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Disclaimer
Die Idee des Geheimbundes stammt von Tolkien selbst. Er hat einmal eine Fortsetzung des "Herrn der Ringe" begonnen mit dem Titel "The New Shadow" (zu finden in "The History of Middle Earth XII: The Peoples of Middle-Earth", erschienen bei HarperCollins, oder nachzulesen auf http://www.fountain.btinternet.co.uk/tolkien/), aber nie zuendegebracht. Wir fanden die Idee jedoch so gut, daß wir beschlossen haben, seine eigenen Gedanken mit einigen Änderungen in unserer Geschichte auszuführen.
Erster Abschnitt
Frodo und Sam sahen in die Ferne, über die weiten Lande des mächtigen Königreiches von Gondor. Sam strahlte bei dem Anblick der saftigen Wiesen und der vielen verschiedenen Blumen, die in den schönsten Farben leuchteten.
Frodo atmete die frische, kühle Luft des Sommermorgens in tiefen Zügen ein. Er blickte sich um zu Merry und Pippin, die auf ihren Ponys saßen, ebenfalls zufrieden in die Gegend blickten und genüsslich auf einem Stück Brot herumkauten.
"Es ist wunderschön, nicht wahr, Herr Frodo?" sagte Sam und streichelte sein Pony Lutz, das genüsslich zu grasen begann. Frodo sah Sam an und lächelte. "Ja, es ist wunderschön, du hast recht. Ich freue mich hier zu sein, die Geburt von Arwens und Aragorns Sohn zu feiern, ist wirklich eines der schönsten Ereignisse, die ich mir vorstellen kann."
"Ja, Herr Frodo. Ich bin schon so gespannt, wen wir alles in Minas Tirith treffen. Ob Gandalf schon da ist?" fragte Sam und seine Augen leuchteten.
"Er wird gewiss kommen, Sam. Aber du kennst ja diese Zauberer, die kommen immer dann, wenn sie es für richtig halten." Während er das sagte, schmunzelte er vergnügt vor sich hin.
Plötzlich sah Pippin entsetzt auf seine leere Hand und dann in die Taschen, die an der Seite von seinem Pony hingen. "Ist das Brot etwa alle? Ich habe erst ein Stück abbekommen, das....ist wirklich unzumutbar!"
Merry sah verlegen in den Himmel und tat so, als hätte er Pippin eben gar nicht zugehört. Dieser jedoch sah ihn mit einem grimmigen Blick an und schien genau zu wissen, wohin das Brot verschwunden war. "Würdest du mir bitte erklären, warum ich nur ein einziges kleines Stück Brot von zwei Laiben abbekommen habe?" fragte er in einem drohenden Ton.
"Nun ja, es könnte durchaus sein, dass ich es versehentlich aufgegessen habe..."
"Versehentlich", fragte Pippin entrüstet und sah Merry vorwurfsvoll an. Er wollte gerade etwas sagen, als Frodo ihm ins Wort fiel. "Vielleicht sollten wir lieber weiterreiten, damit ihr beiden wieder etwas zu essen bekommt. Wenn ich es mir recht betrachte, seht ihr beiden in der Tat schon etwas verhungert aus!" Er grinste und genoss die Blicke von Merry und Pippin, die genau wussten, dass er das ironisch gemeint hatte. Sam lachte in sich hinein und gab Lutz ganz sanft die Sporen, damit er weiterlief. Auch die anderen trieben ihre Ponys an und die Tiere trabten fröhlich über die Wiesen, in Richtung Minas Tirith.
Als sie die Stadt erreichten, gerieten sie ins Staunen. Viele Leute in bunten Gewändern gingen durch die Straßen und grüßten die Hobbits freundlich. Es war eine sehr fröhliche Stimmung und die Stadt war an einigen Stellen mit bunten Girlanden aus Blumen geschmückt. Ein süßlicher Blumenduft erfüllte zudem die Straßen und viele Leute trugen Körbe mit Stoffen oder Früchten in den Händen.
Die Hobbits stiegen von ihren Ponys ab und nahmen sie an die Zügel. Sie bogen in eine kleine Seitenstraße ab und eine Gruppe von Elben in langen silberblauen Gewändern kamen ihnen entgegen. Auch sie nickten den Hobbits freundlich zu.
Als sie um eine weitere Ecke bogen, erschrak Frodo einmal heftig, weil ein junger Mann in einem dunklen Umhang eilig um eine Ecke huschte.
"Was war das denn?" fragte Pippin verwirrt, doch niemand kümmerte sich weiter darum.
Sie gingen weiter und kamen nach kurzer Zeit auf einen wunderschön geschmückten Platz, an dessen Ende sich die großen Hallen befanden, in denen Arwen und Aragorn lebten. Die Hobbits betrachteten voller Freude den Platz, auf dem ein wirres Treiben herrschte. Große Stoffe mit allerlei Aufschriften wurden aufgehangen und überall wurden Körbe mit den schönsten bunten Blumen aufgestellt. In der Mitte des Platzes befand sich ein Teppich, der zu einer Art kleinen Tribüne führte, über der wieder mächtige Blumengirlanden ragten. Alles in allem war es ein beeindruckender Anblick, wie Sam feststellte.
"Schaut mal, dort ist Gandalf", sagte Merry plötzlich und deute auf den Eingang der Hallen. Der Zauberer stand oben auf der Treppe, die in die Hallen hineinführte und rauchte eine Pfeife. Als er die Hobbits entdeckte, kam er ihnen fröhlich entgegen.
"Es freut mich euch wiederzusehen, schön, dass ihr endlich hier seid!"
"Hallo Gandalf", begrüßte Frodo ihn überglücklich und schloss ihn, soweit möglich, in seine Arme.
"Aragorn erwartet euch schon, Legolas und Gimli sind gestern eingetroffen, ich selbst bin schon seit drei Tagen hier."
"Seit drei Tagen schon", fragte Pippin nach und zog die Augenbrauen hoch.
"Ein Zauberer trifft immer dann ein, wenn er es für richtig hält, Peregrin Tuk", bemerkte Gandalf forsch, als er sah, wie Pippin sich darüber wunderte, dass der Zauberer diesmal so früh war.
"Natürlich", antwortet Pippin und blickte verschämt auf den Boden. Gandalf schmunzelte und schloss sie alle nacheinander in seine Arme.
"Kommt in die Hallen, meine Freunde, Aragorn, Legolas und Gimli werden sich gewiss freuen, euch zu sehen!"
Gandalf winkte einem etwa zwölfjährigen Jungen herbei, der für etwas Lohn gelegentlich Stallarbeiten tätigte. Er forderte den Jungen auf, den Hobbits die Ponys abzunehmen und sie gut zu versorgen.
Danach begleitete Gandalf die Vier hinein in die Hallen und ging mit ihnen in einen großen, aber gemütlichen Raum.
Als sie die Tür öffneten, erblickten sie Aragorn, der an einem Tisch saß. Ihm gegenüber saß Legolas in einem langen Gewand und unterhielt sich mit ihm auf elbisch.
In einer anderen Ecke des Raumes saß Gimli, an einem vollgedeckten Tisch und aß eifrig die schönsten Gerichte.
Merry und Pippin blickten schon vielsagend auf den voll gedeckten Tisch und Gimli stopfte sich schneller die Backen voll, da er das Unheil bereits kommen sah.
Aragorn begrüßte die Hobbits ebenso freudig wie Aragorn und war sichtlich erfreut, sie wiederzusehen. Legolas nickte ihnen als Begrüßung entgegen und Gimli brummte etwas mit vollen Backen vor sich hin. Gandalf sah zu Merry und Pippin, die Gimlis Tisch nicht mehr aus den Augen ließen und nur ab und zu sehnsüchtig den schmatzenden Zwerg betrachteten.
Gandalf machte eine Geste, die Merry und Pippin aufforderte, zu Gimli hinüber zu gehen und die beiden stürmten sofort los. "Ich denke, Gimli wird nichts dagegen haben, wenn ihr von ihm einen kleinen Bissen nehmt", rief er ihnen noch hinterher, aber sie waren sowieso schon am Tisch angekommen und begannen kräftig zuzulangen.
"Ja, kommt nur her", rief der Zwerg und stopfte sich schnell noch etwas in den Mund. "Die beiden dort", dabei deutete er auf Legolas und Aragorn, "faseln sowieso die ganze Zeit nur die Sprach der Spitzohren, die ich sowieso nicht verstehe, da kann man sich Zeit genauso gut mit ein paar Bissen vertreiben. Und etwas Gesellschaft ist dabei nie verkehrt!"
Legolas guckte den Zwerg vorwurfsvoll an, Aragorn schmunzelte nur.
"Darf man denn den jungen Königssohn vor der Feier schon mal betrachten, oder muss ich meine Neugier noch so lange zurückhalten?" fragte Sam Aragorn, der die beiden essenden Hobbits aufmerksam beobachtete.
Aragorn lachte. "Nein, Sam, wenn du möchtest, darfst du den Kleinen vorher schon mal sehen und ihr anderen natürlich auch."
"Wunderbar, das ist doch endlich mal was aufregendes. Nicht so langweilig wie die Gespräche auf elbisch", freute sich Gimli und erntete von Legolas nochmals einen vielsagenden Blick.
Aragorn verschwand aus dem Raum und kehrte nach wenigen Minuten mit Arwen an der Seite und seinem Sohn auf den Armen zurück. Merry und Pippin verließen nun den Tisch und kamen kauend auf Aragorn zugelaufen, der sich hinkniete, damit die Hobbits etwas sehen konnten. Eldarion lag in einer hellblauen Decke schlafend in seinen Armen. Er hatte seinen kleinen Fingerchen zu Fäusten geballt und sah so friedlich aus, wie er da lag. Sam kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und auch Frodo blickte fasziniert den kleinen zukünftigen König an. Gimli machte ganz runde Augen und über Legolas´ Gesicht huschte ein Lächeln.
"Der ist aber süß. Guck mal, wie klein der ist, Merry" sagte Pippin.
"Wir sind sehr stolz", sagte Arwen in einem ruhigen Ton. Sie sah anmutig aus, in einem langen dunkelroten Gewand gekleidet und ihre Haare waren teilweise zu Zöpfen geflochten, die mit schimmernden Perlen verziert waren.
"Ihr habt auch allen Grund dafür, ich bin mir sicher, er wird später ein würdiger König", sagte Gandalf und wirkte sehr überzeugt.
Arwen lächelte mild und Aragorn betrachtete seinen Sohn. Dann wachte Eldarion auf und begann zu weinen. Aragorn versuchte ihn durch Wiegen in seinen Armen zu besänftigen, aber es gelang ihm nicht. Arwen verließ schließlich wieder zusammen mit Eldarion das Zimmer, um sich um ihn zu kümmern.
"Ich freue mich für dich und Arwen", sagte Frodo, "jetzt kann nichts mehr euer Glück trüben".
Aragorn warf Gandalf einen merkwürdigen Blick zu und sagte dann: "Du hast recht, Frodo, ich bin sehr glücklich und hoffe, dass es auch so bleibt. Die Zeiten sind friedlich, es gibt kaum etwas, worüber man sich sorgen muss und das macht mich zu einem sehr glücklichen Mann."
Aragorn erzählte noch eine ganze Weile von seiner Frau und seinem Sohn und sie merkten gar nicht, wie schnell die Zeit verging. Aragorn bestand darauf, die Hobbits in seiner Nähe einzuquartieren und sie waren sehr zufrieden mit diesem Vorschlag. Sie bekamen ein schönes großes Zimmer mit weichen Betten, in dem sie sich alle sofort wohl fühlten. Die Zeit bis zum Abend vertrieben sich die Hobbits, indem sie sich unterhielten oder die großen Hallen betrachteten.
Am Abend wurde ein reichhaltiges Abendbrot aufgetischt und die Hobbits fühlten sich so wohl wie lange nicht mehr. Es war schön, die damaligen Gefährten wiederzutreffen und obendrein zu sehen, wie gut es allen ging. Frodo und Sam freuten sich schon auf die Feier am nächsten Tag, denn dort sollte mit der ganzen Stadt die Geburt von Eldarion gefeiert werden.
Frodo ließ sich am späten Abend in sein weiches Bett fallen und genoss diese Ruhe und Zufriedenheit, die er in sich spürte. Er war ein rundum glücklicher Hobbit und er wünschte sich, dass das ewig so andauern würde. Von Sam und Merry war schon ein leises Schnarchen zu hören und auch Pippin war anscheinend schon in einem tiefen Schlaf, als Frodo vor sich hinlächelte und ebenfalls friedlich in einen ruhigen Schlaf sank.
Am nächsten Tag nach dem Frühstück beschlossen die Hobbits, einige Erkundungen in der Stadt zu unternehmen.
Die Aufregung im Hinblick auf das große Fest an diesem Tage war in der ganzen Stadt spürbar. Die Menschen würden teilhaben an den Feierlichkeiten, der König schloß sie nicht aus von seinen Familienangelegenheiten und die Freude darüber war überall groß. Der kleine Königssohn würde irgendwann einmal die Nachfolge seines Vaters antreten und man wollte ihm von Anfang an zeigen, daß man ihn achtete.
Die vier Hobbits sahen gespannt, wie die Häuser immer noch geschmückt wurden, wie die Straßen aufs gründlichste geschrubbt wurden und wie die Gegend um den großen
Platz mit besonderer Sorgfalt hergerichtet wurde.
Die Hobbits hatten sich entschlossen, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, um sich ein wenig umzusehen. Kinder rannten lachend durch die Straßen, die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und wo auch immer die Hobbits vorbeikamen, grüßte man sie, wie am Tag zuvor, freundlich und mit einem Lächeln.
Sie schlängelten sich durch die belebten Gassen und sahen sich um. Die Sommerluft war warm und Frodo sah Sam an.
Was ist denn? fragte dieser und Frodo lächelte nachdenklich.
Ich dachte nur gerade daran, daß alles, so wie es ist, wirklich wunderschön ist, oder?
Sam nickte und urplötzlich sahen sie noch, wie jemand eiligst um die Ecke rannte und mit voller Wucht gegen Merry prallte. Bücher fielen zu Boden und ein Junge von etwa 15 Jahren sah die Hobbits staunend an.
Schließlich runzelte Pippin die Stirn und fragte: Bergil?
Pippin! rief der Junge und reichte dem viel kleineren Hobbit die Hand.
Wie schön, dich zu treffen! Erinnerst du dich an unser letztes Treffen? Da warst du nur einen Kopf größer als ich... murmelte Pippin grinsend und die Hobbits halfen Bergil dabei, die Bücher aufzuheben.
Frodo sah Bergil fragend an und sagte: Lernst du Sindarin? Er hatte die Aufschrift der Bücher in Tengwar entdeckt und eines war aufgeklappt. Es war ein Lernbuch für Jugendliche über das Elbische.
Bergil nickte und grinste verlegen. Ich versuche es zumindest. Mein Vater meinte, alle wohlerzogenen Jungs sollten Elbisch lernen - ich zähle mich zwar nicht immer dazu, aber ich war fasziniert davon und obwohl es sehr schwer ist, macht es mir auch viel Freude!
Frodo reichte ihm die Bücher und erklärte: Ich habe von meinem Onkel ein wenig Elbisch gelernt, aber du kannst mit Sicherheit schon viel mehr als ich! Viel ist es nicht, das ich weiß.
Oh, Herr Frodo, es wäre mir eine Freude, wenn wir zusammen einmal lernen würden, vielleicht, denn zusammen geht alles leichter! Bergils Augen leuchteten schelmisch.
Frodo schmunzelte. Von mir aus gern. Es wäre mir ebenfalls eine Freude!
Sagen wir, am Tag nach dem großen Fest? Und Pippin, komm doch mit, dann unterhalten wir uns auch noch ein wenig! Genauso seid ihr beiden auch herzlich eingeladen! Kommt einfach und sucht mich auf den Feldern, da helfe ich bald bei der Ernte. Aber jetzt muß ich schnell weiter, sonst gibt es Mittagessen und ich bin nicht da!
Nach einem Wort des Abschiedes ließen sie ihn ziehen und bemerkten nicht die beiden jungen Männer, die zum Schluß der Unterhaltung aufmerksam geworden waren und gelauscht hatten, aber sofort im Anschluß in einer Nebengasse heimlich und still verschwanden.
Gegen Mittag wurde die Feier eröffnet. Hunderte von Menschen und Elben standen auf dem großen Platz und blickten aufgeregt um sich. Die engsten Freunde, wie Gandalf, Frodo, Sam, Legolas, Gimli, Merry und Pippin standen in einer Reihe an dem Rand des Teppichs, der zu der Tribüne führte und bildeten eine Art Gang zur Tribüne hin. Hinter der Tribüne standen eine Gruppe von etwa zehn Elben in lange, silberne Gewänder gehüllt und alle hatten sie einen Kopfschmuck, wodurch ihre Schönheit noch mehr zum Ausdruck kam. Die Menschen aus Gondor hatten ebenfalls ihre schönsten Kleider angelegt und waren sehr aufgeregt.
Die Mengen tuschelten und wirkten alle sehr gespannt, an den Seiten standen Wachen, die sie aufmerksam beobachteten. Dann wurde plötzlich alles totenstill, denn von einer Seite her konnte man sehen, wie sich Aragorn mit Arwen, die Eldarion auf dem Arm trug, näherte.
Die Königsfamilie verursachte bei der Menge erstaunte Blicke. Aragorn und Arwen schritten zwar lächelnd, aber dennoch edel und mächtig den Teppich entlang und auf die Tribüne zu. Die Wachen blickten nun aufmerksam um sich, sie erwarteten zwar keine Zwischenfälle, aber dennoch war Vorsicht geboten, wenn die ganze Königsfamilie sich auf einmal dem Volk präsentierte. Als Aragorn und Arwen mit Eldarion den Teppich betraten, stimmten die zehn Elben hinter der Tribüne einen Gesang an, von dem man glaubte, er würde einem bis tief in das Herz vordringen. Er war glockenhell und von solch einer Schönheit, dass selbst Legolas sich dazu verleiten ließ leise mitzusingen. Sie besangen Eldarions Geburt und wünschten ihm alles nur erdenkliche Gute für seine Zukunft und dass er später mal ein würdiger König werden würde.
Sam schossen Tränen der Rührung in die Augen und auch Gimli war tief beeindruckt. Die Menge aus Menschen und Elben, die immer noch neugierige Blicke zu der Königsfamilie warf, verneigte sich nun, als Aragorn, Arwen und Eldarion auf die Tribüne zuschritten. Die Elben sangen immer noch, aber als die Königsfamilie die Tribüne erreichte, beendeten sie ihr Lied. Arwen hielt Eldarion jetzt so, dass das Volk ihn sehen konnte und Aragorn machte sich bereit, um eine Ansprache zu halten.
"Volk von Gondor und alle Gäste, die nun bei uns sind, ich freue mich, euch Arwens und meinen Sohn vorstellen zu dürfen. Ich bin stolz und ich weiß, dass er eines Tages ein würdiger Nachfolger von mir werden wird. Freut euch mit uns, denn ihr sollt von seinem Lebensbeginn nicht ausgeschlossen werden. Feiert und seit fröhlich, es ist eine wunderschöne Zeit für uns alle."
Ein Raunen ging durch die Menge, erstaunte Ausrufe erhallten und Beifall ertönte. Aragorn lächelte und Arwen hielt immer noch Eldarion in die Höhe. Einige Menschen und Elben traten nun nach vorne, stellten sich etwa zwei Meter vor der Königsfamilie auf und überbrachten ihnen persönliche Wünsche für den jungen Königssohn. Neben der Tribüne hatten sich nun einige Wachen postiert, um die Situation genau überblicken zu können.
Aragorn dankte jedem, der Wünsche aussprach, persönlich und auch Arwen nickte dankbar. Schließlich traten auch die Gefährten nach vorn und sprachen einer nach dem anderen ihre guten Wünsche aus.
Im nin gellon an cen, mellon nin, (Ich freue mich für dich, mein Freund) sagte Legolas und lächelte.
Eine große Freude breitete sich in der Menge aus und alle waren fröhlich. Arwen ging irgendwann mit Eldarion zurück in die Hallen, weil der Kleine auf ihrem Arm unruhig wurde, aber die Freude der Menge wurde dadurch keinesfalls getrübt. Das Fest dauerte mehrere Stunden, viele feierten ausgelassen bei gutem Bier und Wein. Aragorn unterhielt sich viel mit Legolas und Gandalf und zog sich am frühen Abend zurück und ließ die Menge alleine weiter feiern. Die Hobbits waren die ganze Zeit damit beschäftigt, alles Essbare zu probieren und sich ständig neue Bierkrüge zu holen. Für einen kurzen Moment trafen sie auch Bergil auf dem Fest, der ihnen verkündete, dass er sich bereits auf den nächsten Tag freute, an dem er sich mit den Hobbits treffen würde. Dann verschwand er jedoch schnell wieder bei ein paar Jungen seines Alters.
Es war eine ausgelassene, fröhliche Feier, die bis tief in die Nacht andauerte, niemand sah die in schwarz gekleideten jungen Leute, die hier und da auftauchten und in die Menge blickten.
Die Hobbits erreichten fröhlich singend irgendwann in der Nacht ihr gemütliches Zimmer. Merry und Pippin hatten anscheinend etwas zu viel Bier erwischt, sie alberten ausgelassen auf dem Gang herum und Sam ermahnte sie mehrere Male, sie mögen bitte still sein, sonst würden sie noch jemanden aufwecken.
"Hat es dir auch so gut gefallen wie mir?" fragte Frodo Sam, bevor er in sein Bett kletterte.
"Das hat es, Herr Frodo, ich finde es schade, dass der schöne Tag schon zu Ende ist."
"Ach Sam, wir verlassen Gondor ja noch nicht gleich morgen, ich bin sicher, die nächsten Tage werden auch sehr schön."
"Na das will ich doch hoffen, aber wenn Merry und Pippin weiterhin so laut sind, dann schmeißt uns Aragorn womöglich noch raus", sagte er schmunzelnd.
Merry und Pippin standen schon wieder auf dem Gang und sangen das Lied "Zehn Dinge die ein Hobbit braucht" in voller Lautstärke.
Frodo war schon eingeschlafen, als Sam es endlich geschafft hatte, die Sänger dazu zu überreden, ins Bett zu gehen. Nun legte sich eine erholsame Ruhe über die großen Hallen und auch der Platz davor, wo die Feier stattgefunden hatte, war nun leer. Nur noch eine schwarze Gestalt huschte auf dem Gelände umher, aber niemand bemerkte sie.
Am nächsten Morgen eilte Aragorn schnellen Schrittes über die Flure und war auf der Suche nach Gandalf. Er fand den Zauberer schließlich in der Nähe der Eingangshalle, wo er gerade tief in Gedanken versunken aus einem Fenster blickte.
"Gandalf, ich muss dringend mit dir sprechen", sagte Aragorn in einem zutiefst beunruhigten Ton. Der Zauberer wurde aus seinen Gedanken gerissen und blickte etwas verwirrt auf. "Was gibt es denn, Aragorn?"
"Bitte nicht hier, Gandalf, folge mir in den Beratungsraum."
Der Zauberer tat, wie ihm geheißen und folgte Aragorn einen langen Gang entlang zu dem besagten Raum. Bevor Aragorn die Tür hinter ihnen schloss, spähte er zu beiden Seiten, um zu sehen, ob jemand in der Nähe war. "Was hast du denn?" fragte Gandalf etwas besorgt nach.
"Dieser Brief hier erreichte mich eben. Er lag auf einmal vor meiner Tür, ich habe keine Ahnung, woher er kommt oder wer ihn dort hingelegt hat."
Gandalf betrachtete sich den Brief, drehte ihn hin und her und öffnete ihn schließlich. Gandalf las aufmerksam die Zeilen, während Aragorn unruhig im Raum umherlief und immer wieder aus dem Fenster spähte, als würde er jemanden suchen. Der Zauberer las konzentriert und seine Augen weiteten sich.
Du ahnst nicht, was in deiner Stadt vor sich geht und du weißt nicht wer wir sind oder was wir vorhaben.
Doch bald wirst du es wissen und wir raten dir, möglichst nichts dagegen zu unternehmen, denn sonst könnte es passieren, dass du dich nicht mehr länger über die Geburt deines Sohnes freuen kannst!
Wir sind überall und du weißt nicht, wer von deinem Volk bereits zu uns gehört, also sei vorsichtig, wem du dich anvertraust. Wenn wir wollen, holen wir deinen Sohn, wann immer es uns beliebt, also halte dich zurück mit voreiligen Entscheidungen.
Unsere Zeit wird bald kommen, also hüte dich davor dich gegen uns zu stellen, unser Anführer ist sehr viel mächtiger als du!
Was wir vorhaben, wirst du sowieso nicht verhindern, niemand wird das, also mach dir keine falschen Hoffnungen und komm uns nicht in die Quere.
D.V.d.F
Der Zauberer blickte auf und im ersten Moment fehlten ihm die Worte. Dann jedoch fasste er sich wieder. "Das klingt sehr beunruhigend, Aragorn."
"Ja, das finde ich auch, was hältst du davon? Will hier nur jemand ein böses Spiel mit mir treiben, oder glaubst du es könnte der Person wirklich ernst sein?"
"Das kann ich dir auch nicht sagen, ich würde jedenfalls vorsichtig sein."
Aragorn sah Gandalf tief in die Augen und Gandalf merkte, dass irgendetwas nicht stimmte. "Möchtest du mir etwas sagen, Aragorn?"
"Ja, Gandalf, in der Tat, das möchte ich." Aragorn blickte noch einmal aus dem Fenster, öffnete danach noch mal die Tür und spähte erneut nach links und rechts. "Gandalf, irgendetwas stimmt nicht in dieser Stadt."
"Was meinst du?"
"Hier treiben sich seltsame Leute in dunklen Gewändern herum. Neulich erreichte mich ein Gerücht von einer Verschwörerbande, die irgendetwas plant."
"Warum hast du nichts erzählt?"
"Was sollte ich sagen? Ich wollte die feierliche Stimmung nicht stören, außerdem ist es, wie gesagt, nur ein Gerücht."
"Aber wenn es so eine Verschwörerbande tatsächlich gibt, dann ist sie vielleicht gefährlich!"
"Ja, ich weiß, Gandalf. Und wenn dieser Brief hier tatsächlich von einem dieser Leute stammt, ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass sie gefährlich ist."
"Weißt du noch mehr, oder nur das, was du mir gerade gesagt hast?"
"Nein, ich weiß nicht mehr, außer, dass sich angeblich viele junge Leute seltsam benehmen, aber ich habe keine Ahnung, ob das etwas mit den Verschwörern zu tun hat. Ich habe weder eine Ahnung, wie sie heißen, noch wo sie sich befinden, wenn es sie tatsächlich geben sollte."
Gandalf betrachtete sich den Brief und guckte interessiert auf die Abkürzung am Ende. "Also wenn es diese Verschwörer tatsächlich geben sollte und dieser Brief hier von ihnen stammt, dann ist das hier mit Sicherheit die Abkürzung für ihren Namen."
"Das mag sein Gandalf, nur ist nicht ihr Name wichtig, sondern vielmehr, was sie vorhaben, zählt."
Gandalf saß da und schien angestrengt zu überlegen.
Nach einer Weile unterbrach Aragorn ihn. "Was soll ich jetzt tun, mein alter Freund? Kannst du mir einen Rat geben?"
Der Zauberer sah ihn an. "Lass uns gemeinsam darüber nachdenken, Aragorn."
Frodo und Sam saßen in der Sonne auf einer Mauer in der Zitadelle und Sam kaute verträumt auf einem Grashalm herum. Der Gesang der Elben hallte noch immer in seinem Kopf wider und auch Frodo dachte noch an das Fest, das am Tag zuvor stattgefunden hatte.
Plötzlich hörten sie Schritte von hinten und eine Stimme.
He, ihr zwei, was ist mit euch? Keine Lust?
Frodo drehte sich um. Sam machte sich gar nicht erst die Mühe, sondern fragte einfach nur, immer noch mit dem Grashalm im Mundwinkel: Wozu?
Wir hatten doch Bergil versprochen, ihn zu besuchen! antwortete Pippin und Frodo seufzte.
Du hast Recht. Das hätte ich fast vergessen! gab er zurück und sprang mit einem Satz von der Mauer. Merry und Pippin grinsten die beiden an, als sie auf die zukamen und Sam stöhnte.
Toll. Es war doch gerade so gemütlich!
Du hättest ja nicht mitkommen müssen! erwiderte Frodo und Sam sah ihn entrüstet an.
Allein bleibe ich doch nicht hier! sagte er bestimmt und Frodo lachte.
Nein. Bestimmt nicht.
Sie liefen durch die Stadt und waren guter Dinge. Irgendwann winkte Merry und verschwand in einer Nebenstraße.
Wo will er denn hin? fragte Frodo und Pippin antwortete: Keine Ahnung, zu Eowyn oder so. Die beiden verstehen sich doch so gut.
Im Kopf ging Frodo noch einmal alles das durch, was er vom Elbischen wußte. Bilbo hatte ihm vieles beigebracht, aber es mußte dringend aufgefrischt werden und viel mehr als übliche Floskeln waren es nicht, die er noch wußte... oder doch? Ihm fielen immer mehr Begriffe ein. Aber er freute sich darauf, sich mit Bergil hinzusetzen und ein wenig zu lernen.
Schließlich erreichten sie die Stadttore und hörten plötzlich Hufe hinter sich. Zwei junge Männer ritten im Galopp an ihnen vorbei und sahen nur kurz auf sie herab.
