildnis ein.
Bucca ritt für eine kleine Weile vorneweg. Er trieb sein Pferd auf einen Hügel und suchte die Umgegend ab. Offenbar hatte er etwas Interessantes gesehen, denn er ritt nach einer kleinen Weile in höchster Eile zu den anderen zurück.

„Keine zehn Wegstunden weiter westlich ist eine große Staubwolke zu sehen. Es sind offenbar die, die wir suchen. Heute noch, spätestens morgen dürften wir sie eingeholt haben.“

„Ist zu erkennen, wie viele es sind?“

„Das kann ich nicht genau sagen. Der Größe der Staubwolke nach zu urteilen müßten es mindestens vierzig Menschen sein. Es könnten durchaus aber mehr sein.“

„Die können wir unmöglich alleine bekämpfen“ meinte Daeros. „Wir sollten Hilfe holen.“

„Wir können nur hoffen, daß der König uns die Leute nachschickt, um die wir gebeten haben. Wenn nicht, dann brauchen wir eine andere Lösung.“

„Und die wäre?“

„Du stellst Fragen. Wir müssen den Gefangenen irgendwie zur Flucht verhelfen. Oder wir könnten sie freikaufen.“

„Freikaufen scheidet aus, glaube ich. Erstens haben wir bei weitem nicht genug Geld, zweitens werden sie dann immer wieder Leute entführen. Den Gefangenen zur Flucht zu verhelfen klingt da schon besser.“

„Zuallererst sollten wir die Räuber einholen. Mal sehen, wie die Lage dann aussieht. Vielleicht ist die Lösung ja ganz einfach.“

Sie ritten vorsichtiger als vorher weiter, schließlich konnten die Reiter jetzt jederzeit auf den Räubertrupp treffen, wenn diese eine Rast eingelegt hatten. Der Tag verlief jedoch ohne Zwischenfälle, und außer Vögeln sahen sie keine zweibeinige Lebewesen.
Als die Sonne unterging machten die Drei Rast. In der Ferne sahen sie den Widerschein eines großen Lagerfeuers.

„Sie sind ganz nah“ sagte Bucca. „Vielleicht sollte ich ein wenig die Lage erkunden, so lange es dunkel ist.“

„Mach das.“ Daeros blickte Bucca nach, der im Dunkeln verschwand. „Mach dir keine Sorgen um ihn“ sagte er zu Primula. „Ihm kommen bei solchen Erkundungsritten immer die besten Ideen. Vielleicht haben wir morgen ja schon unsere Mission erfüllt.“

Bucca ritt langsam und vorsichtig auf den Lichtschein zu. Er achtete darauf, nie direkt von ihm angeleuchtet zu werden. Schließlich war er in Hörweite der Räuber. Diese schienen in eine hitzige Diskussion verstrickt zu sein.

„Nee, es macht keinen Sinn weiterzuziehen“ sagte einer. „Was bringt das, Gefangene ziellos mit uns rumzuschleppen? Und überhaupt: was sollen wir hier?“

„Hast du Stroh im Kopf“ fragte ein anderer. „Der Boß hat gesagt, er erwartet uns mit den Gefangenen im Westen. Wir müssen noch ein Stück weiter gehen.“

„Und dann finden wir ihn? Bist du dir da sicher? Ich nicht. Wer weiß, was du da für einen Schrott gehört hast. Wie heißt er denn, dein Boß und welche Belohnung gibt er uns? Noch nicht mal das kannst du uns sagen. Vielleicht war die Plackerei für uns ganz umsonst, weil du irgendwelchen Hirngespinsten aufgesessen bist.“

Mehrere Räuber schrieen zornig auf. Messer wurden gezogen. „Das nimmst du sofort zurück, du Idiot!“ brüllte der andere.

„Ich nehm nichts zurück“ meinte der erste scheinbar unbeeindruckt. „Los, stich nur zu. Ohne uns bist du doch gar nichts.“

„Ruhe jetzt! Das reicht!“ rief ein anderer, der der Häuptling zu sein schien. „Der Boß wird euch allesamt den Hals rumdrehen, wenn ihr so weitermacht. Nicht nur daß ihr Hornochsen eine große Schlacht vermasselt hat, ihr habt euren König im Stich gelassen. Und jetzt ist es offenbar noch zuviel verlangt, einem seiner Generäle zu folgen. Er hat mir befohlen, im Westen auf ihn zu warten. Mit den Gefangenen hat er Großes vor, heißt es.“

„Heißt es, heißt es“ erwiderte der erste hitzig. „Immer nur höre ich `heißt es´ und es tut sich nichts. Und von `heißt es´ wird keiner satt. Warum gehen wir nicht zu seiner Sippe und lassen ihn freikaufen? Von dem Geld könnten wir gut leben.“

„Nicht, wenn der Große Herr hinter dir her ist, und das ist er, wenn du ihn verrätst. Und so lange du in meinem Trupp bist wirst du verdammt noch mal das tun was ich sage.“

Mehrere Räuber murrten. „Laß die Schwächlinge doch gehen“ meinte der, der als zweites gesprochen hatte und offenbar auf der Seite des Häuptlings war. „Wer wird uns hier in der Einsamkeit was wollen? Niemand. Laß die doch gehen und von den Hobbitkriegern im Wald abgemurkst werden, wie die, die auf den dritten angesetzt waren. Dann halten die uns wenigstens diese kleinen Nervensägen vom Hals.“

„Wenn ihr wüßtet“ dachte Bucca. Dann spitzte er wieder die Ohren, denn der Häuptling sprach wieder.

„Von mir aus!“ rief er. „Wer will soll gehen, aber ich will keine Beschwerden hören, wenn wir die Belohnung kriegen und ihr dann nicht! Und wenn der Große König euch jagen wird, dann will ich erst recht nichts hören! Meine Erlaubnis habt ihr!“

„Dein Großer König ist abserviert und nichts als ein Hirngespinst“ sagte der eine. „Wir hätten uns schon früher Arnor unterwerfen sollen, dann wären wir vielleicht nicht frei, aber satt. Das werden wir tun. Wir gehen nach Norden. Das einzige, was ich satt habe ist dieses Leben!“ Mit diesen Worten standen er und viele andere auf und packten ihre Siebensachen zusammen. Bucca machte sich aus dem Staub.

„Das läuft besser als gedacht“ dachte er bei sich. „Wen die mit dem Großen König meinen gefällt mir gar nicht. Und wenn seine Hauptleute sich hier herumtreiben dann paßt mir das noch weniger. Ich glaube, nicht nur der Alte Wald muß gesäubert werden.“

Daeros und Primula waren hoch erfreut, ihn wohlbehalten zurück zu haben. Bucca berichtete knapp von dem, was er gehört hatte. Staunend hörten die beiden zu.

„Viele setzen sich ab und wollen sich dem König ausliefern? Na, wenn das nicht gut klingt.“

„Ich trau dem nicht, Daeros. Was ist, wenn sie wirklich auf Truppen des Königs treffen? Ich würde es nicht ausprobieren wollen. Wir müssen höllisch aufpassen, nicht entdeckt zu werden. Wenn die Deserteure weg sind dürften wir es leichter haben, was die Stärke der Feinde angeht. Sie rechnen nicht damit, angegriffen zu werden, aber sie werden nur um so schneller versuchen, ihr Ziel zu erreichen.“

„Ich werde Wache halten, und du legst dich jetzt ein wenig hin“ bestimmte Daeros. „Ich habe so ein Gefühl: morgen wird ein anstrengender Tag.“

Die Nacht war ohne größere Zwischenfälle vergangen. Zwei Stunden nach Buccas Rückkehr hatte Daeros gehört, wie ein Trupp Menschen gen Osten zog, dann war wieder alles ruhig gewesen. Bucca hatte selig wie ein Murmeltier geschlafen und von allem nichts bemerkt.

Am nächsten Tag ritten sie vorsichtig weiter. Die verbliebenen Räuber schienen noch immer unschlüssig zu sein, was sie jetzt tun sollten, jedenfalls waren sie noch immer nicht weitergezogen. Bucca schlich sich wieder an sie heran.

„Wir sollten aufbrechen, sage ich euch, und zwar gleich“ sagte der Hauptmann. „der General erwartet uns irgendwo dort drüben.“ Er deutete mit dem Arm gen Westen.

„Und wo genau ist das?“ fragte ein anderer.

„Das weiß auch nicht genau. Mir wurde nur gesagt, im Westen.“

„Und was ist, wenn dort keiner ist? Wir suchen nun schon seit Tagen und finden niemanden. Keine Spur von irgendwelchen glorreichen Kriegern, seien sie unsere eigenen oder unsere Gegner. Nichts außer Gras und Gestrüpp. Was, wenn uns einer angeschmiert hat?“

„Dann gnade demjenigen der Große König“ knurrte der Anführer. Bucca schien es, als ob Zweifel in ihm aufstiegen. Vielleicht ließe sich das ausnutzen? Offenbar standen die Räuber kurz vor dem Aufbruch. Rasch schlich er zu den anderen zurück.

