Siebtes Kapitel: Ein Brief und viele Pläne
Seit Stunden schon brütete Sam stumm vor sich hin bis zum Morgengrauen. Während die Sonne, verdeckt von dicken Wolken, unmerklich höher stieg, wuchs auch Sams Ungeduld. Der Chef schien verschwunden zu sein. Wahrscheinlich war er, zu neuen Schandtaten bereit, aufgebrochen und würde ohne weiteres und ohne Skrupel alles versuchen, um seine Ziele wirklich zu erreichen.
Er wußte genau, was zu tun war, wie leicht es war, arglose Hobbits zu überrumpeln. Sie würden Angst haben ohne ihren Bürgermeister, der die Verantwortung hatte. Es handelte sich hier um eine außerordentliche Notsituation und selbst jeder, der an seine Stelle treten würde, konnte wahrscheinlich nichts ausrichten.
Mit ihren Übergriffen würden der Chef und seine Leute, die sicherlich zahlreich waren, die Hobbits alle einschüchtern. Wer gegen ihn den Aufstand probte, würde spurlos verschwinden, genau wie damals.
Und wenn sie verängstigt genug waren, würde er ihnen nur Frieden versprechen, wenn sie gehorchten und er über alle befehlen konnte.
Es würde so kommen. Sam wußte es genau.
Wütend zerrte er an den Stricken und versuchte, die Knoten an den Handgelenken mit den Zähnen zu erreichen und aufzuziehen, aber sie waren so fest, daß es nur wehtat.
Er hatte kein Gefühl mehr in den Händen. Sie waren blutleer und er stöhnte. Hunger plagte ihn seit Stunden, aber er wußte, er konnte nicht damit rechnen, allzu bald etwas zu bekommen.
Allerdings mußte er allzu bald weg. Er mußte versuchen, zu fliehen und das Schlimmste zu verhindern.
Frodo würde die Courage haben, etwas zu tun, aber Sam wußte ebenso, daß er nicht konnte. Pippin war da anders gestrickt, er würde heimlich etwas versuchen, aber das war in diesem Falle ganz falsch.
He! Wollt ihr mich verhungern lassen oder wie ist das? rief Sam irgendwann ungeduldig. Nichts rührte sich, aber er hörte leise Stimmen miteinander sprechen. Sie waren also noch da.
Hallo! Ich habe Hunger!
Sam hatte nicht den geringsten Respekt vor seinen Feinden und er wußte auch genau, warum. Gegen Hobbits wagten sie, etwas zu tun, aber das war auch allzu einfach. Er konnte nur etwas erreichen, wenn er ihnen die Stirn bot und er würde ihnen das Leben schwer machen.
Er wollte zu seiner Familie zurück und verhindern, daß bald ein Feind sich unter seinem eigenen Dach herumtrieb. Er wußte, der Chef würde es tun, allein deshalb, weil es ein Symbol war.
Seid ihr taub? Ich brauche etwas zu essen!
In der Tat knurrte sein Magen sehr laut. Sam wurde sehr ungehalten, drehte sich schließlich zur Seite und trat aufrührerisch gegen die Wand. Je mehr er sie provozierte, umso wahrscheinlicher war es, daß sie reagierten.
Und tatsächlich ging im nächsten Moment die Tür auf, aber der Mann brüllte nur: Halt die Klappe, du Ratte! und als Sam ihn boshaft anstarrte, beugte er sich schnell zu ihm herunter und schlug ihm überraschend die Faust mitten ins Gesicht.
Sam sah nur noch Sterne, er konnte sein Gegenüber kaum fixieren, dunkle Flecken geisterten vor seinem Auge und er spürte, wie ihm das Blut in die Nase schoß.
Das, begann er, war ja wieder sehr einfach!
Aufgebracht spuckte er dem Mann vor die Füße, aber dieser lachte nur.
Ich stopf dir das Maul, wenn du nicht still bist! brummte dieser nur in einem fast schon gleichgültigen Ton. Er glaubte, Sam bald zur Räson zu bringen. Der Chef hatte bereits gesagt, daß der Bürgermeister ein sehr frecher Hobbit war, ganz anders als der Rest seines Volkes, und niemand ihm gegenüber zimperlich sein mußte.
Ich will etwas essen! schrie Sam laut und der Mann lachte nur, zuckte achtlos mit den Schultern und schloß die Tür wieder hinter sich.
Wütend schnaubte Sam und grübelte. Er mußte etwas tun!
Hätte er doch nur ein Messer... etwas Scharfes... er mußte diese Stricke loswerden!
Er konnte schon nicht mehr sitzen. Das war nicht gut, denn er wußte genau, wenn es nach dem Chef ging, würde er noch sehr lange sitzen müssen.
Er verging fast vor Sorge um seine Familie. Wenn er doch nur nicht zur Untätigkeit verdammt wäre, sagte er sich immer wieder, dann würde er dem Chef persönlich den Hals herumdrehen. Viel eher hätte das jemand machen sollen.
Er hatte diesmal eigentlich nicht mehr vor, zu rebellieren, sondern wollte einfach wirklich nur essen, weil er es nicht mehr aushielt. Es war zuviel selbst für einen gutmütigen Hobbit wie ihn, so ausharren zu müssen.
Bitte... nur ein wenig zu essen... rief er irgendwann halblaut, um ihnen zu zeigen, daß es ihm ernst war und er sie nicht aufregen wollte, aber mußte sehr oft rufen, bevor sich wieder etwas rührte, und diesmal kam der andere der beiden Handlanger. Hoffnungsvoll sah Sam zu ihm hoch, doch sehr zu seinem Entsetzen hatte der Mann statt etwas zu essen nur einen Stoffetzen in der Hand. Ehe Sam es sich versah, hatte er das Tuch im Mund und der Mann knebelte ihn in einer Seelenruhe.
Sam wehrte sich heftig und so gut er konnte, aber es war sinnlos. Wütend fluchte er vor sich hin, doch seine Worte wurden wiederum vom Knebel erstickt und er konnte nicht mehr als undeutliche Laute von sich geben. Grinsend stand der Mann vor ihm, lachte und sagte: Wenn du noch Hunger haben solltest, mußt du es entweder für dich behalten oder du kannst ja den Stoff essen!
Sam ließ den Kopf hängen, als die Tür wieder zu war, und starrte mutlos auf den Boden. Regen begann auf das Dach zu prasseln und er fühlte sich mit einem Mal schrecklich hoffnungslos. Er hatte einen dicken Kloß im Hals und seine Augen brannten, dann spürte er, wie eine dicke Träne über seine Wange kullerte und er zog die Knie an.
Er mußte immerzu an Rosie und die Kinder denken und daran, daß der Chef geradewegs auf dem Weg zu ihnen war. Er war sicher, daß er das nicht nur gesagt hatte, sondern seine Drohungen machte er sicherlich wahr.
Er wollte ihnen so gern helfen und alles tun, damit ihnen nichts geschah, aber er hatte von Anfang an die Situation unterschätzt und saß nun einsam und stumm in der Ecke und war völlig hilflos.
Er flehte zu den Valar, daß niemand sonst so behandelt würde wie er, aber er fürchtete, daß es umsonst war.
Eine schiere Ewigkeit schien vergangen zu sein, als er hörte, wie draußen die Stimmen lauter wurden und er hörte unter ihnen den Chef sprechen. Wiederum ließ er den Kopf auf die Knie sinken.
Wenn er hier war, konnte er nicht in Hobbingen sein, das war gut.
Was nicht gut war: Er würde bestimmt kommen und etwas erzählen, das Sam lieber nicht hören wollte.
Die Tür ging auf und Sam hob langsam den Kopf. Da stand er, mit nasser und vor Schmutz starrender Kleidung, die strähnigen Haare im Gesicht, der ungepflegte Bart und die häßlichen Narben vervollständigten nur das Bild eines gesetzlosen Vagabunden. Die finsteren Augen sahen ihn verächtlich an und dann lachte er hämisch.
Du wolltest aufmüpfig werden? Du hast Hunger? Vielleicht magst du ja einen Apfel! Ja, was meinst du?
Der Chef setzte sich wiederum vor Sam auf den Stuhl und der Hobbit kam sich mehr als gedemütigt vor. Stolz war er nie gewesen, nur auf seine Kinder, aber er als einfacher Gärtner wußte dennoch genau, ab wann er sich in seiner Würde sehr verletzt fühlte.
Der Mann zog genüßlich langsam einen Apfel aus der Tasche, einen knackigen grünen Apfel der ersten Ernte und Sam spürte genau, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
Seine Augen schienen zu verraten, was er dachte, und sein Gegenüber lachte.
Du willst ihn? Wirklich?
Er beugte sich langsam vor, hielt Sam den Apfel unter die Nase und der Hobbit merkte allzu genau, wie leer sein Magen war. Er dachte an die drei Mahlzeiten, die ihm mindestens schon fehlten und er wollte schon versuchen, etwas zu sagen, aber dann hielt er sich in letzter Sekunde zurück.
Niemals würde er das tun.
Willst du den Apfel?
Sam starrte ihn reglos an. Seine Würde verbot es ihm, zu reagieren, so wie der Chef sich das vorstellte.
Du willst ihn also nicht? Den schönen Apfel? Magst du ihn nicht, weil er von mir ist? Ich weiß ja, was du von mir denkst. Erinnerst du dich? Damals war er rot. Der hier ist grün. Und trotzdem, ich bin nicht nachtragend, du darfst ihn haben.
Innerlich begann Sam fast zu kochen. Er hatte den Duft des Apfels in der Nase, sein Hunger wuchs immer mehr, aber er würde niemals Schwäche zeigen.
Der Chef brach in einen amüsierten Lachanfall aus, dann legte er den Apfel ein Stück von Sams Füßen entfernt auf den Boden, stand auf und verließ den Raum wieder.
Wiederum versuchte Sam, den Knebel, der sehr fest saß, herunterzureißen. Es wollte ihm einfach mit den Fesseln nicht gelingen. Er schluckte seinen Zorn hinunter, angelte den Apfel mit den Füßen und klemmte ihn zwischen die Beine.
Er würde nicht so leicht aufgeben.
Lange und sehr konzentriert war er damit beschäftigt, den Knebel loszuwerden und Stück für Stück zerrte er den schmerzhaft fest sitzenden Stoffetzen herunter, bis er schließlich über sein Kinn rutschte und Sam atmete auf. Irgendwie versuchte er, den Apfel in Reichweite seiner Arme zu bringen und mit einigem Geschick und viel Geduld gelang es ihm schließlich und er hielt ihn in der Hand.
Es war schwierig, ihn so zu halten, daß er davon abbeißen konnte, aber sein Hunger war so groß, daß für ihn nur zählte, etwas zu essen. Irgendwie brachte er es schließlich auch fertig und außer dem kleinen Stiel ließ er von dem Apfel nichts mehr übrig. Sollte der Chef sich doch wundern, wie er das angestellt hatte!
Dann befaßte er sich mit dem Knoten des Knebels, lockerte ihn langsam, zog den Stoff wieder hoch und hätte fast amüsiert gegrinst, denn seine Lebensgeister waren wieder soweit erwacht, daß er sich vornahm, diesen Mistkerlen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die würden sich noch sehr wundern!
Der restliche Tag verging sehr langsam und ohne daß etwas geschah. Er hatte irgendwann begonnen, den Hunger zu ignorieren, aber wider Erwartens kam irgendwann einer der Handlanger mit etwas Wasser zu Sam und gab dem Hobbit die Chance, etwas zu trinken.
Dankbar nahm Sam die Gelegenheit wahr, sagte aber nichts.
Stumm sah der Mann ihn an, bevor er ging, und Sam grinste. Freche Hobbits waren ungewöhnlich für sie und das war sein Glück. Er würde es ausnutzen.
Frodo hatte es nicht übers Herz gebracht, Melethiell am Abend zu wecken und sie in ihr eigenes Bett zu schicken, also war sie einfach liegengeblieben und nicht einmal aufgewacht, als auch Liliane schlafen ging. Das kleine Mädchen schlummerte friedlich zwischen ihren Eltern, die sich stumm ansahen und irgendwann flüsterte Liliane: Du läßt ihn nicht im Stich, Frodo. Mach dir keine Sorgen darum, nur weil du ihm jetzt nicht helfen kannst. Sam weiß das. Er wird nicht damit rechnen, daß du kommst, denn du bist nicht dazu in der Lage.
Frodo seufzte. Liliane verstand ihn gut. Er hatte den ganzen Tag an Sam gedacht und versucht, sich vorzustellen, wer ihn in seiner Gewalt hatte und was mit ihm geschah.
Er fühlte sich schuldig, weil er nicht einmal das Mindeste für seinen besten Freund tun konnte.
Was wird Pippin tun? fragte Frodo.
Er muß auf Merry warten. Es ist zwecklos, wenn er sich allein auf die Suche macht, sagt er. Er würde nichts finden. Und außerdem... du kannst hier nichts tun, Frodo, nur er wäre notfalls in der Lage, sich diesen Strolchen entgegenzustellen...
Frodo schloß die Augen. Er fühlte sich scheußlich, nichtsnutzig, völlig unfähig. Es tat weh, sich klarzumachen, daß er im Notfall nicht einmal seiner eigenen Familie helfen konnte!
Er hustete und davon traten ihm Tränen in die Augen.
Er schlief jedoch bald ein, nachdem er Liliane einen liebevollen Kuß auf die Wange gedrückt hatte.
Als Perhail mitten in der Nacht wieder zu schreien begann, stand sie sofort auf und verließ mit dem Kleinen das Schlafzimmer, um Frodo und Melethiell nicht zu wecken. Sie stand jedoch kaum auf dem Flur und Perhail war gerade verstummt, als sie plötzlich aufmerksam zu lauschen begann.
Leise klopfte sie an die Tür, hinter der Rosie schlief. Etwas schien nicht in Ordnung zu sein.
Es kam keine Antwort und sie öffnete langsam. Nun hörte sie ganz deutlich, daß Rosie zu weinen schien und sie ging auf das Bett zu.
Was ist denn? fragte sie und setzte sich auf die Kante. Rosie hatte das Gesicht im Kissen vergraben und schluchzte laut. Nur langsam drehte sie den Kopf zu Liliane, die ihr tröstend die Hand auf die Schulter legte. Rosie richtete sich auf und dann fiel sie Liliane weinend um den Hals.
Liliane legte beruhigend den Arm um sie und Rosie murmelte: Ich habe solche Angst um ihn...
Es geht ihm bestimmt gut, Rosie, mach dir keine Sorgen!
Ich kann nicht schlafen...
Liliane sah zum Fenster und antwortete leise: Ich verstehe dich, Rosie... er wird bald wohlbehalten wieder hier sein, du mußt einfach daran glauben, hörst du?
Lange saßen sie einfach nur so da und irgendwann sagte Rosie: Ich bin so froh, daß ihr alle hier seid und ich mich hier nicht fürchten muß.
Liliane nickte wohlwollend und stand langsam wieder auf.
Wir sollten schlafen, Rosie. Sam würde nicht wollen, daß du dir die ganze Nacht den Kopf zerbrichst.
Rosie nickte einsichtig und bevor Liliane wieder die Tür hinter sich schloß, sagte sie noch schnell: Danke.
Liliane hob mit einem Lächeln den Blick.
Gute Nacht.
Damit ging sie zurück zu Bett und hatte sich gerade wieder zugedeckt, als Frodo fragte: Sie sorgt sich um Sam, oder?
Das tut sie. Und das würde ich genauso tun.
Frodo suchte unter der Decke nach ihrer Hand und lächelte schläfrig, dann schloß er wieder die Augen und sie schliefen die ganze Nacht hindurch sehr friedlich, doch der nächste Tag sollte eine böse Überraschung bereithalten.
Es war am Nachmittag, als jemand an die Tür hämmerte und aufgeregt nach dem Bürgermeister rief. Pippin öffnete die Tür und sah einen völlig verstörten Hobbit vor der Tür stehen.
Sie werden noch jemanden umbringen! Wo ist der Bürgermeister? Ich muß ihn sprechen! rief er und Pippin senkte betreten den Blick.
Der Bürgermeister ist nicht hier. Wir fürchten, daß sie ihn verschleppt haben.
Unbehagliches Schweigen breitete sich aus und der Hobbit sagte tonlos: Dann haben sie jetzt jeden Anstand völlig verloren. Meinen Bruder haben sie einfach niedergeschlagen, als sie sein Haus plündern wollten, und er ist schon seit Stunden völlig ohne Bewußtsein! Aber das ist nicht alles. Bei den Boffins haben sie sich auch gütlich getan und den armen Bungo mit einem Messer niedergestochen! Er liegt mit einer Bauchverletzung im Bett...
Pippin schluckte schwer, als er das hörte, und wurde auf einen Schlag kreideweiß im Gesicht.
Oh... es tut mir so leid, aber ich weiß auch nicht...
Aber jemand muß doch etwas tun! Es nimmt Überhand!
Ja... sicher... Wir suchen doch nach einer Lösung!
Kritisch musterte der Hobbit ihn und erwiderte: Und warum wurde dann die Nachtwache wieder abgeschafft?
Pippin holte tief Luft, dann sagte er: Ich für meinen Teil bin hier, weil ich der einzige bin, der hier kämpfen kann, und was mit den anderen ist, weiß ich nicht!
Schweigend sahen sich die beiden an, dann drehte der Hobbit sich um und ging wieder, ohne noch ein Wort zu verlieren.
Besorgt schloß Pippin die Tür, ging langsam zu Frodo ans Bett und sah ihn niedergeschlagen an, bevor er sagte: Es gibt Verletzte. Wir müssen wirklich etwas tun, Frodo, es nimmt Überhand.
Frodo bekam erneut einen Hustenanfall und trank einen Schluck Tee aus der Tasse, die er mit zitternder Hand festhielt, bevor er sagte: Kannst du mir ein Blatt und die Schreibfeder bringen?
Stirnrunzelnd sah Pippin ihn an, aber dann erklärte Frodo seine Absichten.
Du erinnerst dich, daß ich davon erzählt habe, wie der Brief von Aragorn hier eingetroffen ist im Frühjahr? Er hat doch angekündigt, zum Abendrotsee zu reiten und uns irgendwann an den Grenzen des Auenlandes treffen zu wollen.
Ja! rief Pippin überrascht. Natürlich! Er wollte ja für einige Zeit dort bleiben... aber du weißt, daß er wohl kaum sein eigenes Gesetz bricht, oder?
Pippin spielte auf den fast zehn Jahre alten Erlaß an, daß es Menschen untersagt war, das Auenland zu betreten. Die Bewohner Brees bildeten dabei eine Ausnahme, aber es ward seit Jahr und Tag kaum ein Mensch im Auenland gesehen, seit das Gesetz galt.
Das Auenland steht unter seinem Schutz! Er hat das Gesetz zum Schutz aller Hobbits erlassen und wir brauchen seine Hilfe, Pippin. Er wird kommen. Er muß kommen! Denn ich fürchte fast, anders können wir uns nicht helfen...
Frodo hatte Recht. Mit einem stummen Nicken stand Pippin auf, holte die Schreibutensilien und brachte auch ein paar Kekse mit. Lächelnd begann Frodo, auf einem herumzuknabbern, denn langsam mußte er etwas essen. Dann begann er zu schreiben.
Lieber Aragorn,
Seit Wochen begehen uns unbekannte Menschen Einbrüche, Diebstähle, Brandstiftungen und Verwüstungen im Auenland. Es wird immer schlimmer und es gibt bereits Verletzte, aber das ist nicht alles. Wir wissen uns nicht zu helfen, seit Sam verschwunden ist und wir vermuten, daß er als Bürgermeister sich in ihrer Hand befindet.
Ich weiß, daß du eigentlich nicht kommen kannst, aber wir brauchen deine Hilfe. Du kannst vielleicht vermeiden, daß Schlimmeres geschieht. Ich bitte dich, du mußt nach Beutelsend kommen und etwas tun! Niemand sonst kann das noch.
Bitte beeile dich. Wir erwarten deine Ankunft.
Frodo
Sorgfältig faltete Frodo den Brief zusammen und steckte ihn in einen Unschlag, den er an König Elessar adressierte und reichte ihn Pippin.
Ein zuverlässiger Bote muß ihn zum Abendrotsee bringen, und zwar schnell.
Ich denke, sagte Pippin, daß ich einen der Landbüttel bitten werde. Das erscheint mir am sichersten.
Damit verschwand Pippin und Frodo zog sich bald wieder die Decke bis zur Nasenspitze hoch. Es war ihm noch immer am liebsten, wenn er sich gar nicht rühren mußte und er hatte den Verdacht, daß es noch lange dauern würde, bis sich die Krankheit abschwächen würde. Davon spürte er noch gar nichts.
Als Pippin nach einiger Zeit zurückgekehrt war, berichtete er davon, daß er den verletzten Bungo besucht hatte. Es ging ihm schlecht, es stand sehr kritisch um ihn und es bereitete Pippin arge Sorgen im Hinblick auf Sam. Er kannte das Temperament seines Freundes.
Der zweite Tag seit der Nachricht an Merry verging ähnlich. Das Warten quälte sie alle sehr und die Berichte über alle Teile des Auenlandes, daß es vermehrt schlimmere Übergriffe auch gegen Hobbits gab, mehrten sich leider.
Pippin begann irgendwann, geschätzt zusammenzurechnen, wieviele es von den Strolchen sein mußten, um Angriffe in dieser Anzahl zu verüben in allen Vierteln des Auenlandes.
Das Ergebnis war eine erschreckend hohe Zahl, die der Hobbit vorläufig lieber für sich behielt.
Der Regen machte das Ganze auch nicht besser. Pippin hatte aufgehört, die Einbrüche zu zählen, die Brandschatzungen nahmen jedoch sprunghaft zu und auch andere Verwüstungen wurden oft begangen. Diebstähle waren mittlerweile unzähbar geworden. Bald gab er es auf, weiter darüber nachzudenken und er sehnte sehr die Ankunft Merrys herbei.
Immer wieder mußte er Sams Kinder beruhigen und ihnen erklären, daß sie sich aus verschiedenen Gründen keine Sorgen um ihren Vater machen mußten. Goldfranse und Margerite hielten sich viel bei ihm auf, weil sie sich sicher bei ihrem Onkel Pippin fühlten, und Frodo und Elanor griffen gemeinsam mit Rose ihrer Mutter bei vielen Dingen unter die Arme. Sie achteten auf ihre kleineren Geschwister und bemerkten sehr wohl die Sorge Rosies, konnten aber nichts dagegen tun.
Das Mittagessen am nächsten Tag war kaum vorüber und Frodo hatte gerade von Liliane einen Tee bekommen, als es plötzlich an der Tür klopfte und Pippin halb hoffnungsvoll, halb unwillig öffnete. Diesmal war es allerdings eine gute Nachricht.
Merry! Estella! Na endlich... Ich bin so froh, euch zu sehen! rief er und umarmte beide stürmisch, dann bat er sie schnell herein und verschloß dem Regen die Tür vor der Nase.
Er konnte hoffen.
Und es ist dein Ernst, daß Sam verschwunden ist? begann Merry gleich als erstes und Pippin nickte bekümmert. Frodo hörte sie auf dem Flur sprechen und näherkommen. Rosie begrüßte die beiden ebenfalls und dann kamen alle vier zu Liliane und Frodo ins Schlafzimmer. Pippin schleppte schnell ein paar Stühle herbei und Rosie kümmerte sich darum, daß Merry und Estella sich mit heißem Tee aufwärmen konnten.
Wie siehst du denn aus? fragte Merry sofort, als er Frodo sah, und schüttelte ungläubig den Kopf.
Was ist denn so seltsam? Ich bin doch bloß krank...
Du siehst wirklich furchtbar aus. Dich habe ich noch nie so gesehen! Das war zwar gelogen, aber im ersten Moment war Merry wirklich überrascht. Wie sehr es Frodo erwischt hatte, war doch nicht unerheblich.
Pippin und Rosie setzten sich neben Merry und Estella und Pippin erzählte den beiden als erstes, was in Hobbingen in der letzten Zeit vorgefallen war. Es dauerte gar nicht lange, da kamen einige der neugierigen Kinder und kletterten auf das Bett, denn sie wollten sich nicht ein Wort entgehen lassen. Auch Elanor und Frodo tauchten bald auf, sie fühlten sich für die Familie mitverantwortlich, jetzt, wo ihr Vater verschwunden war.
Estella hatte bisher nur stumm angehört, was Pippin zu berichten hatte und als er geendet hatte, sagte sie: Es war bei uns nicht viel besser. Es gab nur schon viel früher Verletzte und ganz Neuburg wäre fast abgebrannt, das war zwei Tage vor unserer Abreise. Ihr könnt es euch nicht vorstellen!
Langsam nickte Merry und sagte: Daß Sam weg ist, finde ich unbegreiflich, denn ich kenne ihn. Er wird es ihnen nicht gerade leicht gemacht haben und es ist für mich kein gutes Zeichen, wenn er einfach so verschwindet! Aber es ist nicht außergewöhnlich... leider. Ein halbes Dutzend Hobbits sind schon verschwunden in Bockland, Estellas Bruder ist einer von ihnen. Wir hatten auch Nachtwachen eingeführt und genau wie Sam sind auch alle, die wir nun vermissen, diejenigen, die am entschlossensten gegen die Übergriffe und ihre Urheber vorgegangen sind.
Frodo hustete und sagte mit heiserer Stimme: Bleibt nur zu hoffen, daß Aragorn bald den Brief erhält und herkommt! Ich denke, wir könnten seine Hilfe wirklich gebrauchen. Zum Schluß ging ihm völlig die Stimme weg und er wurde wütend. Nicht einmal sprechen konnte er mehr richtig.
Aber irgendetwas müssen wir doch tun! rief nun Elanor, die bisher mit Melethiell auf dem Schoß still zugehört hatte und ihr Bruder Frodo sagte: Warum berufen wir nicht eine Versammlung im Grünen Drachen ein? Jeder kennt das Wirtshaus, viele gehen dorthin und es könnte bis morgen abend bekannt sein! Alle müssen gemeinsam überlegen, was zu tun ist!
Pippin wechselte vielsagende Blicke mit Merry und Frodo und nickte schließlich.
Das ist eine gute Idee, Frodo, wir müssen allen sagen, daß sie sich um jeden Preis gegen diese Strolche wehren müssen! sagte Pippin dann und Merry murmelte leise: Das müssen wir. Sie wollen uns einschüchtern und sie sind nicht zu unterschätzen. Wer Sam verschleppt, ist gefährlich und leider auch nicht dumm. Ich denke, wir sollten allen Bescheid geben und bis dahin versuchen, Sam zu finden!
Sie diskutierten noch lange und hatten schließlich einige Entschlüsse gefaßt. Elanor und Frodo wollten zusammen mit Pippin nach Hobbingen und Wasserau gehen, um die Versammlung bekanntzugeben und Merry wollte währenddessen in Beutelsend bleiben, damit wenigstens einer etwas gegen eventuelle Einbrecher unternehmen konnte.
Pippin machte sich mit Elanor und Frodo schließlich auf den Weg nach Wasserau zum Grünen Drachen und Estella sprach schließlich mit Liliane, die mit Besorgnis vernommen hatte, daß ihr Vetter auch verschwunden war.
Was hat er denn gemacht? fragte sie und Estella antwortete: Er ist mit der Heugabel ums Dorf gelaufen mitten in der Nacht und hat laut einiges gebrüllt, was gegen diese Unholde ging. Allerdings kehrte ganz plötzlich Ruhe ein und seitdem haben wir kein Lebenszeichen von ihm bekommen. Er ist genauso frech, wie Gundbert es damals war!
Gedankenverloren nickte Liliane. Ja, ihr Mann hatte damals bei der Besetzung des Auenlandes als einer der Ersten Protestgeschrei erhoben. Er war nicht gerade mit der Heugabel ums Dorf gelaufen, aber er hatte bei jeder Gelegenheit kundgetan, was er von den Besetzern und ihren Taten hielt. Oft waren die Brückenwächter und ihre Kumpane hinter ihm hergewesen, aber Gundbert war immer früh genug gewarnt worden und so dauernd für einige Zeit spurlos im Wald verschwunden, bevor er sich wieder hervortraute.
Nur widerwillig erinnerte Liliane sich daran, wie die gemeinen Kerle aus Bree immer und immer wieder vor der Tür gestanden und sich gewaltsam Einlaß verschafft hatten. Erst hatte sie die Männer hereingelassen, als sie aber beim zweiten und dritten Mal vor der Tür standen, hatte sie jedes Mal so getan, als sei sie nicht da. Jedoch hatten sie dann einfach die Tür eingetreten und jeden Winkel im Haus nach ihm durchsucht, während sie nicht gewußt hatte, was sie dagegen tun sollte. Beim dritten Mal war es ihr schließlich gelungen, sie wieder hinauszuwerfen, aber sie mußte ständig mit der Furcht leben, daß sie Gundbert auf der Flucht erwischen würden und sie es nicht einmal merken würde.
Immer, wenn er schließlich wieder zurückgekehrt war, hatte sie ihn erleichtert in die Arme geschlossen. Allerdings hatte sie ihn nie gebeten, den Aufstand zu unterlassen, weil sie wußte, daß es im Grunde richtig war. Er war pfiffig genug, sich nicht erwischen zu lassen. Er hatte auf der Brücke kistenweise Vorräte an Pfeifenkraut und anderen guten Dingen stibitzt, die beschlagnahmt worden waren, hatte sie alle immer wieder an der Nase herumgeführt und jedes Mal, wenn Gras darüber gewachsen war, hatte er wieder von Neuem begonnen.
Es war lange her. Seit einem Jahr war sie mit ihm verheiratet gewesen, auch wenn sie ihn schon länger gekannt hatte, und sie dachte gern zurück an die elf glücklichen Jahre ihrer Ehe, bis er plötzlich in einer Unwetternacht nicht nach Hause gekommen war. Es war mehr als hart gewesen, ihn zu verlieren und plötzlich ganz allein dazustehen, immer noch jung und neugierig auf das, was das Leben ihr noch zu bieten hatte.
