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Erster Abschnitt

Bergil wurde von Toron wachgerüttelt.
„Leider geht‘s schon weiter. Aufstehen!“
Bergil brummte unwillig, zuerst konnte er sich nicht daran erinnern, wo er war, doch als er die Augen öffnete und in Frodos unglückliches Gesicht sah, schrak er hoch und sagte: „Was, wir gehen schon los? Toron, wir...“
„Ruhig! Ganz ruhig...“ murmelte Toron und legte den Finger auf die Lippen. „Sie belauschen uns sonst. Sie sind nah.“
Jetzt wurde Bergil langsam wach und sah sich um. Toron hatte recht. Alle waren schon auf den Beinen.
Bergil stöhnte. „Na toll. Ich freue mich wahnsinnig.“ Er war nicht in der Stimmung, sich in der Dämmerung mit Problemen auseinanderzusetzen.
„Da ist noch was“, erklärte Toron. „Ich bekomme heute Verstärkung, einer der anderen wird dazukommen und Wache mit mir schieben. Gordir war nicht davon abzubringen.“
Murrend ließ Bergil sich zurück ins Gras sinken und Toron wandte sich zu Frodo.
„Er wird dich nicht in Ruhe lassen, soviel steht fest. Ich fürchte, die hecken was aus. Wir müssen vorsichtig sein. Es ist möglich, daß wir handgreiflich werden müssen, Bergil und ich, um den Schein zu wahren. Ich hoffe, du verstehst das“, flüsterte er und Frodo nickte.
„Mach dir darum keine Sorgen. Aber danke für die Warnung“, antwortete der Hobbit und Toron lächelte. Dann reichte er ihm noch einmal die Flasche mit Wasser und half ihm, zu trinken.
„Ich weiß nicht, wann du das nächste Mal etwas bekommst. Ich weiß nur, daß ich das auch nicht mehr lange so mitmache! Bald sind wir im Druadanwald und dann muß uns schnell etwas gutes einfallen!“ Toron war von den Aussichten alles andere als begeistert und Bergils Hoffnung war ebenfalls alles andere als groß, aber als er richtig wach wurde, erwachte auch sein Tatendrang und als derjenige erschien, der mit Toron Wache schieben sollte, warf Bergil Frodo einen flüchtigen Blick zu und zerrte ihn hoch, aber versuchte, ihm dabei nicht wehzutun.
„Bewegung! Wir wollen hier keine Wurzeln schlagen!“ rief er, dann stieß er Frodo nach vorne und war erleichtert, zu sehen, daß er keine Probleme damit hatte, selbst zu gehen. Er wußte, einen weiteren Tag mit ihm auf den Schultern wäre für ihn zu hart geworden und bei Toron, das war ihm eingefallen, würde es auffallen, wenn er ihn trug.
Bergil faßte Frodo am Kragen und bemerkte plötzlich den ängstlichen Blick des Hobbits, als er den sah, der sich zu Toron gesellt hatte. Es war Daugamir und er wich nicht mehr von seiner Seite.
„Er war es...“ flüsterte Frodo, so leise, daß Bergil Mühe hatte, ihn zu verstehen, aber er wußte, was Frodo damit sagen wollte.
Toron und Daugamir unterhielten sich, doch dann, nachdem sie eine Weile später den Druadanwald erreicht hatten, stolperte Frodo über eine Wurzel und fiel.
„Steh auf, los!“ rief Bergil und zerrte Frodo wieder hoch. Wieder hielt er ihn am Kragen fest und Daugamir musterte ihn interessiert.
„Du verstehst was davon, wie man mit dem Kleinen umzugehen hat. Er hat seine Lektion aber bereits bei mir gelernt...“ Er lachte hämisch und Bergil grinste unbeholfen. Toron reagierte überhaupt nicht und Daugamir fragte: „Soll ich dir erzählen, was...“
„Nein, nicht nötig. Ich hab‘s ja selbst schon gesehen!“ erklärte Bergil und deutete auf Frodos Arme, noch immer gezeichnet von roten Striemen.
„Aber das ist erst der Anfang!“ erklärte Daugamir grinsend und fuhr fort: „In der großen Versammlungsstätte muß überhaupt nicht mehr viel vorbereitet werden. Melkor selbst wird kommen, das hat er bereits angekündigt und Gordir die Anweisungen geben, was zu tun ist. Lange hast du nicht mehr, Ringträger!“
Frodo hustete. Er rang nach Luft und biß sich auf die Lippen. Daugamirs Worte jagten ihm eine unbeschreibliche Angst ein.
Toron scherte plötzlich aus und postierte sich neben Frodo. Er zog ihm an den Haaren, was Frodo bereitwilligst mit sich machen ließ, damit Toron nur nicht zu sehr ziehen mußte und Toron wollte schon etwas sagen und so tun, als wollte er ihm Angst einjagen, aber sofort nutzte Daugamir die Gelegenheit und schlug Frodo ins Gesicht.
Blut tropfte aus seiner Nase, bevor der Hobbit überhaupt das Gleichgewicht wiedererlangt hatte und Toron verfluchte sich innerlich. Das war nicht der Plan gewesen. Bergil strengte sich an, höhnisch zu lachen, aber merkte selbst, daß es ihm nicht ganz gelingen wollte.
„Hast du Angst?“ fragte er. Frodo antwortete nicht.
„Red mit mir!“ Bergil riskierte einen flüchtigen Blick zu Daugamir, der ihm überhaupt keine Aufmerksamkeit schenkte. Er war zufrieden und beruhigt.
Frodo kämpfte mit den Tränen und Bergil rang mit sich, denn trösten durfte er ihn nun wirklich nicht.
Dann stolperte Frodo wieder und fiel der Länge nach hin. Bergil stöhnte theatralisch und beugte sich zu ihm herunter, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Dabei rutschte ihm ein „Dartho!“ (Halt aus!) heraus, denn er konnte es nicht ertragen, Frodo leiden zu sehen, doch im selben Augenblick hörte er nur, wie Toron „Bergil!“ rief und von einem gewaltigen Tritt in den Magen wurde Bergil zur Seite weggeschleudert.
Er landete auf dem Rücken und sah zu Daugamir, der sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht brüllte: „Was soll der Kleine aushalten, sag schon! Meinst du vielleicht, wir hätten nicht gemerkt, daß du ein Spion bist?“
Dem Jungen wich das Blut aus dem Gesicht. Fieberhaft suchte Bergil nach Worten und als Daugamir auf ihn losgehen wollte, stockte ihm der Atem.
Warum hatte er das gesagt, warum nur, er hatte nicht aufgepaßt...
Seine Augen weiteten sich, als er die Wut in Daugamirs Gesicht sah. Jetzt war Bergil klar, warum er als Wache geschickt worden war.
Er hob bereits schützend den Arm und versuchte, auf die Beine zu kommen, als plötzlich Daugamir vor seinen Füßen landete mit Toron auf seinem Rücken. Er hatte sich auf ihn geworfen und versuchte, Daugamir am Boden festzunageln.
„Zu spät. Verschwinde, lauf weg, Bergil! Hau ab! Mach schon!“ schrie Toron und schlug hart auf Daugamirs Kopf, der schreiend versuchte, freizukommen.
Frodo, der sich umgedreht hatte, verfolgte das Geschehen entsetzt und sah Bergil an.
„Steh auf! Los!“ schrie Bergil und sah sich um. Die anderen waren aufmerksam geworden und ein Stimmengewirr erhob sich.
„Bergil, lauf! Jetzt! Ich folge mit Frodo!“
„Aber...“
„Verschwinde!“ brüllte Toron und Bergil sprang auf. Toron schlug noch einmal zu, Daugamir hörte auf zu zappeln und während Bergil Frodo im Laufen hochzerrte und weiterrannte, sprang Toron auf die Füße und hob Frodo eilig hoch.
„Haltet sie! Sie wollen fliehen! Hinterher!“ schrie jemand und Bergil rannte los. Er drehte sich um und sah, wie Toron mit Frodo auf den Armen hinter ihm war und er rannte noch schneller, denn die anderen waren schon dabei, sie zu verfolgen.
„Lauf, Bergil! Schneller!“ schrie Toron und Bergils Herz begann vor Angst zu rasen. Er hatte einen schrecklichen Fehler gemacht.
Das Grün der Pflanzen flog an ihm vorbei, er sah gar nicht hin, sondern griff nur nach seinem Schwert und drehte sich wieder um.
Toron war noch immer hinter ihm, er war ganz nah. Bergil sah aber auch, daß die anderen aufholten.
„Toron, sie kommen!“ rief er und schlug sich weiter durchs Unterholz. Plötzlich trat er in ein Loch, verlor den Halt und fiel, aber kam sogleich wieder auf die Füße und war noch immer vor Toron, doch dann hörte er plötzlich Frodo panisch schreien und zuckte zusammen. Dann drehte er sich um und wurde langsamer.
Frodo lag am Boden, vor Toron, der gerade mit Händen und Füßen gegen drei Angreifer kämpfte, die sich auf ihn warfen.
„Nein!“ schrie Bergil. „Toron!“
„Hau ab, ich schaff das! Verschwinde, Bergil!“ gab Toron zurück und Bergil schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber Frodo... ich...“
Der Hobbit hob den Kopf und sah ihn flehend an, sagte aber nichts. Er wußte ganz genau, daß Bergil nur allein eine Chance hatte.
„Lauf, Bergil!“ wiederholte Toron und als weitere drei Verfolger sich anschickten, Bergil hinterherzulaufen, sah er noch ein letztes Mal zu Frodo und Toron und rannte um sein Leben, denn das war es, was er jetzt noch tun konnte.
Er wagte es nicht, zurückzusehen, er war blind vor Tränen und stolperte durch den Wald. Schritte waren hinter ihm, aber er wollte die Verfolger gar nicht sehen, er drehte sich nicht um, er umklammerte nur den Griff seines Schwertes und warf einen flehenden Blick gen Himmel.
„Bleib stehen, Verräter!“ schrien sie, doch obwohl ihm fast die Luft ausging, rannte Bergil noch schneller, er war in Lebensgefahr...
Dann drehte er sich doch um und sah vier Verfolger, die immer näher kamen. Sie waren älter und auch schneller als er. Seine Chancen schwanden und er rang nach Luft, dann blieb er stehen und erhob sein Schwert.
„Kommt mir nicht zu nahe!“ schrie er, doch sie lachten nur und machten ein paar Schritte auf ihn zu. Es war aus. In seiner Verzweiflung riß Bergil das Schwert hoch und die beiden, die ebenfalls welche hatten, stürzten sich mit Gebrüll auf ihn, aber er erwiderte den Kampfschrei und war so voller Wut und Verzweiflung, daß er dem ersten das Schwert aus der Hand schlug, das in hohem Bogen durch die Luft flog.
„Haut ab! Laßt mich in Ruhe!“ schrie Bergil und griff den zweiten an, der ihn zurückdrängte, aber plötzlich spürte er einen Baum im Rücken und stieß entschlossen das Schwert nach vorn, das seinem Gegner den Bauch durchbohrte und Bergil ließ das Schwert zitternd los.
Die beiden anderen sahen ebenso sprachlos, was er getan hatte, aber geistesgegenwärtig griff Bergil nach dem Dolch in seinem Stiefel und hielt ihn zitternd in der Hand.
„Verschwindet ihr jetzt?“ schrie er panisch und als sie sich nicht regten, drehte er sich um und ergriff die Flucht.
In ihm war alles leer, er wußte nicht, was er denken sollte, er fühlte überhaupt nichts, aber plötzlich ließ etwas sein Blut zu Eis erstarren und er hielt inne.
Frodo schrie in Todesangst und Bergil keuchte. Der Schrei ging ihm durch Mark und Bein und er ging in die Knie.
Er hatte ihn alleingelassen.

Frodo drehte sich um und sah, wie Toron verzweifelt versuchte, sich gegen die überzähligen Angreifer zu wehren, aber er kam nicht an sein Schwert. Er hatte keine Chance.
Zwei saßen auf seinen Armen, ein dritter auf seinen Beinen und ein vierter schlug wie wahnsinnig mit seinen Fäusten auf ihn ein.
„Frodo, lauf...“ brachte Toron mit zitternder Stimme hervor und sah zu dem Hobbit, der sich nicht rühren konnte, sondern nur zusah, was geschah.
„Frodo, verdammt!“
Frodo konnte es nicht, er war nicht fähig, sich zu rühren, er starrte nur auf Toron und nahm kaum wahr, wie man nach ihm griff, ihn zurückschleifte, er wurde geschlagen und angebrüllt, doch außer Tränen sah er nichts, er nahm alles nur verschwommen war, entfernte Stimmen und wütendes Gebrüll.
Schließlich wurde er achtlos zu Boden geworfen und landete mit dem Gesicht im Gras. Schluchzend drehte er sich um und sah, wie Gordir auf Toron zumarschierte, gefolgt von einem Jungen in Bergils Alter.
Frodo bekam keine Luft.
„Verschont ihn! Bitte!“ schrie er verzweifelt und richtete sich auf. Einer hielt Torons Arme auf den Rücken gedreht fest und zwei standen daneben. Die Gruppe hatte sich in einem Kreis um sie versammelt und Gordir brüllte wütend: „Was denkst du, was du hier tust, du Verräter? Sieh dich doch an! Gescheitert bist du, denn die Macht des Bösen ist zu groß! Du hast versagt, aber so kommst du nicht davon!“
Toron rang nach Luft und quetschte hervor: „Ihr werdet dafür bezahlen, ihr Unmenschen!“
„Toron, nein!“ schrie Frodo außer sich und schüttelte fassungslos den Kopf.
Torons Bruder trat vor und Gordir sah ihn an. „Torgil, du nimmst das Schwert deines Bruders. Gib es mir!“
Torgil tat, wie ihm geheißen wurde und spuckte Toron ins Gesicht.
„Du bist eine Schande für unsere Familie!“ schrie er und Frodo bekam keine Luft mehr. Das durfte alles nicht wahr sein...
„Nein...“ wimmerte er tonlos und verbarg das Gesicht in den Händen.
Gordir nahm das Schwert von Torgil entgegen und Toron sah seinen Bruder unter Tränen an. „Kleiner, wachst du denn nie auf? Was machst du da? Torgil, ich tu das für dich, ich...“
„Sei still, du Verräter, deine Lügen will ich nicht hören!“ schrie Torgil und Gordir sah ihn an.
„Hat er die Strafe verdient?“
Beifälliges Gejohle war die Antwort und Frodo wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.
„Bei den Valar...“ flüsterte er und schluchzte, dann sah er, wie Gordir das Schwert erhob und es gegen Toron, der vor ihm kniete und sich nicht wehren konnte, erhob. Torgil stand daneben und ballte die Faust.
„Nein, bitte...“ Frodos Herz setzte aus, doch dann war alles zu spät. Gordir setzte das Schwert an und schnitt Toron mit einem Ruck die Kehle durch.
Frodo sank in sich zusammen und konnte nicht mehr atmen. Alles in ihm verkrampfte sich, er konnte nicht hinsehen und schloß verzweifelt die Augen. Innerlich zerriß es ihn und er schrie, er schrie unter Todesangst und hob schließlich den Kopf.
Sie ließen ihn los. Frodo sah Blut, Blut überall, Toron war tot, aber selbst damit waren sie nicht zufrieden.
Frodo schrie und stand Höllenqualen aus, er begriff es nicht, als er sah, wie sie Toron an einen Baum banden, seinen toten Freund, der ihm hatte helfen wollen und dafür bezahlen mußte...
„Ihr Mörder!“ schrie er und sah zu Toron. Sie hatten ihn umgebracht. Gordir hatte ihn getötet.
Wie sie ihn dazu gebracht hatten, aufzustehen, konnte Frodo später nicht mehr sagen. Er fühlte nichts mehr, er war nicht mehr in der Lage, zu denken, er spürte nur noch Angst.

"Pippin, Pippin, nun wach schon auf, die wollen wieder los und warten auf uns", sagte Merry hektisch und rüttelte an Pippin, der völlig schlaftrunken in seinem Bett lag. "Aber ich bin noch müde", murmelte er noch halb schlafend.
"Die reiten ohne uns los, wenn du nicht endlich kommst! Kein Wunder, dass du müde bist, wenn du die halbe Nacht lang durch die Hallen rennst und was zu essen holst, anstatt zu schlafen."
Pippin riss die Augen auf. "Du hast es gemerkt?"
"Ich bin dreimal wach geworden, weil du ständig die Tür aufgemacht hast, und mit Kuchen zurück gekommen bist, den du aus der Küche entwendet hast."
"Ich war doch so leise, verdammt! Dieser Kuchen war immer so schnell alle, so dass ich dreimal laufen musste. Zumindest habe ich aber die Kerzen ausgelassen, um dich nicht zu wecken."
Merry sah aus, als müsste er grinsen. "Das war auch sehr rücksichtsvoll, aber nun zieh dich endlich an, Gimli mault schon, weil er seit einer geschlagenen halben Stunde hinter Legolas auf dem Pferd sitzt, und sie nicht losreiten können, weil du nicht kommst."
Pippin sprang aus dem Bett und griff sich seine Weste, die auf dem Boden lag. "Wieso habt ihr mich nicht eher geweckt?" fragte er hastig, während er die Weste zuknöpfte.
"Was, denkst du denn, habe ich die ganze Zeit versucht?"
Pippin sah etwas beschämt auf den Boden. Er zog sich seine restliche Kleidung an und hastete durch den Raum. Im Vorbeilaufen warf er einen Blick auf Merrys Bett und stutzte. Mit einer erstaunter Miene fragte er Merry: "Kannst du mir verraten, was das da für Krümel in deinem Bett sind?"
"Wie ich schon sagte, ich war wach, als du den Kuchen geholt hast."
Pippin begriff sofort, was er damit sagen wollte und meinte entrüstet: "Was bist du nur für ein grausamer Freund? Während ich mich Nachts durch die Gegend schleiche, und unter hohem Risiko einen Kuchen aus der Küche hole, futterst du ihn mir heimlich weg. Und das schlimmste daran ist, dass ich es nicht gemerkt habe, weil ich rücksichtsvoll die Kerzen ausgelassen habe."
"Ach jetzt komm schon, erstens hast du nicht nur einen Kuchen geholt, und zweitens hättest du sowieso nicht gemerkt,, wie ich auf allen Vieren zu deinem Bett gekrochen bin, weil du viel zu beschäftigt mit dem Essen warst."
Pippin blickte mürrisch drein. "Na toll, wirklich freundlich. In der Nacht wird mir mein Kuchen von meinem besten Freund weckgefuttert, und jetzt habe ich nicht mal Zeit für ein Frühstück."
"Du wirst es überleben, nun komm schon, wir müssen das Hauptquartier finden."
Sie liefen los, und Pippin wollte unbedingt noch etwas zu Essen auftreiben, wie er sagte, aber Merry zerrte ihn weiter, mit der Begründung, sie würden jetzt keine Zeit für so etwas haben.
Sie erreichten die anderen völlig außer Atem, sprangen förmlich auf ihre beiden Ponys drauf, und schon bald ritt der Suchtrupp wieder in den Wald. Gimli brummte die ganze Zeit vor sich hin, und Faramir lachte herzhaft, als Pippin ihm sein Herz ausschüttete und von Merrys Kuchendiebstahl erzählte.
Sie waren etwa zwei Stunden geritten, als Legolas plötzlich sein Pferd anhielt und abstieg. "Da sind Spuren," sagte er und betrachtete aufmerksam den Boden. Auch die anderen stiegen ab und spähten ebenfalls interessiert auf Erde. Pippin stellte fest, dass er nichts erkennen konnte, außer etwas aufgewühlten Sand, und so überließ er lieber dem Elben das Spurenlesen. Legolas konnte aus allem etwas deuten und berichtete Faramir eifrig seine Erkenntnisse. Pippin betrachtete den Elben, der in gebückter Haltung umherlief und hier und da etwas aufhob und es Faramir zeigte. Der Hobbit drehte sich zu Merry um und flüsterte: "Schau dir das an, dieser Elb kann dir zu jedem Sandkorn eine Geschichte erzählen, und ich erkenne nicht mal die Spuren eines Olifanten. Ich denke, ich sollte etwas anderes machen."
"Was willst du denn tun?" fragte Merry und sah Pippin kritisch an.
"Nun, da ich heute kein Frühstück bekommen habe, weder das erste noch das zweite, werde ich mich mal auf die Suche nach etwas Essbarem machen."
"Pippin ,wir sind hier auf der Suche nach Frodo."
"Das weiß ich, aber wenn ich verhungere, dann kann ich ihm auch nicht mehr viel helfen."
Pippin begann sich runter zu beugen und den Boden nach Sträuchern abzusuchen, die eventuell ein paar schmackhafte Beeren vorzuweisen hatten. Dabei merkte er gar nicht, wie Legolas rückwärts auf ihn zugelaufen kam und ebenso wie Pippin völlig konzentriert auf die Erde guckte. Es gab einen dumpfen Knall, der Hobbit fiel nach vorne in den staubigen Boden und Legolas stolperte über den gefallenen Hobbit, drehte sich einmal im Sturz und landete ebenfalls bäuchlings am Boden. Was machst du denn da?" wurde Legolas völlig überrascht von Gimli gefragt, der aus den Augenwinkeln gesehen hatte, wie Legolas auf der Erde landete.
Pippin konnte sich ein Lachen nicht verkneifen und meinte nur: "Er hat eine heiße Spur entdeckt."
Der Elb rappelte sich wieder hoch und sah Pippin vorwurfsvoll an. "Was soll denn das? Du verwischt ja die ganzen Spuren, und außerdem hinderst du mich hier beim Spurenlesen."
"Tut mir leid, das wollte ich nicht. Wenigstens hat es niemand weiter gesehen außer der Zwerg, Faramir ist mit den anderen Männern da hinten. Ich komme dir nicht mehr in die Quere, Hobbitehrenwort."
Legolas verzog nur die Augenbrauen und überging den peinlichen Vorfall, in dem er weiter die Spuren deutete. Er merkte nicht, wie Pippin, kaum dass er ihm wieder den Rücken zugewandt hatte, auf einen großen Pilz zustürzte, den er, als er auf der Erde lag, entdeckt hatte. Die Augen des Hobbits wurden kreisrund vor Erstaunen, und er begann gierig, den Pilz anzunagen.
Satt und glücklich kehrte er nach einer Weile zu Merry zurück, der es sich auf einem Fleckchen Gras gemütlich gemacht hatte, und auf einem Grashalm kaute. "Na, hast du was zu essen gefunden?"
"Natürlich, ich finde immer etwas."
Merry wollte gerade fragen, was er denn gefunden hätte, als Legolas rief: "Wir müssen weiter in diese Richtung", und auf sein Pferd stieg. Gimli setzte sich hinter den Elb, und auch Faramir und die anderen Männer bestiegen ihre Pferde.
Die Hobbits schwangen sich auf ihre Ponys und der Suchtrupp setzte sich erneut in Bewegung.
Nach einer halben Stunde fragte Merry Pippin besorgt: "Ist alles in Ordnung, du siehst irgendwie gar nicht so gut aus."
Pippin sah ihn an und hielt sich die Hand vor den Bauch. "Nein, mir geht’s überhaupt nicht gut, ich habe furchtbare Bauchschmerzen."
"Woher denn das?"
"Ich weiß es nicht, vielleicht kommt es von dem Pilz."
"Von welchem Pilz?"
"Ich habe vorhin einen Pilz gegessen, er sah so lecker aus."
Merry sah ihn erschreckt an. "Du hast einfach einen Pilz gegessen, weil er so lecker aussah? Vielleicht war er giftig!"
"Du machst mir Angst. Merry, ich kann kaum noch auf diesem Pferd sitzen, tu was."
Merry trieb sein Pony an und holte die anderen auf ihren Pferden ein.
"Ihr müsst anhalten", rief er.
Die anderen drehten sich erstaunt um und sahen den Hobbit fragend an.
"Pippin hat einen Pilz gegessen, und der war wahrscheinlich giftig!"
Legolas sah ihn zweifelnd an. "Was war das für ein Pilz?"
"Keine Ahnung, aber er hat Bauchschmerzen."
"Bleibt hier, ich gehe nachsehen", sagte Faramir und ritt mit seinem Pferd zu Pippins Pony. Faramir erkannte schon von weitem, dass es Pippin wirklich nicht gut ging, er fiel fast vom Pony runter.
Faramir stieg von seinem Pferd und eilte zu Pippin hinüber. Er nahm den Hobbit sachte vom Pony und legte ihn auf die Erde. "Pippin, was hast du?”
Der Hobbit hatte Tränen in den Augen und begann zu schluchzen. "Kannst du nicht irgendetwas tun, Faramir, ich hab einen Pilz gegessen, und Merry sagt, dass er vielleicht giftig ist, weil ich ganz furchtbare Bauchschmerzen habe."
"Nun warte doch erst mal, vielleicht ist es auch nur dein Magen, der etwas verrückt spielt, weil du zu viel durcheinander gegessen hat."
Pippin ließ sich nicht beruhigen, er schluchzte unermüdlich. Faramir tastete vorsichtig Pippins Bauch ab und drückte an der einen oder anderen Stelle etwas hinein. Der Hobbit reagierte jedoch auf die kleinste Berührung äußerst druckempfindlich, und Faramir war bald überzeugt davon, dass die Schmerzen tatsächlich von dem Pilz kamen. Merry tauchte nun wieder mit seinem Pony auf, und fragte hektisch: "Und, was ist?"
"Es scheint wirklich der Pilz zu sein, das hat keinen Zweck hier, wir müssen zurück. Wer weiß wie giftig dieser Pilz war. Hol die anderen, Merry."
Als Merry mit den anderen zurückkam, stellte Gimli die Frage, ob man sich nicht aufteilen sollte, sonst wären die Verschwörer doch über alle Berge.
"Nein, Gimli, es ist zu gefährlich, wenn wir uns trennen. Da wir auf Pferden sind, haben wir immer noch einen Vorteil und sind schneller, selbst wenn wir jetzt noch mal umkehren müssen."
"Das wollte ich nicht, es tut mir so leid. Aber ich hatte doch solchen Hunger", sagte Pippin mit mehreren Pausen durch die Bauchschmerzen.
"Mach dir keine Gedanken", sagte Faramir ruhig und nahm den Hobbit auf den Arm. "Da, so ein Pilz war das", sagte Pippin plötzlich und deutete auf einen großen Pilz auf der Erde.
Faramir betrachtete ihn, wusste aber keinen Rat. "Kennst du so einen Pilz, Legolas?" fragte er den Elben.
Der Elb betrachtete ihn. "Ja, die sind leicht zu verwechseln mit Steinpilzen. Diese Sorte hier ist in der Tat giftig, ich weiß aber allerdings nicht, was passiert, bisher kenne ich noch niemanden, der so einen Pilz versucht hat zu essen."
Pippin schluchzte und Faramir meinte schließlich: "Lasst uns gehen, wir sollten uns beeilen."
Faramir nahm den Hobbit mit auf sein Pferd und hielt ihn möglichst ruhig in seinen Armen. Merry hatte sich Pippins Pony angenommen und Gimli maulte Legolas die ganze Zeit etwas vor, und meinte schließlich: "Alle Welt hackt immer auf den Zwergen rum, dabei sind wir doch ganz friedliche Gesellen, immerhin essen wir nicht alles, was uns vor die Bärte kommt."
"Gimli, nun hör doch auf, ihm geht’s wirklich nicht gut, und keiner weiß was passiert, wenn wir noch mehr Zeit verlieren. Du solltest etwas ernster mit dieser Situation umgehen."
Der Zwerg murmelte immer noch etwas vor sich hin, Faramir erhöhte sein Tempo, als er merkte, dass es Pippin schlechter ging, und Merry war so aufgeregt, dass er gar nichts mehr sagte.
Sie erreichten Minas Tirith und Faramir brachte Pippin so schnell wie möglich in die Häuser der Heilung. Merry ging mit ihm und beschloss auch bei seinem Freund zu bleiben, so lange bis es ihm wieder besser ging.
Die Heiler gaben Pippin eine scheußlich schmeckende Flüssigkeit, die seinen Zustand aber sofort etwas verbesserte. Dennoch sollte er eine Weile dort bleiben, und Pippin machte sich schlimme Vorwürfe, sich nun sozusagen selbst von der Suche nach Frodo ausgeschlossen zu haben. Faramir, der noch ein Weilchen bei den beiden Hobbits blieb, betonte aber immer wieder, dass er sich keine Vorwürfe machen sollte, doch Pippin ließ sich nicht überzeugen. Er wusste, dass es ganz allein seine Schuld war, und nun blieb Merry auch noch bei ihm und konnte nicht bei der Suche nach Frodo helfen. Während die beiden Hobbits noch eifrig diskutierten und Pippin sich immer wieder selbst die Schuld gab, verließ Faramir leise den Raum und suchte den Rest des Suchtrupps auf, der bereits wieder in den großen Hallen war.
"Was ist denn nun mit ihm?" wurde Faramir sogleich von Gimli gefragt, der sich mittlerweile von Legolas ein schlechtes Gewissen hatte einreden lassen, weil er Pippins Situation nicht so ernst genommen hatte.
"Es geht ihm soweit gut, er bekommt Medizin, muss aber in den Häusern der Heilung bleiben. Merry wird bei ihm bleiben und auf ihn acht geben."
Nach einer Zeit betrat auch Gandalf den Raum, auf ihn hatten sie gewartet, ersetzte sich an einen Tisch und fragte nach dem Grund der plötzlichen Rückkehr des Suchtrupps. Als ihm von Faramir berichtet wurde, was geschehen war, konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Immerhin wisst ihr jetzt in etwa die Richtung. Das ist ein großer Vorteil."
Legolas berichtete Gandalf noch etwas von den Spuren, die er gefunden hatte und Faramir hatte sich bereits in einer kleinen Ecke des Raumes zurückgezogen und lauschte Legolas´ Berichten, als plötzlich die Tür aufging und ein Mann in einen Umhang gehüllt den Raum betrat.