„Sie wollen aufbrechen“ sagte er knapp. „So langsam scheinen denen Zweifel zu kommen, ob es hier in dieser Gegend irgendwelche Diener des Hexenkönigs gibt. Wenn denen diese Zweifel zur Gewißheit werden können wir für die Geiseln nur noch beten.“

„Wie viele sind geblieben?“

„Vielleicht zehn oder zwölf, keinesfalls mehr.“

„Ach komm, Bucca, die schaffen wir“ lachte Daeros. „Für Primula könnten wir auch was übrig lassen, so zum Einstieg.“

„Vielleicht könnte man die ja übertölpeln. Du weißt ja, ich hab nur ungern eine Übermacht gegen mich, seien sie auch noch so schlecht bewaffnet. Außerdem töte ich nicht gern.“

„Ich weiß. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Zum Töten braucht es einen, nicht zwei und ich möchte nicht, daß du dich in unnötige Gefahr begibst.“

„Das werde ich sicher nicht tun. Ich meine nur, wenn die klein beigeben bringen wir sie zum König, auf daß er über sie richte und nicht wir.“

„Das sowieso. Am besten schleichen wir uns an und greifen überraschend aus der Deckung heraus an. Wir müssen versuchen, sie von ihren Gefangenen zu trennen. Alles weitere sehen wir, wenn wir da sind.“

Leise ritten sie los. Primula hatte zwar schon das Schwert geführt, das hatte sie an der Grauflut oft tun müssen, aber in einen durchgeplanten Kampf zu ziehen und anzugreifen, das war etwas völlig Neues. Sie rief sich noch einmal alles ins Gedächtnis, was Bucca ihr über den Schwertkampf beigebracht hatte, trotzdem war sie bis aufs Äußerste angespannt.
Die Räuber waren noch immer nicht aufgebrochen. Ihr Gepäck lag noch so auf dem Boden wie sie es am Abend zuvor hingeworfen hatten. Es schien wieder mal eine Meinungsverschiedenheit zu geben, und offenbar drehte es sich jetzt um die Gefangenen. Bucca zog sein Schwert und griff mit lautem Kriegsgeschrei an.
Die Räuber waren absolut überrascht, mitten in der Einöde Harlindons an der einsamen Westküste Mittelerdes von Rittern von Arnor angegriffen zu werden. Gegen die wohlbewaffneten und bestens ausgebildeten und geübten Ritter waren sie machtlos, und rasch waren sie in der Minderzahl. Der Häuptling blieb als einziges übrig, und schließlich warf er seine Waffen weg und flehte um Gnade.
Daeros fesselte ihn hart und unbarmherzig, und anschließend fragte er ihn über alles aus, was er wissen könnte. Bucca suchte derweil nach den gefangenen Elben. Sie waren irgendwo zu sehen, und das beunruhigte ihn.

Der Gesetzlose lachte rauh. „Such die nicht länger, kleiner Wicht. Die hab ich von meinen Leuten abmurksen lassen, ehe ihr angegriffen habt. Wir können ja Verstecken spielen: ich hab sie versteckt und du findest sie nicht.“

„Wir können ja auch Metzger spielen“ antwortete Bucca gereizt. „Du bist das Schwein und ich der Schlachter. Was hältst du davon?“

Bucca zog sein Messer. Der Räuber riß vor Schreck weit die Augen auf. „Na also, diese Sprache verstehst du“ sagte er dann ruhig. Er setzte sich auf einen Stein und reinigte mit dem Messer seine Fingernägel. „Was ist? Geruhen der Herr jetzt zu reden oder soll ich vielleicht doch andere Seiten aufziehen? Überreize mich nicht.“

„Ich...ich weiß nicht, wo die anderen die Elben hin haben. Sie haben sie vorhin weggeführt und sind ohne sie zurückgekommen. Da runter sind sie gegangen.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung Westen. Dort war eine Senke.

„Ich schau mir das mal an“ sagte Bucca zu Daeros. „Wenn du gelogen hast wirst du ein Problem kriegen“ fauchte er den Räuber an. Dieser schrak zusammen und sagte nichts mehr.

„Sei ja vorsichtig“ sagte Daeros. „Wer weiß, was da ist. So ganz geheuer ist mir bei dieser Sache nicht. Das geht alles zu glatt.“

„Für mich ist das auch zu einfach. Seid wachsam. In spätestens einer Stunde bin ich zurück. Falls nicht, reitet mir nicht nach, denn dann war das eine Falle. Dreht diesem Spießgesellen dann in meinem Namen den Hals herum und reist nach Hause.“

Primula gefielen diese Worte gar nicht. Buccas Worte über den Räuber gefielen ihr schon nicht, aber seine düsteren Anweisungen klangen fast wie eine Prophezeiung, fand sie. Mit schwerem Herzen sah sie Bucca nach, als er langsam in der Senke verschwand.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchte der Hobbit wieder auf. Er war zu Fuß unterwegs und führte sein Pferd. Auf dem Tier saß ein Elb, ein weiterer stützte sich humpelnd auf den Hobbit. Ihre Kleidung war zerrissen und zerfetzt, und viele alte und neue Wunden bedeckten ihre Körper. Primula und Daeros gingen ihnen entgegen.

„Dem Himmel sei Dank!“ rief Daeros. „Ihr lebt, wir befürchteten das Schlimmste!“

„Ich bin Fingor und das ist Celegorm“ sagte der Elb, der sich auf Bucca stützte. „Wir waren zu dritt, aber was mit unserem Kameraden passiert ist, wissen wir nicht. Welches Schicksal Galdor ereilt hat können wir nur vermuten.“

„Ein besseres als Eures“ sagte Bucca. Der Elb sah ihn mit großen Augen an. „Er ist Euren Entführern entkommen. Wir trafen ihn im Alten Wald, und er bat uns um Hilfe. Jetzt ist er in Arnor und erholt sich von seinen Strapazen.“

„Na, wenn das keine guten Nachrichten sind! Gepriesen seien die periannath!“ rief Celegorm.

„Ihr seid müde und verwundet“ sagte Primula. „Ihr braucht erstens etwas zu essen und dann müssen wir so schnell wie möglich zurück nach Arnor, wo unsere Ärzte Euch besser helfen können als wir hier in der Wildnis. Außerdem werdet Ihr dort Euren verlorenen Gefährten wiedersehen.“

Schweigend aßen sie von ihren mitgebrachten Vorräten. Bucca blickte beim Essen nachdenklich gen Osten, er schätzte den Weg ab und wie lange sie wohl bis ins Westviertel brauchen würden. Sie waren zu Fuß, denn für die Elben gab es keine Pferde. Plötzlich stutzte er. Täuschte er sich oder war da eine Staubwolke?

„Ich seh mal nach, was das ist“ meinte er knapp und schwang sich in den Sattel.

„Das werden die wegziehenden Räuber sein.“

„Vorsicht ist die Rettung der Speisekammer. Ich schau mal nach. Macht Euch für eine rasche Flucht bereit!“

Primula und Daeros packten rasch ihre Sachen zusammen und löschten das Feuer. Wo nur blieb Bucca? Er war schon viel zu lange weg, und die Staubwolke kam immer näher. Schweren Herzens meinte Daeros, sie sollten aufbrechen.
Plötzlich zerriß ein Hornstoß die Stille. Der Mensch riß seine Augen weit auf vor Staunen. Solche Kriegshörner wurden nur von Elben benutzt! Er saß auf und ritt ihnen entgegen.

„Daro!“ Der Elb, der an der Spitze des Heeres ritt machte Daeros unmißverständlich klar, was er zu tun hatte. „Wer seid Ihr, und was macht Ihr hier?“

„Räuber verfolgen und zur Räson bringen“ sagte Daeros. „Einige hatten zwei Elben gefangen, die wir heute befreit haben. Sie sind bei uns und brauchen Hilfe.“

Der Elb gab einige Anweisungen. Mehrere Elbenkrieger zogen Daeros vom Pferd und hielten ihn fest. Andere suchten die Umgebung nach den beiden Elben ab.

„In wessen Auftrag reitet Ihr hier in unserem Reich?“ Daeros war nicht erbaut über die Art und Weise, wie der Elb das Verhör führte.

„Im Auftrag und auf Geheiß des Königs von Arnor. Seine Majestät wurde von Boten aus Bruchtal um Hilfe gebeten. Wir brachen unverzüglich auf.“

„Wer ist wir? Meint Ihr vielleicht den Hobbit, den wir eben gefangen hatten? Er leistete keine Gegenwehr, sie scheinen keine besonderen Krieger zu sein.“

„Er ist anders als so mancher große Hauptmann in der Lage, Freund von Feind zu unterscheiden, außerdem war er bei Tom Bombadil und Goldbeere zu Gast und ist dort jederzeit willkommen. Außerdem hat er vor nicht allzu langer Zeit in einer für die Elben des Westgebirges nicht ganz unbedeutenden Schlacht mitgekämpft.“

„In einer für uns nicht unbedeutenden Schlacht?“ fragte der Elb scharf. „Es gab in der letzten Zeit nur eine solche Schlacht und nur ein Hobbit kämpfte in ihr, soweit ich weiß.“

„Euer Wissen trügt Euch nicht. Ich bin Daeros vom Abendrotsee und Euer kleiner Gefangener wird Bucca vom Bruch genannt. Und wenn Ihr kein Verbündeter des Hexenkönigs seid, dann tut Ihr gut daran, ihn freizulassen. Immerhin hat er die Entführten befreit.“

„Aber wo sind sie? Meine Leute können sie nicht ausfindig machen.“

„Bringt ihn her. Er wird Euch führen.“

Der Elb erteilte einen Befehl, und Bucca wurde gefesselt herbeigebracht. Er schien alles andere als zufrieden mit seiner Situation zu sein.