Sam sah ihnen skeptisch hinterher, es paßte ihm nicht, wie nah sie an ihnen vorbeigeritten waren und die Pferde waren ihm nun einmal ein wenig zu groß.
Draußen auf den Feldern waren noch mehr Reiter und auch eine Gruppe unberittener Männer, die ein wenig verloren herumstanden, stellte Pippin fest, als er Ausschau nach Bergil hielt.
Wo ist er nur? murmelte er nachdenklich und legte die Hand zur Abschirmung der Sonne an die Stirn.
Seht ihr ihn?
Die drei suchten überall nach Bergil, entdeckten ihn aber nicht. Dafür sah Frodo, wie die Gruppe der Männer, die Pippin vorher aufgefallen war, sich ihnen näherte. Er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern sie gingen noch ein Stück und suchten noch immer nach dem Jungen.
Verdammt, jetzt ist er schon so groß und ich sehe ihn doch nicht! maulte Pippin. Überall waren Männer und Frauen unterwegs in den Kornfeldern und es herrschte rege Betriebsamkeit.
Sam schenkte schließlich der Gruppe von jungen Männern, die näherkam, mehr Aufmerksamkeit. Sie waren alle einheitlich dunkel gekleidet und deshalb verwarf er sofort den Gedanken, Bergil könnte sich unter ihnen befinden. Das paßte nicht ganz zu ihm.
Bergil! rief Pippin schließlich und einige Leute schauten auf, aber nichts regte sich wirklich.
Sam entschloß sich schließlich, die jungen Männer zu fragen. Sie jagten ihm zwar Ehrfurcht ein mit ihren langen Schwertern und dem eindrucksvollen Auftreten, aber eigentlich kümmerte ihn das nicht, also faßte er sich ein Herz und ging auf sie zu.
Er hörte sie tuscheln und einige zeigten auf Frodo und Pippin. Sam runzelte die Stirn. Was sollte das werden?
Könnt ihr mir... begann er, als sie vor ihm standen, aber im gleichen Moment zogen sie wie auf Kommando die Schwerter und während sie losliefen, rief einer: Schnappt ihn! Der Linke!
Im Bruchteil einer Sekunde drehte Sam sich um und rannte los.
Pippin und Frodo wurden aufmerksam und Frodo wurde bleich, als er sie auf sich zustürmen sah.
Lauft weg! schrie Sam und kämpfte sich nach vorne, um vor den anderen bei seinen Freunden zu sein.
Pippins Augen weiteten sich, als er die erhobenen Schwerter sah und Sam baute sich mit geballten Fäusten vor ihm und Frodo auf. Schon waren sie da.
Verschwindet doch endlich! zischte Sam und wollte schon Frodo packen und mit ihm davonlaufen, aber eine tiefe Stimme sagte nur: Ihr kommt sowieso nicht weit! Widerstand ist zwecklos! Wehrt euch nicht und es wird euch beiden nichts geschehen!
Damit sah er zu Sam und Pippin und Sam schubste Pippin weg.
Lauf, verdammt, hol Hilfe! rief er und sah Pippin flehend an, der daraufhin die Beine in die Hand nahm und zurück zur Stadt rannte. Dort waren doch die Wachen...
Sam und Frodo sahen sich den bewaffneten jungen Männern mit bloßen Händen gegenüberstehen und Sam schrie: Was soll denn das? Was wollt ihr?
Pippin hatten sie laufenlassen, aber sie begannen, die beiden nun einzukreisen und auf einmal warfen sich zwei von ihnen auf Frodo.
Verschwindet! brüllte Sam wütend und mit aller Macht sprang er gegen einen der beiden, die Frodo zu Boden reißen und festhalten wollten. Damit hatte der nicht gerechnet und sie landeten beide im Gras.
Frodo! schrie Sam und drehte den Kopf zur Seite. Neben ihm saß Frodo und wurde plötzlich von hinten am Kragen gepackt.
Hilfe! Laß mich los! schrie er und Sam trommelte mit den Fäusten auf denjenigen ein, der ihn unerbittlich festhielt.
Sam! Gelächter folgte und Frodo schrie. Sam versuchte, einen gezielten Tritt nach hinten loszuwerden, schaffte es aber erst nicht und sah nur, wie Frodo hochgerissen wurde und verzweifelt versuchte, sich loszureißen.
Nein! Was tut ihr denn? brüllte Sam und kam schließlich frei. Mit zitternden Knien wollte er aufstehen und sah, wie einer versuchte, mit einem Strick Frodo die Hände zu fesseln und plötzlich spürte Sam einen Schmerz am Kopf.
Frodo, der sich nicht wehren konnte, sah, wie einer mit einem Stein ausgeholt und ihn Sam auf den Kopf geschlagen hatte. Bewußtlos fiel er zu Boden und es gab ein häßliches knackendes Geräusch.
Sam! Nein... rief er und sein Herz setzte für einen Moment aus. Dann riß er geistesgegenwärtig an seiner Kette mit dem Elbenstein, nachdem er eine Hand freibekommen hatte und ließ die Kette ins Gras fallen.
Ihr Mörder! Was habt ihr getan? Warum tut ihr das? schrie er voller Angst und wurde noch immer eisern festgehalten, während einer ihn fesselte.
Dann plötzlich steckte ein anderer ihm einen Knebel in den Mund und Pferde näherten sich. Als Frodo den Kopf drehte, sah er die Gruppe von Reitern kommen mit mehr Pferden und schon nahm einer der Reiter ihn vor sich aufs Pferd und hielt ihn fest.
Na, Kleiner, willkommen bei uns! murmelte er und grinste hämisch auf den Hobbit hinab, der vor Angst wie gelähmt war.
Damit schnellten sie auf den Pferden davon.
Pippin wagte kaum, sich umzudrehen, aber tat es dann doch, als er sich dem Stadttor näherte und sah, wie seine Freunde umzingelt wurden.
Die Wachen rührten sich nicht, sie bemerkten überhaupt nicht, was vor sich ging und Pippin sah sich verzweifelt um. Plötzlich fiel sein Blick auf zwei Gestalten, die sich dem Tor näherten und erkannte Merry und Eowyn.
Pippin! Wir dachten, wir folgen... begann Merry, aber brach sofort ab, als er sah, wie aufgeregt Pippin war.
Schnell, kommt, da draußen... stammelte er und rannte zurück. Merry und Eowyn sahen sich kurz an und liefen schnell hinterher.
In der Zwischenzeit hatte auch Bergil den Tumult bemerkt, denn eigentlich war er ganz in der Nähe gewesen und sah nur noch, wie die Gruppe von Reitern davonpreschte in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit.
Nicht die Typen... murmelte er und sah sich um. Dann sah er eine reglose Gestalt im Gras liegen und rannte los. Schnell erkannte er, daß es einer der Hobbits war.
Herr Perian! rief er und hielt direkt neben Sam an. Blut klebte in seinen Haaren und er lag mit dem Gesicht zu Boden mit einem verdrehten Arm.
Was ist los? fragte Bergil hörte Schritte auf sich zukommen. Eowyn, Pippin und Merry kamen herbeigelaufen und Pippin schrie: Da sind sie, sie versuchen, abzuhauen!
Schreiend rannte er hinterher, während Eowyn die Hand vom Griff ihres Schwertes nahm und zu Bergil und Sam hinuntersah.
Bergil drehte Sam um und Merry schrie auf, als er das Blut an Sams Kopf sah und den gebrochenen Arm.
Sam rührte sich nicht, hatte Kratzer im Gesicht und Bergil fühlte, wie sein Herz zu rasen begann. Er suchte nach dem Puls und fand ihn zuerst nicht. Er fürchtete fast, Sam wäre tot, aber schließlich spürte er an seiner Hand, die er vor Sams Nase hielt, daß er noch atmete und schob seine Arme unter ihm durch. Sanft hob er Sam hoch, der wie tot in seinen Armen lag und Eowyn schüttelte ungläubig den Kopf.
Frodo... hörten sie Pippin murmeln und schließlich ging er schluchzend in die Knie.
Pippin sah noch, daß die Pferde in Richtung eines Wäldchens verschwanden und begann lauthals zu fluchen, wünschte sich Schattenfell herbei und ein langes Schwert.
Plötzlich kniete Eowyn vor Merry nieder und hob etwas aus dem Gras auf. Pippin schluckte.
Das ist Frodo Stein... Die Silberkette blitzte in der Sonne und Bergil rief: Was ist, kommt ihr nun oder was? Er braucht sofort Hilfe!
Aber Frodo... begann Pippin, Merry jedoch schüttelte den Kopf und zog seinen Freund hoch.
Es ist zu spät, wir holen sie nicht mehr ein. Wir brauchen jetzt Hilfe!
Bergil hielt Sams Arm fest, der an der Bruchstelle dick anschwoll. Er konnte genau erkennen, an welcher Stelle der Knochen gebrochen war und versuchte, den Arm möglichst ruhig zu halten, während er auf das Tor zulief.
Einer der Wachen war gerade damit beschäftigt, ein Pferd zu füttern, als Bergil rief: Mein Herr, würdet ihr mir das Pferd leihen, damit ich schnell zu den Häusern der Heilung komme?
Der Mann schaute auf und sah auf den Jungen mit dem Hobbit in seinen Armen.
Was ist denn geschehen? fragte er verwundert und Bergil schaute ihn flehend an.
Bitte, es eilt, mein Herr...
Eowyn legte ihm plötzlich von hinten die Hand auf die Schulter und sagte zu dem Mann: Ich bringe ihnen gleich das Pferd zurück! Bergil, geh zum König, sofort! Damit drückte sie ihm Frodos Elbenstein in die Hand.
Der Mann und Bergil nickten und wortlos stieg Eowyn auf das Pferd, nahm Sam und ritt los.
Bergil drehte sich um zu den beiden Hobbits. Pippin weinte verzweifelt und stützte sich auf Merry, der mehr als verwirrt dreinschaute.
Kommt, wir geben dem König Bescheid, sagte Bergil und schaute Pippin fragend an.
Was ist denn geschehen, mein Freund?
Auf ihrem Weg zur Zitadelle brachte Pippin stockend hervor, was passiert war und Bergil schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Er hatte einen bösen Verdacht, den er aber nicht laut auszusprechen wagte.
Sie gaben sich alle sehr schweigsam, bis sie den Turm erreichten und wurden von den Wachen anstandslos durchgelassen.
Einen vorbeieilenden Bediensteten fragten sie nach dem König und fanden ihn schließlich mit Gandalf im Beratungszimmer.
Bergil klopfte, wartete die Antwort kaum ab und dann betraten sie das Zimmer.
Der Zauberer und Aragorn sahen sie fragend an, aber als sie die bestürzten Gesichter sahen, wußten sie sofort, daß etwas nicht in Ordnung war.
Gandalf steckte den Brief, der vor ihm auf den Tisch lag, in eine Tasche seines langen Mantels und sah Aragorn an, der schlimmes ahnte.
Wortlos verneigte Bergil sich kurz vor ihm und trat dann vor, um den Elbenstein vor dem König auf den Tisch zu legen und Pippin lief zu Gandalf.
Du mußt etwas tun, bitte... stammelte er und Gandalf und Aragorn tauschten verwunderte Blicke aus.
Mein König, begann Bergil schließlich, es ist etwas mit Frodo geschehen.
Aragorn fühlte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich und er biß sich auf die Lippen, als er auf den Elbenstein sah.
Setzt euch und berichtet, was vorgefallen ist! sagte er und ihnen gegenüber nahmen die drei Platz.
Während Pippin überhaupt nicht zur Ruhe kam, versuchte Bergil, so wenig aufgeregt wie möglich zu erzählen und er sah genau, wie Aragorns Gesichtsausdruck immer verbitterter wurde.
Sie haben ihn entführt und Sam verletzt vor den Toren der Stadt? Fast vor meinen Augen? rief er schließlich und ballte die Hand zur Faust.
Bergil, hast du sie gesehen? Kanntest du sie?
Der Junge nickte. Ich habe den Verdacht, daß sie diesem Geheimbund angehören.
"Was weißt du über den Geheimbund, Bergil?" fragte Aragorn.
"Nicht sehr viel. Ich habe mich noch nie so sehr für ihn interessiert. Ich weiß, dass hauptsächlich junge Männer dort sind und dass sie sich selbst Verkünder der Finsternis nennen. Ich schließe mal aus dem Namen, dass sie nichts Gutes vorhaben und eventuell mit dem Bösen im Bund stehen."
Damit schaltete auch Gandalf sich ein, denn langsam dämmerte dem Zauberer, dass der Brief tatsächlich von diesen Verschwörern stammte und auch Aragorn war sich dessen bewusst, sie hatten jedoch nicht vor, es den anderen zu sagen. Die Abkürzung stand in der Tat für den Namen.
"Weißt du, was sie vorhaben, Bergil? fragte er, aber der Junge zuckte mit
den Schultern und Pippin hob den Kopf. Er rieb sich die Augen und fragte:
"Was denn für ein Geheimbund? Was machen die mit Frodo?
Gandalf seufzte. "Wir wissen nicht genau, was dieser Bund vorhat, wenn ich ehrlich bin, haben wir bis eben sogar noch an seiner Existenz gezweifelt. Ich hatte gerade mit
Aragorn über diese Verschwörer gesprochen, denn er hatte mich um Rat gefragt, den ich auch nicht weiß...
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und herein kamen Eowyn, Faramir, Legolas und Gimli.
Wo sind die Feinde? Die kriegen es mit mir zu tun! brummte der Zwerg und schaute entschlossen in die Runde. Eowyn hatte, genau wie Bergil, Flecken von Blut auf ihrer Kleidung, aber darum kümmerte sich in diesem Moment niemand.
Nachdem die vier Platz genommen hatten, fragte Aragorn: Was ist mit Sam, Eowyn?
Sie holte tief Luft und sagte schließlich: Er ist vermutlich stark am Kopf getroffen und zur Zeit versuchen die Heiler, seinen Arm zu richten, der gebrochen ist, wahrscheinlich beim Fall. Den Umständen entsprechend scheint es ihm gut zu gehen.
Aragorn schloß die Augen. Es gibt sie tatsächlich und sie haben keine Skrupel. Jetzt reicht es.
Alle sahen ihn an und Legolas fragte: Was wirst du tun, Aragorn?
Der König zuckte mit den Schultern und dachte laut: Warum muß es so etwas in meinem Königreich geben, junge Männer, die sich einem Geheimbund anschließen, der das Böse verehrt und sich Verkünder der Finsternis nennt? Warum?!
Pippin schluckte und Merry sah Aragon ängstlich an.
Was soll das heißen? Was... Er sprach nicht weiter.
Gandalf wandte sich ihm zu und sagte: Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber manche Herzen sind leicht zu verführen, wenn sie denken, es bestünde Grund zur Unzufriedenheit. Und es mag nicht ausgeschlossen sein, daß das Böse selbst sie in irgendeiner Form beeinflußt. Auf jeden Fall sind sie gefährlicher, als ich zuerst vermutete.
Wir wissen nichts über sie, gar nichts, außer daß es junge Männer sind, die sich dunkel kleiden und zu geheimen Zusammenkünften gehen. Das ist alles.
Bergil hob den Kopf und runzelte die Stirn.
Mein König, wenn Ihr erlaubt... Aragorn nickte ihm zu und Bergil fuhr fort: Ich weiß von Brüdern meiner Freunde und selbst von Freunden, daß sie eintreten wollen oder es bereits getan haben. Zwar weiß ich nicht viel mehr als Ihr, aber ich bin im richtigen Alter und...
Aragorn holte tief Luft und sah ihn an. Was, denkst du, könntest du tun?
Der Junge dachte nach und sagte: Ich könnte so tun, als würde ich auch beitreten wollen. Die paar Mutproben, die sie verlangen, schaffe ich schon. Wenn ich mich besonders verdient mache, könnte ich Frodo finden! Es wäre eine Chance, ihm zu helfen!
Gandalf schüttelte den Kopf. Das geht nicht, du bist ganz allein, was willst du gegen die ausrichten?
Bergil senkte den Kopf und sagte leise: Ich weiß doch etwas mehr als Ihr. Ich weiß, was sie bei den Mutproben verlangen und das ist verachtend. Ich fürchte, daß sie etwas vorhaben, was wir dringend verhindern müssen und irgendwer muß ihm helfen! Außerdem kann ich mit ihm sprechen, denn er versteht ebenfalls das Elbische und das kann dort bestimmt niemand.
Aragorn runzelte die Stirn, dann sagte Faramir plötzlich: Wir müssen gehen und versuchen, herauszufinden, was sie vorhaben. Aber ich kenne Bergil gut und bin sicher, daß er es schafft. Er kann es zumindest versuchen und sei es nur, daß er Sorge dafür trägt, daß... daß Frodo nicht ganz allein ist, wenn ihr versteht, was ich meine.
Bedächtig nickte Aragorn und seufzte. Ich würde auch zu gern wissen, was die genau vorhaben. Einen Verdacht habe ich, denn da es ein gezielter Angriff auf Frodo war, müssen wir das Schlimmste befürchten.
Aragorn versuchte, sich an den Brief zu erinnern, den er bekommen hatte, also das war gemeint gewesen, als sie sagten, sie würden etwas vorhaben. Die ganze Zeit schon hatten sie so etwas geplant und er hatte es nicht bemerkt.
Merry war entsetzt und sprang auf.
Was sitzen wir dann hier herum? rief er.
Setz dich wieder. Wir müssen uns überlegen, was zu tun ist! Bergil, wo ist dein Vater?
Ich weiß nicht genau... war die zögerliche und fragende Antwort und Aragorn sah Faramir an.
Du weißt doch bestimmt, wo er jetzt Wache hat! Hol ihn dazu!
Faramir stand auf und verließ den Raum. Eowyn wurde schließlich sehr nervös und fragte: Bergil - was sind das für Mutproben?
Der Junge wagte nicht, sie anzusehen und flüsterte fast: Es hat mit Opfertieren zu tun.
Legolas schüttelte fassungslos den Kopf und murmelte etwas auf elbisch. Gimli sah nachdenklich in die Runde und sagte schließlich: Ich wüßte zu gern, was die von unserem kleinen Freund wollen! Aber wenn ich einen von denen zu fassen kriege... egal bei was, ich bin dabei!
Legolas nickte und Aragorn wandte sich nach einer Pause wieder Bergil zu.
Du kennst also jemanden, der dich dorthin bringen könnte? Wie lange würde das dauern, bis du dabei bist?
Bergil überlegte kurz, dann sagte er: Ich könnte einen fragen, der bestimmt ein gutes Wort für mich einlegt. Einige der Treffpunkte kenne ich bereits. Ich müßte nur hingehen und die Prüfungen bestehen, dann wäre ich dabei. Ich werde alles versuchen, Frodo zu finden und auf ihn aufzupassen, denn ich weiß, die sind alles andere als zimperlich. Außerdem habe ich bereits davon gehört, daß sie irgendetwas Großes vorhaben.
Das alles gefiel Aragorn überhaupt nicht, er bemerkte, dass er nicht wachsam genug gewesen war. Beregond und Faramir trafen schließlich ein und Aragorn sah den Mann der Wache an.
Euer Sohn hat sich bereiterklärt, verdeckt im Geheimbund nach unserem Freund Frodo zu suchen, den sie entführt haben. Ich weiß, daß es gefährlich ist, aber es ist eine der wenigen Möglichkeiten, die wir haben.
Beregond wußte, worauf Aragorn hinauswollte und sah seinen Sohn an, der seinen Blick entschlossen erwiderte und sagte: Vater, ich passe schon auf...
Ich weiß, mein Junge. Ich weiß, daß du das kannst. Und ich denke, es ist wichtig, daß du es tust. Nimm dein Schwert mit und ich bin unbesorgt.
Vielen Dank, mein Freund, sagte Aragorn mit einem Lächeln und sie setzten sich alle zusammen. Gandalf merkte sehr wohl, daß noch irgendetwas anderes durch Aragorns Kopf ging, worüber er beharrliches Schweigen bewahrte.
Ich denke, ich werde mit Gandalf hierbleiben. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir weiter vorgehen, denn selbst wenn wir Frodo finden, ist das Problem nicht behoben. Beregond, am besten macht Ihr Euch mit Euren Männern wieder auf die Suche nach dem Hauptquartier, denn das dürfte später noch von großer Bedeutung sein. Dann brauchen wir eine Gruppe, die nach Frodo sucht...
Erwartungsvoll sahen ihn alle an und Gimli platzte schon heraus: Ich bin mit dabei!
Gut, mein Freund. Du und Legolas, das halte ich für sinnvoll... außerdem Faramir. Ich werde euch noch einige Wachen zur Seite stellen. Und ihr, Merry und Pippin, bleibt am besten hier. Zwar waren sie hinter euch nicht her, aber man weiß nie, was noch kommt.
Entrüstet sahen ihn die beiden Hobbits an, aber ganz unerwartet rettete Eowyn die Situation und beugte einem Wutausbruch den beiden vor.
Ich bleibe mit euch hier, denn irgendeiner muß auf Sam aufpassen!
Unentschlossen schauten die beiden Hobbits sich an. Da hatte sie recht - aber wenn sie schon da war, mußten sie dann auch...?
Bergil stand schließlich als erster auf und sagte: Ich sollte besser keine Zeit verlieren. Ich denke, ich sollte mich jetzt auf den Weg machen und versuchen, Anschluß zu finden!
Aragorn nickte und murmelte: Viel Glück. Und wann immer es dir möglich ist, versuche, uns Bericht zu erstatten! Außerdem bitte ich dich darum, dich nicht selbst unnötig in Gefahr zu bringen.
Bergil nickte. Ja, mein König, ich werde mein Bestes versuchen.
Damit ging er und Beregond folgte ihm, um sich wieder auf die Suche zu machen. Legolas, Gimli und Faramir waren ebenfalls voller Tatendrang und nachdem Merry ihnen genau beschrieben hatte, wohin die Entführer verschwunden waren, machten sie sich unverzüglich auf den Weg und suchten noch ein paar Männer zusammen.
Eowyn, Merry und Pippin blieben bei Aragorn und Gandalf, aber sie saßen nicht einfach nur herum, sondern machten sich auf den Weg in die Häuser der Heilung, um einmal nach Sam zu sehen.
Die Heiler staunten nicht schlecht, als sie die vielen Besucher begrüßen durften, angeführt vom König persönlich. Sofort nahm sich einer der Gruppe an und führte sie zu Sam, der ganz friedlich schlafend im Bett lag. Aragorn und Gandalf blieben im Hintergrund, während Pippin Sams Hand nahm, sich aufs Bett setzte und leise murmelte: Ich hätte dich nicht alleinlassen sollen...
Merry legte seine Hand auf Pippins Schulter und sah in Sams bleiches Gesicht. Um den Kopf hatte er weißes Leinen gewickelt, so daß man nur noch wenige Haare sehen konnte und sein Arm war fest und sorgfältig bandagiert.
Sein Atem war ganz ruhig und regelmäßig.
Einer der Heiler trat dazu.
Er ist noch nicht wieder aufgewacht, aber es geht ihm soweit gut. Wie weit sein Kopf verletzt ist, bleibt abzuwarten, aber der Armbruch ist alles andere als harmlos. Es ist gut, daß wir ihn so schnell richten konnten. Damit sah er zu Eowyn, aber ihr Blick war auf Sam gerichtet und sie machte sich Sorgen. Sie konnte nicht verstehen, wie jemand so kaltblütig sein und ihn einfach brutal niederschlagen konnte. Damit wuchs nur die Sorge um Frodo...
Eowyn, die den Elbenstein in der Hand hielt, legte ihn neben das Bett und sah gedankenverloren zum Fenster hinaus.
Gandalf verließ zusammen mit Aragorn die Häuser die Heilung und kehrte zurück in das Beratungszimmer. Aragorn wirkte sichtlich entrüstet und war ziemlich aufgebracht.
"Wie konnte mir nur so ein fataler Fehler unterlaufen? Ich habe es nicht gemerkt, dass dieser Geheimbund sich in meiner Stadt ausgebreitet, oder vielleicht wollte ich es auch gar nicht bemerken. Ich war so voller Freude über meinen Sohn, ich glaube, ich wollte gar nicht wahr haben, dass das Böse und erneut bedroht. Ich war naiv, ich war zu naiv, wer weiß, was sie durch meine Schuld mit Frodo anstellen?"
"Aragorn, du bist auch nur ein Mensch und machst genau wie alle anderen Fehler, jetzt ist es zu spät. Außerdem, woher hättest du denn wissen sollen, dass sie so gefährlich sind?"
"Ich hätte besser aufpassen müssen, diesmal ist es wirklich meine Schuld, zumal Frodo zu meiner Feier hierher gekommen ist, ich habe ihn praktisch in die Falle rennen lassen."
"Aber das wusstest du doch vorher nicht. Viel wichtiger ist doch jetzt, was du nun tun wirst. Du hast immerhin einen Brief bekommen, Aragorn und du hast schon gegen diese Verkünder der Finsternis gehandelt, indem du den Suchtrupp losgeschickt hast. Wenn sie das rauskriegen, machen sie vielleicht ihre Drohung wahr. Denn so wie es aussieht, scheinen sie wirklich gefährlich zu sein."
"Du hast recht, Gandalf. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll, ich muss erst darüber nachdenken."
Aragorn sah den Zauberer auf merkwürdige Weise an, erst jetzt nahm er wahr, dass er sich gegen die Verkünder der Finsternis gestellt hatte, obwohl sie ihn gewarnt hatten. Er hatte irgendetwas tun müssen, denn er wollte Frodo nicht einfach so seinem Schicksal überlassen. Nun aber war seine Familie in Gefahr, ab jetzt musste er jeden Schritt, den er tat gut überlegen, denn sonst wären die Folgen vielleicht fatal.
Als er sich umsah und zuerst vor lauter Angst kaum fähig war, irgendetwas klar zu erkennen, zählte er eine große Anzahl Reiter. Manche waren nicht älter als Bergil, obwohl die meisten nicht mehr ganz so jung waren. Ihre Gesichter zeigten keinerlei Gefühlsregungen, obgleich sie alle entschlossen schauten. Kaum einer kümmerte sich um ihn, sondern sie galoppierten schnellstmöglich von der Stadt weg und blickten sich ständig nach etwaigen Verfolgern um.
Frodo rang nach Luft. Der Knebel saß sehr fest und er spürte großen Durst. Er saß auf dem Pferd, unfähig sich zu rühren und der Reiter hielt ihn mit dem linken Arm fest an sich gedrückt, um ihn nur nicht zu verlieren. Frodo wußte, es hatte keinen Zweck, sich zu wehren.
Er schloß die Augen und zitterte am ganzen Leib, was er dadurch nur noch deutlicher spürte. Wo wollten sie mit ihm hin? Und was hatten sie vor?
Wollte er das überhaupt wissen?
Sie schienen es geplant zu haben und er war es gewesen, den sie haben wollten.
Plötzlich dachte er wieder an Sam und das Blut und daran, wie er dagelegen hatte...
Tränen strömten über seine Wangen. Sam war sein Freund und es zerriß ihn innerlich, daß ihm das zugestoßen war. Wegen ihm. Er hatte nur versucht, ihm zu helfen und lag jetzt da und war vielleicht tot... wenn er ihm den Schädel eingeschlagen hatte...
Er schluchzte leise und hatte das Gefühl, zu fallen. In ihm war alles leer. Er war verloren und Sam...
Er wollte gar nicht daran denken. Sam durfte nicht tot sein. Vielleicht war er nur bewußtlos... einmal hatten die Gedanken an Sam sich eingeschlichen, da wurde er sie nicht mehr los.
Erst merkte der Reiter nicht, der konzentriert nach Verfolgern spähte, was los war, aber als die Tränen auf seine Hand tropften, beugte er sich nach vorne und sah Frodo direkt in die Augen.
Frodo erwiderte seinen Blick, er konnte gar nicht anders. Doch plötzlich realisierte er, daß er lächelte, nein, er grinste hämisch und dann fing er an zu lachen.
Kleiner, du hast auch allen Grund, Angst zu haben. Aber bald ist sowieso alles vorbei.
Mit großen Augen sah Frodo ihn an und der junge Mann lachte wieder. Frodo schätzte, daß er nicht einmal zwanzig Jahre alt war, aber er spürte eine selten gekannte Bösartigkeit an ihm.
Du willst wissen, wieso? Ich sags dir aber nicht! Er hatte seinen Spaß daran, Frodo zu quälen, gab dem Pferd die Sporen und sie ritten weiter durch den Wald.
Schrecklich klein kam Frodo sich in diesem Moment vor. Zwei dutzend Reiter waren um ihn, die sich alle nicht um die Angst des kleinen Hobbits kümmerten, der verzweifelt versuchte, nachzudenken, um ihre Gründe zu erraten.
Er konnte es nicht verstehen, aber ihm war klar, daß sie kurzen Prozeß machten. Das hatte er an Sam gesehen.
Innerlich flehte er, daß die anderen Sam schnell finden und ihn suchen würden.
Was, wenn Sam wirklich tot war? Das Knacken, das sie gehört hatten, waren Knochen gewesen...
Frodos Schultern verkrampften. Er wollte weg, er wollte nicht, daß das alles geschah, aber er konnte nichts dagegen tun.
Wie lange sie geritten waren, als sie schließlich ihr Ziel erreichten, vermochte er nicht zu sagen, aber schließlich wurden sie langsamer und sie erreichten ein altes Haus irgenwo tief im Wald. Es war halb verfallen, aber schien noch gut genug als Versteck zu sein.