Es hatte sie verändert. Sie war ein wenig stiller geworden und hatte hart mit sich gerungen, nicht in jahrelanger Trauer um ihn zu versinken, denn sie wollte seinen Wunsch respektieren, immer glücklich zu sein. Das hatte er einmal gesagt. Er wollte sie nie unglücklich oder einsam sehen und so war sie nicht mehr verschlossen gewesen, als sie im nächsten Jahr Frodo getroffen hatte. Er hatte sie an einer Stelle in ihrem Herzen berührt, wie es noch niemand zuvor vermocht hatte und manchmal glaubte sie fast, daß sie noch nie mehr Liebe für jemanden empfunden hatte. Sicherlich hatte es auch Probleme gegeben und es war nicht immer leicht mit Frodo gewesen, der so lange die Vergangenheit nicht hatte vergessen können, doch sie hatte es schließlich geschafft, ihm dabei zu helfen.
Sie drückte ihn an sich und dachte lächelnd daran, was für ein liebevoller Vater er war. Er hielt seinen schlafenden Sohn in den Armen und hatte an diesem Tag noch nicht ein Wort darüber verloren, daß es ihm schlecht ging, sondern er hielt sich tapfer aufrecht. Selbst im Krankenbett dachte er nur daran, wie man den Frieden wiederherstellen könnte und Sam finden. Sie hatte ihn in der letzten Nacht im Schlaf sprechen hören, er hatte Sams Namen gemurmelt und überhaupt nicht glücklich ausgesehen.
Sam würde wiederkommen, das wußte sie, in dieser Beziehung war Frodo genauso unverwüstlich wie Gundbert es gewesen war. Er hielt durch.
Ich möchte nur zu gern wissen, sagte Rosie, wo sie die armen hingebracht haben! Wo ist nur mein Sam? Wo sind sie alle?
Frodo zuckte mit den Schultern, aber dann sagte er: Ich werde es herausfinden und den am Kragen packen, der schuld daran ist. Die brauchen sich nur zu zeigen, sie werden noch gar nicht damit rechnen, daß sie hier nicht einfach so auftauchen und die Unterdrücker spielen können!
Rosie, Estella und Liliane sahen sich vielsagend an. Sie wußten, es hatte damals, vor fast zwanzig Jahren, mit der Besetzung genauso begonnen und wenn sie nicht aufpaßten, würde es diesmal nicht anders sein.
Eine gute Frage, wo sie alle sind... damals waren sie in Michelbinge, aber das wird es diesmal nicht sein. Das hätten wir bereits gehört, mutmaßte Liliane. In der Tat, es war alles sehr beunruhigend und unberechenbar.
Es dauerte bis kurz vor dem Abendessen, da kamen dann Pippin, Elanor und Frodo triefnaß nach Beutelsend zurück und erstatteten Bericht, nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten.
Pippin erzählte, daß die Versammlung planmäßig am folgenden Abend in Wasserau stattfinden würde. Der Wirt war hocherfreut gewesen, von diesen Plänen zu erfahren und stellte sein Wirthaus gern zur Verfügung. Er schickte sofort seine Stallburschen aus, allen Bescheid zu geben und auch Pippin und die Kinder taten nichts anderes. Allerdings hatten sie sehr zu ihrem Leidwesen bei ihrem Rundgang ebenfalls erfahren müssen, daß nun auch in Hobbingen die ersten Hobbits einfach verschwunden waren. Die Idee mit der Versammlung war auf breiten Konsens gestoßen und Pippin bezweifelte nicht, daß viele erscheinen würden.
Dann kann es ja losgehen! sagte Frodo mit einem Lächeln. Er war bereit, was auch immer nun kommen sollte. Sobald er wieder auf den Beinen war, würde ihn nichts mehr in Beutelsend halten.
Achtes Kapitel: Eine böse Überraschung
Den ganzen zweiten Tag über war der Chef nicht ein einziges Mal aufgetaucht. Sam begann es fast, langweilig zu werden und er versank, während er auf das Prasseln des immerwährenden Regens lauschte, tief in Gedanken. Er begann, lange über einen Namen für das Kind nachzudenken, das Rosie im Winter bekommen würde. Entmutigt, wie er in diesem Augenblick war, hoffte er, ihr bis dahin davon berichten zu können.
Er wußte, wie lange Hobbits bereits gefangen gewesen waren und machte sich keine Hoffnungen, daß er bald wieder freigelassen wurde. Bis dahin mußte er einen anderen Weg gefunden haben.
Er beschloß, ein Mädchen Rubinie nennen zu wollen und einen Jungen Bilbo. Er hatte schon lange mit diesem Gedanken gespielt.
Seit Stunden schon plagte ihn ein schrecklicher Hunger, aber er sagte nichts, sondern begann stattdessen erneut, die Fesseln an seinen Handgelenken mit den Zähnen zu bearbeiten. Losziehen konnte er sie nicht, dafür saßen die Knoten zu fest, aber er konnte versuchen, die Stricke durchzubeißen.
Er hatte ohnehin keine anderen Pläne. Er hatte viel Zeit. Sehr viel Zeit.
Es regnete und regnete und Sam dachte stumm nach, wie lange es hergewesen sein mochte, daß es zuletzt so lange und so stark geregnet hatte. Es war Jahre her und er konnte sich erinnern, daß einige Bäche und Flüsse über die Ufer getreten waren. Unter Umständen konnte das sehr gefährlich werden, aber ihm war das ganz egal in der trockenen Hütte.
Abwechselnd versuchte er, den linken und den rechten Strick durchzubeißen. Er spürte seine Hände nicht mehr und sein Nacken schmerzte bald sehr von der unbequemen Haltung, die er einnehmen mußte, wollte er seine Handgelenke überhaupt erreichen.
Grinsend dachte er bei sich, daß der Handlanger schon sehr verblüfft geguckt hatte, als er keinen Apfel mehr sah. Sam, der seinen Knebel inzwischen längst wieder los war, hatte ihm aber auch nicht verraten, wie er das angestellt hatte. Scheinbar war der Handlanger nicht sehr helle, sonst wäre er selbst darauf gekommen.
Die werden sich noch wundern, dachte Sam und grinste, dann zog er an den Stricken und seufzte unglücklich, als er merkte, daß trotz den dünner gewordenen Stellen nichts reißen wollte.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und der andere der Handlanger kam herein mit etwas Wasser.
Gibts nichts zu Essen? fragte Sam sofort, nachdem er seinen Durst gestillt hatte und grinste.
Klappe halten. Es gibt später was.
Ach! Es gibt zur Abwechslung mal was! Zu gütig... Sein Grinsen wurde immer breiter. Er hatte nicht die geringste Lust, nicht frech zu sein.
Du willst mir nicht erzählen, daß du das brauchst! Ihr Hobbits seid ein verdammt verfressenes Völkchen, oder was meinst du? Wenn ich mir dich so anschaue...
Sam fühlte sich nicht im geringsten beleidigt, im Gegenteil.
Wir können wenigstens kochen. Oder wie siehst du Hungerhaken das?
Dir werd ich... brummte der Kerl, hob drohend die Faust, aber dann ging er wieder und schlug die Tür hinter sich zu.
Leise begann Sam zu kichern und biß sich auf die Lippen. Es war einfach zu komisch. Das hatten sie sich anders vorgestellt. Normalerweise waren Hobbits auch nicht gerade die geborenen frechen Helden, aber Sam hatte nicht einmal vor Orks Respekt, warum also vor dahergelaufenen Landstreichern?
Zumindest waren die Handlanger das. Der Chef war doch nicht so ganz dahergelaufen.
Der dritte Tag neigte sich fast dem Ende zu, da hörte Sam, der den Geschmack des leider sehr festen Strickes mittlerweile nicht mehr besonders schätzte, draußen wieder die Stimme des Chefs.
Wollte er nun wissen, was es Neues gab? Vielleicht lieber nicht, dieser elende Teufel heckte bestimmt etwas aus.
Aber er hatte keine Wahl. Die Tür öffnete sich schließlich wieder und mit einem Stück Brot kam der Chef herein. Sam ließ sofort vom Strick ab und tat ganz unbeteiligt.
Gelangweilt? Dann wird es dich bestimmt freuen, zu hören, daß du nicht der einzige bist, den man vermißt! Im Grünbergland gibt es große Höhlen, wo viel Platz für aufmüpfige Wichtigtuer ist, wie du einer bist! Und wir werden sie füllen. Jeder, der sich aufzulehnen versucht, lernt die Höhlen von innen kennen! Ein gutes Dutzend haben wir bereits. Sie konnten einfach nicht still sein...
Mit einem amüsierten Grinsen ließ er sich gegenüber Sam nieder, warf ihm das Brot in den Schoß und Sam brummte. Herrlich. Er konnte es nicht ohne weiteres erreichen, aber er würde sich darum bemühen, wenn der Chef wieder verschwunden war.
Stimmt es eigentlich, daß da noch eine Familie bei euch wohnt? fragte der Chef dann und Sam zuckte nur mit den Schultern.
Vielleicht. Wer sagt denn das?
Nun, das wäre praktisch. Ich weiß jedenfalls, deine ganzen Bälger werde ich rauswerfen, bevor ich es mir bei euch gemütlich mache.
Nun hob Sam den Blick und fürchtete, puterrot im Gesicht zu werden vor lauter Wut, aber er sagte nichts und versuchte ein desinteressiertes Lächeln.
Sie suchen schon nach dir, aber sie werden dich hier nie finden. Der Bürgermeister wird vermißt! Und sie bekommen es mit der Angst zu tun. Das ist gut, weißt du das? Es dauert nicht mehr lange und wir haben gewonnen.
Sam zuckte wiederum nur mit den Schultern. Er wollte nicht, daß der Chef bemerkte, wie aufgebracht er war. Aber plötzlich wurde ihm heiß.
Frodo. Er würde gar nichts tun können!
Warum mußt du unbedingt nach Beutelsend? Was soll denn das? fragte Sam unruhig.
Ich sehe, es ärgert dich. Genau deshalb. Du kannst dir, solltest du hier jemals rauskommen, eine andere Bleibe suchen! Ich nenne das Rache, mein Lieber.
Sam giftete ihn böse an, sagte aber nichts. Er spießte ihn mit seinen Blicken auf. Der Chef sah allerdings, daß weiter nichts bei Sam zu holen war, jedoch sagte er noch eines, bevor er den Raum wieder verließ: Ach, und ich hoffe, deine Frau kann gut kochen, denn das wird sie mir jetzt zeigen müssen.
Sams Kopf schnellte nach oben und er brüllte: Du elender Dreckskerl, wenn du es auch nur wagst, ihr ein böses Wort...
Dann? Brichst du aus und drehst mir den Hals um? Ich warte darauf!
Damit knallte die Tür wieder ins Schloß und Sam verlor gar keine Zeit, sondern begann vorerst wieder damit, die Stricke zu bearbeiten, bis jedoch sein Hunger zu groß wurde und er es irgendwie schaffte, das Brot in Reichweite seiner Hände zu bugsieren. Nachdenklich kaute er darauf herum und seufzte. Er mußte schnell raus aus der Hütte. Sehr schnell.
Pippin und der junge Frodo waren den ganzen Tag nördlich von Hobbingen in der Wildnis unterwegs gewesen und hatten bis zum Schiefertonwald die gesamte Umgebung durchkämmt, aber sie fanden keine Spur von Sam.
Der Junge begann, sich ernsthaft um seinen Vater zu sorgen.
Was ist, wenn er gar nicht hier im Norden ist? Was soll jetzt werden? Wir müssen ihn doch finden!
Ich weiß, Frodo. Mir schmeckt das auch nicht. Aber ich weiß, ich werde nicht zulassen, daß dein Vater auf ewig verschwunden bleibt. Sollte ich einen von den Kerlen erwischen, werde ich ihn solange mit meinem Schwert kitzeln, bis ich weiß, wo dein Vater ist!
Das beruhigte Frodo ein wenig. Als der Tag sich dem Abend zuwandte, kehrten sie mißmutig von einer ergebnislosen Suche zurück und begaben sich sogleich zum Grünen Drachen nach Wasserau, wo bereits Elanor, Merry und Rosie warteten. Estella hatte sich bereit erklärt, an Rosies Stelle bei den Kindern zu bleiben, aber die Frau des Bürgermeisters wollte zumindest an diesem Abend anwesend sein, wenn Pläne geschmiedet wurden. Dafür war Estella aber mit den Kindern zum Bauern Kattun gegangen, denn Rosie wußte, auf dem Hof waren die Kinder sicherer. In Beutelsend war jetzt niemand mehr, der auf sie achten konnte. Frodo und Liliane hatten zwar nicht mitgehen wollen, sie konnten Rosie jedoch sehr gut verstehen.
Habt ihr etwas gefunden? fragte Rosie, als sie Frodo und Pippin kommen sah, aber sie schüttelten nur betreten die Köpfe und setzten sich an der Theke hin, wo sie sich erstmal ein Bier bestellten.
Das brauche ich jetzt, bemerkte Pippin und nahm einen großen Schluck.
Langsam begann sich der Schankraum zu füllen und durch die weit geöffneten Fenster konnte man von draußen in der frischen Abendluft bald ein lautes Stimmengewirr vernehmen.
Pippin, Merry und Rosie setzten sich schließlich auf die Theke und die Kinder saßen ganz in der Nähe, sehr erwartungsvoll und aufgeregt und angesichts der vielen Gesichter mit großen Augen.
Es dauerte gar nicht, da waren dann so viele Hobbits im Wirtshaus, daß selbst durch die Fenster einige noch schauten, die drinnen keinen Platz mehr gefunden hatten. Das Interesse war groß. Alle waren gekommen, junge Hobbits in den Twiens und weißhaarige gestandene Männer, jede Altersgruppe war vertreten und sie alle sahen sehr entschlossen aus.
Ruhe bitte! rief Merry schließlich, hob die Hand und nach einigen Augenblicken waren dann alle verstummt.
Ich bin sehr froh, so viele hier zu sehen, die mithelfen wollen, diesen ständigen Schandtaten ein Ende zu setzen!
Beifall war die Antwort und schließlich konnte Merry weitersprechen.
Wir sind Freunde des Bürgermeisters und machen uns genauso viele Sorgen um ihn wie seine Frau. Wir wissen, es gibt Verletzte und Vermißte, es gibt große Schäden und wir fürchten, daß wir uns sehr bemühen müssen, um zu vermeiden, daß etwas wie vor fast zwanzig Jahren geschieht. Keine Schergen sollen sich hier breitmachen und die Herrscher spielen!
Der folgende Lärm hielt so lange an, daß Merry und Pippin noch in Ruhe einige Worte wechseln konnten. Zustimmende Rufe, Fußgetrampel, Beifall und Pfiffe erfüllten den Raum bis unter die Decke, man klopfte auf Tische und wollte sogar schon Vorschläge zum Vorgehen machen.
Wohin Merry auch sah, saßen Hobbits auf Tischen, Bänken und Stühlen, lehnten auf der Wand oder saßen auf dem Boden, auf der Fensterbank und selbst hinter ihm waren welche.
Er sprach noch weiter und die Gemüter erhitzten sich regelrecht, so daß bald eine fast greifbare Spannung in der Luft lag. Schließlich begann er, erste Vorschläge zum weiteren Vorgehen zu machen.
Die Nachtwache sollte wieder aufgenommen werden und auch über Tag sollte auf alles geachtet werden. Jeder sollte irgendeine Waffe zur Verteidigung mit sich führen und am besten jeden der Strolche angreifen, sobald man zu mehreren unterwegs ist! Wir müssen sie kriegen und herausbekommen, wo unsere Freunde versteckt sind.
Er hatte kaum den Satz zuende gesprochen, da hörte man plötzlich Schreie vor dem Wirthaus, aufgebrachtes Gebrüll und das Kratzen von Metall auf Metall.
Was... begann Rosie, doch ihre Frage wurde bereits beantwortet, bevor sie sie überhaupt stellen konnte. Vor der Tür gab es ein kleines Handgemenge und dann kamen sie erst gebückt durch die Tür, bevor sie sich mit erhobenen Schwertern aufrichteten und sich umschauten.
Sie hatten Wind davon bekommen, die Männer, deren ganzes Interesse in diesem Moment darin lag, den Aufstand zu zerschlagen.
Ihr seid alle verhaftet! brüllte schließlich einer mit donnernder Stimme, der aus dem guten Dutzend Männer hervortrat und mit dem Schwert in seiner Hand herumspielte.
Wer sagt das? schrie jemand aus einer der Ecken. Viele Hobbits sprangen auf und ballten entrüstet die Fäuste, wollten auf die Männer zustürmen und sie angreifen, doch diese hielten ihnen nur die blitzenden Klingen entgegen und Merry schnappte nach Luft.
Verdammt! Pippin, warum waren wir so dumm? Es ist Lutz Farning!
Lutz erhob in diesem Augenblick wieder die Stimme und sie war laut und durchdringend, als er sprach.
Es wird ab jetzt keine Versammlungen und schon gar keine Aufstände mehr geben. Wir übernehmen ab jetzt das Regiment hier!
Gar nichts werdet ihr! schrie jemand und die Hobbits versuchten mit Stühlen bewaffnet wiederum einen Angriff auf die Eindringlinge, aber es dauerte nur Sekunden, bis ein richtiges Handgemenge entfacht wurde und immer mehr Männer in das Wirtshaus drängten.
Der junge Frodo sprang von seinem Stuhl auf und wollte schon auf Lutz zuspringen, während er schrie: Laß meinen Vater wieder frei!, aber Merry reagierte blitzschnell und sprang von der Theke, riß den Jungen mit sich zu Boden und zischte: Sei vernünftig, wir müssen hier raus!
Frodo sah ihn wutentbrannt und mit geballten Fäusten an, aber dann standen die beiden wieder auf und er fügte sich, weil er sah, daß Merry Recht hatte.
Pippin und Rosie saßen fassungslos noch immer auf der Theke, aber dann zerrten Merry und Frodo sie herunter.
Wir müssen hier schnellstens raus! Kommt! Wo ist Elanor? rief Merry, nahm Rosie bei der Hand und Pippin schlängelte sich mit Frodo hinter den beiden durch die Menge, die den Kampf begonnen hatte, hin zu Elanor und in Richtung Hinterausgang.
Pippin schaute sich über die Schulter um und wollte sich fast ungläubig die Augen reiben bei dem, was er da sah. Lutz Farnings Männer waren tatsächlich darauf aus, so viele Hobbits wie möglich zu erwischen und festzunehmen, während diese aufgebracht und mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Feinde vorgehen wollten.
Wir hätten die Schwerter mitnehmen sollen, Merry! rief Pippin und hörte nur dünn die Antwort seines Vetters: Ich weiß, aber wir müssen die drei hier rausbringen! Das ist wichtiger!
Plötzlich spürte Pippin eine klammernde Hand auf der Schulter, die ihn unbarmherzig zurückriß und eine finstere Stimme sagte: Du gehst nirgendwohin, du kleiner Aufrührer!
Als Pippin sich umdrehte, sah er ins schief grinsende Gesicht eines von Lutz Männern und fuhr herum, wollte sich losreißen, aber wurde mit eisernem Griff gepackt.
Er war völlig außer sich und wußte nicht, was er tun sollte, aber sehr zu seiner Überraschung warf sich plötzlich jemand von der Seite gegen den Mann, der um einiges größer war als er und Pippin erkannte Frodo, der dem Mann schon seinen Ellbogen in die Magengrube rammte, bevor er nach Pippins Arm griff und ihn mit sich zur Hintertür zerrte.
Danke! sagte Pippin erleichtert und rannte mit dem Jungen hinter Rosie, Elanor und Merry her, die bereits zwischen großen Vorratskisten hindurch zur Tür liefen.
In seinem Kopf flogen alle Gedanken wirr durcheinander. Das konnte doch nicht sein! Sie hatten Lutz doch damals vertrieben... Er war einer der Schergen Sarumans gewesen und das hier trug seine Handschrift, schon die ganze Zeit über.
Er hätte es wissen müssen! Natürlich... und er hatte noch eine Rechnung mit ihnen offen. Mit Sam hatte er schon vor Jahren in Bree Streit gehabt und Merry erinnerte sich, wie er es auf der Brandyweinbrücke geschafft hatte, ihn erstaunlicherweise einzuschüchtern, aber der Lutz, den er gerade gesehen hatte, war ein anderer gewesen. Er war mehr als drei Köpfe größer als die Hobbits und fühlte sich sehr sicher mit seinem Schwert.
Man hatte ihn seither nie mehr gesehen, aber Lutz hatte nicht vergessen, wie ein paar Hobbits ihn davongejagt und ihm alles vermiest hatten. Er hatte ein schönes Leben als Brückenaufseher genossen und dachte irgendwann bei sich, daß auch durchaus mehr möglich sein mußte. Er hatte einmal gesehen, wie die Hobbits einzuschüchtern waren und er wußte genau, wen er von ihnen erwischen mußte, um die anderen zu verunsichern. Allen voran der ihm so verhaßte Bürgermeister.
Als sie draußen hinter dem Wirtshaus im Hof standen und kurz nach Luft schnappten, fragte Rosie: Wer in aller Welt ist das?
Ein alter Bekannter von uns, erklärte Merry, Lutz Farning aus Bree. Er war damals bei der Besetzung vorneweg dabei. Warum war ich nur so ahnungslos?
Er fluchte leise vor sich hin, aber dann liefen sie weiter. Sie machten sich Sorgen um die, die allein und ahnungslos in Beutelsend waren. Rosie sah nach ihren beiden Kindern und als sie um eine Ecke rannten, wären sie fast in drei Männer hineingerannt.
Zurück! rief Merry und sie drehten um. Es stand außer Frage, daß sie querfeldein laufen mußten, um möglichst schnell und ungehindert wegzukommen.
Pippin und er tauschten vielsagende und unwirsche Blicke aus, während sie den Hügel hinabliefen. Sie verlangsamten ihre Geschwindigkeit schließlich, als sie merkten, daß Rosie nicht mitkam.
Die Männer waren schon überall. Lutz hatte viele um sich geschart, die wohl genauso machthungrig waren wie er. Merry schmeckte das Ganze überhaupt nicht, aber er hatte noch gar keine Ahnung, was Lutz sich außerdem ausgedacht hatte. Er würde es jedoch noch früh genug sehen.
Merry und Pippin nahmen Rosie und die Kinder in die Mitte und sie schlichen von hinten durch die Felder.
Als der Hof des Bauern in Sichtweite war, blieb Pippin stehen und sagte: Ihr geht jetzt alle zu Bauer Kattun, aber ich muß Frodo und Liliane warnen! Ich hole sie, und ich bringe auch die Schwerter mit, Merry!
Merry sah ihn zögerlich an und Pippin verstand, was er dachte.
Du brauchst nicht mitkommen, sonst macht Estella sich nur Sorgen!
Damit trennten sie sich und kurze Zeit später lief er in der einsetzenden Dämmerung schließlich durch Hobbingen, wo er Geschrei vernahm und in fast jeder Straße bewaffnete Männer stehen sah, die er um keinen Preis auf sich aufmerksam machen durfte. Er pirschte durch kleine Gassen in Richtung Bühl, jedoch nicht ganz ungesehen. Es war aber so, daß sich in diesem Moment keiner für ihn interessierte und so kam er ungehindert nach Beutelsend.
Pippin sank keuchend an der Tür zu Boden, die er gerade hinter sich verschlossen hatte und rief sogleich: War jemand hier?
Liliane kam im nächsten Moment mit Perhail auf dem Arm in die Eingangshalle.
Was ist denn mit dir los? Wo sind die anderen? fragte sie. Pippin, der noch immer auf dem Boden saß und nach Luft schnappte, hob den Blick und sagte: Jetzt wissen wir, wer es ist. Sie fallen überall ein. Wir mußten fliehen, sie wollen alle gefangennehmen.
Der Schock stand Liliane ins Gesicht geschrieben, doch es kam noch schlimmer.
Warum sind wir nicht darauf gekommen, daß es Lutz ist? brummte Pippin und Liliane erstarrte.
Lutz? Wen meinst du?
Lutz Farning, der war schon damals mit dabei...
Lutz Farning? wiederholte sie langsam und sah ihn stumm an.
Ja. Warum? Was ist? fragte Pippin nur und erhob sich langsam wieder. In diesem Moment trat Frodo hinter Liliane, der von den Stimmen in den Flur gelockt worden war, und hörte Liliane sagen: Ich kenne ihn... er war damals ständig hinter meinem Mann her...
Frodo legte den Arm um sie und sah sie fragend an.
Wer? Was ist überhaupt los hier?
Pippin sah Frodo ernst an und erklärte: Lutz Farning steckt dahinter. Sie sind mitten in die Versammlung eingefallen und auf dem Weg hierher habe ich überall Menschen gesehen. Sie kommen, Frodo. Es ist zu spät.
Langsam gingen sie ins Schlafzimmer, wo Frodo sich wieder aufs Bett setzte und die beiden anderen daneben. Sie mußten erst einmal die Fassung zurückerlangen. Mit Lutz war vermutlich nicht zu spaßen. Sie hofften, daß Sam nichts passiert war, denn da konnten sie sich nun nicht mehr sicher sein.
Frodo dachte mit Unbehagen daran, was das für Sam bedeuten konnte. Das klang alles nicht gut.
Er sah Liliane in die Augen, die ganz in Gedanken zu sein schien.
Worüber denkst du nach? fragte er.
Er war es, der damals Gundbert verfolgt hat... er hat ein böses Herz, Frodo, und ganz Bockland stand unter seinem Terror. Er wußte schon damals, wie man Angst und Schrecken verbreitet! Das ist ihm ja auch jetzt gelungen...
Was machen wir jetzt? fragte Frodo und sah zu Pippin, der düster vor sich hin starrte und plötzlich sagte: Kommt besser mit zum Hof des Bauern, da ist es sicherer!
Liliane nickte und Frodo war bereits im Begriff, aufzustehen, als Melethiell ins Zimmer gelaufen kam und sagte: Es hat an die Tür geklopft.
Pippin zuckte zusammen und Liliane lief zum Fenster, von dem aus man vor die Tür sehen konnte und schrak zusammen.
Pippin! rief sie halblaut, der sofort zu ihr kam und ebenfalls das erblickte, was Liliane sah.
Verdammt! Was macht der hier? Das kann doch nicht sein...
Er wollte sich bereits umdrehen und sein Schwert suchen gehen, als Liliane ihn an der Schulter festhielt und sagte: Es ist zu spät. Nimm Melethiell und lauf mit ihr nach Wasserau zu den anderen, bitte! Wir können nicht...
Pippin sah sie stumm an, dann sagte er: Ich werde jetzt bestimmt nicht weglaufen und euch hier alleinlassen!
Bitte, Pippin, tu mir den Gefallen! Wir passen schon auf uns auf... nimm sie!
Er sah sie an, aber dann klopfte es noch einmal, diesmal forscher, und Frodo fragte: Warum öffnet ihr nicht?
Schließlich nickte Pippin, ging und holte die Schwerter, schnallte sie beide schnell an seinen Gürtel und Liliane sprach währenddessen mit ihrer Tochter.
Du mußt jetzt mit Onkel Pippin gehen, hörst du? Du wirst bald wieder bei Krümel sein und dann bleibst du bei ihm, ja?
Ja... sagte die Kleine, aber warum? Was macht denn ihr?
Wir kommen bald... sei brav, meine Kleine!
Liliane küßte sie auf die Stirn, Pippin nahm sie auf den Arm und plötzlich stand Frodo in der Tür.
Was macht ihr hier eigentlich? fragte er.
Lutz ist hier, Frodo... murmelte Liliane und währenddessen lief Pippin mit der Kleinen auf den Flur und bis ganz ans Ende der Höhle, wo die Hintertür aus der Küche in den Garten führte.
Er öffnete leise und sah vorne ein halbes Dutzend Männer vor der Tür stehen. Ihm stockte der Atem und er wollte schon fast zurücklaufen, aber dann sagte Melethiell auf einmal: Onkel Pippin, was...
Er hielt ihr den Mund zu, sprang schnell über den Zaun und sagte: Später, Kleine. Wir müssen jetzt leise sein!
Er dachte still bei sich, daß er mit Merry wiederkommen würde. Er machte sich Sorgen.
Im Flur sahen Liliane und Frodo sich stumm an und plötzlich flog die Tür auf. Die Hobbits wichen zurück und Frodo stellte sich vor Liliane, als zwei Männer hereinkamen und schließlich Lutz.
Oh, es ist ja doch jemand zuhause! Was für eine nette Begrüßung! sagte er und schloß die Tür hinter sich.
Wer ist noch hier? fragte er im Anschluß, doch Frodo sah ihn böse an und rief: Was soll das?
Er hatte noch mehr sagen wollen, aber das wurde in einem Hustenanfall erstickt. Er ging in die Knie und Liliane legte ihren Arm um ihn, doch dann wurde sie Lutz Blicke gewahr, die auf ihr ruhten.
Er durchbohrte sie förmlich mit seinen Blicken und grinste.
Niemand sonst hier? fragte er wieder und Liliane schüttelte stumm den Kopf. Frodo richtete sich wieder auf, funkelte Lutz wütend an und Lutz lachte.
Das ist sehr gut. Dann muß ich die kreischenden Kinder nicht erst rauswerfen! Seinen beiden Männern befahl er, alles zu durchsuchen und sah die Hobbits dann wieder an.
Was soll das heißen? Verschwinde! Raus hier! rief Frodo und spürte Lilianes Hand an seiner. Er drückte sie fest und wiederum lachte Lutz nur.
Verschwinden werde ich jetzt nicht mehr. Dem Bürgermeister habe ich es schon gesagt: Ich werde nun an seine Stelle treten, und demnach gehöre ich jetzt hierher!
Liliane spürte die Wand im Rücken, als vor ihr Frodo immer weiter zurückwich. Er fühlte sich schrecklich hilflos, denn er stand Lutz, der größer und stärker war als er, mit bloßen Händen gegenüber.
Wo ist Sam? Laß ihn gehen! Du hast doch, was du willst! Du kannst gern hier bleiben, wir werden gehen.
Lutz starrte Frodo nur an, der sich unterlegen vorkam und einen drohenden Hustenanfall unterdrückte.
Ihr werdet nirgendwohin gehen. Ihr bleibt schön hier. Ein wenig Gesellschaft stelle ich mir amüsant vor!