„Bring uns zu unserem Lager“ sagte Daeros knapp. Die Fesseln wurden gelöst, und mit einem unwirschen Gesicht ging Bucca voran.

„Täusche uns nicht, Hobbit, sonst werden wir dich vor unseren König bringen“ sagte der Elb. Bucca lag ein bissiger Kommentar auf den Lippen, aber er sagte nichts.

Nach wenigen Minuten standen sie dort, wo die drei noch vor einer Stunde gelagert hatten. Fingor und Celegorm waren mehr als erstaunt, als plötzlich ein Elbenheer vor ihnen stand. Primula staunte ebenfalls nicht schlecht.

„Ihr wart jedenfalls nicht unredlich“ sagte der Elbenhauptmann. „Zu den Räubern gehört Ihr allem Anschein nach nicht.“

„Das sind Ritter von Arnor“ sagte Celegorm. „Der perian hat uns vor dem sicheren Tod gerettet.“ Dann erzählte er die ganze Geschichte seit ihrer Gefangennahme.

Fingor und Celegorm waren unweit der Wetterspitze von den Räubern gefangengenommen worden. In ungezählten Tagen wurden sie über die weiten, baumlosen Ebenen getrieben. Die Räuber sprachen von einem General, der im Auftrag des Hexenkönigs handelte, und hier im alten Elbenreich von Harlindon sollten sie in einem blutigen Ritual Morgoth geopfert werden. Die Senke war offenbar ein lange ausgemachter Treffpunkt, und heute Nacht sollte die Opferung sein. Aber Bucca fand sie gefesselt und geknebelt, und so waren sie jetzt befreit, aber noch lange nicht in Sicherheit.

„Das alles erfüllt meinen Herr Círdan mit Sorge“ sagte der Hauptmann. „Gerüchte darüber hat er schon häufiger gehört und uns deswegen ausgesandt. An Euch, Herr Daeros habe ich keinen Zweifel mehr. Ihr seid einer der Dúnedain, mit denen wir seit alters her befreundet sind. Nur den Hobbit kann ich nicht einschätzen.“

„Er ist ein enger Vertrauter des Königs von Arnor und für seine Verdienste hoch geehrt worden“ entgegnete Daeros. „Immerhin hat er den Hexenkönig zum Kampf herausgefordert, und das taten bislang nur wenige.“

„Und noch weniger sind lebend aus solche einem Kampf herausgekommen. An diesem Hobbit scheint mehr zu sein als das Auge sieht. Dennoch habe ich einen Befehl: alle, die sich hier ohne Erlaubnis des Königs aufhalten und die nicht mit uns verbündet sind gefangen zu nehmen oder wenigstens des Landes zu verweisen.“

„Er ist ein Ritter von Arnor wie ich und allein deshalb mit Euch verbündet. Und was seine Taten angeht, so solltet Ihr ihn ehren.“

„Das ist nicht nötig“ sagte Bucca scharf. Mit wachsendem Ärger hatte er der Unterhaltung zugehört. „Gegen den Hexenkönig habe ich gekämpft, weil es meine Pflicht war und ist, und weil es meine Pflicht ist, meine Heimat zu schützen. Fingor und Celegorm habe ich nicht alleine befreit, meine Frau Primula und Herr Daeros hatten ihren Anteil daran. So viel dazu. Vielleicht möge sich der Herr Hauptmann einmal umdrehen, oder hat sein wachsames Auge vielleicht die Staubwolke übersehen, die hinter ihm in den Himmel steigt? Und eine weitere steigt von Osten auf. Wäre es vielleicht zuviel verlangt, erst einmal zu klären, was es damit auf sich hat? Celegorm sprach von Gefahr, und das dürfen wir bei allem Bereden und Taktieren nicht vergessen. Denkt daran, daß der Hexenkönig noch nie beredet hat. Tot ist er nicht, denn einen Geist kann man nicht so ohne weiteres töten.“

Der Hauptmann drehte sich um und schickte Kundschafter aus. Elbenwächter ließen Bucca nicht aus den Augen, aber er durfte sich immerhin frei bewegen. Primula fragte sich, was ihn so gereizt hatte und was die Wachen sollten.

Nach einer halben Stunde kamen die Kundschafter zurück. Atemlos berichteten sie von einem Orkheer, und ein Schwarzer Númenórer ritt an seiner Spitze. Es kam von Norden, und die Elben waren in Sorge.

„Hab ich doch gesagt, daß das nicht alles war“ brummte Bucca. „Heute werden wir noch kämpfen müssen. Primula, halte dich bitte im Hintergrund. Es wird noch gefährlich genug.“

Die Staubwolke im Osten kam auch immer näher. Und die Kundschafter, die dorthin geritten waren, waren nicht zurückgekehrt.

„Hier herrscht vielleicht ein Trubel“ knurrte der Hobbit. „Ist ja mehr los als auf dem Marktplatz in Königsnorburg. Ich dachte, diese Wildnis wäre eine einsame Gegend und kein Rummelplatz.“

„Bucca, das ist nicht die Zeit für schwarzen Hobbithumor“ sagte Daeros entgeistert. „Ich weiß, die Elben haben dich nicht gerade fein behandelt, aber die Lage ist doch zu ernst für solche Witze.“

„Find ich nicht. Wir haben den König doch um Verstärkung ersucht. Zeit und Richtung passen genau. Ich wette um ein Festmahl, wir stehen nicht alleine.“

„Da halte ich dagegen: wir haben es mit noch mehr Feinden zu tun. Der anrückende Trupp kann genauso gut aus dem Alten Wald sein, aus dem die Räuber mittlerweile durch unsere Ritter vertrieben wurden.“

„Topp, die Wette gilt!“ Bucca schlug ein. Primula stand kopfschüttelnd neben den beiden.

„Mir egal, wer von euch beiden das Festmahl für unsere Siegesfeier gibt“ meinte sie. „Hauptsache wir kommen lebend da raus. Ich glaube, es war ein Fehler, mich auf dieses Abenteuer einzulassen.“

„Das hab ich auch schon ein paarmal gesagt“ antwortete Bucca. „Wir dürfen jetzt nicht an so was denken sondern wir müssen uns auf die Schlacht konzentrieren, und auf nichts anderes.“

Nach einer Stunde bangen Wartens war die östliche Staubwolke fast bei ihnen. Die elbischen Kundschafter ritten voran, und sie kündigten das Kommen der Ritter von Arnor an. Daeros staunte, aber Bucca sagte, er habe das gewußt.

„Alles reine Berechnung“ lachte er. „Wenigstens ist die Verstärkung rechtzeitig eingetroffen.“

Natürlich begab Bucca sich in die arnorischen Reihen. Es wurde dunkel, und der Feind rückte näher. Fackeltragende Orks waren schon in Sichtweite. Daeros war bei den Elben geblieben, er war der Ansicht, daß sie vielleicht ein wenig hochmütig, aber unerfahren im Kampf gegen Orks waren. Bucca war jedoch der Meinung, daß sie sich in ihrem Hochmut ruhig einmal eine blutige Nase holen sollten; schließlich hatten sie ihn nicht gerade freundlich behandelt. Primula hielt sich an Bucca, sie wollte nicht von seiner Seite weichen (sie war der Meinung, wo er war, war es am Sichersten) außerdem fühlte sie sich inmitten der vielen hochgewachsenen Krieger ein wenig verloren.
Die Menschen lächelten über die beiden kleinen Hobbits, die ungeduldig in vorderster Reihe mit gezogenen Schwertern auf den Befehl zum Angriff warteten. Die Orks waren nun schon fast auf Bogenschußweite an das arnorische Heer herangekommen. Nach einem kurzen Moment begrüßte eine wohlgezielte Pfeilsalve die Feinde, und viele Orks der ersten Reihen fielen. Salve um Salve dezimierte die Zahl der Feinde, die ihrerseits nur wenig Bogenschützen in ihren Reihen hatten, deren Waffen zudem nicht die Reichweite der großen Menschenbogen hatten. Das Reiterheer bleib noch auf seinem Platz.
Endlich kam der Befehl zum Angriff. Bucca gab seinem Pferd die Sporen, und Primula setzte ihm nach. Die beiden ritten an der Spitze der Ritter und niemand schaffte es, sie einzuholen.