Ein anderer nahm ihn und stellte ihn auf seinen schwachen Füßen auf den Boden. Seine Knie gaben nach und wäre er nicht festgehalten worden, wäre er gefallen.
Ein Junge von vielleicht 16 Jahren hielt ihn am Kragen fest und schubste ihn unnachgiebig vorwärts und hinein in das alte Haus.
Dunkelheit umfing sie, sobald sie eingetreten waren. Dunkelheit, nur erhellt von wenigen Kerzen und erkennen konnte er auf seinem Weg durch einen Flur nicht viel. Zeichen waren an der Wand, Schatten geisterten umher, da waren noch viel mehr, die er nicht ausmachen konnte.
Schließlich waren sie am Ziel angekommen und blieben stehen. Ein Mann von höchstens 25 Jahren erhob sich von seinem Stuhl, als er sie kommen sah und ein Ausdruck großer Freude war auf seinem Gesicht zu erkennen. An ihm war nichts besonderes, aber er trug Schmuck, den die anderen nicht hatten. Ansonsten unterschied er sich von ihnen durch nichts wie das entschlossene Aussehen, sondern nur durch sein Alter.
Das war dann wohl der Anführer.
Wir haben ihn gefunden, Gordir. Die Suche hat sich gelohnt. Derjenige, der Sam niedergeschlagen hatte, trat vor und der Anführer schenkte ihm ein wohlwollendes Lächeln.
Gut, Ortherion, wirklich gut gemacht. Hattet ihr Schwierigkeiten?
Nein, nachdem wir erst einmal herausgefunden haben, wann sie sich vor die Stadt trauen, mußten wir nur warten.
Frodo schloß die Augen. Sie waren schon längst beobachtet worden!
Hat der Kleine etwa Angst? Hat er das? Stimmt, du kannst mir nicht antworten, das tut mir leid...
Der Anführer kam auf ihn zu. Schwer schluckend starrte Frodo ihm ängstlich in die Augen und mit einer einzigen Handbewegung machte er allen anderen bis auf Ortherion klar, daß sie ab jetzt unerwünscht waren.
Nachdem sie sich alle zurückgezogen hatten, hielt Ortherion Frodo fest, während Gordir sich vor ihm aufbaute und murmelte: Du glaubst also wirklich, du hättest es geschafft, Ringträger? Was siehst du mich denn so an? Hast du wirklich geglaubt, der dunkle Herrscher läßt es sich gefallen, von einem Halbling gestürzt zu werden?
Seine Stimme war immer lauter geworden, bis er schließlich brüllte und Frodo ließ den Kopf sinken.
Sieh mich an! Los, mach schon! zischte er mit einem gefährlichen Unterton und Frodo tat, wie ihm geheißen wurde. Plötzlich spürte er die kalten Hände des Anführers an seinen.
Sieh mal einer an. Es stimmt also wirklich, was man sich über den Ringträger erzählt. Gezeichnet für immer. Und, denkst du, du hättest genug Opfer gebracht? Für was hast du schon Opfer gebracht? Aber es ist nicht vorbei. Mach dir keine Hoffnungen!
Frodo verstand kein Wort von dem, was er sagte. Er nahm nur zitternd zur Kenntnis, daß der Anführer seine Hand genau auf die gelegt hatte, an der Frodo ein Finger fehlte.
Es ist nicht vorbei, Halbling. Es gefällt uns gar nicht, was du getan hast. Und du wirst deine Strafe dafür bekommen!
Auch wenn Frodo nicht wußte, was auf ihn zukam, wollte er es in diesem Moment auch überhaupt nicht wissen. Plötzlich und unerwartet spürte er einen heftigen Schlag ins Gesicht und während ihm die Tränen des Schmerzes in die Augen schossen, folgte ein harter Schlag in den Bauch und er krümmte sich stöhnend.
Von dem Schlag ins Gesicht war der Knebel verrutscht und Frodo schaffte es, ihn auszuspucken. Nach Luft schnappend ging er in die Knie und wurde unsanft an den Haaren wieder hochgerissen.
Du wirst dein Ende bald herbeisehnen! brüllte Gordir ihm ins Gesicht und stieß ihn von sich. Wimmernd ging Frodo zu Boden und blieb regungslos, aber von Schluchzern geschüttelt, liegen. Ortherion war jedoch noch nicht fertig mit ihm, griff ihm unter den Arm und schleifte ihn über den Boden in die hinterste Ecke des Raumes.
So, du elender Halbling, du bleibst jetzt genau hier sitzen und gibst keinen Mucks von dir! zischte er scharf und Frodo schluckte schwer, bevor er mühsam hervorbrachte: Was wollt ihr?
Ortherion lachte und ging wortlos weg.
Bitte... was habt ihr denn vor? rief Frodo mit erstickter Stimme und hörte nur Gelächter als Antwort. Dann sah er, wie die anderen in den Raum zurückkehrten und ihn kurz ansahen, wie er verängstigt in der Ecke kauerte, doch dann scherten sie sich alle nicht mehr um ihn.
Mein Herr Faramir, darf ich fragen, wohin wir eigentlich reiten? fragte Rangamer, getreuer Krieger Gondors, als sie die Stadt verließen. Gimli und Legolas gaben sich schon die ganze Zeit schweigsam, aber die fünf Männer, die sie mitgenommen hatten, wußten bisher nichts, außer daß sie jemanden suchten.
Jetzt nahm Faramir sich doch die Zeit, den Männern Auskunft zu erteilen. Gimli und Legolas, die beide zusammen auf einem Pferd saßen, ergänzten seine Erklärungen, so daß sich den Männern schließlich ein umfassendes Bild bot.
Und sie denken, es waren Angehörige des Geheimbundes? wiederholte einer ungläubig und ein anderer murmelte: Der Sohn meines Bruders scheint dort eingetreten zu sein, er hat sich stark verändert und mein Bruder macht sich Sorgen um ihn. Er weiß nicht, wie er dem Jungen begegnen soll.
Faramir nickte besonnen. Nun, viele Väter und Mütter werden sich ab jetzt Sorgen machen müssen, aber ich fürchte, die Jungs überschätzen sich nun ein wenig. Ich weiß nicht, ob sie Frodo wollten, weil er der Ringträger war. Ich kann mir so schwer vorstellen, daß Burschen, die noch nicht einmal erwachsen sind, einem Hobbit etwas tun wollen! Er hat nichts getan, warum kommen die auf so etwas?
Sie hielten an dem Ort, an dem man Frodo entführt hatte, an und sahen sich kurz um, aber außer den Hufspuren, die auf den Wald zuführten, war da nichts und sie ritten im Galopp weiter, nicht, ohne genau Ausschau nach dem Feind zu halten.
Hauptmann Beregond sucht nach dem Hauptquartier, habe ich gehört? fragte Dagoron und Faramir nickte. Der König hat ihn und einige gute Krieger losgeschickt, es zu finden.
Im Wald war der Boden ebenso ausgedörrt wie außerhalb. Im hohen Gras der umliegenden Wiesen hatten sie noch erkennen können, wo die Reiter geritten waren, aber im Wald wurde es zunehmend schwerer, da die Pflanzen braun und fast vertrocknet waren und kaum Spuren preisgaben.
Faramir und Legolas sprangen schließlich vom Pferd und sahen sich aufmerksam um. Der Elb kniete sich zuerst hin, spähte aufmerksam umher und legte sich schließlich auf den Boden, das Ohr dicht auf die Erde gepreßt und er lauschte.
Sie haben schon einen weiten Weg zurückgelegt... sie sind nicht mehr in der Nähe. Ihre ursprüngliche Richtung haben sie beibehalten.
Die Nachmittagssonne neigte sich dem Horizont zu und die sommerliche Wärme war nicht mehr so drückend. Dennoch gönnte hauptsächlich Gimli sich des öfteren einen Schluck Wasser, als sie weiter durch den Wald ritten, aber immer noch recht langsam, um nur keine Regung in der Umgebung zu übersehen.
Nichts tat sich. Die Spuren auf dem Boden waren nur undeutlich auszumachen und schließlich bogen sie ab nach rechts.
Legolas war skeptisch.
Wartet. Damit stieg er wieder vom Pferd, um zu sehen, ob der Boden nicht noch mehr Geheimnisse preisgab.
Was ich höre, deutet nicht darauf hin, daß sie dorthin geritten sind! murmelte er und die Männer sahen sich fragend an.
Was gibt es da zu überlegen? Die spitzohrigen Elben hören alles! warf Gimli stirnrunzelnd ein, aber Faramir schüttelte schließlich den Kopf.
Das kann irgendwer sein. Diese Spuren aber gehören zu denen, die wir verfolgen und wir sollten ihnen folgen!
Daß sie damit genau das taten, was sie besser gelassen hätten, merkten sie zuerst nicht. Genau damit hatte man gerechnet und versuchte, sie in die Irre zu führen, denn die Arten der Fährtensuche waren allgemeinhin bekannt. Sie ritten in einen Hinterhalt, der sich erst später offenbarte.
Zwischendurch stiegen sie ab, als die Spuren wieder völlig verschwanden und suchten in Bodennähe mit den Blicken alles ab.
Verdammt, irgendwo müssen die hin sein! fluchte Gimli und setzte ein paar unhöfliche zwergische Flüche hinzu.
Faramir setzte sich auf einen umgestürzten Baum.
Dieser Wald hier ist groß. Verglichen mit dem Druadanwald ist er vielleicht winzig, aber bis wir den hier durchkämmt haben, gehen Wochen ins Land. Wochen, in denen mit Frodo sonstwas geschehen kann. Und ich habe keine Ahnung, wie sie sich hier vestecken könnten, das wissen die mit Sicherheit besser als ich.
Rangamer sah ihn fragend an. Was tun wir also?
Weiter. Wenn wir die Hoffnung aufgeben, ist alles verloren. Wir müssen es zumindest versuchen.
Wieder einmal ritten sie weiter, ohne auch nur den Hauch einer Spur zu finden. Sie verstanden nicht, wie so viele Reiter so spurlos verschwinden konnten.
Urplötzlich stieß Legolas Gimli vom Pferd und fiel selbst hinterher. Den Grund für diese überraschende Aktion konnten die Männer sofort sehen: Im Baum links vom Pferd steckte plötzlich ein Pfeil und weitere schossen an ihren Köpfen vorbei.
Runter! rief Faramir und sie sprangen alle eiligst von den Pferden, die fast scheuten.
Gimli warf Legolas einen verständnislosen Blick zu, doch bald sah er ein, daß sein Freund ihn gerettet hatte, denn der Pfeil war direkt auf Gimlis Kopf gezielt gewesen. Wer auch immer der Schütze gewesen war, er verstand sein Handwerk.
Ohne daß ein Kommando erging, zogen die Männer ihre Schwerter und das keine Sekunde zu früh. Mit waghalsigem Gebrüll sprangen plötzlich zwei Dutzend junge Männer aus dem Gebüsch und attackierten sie. Faramir sprang auf und sah sich zwei Halbstarken gegenüber, die ihn finster ansahen, so finster, wie selbst ihre Kleidung erschien.
Sie zögerten keine Sekunde, sondern griffen sie auf aggressivste Art und Weise an, so daß selbst die erfahrenen Krieger alle Mühe hatten, ihnen zu begegnen, da sie klar in der Überzahl waren.
Gimli kümmerte sich nicht darum, wie alt sie waren oder daß sie eigentlich keine Chance gegen ihn hatten, sondern erhob brüllend seine Axt und fluchte laut.
Bringt unseren Freund sofort wieder zurück! tobte er und warf sich gegen einen Knaben, der nicht älter als 16 sein konnte, aber weitaus größer war als er war.
Viel mehr zögerten da Legolas und Faramir, denn obgleich sie versuchen mußten, sich selbst zu verteidigen, wollten sie die Jungen nicht verletzen und als Faramir einen von ihnen problemlos entwaffnet hatte, sagte er: Hört doch endlich auf damit, das führt doch zu nichts!
Gelächter war die einzige Antwort und Legolas zielte erbittert mit seinem Bogen auf einen, der sich gerade auf den Zwerg werfen und ihn mit dem Schwert niedermachen wollte.
Keine Bewegung! rief er noch, aber der Junge holte bereits aus und wollte schon das Schwert niedersausen lassen, aber treffsicher schoß Legolas ihm ins Bein und schreiend ging der Angreifer in die Knie.
Gimli rollte zur Seite, sprang auf und ergriff den Jungen, der noch versuchte, sich zu wehren, aber dem wütenden Zwerg unerwartet unterlegen war.
Obwohl die Angreifer in der Überzahl waren, mußten sie bald feststellen, daß sie trotz aller Entschlossenheit den erwachsenen Kriegern in ihrem Geschick unterlegen waren und auch wenn Dagoron sich einige Schnittwunden zugezogen hatte, konnten die Jungen nichts ausrichten und schließlich rief einer: Rückzug!
Die letzten steckten ihre Schwerter weg, schlugen sich ins Unterholz und als Legolas sich anschickte, ihnen zu folgen, hielt Faramir ihn an der Schulter fest und deutete auf Gimli, der auf der Brust des Jungen kniete, den Legolas angeschossen hatte.
Warte. Die führen uns nirgendwohin, aber den sollten wir vielleicht schnell zurück in die Stadt bringen!
Du stinkender Zwerg, geh runter von mir! tobte der Bursche und versuchte, Gimli herunterzuschubsen, hatte aber keinen Erfolg.
Du bleibst schön da liegen! Außerdem stinke ich nicht! brüllte Gimli ihm ins Gesicht und Faramir baute sich vor den beiden auf.
Wie ist dein Name, Junge? fragte er und der Knabe sah ihn an. Er war noch verhältnismäßig jung.
Geht euch nichts an, gab er kurz zurück und griff Gimli erneut an, der ihn wieder zu Boden drückte und brummte: Wenn ihr Dreckskerle meinem kleinen Freund etwas antut, sollt ihr mich auch kennenlernen!
Der Junge lachte. Faramir stellte fest, daß das Alter in keinem Verhältnis zur Skrupellosigkeit eines Menschen stand, das merkte er schnell.
Plötzlich hörten sie alle lautes Blätterrascheln und einen Aufschrei.
Legolas! Habt ihr etwas gefunden?
Die Männer fuhren herum und entdeckten zwei Hobbits auf Ponys.
"Was tut ihr denn hier?" schrie Gimli fassungslos und seine Augen waren groß und rund. Der Junge unter ihm war nun ebenfalls etwas zur Ruhe gekommen und blickte zu Merry und Pippin, die voller Entschlossenheit auf ihren Ponys saßen. Pippin stieg ab und sagte dann: "Was denkst du denn wohl, was wir hier machen? Wir haben keine Lust, abgeschoben zu werden und die Hände in den Schoß legen zu müssen!"
"Genau. Frodo ist unser Freund und wir haben ein Recht darauf, bei der Suche nach ihm dabei zu sein!" stimmte Merry ihm zu und stieg ebenfalls von seinem Pony.
Gimli machte ein leicht mürrisches Gesicht und Legolas blickte etwas besorgt drein. "Ihr könnt froh sein, dass wir gerade so beschäftigt waren, wir hätten euch versehentlich töten können, als ihr hierher gekommen seid. Es wäre ein leichtes gewesen, euch fälschlicherweise für den Feind zu halten."
"Ja, das war sehr leichtsinnig von euch", stimmte auch Faramir zu.
Die Hobbits jedoch ließen sich davon nicht im geringsten einschüchtern, im Gegenteil, sie schienen entschlossener denn je.
"Wir waren bereit, das Risiko einzugehen, wir wollen helfen", sagte Merry und richtete sich dabei selbstbewusst auf.
"Ihr könnt nicht helfen, wenn ihr tot seid", bemerkte Faramir und sah Legolas an, der zustimmend nickte.
"Wir können aber ebenso wenig helfen, wenn wir in Minas Tirith festsitzen und ständig nur hoffen können, dass ihr Frodo findet", ließ Pippin nicht locker. Legolas und Gimli sahen sich an und merkten, dass es zwecklos war, die beiden Hobbits waren fest entschlossen und jetzt waren sie ja sowieso da.
Pippin wurde erst jetzt auf den Jungen aufmerksam, der unter Gimli lag und wieder anfing, sich heftig zu wehren. Er lief schnurstracks zu ihm hinüber und blieb zwei Meter vor ihm stehen. "Warst du bei diesen Halunken, die unseren Freund Frodo entführt haben?" fragte Pippin, setzte ein drohendes Gesicht auf und ballte seine Hand zur Faust. "Rede schon!"
Der Junge setzte ein äußerst fieses Grinsen auf und sagte dann in einem sehr glaubwürdigen Ton: "Nein, ich war leider nicht dabei, als sie diese kleine Ratte entführt haben." Dann machte er eine kleine Pause und sein Gesicht nahm noch dunklere Züge an als zuvor. "Ich kann dir aber schwören, wäre ich dabei gewesen und ich hätte dich gesehen, dann wärst du der erste gewesen, der mein Schwert zwischen die Rippen bekommen hätte."
Das war zu viel. Pippin machte ein Gesicht, das Entsetzten und Wut gleichzeitig ausdrückte und wollte mit geballter Faust zu dem Jungen nach vorne hechten. Legolas erkannte jedoch rechtzeitig, was Pippin vorhatte und packte ihn am Kragen, so dass der Hobbit zurückgerissen wurde und auf den Boden fiel. Er versuchte wieder aufzustehen doch der Elb hielt ihn fest und drückte ihn auf die Erde. "Lass mich los, hast du nicht gehört, was er gerade gesagt hat!" schrie er und versuchte sich aus Legolas´ festem Griff zu winden. Legolas drückte den Hobbit noch etwas fester auf den Boden und gab sich alle Mühe ihm nicht weh zu tun. Pippin schossen Tränen der Wut in die Augen, er versuchte immer noch aus Legolas´ Griff zu entkommen und er musste schließlich feststellen, dass es aussichtslos war.
"Ich habe sehr wohl gehört, was er gerade gesagt hat, aber mach doch keinen Unsinn. Wir bringen ihn nach Minas Tirith und werden sehen, inwieweit er uns nützlich sein kann."
"Macht euch keine Hoffnung, du bist ziemlich dämlich, wenn du glaubst, dass ich euch viel verraten werde, du spitzohriger Narr", brüllte der Junge und sein Gesicht färbte sich rot von Zorn.
Legolas überhörte diese Beleidigung und blieb völlig ruhig. Rangamer sah etwas fassungslos auf den zornigen Jungen, der immer noch versuchte, seine Hände frei zu kriegen und nach Gimli zu schlagen.
"Lass mich bitte los, ich werde nichts tun", sagte Pippin zu Legolas und sah ihn bittend an.
"Wirklich nicht?" fragte Legolas nach.
"Ach, lass ihn nur", schrie der Junge wieder, dann warf er einen hasserfüllten Blick zu Gimli. "Wie wäre es denn, wenn du Ungetüm mal von mir runter gehst, dann kann ich dem Halbling eine verpassen, dass er, wenn er wieder zu sich kommt, nicht mehr weiß, wer er ist."
"Du wirst nichts dergleichen tun, ansonsten sage ich meinem Freund da, dass er dir noch einen Pfeil in dein anderes Bein schießen kann", antwortete Gimli in drohendem Ton und deutete auf Legolas.
Diese Drohung erzielte zumindest kurzzeitig eine Wirkung. Der Junge sagte nichts mehr, er sah die beiden Hobbits und insbesondere Pippin, nur noch grimmig an. Merry war von Faramir an den Schultern gepackt worden, als er versuchen wollte, ebenfalls zu dem Knaben zu stürmen, nun hatte er ihn aber wieder losgelassen und auch Legolas ließ Pippin wieder aus seinem Griff frei. Pippin sah etwas mitgenommen aus, dieser Junge war grausam und er mochte nicht daran denken, wie grausam die anderen sein mochten, die Frodo in ihrer Gewalt hatten.
Gimli ließ sich von Rangamer ein Seil geben und band dem Jungen die Hände fest zusammen. Obwohl die Fesseln viel zu fest saßen, war der Junge zu stolz, etwas zu sagen. Er blickte nur herablassend um sich und sagte kein Wort mehr.
"Lasst uns aufbrechen", sagte Faramir und bestieg sein Pferd. Rangamer hatte sich dazu bereit erklärt, den Jungen zu bewachen und mit auf sein Pferd zu nehmen. Auch alle anderen bestiegen nun ihre Pferde und machten sich auf den Weg nach Minas Tirith. Legolas blieb zusammen mit Gimli immer in der Nähe der Hobbits, er hatte Sorge, dass die beiden doch noch etwas unüberlegtes anstellten und so dem Jungen vielleicht ungewollt zur Flucht verhalfen. Merry war etwas erbost über diese Bewachung von dem Elben, zeigte es aber nicht.
Faramir ritt neben Rangamer, um im Notfall schnell eingreifen zu können, denn der Junge fing langsam wieder an, sich zu wehren.
Die Hobbits blickten mürrisch und in Gedanken versunken nach vorne, ihre Ponys trabten den anderen in schnellem Schritt hinterher.
Unablässig versuchte der Junge, sich seiner Fesseln zu entledigen, aber es bereitete Rangamer eine besondere Freude, sich des Streitsüchtigen anzunehmen, der immer wieder versuchte, den Krieger vom Pferd zu stoßen und damit abzuhauen.
Vergiß es, mein Freund! Du kannst gleich dem König erzählen, was los ist!
Ich sage gar nichts, du Idiot! gab der Junge zurück und zerrte an den Fesseln.
Rangamer grinste breit und sah Faramir an, aber der konnte die Freude über den kleinen Sieg nicht teilen. Er wußte, wo einige lauerten, waren noch mehr und es würde kein Leichtes werden, das Versteck zu finden.
Schließlich erreichten sie den weißen Turm Ecthelions und Rangamer vertraute den Jungen Legolas an, er ihn mit starker Hand festhielt und stützte, denn mit der Wunde am Bein ließ es sich nicht gut laufen.
Selbst der König wird keine Antwort von mir bekommen, ihr Narren! zischte er und schubste Legolas zur Seite, der ihn geduldig festhielt und vorantrieb.
Merry und Pippin warfen sich vielsagende Blicke zu und erhofften sich eine Strafe für diesen überaus skrupellosen Jungen. Schließlich erreichten sie das Beratungszimmer, der Junge hinkte mühselig und Legolas klopfte an die Tür.
Aragorn antwortete von innen, sie mögen eintreten und erschrocken stand er auf, als er die Männer mit dem Jungen eintreten sah. Gandalf suchte sichtlich nach Worten, auch er erkannte sofort die Zugehörigkeit des Jungen, der sie alle böse anstarrte und schließlich von Legolas auf einen Stuhl gesetzt wurde. In einer freundlichen Geste legte er ihm auch das Bein hoch, aber der Knabe spuckte ihm als Dank auf den Rücken und Legolas mußte Gimli davon abhalten, handgreiflich zu werden. Er hatte überhaupt kein Verständnis für den Jungen, genausowenig wie Merry und Pippin.
Wie heißt du, mein Sohn? fragte Aragorn schließlich und auf dem Gesicht des Jungen zeigte sich nur langsam ein immer breiter werdendes Lächeln. Der König seufzte und sah zu seinen Freunden, die ihn erwartungsvoll ansahen.
Wartet bitte draußen, sagte er und zögerlich taten sie alle, wie sie geheißen wurden, außer Legolas, der neben ihm sitzenbleiben konnte.
Maulend lief Gimli dann vor der Tür auf und ab, während Merry und Pippin Faramir mit Fragen löcherten und erkannten, dass sie trotz ihres unbrechbaren Willens schon wieder abgeschoben worden waren.
Innen versuchte Aragorn währenddessen, irgendetwas aus dem Jungen herauszubekommen.
Gut, also wenn du mir deinen Namen nicht sagst, kann ich mich weniger gut mit dir unterhalten, aber das mußt du entscheiden. Ich sage dir ganz zu Anfang schonmal eines: Von mir wirst du keinerlei Strafe erfahren!
Dabei sah er den Jungen freundlich an, der nur zu Boden starrte und mit den Schultern zuckte. Aragorn wollte schon fast etwas anderes versuchen, aber unerwartet sagte der Junge schließlich: Mir ist ganz egal, wer mich bestraft. Ich werde die Rache Melkors nicht erfahren, so wie ihr!
At in Valar! entfuhr es Legolas und der Elb wurde bleich. Gandalf umschloß seinen Stab fester mit der Hand und begann, zu sprechen.
Mein Junge, versuchst du denn gar nicht mehr, dich gegen den Einfluß des Bösen zu werden? Was verspricht es dir? Warum läßt du dich hinreißen?
Das ist doch alles viel besser als das, was ich vorher hatte! Der Herrscher verspricht uns Lohn und Reichtum, wenn wir ihm dienen, er sorgt für uns und das hat hier ja niemand getan!
Aragorn biß sich auf die Lippen, nun wusste er, dass er tatsächlich nicht mächtig genug war, sich gegen diese Gruppe zu wenden. Sie waren ihm überlegen und seine Familie in unmittelbarer Gefahr. Er hatte stets versucht, gut für sein Volk zu sorgen, aber es war anscheinend nicht genug gewesen, denn sie suchten sich jemand anderen als Herrscher und dieser war auf der dunklen Seite. Was hatte er als König falsch gemacht?
Gandalf bemerkte seine Reaktion und flüsterte: Das Böse steht über allem, da kannst auch du nichts dran ändern.
Aragorn schüttelte den Kopf. Es ist meine Aufgabe, auf jeden zu achten und wenn so etwas geschieht... aber ich habe nicht einmal vermieden, daß sie Frodo verschleppt haben!
Legolas legte die Hand auf die Schulter des Königs. "Wie solltest du auch?" fragte er Aragorn und wandte sich dem Jungen zu.
Was hat er euch befohlen? Was habt ihr vor?
Der Junge grinste. Das könnte euch so passen, aber aus mir bekommt ihr nichts raus!
Was fürchtest du? fragte Aragorn. Er versuchte verzweifelt, sich in die Lage des Jungen zu versetzen und seine Ängste zu verstehen, aber es wollte ihm nicht gelingen.
Schweigen. Er bekam keine Antwort.
Wer führt euch? Wen hat der dunkle Herrscher als Führer erwählt?
Fragt ihn doch selbst. Mit uns jedenfalls spricht der Herrscher oft!
Gandalf spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Das hielt er nicht nur für die Spinnerei eines Heranwachsenden.
Warum habt ihr den Halbling entführt? fragte Aragorn unvermittelt und erwartete nicht, eine Antwort zu erhalten. Doch der Junge sah ihm fest in die Augen, während Gandalf noch mit Schrecken daran dachte, daß Melkor selbst darin verwickelt war.
Gelassen erwiderte Aragorn seinen Blick, er wußte, er durfte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Aber plötzlich sagte der Junge: Wir werden ihn töten, weil Melkor es befohlen hat!
Nein! flüsterte Legolas, kaum hörbar und wandte sich zu Aragorn, der schwer schluckte. Gandalf versuchte, die Fassung zu bewahren und fragte: Warum hat er das befohlen?
Er hat Melkor geschadet! Er ist schuld an Saurons Untergang! gab der Junge kurz zurück und Gandalf stand auf.
Oh nein, da irrst du dich. Er ist auf mein Anraten hin nach Mordor gegangen und außerdem hat nicht er den Ring zerstört!
Vergebens versuchte der Junge, die Überraschung über diese Äußerung zu verbergen und fragte mit zitternder Stimme: Aber wenn nicht er, wer dann? Ich meine, er war doch der Ringträger, das erkennt man an dem fehlenden Finger...
Er war nur der Ringträger, aber er hat den Ring nicht zerstört! erklärte Gandalf mit ruhiger Stimme und der Junge fiel plötzlich in seinen alten Trotz zurück.
Aber wenn Melkor den Ringträger verlangt, soll er ihn haben!
Ihr könnt ihn nicht umbringen! Er ist unschuldig! rief Legolas und murmelte: A Elbereth Gilthoniel...
Spöttisch lachte der Junge ihn aus.
Dann sucht ihn doch. Aber ihr werdet ihn nicht finden! höhnte er grinsend und sagte fortan nichts mehr.
Faramir und die Hobbits, die mit den anderen Kriegern noch draußen standen, hatten die lauten Stimmen selbst draußen vernommen und Aufregung machte sich unter ihnen breit. Faramir überlegte schon, ob er nicht drinnen nachsehen sollte, was geschah, als Aragorn plötzlich die Tür öffnete und den Kriegern einen Wink gab.
Bringt ihn in die Häuser der Heilung und da soll er bleiben unter schärfster Bewachung! Erst muß sein Bein versorgt werden, dann kümmern wir uns um den Rest!
"Was, du bestrafst ihn nicht?" fragte Pippin fassungslos. "Er hat gesagt, dass er mich töten will, er ist so jung und doch so grausam, er verdient eine gehörige Strafe!"
Aragorn sah den Hobbit an, der ihn mit verständnislosen Augen anstarrte. "Nein, Pippin, ich werde ihn nicht bestrafen, denn er ist, so glaube ich, vom Bösen beeinflusst. Ein so junger Knabe kann nicht von allein so böse werden, da bedarf es Nachhilfe."
Pippin sah Merry an, der jedoch starrte nur auf den Boden, es war sinnlos, gegen Aragorns Entscheidung zu sein und so entschloss sich auch Pippin, zu schweigen.
Zwei der Männer stützten den Jungen, die anderen folgten und Merry und Pippin sahen Gandalf fragend an. Faramir runzelte besorgt die Stirn, als er Legolas Gesichtsausdruck sah.
Was hat er gesagt? fragte Merry und Faramir legte die Hand auf die Schulter des Hobbits.