Bergil war nicht mehr weit gelaufen, als er irgendwann verzweifelt in die Knie ging und den Kopf unter seinen Armen verbarg. Er kauerte sich auf den Boden und weinte. Die Verzweiflung hatte keinen Namen, er konnte sie nicht in Worte fassen, es war ein Gefühl voller Leere in ihm, Leere und Schuldbewußtsein.
Er war weggelaufen wie ein Feigling, er hatte Frodo und Toron alleingelassen, war einfach abgehauen und jetzt war alles aus. Es war Torons Todesurteil, da war Bergil sich sicher und Frodo würde ohnehin sterben.
Er hatte es nicht einmal versucht. Er hatte zu früh aufgegeben, jetzt waren sie den Feinden ausgeliefert und er war einfach weggelaufen.
Daß Toron es ihm gesagt hatte, zählte für ihn nicht. Schluchzend wiegte er sich hin und her, umklammerte seine Beine und hob den Kopf.
„Warum? Warum muß das alles passieren? Warum?!“ schrie er und die Trauer und Verzweiflung brachen aus ihm heraus. Außer sich schrie er, es war ihm egal, ob man ihn noch verfolgte, alles war ihm egal. Ihm war nur nicht egal, daß er seine Freunde im Stich gelassen hatte, denn das waren sie, seine Freunde... wie ein reudiger Hund war er davongelaufen. Sein Vater würde sich schämen für ihn.
Zu allem Überfluß hatte er jemanden umgebracht. Es war ihm gleichgültig, ob er nun auf der anderen Seite gestanden hatte oder was auch immer - er war tot und niemand hatte es verdient, so zu sterben. Niemand.
Notwehr... aber wie es dazu gekommen war, interessierte Bergil nicht mehr. Er krallte seine Finger in den Waldboden und ballte eine Hand plötzlich zur Faust, mit der er auf den Boden schlug und irgendwann lag er dann da, regungslos und schluchzend und konnte überhaupt nicht begreifen, was geschehen war. Eine derartige Angst hatte er noch nie erlebt, er wußte, es war ernst, sehr ernst und er fühlte sich so hilflos.
Über seinem Kopf und den Baumwipfeln zogen dunkle Wolken dahin und er wischte sich die Tränen aus den Augen. Sollte der Regen doch kommen. Ihm war alles egal. Er schämte sich so sehr, daß er sich wünschte, an Torons Stelle zu sein und bestraft zu werden... bestraft. Was, wenn sie ihn wirklich umbrachten? Frodo hatte so laut geschrien, was...
„Toron, es tut mir leid, ich... bitte...“ brachte Bergil stockend hervor und plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er lag auf dem Boden herum, während Toron tot sein konnte und auch Frodo hatte es nicht mehr weit bis dahin.
Er sprang auf, steckte den Dolch zurück in seinen Stiefel und lief los in Richtung Minas Tirith.
Wenn es irgendwo Hilfe gab, dann dort, er würde sie holen, er würde jemanden finden, der mit ihm versuchte, die anderen vor diesen Wahnsinnigen zu retten, die überhaupt keinen Verstand mehr besaßen und Gnade überhaupt nicht kannten...
So schnell ihn seine Füße trugen, rannte Bergil durch den Wald, begleitet vom ersten Donnergrollen.

Aragorn lief schnellen Schrittes durch den Wald in Richtung Minas Tirith. Oft drehte er sich um, blieb stehen und lauschte, aber er konnte keine Verfolger ausmachen, die ihm eventuell auf der Fährte waren und ihm folgten.
Er musste etwas tun, so viel wusste er. Er war nicht fähig, Legolas zu töten, nie würde er fähig sein, seinen Freund, der ihm in mancher Schlacht beigestanden hatte und ihm oft geholfen hatte, zu töten. Der Verschwörerbund verlangte zu viel von Aragorn, das war ein Opfer, das selbst er nicht bringen konnte, nicht mal für das Wohl seiner Familie. Hätte Aragorn selbst eine gefährliche Prüfung bestehen müssen, hätte er keine Sekunde gezögert, aber so eine Aufnahmeprüfung war für ihn unmöglich.
Er musste Legolas warnen und hoffte sehr, ihn in Minas Tirith zu treffen. Er musste ihm sagen, wo er sich mit den Mitgliedern der Verkünder der Finsternis befand, der Elb durfte auf keinen Fall in seine Nähe kommen, am besten würde niemand in seine Nähe kommen.
Denn sollte es doch so sein, würde Aragorn sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden müssen.
Entweder er verschonte Legolas, dann würden sie erkennen, dass Aragorn selbst gelogen hatte und seine Familie und wahrscheinlich auch ihn selbst töten.
Oder aber er musste das tun, was die Verschwörer als Prüfung von ihm verlangten, Legolas töten, und somit das Leben seiner Familie und sein eigenes retten. Doch Aragorn wusste, dass er das nicht übers Herz bringen würde, also musste Legolas von ihm fern bleiben. Am liebsten hätte Aragorn es gehabt, dass niemand mehr in seiner Nähe war, denn sonst, so fürchtete er, suchten sich die Mitglieder ein neues Opfer aus.
Aragorn wusste, dass sie Legolas keinesfalls zufällig gewählt hatten, sie hatten sie beide beobachtet und wussten, dass der Elb sein Freund war.
Die Mitglieder des Bundes waren grausam, von ihm ein solches Opfer zu verlangen, und schweren Herzens dachte Aragorn an Frodo. Auch er würde mit Sicherheit ihre ganze grausame Boshaftigkeit zu spüren bekommen. Sie waren Unmenschen, und langsam kümmerte es Aragorn nicht mehr, wie alt sie waren, denn sie waren schlimmer als manch Erwachsener. So eine Grausamkeit und solch einen Hass gegen alles Gute hatte er noch kaum gesehen. Aragorn war sich sicher, dass sie allesamt vom Bösen eingenommen waren. Morgoth hatte ihre Seelen alle vergiftet.
Orks wollten einen töten, diese Verschwörer jedoch versuchten einen zu zerstören auf eine ganz andere Art und Weise, als einem das Leben zu nehmen. Sie wollten ihn brechen, sein Herz vergiften, auf eine viel grausamere Art, als ihn nur zu töten. Zu sehen, wie seine Familie stirbt, oder seinen Freund ermorden zu müssen, war für Aragorn schlimmer als sein eigener Tod, und genau das wussten sie. Sie hatten seinen wunden Punkt getroffen und setzten alles daran ihn an seine Grenzen zu treiben. Doch Aragorn wollte es nicht zulassen, dass sie ihn brachen, so lange er noch am Leben war, würde er sich weder für die eine Möglichkeit entscheiden, noch für die andere.
Langsam näherte er sich der weißen Stadt und bevor er an den ersten Häusern vorbeilief, spähte er noch einmal um sich, und zog sich seinen Umhang über den Kopf, und soweit es ging in sein Gesicht hinein, damit ihn niemand erkannte.
Eilig lief er durch die Stadt, und versuchte von niemandem gesehen zu werden. Seine Fähigkeiten als Waldläufer waren ihn in diesem Fall von großem Nutzen.
Er huschte durch mehrere hintere Gassen, bis er dann schließlich leise und unmerklich die Treppen, die in die große Halle hineinführten, hinaufschlich.
Er versuchte, so wenig wie möglich Geräusche zu machen, als er durch die Gänge schlich und sein Ohr hier und da an die Wand hielt und lauschte. Aus einem Zimmer hörte er Stimmengemurmel, und er war sich sicher, dass es Gandalfs Stimme war, die er mit großer Bestimmtheit heraushörte. Jetzt hörte Aragorn auch Gimli, und er wusste, dass Legolas nicht weit sein konnte. Unmerklich öffnete Aragorn die Tür und spähte durch den geöffneten Spalt. Er wollte sich versichern, dass auch niemand anderes im Raum war, der eventuell gefährlich werden konnte, weil man sich nicht sicher war, auf welcher Seite dieser Jemand stand.
Vorsichtig lugte er durch den Spalt hindurch und stellte mit großer Erleichterung fest, dass nur noch Faramir mit im Raum war.
Gandalf saß an einem Tisch und Legolas und Gimli standen vor ihm. Faramir hatte sich in einer Ecke zurückgezogen und lauschte dem Gespräch der anderen.
Als Aragorn keine Gefahr erkannte, trat er schnell in den Raum, und zog seinen Umhang vom Kopf. Dabei schloss er schnell und leise die Tür.
Die Blicke der anderen richteten sich sofort erstaunt auf ihn.
"Aragorn", sagte Gimli mit erstauntem Blick, und Legolas bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte.
"Wo warst du, Aragorn", fragte er in besorgtem Ton.
"Das kann ich euch nicht ganz so genau erklären, die Zeit drängt, aber ihr müsst mir helfen!"
"Sprich, was ist geschehen", fragte Gandalf, und Faramir kam nun auch in Aragorns Nähe, um besser mithören zu können. Aragorn sah Gandalf an, und sagte dann: "Wissen sie schon von dem Brief?"
"Nein, aber ich hatte mir schon gedacht, dass dein Verschwinden damit zusammenhängt."
Aragorn blickte in die Runde und bemerkte überall erwartungsvolle Augen.
"Kurz vor Frodos Entführung erreichte mich ein Brief von den Verkündern der Finsternis, in dem geschrieben stand, dass, sollte ich mich in ihre Angelegenheiten einmischen, würden sie meiner Familie etwas antun. Als ich aber dann von Frodos Entführung erfuhr, handelte ich zu schnell und schickte euch als Suchtrupp hinterher. Mir wurde klar, dass ich dadurch ihre Warnung missachtet hatte, und versuchte meine Familie in Sicherheit zu bringen, indem ich mich mit Arwen und Eldarion heimlich auf den Weg nach Rohan machte."
Gandalf sah Aragorn ruhig an, er konnte ihn verstehen, dann fuhr Aragorn fort: "Das stellte sich jedoch als furchtbarer Fehler heraus, denn sie verfolgten mich, und brachten meine Frau und meinen Sohn in ihre Gewalt."
Gandalfs Augen weiteten sich, und auch Gimlis Augen wurden größer vor Entsetzen. "Sie haben deinen kleinen Sohn", fragte er, und schien es kaum zu glauben.
"Ja, und Arwen", bestätigte Aragorn.
Gandalf stampfte mit seinem Zauberstab energisch auf den Boden. " Das darf nicht wahr sein!"
"Es war mein Fehler, ich hätte dich um Rat fragen sollen, bevor ich meine Entscheidung getroffen habe, zu verschwinden." Aragorn blickte auf die Erde und schluckte. Legolas legte ihm die Hand auf die Schulter.
Gandalf überlegte einen kleinen Augenblick, dann sagte er schließlich: "Nein, Aragorn, diese Leute sind unberechenbar, sie hätten Arwen und Eldarion genauso gut aus den Hallen hier holen können. Wir wissen nicht, wer schon zu ihnen gehört, wir können aber auch nicht alle Leute von hier fern halten, denn selbst die Wachen könnten eine Gefahr sein."
"Es ist nicht deine Schuld, Aragorn, wir waren nur etwas verwirrt, weil du plötzlich verschwunden warst, und dich jemand bei den Verschwörern gesehen hatte und uns das meldete", sagte Legolas und sah Aragorn eindringlich an. Er vermied es zu berichten, dass einige Leute kurzzeitig den Verdacht aufkommen ließen, der König hätte die Seiten gewechselt.
"Einige hatten bestimmt allen Grund, zu glauben, dass ich sie bei ihnen verraten habe", meinte Aragorn, als würde er Legolas´ Gedanken erraten.
Niemand antwortete, und so ergriff Aragorn erneut das Wort.
"Es spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr, denn ich gab bei den Verschwörern vor, an ihren Taten interessiert zu sein, ich..."
"Wie hast du das gemacht?" fiel Gimli ihm ins Wort.
"Indem ich ihnen sagte, dass ich als König so viel Macht habe, dass ich schon längst etwas gegen sie hätte unternehmen können, weil ich von ihrer Existenz bereits wusste.
Das war natürlich gelogen, ich habe erst durch Bergil von dieser Gruppe gehört, und der sagte mir das kurz nach Frodos Entführung. Wie auch immer, dieses Argument schien sie vorerst etwas zu überzeugen, sie nahmen mich mit, taten meiner Familie nichts, bewachten mich aber ständig, um zu sehen, ob es mir ernst war. Es schien ihnen sehr zu gefallen, mich als König vielleicht bald in ihrem Bund als Mitglied begrüßen zu dürfen, denn durch mich könnten viele Menschen ebenfalls dazu überzeugt werden, in den Bund einzutreten."
"Das ist logisch, den König auf seiner Seite zu haben, ist von großem Vorteil", meldete sich Faramir zu Wort.
"Nun ja, sie vertrauen mir aber noch nicht ganz, und sie erwarten von mir einen Beweis, den ich unmöglich erbringen kann."
Aragorn sah Legolas in einer Art und Weise an, die selbst den Elben etwas aus der Ruhe brachte, so dass es schließlich fragte: "Was ist das für ein Beweis?"
Aragorn blickte den Elben tief in die Augen, und sagte dann: "Ich soll dich töten."
Gandalf schluckte, alle außer Legolas selbst sahen Aragorn entsetzt an.
"Sie glauben, wenn ich meinen Freund töte, würde ich damit beweisen, dass ich zu ihrer Seite gehöre, und dass es mir absolut ernst ist mit ihnen. Sie haben uns auf dem Fest beobachtet, Legolas, sie wissen von unserer Freundschaft. Wenn ich es nicht tue, dann töten sie meine Frau und meinen Sohn."
Legolas sah Aragorn immer noch ganz ruhig und freundlich an, und Aragorn war ihm dankbar dafür.
"Diesen Beweis kann ich aber nicht erbringen", sagte Aragorn bedrückt, und wich dem Blick des Elben nun aus. Wieder herrschte einen Moment lang Stille, und wieder ergriff Aragorn das Wort. "Ich muss jetzt wieder zurückgehen, sonst ahnen sie noch etwas. Sie glauben nämlich, ich wäre auf der Suche nach dir, um ihnen dann Bescheid zu sagen, wo du dich aufhältst. Sie wollen dabei sein und zusehen, wenn ich es tue. Ich werde ihnen berichten, dass ich dich nicht gefunden habe, halte dich bitte fern von mir, vielleicht geben sie mir dann eine andere Prüfung."
"Aber, wer weiß, was sie dir als nächstes auferlegen? Und dann hast du vielleicht nicht mehr die Gelegenheit, dem zu entkommen, und musst dich vielleicht noch selbst in Gefahr bringen. Solch ein Risiko darfst du nicht eingehen, du bist König, dein Volk braucht dich!" meinte Legolas bedächtig.
"Was soll ich denn tun? Ich werde dich gewiss nicht töten, um dieses Risiko zu umgehen. Wir befinden uns alle in Gefahr, selbst hier in Gondor ist niemand sicher, nicht einmal ich."
"Dann müssen wir wohl einen anderen Weg finden", warf Gandalf ein, und begann im Raum auf und ab zu laufen.
Gimli blickte mal wieder mürrisch drein und sah so aus, als wäre er etwas genervt. "Und was soll das für ein Weg sein", fragte er brummig, "Soll Legolas etwa toter Elb spielen?"
Gandalf warf dem Zwerg einen bösen Blick zu, doch dann hellte sich seine Miene sofort wieder auf, und er sagte: "Das wäre in der Tat keine schlechte Idee." Er blickte Legolas erwartungsvoll an, und der Elb verstand bereits, worauf er hinaus wollte.
Auch Aragorn begann nun im Raum auf und ab zu schreiten. "Nein, das will ich nicht von Legolas verlangen, außerdem ist es zu gefährlich, ich will ihn nicht in unmittelbare Gefahr bringen. Ich gehe lieber wieder alleine zu ihnen zurück."
Legolas trat vor Aragorn und legte ihm diesmal beide Hände auf die Schultern. Er blickte Aragorn entschlossen an. "Ich würde es für dich und deine Familie tun, mein Freund."
Araggorn lächelte und sah den Elb dankbar an, dann jedoch stieg wieder ein Ausdruck des Zweifelns in sein Gesicht. "Ich weiß aber nicht, wo sie sich befinden werden, wenn ich es tun soll. Ich denke, sie würden versuchen ganz in der Nähe zu sein, um sicher zu gehen.
Und außerdem müsstest du alleine sein, denn der Rest von euch darf nicht die Möglichkeit bekommen, mich zu hindern. Allerdings wäre es auch auffällig, wenn du von Anfang an alleine bist. Die anderen müssten sich aus irgendeinem Grund entfernen."
"Das lässt sich machen", sagte Legolas.
Aragorn war, trotzdem er den Elben schon viele Jahre kannte, erneut erstaunt über seine selbstlose Hilfsbereitschaft.
"Du sagst, sie wollen zusehen", fragte Legolas nach.
"Ja, sie wollen ganz sicher gehen, sie wollen es mit eigenen Augen beobachten."
"Der Wald ist dicht, sie werden eine Stelle suchen, die frei von Bäumen ist, und wo sie möglichst nahe an das Geschehen rankommen können. Wie viele sind es und wo befinden sie sich gerade?"
"Es sind fünf, und einer davon ist selbst mir unheimlich. Manchmal scheint es, als wäre er vom Bösen regelrecht besessen. Man kann sich nicht sicher sein, auf welche Gedanken dieser Knabe noch kommt." Aragorn versuchte eine möglichst präzise Wegbeschreibung abzuliefern. Er erinnerte sich daran, einen großen Felsbrocken in ihrer Nähe gesichtet zu haben, und Legolas ahnte wo etwa sie sich befinden mussten.
"Da ist eine Lichtung in der Nähe, von dort aus könnten sie dich gut beobachten. Wenn du sie dort hinlockst, dann wäre das bestimmt ein passender Ort für sie, und ich wüsste, wo du dich befindest, und kann mit dem Suchtrupp dort hingehen. Dann bleibe ich allein auf dieser Lichtung, und du könntest dafür sorgen, dass sie dir vertrauen."
Der Elb sah immer noch ruhig und überlegt aus, nur Gimli war etwas hektisch. "Wie wollt ihr denn das machen? Das ist doch verrückt, und könnte zudem noch schieflaufen!"
"Ja, aber es hilft Aragorn", sagte Legolas in bestimmtem Ton.
Aragorn lächelte. "Du musst das nicht tun."
"Es ist für dich und deine Familie, und vielleicht helfen wir sogar Frodo damit, denn wenn sie dir vertrauen, verraten sie dir vielleicht auch den Ort, wo sie ihn hinbringen."
"Das ist wahr", sagte Gandalf, "Frodo würde dadurch auch eine Chance bekommen, gefunden zu werden."
"Ihr habt recht, vielleicht ist es ein guter Plan. Ich hoffe nur, die fünf halten sich an ihr Wort, und verlangen nicht plötzlich noch etwas anderes", murmelte Aragorn und sah den Elb an, der angestrengt zu überlegen schien.
"Sollten sie wirklich noch etwas ganz spontan ändern sollen, dann haben wir doch immer noch die Möglichkeit so einzugreifen, dass du überhaupt nicht in Verdacht kommst", meinte Faramir bedächtig.
Gimli schüttelte energisch den Kopf und flüsterte immer wieder für die anderen kaum hörbar: "Mit was für Leuten bin ich nur befreundet, die sind allesamt verrückt."
Aragorn besprach noch schnell mit Legolas den genauen Ablauf des Plans. Sie entwickelten eine sehr gut durchdachte Abfolge. Der Suchtrupp sollte sich von Legolas ohne viel Aufsehen ein Stück weit entfernen, der Elb sollte einfach nur warten, mit einem kleinen Beutel, der gefüllt war mit Kaninchenblut, unter seinem Gewand. Aragorn wollte dann mit einem Dolch auf Legolas losgehen, wollte ihn aber so präparieren, dass die Klinge unauffällig abnehmbar war. Dann sollte er so tun, als würde er Legolas den Dolch in die Seite seines Brustkorbes rammen, und der Elb konnte dann den Anschein erwecken, als würde er auf die Erde fallen, und sollte den Griff des Dolches so an seinen Körper gedrückt halten, dass es so aussah, als würde die Klinge in ihm stecken. Dadurch öffnete sich dann auch der Beutel mit dem Blut, und die Illusion würde perfekt sein. Aragorn könnte sich dann entfernen, und die anderen konnten herauskommen, und würden den angeblich toten Legolas finden.
Aragorn wurde durch ein Gefühl der neuen Hoffnung durchströmt, so brauchte er nicht zu töten, konnte seine Familie retten, und vielleicht sogar noch Frodo finden und ihm helfen.
Niemandem würde etwas geschehen, das war ein so erlösendes Gefühl, und alle Zweifel und Ängste fielen von Aragorn ab. Er machte mit dem Suchtrupp eine Zeit aus, wann sie sich an der Lichtung treffen würden: Am frühen Nachmittag, wenn die Sonne in einem ganz bestimmten Winkel am Himmel stand.
Aragorn verabschiedete sich mit einer Umarmung von Legolas. "Ich danke dir, wegen dir kann ich die Prüfung wenigstens in den Augen der fünf Verschwörer bestehen."
Legolas lächelte und nickte ihm freundlich zu.
Aragorn setzte sich wieder seinen Umhang auf und nickte den anderen noch mal zum Abschied zu. Dann schlich er wieder unmerklich durch die Hallen, die Treppen hinunter, durch die weiße Stadt durch, und verschwand dann im Wald. Er beeilte sich, nun fürchtete er sich nicht mehr vor der Prüfung, denn er musste sich nun nicht mehr entscheiden zwischen seiner Familie und seinem Freund. Aragorn lief weiter, und schneller als erwartet, traf er wieder auf die Fünf, die ihn schon mit finsteren Gesichtsausdrücken erwarteten.


Zweiter Abschnitt

Sam saß nervös auf seinem Bett. Den ganzen Nachmittag schon plagte ihn das ungute Gefühl, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Eowyn saß mit einem kleinen Schleifstein neben dem Bett und schärfte die Klinge ihres Schwertes. Sie hatte am Morgen bereits einen kleinen Spaziergang mit Sam gemacht, den er ohne Zwischenfälle hinter sich gebracht hatte, er konnte wieder ganz normal gehen, ohne zwischendurch ständig umzufallen, und er war alles andere als friedlich.
Sie hatte ihm versprochen, ihm zu helfen und mit ihm loszumarschieren, sobald er dazu in der Lage war und sich die Gelegenheit bot. Eigentlich warteten sie nur darauf, daß der Suchtrupp irgendwann zurückkehrte und sie sich anschließen konnten, denn allein wollten sie nicht gehen. Das war erstens zu gefährlich und zweitens konnten sie allein überhaupt nichts ausrichten. In der Zitadelle hatten sie jemanden gebeten, ihnen sofort Bescheid zu geben, wenn der Suchtrupp auftauchte, denn selbst wollten sie dort nicht den ganzen Tag warten, aber irgendwann am Abend vielleicht mal nach Gandalf sehen.
In der Zwischenzeit war es aber insbesondere Sam lieber, nicht mit ihm zusammenzusein, weil er fürchtete, ihm ständig in den Ohren zu liegen, doch etwas zu tun. Da das nicht half, wollte er dem lieber direkt aus dem Weg gehen.
„Es ist etwas passiert“, sagte er schließlich.
„Das weißt du?“ antwortete Eowyn und sah kurz von ihrer Arbeit auf.
„Ja. Angst habe ich die ganze Zeit, wogegen der Elbenstein aber hilft. Nur jetzt tut er nichts, ich werde dieses Gefühl einfach nicht los!“ Sam spielte mit Frodos Elbenstein, den er sich umgehängt hatte, solange er in seiner Obhut war.
„Und was?“
Sam zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht gut. Und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte Frodos Angst spüren. Sie nähern sich bald dem Ziel, fürchte ich.“
„Hilfreicher wäre es, wenn du wüßtest, was für ein Ziel das ist!“
Sam nickte. „Sicher. Aber das werden wir so bald wohl kaum herausfinden. Was meinst du, ob der Suchtrupp heute überhaupt zurückkehrt?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn sie nichts finden, kommen sie nicht. Das wäre in zweierlei Hinsicht schlecht. Denn das hieße, daß wir hier nicht wegkommen.“
Sam ließ den Kopf hängen. „Leider.“
Was sie bis zum Abend getan hatten, wußten sie später nicht mehr. Allerdings kam plötzlich ein aufgeregter Küchenjunge kurz vor dem Abendessen hereingestürmt und rief: "Ich habe sie gesehen! Sie sind zurückgekehrt!"
Sam und Eowyn ließen sich das nicht zweimal sagen und wollten sich auf den Weg zu den Hallen machen, aber schon im Flur von den Häusern der Heilung, hörten sie bekannte Stimmen. Sie traten in das Zimmer ein, aus dem die Stimmen kamen und sahen erstaunt Pippin im Bett liegen und Merry neben ihm sitzen.
"Was macht ihr denn hier? Sagt schon, habt ihr etwas gefunden?"
Merry grinste schief. "Pippin hätte fast den Tod gefunden, wenn er nicht von den Heilern Medizin bekommen hätte." Pippin sah beschämt zu Boden.
"Oh nein. Was ist mit dir?", fragte Eowyn aufgeregt. "Bist du krank? Haben sie euch angegriffen?"
"Also angegriffen eher nicht", murmelte Pippin verlegen. "Das ist eine ziemlich dumme Geschichte."
"Es gibt soweit nichts neues, der Suchtrupp musste leider wegen Pippin umkehren, deshalb war die Suche nicht erfolgreich", sagte Merry. "Aber Faramir ist vor kurzem in die Hallen gegangen, hätte er gewusst, dass du auch hier bist, wäre er bestimmt zu dir gegangen. Vielleicht solltest du mal hingehen", meinte Merry zu Eowyn.
Eowyn lächelte, bedankte sich bei den beiden Hobbits, nahm dann Sam an die Hand und machte sich wieder auf den Weg.
Als Eowyn und Sam die Hallen erreichten, war alles ganz ruhig, aber als sie das Beratungszimmer betraten, fanden sie dort eine furchtbare Aufregung vor.
"Das werde ich nie zulassen!" tobte Gimli und sah hoch zu Legolas, der mit unglücklichem Gesicht von links nach rechts lief. Faramir und Gandalf guckten sich nur nachdenklich an und Sam fragte: "Was ist denn hier los?"
"Aragorn war gerade hier", klärte Legolas ihn auf.
Sams Augen wurden groß. "Na, der soll sich wagen... Wo ist er jetzt hin?"
"Wieder verschwunden. Er spielt ein doppeltes Spiel, Sam. Er hat niemanden verraten", erklärte Gandalf und sie setzten sich schließlich alle zum Abendessen zusammen.
Dabei erzählte Faramir dann von der erfolglosen Suche und ihrer Rückkehr. "Was genau ist denn nun mit Pippin los?" fragte Sam, weil Faramir es vermieden hatte, auch nur ein Wort darüber zu verlieren.
"Ich glaube, das sollte er dir lieber selbst irgendwann mal erzählen", antwortete Faramir mit einem Lächeln. Danach schilderte er ihr Zusammentreffen mit Aragorn, seine überraschenden Antworten auf alle Fragen, die sich ihnen gestellt hatten, und den wahnwitzigen Plan mit Legolas.
„Ist er denn völlig verrückt?“ rief Eowyn und schluckte. Das war doch wohl nur ein Scherz! Legolas und Aragorn sollten ein Schauspiel aufführen und so tun, als würde Legolas sterben...
Sam runzelte die Stirn. „Und er ist doch verrückt.“
„Aber was will er machen? Er muß seine Familie retten und da werde ich dann wohl mitspielen!“ warf Legolas ein. Gimli schüttelte den Kopf. „Du tust gar nichts.“
Legolas ging nicht darauf ein.
„Und was passiert, wenn du dann tot am Boden liegst, Legolas?“ fragte Sam und grinste. Die Frage schoß ein wenig am Ziel vorbei.
„Nun, Teil der Abmachung mit den Verkündern war, daß er dann erstens seine Familie zurückbekommt und dann mit ins Hauptquartier darf. Wir haben mit ihm einen Treffpunkt ausgemacht, wo wir uns morgen gegen mittag zufällig begegnen sollen, er zieht dann nachher mit den Jungs ab und wir laufen hinterher. So finden wir das Versteck und das wahrscheinlich sogar rechtzeitig“, antwortete Faramir und Sam machte fast einen Luftsprung.
„Ist das wahr? Das würde ja heißen, daß Frodo gerettet ist!“
Legolas nickte. „Dann haben wir es geschafft. Ich bin wirklich erleichtert!“
„Faramir, dann könntet ihr Sam und mich doch mitnehmen“, begann Eowyn plötzlich und alle sahen sie an, dann schauten sie zu Sam und er grinste. „Was? Mir geht‘s bestens!“
„Ich finde das zu riskant, mein Freund“, brummte Gimli. Sams fröhliches Grinsen verwandelte sich in ein grimmiges Gesicht. Auch Faramir schüttelte den Kopf. „Sam wäre mehr im Weg, als daß er helfen könnte, denn du magst vielleicht nicht mehr umfallen, aber dein Arm ist noch immer gebrochen! Bleib du mit ihm hier, ich bitte dich, dann wäre mir wohler. Du weißt nicht, was die alles aushecken!“ Er sah zu Eowyn, die seinen Blick nicht erwiderte, sondern zu Sam schaute, der fast losbrüllte, aber nur entrüstet in die Runde schaute und sagte: „Ihr wollt mir doch nicht erzählen, daß ihr loszieht, um Frodo zu retten, und ich soll hier sitzen und warten?“
Darüber fingen sie dann an, sich massiv zu streiten, denn Faramir und Legolas waren partout dagegen, da Sam nicht kämpfen konnte, und Gimli machte sich Sorgen. Das Ende der Diskussion war, daß Sam wutentbrannt den Raum verließ, gefolgt von Eowyn, und damit waren ihre Befreiungspläne fürs Erste gescheitert.