„Schaut euch die beiden Heißsporne an“ rief Daeros, der eine Kompanie Elben anführte. „Wenn das kein Mut ist, was ist es dann?“

Aber nicht nur die Elben staunten über die beiden kleinen Hobbits, die wie große Helden aus dem längst vergessenen Ersten Zeitalter über die Feinde herfielen. Hatten die Orks zuerst noch über die beiden gelacht und für leichte Beute gehalten, so verging ihnen das jetzt gründlich. Die beiden Hobbits waren trotz ihrer Rüstungen bedeutend leichter als die Menschen, und so konnten sie ihre kräftigen Schlachtrösser sogar mit einer leichten Lederpanzerung gegen Schwertstreiche und verirrte Pfeile schützen, was bei den Menschen nicht mehr möglich war. Viele der Ritter waren schon gezwungen, zu Fuß weiterzukämpfen, aber gegen den Zorn der beiden Hobbits konnten die Feinde nichts machen. So kam es, daß Bucca und Primula immer die Keilspitze der Angriffswelle bildeten, und sie fügten ihren Feinden großen Schaden zu. Immer weiter kämpften sich die beiden in die feindlichen Reihen hinein, bis sie schließlich vor dem Schwarzen Númenórer standen, der das Orkheer befehligte. Bucca sah ihn von oben bis unten an und lachte. Es war mehr als das übliche Hohnlachen, das Wortgeplänkel, das dem Zweitkampf vorausging. Dieser Mensch war zwar hoch gewachsen, aber nur aus der Ferne schien er kräftig zu sein. Aus der Nähe betrachtet war es Fett, das er beim faulen Herumliegen angesetzt hatte, und die Rüstung, die er trug schien schon länger nicht mehr zu passen.

„Haben der edle Herr etwa nicht den Mut, sich einem kleinen Halbling zu stellen oder warum sonst schickt er seine Leute voraus und hält sich hinter ihnen verschanzt wie das Mütterchen hinterm Ofen?“

„Spotte du nur, du kleines Würstchen. Der Hexenkönig wird bald über dir sein.“

„Ja, träume weiter. Erstens hat dein Hexenkönig hier nichts zu melden und zweitens habe ich schon das seltene Vergnügen gehabt, ihn in die Flucht zu schlagen. Ich vermute, wenn er den Namen Bucca vom Bruch hört wird er sich vor Angst in einer tiefen, dunklen Höhle verkriechen und für Zeitalter nicht mehr gesehen werden.“

Der Mensch schien verblüfft darüber zu sein, daß die ansonsten hochwirksame Drohung mit dem Hexenkönig hier nichts nützte. Mit dieser Drohung hatte er den Zutritt zu Harlindon erzwungen, mit dieser Drohung war ein großes Elbenheer vor ihm gewichen und jetzt? Ein kleiner Hobbit spottete darüber! Das weckte unangenehme Erinnerungen.

Aber allzu viel Zeit zum Nachdenken hatte der Mensch nicht. Bucca war des Wartens überdrüssig und führte den ersten Streich. Ein simpler Frontalangriff, gut durch den Schild gedeckt und normalerweise immer vom Gegner abgewehrt, aber dieses Mal nicht. Dieses Mal fügte Bucca seinem Gegner eine tiefe Fleischwunde zu. Die stählernen Armschienen waren nicht nur ungepflegt, sie waren fast durchgerostet! Bucca griff weiter an. Der Mensch schien seine letzte Fechtstunde bereits vor Jahren gehabt zu haben. Jedenfalls kam trotz der wachsenden Zahl von Wunden und der steigenden Schmerzen keine nennenswerte Gegenwehr.
Primula hielt ihrem Gemahl den Rücken frei, aber als die Orks sahen, daß ihr Anführer bedrängt wurde, drängten sie zu ihnen hin. Es machte immer weniger Sinn, diesen Kampf auf bald verlorenem Posten zu führen, und so zogen die beiden sich langsam in die Reihen Arnors zurück. Die Ritter umschlossen sie und die beiden konnten sich nach hinten zurückziehen.

„Das war ein mächtiger Zweikampf, Herr Bucca!“ meinte der Elbenhauptmann. „Niemand wagt sich einfach so, einen General des Hexenkönigs zum Zweikampf herauszufordern, vor allem dann nicht, wenn er sich auf grausame Weise den Zutritt zu unserem Reich erzwungen hatte.“

„Unter einem mächtigen Zweikampf verstehe ich etwas anderes, bitte um Entschuldigung“ lachte der Hobbit. „Der hatte überhaupt keine Ahnung, wie das Schwert geführt wird, er ist fett und träge und seine Rüstung paßt nicht und ist schlecht instandgehalten. Eigentlich kein Gegner, der mir ebenbürtig ist und hätten die Orks uns nicht bedrängt oder wir da vorne mehr Unterstützung gehabt, dann wäre der Kampf schon entschieden.“

„Trotzdem staune ich immer wieder über deinen Mut, Bucca“ sagte Eldacar, der das Heer aus Arnor anführte. „Ich habe schon über deinen Mut gestaunt, als ich noch dein Knappe war und du die Räuber vom Abendrotsee vertrieben hattest, aber das ist eines Liedes wert.“

„Dennoch geht die Schlacht weiter und hängt noch immer in der Schwebe“ entgegnete Bucca. „Wir sollten jetzt zusehen, daß die Feinde besiegt werden. Und daß mir dieser fette faule General entkommen ist, das wurmt mich. Überlaßt ihn mir, wenn ihr ihn seht.“

Die anderen lachten, und sie ritten in den Kampf zurück. Die wenigen verbliebenen Orks kämpften verzweifelt und versuchten, in Richtung Osten auszubrechen. Aber Bucca stand dort mit dem Heer aus Arnor, und sie hielten den Feind auf grausame Weise auf dem Schlachtfeld, wo ihn sein Schicksal rasch ereilte. Noch vor Mitternacht hatten sie die Orks besiegt und kein Feind regte sich mehr. Nur diesen General hatte Bucca vergeblich unter den Gefallenen gesucht. Elben berichteten, er hatte sich mit einer kleinen Gruppe abgesetzt, so lange er noch die Zeit dazu hatte.

„Wir müssen ihn verfolgen und stellen“ sagte Bucca. „Er wird ansonsten mit einem neuen Heer wiederkommen und neues Unheil anrichten.“

„Ach komm, Bucca. Er ist dir entkommen und das wurmt sich“ entgegnete Eldacar.

„Das mag sein. Er wollte aber seine Gefangenen in irgendeinem grausamen Ritual opfern, und das ist ihm ja nun nicht gelungen. Er wird dies wieder tun, wenn er nicht aufgehalten wird. Es ist nur um so wichtiger, ihn zu fangen, wenn sich dieser grausame Tag nicht wiederholen soll oder gar noch grausamer endet.“

„Wie dem auch sei: die Elben haben uns zu einer Siegesfeier eingeladen, und sie soll hier in zwei Tagen stattfinden. Es wäre mehr als unhöflich, ihre Gastfreundschaft abzulehnen.“

„Ich für meinen Teil hatte die sagenhafte Gastfreundschaft der hiesigen Elben schon genießen dürfen und es reicht eigentlich für meinen Teil. Außerdem möchte ich nicht von einem Sieg sprechen, wenn der Übeltäter noch auf freiem Fuß ist. Und ich werde sofort die Verfolgung aufnehmen, alleine, wenn es sein muß.“

„Ich komme mit“ sagte Primula.

„Auch ich werde dich nicht alleine lassen“ sagte Daeros. „Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen und ich muß noch ein Festmahl ausrichten, aber ein elbisches Festmahl auszulassen, das dauert mich schon. Aber du hast recht: so lange dieser General die Gelegenheit zum Entfliehen hat besteht die Gefahr, daß er wiederkehrt. Und er wird aus seinen Fehlern gelernt haben. Ich gehe mit dir.“

„Gut“ erwiderte Bucca. „Geht sonst noch jemand mit? Nein? Nun, die anderen werden die Aufgabe haben, mich würdevoll zu vertreten“ lachte er. „Ich werde es an eurem Gewicht überprüfen, ob ihr einen Hobbit würdig vertreten habt.“

Die anderen lachten, und Bucca ging, um seine Satteltaschen zu packen. Primula kam mit ihm, sie wollten ihre Vorräte auffüllen, denn sie rechneten damit, ihrem Feind tagelang auf den Fersen sein zu müssen.