Frodo wandte den Blick von Lutz ab, zog Liliane hinter sich her ins Schlafzimmer und holte Perhail aus der Wiege. Er drückte Liliane das Kind in die Arme und legte ihr einen Mantel um die Schultern, aber als er sich bücken wollte, um sein Schwert unter dem Bett hervorzuziehen, sah er im Augenwinkel eine Bewegung in der Tür. Lutz stand breitbeinig im Türrahmen und schüttelte den Kopf. Frodo erhob sich langsam wieder und Lutz sagte: Vor der Tür stehen meine Männer. Ihr braucht es nicht erst zu versuchen. Und die Hintertür werden sie auch finden.
Was soll das? Was willst du? schrie Frodo außer sich und legte schützend seinen Arm um Liliane.
Jemanden, der mir Gesellschaft leistet, und außerdem weiß ich, daß die Küche im Auenland vorzüglich ist! Ich bin sicher, kochen kannst du gut, oder? sagte Lutz zu Liliane gewandt, die bleich wurde. Sie wußte, daß er sie erkannt hatte.
Frodo wurde plötzlich unglaublich wütend und wollte auf Lutz losgehen, aber dieser packte den Hobbit an den Schultern, schleuderte ihn mühelos gegen den Schrank und während Frodo unter einem Hustenanfall nach Luft rang, zischte Lutz: Leg dich ins Bett und hör auf mit den Mätzchen! Dann werden wir keinen Ärger haben!
Frodo, hör auf! hörte Frodo Liliane flehen, die ihn bittend ansah und schließlich schlug er Lutz Hände weg, setzte sich resignierend aufs Bett und hustete wieder. Liliane setzte sich neben ihn, ignorierte das Grinsen von Lutz, das er ihr spöttisch zuwarf, bevor er ging und die Tür hinter sich schloß.
Beruhige dich, Frodo, sagte sie sanft, legte ihre Hand auf seine und lächelte ihn an.
Was - du willst doch nicht etwa...? begann er, aber sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
Frodo, du kannst dich nicht gegen ihn wehren! Du kommst hier nicht einfach heraus. Ich bitte dich, hör auf. Wenn du weiter Ärger machst, wird er nur zornig...
Frodo verstand nicht ganz, worauf sie hinauswollte.
Liliane, wir müssen hier weg! Was ist denn los mit dir?
Sie sah ihn nicht an. Perhail war erwacht und sah hoch zu seiner Mutter, die ihm über den Kopf strich. Sie wußte, daß Frodo machtlos war gegen Lutz. Er hatte keine Chance. Sie hatten beide keine Chance gegen ihn, er hatte sich das so in den Kopf gesetzt und es würde geschehen.
Pure Angst um Frodo brachte sie dazu, nachzugeben. Es würde nur nichts geschehen, wenn er sich nicht mit Lutz anlegte.
Frodo, bitte... sagte sie und hob den Kopf. Als er ihr in die Augen sah, begriff er, was sie dachte und umarmte sie.
Wenn ich wieder zu Kräften gekommen bin, verschwinden wir hier! sagte er. Er verstand, daß sie um ihn fürchtete, und er dachte ebenfalls an Sam.
Vorerst blieb ihm keine andere Möglichkeit.
Unruhig legte er sich wieder ins Bett, Liliane reichte ihm Perhail und blieb einfach sitzen.
Sie saßen in der Falle.
Liliane starrte düster auf den Boden. Verschiedene Bilder tauchten wieder in ihrer Erinnerung auf. Sie sah, wie Gundbert vor Jahren nach Hause zurückkehrte, mehr tot als lebendig, als sie ihn einmal fast erwischt und ihm übel zugesetzt hatten. Sie erinnerte sich auch an Lutz Worte, den Haß, der darin lag, und genau wie damals hatte er mit Genuß gesehen, wie ihm wieder Gehör geschenkt worden war. Widerwillig zwar, aber seine Art zu sprechen schüchterte jeden ein, bei dem er sich das zum Ziel gesetzt hatte. Er sprach immer ruhig und gelassen, aber er legte jegliche Bedeutung in den Inhalt seiner Worte, auf die oft auch Taten folgten.
Er hatte verschiedentlich Drohungen ausgestoßen und in der Küche fast einen Schrank zerschlagen, daran erinnerte Liliane sich auch. Sie hatte vorhin mit Entsetzen sehen müssen, was er mit Frodo getan hatte und wußte, er war noch gar nicht wütend gewesen.
Es hatte schon damals kein Entrinnen gegeben. Sie wußte, daß es bei ihm das kleinere Übel war, sich lieber nicht zu wehren, solange man nichts in der Hand hatte gegen ihn. Sie waren ganz allein und Frodo konnte nichts tun, nicht einmal schnell genug weglaufen
Was ist? fragte Frodo unvermittelt und sie drehte sich um. In ihren Augen sah er genau, daß sie vor etwas Furcht hatte.
Ich bin nur froh, daß Pippin die Kleine mitgenommen hat, murmelte Liliane und nun legte Frodo seinen Sohn unter die Decke, richtete sich auf und rutschte neben sie.
Sag, hast du Angst? fragte er.
Er nahm ihre Hand und sie sagte: Ich kenne ihn, Frodo, und er hat mich ebenfalls erkannt. Ich weiß nicht, welches Spiel er spielt, aber ich weiß, daß er keine Skrupel kennt. Frodo, solange wir allein sind und du krank bist, sollten wir tun, was er sagt. Ich habe einmal erlebt, wie jähzornig er werden kann und ich harre lieber hier aus und ertrage es, als daß er mit dir noch etwas schlimmeres tut als vorhin...
Frodo zog sie an sich. Er wußte, wenn sie so sprach, die sonst eher mutig war, dann hatte sie einen guten Grund.
Sie war geduldig und würde es schon schaffen, das war ihr lieber, als daß Frodo etwas zustieß. Sie hatte einmal einen Mann verloren.
Mach dir keine Sorgen. Es wird nichts geschehen und ich bin sicher, Merry und Pippin werden nicht einfach tatenlos herumsitzen und abwarten!
Er küßte sie auf die Stirn und lauschte stumm auf die schweren Schritte der Männer, die durch die Räume liefen, doch es kehrte sehr bald Ruhe ein. Scheinbar waren alle bis auf Lutz verschwunden, aber Lutz war natürlich noch da.
Er stieß plötzlich die Tür auf und stand grinsend vor den beiden Hobbits. Liliane sah nicht auf zu ihm, aber Lutz Blick traf Frodos.
Was ist? fragte der Hobbit in einem unerfreuten Tonfall und Lutz antwortete: Irgendwo will ich auch schlafen.
Langsam und ohne ein Wort zu sagen stand Liliane auf und Frodo wollte schon aufstehen und ihr folgen, aber sie drehte sich um und sagte: Leg dich ins Bett, sonst wirst du nie gesund.
Und er mußte so schnell wie möglich gesund werden. Widerwillig blieb Frodo sitzen und als die beiden das Zimmer verlassen hatten, kniete er sich auf den Boden und griff nach seinem Schwert, das er neben sich ins Bett legte. Er nahm seinen Sohn in den Arm und lauschte. Er hörte die beiden miteinander sprechen, aber sie entfernten sich und irgendwann hörte er gar nichts mehr außer einem gelegentlichen Lachen von Lutz.
Dreckskerl, dachte der Hobbit bei sich, nur leider in einer sehr überlegenen Position.
Neuntes Kapitel: Der Feind in Beutelsend
Ich will aber zu Mama und Papa! rief Melethiell unglücklich und Pippin drückte die kleine Hand des Mädchens.
Das geht jetzt nicht. Mama und Papa kommen aber bald. Du gehst jetzt mit mir zu Tante Rosie, ist das denn nicht gut?
Nein.
Ergeben seufzte Pippin. Er konnte die Kleine verstehen, ihm gefiel das Ganze ebenfalls überhaupt nicht, aber er konnte nichts dagegen tun. Noch nicht. Er mußte mit Merry sprechen.
Endlich sah er den Hof der Kattuns vor sich und beschleunigte ein letztes Mal seine Schritte. Er lief durchs Tor und klopfte laut an die Tür, bis endlich der Bauer öffnete.
Was macht Ihr denn für einen Lärm, Herr Peregrin? Ich bin ja schon da... wen habt Ihr denn mitgebracht? Die kleine Meli?
Jetzt lächelte das Mädchen erfreut. Sie mochte den Bauern sehr, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Jedoch sah Herr Kattun Pippin nur fragend an, als er Melethiell auf seinem Arm sah.
Pippin lief an ihm vorbei in die Küche, wo Merry noch immer mit Estella und Rosie sprach. Er setzte Melethiell stumm auf den Tisch, schnallte Merrys Schwert von seinem Gürtel und setzte sich. Erwartungsvoll sahen die anderen ihn an, während er Melethiell zum Spielen zu den anderen Kindern schickte, und Merry fragte: Wo sind denn Frodo und Liliane?
Sie sind noch dort. Lutz war fast noch schneller dort als ich.
Was soll das heißen? rief Merry. Pippin berichtete davon, was geschehen war, und Rosie zeigte sich entsetzt. Merry wollte schon zum Schwert greifen und mit Pippin zurück nach Beutelsend laufen, aber Pippin winkte ab.
Ja, natürlich werden wir das tun, aber doch nicht unüberlegt!
Was gibt es da zu überlegen?
Es gab einiges zu überlegen. Sie mußten damit rechnen, aufgegriffen zu werden, sie mußten ohnehin Verstärkung haben und außerdem wußten sie doch gar nicht, was Lutz überhaupt vorhatte in Beutelsend.
Wir sollten zuerst einen seiner Handlanger aufgreifen, auch in Bezug auf Sam. Wir müssen erstmal in Erfahrung bringen, was das soll! erklärte Pippin und Merry nickte langsam. Sein Vetter hatte Recht, sie mußten auf alles gefaßt sein und das konnten sie nur, indem sie Pläne schmiedeten.
Tom und seine Frau waren ebenfalls auf dem Hof und sie holten Tom schnell zu den Beratungen dazu. So waren sie immerhin zu dritt, wenn sie sich auf den Weg machten.
Sollen wir jetzt? fragte Tom und Merry nickte. Ja, wir dürfen keine Zeit verlieren.
Tom holte einen harten Knüppel aus der Abstellkammer und bewaffnet zogen die drei aus, einen der Handlanger von Lutz zu erwischen.
Es war inzwischen stockfinster draußen und bereits spät, als sie durch die Straßen schlichen, aber Ruhe war keinesfalls eingekehrt. An manchen Ecken wurden Kämpfe ausgefochten zwischen Hobbits und Menschen, die damit beschäftigt waren, Listen mit Vorschriften auszuhängen und laut kundzutun, daß sie das Sagen hatten.
Die drei tasteten sich weiter vor nach Hobbingen und dort dauerte es gar nicht lange, bis sie vor sich in der nächtlichen Schwärze einen Schatten auf sich zukommen sahen. Im Schutze zweier gegenüberliegenden Hauseingänge gingen sie in Deckung und sprangen brüllend hervor, als der Mann sie erreicht hatte, und rissen ihn mit erhobenen Waffen zu Boden.
He, ihr Aufrührer! Wollt wohl auch eingesperrt werden, was? höhnte der Mann, aber als Merry mit seinem Schwert auf seine Kehle zielte, wurde er plötzlich sehr still.
Was wollt ihr?
Wo ist der Chef? Lutz, meine ich. Was treibt er oben in Beutelsend? fragte Pippin und baute sich in einer bemüht einschüchternden Geste vor dem Mann auf, der nur lachte und erwiderte: Er wohnt jetzt dort. Wer will das wissen und warum?
Wir stellen die Fragen! Was ist mit den Hobbits, die noch dort waren? fragte Merry nun.
Ach, die... die sind noch dort. Der Chef will sich schließlich angemessen verköstigen lassen!
Zornig funkelte Merry den Mann an. Und der Bürgermeister? Wo steckt er?
Ach, der! In einem Wald wollten sie ihn verstecken, mehr weiß ich nicht.
Der Mann hatte Respekt vor Merrys Waffe, aber nicht vor Merry selbst. Er vermutete, die Hobbits würden ihm wohl nichts tun, aber sicher war er sich nicht, deshalb sagte er ihnen alles, was er wußte. Merry fragte noch einige Male nach, ob er nicht mehr sagen konnte, aber der Mann schüttelte nur den Kopf und schließlich gaben die Hobbits es auf. Sie ließen ihn aufstehen, zielten mit den Waffen auf ihn, ließen ihn aber schließlich ziehen und liefen weiter nach Beutelsend.
Dort war alles still. Nichts rührte sich und sie wollten schon fast riskieren, die Tür zu öffnen und einfach hineinzulaufen, aber sie waren sich nicht sicher, was sie erwartete. Also huschten sie nur leise weiter zum Fenster des Schlafzimmers, in dem sie Frodo vermuteten, und klopften an die Scheibe.
Was, wenn er nicht da ist? fragte Pippin.
Dann müssen wir eben rein! flüsterte Merry zurück, aber sie sahen eine Bewegung im Zimmer und das Fenster wurde geöffnet.
Was macht ihr denn hier? fragte Frodo und sah sie mit geröteten Augen an.
Du kannst vielleicht Fragen stellen! Was ist hier los? gab Merry zurück und Frodo erzählte, daß Lutz sich in Beutelsend einnisten wollte und im Augenblick mit Liliane in der Küche war.
Kommt doch raus! Worauf wartet ihr noch? fragte Pippin und Frodo schüttelte den Kopf, dann sagte er: Die Tür ist verschlossen, die Hintertür wahrscheinlich auch. Ich weiß nicht, wo er den Schlüssel hat. Der Ersatzschlüssel war nicht an seinem Platz, die Kinder scheinen ihn in den Fingern gehabt zu haben!
Merry stöhnte. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt.
Aber was jetzt?
Wir bleiben einfach hier. Das geht schon! Macht euch keine Sorgen, wir finden schon einen Weg, aber ihr solltet viel eher nach Sam suchen!
Du mußt da raus, Frodo, mit deiner Familie! Wir kommen rein! sagte Merry, aber Frodo wollte ihn davon abhalten. Er wußte, er war zu krank und kam nicht weit, er wollte es verfluchen.
Bist du sicher? fragte Merry. Frodo nickte und sagte: Sucht Sam. Ich bin sicher, irgendwann kommen die Handlanger wieder her und ich werde versuchen, sie auszuspionieren. Geht und sucht Sam, das ist wichtiger!
Er war zu müde, um nachzudenken, er wollte sich keine Gedanken darüber machen, wie er aus Beutelsend herauskam. Angestrengt hustete er.
Verschwindet! Nun macht schon, ich habe hier auch noch ein Schwert, also regt euch nicht auf!
Aber Lutz ist jetzt allein! Wir sollten zumindest versuchen, euch rauszuholen! versuchte Merry es erneut, doch in diesem Augenblick hörten sie Gebrüll und fuhren herum.
Die sind es! brüllte ein Mann und Pippin griff nach seinem Schwert.
Lauft! rief Frodo und das taten sie schließlich auch. Nacheinander kletterten sie irgendwie auf die Hecke und sprangen an der anderen Seite wieder hinunter, als die Männer gerade durch das Gartentor gerannt waren und auf sie zugelaufen kamen.
Weg hier! brüllte Tom und hastete voran. Merry und Pippin liefen ihm hinterher den Hügel hinunter und auf ein nahes Maisfeld zu, in dem sie blitzschnell verschwanden und in Sekundenbruchteilen waren sie außer Sichtweite.
Wo sind die Ratten? rief einer der Männer, die hinter ihnen her waren, und die Hobbits warfen sich irgendwo auf den Boden. Das Feld war groß und dicht, sie würden Tage brauchen, um alles zu durchkämmen, und so standen sie schließlich nur davor und stellten fest, daß es wohl sinnvoller war, die Hobbits vorerst laufen zu lassen.
Wenn wir die erwischen, gehören die ebenfalls eingelocht, und zwar schnell! rief einer und sie verschwanden schließlich wieder.
Fluchend erhob Merry sich aus dem fast knöcheltiefen Matsch. Von seiner Kleidung tropfte der Schmutz und seine beiden Gefährten sahen nicht viel besser aus.
Wunderbar. Das ging nach hinten los, stellte Pippin unerfreut fest.
Was jetzt? Suchen wir Sam?
Merry sah an sich hinunter und verdrehte die Augen.
Und in welchem Wald, du Witzbold? Es gibt viele Wälder im Auenland!
Sie beschlossen, fürs Erste nach Wasserau zurückzukehren, aber sie waren lange unterwegs, denn sie mußten sich verstecken.
Es hatte wiederum seit Tagen fast unaufhörlich geregnet und Sam war es überdrüssig. Es war sehr einsam gewesen, seit Lutz zum letzten Mal bei ihm gewesen war. Er fürchtete, daß er seine Drohung wahrgemacht und sich tatsächlich in Beutelsend eingenistet hatte. Wenn er einen der Handlanger fragte, erhielt er nur ein spöttisches Grinsen als Antwort, daß ihn in seiner Vermutung bestätigte.
Er war seit weit mehr als einer Woche nun schon in der Hütte und konnte nicht behaupten, daß er sich inzwischen daran gewöhnt hatte. An den ständigen Hunger hatte er sich allerdings gewöhnt. Sporadisch erhielt er irgendetwas zu essen, was die Kerle gerade übrigließen, nur Wasser erhielt er regelmäßig und saß stundenlang ganz allein in der kleinen Kammer, beobachtete die Schatten, die die Fackel an die Wand warfen, und zerbiß geduldig die Fasern der Stricke, die um seine völlig gefühllosen Hände gewickelt waren.
Er hatte das Gefühl, völlig abzumagern und fand vor lauter Sorgen, die ihn plagten, kaum Schlaf. Er hatte es nicht öfter als zwei Male geschafft, die Handlanger zu provozieren, was aber leider jedes Mal für ihn mit einer blutigen Nase endete, weswegen er es schließlich aufgegeben hatte.
Sie hatten erzählt, daß das Auenland nun unter ihrer Kontrolle stand. Sam hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben. Sein Rücken tat ihm schrecklich weh und hin und wieder versuchte er aufzustehen.
Er überlegte die ganze Zeit, wie er Lutz alles heimzahlen könnte, was er gerade anrichtete. Dabei war es ihm noch fast gleichgültig, daß er mit knurrendem Magen in dieser Hütte saß, er wollte aber gar nicht erst wissen, was Lutz in Hobbingen anstellte.
Den Strick an der rechten Hand hatte er schon zu einem guten Teil durchgebissen, aber ihm tat langsam der Kiefer weh. Er machte links weiter nach einer kurzen Pause, die davon unterbrochen wurde, daß sich draußen die Stimmen hoben und die Handlanger schienen wohl zu streiten.
Nach wenigen Minuten kam der kleinere von ihnen wieder mit etwas zu essen zu Sam, er drückte ihm das Brot in die Hand und wollte schon wieder gehen, als Sam fragte: Wird es euch auch zu langweilig hier?
Hast du wieder was zu sagen? knurrte der Kerl und ging wieder. Schade. Ein kleiner Plausch hätte Sam ganz gut gefallen in diesem Moment, aber so begann er stattdessen, am Brot herumzuknabbern und spürte plötzlich etwas Kaltes an den Beinen. Zuerst reagierte er nicht, aber dann stellte er fest, daß er sich nicht getäuscht hatte und er sah auf den Boden.
Er färbte sich dunkel und wurde feucht. Wasser kam hoch.
He! Ihr da draußen, hier ist was undicht!
Keine Antwort. Sam lauschte, aber es war seltsam still. Die streitenden Stimmen waren verstummt.
Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.
Er starrte wieder auf den Boden. Fast unmerklich stieg das Wasser durch die Spalten zwischen den einzelnen Latten, aber es stieg, das konnte er sehen. Er saß inmitten einer Pfütze.
Hallo! Könnte sich das bitte mal jemand ansehen? rief Sam wieder, aber es regte sich absolut nichts.
Er zerrte heftig an der rechten Fessel, aber er schnürte sich nur das Blut in der Hand ab. Noch war der Strick nicht genug durchtrennt.
Schnell begann er, es weiter zu versuchen, zog immer wieder daran und zerrte, so gut er konnte, aber es tat sich nichts. Er bearbeitete die Stricke wechselweise mit großer Geduld und kümmerte sich mittlerweile nicht mehr darum, ob die Handlanger noch da waren oder nicht.
Sein Kiefer begann wieder zu schmerzen, aber Sam ignorierte es. Das Wasser stieg langsam um einige Millimeter und er schien in der Ecke ausgerechnet an der tiefsten Stelle des Bodens zu sitzen, denn dort breitete es sich am schnellsten aus.
Das war nicht gut. Er mußte aus der Hütte.
Bald stand es einen Zentimeter hoch, dann zwei, schließlich drei und Sam fühlte sich sehr unbehaglich. Erstens, weil es nicht gerade angenehm war, im Nassen zu sitzen, und zweitens fürchtete er, daß es nicht so bald ein Ende nehmen würde.
Wo, verdammt, war in der Nähe ein Weiher oder ein Bach? Er hatte nichts plätschern hören!
Mit unendlicher Geduld versuchte er, sich zu befreien und es war mitten in der Nacht, da waren seine Beine bereits völlig im Wasser verschwunden.
Die Handlanger waren weg, soviel stand fest, er hatte sie nicht gehört und er hatte laut und viel gebrüllt. Auch Beschimpfungen waren darunter gewesen, wüste Beschimpfungen, auf die sie sonst immer reagiert hatten, aber nun rührte sich überhaupt nichts mehr.
Er wurde auf einmal schrecklich müde und beschloß, für einen Moment ein Nickerchen zu halten, aber das Wasser, das langsam stieg und sich über den gesamten Hüttenboden ausbreitete, hielt ihn davon ab. Es machte ihn nervös, er hatte eine schreckliche Angst vor Wasser, die ihn wachhielt.
Er machte weiter. Die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen machte er weiter und verfluchte innerlich die hartnäckigen Fasern, die einfach nicht reißen wollten.
Was Sam nicht wußte: Die Hütte stand auf einem kleinen Hügel, der eben war bis auf eine Stelle, die genau an der Ecke lag, in der Sam saß. Dort war eine weitläufige Vertiefung und es hatte so sehr auf den ausgedörrten Waldboden geregnet, daß er kaum Feuchtigkeit aufnehmen konnte. Es hatte sich eine riesige Pfütze in der Vertiefung gebildet, die nicht gerade flach war, und die Hütte lag ein wenig in den umgebenden Boden hineingegraben. So kam es, daß das Wasser sich seit Tagen gesammelt hatte und nun von unten in die Hütte strömte, langsam zwar, aber beständig.
Es war Sam in diesem Moment egal, wo das Wasser wirklich herkam, aber auch wenn es nur mit der Zeit bedrohlich wurde, hatte er außerdem noch ein ganz anderes Problem: Er war allein. Er hatte nichts zu trinken und nichts zu essen. Er mußte schnellstens fliehen.
Das Wasser stieg, als es ihm fast bis über den Bauch reichte, nicht mehr weiter, aber das war Sam gleich. Er zitterte am ganzen Leib, war schon völlig unterkühlt und zerrte verzweifelt an den Stricken.
Warum war das Wasser nur so schrecklich kalt? Er mußte etwas tun!
Er kniete sich hin, aber das verschaffte ihm kaum Erleichterung. Aufstehen konnte er nicht.
Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, zerrte er an den Fesseln. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben, da riß plötzlich der Strick an seiner rechten Hand und er verlor das Gleichgewicht. Er landete ungebremst der Länge nach im Wasser und fluchte. Schnell richtete er sich wieder auf, dann begriff er erst, daß er mit einem Fuß in der Freiheit stand.
Er war tropfnaß, aber es kümmerte ihn nicht.
Sein Herz raste. Er stöhnte, als er endlich aufstehen konnte, zum ersten Mal seit bestimmt zehn Tagen stand er wieder aufrecht und es wunderte ihn nicht, als seine Knie nachgeben wollten. Er war völlig geschwächt und lehnte sich an die Wand, während er sich an den Knoten am linken Handgelenk zu schaffen machte.
Sie saßen sehr fest, aber nun konnte er sie besser erreichen und als er erstmal einen Finger in einer Schlaufe stecken hatte, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er den ganzen Knoten aufgezogen hatte.
In seinen Händen begann es schrecklich zu kribbeln und er konnte sie für einige Minuten kaum bewegen, rieb sich die schmerzenden Handgelenke und sah jetzt zum ersten Mal, daß sie fast blau angelaufen waren.
Verfluchte Hunde! brummte er unmutig und sah sich um. Er hatte es geschafft und sich befreit. Jetzt konnte kommen, was wollte, er würde es ihnen zeigen.
Er watete zur Tür durch das Wasser und warf sich dagegen. Sie gab überhaupt nicht nach. Wieder und wieder versuchte er es, ignorierte den Durst und das Magenknurren, er wollte nur raus.
Es funktionierte nicht.
Seufzend drehte er sich um, lehnte sich an die Tür und auf einmal kam ihm ein Gedanke. Der Stuhl!
Er lief auf ihn zu, hob ihn an und schleuderte ihn gegen die Tür. Die Lehne knackte. Sam hielt inne und überlegte. Wenn er so weitermachte, war der Stuhl bald nur noch ein Trümmerhaufen.
Er sah zu den winzigen Fenstern, die oben in die Wand gelassen waren, und hob den Stuhl über seinen Kopf. Er mußte es so versuchen.
Sam schleuderte den Stuhl gegen die Scheibe, die klirrend zersplitterte. Ein paar Scherben fielen auf den Hobbit hinab, andere landeten draußen auf dem Waldboden und er stellte den Stuhl vor das Fenster.
Langsam stieg er auf die Lehne, die verdächtig knackte und knirschte, aber nur so konnte er überhaupt aus dem Fenster spähen und sich am Rahmen hochziehen, nachdem er die restlichen Scherben aus dem Rahmen geschlagen hatte.
Einige Schnittkanten hatte er übersehen, aber er spürte gar nicht, wie das Glas in die Haut ritzte, als er sich mühsam hochzog. Er paßte gerade durch das Fenster und hatte nur eine Möglichkeit: Er mußte sich hinausfallen lassen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig.
Er holte tief Luft, dachte gar nicht über die Scherben nach, die auf dem Boden lagen, und ließ sich fallen. Er schaffte es noch, sich so zu drehen, daß er nicht mit den Schultern zuerst aufkam, sondern mit dem ganzen Körper, und für einen Augenblick blieb ihm beim Aufprall die Luft weg.
Keuchend lag er mitten in den Scherben und es knackte verdächtig, als er sich mit den blutverschmierten Händen mitten im Glas abstützte, um sich aufzurichten. Als er das Blut erblickte, spürte er plötzlich auch den Schmerz. An seinen Beinen waren ebenfalls Schnitte und er trat in eine spitze Scherbe, als er endlich ein paar Schritte machen konnte.
Verdammt! Er schrie fast auf vor Schmerz und war sofort vom strömenden Regen durchnäßt.
Leise und mit zittrigen Beinen pirschte er sich zur Ecke der Hütte vor und spähte seitlich vorbei. Die Tür war geschlossen, niemand war dort.
Schwer atmend schaute er sich um. Er war in einem Wald, aber in welchem, konnte er nicht gleich sagen. Er wußte außerdem nicht, in welche Richtung er laufen mußte, denn er konnte keine Sonne sehen.
Plötzlich kam ihm eine Idee. Er konnte Hufspuren sehen, die von der Hütte weg in den Wald hineinführten. Er mußte es versuchen, eine andere Möglichkeit hatte er nicht. Er beschloß, ihnen vorerst direkt zu folgen, auch auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden. Jedoch war er ohne die Spuren hoffnungslos verloren. Ihm blieb keine Wahl.
Aufmerksam sah er sich um, während er langsam einen Fuß vor den anderen setzte. Seine Hände taten schrecklich weh, seine Beine gehorchten ihm nicht recht und aufrecht gehen konnte er nicht sofort, weil sein Rücken vom langen Sitzen völlig verkrümmt war, hatte er das Gefühl.
Weiter und weiter lief er, immer den Hufspuren nach, die er deutlich im Matsch eingegraben erkennen konnte. Kannte er diesen Wald? Er sah sich alles genau an und als er durch einen dichten Fichtenwald lief, kam er endlich zu einem Schluß.
Wenn ihn nicht alles täuschte, war das der Schiefertonwald! Er konnte sich daran erinnern, sich als Kind einmal mit einem Freund dort verirrt zu haben und deshalb konnte er nicht vergessen, wie dieser Wald aussah. Sicher war er sich nicht, aber es war gut möglich, fand er.
Plötzlich hörte er irgendwo Zweige knacken und Stimmen. Ihm wurde mit einem Schlag ganz heiß und er sah sich hektisch um. Das Unterholz war sehr dicht im Sommer und er versuchte, so leise wie möglich abseits des Trampelpfades hinter ein paar Farnen in Deckung zu gehen.
Keuchend lag er auf dem Boden unter dichtem Gestrüpp und rührte sich nicht. Sie kamen. Es schienen die Handlanger zu sein, die plaudernd den Weg entlangkamen und sich überhaupt nicht um irgendetwas sorgten.
Aber das würden sie bald tun. Sams Herz raste. Er mußte so schnell wie möglich weiter, wenn sie fort waren, sein Vorsprung war nicht groß und wegen der Wunde am Fuß konnte er nicht schnell laufen.
Er überlegte. Bisher hatte die Fährte geradeaus geführt. Er konnte kaum falsch laufen, wenn er diese Richtung auch abseits der Spuren beibehielt, dachte er bei sich. Es mußte einfach richtig sein!
Kaum waren sie in der Ferne verschwunden, sprang der Hobbit wieder auf und lief weiter, diesmal schneller als zuvor.
Irgendwo würde der Wald schon aufhören und er würde den Weg nach Hobbingen finden. Sein Gefühl sagte ihm, daß es Vormittag war. Er würde am Abend zuhause sein, wenn er Glück hatte. Vielleicht sollte er jedoch zuerst zum Bauern laufen, Rosies Vater, und nicht nach Beutelsend mitten in eine Falle.
Er würde noch sehen, was er tat, aber zuerst mußte er den Wald verlassen.