Legolas wandte sich ab und ballte die Hand zur Faust.
Wir sollten keine Zeit verlieren. Wir müssen Frodo finden. Schnell!
Dartho, Legolas, sagte Aragorn und sah den beiden Hobbits, die nun etwas ruhiger waren, fest in die Augen. Dann holte er tief Luft und sagte: Sie wollen Rache am Ringträger üben. Frodo ist in Lebensgefahr.
Merry schlug die Hände vor den Mund und alles verschwamm vor seinen Augen. Der Schock schoß durch seinen ganzen Körper und er spürte, wie ihm die Knie weich wurden.
Pippin sah hilfesuchend zu all seinen Freunden und Faramir erwiderte seinen Blick.
Diesmal kommt ihr mit, sonst gebt ihr ja doch keine Ruhe. Wir sollten uns neue Männer suchen und uns wieder auf den Weg machen! sagte er und Aragorn nickte. Die Hobbits waren nun trotz des Schocks scheinbar beruhigter. Endlich wurden sie nicht mehr abgeschoben und mussten nicht mehr tatenlos rumsitzen. Sie bekamen nun die Gelegenheit, sich zu beweisen und ihrem Freund vielleicht zu helfen. Aragorn verlies, als der Suchtrupp erneut aufgebrochen war, das Beratungszimmer und bald war Gandalf ganz allein.
Eowyn war nachdenklich an Sams Bett sitzengeblieben. Sie war nervös. Solange man nicht wußte, warum sie Frodo gefangengenommen hatten, waren alle in Gefahr, auch wenn sie Sam zuerst nicht mitgenommen hatten. Sie hatte aber schon Dinge erlebt, die ihr nur zu deutlich vor Augen führten, wie ernst die Situation war.
Friedlich schlief Sam. Er trug noch sein Hemd und seine Weste, nur die Verbände störten ein wenig das Bild eines zufriedenen Hobbits. Er war ruhig. Eowyn konnte nicht einmal an Ruhe denken.
Die Hobbits waren alle ihre Freunde, besonders Merry, aber vor Jahren war sie auch Frodo und Pippin immer näher gekommen und hatte sie schätzen gelernt. Sie konnte die Ungerechtigkeiten, die Frodo immer widerfuhren, nur schwer ertragen und wünschte, sie wäre den Hobbits gefolgt, um ihn zu suchen. Genauso wußte sie aber auch, daß Sam jemanden brauchen würde, wenn er aufwachte und wenn sonst schon alle lieber die Helden spielten, wollte sie wenigstens da sein, auch wenn ihr der Kampf eigentlich mehr zusagte.
Faramir hatte sie irgendwann einmal dazu gebracht, Ruhe zu finden und obwohl sie sich Sorgen machte, da er nun allein in die Arme der unbekannten Gefahr laufen konnte, so wußte sie doch, daß Sam viele unbedachte Dinge tun konnte, wenn niemand in der Nähe war, der auf ihn achtete.
Plötzlich wurde sie aufmerksam. Er wälzte sich unruhig hin und her, soweit das möglich war und versuchte, seinen bandagierten Arm zu bewegen, aber im gleichen Augenblick, in dem Eowyn Stimmen hörte und eine Tür zufallen, schrak Sam hoch und schrie.
Er riß die Augen auf und hob mühsam den Kopf. Dann stöhnte er vor Schmerzen und Eowyn stand auf.
Ganz ruhig, Sam. Hab keine Angst. Ich bin bei dir. Sie beugte sich über ihn, lächelte und nahm seine Hand. Der Hobbit atmete schwer und sah sich nervös um.
Mein Kopf... was... murmelte er und wollte mit der Hand daran fassen, aber schrie auf vor Schmerz und sah, daß der Arm ruhiggestellt war.
Was ist hier los, Eowyn? Was ist geschehen? fragte Sam atemlos und sie setzte sich aufs Bett. Von dem kleinen Tisch daneben nahm sie schließlich Frodos Elbenstein und drückte ihn Sam in die Hand.
Paß du jetzt darauf auf.
Die Augen des Hobbits weiteten sich.
Was... Frodo... stammelte er und sah auf den Stein.
Wo ist Frodo? Was ist mit ihm?
Sie legte ihre Hand wieder auf seine und sagte: Ihr wart draußen vor der Stadt und habt Bergil gesucht, doch dann ist eine Gruppe junger Männer gekommen und hat euch angegriffen. Erinnerst du dich nicht?
Langsam nickte Sam. Doch... aber was... Er sprach nicht weiter, doch Eowyn fuhr fort.
Dich haben sie niedergeschlagen, deshalb die Kopfverletzung. Und beim Fall hast du dir wohl den Arm gebrochen.
Sam stöhnte. Das merke ich gerade... Fragend sah er sie an und sie sah die Angst in seinen Augen, obwohl er längst wußte, daß etwas nicht in Ordnung war.
Frodo haben sie dann mitgenommen. Obwohl Pippin Merry und mich geholt hat, kamen wir zu spät... den Stein hat Frodo verloren.
Sam rang nach Luft, aber fühlte, wie er Kloß in seiner Kehle ihn zu ersticken drohte.
Mitgenommen? Was soll das heißen, mitgenommen? brachte er schließlich hervor und spürte Tränen in den Augen. Eowyn wagte nicht, ihn anzusehen, aber sagte dann: Sie haben ihn entführt, Sam. Frodo ist verschwunden. Wir wissen nicht, warum.
Sam schluchzte und schüttelte sprachlos den Kopf. Er fand keine Worte.
Du brauchst keine Angst zu haben, Faramir, Gimli und Legolas werden ihn finden, da bin ich sicher!
Er griff nach ihrer Hand und unter ihren Händen lag dann schließlich der Elbenstein, während Sam sich an sie klammerte wie an einen Strohhalm und murmelte: Wer tut so etwas, Eowyn? Wer?
Er sah sie durch Tränen an und sie zuckte hilflos mit den Schultern. Junge Männer waren es.
Sie brachte es nicht über sich, ihm die Wahrheit zu sagen.
Eowyn... hilf mir... schluchzte Sam schließlich und setzte sich aufrecht mit viel Mühe. Sie sah ihn nur an und erst, als er die Füße aus dem Bett stecken wollte, faßte sie ihn an den Schultern und sagte: Nein, Sam, bleib hier, du kannst ihm nicht helfen...
Laß mich! Ich muß zu Herrn Frodo! rief er und stieß ihre Hände weg, aber sobald er auch nur den ersten Fuß auf den Boden setze, wurde ihm plötzlich schwarz vor Augen und er verlor wieder das Bewußtsein.
Schnell fing Eowyn ihn auf und bettete ihn wieder in die Kissen.
Armer Sam... sagte sie leise und deckte ihn sanft wieder zu, dann legte sie den Elbenstein unter seine Hand und verließ das Zimmer.
Auf dem Gang holte sie tief Luft. So etwas hatte sie befürchtet. Und Sams Sorge war nicht einmal unberechtigt...
Plötzlich sah sie zur Seite und sah vor der Tür des Nachbarzimmers Rangamer und einen anderen Mann der Wache stehen.
Was tut ihr hier? Bewacht ihr jemanden? fragte Eowyn hoffnungsvoll. Vielleicht gab es gute Neuigkeiten...
Wir haben einen Jungen geschnappt, ein Mitglied des Geheimbundes, erklärte Rangamer und Eowyn fühlte, wie ihr Herz schneller schlug.
Was habt ihr erfahren? fragte sie und als Rangamer nur mit den Schultern zuckte, seufzte sie, doch schon im nächsten Moment ging die große Eingangstür auf und herein kam Gandalf.
Eowyn lief auf ihn zu. Gandalf, was...
War Sam schon wach?
Ja, vorhin... was habt ihr erfahren? fragte Eowyn und Gandalf antwortete: Es wird dir genausowenig gefallen wie mir...
Dann begann er zu sprechen, doch kurz bevor er geendet hatte, hörten sie Sam nach Eowyn rufen.
Sam! erwiderte sie und lief zurück ins Zimmer, wo Sam sie ängstlich ansah, aber erleichtert aufatmete, als er sie sah. Dann folgte Gandalf und Sams Augen wurden groß.
Sam, begann Gandalf und setzte sich vor das Bett, du mußt jetzt stark sein. Wir haben erfahren, wer Frodo entführt hat und warum.
Der Schrei der Verzweiflung, den Sam ausstieß, als er die schreckliche Wahrheit erfuhr, ließ jeden, der ihn hörte, seine Angst spüren, aber die Tatenlosigkeit holte sie alle schnell wieder ein.
Kaum war Gandalf weg gewesen, kehrte Aragorn ein letztes Mal in das Beratungszimmer zurück.
Er stand da und blickte etwas beunruhigt aus dem Fenster. Dann zog er den Brief, den er von den Verkündern der Finsternis erhalten hatte, aus seiner Manteltasche und las ihn sich erneut durch.
Er musste etwas tun, soviel stand fest. Es würde mit Sicherheit nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Verschwörer dahinter kamen, dass er bereits etwas gegen sie unternommen hatte, um ihre teuflische Tat zu verhindern.
Was sollte er tun? Für Frodo konnte er nichts mehr machen, soviel stand fest. Legolas und Gimli suchten ihn zusammen mit den Hobbits und einigen Männern bereits, mehr konnte auch er nicht für Frodo tun.
Er legte überlegend seinen Kopf in den Nacken und strich sich einmal durchs Haar. Aragorn wurde sich bewusst, dass er Fehler gemacht hatte, viele Fehler. Sein Blick war getrübt gewesen, er hatte die Gefahr einfach nicht erkannt.
Und was das Schlimmste war, er hatte sich auch nicht durch sie warnen lassen. Schnell hatte er auf Frodos Entführung reagiert und hatte ihm helfen wollen, aber damit hatte er Arwen und Eldarion in Gefahr gebracht. Frodo war ihm wichtig, aber nun konnte er ihm nicht mehr helfen. Jetzt war es an der Zeit, sich selbst und seine Familie außer Gefahr zu bringen, würden die Verschwörer Arwen oder Eldarion etwas antun, könnte er sich das nicht verzeihen. Gondor war ein zu gefährlicher Platz, er musste sie wegbringen und das möglichst unauffällig. Aber wohin?
Aragorn überlegte und schritt im Zimmer auf und ab.
Rohan, das war ein guter Platz, dort würden seine Frau und sein Kind in Sicherheit sein. Er würde sie in Eomers Reich bringen, dort könnten sie bleiben, so lange wie es nötig war.
Aragorn überlegte, ob es klug war so etwas zu tun. Welche Erscheinung würde es machen, wenn der König einfach mit seiner Familie die Flucht ergriff? Er kam zu dem Schluss, dass es gleich war, er konnte nichts hilfreiches mehr tun. Und das Volk kannte den Grund für die Flucht nicht, sie würden sich zwar wundern, aber nichts genaues wissen. Im Grunde wussten sie ja nicht mal, dass es eine Flucht war.
Außerdem könnte er, wenn Arwen und Eldarion sicher in Rohan angekommen waren, zurück nach Gondor gehen und sich wieder um seine Angelegenheiten kümmern.
Gandalf würde er von seinem Plan unterrichten, er würde ihm sagen wohin,...
Nein, das war nicht weise, der Zauberer könnte ihn hindern und das war nicht gut. Er musste seine Familie wegbringen, daran bestand kein Zweifel. Andererseits hatte Gandalfs Rat ihn noch nie fehlgeleitet und er würde es gewiss auch in dieser Situation nicht tun...
Aber nein, nur dieses eine Mal wollte er es dem Zauberer nicht sagen, oder ihn um Rat fragen. Außerdem würde Gandalf mit Sicherheit ahnen, was er vorhatte, so überraschend würde sein Verschwinden für ihn nicht sein. Und doch würde er gerne jemandem etwas erzählen...
Aragorn stellte fest, dass es niemanden gab, dem er sagen konnte, was er vorhatte. Legolas wäre einer der wenigen gewesen, denen er noch vertraut hätte und der ihn gewiss auch verstanden hätte. Aber der war gerade aufgebrochen und somit unerreichbar, genau wie seine anderen Gefährten, denen er vertraute und die ihn verstanden.
Für Aragorn stand fest, dass er ansonsten niemand anderen mehr sein Vorhaben offenbaren wollte, denn der Brief sagte klar und deutlich, dass viele bereits in dem Bund waren. Würde er jetzt unüberlegt handeln und es jemandem sagen, bei dem er sich nicht sicher war, dann hätte das schlimme Folgen.
Aragorn holte einmal tief Luft, er wollte nicht einfach so verschwinden, aber hatte keine andere Wahl. Er könnte einen Brief hinterlassen, aber wenn er in die falschen Hände geraten würde?
Es gab keinen Ausweg, er musste gehen und das so schnell wie möglich, die Zeit drängte. Noch einmal dachte er an Frodo. "Ich hoffe sehr, dass sie dich finden, es tut mir leid, dass ich nicht mehr tun kann", murmelte er vor sich hin und verließ dann den Raum. Mit schnellen Schritten ging er den Gang entlang, um Arwen und Eldarion zu holen.
Seit Stunden schon lag Frodo in der düsteren Ecke des Raumes und rührte sich nicht. Er hatte sich ganz klein zusammengerollt und alle, die sonst noch da waren, zuerst beobachtet, doch inzwischen waren sie ihm gleichgültig geworden und er hatte den Kopf auf seine Hände gebettet und starrte auf den Boden.
Durch seinen Kopf geisterte immer wieder der Gedanke an Wasser. Der Durst quälte ihn immer mehr, aber er wagte es nicht, zu fragen.
Seine Kehle war ausgedörrt und er versuchte, den Wunsch nach etwas zu trinken zu verdrängen, aber so wurde er nur noch schlimmer und schließlich hielt er es nicht mehr aus. Allein der bloße Gedanke an Wasser machte ihn verrückt.
Er hob den Kopf und stützte sich auf seinen Ellbogen, so gut es ging.
Bitte... hat jemand Wasser?
Erst hörte ihn niemand, aber als er die Frage wiederholte, sahen schließlich zwei Jungs zu ihm herab und einer murmelte: He, Daugamir, sollen wir ihm was geben oder nicht?
Daugamir stand auf und baute sich vor Frodo auf.
Das war süß. Frag mich nochmal, vielleicht überlege ich es mir dann! zischte er und Frodo schluckte. Dann fragte er ihn noch ein weiteres Mal und er lachte laut.
Der Kleine hat wirklich Durst! Das ist nicht gut, oder was meint ihr? Beifälliges Gejohle war die Antwort und Frodo legte sich wieder hin. Er gab die Hoffnung auf.
Aber viel schlimmer ist doch was ganz anderes... noch bin ich nett zu dir! brummte Daugamir und urplötzlich trat er Frodo hart in den Bauch. Der Hobbit krümmte sich und bekam keine Luft mehr. Tränen schossen ihm in die Augen, aber schon wurde er gepackt und hochgezerrt. An den Haaren.
Soll ich aufhören? Soll ich das? Dann bitte mich darum!
Frodo hatte zuvor gesehen, welchen Effekt eine Bitte hatte, also sagte er nichts. Es war sowieso egal, was er tat.
Daugamir warf ihn gegen die Wand.
Bitte mich darum! schrie er Frodo ins Gesicht. Frodo zitterte und sah zu Boden.
Hör auf... flüsterte er leise und Daugamir holte schon mit der flachen Hand aus, Frodo schloß die Augen und wartete, aber der Schlag fiel nicht.
Warte, du hattest deinen Spaß!
Es war Ortherion. Er hatte Daugamirs Hand festgehalten und Daugamir ließ von Frodo ab, aber nicht, ohne ihn noch auf den Boden zu stoßen und verächtlich auf ihn herabzustarren.
Er sah, wie Ortherion verschwand und kurz darauf mit dem Anführer zurückkehrte. Gordir hielt ein Gefäß in der Hand und kam auf Frodo zu.
Frodo zog es vor, sich lieber nicht zu rühren, um ihn nicht zu provozieren, aber diesmal war Gordir ganz ruhig.
Du hast Glück, das wir dich noch brauchen. Hier. Damit stellte er den Becher vor Frodo ab und der Hobbit schaute auf. Es war Wasser.
Daß ausgerechnet Gordir...
Tot würdest du uns nichts bringen, also versteh das nicht als Freundlichkeit! Ich will dir mal was sagen: Das wird bald das einzige sein, worauf du dich freuen kannst!
Während Frodo so gut wie möglich mit gefesselten Händen versuchte, den Becher festzuhalten, sah er ihn fragend an und Gordir kniete sich vor ihn.
Ich weiß nicht, ob du schon von uns gehört hast, aber da wir immer mehr werden, ist davon auszugehen. Wir sind die Verkünder der Finsternis. Unser Herrscher hat uns einen Befehl erteilt und uns viel Lohn dafür besprochen. Er hat nur darauf gewartet, daß jemand kommt wie wir, um ihm zu helfen, Rache zu üben.
Zuerst hatte Frodo für einen Moment seine Angst vergessen, denn das Wasser erlöste ihn endlich von seinem schrecklichen Durst, aber als ihm die Bedeutung der Worte Gordirs klar wurde, bekam er Panik.
Langsam ließ Frodo den Becher wieder sinken, aber darauf hatte Gordir nur gewartet und schlug ihm unerwartet ins Gesicht.
Du miese kleine Ratte erlaubst dir die Frechheit, den Stellvertreter unseres Herrn zu vernichten? Was, er erhob die Stimme, hat Melkor befohlen, der Mächtige?
Frodo hielt die Luft an und wie in Trance hörte er sie rufen: Er will sein Blut und seinen Tod!
In seinem Kopf dröhnte alles. Das also war es, was sie wollten...
Jetzt weißt du es, Ringträger! brüllte Gordir und hob wie von Sinnen die Hand. Frodo versuchte, von ihm wegzurutschen, aber in seinem Rücken war die Wand und er konnte der Wut des Mannes nicht entgehen.
Minuten später, die ihm länger als eine Ewigkeit vorgekommen waren, ließ Gordir von ihm ab. Frodo spürte ein Brennen über seinem Auge, schmeckte Blut und bekam kaum Luft. Er fühlte sich, als hätte man ihm die Rippen zertrümmert - hatte Gordir das?
Schmerz. Schmerz war alles, was Frodo noch spürte, als er schließlich unter Tränen einschlief. Der Vollmond stand am Himmel und erhellte den Wald, so dass man trotzdem es Nacht war, sehr gut sehen konnte. Vor dem verfallen Haus, in das sie Frodo gebracht hatten, sah man immerzu Schatten huschen und hörte Stimmengemurmel. Tief in der Nacht wachte Frodo einmal auf und zitterte am ganzen Körper vor Kälte, noch immer hörte er Stimmen von draußen. Er gab sich Mühe sich möglichst nicht zu bewegen, denn er fürchtete erneute Schläge, wenn sie merkten, dass er wach war. Stark zitternd schlief er wieder ein und wagte kaum an den kommenden Tag zu denken.
Dritter Abschnitt
In einer entschlossenen Handbewegung schnallte Bergil sein Schwert am Gürtel fest und holte tief Luft. Es konnte losgehen. Zwar liefen Jungs für gewöhnlich nicht mit Schwertern herum am hellichten Tag, aber er mußte es mitnehmen und hoffte, daß niemand ihn darauf ansprach.
Plötzlich hielt er inne und holte noch einen Dolch aus einer Schublade, den er vorsichtig in seinen Stiefel steckte. Man konnte nie wissen und er hatte schon einiges über die Verkünder der Finsternis gehört. Das Einzige, was noch kein Außenstehender wußte, aber jeden interessierte, waren die Namen der Rädelsführer.
Bergil lief gedankenversunken durch die Straßen und hielt Ausschau nach Magor, Bruder seines besten Freundes, der ein Jahr älter war und von dem Bergil wußte, daß er seit kurzem zum Geheinmbung gehörte. Er hatte es nicht glauben wollen, als sein Freund ihm davon erzählte, doch seitdem hatte er Magor schon einige Male gesehen und wußte, daß es stimmte. Man konnte es sehen.
Das war ohnehin etwas, was Bergil oft zu denken gab: Ein Geheimbund, von dem jeder wußte... oder zumindest fast jeder. Aber das lag ganz einfach daran, weil geredet wurde und durch die einheitliche Kleidung fielen die Mitglieder nun einmal auf. Aber dennoch war es ein Geheimbund, denn man wußte fast nichts über ihn. Außerdem, so hatte Magor seinem Bruder selbst einmal erklärt, war es den Mitgliedern egal, ob man sie als solche erkannte, denn sie wollten sich auch offen dazu bekennen und er fand es nicht schlimm, daß man davon wußte. Nur mußte alles weitere unter der Decke bleiben.
Von seinem Freund, der den Geheimbund gern verspottete, wußte Bergil auch, daß die Verkünder der Finsternis etwas Großes geplant hatten vor kurzem. Allerdings hatte er das für einen Witz gehalten, denn daß sie in dieser Form gefährlich würden, hatte er nicht glauben wollen.
Niemand hatte das glauben wollen.
Er durchkämmte die Straßen und traf schließlich einen Bekannten.
Hallo! Wie geht es dir? fragte Bergil und plötzlich wurde ihm bewußt, daß auch er durch seine Kleidung als Mitglied erkennbar war.
Bestens. Was gibts? war die kurze Antwort und Bergil spürte den aufmerksamen Blick auf sich ruhen.
Ich suche Magor. Hast du ihn gesehen?
Ich habe vor zwei Stunden mit ihm geredet, er wollte ins Gasthaus am Stadttor, jemanden treffen. Dort wirst du ihn finden.
Dankbar nickte Bergil und grüßte ihn freundlich, dann lief er zielstrebig zum ersten Ring der Stadt und betrat das Gasthaus.
Es herrschte kaum Betrieb, es war noch zu früh, aber er entdeckte sofort die Gruppe, die in der Ecke saß.
Magor war zusammen mit drei Freunden dort und sie hatten sich um einen Tisch geschart, wo sie die Köpfe zusammensteckten.
Hallo, Magor! Schön, dich zu sehen! rief Bergil und kam auf sie zu. Die Burschen schauten auf und Bergil erkannte sie als Geheimbundmitglieder.
Ich grüße dich, Bergil. Kann ich etwas für dich tun? antwortete Magor, ein hochgewachsener schlanker junger Mann, der Bergil gut kannte.
Bergil trat näher. Darf ich mich setzen? fragte er und Magor bot ihm einen Platz an. Die anderen musterten ihn interessiert.
Nun, ich... reden wir gar nicht lange herum, begann Bergil zögerlich, aber unbeirrbar.
Was muß ich tun, um dabeizusein?
Skepsis, da war er sich sicher, sollte ihm zwar begegnen, aber neue Mitglieder waren bekanntermaßen willkommen.
Jetzt waren sie alle interessiert.
Du willst dabeisein? Warum? Ich dachte, das dumme Geschwätz meines Bruders würde dich abschrecken! sagte Magor und Bergil schüttelte energisch den Kopf.
Nein, auf keinen Fall. Im Gegenteil. Er hat mein Interesse erst geweckt! Ich dachte, bei euch ist was los und da will ich dabeisein. Ich fand es faszinierend. Erzählt mir mehr!
Das Quartett zeigte sich überrascht, aber nicht abgeneigt.
Was weißt du denn bereits? fragte ein anderer.
Nun... ihr trefft euch an geheimen Orten des Nachts, begann Bergil mit gesenkter Stimme, um mit dem dunklen Herrscher zu sprechen und ihm Opfer zu bringen... außerdem bildet euch der Anführer in der Kampfkunst aus. Bergil versuchte, selbstsicher in die Runde zu schauen und die Jungs nickten.
Du willst dem dunklen Herrscher treu dienen? Das ist das oberste Gesetz bei uns, gefolgt vom Gehorsam.
Mit ernstem Gesichtsausdruck nickte Bergil und suchte nach Argumenten.
Als ich davon gehört habe, wußte ich, daß ich bei euch etwas finden kann, was es woanders nicht gibt. Ich glaube, daß ich bei euch etwas finden kann, was es woanders nicht gibt. Ich glaube, der dunkle Herrscher gibt uns alles das, was wir brauchen und dafür dienen wir ihm!
Er sprach ruhig und wohlüberlegt, das hoffte er zumindest. Aber es schien sie zu überzeugen.
Wenn es so ist, wie du sagst, freuen wir uns. Und wenn du ein Mitglied werden willst, wird es kein Problem sein, die Aufnahmeprüfung zu bestehen! Denn wir müssen erst deine Tauglichkeit prüfen!
Bergil nickte und spürte seine Nervosität. Was für Pflichten werde ich haben? fragte er und versuchte, seine Neugier und Ungeduld zu verbergen.
Am Anfang wird es nicht viel sein, Vorbereitungen bei Zeremonien und Mithilfe bei verschiedenen Sachen. Du wirst dich zuerst eingewöhnen müssen und alle kennenlernen. Du wirst deine Aufgaben erfahren und lernen, zu kämpfen. Später wird dann noch mehr dazukommen, aber das wirst du dann sehen, erklärte Magor geduldig, doch einer der anderen beugte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das Bergil dennoch verstehen konnte.
Bist du nicht ein wenig zu offenherzig?
Nein, Maethor, erwiderte Magor in normaler Lautstärke, ich kenne ihn seit Jahren und weiß, er heuchelt nicht. Ich glaube, was er sagt und ich weiß, daß er uns ebenso nützlich sein kann wie jeder einzelne von uns hier. Ich wüßte nicht, warum wir ihm mißtrauen sollten. Aber prüfen wir ihn! Was, meint ihr, soll er vor der Aufnahmeprüfung als Mutprobe erbringen?
Bergil staunte. Er wußte, daß Magor ihn schätzte, aber es lief besser als erwartet. Er schaffte es wohl, sich sehr gut zu verkaufen, doch er wurde plötzlich von Magor aus seinen Gedanken gerissen.
Du mußt wissen, so schnell geht das wirklich nicht immer, da hat Maethor schon recht. Aber ich kenne dich und weiß, daß du kein falsches Spiel treibst. Normalerweise, wenn sich jemand bei uns meldet oder geworben wird, beobachten wir ihn erst einmal, versuchen, über ihn etwas zu erfahren und das nicht nur von ihm selbst. Aber da ich dich kenne, denke ich, müssen wir das Ganze nicht so sehr ausdehnen!
Bergil nickte anerkennend und sagte: Das weiß ich zu schätzen. Ich habe mich an dich gewandt als einen meiner Freunde und sehe, du enttäuschst mich nicht.
Eigentlich wollte er noch mehr Informationen haben, aber die würde er wohl erst als Mitglied bekommen.
Ein wenig unwohl war ihm schon bei dem Gedanken, daß er bald als richtiges Mitglied angesehen werden würde. Er wollte alles, aber nicht in diesem Geheimbund sein! Da aber Frodo in Lebensgefahr schwebte und er das wußte, dachte er nicht weiter darüber nach, sondern befahl sich, daß er sich zusammenreißen mußte.
Sag mal, Magor... ich habe gehört, daß ihr etwas Großes vorhabt. Könnt ihr mir darüber mehr sagen? Jeden Erfolg würde ich begrüßen! murmelte er vorsichtig und sah Magor ruhig an. Dieser holte tief Luft und sagte: Ich könnte dir nur sagen, was wir vorhatten, aber ich weiß noch nicht, ob es geglückt ist. Warte nur ab, dann wirst du davon erfahren.
Bergil seufzte. Er hatte nur gefahrlos fragen können, weil er sich sicher war, daß Magor ihn wohl kaum mit den Hobbits in Verbindung bringen würde. Bergil war lange in Ithilien gewesen mit seinem Vater, seine Freundschaft zu Pippin war nicht allseits bekannt und auch, was er bei der Schlacht vor vier Jahren geleistet hatte, mußte nicht mit den Hobbits zusammenhängen. Damals hätte sein Vater sterben können und daß die Hobbits dabeiwaren, mußte nichts bedeuten. Er hatte sich vorher genau überlegt, ob er die Frage stellen sollte, man hätte mißtrauisch werden können, aber Magor stellte da auch keine Verbindung her.
Maethor zeigte sich ein wenig beruhigt und die Jungs baten Bergil kurz, sie alleinzulassen und sie berieten sich über eine Mutprobe, die außerdem seine Tauglichkeit und sein Geschick unter Beweis stellen sollte.
Leise pfeifend vertrat Bergil sich vor der Theke die Füße und wartete. Was auch immer es war, er würde es tun und er hatte vom König die Vollmacht erhalten, alles Nötige zu tun, um Frodo in irgendeiner Form zu helfen.
Denn sie alle wußten genau, was folgen würde, war alles andere als erlaubt.
Schließlich riefen sie ihn wieder zu sich und musterten ihn genau.
Du siehst mir so aus, als wüßtest du genau, was Sache ist, meinte Maethor und Bergil setzte sich wieder.
Mag schon sein. Was soll ich tun? fragte Bergil und wunderte sich über den abgebrühten Unterton in seiner Stimme.
Wir gehen gleich ins Gasthaus am großen Platz, wo viel los ist. Du wirst dort hineingehen und versuchen, die bisherigen Tageseinnahmen in deinen Besitz zu bringen! erklärte Maethor und Bergil schluckte, versuchte aber, sich den Schreck nicht anmerken zu lassen.
Ist in Ordnung. Wenn das alles ist... sagte er kurzerhand und grinste schief.