„Was ist denn mit Bucca los?“ fragte Eldacar. „Normalerweise läßt der doch kein Festmahl aus. Und er scheint überdies einen Grimm auf die Elben hier zu haben.“

„Sie haben ihn fälschlicherweise für einen Räuber gehalten und gefangen genommen. Und diese Behandlung hat ihm überhaupt nicht gefallen, vor allem weil sie ihm noch nicht einmal die Gelegenheit gaben, sich vorzustellen und sich zu erklären.“

„Ja, auch mir scheint, diese Elben hier haben wenig Ahnung von der Kriegsführung und allem, was dazugehört“ sagte Eldacar leise. „Hochmütig wie die Noldor sind sie, aber wehe, jemand greift sie an. Aber Bucca ist wirklich sauer.“

„Ja, ich glaube, heute ist er mit dem falschen Fuß aufgestanden“ lachte Daeros. „Aber ich habe so eine Vermutung, daß er sich noch vor dem Schlafengehen austoben kann. Und er hat ja recht: dieser General muß gestellt werden.“

Keine halbe Stunde später hatten die drei die Verfolgung aufgenommen. Die Spur war noch frisch, und wie ein Bluthund heftete Bucca sich an die Fersen dieses Schwarzen Númenórers. Was das für eine Sorte Mensch war wußte der Hobbit nicht, aber die bloße Erwähnung von ihnen brachte Daeros in Rage. Offenbar waren es besonders grausame Feinde, vermutete Bucca.
Wie der Wind galoppierten sie der Spur nach in Richtung Westen. Das Meer kam in Sichtweite, und auf dem Strand waren im hellen Mondlicht drei Gestalten deutlich zu sehen. Bucca deutete wortlos in deren Richtung, und sie hielten auf sie zu.
Es waren der General, der sich mit zwei Getreuen vom Heer abgesetzt hatte bevor es zu spät war; Bucca nannte das treulos und feige, aber Daeros sprach von einer Taktik, die beim Feind durchaus üblich war. So konnte der Anführer seine Aufgabe vielleicht doch noch beenden.

Mit lautem Geschrei griff Bucca an. Primula und Daeros folgten ihm, und rasch hatten sie ihre Feinde gestellt. Die beiden Adjutanten hatten ihre Schwerter gezogen, aber Daeros und Primula hatten mit ihnen kurzen Prozeß gemacht und so stand der Schwarze Númenórer alleine da. Bucca lachte ihn aus.

„Na, und welchen Mut bringen der Herr Deserteur jetzt auf? Ist schon schlimm, so ohne Beschützer, die alle Arbeit für einen erledigen, was? Ich will dir was sagen: ich bin für Waffengleichheit, deswegen werden sich meine Begleiter bei unserem Kampf auch zurückhalten. Nur Zeit, so viel Fett anzusetzen habe ich leider nicht.“

„Wage es nicht, einen Vertrauten des Hexenkönigs anzugreifen“ sagte der Mensch kläglich.

„Diese Nummer zieht bei mir nicht. Hast du das schon vergessen?“ Bucca hatte Mühe, nicht in einen Lachkrampf auszubrechen. „Meine Güte. Entweder ergibst du dich gleich und ersparst dir große Pein, oder du stellst dich dem Kampf. Diese letzte Chance gebe ich dir: ergib dich und stelle dich dem gerechten Urteil des Königs von Arnor!“

„Das gebe ich dir!“ rief der Mensch und riß sein Schwert aus der Scheide. Er drosch auf Bucca ein, der behende den Schlägen auswich und dabei selbst angriff. Mit jedem Schlag fügte der Hobbit seinem Gegner Schmerzen und blutende Wunden zu, und Daeros schien, er spielte mit dem General wie eine Katze mit ihrer Beute, bevor sie zuschlug. Bucca führte regelrecht eine Art Tanz auf, und der Mensch wurde rasch matt und müde. Aber der Hobbit war noch nicht in der Laune, seinen Gegner zu entwaffnen. Er spielte immer weiter, und der Schwarze Númenórer verlor vor Schmerzen und Wut die Beherrschung. Schließlich rannte er einfach nach vorn, und der verdutzte Bucca tat nichts anderes, als ihm sein Schwert entgegenzuhalten. Der Mensch rannte in die Klinge, und mit einem Schmerzensschrei fiel er zur Seite weg. Eine große Blutlache breitete sich um seinen Körper aus, als er sein Leben endgültig aushauchte.

„Was war denn das?“ fragte Bucca entgeistert. „Man könnte ja meinen, er wollte seinem Leben absichtlich ein Ende setzen.“

„Ja, bevor er dem König von Arnor ausgeliefert wird“ antwortete Daeros. „Immerhin war er ein Schwarzer Númenórer, die wir als Verräter ansehen. Sie waren es, weswegen Númenor, unsere alte Heimat unterging, sie waren es, die Verrat an den Valar übten. Und jeder, der dem Feind dient, bleibt ein Verräter. Dieser Mensch wußte das zu genau, denn sie sehen uns ebenfalls als Verräter an. Der letzte König von Númenor war offen auf die Seite des Feindes übergelaufen und meine Vorfahren widersetzten sich dem. Und seitdem ist der Haß zwischen den Dúnedain und den Schwarzen Númenórern grenzenlos.“

„Und wahrscheinlich auch auf jeden, der kein Dúnedain ist, aber in die Dienste einer ihrer Könige getreten ist. Und deswegen hat er sich nicht ergeben wollen.“

„Hättest du vom Statthalter des Elbenkönigs gesprochen, dann wäre das wahrscheinlich anders ausgegangen. Aber du weißt genau, daß das nicht geht, denn du weißt, wer dein Herr ist und ohne seinen Befehl darfst du einen Gefangenen nicht an jemand anderes ausliefern, sei er auch ein enger Verbündeter. Aber jetzt droht den Elben von Harlindon keine Gefahr mehr. Wir könnten eigentlich zurückreiten.“

„Morgen können wir das auch noch“ sagte Bucca und gähnte. „Der Tag war lang, und ich finde, wir sollten die kurzen Nachtstunden nutzen, uns ein wenig auszuruhen. Mit diesen Worten legte er sich auf den Boden, und begleitet vom Meeresrauschen schlief er ein.

„Sag mal, was war eigentlich vorhin los“ fragte Primula, als Bucca eingeschlafen war. „So gereizt kenne ich ihn gar nicht.“

„Bucca wurde von den Elben gefangen gesetzt und nicht gerade freundlich behandelt. Und keiner hat es für nötig befunden, sich bei ihm für dieses Mißverständnis zu entschuldigen. Ich habe ja vorhin mit denen gekämpft: sie waren hochmütig, aber nicht besonders mutig. Alle haben sich über Bucca gewundert: greift er doch einfach so gleich den General an und kämpft sich nicht nur durch die Orks drumherum. Aber vorher über den zu kurz geratenen kleinen Krieger lachen. Na, ich glaube, ohne uns hätten die nicht den Kampf gewonnen.“

„Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeder hat mich komisch angesehen“ sagte Primula. „Na ja, wie eine Hobbitdame sehe ich vielleicht nicht aus“ grinste sie, „aber trotzdem finde ich, die Elben haben mich ganz besonders komisch angeguckt.“

„Ja, das haben sie“ sagte Daeros. „aber mach dir nichts draus: uns Menschen haben die auch im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab angesehen. Laß dir das aber nicht so zu Herzen gehen und ich hoffe, Bucca hat sich morgen auch wieder beruhigt. Das würde uns gerade noch fehlen: es kommt zu einem Streit zwischen uns und den Elben!“

Die beiden losten noch die erste Wache aus, und das Los fiel auf Daeros. Primula legte sich neben Bucca und schlief rasch ein.
Nach vier Stunden war Ablösezeit. Primula schlief tief und fest, aber Bucca drehte sich im Schlaf herum, stieß gegen einen Stein und schlug die Augen auf.

„In Gondor waren die Strände weicher“ brummte er leise.

„In Gondor hast du nie am Strand geschlafen“ meinte Daeros. „Was ist? Schläfst du weiter, eigentlich ist Primula an der Reihe?“

„Ich für meinen Teil bin ausgeruht genug, ich kann ruhig die Wache übernehmen. Außerdem gibt mir das ein wenig Zeit zum Nachdenken.“

„Also gut.“ Daeros legte sich hin und schlief ein.

Bucca mußte aufpassen, sich nicht von den leisen Atemzügen der Schläfer anstecken zu lassen und seinerseits einzuduseln. Er betrachtete den Sternenhimmel und pfiff leise ein Lied. Bucca dachte an die alten Geschichten aus dem Ersten Zeitalter. Eigentlich hatte er die Elben geliebt, aber seitdem er von ihnen gefangen genommen worden war, hatte er da leise Zweifel. Irgendwie hatte er keine Lust, zu ihnen zurückzureiten, aber welche Ausrede könnte ihm dafür einfallen? Irgendwie müßte er sich von diesen Gedanken ablenken. Er legte noch ein paar Scheite auf das Feuer, stand auf und schritt auf und ab. Ihm kam ein altes Wanderlied in den Sinn, das er früher oft gesungen hatte.

Weht der Wind von Westen her,
weiß ich: es ist lange her
daß ich wandern war
über Stock und Stein,
so ein freies Leben ist wunderbar,
so bin ich Hobbit und darf es sein.

Regnet es oder gibt es Sonnenschein,
das ist mir gleich, es muß so sein
durch die Wälder, durch die Auen
das alles ist schön anzuschauen,
abends einen guten Krug Bier,
nach dem Essen: das lob ich mir!