Sie spürte seine Blicke in ihrem Rücken, während sie ratlos im Gästezimmer vor den Betten stand und nicht wußte, wie sie es anfangen sollte. Lutz rührte sich überhaupt nicht, er beobachtete nur stumm, was Liliane tat.
Schließlich drehte sie sich um.
Sie sind zu kurz. Aber man kann sie zusammenschieben.
Er bewegte sich nicht, sondern sah sie nur erwartungsvoll an.
Ich warte.
Ich... also... sie sind schwer...
Ach so.
Langsam ging Lutz an ihr vorbei, würdigte sie keines Blickes und schob ohne großen Kraftaufwand die beiden Betten aneinander.
Das paßt, sagte er, aber ich brauche eine Decke.
Aber da liegen doch Decken...
Die sind auch zu kurz.
Unbehagliche Stille breitete sich im Raum aus. Liliane blickte zu ihm hoch, der mit großen Augen und verschränkten Armen vor ihr stand und wartete.
Sie erklärte ihm mit zitternder Stimme, daß sie ihm keine andere Decke geben konnte.
Nicht? Aber du nähst sie sicherlich zusammen, oder?
Liliane suchte hilflos nach Worten. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, und schließlich nickte sie einfach nur.
Sehr gut. Ich sehe, wir werden uns gut verstehen. Du kannst sicherlich auch einen guten Braten machen, habe ich Recht?
Es bereitete Lutz einen ausgezeichneten Spaß, mit ihrer Hilflosigkeit zu spielen und er lachte. Liliane senkte den Blick und nickte wieder.
Was, sprachlos? So kenne ich dich ja gar nicht!
Erschrocken sah sie ihn an und spürte fast Scham, als er schallend zu lachen begann.
Du dachtest wirklich, ich erinnere mich nicht daran, daß du diesen Unruhestifter mit allen Mitteln versteckt hast? Aber wo ist er? Warum bist du jetzt hier?
Sie brachte keinen Ton heraus. Sie konnte nicht. Es war ihr völlig unmöglich.
Und ich sehe, jetzt hast du sogar ein Kind! Wie rührend. Wie heißt es denn?
Perhail, sagte sie leise und wagte nicht, seinem Blick noch länger standzuhalten.
Ich verstehe, sagte Lutz, das war der Grund, richtig?
Verständnislos sah sie ihn wieder an und er lachte wiederum höhnisch.
Ja, richtig! Das ist es. Ihr hattet keine Kinder. Hatte er die Nase voll? Oder hast du es vielleicht bereut und bist gegangen?
Liliane spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie zitterte leicht, als sie sagte: Das ist nicht wahr... Ihre Hände ballten sich zu Fäusten und sie versuchte erbittert, die Tränen zurückzuhalten, aber eine kullerte ihr doch über die Wange.
Nicht? Was ist es dann? Es ist jedenfalls nicht derselbe, soviel steht fest. Was war es?
Liliane schluckte schwer, dann sagte sie: Er ist tot... Sie sprach so leise, daß Lutz es kaum hörte, aber er konnte nicht umhin, befriedigt zu grinsen.
Jeder erhält seine Strafe, ich habe es doch immer gesagt... spottete er. Das war zuviel für Liliane.
Du Scheusal! rief sie und wollte schon aus dem Zimmer laufen, aber er reagierte schnell und packte sie an der Schulter. Sie fuhr herum und biß sich auf die Lippe, während sie die Tränen wegwischte und er zischte: Du gehst nirgendwohin. Ich habe Hunger! Und vergiß nicht die Decken.
Sprachlos starrte sie ihn an, dann lief sie an ihm vorbei in die Küche und brachte das Herdfeuer wieder in Gang. Lutz machte sich einen Spaß daraus, sich hinter ihr auf die Bank zu setzen und sie stumm und geduldig zu beobachten, während sie sich daran machte, einen Tee aufzusetzen und das Abendessen zu bereiten.
Innerlich flehte sie, daß dieser Tag vorübergehen möge. Lutz beobachtete sie genau und war erstaunt, jemand völlig anderen vor sich zu haben als vor all den Jahren. Er dachte sich seinen Teil dazu, denn damals war Gundbert nie dagewesen. Jetzt aber lag Frodo einige Zimmer weiter im Bett und außerdem ihr Baby. Das erklärte vieles.
Wie alt ist der Junge? fragte er schließlich ruhig. Ohne sich umzudrehen sagte sie nur: Drei Monate, goß den Tee in eine Tasse und ging aus der Küche. Als sie durch den Flur lief, atmete sie tief durch und versuchte, sich wieder zu beruhigen.
Frodo saß aufrecht im Bett mit Perhail im Arm. Er hatte nur darauf gewartet, daß Liliane endlich kam.
Die anderen waren hier, sagte er, doch dann sah er ihre traurigen Augen und während sie ihm stumm die Tasse reichte, nahm er ihre Hand und hielt sie fest.
Sie werden wiederkommen. Merry und Pippin machen sich Sorgen. Ich mir aber auch.
Sie hatte schon fast wieder gehen wollen, damit er nicht bemerkte, wie sie sich fühlte, aber es war ohnehin zu spät.
Was ist los? fragte er und sie schluckte.
Nichts. Gar nichts.
Was hat er gemacht?
Nichts, Frodo. Alles ist gut.
Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und drückte ihre Hand.
Melethiell ist gut aufgehoben, sagte Frodo und Liliane lächelte flüchtig. Er merkte genau, daß sie nicht mit ihm sprechen wollte und das bereitete ihm einige Sorgen. Es gefiel ihm gar nicht, wenn sie sich so verhielt, aber er konnte nichts tun, wenn sie nicht reden wollte.
Hör nicht auf ihn, sagte Frodo schließlich und ließ ihre Hand wieder los. Liliane ging aus dem Zimmer und Frodo sah zu seinem Sohn.
Eins schwöre ich dir... der kriegt es noch mit mir zu tun!
Fast wäre der Rest des Satzes in einem Hustenanfall untergegangen und er mußte sich bemühen, nicht den ganzen Tee zu verkleckern, aber es gelang ihm schließlich und er ließ sich seufzend zurück in die Kissen sinken.
Langsam wurde er unruhig.
In der Küche setzte Liliane sich derweil mit den Decken hin und begann zu nähen, denn auf das Abendessen brauchte sie in diesem Moment nicht zu achten. Sie ignorierte die Tatsache, daß Lutz sie genüßlich musterte. Seine Blicke strichen über ihre am Hinterkopf zum Teil zusammengebundenen Locken, über ihr neues Kleid und blieben an dem Elbenstein von Frodo hängen, aber er sagte nichts.
Konzentriert nähte Liliane die Decken zusammen und zuckte fast zusammen, als Lutz plötzlich murmelte: So ist es gut. Niemand hat hier etwas zu befürchten, wenn ihr weiter das tut, was ich sage. Du hast mich schon ganz gut verstanden, denke ich.
Liliane zeigte keine Reaktion, aber insgeheim spürte sie genau, wie seine Worte sie verletzten. Er wußte genau, was er sagte. Es tat weh.
Plötzlich wurden sie aufgeschreckt von Babygeschrei auf dem Flur und Liliane legte hastig die Decken auf die Bank und lief aus der Küche.
Frodo kam mit Perhail auf dem Arm zu ihr.
Er hat Hunger, fürchte ich, sagte er und Liliane nahm ihn, lief schnell zu Schlafzimmer und kümmerte sich um den Kleinen. Sie wunderte sich, daß Frodo nicht zurückkam, aber sie dachte gar nicht darüber nach. Anfangs spürte sie nicht, wie ihr wieder Tränen in die Augen traten und sie hielt Perhail ganz fest, als sie ihn stillte. Der Kleine konnte sich glücklich schätzen, daß er nicht wußte, was gerade vor sich ging. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn er gar nicht dort gewesen wäre, aber das konnte sie sich leider nicht aussuchen. Er brauchte sie noch.
Er schien genau zu spüren, daß seine Mutter unglücklich war, denn er sah zu ihr hoch und suchte nach ihrer Hand, die sie ihm hinhielt. Schnell wischte sie die Tränen weg und wäre am liebsten ewig sitzengeblieben, aber sie wußte, daß das nicht ging.
So ging sie zurück in die Küche, nachdem sie Perhail in die Wiege gelegt hatte und war überrascht, Frodo mit einem Käsebrot in der Hand auf der Bank sitzen zu sehen. Lutz und er sagten überhaupt nichts, starrten sich aber die ganze Zeit über schweigend an.
Das Essen war inzwischen auch fertig und Liliane machte Lutz schweigend einen Teller zurecht, dann setzte sie sich langsam neben Frodo und begann, langsam zu essen.
Frodo merkte genau, daß ihr Lutz Gegenwart so gar nicht behagte und beschloß, vorerst nicht wieder ins Bett zu gehen. Er wollte sie nicht allein lassen.
Gibt es vielleicht noch Pfeffer? fragte Lutz plötzlich und Liliane stand auf, reichte ihm den Streuer und setzte sich wieder. Sie spürte auf einmal Frodos Arm in ihrem Rücken und holte tief Luft. Es war schön, daß sie nicht ganz allein war in diesem Moment mit dem Ekel von Lutz.
Als sie jedoch fertig mit dem Essen war, bestand sie hartnäckig darauf, daß Frodo wieder ins Bett ging.
Ich bleibe nicht lang, aber du solltest vernünftig sein, Frodo! Bitte!
Er fügte sich ungern. Er wußte nicht, was Lutz sich in seinem gemeinen Hirn alles ausdachte und fand nicht einmal ansatzweise Schlaf, als er teilnahmslos im Bett lag und finster vor sich hin brütete.
Liliane nähte währenddessen weiter die Decken zusammen, nachdem sie gespült hatte, und wurde schrecklich müde, sagte aber nichts. Sie mußte erst fertig werden, bevor sie gehen konnte.
Gut so. Wir verstehen uns, sehe ich. Übrigens würde ich mir wünschen, daß meine Sachen einmal gewaschen würden, denn mit einer schmutzigen Hose laufe ich nur ungern herum!
Liliane glaubte ihm kein Wort. Nicht Lutz. Aber sie nickte nur, bevor sie schließlich das Garn wegräumte und wortlos die Decken auf den Tisch warf. Sie hatte genug. Es reichte ihr wirklich.
Sie war schon fast aus der Küche verschwunden, als sie seine durchdringende Stimme wieder hörte: Soll ich auf dem Tisch schlafen?
Sie blieb sofort stehen und wandte sich ihm zögerlich zu. Er deutete stumm auf die Decken und sie schluckte ihren Ärger hinunter, während sie die Decken nahm, auf sein Bett warf und dann endgültig verschwand. Aber sie ging nicht gleich zu Frodo, sondern verkroch sich weitab der anderen Zimmer in einem der Kinderzimmer, schloß die Tür hinter sich, blickte durch Tränen hindurch zum Fenster und sank schließlich am Schrank hinunter schluchzend zu Boden.
Sie vergrub die Hände in den Haaren, Tränen tropften auf ihr Kleid und sie bebte am ganzen Leib. Wie sollte sie das nur die ganze Zeit aushalten?
Sie kauerte sich zusammen, zog die Knie an und starrte auf das gegenüberliegende Bett. Normalerweise schlief dort Elanor, die aber jetzt nicht hier war, genausowenig wie ihre eigene Tochter.
Wenn es ihr nur gut ging! Aber bei Rosie war sie sicher, das wußte Liliane. Sicherer als in Beutelsend selbst...
Es dauerte lange, bis sie sich beruhigt hatte und zu Frodo gehen wollte. Er hatte die ganze Zeit geduldig gewartet und weil Stille eingekehrt war, hatte er sich bereits seine Gedanken über ihren Verbleib gemacht. Als sie schließlich langsam ins Schlafzimmer kam und sich ihr Nachtgewand anzog, blieb er noch immer stumm, aber als sie zu ihm ins Bett kam, nahm er sie in den Arm und sagte: Es ist bald vorbei. Es tut mir so leid, daß ich gar nichts tun kann!
Wieder brach es aus ihr heraus. Noch immer klang seine gemeine Stimme in ihren Ohren nach und sie vergrub die Finger in Frodos Hemd, während er ihre Tränen auf seiner Haut spürte und ihr beruhigend über den Kopf strich.
Es tut mir so leid, meine arme Liliane, ich würde ihn so gern...
Laß gut sein, Frodo, gab sie mit erstickter Stimme zurück, so daß er es kaum verstand. Sie wußte, es würde eine Auseinandersetzung geben, sobald Frodo sich dazu in der Lage fühlte, Lutz gegenüberzutreten. Es brannte ihm regelrecht auf der Seele, das wußte sie, und sie wollte ihm nicht noch einen zusätzlichen Ansatz liefern, indem sie nun davon sprach, was er getan hatte.
Frodo wußte das genau und beschloß, sie in Ruhe zu lassen. Sie hatte wahrlich genug mitgemacht an diesem Abend.
Irgendwann schlief sie an ihn gekuschelt vom Weinen ein und er entschied sich, nicht mehr aufzustehen, um die Tür abzuschließen. Er wollte nicht, daß sie wieder wach wurde und fest schlafen würde er ohnehin nicht.
Zehntes Kapitel: Eskalation
Am nächsten Morgen fand Liliane, als sie in die Küche kam, die schmutzige Kleidung von Lutz auf dem Tisch liegen und wäre am liebsten vor Wut explodiert, aber sie nahm die Sachen und suchte den Waschzuber.
Frodo hatte doch Aragorn einen Brief geschrieben... er mußte kommen! Dringend... aber es war erst drei Tage her. Noch konnte er nicht da sein, er hatte den Brief vielleicht gerade erst bekommen - wenn überhaupt das!
Resignierend warf sie die Sachen ins warme Seifenwasser, als sie ihn plötzlich rufen hörte.
Ich habe Hunger! Ich hoffe, das Frühstück ist gleich fertig!
Sie ließ die Kleidung im Wasser liegen, trocknete die Hände ab und holte das Brot aus der Speisekammer. Frodo sollte einen Tee bekommen, den setzte sie auch noch auf und sie war tatsächlich gerade fertig, als Lutz in die Küche kam und sich gähnend an den Tisch setzte. Er hatte scheinbar noch weitere Kleidung bei sich gehabt, die er nun trug und er war hocherfreut, zu sehen, daß alles seinem Willen entsprechend geschah.
Liliane wollte gehen und Frodo den Tee und ein Brot bringen, als sie wieder Lutz Stimme hörte. Sie erstarrte.
Du bleibst hier. Ich will nicht allein frühstücken!
Ich bringe es ihm nur... murmelte sie vorsichtig. Sie wollte eigentlich, daß der Tee noch heiß war, wenn Frodo ihn bekam.
Du bleibst! donnerte Lutz, aber sie holte nur tief Luft und lief eilig aus der Küche. Alles konnte er nicht mit ihr machen.
Er sagte gar nichts mehr. Das war nicht unbedingt gut, fürchtete sie.
Sie brachte Frodo die Sachen, der sich gerade um Perhail kümmerte und verschwand eilig wieder. Wenn sie Glück hatte, war nun alles in Ordnung...
Lutz starrte sie boshaft an, als sie sich ihm gegenüber an den Tisch setzte und sich eine Scheibe Brot nahm.
Was hatte ich gesagt? knurrte Lutz wütend.
Ich bin hier, gab sie kurz zurück und nahm sich den Käse.
Ich hatte gesagt, daß du bleiben sollst!
Sie zuckte zusammen, als er so hart mit der Faust auf den Tisch schlug, daß das Geschirr klapperte. Furchtsam sah sie ihn an.
Kein zweites Mal, drohte er und sie nickte. Daran sollte sie sich vielleicht halten.
Es war ihr zuwider, aber sie hatte keine Wahl.
Sie bekam kaum einen Bissen herunter und nach dem Frühstück wußte sie gar nicht, ob sie zuerst spülen oder die Kleidung waschen sollte. Als sie sich für das Spülen entschied, sagte Lutz gehässig: Meine Sachen weichen noch ein.
Stumm holte sie die Sachen aus dem Zuber, preßte das Wasser heraus und hing alles auf die Leine in der Küche, denn draußen regnete es noch immer.
Gut. Es geht doch! bemerkte Lutz und steckte sich genüßlich eine Pfeife an, während Liliane abwusch. Sie zwang sich, geduldig zu sein.
Plötzlich klopfte es an die Tür und Lutz stand auf, um nachzusehen. Es überraschte Liliane keineswegs, als sie im Flur Stimmen hörte. Es schien einer seiner Männer zu sein und sie verschwanden im Gästezimmer, während sie zuende spülte und sich dann nachdenklich auf die Bank setzte.
Es dauerte jedoch gar nicht lange, bis Lutz wieder allein war und zu ihr zurückkehrte. Wahrscheinlich hatte er seinem Kumpan erneute Anweisungen gegeben und nun sah er Liliane stumm an, die unruhig auf den Boden starrte.
Mein Bett, sagte Lutz. Darauf hatte sie fast gewartet. Sie stand auf, kümmerte sich duldsam darum und sagte ebenfalls nichts, als sie seine schlammigen und stinkenden Schuhe putzen sollte. Als Frodo mit Perhail, der wieder laut schrie, in die Küche kam und das sah, begann er innerlich zu kochen und machte an ihrer Stelle weiter, als sie mit dem Kleinen ging. Lutz genoß sichtlich, wie gut es funktionierte, die beiden herumzukommandieren. Es war fast wie in alten Zeiten und besser, als in wilden Landen im Süden herumzustreifen und sich als Tagelöhner seinen Unterhalt zu verdienen. Dabei hatte er genügend Männer gefunden, die von der Idee, das Auenland zu besetzen, durchaus angetan gewesen waren und nun waren sie hier. Sie hatten es geschafft. Kaum jemand war auf den Straßen unterwegs, aber es wurde geplündert und geraubt. Angst und Schrecken machten sich langsam breit.
Frodo ging nur widerwillig zurück, als Liliane wieder in die Küche kam, aber er tat es. Er hatte ihre Arbeit beendet und im ersten Moment fiel Lutz nichts mehr ein, was er ihr als Aufgabe geben könnte, also beschloß er, einen Eintopf zu Mittag haben zu wollen, der einiges an Vorbereitung brauchte.
Erstaunlich, daß er sich dafür hergegeben hat, sagte Lutz irgendwann. Liliane kümmerte sich nicht darum, sie wußte, die Erklärung würde folgen, aber sie ahnte, daß es nichts Nettes war.
Ich meine, schon verheiratet gewesen... wie kann er sich sicher sein, daß du nicht nur bei ihm bist, um nicht einsam zu sein?
Liliane spürte einen kleinen Stich im Herzen, er hatte wieder genau getroffen, aber sie erwiderte nur: Er weiß es.
Frodo war währenddessen nicht weniger wütend als sie, aber er lag zur Tatenlosigkeit verdammt im Bett. Liliane wußte genau, wie er über all das dachte, und nach dem Mittagessen setzte sie einen Tee auf, in den sie ein wenig Baldrian gab. Sie hatte in der Nacht gemerkt, wie schlecht er geschlafen hatte und wollte, daß er sich wenigstens jetzt ein wenig Ruhe gönnte.
Sie wußte, sie würde es nicht ewig aushalten müssen und deswegen hielt sie dem Druck stand. Sie ging zum Schlafzimmer und wußte, sie würde ihn überzeugen müssen.
Der wird dir guttun, Frodo, sagte sie, als sie ihm den Tee reichte und Frodo roch kurz daran, bevor er stirnrunzelnd sagte: Bist du sicher?
Tu mir den Gefallen, sonst weiß ich, daß du sehr bald wirklich an die Decke gehst. Bitte...
Sie diskutierten eine Weile darüber, aber schließlich nahm Frodo den ersten Schluck und beruhigt ließ Liliane ihn wieder allein. Es würde ihm ein wenig Ruhe gönnen.
Lutz grinste hintersinnig, als er merkte, welchen Tee sie da kochte. Gedankenverloren spielte er mit dem Dolch in seinem Gürtel, bis sie wieder in die Küche zurückkehrte, und stand in diesem Moment bereits an die Wand gelehnt neben der Tür.
Sie war kaum hindurchgegangen, da zog er leise die Tür zu und im ersten Moment dachte sie sich gar nichts dabei, daß er nicht mehr auf der Bank saß und ging zur Spüle, um sich dort eine Tasse zu nehmen und selbst einen Tee zu kochen, als sie plötzlich zwei Hände um ihre Arme spürte. Im ersten Moment schoß ihr durch den Kopf, warum Frodo jetzt schon wieder in der Küche war, aber Frodo hätte sie nie so fest gepackt.
Sie erstarrte. Laß mich los! rief sie, aber Lutz hielt sie fest, stieß sie an die benachbarte Wand und drückte sie fest dagegen. Sie starrte ihn entsetzt an und er spielte grinsend mit dem blitzenden Dolch vor ihrer Nase herum.
Ich würde dir raten, dich nicht mit mir anzulegen, denn den hier habe ich nicht zum Spaß! zischte Lutz und in seinen Augen sah sie plötzlich, was ihm durch den Kopf ging. Er hatte ihren linken Arm losgelassen und im Augenwinkel sah sie an der Spüle ein Messer liegen, nach dem sie blitzschnell griff, aber er hatte es gemerkt und wehrte den Stoß ab. Ihn traf nur ein tiefer Schnitt am Arm, aber er hätte fast vor Zorn losgebrüllt. Wutentbrannt wollte er sie wieder an die Wand drücken, aber sie versuchte, sich ihm zu entwinden und wegzulaufen.
Frodo! schrie sie in Panik und so laut sie konnte. Wenn er nur den ganzen Tee noch nicht getrunken hatte...
Hilfe, Frodo! Ihre Stimme versagte fast, ihr Magen verkrampfte vor Angst und Lutz hielt sie noch immer am Handgelenk gepackt, als sie fliehen wollte.
Bleib hier! befahl er harsch, aber sie sah ihn nur panisch an und wollte sich losreißen. Er riß sie gewaltsam zurück und plötzlich gab es ein häßlich knackendes Geräusch. Liliane schrie auf vor Schmerz, lauter als sie je hätte um Hilfe schreien können, aber sie wurde im nächsten Augenblick unbarmherzig zu Boden gerissen. Sie sah in seiner Hand noch immer den Dolch und begann am ganzen Leib zu zittern, als er sie mit aller Kraft zu Boden preßte. Sie konnte sich gar nicht wehren, als er nach einem Tuch auf der Spüle griff und es ihr in den Mund steckte. Sie versuchte, nach ihm zu schlagen, aber er setzte ein Knie auf ihren unverletzten Arm und das andere auf ihren Bauch. Sein Gewicht erdrückte sie fast.
Lutz knebelte sie, bevor er ihren Arm ans Tischbein band und ihr den Dolch an die Kehle hielt. Vor lauter Tränen konnte sie kaum sehen, was er tat, konnte ihren gebrochenen Arm überhaupt nicht bewegen und rang nach Luft.
Halt endlich still! befahl Lutz drohend. Er hielt ihre Beine fest, bevor sie ihn treten konnte, zerriß das Kleid am Saum ein Stück weit und kümmerte sich gar nicht darum, daß Liliane verzweifelt nach Frodo schrie, denn alles wurde vom Knebel erstickt.
Tränen strömten ihr über die Wangen und sie versuchte verzweifelt, sich loszureißen, als sie sah, wie er den Gürtel löste.
Frodo wärmte die kalten Hände an der heißen Tasse. Sollte er wirklich alles trinken? Recht hatte sie... und auch nicht. Er wollte nicht einfach schlafend im Bett liegen, während Lutz sich in der Nähe herumtrieb.
Während er noch überlegte und dennoch einen zweiten Schluck nahm, hörte er plötzlich einen gedämpften Schrei. Er hielt inne. Hatte er sich getäuscht? Es war so leise gewesen... er war einfach zu müde, das war es wohl.
Aber es war sein Name gewesen.
Er sah zur offenen Schlafzimmertür und hörte dann noch einen Schrei. Es klang wie das Wort Hilfe. Dann folgte ein viel lauterer, gellender Schrei und ein dumpfer Aufprall.
Er hatte sich nicht getäuscht. Irgendetwas war hier ganz faul. Er mußte nachsehen.
Er bewegte sich so schnell, daß ihm fast schwarz vor Augen wurde, setzte die Tasse schnell ab und schwankte bei jedem Schritt. Er hielt inne und lehnte sich an den Türrahmen. Tief Luft holen... er durfte jetzt nicht umfallen.
Es wurde wieder still, aber dem Frieden traute er nicht. Er ging den Flur entlang, so schnell es ihm möglich war. Er hatte noch immer Gleichgewichtsstörungen und seine Beine gehorchten nicht immer so, wie sie sollten.
Er fixierte die Küchentür. Sie war nun verschlossen.
Das war sie nie zuvor gewesen.
Er holte tief Luft, öffnete die Tür und ihm blieb fast das Herz stehen, als er sah, was vor seinen Augen geschah.
Lutz kniete mit dem Rücken zu ihm vor Liliane, die geknebelt und hilflos am Boden lag und er nestelte wohl an seinem Gürtel herum. Mit einem Schlag schoß Frodo das Blut in den Kopf und er merkte, daß Liliane ihn sah, weil sie plötzlich stillhielt vor Überraschung.
Lutz bemerkte ihre Reaktion und sah sich argwöhnisch um, aber zu spät. Frodo hatte nach einem Stuhl gegriffen, hatte einen Schritt nach vorne gemacht und hob den Stuhl über Lutz Kopf, bevor er die Lehne mit aller Kraft auf seinen Nacken schlug. Lutz sackte mit einem Mal in sich zusammen und fiel zur Seite vor den Herd.
Keuchend stand Frodo in der Küche und ließ schnell den Stuhl sinken, bevor er sich neben Liliane kniete und nach dem Messer auf dem Boden griff, mit dem er das Tuch zerschnitt, das ihre Hand am Tischbein festband. Mit zitternden Händen zog er sie hoch und drückte sie an sich, bevor er den Knebel löste und sie ganz fest in die Arme schloß.
Frodo... schluchzte sie kaum hörbar, krallte sich verzweifelt an ihm fest und zitterte stark. Sie drückte ihm fast die Luft ab, so sehr klammerte sie sich an ihn und weinte.
Es ist gut, ich bin da, nichts passiert dir, flüsterte er besänftigend und spürte, wie sein Herzschlag sich langsam beruhigte.
Sie saßen für einen Augenblick einfach nur so da und Liliane wollte noch gar nicht glauben, daß Frodo wirklich gekommen und es vorbei war, aber ein schmerzerfülltes Stöhnen schreckte die beiden auf.
Frodo fuhr herum und sah, daß Lutz sich langsam wieder regte.
Er strich Liliane über die Wange, küßte sie auf die Stirn und sagte: Nimm Perhail und lauf. Du mußt hier raus, sofort! Lauf!
Aber... begann sie noch, doch Frodo half ihr auf, schloß sie noch einmal in die Arme und sagte: Ich halte ihn auf, nun geh schon!
Fassungslos schüttelte sie den Kopf, aber als sie sah, wie Lutz aufstehen wollte, rannte sie panisch in den Flur und zur Wiege, holte irgendwie mit dem linken Arm den Kleinen aus seinem Bettchen und lief zur Tür, die aber verschlossen war.
Nein... murmelte sie ängstlich und blickte sich um. Der Ersatzschlüssel... Frodo hatte ihn nicht gefunden, hatte er gesagt...
Sie zwang sich, nachzudenken, während Perhail zu schreien begann. Sie rannte ins Schlafzimmer zurück, griff nach ihrem Umhang und plötzlich fiel es ihr ein.
Der Schlüssel war Margerites Lieblingsspielzeug. Er lag bestimmt in ihrem Bett!
Sie hastete ins Kinderzimmer und nahm Perhail irgendwie auf den rechten Arm, biß sich vor Schmerz auf die Lippen und durchwühlte die Kissen.
Endlich griff sie nach etwas metallenem und hielt den Schlüssel in ihrer Hand.
Während sie Frodo in der Küche mit Lutz kämpfen hörte und kurz innehielt, erinnerte der schreiende Perhail sie daran, daß sie fliehen mußte und das tat sie. Sie steckte zitternd den Schlüssel ins Schloß, öffnete und lief hinaus in den strömenden Regen. Schnell warf sie sich den Umhang über die Schultern und hielt Perhail schützend darunter, bevor sie den Bühl hinunterlief, so schnell sie konnte.
Tränen nahmen ihr die Sicht und sie schluchzte immer noch panisch, während sie aus dem Dorf lief, kopflos wie sie war. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Frodo kämpfte gerade mit Lutz, sie war ganz allein und unbewaffnet...
Sie mußte sich zuerst verstecken, bevor sie noch jemand fand. An Hobbingen vorbei lief sie auf ein kleines Wäldchen zu, das in Richtung Wasserau lag, drückte Perhail fest an sich und direkt hinter dem ersten Gebüsch, das sie erreichte, sank sie schluchzend zu Boden und kümmerte sich weder um Regen noch um den schmerzenden Arm.
Sie schrie fast vor Angst, die ihr noch immer in den Knochen saß, sie war völlig verzweifelt und kauerte sich ganz klein ins Gebüsch, das sie schützend umschloß.
Frodo... er war allein mit diesem Unmensch, diesem Monster.
Aber er hatte sie gerettet. Er hatte das Schlimmste verhindert... fast wäre es zu spät gewesen, sie hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als Frodo plötzlich hinter Lutz gestanden hatte und ihn niederschlug.
Sie konnte sich nicht beruhigen. Sie schluchzte so laut, daß sie gar nicht hörte, wie plötzlich jemand auf sie zukam.
Liliane?
Sie zuckte zusammen und schrie auf, dann hob sie panisch den Kopf und hielt plötzlich die Luft an.
Sam...
Da stand Sam mit tropfenden Haaren und durchnäßter Kleidung, abgemagert und erschöpft, aber er war es.
Ja, ich bin hier, Liliane, was ist denn nur los?
Sam kam auf sie zu und nahm Liliane beruhigend in den Arm. Sie hielt sich an ihm fest und er ließ sie erst einmal in Ruhe, als sie nichts sagte. Dann jedoch brach es Wort für Wort aus ihr heraus und er begriff, daß Lutz sie angegriffen hatte und Frodo rechtzeitig gekommen war und nun mit ihm kämpfte.
Aber was wollte er, Liliane?