Diebstahl war in Gondor nicht nur verboten, natürlich, sondern wurde aufs Schärfste verurteilt und war eine Tat, die empfindlich geahndet werden konnte. Es verstieß gegen die Grundgesetze und wenn man ihn schnappte, würde er wohl kaum auf Gnade hoffen können - normalerweise. Obwohl ihn die Forderung schockte, wußte er, er mußte sich nicht fürchten, denn Aragorn hatte ihm versprochen, daß ihm nichts widerfahren würde.
Es war eine ziemliche Mutprobe, denn er mußte erst einmal am Wirt vorbei, um an das Geld zu kommen und dann irgendwie wieder raus.
Aber so etwas fiel in sein Spezialgebiet, als kleiner Junge, der noch Streiche spielte, war er den ganzen Tag vor irgendwem auf der Flucht gewesen und sei es nur, daß er verbotenerweise in der Küche der Zitadelle einen Löffel der Mittagssuppe probiert hatte.
Er sagte zu sich selbst, daß die Zuversicht berechtigt war und es blieb zu hoffen, daß er bald auf Frodo stieß.
Gesagt, getan. Die fünf Jungs machten sich auf den Weg durch die Stadt und erreichten nach kurzer Zeit das große Gasthaus, aus dem lautes Gelächter drang und dessen Tür selten länger als zwei Minuten geschlossen blieb. Das rege Kommen und Gehen riß fast nie ab und die Jungs berieten sich ein letztes Mal.
Wenn du gut bist, schaffst du es, ohne daß jemand auch nur eine Haarspitze von dir zu fassen kriegt. Du kannst nicht nur deinen Mut, sondern auch deine Tüchtigkeit beweisen und meisterst du die Sache gut, nehmen wir dich nachher mit zu einer Besprechung, erklärte Magor und Bergils Augen leuchteten. Das klang sehr gut.
Also, zwei von uns gehen da mit rein, um zu sehen, was du tust. Die anderen bleiben hier. Aber in keinem - verstehst du, in keinem Falle - werden wir dir helfen. Schnappen sie dich, war es das, das mußt du wissen! brummte einer und Magor nickte.
So sind die Regeln. Viel Glück, mein Freund.
Maethor und einer der anderen gingen voraus und postierten sich irgendwo im Gasthaus. Bergil folgte zwei Minuten später und die anderen warteten draußen auf dem Platz. Sie hatten ihm noch einen Platz genannt, zu dem er flüchten und wo er auf sie warten sollte.
Dann begab Bergil sich in die Höhle des Löwen.
Er stieß die Tür auf und das Dämmerlicht in der rauchigen Wirtsstube nahm ihm erst einmal die Sicht. Gelächter und Gemurmel kam von überall her und mittendrin standen Grüppchen von Männern, die sich an Bier erfreuten und das Ende des Arbeitstages feierten.
Langsam bahnte Bergil sich einen Weg durch die Menschen und hielt nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau. Jedes Wirtshaus hatte den Speicher weiter oben und dieser konnte über eine Treppe erreicht werden, die meistens hinter der Theke abging.
Wenn er erst einmal oben war, konnte er durch ein Fenster und über die Dächer entwischen.
Es war Wahnsinn. Wenn er nicht im Gefühl gehabt hätte, es schaffen zu können, hätte er es sich niemals gewagt, aber so holte er tief Luft, setzte einen entschlossenen Gesichtsausdruck auf und straffte den Rücken.
Sollten sie kommen. Er würde sie alle an der Nase herumführen.
Die Fenster und die Tür eigneten sich nicht als Fluchtweg, soviel war klar.
Niemand achtete auf ihn, er hörte sein eigenes Herz rasen und ging nach vorn zur Theke.
Darunter war der Beutel mit den Einnahmen. Wenn er schnell war, brauchte er ihn nur zu schnappen und wegzulaufen.
Aber der Wirt mußte weg. Solange er dort stand, hatte er keine Chance.
Also blieb er stehen und wartete. Die beiden Jungs waren nirgendwo zu sehen, aber Bergil wußte, sie waren da und beobachteten ihn.
Es dauerte gar nicht lange und jemand rief nach dem Wirt. Er folgte auch sofort und ließ die Einnahmen unbeobachtet dort, wo sie waren. Gestohlen wurde in Gondor eben so gut wie nie.
Mit einem Hechtsprung war Bergil schon bei dem Beutel hinter der Theke und schnappte ihn flink. Schnelligkeit war jetzt alles.
Sofort war aufgefallen, was er tat und Gebrüll erhob sich.
Er hatte die Tür genau im Rücken und schon wollten zwei Männer auf ihn zustürzen, um ihn festzuhalten, aber Bergil entwich durch die Tür und schaute sich im Halbdunkel um.
Da war die Treppe! Sehr einfach...
Sie verfolgten ihn, soviel stand fest, aber er nahm zwei Stufen auf einmal und stieß die Falltür zum Speicher auf. Korn und Brot lag überall herum, Fleisch war aufgehangen und Bierfässer waren in den Ecken, aber er sah kaum hin, sondern suchte nur das Fenster.
Da war es, keine zwei Meter entfernt!
Er bekam den Griff zu fassen und öffnete es geschwind, dann zog er sich hoch und zwängte sich durch das kleine Loch. Keine Sekunde zu früh, Hände griffen nach ihm, Hände aufgebrachter Bürger Gondors, die ihn als Strauchdieb bezeichneten oder ihm weitaus schlimmere Beschimpfungen zudachten.
Ungeachtet dessen schlitterte er die Dachziegel hinab bis zum Regenrohr und stoppte dort seinen Fall und hielt sich fest. Die Männer starrten auf ihn herab, das sah er, als er sich umdrehte, aber er achtete gar nicht darauf, sondern turnte mit großen Schritten über das Dach und auch über das nächste, als unten die Türe aufging und die ersten Männer schreiend über den Platz liefen und riefen: Haltet den Dieb!
Magor und der andere sahen ungläubig, wie Bergil mit dem Sack schließlich hinuntersprang in einen Hinterhof und dort so schnell wie möglich den Ausgang suchte, über den er eine kleine Gasse erreichte. Leider führte die ihn weit vom Treffpunkt weg, aber er mußte auch erstmal seine Verfolger abschütteln.
Das Geschrei war noch immer nah, als er durch die Gassen rannte. Schritte waren hinter ihm und Flüche drangen an sein Ohr, aber er grinste und freute sich, daß er es geschafft hatte.
Mit aller Ausdauer, die er aufbringen konnte, sprintete er zum Treffpunkt und versteckte sich in besagtem Hinterhof hinter einem Berg von alten Kisten. Dort setzte er sich hin und sah grinsend in den Beutel, den er gestohlen hatte.
Viele Goldstücke blitzten ihn an und ihm blieb die Luft weg. Soviel, wie darin war, hatte er noch nie besessen!
Er spielte mit dem Gedanken, die Hälfte zu verstecken und sie nicht dem Geheimbund zukommen zu lassen, aber im gleichen Augenblick, in dem er die Hand hineinsteckte, kamen die vier Jungs angelaufen und rangen nach Luft.
Du bist verdammt schnell, Kleiner! brachte Maethor hervor und Magor reichte ihm die Hand.
Gut gemacht, wirklich gut gemacht, mein Freund. Es war eine wahnwitzige Aufgabe, kaum zu schaffen, aber mit Schläue ist alles machbar, wie man sieht.
Ein andere nickte ebenfalls anerkennend und sagte: Du bist sehr flink und geschickt und weißt, was du zu tun hast. Sehr gut. Ich werde für dich sprechen!
Magor ergriff wieder das Wort.
Reiche mir bitte den Beutel... danke. Bergil biß sich unmerklich auf die Lippen. Irgendwas würde jetzt folgen...
Dann werden wir jetzt prüfen, wie gut du dich eignest in Sachen Dienst für den dunklen Herrscher! Kommt mit!
Die fünf machten sich auf den Weg aus der Stadt hinaus und die vier Älteren achteten tunlichst darauf, daß niemand Bergil zu nahe kam, denn es war damit zu rechnen, daß man überall nach dem Dieb suchte. Glücklicherweise interessierte sich jedoch niemand für sie.
Sie hielten auf ein kleines Dorf in der Nähe zu und Maethor erklärte: Hier wohne ich. Dies ist unter anderem einer der Treffpunkte und nun folgt die wirkliche Aufnahmeprüfung!
Das gefiel Bergil nicht ganz so sehr. Er wußte, woraus diese Prüfung bestehen würde.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als sie schließlich die ersten Häuser des Dorfes erreichten und dort schließlich einen Bauernhof betraten. Maethor war der älteste Sohn des Bauern, der noch auf den Feldern unterwegs war mit allen anderen, demnach war außer den kleinen Kindern niemand auf dem Hof, aber Maethor brauchte gar nicht viel zu sagen und sie verschwanden sehr schnell.
Bergil sah sich um. Es sah alles ganz friedlich aus.
Sie gingen in die Scheune, in der ein Raum abgetrennt war und Maethor schloß auf. Die vier anderen gingen hinein, er verschwand kurz und einer zündete Kerzen an.
Schließlich offenbarte sich Bergil alles, was es in der Kammer zu sehen gab. Auf den Wänden waren viele verworrene Symbole zu erkennen, die ihm allesamt nichts sagten und es war sehr dunkel. In der Mitte stand ein Tisch, über den eine schwarze Decke gebreitet war, er sah stoffbedeckte Heuballen und auf dem Tisch standen einige Tongefäße.
Kurz darauf kehrte Maethor zurück mit einem zappelnden Kaninchen in der Hand.
Wird schon keiner vermissen, murmelte er und setzte das Tier auf den Tisch, wo es ganz ruhig sitzenblieb.
Plötzlich hielt Magor einen blitzenden Dolch in der Hand und reichte ihn Bergil.
Du brauchst nur das zu tun, was ich dir sage, das ist alles. Mehr verlangen wir nicht von dir.
Bergil nickte langsam und schluckte. Er umklammerte den Dolch fest und wagte es nicht, zu dem Kaninchen zu sehen. Dann sagte Magor schließlich das, was Bergil insgeheim gefürchtet hatte und alle Sorglosigkeit, die er sich bisher zu bewahren versucht hatte, verpuffte in einem einzigen Augenblick.
Töte es.
Bergil schloß die Augen, versteckte den Dolch hinter dem Rücken und ging auf den Tisch zu. Mit einer Hand packte er das Kaninchen im Nacken und es hielt ganz still, bis er es umdrehte. Aber ungeachtet der Kratzer, die seine Krallen auf Bergils Hand hinterließen, hielt er es ganz fest und spürte genau den Griff des Dolches in seiner Hand.
Er wollte das nicht tun, er wollte das Kaninchen nicht umsonst sterben lassen... Vergeblich dachte er daran, wie oft er schon eines gegessen hatte, aber jetzt...
Schnell setzte er den Dolch an und machte einen schnellen Schnitt am Hals.
Das Zappeln hörte auf und Bergil versuchte, die Angst und den Brechreiz zu unterdrücken.
Lege es in die Schale dort, sagte Magor und Bergil nahm das tote Tier und tat, wie ihm geheißen wurde, jedoch nicht ohne um Vergebung zu bitten, insgeheim und leise.
Das Blut sickerte in das Tongefäß und jetzt zeigten sich Bergil die anderen Blutflecken, die älteren und er rang nach Luft. Er war entsetzt.
Plötzlich begann Maethor zu sprechen, aber es war keine Sprache, die Bergil kannte, jedoch hatte er einen Verdacht. Sicherlich war es die schwarze Sprache Mordors, vom Klang her konnte es nichts anderes sein und er hörte immer wieder den Namen Melkor heraus.
Gut und jetzt schneide einmal quer über deinen Unterarm! befahl Magor mit scharfer Stimme und Bergil wagte nicht, ihn anzusehen, sondern ballte die linke Hand zu einer Faust und mit der rechten hielt er den Dolch fest.
Das kalte Metall auf seiner Haut ließ ihn zögern. Aber bevor er noch länger wartete, zuckte seine Hand schnell zur Seite und die Klinge schnitt in sein Fleisch.
Er biß die Zähne zusammen und ließ zitternd den Dolch sinken.
Das Blut tropfte aus der Wunde und Magor hielt seinen Arm über das Gefäß, in dem das Kaninchen lag. Tropfen für Tropfen vermischte sich das Blut mit dem des Tieres und Bergil atmete schwer.
Magor zeigte sich unbeeindruckt und das monotone Sprechen Maethors ließ Bergil ruhiger werden, ganz langsam, aber sicher.
Schließlich wickelte Magor schwarze Stofftücher um Bergils Unterarm und nahm den Dolch zurück.
Bergil versuchte verzweifelt, sein Zittern zu unterdrücken und dennoch sprach Magor die unbarmherzigen Worte.
Trink das Blut, auf daß es dich durchströmt und der dunkle Herrscher dich anerkennen kann!
In Bergil wehrte sich alles aufs Äußerste, aber er zwang sich, jetzt nicht aufzugeben, nicht so kurz vor dem Ziel.
Magor hatte genau gewußt, daß alles, was sie zuvor besprochen hatten, nur unsinniges Geplänkel gewesen war. Er hatte sich sicher sein können, daß sich erst die Wahrheit bei dieser Prüfung zeigte.
Mit aller Willenskraft, die er hatte, brachte Bergil es schließlich fertig, das Gefäß zu nehmen und hochzuheben. Es kam ihm alles so unwirklich vor und schließlich tat er dann doch, was Magor ihm befohlen hatte.
Währenddessen sprach dieser: Komm herab, Melkor und begrüße deinen neuen Diener, auf daß er dir ewig treu sei!
Der metallische Geschmack des Blutes ließ es Bergil übel werden und in seinem Magen verkrampfte sich alles, vielleicht auch vor Angst und er war erleichtert, als er es endlich geschafft hatte.
Den Schmerz seines Armes spürte er nur ganz entfernt, er konzentrierte sich nur darauf, nicht loszuschreien und auszurasten. Er hielt es nur schwer aus.
Schließlich war es vorbei. Bergil wußte nachher nicht mehr, was im Anschluß an das Ritual geschehen war, seine Erinnerung setzte erst wieder ein, als sie die Scheune verließen und sich auf den Rückweg nach Minas Tirith machten. Die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten und die frische, kühle Abendbrise wehte durch Bergils Haar. Er spürte es anfangs kaum, merkte dann aber doch, wie er zu frösteln begann.
In ihm tobte alles und er focht schwerste Kämpfe mit sich aus. Das war alles nicht gut. So hatte er sich das nicht vorgestellt... Angst wuchs in ihm, große Angst.
In der Stadt gingen sie, immer noch schweigsam, im zweiten Ring in ein Haus, aus dem kein einziges Geräusch drang. Als sie allerdings in den Keller kamen, fanden sie dort im Schein von Kerzen mehr als zwei Dutzend junge Männer versammelt, einige jünger als Bergil, manche älter, aber alle mit ernsten Gesichtern und geduldig wartend.
Überall waren wieder die seltsamen Symbole, alles war dunkel und Bergil fühlte sich schrecklich verloren. Zu allem Übel rief Magor: Begrüßt unser neues Mitglied Bergil! Er hat sich sehr verdient gemacht!
Beifall war die Antwort und Bergil rang sich mühsam ein Lächeln ab. Alles in ihm verkrampfte. Schließlich setzte er sich neben Magor und sie warteten.
Er wollte weg, raus, er wollte wieder frische Luft atmen und nach Hause... nichts mehr als das!
Irgendwann ging wieder die Tür auf und mit einem Schlag sprangen alle auf. Bergil tat es ihnen gleich und sah auf den Mann, der eintrat. Er trug Schmuck und sah sehr finster aus für seinen Geschmack, er hatte engstehende, zusammengekniffene Augen und schmale Lippen, die ihn hinterhältig erscheinen ließen.
Es war der Anführer.
Seid gegrüßt und setzt euch! sagte er und Bergil konnte die Erwartung spüren, die Magor neben ihm anspannte, aber er selbst war überhaupt nicht aufnahmefähig für irgendwas.
Der Anführer setzte sich ebenfalls in den Kreis wie alle anderen und schaute in die Runde.
Ein neues Mitglied! Das erfreut mich. Du bist also auch gekommen, die gute Nachricht zu erfahren?
Wie von selbst nickte Bergil und versuchte, nicht wieder auf den Boden zu starren. Aber bald konnte er den Blick gar nicht mehr von dem Mann abwenden.
Eine große Gruppe tapferer Freunde hat heute endlich die Mission ausgeführt. Wie ihr alle wißt, war es unser Plan, des Ringträgers habhaft zu werden, um durch ihn als Opfergabe und Racheakt die Wut des Herrn zu besänftigen über den Sturz seines Dieners Sauron. Es wird euch freuen, zu erfahren, daß sie erfolgreich waren. Der Halbling befindet sich in unserem Gewahrsam und wird in wenigen Tagen das Hauptquartier erreichen, wo ihr euch alle einfinden werdet, um bei seinem Ende gegenwärtig zu sein!
Jubel, lauter Jubel und erfreute Schreie erfüllten den Kellerraum und vor Bergils Augen kreiste alles. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und seine Finger krallten sich in sein Bein.
Magor sah ihn an und flüsterte: Jetzt weißt dus!
Bergil nickte und starrte wieder auf den Boden. Das war alles zuviel für ihn.
Die Versammlung dauerte nicht sehr lange, Magor wurde schließlich vom Anführer gerufen und sollte etwas über Bergil erzählen. Als er zurückkehrte, stand Bergil eiligst auf und auch sie verließen schließlich den Raum.
Gordir hat nun gehört, daß du tüchtig bist und hat mich gebeten, dich morgen mitzunehmen, wenn wir aufbrechen, mit dem Halbling zum Hauptquartier zu gehen. Er sagte, du könntest nützlich sein und würdest dann mehr erfahren über alles, was uns betrifft. Sei stolz auf dieses Angebot, denn nicht jeder hier im Raum darf dabeisein!
Bergil rang sich mühsam ein Lächeln ab und als sie draußen auf der Straße standen, fügte Magor noch hinzu: Morgen nachmittag treffen wir uns am Stadttor, zwei Stunden nach Mittag. Ich hoffe, du bist pünktlich!
Kurz sah Bergil ihn noch einmal an, bevor er sich umdrehte und schnellen Schrittes in einer Nebenstraße verschwand. Er fühlte sich schrecklich.
Im Zickzack lief er durch die Stadt zum Turm Ecthelions, so schnell er konnte. Ohne daß er es merkte, rannen Tränen über seine Wangen und zeugten von den Qualen, die er spürte. Er schmeckte noch immer das Blut und fast wurde ihm schwarz vor Augen, wenn er daran zurückdachte.
Nein... murmelte er plötzlich und setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen. Die Tränen waren nicht mehr aufzuhalten, die Verzweiflung bahnte sich ihren Weg und er glaubte, im nächsten Moment tot umfallen zu müssen, wenn nicht bald jemand kam, der ihm half.
Es war inzwischen dunkel, die Straßen hatten sich geleert und plötzlich hielt Bergil inne. Er stand vor den Häusern der Heilung und ihm kam ein Gedanke.
Zaghaft klopfte er an der Tür und bat um Einlaß.
Mein Junge, wohin möchtest du um diese Zeit? fragte der Heiler und Bergil brachte tonlos heraus: Zu Frau Eowyn, bitte...
Wie benommen lief er über den Flur und der Heiler zeigte ihm den Weg. Endlich betrat Bergil das Zimmer, in dem Sam lag und blieb atemlos in der Tür stehen.
Eowyn drehte sich um und ihre Blicke trafen sich. Sie stand auf, warf einen Blick auf Sam, der schlief und zog Bergil mit hinaus vor die Tür.
Wie siehst du aus? Was ist nur geschehen? Bergil... fragte sie und es dauerte eine Weile, bis ihre Worte ihn erreichten. Er antwortete mit einem Kopfschütteln: Sie sind wahnsinnig, sie wissen nicht mehr, was sie tun...
Oh, Bergil... murmelte Eowyn und nahm den Jungen in den Arm, der sich schluchzend an sie klammerte.
Nach einigen Worten, die sie mit einem der Heiler wechselte, nahm Eowyn Bergil schließlich bei der Hand und gemeinsam gingen sie zur Zitadelle. Während sie ihn führte, spürte sie sein Zittern nur zu deutlich und sah besorgt in sein Gesicht. Er war völlig abwesend.
Irgendwann standen sie dann vor Gandalf, der ruhelos auf- und abgelaufen war seit Stunden und mit Entsetzen erkannte er, in welcher Verfassung Bergil war.
Mein Junge, so erzähl doch, was ist vorgefallen? fragte Gandalf ruhig und sie setzten sich. Eowyn hielt den Jungen im Arm, der unter Tränen und stockend erzählte, was sich zugetragen hatte. Gandalf schloß die Augen und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf.
Du hast alles richtig gemacht, Bergil, du warst sehr tapfer! sagte Eowyn bestimmt, als Bergil schluchzend zu sprechen aufhörte, aber er sah sie nur verzweifelt an und sagte: Ich sehe diesen Anführer vor mir, wie er sich freut, mit dem wahnsinnigen Glitzern in den Augen und er ließ sich schon als Mörder feiern! Versteht ihr, sie werden ihn umbringen und nicht nur das, ich weiß, sie werden es hinauszögern, sie werden, sie...
Bergil dachte, er müsse sterben und Eowyn strich ihm beruhigend über den Kopf.
Ich muß ihn finden, ihm helfen, ihn da wegholen! Irgendjemand muß ihn retten, ich werde gehen, auch wenn ich das nicht aushalte... flüsterte Bergil und Gandalf seufzte.
Die Katastrophe ist perfekt. Aragorn ist verschwunden, erklärte er schließlich und Eowyn murmelte: Ich verstehe nicht...
Mit ihm sind Arwen und Eldarion weg. Ich weiß nicht, was er sich denkt! rief Gandalf und richtete den Blick flehend gegen die Decke.
Weg? Was heißt das, weg? fragte Eowyn und Gandalf schaute sie an.
Er hat einen Brief der Verkünder der Finsternis erhalten. Ich vermute, er macht sich Sorgen um seine Familie und er ist mit ihnen verschwunden. Ich vermute, er will sie in Sicherheit bringen. Wir haben schon einmal erlebt, daß die Wachen die ganze Stadt abschirmen und dennoch die Gefahr nicht ausgeschlossen ist, daß ein schreckliches Unglück geschieht. Aragorn wußte, wenn der Geheimbund es sich in den Kopf setzt, seine Familie in seine Gewalt zu bringen, dann schaffen sie das auch. Da können alle Krieger Gondors nichts gegen tun. Er will sie verstecken, aber es ist nicht gut, daß er alleine mit ihnen unterwegs ist. Das ist überhaupt nicht gut... Er als König kann nicht einfach wortlos verschwinden! Er dachte wahrscheinlich, wenn bekannt wird, daß er sie fürchtet, dann bricht ein allgemeines Chaos aus. Aber ist es besser, wenn die Königsfamilie so noch leichter in die Hände dieser Wahnsinnigen gerät?
Bergil umklammerte den Griff seines Schwertes.
Und sie sind sehr gefährlich! Was machen wir jetzt nur?
Gandalf zuckte mit den Schultern.
Schlafen. Wir können nur schlafen und so neue Energie sammeln.
Eowyn nickte und zog Bergil mit sich hinaus.
Wir können nichts tun. Du mußt auch bis morgen warten. Du mußt versuchen, zu schlafen, Bergil!
Der Junge sah sie an und nickte. Er wußte, daß sie Recht hatte.
Darf ich heute nacht... ich meine, ich... begann er und Eowyn nickte wissend. Sie konnte sich zu gut vorstellen, daß er in dieser Nacht nicht allein sein wollte, denn ihm mußten noch immer die ganzen schrecklichen Bilder durch den Kopf gehen.
Sie kehrten zurück in die Häuser der Heilung, wo Sam noch immer friedlich schlafend im Bett lag und sich nicht rührte. Bergil sah traurig auf ihn herab.
Es tut mir leid, daß ich nicht da war... es tut mir so leid! Aber ich werde bald da sein.
Sam reagierte nicht, er schlief und das taten auch Bergil und Eowyn bald.
Am Morgen wurde Eowyn von einem dumpfen Geräusch wach. Sie fuhr erschrocken hoch und sah in Sams Bett. Es war leer.
Sie runzelte die Stirn, doch sie mußte nur neben das Bett sehen und schon wußte sie, was geschehen war. Da lag er auf dem Boden und schlug schon die Augen wieder auf.
Sam! Was machst du? fragte sie leise. Bergil schlief noch immer.
Der Hobbit stöhnte. Ich wollte aufstehen, raus hier, ich muß Frodo suchen!
Jetzt lächelte Eowyn verschlafen und stand auf, um Sam wieder auf die Beine zu helfen.
Du schaffst das nicht. Du hast einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen! Wenn du nach einem Meter schon bewußtlos umfällst, solltest du lieber im Bett liegenbleiben!
Damit legte sie ihn auch wieder in selbiges, aber Sam sträubte sich mit aller Macht.
Aber das geht nicht! Ich muß zu Herrn Frodo! Eowyn, bitte...
Nein, Sam. Bleib liegen!
Darüber fingen die beiden schließlich an, sich lautstark zu streiten und Bergil wurde schließlich wach davon.
Was im Namen des Königs tut ihr hier eigentlich? fragte er und kratzte sich am Kopf.
Bergil! Du hier? Wie siehst du denn aus? fragte Sam stirnrunzelnd und Bergil sah ihn verständnislos an.
Warum, wie sehe ich denn aus?
Du hast nicht viel Farbe im Gesicht, aber das wird schon, sagte Eowyn zuversichtlich, aber Bergil rieb sich nur müde die Augen und murmelte: Nach dem, was ich gestern gesehen habe, wundert es mich, daß ich überhaupt Schlaf gefunden habe!
Jetzt trafen Sams Blicke auf seine und der Hobbit richtete sich auf.
Was meinst du? Was war denn los?
Verlegen antwortete Bergil: Naja, ich will doch Frodo suchen, um ihm zu helfen. Wenn ich mich in den Geheimbund einschleusen kann, finde ich ihn vielleicht und kann irgendetwas tun! Nur muß ich da erstmal hin...
Ja. Und? drängelte Sam, als Bergil eine Pause machte und sich streckte.
Ich habe die Mutprobe und das Aufnahmeritual gestern noch mitgemacht und es war unschön. Nein, das trifft es nicht ganz... Sowas möchte ich nicht nochmal erleben!
Sam schüttelte den Kopf. Toll. Du kannst wenigstens hier raus! Damit warf er Eowyn einen Seitenblick zu, aber sie lachte nur.
Ich bringe dich überall hin, Sam, wenn du nicht alle zwei Meter umfällst!
Aber Sam ging gar nicht darauf ein.
Bergil, wann geht es denn weiter?
Heute mittag werden sie mich mitnehmen und zu Frodo führen, hoffe ich. Ich kann nichts versprechen, aber immerhin kann ich mit ihm reden, denn er versteht ja auch Elbisch!
Jetzt hellte Sams Miene sich ein wenig auf.
Nimmst du mich dann wenigstens mit? Bitte, Bergil, ich halte es nicht aus, zu wissen, daß Frodo in Gefahr schwebt! Dann kann ich mich doch nicht einfach so ins Bett legen und nichts tun!
Gut. Ich nehme dich mit, wenn du hier zu mir ans Fenster kommen kannst. Wenn nicht, bleibst du liegen!
Eowyn grinste. Sam ließ sich das nicht zweimal sagen und sie lief neben ihm her, während er aufstand und Schritt für Schritt aufs Fenster zuging, aber er kam keine drei Meter weit und schon wurde ihm wieder schwarz vor Augen.
Lachend fing Eowyn ihn auf und Bergil schüttelte den Kopf.
Er hat es tatsächlich versucht, aber mir war klar, daß er es nicht schafft. Fürs Erste gehört er hierhin und ich hatte nicht vor, ihn in diese Hölle mitzunehmen!
Aber du mußt ihn auch verstehen, Bergil. Frodo ist sein Ein und Alles. Ich habe schon die tollsten Sachen von Faramir gehört vom Krieg vor vier Jahren. Saurons Mund hatte uns alle in seiner Gewalt, aber Faramir und Sam saßen hier und haben dem König in den Ohren gelegen, unbedingt etwas zu tun. Naja..., sie lachte und schüttelte immer wieder amüsiert den Kopf, ich weiß, daß Faramir mich liebt, daß er krank vor Sorge war und Aragorn am liebsten umgebracht hätte, als er uns nicht befreien konnte, aber das war nichts gegen Sam! Faramir hat sich seiner angenommen und versucht, ihn zu trösten, aber Sams Verzweiflung schien grenzenlos zu sein. Er war auch nicht mehr zu halten, als er auch nur den Hauch einer Chance hatte, Frodo zu retten. Das ist auch der Grund, weswegen ich mich bereiterklärt habe, hier bei Sam zu bleiben. Lieber wäre ich mit meinem Mann gegangen und würde auch nach Frodo suchen, aber ich wußte, würde Sam erst wieder wach sein, wird es eine Lebensaufgabe, ihn hierzubehalten! Und ich mag ihn. Die Hobbits sind alle so lieb und ich verstehe mich gut mit ihnen, ich dachte einfach, daß ich Sam nicht alleinlassen darf. Wenn schon die anderen alle auf Suche gehen...
Sie deckte Sam wieder zu und tastete vorsichtig seinen Arm ab.
Nichts passiert.
Bergil murmelte: Klar, wenn er fällt und wieder auf dem Arm landet, wirds auch nicht besser...