Bucca hatte eine schöne Stimme, und ohne daß er es merkte sang er immer lauter. Daeros und Primula schienen immer noch tief und fest. Seufzend setzte sich der Hobbit wieder an das Feuer. Plötzlich hörte er eine Stimme, die ein Lied in einer schönen Sprache sang, auch wenn Bucca kein Wort verstand, so rührte es sein Herz. Er stand auf und erwartete den fremden Wanderer, der näher kam.

Ein großer Mensch oder Elb kam direkt auf das Feuer zu. Im Mondlicht konnte er das Gesicht des Wanderers nicht sehen, aber Bucca sah keine Waffen, dafür aber eine große Laute.

„Willkommen, fremder Wanderer, der von weit her zu kommen scheint“ sagte Bucca. „Ruht Euch ein wenig bei uns aus, wenn Ihr es wünscht. Wir sind Ritter von Arnor, und das ist meine Frau. Leider sind meine beiden Gefährten von Müdigkeit überwältigt, ansonsten würden sie Euch genauso willkommen heißen.“

„Habt tausend Dank, Ritter von Arnor. Mir ist im Moment nicht nach Schlafen, sondern eher nach Singen und Wandern, aber selten trifft der Wanderer in diesen Gegenden andere, die unter dem Sternenzelt nächtigen, so daß dies zum Bleiben anregt. Doch würde ich gerne erfahren, wer mein Gastgeber ist.“

„Ich bin Bucca vom Bruch, ein Hobbit aus dem Auenland, das einige Wegstunden östlich der Berge liegt. Das sind Herr Daeros vom Abendrotsee, und das ist meine Frau Primula. Aber nun bin ich genauso begierig, Euren Namen zu erfahren.“

„Mein Name? Einstmalen war ich ein großer Herrscher der Elben, aber das ist lange her. Mein Reich ist lange schon untergegangen, und obwohl wir große Siege errangen waren die Niederlagen um so schmerzlicher. Nun, mein Name ist verfemt: als Maglor, der Einsame Sänger bin ich bekannt.“

Buccas Augen wurden groß. „Der Maglor, Feanors Sohn? Aus den Sagen und Legenden der fernen Vergangenheit taucht Ihr auf einmal auf diesem Strand auf!“

„Sagen und Legenden der fernen Vergangenheit? Mich wundert, daß Ihr sie kennt, ich vermute, Ihr seid nicht elbischen, sondern sterblichen Blutes. Ein ausgewachsener Mann scheint Ihr zu sein, doch das Auge scheint ob Eurer Größe zu täuschen: sie sagen, Ihr seid klein. Ist das ein besonderer Zauber oder täuscht das Mondlicht?“

„Weder noch. Ich bin ein Hobbit. Ein Halbling, oder wie die Menschen im fernen Gondor sagen, ein perian. Wir sind alle klein vom Wuchs, aber uns stört das nicht.“

Dieses Mal machte Maglor große Augen. „Periannath sind in den Geschichten der Noldor nur eine Sage aus dem fernen Osten Mittelerdes gewesen. Jetzt sitzt mir einer leibhaftig gegenüber. Das habe ich in drei Zeitaltern nicht erlebt!“

„Ihr müßt viel seit Morgoths Fall erlebt haben“ sagte Bucca. „Das sind doch sicher genug Geschichten für viele Abende. Immerhin habt Ihr drei Zeitalter durchwandert. Habt Ihr zwischendrin nicht gerastet?“

„Gerastet? Nein, nur kaum. Ab und zu bin ich bei Círdan dem Schiffbauer zu Gast, aber dort hält es mich nie lange. Ich wandere immer an der Küste und betäube so meinen Kummer. Wisse, kleiner Hobbit, ich habe den größten Schatz, den es jemals gab in größter Narretei an mich gerissen und wieder weggeworfen. Einen unbedachten, aber schicksalsschweren Eid habe ich vor unendlich langer Zeit im Glückseligen Reich geschworen und damit der Glückseligkeit entsagt. Viele grausame und große Taten wurden seither begangen, einige durch mich, andere durch meine Brüder, noch viele mehr ohne unser Zutun und viele wurden ins Verderben gestürzt. Den Schatz, den ich weggeworfen hatte wäre in der Lage gewesen, viel von dem Unheil wiedergutzumachen, aber das ist nun nicht mehr möglich.“

„Es ist der silmaril, nicht wahr?“ sagte Bucca leise. „Ihr warft ihn ins Meer, als Ihr die Schmerzen nicht mehr ertruget, die er Euch bei jeder Berührung zufügte.“

„Ganz richtig. Ich wagte es seinerzeit nicht, ihn den Valar zurückzugeben, den rechtmäßigen Besitzern nach dem Ende des Krieges. Durch meinen Eid verblendet war ich nicht in der Lage zu erkennen, daß der silmaril nicht mehr zu mir kommen kann, denn nur wer ein reines Herz hat vermag es, ihn zu halten ohne Schmerzen erdulden zu müssen. Und die Valar setzten eine Belohnung auf meine Ergreifung aus, aber als sie davon erfuhren, daß ich das Juwel der Juwelen ins Meer geworfen hatte ließen sie von mir ab. Ich glaube aber nicht, daß ich jemals nach Valinor zurückkehren kann. Círdan ist da zwar anderer Meinung: er findet, selbst ich würde dort wieder aufgenommen werden. Ich würde aber nur zu sehr an die Untaten erinnert werden, die ich und meine Brüder begangen haben. Nein, seit mehreren Zeitaltern wandere ich nun entlang der Gestade, vom ewigen Eis im Norden bis zur unerträglichen Hitze des Südens, aber selten treffe ich andere Wanderer, und Ihr seid der einzige von ihnen, der mich erkannt hat. Und das verwundert mich immer noch: die meisten, die ich treffe sind Elben, aber mein Namen und meine Herkunft sagt ihnen meistens nichts, oder sie wenden sich wortlos ab. Und so fürchte ich, daß niemand mehr Kunde von meinen Wanderungen hat, außer vielleicht Círdan, den das aber nicht interessiert und Ihr.“

„Mich wundert, daß Ihr keine Waffen bei Euch tragt“ bemerkte Bucca. „Die Lande hier sind nicht gerade ungefährlich. Gestern erst haben wir hier eine Orkarmee besiegt.“

„Mittelerde war schon immer gefährlich. Gefährlich für den unbedachten Wanderer, aber mit etwas Glück kann man den Gefahren ausweichen. Seltsamerweise wurde ich bislang vom Schicksal gnädig geschützt; das ist mehr, als ich verdient habe. Oder es ist die Strafe für meine Untaten: auf ewig wandern, singen und um das trauern, was hätte sein können, jetzt aber niemals sein wird. Ich weiß es nicht.“

Maglor starrte nachdenklich ins Feuer. Er seufzte, dann blickte er zum Himmel. Die Sterne erloschen einer nach dem anderen, und fern im Osten wurde es hell.

„Die Nacht vergeht“ sagte Bucca. „Es wird wieder Tag in diesen Landen, und es scheint ein schöner Tag zu werden. Ein wenig kalt vielleicht, aber dafür ist keine Wolke am Himmel.“

„Wenn der Westwind dunkle, regenschwangere Wolken von Valinor bringt, dann ist mir das am liebsten. Es erinnert mich an Túna und den hohen Taniquetil. Aber das letzte Mal, das ich diese Orte sah ist lange her, und das waren glückliche Tage. Irgendwie scheint mir das ein Gruß von denen zu sein, die heimkehren durften.“

Bucca schwieg. Wie einfach hatte er es doch, heimzukehren: ein paar Tage nordwärts reiten, bis er auf die Grauen Anfurten stoßen würde, dort würde er dann auf die Oststraße einschwenken, die ihn bis fast nach Stock führte. Und das Auenland war das, was er Heimat nennen konnte: er wußte, dorthin würde er gehören. Sein Vater Blanco hatte da schon eher seine Probleme, immerhin war er in Bree geboren worden und sein Großvater hatte irgendwo im Winkel das Licht der Welt erblickt. Bucca hatte viele Geschichten von der alten, sagenumwobenen Heimat der Hobbits gehört, aber niemand konnte ihm genau sagen, wo der Winkel genau lag. Alle sagten aber, ihnen ginge es im Auenland am besten.

„Meine Gefährten werden bald aufwachen“ sagte der Hobbit endlich. „Bleibt noch ein wenig, dann werde ich das Frühstück bereitet haben.“

„Ich danke Euch für Euer Angebot sehr. Ich fürchte nur, Eure Gefährten zu sehr zu erschrecken, wenn sie aufwachen.“

„Das dürfte nicht passieren, so lange ich sie aufwecke. Und das tue ich am besten auf Hobbit- Art: ich lasse ihnen den Duft von Rührei und gebratenem Speck um die Nase wehen.“

Der Elb lachte, und schon bald zog ein Duft über den Strand, dem keiner widerstehen konnte. Daeros und Primula wachten zeitgleich auf.

„Guten Morgen, Bucca! Was hast du gutes gekocht?“ fragte Daeros, dann stutzte er.

„Das ist Maglor, Feanors Sohn“ sagte Bucca.