Sie konnte nicht sprechen, sie deutete nur auf ihr zerrissenes Kleid und nun begriff Sam. Übergroße Wut ballte sich in ihm zusammen und er schnaubte: Den krieg ich...
Er konnte es kaum glauben.
Auf seinem Weg nach Wasserau war Sam auf das kleine Wäldchen zugelaufen, als er querfeldein an Hobbingen vorbeischleichen wollte. Er hatte Liliane von weitem gesehen, sie aber nicht gleich erkannt. Allerdings hatte er sehen können, daß sie Angst zu haben schien und so folgte er in das kleine Wäldchen, wo er sie weinen hörte und schnell gefunden hatte.
Es war tatsächlich die liebe Frau seines Herrn Frodo, der in argen Schwierigkeiten zu stecken schien. Sam wurde sehr wütend. Lutz hatte seine Drohung tatsächlich wahrgemacht und war nach Beutelsend gekommen. Er mochte es nicht glauben. Was er dort sonst alles angestellt hatte, konnte Sam sich denken, aber das...
Bist du verletzt? fragte er und als sie ihn langsam losließ, sah er sie ernst an.
Sie nickte. Mein Arm, weiter nichts, Frodo ist rechtzeitig gekommen.
Sam brauchte nicht zu fragen, welcher Arm es war. An dem anderen löste er zuerst das ums Handgelenk geknotete Tuch und fand es so abscheulich, daß er es kaum in Worte fassen konnte. Dann warf er einen Blick auf die dick angeschwollene und sich langsam blau färbende Bruchstelle am rechten Handgelenk, woraufhin er seine Weste abnahm und sie vorsichtig darum wickelte. Sie biß tapfer die Zähne zusammen, denn es tat sehr weh.
Bis wir etwas besseres haben, muß das reichen.
Sein Blick fiel wieder auf den langen Riß in ihrem Kleid, der noch bis über die Knie reichte. Er wußte gar nicht, was er zuerst mit Lutz machen wollte, aber er würde seine Rache schon bekommen.
Ich bin so froh, daß du hier bist, Sam... murmelte sie und wischte die Tränen weg. Sie hatte aufgehört zu weinen, denn sie wußte, bei Sam war sie sicher.
Ratlos sahen die beiden sich an, aber dann fragte sie: Gehst du mit mir nach Beutelsend zurück? Wir müssen doch sehen, was mit Frodo ist... vielleicht ist Lutz weg und Frodo ist verletzt!
Ihre Sorge um Frodo war größer als die Angst vor Lutz. Sam konnte sie verstehen und er hatte bereits beschlossen, nach Beutelsend zu gehen, aber eigentlich wollte er Liliane nicht mitnehmen. Andererseits konnte er sie nirgendwo allein lassen.
Liliane, wo ist mein Schwert? Habt ihr es gefunden?
Ja... es ist unter deinem Bett, Sam, antwortete sie leise. Sie wußte noch nicht ganz, worauf er hinauswollte, aber es war ihr egal. Schwert, das klang gut, er wußte sicher, was er tat.
Sam wollte sichergehen, daß er an eine Waffe kam, bevor er mitten in Beutelsend steckte und er hatte Glück. Er würde Stich schnell wieder in der Hand halten und er war sich sicher, daß er mit Sicherheit genauso gut kämpfen konnte wie Lutz.
Ist Frodo immer noch krank? fragte Sam und half Liliane wieder auf. Sie nickte.
Er konnte überhaupt nichts tun, er lag nur im Bett. Er hat einen Brief an Aragorn geschrieben.
Sam sah überrascht auf und fragte, wann Frodo das getan hatte.
Es ist jetzt drei Tage her... aber er ist am Abendrotsee. Er kann schnell hier sein, antwortete Liliane und die beiden wandten sich zum Gehen. Sam legte den Arm um sie und sie war sehr froh, bei ihm zu sein.
Sam war erleichtert, vom Brief erfahren zu haben. Aragorn würde ihnen sicherlich helfen können.
Wie bist du geflohen, Sam?
Er deutete auf seine Hände. Es war nicht leicht, aber ich hatte lange genug darauf warten müssen. Am schlimmsten waren die Glassplitter.
Er erzählte, wie er es angestellt hatte und Liliane, die langsam zu zittern aufgehört hatte, traute ihren Ohren kaum. Sam war wirklich unverwüstlich.
Die beiden begannen, sich Sorgen um Frodo zu machen. Sie wußten beide, er war krank und viel kleiner als Lutz, eigentlich hatte er kaum eine Chance gegen ihn, es sei denn, er hatte schneller ein Schwert in der Hand. Das war ihre einzige Hoffnung, als sie vorsichtig den Bühl hinaufkamen und sich argwöhnisch umsahen. Perhail hatte glücklicherweise zu schreien aufgehört, auch wenn ihm das alles gar nicht behagte, aber so wurden sie wenigstens nicht wegen ihm entdeckt.
Alles war still und die Tür von Beutelsend stand noch immer so offen, wie Liliane sie gelassen hatte, als sie fortgelaufen war. Vorsichtig traten die beiden näher und lauschten, aber sie hörten gar nichts.
Langsam betraten sie den Flur und Sam schlich als erstes in sein Schlafzimmer, um Stich unter dem Bett hervorzuziehen. Er hielt Liliane immer noch dicht an sich gedrückt, als die beiden vorsichtig den Flur entlangschlichen. Mitten auf dem Gang lag Frodos Schwert in den aufgeworfenen Teppichfalten. Er lag völlig schief und an der Wand hoch aufgetürmt.
Noch immer hörten sie nicht ein einziges Geräusch. Alles war totenstill. Das Herdfeuer brannte noch und als die beiden schließlich durch die Tür getreten waren, offenbarte ihnen sich das gesamte Ausmaß des Kampfes, der stattgefunden hatte.
Der Stuhl war in mehrere Teile zerbrochen, der Tisch umgeworfen, das Messer lag in einer Ecke und auf dem Fußboden waren Blutflecken zu sehen. Sie vermuteten, daß sie von Lutz Wunden stammten, aber sicher waren sie nicht.
Die Sachen, die Liliane auf der Leine aufgehängt hatte, lagen auf dem Boden. Die Leine war verschwunden und auch das letzte Tuch, das auf der Spüle gelegen hatte. Sam kam zu einem nicht ganz erfreulichen Schluß, als er das sah.
Der Dolch von Lutz war weg und von den beiden selbst fehlte jede Spur.
Das hatte ich befürchtet, sagte Sam und Liliane sah ihn an.
Was?
Es war klar, daß Lutz ihn nicht hierlassen würde. Ich kenne ihn. Niemals hätte er das getan. Aber auch wenn das nicht gut ist, heißt das zumindest, daß er noch lebt.
Woher willst du wissen, daß Lutz ihn mitgenommen hat? fragte sie, obwohl sie selbst dachte, daß es sehr wahrscheinlich war. Die Worte gingen ihr nur schwer über die Lippen.
Er ist krank, er wäre noch hier und außerdem ist die Wäscheleine weg.
Das hatte Liliane noch gar nicht bemerkt, aber sie sah, daß Sam Recht haben mußte.
Frodo? rief sie fragend, aber es kam keine Antwort. Die beiden schauten zur Sicherheit in jedes Zimmer, aber Frodo und Lutz waren tatsächlich verschwunden.
Sam ging ins Zimmer von Frodo und Liliane, holte Strampler für Perhail aus dem Schrank und ein Kleid für Liliane, das er in Frodos Umhang wickelte, bevor er seinen holte und ihn sich um die Schultern legte.
Komm, wir sollten zu den anderen gehen. Sind sie bei Rosies Vater?
Stumm nickte Liliane und die beiden verließen Beutelsend, nachdem das Herdfeuer gelöscht und die Tür wieder fest verschlossen war. Sie waren beide wie gelähmt und dennoch dachte Sam nach. Er hoffte, eine Spur von Frodo zu finden, die sie zum Versteck führte und er schnallte Frodos Schwert an seinen Gürtel. Niemand außer Frodo selbst sollte die Waffe haben, und bis das möglich war, nahm Sam sie in Verwahrung.
Schnell riß Frodo den Stuhl wieder hoch und hörte plötzlich nur, wie Lutz schallend zu lachen begann.
Dann hatte sie also doch Recht. Dir scheint wohl was an ihr zu liegen, wie?
Er wollte sich aufrichten, doch Frodo warf den Stuhl nach ihm. Lutz duckte sich allerdings so schnell, daß der Stuhl krachend am Gitter vor dem Herdfeuer zerbrach und Frodo wollte an ihm vorbei an das Messer gelangen, aber Lutz schlug es mit der Hand in die Ecke und außerhalb von Frodos Reichweite.
Fast ging der Hobbit in die Knie und hustete, bis ihm die Tränen kamen. Er konnte kaum sehen, was Lutz tat und sah nur etwas in seiner Hand, das wie ein Dolch aussah. Schnell kroch er unter den Tisch und wollte so geschützt zur Tür gelangen, aber Lutz griff nach dem Tisch und warf ihn um, als hätte er kein Gewicht und wollte Frodo packen, der jedoch schnell unter die Bank rollte und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, trat er nach Lutz. Glücklicherweise ging das nicht daneben, sondern er landete einen Treffer in der Magengrube und hustend ging Lutz in die Knie.
Frodo krabbelte unter der Bank hervor, wollte schon aufspringen und aus der Küche laufen, um sein Schwert zu holen, aber Lutz hielt ihn an einem Bein fest und Frodo fiel der Länge nach auf den Boden.
Gib auf, es ist zwecklos! keuchte Lutz und Frodo trat ihm gegen das Kinn. Lutz ließ ihn los und Frodo lief aus der Küche, stolperte aber über den Teppich und fiel. So schnell er konnte, stand er wieder auf und stürmte ins Schlafzimmer, wo er nach seinem Schwert griff und schon hörte er Lutz schwere Schritte im Flur.
Liliane war fort und die Tür stand weit offen. Erleichtert atmete Frodo auf. Jetzt ging es nur noch um ihn und Lutz.
Wieder wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt und er spürte, wie seine Arme zitterten. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht richtig, aber er hielt schützend sein Schwert vor sich.
Lutz lachte.
Und du glaubst, ich hätte keins?
Natürlich hatte er eines und er trug es am Gürtel. Blitzschnell hielt er es in der Hand und die beiden begannen, sich einen erbitterten Zweikampf zu liefern. Frodo hielt sich tapfer aufrecht und wehrte entschlossen die Schläge seines Gegners ab, doch es dauerte nicht lange und Lutz schlug ihm mit einem Mal das Schwert aus der Hand.
Und jetzt? fragte Lutz, kam auf Frodo zu und zielte mit der Spitze der Klinge genau auf seine Kehle. Frodo wich zurück an die Wand und plötzlich ließ Lutz das Schwert fallen, packte Frodo an den Armen und zerrte ihn mit sich in die Küche.
Du wirst ab jetzt überhaupt nichts mehr zu lachen haben! brüllte er ihm ins Gesicht.
Und eins verspreche ich dir: Ich kriege sie noch!
Du Bastard! schrie Frodo, doch im nächsten Augenblick warf Lutz ihn gegen die Wand in der Küche und hilflos rutschte Frodo zu Boden. Er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Fast wurde ihm schwarz vor Augen. Er rang nach Luft und versuchte vergeblich, aufzustehen.
Laß sie in Ruhe, das kannst du ihr nicht antun! murmelte er tonlos, doch Lutz lachte nur.
Das kann ich. Das wirst du noch früh genug sehen!
Lutz riß die Leine von der Wand, ließ seine Sachen auf den Boden fallen und drehte Frodo auf den Bauch, der sich nicht einmal mehr wehrte. Er konnte nicht.
Mit hektischen Bewegungen fesselte er Frodo die Hände auf dem Rücken, bevor er seine Arme an den Körper band und das verbleibende Stück der Wäscheleine mit dem Dolch abschnitt.
Was hat sie dir getan? brachte Frodo hustend hervor. Lutz überlegte für einen Augenblick, doch dann band er Frodos Beine noch bis zu den Knien zusammen und drehte ihn wieder um. Frodo standen die Tränen in den Augen und er versuchte, Lutz zu fixieren. Der Mann beugte sich zu ihm herunter und zischte grinsend: Ich kann es mir erlauben, kleine Ratte, das ist alles!
Dreckskerl! schrie Frodo. Laß deine Finger von Liliane!
Er wollte ihm am liebsten an den Hals springen, aber mit den Fesseln konnte er das vergessen.
Ach ja? Und was willst du tun? Mich davon abhalten? Jetzt bin ich aber sehr gespannt, wie du das machen willst!
Wutentbrannt spuckte Frodo ihm ins Gesicht, woraufhin Lutz ihm mit der Faust ins Gesicht schlug. Frodo schmeckte Blut und seine Nase schmerzte, die Lippe brannte und Lutz ließ ihn zu Boden sinken, ging zur Spüle und kam sofort mit dem Tuch zurück, das er kurzerhand als Knebel benutzte.
So, mein Freund, du hast ab jetzt überhaupt nichts mehr zu sagen!
Frodo wandte den Blick zur Decke. Er war so schwach, daß es ihm schon fast egal war, was Lutz jetzt tat. Er hob auf dem Flur sein Schwert auf, während Frodo sich überhaupt nicht mehr bewegte.
Einfach nur schlafen... der Tee zeigte plötzlich seine Wirkung. Zwei Schlucke hatten genügt. Frodo weigerte sich noch, die Augen zu schließen, denn Lutz kehrte plötzlich mit etwas in der Hand zurück, das er nicht sofort erkennen konnte. Allerdings riß Lutz ihn unsanft hoch und zog ihm etwas über den Kopf.
Und sehen wird dich auch niemand. Du hast verloren!
Frodo gab keinen Ton von sich. Es war ihm gleichgültig, daß Lutz ihn auf seine Schulter hob und ihn forttrug.
Liliane war in Sicherheit, Frodo wußte, daß sie es zu den anderen schaffen würden und die paßten sicherlich gut auf sie auf.
Lutz würde sie nicht kriegen, nicht, solange noch Merry und Pippin da waren, da konnte er sicher sein.
Er wurde sehr schläfrig und schloß schließlich die Augen. Im Gegensatz zum Knebel saßen die Fesseln nicht allzu fest und er spürte, wie er immer teilnahmsloser wurde. Er war ein leichtes Opfer für Lutz, aber ihn kümmerte es nicht.
Sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, galt Liliane. Alles andere war in diesem Moment völlig unwichtig.
Lutz trug ihn jedoch nicht weit. Er hatte Glück, daß Frodo sich überhaupt nicht regte und keinen Ton von sich gab, doch davon abgesehen führte sein Weg ihn nur durch eine dünn besiedelte Gegend.
Vorübergehend mußte er ihn in der Nähe unterbringen, weil er sein Pferd nicht hatte. Vielleicht würde er ihn zum Bürgermeister stecken, vielleicht ließ er ihn dort, wo er ihn hinbringen wollte, er wußte es noch nicht.
Die Straßen schienen wie leergefegt zu sein, es herrschte eine gespenstische Stille. Lutz lief auf die stillstehende Mühle zu, in der bestimmt niemand mehr war. Seine Leute würden dort sicherlich für Ordnung gesorgt haben.
Sie hatten überall für Ordnung gesorgt. Viele Hobbits hatten sie gefangengenommen und eingesperrt, den anderen Verhaltensmaßregeln erklärt und alles geplündert, was wertvoll oder nützlich erschien und sich dort breitgemacht, wo es ihnen am besten gefiel.
Abgaben und Steuern, Ausgangssperren, Zucht und Ordnung, das stand nun auf der Tagesordnung und der Chef in Beutelsend hatte das Sagen über alles.
Genau so hatte Lutz sich das vorgestellt.
Er betrat die Mühle, in der sich nichts regte, lehnte die Tür hinter sich an und stieg die Treppe hinunter in die Dämmerung des Kellers.
Er ging auf eine kleine Kammer zu, die von einer starken Tür verschlossen wurde und öffnete. Den Schlüssel nahm er sofort an sich und trat auf einen Haufen von Mehlsäcken zu.
Er entledigte sich der Last auf seiner Schulter, holte Frodo aus dem Sack hervor und dieser schlug, vom Aufprall geweckt, die Augen auf.
Dein neues Quartier. Ich hoffe, du findest es angenehm, denn so bald kommst du hier nicht raus! giftete Lutz und warf den Sack in die Ecke.
Frodo sah sich mit müden Augen um. Es war die Mühle, das konnte er sofort sagen, und begrüßte diese Tatsache sehr. Wenn er nicht irgendwo in der Wildnis war, hatten die anderen wenigstens eine Chance, ihn zu finden!
Lutz kümmerte sich nicht weiter um ihn, verließ die kleine Lagerkammer und Frodo hörte, als er sich aufrichtete, wie der Schlüssel gedreht wurde und Lutz anschließend von dannen ging.
Wunderbar. Frodo seufzte und schloß wiederum die Augen. Er war zu erschöpft, um an etwas anderes zu denken als an Schlaf, und er schlief ein mit dem Gedanken an Liliane und die Kinder.
Sie schlichen entlang der wie ausgestorben wirkenden Dörfer zum Hof des alten Bauern Kattun. Sam trug unter dem Arm die Sachen, die er für Liliane mitgenommen hatte und schwierg ebenfalls.
Sie war wieder ganz ruhig und Sam war sehr froh darum, aber er hatte das dumpfe Gefühl, daß es nicht dabei bleiben würde. Wahrscheinlich hatte sie noch viel weniger begriffen als er, was es hieß, daß Frodo verschwunden war. Er konnte es ihr nicht verdenken und in der Tat war es so, daß sie ständig Lutz und sein hämisch grinsendes Gesicht vor sich sah.
Zuerst sah Sam nicht, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen, die sich mit dem strömenden Regen vermischten, der beide bis auf die Knochen durchnäßte, aber als er sie einmal unvermittelt ansah, entdeckte er es doch.
Mit dem Messer wollte sie auf Lutz losgehen und sich verteidigen, ihn abwehren und sich den Weg aus der Küche freikämpfen, doch der pochende Schmerz in ihrem Handgelenk erinnerte sie daran, wie sehr dieser Versuch mißlungen war.
Sie sah Lutz über sich, sie hörte seine Stimme und sein Keuchen, sie hatte bereits aufgegeben, doch in letzter Sekunde stand plötzlich Frodo hinter ihm. Er hatte sie gerettet und davor bewahrt, Opfer der Willkür von Lutz zu werden.
Er hatte Recht, er hatte es sich erlauben können in diesem Moment, das war die traurige Wahrheit.
Es ist vorbei, murmelte Sam und strich ihr liebevoll über den Arm. Er würde auf sie aufpassen, solange Frodo nicht da war, soviel stand fest.
Ich weiß, Sam. Aber du hättest ihn hören sollen... ich hatte immer gedacht, er hätte nur böse Worte für mich übrig. Wie hätte ich denn merken sollen, was er wirklich... ich meine...
Sie schluchzte und Sam schüttelte den Kopf.
Gar nicht. Aber er wird dafür bezahlen, das verspreche ich dir, und ich bringe dir Frodo zurück!
Nun begann sie noch lauter zu schluchzen. Sie spürte noch seine Umarmung, bevor sie fortgelaufen war und ihn allein mit Lutz gelassen hatte.
Frodo. Wegen ihr war er nun bei Lutz, allein und krank, und das nur wegen ihr...
Sie wünschte sich so sehr, daß er nun bei ihr wäre, sie sehnte ihn so sehr herbei, daß es fast wehtat, aber alles, was sie noch von ihm hatte, war sein Elbenstein.
Aber sie mußte stark sein, für die Kinder... wenigstens war sie Lutz entflohen.
Und Frodo war bei ihm. Wegen ihr.
Es war ihre Schuld.
Langsam näherten sie sich dem Hof der Kattuns und sie waren nicht überrascht, jemanden zu sehen, der mit einer Heugabel bewaffnet um den Hof lief. Es war Tom, der nicht mit Merry und Pippin auf die Suche nach Sam gegangen war.
Als er die beiden sah, wollte er schon angriffslustig auf sie zustürmen, aber dann erkannte er sie und ließ vor Schreck die Heugabel fallen, bevor er sich umdrehte und ins Haus lief.
Der gute Tom, bemerkte Sam lächelnd, er ist wirklich unbezahlbar!
Es dauerte nicht lange, da rannten zuerst einige der Kinder aus der Tür und blieben erst stehen, als sie vor Sam und Liliane standen.
Papa! schrien sie wild durcheinander und Elanor und Frodo sahen ihn sprachlos an.
Du bist wieder zurück... stammelte Frodo ungläublig und dann sah Sam Rosie herbeilaufen, drückte Frodo schnell die Sachen in die Hand und schloß Rosie erleichtert seufzend in die Arme.
Sam! Daß du wieder da bist... endlich! Mein lieber Sam... flüsterte sie und er drückte sie fest an sich.
Ja, ich bin wieder da. Du hast mir sehr gefehlt, Rosie.
Elanor sah zu Liliane und kümmerte sich überhaupt nicht darum, daß sie nun auch ganz naß wurde.
Langsam dirigierten Rosie und Sam die Kinder ins Haus zurück und Elanor schaute Liliane stumm an, bevor sie sagte: Etwas ist vorgefallen, oder?
Liliane sah so aus, wie sie sich fühlte, verängstigt, verzweifelt und schrecklich erschöpft. Sie nickte nur und drückte Elanor plötzlich den schreienden Perhail in die Arme, bevor sie auf einmal schnell ins Haus lief und sich neben dem Herdfeuer weinend auf den Boden sinken ließ.
Estella stand sprachlos in der Tür und sah zu den beiden Neuankömmlingen mit gemischten Gefühlen. Bauer Kattun und Tom waren ebenfalls in die Küche gekommen und im lauten Stimmengewirr der Kinder ging im ersten Moment alles unter.
Rosie und Sam umarmten sich überglücklich und Rosie konnte kaum glauben, daß es nun endlich ausgestanden war. Sam war zurück. Er hatte es endlich geschafft.
Liliane stützte schluchzend den Kopf auf den Arm und Sam trat neben Estella, die angesichts ihrer Kusine, die völlig außer sich war, nicht wußte, was sie tun sollte.
Sam kniete sich vor Liliane und legte seine Hand auf ihre.
Schau mich an, Liliane.
Langsam hob sie den Blick und Sam verstand. Ihr war klar geworden, daß Frodo wirklich fort war.
Ich finde ihn, ich verspreche es!
Was ist überhaupt vorgefallen? fragte der Bauer und setzte sich. Das war das Zeichen, daß Ruhe einkehren sollte und bis auf Elanor, Frodo und Rose wurden die Kinder mit Tom aus der Küche geschickt. Ihnen sollte später berichtet werden, was ihr Vater zu erzählen hatte.
Estella hatte ihren Arm um Liliane gelegt, um denen Bruch am Handgelenk der Bauer sich fachmännisch kümmerte. Er hatte es bereits viele Male gemacht und mit einem Holzscheit zum Schienen und dem richtigen Verbandszeug hatte er schnell eine gute Lösung für die Verletzung gefunden.
Sam erzählte, was er während seiner Gefangenschaft erfahren hatte und konnte zum Glück davon berichten, wo die verschwundenen Hobbits sich befanden. Er erzählte von seiner Flucht nach Hobbingen und davon, daß er plötzlich Liliane im Wald gefunden hatte.
Stumm sah sie ihn an und er legte seine Hand auf ihre.
Es hatte einen Kampf gegeben in Beutelsend, wo Lutz sich als Chef aufgespielt hat. Er hat sie angegriffen und Frodo hat gegen Lutz zur Waffe gegriffen, so daß sie fliehen konnte. Frodo ist verschwunden, er und Lutz waren nicht mehr in Beutelsend, als wir dorthin zurückgekehrt sind.
Elanor hatte es inzwischen geschafft, Perhail zu beruhigen und der Kleine weinte nicht mehr, sondern nuckelte zufrieden an seinem Daumen. Plötzlich ging die Tür auf und Melethiell kam herein. Sie trug ihr Nachtgewand und schien gerade aus dem Bett gekommen zu sein, das sie noch hüten mußte.
Mama! Du bist da! rief sie und kletterte flink auf Lilianes Schoß. Die anderen hatten es nicht geschafft, sie davon abzuhalten, aufzustehen. Liliane hatte im ersten Moment nicht mehr an sie gedacht, weil sie so verstört war, aber nun umarmte sie ihre Tochter ganz fest.
Ja, Mama ist da... wie geht es dir, meine Kleine?
Ich bin fast wieder gesund, Mama! Aber wo ist Papa?
Liliane schluckte. Wie sollte sie das erklären?
Papa kann nicht kommen, er... nun, er hatte Streit mit den bösen Männern und kommt später.
Wirklich? fragte Melethiell und strahlte plötzlich. Das heißt ja, daß Papa ganz mutig ist! Hoffentlich ist er bald da, ich vermisse ihn schon ganz doll!
Liliane legte ihren Arm um Melethiell und lächelte leicht. Die Kleine war nicht unterzukriegen.
Der Bauer berichtete schließlich davon, daß Merry und Pippin aufgebrochen waren, um Sam zu suchen, und er wußte ebenfalls, daß nach den beiden selbst ebenfalls gesucht wurde von Lutz Schergen.
Aber sie werden sie nicht kriegen. Nicht, solange ich hier das Sagen habe!
Tatsächlich sollten die beiden bald zurückkehren auf den Hof und sie waren außer sich vor Freude, als sie Sam auf der Bank sitzen sahen, ausgemergelt zwar und immer noch hungrig essend, aber sonst wohlbehalten und ganz der Alte.
Das hat vielleicht gedauert! Du läßt wirklich zu wünschen übrig! grinste Pippin. Doch dann bemerkten die beiden erst, daß Liliane ganz allein war. Diese hatte Melethiell schnell wieder ins Bett geschickt, als sie ihren trockenen Husten gehört hatte, und sagte: Lutz hat Frodo in seiner Gewalt. Ich weiß nicht, wo sie sind.
Die beiden setzten sich erst einmal wieder und ließen sich ein weiteres Mal alles berichten, was vorgefallen war. Im Laufe der Unterhaltung stand Liliane plötzlich auf, die gesehen hatte, daß Sam ihr ein Kleid eingepackt hatte und drückte dankbar seine Hand. Sie nahm es und ging aus der Küche.
Sam seufzte und wandte sich an Rosie. Bitte, sieh einmal nach ihr. Ich mache mir Sorgen.
Rosie folgte Liliane und fand sie in einem der Schlafzimmer, wo sie gerade das andere, trockene Kleid angezogen hatte. Ihr neues Kleid, das zerrissen und schmutzig war, hatte sie auf das Bett gelegt und kniete schluchzend davor, den Kopf in der Decke vergraben.
Rosie legte ihr langsam eine Hand auf die Schulter, woraufhin Liliane sich aufrichtete und Rosie umarmte sie tröstend.
Er kommt wieder, mach dir keine Sorgen, sagte sie, aber Liliane reagierte gar nicht. Rosie spürte, daß da noch mehr war, und schließlich legte Liliane sich ins Bett. Rosie nahm das Kleid, sah noch ein letztes Mal zu ihr, die mit leerem Blick an die Decke starrte und kehrte zu den anderen zurück.
In der Küche saßen nur noch Sam, Merry und Pippin. Der Bauer war mit Estella, die nun Perhail bei sich hatte, und den Kindern zu den anderen gegangen und die drei Freunde starrten düster vor sich hin. Daß Frodo verschwunden war, gefiel ihnen überhaupt nicht.
Was ist mit ihr, Sam? Was soll das? fragte Rosie und hielt Lilianes Kleid hoch.
Sam seufzte und senkte den Blick.
Ich mußte es mir zusammenreimen. Lutz scheint sie die ganze Zeit über schikaniert zu haben, das sagte sie zumindest, und ich habe sie völlig aufgelöst im Wald gefunden. Der Knochenbruch ist noch das kleinste Übel, das sie erlitten hat. An der anderen Hand hatte sie Reste von Fesseln.
Merry sah ihn mit großen Augen an und Rosie setzte sich ungläubig neben Sam.
Frodo hat Lutz davon abgehalten, sie zu vergewaltigen. Er kam gerade rechtzeitig und sie konnte fliehen, als er mit Lutz kämpfte.
Pippin machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber er konnte nicht.
Wo ist er? schrie Merry. Wo ist dieser Schuft, daß ich ihm den Hals umdrehen kann?!
Rosie spürte, wie sich ihre Finger in Lilianes Kleid krallten. Es war schrecklich, sie wollte es gar nicht begreifen.
Schweigend sahen sie sich an und Rosie murmelte schließlich: Wir sollten sie nicht allein lassen, Sam.
Er nickte. Sie hatte Recht.
Am Ende hatten Rosie und Sam in ihr Zimmer ein weiteres Bett gestellt, Rosie holte Liliane dorthin und für Perhail fand sie auch eine Wiege. Es dauerte außerdem gar nicht lange, bis Melethiell zu ihrer Mutter kam und ins Bett krabbelte.
Liliane war so erschöpft, daß sie fest schlief und nichts mehr davon merkte, auch nicht, als Sam und Rosie später schlafen gingen.
Du ahnst nicht, wie es in Beutelsend aussieht. Lutz wird seines Lebens nicht mehr froh, wenn ich ihn erwische! zischte Sam böse und Rosie schmiegte sich an ihn. Trotz allem war sie glücklich, daß er wieder zurückgekehrt war und schlief bald ein.
Sam jedoch fand lange keinen Schlaf. Er merkte, wie Liliane sich auf der anderen Seite des Zimmers unruhig hin und her warf und ihm erging es ganz ähnlich.
Er machte sich große, sehr große Sorgen um Frodo.
Elftes Kapitel: Stärker als die Angst
Was soll das heißen?!
Lutz wurde puterrot im Gesicht vor lautert Wut. Er war vom Pferd gestiegen, als er die beiden Männer im Wald auf sich zukommen gesehen hatte und hatte sehr bald ihre betretenen Gesichter bemerkt.
Er war gerade auf dem Weg zur Hütte gewesen, um Sam einen Bericht von der neuen Lage der Dinge zu liefern und wunderte sich sehr, daß die beiden Wächter schon wieder nicht auf ihrem Posten waren.