Langsam wurde Sam wieder wach. Was meintest du, Bergil? fragte er und blinzelte frech zu dem Jungen. Bergil ging nicht auf die Frage ein, sondern sagte: Sam, mitnehmen kann ich dich nicht, denn du schaffst es ja nicht einmal aus dieser Tür! Aber ich verspreche dir etwas: Ich werde versuchen, wenn ich ihn finde, mich so um Frodo zu kümmern, wie du es tun würdest!
Das berührte Sam zutiefst., aber bevor er etwas sagen konnte, murmelte Eowyn: Vergiß es, Bergil, niemand ist so verrückt wie unser kleiner Freund, nicht einmal du!
Bergil lachte, aber Sam rief plötzlich: Schön, daß ihr euren Spaß habt. Bergil, ich vertraue dir! Er wird dich brauchen, wenn sie so kaltblütig sind, wie du sagst... Dabei wurde sein Gesichtsausdruck mit einem Mal sehr ernst.
Danke, daß du das tust. Das werde ich dir nie vergessen. Aber kommst du denn wieder und erstattest Bericht?
Bergil nickte. Das werde ich tun. Aber jetzt habe ich Hunger!
Eowyn nickte zustimmend und sie besorgten ein Frühstück. Sie holten alles, was sie kriegen konnten, und als sie vollbeladen zurück ins Zimmer kamen, ließ Eowyn vor Schreck fast alles fallen, aber Bergil lachte nur. Sam saß triumphierend auf dem Fensterbrett und Bergil fragte nur: Wie hast du das so plötzlich gemacht?
Sam zuckte mit den Schultern. Hier stehen Betten. Wenn ich mich an etwas festhalten kann, verliere ich nicht das Gleichgewicht und kann mich auf den Beinen halten!
Jetzt komm aber. Du bist ein Hobbit, du mußt doch Hunger haben!
Sam schüttelte den Kopf. Habe ich nicht. Frodo bekommt nichts zu essen, bestimmt nicht, und ich will gar nichts essen. Bloß nicht. Dann wird mir schlecht.
Er wußte, sein tapferer Frodo würde die Hoffnung schon nicht aufgeben und darauf warten, daß jemand ihm zu Hilfe kam. Zwar malte Sam sich die schlimmsten Schreckensbilder aus, was mit ihm passieren könnte, aber das kam nicht an das heran, was der Wirklichkeit entsprach, und das war gut so.
Sein Arm war vergessen, er wickelte sich gereizt den Verband vom Kopf und sprang schließlich von der Fensterbank. Ganz langsam und Halt an den Betten suchend, kehrte er schließlich zu seinem zurück, aber auf dem letzten Stück, wo er keinen Halt mehr hatte, wurden ihm wieder die Knie weich, er konnte plötzlich nichts mehr sehen und als er fiel, krallte er sich noch an der Bettdecke fest und Bergil packte ihn am Kragen.
Mein kleiner Held, du magst wirklich einer sein, aber jetzt kannst du gerade keiner sein. Leg dich endlich wieder hin! sagte er, aber Sam, nachdem er einmal tief Luft geholt hatte, sah ihn wütend an und schrie unerwartet: Gebt mir doch wenigstens eine Chance, Frodo zu finden! Ich will nicht, daß ihm etwas passiert! Wir hatten das schon so oft! Bitte, laßt mich doch, ich will ihm helfen und während die einen mich niederschlagen, tut ihr auch nichts wesentlich anderes!
Er krabbelte irgendwie aufs Bett und verbarg das Gesicht schluchzend im Kissen. Eowyn seufzte.
Sam... jetzt gib doch nicht gleich auf! Wir finden ihn schon, wir helfen ihm, jetzt hab doch keine Angst!
Die dürfen ihm nichts tun... war die leise Antwort und Eowyn strich ihm tröstend über den Kopf. Langsam beruhigte er sich wieder.
Das Warten machte sie alle unruhig, aber Eowyn und Bergil aßen wenigstens etwas. Sam starrte währenddessen trübsinnig an die Wand und als Bergil zur Mittagsstunde schließlich aufbrechen wollte, klammerte Sam sich an ihn und bettelte: Nimm mich endlich mit, Bergil, bitte!
Bergil sagte nichts, ging einfach nur und Sam stolperte hinterher, aber es dauerte wiederum nicht lange und Sam fiel wieder in Ohnmacht. Sanft fing Bergil ihn auf, Eowyn hob den Kleinen wieder hoch und sagte: Viel Glück. Paß auf dich auf! Du schaffst das schon.
Bergil lächelte schief, verließ die Häuser der Heilung und Eowyn brachte Sam zurück ins Bett.
"Aragorn, mein Lieber, wo bringst du uns hin? Du bist schweigsam, und siehst aus, als würdest du etwas auf dem Herzen haben. Willst du mir nicht sagen, was dieser plötzliche Aufbruch aus Minas Tirith soll?" Arwen saß auf einem wunderschönen weißen Pferd, und hielt Eldarion, der in dicke Decken gewickelt war, liebevoll in den Armen. Ihre Kleider waren nun nicht mehr so königlich, sondern eher schlicht und karg an Farben. Sie blickte etwas sorgenvoll zu Aragorn, der mit ernster Miene auf einem braunen Pferd saß, und sich in Schweigen hüllte. Als sie gesprochen hatte, blickte er jedoch auf, und sagte in besonnenem Ton: "Arwen, es ist gefährlich für euch in Minas Tirith, ich möchte nur, dass euch nichts zustößt! Deshalb bringe ich euch beide an einen sicheren Ort. Und ich wollte bei Nacht aufbrechen, damit wir möglichst unbemerkt aus der Weißen Stadt herauskommen. Es ist wichtig, dass uns niemand sieht."
"Was ist geschehen, Aragorn?" Arwen blickte sehr besorgt zu ihrem Mann und drückte Eldarion ein kleines bisschen näher an sich.
"Das kann ich dir erklären, wenn ihr in Sicherheit seid, ich möchte jetzt nicht darüber sprechen."
Arwen sah ihn aufmerksam an, sie wusste, dass ihn etwas sehr bedrückte, verstand aber, dass es besser war, ihm einfach nur still zu folgen, als Fragen zu stellen. Aragorn blickte vom Pferd aus immer wieder um sich, und beobachtete die Gegend genau. Er achtete auf jede Bewegung, selbst, wenn sie nur durch den Wind entstanden war. Eldarion erwachte einmal in Arwens Armen und begann zu weinen. Arwen kümmerte sich liebevoll um ihn, und war sehr darauf bedacht, dass er gut versorgt wurde.
Sie ritten die ganze Nacht hindurch, und der Wald hatte eine ganz unheimliche Erscheinung, was sogar Aragorn bemerkte, obwohl der Wald eigentlich eine alte Heimat für ihn war. Die Bäume warfen durch den Mond lange Schatten, und die Nachttiere verursachten seltsame Geräusche. Der Nachtwind war zwar nicht stark, aber dennoch kühl und er drang durch Arwens Kleidung, und brachte sie dazu, dass sie fröstelte.
Aragorn wurde das Gefühl nicht los, dass jemand ihm auf der Fährte war. Er konnte nichts sehen, und auch nichts hören, aber dennoch stieg das ungute Gefühl in ihm hoch, dass sie nicht alleine waren. Er trieb sein Pferd schneller an, und war sehr bedacht, dass Arwen auf keinen Fall zurück fiel, sondern stets neben ihm ritt, so dass er sie ständig beobachten konnte.
Aragorn fing an, langsam an seiner Entscheidung etwas zu zweifeln. Wahrlich, er musste seine Familie in Sicherheit bringen, aber war es vielleicht doch ein Fehler niemandem etwas zu sagen? Aragorn überlegte sich, was wohl passieren würde, wenn jetzt etwas geschah. Was, wenn sie auf einmal überfallen werden würden? Niemand würde es erfahren, keiner konnte ihnen zur Hilfe eilen, sie wären rettungslos verloren.
Aragorn schluckte einmal schwer und trieb sein Pferd weiter zur Schnelligkeit. Dennoch hatte Aragorn das Gefühl nicht recht voran zu kommen, obwohl sie die ganze Nacht geritten waren, hatten sie bei Anbruch des Tagen gerade mal die westlichen Grenzen des Druadanwaldes erreicht.
Die Sonne ging in einem herrlichen Rot auf. Die Luft war kühl und frisch, und man konnte in der Nähe das Plätschern eines Baches hören. Hier an dieser Stelle, wo Aragorn mit seiner Familie nun angekommen war, zeigten die Bäume, Sträucher und andere Pflanzen ihre jungen Triebe und alles schien friedlich zu sein, und machte einen sehr ruhigen Eindruck. Aragorn genoss diesen Anblick, und auch Arwen schien sich an der schönen Natur zu erfreuen. "Lass uns hier rasten, Aragorn, die Pferde sind müde, und brauchen mal eine Pause, und auch ich würde gerne mal ein paar Schritte gehen."
Aragorn stieg von seinem Pferd ab, und half seiner Frau hinunter. Er breitete eine Decke auf dem Boden aus, und lies seine Frau zusammen mit dem Kind sich setzen. Als Arwen sah, dass Aragorn schon wieder im Begriff war wegzugehen, fragte sie ihn: "Möchtest du nicht auch mal ruhen, mein Lieber?"
"Ja, aber zuerst brauchen die Pferde etwas Wasser. Ich höre hier das Plätschern eines kleinen Baches, dort ist sicher etwas Wasser zu holen."
Arwen lächelte, und wiegte Eldarion in ihren Armen. "Bleib aber nicht zu lange fort."
"Gewiss nicht, ich nehme die Pferde mit, tränke sie, und komme dann gleich wieder zurück."
Er packte die beiden Pferde an den Zügeln, und lief schnell mit ihnen in die Richtung, aus der das Rauschen kam. Aragorn beeilte sich, denn er wollte Arwen und Eldarion so wenig wie möglich allein lassen, obwohl es hier sehr ruhig war, und nichts auch nur im geringsten Sinne auf eine Gefahr hindeutete.
Er fand schnell den Bach, und die Tiere liefen eilig darauf zu, um ihren Durst zu stillen. Aragorn blieb bei ihnen, und beobachtete, wie die Pferde gierig das kühle Wasser schlürften. Auf einmal jedoch blickten die Pferde erschrocken hoch, und begannen zu scheuen. Arwens Pferd stieg sogar in die Luft, und Aragorn konnte es nicht mehr beruhigen. Es galoppierte davon, und Aragorns folgte ihm nach wenigen Sekunden.
Aragorn zog sein Schwert und begann zu lauschen. Da war ein Geräusch, irgendjemand war da. Aragorn dachte sofort an Arwen und Eldarion, sie waren ganz allein und völlig schutzlos. Er versuchte die aufsteigende Panik in den Griff zu bekommen, und ruhig zu überlegen, wie es am klügsten war vorzugehen. Er konnte nichts erkennen, das Geräusch war weiter weg gewesen, er musste seine Familie holen. Aragorn lief los, immer noch mit gezogenem Schwert, und kam schließlich zu der Stelle, an der er Arwen und Eldarion zurückgelassen hatte. Die Decke war immer noch auf dem Boden ausgebreitet, aber die Beiden waren verschwunden. "Nein", zischte Aragorn. Und ganz leise, für niemanden hörbar, flüsterte er: "Tut mir das nicht an!"
Aragorn blickte in der Gegend umher, es war keine Spur von ihnen zu finden. Sie waren spurlos verschwunden. Aragorn war in seinen Gedanken total vertieft, und hörte nicht, wie etwas raschelte. Für ihn völlig unerwartet, sprangen etwa zwölf dunkel gekleidete Jungen aus den nahegelegenen Gebüschen, und kamen mit gezogenen Waffen auf ihn zu gelaufen. Aragorn wusste, wer sie waren, und er hielt sein Schwert bereit, um sich nötigenfalls zu verteidigen. Doch als sie ein paar Meter von Aragorn entfernt waren, blieben sie plötzlich stehen. Sie standen nun in einem Kreis um Aragorn, und der versuchte verzweifelt zu erraten, was sie nun vorhatten. Ein spitzgesichtiger, äußerst furchterregender Junge kam nun ein paar Schritte näher an Aragorn heran.
Mit einem fiesen Grinsen auf den Lippen, musterte er Aragorn zuerst, und dann begann er zu sprechen: "Du bist also Aragorn, König von Gondor, wie", fragte er in herablassendem Ton.
"Ja, das ist richtig", erwiderte Aragorn.
"Leg deine Waffe nieder, sonst wirst du deine Familie nicht wieder sehen", sagte der Junge in bestimmendem Ton.
Aragorn sah den Jungen an, der seinen Blick entschlossen erwiderte.
Er wusste, dass es keinen Sinn machte sich jetzt gegen sie zu stellen, und die Angst um seine Frau und sein Kind brachten ihn schließlich dazu ganz langsam sein Schwert Anduril niederzulegen. Kaum hatte er das getan, sprangen etwa sechs Jungen auf ihn zu, einer trat ihm von hinten in die Kniekehlen, so dass er zusammensackte, und auf den Boden fiel. Ein anderer Junge sprang ihm von hinten auf den Rücken, und blieb darauf sitzen, so dass Aragorn nun gänzlich auf dem Boden lag, und nicht mehr im Stande war aufzustehen. Die Jungs hielten ihn fest, drückten ihn mit aller Kraft auf die Erde, und zwei drehten ihm die Arme so heftig auf den Rücken, dass Aragorn Mühe hatte ein Keuchen zu unterdrücken. Die Jungs holten ein Seil, und fesselten ihn damit. Aragorn lag nun auf dem Bauch, die Hände schmerzlich auf den Rücken gebunden. Plötzlich riss ihn jemand an den Haaren hoch, und Aragorn entfuhr gegen seinen Willen ein Stöhnen. Der Junge zog so lange, bis Aragorn schließlich kniete, und versuchte seine Arme etwas zu bewegen, damit die Fesseln, die so fest saßen, etwas mehr Spielraum ließen.
"Verzeih mir, König, aber den roten Teppich werde ich dir hier nicht ausrollen, du wirst hier auf deine Privilegien etwas verzichten müssen, fürchte ich." Der spitzgesichtige Junge weidete sich sichtlich daran, so viel Macht zu besitzen, und nun den König in solch einer Lage vor sich zu haben. Er ging vor Aragorn auf und ab, und zog ein Messer. Um seine Macht noch etwas herauszukehren fuhr er mit seinen Fingern an der äußerst scharfen Klinge mit dem Zeigefinger auf und ab. Aragorn kniete und betrachtete ihn, neben ihm standen immer noch zwei Jungs, jeder an einer Seite. Der spitzgesichtige Junge nickte den beiden einmal kurz zu, und einer packte Aragorn gewaltsam in seine Harre und riss ihm den Kopf so stark in den Nacken, dass Aragorn vor Schmerz einmal kurz die Augen schloss. Nun war er völlig hilflos, es war ihm nicht mehr möglich sich irgendwie zu bewegen, geschweige denn aufzustehen. Er hätte so gerne seinen Körper etwas nach hinten gelehnt, um sein schmerzendes Genick zu entlasten, denn der Junge hielt seinen Kopf immer noch in einer sehr unangenehmen Weise fest nach hinten gedrückt. Doch wenn er sich nach hinten lehnte, dann hatte er das Gefühl, seine auf den Rücken geschnürten Arme würden aus ihren Gelenken gerissen. So versuchte er einfach möglichst ruhig zu bleiben, und in dieser überaus schmerzlichen Lage zu verharren. Der spitzgesichtige Junge kam nun auf Aragorn zu, und legte ihm das scharfe Messer an die freie Kehle. "Ich heiße übrigens Gurtor, du solltest dir diesen Namen besser merken, König!" Er sah Aragorn herablassend an, und die Jungen drumherum grinsten alle. Dann fuhr er mit dem Messer vorsichtig an Aragorns Kehle hin und her und sah ihm nur gelegentlich in die Augen. Aragorn atmete heftig und stoßweise, er versuchte die Angst und die Schmerzen so gut es ging zu unterdrücken, was ihm nicht so recht gelingen wollte. Er durfte jetzt keine Schwäche zeigen, sonst hatte er verloren.
Gurtor schien es sehr zu gefallen ein solches Spiel spielen zu dürfen, und noch dazu beim König von Gondor. " Um ehrlich zu sein, ich hatte ja fast kleinere Befürchtungen, als Gordir mir den Auftrag übergab, deine Familie zu holen, nachdem du den Brief missachtet hattest. Ich dachte, es würde sehr schwer werden, an dich ranzukommen, aber wie ich feststelle war meine Sorge ja völlig unbegründet." Der Junge fuhr Aragorn mit dem Messer immer noch an der Kehle umher, dann fuhr er fort:
"Verrate mir mal eines, Elessar. Du bist doch ein mächtiger und kluger Mann, deshalb bist du ja auch König, oder?"
Aragorn schwieg verbissen, aber der spitzgesichtige Junge sprach weiter: "Wenn du wirklich so ein kluger Mann bist, wie alle Leute sagen, wie kommt es dann, dass du unserer Drohung keine Beachtung geschenkt hast?"
Aragorn wollte etwas sagen, aber der Junge hinter ihm riss seinen Kopf noch ein Stück nach hinten, und Aragorns Versuch etwas zu sagen, endete in einem Keuchen.
"Ich meine, der Brief an dich war doch wohl klar und deutlich, und ich glaube, er war unmissverständlich formuliert, wie kommt es also, dass du diese Warnung nicht beachtet hast?" Gurtor grinste boshaft. "Ich denke wir sollten dir für diese Missachtung eine Strafe auferlegen. Ich werde zu deinem Sohn gehen, und ihm mit meinem Messer einen kleinen Besuch abstatten. Weil ich ja ein barmherziger Mensch bin, lasse ich deine Frau am Leben, irgendwann werdet ihr beiden schon wieder einen neuen kleinen Königssohn bekommen. Was hältst du davon?" Er machte eine kleine Pause. "Ich lasse deine Frau natürlich nur am Leben, wenn du von jetzt an nichts mehr gegen uns unternimmst. Bin ich nicht barmherzig?"
Aragorn kämpfte, um die Fassung zu bewahren. Die Angst, die nun drohte ihn zu beherrschen, wollte ihn scheinbar zerreißen. Er versuchte krampfhaft zu überlegen, etwas zu sagen, damit Gurtor von seinem schrecklichen Plan abwich. Zuerst kam ihm der Gedanke sie zu bitten, sein Leben zu nehmen, und dafür seinen Sohn zu schonen, doch er wusste, dass Gurtor das nicht tun würde. Er musste etwas anderes tun, wenn er sich doch nur bewegen könnte! Aragorn versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch die Tatsache, dass Gurtor nun seinen Sohn töten würde, lies es nicht zu, dass ihm auch nur irgendein nützlicher Einfall durch den Kopf ging. Sollte er flehen? Nein, er musste seinen Stolz bewahren, er durfte jetzt nicht aufgeben, sonst war alles verloren. Gurtor weidete sich an dem Anblick von Aragorn, er bemerkte, wie Aragorn der Schweiß auf die Stirn trat, und malte sich aus mit welchen Ängsten und Gefühlen Aragorn gerade tief in seinem Inneren rang. Langsam zog Gurtor die Klinge weg, und begann sich zu entfernen.
Als Aragorn es sah, wollte er vor Verzweiflung am liebsten schreien, denn er wusste, dass Gurtor nun zu Eldarion gehen wollte. Doch dann ganz plötzlich, als wäre es eine Fügung des Schicksals, kam ihm eine rettende Idee.
"Ihr Narren", keuchte er.
Gurtor hörte das, und drehte sich mit gespielter Überraschung um. "Hört, der mächtige Mann dort will uns etwas sagen," sagte er in boshaftem Ton, und nickte dem Jungen, der immer noch Aragorns Kopf nach hinten drückte, zu. Der Junge ließ ihn daraufhin los, und Aragorn konnte nun frei sprechen.
"Ihr Narren", wiederholte er noch mal. "Denkt ihr denn, wenn ich es gewollt hätte, hätte ich nicht die Macht gehabt euern Bund zu zerstören? Ich bin König von Gondor, ich habe Tausende von Männern hinter mir stehen, und es wäre mir ein leichtes gewesen, sie loszuschicken, und euch einen Strich durch die Rechnung zu machen. Stattdessen schickte ich euch nur einen Suchtrupp von ein paar Mann hinterher. Glaubt ihr etwa ich habe euer Treiben nicht schon lange bemerkt? Ich hätte schon vor eurem Brief reagieren können, und mich gegen euch wenden können. Doch ich habe es nicht getan."
Gurtor blickte jetzt etwas überrascht drein, mit so etwas schien er nicht gerechnet zu haben. "Und was willst du uns damit sagen, König?"
"Ich bin nicht euer Feind! Diesen Suchtrupp musste ich hinterher schicken, damit sie nicht bemerkten, dass ich euch eigentlich gütlich gesonnt bin. Es waren nur ein paar Mann, und die haben sowieso nichts gefunden."
"Du behauptest also auf unserer Seite zu sein? Du lügst!"
"Nein, tu ich nicht."
"Wieso bist du dann auf unserer Seite, was hast du für einen Grund?"
"Ich bewundere euch, der dunkle Herr ist gütig."
"Wieso bist du dann mit deiner Familie vor uns geflohen?"
"Weil mir klar war, dass ihr mir nach meiner Tat nicht vertrauen würdet. Es war schwer für mich, einen Weg zu euch zu finden."
"Wir haben auf dem Fest gesehen, dass du mit dem Hobbit befreundet bist, den wir Melkor als Opfer darbringen wollen. Und du hast zu Saurons Sturz damals im Ringkrieg beigetragen."
"Ja, das habe ich, das ist wahr. Und was habe ich dafür bekommen? Wahrlich, der Hobbit ist mein Freund, aber wenn Melkor ihn haben will, dann bin ich bereit, ihn ihm zu geben."
Aragorn schmerzte es sehr, so etwas sagen zu müssen, aber vielleicht konnte er so ja auch Frodo helfen. Wenn sie ihm vertrauten, dann bestand die Möglichkeit, dass sie ihn vielleicht verrieten, wo Frodo war. Außerdem durfte er nicht zulassen, dass seiner Familie etwas zustieß, er musste lügen, auch wenn er es nicht wollte.
Gurtor blickte zweifelnd zu Aragorn. Dann ging er zu ein paar Jungs, und tuschelte mit ihnen. Aragorn zweifelte, ob sie ihm glauben würden, aber es war seine einzige Chance.
Gurtor kam wieder, und befahl den beiden Jungs hinter Aragorn, ihn loszubinden. "Ich verrate dir eines, Aragorn. Solltest du uns belügen, dann wirst du unsere Rache zu spüren bekommen! Wir lassen dich nun frei, das soll aber nicht heißen, dass wir dir vertrauen. Deine Familie bleibt vorerst in unserer Gewalt, bis du uns durch eine Prüfung bewiesen hast, dass du auf unserer Seite stehst. Du kannst von Glück reden, dass du König bist, denn jemand anderen hätten wir nicht so schnell die Möglichkeit gegeben zu uns zu gehören. Aber du als König kannst uns vielleicht nützlich sein, und uns helfen, noch mehr Menschen davon zu überzeugen, zu uns zu kommen. Denn viele vertrauen dir und deinem Wort. Erlaubst du dir auch nur einen Fehler, dann werde ich nicht mehr so freundlich sein!"
"Ich werde euch nicht enttäuschen", sagte Aragorn und stand jetzt auf. Für einen Moment durchströmte Aragorn ein Gefühl der Erleichterung, und die Angst fiel wie ein großer Stein von seinem Herz. Natürlich würden sie ihm nicht sofort vertrauen, dafür waren sie zu gerissen, aber konnte er ja mit der Zeit etwas bewirken. Gurtor trat nun ein Stück näher zu Aragorn hin. "Du wirst bei mir und vier anderen vorerst bleiben. Der Rest wird nun zu Gordir gehen, und ihm von dir berichten und neue Anweisungen entgegen nehmen.
"Was ist mit meiner Familie?"
"Wie ich schon sagte, wir lassen sie frei, wenn du dich bewiesen hast. So lange verstecken wir sie vor dir."
"Wie kann ich sicher gehen, dass ihr nichts geschieht?" fragte Aragorn vorsichtig.
"Du wirst mir einfach vertrauen müssen", war die knappe Antwort, die er bekam.
Aragorn beobachtete, wie die Gruppe der Jungs sich nun teilte, und einige verschwanden bald aus seinem Blickfeld. Aragorn blickte auf den Boden, wenigstens konnte er jetzt ziemlich sicher gehen, dass Arwen und Eldarion vorerst nichts geschah, doch er dachte wehmütig an Frodo. Wenn er mitbekommen würde, dass er, als sein Freund König angeblich mit bei der Gruppe war, würde ihn das wahrscheinlich zutiefst schockieren. Aber Aragorn hatte keine Wahl, er konnte nichts anderes tun, als hier bei Gurtor und den anderen Vier zu bleiben, und zu hoffen, dass es ihm so in irgendeiner Form möglich war zu helfen.
Vierter Abschnitt
Frodo schrie. Er wußte nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit war. Im Schlaf hatte er Schwärze gesehen, Dunkelheit, Runen und Symbole überall, ein Dolch blitzte vor seinen Augen und da war eine Gestalt, die er nicht kannte. Eine böse Ahnung beschlich ihn, wer das war.
Plötzlich fühlte er wieder Schmerzen, er sah Gordir vor sich, er schlug auf ihn ein, trat ihm in die Rippen, lachte ihn aus. Frodo nahm die Hände hoch und versuchte, sich zu schützen, doch Blut tropfte von seiner Lippe und er wünschte sich, zu sterben.
Dann hörte es auf. Vorerst.
Gelächter weckte ihn auf und Schmerz. Ein Knall. Und noch einer, dann wieder einer.
Aufhören! Bitte hört auf... flehte Frodo und öffnete die Augen. Ortherion grinste hämisch auf ihn herab.
Das ist erst der Anfang! schrie er laut und Frodo rollte sich zusammen, doch die Hiebe trafen ihn unablässig. Er schloß die Augen und biß sich auf die Lippen. Er hielt es aus.
Dann war alles still. Schlief er wieder?
Er war so allein und schutzlos, er fühlte sich unglaublich hilflos und dem Zorn der Jüngers Morgoths auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Denn genauso war es.
Irgendwann nach einer quälenden Ewigkeit wurde Frodo hochgezerrt und links und rechts ins Gesicht geschlagen.
Wach auf, kleine Ratte! brüllte Gordir und Frodo begann zu zittern. Gnadenlos schleifte Gordir ihn quer durch den Raum und warf ihn Ortherion vor die Füße.
Paß auf ihn auf. Los! Abmarsch!
Im Tumult des Aufbruchs schubste Ortherion Frodo voran, der immer wieder zu Boden ging und versuchte, den Fall abzubremsen. Als er auf seine Arme sah, wurde er der häßlichen roten Striemen gewahr und schluckte. Er hatte versucht, es zu verdrängen, aber vermutlich sah er genauso aus, wie er sich fühlte und das konnte er nicht verstecken.
Er schien in ein bodenloses Loch zu fallen und die schmerzhafte Wahrheit wurde ihm nur zu bewußt. Er war verloren. Er hatte keine Möglichkeit, seinem grausamen Schicksal zu entrinnen, denn die Verkünder waren zu allem entschlossen und seine Freunde würden ihn nicht finden, bevor er tot war.
Um nicht allzu sehr aufzufallen, marschierten sie diesmal durch den Wald, aber sie waren noch immer zahlreich. Gordir lief neben Ortherion her, der auf Frodo achtete, der mühsam durchs Unterholz stolperte.
Wann immer er das Gleichgewicht verlor und fiel, zerrte Ortherion ihn wieder hoch und stieß ihn hart vorwärts.
Sie waren schon weit gelaufen und die Mittagssonne stand hoch am Himmel, als Frodo plötzlich in die Knie ging und zu Boden sank.
Hoch, beweg dich! befahl Ortherion, aber Frodo drehte nur langsam den Kopf und murmelte: Etwas Wasser, bitte!
Ortherion stöhnte und Gordir sagte nichts. Kurzerhand trat Ortherion ihn hart und brüllte: Bewegung!
Mühsam stand Frodo auf und stolperte weiter, aber es hatte nicht viel Zweck und irgendwann sagte Gordir: Halt an. Dann nahm er eine Flasche und hielt sie dem Hobbit an den Mund. Gierig nahm Frodo einen Schluck, aber viel war ihm nicht vergönnt.
Schon ging es weiter, einem für Frodo ungewissen Ziel entgegen, das er mit Angst erwartete.
Der ständige Durst war nur schwer erträglich für Frodo, der ebenso unter schrecklichem Hunger litt, aber nichts dagegen tun konnte. Immer weiter wurde er vorangetrieben, stundenlang und litt Höllenqualen, war der Erschöpfung nahe.
Dann, ganz unverhofft, wurden sie langsamer und hielten schließlich an. Als sie alle stehenblieben, ließ Frodo sich zu Boden sinken und es war ihm egal, ob er Schwäche zeigte, aber er legte sich matt ins Gras, wo er keuchend liegenblieb. Der Grund für die Pause war ihm nicht ersichtlich, aber eigentlich auch völlig gleichgültig.
Gordir blieb neben ihm stehen, würdigte ihn aber keines Blickes.
An Flucht war überhaupt nicht zu denken, aber die Pause war bereits der Himmel auf Erden für ihn.
Wo sind sie? fragte Ortherion unvermittelt und Gordir antwortete: Wir sind zu früh, das ist alles.
Frodo hatte anfangs nicht auf ihre Worte geachtet, aber nun fragte er sich doch, von wem die Rede war.
Eine Zeitlang geschah überhaupt nichts. Die Pause war allen sehr willkommen, doch sie währe nicht so lange wie erhofft, denn schon bald tauchten diejenigen auf, die erwartet wurden.