„Daeros vom Abendrotsee, zu Euren Diensten.“ Der Mensch erhob sich. „Gehe ich recht in der Annahme, daß Ihr der Maglor seid, von dem die Lieder berichten? Das ist ein frohes Treffen, das keiner erwarten konnte.“

„Der bin ich. Maglor der Verfemte und Ausgestoßene, der immer wandernd die Gestade Mittelerdes entlangziehen muß. Auch für mich ist das ein frohes Treffen: erkannt und nicht gleich wieder fortgejagt zu werden ist mehr als erholsam.“

„Was geschehen ist, ist geschehen“ erwiderte Daeros. „Auch wir waren nicht immer frei von Fehl und Tadel, und oft mußten wir Fehl und Tadel anderer ertragen. Aber das ist der Lauf der Dinge: manches ist schicksalsgewollt.“

„Guten Morgen“ sagte Primula. „Von euren düsteren Reden verstehe ich ja nicht allzuviel, aber ich glaube, wenn ihr Buccas Rührei mit Speck anbrennen laßt, dann wird es ein Donnerwetter geben, daß keiner erleben will. Darf ich daher die Herren zu Tisch bitten?“

„Zu welchem Tisch?“ grinste Bucca.

„Bucca, das sagt man so, wenn ein edler Herr zu Gast ist. Unser Tisch ist heute der Strand. Und da der Herr Hobbit nun schon lecker gekocht haben, sollten wir das Ergebnis auch genießen, solange es geht.“

„Na denn: auf zu Tisch“ rief Daeros lachend.

Die vier setzten sich in den weichen Sand und fingen zu schmausen an. Die Meeresluft schien ihren Appetit zu verstärken, denn selbst Daeros holte sich noch einen zweiten und sogar einen dritten Nachschlag. Bucca war der Ansicht, sie sollten nahtlos zum Zweiten Frühstück übergehen.

Nach dem Elf- Uhr- Imbiß fand Maglor, er wäre heute nicht mehr in der Lage, irgendwohin weiterzugehen. Daeros schien auch nicht gerade eine große Lust zum Weiterreiten an den Tag zu legen, und Bucca war sowieso nicht sehr scharf darauf, an der Siegesfeier der Elben von Harlindon teilnehmen zu müssen. Primula war froh um jeden Tag Pause: sie war das viele Reiten nicht gewöhnt und ihr schmerzte das Hinterteil. Außerdem fand sie, die Lederhose würde zwicken, wenn sie im Sattel saß.

„Da siehst du mal, was wir die ganze Zeit über zu erleiden haben“ grinste Bucca.

„Ich bedauer dich gleich“ versetzte Primula. „Du bist ja auch daran gewöhnt, außerdem wurde bei dir auf Maß gearbeitet, wozu man bei mir ja keine Zeit hatte. Am liebsten hätte ich jetzt mein Kleid an und nicht so was.“

„Wären die Zeiten friedlicher, dann wäre das kein Problem“ entgegnete Bucca. Aber du weißt genau, weswegen wir hier sind. Und es könnte ja sein, daß es hier noch versprengte Orks gibt, die dich dann als leichte Beute ansehen würden. So wie du jetzt aussiehst merkt jeder gleich, wie giftig du werden kannst und du wirst in Ruhe gelassen.“

Ein saftiger Backenstreich war Primulas Antwort, gefolgt von einem verdutzten „Was denn“ von Bucca.

„Bucca meint, du siehst für Feinde jetzt abschreckend aus“ lachte Daeros. „Auf ein wenig Entfernung siehst du richtig grimmig aus, deswegen werden uns die Orks wohl in Ruhe lassen, wenn welche überhaupt in der Nähe sind.“

Maglor lachte. „Wenn alle Hobbitfrauen so mit ihren Männern umgehen, dann wundert mich es nicht, wenn sie häufig in den Krieg ziehen.“

„Hobbits sind ein friedliches Volk, nur die beiden hier sind so ein Ausnahmefall“ lachte Daeros. „Bucca war aber schon kriegerisch veranlagt, als er Primula noch gar nicht kannte. Ich würde hier eher sagen, hier hat der Topf den richtigen Deckel gefunden.“

„Ja, was soll ich sonst machen?“ rief Primula. „Wenn Bucca mir dauernd freche Antworten gibt, wie soll ich mich da sonst wehren?“

Daeros sagte nichts, sondern grinste still in sich hinein. Bucca war unbewußt ein Stück von Primula weggerückt, so daß sie nun allein da saß. Der kalte Wind umwehte sie, und sie fing an zu frösteln. Unglücklich saß sie da und überlegte, was sie vielleicht falsch gemacht hatte. Bucca sah das und nahm sie in den Arm.

„Du weißt genau, wie ich das meine“ sagte er leise. „Und du wolltest unbedingt mit. Die Rüstung ist zu deiner Sicherheit, wie du sehr wohl weißt, und keiner hat gesagt, daß sie bequem ist.“

Primula sagte nichts, sondern kuschelte sich an Buccas Brust.

„Ein komisches Volk sind diese Hobbits“ meinte Daeros achselzuckend. „Ich lebe nun schon seit Jahren bei ihnen, aber nicht immer werde ich aus ihnen schlau.“

„Ein seltsames Volk, führwahr“ sagte Maglor. „Aber wenn ich sie so sehe, dann finde ich, sie sind ein liebenswertes Volk.“

Daeros pflichtete dem bei, und Maglor begann von sich zu erzählen. Vieles von dem, was er sagte war Bucca schon bekannt, er hatte es in den Nachtstunden schon erfahren. Daeros und Primula hörten gebannt zu.
Maglor erzählte von den Juwelenkriegen, wie alles angefangen hatte, nachdem Melkor, der nachher von den Elben nur noch Morgoth genannt wurde die silmaril gestohlen hatte. Feanor und seine Söhne hatten einen schrecklichen Eid geschworen, der sie bei Eru ins Nichts stoßen sollte, würden sie ihn brechen. Niemand außer Feanor und seinen Söhnen sollte ungestraft Hand an die silmaril legen, und wer sie besitze, müsse die Juwelen sofort an sie ausliefern. Natürlich lachte Morgoth über diesen Eid, und die Noldor setzten ihm nach. Sie preßten den Schiffs- Elben ihre Fahrzeuge ab, und es kam zum Sippenmord von Alqualonde, denn die Schiffe wurden nicht freiwillig herausgegeben. Daraufhin verhängten die Valar einen Bann über jeden Elben, der sch an diesem Rachefeldzug beteiligen würde: die Rückkehr nach Valinor war verwehrt, und überdies sollten sie letzten Endes nicht über Morgoth obsiegen können. Allmählich würden sie zurückgedrängt und besiegt werden, seien ihre Siege zum Anfang noch so groß.
Und zunächst schien ja auch alles bestens zu laufen. Sie faßten Fuß in Mittelerde, und Morgoths Streitmächte wichen zurück. Aber Feanor hatte einigen Elben nicht getraut, und er hatte sie in Valinor zurückgelassen. Durch den Fluch der Valar konnten diese aber nicht zurück, sondern waren gezwungen, über das Malm- Eis weit im Norden nach Mittelerde zu wandern, und sie waren voller Ingrimm auf Feanor. Sie kämpften zwar zusammen und Seite an Seite gegen den Feind, aber die Saat der Zwietracht war bereits gesät.
Und so kam es, daß Morgoth seine Stärke allmählich wiedererlangen konnte, was nicht hätte sein dürfen. Heimlich arbeitete er an großen Armeen, und die Orks vermehrten sich wieder. Und so kam es, daß nach einer kurzen Zeit des Friedens der Belagerungsring gebrochen wurde, und in vielen Schlachten wurden die Noldor zurückgedrängt.
Menschen kamen über das Gebirge nach Beleriand in den Westen Mittelerdes, der nun versunken ist. Die meisten standen auf der Seite des Feindes, wenige freiwillig, viele unter Zwang und Drohungen. Nur wenige Menschen fochten an unserer Seite, und diese wurden die Zielscheibe von Morgoths Haß. Erbarmungslos verfolgten seine Diener die Edain, aber unter ihnen gab es mehr Mut und Ehrgefühl als bei so manchem Noldo. Trotz der kurzen Spanne, in der sie hier weilen nehmen sie den Tod auf sich, um ein Ziel zu erreichen.
Es heißt, daß es einem Menschen und einer Elbe gelungen ist, einen silmaril aus Morgoths Klauen zu befreien, aber wie genau das geschah, weiß ich nicht. Jedenfalls geriet er in die Hände eines Menschen, der Eärendil genannt wurde. Er schaffte es, mit dem silmaril auf seiner Stirn die Banngewässer rings um Valinor zu durchqueren, ohne Schaden zu nehmen, und er bat die Valar um Vergebung für die Vergehen der Menschen und Elben. Und so kam es, daß die Herren des Westens herabkamen und Morgoth nach einer letzten Schlacht in Ketten legten und hinaus ins Nichts warfen, das die Welt umgibt.