„Du hast also versucht, uns zu entwischen?“ zischte Gordir und umfaßte Frodos Kinn mit seiner Hand. Frodo kniete vor ihm und wagte nicht, ihn anzusehen. Gordir war so wütend gewesen, daß er nicht mehr an sich halten konnte und sie hatten eine Pause eingelegt.
„Du hast also mit denen unter einer Decke gesteckt und wirklich gehofft, daß es euch gelingt, hier abzuhauen? Hast du doch, oder?!“
Er brüllte und schlug mit aller Kraft zu. Frodo hatte dem Schlag nichts entgegenzusetzen und ging zu Boden, wo er zitternd liegenblieb und die Augen schloß.
„Entzündet ein Feuer! Ich werde ihm zeigen, wohin er gehört!“
In Panik zuckte Frodo zusammen und er blinzelte. Gordir hockte vor ihm und grinste.
„Na, was ist? Hast du Angst, kleine Ratte? Das solltest du auch! Die Rache Melkors kann schrecklich sein!“
Frodo reagierte überhaupt nicht, sondern blieb still liegen und rührte sich keinen Millimeter. Er wagte nicht einmal zu atmen.
„Sieh mich an, Ringträger! Mach schon!“
Ängstlich öffnete Frodo die Augen und sah ihn flehend an.
„Bitte, ich...“ begann er, aber Gordir riß ihn nur hoch und zog ihn ganz nah zu sich heran.
„Was? Du bist unschuldig? Natürlich!“ Er stieß Frodo von sich, der auf dem Boden landete und versuchte, von ihm wegzurutschen.
Gordir drehte sich um und fluchte. „Was dauert das denn so lange? Habt ihr etwa die Zange nicht dabei oder was?“
Frodos Augen weiteten sich. Was hatte er vor?
Er hob vorsichtig den Kopf und sah einige um ein Feuer sitzen. Einer hielt eine Zange in der Hand und hielt etwas ins Feuer. Der Schock saß tief, Frodo schnappte nach Luft und sein Herz begann wie wild zu hämmern. Er hatte Angst, nackte Angst und Gordir beugte sich plötzlich über ihn, zog ihn wieder hoch und zerrte ihn unsanft genau vor sich. In einem eisernen Griff hielt er Frodos Oberkörper umklammert und der Hobbit spürte den schweren Atem des Mannes. Gordir hielt seine Arme schmerzhaft fest und plötzlich sah Frodo, wie der Junge vom Feuer mit der Zange auf ihn zukam. Die Zange hielt etwas Glühendes, das Frodo nicht genau ausmachen konnte, aber er begann ängstlich zu schreien.
„Bitte, tut das nicht, nein...“ bettelte er, er flehte und versuchte ergebnislos, sich zu befreien, aber Gordir rief einen weiteren Handlanger zu Hilfe, der Frodos Beine festhielt und der Junge mit der Zange kam immer näher. Frodo konnte die Augen nicht von dem glühenden Gegenstand abwenden und plötzlich zog ihm einer das Hemd ein Stückchen hoch. Die ganzen blauen Flecken wurden sichtbar und je näher das glühende Etwas kam, umso lauter schrie Frodo und wehrte sich verzweifelt, aber Gordir und sein Kumpan schafften es, ihn stillzuhalten und er schloß die Augen.
Dann plötzlich spürte er enorme Hitze auf der Haut und riß die Augen wieder auf. Was es war, konnte er nicht erkennen, aber er schrie entsetzt auf und dann war es auch schon vorbei.
Er atmete heftig und sah sich ängstlich um, doch dann ließen sie ganz plötzlich von ihm an und er konnte sehen, was es war. Es war das Zeichen einer Kette, das hatte er schon gesehen und ein Auge war damit umschlungen. Das Symbol des Geheimbundes und es hatte sich rot auf seiner Haut eingebrannt.
Gordir lachte und zog sein eigenes Hemd an der Seite hoch und zeigte Frodo sein eigenes Brandmal.
„Wer das trägt, ist mit Melkor verbunden! Du kannst nicht mehr fliehen!“ rief er und lachte. Frodo keuchte und unterdrückte die Tränen der Verzweiflung, die in ihm aufstiegen.
Er war ganz allein... Bergil war weg, keine Hilfe in Sicht, sie hatten Toron ermordet und bei ihm würden sie nicht länger warten als nötig. Sie waren so brutal und er fühlte sich elend. Das war das Ende.
Gordir stand auf und ging zur Gruppe zurück. Frodo starrte auf den Boden und atmete schwer, er zog sein Hemd wieder hoch und als er auf das Brandmal sah und den Schmerz noch spürte, begann er zu zittern und krallte sich in sein Hemd. Dann hörte er Gordir brüllen.
„Magor, verdammt! Komm her!“
Für einen kurzen Moment herrschte Stille, aber Gordir war noch nicht fertig.
„Wie kannst du nur diesen Bastard so schnell mitschleppen? Hättest du nicht merken können, daß er ein Spion ist?“
Frodo dachte an Bergil. Er war nur wegen ihm gekommen.
„Ich bitte um Verzeihung,“ antwortete Magor kleinlaut, „er hat sich so sehr bemüht und er ist ein guter Freund meines Bruders, ich dachte, ich kenne ihn...“
„Ein Freund deines Bruders. Phantastisch! Hast du nicht auch erzählt, daß dein Bruder uns verurteilt? Du verfluchter Idiot! Du nimmst jetzt jemanden mit und suchst diesen Dreckskerl!“
Magor fügte sich, nahm Waffen, aber Frodo bekam es mit der Angst zu tun. Sie hatten Toron getötet, würden ihn töten, nicht auch noch Bergil...
Er sprang auf und faßte einen Entschluß. Er mußte fliehen und Bergil warnen, er hatte doch nichts zu verlieren...
Ohne sich umzudrehen, lief Frodo los und schlug sich durchs Unterholz. Er hörte Gordir brüllen, was Frodo noch schneller laufen ließ.
„Schnappt ihn euch!“
Als Frodo sich umdrehte, mußte er feststellen, daß seine Verfolger direkt hinter ihm waren. Er war zu langsam, was auch immer er versuchte, sie kamen näher und plötzlich warfen zwei Jungs sich mit voller Wucht auf den Hobbit und rissen ihn zu Boden. Ein enormes Gewicht lastete auf Frodos Fuß, er war verrenkt vergraben unter einem der Jungs und ein hämmernder Schmerz drang in Frodos Bewußtsein.
Er biß die Zähne zusammen und wurde herumgerissen.
„Du kleine Ratte!“ brüllte der Angreifer und bevor Frodo wußte, wie ihm geschah, spürte er zwei kräftige Hände um seinen Hals und er bekam keine Luft mehr.
„Ich habe es satt!“ brüllte ihm der junge Mann ins Gesicht, während der andere ihn wegzuzerren versuchte und rief: „Hör auf, du sollst ihn nicht umbringen!“
Frodo spürte Panik in sich aufsteigen. Er konnte nicht atmen. Verzweifelt umklammerte er mit seinen gefesselten Händen das Handgelenk des Jungen und versuchte unablässig, ihn wegzustoßen, er trat um sich und plötzlich konnte er nicht mehr scharf sehen, die Luftknappheit wurde immer größer. Er zappelte und seine Lungen verlangten nach Luft, in seinem Kopf begann es zu hämmern und er kämpfte um sein Leben mit allen Mitteln.
Der Junge drückte ihm sehr fest die Kehle zu, so daß es schrecklich wehtat, und Frodo wehrte sich vergebens, er schloß mit seinem Leben ab, aber plötzlich hörte er einen Schrei und der Junge fiel zur Seite. Er ließ los und Frodo griff sich an die schmerzende Kehle.
Er röchelte und schnappte gierig nach Luft, seine Lungen füllten sich wieder mit einem Schlag und das Gefühl der Übelkeit verging langsam. Hustend richtete er sich auf und sah, wie Ortherion sich mit dem Jungen prügelte. Gordir baute sich vor ihnen auf.
„ICH bestimmte hier, wann er stirbt, nicht DU! Hast du denn den Verstand verloren? Mach das ja nicht nochmal!“
Er verpaßte dem Jungen eine Ohrfeige und zerrte Frodo hoch.
„Und du - du solltest ebenfalls nie mehr versuchen, zu fliehen! Bewegung!“
Er stieß Frodo vorwärts, aber der Hobbit konnte mit seinem rechten Fuß nicht auftreten und schrie auf vor Schmerz, als er es versuchte.
„Na wunderbar...“ stöhnte Gordir, dem klar war, daß Frodo nicht simulierte. Er hatte selbst gesehen, wie er dagelegen hatte und er schätzte das Verhalten als echt ein.
„Ich schlage dir was vor!“ rief er und starrte dem Jungen ins Gesicht, der Frodo hatte erwürgen wollen.
„Du trägst ihn. Und zwar ohne Widerrede und irgendwelche Versuche!“
Frodos Atem ging rasselnd, noch bekam er nicht normal Luft, und als der Junge ihn sich über die Schulter legte, schoß dem Hobbit das Blut in den Kopf und er begann heftig zu schmerzen. Ein starkes Pochen trieb ihn fast in den Wahnsinn, während er Schritt für Schritt weitergetragen wurde, den ganzen Tag. Es dauerte nicht lange, da zog ein Sturm auf, in der Ferne grollte der erste Donner und irgendwann waren die grauen Wolken dann überall am Himmel, rundherum über ihnen, und es begann bald in Strömen zu regnen, begleitet von Blitz und Donner. Einige der Jungs maulten, aber Gordir rief sie zur Ruhe.
Frodo spürte es kaum. Er war bald bis auf die Haut durchnäßt, aber es war ihm egal.
Sein Fuß schmerzte höllisch, er mußte ihn ganz stillhalten, um nicht aufzuschreien, denn Schmerzen konnten quälend sein.
Immer wieder hustete er und langsam konnte er wieder besser Luft holen. Dieses scheußliche Gefühl der buchstäblichen Atemlosigkeit war mit das Schlimmste, was er je erlebt hatte.
Sie marschierten den ganzen Tag ohne irgendwelche Zwischenfälle weiter. Abends schlugen sie dann wieder ein Lager auf und Gordir persönlich setzte sich als Wache neben Frodo, der sich vor Furcht nicht rührte und sich hilflos zusammenrollte.
Er dachte an Sam, an das schreckliche Geräusch eines brechenden Knochens, seine Ängste, daß sein bester Freund den Tod gefunden hätte. Sam hatte versucht, ihn zu beschützen, und hätte wieder einmal fast mit dem Leben dafür bezahlt.
Und für was? Für nichts. Frodo stand schon am Abgrund des Todes und wenn er nicht bald gefunden wurde, war es zu spät.
Er kannte diese Todesangst und konnte mit ihr umgehen. Das überraschte ihn selbst, aber die Gedanken waren alle nicht neu. Er dachte an seine Heimat, an Sam und seine Familie, alle seine Freunde... Sie würden ihn suchen, aber würden sie ihn auch finden?
Direkt vom ersten Augenblick an hatte er die Hoffnung fast aufgegeben und ein neuer Funke war nur durch Bergil und Toron entzündet worden.
Frodo hatte eine ungefähre Ahnung, was Bergil alles auf sich genommen hatte, um ihn zu finden. Seine Dankbarkeit war unbeschreiblich groß, denn Bergil hatte alles versucht, was in seiner Macht stand, auch wenn er letztendlich keinen Erfolg gehabt hatte.
Und er hatte ihm geholfen, einen ganzen Tag lang sein Leid gelindert und ihm Beistand geleistet wie ein erwachsener Mann. Davon war er auch nicht mehr weit entfernt.
Toron war ein erwachsener Mann gewesen. Aber er war tot. Er hatte auch seinen Bruder beschützen wollen, aber Frodo hörte noch immer die Flüche in den Ohren, die Torgil ihm an den Kopf geworfen hatte, bevor Toron einen schrecklichen Tod erleiden mußte.
Ohne viel Gerede hatte Gordir ihn mit seinem eigenen Schwert ermordet. Toron war tot, überall war Blut gewesen, wirklich überall, dabei war es bei ihm noch schnell gegangen.
Würde es bei Frodo selbst auch schnell gehen?
Er wußte, daß dem nicht so sein würde. Er wußte es einfach.
Er war nicht böse auf Bergil, ganz im Gegenteil. Bergil hatte das einzig Richtige getan, soviel stand fest. Er durfte nicht sterben und er hatte auch nur allein eine Chance zur Flucht gehabt.
Wenn er die anderen holen könnte...
Frodo dachte daran, daß wenn er Bergil jemals wiedersähe, sich der Frage nach Toron stellen mußte.
Es war gut, daß es dazu nie kommen würde.
Toron hatten sie einfach so getötet. Als wäre er wertlos, dabei hatte er einen außergewöhnlichen Heldenmut bewiesen, so wie Sam und Bergil auch.
Resignation erfaßte jede Faser seines Körpers. Er war allein, Bergil war weg, Toron lebte nicht mehr und er konnte ebenfalls die Stunden zählen, vermutete er.
Über diesen schrecklichen Gedanken schlief er irgendwann unbehelligt ein, aber in seinen Träumen verfolgte ihn Toron.

Bergil stolperte voran und ignorierte den Regen, der ihn durchnäßte, er lief stur weiter in Richtung Minas Tirith, begleitet vom tosenden Donner und zuckenden Blitzen, die das eintönige Rauschen des Regens unterbrachen. Die Bäume um den Jungen herum versanken im Regen und der Boden unter seinen Füßen weichte zu Matsch auf, der um seine Stiefel quoll bei jedem Schritt, aber es war ihm alles egal. Er wußte nur eins: Er mußte Hilfe holen, er merkte sich den Weg, er würde die Stelle finden, an der er Toron und Frodo verlassen hatte, und ab da würde er den Spuren bis zum Ziel folgen. Mit Verstärkung. Nichts war ihm wichtiger, als rechtzeitig zu kommen, Toron und Frodo zu helfen, sie vor dem Tod zu bewahren, irgendwie...
Er hatte es Sam versprochen. Aber ihm würde er jetzt mit leeren Händen, mit wahrhaft leeren Händen gegenübertreten.
Er schämte sich. Er hatte nichts von dem geschafft, was er sich vorgenommen hatte, Frodo war noch immer in der Gewalt dieser Wahnsinnigen und er lief mutterseelenallein durch den Wald.
Irgendwann ließ der Regen nach und als der Donner schließlich zum letzten Male verhallte, hielt Bergil inne. Er war gerade in einem dichten Kiefernwäldchen und hörte Zweige knacken - und Stimmen.
Ihm wurde heiß. Also verfolgten sie ihn doch!
Er drehte sich um und suchte. Da war niemand. Keiner zu sehen.
Aber die Stimmen hörte er trotzdem.
Wenn er jetzt loslief, würden sie ihn ebenfalls hören. Ihm blieb nur eines übrig: Er mußte sich so schnell wie möglich verstecken!
Er sah sich fieberhaft um. Da war ein Gebüsch. Ein dichtes Gebüsch. Sollte er einen Hechtsprung wagen?
Er entschied sich dagegen und schlich auf leisen Sohlen hin, dann legte er sich sachte auf den Boden und machte sich so klein wie möglich. Dann wartete er.
Der aufgeweichte Boden roch stark nach Erde, seine Finger sanken im Matsch ein und er wollte lieber nicht wissen, wie er aussah, wenn er wieder aufstand.
Aber immerhin, wenigstens war er dann getarnt. Natürlicher Tarnanzug, zwischen Bäumen nur schwer auszumachen.
Grinsend wälzte er sich auf dem Boden und war schließlich über und über voll mit Schlamm.
Plötzlich knackten ganz in der Nähe einige Zweige und er hielt inne.
Jetzt konnte er sie sehen. Es waren Magor und ein Kumpan.
„... vorhin gesehen! Er ist hier, verdammt! Weit kann er nicht sein!“
Verdammt! Innerlich fluchte Bergil. Er hätte besser aufpassen sollen. Ihm hätte klar sein müssen, daß Gordir es nicht einfach auf sich sitzenließ, daß sich ein Spion aus dem Staub gemacht hatte.
Magor würde ihn in Stücke reißen, wenn er ihn fand.
Bergil kauerte sich flach auf den Boden. Er dachte nach. Seine Hose war von Natur aus braun, sonnengegerbtes Leder, und das Hemd war jetzt nicht mehr weiß, sondern voller Schmutz. Vielleicht hatte er Glück...
Gut, daß er seine schwarze Oberkleidung weggeworfen hatte. Die würde nur stören.
Sie kamen näher. Er wagte kaum zu atmen. Der andere sagte plötzlich: „Hier sind Fußabdrücke. Er war hier. Wo führen die hin?“
Magor kam dazu und suchte die Gegend mit Blicken ab. Noch fünf Meter bis zu dem Gebüsch.
Über das Gras hinweg spähte Bergil nach vorn und sah, wie die beiden suchten, er betete innerlich, daß sie ihn nicht finden würden...
Sie kamen näher. Bergil zog das Bein an, um im Notfall schnell nach dem Dolch greifen zu können.
Jetzt standen sie genau vor dem Gebüsch, das dicht belaubt war, und Magor spähte hinein. Bergil hielt die Luft an und bewegte sich kein Stück. Die Hände lagen unter seinem Körper, alles andere hob sich farblich wohl kaum vom Boden ab...
Schließlich wandte Magor sich kopfschüttelnd ab und sagte: „Der Mistkerl war schneller. Er ist nicht mehr hier!“
Der andere sah ihn an. „Aber wo soll der hin sein? Das hätten wir gehört!“
„Ach, was soll‘s. Suchen wir weiter. Bin mal gespannt, was der Boss tut, wenn wir auch den Verräter noch anschleppen! Ich glaube, er war vorhin ziemlich sauer...“
Sie entfernten sich langsam und Bergil spürte, wie ihm heiß wurde. Sie hatten von Toron geredet! Was war geschehen? Was hatten sie mit ihm gemacht?
Als sie weit genug weg waren, sprang Bergil dreckbesudelt aus dem Gebüsch und lief weiter. Das konnte noch richtig heiter werden.
Es wurde an diesem Tag nicht mehr richtig hell, die Wolken verzogen sich nicht und die Dämmerung kam früh. Bergil verfluchte diese Tatsache, spähte er doch überall aufmerksam nach seinen beiden Freunden aus, die nicht weit sein konnten, und kriegen lassen durfte er sich nicht. Dann wäre nicht nur er geliefert, sondern auch Frodo.
Überall hielt er Ausschau nach ihnen, aber er konnte sie bis zum Schluß nicht sehen, doch am Abend erreichte er endlich das Ende des Druadanwalds und sah die Ebene vor sich. Jetzt noch längstens zwei Stunden, wenn er sich beeilte, und er war in der Stadt!
Er verließ den Wald und hörte plötzlich Gebrüll.
Ganz in der Nähe brachen Magor und sein Begleiter mit gezogenen Schwertern aus dem Gebüsch.
„Mist!“ entfuhr es Bergil und er rannte los. Sie hatten auf ihn gewartet!
Jetzt war es zu spät. So schnell er konnte, spurtete Bergil über die Wiesen und auf eine Siedlung zu, die vielleicht eine halbe Meile entfernt war.
Jetzt hieß es durchhalten.
„Bleib stehen, du Dreckskerl!“ schrie sein Verfolger und Bergil drehte sich nicht um, sondern lief immer nur weiter, bis ihm fast die Luft wegblieb, aber seine Verfolger ließen sich nicht abschütteln.
Allein hatte er keine Chance. Bergil lief auf die Höfe zu und schrie aus Leibeskräften: „Hilfe!“, woraufhin es nicht lange dauerte, bis einige Menschen gelaufen kamen, um zu sehen, was los war. Zwei Bauern standen mit Sensen bewaffnet in den Feldern und Bergil lief noch einmal schneller.
Als er sich umsah, entdeckte er, daß die zwei es nicht ganz schafften, ihn einzuholen, und mit letzter Kraft schaffte Bergil es schließlich, die Menschen zu erreichen, wo er dann auch stehenblieb und sich umdrehte. Magor und der andere standen im Feld und starrten ihn bitterböse an.
„Das wirst du noch bereuen, du Verräter!“ schrie Magor und Bergil grinste.
„Dann komm doch und hol mich, du Idiot, und klopf keine großen Sprüche! Ich schwör dir eins, wenn den beiden was passiert, bist du mit dran!“ Er stemmte die Arme in die Seiten und sah zu einem der Bauern, der ihn mit fragenden Blicken bedachte. Magor und sein Begleiter zogen unverrichteter Dinge wieder ab und verschwanden schließlich im Wald.
„Danke, ihr habt mich wirklich gerettet!“ brachte Bergil irgendwann hervor, als er wieder Luft bekam, und keuchte noch immer. So schnell war er noch nie gelaufen.
„Waren die zwei etwa auch von diesen Verrückten?“ fragte einer der Bauern und Bergil nickte. „Ja, von dem Geheimbund. Sie hecken eine ziemliche Schweinerei aus und ich habe, um einem Freund zu helfen, mich scheinbar angeschlossen, aber bin aufgeflogen und mußte fliehen. Vielen Dank, wenn die mich erwischt hätten, wäre es wohl bald aus mit mir gewesen!“
Der Bauer schüttelte den Kopf. „Diese Jungs sind wirklich verrückt. Du siehst mir auch nicht so aus wie einer von denen. Einer aus dem Dorf hier ist losgezogen und hat sich denen angeschlossen, das können wir immer noch nicht ganz glauben. Aber woher kommst du? Dich habe ich hier noch nie gesehen!“
Er hatte ein offenes, freundliches Gesicht, steckte die Sense wieder weg und klopfte Bergil auf die Schulter. „Es gehört Mut dazu, sich mit denen anzulegen, glaube ich.“
„Es geht um das Leben meines Freundes“, erwiderte Bergil nur verlegen und der Bauer nickte wissend.
„Ist es also schon soweit. Sie schnappen über.“
Bergil nickte und sagte: „Ich bin aus Minas Tirith, wo ich auch schnellstens hin zurückkehren werde. Ich muß sehen, daß ich Gandalf Bericht erstatte und um Hilfe bitte.“
„Gandalf! Du kennst den Zauberer? Das ist ja was! Aber ich kann dir helfen, ich muß heute noch in die Stadt und etwas regeln. Du kannst auf meiner Kutsche mitfahren - wie war gleich dein Name?“
„Bergil, Beregonds Sohn, mein Herr.“
Dem Bauer blieb der Mund offen stehen.
„Aber du und dein Vater, ihr wart doch im Krieg, ich meine...“
Bergil nickte. „Er sollte sterben und ich habe ihn gerettet, das stimmt.“
Schließlich saß er mit dem Bauer auf der Kutsche und sie fuhren auf die Hauptstadt zu. Während die untergehende, glühend rote Abendsonne unter den Wolken hervorbrach und über die dampfenden Felder die letzten Strahlen aussandte, erzählte Bergil dem Bauern von seinen zahlreichen bisherigen Abenteuern und der Mann freute sich sehr, einen solch gesprächigen Gast bei sich zu haben.
Normalerweise war Bergil nicht so redselig, aber daß er jetzt soviel schwatzte, hatte einen ganz einfachen Grund: Er wollte die Angst verdrängen, die in ihm schwelte.
Als es schon dunkel war, baten die beiden am Stadttor um Einlaß.
„So späte Besucher? Was wünscht ihr?“ fragte einer der Wächter und Bergil stand auf.
„Ich habe wichtige Nachrichten für Gandalf und den König. Es geht um den Geheimbund.“
Der Wächter bekam große Augen und öffnete das Tor. Klappernd rollte die Kutsche hindurch und mit einem Krachen schloß sich das Tor wieder.
„So, hier bin ich auch schon. Es war mir eine Freude, dich mitnehmen zu können!“
„Vielen Dank auch, mein Herr. Danke!“ rief Bergil und rannte los zum letzten Ring der Stadt. Aus den Kneipen drang lautes Gelächter, er hielt überall Ausschau nach Mitgliedern des Geheimbundes, aber es waren keine da.
Klar. Die hatten gerade alle etwas anderes zu tun.
Völlig aus der Puste kam Bergil an der Zitadelle an und die Wächter musterten ihn zwar komisch, als er so völlig schmutzverkrustet durch das Tor ging, aber da sie ihn kannten, sagten sie nichts.
Zielstrebig lief Bergil zum Beratungszimmer und klopfte. Er hörte Stimmen und trat schließlich ein.
Da waren sie, Gandalf, Faramir, Legolas und Gimli, sie saßen zusammen und berieten sich. Als sie Bergil eintreten sahen, sprangen sie aufgeregt auf und Gimli rief: „Wie siehst denn du aus?“
Faramir konnte sein Lachen nicht unterdrücken und auch Legolas ließ sich zu einem Grinsen hinreißen, als er Bergils Aufzug sah. Nur Gandalf fragte: „Was war los? Erzähl schon!“
Bergil bat erst einmal um etwas Wasser, setzte sich dann auf einen Stuhl und man brachte ihm auch frische Kleidung. Dann begann er zu erzählen und als er geendet hatte, sahen Faramir und Legolas sich bedeutungsvoll an.
„Das heißt, sie haben dich jetzt als Spion enttarnt und du schwebst in Lebensgefahr!“
Bergil nickte. „Die Situation ist wirklich ernst. Frodo hatte eine unglaubliche Angst. Ich hätte mich fast umgebracht, als ich fliehen mußte, und ich hatte es auch nicht leicht, herzukommen, aber jetzt bin ich ja endlich hier. Bitte, nehmt mich morgen bei der Suche mit, ich muß Frodo doch helfen!“
Legolas schüttelte den Kopf. „Wenn sie dich kriegen, bist du tot! Das können wir nicht machen!“
Und wieder begann eine Diskussion darüber, ob man ihn nun mitnehmen sollte oder nicht, aber für Bergil war die Gefahr einfach zu groß und sie weigerten sich.
Bergil wurde sehr wütend darüber, aber Gandalf sagte nur beschwichtigend: „Geh zu Sam in den Häusern der Heilung und erzähle ihm von Frodo, er wartet doch so sehr auf eine Nachricht von ihm!“
Brummend tat Bergil schließlich, wie ihm geheißen wurde, und verschwand.