Daß sie ihm nun jedoch berichteten, daß der Bürgermeister geflohen und spurlos verschwunden war, machte Lutz rasend.
Ihr Versager! Was soll ich eurer Meinung nach jetzt machen? Das hätte unter keinen Umständen passieren dürfen! Wie hat er das denn gemacht?
Er hat die Stricke durchgebissen...
Er hat was?! tobte Lutz. Verdammt! Und jetzt bewegt euch! Ihr geht nach Hobbingen!
Lutz stieg eilig aufs Pferd, gab ihm die Sporen und raste davon. Er wußte, was er tun konnte. Irgendwo würde der Bürgermeister schon auftauchen.
In der Zwischenzeit war Frodo in der Mühle wieder aufgewacht und starrte gegen die Decke.
Wie gern wäre er jetzt bei ihr, er würde sie trösten, er würde sie beruhigen... und er würde aufpassen, daß niemand ihr wieder zu nahe kam, schon gar nicht Lutz. Aber er konnte nicht.
Er spürte seine Hände nicht mehr, aber er spürte sie in seinem Rücken. Er rollte sich zur Seite und stöhnte. Durch seine verschnupfte Nase konnte er nur wenig vom Holz und fast frisch gemahlenem Mehl riechen.
Er bekam kaum Luft, aber der Knebel saß zu fest, als daß er ihn hätte abstreifen können. Seine Beine wurden gefühlllos.
Jetzt einen Tee... Hunger hatte er nicht, aber Durst. So gesehen wünschte er sich, daß Lutz bald zurückkehrte.
Alles war still. Hier unten hörte er nicht einmal den Regen.
Wo Lutz wohl steckte? Er würde Liliane doch wohl nicht finden!
Es bereitete Lutz nur Spaß, hatte weiter keine Bedeutung für ihn, aber er wollte seine Macht demonstrieren.
Auf einmal hörte er Schritte. Wie spät war es? War das Lutz?
Es war Lutz. Triefnaß, schwer atmend und sichtlich aufgebracht stürmte er in dieKammer und setzte sich fast neben Frodo auf die Mehlsäcke. Stumm sahen die beiden sich an, dann beugte Lutz sich zu Frodo und zerrte ihm den Knebel herunter.
Ich habe Durst... murmelte der Hobbit vorsichtig. Lutz stand auf, ging aus der Kammer und kehrte im nöchsten Moment mit einer Flasche zurück.
Es war Wasser. Frodo trank gierig und stillte seinen Durst.
Lutz starrte Frodo an.
Wo sind sie? fragte er. Frodo runzelte fragend die Stirn.
Wer?
Die Kinder, die Frau des Bürgermeisters und eure Freunde. Wo sind sie?
Ich weiß es nicht.
Blitzschnell hatte Lutz ihn am Kragen gepackt und zerrte ihn hoch.
Lüg mich nicht an! Wo könnte er hingehen wollen?
Er? Wer war er? Er suchte gar nicht nach Liliane?
Wer? fragte Frodo wieder.
Dein Freund, Sam Gamdschie.
Frodos Augen weiteten sich und und er hustete.
Was ist mit Sam? fragte er überrascht. Sein Herz pochte vor Aufregung.
Er ist weg. Wo könnte ich ihn suchen?
Frodo schluckte. Sam war wirklich weg?
I-ich weiß es nicht...
Wo ist seine Familie? donnerte Lutz und zog Frodo noch höher und näher an sich heran, um ihn einzuschüchtern.
Wo?!
B-bei Pippin in Buckelstadt... log Frodo mit zitternder Stimme. Lutz sah ihn mißtrauisch an.
Wirklich?
Frodo nickte. Das ist es, was ich weiß, sagte er vorsichtig. Sam war wieder frei! Er hatte es endlich geschafft! Das war sehr gut.
Dann ist sie ja auch dort! grinste Lutz. Frodo wurde bleich.
Nein, bitte, laß sie doch...
Warum sollte ich? Was hätte ich davon? Was würdest du mir geben?
Das werden sie nicht zulassen... du wirst sie gar nicht finden! rief Frodo nervös.
Nicht? Oh, und ob ich das werde. Ich habe viele Männer, sie werden sie mit Sicherheit finden und herbringen!
Nein! Das dürfen sie nicht!
Sicher? Hast du schon vergessen, daß wir jetzt die Gesetzte machen?
Tu ihr das nicht an... bitte... flehte Frodo ängstlich. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er wußte genau, früher oder später würde man sie finden, wie waren in der überlegenen Position.
Lutz lachte höhnisch.
Sie ist wirklich süß, wenn sie Angst hat! sagte er.
Nein! schrie Frodo außer sich. Nein, Liliane! Bitte...
Lutz stieß ihn von sich, knotete den Knebel auf und legte ihn Frodo erneut an. Verzweifelt wollte Frodo schreien, doch er konnte nicht. Mit geweiteten Augen sah er hoch zu Lutz, der nur hämisch grinste und die Kammer verließ.
Frodo keuchte und hustete. Ihm blieb fast die Luft weg und ihm traten Tränen in die Augen. Er verfluchte den Knebel, er brauchte dringend Hilfe, jemand mußte sich um Liliane kümmern...
Tränen strömten über seine Wangen. Lutz durfte sie nicht erwischen. Frodo sah sie vor sich, ihre strahlenden Augen, ihr warmes Lächeln, er wollte sie liebevoll umarmen, doch er konnte sie nicht erreichen.
Sam! schrie er, doch der Schrei wurde erstickt. Er schrie nach Sam, bis die Stimme versagte, bis er wieder einen Hustenanfall bekam.
Seine ganze Hoffnung ruhte auf Sam. Er konnte ihm vertrauen, er wußte, daß Sam sich um Liliane kümmern würde. Er würde sie beschützen.
Sam wurde von einem dumpfen Geräusch geweckt. Verschlafen öffnete er die Augen und sah, wie jemand aus dem Zimmer lief. Mehr als einen Schatten konnte er nicht sehen, aber er setzte sich aufrecht und sah, daß gegenüber im Bett nur Melethiell lag.
Liliane war über das Kuscheltier ihrer Tochter gestolpert, das auf dem Boden lag.
Sam streckte sich und kletterte gähnend aus dem Bett. Er wußte genau, daß etwas nicht stimmte.
Leise schlich er über die Flure und lauschte. Sie war in der Nähe und wollte scheinbar zur Küche.
Sam folgte ihr kaum hörbar und als er in die Küche kam, sah er sie stumm weinend am Tisch sitzen. Es war dunkel überall, aber die Küche wurde vom Schein des flackernden Herdfeuers fahl beleuchtet.
Sie sah nur kurz auf, als er sich neben sie setzte.
Ich wollte dich nicht wecken, murmelte sie und schluchzte. Er zuckte nur mit den Schultern.
Nicht schlimm. Ich habe nicht fest geschlafen. Ich mache mir auch Sorgen.
Sam legte den Arm um sie und zog sie an sich. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und wischte sich die Tränen weg.
Du bist so lieb, Sam.
Er lächelte. Eigentlich müßte Herr Frodo jetzt hier sein, um dich zu trösten. Das wäre viel besser.
Er wäre sehr froh, wenn er wüßte, daß du wieder frei bist und jetzt bei mir. Es würde ihn sehr freuen, Sam. Du bist sein bester Freund.
Was ist denn los? fragte Sam schließlich und starrte ins Feuer. Die kleinen Flammen flackerten, Funken stieben zur Seite weg und es prasselte fröhlich.
Ich bin schuld, Sam, verstehst du? Ich habe gesagt, daß er nur im Bett bleiben soll. Ich habe ihn gebeten, abzuwarten und gehofft, daß wir bald Gelegenheit gehabt hätten, einfach zu fliehen. Ich habe nicht geglaubt, daß Lutz wirklich... er ist zu allem in der Lage, Sam. Es ist meine Schuld und ich habe solche Angst, daß er Frodo etwas antut...
Ihre Stimme zitterte und sie sprach ganz leise und hoffnungslos. Sie wischte die Tränen weg, als Sam sagte: Du bist nicht schuld, Liliane, wie kommst du nur darauf?
Aber genau so war es gewesen. Sie hatte sich in falscher Sicherheit gewähnt und wenn Frodo nicht gewesen wäre, hätte Lutz sein Ziel erreicht.
Er war krank. Er lag vielleicht mit Schmerzen irgendwo und fror, hatte Hunger und Durst, bestimmt große Angst... und das nur, weil er hatte kommen müssen und sie weggelaufen war. Sie hatte ihn ganz allein mit Lutz gelassen. Sie hätte nur gehen müssen und das Schwert nehmen, es hätte vorbei sein können!
Warum hatte sie es nicht getan? Es war alles wegen ihr. Sie bereute es sehr, Frodo nicht geholfen zu haben. Sie hätte es gekonnt, glaubte sie.
Was, wenn er ihn umbringt, Sam? Was dann? Sam, ich habe Angst um ihn! Das ist schlimmer als alles, was er mir hätte tun können. Wo ist er, Sam? Lebt er überhaupt noch?
Natürlich... sonst wäre auch ich jetzt nicht mehr hier! Wir werden ihn finden. Merry und Pippin wollen morgen früh sofort los und versuchen, ihn zu finden, und ich werde mit ihnen gehen. Wir sind zu dritt. Es ist egal, daß wir gesucht werden, schlimmer als Frodo wird es uns auch nicht ergehen, sollten sie uns erwischen.
Sie drehte den Kopf zu ihm und blickte ihn dankbar an.
Außerdem wird Aragorn kommen. Wir werden alles schaffen, wenn er erst hier ist! fügte Sam noch hinzu.
Und was ist mit Rosie? Willst du sie allein lassen?
Nein, aber ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen! Ich habe ihn noch nie im Stich gelassen.
Er hatte Recht.
Ihr beiden seid wirklich unglaublich. Wenn Gefahr droht, zählt für euch nichts außer dem Wohlergehen des anderen. Frodo ist todkrank mit Pippin auf der Suche nach dir gewesen und du hast auch keine ruhige Minute, wenn er weg ist.
Sam sah sie erstaunt an.
Das hat er gemacht? Er ist verrückt!
Und ob er das war. Das wußten sie beide.
Dennoch war Liliane der Meinung, daß Frodo nun etwas durchmachen mußte, was schlimmer war als alles, das sie noch hätte ertragen müssen.
Sam, ich werde nicht zulassen, daß ihm etwas passiert! Aber was soll ich nur machen? murmelte sie ratlos.
Sam erklärte ihr, daß sie am besten einfach auf dem Hof blieb, weil es mit Sicherheit das war, was Frodo sich wünschte. Sie sollte nur in Sicherheit sein. Deshalb hatte er auch für sie gekämpft.
Er seufzte. Er konnte sie verstehen. Aber wenn Lutz sie in die Finger bekam, wäre für Frodo alles umsonst gewesen. Frodo hatte sein Ziel erreicht und sie gerettet, Sam war sicher, daß andere für ihn nun gut zu ertragen war.
Schweigen breitete sich aus und irgendwann, als Sam den Kopf senkte und zu ihr schaute, sah er, daß sie eingeschlafen war. Er lächelte. Vorsichtig stand er auf, hob sie sachte auf seine Arme und trug sie ins Bett zurück.
Sie merkte davon gar nichts.
Vorsichtig legte Sam sich wieder neben Rosie ins Bett. Seufzend sah er auf seine Decke und sein Blick verlor sich irgendwo.
Wenn er sich auch nur ein wenig so um Liliane kümmern konnte, wie Frodo es tun würde, war er glücklich.
Am Morgen brachen Sam, Merry und Pippin kurz nach dem Frühstück auf. Die beiden hatten Sam berichtet, womit sie zu rechnen hatten auf ihrem Weg durch die Umgebung. Es war allzu wahrscheinlich, daß überall Patrouillen auf dem Weg waren und sie konnten nur hoffen, daß nicht jeder wußte, daß die drei gesucht wurden.
Sie schnallten ihre Schwester um und versteckten sie unter ihren Mänteln. Sie waren sehr froh, zu sehen, daß es im Moment zu regnen aufgehört hatte.
Tom machte sich seinerseits auf den Weg, jedem zu berichten, wo die verschwundenen Hobbits wahrscheinlich versteckt waren. Sie mußten dringend befreit werden.
Die nächtliche Ausgangssperre, die verhängt worden war, fand Sam geradezu lächerlich. Er hoffte jedoch, daß seine Flucht noch nicht allzu publik war, denn die Gefahr war sonst zu groß, daß man ihn erkannte und er so schneller gefunden wurde.
Die drei zogen ihre Kapuzen über und tief ins Gesicht. Die Wirtshäuser waren geschlossen worden und der Bäcker mußte damit rechnen, ständig überwacht zu werden. Auch die Handwerker unterstanden der Beobachtung von Lutz Männern, der über alles informiert werden wollte.
Wenn alles geschlossen ist, gibt es genug Möglichkeiten für Lutz, Frodo irgendwo zu verstecken! Aber wo?
Sie statteten Bekannten einen Besuch ab, die sie danach fragten, was Lutz bereits alles geschlossen hatte. Wirklich neue Erkenntnisse gewannen sie in diesem Moment leider nicht.
Sam dachte nach. Theoretisch konnte Lutz mit Frodo an jeden denkbaren Ort im Auenland geflohen sein, aber wenn er sich überlegte, daß er im Schiefertonwald gewesen war und die anderen Hobbits im Grünbergland steckten - nein. Allzu weit würde er nicht weg sein.
Sam war noch ganz in seine Grübeleien versunken, als Pippin ihn plötzlich am Arm packte und mit sich hinter Merry her in einen Hauseingang zog.
Was-
Da kommt einer! zischte Pippin und die drei waren mit einem Mal sehr aufgeregt. Merry klopfte an die Tür und kurz darauf öffnete jemand. Die drei stolperten fast übereinander, als sie blitzschnell hineinhuschten ohne eine weitere Erklärung.
Sam warf die Tür zu und keuchte. Das war sehr knapp gewesen.
Der junge Herr Straffgürtel musterte die drei überraschenden Eindringlinge neugierig und plötzlich rief er: Herr Bürgermeister!
Merry warf sich auf ihn und hielt ihm den Mund zu.
Nicht so laut! Niemand darf wissen, daß er wieder hier ist! Er ist entkommen.
Der junge Hobbit nickte und Merry ließ ihn wieder los.
Ach... ich verstehe. Dan kam grad einer, oder?
Die drei nickten. Sie mußten sich möglichst ungesehen bewegen.
Dann können wir ja nun endlich zurückschlagen! bemerkte er und Sam nickte, während er aus dem Fenster spähte.
Genau das haben wir vor. Hoffentlich verlieren die Leute ihre Angst vor den Kerlen! Aber die sind groß und haben Waffen...
Sam wußte genau, wie Hobbits waren. Es wunderte ihn nicht, daß es Lutz und seinen Männern nicht schwer gefallen war, Fuß zu fassen im Auenland.
Sie blieben nur kurz. Auch wenn der Grüne Drache nun wohl geschlossen war, war der Wirt noch immer die perfekte Informationsquelle. Ihn wollten sie befragen.
Unterwegs fragten sie jeden, den sie sahen, ob Lutz Farning gesehen worden sei, aber alle verneinten.
Irgendwo muß der doch sein! Ob er wieder in Beutelsend ist?
Sam schüttelte den Kopf. Merrys Frage war berechtigt gewesen, aber es war allzu unwahrscheinlich, daß Lutz doch die Frechheit besaß, dorthin noch zurückzukehren. Sie beschlossen jedoch, nach ihrem Besuch beim Wirt nach Hobbingen zu gehen und sich dort einmal umzuhören.
Der Besuch beim Wirt ergab wenig Neues. Es gab noch immer keine auch nur groben Schätzungen bezüglich der Anzahl der Menschen, die sich überall herumtrieben, aber es waren mit Sicherheit zuviele.
Es ist wohl wie damals, denke ich, die Berichte sprechen für sich. Wo auch immer er sie gefunden hat - es müssen mehr als hundert sein. Ganz bestimmt weitaus mehr, sagte der Wirt und Sam runzelte die Stirn.
Lutz mußte in der Tat rührig gewesen sein, um das auf die Beine zu stellen, aber daß er es geschafft hatte, war kaum zu übersehen.
Lang war ihr Besuch nicht, denn der Wirt brannte darauf, im Grünbergland herumzuspionieren und herauszufinden, wo die verschwundenen Hobbits sich befanden. Die drei Freunde hielten ihn nicht auf und machten sich querfeldein auf den Weg nach Hobbingen. So entgingen sie lange neugierigen Blicken der falschen Leute und in der Nähe vom Bühl schlichen sie schließlich durch die Straßen.
Beim nahen Bäcker wollten sie Neuigkeiten erfragen. Auf dem Weg dorthin wurden sie allerdings von einer Gruppe Männern entdeckt, die auf Streifzug durch das Dorf waren.
Was treibt ihr hier mit Kapuzen auf dem Kopf? rief einer von hinten und die Hobbits fuhren herum.
Mist! zischte Merry und Sam sah zu den beiden mit vielsagendem Blick.
Fast gleichzeitig zogen die drei ihre Schwerter. Es waren vier Männer, aber zwei von ihnen hatten nur Schlagstöcke.
Wir verstecken uns! rief Sam und erhob Stich. Die Männer waren mehr als überrascht, die angrifflustigen Hobbits vor sich zu sehen, aber leider schafften die drei es nicht, ihre Gegner einzuschüchtern.
Die Männer rannten auf sie zu und mit einem Mal drehte Pippin sich um und rannte in eine kleine Nebengasse. Sam und Merry überlegten kurz, aber dann sahen sie, was der Grund gewesen war: Von der anderen Seite kamen noch zwei weitere Männer.
Schnellstens liefen Sam und Merry hinter Pippin her, sprangen über Zäune und hechteten durch einen Garten.
Stehenbleiben! brüllte einer der Männer, aber Merry gab nur trotzig zurück: Wir denken nicht dran!
Sie rannten weiter, so schnell sie konnten und waren wesentlich flinker, so daß sie nachher die Hintertür der Backstube erreichten und sich dort hinter ein paar Mehlsäcken versteckten. Die Männer rannten vorbei und sahen sie nicht, die keuchend auf dem Boden lagen und zwei Sekunden später argwöhnisch vom Bäcker betrachtet wurden. Doch sein Gesicht hellte sich sofort auf, als er die drei erkannte.
Ihr seid das! Na endlich! Ich hatte schon gehofft, daß ihr euch zeigt, denn ich habe euch etwas mitzuteilen.
Was denn? fragte Merry und stand auf. Dabei klopfte er sich das Mehl von seiner Kleidung und nieste.
Ein Waldläufer war hier, berichtete der Bäcker und die drei Hobbits sahen sich erstaunt an.
Ein Waldläufer? Wie könnt Ihr sicher sein? fragte Sam.
Nun, er war größer als das Lumpengesindel, das hier herumläuft, er hatte eine angenehme und fremde Art, zu sprechen, nicht so wie der Landdialekt aus Bree. Er führte ein stattliches Pferd und stellte sich mit einem seltsamen Namen vor... er sagte, er kam von Beutelsend und sucht nach euch.
Welcher Name? fragte Pippin aufgeregt. War es elbisch?
Vielleicht... ich glaube, was er sagte, war Elessar...
Sam unterdrückte nur knapp einen Freudenschrei.
Er war hier? Wann? Wo ist er hingegangen?
Als er wissen wollte, wo die Familie des Bürgermeisters am ehesten hingehen würde, habe ich ihn zu Bauer Kattun nach Wasserau geschickt.
Aragorn! Er war hier, er war im Auenland, er war endlich gekommen... er war schnell gewesen! Aber er hatte ein gutes Pferd und wahrscheinlich große Eile gehabt.
Merry und Pippin begannen über das ganze Gesicht zu strahlen und Sam bedankte sich erfreut für diese Auskunft.
Die drei suchten sich wieder einen sicheren Weg über die Felder und machten sich auf den Rückweg nach Wasserau.
Traurig starrte Liliane auf ihr Kleid. Der Riß würde wohl kaum zu flicken sein.
Dieses Scheusal.
Die drei Freunde waren noch nicht lange weg, als sie gedankenverloren in der Küche stand und nachdachte. Die Kinder spielten und Estella und Rosie waren bei ihnen. Liliane hatte gesagt, sie würde nachkommen, aber sie überlegte fast, ob sie sich nicht anders entscheiden sollte.
Frodo hatte sie auch nie im Stich gelassen. Außerdem konnte sie es nicht ertragen, tatenlos herumzusitzen. Sie fühlte sich wie gelähmt, aber dennoch war da keine Leere in ihrem Kopf wie am Tag zuvor, als sie anfänglich an gar nichts hatte denken können.
Sie dachte immer nur an Frodo, sie dachte ständig an ihn, sie war selbst mit dem schreienden Perhail im Arm völlig abwesend und beruhigte den Kleinen zwar, aber ihr gingen immer nur dieselben Gedanken durch den Kopf.
Lutz hatte den todkranken Frodo irgendwohin verschleppt und würde nicht beabsichtigen, ihn in nächster Zukunft laufen zu lassen. Lutz würde inzwischen wissen, daß Sam geflohen war und würde sicherlich hoffen, daß er kam und Frodo suchte.
Auch Sam war noch in Gefahr. Alle waren in Gefahr. Und sie waren stärker bedroht als sie es je gewesen war.
Liliane ging zum Herd, hinter dem ein großer Messerblock stand und zog das lange Schneidemesser heraus. Um die Klinge wickelte sie vorsorglich ein Tuch und steckte das Messer in die Tasche ihres Kleides, in das es nur mit Mühe paßte.
Diesmal würde sie eine Waffe haben. Sie wußte, Lutz würde so überrascht sein, daß er hoffentlich kaum ihre wahren Gedanken durchschaute.
Er sollte denken, daß er nun doch das kriegen konnte, was er haben wollte. Es war zu wahrscheinlich, daß er nicht mehr nachdachte, wenn sie erst einmal vor ihm stand.
Sie ging mit Perhail ins Schlafzimmer und legte ihn in die Wiege, bevor sie zu den anderen Kindern ging und Melethiell holte.
In der Küche setzte sie die Kleine vor sich auf die Bank und kniete sich auf den Boden, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.
Wa ist denn, Mama? fragte das Mädchen mit großen Augen.
Hör mir gut zu, meine Kleine. Ich werde nun gehen und Papa suchen, aber sag es den anderen noch nicht, hörst du? Du mußt gleich nach Perhail sehen und wenn er schreit, holst du Elanor. Sie paßt bestimmt gern auf ihn auf.
Du gehst Papa suchen? Darf ich mit?
Liliane schüttelte lächelnd den Kopf.
Nein, das geht nicht. Du bleibst hier mit Perhail, aber ich bin bald wieder hier und dann ist Papa auch dabei. Schaffst du das?
Die Kleine nickte übereifrig. Ich bin doch schon groß!
Jetzt lachte Liliane und umarmte ihre Tochter. Und ob sie das war, das wußte sie als ihre Mutter genau.
Ihre Angst um Frodo war größer als die Angst vor Lutz. Sie hoffte sehr, daß er sich auf den Tauschhandel einließ. Diesmal war sie vorbereitet.
Entschlossen zog sie ihren Mantel über und küßte Melethiell zum Abschied.
Mach keinen Unsinn! ermahnte sie das Mädchen und die Kleine grinste vielsagend. Dann trat Liliane durch die Tür und verließ den Hof.
Es war schlichtweg Wahnsinn, das war ihr klar. Sie wußte, sie riskierte genau das, was Frodo hatte verhindern wollen, aber alles war ihr lieber, als daß er noch länger irgendwo lag und leiden mußte.
Nur sie konnte Frodo jetzt schnell genug helfen. Sie würde es schaffen.
Mit klopfendem Herzen lief sie nach Wasserau und blieb nachdenklich auf einem großen Platz stehen.
Wo würden sie am ehesten sein?
Sie schlug entschlossen den Weg zum Grünen Drachen ein. Dunkle Wolken wurden vom scharfen Wind über den Himmel getrieben. Vom Sommer war kaum etwas übrig, es sah eher nach Herbst aus als nach irgendetwas sonst.
Niemand war unterwegs. Der Schock über die Belagerung saß tief. Liliane holte tief Luft und ging entschlossen auf das Gasthaus zu, dann klopfte sie.
Es dauerte nicht lange und ein unfreundlich aussehender Kerl mit einem Bierkrug in der Hand öffnete. Als er sie dort stehen sah, grinste er erst einmal unbeholfen.
Was gibt es?
Sie sah ungerührt zu ihm hoch.
Ich will Lutz Farning sprechen, den Chef. Wo ist er?
Dem Mann schienen fast die Augen aus dem Kopf zu fallen. So etwas hatte er bisher noch nicht erlebt, im ganzen Auenland noch nicht.
Er ist nicht hier... um was geht es denn?
Ich habe ihm ein Angebot zu machen, das ihn interessieren wird.
Der Mann kratzte sich am Kopf.
Wen soll ich melden?
Mit einer Handbewegung bot er ihr an, einzutreten. Natürlich würde sie warten, bis Lutz auftauchte. Sie hatte alle Zeit der Welt.
Liliane Beutlin. Er wird sofort kommen, da bin ich sicher.
Sie versuchte, mit fester Stimme zu sprechen, aber sie hatte trotz allem noch immer Angst. Es würde sehr gefährlich werden.
Mit einer verstohlenen Handbewegung tastete sie nach dem Griff des Messers in ihrer Tasche. Es war noch da, es war da, wo es hingehörte, und es würde mit Sicherheit benutzt werden.
Einen Plan, was sie wirklich tun sollte, hatte sie noch nicht gemacht. Sie hatte sich verschiedene Möglichkeiten überlegt, wie sie vorgehen könnte, aber das hing ganz von der Situation ab.
Sie betrat zögerlich das Gasthaus. Der Wirt hatte keinen Zutritt mehr, die Handlanger von Lutz hatten sich darin breitgemacht. Zu fünft saßen sie dort an einem Tisch und waren mit Kartenspielen beschäftigt, eine Sitte, die sie wohl aus der Fremde mitgebracht haben mußten.
Sie rauchten viel vom guten Pfeifenkraut und taten sich am Bier gütlich. Die Rauchschwaden zogen durch den dämmrig beleuchteten Raum und Liliane fühlte sich sehr fehl am Platz.
Das Messer... sie dachte immer an das Messer, an ihre Waffe, ihre einzige Chance, sich zu verteidigen.
Solange sie das Messer hatte, drohte kaum Gefahr, denn es war nicht irgendein winziges Messer. Es war weitaus länger, als der Dolch von Lutz gewesen war.
Warte hier. Ich werde gehen und ihn suchen. Der Mann nahm noch einen Schluck Bier und knallte dann den Krug laut auf den Tisch. Erst jetzt wurden die anderen Männer aufmerksam und musterten Liliane skeptisch. Sie hatte wieder ihre Haare, die ihr sonst oft die Sicht nahmen, zur Hälfte am Hinterkopf zusammengebunden, die dunklen Locken fielen ihr weich über die Schultern. Sie trug einen von Frodos Umhängen über ihrem hellroten Kleid und hatte eine Hand in die Tasche gesteckt.
Von den Blicken der vier Männer ließ sie sich nicht einschüchtern. Wie selbstverständlich setzte sie sich an der Theke auf einen der herumstehenden Stühle und sah dem Mann hinterher, der gehen und Lutz holen wollte. Er warf die Tür hinter sich zu und für einen Augenblick kehrte wieder Ruhe ein, bis einer der Männer fragte: Darf man neugierig sein? Was hast du für ein Anliegen?
Sie sah nur kurz auf, als sie antwortete: Ich muß den Chef sprechen.
Der Mann schaute sie neugierig an, er hatte ein fremdländisches Gesicht, wahrscheinlich kam er aus dem Süden, aber er konnte ihr nicht mehr entlocken.
Bald spielten die Männer weiter wie gehabt und kümmerten sich nicht mehr um sie. Sie saß nur stumm auf dem Stuhl und dachte nach.
Irgendwo mußte Frodo sein! Was, wenn Lutz jetzt bei ihm war? Hoffentlich war Lutz sich klar darüber, daß Frodo krank war und hatte ihn irgendwohin gebracht, wo es halbwegs warm und trocken war.
Sie konzentrierte sich. Sie würde das Messer in der Linken halten müssen, denn die rechte Hand konnte sie nicht gebrauchen. Der geschiente Verband war dick ums gebrochene Handgelenk gewickelt.
Sollte Lutz nur sehen, wozu er fähig gewesen war. Aber der Bruch war etwas, das völlig bedeutungslos für sie war. Er würde heilen. Für sie zählte nur, Frodo zu befreien. Sie würde alles dafür geben. Oder zumindest so tun. Sie würde nicht zögern, Lutz im Notfall anzugreifen, wenn es ihr möglich war.
Aber erst einmal mußte er kommen.
Er würde auf das Angebot eingehen, da war sie sich sicher, es sei denn, er wollte Frodo in seiner Gewalt behalten als Lockvogel für Sam.
Weshalb sonst sollte Lutz ihn gefangen halten?
Es würde nicht ganz einfach werden, aber sie gab die Hoffnung nicht auf.
Es dauerte sehr lange, bis sich etwas regte. Fast zwei Stunden mußte der Mann unterwegs gewesen sein, um Lutz zu finden, aber es war ihm schließlich gelungen und Lutz war tatsächlich mit ihm gekommen.
Die Tür öffnete sich quietschend und Liliane wurde sehr nervös. Schließlich traten Lutz und der Mann ein. Als sie ihn auf sich zukommen sah, brach ihr der Schweiß aus und ihre Hand begann zu zittern, aber sie zwang sich, die Ruhe zu bewahren.
Ein hinterlistiges Grinsen breitete sich auf Lutz Gesicht aus, als er sie dort sitzen sah.
Sie war tatsächlich gekommen. Er hatte es für einen schlechten Scherz gehalten, als der Mann ihren Namen gesagt hatte und er hatte schon geglaubt, daß jemand ihm einen Streich spielen wollte, aber er hätte es besser wissen müssen. Diese Hobbits hielten immer einige Überraschungen parat.