Noch mehr Mitglieder des Bundes. Frodo stützte sich auf seine Ellbogen, um besser sehen zu können und sank schon fast wieder zurück zu Boden, als er plötzlich erstarrte. Er erkannte Bergil unter den Neuankömmlingen. Frodos Herz raste. Warum war er hier? Was, wenn er mit denen unter einer Decke steckte?
Er bekam es mit der Angst zu tun. Niemand schien mehr übrig, dem man trauen konnte.
Bergil wurde immer aufgeregter, je näher das Ziel rückte. Die Angst des letzten Abends und die Alpträume waren vergessen. Sobald er sich erst einmal beruhigt hatte, war er in der Lage gewesen, neuen Mut zu sammeln und mit dem Schwert an seiner Seite fühlte er sich sicher, als er mittags zum Tor aufbrach.
Magor erwartete ihn bereits ungeduldig, obwohl überpünktlich war. Sie hatten sich zu mehreren zusammengefunden und waren schließlich losmarschiert zum Wald.
Bergil hoffte und bangte, die Ungeduld wuchs und im Licht der Sonne kamen ihm die Ängste der letzten Nacht wie Gespenster vor.
Die anderen unterhielten sich mit ihm sehr freundlich und offen, sprachen über belanglose Dinge, antworteten aber auch auf seine Fragen.
Obwohl sie alle älter waren als er, fühlte er sich in ihrer Mitte akzeptiert und irgendwie gut aufgehoben.
Das war ein seltames Gefühl, aber jeder war ein gleichwertiges Mitglied der Gemeinschaft. Das hatte er so noch nie kennengelernt.
Warum hat man den Halbling eigentlich nicht gleich ins Hauptquartier gebracht? fragte Bergil einmal. Einer der anderen sagte: Wir mußten davon ausgehen, daß man nach ihm sucht und so konnten sie die Verfolger erst einmal in die ganz falsche Richtung locken. Das Hauptquartier liegt im Druadanwald und während alle diesen Wald hier durchkämmen, verschwinden wir zum Hauptquartier und sind sie los. Außerdem war die weite offene Strecke gestern zu gefährlich. Man hätte sie sofort erwischt. Es ist weit bis zum Hauptquartier, der großen Versammlungsstätte, aber sie ist einfach perfekt als solche.
Nun, das machte Sinn. Leider waren die nicht weniger clever, als Bergil vermutet hatte.
Schließlich erreichten sie eine kleine Lichtung und Magor wurde aufgeregt.
Sie sind schon dort, seht! Beeilt euch!
Bergil reckte den Kopf so unauffällig wie möglich und versuchte, etwas zu sehen. Noch waren Bäume im Weg und er sah ansonsten nur noch mehr Mitglieder dort stehen und herumsitzen.
Er dachte, er müßte im nächsten Augenblick vor Aufregung platzen und schließlich entdeckte er den Anführer und direkt daneben Frodo.
Na, du kannst es ja auch kaum erwarten! bemerkte Maglos und Bergil fühlte sich ertappt. Der freundschaftliche Schlag auf die Schulter, der folgte, beruhigte ihn jedoch ein wenig und sein Blick traf plötzlich Frodos.
Der Hobbit wurde bleich, als er Bergil entdeckte und dem Jungen selbst ging es kaum anders. Er sah nur die Wunden in Frodos Gesicht, getrocknetes Blut, die Angst in seinen Augen und die schmutzstarrende Kleidung.
Bergil schluckte. So etwas hatte er befürchtet.
Unter lautem Gerede wurden die Neuankömmlinge begrüßt und Bergil versuchte, sich unauffällig unters Volk zu mischen und näher zu Frodo zu kommen.
Dieser wußte währenddessen nicht, was er tun sollte. Bergil sah genauso aus wie die anderen aus. Er hatte ihn aus der Stadt gelockt, natürlich! Er steckte mit drin...
Das war doch alles nicht möglich! Das konnte nicht wahr sein!
Bergil kam näher und sah zu Frodo. Der Hobbit konnte seinen Blick nicht deuten. Irgendwas wollte Bergil ihm sagen...
Plötzlich kam einer auf ihn zu und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Frodos Kopf traf den Baum hinter ihm hart und alles verschwamm vor seinen Augen.
Ja, das hat er verdient! hörte er jemanden rufen. Es war Bergil.
Der Junge trat nervös von einem Fuß auf den anderen und überlegte fieberhaft, wie er sich das Vertrauen der anderen erschleichen könnte. Um etwas zu erreichen, konnte er Frodo erst einmal nicht schützen... also tat er so, als wäre er begeistert, als Magor sich auf Frodo stürzte und trat schließlich vor.
Was, du auch? fragte Gordir nur und Bergil grinste. Klar. Darf ich?
Der Anführer nickte nur wohlwollend und Bergil beugte sich hinunter zu Frodo, der nur den hämmernden Schmerz in seinem Kopf spürte und gar nicht erst versuchte, sich zu wehren.
Bergil packte ihn fest am Kragen und holte tief Luft. Er war außer Hörweite, außerdem war viel Gemurmel in der Nähe... Bevor er mit der Hand ausholte, flüsterte er schnell und so leise wie möglich: Boro nin! Telio gwa! (Vertrau mir! Spiel mit!)
Frodo erstarrte. Blitzschnell versuchte er, nachzudenken und zu verstehen, was Bergil gesagt hatte. Er begriff, ließ sich den Kopf zur Seite wegstoßen und schrie.
Dabei hatte Bergil tunlichst vermieden, ihm wehzutun und das war ihm auch gelungen, denn Frodo hatte mitgespielt...
Die anderen glaubten es und hatten ihren Spaß. Bergil ließ Frodo wieder zu Boden sinken und schaute auf.
Mit dem habt ihr aber schon einiges angestellt! Der ist ja lammfromm... spottete Bergil und die anderen lachten.
Klar. Da ihr ja jetzt hier seid, kann es ja weitergehen!
Frodo blinzelte und schaute zu Bergil, der durch keinerlei Ausdruck verriet, was er dachte.
Ortherion zerrte Frodo hoch, aber der Hobbit spürte nur, wie seine Beine nachgaben und er ging wieder zu Boden.
He! Stell dich nicht so an! brüllte Ortherion und Bergil überlegte. Sollte er...?
Wartet mal, ich glaube, der kann echt nicht laufen. So hält er uns doch nur auf! Und selbst wenn er laufen kann und nur nicht will - was guckst du mich an?! brüllte Bergil zu Frodo und im Kopf des Hobbits waren nur wirre Gedanken. Er hatte keine Ahnung, was Bergil vorhatte.
Ich sag dir eins: Wenn du Scherereien machst... Damit drehte Bergil sich zu Gordir und verneigte sich leicht. Ich bin bereit, meinen Teil dazu beizutragen, daß der Herrscher sein Opfer so schnell wie möglich bekommt. Laß ihn mich tragen, dann gibt er wenigstens Ruhe und wir sind schneller!
Das Argument, Melkor dienen zu wollen, war genau das, was Gordir jetzt hören wollte und er sagte: Mein Freund, du überraschst mich immer wieder aufs Neue! Zwar gönne ich es dem Halbling nicht, aber du hast Recht und einen so wohl durchdachten Wunsch, der dem Herrscher dienlich ist, will ich dir nicht abschlagen!
Damit kniete Bergil sich vor Frodo, sah ihn ermutigend an und lud ihn sich auf die Schultern. Er war überrascht, wie leicht der Hobbit tatsächlich war, aber er schwankte dennoch leicht, als er mit der Last aufstehen wollte.
Frodo begriff überhaupt nichts mehr, aber ein kleiner Funke Hoffnung entzündete sich in ihm. Bergil war gar kein Verräter...
Den einen Arm schlang Bergil um Frodos Beine, mit der anderen Hand hielt er auf der anderen Seite seine Arme fest und verkniff sich gerade so ein zufriedenes Grinsen. Er würde unbemerkt mit Frodo sprechen können, soviel stand fest...
Ungläubig sahen die anderen zu ihm und er grinste. Was ist? So schwer ist er gar nicht, er hat ja auch nichts zu essen bekommen, vermute ich?!
Gelächter war die Antwort und Gordir nickte freundlich. Du bist wirklich ein erstaunlicher Kerl!
Damit wandte er sich zum Gehen und sagte: He, Toron, mach dich auch mal nützlich und paß auf, daß der Halbling keine Schwierigkeiten macht! Wenn doch, hilfst du unserem neuen Freund Bergil!
Bergil grinste spöttisch. Niemals würde Frodo Schwierigkeiten machen.
Sie setzten sich in Bewegung und die Gruppe verlief sich ein wenig. Schließlich hörte Bergil Frodo flüstern, so leise, daß es kaum hörbar war: Ma cerich si? (Was machst du hier?)
Frodo hatte sich ebenfalls überlegt, daß es sinnvoller war, sich auf Elbisch zu unterhalten, wenn überhaupt. So konnten sie hoffen, daß sie wenigstens nicht verstanden wurden.
Tellin le thaed. Im le hwaniannen (Ich kam, um dir zu helfen. Ich habe dich gesucht), gab Bergil leise zurück, als er sich vergewissert hatte, daß niemand zuhörte.
Toron, ein junger Mann von etwa 20 Jahren, lief neben den beiden her und suchte seinerseits nach jemandem, demnach kümmerte er sich gar nicht um sie und Bergil nutzte die Gelegenheit.
Le nach harnen. Ma cerir aen cen? (Du bist verletzt. Was haben sie dir angetan?)
Frodos Atem ging schwer, das hörte Bergil die ganze Zeit, der Kopf des Hobbits war direkt neben seinem eigenen und nach einer kurzen Pause des Überlegens brachte Frodo mühsam hervor: Sain nin ristanner. (Sie haben mich geschlagen.)
Bergil gingen die Worte leichter von den Lippen. Wachsam schaute er sich um und sagte: Im le beriathon. (Ich werde dich beschützen.)
Frodo lächelte schwach. Hannad, Bergil. Sam, na hon mae? (Danke, Bergil. Sam, geht es ihm gut?)
Toron wandte sich den beiden zu. Er hatte etwas gehört und Bergil grinste nur.
Was ist? Glaubst du, ich schaffe das hier nicht?
Nein, wie kommst du darauf? gab Toron zurück und ging weiter mit gesenktem Kopf neben den beiden her. Bergil runzelte die Stirn. Irgendwas war seltsam an ihm.
Schließlich antwortete er: Sam cuia, ma caro tress. (Sam lebt, mach dir keine Sorgen.)
Frodo seufzte erleichtert.
Sie gingen eine Zeitlang weiter, ohne daß etwas geschah und Bergil trug Frodo mit einer unglaublichen Geduld, aber es fiel ihm auch nicht sehr schwer. Ihm war es lieber, ihn zu tragen, ihm damit zu helfen und bei ihm zu sein, als irgendetwas anderes. Er hatte gesehen, wie sehr Frodo Beistand brauchte, denn es war besonders für einen kleinen Hobbit, der sich nicht wehren konnte, alles andere als angenehm, ständig zum Opfer brutaler Übergriffe zu werden.
Bergil fand es ebenfalls erstaunlich, daß man ihm wirklich soviel Vertrauen entgegenbrachte, denn immerhin trug er auf seinen Schultern denjenigen, den sie um keinen Preis wieder verlieren wollten, soviel stand fest.
Ebenso war ihm aber klar, daß er nicht weit kommen würde, selbst wenn er versuchte, mit Frodo wegzulaufen. Das wußte Gordir wohl auch und ihm konnte es nur recht sein, wenn sie schnell vorankamen.
Plötzlich flüsterte Frodo: Le nach ethir! (Du bist ein Spion!)
Bergil nickte. Le gerich naig? Nach le mae? (Hast du Schmerzen? Geht es dir gut?)
Stockend antwortete Frodo: I width nar tanc (Die Fesseln sind so fest), dann überlegte er kurz und fuhr fort: Non ulin ninn a im goston. (Ich bin schwach und habe große Angst.)
Toron unterbrach sie unwissentlich bei ihrer Unterhaltung, indem er Bergil fragte: Du bist doch neu hier, oder? Wie kommst du hierher?
Frodo griff nach Bergils Hand und während Bergil überlegte, was er antworten sollte, legte er seine Hand auf Frodos und drückte sie ganz fest.
Mein Freund Magor hat mich auf die Vereinigung aufmerksam gemacht und ich bin sehr neugierig geworden. Jetzt bin ich hier und muß sagen, das ist schon nicht schlecht!
In ihm sträubte sich alles und er wußte nicht, wie oft er an diesem Tag noch lügen würde, aber der blonde Toron sah ihn nur nachdenklich an und murmelte: Ich habe gehört, daß du die Mutprobe gestern gut gemeistert haben sollst!
Ach, die. Ja, mag sein, so schwer war das nicht. Ich wollte halt unbedingt dabeisein!
Toron nickte. Ich bin nach meinem kleinen Bruder beigetreten. Er läuft weiter vorne und war so begeistert, daß ich auch interessiert war. Aber warte erst, bis du die Zeremonien miterleben darfst!
Toron klang so gar nicht begeistert, das war seltsam, aber während Bergil spürte, wie Frodo sich ängstlich in sein Hemd krallte, erwiderte er: Das kann ich kaum erwarten! Was passiert da so?
Unschlüssig zuckte Toron mit den Schultern und Bergil drückte Frodos Hand ganz fest, um ihn zu beruhigen. Es war vielleicht nicht sichtbar, aber Bergil spürte seine Angst genau, denn er selbst dachte nicht anders über das, was hier geschah.
Naja, es ist ähnlich wie bei den Opferritualen, Toron senkte die Stimme, aber viel finsterer. Und ich habe selbst schon die Stimme Melkors in meinem Kopf gehört! Denn er spricht dann zu uns.
Frodo holte geräuschvoll Luft und weil Bergil ihn beruhigen wollte, flüsterte er schnell: Dartho! (Halt aus!)
Toron hörte das sehr wohl. Vielmehr hörte er es nicht nur, sondern er verstand es auch. Er hatte selbst einmal Elbisch gelernt und hatte bereits gemerkt, daß Bergil mit Frodo sprach, aber noch konnte er das Geheimnis um den Jungen nicht lüften und er versuchte, mehr über ihn zu erfahren.
Wie alt bist du, Bergil?
Ich werde bald sechzehn. Und du?
Ich bin neunzehn. Was macht dein Vater?
Bergil biß sich auf die Zunge und spürte, wie Frodo zusammenzuckte. Ihm war klar, daß er sich nicht verplappern durfte.
Er ist Schmied. Waffenschmied beim Herrn Faramir, Denethors Sohn. Ich war lange in Ithilien.
Bloß weiteren Fragen aus dem Weg gehen...
Toron sog geräuschvoll Luft ein. Daß das nicht stimmte, wußte er, denn obwohl er Bergil nicht kannte, hatte er davon gehört, daß er beim Krieg vor vier Jahren maßgeblich an der Schlacht beteiligt war und seinen allseits bekannten Vater vor dem Tode retten wollte.
Mit der Zeit würde Toron auch die restlichen Lügen aufdecken.
Schweigen kehrte wieder ein. Frodo indes dachte angestrengt nach. Bergil hatte sich einschleusen lassen, um ihn zu finden. Das war ein wunderbarer Gedanke. Ebenso lebte Sam noch... in seiner Verzweiflung hatte er nicht mehr an seinen Freund gedacht, denn sein Verstand war wie gelähmt gewesen, aber Bergil brachte gute Neuigkeiten.
Und wo Bergil war, war Hilfe nicht weit...
Genau in diesem Moment ertönte ein Ruf, der wie der Schrei eines Falken klang und Toron zerrte Bergil mit hinter ein dichtes Gebüsch und auf die Erde.
Gefahr im Verzug! erklärte Toron kurz und spähte, genau wie Bergil und Frodo auch, durch die Äste.
Es dauerte nicht lange und sie sahen jemanden kommen. Drei Menschen, so sah es von weitem aus und drei Begleiter, die allerdings ein wenig kleiner waren. Frodo war wie elektrisiert und Bergil drehte rasch den Kopf.
Mindestens dreißig. Gegen sechs. Das war nicht gut. Das konnte er vergessen.
Ganz in der Nähe saß Gordir hinter einem Baum und sah hinüber zu ihnen.
Verflucht! dachte Bergil und ballte seine Hand zu einer Faust.
Plötzlich hörten sie Stimmen.
Legolas, hast du auch etwas gehört?
Das war Faramir, Bergil erkannte ihn genau. Er sah sich um und entdeckte, daß alle sich in Windeseile versteckt hatten und wohl nicht zu sehen waren.
Legolas, das konnte Bergil sehen, suchte die Umgebung ab und plötzlich erinnerte sich an Frodo, als der tief Luft holen wollte und schnell legte Bergil ihm die Hand auf den Mund.
Sei bloß still! flüsterte er und sah Frodo eindringlich an. Verständnislos erwiderte der Hobbit seinen Blick und schüttelte den Kopf.
Toron paßte für einen Moment nicht auf und Bergil wisperte: Men devim ma dregi! (Wir können nicht fliehen!)
Als Toron ihn dann doch fragend ansah, tat Bergil so, als wäre nichts gewesen, aber er sah genau, daß Toron es mitbekommen hatte. Fragend sah er ihn an, sagte aber nichts und Bergil spürte sein Herz rasen.
Hier ist vorhin was gewesen, Faramir, aber jetzt ist alles still, gab Legolas in der Entfernung zurück und der Suchtrupp verschwand wieder.
Plötzlich spürte Bergil etwas Feuchtes auf seiner Hand und als er hinschaute, sah er, daß es Tränen waren. Verzweifelt sah Frodo ihn an, aber Bergil schüttelte nur ebenso verzagt den Kopf.
Es wäre zu gefährlich gewesen. Sie hätten alles daran gesetzt, Frodo nicht entwischen zu lassen. Er brauchte eine bessere Gelegenheit, nachts vielleicht, wenn außer einer Wache alle schliefen. Oder zumindest näher an einer Siedlung oder so etwas.
Bergil wollte etwas sagen, aber wegen Toron traute er sich nicht. Er durfte nicht zuviel riskieren.
Frodo indes glaubte, seine Welt bräche zusammen, er konnte Bergil nicht verstehen, er wollte nur weg und der Todesangst entfliehen, die auch der Beistand eines Freundes kaum lindern konnte.
Es wäre der glatte Selbstmord gewesen, das wußte Bergil, aber Frodo nicht.
Als die Luft wieder rein war, stand Toron als erster auf und Bergil flüsterte schnell: Ma awartho, Frodo, im radathon! Boro nin! (Gib nicht auf, Frodo, ich werde einen Weg finden! Vertrau mir!)
Was meinst du, wird Aragorn jetzt mit dem Jungen machen? fragte Pippin, aber Merry zuckte nur mit den Schultern. Sie saßen wieder im Sattel, hatten gerade ein für Hobbits äußerst karges Frühstück eingenommen und ritten Legolas und Faramir hinterher. Gimli hielt sich an dem Elben vor ihm fest, so wirklicht traute er dem Pferd nicht, aber es half nichts. Wenn sie schnell sein wollten, empfahl es sich immer, zu reiten.
Auf ihn aufpassen, hoffe ich. Daß er ihn schlecht bestrafen kann, begreife ich irgendwie. Aber ich sag dir was: Sollte ich irgendeinen von diesen Typen zu fassen bekommen, die Frodo bei sich haben, gibts Ärger! brummte Merry entschlossen.
Neben ihnen waren noch weitere Reiter, Faramir hatte ein paar gute Krieger gebeten, sie auf ihrer Suche zu begleiten, und sie ritten auf den Wald zu. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch, aber dennoch konnten sie die sommerliche Schwüle kaum ertragen.
Legolas suchte überall. Seine scharfen Elbenaugen spähten überallhin, keine noch so kleine Bewegung sollte ihm entgehen.
Siehst du was? drängte Gimli wiederum.
Nein, mein Freund. Nichts zu sehen.
Faramir kaute nachdenklich auf einem Apfel herum und wischte sich über die Stirn. Ihm war sehr warm. Woran denkst du? fragte Legolas und Faramir gab erst keine Antwort, doch dann sagte er: Ich überlege, was Bergil vorfinden könnte. Ich halte ihn für einen fähigen Burschen, er ist pfiffig, mutig und sehr einsatzbereit, wie ich finde. Es wird gut sein, wenn er erst einmal auf Frodo trifft und ihm beistehen kann, denn diesen Beistand wird er wohl brauchen. Wenn alle Mitglieder dieses Geheimbundes so sind wie der Junge, den wir gestern erwischt haben, wird Frodo einiges auszustehen haben!
Legolas nickte. Ja. Du hast Recht. Aber Bergil wird kaum etwas ausrichten können, denn er ist allein. Er kann höchstens spionieren und nur mit viel Glück bietet sich ihm eine geeignete Chance zur Flucht mit Frodo. Wir können froh sein, daß Bergil sich kümmert, aber nichtsdestotrotz müssen wir sie dringend finden!
Gimli mischte sich in die Unterhaltung ein und meinte: Ich verstehe sowieso nicht, wie die auf die Idee kommen können, Frodo etwas anzutun! Es gibt keine friedfertigeren Wesen als die Hobbits!
Merry lachte, er hatte seinen letzten Satz gehört, und rief dazwischen: Du täuschst dich, Gimli. Wenn jemand meinen Freunden zu nahe kommt, dann bin ich überhaupt nicht mehr friedfertig!
Pippin und Faramir lachten, Gimli runzelte nur belustigt die Stirn und Legolas drehte sich um. Er sagte: Das ist auch gut so. Aber ich weiß, was Gimli meint. Ich kann auch nicht verstehen, wie sie so kaltherzig und skrupellos sein können und tatsächlich planen, Frodo umzubringen! Obwohl ich weiß, daß das Böse nie Skrupel hat. Wir mußten es schon oft genug erleben!
Merry nickte. Ich weiß noch, was wir alles durchgemacht haben. Wir haben uns immer geschworen, daß wir besser auf Frodo aufpassen müssen, denn er ist unser Freund und wir wissen, daß wir immer um sein Leben fürchten müssen. Es gibt zuviel schlafende Rache in der Welt.
Legolas nickte und lächelte. Du weißt viel, mein kleiner Freund.
Aber danach gehandelt haben wir nicht! Wir lassen ihn doch viel zu oft aus den Augen und schon ist es wieder passiert! Aber wer rechnet auch mit sowas! rief Merry und sah entrüstet zu Pippin, der schnellstens den Apfel hinter seinem Rücken verschwinden ließ und so tat, als hätte er nicht den ganzen Mund voll.
Oder was meinst du? fragte Merry grinsend und Pippin schluckte.
Ähm... begann er, versuchte noch, heimlich zu kauen, aber Merry rief nur: Unersättlicher Tuk! Du weißt, daß du so weniger beim Mittagessen haben wirst, ja?
Sie ritten eine zeitlang weiter, ohne daß irgendwas geschah, hielten Ausschau nach Menschen, Spuren und Gebäuden, doch lange Zeit tat sich nichts.
Merry stimmte irgendwann leise ein Wanderlied an und die begleitenden Wachen staunten nicht schlecht, als sie den Hobbit fröhlich singen hörten.
Was machst du da? fragte Gimli schließlich und Pippin erwiderte für seinen Freund: Er will euch alle bei Laune halten. Schließlich ist das hier doch ein wenig ereignislos!
Legolas zischte plötzlich: Seid mal leise! Da vorne habe ich was gesehen! Faramir!
Faramir spähte in die gewiesene Richtung, aber plötzlich war alles still. Schon fast zu still. Merry und Pippin sahen sich um, sie stiegen alle von ihren Pferden und Legolas ging voran. Die Mittagsstunde war längst vorüber, sie hatten noch immer nichts gefunden, aber jetzt hatten Legolas Elbenaugen etwas entdeckt.
Da vorne war was, murmelte er leise und hielt Ausschau nach allem, was irgendwie verdächtig aussah.
Ich hab was gesehen.
Faramir nickte und murmelte: Mir war vorhin, als hätte ich etwas gehört.
Legolas gab keine Antwort, sondern ging nur weiter. Dann hörten sie plötzlich in der Nähe ein Blätterrascheln.
Hast du auch etwas gehört? fragte Faramir und Legolas nickte, sagte aber nichts. Alle bewahrten Schweigen und Legolas lauschte. Es dauerte eine Weile, aber dann sagte er: Hier ist vorhin was gewesen, Faramir, aber jetzt ist alles still.
Ich wette, da war was, flüsterte Merry, als sie zu ihren Tieren zurückkehrten, aber Pippin schüttelte den Kopf.
Wenn da was gewesen wäre, würden wir jetzt wohl kaum weiterreiten, oder?
Wie nah sie wirklich drangewesen waren, konnte keiner von ihnen ahnen.
Unverrichteter Dinge ritten sie weiter bis in die Nachmittagsstunden hinein, immer auf einem gleichbleibenden Weg, und Faramir murmelte: Also das hab ich gestern alles noch nicht gesehen...
Legolas antwortete: Ja, jetzt sind wir auch dem anderen Weg gefolgt, nicht wie gestern. Ich bin mal gespannt, ob wir jetzt etwas finden!
Sie sahen immer noch Spuren, denen sie folgen konnten, das war ein ziemlich beruhigendes Gefühl, auch wenn sie von Pferden stammten. Da sie aber auch Reiterspuren folgen mußten...
Es dauerte nicht lange, da rief Faramir plötzlich: Legolas! Sieh mal, da vorne!
Im Licht der Nachmittagssonne sahen sie durch das dichte Grün der Blätter eine graue Fassade hervorblitzen und Gimli umklammerte sofort fest seine Axt, als er das sah.
Wir sollten besser leise sein, vielleicht sind sie dort! flüsterte Legolas und sehr aufmerksam schaute er sich um, entdeckte aber niemanden.
Vorsichtig ritten sie auf das Gebäude zu, dessen Tür offenstand, und Faramir gab Entwarnung. Wäre noch jemand dort, würde sie wohl eher geschlossen sein.
Vor dem alten, halb verfallenen kleinen Militärgebäude, das schon lange nicht mehr genutzt wurde, waren viele Hufspuren zu sehen, ebenso unzählige Fußabdrücke. Legolas stieg ab, sah sie sich näher an und meinte schließlich: Sie waren vor kurzem hier, da bin ich sicher. Wir haben etwas gefunden!
Schließlich sprachen sie sich ab und betraten dann mit gezogenen Waffen das finstere Gebäude. Legolas ging voran, er konnte noch am meisten erkennen und spähte in jede finstere Ecke. Das Licht, das ihnen im Rücken stand, leuchtete ihnen noch ein wenig den Weg, aber irgendwann versiegte jeder Lichtstrahl in der Finsternis.
Viele Räume zweigten von dem zentralen Gang ab, deren Türen alle offenstanden, aber sie waren alle leer.
In manchen Räumen hingen die schwarzen Tücher, die die Fenster verhüllten, schief und ein wenig Licht schaffte es, sich einen Weg in die Düsternis zu bahnen.
Als sie allerdings eine große Kammer am Ende des Ganges betraten, machte Faramir kurzen Prozeß und entfernte einige Tücher von den Fenstern.
Was sich ihnen offenbarte, erschreckte die Hobbits sehr.
Was ist das hier? fragte Pippin und sah sich um. Verschiedene Runen und Symbole waren mit Farbe an die Wände geschmiert, immer wieder tauchte das Bild eines Auges, umgeben von einer kreisförmigen Kette, auf und Legolas murmelte: Das scheint ihnen wichtig zu sein. Die Kette... verweist das auf Angband?
Faramir zuckte mit den Schultern. Die Symbole erinnern mich sehr an Melkor und Sauron.
Legolas nickte und sah zu den Kerzenständern, die überall verteilt waren. In den Ecken lagen Essensreste. Der Elb sah sie sich näher an und Gimli fragte: Wie alt, was meinst du?
Von gestern und heute morgen. Sie waren hier!
In den Ecken hingen Spinnweben, die Luft war drückend und roch alt. Dann ging Faramir in die hinterste Ecke des Raumes, weil er einen dunklen Schatten entdeckt hatte, und bückte sich.
Was ist das... murmelte er und ging mit dem langen Gegenstand ans Licht.
Es war ein Ast, ein normaler, aber sehr gerader Ast, an dem jemand herumgeschnitzt hatte.
Ein Stock! Was ist schon damit? fragte Gimli und verschwendete nur einen kurzen Blick darauf. Im Licht offenbarte sich Faramir bei genauerem Hinsehen etwas Schreckliches.
Ich sage dir, was damit ist, mein Freund. Hier klebt Blut.
Merry und Pippin schraken auf, auch Legolas kam näher und inspizierte den Stock genau.
Was ist damit, was ist damit? fragte Pippin aufgeregt und Faramir sah ihn zwar kurz an, gab aber keine Antwort und verschwand noch einmal in der Ecke.
Es ist so finster hier, daß ich überhaupt nichts sehe! Macht mal die Fenster frei!
Legolas und die Männer taten, was er gesagt hatte, und Merry und Pippin sahen sich mit Faramir in der Ecke um.
Plötzlich wurde Merry auf einen kleinen Schatten aufmerksam und hob einen Stoffetzen auf.
Sieh nur, Pippin! Sieht aus wie ein Stück...
... von Frodos Hosenbein, ja... murmelte Pippin und Faramir richtete seinen Blick auf die beiden.
Das erklärt wohl auch, wessen Blut das ist, wenn der Stock genau daneben lag.
Die Augen der Hobbits wurden groß.