Trübselig saß Sam auf dem Bett, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und sah zu Eowyn.
„Und du willst wirklich nicht mit mir allein aufbrechen?“ fragte er verzweifelt, aber sie schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht, Sam. Versteh mich doch! Was sollen wir schon ausrichten? Ich meine, du bist verletzt und ein Hobbit. Mutig zwar, aber dennoch klein. Und ähnlich ist es bei mir. Ich bin auch zu allem entschlossen, aber ich bin eine Frau und wenn ich mich einem Halbwüchsigen gegenüberstelle, ist er mir dennoch überlegen. Außerdem will ich gar nicht davon sprechen, daß wir nur zu zweit sind und keine Möglichkeiten haben, etwas zu tun.“
Sam starrte an die Decke. Jetzt waren die anderen schonmal da, seine Freunde, und dennoch trennten sie ihn mutwillig von Frodo. Er konnte es nicht verstehen.
Plötzlich wurden sie beide von einem zaghaften Klopfen an der Tür aufgeschreckt und dann ging die Tür auch schon auf. Herein kam Bergil .
Beide standen sie überrascht auf und Sam lief direkt zu ihm.
„Wo ist Frodo? Was ist mit ihm? Was machst du überhaupt hier?“ fragte er aufgeregt und Bergil setzte sich erst einmal, bevor er die beiden ansah und zu erzählen begann.
„Ich habe Frodo gestern Mittag zum ersten Mal gesehen. Anlügen will ich dich nicht, Sam, also sage ich dir die Wahrheit. Er sah nicht gut aus, du kannst es dir sicher vorstellen, wenn ich sage, daß sie keine Rücksicht genommen haben, sie haben ihn geschlagen, er war völlig verängstigt und hat selbst mich am Anfang für einen Feind gehalten. Ich war entsetzt, als ich ihn sah, aber er lebte und das erleichterte mich dann doch ein wenig.“
Sam nickte bedächtig und Eowyn sah erwartungsvoll auf Bergil.
„Ich habe mich seiner angenommen, Elbisch mit ihm sprechen können und so habe ich auch einiges herausgefunden. Das war sehr gut. Er war sehr schwach, hatte um jeden Tropfen Wasser kämpfen müssen, aber das habe ich dann für ihn getan und ihn getragen. Es war alles andere als schön. Ich habe in etwa aufgeschnappt, wie brutal sie waren, teilweise war das unübersehbar, aber als ich da war, haben sie ihn weitestgehend in Ruhe gelassen. Er hat auch nach dir gefragt, Sam, er dachte, du wärst tot! Das hat ihm große Angst gemacht.“
Zitternd umklammert Sam Frodos Elbenstein und Bergil lächelte angestrengt, dann fuhr er fort.
„Einer der anderen sollte Bewacher spielen, sein Name ist Toron und er war sehr nett. Er hat schließlich mitbekommen, daß wir miteinander gesprochen haben und dann kam heraus, daß er selbst nur da war, um seinem kleinen Bruder zu helfen. Er hat sich dazu entschlossen, mir zu helfen mit Frodo und das war auch ganz gut so, aber man hat uns schließlich erwischt... Toron hat mich dazu gebracht, wegzulaufen, als sie uns schnappen wollten, und er wollte mit Frodo folgen, aber sie haben sie erwischt. Ich fürchte, Torons Strafe wird furchtbar. Ich war völlig fertig, ich mußte sie beide alleine bei denen lassen... Frodo hatte so große Angst...“
Eowyn stand auf und nahm Bergil in den Arm.
„Das hast du gut gemacht. Wenn sie dich jetzt auch erwischt hätten, würde uns das nicht weiterhelfen.“
Sie wurde unterbrochen von Sams Schluchzen. „Bergil...“ stammelte der Hobbit schließlich, „ich bin so froh, daß du da warst... zu wissen, daß er noch lebt, das ist wunderschön... und daß es ihm nicht gut geht, habe ich befürchtet...“
Schnell wischte er die Tränen wieder weg und Bergil sah ihn an.
„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich will zurück und Frodo und Toron helfen. Die anderen waren damit nicht einverstanden und ich hatte das Gefühl, diese Diskussion haben sie heute nicht zum ersten Mal geführt, oder?“
Eowyn nickte. „Stimmt. Wir wollten auch mit, um Frodo zu suchen, aber das wollten sie auch nicht.“
„Reden bringt jetzt nichts“, begann Bergil, „ich halte es hier jedenfalls nicht aus. Ich will hier weg, auch wenn sie hinter mir her sind, aber ich muß Frodo und Toron helfen! Sollen wir nicht einfach zu dritt gehen?“
Sam und Bergil sahen Eowyn mit großen Augen an, aber sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Niemals. Wir sind nur zu dritt!“
„Bitte, ich muß ihm doch helfen...“ murmelte Sam.
„Nein! Das geht nicht, wir haben doch gar keine Chance... seht mich nicht so an! Ich mache das nicht!“
Fünf Minuten später verließen sie die Häuser der Heilung, Bergil hatte sich inzwischen ein neues Schwert besorgt und bewaffnet fühlten sie sich wohl und sicher genug, es zu riskieren. Ohne noch lange zu zögern machten sie sich schließlich auf den Weg aus der Stadt.
Sams Tatendrang war groß, jetzt, da Bergil Nachricht von Frodo gebracht hatte und es losgehen konnte, dachte er nicht mehr lange nach, sondern konnte es kaum abwarten, die Verkünder der Finsternis in die Finger zu bekommen. Wer Frodo etwas antat, bekam es mit Sam zu tun!


Am nächsten Vormittag bekam Gimli den Auftrag, in ein nahegelegenes Wirtshaus zu gehen und dort um ein bisschen Kaninchenblut zu bitten. Der Zwerg protestierte zuerst heftig, doch ein bittender Blick von Legolas wirkte wahre Wunder und der Zwerg machte sich unter leichtem Gebrummel auf den Weg. Der Wirt dort staunte nicht schlecht, als Gimli plötzlich vor ihm stand, und fragte, ob es möglich wäre, ein bisschen Blut von einem Kaninchen zu bekommen. Nachdem er dem Zwerg sagte, dass er gerade geschlachtet hatte, reichte Gimli dem Wirt einen kleinen Beutel, und ließ ihn mit dem Blut füllen.
"Darf man mal fragen, wozu ein Zwerg das braucht?" fragte der Wirt und sah Gimli kritisch an, als er ihm den Beutel gefüllt wieder überreichte und einen ausreichenden Lohn dafür erhielt.
"Nun ja, der ist für meinen Freund, aber ehrlich gesagt, möchte ich euch nicht mehr sagen, ihr würdet es wahrscheinlich genauso verrückt finden wie ich es tue."
"Aha, muss ja ein komischer Mensch sein."
"Elb", brummte Gimli. "Komisch ist er nicht, aber stur, hört nie auf mich. Vertraut nie dem Instinkt der Zwerge."
Der Wirt warf Gimli einen verblüfften Blick zu und beobachtete dann, wie der Zwerg mit dem Beutel in der Hand, das Wirtshaus verlies.
Gimli betrat das Beratungszimmer, in dem Legolas stand und bereits sein grünes Gewand abgelegt hatte. Er nahm den Beutel mit einem Lächeln entgegen, und brachte ihn so an seinem Oberkörper an, dass er nicht verrutschen konnte. Dann legte er sein Gewand vorsichtig wieder an, damit der Beutel nicht platzte, und schnallte sich seinen Gürtel wieder um.
"Und du denkst wirklich, dass das klappt, ja?" wurde er von Gimli zweifelnd gefragt, der ihn aufmerksam beobachtet hatte.
"Ich hoffe doch", sagte Legolas.
"Möchtest du mir deinen Tod vielleicht einmal vorspielen, und ich sage dir, ob es überzeugend genug ist?"
"Ach, lass nur, Gimli, ich bin sicher du bist zu kritisch mit mir, und ich denke, dass ich das auch ohne Probe schaffen werde", antwortete Legolas lächelnd und klopfte dem Zwerg auf die Schulter.
"Ich mein ja nur..."
Sie gingen hinaus, und trafen auf Faramir, der auf sie zukam und sogleich vor ihnen stehen blieb. Er begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln und einem Kopfnicken. "Also, ich schlage vor, wir machen es so: Wir nehmen nur ein Pferd mit, obwohl wir acht sein werden. Wenn wir auf dieser Lichtung ankommen, dann wird einer der Männer so tun, als würde er etwas entdecken, wir gehen alle hinterher, und du bleibst bei dem Pferd. Dann bist du nicht ohne Grund alleine, und Aragorn kann tun, was er tun muss, und wir anderen werden nicht im Weg sein."
Legolas nickte, und Gimli schüttelte nur den Kopf. Faramir fuhr fort. "Wenn es dann getan ist, kehren wir nacheinander alle wieder zurück und werden alle sehr erschüttert über deinen Tod sein. Dann läuft alles wie besprochen, wir laden dich auf das Pferd und ziehen uns zurück, damit wir Aragorn danach unbemerkt zum Hauptquartier folgen können."
"Wie sich das anhört: Wir werden alle sehr erschüttert über deinen Tod sein", maulte Gimli.
Faramir lächelte den Zwerg an, der immer noch entrüstet den Kopf schüttelte. "Lasst uns aufbrechen, damit wir auch pünktlich bei der Lichtung sind."
Die fünf Männer kamen ebenfalls nach kurzer Zeit und Legolas fühlte noch einmal, ob der Beutel mit Blut auch wirklich immer noch an seinem Platz war. Dann nahm er das Pferd, dass Faramir ihm gebracht hatte, an die Zügel, und sie liefen erneut hinein in den Wald.

Am nächsten Morgen wurde Frodo davon wach, daß man ihn hochriß und der Junge schulterte ihn, unmittelbar nachdem er Frodo etwas Wasser gegeben hatte, denn darum hatte er inständig gebeten.
„Du magst nicht mehr lange zu leben haben, aber bevor du mich nervst, tu ich dir den Gefallen!“ knurrte er zur Information und Frodo antwortete nicht.
Sie liefen weiter und weiter und Frodo dachte an Sam, den er schmerzlich vermißte und darum trauerte, ihn nie mehr vor dem Ende zu sehen.
Nie mehr.
Sie liefen bis zum Mittag und dann plötzlich hörte Frodo in seiner Abwesenheit doch, daß sie alle die Stimmen erhoben und er bemühte sich, seitlich an dem Jungen vorbei etwas zu erkennen.
Ein uraltes Militärgebäude offenbarte sich ihm mit hohen, schmalen Fenstern und einer dick gepanzerten Tür.
Es war soweit. Es war zu spät. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Frodo hustete verängstigt, denn seine Kehle schnürte sich zu und sein Magen verkrampfte. Er wollte nicht sterben, und ganz bestimmt nicht so.
„Sam... Sam, wo bist du? Sam!“ schrie er in Todesangst und erntete dafür einen harten Schlag.
„Schnauze. Sam kommt nicht!“ brummte der Junge und dann betraten sie das Gebäude auch schon.

Aragorn berichtete den fünf Verschwörern, dass er Legolas gefunden hätte, und er mit dem Suchtrupp, wenn sie die Richtung beibehalten würden, in absehbarer Zeit ganz in ihrer Nähe sein müssten. Begeisterung, eine nahezu grausame Begeisterung war die Reaktion, die er auf seinen Bericht bekam.
"Es gibt hier eine Lichtung in der Nähe, ich denke, dass wäre ein geeigneter Ort. Und es sieht so aus, als kämen sie dort auch mit Sicherheit vorbei", bemerkte Aragorn mit gespielter Freude.
"Die Lichtung kennen wir, dort kann man wunderbar sehen", sagte Gurtor, ein spitzgesichtiger, äußerst skrupellos aussehender junger Mann von vielleicht siebzehn Jahren. Dabei zischte er durch eine Zahnlücke der vorderen Schneidezähne, was wohl ein Lachen ausdrücken sollte.
Als Aragorn diese Boshaftigkeit in den Augen der jungen Männer sah, erfüllten ihn wieder einige Zweifel. Wenn sie nun etwas taten, womit er nicht rechnete? Er hatte keine Möglichkeit irgendwie einzugreifen, und völlig hilflos zu sein war für Aragorn eine der schlimmsten Vorstellungen.
Die jungen Männer steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander, mehrere Male war ein böses Lachen zu hören.
"Wenn der Elb auf dieser Lichtung ist, dann kannst du auf ihn losgehen, und wir haben eine wunderbare Sicht auf alles, was passiert, wenn wir uns in diesem Gebüsch verstecken, das nur ein paar Meter entfernt ist."
Trotzdem Aragorn das nicht gerne hörte, verzog er sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln, was ihm zu seiner eigenen Überraschung sehr gut gelang.
"Melkor belohnt die Leute, die seine Feinde aus dem Weg räumen, er wird sich freuen, wenn er hört, dass du sogar deinen eigenen Freund für ihn tötest. Er wird dich dafür belohnen, Aragorn", zischte ein anderer junger Mann mit dem Namen Turdir, der höchstens neunzehn war, und eigentlich ein recht freundliches, vertrauensvolles Gesicht besaß.
"Ja, ich weiß, der Herrscher ist gütig, der Elb war zwar mal mein Freund, aber er ist gegen Melkor, und deshalb wird ihn die gerechte Strafe ereilen", sagte Aragorn widerstrebend und biss sich unmerklich auf die Lippe. Es schmerzte ihn, so etwas behaupten zu müssen, aber ihm blieb nichts anderes übrig, er musste mitspielen.
Die fünf jungen Männer und Aragorn gingen zu der Lichtung und schlugen ganz in der Nähe ein notdürftiges Lager für die Nacht auf. Aragorn lief ein Schauder über den Rücken, als er sah, wie nahe die jungen Männer tatsächlich sein würden, wenn er auf Legolas losgehen würde. Es waren nur etwa zwanzig Meter, dass konnte sehr gefährlich werden, denn sie konnten jede Bewegung beobachten, die er und Legolas taten. Es musste wirklich überzeugend sein, und keiner von beiden konnte sich einen Fehler erlauben.
In der Nacht zog plötzlich eine unheimliche Kälte auf, und Aragorn saß fröstelnd auf einer Decke. Er dachte an Arwen, und der Gedanke an sie ließ sein Herz etwas erwärmen. Ihr schönes, etwas blasses Gesicht war in dieser Nacht fast das einzige, was Aragorn erfreute und was ihn mit einer wohligen Ruhe durchströmte. Auch dachte er zeitweise an Eldarion, er würde in diesem Augenblick mit Sicherheit friedlich schlafen. In dieser Nacht wurde sich Aragorn zum ersten Mal ganz bewusst gewahr, wie sehr sein Herz an seiner Familie hing. Noch nie hatte er sich derartige Gedanken gemacht, was geschehen würde, wenn er sie verlieren würde. Minas Tirith war ihm immer vorgekommen wie eine Art Festung, durch die nichts Böses dringen konnte. Er hatte sich dort immer geschützt gefühlt, besonders in so friedlichen Zeiten wie jetzt. Aragorn hatte nicht bedacht, wie schnell diese Festung vielleicht ihre schützende Funktion einmal verlieren konnte. Nie war er sich bewusst gewesen, wie schnell er und seine Familie diesen Schutz einmal verlieren würden. Er hatte nicht damit gerechnet, seine Familie auf eine derartige Weise zu verlieren, und ganz besonders nicht durch solche Leute wie diese halbstarken Jungs. In diesen Jungs hatte er keine Gefahr erkannt und hätte es wahrscheinlich auch nie, wenn sie nicht diese schrecklichen Taten ausgeführt hätten. Aber er stellte fest, dass das Böse anscheinend alles und jeden auf seine Seite ziehen konnte, unabhängig von allem anderen.
Aragorn schlief die ganze Nacht nicht, zwischen den Gedanken an seine Familie, ging er immer noch mal den Plan durch, den er mit Legolas gemacht hatte. Die fünf Jungs schliefen seelenruhig, nur Gurtor, so hatte Aragorn das vage Gefühl, sah in ab und zu mehrere Male mit kalten Augen und einem finsteren Lächeln an.
Am Vormittag des nächsten Tages geschah nichts besonderes, außer, dass Gurtor eine kleine Maus durch Zufall zu fassen bekam. Er zog das ängstlich quiekende Tier am Schwanz hoch, und beobachtete genüsslich, wie es zappelte, um den tödlichen Händen des Jungen zu entkommen. "Möchtest du weiterleben", fragte er in einem flüsternden Ton das Tier, das immer noch ängstlich mit den Beinen ruderte. "Es liegt jetzt in meiner Macht zu entscheiden, ob du stirbst oder nicht." Das Mäuschen versuchte sich hochzuziehen und Gurtors Hand zu erreichen, mit der er sie am Schwanz gepackt hatte. Er schüttelte jedoch seine Hand und das Tier quiekte ängstlich und versuchte vergebens, sich zu befreien. Gurtor lachte gehässig, hielt die Maus hoch, und rief den anderen Jungs zu: "Seht euch das an, ein kleines Mäuschen, das Angst vor mir hat. Das ist ein kluger Zug von der Maus, denn jeder sollte es der Maus nachmachen." Dann machte er eine kleine Pause und flüsterte der Maus zu: "Ich denke, ich sollte dir beweisen, dass du auch allen Grund hast Angst zu haben." Er ging mit der Maus zu einer kleinen Pfütze, die nicht tiefer war als fünf Zentimeter und drückte das panische Tier unter Wasser. Immer wieder zog er das Tier wieder hoch, beobachtete mit Wohlgefallen, wie es nach Luft schnappte, bis er es irgendwann über längere Zeit unter Wasser hielt, und es sich bald nicht mehr rührte. Dann legte er es auf die Erde, grinste hämisch und flüsterte ironisch: "Wirklich zu schade um das Mäuschen."
Aragorn verzog unmerklich das Gesicht, als er das sah, es war abartig, was der Junge da tat, und wie er seine Opfer leiden ließ.
Gegen Mittag begab sich Gurtor in die Richtung, aus der der Suchtrupp, Aragorn zufolge, kommen sollte, um Ausschau zu halten.
Aragorn vertrieb sich die Zeit, indem er sich die Lichtung etwas genauer betrachtete. Dabei stieß Aragorn auf das Mäuschen, das Gurtor auf die Erde gelegt hatte, und betrachtete es. Es war tot, zu Tode gequält von einem Jungen, dessen Grausamkeit einiges überstieg, was Aragorn bereits kannte. Als er die Maus betrachtete, dachte Aragorn wieder an Frodo. Ob wohl auch ein ähnliches Schicksal vor ihm lag?
Nach etwa einer Stunde kehrte Gurtor mit erfreutem Gesicht zurück.
"Sie kommen tatsächlich hier lang."
Während er das sagte, ging er zu Aragorn hinüber, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und sagte dann mit einem Glühen in den Augen: "Na gleich kannst du uns ja beweisen, wie ernst du es meinst!" Dann machte er eine kleine Pause, bevor er fortfuhr. "Ich hätte da noch eine Bitte an dich. Wenn du diesen verfluchten Elb tötest, dann achte bitte darauf, dass sein Gesicht in meiner Richtung ist. Ich will die Augen sehen, sie haben so einen fragenden Ausdruck, kurz bevor der Tod kommt und ihr Glanz für immer aus ihnen weicht. Da wird mir ganz warm ums Herz."
Der Junge schien das für einen gelungenen Scherz zu halten, und Aragorn hatte alle Mühe, seine Verachtung zu unterdrücken. Dieser Junge verdient den Tod, dachte er, und er wusste, dass er bei diesem kaltherzigen Menschen schwer Gnade walten lassen könnte, obwohl er noch so jung war. Das war das erste Mal, dass er das Gefühl von absolutem Hass bei einem so jungen Menschen spürte.
Das war kein junger Mann mehr, seine Seele wurde von etwas anderem beherrscht, von etwas dämonischem. Was auch bedeutete, daß es wahrscheinlich nicht der Junge selbst war, der das tat.
Aragorn lächelte die spitzgesichtigen Jungen gequält an und bekam ein unbehagliches Gefühl.
"Na los, worauf wartest du? Sie werden bald kommen, such dir ein Versteck und mach schon mal deinen Dolch scharf", wurde er von Gurtor mit einem hässlichen Lachen aufgefordert.
Aragorn sah zum Himmel und beobachtete, in welchem Winkel die Sonne stand. Bald würde Legolas zusammen mit dem Suchtrupp hier eintreffen.
Er stellte sich mit dem Rücken an einen Baum und wartete. Die fünf Mitglieder hatten sich in dem Gebüsch versteckt und blickten gespannt auf die Lichtung.
Die kurze Zeit, die er wartete, kam Aragorn wie Jahre vor, er spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann und wie seine Hände feucht wurden.
Unauffällig zog er den Griff seines Messers heraus, die Klinge hatte er, als er sich unbeobachtet fühlte, sorgfältig entfernt.
Dann waren plötzlich Stimmen zu hören, und Aragorn wusste, dass der Suchtrupp bereits in der Nähe war.

Legolas hatte sein Pferd an den Zügeln und ging voran, dicht gefolgt von Gimli und Faramir. Drei weitere vertrauensvolle Männer, die ebenfalls in den Plan eingeweiht worden waren, folgten ihnen in kurzer Entfernung. Legolas ließ unauffällig seinen Blick über die Lichtung schweifen, und Aragorn hielt seine Hand unbemerkt hinaus, um Legolas zu zeigen, aus welcher Richtung er kommen würde. Der Elb hatte ihn mit seinem scharfen Blick gesehen und konnte sich nun auch ungefähr ausmachen, wo die fünf Mitglieder sein mussten, falls sie sich nicht verteilt hatten. Aragorn wunderte sich etwas, dass der Suchtrupp nur ein Pferd bei sich hatte, doch er sollte den Grund bald erfahren. Einer der Männer, die mitgegangen waren, rief plötzlich von hinten: "Herr Faramir, könntet ihr wohl mal hierher kommen, da ist irgendwas."
Gimli blickte Legolas an: "Vielleicht sollte ich auch mal nachschauen gehen, bleib du mal hier bei dem Pferd." Er verschwand hinter Faramir und Legolas war nun allein auf der Lichtung.
"Dieser Aragorn hat aber auch ein Glück", zischte Gurtor boshaft. "Der Elb ist sogar so blöd und bleibt alleine. Schön, er weiß nicht, was gleich passiert, aber das nimmt die ganze Spannung, wenn niemand da ist der sich wehrt." Er sagte es so leise, dass es nur Turdir hörte. Der nickte als Antwort. Nun wusste Aragorn auch, wozu das einzelne Pferd war, es lieferte den Grund, warum Legolas alleine blieb.
Der Elb stand einfach nur da, und tat so, als würde er in die Richtung spähen, in die Gimli gerade verschwunden war, um zu sehen, was der Rest des Suchtrupps gerade gefunden hatte.
Aragorn wusste nun, dass es Zeit sein würde, den Plan durchzuführen. Er kam hinter dem Baum hervor, und machte unauffällig ein Geräusch mit seinem Fuß, damit Legolas Bescheid wusste, denn der Elb sah in die entgegengesetzte Richtung. Aragorns Hand zitterte leicht, und er versuchte seine Aufregung zu überwinden, so viel hing von dem Erfolg seines und Legolas´ Plans ab.
Aragorn huschte hinüber, und Legolas drehte sich mit einem überraschten Gesichtsausdruck, kurz bevor Aragorn ihn erreicht hatte, um. Dann ging alles sehr schnell. Aragorn zog unmerklich den Griff ohne die Klinge, und tat so, als würde er dem Elben das Messer in die linke Seite seines Brustkorbes mit enormer Wucht hineinstoßen. Legolas setzte einen so echt wirkenden Gesichtsausdruck auf, dass Aragorn für einen Moment das Herz stehen blieb. Der Elb hatte genau diesen fragenden Ausdruck in den Augen, den Gurtor so liebte, diese Mischung aus Angst, Entsetzen und dieser quälenden Frage: Warum?
Legolas hielt nun mit der einen Hand den Griff des Dolches, und drückte ihn an seinen Körper, so dass der kleine Beutel mit gefülltem Kaninchenblut unter seinem Gewand platzte und seine Kleidung rot färbte. Die andere Hand gebrauchte er, um sich an Aragorns Hemd festzuhalten, während er langsam und mit schweren Atemstößen in die Knie ging, und dann röchelnd auf die Erde fiel. Dabei drehte er sich einmal ganz geschickt, so dass die fünf Jungen, die im Gebüsch saßen, das Blut auf seiner Kleidung sehen mussten. Er fiel mit dem Rücken in die Richtung von Gurtor, und Aragorn konnte sich schon jetzt seinen Zorn vorstellen, weil er Legolas´ Augen nicht gesehen hatte.
Aragorn beobachtete, wie Legolas nun langsam seine Augen schloss, und um die Illusion perfekt zu machen sogar begann, ganz flach, und kaum wahrnehmbar zu atmen. Dabei hielt er immer noch den Griff des Dolches an seinen Oberkörper gedrückt, so dass es aussah, als würde der Dolch in der Tat in ihm stecken.
Aragorn sah auf den Elb und blickte mit ausdruckslosem Gesicht zu dem Gebüsch, in dem die Fünf saßen. Dann lief er mit schnellen Schritten wieder hinter einen Baum. Schon konnte man Gimli erkennen, der nun mit etwas stark gekünstelter Miene an Legolas‘ Seite lief und rief: "Oh nein, was ist hier geschehen?" Aragorn kniff die Augen zusammen, würden die fünf Jungs den Zwerg kennen, hätten sie herausgehört, dass es nur gespielt war. Gimli jedoch versuchte, weiterhin sein Bestes zu geben. Er beugte sich zu Legolas herunter und rief: "Faramir, kommt schnell her, jemand hat Legolas getötet. Oh nein!"
Faramir eilte hinüber, kniete sich vor Legolas hin und betrachtete ihn. "Es stimmt. Er ist tot! Wer tut so etwas?" Dann spähte er zu allen Seiten, als würde er den Angreifer suchen. Die anderen Männer kamen ebenfalls herbeigeeilt und hielten sich aber in einiger Entfernung auf.
Aragorn beobachtete diese Szene genau, und wusste, dass das Schauspiel geglückt war. Seine Aufregung war von ihm abgefallen, und er hoffte, dass der Suchtrupp nun, wie geplant, sich schnell entfernen würde, und den angeblich toten Legolas mitnehmen würde.
Doch dann geschah etwas, dass Aragorn für eine kurze Zeit erstarren lies.
Zischende Geräusche waren zu hören, und Pfeile flogen durch die Luft. Ein Pfeil, der eigentlich auf Faramir gerichtet war, durchbohrte von hinten Legolas´ Schulter und kam an der anderen Seite wieder zum Vorschein. Der Elb riss vor Entsetzen und Schmerzen die Augen auf und hätte einen Schrei nicht mehr unterdrücken können, wenn Faramir nicht blitzschnell auf die andere Seite von Legolas gegangen wäre und ihm, unsichtbar für die fünf Jungen, den Mund zugehalten hätte. Gimli blickte jetzt ganz entsetzt drein, als er merkte, wie nun Legolas´ Blut begann, über den Boden zu laufen, und schleuderte aber instinktiv zwei Äxte zur Ablenkung in die Richtung, aus der die Pfeile kamen. Das war auch ein Grund, warum Faramir, der Legolas immer noch den Mund zuhielt, um dessen Schreie zu ersticken, bei seiner Handlung nicht bemerkt wurde. "Versuche, ruhig liegen zu bleiben, sonst ist Aragorn verloren", flüsterte er, und sah den Elb bittend an. Legolas schloss nur einmal fest die Augen und gab sich alle Mühe sich nicht zu bewegen, obwohl seine Schulter unerträglich schmerzte.
Faramir sprang mit gezogenem Schwert über Legolas hinweg, denn Gurtor war aus dem Gebüsch gesprungen, und lief ebenfalls mit gezogener Waffe und dämonischem Lachen auf ihn zu. Zuerst versuchte Faramir noch Rücksicht zu nehmen, und ihn möglichst nicht zu verletzen, doch Gurtor war geübter mit Waffen, als Faramir es erwartet hatte. Der Junge war so schnell, dass Faramir sich einen tiefen Schnitt auf dem Rücken zuzog. Die anderen Jungen, allen voran Turdir gingen in Deckung, und schossen immer noch Duzende Pfeile auf die Männer vom Suchtrupp und Gimli. Zwei der Männer wurden tödlich getroffen, der Rest jedoch zog ebenfalls die Bögen und erwiderte das Feuer. Dann waren plötzlich Schreie zu hören und zwei der Verschwörer kamen mit angsterfüllten Gesichtern aus ihrer Deckung. Einer hatte einen Pfeil im Rücken, der andere im Oberkörper, und es dauerte nicht lange, da fielen sie beide zu Boden und bewegten sich nicht mehr. Der andere Junge, der neben Turdir stand, war einen Moment unachtsam, und wurde ebenfalls von einem Pfeil im Hals getroffen. Mit weit aufgerissenen Augen und seinen Hände panisch an den Hals greifend sank er zu Boden. Nun waren nur noch Turdir und Gurtor übrig. Die Jungs waren dem Suchtrupp von Anfang an unterlegen gewesen, denn nur die Beiden, die jetzt noch übrig waren, schienen mit Waffen richtig umgehen zu können. Doch die beiden alleine konnten nicht viel ausrichten, Turdir wurde ebenfalls von einem Pfeil niedergestreckt, der ihn in den Oberschenkel traf. Nur Gurtor schien wie von Sinnen zu sein, und hackte erbarmungslos auf Faramir ein, der versuchte die Angriffe abzuwähren.
Legolas hingegen verkrampfte fast bei dem Versuch ruhig zu liegen. Er musste die Schulter drehen, sonst war es unerträglich, doch er konnte es nicht, wenn er verhindern wollte, dass Aragorn nicht erkannt wurde. Und so blieb er eisern und mit zusammengebissenen Zähnen so liegen. Gimli suchte seine Äxte zusammen und war nun im Begriff ebenfalls auf Gurtor loszugehen. Plötzlich jedoch lief Aragorn auf die Lichtung, und schrie zu Gurtor: "Verdammt, was tust du denn, sie werden uns alle töten! Nimm Vernunft an, und lass uns zusehen, dass wir hier wegkommen, wir haben keine Chance!"
Dabei lief er, ständig auf der Hut, nicht von irgendwelchen verirrten Pfeilen getroffen zu werden, hinüber zu Turdir, der immer noch auf der Erde lag und stöhnte. Er hob den Jungen hoch und lief eiligst weg von der Lichtung, dabei blickte er einmal wehmütig aus den verletzten Legolas. Er formte mit seinen Lippen die Worte "es tut mir so leid", aber ließ es nicht zu, dass er es aussprach. Dicht hinter ihm war Gurtor, der eingesehen hatte, dass es sinnlos war und ihm nun folgte. Kaum war Aragorn mit den Jungs außer Sichtweite liefen Gimli und Faramir schnell zu Legolas hinüber. Faramir drehte den Elb sachte um, und Legolas war äußerst dankbar dafür.
Gimli rannte los, um das Pferd zu suchen, das in voller Panik weggerannt war.
Als er nach einer Weile zusammen mit dem Pferd wieder ankam, hatte Faramir bereits eine Schlinge für Legolas angefertigt, damit dessen Arm ruhig gestellt wurde.
"Wieso", begann Gimli, und holte einmal tief Luft "wieso haben die uns denn angegriffen? Haben die was bemerkt?"
Faramir sah in die Richtung, in der Aragorn verschwunden war. "Das glaube ich nicht, vielleicht kann Aragorn es uns irgendwann mal erklären. Lasst uns wieder nach Minas Tirith gehen, Legolas braucht Hilfe." Dann sah er den Elben an, der sich die verletzte Schulter hielt, aus der immer noch der Pfeil ragte. "Kannst du aufstehen?"
"Ja", brachte Legolas gequält hervor. „Aber wir dürfen nicht zurück! Da vorne laufen sie. Wir dürfen sie doch jetzt nicht verlieren, sie werden Aragorn ans Ziel führen und wenn wir ihnen folgen, auch uns!“
„Legolas, das geht nicht! Du bist verletzt!“ wandte Faramir ein, doch Legolas schüttelte den Kopf.
„Zieht den Pfeil heraus und verbindet die Wunde, dann halte ich das aus. Aber es geht hier um Frodos Leben, macht euch doch um mich keine Gedanken! Die Wunde ist nicht so schlimm.“
Gimli sah seinen Freund entrüstet an. „Du willst mal wieder mit dem Kopf durch die Wand, du sturer Elb! Du kannst doch nicht mit, du kannst nicht einmal mehr kämpfen!“
„Gimli, bitte... ich kann weder hierbleiben, noch zurück, und mitkommen darf niemand. Aber laßt uns doch aufhören, zu diskutieren, sonst sind sie weg! Ich schaffe das...“
Faramir nickte schließlich und sagte dann: „Es wird jetzt wehtun...“ Damit brach er zuerst den Pfeil ab und dann legte er dem Elben die andere Hand auf die unverletzte Schulter, während er mit der einen Hand ruckartig den Pfeil aus der Wunde zog. Legolas biß die Zähne zusammen, aber er stöhnte vor Schmerz und Gimli umklammerte seine Axt.
„Paß doch auf!“ fuhr er Faramir an, aber der war schon damit beschäftigt, die blutende Wunde in Windeseile zu verbinden und als er damit fertig war, liefen sie los.