Liliane stand auf und holte tief Luft. Langsam ging sie auf Lutz zu, der mit einem überraschten Gesichtsausdruck im Raum stehenblieb. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um die beiden, sondern ging zu seinen Kumpanen zurück und setzte sich an den Tisch.
Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Setzen wir uns, sagte Lutz und warf ihr einen erwartungsvollen Blick.
Ich bin sehr gespannt auf das Angebot. Worum geht es? fragte er sogleich. Sie setzte sich ihm gegenüber an einen Tisch und kämpfte mit der aufsteigenden Panik, als sie ihn vor sich sah, aber sie schluckte das Bedürfnis, schnellstens wegzulaufen, tapfer herunter. Ihr Herz begann zu rasen und ihr Atem ging schneller, doch sie versuchte, es zu verbergen. Sie schloß kurz die Augen und besann sich auf ihr Vorhaben.
Laß Frodo frei. Er ist krank und braucht Hilfe. Ich... nun, bring mich zu ihm und laß ihn gehen, dann können wir über eine Gegenleistung verhandeln.
Ungläubig starrte Lutz sie an und lachte leise. Ihre Hand krallte sich in den Stoff ihres Kleides und sie dachte immer wieder an das Messer in ihrer Tasche. Es war schwer gewesen, diese Worte über die Lippen zu bringen, aber sie hatte es geschafft.
Das ist dein Ernst? Nun, das hörte sich gestern noch ganz anders an! bemerkte Lutz spöttisch grinsend, aber sie überhörte den demütigenden Unterton. Diesmal gab nicht er den Ton an, das hatte sie bereits entschieden. Er würde sich noch wundern.
Wie er das wohl findet? murmelte Lutz und konnte noch immer sein zufriedenes Grinsen nicht ganz verbergen. Woher der Sinneswandel? Liegt dir so viel an ihm?
Sie hob den Kopf und sah ihm fest in die Augen, als sie nickte und sagte: Es ist mein voller Ernst. Du magst Liebe vielleicht nicht kennen, aber ich bin bereit, für seine Freiheit alles zu tun, was du verlangst.
Wiederum lachte Lutz. Das war nun wirklich etwas ganz Neues, aber das gefiel ihm nicht schlecht. Es konnte so einfach sein, das zu erreichen, was man haben wollte!
Nebenbei überlegte er die ganze Zeit, woher sie gekommen sein mochte, wenn sie nun im Grünen Drachen zu Wasserau saß.
Nun... einverstanden, sagte er. Liliane schluckte.
Gehen wir zu ihm! sagte sie und sah ihn unentwegt an. Diese Entschlossenheit in ihren Augen brachte ihn ein wenig aus dem Konzept.
Lutz war noch immer so überrumpelt, daß er einfach nur nickte und aufstand. Wenn das so war, sollte sie ruhig ihren Willen bekommen und er würde sie zu Frodo bringen, wenn sie darauf bestand. Nun lief sie ihm nicht mehr weg, dafür würde er schon sorgen.
Er nahm es für bare Münze, was sie gesagt hatte. Eine List traute er ihr in diesem Moment nicht zu, es paßte für ihn nicht.
Er würde ihn gehen lassen, wenn er ihn nicht mehr brauchte. Aber einen perfiden Plan hatte er noch: Er war sich sicher, daß sie wußte, wo der Bürgermeister steckte. Und sie würde es ihm sagen. Aber das hatte Zeit...
Es ist nicht weit, sagte er und ging voraus. Sie lief hinter ihm her und staunte nicht schlecht, als sie den Weg zur Hauptstraße nach Hobbingen einschlug.
Wo ist er? Wie geht es ihm? fragte sie und schloß zu Lutz auf, der diesmal, sich seiner Sache völlig sicher, noch gebührend Abstand hielt. Sie lief ohnehin nicht weg.
Er sah sich kurz um, ein wenig Mißtrauen hatte sich trotz allem eingeschlichen und er wollte zu gern wissen, ob sie verfolgt wurden, doch als sie sich auf freiem Feld befanden und sich überhaupt nichts regte, kam er zu dem Schluß, daß sie wirklich allein gekommen war.
Nun... er ist in Hobbingen und ich würde sagen, daß es ihm den Umständen entsprechend gut geht. Wir hatten eine nette Unterhaltung. Wenn ich mich an seine Worte erinnere, denke ich, daß er nicht erfreut sein wird, wenn er dich sieht.
Liliane nickte. Das konnte sie sich denken.
Ist er verletzt? fragte Liliane, woraufhin Lutz den Kopf schüttelte.
Nein. Es war ein Kinderspiel mit ihm, denn im Gegensatz zu dir war er nicht ganz in der Lage, sich zu wehren.
Den Hohn in seiner Stimme beachtete sie nicht weiter. Insgeheim freute sie sich fast, daß er das Spiel mitspielte, denn er schien tatsächlich angebissen zu haben.
Er hatte Zeit. Im Prinzip hätte sie ihm auch in diesem Moment nicht mehr davonlaufen können, aber solange er noch eine Frage offen hatte, verhielt er sich ganz normal. Und er konnte es noch immer kaum fassen.
Schweigend legten sie den Weg bis nach Hobbingen zurück, durchquerten das ganze Dorf und erreichten schließlich die Mühle. Liliane hätte fast geflucht. Sie hätte es wissen müssen! Er hatte ja gar nicht weit kommen können am hellichten Tag. Das war selbst im besetzten Hobbingen noch unmöglich.
Wir sind da, bemerkte Lutz und schloß die Tür auf. Die Hand in ihrer Tasche umfaßte den Griff des Messers und als er die Tür wieder verschlossen hatte, folgte sie ihm die Holztreppe hinunter zur Kammer, in der Frodo sich befand.
Sie war sich nicht sicher, ob Lutz mit offenen Karten spielte, aber wenn das eine Falle war, würde sie nicht zögern, sich zu verteidigen.
Frodo, der teilnahmslos vor sich hin träumte und fast in einem Halbschlaf versunken wäre, war überrascht, als er wieder Schritte auf der Treppe hörte. Lutz hatte außerdem etwas gesagt und Frodo war sich im nächsten Augenblick schon sicher, daß Lutz nicht allein war.
Wer war nur bei ihm? Frodo hatte nicht einmal einen Verdacht, aber er richtete sich neugierig auf, als er den Schlüssel im Schloß knirschen hörte.
Lutz betrat den Raum mit einem fiesen Grinsen im Gesicht und im nächsten Moment blieb Frodo die Luft weg. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er Liliane hinter Lutz in den Raum kommen sah.
Er wollte ihren Namen rufen, aber mehr als undeutliche Laute brachte er nicht heraus.
Lutz blieb seelenruhig neben der Tür stehen, er genoß es, die Zügel in der Hand zu haben, wie er dachte.
Liliane war schockiert, als sie Frodo gefesselt und geknebelt in der Ecke erblickte und stürzte mit einem unterdrückten Schrei auf ihn zu. Schnell zog sie das Messer aus der Tasche und hoffte, daß Lutz die Bewegung nicht sehen würde und versuchte alles, um es zu verbergen, als sie sich mit Tränen in den Augen vor Frodo kniete und ihn erleichtert umarmte.
Frodo keuchte. Es war kein Traum. Sie war wirklich da. Wie hatte sie das nur gemacht?
Er legte den Kopf auf ihre Schulter und schloß die Augen. Es tat so gut, sie an sich zu spüren, sie wohlbehalten wiederzusehen. Das Glück überwog für einen kurzen Moment, aber er schlug mit einem Mal die Augen auf, als er ihre Hände an seinen spürte und kurz darauf etwas Kaltes auf seiner Haut.
Mit einem Ruck zerschnitt sie seine Fesseln und ihm stockte der Atem. Wie hatte sie das nur gemacht?
Nicht bewegen. Bleib solange sitzen, bis ich etwas sage, flüsterte sie kaum hörbar und er begriff. Es war ein Trick.
Sie umarmte ihn ganz fest und zitterte am ganzen Leib.
Daß es dir gut geht, Frodo... murmelte sie und schaute ihn mit einem Lächeln an. Tränen liefen über seine Wangen und sie wischte sie liebevoll mit der Hand von seinen Wangen, woraufhin Lutz sich plötzlich zu Wort meldete.
Finger weg vom Knebel. Noch sind wir nicht soweit.
Liliane drehte sich zu ihm um und ganz vorsichtig zerschnitt sie noch die Stricke an Frodos Füßen, bevor sie das Messer wieder in die Tasche steckte und aufstand. Frodo blieb reglos sitzen, aber bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Was meinte Lutz?
Liliane nickte stumm und stand auf. Solange Lutz an der Tür stand, war alles umsonst. Jetzt kam es darauf an.
Lutz kam auf sie zu und Liliane betete, daß Frodo solange sitzenblieb, bis sie etwas sagte.
Ich hätte da noch etwas, begann Lutz. Beide hatten die Hobbits leider nicht bemerkt, daß er in der Zwischenzeit auch diese Tür wieder verriegelt hatte und der Schlüssel steckte in seiner Tasche.
Sie wich an die Wand zurück. Frodo beobachtete das Ganze mit Schrecken.
Bevor er überhaupt irgendwohin geht, will ich wissen, wo der Bürgermeister ist.
Liliane schluckte. Verdammt... das war überhaupt nicht gut.
Ich weiß nicht, wo er ist... ich habe ihn doch gar nicht gesehen! Ist er denn geflohen? fragte sie und zwang sich, ruhig zu bleiben, aber sie nahm die Hand nicht vom Messer.
Natürlich ist er das! Nun erzähl mir doch keine Märchen, natürlich hast du ihn gesehen! Wo sind er und seine Familie? Wo sind sie?! brüllte Lutz und kam immer näher.
Seine Familie ist... sie sind... stammelte Liliane hilflos. Ihr wollte nichts einfallen, was sie sagen konnte.
Frodo bekam es mit der Angst zu tun. Er mußte jetzt etwas tun.
Ungeachtet der Tatsache, daß er sich nicht bewegen sollte, riß er sich den Knebel herunter und stand auf, wobei er fast wieder weggeknickt wäre, denn seine Beine gehorchten ihm nicht ganz.
Sie sind bei Pippin, wie ich schon gesagt habe! rief er und sah zu Liliane, die verzweifelt den Kopf schüttelte und ihn ansah. Das war nicht gut, das war viel zu früh...
Was?! brüllte Lutz, als er Frodo da stehen sah, der darum kämpfte, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Wenn sie dort wären, würde ich nicht fragen! Oder glaubst du, ich hätte nicht nachgesehen?
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Lutz den Dolch gezogen, sprang auf Frodo zu und packte ihn. Wutentbrannt hielt er ihm den Dolch an die Kehle und warf Liliane einen auffordernden Blick zu.
Ich höre!
Sie biß sich auf die Lippen. Das hätte nicht passieren dürfen.
Bei Rosies Vater, Bauer Kattun, der wohnt hier im Dorf... sagte sie schließlich und senkte den Blick. Mit einem triumphierenden Lachen packte Lutz Frodo an den Haaren und zischte ihm ins Ohr: Und ich kriege, was ich will, habe ich es dir nicht gesagt? Weißt du eigentlich, warum sie hier ist? Sie will dich auslösen. Ich lasse dich gehen, wenn ich mit ihr fertig bin!
Frodo rang nach Luft und bekam einen Hustenanfall. Mit großen Augen starrte er Liliane an, die jedes Wort von Lutz gehört hatte und langsam wirklich Angst bekam.
Liliane, wie kannst du... sagte er mit tonloser Stimme. Er wollte es nicht glauben, aber ihr Blick sagte ihm, daß es wohl der Wahrheit entsprach.
Lutz sah sich nervös um. Die Stricke von Frodos Füßen waren soweit noch brauchbar, er ließ ihn nicht los und nahm den Dolch nicht weg, als er sich zu Boden beugte, die Stricke nahm und Frodo wieder fesselte.
Frodo war wie gelähmt und merkte es gar nicht. Er sah Liliane ungläubig an.
Lauf weg, bitte... flehte er leise, aber sie rührte sich nicht. Sie wartete. Noch hatte sie das Messer und sie würde Frodo nicht noch einmal allein lassen.
Lutz knebelte ihn und stieß ihn von sich. Frodo wollte schreien, er wollte Lutz irgendwie aufhalten, als er auf Liliane zuging, ganz langsam und mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck.
Nein... flehte sie leise. Panik stieg in ihr auf und als er vor ihr stand, zog sie schnell das Messer aus der Tasche und wollte ihn angreifen, aber er war schneller und hatte plötzlich ihr Handgelenk gepackt.
Ich wußte, daß du es noch irgendwo haben mußt! zischte er und drückte so fest zu, daß sie plötzlich schreiend das Messer fallenließ und er lockerte den Griff um ihr Handgelenk wieder.
Deine List ist fehlgeschlagen! grinste Lutz und mit einem Tritt beförderte er das Messer bis fast an die gegenüberliegende Wand.
Hilfe! schrie Liliane verzweifelt, als er sie an die Wand drückte und ihr den Umhang entriß, bevor das Kleid von den Schultern streifen wollte.
Das war zuviel für Frodo. Er stand wieder auf und wollte das Messer holen, aber Lutz hatte es bemerkt, ließ Liliane kurz los und packte ihn. Er war so wütend, daß er ihn aus einem Reflex heraus gegen die Wand warf. Frodo verlor das Bewußtsein und ging zu Boden.
Liliane schrie auf und preßte sich ängstlich an die Wand, aber Lutz packte sie und warf sie zu Boden. Grinsend sah er sie an.
Ich hab ihm ja gesagt, ich würde dich noch kriegen! sagte er.
Sie wollte schreien, doch er legte ihr die Hand auf den Mund und hielt den Dolch hoch. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte sie ihn an und Lutz murmelte: Keinen Mucks, sonst benutze ich ihn, aber nicht gegen dich!
Sie schloß schluchzend die Augen und rührte sich nicht. Es war zu spät. Sie hatte verloren.
Zwölftes Kapitel: Aragorn
Er hatte oft und laut geklopft, doch niemand hatte geöffnet. Er hatte auch überhaupt nichts gehört, das war schon seltsam, denn eigentlich waren Kinder sehr laut.
Sie waren alle fort. Aber wo waren sie?
Er bezweifelte, daß sie alle verschleppt worden waren, er vermutete vielmehr, daß sie woanders Schutz gesucht hatten, aus welchen Gründen auch immer.
Aragorn ritt auf Wasserau zu. Er war dem Bäcker sehr dankbar, daß er ihm den Hinweis gegeben hatte. Weit und breit war niemand zu sehen. Anduril hing an seiner Seite und er wunderte sich sehr, daß er ungehindert mit einer Waffe vorankam. Eigentlich hatte er damit gerechnet, sofort von irgendwelchen Wachen aufgehalten zu werden, aber sie schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein.
Unter seiner Waldläuferkleidung trug er einen Teil seiner königlichen Robe, aber äußerlich verriet ihn nichts. Er war wieder Streicher und nicht Elessar, König von Gondor.
Tatsächlich war etwas im Auenland vorgefallen und das machte ihn sehr wütend. Er als König hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Auenland zu schützen und seine Gesetze waren dennoch wertlos gewesen.
Nun mußte er eines selbst brechen, um für die Wiedereinhaltung der anderen zu sorgen, aber das war das kleinere Übel. Es waren ohnehin bereits Menschen im Auenland, da zählte er dann nicht mehr.
Schließlich sah er den Hof der Kattuns vor sich. Er stieg vom Pferd und führte es am Zügel, einen allzu sehr respekteinflößenden Eindruck wollte er dann doch nicht machen, denn die Hobbits sollten sich vor ihm nicht auch noch fürchten.
Er trat auf den Hof.
Frodo? rief er vorsichtig. Liliane? Rosie? Seid ihr hier?
Argwöhnisch sah er sich um. Von hinten angegriffen, da irrtümlich für einen Eindringling gehalten, wollte er nicht werden, aber es wurde einfach nur eine Tür vor ihm geöffnet. Bauer Kattun trat heraus und musterte Aragorn kritisch.
Wer seid denn Ihr? Was wollt Ihr? fragte er und runzelte kritisch die Stirn.
Ich bin auf der Suche nach meinen Freunden, die ich in Beutelsend nicht gefunden habe. Seid Ihr Bauer Kattun? Ich bin Aragorn, erklärte dieser ruhig und merkte, daß der Bauer argwöhnte über sein Schwert, aber er streckte die Hände von sich und sagte: Holt Frodo oder einen der anderen, wenn sie hier sind, sie werden mich erkennen.
Herr Beutlin ist nicht hier, sagte der Bauer, aber er wurde langsam freundlicher. Den Namen Aragorn hatte er bereits gehört.
Aber ich werde meine Tochter holen.
Damit verschwand er und schloß die Tür hinter sich. Aragorn wartete geduldig, bis sie sich wieder öffnete und Rosie heraustrat.
Im ersten Moment musterte sie ihn nachdenklich, denn es war Jahre her, daß sie ihn gesehen hatte. Aber es gab keinen Zweifel: Er war es.
Oh... Herr Aragorn! rief sie und ging auf ihn zu. Er kniete sich auf den Boden und nahm ihre Hand.
Rosie, es freut mich sehr, dich zu sehen! Sag, sind die anderen auch hier?
Sie bedeutete ihm, zu folgen und führte ihn in die Küche, in der Estella und der Bauer warteten. Sie hatten die beiden durch das Fenster beobachtet.
Herr Aragorn ist ein Freund von Sam und Frodo. Setzt Euch bitte! sagte Rosie und schließlich saßen sie alle um den Tisch. Aragorn sah sich in der kleinen Küche um und atmete tief ein.
Wo sind die anderen? fragte er wieder.
Rosie seufzte und sagte: Sam, Merry und Pippin suchen Frodo. Liliane ist auch verschwunden.
Stirnrunzelnd dachte Aragorn nach. Sam?
Ist Sam denn wieder hier?
Sie nickte. Ja, er ist geflohen, aber Lutz hat nun Frodo in seiner Gewalt.
Aragorn fragte daraufhin, wo Liliane sei, und Rosie zuckte nur hilflos mit den Schultern.
Ihre Tochter sagte uns vorhin nur, daß sie Frodo suchen wollte.
Aragorn stützte den Kopf in die Hände. Wunderbar.
Das ist nicht gut, sagte er. Er überlegte stumm.
Wann wollten Sam, Merry und Pippin zurückkehren?
Niemand konnte ihm darauf eine Antwort geben. Er beschloß schließlich, sich erst einmal nicht mehr vom Hof wegzubegeben, sondern auf die Hobbits zu warten. Er würde gar nichts erreichen können, wenn er nun zu einem Alleingang aufbrach.
Rosie erzählte ihm indes alles, was im Auenland vorgefallen war, und Aragorn nahm es unerfreut auf. Er hatte zwar nichts anderes erwartet, aber nun wußte er, warum Frodos Hilferuf so verzweifelt geklungen hatte.
Dennoch hatte er sich überlegt, daß es sinnlos gewesen wäre, mit all seinen Männern herzukommen. Es hätte die Hobbits nur noch mehr verängstigt und es war sehr gut möglich, daß er als König allein mit den Strolchen fertig wurde.
Der Bauer brachte ihm etwas zu trinken und es dauerte nicht lange, bis als Erstes Elanor und Frodo in die Küche kamen. Elanor hielt Perhail im Arm. Die Kinder waren neugierig und wollten wissen, wer gekommen war. Staunend sah Aragorn die beiden an. Es war fast eine Ewigkeit her, daß er sie zuletzt gesehen hatte und nun lachte er.
Ihr seid das? fragte er ungläubig. Elanor und Frodo waren verblüfft, daß er sie dennoch erkannt hatte, und Aragorn stand auf.
Elanor, du warst drei, als ich dich damals kennengelernt habe! Weißt du das noch?
Mit einem Lächeln nickte sie und sagte: Ja, ich war so aufgeregt, eine große Reise in ein fremdes Land...
Und du warst, Aragorn deutete zu Frodo gewandt etwas mit den Händen an, so groß, als ich dich in den Armen hielt! Und jetzt siehst du deinem Vater so ähnlich...
Frodo wurde puterrot im Gesicht vor Verlegenheit. Er wußte, es war der König Gondors, der mit ihm sprach.
Und wer ist das? fragte Aragorn, als er zu Perhail blickte.
Perhail, der kleine Sohn von Frodo und Liliane, sagte Rosie. Elanor reichte ihm den Kleinen, der Aragorn mit wachen Augen musterte. Plötzlich fiel ihm etwas ein.
Und ihre Tochter, Melethiell, sie ist auch hier?
Rosie nickte. Elanor, Frodo, nehmt ihn mit zu den anderen!
Aragorn war hocherfreut. Er hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, die Kinder kennenzulernen und seine Neugier war dementsprechend groß.
Als er hinter den beiden Geschwistern in das Zimmer kam, in dem die Kinder alle mit Bauklötzen und verschiedenen anderen Dingen beschäftigt waren, kehrte erst einmal für einen Moment Stille ein.
Wer bist denn du? fragte der kleine Pippin und stand auf.
Ich bin ein Freund deines Vaters. Wie heißt du?
Pippin sagte es ihm und Aragorn setzte sich auf den Boden. Die Kinder scharten sich um ihn und betrachteten ihn fasziniert.
Du bist bestimmt Streicher! rief Hamfast. Aragorn nickte. Sam schien viel von ihm erzählt zu haben.
Der Reihe nach mußte er die Namen der Kinder raten. Er konnte sich ungefähr an die Reihenfolge erinnern, er hatte Sams Briefe alle im Gedächtnis, aber dennoch lag er einige Male daneben.
Einzig Melethiell erkannte er sofort, weil sie ihrer Mutter sehr ähnlich sah mit den dunklen Locken.
Die Kinder bestürmten ihn mit Fragen, die er gänzlich überfordert zu beantworten versuchte. Sie waren fasziniert von seinem großen Schwert, das sie sehr zu ihrem Bedauern nicht haben konnten, aber dafür sagte Aragorn schließlich: Wollt ihr sehen, was der König normalerweise trägt?
Begeisterung war die Antwort und er knöpfte sein altes Hemd ein wenig auf. Darunter blitzte seidig schimmernder Stoff hervor, der das Symbol des Baumes mit den Sternen zeigte, das Wahrzeichen Gondors.
Starr vor Staunen sahen die Kinder ihn an. Frodo war am allermeisten von ihm fasziniert. Er war so stolz, daß Aragorn ihn bereits kannte!
Plötzlich begann Perhail auf seinem Arm zu schreien und Aragorn lachte. Das erinnerte ihn sehr an seinen eigenen Sohn. Elanor war erstaunt, als sie sah, wie liebevoll Aragorn den Kleinen beruhigen konnte.
Frodos Sohn. Der Brief, in dem Frodo von Perhails Geburt berichtet hatte, war kurz vor seiner Abreise in Minas Tirith angekommen und er hatte nicht damit gerechnet, den Kleinen so bald schon zu sehen. Ebenso war er froh, Melethiell und all die anderen kennengelernt zu haben.
Im Stillen fragte er sich, ob Melethiell wußte, was vor ihrer Geburt alles vorgefallen war.
So verbrachten sie einige Zeit miteinander, bis plötzlich von hinten jemand rief: Aragorn! Endlich bist du da!
Aragorn drehte sich um und sah Sam, Merry und Pippin hinter sich stehen. Er stand auf, reichte Elanor den Jungen und umarmte seine Freunde nacheinander.
Ja, ich bin sofort gekommen, als ich Frodos Brief erhalten habe. Sagt, habt ihr eine Spur von ihm?
Sie schüttelten den Kopf.
Noch nicht, sagte Sam. Aber wenn du dabei bist, werden wir ihn mit Sicherheit finden! Diese Kerle haben mit Sicherheit Respekt vor dir!
Das hoffe ich. Nun, wir sollten keine Zeit verlieren. Ich weiß zwar nicht ganz, was sie vorhat, aber Liliane ist nicht mehr hier. Sie sucht Frodo, sagte Aragorn. Mit einem Schlag wurde Sam kreidebleich im Gesicht.
Was? Das... verdammt! Ich hätte es wissen müssen! fluchte er leise. Die vier gingen zurück in die Küche und Aragorn sah ihn fragend an. Erst suchte Sam nach Worten, dann erklärte er: Sie hat sich Vorwürfe gemacht. Oh nein... das heißt ja, daß sie... ich meine, dann wird sie... Sie sagte, es wäre weitaus schlimmer, was Frodo erleiden müsse, als alles, was...
Er schloß die Augen und seufzte. Aragorn verstand.
Dann dürfen wir keine Zeit verlieren. Kommt! Ich denke, wir sollten uns besser aufteilen, denn es ist nicht gesagt, daß wir die beiden schließlich am selben Ort finden. Sam, wir gehen und suchen sie und ihr beiden versucht, Frodo zu finden. Was meint ihr?
Sie waren einverstanden und damit trennten sie sich. Aragorn ließ sein Pferd auf dem Hof. Merry und Pippin entschlossen sich, jeden nur denkbaren Ort zu durchsuchen. Mit den geschlossenen Wirtshäusern wollten sie anfangen. Sie hofften, einen der Kerle heimlich zu erwischen und von ihm zu erfahren, wo Frodo sich befand.
Die beiden liefen los und im kleineren Wasserauer Wirthaus, Zum Efeubusch, schlichen sie zur Hintertür und brachen so leise wie möglich ein.
Nichts regte sich dort. Die einzelnen Zimmer waren nicht verschlossen und sie konnten überall einen Blick hineinwerfen.
Niemand war im ganzen Gebäude.
Merry! Wenn das so weitergeht, suchen wir ewig! Wir müssen einen von denen finden!
Ich weiß... erwiderte Merry. Das war ihm sehr wohl klar.
Die beiden verließen das Gebäude schließlich und liefen lautstark diskutierend durch die Straßen. Als sie sich dem Grünen Drachen näherte, waren sie gerade in einen hitzigen Streit vertieft.
Und ich sage dir, Lutz wäre dumm, wenn er hier in der Nähe geblieben wäre! rief Merry. Pippin entgegnete: Merry, Lutz ist dumm, das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu sagen...
So, findest du? Ich sage dir, wir verschwenden Zeit...
Plötzlich ging die Tür des Wirthauses auf und mit gezogenenen Schwertern stellten sich ihnen vier Männer entgegen. Merry und Pippin hielten inne und verstummten.
Ups, sagte Pippin. Schnell zog er sein Schwert und Merry tat es ihm gleich. Sofort begann der Kampf, denn die Männer erkannten die beiden als zwei der noch immer Gesuchten und sie setzten alles daran, die beiden dingfest zu machen.
Hau ab, Pippin, verschwinde! rief Merry, als er zu Boden geworfen worden war und einer der Männer ihm das Knie auf den Rücken gesetzt hatte, so daß der arme Hobbit sich nicht einmal mehr rühren konnte.
Doch für Pippin war es ebenfalls zu spät. Die beiden wurden gepackt und in die Vorratskammer des Wirthauses gesperrt.
He! Loslassen! brüllte Merry wütend, was auch sofort geschah. Er wurde in den Raum gestoßen, woraufhin Pippin sofort folgte, und als die beiden sich endlich wieder aufgerappelt hatten, war die Tür verschlossen. So laut Pippin auch brüllte und sich gegen die Tür warf, es tat sich gar nichts.
Jetzt sei endlich ruhig! zischte Merry und Pippin sah ihn erstaunt an. Merry hatte Stimmen auf dem Flur sprechen gehört und legte das Ohr ans Schlüsselloch.
... Chef gesagt hat, daß wir sie zur Mühle bringen sollen?
Doch, doch... jetzt sofort?
Natürlich! Was denkst denn du?
Merrys Augen begannen zu leuchten, als die Männer weitersprachen.
Und warum zur Mühle?
Da ist doch der andere schon, du Dummkopf!
Genau das hatte Merry wissen wollen. Pippin inspizierte währenddessen genauestens das kleine Fenster, das in Kopfhöhe angebracht war, und schob bereits eine Kiste darunter.
Die sind dumm, bemerkte er grinsend und öffnete problemlos das Fenster. Als Merry das sah, kletterte er hinter Pippin auf die Kiste. Pippin zwängte sich durch das Fenster und hüpfte hinaus, dann folgte sein Vetter grinsend.
Schnell huschten sie vor das Wirtshaus, wo ihre Schwerter noch auf dem Boden lagen und rannten in Windeseile davon. Ihre Flucht war nicht bemerkt worden.
Wo rennst du hin? fragte Pippin keuchend und Merry antwortete: Zur Mühle nach Hobbingen! Da ist Frodo!
Pippin grinste. Das war eine gute Nachricht.
Warum habe ich nicht aufgepaßt? fragte Sam unvermittelt. Aragorn sah ihn an und der Hobbit erwiderte seinen Blick.
Sie hatte so etwas gesagt letzte Nacht... sie weiß gar nicht, was sie tut!
Aragorn nickte bekümmert. Er hatte einmal gesehen, wozu Liliane fähig war, wenn andere in Gefahr waren. Sie war bereit gewesen, sich zu opfern. Er fürchtete nun ebenfalls, daß sie einen schrecklichen Fehler begehen würde. Sie wollte den retten, der einmal alle gerettet hatte...
Wo kann sie sein, wenn sie Lutz sucht? fragte er. Den beiden war klar, das war es, was sie vorhatte. Etwas anderes konnte sie gar nicht tun.
Praktisch überall... die treiben sich überall herum, die Strolche, und sie braucht nur einen nach Lutz zu fragen.
Die beiden näherten sich als erstes dem leeren Wirthaus Zum Efeubusch. Aragorn sah Sam bedeutungsvoll an, zog Anduril und klopfte an die Tür. Es kam keine Reaktion.
Was hast du vor? fragte Sam.
Ich werde sie damit schon zum Sprechen bringen, vertrau mir, sagte Aragorn und fügte hinzu: Wenn hier niemand ist, wo können sie sonst sein?
Praktisch überall...
Die beiden horchten auf, als sie einen einsamen Hobbit die Straße entlangkommen sahen. Es war der Schmied, der die beiden mißtrauisch betrachtete. Sam fragte ihn schließlich, ob er wüßte, wo die Männer des neuen selbsternannten Chefs sich verkrochen hätten und er schickte die beiden auf gut Glück zum Grünen Drachen.