„Die silmaril wurden wiedergewonnen. Einer segelt nun durch die Lüfte. Zwei lagen aber in den Zelten der Valar, und diese nahmen ich und mein Bruder Maedhros, die letzten des Hauses Feanor. Doch wegen die vielen üblen Taten waren unsere Herzen unrein geworden, und wir konnten ihre Strahlkraft nicht mehr ertragen. Und mein Bruder stürzte sich mit seinem Juwel in eine Erdspalte und war nicht mehr, und ich warf meinen ins Meer. Möge Ulmo besser über ihn wachen als ich.“ Bucca, Primula und Daeros hörten dem Elben gebannt zu. Die Nacht war wieder über Mittelerde hereingebrochen, und die Sterne funkelten.

„Über Beren und Lúthien kann ich Euch vielleicht etwas erzählen“ sagte Bucca schließlich. „Dieses Lied wird oft am Hause König Arthelebs gesungen, der König der Dùnedain des Nordens.“

Und Bucca sang das Lied von Beren und Lúthien, das über viele lange Strophen erzählt, wie der silmaril aus Morgoths eiserner Krone gestohlen wurde, und nicht alle dieser Strophen sind heute noch bekannt. Beren war ein Mensch, der sich in die Wälder Doriaths verirrt hatte, und dort war er auf Lúthien Tinúviel getroffen. Die beiden hatten sich ineinander verliebt, aber Thingol, ihr Vater war gegen diese Verbindung, und er forderte als Brautgeld einen silmaril, wohl wissend, daß der Mensch ihn wohl niemals erringen würde.
Aber Beren zog fort, um diese Aufgabe zu erfüllen. Lúthien folgte ihm heimlich, und mittels vieler Listen gelang es ihnen, sich in die Feste Morgoths hineinzuschleichen. Dort versetzte Lúthien alle in einen tiefen Schlaf, und selbst Morgoth war für kurze Zeit bewußtlos und die eiserne Krone fiel scheppernd zu Boden. Beren brach einen silmaril aus der Krone, und sie flohen. Aber sie wurden von einem riesigen Wolf verfolgt, der Berens Hand mit dem Juwel abbiß und verschluckte.
Mit viel Glück gelang es ihnen, nach Doriath zu flüchten. Dort stellte Beren sich dem König, und Thingol wollte wissen, wo der silmaril war. Beren antwortete: „Er befindet sich in meiner Hand“ und hielt den Armstumpf hoch, der übriggeblieben war.
Nach einiger Zeit machte die Kunde von einem irre gewordenen Wolf die Kunde, der alles niederriß, so als ob er von einem wahnsinnigen Schmerz gepeinigt sei. Er kam auf Doriath zu, und niemand konnte ihn aufhalten. Aber Beren zog los und erlegte das Tier, und nach viel Pein war der silmaril endlich wiedererlangt. Aber er wurde Thingol zum Verhängnis, hatte er sich so doch an das Schicksal der Söhne Feanors gebunden, und sein Reich ging unter. Beren und Lúthien aber zogen weit weg und lebten in Frieden, und so gelangte der silmaril schließlich zu Eärendil. Und ohne ihre Taten wäre es nicht möglich gewesen, den Bann der Valar zu durchdringen und Hilfe zu holen, als es höchste Zeit war.

Maglor hatte dem Lied gebannt zugehört. Bucca hatte eine schöne Stimme, und er kannte den ganzen Text dieses Liedes, hörte er es doch am liebsten. Endlich rührte sich der Elb wieder.

„Welch eine Geschichte!“ sagte er tiefbewegt. „Zu den Söhnen Feanors kam diese Kunde nie, ansonsten hätten sie sich vielleicht anders entschieden und von den beiden abgelassen. Wer weiß, wie das alles dann ausgegangen wäre! Aber was ist mit den Edain? Es heißt, sie haben als Belohnung für ihre Taten ein Land weit vor der Küste Mittelerdes erhalten, das die Valar erschaffen haben. Wieso leben dann Edain hier in Mittelerde?“

Daeros´ Gesicht war bekümmert. „Lange schon haben wir dieses Land wieder verloren. Durch Narretei und Verrat fiel unser Land unter den Schatten. Unser letzter König von Númenor hatte in seiner Hochmut Sauron gefangennehmen und nach Númenor bringen lassen, und zu bald schon hatte Sauron sich in die Herzen des Königs eingeschlichen. Er plante einen Angriff auf Valinor, um Morgoth zu befreien, heißt es“ flüsterte der Mensch. „Nur wenige wagten es, sich gegen den König zu stellen, stammte er doch in direkter Linie von Eärendil ab. Aber Verrat bringt Verrat, und eine edle Herkunft kann üble Taten nicht verhindern. Elendil und seine Söhne Isildur und Anárion führten den Widerstand an, aber als alles zu spät waren blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit den wenigen, die treu zu den Valar standen nach Mittelerde zu fliehen. Und so entkamen meine Vorfahren dem Untergang Númenors, denn als Valinor angegriffen wurde, wurde die Insel in den Abgrund gerissen. Und seither ist Valinor nicht mehr im Erdkreis, und die Welt ist rund; wer nach Westen segelt kommt im Osten heraus und umgekehrt.“

„Große und schreckliche Taten haben sich immer wieder seit dem Ende Morgoths abgespielt, denn sein Geist wandelt hier, so lange noch wenigstens einer seiner Diener hier wandelt“ sagte Maglor. „Von Saurons Niederwerfung und der Gründung der Hochkönigreiche der Edain in Mittelerde habe ich von Círdan erfahren, nur war mir der Grund aller dieser großen Taten nicht klar. Und ein Wunder, von dem Círdan noch nichts weiß sitzt neben mir: ein Hobbit, der all die alten, großen Geschichten kennt wie kaum ein anderer und der in Diensten der Edain steht. Möglicherweise wird ein Hobbit noch die Geschicke Mittelerdes bestimmen wie noch niemand zuvor und den Geist Saurons, der hier noch immer umgeht endgültig besiegen und endlich für Frieden sorgen.“

„Na, das glaube ich nun doch nicht“ lachte Bucca. „Ein Hobbit soll für Frieden und Freiheit sorgen und alle Orks besiegen? Das werde ich wohl nicht mehr erleben!“

„Das mag wohl stimmen“ entgegnete Maglor. „Ihr solltet trotzdem alles daran setzen, daß Euer Land in Frieden und Freiheit gedeihen kann. Selbst wenn Ihr und Eure Kinder und Kindeskinder das nicht mehr erleben solltet, irgendwann wird der Tag kommen, an dem der Held, von dem ich sprach geboren wird. Und er sollte in Frieden aufwachsen können, denn nur so kann er seiner Aufgabe gerecht werden. Und der Feind wird dann endgültig fallen. Und ich sehe, daß es so kommen wird, denn die Gabe der Vorhersehung besitze ich immer noch.“

Die Nacht war schon lange über sie hereingebrochen, als sie sich endlich zur Ruhe legten. Maglor wollte diese Nacht noch bei ihnen bleiben, aber am nächsten Morgen weiterziehen. Nirgendwo fand er Ruhe, und sein Schicksal war es, ewig weiterzuwandern.
Auch Bucca wollte weiter. Er fand, die anderen könnten sich Sorgen um sie machen, außerdem wollte er nach Hause. Er hatte so viele ihm noch nicht bekannte Geschichten von Maglor gehört, die er unbedingt alle aufschreiben wollte, bevor sie unwiederbringlich vergessen sein würden. Auch hatte er Pflichten als der Herr vom Bruch, die lange Abwesenheiten nicht duldeten.

So nahmen sie nach einem ausgiebigen Frühstück Abschied voneinander. Maglor wanderte weiter in Richtung Norden, und die drei ritten gen Süden, um wieder zum arnorischen Heer zu stoßen. Sie beschlossen, so lange als möglich am Strand entlang zu reiten.

Bucca blickte noch mal zu der Stelle zurück, an der sie zwei Nächte lang gelagert hatte. Und immer kleiner werdend, nur noch ein schwarzer Punkt in der Ferne, dort wanderte Maglor neuen Abenteuern entgegen. Er seufzte.

„Diese Begegnung wird uns keiner glauben“ sagte er. „Vielleicht ist es besser, nicht jedem davon zu erzählen.“

„Das mag weise sein“ entgegnete Daeros. „Trotzdem solltest du dein Vorhaben beginnen, die Geschichten niederzuschreiben. Es wäre doch schade, wenn sie vergessen gehen. Schicke eine Abschrift nach Bruchtal, Elrond wird uns glauben und froh darum sein.“

Bucca nickte, und wortlos ritten sie weiter. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Nach einigen Tagen hatten sie das Auenland wieder erreicht, und endlich auf seinem Gutshof in Stock angekommen begann Bucca damit, alles aufzuschreiben, was sie an Geschichten gehört hatten. Ansonsten führten sie wieder ihr normales Leben, nur daß Bucca und Primula nachdenklicher als sonst geworden waren. Aber viele führten diese Veränderung auf die Entführung zurück und sie priesen die Mannen des Königs, die den Räubern den Garaus gemacht hatten, und vor allem priesen sie Bucca, der die schlimmsten Räuber bis ans Meer verfolgt und dort vernichtet hatte.