Die Wolken hatten sich verzogen, als drei Schatten in der Kühle der Nacht über die Ebene liefen, nur beobachtet von den blinkenden Sternen, die ihren Weg verfolgten.
Sam hatte sein Klagen und seine Verzweiflung vergessen, endlich hielt er ein Schwert in der Hand und lief dorthin, wo Frodo war. Er würde nicht zögern, zu ihm zu eilen, wenn er erst einmal die Chance dazu hatte.
Bergil dachte darüber nicht viel anders. Er hatte es ohnehin kaum ertragen, Frodo zu verlassen, und er würde sich beeilen, ihn wiederzufinden.
Er brauchte dringend Hilfe, auch Toron würde sie brauchen, und Bergil würde kommen und die beiden retten, weil sie seine Freunde waren.
Eowyn war nicht weniger entschlossen, zur Tat zu schreiten, sie konnte es den beiden nachfühlen, wie es war, sich so große Sorgen zu machen. Schließlich war Frodo ja auch ihr Freund.
Im Mondschein liefen die drei über die Ebene zum Druadanwald, immer mißtrauisch nach Feinen Ausschau haltend, aber glücklicherweise war niemand zu sehen.
Irgendwann kurz bevor es zu dämmern begann, hatten sie endlich die ersten Bäume erreicht und Bergil blieb stehen.
„Wartet, ich muß kurz überlegen... hier war irgendwo ein großer umgestürzter Baum, den habe ich mir gemerkt. Wenn ich den... da vorne ist er! Jetzt weiß ich, wo wir hin müssen!“
Eowyn und Sam liefen hinterher, der Hobbit kämpfte auf dem unebenen Boden darum, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, was schwierig war mit einem Arm in einer Schlinge. Eowyn sah zu ihm herunter und lächelte. Sicherlich war Sam noch nicht wieder völlig einsatzfähig, aber das war ihm völlig gleichgültig.
Eine Eule schrie, als die ersten Vögel zu zwitschern begannen und ein leichter Dunst über dem Gras im Wald lag. Aschfahl dämmerte der Morgen, die ersten Sonnenstrahlen kletterten bald über den Horizont und die erste Wärme der Sonne traf die drei Jäger, als sie den Kiefernwald erreichten, in dem Bergil sich tags zuvor versteckt hatte.
„Faramir wird mich umbringen!“ murmelte Eowyn plötzlich und Sam sah sie an.
„Natürlich wird er das. Er hat gesagt, wir sollten dableiben und was haben wir getan? Aber wenn wir Glück haben, schlafen sie und haben es nicht einmal bemerkt!“
Der Hobbit war zuversichtlich und voller Tatendrang.
Langsam erwachte das Leben im Wald wieder. Bergil lief unermüdlich weiter, schreckte einige Kaninchen auf und versuchte, sich zu orientieren. Bisher kam ihm noch alles bekannt vor, er machte sich keinerlei Sorgen und schließlich sagte er zu Sam an seiner Seite: „Ich verspreche dir, Gordir wird mir nicht so leicht davonkommen. Wenn wir das Versteck erstmal gefunden haben und da reinkommen, wird er mich kennenlernen! Und du solltest dich, wenn wir Frodo befreit haben, gut um ihn kümmern. Allein wird er wohl kaum mit seinen Erlebnissen leben können, da braucht er deine Hilfe.“
Sam nickte. „Wir haben schon ganz andere Sachen geschafft, ich mache mir keine großen Sorgen, daß wir das nicht auch in den Griff bekommen... ich kann es kaum erwarten, Frodo wiederzusehen, ich vermisse ihn so! Es läßt mich keinen Frieden finden, daß er nun schon seit drei Tagen bei diesen Wahnsinnigen ist. Ich hoffe nur, wir schaffen es rechtzeitig!“
Bergil lächelte zuversichtlich. „Sie haben einen ziemlichen Vorsprung, aber wir rennen schneller. Sieh nur, da vorne könnte schon der Platz sein, wo ich sie verlassen habe...“
Eowyn hielt aufmerksam überallhin Ausschau nach Feinden, aber da war niemand. Alles sah sehr friedlich aus.
Es war nicht später als sechs Uhr in der Frühe, als Bergil als Erster die kleine Lichtung betrat, auf der er Frodo und Toron zuletzt gesehen hatte. Niemand war da. Er drehte sich nach links und rechts und schließlich zurück zu Eowyn und Sam, die ihm folgten, aber urplötzlich wich ihm das Blut aus dem Gesicht, er wurde totenbleich und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
„Was ist?“ fragte Sam aufgeregt und holte tief Luft, als er vor Bergil stehenblieb. Dann drehten er und auch Eowyn sich um und erblickten dasselbe wie Bergil.
Es war Toron, der tot und voller Blut am Baum lehnte und sich nicht rührte.
Bergil ging in die Knie und hatte schon begriffen. Er war zu spät gekommen.
Erst begann er zu keuchen, starrte geistesabwesend auf den Boden und Eowyn verstand, was los war. Sie kniete sich vor ihn und nahm in ganz fest in den Arm, aber plötzlich began Bergil ohrenbetäubend laut zu schreien, es war ein gepeinigter, gequälter Schrei und er zerriß die Stille des Waldes. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er über Eowyns Schulter zu Toron und nahm Sam gar nicht wahr, der rechts vor ihm stand und auch zu Toron sah.
„Ganz ruhig, Bergil, beruhige dich, du darfst nicht hinsehen...“ flüsterte Eowyn, aber Bergil schrie nur verzweifelt und schließlich nahm sie seinen Kopf in die Hände, während er noch immer schrie und weinte.
„Sieh mich an, Bergil! Sieh mich an! Mach schon!“ rief Eowyn, aber Bergil schnappte nur nach Luft und starrte sie an, ohne sie wirklich zu fixieren. Dann sprang er unerwartet mit erhobenem Schwert auf und stürmte zu Toron, zerschnitt die Stricke und als Toron vornüber kippte, fing Bergil ihn auf und begann nur noch lauter zu schreien. Er war kalt, erstarrt und Eowyn lief zu Bergil, nahm ihm Toron ab und legte ihn ins Gras, während Bergil zitternd danebenstand und Toron unverwandt ansah.
„Wach auf, Toron... sag was...“ stammelte Bergil und spürte plötzlich Sams Hand auf seiner Schulter. Als er den Hobbit irgendwann ansah, entdeckte er die Tränen auf seinen Wangen.
Sam begriff, wenn sie in der Lage gewesen waren, Toron umzubringen, würden sie bei Frodo kaum mehr Gnade walten lassen.
Sam und Bergil sahen tatenlos zu, wie Eowyn halbwegs trockenes Holz zusammensuchte und es um Torons Leichnam herum aufschnichtete.
„Was machst du da?“ fragte Bergil irgendwann und sie sah ihn an.
„Willst du ihn so liegenlassen? Für mehr haben wir keine Zeit, aber seine Totenruhe soll er haben!“
Es dauerte nicht lange, da hatte sie es auch geschafft, den ersten Funken auf dem Holz zu entzünden. Bergil war noch immer wie gelähmt und starrte wortlos auf die Flammen, die sich über das ganze Holz auszubreiten begannen, und schließlich stand alles in Flammen.
Eowyn legte ihren Arm um seine Schultern und sprach: „Toron, auch wenn ich nur vermuten kann, wie tapfer du warst - du warst für Frodo und deinen kleinen Bruder da, zu helfen war dir wichtiger als dein eigenes Leben, und das wird man dir nie vergessen. Wir denken an dich.“
Bergil nickte unter Tränen und murmelte schließlich: „Du warst mein Freund, Toron Berenthalion, du hast mich davor bewahrt, dasselbe Schicksal zu erleiden, du bist wahrhaft ein tapferer Held und nichts anderes!“ Damit hob er Torons Schwert auf und band es an seinen Gürtel.
Berenthalion bedeutete tapferer Held, das wußten sowohl Eowyn als auch Sam sofort, als Bergil es gesagt hatte, und unerwartet umarmte Sam Bergil und weinte ebenfalls. Eowyn schaffte es, die Fassung zu bewahren und als das Feuer irgendwann verlöschte, legte sie grüne Zweige auf die Asche, ordnete sie kreisförmig an, um die Stelle zu kennzeichnen, und ging davor in die Knie.
„Ruhe in Frieden, Toron Berenthalion, unter diesem Namen werden wir dich nun kennen!“
Bergil wischte seine Tränen weg und sah zu Sam, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand.
„Wenn sie ihn umgebracht haben, Bergil, dann...“ begann er nur mit zitternder Stimme, aber Bergil strich ihm über den Kopf und sagte: „Dann müssen wir jetzt weiter und Frodo finden!“
Eowyn sah die beiden an und lächelte angestrengt. Dann nahm sie beide an die Hand und mit einem letzten Blick auf Torons Ruhestätte liefen sie weiter.
Bergil nahm alles nur wie durch einen Nebel wahr, er hielt Eowyns Hand ganz fest und merkte überhaupt nicht, wie ihm irgendwann wieder die Tränen über die Wangen liefen.
Dann plötzlich murmelte er: „Sie haben ihn direkt umgebracht, als ich weggelaufen bin. Ich weiß sogar, wann es geschehen ist. Ich habe Frodo schreien gehört. Und ich habe nicht begriffen, was sie getan haben! Er hat noch gesagt, ich solle laufen, er käme mit Frodo nach...“
Eowyn drückte seine Hand ganz fest und sagte: „Du wärst auch tot, wenn sie dich erwischt hätten. Toron wußte das. Er wußte, du bist Frodos einzige Chance und deswegen hat er dir zur Flucht verholfen. Jetzt liegt es an dir, ihm zu zeigen, daß du Frodo wirklich helfen kannst!“
„Frodo hat es gesehen“, murmelte Bergil, „er hat gesehen, wie sie ihn ermordet haben! Oh nein, er muß furchtbare Angst haben... ich hätte nie geglaubt, daß sie so grausam sind und ihn sofort umbringen! Toron...“
An ihrer anderen Hand spürte Eowyn einen festen Druck und sah zu Sam, der sich mit seiner unverletzten Hand an ihr festklammerte.
„Sam, wir finden ihn, sie werden sich Zeit lassen, hab keine Angst!“
Die Spuren waren kaum übersehbar. Es waren mindestens zwei Dutzend Jungs unterwegs gewesen, die Abdrücke und plattgetrenenen Pflanzen waren auch nicht durch das Gewitter verschwunden, sondern noch immer sichtbar. Es war leicht, den Spuren zu folgen, und plötzlich blieb Sam stehen. Sie waren nun seit Stunden gelaufen und Sam sagte: „Sie haben hier die Nacht verbracht. Seht doch! Hier haben sie alle gesessen.“
Sie sahen sich um. Bergil schaute umher und sah plötzlich in den Boden eingedrückt die Spuren von Händen und Stricken.
„Sam! Sam, sieh, hier hat Frodo gelegen!“ rief er und Sam nickte unglücklich.
„Mein armer Frodo... was machen sie nur mit ihm?“
Sie hielten sich nicht lange auf, sondern liefen schnell weiter, immer den Spuren nach, und waren alle tief in trübsinnige Gedanken versunken. Sam dachte an Frodo und wagte nicht, sich auszumalen, was sie alles mit ihm anstellen würden. Eowyn überlegte, was sie vorfinden würden und was dann zu tun sei. Ihr war klar, daß sie vielleicht Hilfe holen mußten.
Bergil dachte an Toron, wie er ihm befohlen hatte, wegzulaufen, und er hatte zurückgesehen und das letzte Mal, daß er Toron lebend gesehen hatte, hatte sich in seine Erinnerung eingebrannt. Das Bild würde er nicht vergessen.
Immer wieder hallte Frodos Schrei in seinem Kopf nach, er konnte ihn nicht vergessen, er wagte nicht, sich vorzustellen, warum Frodo so laut geschrien hatte. Er hatte gesehen, was sie Toron angetan hatten, und Bergil konnte es sich nur allzu gut vorstellen.
Er hatte Toron allein gelassen, er hatte keine Chance gehabt, er war tot. Sie hatten ihm einfach kaltblütig die Kehle durchgeschnitten. Sein Schwert hatte noch da gelegen. Und es hatte Blut daran geklebt.
Mit der eigenen Waffe ermordet. Es war nicht nur schändlich, es war grausam, und Wut staute sich auf in Bergil, enorme Wut, nahezu unbeschreiblicher Haß.
Bergil verspürte keinen Hunger, keinen Durst, keine Müdigkeit. Er mußte nur immer daran denken, daß Toron tot war, daß sie ihn umgebracht hatten, und unerschöpflich setzte er einen Fuß vor den anderen und lief weiter. Eowyn und Sam mußten ihn schließlich bitten, nicht allzu schnell zu laufen, sonst hätten sie ihn noch verloren, aber Bergil wurde doch langsamer und zog die beiden anderen auch ein wenig mit.
Sam fragte sich langsam, wie er die Energie aufbrachte, so lange eine solche Geschwindigkeit durchzuhalten, aber irgendwo wußte er, er mußte es auch, wenn er nicht zu spät kommen wollte.

Dritter Abschnitt

Aragorn lief durch den Wald und seine Puste ging ihm langsam aus. Vor ihm lief Gurtor, er lief so schnell, dass Aragorn alle Mühe hatte mit seinem Tempo mitzuhalten, da er auch noch Turdir über seiner Schulter trug. Aragorn war bemüht, vorsichtig mit Turdirs verletztem Bein umzugehen, und so lag der Junge in einer für Aragorn sehr unbequemen Lage über seiner Schulter. Das Blut des Jungen rann ihm über die Hand, er spürte die warme Flüssigkeit und das klebrige Gefühl auf seiner Handoberfläche.
"Gurtor, warte, wir müssen erst mal nach Turdir sehen", rief Aragorn. "Der Junge drehte sich um und sein Gesicht sah erbost aus. "Lass ihn doch hier liegen, nach dem fragt sowieso keiner mehr. Der hält uns bloß auf."
"Er ist doch ein Mitglied unserer Gruppe, wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen."
"Oh, was höre ich denn da? Unserer Gruppe. Du scheinst dich ja schon recht wohl zu fühlen, König." Er machte eine Pause, und sah Aragorn grinsend an. "Ja, er ist ein Mitglied unserer Gruppe, aber er ist schon seid längerer Zeit etwas seltsam. Ich traue ihm nicht, also lass ihn hier liegen, wenn er Glück hat, dann fressen ihn bald die Wölfe, und er braucht nicht lange leiden. Ist doch ein schönes Ende."
"Nein, das können wir nicht machen."
"Wieso so einfühlsam? Du erstichst auf unseren Wunsch hin deinen Freund und jetzt jammerst du hier rum wegen eines dämlichen Jungen, den du erst seit ein paar Tagen kennst?"
Aragorn ignorierte diese Bemerkung, legte Turdir vorsichtig auf den Boden und lehnte ihn gegen einen Baum. Der Junge blinzelte ihn an. "Lass mich nicht hier zurück, ich bitte dich", flüsterte er. Er war sichtlich geschwächt und gab sich alle Mühe bei Bewusstsein zu bleiben.
"Keine Angst, das werde ich nicht tun."
Gurtor kam jetzt ein Stück zurückgelaufen. "Also ich werde hier nicht meine Zeit verschwenden. Wenn du dich unbedingt mit dem da abgeben willst, bitte schön, ich haue hier jedenfalls ab."
Aragorn sagte nichts, sondern begann damit Turdirs Bein abzubinden.
"Ach Aragorn, was wirst du denn tun, wenn deine restlichen Freunde hier auftauchen? Soll ich dir vielleicht mein Messer leihen? So viel zu tun hast du ja dann nicht mehr, ein paar sind ja schon dank mir nicht mehr da." Er lachte gehässig, aber Aragorn reagierte immer noch nicht darauf.
"Ich hau jetzt ab, ich wünsche euch beiden viel Glück." Mit diesen Worten lief er weiter, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen. "Was ist mit meiner Frau und meinem Sohn?" rief Aragorn ihm hinterher.
Gurtor drehte sich blieb noch einmal stehen. "Das ist mir egal, du wirst die ja sowieso nicht mehr brauchen, du hast ja deinen neuen Freund Turdir."
Aragorn wollte schon hinterherlaufen, um ihn aufzuhalten, und um herauszufinden, wo seine Familie war, aber Turdir hielt ihm am Arm fest.
"Warte, ich weiß auch wo deine Familie ist." Aragorn ließ Gurtor zögernd gehen und kümmerte sich dann weiter um Turdir. "Wieso habt ihr geschossen, nachdem ich meine Prüfung bestanden hatte?"
"Ich habe keine Ahnung, Gurtor zog plötzlich sein Schwert und lief heraus, dann schossen die anderen Jungen, und ich musste auch mitmachen."
"Du musstest?" wiederholte Aragorn fragend.
"Ja, einen Verräter dulden sie nicht. Wenn sie ihn erwischen, erleidet er einen schlimmen Tod." Aragorn schluckte und dachte sofort an Bergil. Was hatte er sich nur für einer Gefahr ausgeliefert?
"Bist du denn ein Verräter, Turdir?"
"Was würdest du tun, wenn es so wäre?"
"Nichts."
"Ich bin durch Zufall in die Gruppe gekommen. Mein Freund und ich, wir wollten das Abenteuer, und etwas Neues. Zu Anfang machte es auch Spaß, aber irgendwann hörten wir von Dingen, die sie angeblich taten, und ich wollte aussteigen, aber konnte es nicht mehr."
"Du hast auf mich aber nicht den Eindruck gemacht, als wolltest du aus der Gruppe raus."
"Das liegt an Gurtor. Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist. Wir kannten uns seit Jahren. Nicht so gut, aber er war früher total anders. Jetzt ist er hasserfüllt und zornig, er tötet und fürchtet sich vor nichts und niemandem."
"Du fürchtest dich vor Gurtor?"
"Ja, und wenn du klug bist, dann tust du das auch, er ist unberechenbar. Und wenn er herausfindet, dass...."
Der Junge stutzte, und Aragorn sah ihn an. "Was?"
"Du hast den Elben nicht getötet, ich habe es gesehen. Anfangs habe ich dir noch geglaubt, es wirkte alles echt. Aber als ihn der Pfeil getroffen hat, hat er sich bewegt, ich habe es gesehen. So wie du ihm dein Messer angeblich reingerammt hast, hätte er sofort tot sein müssen, sowas überlebt nicht mal ein Elb. Er jedoch hat sich bewegt, nachdem ihn der Pfeil getroffen hat."
"Wessen Pfeil war das eigentlich?"
"Nicht meiner, keiner von meinen hat irgendetwas getroffen. Obwohl ich versucht habe Gurtor zu treffen, zumindest irgendwo, wo es ungefährlich ist, denn ich töte nicht gern, wenn ich es nicht muss, aber einer deiner anderen Freunde stand im Weg, so schoss ich nur in die Luft und in die Bäume."
Aragorn sah den Jungen an, er hatte es gewusst, und hatte ihn nicht verraten.
"Ich danke dir, dass du mich nicht verraten hast", sagte Aragorn und wickelte einen Verband um Turdirs Bein, ließ den Pfeil jedoch darin stecken. Der Junge brauchte richtige Hilfe, jetzt den Pfeil herauszuziehen, hätte den geschwächten Jungen wahrscheinlich das Bewusstsein gekostet.
Der Junge nickte ihm zu. "Hoffentlich lebt der Elb noch."
"Ja, ich hoffe es auch", sagte Aragorn wehmütig. "Kannst du mir sagen, wo meine Familie ist?"
"Ja, du musst nur ein paar hundert Meter in die Richtung laufen, in der Gurtor verschwunden ist, dort siehst du dann einen sehr alten und morschen Baum. Dort läufst du links weiter, und dann siehst du das Gebäude. Es geht ihnen aber gut, das kann ich dir versichern."
"Ich danke dir!" Aragorn wollte den Jungen mitnehmen, doch er schüttelte schwach den Kopf. "Lauf alleine, Aragorn, du musst dich beeilen, sonst rettest du vielleicht deine Familie, aber der Hobbit, den sie entführt haben, dem bleibt nicht mehr viel Zeit. Er soll Melkor geopfert werden, und das nur allzu bald. Es wird heute geschehen, und fast alle aus unserer Gruppe werden dort sein und zusehen. Deshalb hat Gurtor es auch so eilig, er möchte nichts verpassen.
Du bist schneller ohne mich, lauf und beeile dich, dann zeige ich dir danach, wo das Hauptquartier ist."
"Warum hilfst du mir?" fragte Aragorn und sah den Jungen aufmerksam an.
"Weil du mir auch geholfen hast, noch ehe du wusstest, dass ich dir helfen kann. Gurtor hätte mich sterben lassen, sowohl auf der Lichtung, als auch hier im Wald."
Aragorn nickte ihm als Dank zu und machte sich auf den Weg.
Turdir hingegen blieb liegen und versuchte sein Bein zu bewegen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Und so wartete er einfach einen Moment, bis er plötzlich Stimmen hörte.
Turdir drehte sich um, und versuchte in der Ferne zu erkennen, wer sich ihm da näherte. Es waren nur leise Stimmen, und er hörte sie auch nur ab und zu, die Leute schienen es vermeiden zu wollen, dass man sie bemerkte. Dann war es plötzlich ganz still, und Turdir hatte das Gefühl, dass irgendjemand ganz in seiner Nähe war. Er versuchte, in ein nahe gelegenes Gebüsch zu kriechen, aber er war zu schwach, und es war ihm nicht möglich, mit dem verletzten Bein auch nur ein Stück weit vorwärts zu kommen. Der Junge merkte wie ihm langsam die Sinne schwanden, er versuchte bemüht in die Ferne zu spähen, aber sein Blick war unklar und verschwommen. Er atmete stoßweise und legte alles daran, nach den Stimmen zu lauschen, doch nichts war zu hören.
Plötzlich sprang jemand vor ihn und bedrohte ihn mit seiner Axt. Es war Gimli, der ein sehr drohendes Gesicht aufgelegt hatte. Nun erkannte Turdir auch, wie sich der Rest des Suchtrupps langsam näherte. Legolas saß immer noch gekrümmt auf dem Pferd, das Faramir an den Zügeln hielt. Es ging ihm jedoch etwas besser, denn Elbenwunden heilen für gewöhnlich schneller als bei Menschen. Noch immer sickerte ein wenig Blut aus der Wunde, sogar der Verband, den Faramir ihm angelegt hatte war durchtränkt, aber er konnte den Arm zumindest wieder etwas bewegen, wenn auch an Kämpfen noch nicht zu denken war.
Gimli stand immer noch drohend vor dem Jungen. "Du bist doch einer von den Fünf die uns angegriffen haben, oder etwa nicht? Sag schon, du gefühlloser kleiner..."
"Ja, doch ich wollte es nicht", brachte Turdir schwach hervor.
"Was soll das heißen, du wolltest nicht? Wenn dich meine Axt gleicht trifft, dann wollte ich das auch nicht."
"Warte, ich...."
"Hast du ihn angeschossen?" fiel Gimli ihm ins Wort und deutete auf Legolas.
Turdir sah den Elb an, und auch Legolas blickte zurück. "Nein, habe ich nicht. So etwas würde ich nicht tun."
"Ich bitte dich, erzähl hier keine Zwergenmärchen. Du bist ein Mitglied der Verkünder der Finsternis, die machen noch ganz andere Sachen, als auf Elben zu schießen", sagte Gimli mürrisch.
"Aber ich habe nicht auf ihn geschossen, und ich bin zwar ein Mitglied der Gruppe, aber als ich erfahren habe, was für schreckliche Taten sie machen, wollte ich nicht mehr bei ihnen sein, doch man kann nicht wieder austreten. Wer einmal drin ist kann ihnen nur tot wieder entkommen."
"Das kann jeder behaupten, würde ich auch in deiner Situation so machen", sagte Gimli und blickte finster drein.
"Gimli, lass das doch, ich glaube, in seinen Augen kann ich Wahrheit erkennen", schaltetet sich Legolas ins Gespräch ein.
Gimli wollte etwas sagen, doch Turdir war schneller als er: "Danke, dass du mir glaubst. Aber ihr könnt, wenn ihr immer noch Zweifel habt, was ich durchaus verstehe, Aragorn fragen. Er ist gerade bei seiner Familie und befreit sie, er wird aber bald zurück kehren."
Kaum hatte das ausgesprochen, kam Aragorn auch schon zwischen ein paar Bäumen herausgelaufen. Als er Legolas sah, erhellte sich sein Gesicht vor Freude, und er lief zu ihm rüber. "Mein Freund. Ich bin so froh, dass du lebst, ich fürchtete bereits das Schlimmste", sagte er auf elbisch. Dann sah er wehmütig auf Legolas´ verletzte Schulter. "Es tut mir so leid, ich habe nicht damit gerechnet, dass sie auf euch schießen. Ist die Wunde schlimm?"
Der Elb lächelte: "Mach dir keine Vorwürfe, Aragorn, du konntest es nicht wissen. Die Wunde hat sich bereits etwas geschlossen und blutet nicht mehr so stark, ich werde es überleben. Hast du deine Familie gefunden?"
"Ja, sie sind bereits auf dem Weg nach Minas Tirith."
"Du lässt sie ganz alleine gehen?" fragte Faramir.
"Ja, so weit ist es von hier aus nicht, und die Gruppenmitglieder sind alle bereits beim Hauptquartier, von ihnen geht im Moment keine Gefahr aus. Wir müssen uns beeilen, sie wollen Frodo heute opfern, uns bleibt nicht mehr viel Zeit."
"Und was machen wir jetzt mit ihm?" fragte Gimli und deutete auf Turdir.
"Er ist auf unserer Seite und wird uns zum Hauptquartier führen", antwortete Aragorn.
"Können wir ihm denn vertrauen?" hakte Gimli nach.
"Ja, er hat mir geholfen, ich glaube, er ist ehrlich."
"Ihr solltet euch beeilen, die Zeit drängt, sonst ist der Hobbit tot. Ihr müsst mich hier lassen, ich kann nicht laufen, ich werde euch den Weg sagen", unterbrach sie Turdir in ihrem Gespräch.
"Ist es nicht vielleicht sicherer, wenn wir ihn mitnehmen? Ihn hier so verletzt, und ganz allein zu lassen, halte ich nicht für klug. Und was ist, wenn wir uns verlaufen, dann geht viel kostbare Zeit verloren!" sagte Faramir.
"Das halte ich auch nicht für klug, wenn Legolas nichts dagegen hat, könnte Turdir hinter ihm aufs Pferd", sagte Aragorn.
Turdir atmete sichtlich auf, als dieser Vorschlag kam, er hatte Angst, alleine bleiben zu müssen, aber wenn es keine andere Möglichkeit gegeben hätte, wäre ihm nichts anderes übriggeblieben. Da Legolas nichts dagegen hatte, wurde Turdir also von Faramir und Aragorn auf das Pferd gehoben. Sie wollten gerade aufbrechen, als sie Hufgetrappel hörten. Aragorn und Faramir zogen ihre Schwerter, und Gimli seine Axt.
"Das ist keiner vorn der Gruppe, glaube ich", flüsterte Turdir. "Wenn mich mein Gehör nicht täuscht, ist es nur ein Pferd. Ich höre keine weiteren Schritte, und von uns ist niemand allein unterwegs, und noch dazu nicht auf einem Pferd."
"Du hast recht, es ist nur ein Pferd", bestätigte Legolas.
Alle starrten gespannt in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Dann plötzlich sahen sie es. Es war Gandalf, mit erhobenem Zauberstab.
Aragorn atmete einmal auf. "Gandalf, alter Freund, wir hättem dich fast mit dem Feind verwechselt. Was machst du hier?"
Der Zauberer kam lächelnd auf sie zugeritten. "Seid gegrüßt Auch ein alter Zauberer will nicht tatenlos herumsitzen, ich dachte, ihr könntet vielleicht meine Hilfe gebrauchen."
"Woher wusstest du, dass wir hier...", fragte Aragorn.
"Ein Zauberer weiß manches, und oft merkt er, wenn seine Hilfe gebraucht wird. Lasst uns nun gehen, ich spüre, dass Frodo meiner und euer aller Hilfe bedarf."
Aragorn lächelte, und auch die anderen waren froh, Gandalf als Verstärkung an ihrer Seite zu haben, und schnellen Schrittes machte sich der Suchtrupp und Gandalf unter Turdirs Wegweisungen auf zum Hauptquartier.