Als die beiden sich näherten, hörten sie bereits Stimmen von drinnen und Aragorn klopfte. Es dauerte nicht lange und einer der Männer öffnete. Sofort sah er die Spitze eines langen Schwertes auf sich gerichtet und wich zurück. Aragorn drängte ihn in die Wirtsstube hinein und Sam folgte ihm, bevor er die Tür wieder schloß.
Die Männer schauten alle auf, als sie sahen, daß jemand hereingekommen war. Aragorn sah den Mann böse an und musterte auch die anderen kurz, wobei er plötzlich innehielt.
Der Torwächter aus Bree! rief er überrascht. Sam erkannte den alten Heinrich ebenfalls und es gefiel ihm gar nicht.
Was soll das... wer seid Ihr? rief einer von hinten, während der Mann, der geöffnet hatte, sich noch immer von einem Schwert bedroht sah.
Ich will sofort wissen, wo Lutz Farning steckt! murmelte Aragorn leise, aber eindringlich.
Erst sagte niemand was, aber dann erlaubte er ihnen einen Blick auf das, was er unter seiner alten, abgerissenen Kleidung trug.
Antwortet dem König von Gondor! Er wußte, wie er seinen Worten Nachdruck verleihen konnte.
Er... er ist vorhin mit jemandem zur Mühle nach Hobbingen aufgebrochen... er war nur kurz hier... sagte der Mann, der Aragorn gegenüberstand, und seine Stimme zitterte fast. Er war völlig überrascht, dem König in einer solchen Situation gegenüberzustehen.
Mit wem? rief Sam aufgeregt und einer sagte: Sie hat sich als Liliane Beutlin vorgestellt und wollte mit ihm sprechen...
Aragorn und Sam tauschten nur kurz Blicke aus und liefen schleunigst aus dem Wirtshaus.
Die Mühle? rief Sam fassungslos. Noch näher hätte es fast nicht sein können.
Die beiden rannten, so schnell sie konnten, durch die Straßen und auf Hobbingen zu. Dabei waren sie so schnell, daß sie Merry und Pippin, die inzwischen querfeldein unterwegs waren, überholten und schon nach kurzer Zeit in Hobbingen angekommen waren.
Sam kam kaum noch hinterher, Aragorn war fast zu schnell für ihn, aber er riß sich zusammen und folgte ihm tapfer. Aragorn lief bereits etwas langsamer, denn sie konnten die Mühle bereits sehen und endlich standen sie schwer atmend davor. Keuchend drückte Aragorn die Klinke herunter, aber die Tür war verschlossen.
Er fluchte. Das darf nicht wahr sein!
Er trat von der Tür weg und nahm Anlauf, warf sich dagegen und sie quietschte in den Angeln.
Sam trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Hoffentlich waren sie noch nicht zu spät!
Ein zweites Mal warf Aragorn sich gegen die Tür, was ebenfalls vergebens war, aber beim dritten Mal knackte es schließlich und krachend stürzte die Tür zu Boden. Er konnte sich nur mit Mühe fangen. Sam lief schnell in die Mühle und für einen kurzen Moment hielten die beiden inne. Sie konnten nicht einen Laut hören im ersten Moment, doch dann plötzlich drang ihnen ein Geräusch an die Ohren, das nach einem Kampf klang. Eine leise Stimme sprach und jemand lachte. Sam ballte die Hände zu Fäusten. Das war Lutz.
Leise schlichen sie die Treppe hinunter. Bisher schien Lutz noch keine Notiz von ihnen genommen zu haben, aber die beiden waren im Zweifel, ob das nun so gut war oder nicht.
Sam wurde rot vor Wut, denn je näher sie kamen, umso mehr hörten die beiden. Liliane weinte. Zornig zog Sam sein Schwert, dann standen die beiden unentschlossen vor der Tür. Sachte drückte Aragorn wiederum die Klinke hinunter und stellte ein weiteres Mal fest, daß die Tür verschlossen war.
Aragorn zögerte nicht lange, sondern versuchte wieder, die Tür gewaltsam zu öffnen. Der erste Versuch schlug fehl, aber beim zweiten sprang die Tür plötzlich weit auf und er hatte sofort sein Schwert in der Hand.
Sam brüllte, völlig außer sich: Das wirst du bereuen! Damit stürmte er noch vor Aragorn in den Raum. Lutz hatte Liliane zu Boden gedrückt, doch weil sie sich unerläßlich gegen ihn zur Wehr setzte, hatte er kein leichtes Spiel mit ihr. Sie hatte ihm bereits in die Hand gebissen und ihm verzweifelt in den Bauch getreten, doch als sie daraufhin hatte aufspringen und zur Tür laufen können, fand sie diese nur verschlossen vor. Es war für Lutz ein leichtes, sie durch dem Raum zu hetzen und schließlich hatte er sie wieder erwischt.
Er hielt inne und wandte den Kopf zur Tür. Noch ließ er sie nicht los und hielt sie so fest, daß sie sich kaum rühren konnte, aber blitzschnell spuckte sie ihm ins Gesicht und er wollte schon ausholen mit der flachen Hand, als Aragorn mit sehr wütender Stimme sagte: Das würde ich nicht tun an deiner Stelle, Farning. Laß sie los.
Lutz reagierte schnell. Er zerrte sie hoch, hielt sie an sich gedrückt und legte ihr den Dolch an die Kehle.
Verschwindet! Ein dahergelaufener Waldläufer und ach, der Bürgermeister! Da bist du ja, du Ratte. Ich habe dich schon gesucht!
Liliane weinte leise und bewegte sich nicht. Der Dolch schnitt schon ein wenig in die Haut. Sie hatte große Angst.
Es ist vorbei. Das Auenland untersteht dem Schutze des Königreichs Gondor und ich bin gekommen, um diesen Schutz wieder in Kraft treten zu lassen! sagte Aragorn.
Und du denkst, du hast hier irgendwas zu sagen, ja? erwiderte Lutz.
Laß sie endlich los! Sie hat nichts damit zu tun! Oder traust du dich nicht, wie ein Mann zu kämpfen?
Damit hatte Aragorn den Nerv seines Gegenübers getroffen. Er stieß Liliane zur Seite, die schluchzend fast zu Boden fiel, und Sam stürzte zu ihr.
Hat er dir etwas getan? Liliane... Er nahm sie beruhigend in den Arm und sah zu Aragorn und Lutz.
Die beiden hatten ihre Schwerter gezogen und gingen langsam aufeinander zu. Sie ließen sich nicht aus den Augen und Aragorn holte zum ersten Schlag aus.
Sie begannen ein erbittertes Gefecht. Sam stellte sich schützend vor Liliane, dann schlichen die beiden vorsichtig zu Frodo. Sam befreite ihn von den Fesseln, aber er rührte sich noch immer nicht.
Wer bist du eigentlich, daß du denkst, du kannst hier einfach so hereinspazieren und den Chef spielen? zischte Lutz gehässig.
Als König von Gondor ist das gar nicht so schwierig! antwortete Aragorn schnell und wehrte einen Schlag von Lutz ab. Zu kämpfen hatte er inzwischen gelernt, Aragorn stellte fest, daß Lutz leider gar nicht ungeschickt war.
Lutz glaubte ihm kein Wort, aber er sah, er hatte einen durchaus ebenbürtigen Gegner vor sich.
In der Zwischenzeit hielt Liliane Frodo weinend in den Armen und Sam hatte es zu seiner Aufgabe gemacht, die beiden zu beschützen. Er war heilfroh, nicht zu spät gekommen zu sein.
Der Kampf der beiden Männer wurde immer härter und Lutz beherrschte einige sehr gemeine Schläge, die Aragorn kaum zu beantworten wußte. Er beherrschte eine etwas andere Technik und plötzlich spürte er nur noch einen schmerzhaften Schnitt am Arm, der ihn dazu brachte, das Schwert fallenzulassen. Er stolperte und spürte plötzlich die Wand im Rücken. Lutz grinste.
König von Gondor, ja? Das wars! knurrte er und erhob sein Schwert gegen Aragorn, der einen Dolch aus seinem Hosenbund zog und blitzschnell damit zustieß, genau in Lutz Seite.
Schreiend ließ er das Schwert fallen und sah plötzlich die königliche Robe von Aragorn aus dem Augenwinkel, bevor er aus der Tür rannte und über die Treppe verschwand.
Keuchend preßte Aragorn die Hand auf die stark blutende Wunde. Das Blut lief über seine Finger.
Er hatte lange nicht gekämpft. Es war nicht nötig gewesen.
Lutz war längst zur Tür hinaus, bevor Aragorn überhaupt sein Schwert aufgehoben hatte. Er sah zu den Hobbits. Anstatt Lutz hinterherzulaufen, ging er zu ihnen hinüber.
Frodo, wach auf... bitte... flehte Liliane mit von Tränen erstickter Stimme. Er atmete nur flach und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Aragorn gefiel das gar nicht. Er flüsterte Frodo einige Worte auf Elbisch zu und war erleichtert, zu sehen, daß daraufhin sein Atem ruhiger ging.
Sam lächelte Aragorn dankbar an. Er hatte es endlich geschafft.
Plötzlich hörten sie jemanden die Treppe hinunterrennen und Aragorn sprang mit dem Schwert auf, um sich den Eindringlingen entgegenzustellen, doch dann sah er, daß es nur Merry und Pippin waren.
Jagt mir nicht so einen Schrecken ein! sagte er und atmete erleichtert auf.
Ihr seid schon hier? fragte Merry und sah dann zu seinen Freunden. Liliane hielt Frodos Hand fest gedrückt und schluchzte. Sam saß neben ihr und sah besorgt auf Frodo.
Mit einem Schlag kehrte Ruhe ein und als Merry und Pippin sich zu ihnen setzten, sahen sie an Frodos Handgelenken die Abdrücke der Fesseln.
Er sah nicht gut aus.
Auf einmal, sehr zur Überraschung aller, hustete er und schlug langsam die Augen auf.
Was... Sam! murmelte er. Auf ihn war sein Blick zuerst gefallen, doch dann hob er den Kopf sachte und sah zu Liliane, die ihn fest an sich drückte.
Was ist passiert? fragte Frodo leise. Sie schüttelte den Kopf. Nichts. Aragorn und Sam sind gekommen.
Frodo wandte den Kopf zu seinen Freunden und lächelte. Tatsächlich, da war Aragorn.
Bitte, begann er, tu das nie wieder, Liliane. Ich wäre fast vor Angst gestorben!
Unter Tränen lächelte sie nun auch. Langsam halfen sie und Sam ihm auf die Beine und stützen ihn. Ohne Hast verließen sie die Mühle und machten sich auf den Rückweg nach Wasserau.
Liliane legte Frodo seinen Mantel um die Schultern. Er konnte sich wehren, wie er wollte, sie war der Meinung, daß er ihn nötiger hatte als sie.
Sam sah zu Aragorn, der angestrengt nach Spuren auf dem Boden suchte. Als er den Blick des Hobbits bemerkte, erklärte er kurz: Er verliert Blut. Er ist genau hier entlanggelaufen, wahrscheinlich mitten ins Dorf. Ich werde ihn finden und zur Rechenschaft für seine Taten ziehen, habt keine Angst.
Sie gingen weiter, doch plötzlich hörten sie Schritte hinter sich und als sie sich umdrehten, sahen sie sich einem guten Dutzend Männer gegenüberstehen.
Merry, Pippin und Sam zogen ihre Schwerter sofort und Aragorn hielt Anduril entschlossen in der Hand, als er sich ihnen entgegenstellte, sein zerlumptes Hemd beiseite schob und sagte: Überlegt euch gut, was ihr tut, bevor ihr den König Gondors angreift. Ich würde euch raten, schnellstens zu verschwinden und dem Auenland seinen Frieden zurückzugeben!
Seine nun besser sichtbare königliche Kleidung unterstrich seine Worte, aber dennoch flüsterten die Männer untereinander und die sechs Freunde konnten das Wort Chef verstehen.
Aragorn sagte: Der Chef ist davongelaufen vor mir wie ein reudiger Hund. Ihr solltet die Waffen niederlegen. Meine Männer sind nicht weit. Gebt auf.
Daß Lutz geflohen war, hatten einige der Männer mit eigenen Augen gesehen, aber sie sahen nicht ein, nun einfach aufzugeben. Sie hatten doch alles erreicht, was sie erreichen wollten!
Fast wie auf Kommando stürzten sie auf Aragorn und die fünf Hobbits los. Frodo und Liliane wurden von den dreien mit Schwertern beschützt und der Kampf begann.
Aragorn zögerte nicht, hart jeden Schlag zu erwidern, doch es war klar, daß sie in der Unterzahl waren.
Dann jedoch geschah etwas Unerwartetes. Einige Hobbits hatten aus ihren Höhlen heraus beobachtet, was sich draußen auf der Straße abspielte und sahen, als sie die Waffen sprechen sahen, die Stunde der Verteidigung gekommen. Einer nach dem anderen kamen sie mit jeder erdenklichen Waffe heraus, ob es nun Knüppel, Töpfe oder Messer waren.
Erst kamen zwei, dann drei weitere, dann noch einmal fünf und schließlich jeder, der es für nötig hielt, sich zu zeigen. Die meisten mischten sich in den Kampf ein, ohne zu zögern, und schließlich sahen sich die ursprünglichen Angreifer in der Unterzahl. Sie hatten teilweise nur recht kurze Schwerter und manche hatten diese bereits verloren. Entwaffnet gab jeder auf, aber die, die noch Waffen hatten, wollten sich gewaltsam ihren Weg freikämpfen.
Die Hobbits taten, was sie konnten, aber sie sahen schließlich fast alle der Männer sehr schnell davonlaufen und auf Nimmerwiedersehen in den Feldern verschwinden.
Sie hatten gesehen, daß die Hobbits doch zu einigem fähig waren. Und wenn schon der Chef davongelaufen war, konnte es nur gut sein, dasselbe zu tun.
Daß sie jemals auf Widerstand stießen, hatten sie nicht erwartet.
Diejenigen, die nicht hatten fliehen können, zeigten nur zum Teil die Bereitschaft zur Aufgabe. Wer sich noch wehren wollte, wurde vorübergehend festgenommen. Aragorn verschaffte seinen Worten genügend Nachdruck, indem er ihnen Anduril entgegenhielt und sie sperrten die Männer in den Lagerraum der Schmiedewerkstatt.
Sam sah sehr zufrieden aus. Es war gut, daß die Schufte endlich dingfest gemacht wurden.
Das, worauf Aragorn gehofft hatte, trat ein. Die Nachricht über einen Fremden, der auf der Seite der Hobbits Hand in Hand mit dem zurückgekehrten Bürgermeisters kämpfte, verbreitete sich in Windeseile. Das ließ viele Hobbits Mut fassen und sie stellten sich den Männern entgegen, die ihnen die Freiheit hatten rauben wollen. Mit Schaufeln, Mistgabeln und anderen Gegenständen gingen sie auf die Straße und andere machten sich endlich auf den Weg ins Grünbergland, um nun, da die Situation sicher erschien, die verschwundenen Hobbits zu suchen.
Aragorn gab sich nun keine besondere Mühe mehr, die Tatsache zu verstecken, daß er der König Gondors war. Es war wirklich gut, daß dieser Umstand ausreichte, Lutz Handlangern Respekt beizubringen.
Unter den Hobbits selbst sprach es sich auch schnell herum, daß da jemand war, der nicht das war, wonach er aussah. Manche hatten ihn schon zuvor gesehen, aber je weiter sie nach Wasserau vordrangen, umso mehr Hobbits waren auf einmal auf den Straßen, griffen die völlig überrumpelten Männer an und jagten sie davon.
Es war wie ein Wunder, innerhalb von Minuten hatte sich das Blatt gewendet. Sobald bekannt war, daß der Chef die Flucht ergriffen hatte, fand ein außergewöhnliches Schauspiel statt.
Aragorn hatte bereits bei seinem Aufbruch vermutet, daß seine Ankunft allein genügen würde, einen wackelnden Stein ins Rollen zu bringen. Alles, was er von der Jahre zurückliegenden Schlacht zu Wasserau gehört hatte, konnte ihn dazu bewegen, allein zu kommen.
Es war besser, den Hobbits nicht mit noch mehr Menschen Angst einzujagen. Er war sich darüber im Klaren, daß die Hobbits allein nichts gegen die Eindringlinge ausrichten konnten, da ihnen ein klarer Führer fehlte. Lutz hatte den Plan wirklich gut durchdacht. Selbst als Sam ausgebrochen war, hatte er nichts tun können, denn er lief ständig Gefahr, wieder erwischt zu werden.
Er wäre derjenige gewesen, der den Aufstand hätte ausrufen können.
Merry und Pippin konnten nicht umhin, im allgemeinen Tumult zu verschwinden, denn es juckte ihnen gewaltig in den Fingern, den Feinden zu zeigen, was sie wirklich von ihnen hielten.
Sam blieb jedoch mit Aragorn bei Frodo und Liliane. Auch wenn sie lieber den Spuren von Lutz hatten folgen wollen an der Stelle, als sie plötzlich ins Feld führten, hatten sie beschlossen, die beiden sicher zum Hof zurückzubringen. Solange Lutz nicht gefaßt war, mußten sie auf der Hut sein.
Sie gelangten ohne weitere Zwischenfälle an ihr Ziel, wo sie bereits von einem neugierigen Bauern erwartet wurden.
Und da sind sie alle wieder! Wie schön, daß Ihr zurück seid, Herr Beutlin! rief Bauer Kattun erfreut und fuhr fort: Tom ist bereits losgezogen und wollte sich in die Kämpfe einmischen, hat er gesagt. Also stimmt es? Die Eindringlinge fliehen?
Aragorn nickte. Er erklärte, daß er gar nicht lange bleiben, sondern vielmehr sofort auf die Suche nach Lutz gehen wollte, woraufhin Sam ihn entschlossen ansah und sagte: Aber nur, wenn du mich mitnimmst! Ich habe auch noch eine Rechnung mit ihm offen!
Ergeben nickte Aragorn. Er wußte, gegen diesen störrischen Hobbit hatte er ohnehin keine Chance. Außerdem konnte er Sams Anliegen bestens verstehen.
Frodo und Liliane gingen hinter dem Bauern her ins Haus. Plötzlich blieb Frodo stehen und sagte: Paßt auf euch auf, ja?
Aragorn und Sam nickten, dann verließen sie den Hof wieder und kehrten zu dem Ort zurück, an dem sie die Spuren von Lutz zuletzt gesehen hatten. Sie führten quer über eine Wiese mit hohem Gras, das so plattgetreten war von den Füßen des Flüchtigen, daß sie gar keine Probleme hatten, der Fährte zu folgen. Sie liefen geduldig weiter und hofften nicht, allzu bald Lutz selbst anzutreffen, aber sie hatten sich getäuscht.
Lutz saß am Ufer der Wässer und versuchte irgendwie, sich die noch immer blutende Wunde zu verbinden, die Aragorn ihm beigebracht hatte. Als er das Gras rascheln hörte, fuhr er zusammen und stand so schnell auf, wie er konnte.
Ah, der König und der Bürgermeister. Zwei Führer! Damit griff er nach einem Schwert, das er sich flüchtig an den Gürtel geklemmt hatte. Es stammte wahrscheinlich von einem seiner Männer.
Der König... ich habe gar nicht gewußt, daß im fernen Königreich der Menschen wirklich dahergelaufene Waldläufer den Thron besteigen dürfen!
Lutz erinnerte sich an den Waldläufer Streicher, den er in Aragorn wiedererkannte. Auf seinen Reisen hatte er von König Elessar gehört, aber er hatte keine Ahnung, daß es ein und derselbe Mann war. Der Kleidung, die er sah, schenkte er allerdings Glauben und Aragorn sagte: Nun, das ist gerade dann möglich, wenn man eigentlich der König ist und sich jahrelang nur als Waldläufer gezeigt hat. Ich habe mein Amt erst spät angetreten, aber ich bin der rechtmäßige Erbe Isildurs.
Ich bin erstaunt, erwiderte Lutz, aber es scheint zu stimmen. Leider mußte der König der Menschen mir meine Pläne zunichte machen zusammen mit dir, dem verfluchten Bürgermeister. Aber meine Wut schlägt gern in Rache um!
Aragorn befahl Sam im Flüsterton, zurück zu bleiben. Lutz war verletzt und Aragorn ging davon aus, es ohne Schwierigkeiten mit ihm aufnehmen zu können und ihn endlich zu besiegen. Daß Lutz die ganze Zeit einfach nur am Fluß gesessen hatte und nicht weiter geflohen war, sprach für seine Erschöpfung.
Lutz kam näher. Es fiel ihm schwer, sich auf den Beinen zu halten. Sam beobachtete nervös den Kampf der beiden.
Trotz der Verletzung zeigte Lutz sich sehr unnachgiebig. Er ließ Aragorn keine Chance, einen wirklich guten Schlag zu erzielen. Aragorn kämpfte, den Rücken Sam zugewandt, ebenso hartnäckig und war diesmal schnell in der überlegenen Position. Es war für ihn ein leichtes, Lutz die Waffe aus der Hand zu schlagen. Die beiden starrten sich an, als Lutz die Hände hochnahm, aber blitzartig hinter seinen Rücken griff und mit einem schweren Knüppel auf Aragorns Kopf zielte.
Aragorn wollte sich noch ducken, aber es war zu spät. Der Schlag traf ihn mit voller Wucht an der Schläfe und er ging reglos zu Boden.
Dreckskerl! brüllte Sam und zog Stich. Schreiend ging er auf Lutz los, der nicht einmal Zeit hatte, herablassend zu grinsen. Er wich zurück und wollte nach seinem Schwert greifen, aber Sam war so in Rage, daß er mit einem gewaltigen Satz auf ihn zusprang und sich gegen ihn warf mit aller Kraft.
Stich hatte er fallengelassen, als er bemerkte, wie nah sie am Fluß waren und er stürzte hinter Lutz her ins Wasser. Es spritzte zu allen Seiten weg und Sam schaffte es gerade noch, sich am Schilf festzukrallen, während Lutz nur mit den Armen ruderte und von der Strömung abgetrieben wurde.
Dich kriege ich noch! brüllte er und wollte schwimmen, doch er hatte nicht gesehen, daß er genau auf eine von Steinen eingeengte Stromschnelle zutrieb. Er warf Sam, der gerade tropfnaß ans Ufer kletterte, noch einige böse Flüche entgegen, doch urplötzlich verstummte er.
Sam strich sich die nassen Locken aus der Stirn, griff nach Stich und sah zu Lutz, der mit dem Rücken im Wasser trieb. Als die Strömung ihn mit sich drehte, konnte Sam an seinem Hinterkopf Blut erkennen, wurde aber im nächsten Moment von einem schmerzerfüllten Stöhnen aufgeschreckt.
Aragorn! entfuhr es ihm und er eilte zu seinem Freund, der sich mit zusammengebissenen Zähnen die Schläfe rieb und mißmutig knurrte: Der ist wirklich gemein. Gerecht kann der gar nicht kämpfen!
Er kann gar nicht mehr kämpfen, Aragorn, sagte Sam daraufhin und Aragorn blickte stirnrunzelnd zu ihm.
Frodo hatte seine Arme um Melethiell gelegt, die auf seinem Schoß saß, und Liliane sang ihren Sohn leise und mit lieblicher Stimme in den Schlaf, als plötzlich ein sehr nasser Sam, auf den Aragorn sich stützte, hereinkam und sich auf den nächstbesten Stuhl warf.
Rosie und Estella trauten ihren Augen kaum, als sie die beiden so sahen. Aragorn zeigte einen recht gequälten Gesichtsausdruck, als er sich der Länge nach auf die viel zu schmale Bank legte und die Augen schloß. Die hämmernden Kopfschmerzen trieben ihn fast in den Wahnsinn.
Sam lächelte und murmelte: Es ist vorbei. Lutz wird niemanden mehr etwas tun. Er hat sich an einem Stein scheinbar den Schädel eingeschlagen...
Liliane, die dicht an Frodo gelehnt auf der gegenüberliegenden Bank saß, atmete erleichtert auf und suchte nach Worten.
Er würde nie mehr kommen und ihr etwas tun können...
Ist das wahr? fragte sie schließlich und Sam nickte.
Ja, das ist es, sagte er.
Rosie lief währenddessen geschäftig in der Küche herum, wollte Sam auf seinem Stuhl vor das Feuer rücken und legte ihm eine Decke um die Schultern. Er fror am ganzen Leib.
Es dauerte gar nicht lange, da kehrten auch Merry und Pippin zurück und berichteten stolz davon, daß sie angeblich unzählige der Männer verjagt hatten. Sie fielen mit großem Hunger über das bereitete Abendessen her und an diesem Abend gingen trotz aller guten Nachrichten die Hobbits früh schlafen.
Aragorn war seinerseits mit dem großen Sofa im Wohnzimmer zufrieden. Der Bauer war fast beschämt, dem König keine angemessenere Bleibe bieten zu können, aber Aragorn war es zufrieden.
Er hatte jahrelang oft nur unter dem Sternenhimmel genächtigt, da war das Sofa ein weitaus größerer Luxus für ihn.
Währendessen setzte Frodo sich in dem Zimmer, das er mit Liliane teilte, auf das Bett und nahm ihr Kleid in die Hand, das dort ausgebreitet auf der Decke lag.
Es war ein wirklich häßlicher Riß, den er dort sehen mußte.
Liliane merkte nicht, was er tat, sie legte Perhail in seine Wiege und war wirklich froh, daß Melethiell bereits schlief. Als sie sich allerdings umdrehte und zu Frodo schaute, sah sie, wie er gedankenverloren auf ihr kaputtes Kleid starrte und ging zu ihm.
Langsam hob er den Blick und sah sie an. Schließlich stand er auf und sah, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Den ganzen Tag hatte sie kein Wort über das verloren, was in der Mühle vorgefallen war, hatte gefaßt so getan, als wäre niemals irgendetwas vorgefallen, doch nun war es zuviel.
Frodo, ich... begann sie mit erstickter Stimme, aber er schüttelte schnell den Kopf und flüsterte: Sag nichts.
Liebevoll umarmte er sie und drückte sie fest an sich, als sie laut zu schluchzen begann und sich an ihn klammerte. Frodo hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen, denn sie war wegen ihm gekommen und hatte sich für ihn in Gefahr begeben.
Er nahm einen Augenblick später ihre Hand, legte sich ins Bett und schloß sie fest in seine Arme. Liliane beruhigte sich langsam und als hätte er seine Frage ausgesprochen, sagte sie plötzlich: Es ist wirklich nichts passiert, Frodo, kein einziges Mal. Es geht mir gut...
Er hustete.
Ich liebe dich so sehr und ich habe dich so vermißt, aber als du hereinkamst, dachte ich, das wäre mein Tod... ich war entsetzt, murmelte er. Sie erwiderte gar nichts, doch sie drehte den Kopf zu ihm und küßte ihn.
Denn ich liebe dich auch, Frodo Beutlin, sagte sie dann und er verstand.
Als die beiden Familien gemeinsam mit Aragorn nach Beutelsend zurückkehrten, nachdem sie Merry und Pippin verabschiedet hatten, durchbrach endlich die Sonne wieder die Wolken. Der Regen hatte schon zwei Tage zuvor aufgehört und die goldenen Sonnenstrahlen strichen über aufsteigenden Dunst in den Wiesen. Es wurde langsam Zeit, daß der Sommer noch einmal zurückkehrte.
Für einige Tage waren sie noch auf dem Bauernhof geblieben, aber es zog sie alle schließlich nach Hause zurück und sie freuten sich sehr, daß sie nun gefahrlos dorthin zurückkehren konnten.
Der Frieden war wieder hergestellt. Sam sah Aragorn immer wieder dankbar an, denn er wußte, er hatte es nur mit seiner Hilfe geschafft.
Ein wenig wollte Aragorn noch bleiben, der wieder Perhail auf dem Arm hatte und von einer ganzen Traube Kindern verfolgt wurde. Die Kleinen waren wirklich begeistert und wollten ihn am liebsten gar nicht mehr gehen lassen.
Als sie in Beutelsend die Tür öffneten, wurden die Hobbits von stickiger Luft empfangen und öffneten erst einmal die Fenster. Als Rosie in die Küche ging, zuckte sie entsetzt zusammen. Das hatte sie nicht erwartet.
Sie räumte jedoch gemeinsam mit Sam auf, während die Kinder durch die Zimmer tobten und Aragorn all ihre kleine Habseligkeiten zeigten, stolz und voller Enthusiasmus.
Und du warst wirklich mit meinem Papa auf all den Abenteuern? fragte Melethiell irgendwann und Aragorn lachte.
Ja, das war ich. Dein Vater ist wirklich ein erstaunlicher Hobbit, genau wie dein Onkel Merry, Pippin und Sam. Ich kenne die vier schon sehr lange.
Aragorn redete sich um Kopf und Kragen. Die Kinder nötigten ihn, von allem zu erzählen und er mußte sich viele kindgerechte Kürzungen der wahren Begebenheiten zurechtlegen, denn die ganze Wahrheit sollten die Kinder nicht erfahren.
Am Ende des Tages hatten sie sich alle wieder in Beutelsend eingerichtet und Frodo war sehr glücklich, nicht mehr ständig im Bett liegen zu müssen. Er war endlich auf dem Wege der Besserung.
Abends, als Perhail endlich nach Stunden zu schreien aufgehört hatte und er neben Liliane schläfrig im Bett lag, war er überrascht, plötzlich ihre Hand unter seinem Hemd zu spüren und unterdrückte einen Schrei.
Hör auf! flehte er leise. Aber es war zu spät, sie hatte sich aufgerichtet und begann nun erst recht, ihn zu kitzeln.
Nein! bat er lachend und keuchte, doch so sehr er auch versuchte, sie zu besänftigen und sich vom Leib zu halten, es war alles umsonst.
Was willst du? fragte er schließlich ergeben und sie hielt mit einem Lächeln inne.
Dreimal darfst du raten! antwortete sie und zog ihn an sich heran.
Du bist mich erst wieder los, wenn du dir eine ausreichende Gegenleistung überlegt hast!
Sie grinste ihn spitzbübisch an, woraufhin er sich aufrichtete und sagte: Das kannst du haben!
Er schenkte ihr einen liebevollen Kuß und seufzte. Es war so schön, sie glücklich zu sehen.