Kerzen waren bereits entzündet, die den schwarz verhangenen hallenartigen Raum ein wenig erhellten. Frodo konnte nur sehen, woran sie schon vorbeigekommen waren, aber weit kamen sie nicht mehr. Plötzlich wurde er zu Boden geworfen und Gordir zerschnitt mit einem Ruck seine Fesseln, nur leider erwischte er damit auch Frodos Hand.
Der Hobbit biß die Zähne zusammen und sah Gordir wortlos an.
"Tapfer, kleine Ratte. Aber spar dir das noch auf!"
Dann stieß er ihn gegen die Wand und zwei seiner Kumpane legten ihn in Ketten.
Sie waren in einer Höhe angebracht, die es einem ausgewachsenen Menschen erlaubt hätten, sich hinzusetzen, aber mehr als in die Hocke konnte Frodo nicht gehen.
Mit gesenktem Kopf blieb er auf dem unverletzten Fuß stehen, die kalten Metallmanschetten an seinen Handgelenken, und plötzlich siegte die Angst doch. Er verlor völlig die Beherrschung und begann zu schluchzen. Tränen strömten wie Wasserfälle über seine Wangen und er flehte um Hilfe.
"Sam!" schrie er. Immer und immer wieder verlangte er nach seinem besten Freund, aber er erntete nur höhnisches Gelächter.
"Guck mal lieber, was auf dich wartet!"
Zuerst regte Frodo sich nicht, aber dann sah er durch einen Vorhang von Tränen in der Mitte einen alten Tisch, der wie ein Altar anmutete, umstanden von Kerzen und zu seinem Entsetzen sah er auf der Oberfläche vier Metallmanschetten eingeschlagen.
Er begriff langsam, was sie vorhatten. Das hatte er sich selbst in seinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt.
Es zerriss ihn und entsetzt schrie er, immer wieder vom Husten unterbrochen, wie er zuletzt in Kankras Höhle im Angesicht des Todes geschrieen hatte, er weinte und flehte, er rief nach Sam, er rastete völlig aus. Die ganze Umgebung machte ihm Angst, die vielen Jungs, die sich versammelt hatten und an den mit Runen beschmierten Wänden vorbei saßen und warteten auf das, was kam.
Gordir hielt einen Dolch ins Kerzenlicht und grinste dämonisch. Frodo sah zu ihm mit angstgeweiteten Augen, er fühlte sich verloren und saß völlig in der Falle.
Jetzt war alles aus.
Wie viel Zeit vergangen war und welche Vorbereitungen sie in der Zwischenzeit noch getroffen hatten, das konnte Frodo wirklich nicht sagen, denn er hatte nicht gewagt, hinzusehen, sondern hatte sich auf den Boden gekniet, als er auf seinem linken Fuß nicht mehr stehen konnte.
Er konnte nicht einmal mehr fliehen. Keine Möglichkeit.
Während Frodo noch halb hängend, halb kniend versuchte seinen verletzten Fuß zu entlasten, kam plötzlich Gurtor in das Gebäude hineingelaufen. Er sah Frodo grimmig an, und dann ging er lächelnd zu Gordir. "Na, ich hatte vielleicht eine Angst! Ich dachte schon, du hättest unseren kleinen Gast hier ohne mich um die Ecke gebracht!"
"Aber nein, ich weiß doch, wie gerne du zusiehst."
Beide jungen Männer lachten dämonisch.
"Wie hat denn der König seine Prüfung gemeistert?"
"Oh, du darfst dich freuen. Der sonst so ehrenhafte König hat doch in der Tat diesen Elben Legolas getötet. Ehrlich gesagt hätte ich das gar nicht von ihm gedacht, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Elb blutend zu Boden ging. Eigentlich schade, ich hatte mich schon insgeheim darauf vorbereitet, dass Aragorn kneift, und habe einige Vorbereitungen getroffen. Hätte er es nämlich nicht getan, dann hätte ich dafür gesorgt, dass der Elb da trotzdem nicht lebend rauskommt."
"Deine Worte höre ich gerne, Gurtor, aber wo ist Aragorn jetzt, wenn er seine Prüfung bestanden hat?"
"Ach, Turdir hat was abbekomen, als ich der Versuchung nicht widerstehen konnte und einen kleinen Kampf angezettelt hab, trotzdem Aragorn die Prüfung bestanden hat. Der ist noch im Wald, und kümmert sich um Turdir, wird aber bald nach kommen."
Frodos Augen weiteten sich, als er das hörte. Aragorn sollte ein Mörder sein? Er sollte Legolas umgebracht haben und war auf dem Weg hierher?
Sein Freund Streicher würde ihm nicht helfen?
Er wollte es kaum glauben, aber wenn der Junge sagte, Legolas sei wirklich tot...
Ungläubig schüttelte Frodo den Kopf. Aragorn würde doch niemals einen Freund umbringen!
Aber hier hatte auch ein kleiner Bruder seinen großen Bruder sterben lassen.
"Du hast einen Kampf angefangen, Gurtor", fragte Gordir mit einem Lächeln.
"Ja, ich fand, dass dieser Suchtrupp nicht einfach so davon kommen sollte. Dieser Elb ist natürlich ach noch allein auf der Lichtung geblieben, ich hatte ja gehofft, die anderen würden bei ihm bleiben, damit wir einen kleinen Kampf zu Gesicht bekommen zwischen dem König und seinen früheren Freunden, aber leider ist das nicht geschehen. Nun ja, ich wollte aber auf einen Kampf nicht verzichten, also habe ich etwas nachgeholfen."
"Das höre ich gerne, Gurtor, wie viel hat es denn bei dem Suchtrupp erwischt?"
"Einige, zwar sind von uns fünf auch nur noch ich und Turdir übrig, aber ich denke, das ist egal, immerhin werden wir jetzt, dadurch das der König auf unserer Seite ist, viele neue Mitglieder bekommen. Da sollen uns die paar, die jetzt verreckt sind, nicht stören, oder", fragte Gurtor und klopfte Gordir auf die Schulter.
"Nein, die stören uns nicht. Und was ist mit Turdir?"
"Hat einen Pfeil im Bein, ich hab ja schon zu Aragorn gesagt, er soll ihn einfach liegen lassen, die Wölfe würden ihm schon den Rest geben, aber er wollte die Ratte nicht so einfach liegen lassen. Ich kann diesen Turdir nicht leiden, der soll mir lieber nicht allzu oft in die Quere kommen, sonst verliere ich noch mal die Beherrschung." Gordir lächelte "Na komm, mach es dir gemütlich, ich glaube, ich kann dir hier jetzt mehr bieten, als einen Kampf. Danach wirst du einen Kampf wahrscheinlich langweilig finden." Er lachte gehässig, und seine Augen glühten vor Boshaftigkeit. Gurtor ging nun erwartungsvoll ein paar Schritte zurück, und beobachtet voll Freude die kommenden Ereignisse.
Frodo zitterte, er wusste, dass Gordir nun etwas tun würde, und er hatte Angst herauszufinden, was das sein würde.
Plötzlich kamen Schritte näher und Gordir zielte grinsend mit dem Dolch genau auf Frodo.
"Noch einen letzten Wunsch?" fragte er und Frodo zitterte noch heftiger am ganzen Leib, als er immer näher kam und schließlich mit dem Dolch den ersten Knopf an seinem Hemd löste. Er fiel klappernd zu Boden und Frodo blickte flehend in die Runde von jungen Männern, die nur gespannt zusahen und warteten.
Knopf für Knopf entfernte Gordir und auf Kommando wurden die Ketten gelöst und in Bruchteilen von Sekunden hatten sie ihm seine sämtliche Kleidung vom Leib gezerrt.
Frodo schloss die Augen und seine Lippen zitterten. Das würde er nicht aushalten. Es war ein unbeschreiblich schreckliches Gefühl, als er merkte, wie die Angst in ihm hoch kroch, denn er wusste, dass ihn etwas Schlimmes erwartete.
Sie trugen ihn in die Mitte des Raumes und plötzlich fühlte er den kalten Stein auf seiner Haut, als sie ihn mit dem Rücken niederlegten und zu viert die Riegel der Metallmanschetten verschlossen.
Frodo hatte verloren. Sie hatten es vorher genau angepasst, wie auch immer sie das geschafft hatten, aber er konnte nur umsonst versuchen, seine Hände herauszuziehen. Er war absolut hilflos, nun konnten sie alles mit ihm machen, und niemand würde sie aufhalten, niemand konnte ihm helfen. Er war ganz allein.
Jetzt war er unwiderruflich nicht nur an sein Schicksal gefesselt. Zitternd schloss er die Augen und hätte sich gern die Ohren zugehalten, als alle in der schwarzen Sprache Mordors zu murmeln begannen und Schwüre ausstießen.
Dann plötzlich riss er die Augen auf. Kaltes Metall war an seinem Hals und er sah Gordirs fieses Lächeln über seinem Gesicht, spürte seinen Atem und wagte nicht, Luft zu holen, denn die Klinge ritzte über die Haut und er hatte wahnsinnige Angst, dass sie einschnitt. Seine Zähne klapperten vor unbeschreiblicher Angst, und aus seiner Kehle drang nur hin und wieder Schluchzen.
Urplötzlich stieß Gordir einen Fluch aus, aber die Stimme war nicht seine, sie war eiskalt und klang wie Morgoth selbst. In seinen Augen war ein finsteres Glitzern und mit einem Ausdruck des Wahnsinns starrte er auf Frodo hinab. Sein Gesicht war kreideweiß, aber die dunklen Augen stachen daraus hervor, seine eingefallenen Wangen betonten die kantigen Gesichtszüge und dieser Anblick, der einem Toten mehr glich, als einem Lebenden, erinnerte Frodo an die Nazgul.
"Habt Dank!" rief Gordir dröhnend und Frodo ballte die Hände zu Fäusten. Er konnte sich nicht rühren, war wie festgenagelt, und plötzlich setzte Gordir mit der Klinge an und schnitt quer über Frodos Brust. Nicht tief, aber tief genug.
Frodo stieß einen Schrei aus und atmete schwer. Dieses Gefühl, wie die Klinge in seine Haut eindrang, machte ihn fast verrückt, und er fürchtete, dieses Gefühl noch einmal ertragen zu müssen.
"Fürchtest du dich?" fragte Gordir mit tonloser, unglaublich tiefer und kratziger Stimme und Frodo begriff.
"Morgoth!" schrie er in Panik hinaus und blitzartig wich Gordir zurück.
"Wie hast du mich genannt? So heiße ich nicht!"
"Morgoth!" schrie Frodo wieder in Verzweiflung hinaus und sah, wie Gordir wiederum zurückschrak, aber dann mit vermehrter Wut den Dolch erhob und Frodo quer über die rechte Wange schnitt.
Das warme Blut floss hinab bis zum Hals des Hobbits und verbittert versuchte er, die Schmerzen zu ertragen, und flüsterte: "A Elbereth Gilthoniel!"
Auch das reichte wieder aus, um Gordir aufschreien zu lassen vor Entsetzen und dann ließ er seine Wut wieder an Frodo aus, denn er ritzte über seinen Bauch und Blut war an seiner Klinge.
Grinsend strich er mit der Spitze des Dolches über Frodos blutende Wange, verletzte ihn aber nicht. Frodo atmete schwer, er keuchte vor Angst und flehte schon fast, dass es aufhören möge, doch dann fühlte er einen Schnitt am Hals, Gordir wollte ihn zeichnen, ihn als wahres Opfer darbringen und wollte ihn durch Qualen Rache spüren lassen, doch verzweifelt schrie Frodo: "Aiya elenion ancalima!", wie er es schon einmal in Mordor getan hatte, doch die Rache war ein weiterer Schnitt und er biss die Zähne zusammen.
Gordirs Augen blitzten und seine raue Stimme fauchte: "Du bist des Todes, Ringträger!"
Frodo schrie so laut er konnte, hustete heiser und versuchte, sich loszureißen, aber er war hoffnungslos. Er zappelte, wand sich hin und her, doch erfolglos, er konnte sich kaum rühren. Gordir lachte hämisch und rief: "Du willst fliehen? Du kannst nicht fliehen!" und plötzlich spürte Frodo das kalte Metall der scharfen Klinge auf seiner Hand. Gordir strich damit über seine Finger und schielte zu Frodo hinüber, um zu sehen, wie er reagierte.
"Auch das hat dich für immer gezeichnet. Du wirst immer als der Ringträger erkennbar sein! Wie ist das mit einem fehlenden Finger? Wie wäre das, wenn noch ein zweiter fehlen würde?"
Frodo sah ihn entsetzt an, wie er auf die andere Seite ging und mit der Klinge dort über die Finger strich. Vor lauter Angst rührte Frodo sich nicht und Gordir weidete sich daran. Das Herz schlug dem Hobbit bis zum Hals, und er fürchtete schon fast, es könnte vor Angst stehen bleiben. Gordir blickte auf Frodos Zeigefinger und blieb mit der Klinge genau über diesem Finger stehen. Er weidete sich an dem Anblick, der sich ihm da bot, denn der Hobbit wimmerte kläglich vor sich hin und Tränen der Angst und Verzweiflung liefen über seine Wangen. Gordir drückte die Klinge fester auf den Finger, und Frodo schloss die Augen, bei dem Gedanken, Gordir würde wirklich den letzten Schritt tun, und ihm den Finger tatsächlich abtrennen, schwanden ihm die Sinne.
"Tu es", zischte Gurtor aus einer Ecke "er ist unser Opfer, du hast die Macht alles mit ihm zu machen, nimm sie wahr!"
Gordir überlegte wirklich, ob er das nicht tun sollte, es wäre ein Leichtes...
Dann, urplötzlich, flog die Tür auf, die niemand verschlossen hatte, und Frodo hob den Kopf und drehte ihn zur Seite. Über die Köpfe der Jungen hinweg sah er in der Tür einen kleinen Schatten stehen und erkannte ihn sofort.
Wie von Sinnen schrie er "Sam! Verschwinde!", aber es war zu spät.

Meile um Meile legten sie zurück im Wald, folgten immer den vielen Fußspuren und wappneten sich innerlich gegen einige Bilder, die ihnen durch den Kopf gingen. Sie konnten nicht anders, als sich auszumalen, was sie vielleicht vorfinden würden.
Plötzlich hörten sie Stimmen, ganz in der Nähe, und zwar mehrere.
"Bleibt stehen!" flüsterte Eowyn und zog Bergil und Sam mit sich hinter einen Baum. Keine Sekunde zu früh. In der Nähe gingen zwei junge Männer vorbei, mehr als Schatten wahrnehmbar, gebeutelt von der drückenden Schwüle des Nachmittags.
"... schon begonnen, was meinst du?" fragte einer und Sams Augen wurden groß.
"Keine Ahnung, werden wir jetzt sehen. Da vorn ist es!" war die Antwort und Bergil spähte am Baum vorbei. Durch die vielen grünen Pflanzen hindurch war ein sonnenbeschienenes Gebäude sichtbar und ihm stockte der Atmen.
"Da, wir haben es gefunden! Kommt schon!" zischte er, aber Eowyn hielt ihn fest und flüsterte: "Warte, bis die weg sind, es ist zu riskant!"
Sams Herz begann zu rasen und als die beiden Jungs außer Sicht waren, folgten sie ihnen so leise wie möglich und pirschten sich an. Das Gebäude lag über ihnen auf einem kleinen Hügel und sie kletterten empor. Hinter einem Gebüsch legten die drei sich flach auf den Boden und hielten gespannt Ausschau.
Ein reges Treiben herrschte vor dem Gebäude, immer wieder kamen einzelne kleine Grüppchen von jungen Männern und gingen hinein, doch irgendwann kamen keine mehr.
"Was ist hier los? Was ist das überhaupt?" fragte Eowyn leise und Bergil wisperte: "Vermutlich eine ehemalige Militärbasis, sieh die hohen, schmalen Fenster. Wo sind die alle? Sind jetzt alle hier?"
Sie warteten noch eine Weile, aber da sich nichts mehr regte, standen sie schließlich auf und sahen sich in der Nähe um.
"Ich würde zu gern wissen, was die da tun!" murmelte Bergil und ging näher an das Gebäude heran. Einige der Fenster auf dieser Seite waren ohne Scheiben, zwar verhangen, aber je näher er kam, umso deutlicher konnte Bergli verstehen, was drinnen gesagt wurde. Es war etwas Elbisches, eine dünne Stimme und voller Angst. Bergil sah aus dem Augenwinkel, dass Sam neben ihn kam und ebenfalls lauschte. Währenddessen sah Eowyn sich weiter in der Nähe um.
Dann, plötzlich, stieß eine furchtbare Stimme einen Fluch aus, sie klang böse und dämonisch, bald wie von Morgoth selbst, und die beiden Beobachter hörten, wie Gordir rief: "Du bist des Todes, Ringträger!"
Sam begann zu zittern und wurde bleich, doch im gleichen Augenblick hörten sie einen lauten Angstschrei, der Sam durch Mark und Bein ging, und er schüttelte ängstlich den Kopf. "Frodo..."
Noch lebte er. Sam war nicht zu halten, er drehte sich sofort ab und Bergil fluchte.
"Sam, verdammt!" zischte er. "Bleib hier! Sam!"
Aber der Hobbit hörte nicht auf ihn, er zog sein Schwert und stürmte nach vorne zur großen Tür. Eowyn wurde auch auf ihn aufmerksam, außerdem hatte selbst sie den Schrei gehört und rief: "Sam, du hast doch keine Chance!"
Sam blieb kurz vor der Tür stehen und erwiderte: "Ich muss zu Frodo, auch wenn ich nichts tun kann, aber er ist allein da drin!"
Damit riss er die Tür auf und stürmte hinein.

Frodo sah, dass Sam ein Schwert in einer Hand hielt und er hörte ihn wütend brüllen: "Wenn ihr auch nur ein wenig Verstand besitzt, dann lasst ihn frei, verschont ihn doch!"
Verzweifelt stürmte er mit erhobener Waffe auf sie zu, aber es war für die Jungs ein Leichtes, ihn zu entwaffnen. Man ergriff ihn, schleifte ihn nach vorne zu Frodo, obwohl er sich mit seinem unverletzten Arm heftig wehrte, und stieß ihn an seine Seite.
Sam schluckte schwer, als er Frodo zu Gesicht bekam, an den Tisch gekettet und unfähig, sich zu wehren, bereits verletzt und voller Blut...
"Sagt euch Lebewohl!" zischte Gordir und Sam schaffte es, mit seiner warmen Hand nach Frodos Arm zu greifen, bevor man ihn fortzerrte und unter lautem Protestgeschrei an die Wand kettete. Auf den gebrochenen Arm nahmen sie dabei keine Rücksicht, zerschnitten die Schlinge und Sam brüllte vor Schmerzen, als sie den Arm hochrissen.
"Hört auf, ihr Teufel!" fluchte er.
"Sieh zu, Halbling, das siehst du nicht alle Tage!" rief Gordir und Sam gefror das Blut in den Adern. Das war keine menschliche Stimme mehr. Er starrte auf Gordir, der völlig die Kontrolle über alles verloren hatte, aber er stand ganz ruhig da und kniff die Augen zusammen, als er sich durch den dünnen Haare fuhr und sich wieder zu Frodo drehte.
"Sam, du bist wahnsinnig! Warum bist du hier?" brachte Frodo hustend hervor. Er konnte Sam nicht sehen, aber schon zu wissen, dass sein Freund anwesend und er in dieser Hölle nicht länger allein war, gab ihm ein wenig Kraft und er biss tapfer die Zähne zusammen, um den Schmerz zu ertragen.
Frodo hielt noch immer den Kopf hoch und versuchte Sam doch noch zu erblicken. Er spürte, dass es vielleicht das letzte Mal sein würde, dass er die Gelegenheit bekam, seinen Freund zu sehen. Gordir jedoch legte Frodo die Hand auf die Stirn, und noch ehe der Hobbit reagieren konnte, drückte er ihm den Kopf gewaltsam mit einem Ruck herunter, so dass er hart auf der Steinplatte aufschlug. Der Schmerz zuckte einmal durch seinen gesamten Kopf hindurch, sein Blickfeld verschwamm vor seinem Auge, und für einen Moment hatte Frodo die vage Hoffnung bewusstlos zu werden, und so die Qualen nicht länger ertragen zu müssen. Doch er wurde enttäuscht, schnell klärten sich die Bilder wieder auf, und sein Bewusstsein kehrte zurück.
Sam seinerseits war entsetzt über den Anblick, der sich ihm bot und schrie laut und verzweifelt, aber das hatte nur zur Folge, dass man ihn ganz einfach knebelte. Er war dazu verdammt, stumm zuzusehen und riss verzweifelt an den Ketten. Er konnte Frodo sehen, er sah das dunkle Blut, er wollte ihm um alles in der Welt helfen, aber er konnte nicht.
Frodo hatte seine Hände nun zu Fäusten geballt, um keinen Preis würde er sie wieder öffnen, zu tief saß die Angst, Gordir könnte erneut Anstalten machen ihm den Finger abzuschneiden.
Gordir jedoch machte diese Anstalten nicht mehr, stattdessen ritzte er Frodo Male in die Haut, der Hobbit spürte das warme Blut hinunter laufen, aber wagte es nicht, hinzusehen.
Auf einmal hob Gordir sehr zu seinem Entsetzen den blutverschmierten Dolch und mit einem wahnsinnigen Grinsen leckte er die Klinge ab und lachte grausam. Seine blitzenden Augen fixierten dabei Frodo und dem Hobbit wurde auch die äußerliche Veränderung, die sich plötzlich an Gordir vollzogen hatte, allzu klar.
Er konzentrierte sich darauf, den Schmerz zu ertragen, aber es gelang ihm nicht.
Dann schrie er ihn hinaus und rief: "Morgoth!"
Natürlich hatte das nicht den gewünschten Effekt. Gordir hielt in einer schnellen Handbewegung ein Tuch in der Hand und knebelte Frodo, der die Augen schloss und mit den Tränen der Verzweiflung kämpfte.
Dann spürte er plötzlich, wie Gordir quer über seine Pulsadern schnitt, und stöhnte.
Mit jedem Herzschlag spürte er, wie es pulsierte, er hörte Sam jammern, aber wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er atmete schwer, sein Herz raste und er spürte irgendwann, wie er schwächer wurde. Das Blut tropfte von seinen Armen und er bewegte sich nicht mehr.

Bergil hatte ihn nicht mehr zu fassen bekommen und er und Eowyn blieben von der Tür weg, weil sie fürchteten, gesehen zu werden.
"Was jetzt?" fragte Bergil von der einen Seite und Eowyn zuckte mit den Schultern. Bergil huschte schnell zu ihr und flüsterte: "Wenn wir auch da reingehen, bin ich erstens sofort tot und zweitens können wir sowieso nichts tun. Die sind uns hundertfach überlegen. Aber wenn wir Glück haben, sind der Suchtrupp oder mein Vater in der Nähe, die hier haben ja auch genug Aufsehen erregt, und wir kommen mit Verstärkung zurück!"
Eowyn nickte. "Das ist wohl das beste!"
Damit huschten sie beide weg, hörten noch Stimmen, Gelächter und Schreie, aber konnten sich in dem Moment nicht darum kümmern.
Sie liefen einfach irgendwo in den Wald und hielten Ausschau nach allem, was sich irgendwie bewegte, aber es war seltsam ruhig. Doch ganz unerwartet erhoben sich mehrere Bogenschützen aus dem nächsten Gebüsch, zielten auf die beiden und riefen: "Keine Bewegung!"
Eowyn und Bergil fuhren zusammen, doch schon im nächsten Moment zeigte sich Beregond und sagte: "Bogen runter, sie gehören doch zu uns! Guckt doch genauer hin!"
"Vater, schnell, wir haben das Versteck gefunden! Komm, wir müssen etwas tun!" rief Bergil aufgeregt und plötzlich hörten sie in der Nähe Hufgetrappel und weitere Stimmen.
"Was ist hier los?" fragte Beregond und einer der Männer, die weiter weg standen, rief: "Es ist Gandalf und der Suchtrupp! Sie kommen hierher!"
Eowyn lächelte plötzlich und lief los in die gewiesene Richtung. Die anderen folgten ihr und Bergil bat einen der Männer um seinen Bogen.
"Bitte, ich möchte gleich die Gelegenheit dazu haben, zu schießen, denn das könnte die einzige Möglichkeit sein!" erklärte er und bekam den Bogen und einige Pfeile. Der Mann war ein Freund seines Vaters und zog stattdessen dann sein Schwert.
Sie liefen keine zwei Minuten, da trafen sie dann auf Gandalf, Faramir, Aragorn, Legolas und Gimli.
"Was macht ihr denn hier?" fragte Eowyn und Faramir sah sie stirnrunzelnd an.
"Das wollte ich dich gerade fragen!"
"Keine Zeit für Fragen! Wohin jetzt?" drängte Aragorn und sah zu Turdir, der nur in die Richtung wies, in der das Versteck lag. Bergil nickte und rief: "Schnell, Sam ist dort, wir haben Frodo gefunden!"
Eowyn sah entsetzt zu Legolas mit seiner verbundenen Schulter, aber er grinste schief und sagte: "Nicht so schlimm. Wir sollten uns jetzt beeilen!"
Bergil lief voran. Er wusste genau, wo er hin musste, er hielt den Bogen fest in der Hand und sein Herz raste vor Aufregung.
Schneller, befahl er sich immer wieder, er musste sich beeilen, um Frodo zu retten... er musste es schaffen!
Geistesabwesend schlug er sich durchs Unterholz und lief, so schnell seine Füße ihn trugen. Jetzt war ihm alles egal, außer dass er rechtzeitig kommen musste und nicht wie bei Toron viel zu spät...
Das Gebäude ragte vor ihm auf, die anderen riefen noch, er solle nicht so schnell laufen, denn sie konnten kaum mit seinem Schritt mithalten. Aragorn blickte auf das verfallende Gebäude und nur wiederwillig kamen Gedanken in ihm hoch, die ihn vermuten ließen, was dort drin gerade mit Frodo geschah. Noch im Laufen drehte sich Aragorn zu Legolas und sagte: "Ich halte es für besser, wenn du und Turdir draußen bleibt, denn drinnen könnte es passieren, dass ihr angegriffen werdet, und ihr beiden habt keine Möglichkeit euch zu wehren." Legolas nickte stumm, und auch Turdir nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Gimli, der keuchend neben Aragorn lief, wollte idie anderen zuerst davon überzeugen, dass er draußen bei Legolas bleiben sollte, doch schnell kam er zu der Einsicht, dass er drinnen nützlicher sein könnte.
Als sie kurz vor dem Gebäude ankamen, stieg Gandalf vom Pferd, Legolas und Turdir blieben auf ihrem sitzen, aber wollten sich einige Meter entfernt vom Eingang aufhalten und warten. Gandalf hob seinen Zauberstab, die anderen zogen ihre Waffen. Faramir sah, wie Bergil schon am Eingang war, und wollte noch rufen, er solle doch warten, aber er stürmte zur Tür, die noch immer offen stand, und sah nun hinein in die Dunkelheit. Die anderen folgten ihm schnellen Schrittes, nur Legolas und Turdir, blieben ganz allein auf dem Pferd zurück.
Bergil konnte wenig sehen im ersten Moment, aber dennoch hielt er den Bogen gespannt und starrte in die Mitte des Raumes. Dort stand Gordir mit erhobenem Dolch, Bergil konnte Frodo sehen, er lebte noch, aber Gordir wollte zustechen und Bergil zielte mit zitternder Hand auf Frodos Peiniger.

Frodo sehnte das Ende herbei, aber Gordir schnitt ihm nur noch einmal über den Hals und Frodo zuckte zusammen. Als er die Augen aufschlug, sah er im Augenwinkel Blut und schloss die Augen wieder, doch dann schrie Gordir plötzlich voller Wut und Frodo musste hinsehen.
Sams Augen weiteten sich vor Entsetzen, er rang um Fassung und traute dennoch seinen Augen kaum, denn er wollte einfach nicht glauben, was er da sah. Er litt kaum weniger Qualen als Frodo selbst, denn die Folter seines Freundes mit ansehen zu müssen, brachte ihn fast um den Verstand und er weinte.
Mit hoch erhobenem Dolch zielte Gordir genau auf Frodos Herz und Frodo schüttelte bittend den Kopf, aber es half nichts, Gordir grinste nur und wollte schon zustoßen, aber ließ ganz plötzlich den Dolch zur Seite fallen.
Ein Pfeil steckte in seiner Hand und Gordir schrie auf mit verzerrter Stimme, das tiefe Krächzen war in ein hohes Kreischen umgeschlagen und Frodo zuckte zusammen.
Ein zweiter Pfeil schwirrte über ihn hinweg, verfehlte Gordir aber diesmal und als Frodo den Kopf drehte, um zu erkennen, woher der Pfeil gekommen war, sah er die große Tür offen stehen.
Sie kamen. Allen voran stand Bergil mit gespanntem Bogen im Raum und atmete schwer. Er konzentrierte sich auf sein Ziel und ganz unerwartet hob Gandalf seinen Stab, der plötzlich gleißend hell aufblitzte und ein weißes Leuchten durchflutete die Dunkelheit bis in die finsterste Ecke.
Gordir schrak zurück, er wurde geblendet vom Licht und er versuchte, sich zu wehren, indem er die Augen mit der Hand abschirmte. Er begann am ganzen Leib zu zittern und hielt sich am Tisch fest.
"Weiche, Morgoth!" befahl Gandalf mit donnernder Stimme und einen Augenblick lang rührte sich niemand, denn alle waren zu überrascht, um etwas zu tun.
Frodo, der langsam alle Kraft verlor und mehr Schmerz als noch Leben in sich spürte, hatte ein Gefühl, als würde die Sonne selbst in der Finsternis erstrahlen, aber dennoch gab die Helligkeit ihm keine Stärke zurück.
Aragorn stand neben Gandalf mit Anduril in der Hand und sprach ruhig: "Beendet es jetzt. Hört endlich auf! Entsagt dem Bann des Bösen!"
Gurtor blickte zu Aragorn, und blanker Hass zeigte sich in seinem Gesicht. Seine Augen glühten bedrohlich, und der Wahnsinn schien ihn fast zu beherrschen. Er war betrogen worden. Aragorn hatte ihn betrogen, hintergangen und ein Spiel mit ihm gespielt. Und er hatte es nicht gemerkt. Gurtor spürte das Bedürfnis, diesen Mann zu töten, der ihn in auf so eine Art gedemütigt hatte, doch er war umringt von anderen Männern, ihn anzugreifen, hätte für Gurtor den sicheren Tod gebracht. Und so beschloss er, einfach nur heimlich zu fliehen, sein würde die Rache sein, und grausamer denn je würde sie auf alle treffen, die gegen ihn und die Verkünder der Finsternis waren. Unbemerkt kam er in Richtung Eingang, denn durch das viele Gewirr von Menschen blieb er unentdeckt, als er über den Boden krabbelte.
Er erreichte den Eingang und spähte hinaus. Was er da sah, ließ noch mehr Hass in ihm auflodern, und er schaffte es nur unter großer Mühe, einen Wutschrei zu unterdrücken. Er konnte Legolas von weitem erkennen, und sah Turdir hinter ihm auf dem Pferd sitzen. "Du verdammter Elb, ihr habt mich beide reingelegt, aber ich werde das tun, was Aragorn hätte machen sollen. Und wenn ich damit fertig bin, dann werde ich auch dich töten, Turdir, du Verräter! Ich lasse mich von niemandem auf so eine Art besiegen!"
Er krabbelte zurück, und erspähte ein Seil, dass in einer Ecke lag. Er hob es leise auf, und beobachtete, wie drinnen im Raum immer noch ein wirres Treiben herrschte. Er blickte an sich hinunter, er hatte nur ein Messer in seinem Gürtel stecken, und jetzt in den Raum zu laufen, war zu gefährlich. Es war ihm egal, er würde sie beide töten, und wenn er sie eigenhändig erwürgen müsste.
Gurtor warf sich das Seil über die Schulter, und schlich sich wieder nach draußen. Er huschte von Gebüsch zu Gebüsch und blieb für Legolas und Turdir somit verborgen, als er sich ihnen gefährlich näherte. Langsam, ganz langsam nahm er das Seil von der Schulter und begann es mit der Schlaufe nach oben zu schwingen. Seine Augen glühten immer noch hasserfüllt, er wusste, er würde sein Ziel nicht verfehlen.
Legolas und Turdir standen in seitlicher Richtung zu ihm, und Legolas´ verletzte Schulter war genau in Gurtors Richtung.
Schneller und immer schneller schwang der Junge das Seil, bis er es schließlich auswarf. Die Schlinge schnellte nach vorne, und zog sich um Legolas´ Arm, den er durch die verletzte Schulter noch immer nicht richtig bewegen konnte. Turdir stieß einen Schreckensschrei aus, als er merkte, wie das Pferd unter ihm und Legolas zu scheuen begann. Es schnellte nach vorne, und Gurtor riss mit einem heftigen Ruck an dem Seil. Der Elb wurde vom Pferd gerissen, und seine Wunde brach durch den heftigen Ruck wieder auf. Legolas konnte einen Schmerzensschrei nicht mehr unterdrücken und blieb stöhnend auf der Erde liegen. Gurtor jedoch zeigte keinerlei Erbarmen, er zog immer weiter an dem Seil und Legolas, der verzweifelt versuchte, sich aus der Schlinge zu befreien litt wahre Höllenqualen. Er versuchte mit der anderen Hand das Seil zu greifen, um die Schlinge lockern zu können, doch es wollte ihm nicht gelingen. Gurtor zog immer weiter und Legolas spürte, wie ihm das Blut nur so aus der Wunde schoss. "Gefällt dir das, du garstiger Elb? Du wolltest mir etwas vorspielen? Jetzt werde ich mal etwas mit dir spielen", rief Gurtor mit hasserfüllter Stimme, während er den Elb am Arm nach vorne zerrte, und zusah, wie er litt.
Turdir wurde vom Pferd geschleudert und blieb für den ersten Moment, benebelt vom Sturz, liegen. Er war auf den Bauch gefallen, und nahm nur undeutlich wahr, was vor ihm mit Legolas geschah. Langsam jedoch kehrten seine Sinne zurück, und er begriff, dass der Elb hoffnungslos verloren war, wenn er keine Hilfe bekam. Turdir nahm alle seine Kräfte zusammen und versuchte nach vorne zu kriechen. Er nahm sein verletztes Bein kaum mehr wahr, er wollte nur noch nach vorne. Ganz langsam schaffte er es auch, er war jetzt ganz in Legolas´ Nähe. Der Elb hing immer noch in der Schlinge, und wand sich um aus ihr hinaus zu kommen, es war ein erbärmliches Bild. Turdir schaffte es weiter vor zu kommen, so dass er das Seil greifen konnte, und verhindern konnte, dass Legolas´ Arm immer weiter gestreckt wurde. Gurtor riss die Augen auf, als er sah, wie Turdir dem Elb half. "Lass das sein, oder du wirst am eigenen Leib spüren, was es bedeutet, wenn man sich mir wiedersetzt."
"Hör sofort auf du wahnsinniger Schwachkopf, sie werden diese Gruppe sowieso zerschlagen. Es hat keinen Sinn mehr." Legolas zog seinen Arm, dank Turdirs Hilfe, aus der Schlinge und blieb entkräftet und stark blutend auf der Erde liegen. Gurtor wurde rasend vor Wut. Er warf das Seil wütend auf den Boden, zog sein Messer und kam dann zu Turdir herüber gelaufen. "Ich werde dich töten, du Verräter!" Er hechtete zu Turdir rüber, und wollte sich auf ihn stürzen, doch Legolas hatte noch genug Kraft, und riss ihm mit einem gezielten Schwung seines linken Beines die Beine weg, so dass der Junge unsanft auf der Erde landete. Fluchend schlug er Legolas auf seine verletzte Schulter, so dass der Elb einmal aufschrie, und danach nicht mehr in der Lage war sich zu wehren. Turdir erntete einen heftigen Tritt in den Bauch, und blieb nach Atem ringend liegen. Gurtor holte nun in aller Ruhe sein Messer, das ihm aus der Hand gefallen war, und ging zu Legolas hinüber.
"Ich wollte diesen Elben sterben sehen, und ich werde ihn auch sterben sehen", zischte er zu Turdir.
"Bitte, nimm doch Vernunft an, was ist nur aus dir geworden?" fragte Turdir, und seine Augen wurden feucht.
"Melkor hat mir die Augen geöffnet, er hat mir gezeigt, was richtig ist, und was falsch."
"Melkor hat dich geblendet und verseucht. Er hat dir alles genommen, was einmal deine Persönlichkeit war."
"Schweig, du hast keine Ahnung. Du bist nicht auf Melkors Seite, und deine Strafe wird der Tod sein, aber zuerst rechne ich mit ihm ab!" Er deutet auf den stark keuchenden Legolas.
Er zog den Elb an seinem langen, blonden Haar hoch und riss ihm den Kopf in den Nacken. Legolas schloss die Augen und stützte sich mit dem gesunden Arm auf der Erde ab. Sein anderer Arm hing schlaff hinunter und Blut tropfte an ihm hinab, und bildete auf der Erde eine kleine rote Pfütze, die immer größer wurde.
Turdirs Augen füllten sich mit Tränen, er hatte keine Möglichkeit dem Elben irgendwie zu helfen. Wehmütig sah er, wie Gurtor dem stark keuchenden Elben das Messer an die entblößte Kehle setzte.


Vierter Abschnitt

Sam atmete hörbar auf, als er die Hife kommen sah. Erleichterung durchströmte ihn von Kopf bis Fuß, aber die Überraschung in Gordirs Gesicht war selbst für ihn unübersehbar.
In einer blitzartigen Bewegung griff er auf dem Boden nach dem Dolch, aber darauf hatte Bergil nur gewartet und die jungen Männer taten zum Glück genau das, was er erhofft hatte: Um verirrten Pfeilen aus dem Weg zu gehen, machten sie instinktiv Platz und wichen zur Seite, so daß Bergil gezielt schießen konnte und Gordir, bevor er Frodo endgültig umbringen konnte, im Brustkorb traf.
In einem ohrenbetäubenden Aufschrei ging Gordir zu Boden, denn den Schmerz spürte nicht Melkor, sondern der Mensch, und so sehr er sich wehrte, die Schwäche war zu stark. Er fiel röchelnd aufs Gesicht, er versuchte, sich noch am Tisch festzuhalten, aber er war mit einem Mal so kraftlos, daß er in sich zusammensackte und zu Boden sank.
Bergil holte tief Luft und rannte vorwärts mit erhobenem Schwert. Es war Torons Schwert, denn es war länger als seines und er hatte es blitzschnell vom Gürtel gelöst.
Er sah Frodo und er sah, daß er noch atmete, schwer und stoßweise und daß er nicht versuchte, etwas zu sagen, gab Bergil zu verstehen, daß er es nicht mehr konnte.
Sam schloß beruhigt für einen Moment die Augen, als er sah, wie Bergil sich den Weg freikämpfte zu Frodo, gefolgt von Aragorn, Gandalf, Faramir und unzähligen Kriegern mit gezogenen Schwertern, die sich den Jungen entgegenstellten, die nicht viel weniger zahllos waren. Allerdings griffen sie sie nicht an und auch die Jungs taten es nicht gleich, aber plötzlich klirrten Schwerter und die Krieger versuchten, die Angreifer zu entwaffnen und sie nicht zu verletzen.
Die meisten von ihnen hielten noch nicht lange Waffen in ihren Händen und waren ungeübt in der Handhabung, denn es war noch nicht lange her, daß sie Knaben gewesen waren.
Eowyn sah zu Sam und war überglücklich, ihn unverletzt zu sehen. Sie bahnte sich irgendwie einen Weg zu ihm und machte sich daran, ihn zu befreien.
Ohne zu zögern stürmte Bergil vor zu Frodo, der ihn schwach ansah und der Junge sah die Tränen in den Augen des Hobbits.
"Ich komme, halt aus!" schrie er und im nächsten Moment war er auch schon da, ungeachtet aller eventuellen Angreifer, und wollte Frodo befreien, ihn wegbringen und in Sicherheit. Er machte sich an den Riegeln zu schaffen, wollte die Manschetten lösen und griff nach Frodos Hand, die voller Blut war.
"Ich bin hier..." murmelte Bergil und lächelte ermutigend, doch urplötzlich hörte er einen zornigen Schrei und sah auf. Gordir hatte sich erhoben, der Pfeil steckte noch in seiner Brust, aber er starrte Bergil wutentbrannt an und wollte den Dolch nach ihm werfen, aber Bergil war schneller als er, der verletzt war, und stieß schlagartig mit Torons Schwert zu, mitten in Gordirs Herz.
Der Dolch fiel scheppernd zu Boden, Gordir taumelte und fiel dann plötzlich nach vorne und genau auf Frodo, dessen Schmerzensschrei auch durch den Knebel nicht erstickt werden konnte.
Eilig wuchtete Bergil den Mann hoch und stieß ihn zur Seite. Dabei sah er ihm in die glasigen Augen, deren finsteres Glitzern erloschen war. Er war tot. Langsam glitt er zu Boden.
"Frodo! Oh nein..." stammelte Bergil und löste erst den Knebel, dann befreite er ihn endlich und hielt seine Hand ganz fest in seiner. Fragend sah Bergil sich um und rief: "Wir brauchen Hilfe! Bitte..."
Er rief so laut und so voller Verzweiflung, daß auch jeder Kämpfer in der letzten Reihe es hörte und ganz plötzlich ließen die Jungs einer nach dem anderen ihre Schwerter sinken.
Gandalf lief zu Bergil und auch Sam und Eowyn waren plötzlich da. Bergil sah Gandalf flehend an und murmelte: "Eine Decke, schnell, irgendwas!"
Eowyn hatte Frodos Kleidung in der Hand und ohne Zeit zu verlieren, preßte sie den Stoff auf Frodos blutende Handgelenke. Schnellstens und so fest wie möglich verband sie die Wunden, während Bergil Frodo aufrichtete, ihn in Gandalfs weißen Umhang wickelte und sanft auf seine Arme hob.
Schluchzend strich Sam Frodo über die Stirn und mit letzter Kraft lächelte Frodo und flüsterte: "Sam... bleib bei mir..." Schwach drehte er den Kopf und Sam suchte durch den Umhang nach Frodos Hand, während Bergil ihn unruhig ansah und schließlich sagte: "Los, komm mit, wir müssen in die Stadt!"

Als Gandalf hinausgelaufen kam, stockte ihm der Atem. Da war Blut, überall. Ein scheinbar völlig verängstigter und verwirrter Junge kauerte neben einem anderen auf der Erde. Und an der Seite lag Legolas, einen Arm weit von sich gestreckt. "Bei den Valar, was ist hier geschehen?" fragte der Zauberer ungläubig. Er lief zu den Dreien hinüber und starrte erschreckt auf den Elben.
"Keine Sorge, er lebt, aber er braucht Hilfe", sagte Turdir schwach. Gandalf nickte und lief zurück. "Kommt schnell!" rief er zu Bergil, der Frodo auf dem Arm hatte und auch ungläubig auf die Szene blickte, die sich ihm bot. Gandalf holte Schattenfell
und sprach beruhigend auf das Pferd ein. Sam lief so schnell wie möglich neben Bergil her und spürte, wie Frodo sich an seine Hand klammerte wie an einen Strohhalm, dann kamen sie draußen an und Gandalf sagte: "Dieses Mal wird Schattenfell euch tragen, euch wird nichts geschehen, mein treues Pferd wird euch nach Minas Tirith bringen. Beeilt euch!"
Er nahm Frodo kurz, damit Bergil aufsteigen konnte und als Frodo wieder in Bergils Armen lag, hob Gandalf Sam aufs Pferd und lächelte.
"Bleib auch bei ihm, Sam, er wird dich brauchen. Mehr als irgendetwas sonst."
Damit lief er zurück und Bergil gab Schattenfell die Sporen, während Sam sich ängstlich an ihm festklammerte, um nicht vom Pferd zu fallen.
Gandalf lief wieder in das Haus und erblickte Faramir, der in einer Gruppe von Jungen stand. "Faramir, komm schnell mit, ich brauche deine Hilfe."
Faramir schaute verblüfft auf, merkte aber an dem Blick, den Gandalf ihm zuwarf, dass es etwas ernstes sein musste. Er lief eilig auf den Zauberer zu, und hatte einen äußerst besorgten Gesichtsausdruck.
"Was ist denn, Gandalf?"
"Ich fürchte, wir habe einen Fehler gemacht, als wir Legolas und Turdir draußen alleine gelassen haben. Jemand hat sie angegriffen."
"Was ist geschehen?" fragte Faramir erschreckt.
"Komm mit, es eilt."
Als Faramir nach draußen ging, stockte ihm, wie Gandalf zuvor, der Atem. "Oh nein, das darf doch nicht wahr sein."
Faramir lief zu Legolas hinüber und nahm vorsichtig den Kopf des Elben in den Arm. Der Elb blinzelte schwach und sah Faramir dann schweigend an.
Faramir schnitt mit seinem Messer vorsichtig Legolas´ Gewand an der verletzten Schulter auf und betrachtete die Wunde. "Sie ist größer geworden", stellte er fest.
Gandalf reichte ihm ein Stück Stoff, um es auf die Wunde zu pressen und ein anderes zum Verbinden. Plötzlich konnte man Gimli am Eingang des Gebäudes erkennen, der so erschreckt guckte, dass man Angst hatte, er würde im nächsten Moment umfallen. Er kam schnellen Schrittes auf sie zugelaufen. "Was, was ist denn hier geschehen?"
"Man hat sie angegriffen", antwortete Faramir.
"Wieso habt ihr mich denn nicht geholt? Er ist doch mein Freund", fragte Gimli vorwurfsvoll.
Legolas griff mit seinem gesunden Arm nach Gimli seinem, denn der Zwerg stand nun fast vor ihm. "Ja du bist mein Freund, und bin froh, dass du da bist", flüsterte Legolas.
Der Zwerg ging gerührt in die Knie. "Was kann ich tun?"
"Hilf mir, die Wunden zu verbinden, damit er nicht noch mehr Blut verliert!" rief Faramir und war dabei ein Stück Stoff in zwei Hälften zu zerreißen.
Gimli tat, wie ihm geheißen wurde, und half eifrig dabei, den Elben zu versorgen. Gandalf hatte das Pferd bereits geholt, und nachdem Legolas notdürftig verbunden war, beauftragte er Gimli, den Elben ebenfalls nach Minas Tirith zu bringen. Gimli war sofort eifrig bei der Sache, und tat alles, was nur in seinen Kräften stand. Bald war auch er mit Legolas auf dem Weg in die Stadt. Faramir und Gandalf fragten Turdir, was denn eigentlich geschehen sein.
"Gurtor war völlig von Melkor besessen, er hat Legolas und mich angegriffen, und wollte den Elben töten. Doch plötzlich war er wie ausgewechselt, er ließ das Messer fallen, mit dem er Legolas bedrohte und sank völlig verstört zu Boden."
Faramir erkannte nun Gurtor neben Turdir kauern, der Junge wirkte wirklich völlig verstört und murmelte immer wieder. "Was habe ich nur getan?"
"Was ist nur mit ihm?" fragte Turdir Gandalf.
"Melkor ist nun verschwunden, er hat über keinen von euch noch irgendwie Macht. Auch Gurtor ist nun frei von ihm und wird sich seiner Taten nun bewusst. Er wird eine Weile brauchen, bis er wieder zurechtkommen wird, aber er wird es schaffen."
"Wie geht es eigentlich deinem Bein?" fragte Faramir.
"Oh danke, es geht, sorgt euch nicht um mich, ich komme klar."
"Denkst du, wir können dich eine kleine Weile hier alleine lassen? Wir sind bald wieder da", sagte Gandalf.
"Aber natürlich, geht nur, das bisschen Zeit werde ich nun auch noch überstehen."
Gandalf lächelte. "Wir sind gleich wieder da." Mit diesen Worten ging er zusammen mit Faramir nochmals in das Gebäude, seinen Zauberstab hatte er immer noch in der Hand.

Wie der Wind schnellte Schattenfell durch den Wald und Bergil nahm Frodo ganz fest in den Arm.
"Hab keine Angst, bald bist du in den Häusern der Heilung, wo man dir helfen wird!" versprach er zuversichtlich und Frodo schloß plötzlich die Augen, weil er zu schwach war, murmelte aber leise: "Danke, Bergil."
"Ich mußte dir doch helfen! Ich wollte wenigstens das schaffen, wenn ich schon nicht für Toron..." Er brach ab und schluckte schwer.
Frodo hustete. "Du... weißt es?" flüsterte er.
"Ich habe ihn gefunden!" brachte Bergil erbittert hervor und Frodo öffnete langsam die Augen und sah den Jungen an. Sie sagten beide nichts, aber plötzlich sank Frodos Kopf kraftlos zur Seite und Bergil schrak zusammen. Er wollte sich nichts anmerken lassen, aber er war zutiefst besorgt.
Es mußte äußerst schnell gehen. Wenn Frodo schon das Bewußtsein verlor...
Sam hatte seine Arme um Bergil geschlugen und spürte, wie Bergil plötzlich Frodo noch dichter an sich zog und umklammerte. Bergil sah nach vorn, er stellte fest, daß Schattenfell wirklich unglaublich schnell war, denn sie hatten innerhalb kürzester Zeit mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt.
"Dartho..." flüsterte Bergil, er wollte nicht, daß Sam es merkte, aber immer wieder sah er selbst auf Frodo und biß sich auf die Lippen. Mit dem Umhang wischte er dem Hobbit das Blut aus dem Gesicht und erschüttert wurde er der Würgemale an seinem Hals gewahr.
Er war keine Sekunde zu früh gekommen, nie, auch nicht beim ersten Mal. Nur war er zu früh geflohen.
Sie hätten ihn fast völlig zugrundegerichtet. Einfach so.
Unverständnis erfaßte ihn und seine Hand krallte sich unbewußt in den Umhang.
Schnattenfell galoppierte schneller als der Wind und es dauerte nicht allzu lang, da war endlich die Weiße Stadt in Sicht. Bergil atmete hörbar auf und Sam spähte an ihm vorbei.
"Endlich!" rief er, aber dabei fiel dann auch sein Blick auf Frodo und er legte seine Hand auf die Stirn seines Freundes. Sie war ganz kalt.
"Was ist mit ihm?" schrie Sam ängstlich, aber Bergil antwortete nur: "Ganz ruhig, er ist bewußtlos, das ist alles. Wir sind doch schon fast da."
Das Stadttor stand ihnen weit offen, Schattenfell lief schnellstens durch die Straßen und hoch zu den Häusern der Heilung, wo Bergil dann irgendwie mit Frodo auf den Armen vom Pferd sprang und Sam als Hilfe seine Hand reichte.
Eilig öffnete Bergil die Tür und stürmte auf den Flur.
"Wir brauchen Hilfe!" rief er verzweifelt und sofort erschienen einige Heiler, die den Hobbit in seinen Armen sahen und ihn sogleich in ihre Obhut nahmen.
Sie verschwanden hinter verschlossenen Türen und Sam sah Bergil unter Tränen an, als sie wartend draußen stehenblieben.
Bergil legte seine Arme um seinen kleinen Freund und strich ihm tröstend über den Kopf.
"Das wird schon wieder. Mach dir keine Sorgen."
Plötzlich ging die Tür wieder auf und einer der Heiler erschien.
"Was, bitte, ist passiert? Was hat man mit ihm gemacht?" fragte er kopfschüttelnd und Bergil holte tief Luft. Es fiel ihm schwer, aber irgendwie schaffte er es doch, zu sprechen.
"Er war in Gefangenschaft bei dem Geheimbund. Sie wollten ihn umbringen. Wir kamen gerade rechtzeitig, um wenigstens das noch zu verhindern..."
"Das ist wirklich schrecklich! Aber habt keine Angst, wir schaffen das!"
Damit verschwand er wieder und Sam ging laut schluchzend in die Knie.
"He, was ist denn los? Es ist doch alles vorbei!" sagte Bergil und half Sam wieder auf die Füße.
"Wenn du nicht in letzter Sekunde geschossen hättest, wäre er tot!" schrie Sam und sein Schmerz war nur allzu gut hörbar.
"Ganz ruhig..." flüsterte Bergil und lächelte schief. Es wollte ihm nicht ganz gelingen.
Plötzlich ging eine Tür auf und darin stand Merry.
"Bei den Valar..." begann er und stürmte auf die beiden zu.
"Was macht ihr hier? Was ist hier los?" fragte er und sie hörten unter Hustenanfällen eine andere Stimme rufen: "Ich will auch wissen, was los ist!"
Bergil und Sam folgten Merry in Pippins Krankenzimmer und dort lag der arme Hobbit mit kleinen Augen und einer roten Nase.
"Wie siehst denn du aus?" fragte Bergil und Pippin zuckte mit den Schultern.
"Krank, würde ich sagen. Das hasse ich! Aber was ist passiert? Nun redet schon!"
Bergil und Sam sahen sich kurz an, dann erklärte Bergil: "Frodo ist hier."
Merrys Augen wurden groß und Pippin setzte sich aufgeregt.
"Wie geht es ihm? Sag schon!"
Sam begann wieder zu weinen und Merry verstand langsam.
"Was ist mit ihm?" fragte er vorsichtig und Bergil erhob flehend den Blick zur Decke.
"Es war fast zu spät, als wir kamen. Es geht ihm nicht gut, aber er wird es hoffentlich schaffen."
Besorgtes Schweigen breitete sich aus. Die beiden Hobbits wollten keine Fragen stellen, aber plötzlich sprang Sam auf und lief zur Tür.
"Was ist?" rief Bergil und folgte ihm. Dann sah er, daß die Heiler über den Flur liefen und Sam fragte: "Wo ist Frodo? Was ist mit ihm?"
Bergil legte ihm seine Hand auf die Schulter und einer der Heiler zeigte ihnen den Weg.
Sie betraten das Zimmer und dort lag Frodo friedlich im Bett. Sie hatten ihm das Blut aus dem Gesicht gewaschen, seine verletzten Arme lagen auf der Decke und waren mit strahlend weißen Verbänden umwickelt, ebenso sein Hals, er atmete ganz ruhig und Sam kniete sich neben sein Bett. Er nahm Frodos Hand und drückte sie ganz fest. Tränen liefen über seine Wangen, aber er lächelte Bergil glücklich an und der Junge riskierte einen kurzen Blick: Frodos ganzer Oberkörper war ebenso weiß verbunden und sie sahen überhaupt keine Spuren mehr von Blut und Leid. Es war vorbei.
Merry und Pippin betraten leise das Zimmer und Pippin erschrak.
"Was ist denn nur geschehen?" stieß er hervor.
"Die Heiler haben alle Wunden verbunden", antwortete Bergil und die Hobbits begriffen sofort. Alles, wo Verbände zu sehen waren...
"Was haben sie ihm nur angetan?" flüsterte Merry kopfschüttelnd und sie setzten sich auf das Nachbarbett.
Plötzlich öffnete Frodo die Augen und als er Sam neben sich sah, lächelte er und streckte seine Hand nach ihm aus. Sam umschloß sie beide mit seinen eigenen und lächelte ebenfalls.
"Ihr seid ja alle hier..." flüsterte Frodo leise und drehte den Kopf zu Merry und Pippin. Bergil hatte sich neben seine Freunde gesetzt und fragte: "Geht es dir besser?"
Frodo nickte stumm und schüttelte dann den Kopf. "Daß du noch lebst, Sam..." Tränen traten ihm in die Augen und Sam drückte seine Hand.
"Bergil hat mir erzählt, daß du dachtest, ich sei tot. Wie du siehst, geht es mir gut. Aber was ist mit dir? Sag doch was!"
Frodo schüttelte nur den Kopf und Bergil begriff. Schnell verließ er mit Merry und Pippin den Raum und ließ Frodo und Sam ganz allein.
"Was haben sie nur mit dir gemacht... wie siehst du denn aus..." murmelte Sam tonlos und Frodo wollte sich aufrecht hinsetzen. Sam half ihm dabei und dann klammerte Frodo sich stumm an ihn und weinte. Sam strich ihm tröstend über den Rücken und streichelte ihm über seine braunen Locken. Frodos Tränen durchnäßten bald sein Hemd, er weinte bitterlich, krallte sich in Sams Hemd fest und wollte sich kaum mehr beruhigen.
"Ich bin hier, Frodo, es ist vorbei, du bist in Sicherheit..." versuchte Sam, ihn zu besänftigen, aber er spürte, es hatte keinen Zweck. Frodo war außer sich.
Irgendwann sah Frodo ihn mit müden Augen an und Sam strich ihm sanft über die verletzte Wange. Unerwartet flüsterte Frodo: "Bleib bei mir, Sam, bitte, laß mich nicht allein..."
Sam nickte und nahm Frodos Hand. Frodo legte sich wieder hin und Sam deckte ihn sanft zu. Mit tränennassen Augen sah Frodo ihn an und sagte: "Ich hatte nicht geglaubt, daß ich es schaffe, es war so schrecklich..."
"Ich weiß, Herr Frodo, ich weiß. Ich habe es doch gesehen! Ich verstehe dich und ich verspreche dir, ich lasse dich nicht mehr allein. Sei ganz ruhig."
Plötzlich schlug Frodo die Decke zurück und zeigte Sam das Brandmal an seiner Seite. Unwillig verzog Sam das Gesicht und legte seine warme Hand auf die Narbe. Frodo murmelte: "Ich hatte solche Angst, Sam."
Sam nickte und plötzlich kam ihm eine Idee. Doch als er seine Hand von dem Brandmal nahm, um Frodo seine Kette zurückzugeben, war die Narbe plötzlich verschwunden.
"Frodo, sieh doch, sie ist weg! Sieh nur!"
Frodo sah hin und lächelte. Dann nahm Sam seine Kette und gab sie ihm zurück.
Er hielt seine Hand, blieb ganz ruhig am Bett sitzen und strich über Frodos Hand, an der ein Finger fehlte. Es hatte ihn für immer gezeichnet.
Sie sprachen nicht mehr viel, denn Frodo war vom ständigen Schlafmangel und der Angst erschöpft und schlief irgendwann ein. Sam wachte neben seinem Bett und nickte irgendwann selbt sein, aber er ließ Frodos Hand nicht los, er blieb bei ihm und es dauerte nicht lange, da spürte er plötzlich in seinem leichten Schlaf, wie Frodo seine Hand fest umklammerte und er öffnete die Augen. Seinem Freund stand der Schweiß auf der Stirn und er wälzte sich unruhig hin und her. Plötzlich begann er zu zittern und Sam flüsterte: "Frodo, wach auf, es ist ein Alptraum, nichts weiter..."
Er legte ihm die Hand auf die Stirn und plötzlich schrie Frodo auf. Dann fuhr er hoch und keuchend sah er auf Sam, der ihn besorgt anschaute.
"Sam, er... ich habe geträumt, daß Bergil auch... ich muß immer an Toron denken... bitte, laß mich nicht allein, Sam..."
Sam schüttelte den Kopf und Frodo murmelte: "Ich habe solche Angst, Sam..."
Das ließ er sich nicht zweimal sagen.
"Ich weiß was, Herr Frodo." Damit stand er auf und bat Frodo, ein Stück zu rutschen und dann legte er sich neben ihn ins Bett.
"Ich bin bei dir. Fürchte dich nicht."
Damit schmiegte Frodo sich zitternd an ihn und Sam nahm ihn in den Arm. Schläfrig lächelte Frodo und atmete irgendwann wieder ganz ruhig. Sam hielt ihn immer noch im Arm und schlief irgendwann auch ein.
Frodos Alptraum war jedoch noch nicht vorbei. Die Angst saß tief. Er sah immer Gordir mit dem Dolch vor sich, er konnte sich nicht rühren, nicht schreien, überhaupt nichts tun... aber immer, wenn die Angst fast unerträglich zu werden drohte, spürte er schließlich die Wärme Sams neben sich, er wußte, daß alles in Ordnung und er in Sicherheit war.

Gandalfs Stab leuchtete noch immer, er erhellte den gesamten Raum und der Zauberer stand genau vor dem Tisch, hinter dem Gordir lag, tot und nicht mehr fähig, noch irgendetwas Böses zu tun. Sein Stellvertreter Ortherion hatte zusammen mit den anderen die Waffe sinken lassen und nun trat auch Faramir weiter vor, gefolgt von Beregond und seinen Männern.
Aragorn ging Schritt für Schritt zwischen all den jungen Männern durch, die ihn völlig verwirrt ansahen, und irgendwann begann er zu sprechen.
„Ich muß euch über Morgoth nichts erzählen. Ich weiß, euer Anführer wird euch alles über ihn berichtet haben, nur hat niemand von euch die Kontrolle über das bewahren können, was hier geschehen ist. Ich laste das keinem von euch an. Ich habe nicht in meinen kühnsten Träumen damit gerechnet, daß ein Mensch die Bösartigkeit besitzt, sich von Morgoth anziehen zu lassen, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn zurück in die Gefilde der Welt zu bringen, sei es auch nur in Gedanken. Denn Morgoth ist nicht persönlich hier! Er ist fernab der Welt, er kann nur noch heraus aus der Zeitlosen Leere, wenn man ihn dazu auffordert. Ihr aber seid heute alle Zeuge seiner Anwesenheit gewesen, denn er war auf diese Weise hier, er selbst hatte sich Gordirs bemächtigt, seinen Verstand vereinnahmt und fast einen meiner besten Freunde unschuldig eines grausamen Todes sterben lassen! Viele von euch mögen schon selbst mit ihm gesprochen haben, und das erklärt, warum ihr euch dagegen nicht erwehren konntet. Sobald die Faszination ihren Reiz auf euch ausgeübt hatte und ihr einmal in den Fängen seines bösen Willens wart, hat er euch eures eigenen beraubt. Ihr wart nicht mehr ihr selbst, aber Gandalf hat den Bann gebrochen. Oder hat ihn vielmehr Bergil gebrochen, der Frodo gerettet hat, indem er Gordir töten mußte?“
Schließlich stand er neben Gandalf.
„Ich weiß, niemand von euch hat selbst gesprochen, als ihr von mir verlangt habt, meinen eigenen Freund zu töten! Ich will niemanden von euch bestrafen. Aber ihr sollt begreifen, was geschehen ist!“
Gandalf ergriff das Wort. „Ihr hattet alle etwas anderes gesucht, als ihr tatsächlich gefunden habt. Versprechungen, Abenteuerlust, was auch immer es war, das euch hierher gebracht hat - es war zu spät, sobald Morgoth nur noch seine Hand ausstrecken mußte. Jetzt seid ihr wieder aufgewacht, fragt euch, warum ihr hier überhaupt steht - kommt näher! Kommt und seht!“
Sie alle taten, wie ihnen geheißen wurde, die Krieger Gondors sahen schweigend zu, und als die jungen Männer in mehreren Reihen um den Tisch standen und das Blut sahen, sagte Gandalf ganz leise: „Kann sich von euch jetzt noch einer vorstellen, hier noch vor einer halben Stunde gestanden zu haben und Zeuge gewesen zu sein, wie Gordir einen Hobbit, wie er hilfloser nicht sein konnte, ohne Mitleid töten wollte? Ihr habt es alle gesehen und ich denke, das ist jetzt Strafe genug!“
Sie erinnerten sich und mittlerweile wurden ihnen die Dimensionen dessen bewußt, was geschehen war.
„Ihr sollt gehen zu euren Familien, kehrt nach Hause zurück und denkt darüber nach! Erinnert euch an das, was geschehen ist. Erinnert euch daran, daß er hier gelegen hat und fragt euch, warum. Ihr werdet keine Antwort finden, denn es gibt keine! Denkt daran, daß ihr alle fast tatenlose Zeugen eines schrecklichen Mordes geworden wärt, wie er schlimmer kaum sein kann! Vergeßt es nicht! Ihr seid alle noch jung und habt die Chance verdient, euer Leben in Frieden zu leben, aber jeder von euch, der an Frodos Leid eine Mitschuld trägt, sollte trotz allem den Schneid haben, sich dafür bei ihm zu entschuldigen! Ich weiß, daß er euch verzeihen wird, er wird es euch vergeben und wenn ihr eurem Gewissen einen Gefallen tun wollt, dann folgt meiner Aufforderung!“
Plötzlich, als Gandalf geendet hatte, wurden sie alle aufmerksam auf ein lautes und herzzerreißendes Schluchzen. Eowyn, die bisher stumm gelauscht hatte, suchte nun den Raum mit Blicken ab und versuchte herauszufinden, woher es kam. Dann plötzlich trat ein Junge vor, der völlig außer sich war, und er brachte stockend hervor: „Aber bei wem bitte ich um Verzeihung?“
Aragorn runzelte die Stirn.
„Was meinst du, mein Junge?“
Torgil kniete nieder. „Mein König, ich habe etwas getan, das schlimmer ist als alles, was die anderen getan haben.“ Seine Stimme ging im Schluchzen unter und er verbag beschämt das Gesicht in den Händen.
„Ich kann nicht nach Hause gehen. Ich bin schuld am Tod meines Bruders! Ich habe Toron sterben lassen!“
Jetzt begriff Eowyn, wer es war, der da am Boden zerstört vor Aragorn kniete und sie trat zu ihm.
„Torgil, was ist denn geschehen?“
„Ich habe ihn sogar beschimpft, ich habe Gordir Torons Schwert gegeben, damit er... er hat... ich habe sogar...“ Mehr konnte er nicht sagen, er ertrug die Wahrheit kaum und Eowyn half ihm wieder hoch. Dann nahm sie ihn in den Arm und wiegte den verzweifelten Jungen hin und her.
Selbst Gandalf fehlten dafür im ersten Moment die Worte. Aber nach einer Pause trat er vor und sagte: „Das warst nicht du selbst in diesem Moment. Trösten wird dich das nie, aber es ist die Wahrheit. Es ist zu spät, natürlich, aber wir finden einen Weg. Hab keine Angst.“
Torgil wollte nicht glauben, was geschehen war, daß er seinen großen Bruder tatsächlich hatte sterben lassen.
Eowyn blieb bei ihm, schließlich verließen sie alle das Gebäude nacheinander und als sie draußen standen, sammelte sich eine Gruppe Jungen um Gandalf und den König und Aragorn wandte sich Torgil zu.
„Ich werde dich heute nach Hause begleiten. Gandalf und ich, wir werden beide mitkommen, denn das wird nicht leicht. Der Mörder deines Bruders ist selbst tot, aber deine Eltern werden es genausowenig verstehen wie du selbst. Aber meinen Segen hast du, denn dich trifft keine Schuld.“
Viele der Jungen kehrten noch einmal zurück, als sie diese Worte hörten, verneigten sich in tiefer Dankbarkeit vor ihrem König und brachten ihre tiefe Dankbarkeit über seine Gnade zum Ausdruck.
Plötzlich stand Ortherion vor Aragorn und sagte: „Wo ist Frodo? Ich schäme mich sehr für das, was ich getan habe, ich würde gern mit ihm sprechen.“
Einige andere pflichteten ihm bei und Gandalf und Aragorn sahen sich vielsagend an.
„Findet euch vor den Häusern der Heilung ein, aber geht nicht hinein! Zuerst werden wir mit ihm sprechen und nach ihm sehen, denn ihr müßt verstehen, daß er große Angst vor euch haben wird!“
Maethor murmelte: „Das habe ich selbst auch. Ich kann das alles noch gar nicht glauben!“
Die Menge verlief sich allmählich, nacheinander machten sie sich alle auf den Weg nach Minas Tirith, aber Gandalf wandte sich mit einem Mal zu Torgil und sagte: „Ich schlage dir etwas vor, mein Junge, das dir vielleicht helfen wird.“
Unter Tränen sah Torgil ihn fragend an und Gandalf erklärte: „Ich denke, wir sollten das vielleicht niederbrennen, um das Ganze ein für allemal zu beenden, was meinst du? Faramir, komm doch mal her!“
Wie ihm geheißen, trat Faramir vor und Gandalf ließ sich von ihm seinen Bogen und einen Pfeil reichen. Dann entzündete er den Pfeil, so daß seine Spitze zu brennen begann, und er fragte: „Kannst du denn schießen, mein Junge?“
Torgil nahm den Bogen und zielte, dann schoß er den Pfeil aufs Dach und rang sich schließlich ein Lächeln ab. Kein glückliches, aber es tat ihm gut, zu sehen, wie das Dach Feuer fing und sie verließen den Ort, während das Prasseln des Feuers in ihren Ohren rauschte und sie fühlten sich alle viel freier.
Torgil blieb bei Gandalf und dem König, während Eowyn und Faramir sich bereiterklärten, diejenigen zu den Häusern der Heilung zu begleiten, die mit Frodo sprechen wollten. Auch bei Legolas wollten sich einige entschuldigen. Beregond schloß sich ihnen an, da er dort nach seinem Sohn sehen wollte, und mitten in der Nacht erreichten sie alle schließlich auch die Stadt. Torgil bekam es mit der Angst zu tun, als es auf sein Heim zuging, aber Gandalf und Aragorn blieben bei ihm und begleiteten ihn zurück zu seinen Eltern.
Faramir stand schließlich als erster auf dem Platz vor den Häusern der Heilung und die Jungs sahen sich alle mit gemischten Gefühlen an. Eowyn beschloß schließlich, drinnen mal nach ihren Freunden zu sehen und verschafften sich Einlaß. Gimli und Legolas waren schnell gefunden.
Bergil wanderte sehr zu ihrer Überraschung unruhig auf dem Flur auf und ab und sie sahen ihn fragend an.
„Was ist denn los? Wie geht es Frodo?“
„Er schläft. Sam ist bei ihm. Er hat es irgendwie überstanden. Ich kann nicht schlafen, deshalb laufe ich hier herum.“
„Dein Vater ist draußen, Bergil. Er macht sich Sorgen.“
Damit verschwand Bergil, nachdem er den beiden gesagt hatte, wo Frodo und Sam waren, und sie betraten leise das Zimmer. Noch überraschter waren sie allerdings, als sie Frodo in Sams Armen wach vorfanden.
„Mellon nin!“ sagte Legolas mit einem Lächeln, das Frodo ehrlich erwiderte und er fragte leise: „Legolas... du lebst! Ist es endlich vorbei?“
Legolas nickte. „Und ob es das ist. Den besten Beweis kannst du jetzt haben, wenn du möchtest. Deshalb sind wir hier.“
Fragend sah Frodo die beiden an und schließlich wurde Sam wach.
„Ihr seid schon hier? Hallo!“
Legolas wandte sich wieder Frodo zu und sagte: „Draußen stehen ein paar Jungs, die gern mit dir sprechen würden. Soll ich sie hereinlassen?“
Frodo runzelte skeptisch die Stirn, aber Eowyn erklärte: „Sie wollten sich entschuldigen, sagten sie. Und das meinten sie auch so. Du brauchst keine Angst zu haben.“
Dennoch wurde Frodo bleich, sagte aber: „Gut, warum nicht... aber ihr bleibt hier, oder?“
Es dauerte nicht lange, da kam auch schon der erste in Begleitung von Legolas. Eowyn blieb mit den anderen draußen, Gimli brummte etwas in seinen Bart und sehr zu seinem anfänglichen Entsetzen sah Frodo sich direkt Daugamir gegenüber. Sam nahm beruhigend Frodos Hand in seine und sie waren beide verwundert, als sie den Jungen vor dem Bett knien sahen und mit gesenktem Kopf sagte er: „Ich kann nicht mehr verstehen, was ich getan habe. Ich erinnere mich noch daran und der Zauberer erklärte, daß Morgoth selbst schuld daran sei, daß wir das alles getan haben, aber ich schäme mich mittlerweile sehr dafür. Verzeih mir, was ich getan habe, ich wollte das doch gar nicht...“
Frodo nahm seine Hand und Daugamir sah zu ihm auf. Mit einem angestrengten Lächeln sagte Frodo: „Ich habe mich sehr gefürchtet vor dir, das weißt du. Ich habe nicht gesehen, daß Morgoth hinter alldem steckte, aber ich sehe jetzt jemanden vor mir, der nicht mehr derselbe ist. Ich vergebe dir.“
Sichtlich erleichtert holte Daugamir als nächstes Ortherion herein, der verlegen vor dem Bett stand und nicht recht mit der Sprache herauswollte.
„Ich mag gar nicht glauben, daß ich der Stellvertreter des Anführers war und Feuer und Flamme für seine wahnwitzige Idee... du mußt furchtbare Angst gehabt haben!“
Beschämt sah er auf die Verbände, er erinnerte sich an alles, was geschehen war und schließlich ging er auf die Knie und flehte so sehr um Vergebung, daß Frodo es kaum glauben wollte, er war schließlich selbst verlegen und eine so aufrichtige Entschuldigung konnte Frodo nicht ablehnen.
Einer nach dem anderen kamen die Jungs und zeigten sich alle nicht sehr glücklich über das, was passiert war, doch nachdem der letzte gegangen war, sank Frodo schließlich erleichtert in die Kissen und Legolas lächelte.
„Du mußt wirklich keine Angst mehr haben. Es ist vorbei.“
Frodo lächelte. „Richte ihnen allen meinen Dank aus. Ich freue mich, daß sie den Weg hierher gefunden haben, denn es hilft vielleicht wirklich, daß ich mich nicht mehr so fürchten muß. Das tue ich nämlich noch immer.“
Damit verließen sie alle wieder das Zimmer, aber es dauerte nicht lange, da kam Bergil vorsichtig herein und fragte: „Noch wach?“
Frodo nickte, Sam wäre fast schon wieder eingeschlafen, aber Bergil setzte sich ans Fußende des Bettes und sagte: „Frodo, kannst du mir sagen, was geschehen ist, nachdem ich weggelaufen bin?“
Frodo schluckte schwer. Bergil sagte sofort: „Du mußt nicht, wenn du nicht kannst...“
Jedoch schüttelte Frodo nur den Kopf und sagte: „Du hast ihn also gefunden? Ich hatte gehofft, es dir nie sagen zu müssen, aber dann werde ich es tun. Gordir hatte sich sofort in den Kopf gesetzt, Rache zu üben, Torons Bruder nahm sein Schwert und Gordir hat ihm die Kehle durchgeschnitten. Einfach so, ohne lange zu zögern. Ich habe das kaum ertragen.“
Bergil schloß die Augen. Der Schmerz traf ihn tief.
„Er hat inzwischen seinen Frieden. Ich mache mir solche Vorwürfe! Und sieh nur, was sie alles noch dir angetan haben... und ich war weg...“
„Nein, Bergil. Das ist auch nicht deine Schuld! Du und Sam, ihr seid beide nicht schuld!“
Bergil wollte das ungern glauben, aber er nahm Frodo schließlich in den Arm und sagte: „Ich bin froh, daß ich dir zum Schluß doch noch helfen konnte.“
Frodo legte sich wieder hin, Sam nahm ihn in den Arm und Frodo schmiegte sich an seinen Freund, der ihm eine unglaubliche Sicherheit gab.

Als Frodo am Morgen erwachte, war er überrascht, Gandalf vor dem Bett sitzen zu sehen. Er hatte so fest geschlafen, daß er überhaupt nicht gemerkt hatte, wie Gandalf das Zimmer betreten hatte.
Sam schlief noch, als Frodo sich ein wenig aufrichtete und zu Gandalf sah, er ihn mit einem Lächeln ansah und sagte: „Guten Morgen, mein lieber Freund. Wie geht es dir?“
Frodo nickte. „Es geht. Ich habe keine Schmerzen, aber mir gehen immer noch so viele Bilder durch den Kopf...“
„Das kann ich mir vorstellen. Mir geht es ähnlich. Ich habe schon viel erlebt in meinem Leben, aber so etwas ist auch mir bisher noch nicht untergekommen. Ich hatte, das gebe ich zu, selbst große Angst um dich.“
Frodo rieb sich schläfrig die Augen und Gandalf sprach weiter.
„Du kannst wohl froh sein, daß du Bergil hattest. Ich weiß, Sam hat mir stundenlang in den Ohren gelegen, daß auch er weg wolle, um etwas zu tun, aber er konnte nicht. An den ersten beiden Tagen schaffte er es kaum ohne Hilfe, auch nur ein paar Schritte zu gehen, denn er hat dabei immer das Bewußtsein verloren und ist nach ein paar Metern immer umgefallen. Der Schlag, den er auf den Kopf bekommen hat, war nicht ohne. Wir hatten direkt die schlimmsten Befürchtungen, denn wer keine Skrupel kennt, einen unbewaffneten Hobbit so zu verletzen, der kann nicht mehr bei Verstand sein.
Denn das mußt auch du sehen: Sie waren alle vom Bösen beeinflußt. Wenn du jetzt aus dem Fenster siehst, wirst du viele kleinlaute Jungs durch die Straßen laufen sehen, die allesamt nicht ganz zu begreifen vermögen, was sie getan haben und was geschehen ist. Die Faszination des Unbekannten und die Tatsache, daß etwas vor sich ging, hat sie in ihren Bann gezogen, und waren sie erst einmal darin gefangen, war es für Morgoth ein Leichtes, die Hand nach ihnen auszustrecken und sie zu seinen Sklaven zu machen.
Frodo, du hast selbst bereits gespürt, daß er, obwohl er fernab der Welt sein Dasein fristet und bewacht wird, noch immer irgendwie eine Möglichkeit hat, seinen Weg zu uns zu finden. Ob er selbst wirklich in ihren Köpfen war, weiß ich nicht, aber...“
Als Frodo ihn bedeutungsvoll ansah, unterbrach Gandalf sich selbst und fragte: „Aber du weißt es, oder?“
Frodo nickte. „Er war hier. Irgendwie. Der Anführer hatte sich wirklich verändert mit einem Mal.“
Gandalf nickte und überlegte, dann sagte er: „Ich vermute, daß Morgoth gespürt hat, daß jemand ihm zugetan ist. Irgendwie - es gibt viele Mittel und Wege, denn die Saat des Bösen wird immer vorhanden sein - hat er es geschafft, zu ihnen zu sprechen, das hat sie beeinflußt, sie waren von ihm besessen und ihres eigenen Willens beraubt. Er hat wieder eine Chance gesehen, etwas Böses zu tun und Rache zu üben, und irgendwie scheint er tatsächlich in Gordir gesteckt zu haben, wenn du es sagst. Aber Gordir ist tot. Bergil hat dich und sich selbst beschützt, indem er ihn umgebracht hat. Es ist vorbei. Der ganze Spuk hat ein Ende. Ich habe gestern dafür gesorgt, daß die jungen Männer begreifen, was sie getan haben und daß sie es nie mehr tun werden. Es mag sein, daß noch mehr sich bei dir entschuldigen wollen, als es ohnehin schon getan haben. Das ist sehr schön, wie ich finde, und auch wenn es dir schwerfällt, du brauchst dich nicht mehr zu fürchten. Ich weiß, dir sitzt die Angst in den Knochen, das kann ich auch verstehen, aber du bist in Sicherheit.“
Plötzlich ging die Tür auf und Aragorn betrat das Zimmer. Er lächelte, als er sah, daß Frodo wach und alles in Ordnung sah. Frodo jedoch sah ihn mit fragenden Augen an und murmelte: „Was ist da mit Legolas vorgefallen?“
Aragorn senkte den Blick. „Ich habe so tun müssen, als würde ich ihn umbringen. Sie hatten meine Familie in ihrer Gewalt. Ich hatte keine andere Wahl, aber ich konnte ihn warnen und er hat mitgespielt. Hat Gurtor es dir erzählt?“
Frodo nickte. „Er kam herein und berichtete, daß der König seinen eigenen Freund brutal ermordet hätte. Ich hatte ja keine Ahnung! Sie haben es alle geglaubt...“
Aragorn nahm seine Hand und setzte sich neben das Bett.
„Geht es dir besser? Ich habe gestern kaum meinen Augen trauen wollen, als wir hereinkamen und sahen, was geschah... Gordir hat seine gerechte Strafe erhalten, ihm war wirklich nicht mehr zu helfen, er hat das Ganze ja auch angezettelt... aber den anderen tut es nur noch leid. Und mir tut es leid, daß ich dir so wenig geholfen habe!“
Frodo schüttelte den Kopf. „Warum denn?“
Aragorn erklärte, was er getan hatte und warum und fügte zum Schluß hinzu: „Und ich komme auch erst jetzt zu dir, weil Arwen keine Ruhe finden wollte. Ich habe kaum geschlafen, aber mir geht auch noch zuviel durch den Kopf! Gestern abend waren wir noch mit Torgil bei seinen Eltern. Es war alles andere als erfreulich.“
Sofort wußte Frodo, wovon die Rede war, und er fragte leise: „Torgil ist verzweifelt, oder?“
„Das ist er. Noch auf dem Heimweg sagte er plötzlich, er werde sich fortan Guruntor nennen, das bedeutet Bruder des Ermordeten. Ich habe versucht, ihm das auszureden, aber er war davon nicht abzubringen. Er sagte, er würde nie damit leben können, indirekt an der Ermordung seines Bruders beteiligt gewesen zu sein. Er trauert sehr, er kann nicht verstehen, daß er das getan hat. Es tut ihm unendlich leid, er kann sich das nicht verzeihen und er hatte große Angst, nach Hause zurückzukehren. Ihm fiel es schwer, zu begreifen, daß Toron tot ist und er ihm nicht geholfen hat. So schuldig kann man sich kaum fühlen! Aber seine Eltern haben ihn nicht so verurteilt wie er sich selbst, zum Glück, aber Gandalf hat sie beruhigt. Toron war wirklich ein Held!“
Frodo nickte und spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Ich kann mich noch gut an ihn erinnern... er war so gut zu mir...“
„Bergil trauert ebenfalls. Ich bin ihm vorhin begegnet, er sah nicht sehr glücklich aus. Ich denke, er wird bald hier auch noch einmal vorbeischauen.“
Gerade als er das gesagt hatte, ging die Tür auf und herein kam Bergil mit Merry und Pippin.
„Schon auf?“ rief Merry und jetzt wurde auch Sam wach.
„He... was ist denn hier los? Wo kommt ihr alle her?“ murmelte er schlaftrunken und Frodo lachte.
„Wovon hast du denn so schön geträumt?“
Überrascht sahen sich alle an. Frodo lachen zu hören war wirklich eine große Erleichterung für sie und Frodo war erstaunt, als Sam ihn plötzlich wieder in den Arm nahm und ihn dann mit Tränen in den Augen ansah.
„Ich bin so froh, daß es dir gut geht!“ sagte er und schluckte schwer. Frodo war gerührt und wandte sich dann Bergil zu.
„Ich freue mich auch, daß du endlich wieder hier bist“, sagte Bergil und Frodo lächelte.
„Das habe ich dir zu verdanken, Bergil. Einzig und allein dir. Du bist mein Beschützer, junger Freund. Du warst genauso mutig wie Toron, Bergil Berianeth!“
Aragorn klopfte Bergil auf die Schulter. „Ich würde sagen, du nennst dich fortan so, wie Frodo es dir vorschlägt, denn das hast du dir wahrhaft verdient!“
Bergil sah verlegen zu Boden und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
„Ich mußte dich doch beschützen! Irgendjemand mußte dir doch helfen!“
Frodo schüttelte den Kopf. „Ich habe eine ungefähre Ahnung, was du dafür alles auf dich genommen hast. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich!“

Eine Stunde später, alle hatten sich in der Zitadelle eingefunden, erwarteten sie Frodo und Sam zum Frühstück. Die beiden fehlten noch, aber plötzlich ging die Tür auf und herein kamen sie. Frodo hatte seine ganz normale Kleidung angezogen, doch unter seinen Hemdsärmeln und am Kragen sah man noch die weißen Verbände, gestützt auf Sam hinkte er durch den Speisesaal und setzte sich zwischen seine Freunde, Sam auf der einen und Aragorn auf der anderen Seite.
Bergil saß ihm gegenüber und strahlte übers ganze Gesicht, denn er war überglücklich, Frodo wirklich wieder auf den Beinen zu sehen. Legolas hob plötzlich die Hand, in der er Stich hielt, das er für Sam mitgebracht hatte, und das erinnerte Bergil an seine eigenen Waffen. Sein Schwert hatte ihm einer zurückgegeben, der den Toten bestattet hatte, gegen den Bergil gekämpft hatte, und Bergil seinerseits hatte Torgil einen Besuch abgestattet und ihm Torons Schwert gegeben, daß Gimli ihm mitgebracht hatte.
Aragorn wollte gerade etwas sagen, als Eldarion, der in Arwens Armen lag, anfing, ohrenbetäubend laut zu schreien und ein Lächeln ließ sich bei niemandem vermeiden. Eowyn und Faramir sahen zu der glücklichen Familie, so wie alle anderen auch, und Aragorn ergriff schließlich das Wort.
„Wir sind endlich alle wieder in Frieden zusammengekommen, nachdem alles vorbei ist, und wir sollten unsere Gläser erheben auf Bergil und Frodo, denn Frodo ist es, um den wir uns gesorgt haben und Bergil ist derjenige, der uineingeschränkt seine Sorgen in die Tat umsetzte und letztendlich mit aller Entschlossenheit Frodo gerettet hat. Ich würde mich freuen, euch noch ein wenig der Gastgeber zu sein!“
Alle in der Runde waren hocherfreut, doch plötzlich stand Frodo auf und hinkte ganz ohne Hilfe um den Tisch herum bis zu Bergil, der sich daraufhin erhob und unter großem Beifall umarmte Frodo Bergil, der seinen kleinen Freund ebenfalls fest in die Arme schloß. Beregond sah stolz zu seinem Sohn und als Frodo sich wieder hinsetzte, grinste Sam ihn an und sagte: „Weißt du eigentlich, was Pippin fertiggebracht hat?“ Er konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Merry hatte ihm gerade von Pippins kulinarischen Schandtaten erzählt und als Sam lachend hervorbrachte, daß Pippins untrügliche Hobbitnase sich von einem vergifteten Pilz hatte herumführen lassen, konnte Frodo nicht mehr an sich halten und lachte, bis er Bauchschmerzen hatte.