Sie werden doch wohl nicht...
Faramir nickte bekümmert und Legolas murmelte leise etwas elbisches. Gimli ballte seine Hand zur Faust und rannte plötzlich zur Tür.
Kommt her, ihr dreckigen Banditen, ihr kriegt euer Fett weg! fluchte er, aber es dauerte nicht lange und die anderen hatten ihre Suche abgeschlossen und folgten ihm nach draußen. Dort legte Legolas besänftigend die Hand auf Gimlis Schulter und sagte: Komm, wir reiten zurück. Reg dich nicht auf, wir kriegen sie. Lange sind sie noch nicht weg, vielleicht holen wir sie auf dem Rückweg ein!
Sie saßen Augenblicke später alle wieder im Sattel und Faramir war ganz in Gedanken versunken. Legolas packte den Stock und den Stoffetzen weg und schließlich sagte Faramir: Dann haben sie uns gestern bewußt in die Irre geführt. Soviel steht fest. Aber sie haben uns nicht nur im Wald auf eine falsche Fährte geführt und uns aufgelauert. Sie haben uns selbst in den Wald nur deshalb geführt, um uns auf völlig falsche Gedanken zu bringen! Denn ihr eigentliches Ziel liegt in der genau entgegengesetzten Richtung!
Wieso? fragte Gimli. Wieso sollten die ewig mit Frodo durch die Gegend laufen?
Das kann ich dir genau sagen. Wir wissen, daß deren Hauptversammlungsort im Druadanwald liegt, nordwestlich von Minas Tirith. Wir befinden uns nun aber im Süden. Was wollen die hier mit Frodo? Die werden ihn ins Hauptquartier bringen und das liegt nun einmal nicht hier. Sie haben uns abgelenkt, damit sie ungestört zu ihrem wirklichen Ziel aufbrechen können!
Aber die waren doch hier, Faramir! rief Pippin und Faramir nickte.
Waren sie auch. Sie sind noch nicht lange weg. Wir haben sie sicherlich irgendwo getroffen und nicht bemerkt. Wir sind an ihnen vorbeigeritten! Verdammt!
Merry fluchte. Das ist ja herrlich. Ich wußte, daß die da waren!
Legolas schüttelte den Kopf. Das glaube ich nicht. Aber wir sind jetzt im Vorteil. Wir können jetzt getrost erst in die Stadt zurückkehren und Bericht erstatten. Da wir jetzt wissen, in welche Richtung wir ihnen folgen müssen, wird eine Pause nicht schaden. Wir können ihnen sofort folgen und sie vielleicht immer noch einholen! Schließlich haben wir Pferde, und wie du hier siehst, sind sie zu Fuß in diese Richtung gelaufen!
Merry sah zwar keine Spuren, aber er glaubte Legolas trotzdem und murmelte: Unterkriegen lasse ich mich nicht! Wir schnappen sie uns!
Fünfter Abschnitt
Eowyn, er kann nicht einfach gehen und mich hierlassen! Das geht doch nicht! Ich muß Frodo helfen! rief Sam und ballte seine Hand zur Faust, während er wütend auf den gebrochenen Arm starrte und seinen dröhnenden Kopf am liebsten ausgetauscht hätte. Die Schmerzen waren für ihn das kleinere Problem, aber er konnte die Tatsache kaum ertragen, daß er nicht laufen konnte, sondern ständig das Bewußtsein verlor.
Sam... selbst wenn du laufen könntest, es hätte keinen Sinn gemacht, dich mitzunehmen. Sie kennen dich doch! Sie wissen, daß du Frodos Freund bist und es hätte dir und ihm überhaupt nicht geholfen.
Sie hatte Recht, das mußte Sam zugestehen.
Aber was, Eowyn, soll ich machen? Was? Ich kann ihn nicht mit denen alleinlassen! Hast du denn Bergil nicht gehört? Sie werden ihn umbringen - und ich will lieber nicht genau wissen, wie! Das müssen wir verhindern! schrie Sam und kämpfte wieder mit den Tränen. Er saß wütend im Bett und vergrub die Hand in der Decke.
Wir werden es verhindern. Ich verspreche dir, sobald es möglich ist, werden wir uns auch auf die Suche machen. Der Suchtrupp wird bald einmal zurückkehren, sie werden immer wieder kommen, um Bericht zu erstatten, und wenn du es kannst, dann werden wir uns ihnen anschließen. Frodo wird nicht sterben. Ich verspreche dir, daß das nicht geschehen wird.
Mit traurigen Augen sah der kleine Hobbit die Kriegerin an, die seinen Blick ermutigend erwiderte. Sie strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht und sagte: Ich weiß, ihr seid die besten Freunde und Frodo würde an deiner Stelle genauso reagieren, das weiß ich. Ich kann es auch kaum verstehen, daß ihm das alles zugestoßen ist, und ganz ehrlich: Ohne dich wäre er da nirgendwo wieder herausgekommen.
Sam konnte nicht anders als weinen, als sie das zur Sprache brachte, was sie alles gemeinsam erlebt hatten. Er vermißte Frodo so sehr.
Er hatte ihn in Mordor totgeglaubt und fast verloren, aber er hatte ihn vor Kankra und den Orks gerettet und irgendwie zum Schicksalsberg gebracht, auf Knien, wenn es nicht anders ging. Vor seinem inneren Auge liefen die Bilder vorbei, er sah es alles wieder vor sich, als Eowyn nur davon sprach. Genauso hatte Frodo ihn aber auch nicht verlassen, als Kankra an ihm Rache üben wollte, er war mitgegangen bis zum bitteren Ende und wäre mit ihm gestorben, hätte Aragorn sie nicht gerettet.
Und Frodo war wegen ihm nach Mittelerde zurückgekehrt.
Bei diesem Gedanken dachte Sam fast, er müßte vor Kummer sterben, und Eowyn nahm ihn tröstend in den Arm und hielt ihn ganz fest.
Du hast ihn aus den Flammen gerettet und ohne Rücksicht auf dich selbst hast du ihn ebenfalls davor bewahrt, sich selbst etwas anzutun. Das weiß er, er weiß, daß du kommen wirst, um ihm zu helfen, und das wirst du auch. Ganz bestimmt. Er würde dasselbe für dich tun.
Am Nachmittag entschlossen sie sich dazu, Gandalf in der Zitadelle zu besuchen und Eowyn nahm Sam an der Hand und sie verließen die Häuser der Heilung. Der Hobbit war noch sehr wacklig auf den Beinen und sie kamen nicht schnell voran, aber das störte sie beide nicht. Glücklicherweise hatten sie keinen weiten Weg und sie trafen auf dem Hof gleichzeitig mit einem Reiter ein. Eowyn erkannte den Mann als einen Angehörigen der Männer Faramirs, der mit Beregond auf der Suche nach dem großen Versteck des Geheimbundes war.
Er achtete aber gar nicht auf die beiden, sondern lief eilig zum Weißen Turm und suchte Gandalf. Als Eowyn und Sam kurz darauf dazustießen, hatte der Mann seinen Bericht bereits abgegeben und verließ einen sichtlich geschockten Gandalf.
Was ist denn? Was hat er gesagt? fragte Eowyn und sah den Zauberer freundlich an.
Ach, ich grüße euch... ich hatte euch gar nicht kommen hören... Gandalf war sichtlich in Gedanken.
Gandalf! Gibt es etwas Neues? fragte nun auch Sam ungeduldig und Gandalf sah ihn lange an, bevor er sich vor ihn kniete und ihm auf einer Höhe in die Augen sah.
Nun, es freut mich, dich wieder auf den Beinen zu sehen, aber wenn eine gute Nachricht kommt, kommt oft auch eine schlechte. Diese habe ich gerade erhalten.
Er machte eine bedeutungsvolle Pause und Sam hob skeptisch die Augenbrauen.
Was denn, Gandalf?
Beregond und seine Männer suchen nach dem Hauptversteck des Geheimbundes. Dabei haben sie etwas gesehen, was sie sehr in Unruhe versetzte.
Eowyn hielt die Luft an. Ist es schlimm?
Gandalf sah keinen der beiden an, als er sagte: Ich weiß es nicht... man hat Aragorn mit den Verkündern gesehen, und zwar in eine ruhige Unterhaltung verwickelt. Es sah nicht so aus, als hätte er sich offensiv verhalten. Ganz im Gegenteil. Aber warum spricht er mit ihnen? Was erhofft er sich davon?
Eowyn hielt überrascht inne. Er wird doch wohl nicht mit ihnen gemeinsame Sache machen? Was ist nur los?
Sam wurde bleich und spürte, wie er wieder umzufallen drohte, aber er krallte sich rechtzeitig an Eowyn fest und stammelte: Warum tut Aragorn das? Er kann doch nicht mit denen unter einer Decke stecken! Er ist doch unser Freund...
Ganz ruhig, Samweis. Er ist auch unser Freund. Er wird seine Gründe haben...
Ach ja? Was wird er mit denen schon bereden wollen? Mit denen kann man nicht friedlich reden, die sind wahnsinnig! Ich habe sie doch selbst gesehen! Aragorn hat uns verraten, er hat Frodo verraten...
Sam! Das darfst du nicht sagen! rief Eowyn und strich ihm über den Kopf, aber er schlug die Hand weg und lief zur Tür. Überraschenderweise kam er dort auch an, erst dann löste Eowyn sich aus ihrer Erstarrung und folgte ihm.
Wo willst du denn hin, Sam?
Wenn er Frodo schon nicht helfen will, tu ich es wenigstens! war die verzweifelte Antwort vom Flur. Eowyn lief hinterher und holte ihn schließlich vor der Treppe ein.
Jetzt mach doch keine Dummheiten, Sam... begann sie, aber er sah sie nur mit tränennassen Augen an und schrie: Ach, und Aragorn darf das, oder wie? Er kann doch nicht einfach mit diesen Bestien gemeinsame Sache machen, er... er hat Frodo auf dem Gewissen!
Sam, nein! Beruhige dich doch! Er wird das nicht grundlos tun...
Er ist ein Verräter... stammelte Sam und schluchzte verzweifelt. Er hielt sich am Treppengeländer fest und schrie.
Der Streicher, den ich kenne, würde nie, auch nicht aus guten Gründen, mit denen sprechen!
Doch, Sam. Manchmal muß man reden. Auch der König zieht nicht immer gleich die Waffen!
Aber während er redet und nichts tut und mit denen unter einer Decke steckt, kann Frodo tot sein!
Damit drehte Sam sich um und lief zurück. Gandalf stand auf dem Gang und nahm ihn in die Arme.
Wir wissen nicht, was passiert ist, Sam. Du kannst nicht wissen, was Aragorn tut! Jetzt denk doch erst einmal nach!
Kann denn nicht endlich mal jemand etwas tun?! schrie Sam nur und plötzlich fiel er wieder in Ohnmacht. Gandalf hielt ihn fest, bevor Sam umfallen konnte, und sah nur fragend zu Eowyn.
Das ist nicht das erste Mal heute. Keine Sorge, er wird gleich wieder wach, erklärte sie kurz.
Sie legten ihn im Beratungszimmer auf das große Sofa, das dort stand und setzten sich beide an den Tisch.
Was ist denn mit Arwen und Eldarion? fragte Eowyn schließlich. Gandalf zuckte als Antwort nur mit den Schultern. Ratlos sahen sie beide aus dem Fenster und hinaus auf die sonnenbeschienene Stadt. Es sah alles friedlich aus, aber der Eindruck täuschte, dessen waren sie sich beide bewußt.
Plötzlich wurden sie aus ihren Gedanken gerissen von einem heiseren Flüstern. Sam kam langsam wieder zu sich und fragte immer wieder nach Frodo. Eowyn ging zu ihm und strich ihm über die Stirn. Wortlos sah Sam sie schließlich an und begriff: Frodo war immer noch nicht wieder da.
Sie blieben eine zeitlang zusammen und taten überhaupt nichts. Das Warten lähmte sie, sie fühlten sich alle unnütz und wollten weg, aber Sam konnte nicht, Eowyn blieb bei ihm, und Gandalf war als Anlaufstelle für jeden, der etwas zu berichten hatte, in der Stadt geblieben.
Es war am frühen Abend, als sie Schritte und Stimmen auf dem Flur hörten und schließlich klopfte es an der Tür. Herein kamen zuerst Legolas und Gimli, gefolgt von Merry, Pippin und Faramir. Sam sprang auf, als er sie kommen sah, die Aufregung war kaum noch auszuhalten, denn er wußte, sie waren mit der Suche nach Frodo beschäftigt und wenn sie kamen, hatten sie vielleicht Neuigkeiten...
Sam! rief Merry, als er seinen Freund am Tisch stehen sah, er lief auf ihn zu und fragte ihn nach seinem Befinden.
Wie soll es mir gehen? Ich lebe noch... aber ich habe Angst! Was ist mit Frodo? Wißt ihr etwas?
Legolas trat vor und reichte Sam das Stück Stoff und den Stock. An ihm klebte noch das Blut.
Sam starrte geschockt darauf und flüsterte tonlos: Von seiner Hose... aber was ist das? Er hob den Stock hoch und sah hilfesuchend in die Runde. Legolas begann zu sprechen.
Wir haben heute endlich das Versteck gefunden, in dem Frodo sich befand. Sie waren alle wieder weg, aber das hier haben wir dort gefunden. Wir haben den halben Wald durchkämmt, bevor wir es gefunden haben, und so gut versteckt war es nicht. Scheinbar war es die ganze Zeit geplant gewesen, daß sie sich da nur vorübergehend aufhielten. Wir haben an den Wänden viele seltsame Schmierereien entdeckt, es war sehr finster, aber ganz hinten in einer Ecke lag das Stück von Frodos Hose und dieser Stock. Wir vermuten, daß... naja, wir wissen es erst, wenn wir Frodo sehen, aber sie waren vermutlich nicht zimperlich.
Sam schrie auf und ging schluchzend in die Knie.
Was machen sie nur, warum tun sie das...
Merry ging zu seinem Freund und half ihm wieder hoch.
Keine Angst, Sam. Er lebt noch. Ihn haben wir nicht gesehen, aber als wir das Versteck erreichten, waren sie noch nicht lange weg und wir konnten den Spuren ein Stück folgen. Hobbitfußspuren sind gut auszumachen zwischen vielen Stiefelabdrücken und sie waren alle frisch. Zwar haben wir niemanden mehr gesehen, so sehr wir auch gesucht haben, aber er lebt noch. Wir finden ihn!
Tränen liefen über Sams Wangen, aber Gandalf atmete erleichtert auf und sagte: Gut, dann gehen sie wirklich zu ihrem Hauptquartier und wir haben noch ein wenig Zeit. Und die brauchen wir dringend, um ihn zu finden, bevor es zu spät ist. Die kennen keine Skrupel!
Legolas sah betroffen zu den beiden Hobbits, Merry versuchte erfolglos, Sam zu trösten, und Gandalf fragte: Wann sucht ihr weiter?
Es ist dunkel und es hat keinen Zweck mehr. Morgen werden wir am Druadanwald fortfahren, denn wir können jetzt ziemlich sicher sein, daß sie dorthin wollen. Wir haben dadurch Zeit gespart und können hier ein wenig schlafen.
Gandalf nickte. Das ist gut. Ihr braucht auch einmal Ruhe. Aber das ist immerhin schon ein Fortschritt...
Aragorn saß vor einem Baum und beobachtete Gurtor, der wild fuchtelnd mit seinem Schwert auf und ab lief. Dabei erstach er unsichtbare Gegner und hackte auf sie ein. Aragorn erinnerte dies an die spielenden, kleinen Kinder in seiner Stadt, die es so liebten, sich mit ihren Holzschwertern spielerische Kämpfe zu liefern. Nur dieser Junge war irgendwie anders. Er war wohl nicht viel älter als siebzehn, aber dennoch von so einem Hass erfüllt, dass es einem das Herz schwer machte. Es sah nicht so aus, als würde er das Schwert nur spielerisch herumwirbeln, es wirkte agressiv und kampfeslüstern, wie er da mit seinem Schwert unsichtbare Gegner niedermetzelte.
Aragorn konnte nichts tun, außer zu warten. Er fragte sich des öfteren, worauf er eigentlich wartete, er war sich ja nicht einmal richtig sicher, ob sein Plan, seine Familie zu retten und Frodo zu helfen eigentlich aufgehen würde. Die Zeit verstrich und er dachte an seine Freunde und Familie. Wo würden sie wohl gerade sein?
Der Suchtrupp würde mit ziemlicher Sicherheit immer noch auf der Suche nach dem Hauptquartier sein. Gandalf war wahrscheinlich immer noch in Minas Tirith, und gab jedem Hilfe, der sie brauchte. Und Aragorn selbst saß einfach nur da und wartete. Sie schienen ihm zumindest etwas zu vertrauen, er durfte sich frei bewegen, und wurde nicht ständig beobachtet. Das kam zwar mit Sicherheit auch daher, dass sie wussten, dass er seine Familie nie im Stich lassen würde, aber dennoch schienen sie ihm nicht nur deswegen einige Freiheiten einzuräumen.
"He Turdir, komm doch mal hier rüber, ich brauche einen Gegner", rief Gurtor einem jungen Mann von etwa neunzehn Jahren zu. Der Mann hatte eigentlich ein freundliches Gesicht, und schien nicht ganz so skrupellos wie Gurtor zu sein. Turdir stand auf, und ging zu Gurtor hinüber. Dieser empfing ihn mit einem merkwürdigen Grinsen. "Hast du Lust auf einen kleinen Kampf?"
"Aber nur zur Übung, halte dich mit deinen Stichen etwas zurück!"
"Natürlich, nur üben!"
Gurtor hob sein Schwert, und beide fingen kurz darauf an, sich gegenseitig mit ihren Schwertern zu bekämpfen.
So ging es eine ganze Weile, und Aragorn beobachtete sie aufmerksam. Irgendwann merkte Aragorn, wie Turdirs Bewegungen etwas langsamer wurden, er war erschöpft von den vielen schnellen Bewegungen, trotzdem es nur ein Übungskampf war, gab er alles. Während noch die Schwerter klirrten rief Turdir plötzlich, so dass Gurtor es hören musste: "Lass uns aufhören, ich kann nicht mehr."
Doch Gurtor hörte nicht auf. Im Gegenteil, er verschnellerte seine Bewegungen nur noch, und schien wie von Sinnen zu sein.
"Was machst du denn, hör sofort auf", schrie Turdir nun etwas entsetzt, aber Gurtor reagierte noch immer nicht.
Gurtor hackte immer noch unerbittlich auf Turdir ein, und der versuchte sich verzweifelt zu verteidigen.
"Bist du verrückt, willst du mich umbringen?" rief er weiter und versuchte, sich mit seinem Schwert gegen die Angriffe zu verteidigen. Noch immer war keine Reaktion von Gurtor zu vernehmen, er schien überhaupt nicht zu hören, was Turdir rief.
"Bitte Gurtor, ich kann nicht mehr", flehte Turdir, und war nun völlig außer Atem.
Gurtors Schwert stieß noch immer klirrend aus Turdirs herab. Es dauerte nicht mehr lange, da wich Turdir einen Schritt zurück und ihm fiel sein Schwert aus der Hand. Gurtor drehte sich mit einem schnellen Schritt, und ritzte einen tiefen Schnitt in Turdirs Schulterblatt. Der Junge ging keuchend zu Boden, und Gurtor stand nun, ebenfalls etwas außer Atem, und mit einem triumpiehrenden Lächeln vor ihm.
"Verdammt Gurtor, was soll denn das?"
"Ich entscheide, wann der Kampf zu Ende ist", antwortete der spitzgesichtige Junge.
"Du hättest mich beinahe getötet! Und sieh dir das an", er deutete auf den Schnitt, den Gurtor ihm zugefügt hatte.
"Na und? Wen hätts denn gestört", gab er mit uninteressiert zurück.
Turdir sah fassungslos aus, und er rang darum, einen klaren Kopf zu behalten.
"Du bist ein ganz fieses..."
Gurtor drehte sich noch einmal um, und hielt ihm sein Schwert bedrohlich vor das Gesicht. "Was bin ich?"
Turdir schluckte schwer, und schwieg.
"Das will ich meinen, überleg dir gut, was du tust, mein lieber", sagte er drohend zu Turdir, der immer noch schweigend auf ihn starrte.
Plötzlich kam einer der Jungen, der sich zusammen mit den anderen auf zu Gordir gemacht hatte, zurück und tuschelte mit Gurtor. Gurtor lachte daraufhin so gehässig, dass Aragorn sich fragte, ob das wirklich die Lache eines jungen Mannes war. Der Junge veschwand wieder, und Gurtor kam fröhlich zu Aragorn rübergelaufen. Turdir hatte sich wankend wieder zurückgezogen und sich völlig erschöpft ins Gras gelegt.
"Na König, wie gehts uns denn", wurde Aragorn angesprochen. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Gurtor gleich fort: "Ich habe soeben Anweisungen von Gordir, unserem Anführer, erhalten." Dann machte er eine Pause und sagte mit einem fiesen Lächeln: "Ich soll deine Frau und deinen Sohn töten!"
Aragorn gefrohr das Blut in den Adern, er war für einen Moment nicht fähig sich zu bewegen. Er starrte nur auf Gurtor und hatte das Gefühl, man würde ihm eisiges Wasser über den Rücken gießen. Gurtor sah ihn an, und freute sich, sein erschrecktes Gesicht zu betrachten. Dann lachte er wieder. "Nein, mein lieber, das war nur ein Scherz , ich konnte nicht widerstehen."
Aragorn brachte keinen Ton heraus, er starrte immer noch auf Gurtor.
"Nun komm schon, hast du als König etwa keinen Sinn für Humor?
Gordir lässt ausrichten, dass er sich freut, wenn der König von Gondor tatsächlich unserem Bund beitreten will. Er hat sich eine Prüfung für dich ausgedacht, durch die du beweisen kannst, dass du es wirklich ernst meinst."
Aragorn schluckte, langsam kehrten seine Gedanken wieder zurück, und der Schock wich aus seinen Adern. "Was soll ich tun?"
"Ich muss dich warnen, nur wenn du wirklich überzeugt bist, kannst du diese Prüfung bestehen. Mir gefällt sie."
"Was soll ich tun?" wiederholte Aragorn noch einmal.
"Gordir ließ dich bei deinem Fest zur Geburt deines Sohnes beobachten. Er weiß von deinen Freunden, Aragorn.
Und wie er weiter herausgefunden hat, scheinst du eine tiefe Freundschaft zu einem Elben namens Legolas zu haben, der im Moment in einem Suchtrupp ist und nach diesem Hobbit sucht, der sich ja gerade bei uns ein wenig die Zeit vertreibt."
Aragorn sah den Jungen an und versuchte seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Was hatte er vor?
"Die Prüfung ist ganz einfach. Töte diesen Elb und du bist bei uns."
Aragorn stand jetzt auf und versuchte seine Ruhe zu wahren. "Warum? Was soll das beweisen?"
"Na, na, König, nicht so erschrocken, du bist doch ein Mann von Ehre und unerschütterlich, oder?" Gurtor grinste, er hatte unheimlichen Spaß. Aragorn hingegen versuchte seine Bemerkungen zu ignorieren, und sah ihn nur auffordernd an.
"Es dürfte nicht schwer werden für dich diesen Legolas zu töten, denn er ist gegen den dunklen Herrn. Wenn du wirklich ein Mitglied von uns werden willst, dann entsage deinen alten Freunden, die gegen uns sind. Du wirst neue bekommen. Töte ihn!"
Aragorn sagte nichts, er nickte nur. Es hatte keinen Sinn, sich gegen diese Prüfung zu wehren, sie hatten sie sorgfältig ausgewählt, und wenn er die Ermordung seiner Familie verhindern wollte, musste er es tun. Zumindest musste er vorgeben, es zu tun. Denn Legolas zu töten kam für ihn nicht in Frage, dazu war er nicht fähig, und würde es auch nie sein. Er wollte es auch nicht sein, ganz gleich, was geschehen würde. Er musste sich etwas anderes überlegen.
"Wirst du es tun? Wir wollen aber zusehen, damit wir ganz sicher gehen können, dass du uns nicht nur was vormachst," sagte Gurtor.
"Ja", sagte Aragorn und versuchte, möglichst entschlossen zu klingen. Er hatte schon befürchtet, dass so ein Einwand kommen könnte, aber was sollte er tun?
"Sehr gut, dann kannst du dich ja gleich aufmachen, und den Elb suchen. Wenn du ihn gefunden hast, kommst du hierher zurück und erstattest Bericht. Deine Familie wird natürlich vorerst bei uns bleiben, und wenn du deine Prüfung erfolgreich beendet hast, dann dürfen die beiden hingehen wohin sie wollen, und du darfst dich freuen, zu uns zu gehören."
"Gut, aber meiner Familie darf nichts geschehen."
"Nein, natürlich nicht, sehe ich so aus, als würde ich etwas anderes vorhaben?"
Aragorn schwieg, er konnte seiner Entrüstung jetzt keinen freien Lauf lassen. Dieser Junge war mehr als abstoßend.
"Geh jetzt und such ihn, je schneller du bist, desto schneller ist auch deine Familie wieder auf freiem Fuß."
Aragorn nickte, und verschwand dann schnell zwischen den Bäumen.
Sie waren verschwunden und hatten sie nicht bemerkt. Während Bergil ihn geduldig Schritt für Schritt weiter trug, schluchzte Frodo und es zerriß Bergil das Herz.
Toron sah die beiden an. Obwohl Bergil wußte, daß Toron erwarten mußte, daß er Frodo zur Ruhe rief, tat Bergil nichts dergleichen, denn er brachte es nicht übers Herz. Er wußte, wie der Hobbit sich fühlen mußte und er strich Frodo tröstend über die Hand.
Frodo zitterte am ganzen Leib und murmelte immer wieder Nein...
Bergil drückte schließlich seine Hand und sah ihn mitfühlend an.
Was es doch falsch gewesen, es nicht zu versuchen?
Toron unternahm den Versuch, in Bergils versteinertem Gesicht etwas zu lesen, aber der Junge verstand es, seine Gedanken zu verbergen.
Lange wollte Frodo sich nicht beruhigen, seine Welt brach zusammen und obwohl er nicht allein war, fühlte er sich verloren.
Bergil konnte diese Hoffnungslosigkeit nur zu gut nachfühlen, denn er was völlig ratlos, murmelte aber schließlich leise: Im non at cen. (Ich bin bei dir.)
Frodos kalte Hände krallten sich an ihm fest und Bergil hörte ihn flüstern: Im gerich guruthos... (Ich habe Todesangst...)
Sedho. Garo estel! (Sei ruhig. Hab Hoffnung!)
Toron gab vor, nicht zuzuhören, aber er lauschte die ganze Zeit aufmerksam, denn er wollte jetzt wissen, ob er sich getäuscht hatte oder ob die beiden sich wirklich kannten und etwas ausheckten. Bergil merkte nicht, wie Toron still für sich mitübersetzte und fieberhaft überlegte.
Bergil war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft.
Er mußte weg. Er mußte in ständiger Fluchtbereitschaft sein, aber ebenso durfte er auf der anderen Seite nicht zuviel riskieren, um Frodo zu retten.
Bergils Schultern wurden schwer und schmerzten, aber er konnte nichts daran ändern. Er war froh, daß er und besonders Frodo im Moment ihre Ruhe hatten und schließlich verließen sie den Wald, während Bergil unauffällig versuchte, die Last auf seinen Schultern zu verlagern.
In einiger Entfernung von der Stadt marschierten sie entlang des Anduin gen Norden, bis sie in ein hügeliges und baumbestandenes Gebiet gelangten. Die Dämmerung brach herein und sehr zu Bergils Erleichterung rief Gordir eine Pause mit anschließender Nachtruhe aus.
Vor einem Gebüsch ging Bergil in die Knie und legte Frodo so sanft wie möglich auf den Boden. Frodo setzte sich aufrecht neben Bergil und Toron vertrat sich in der Nähe die Füße, als Gordir zu Bergil und Frodo kam.
Schwierigkeiten? fragte er und Bergil schüttelte den Kopf.
Er hat überhaupt nichts getan, nur liegt er mir seit Stunden in den Ohren, daß er Durst hat!
Der Hobbit sah ihn dankbar an, während Gordir tatsächlich Wasser holte und Bergil die Flasche reichte.
Auch für dich. Gleich gibts außerdem für dich was zu essen!
Bergil nickte freundlich und Frodo entspannte sich wieder. Dann wandte Bergil sich dem Hobbit zu und hielt ihm die Flasche an den Mund, um ihn trinken zu lassen.
Als er selbst dann auch seinen Durst stillte, sagte Frodo: Le nach ulin mae. (Du bist so freundlich.)
Bergil erwiderte nichts, aber Frodos Lebensgeister kehrten langsam zurück und da Toron nicht in der Nähe war, traute er sich, mit Bergil zu sprechen.
Bergil, ma lavo nin eriol. Sain degithar nin. Anno, nin tulu! (Bergil, laß mich nicht allein. Sie werden mich umbringen. Bitte, hilf mir!)
Bergil nickte und sah ihn lange an, dann sagte er: Sain nar faeg a gor. (Sie sind böse und dämonisch.)
Daraufhin senkte Frodo resignierend den Kopf und murmelte: Aniron sain leithiathar nin. (Ich wünschte, sie ließen mich frei.)
Seufzend richtete Bergil den Blick gen Himmel und schaute dann zu den anderen. Frodo legte sich auf den Boden und Bergil wollte ihn so gern tröstend in den Arm nehmen, als er sagte: Im ringon. (Ich friere.)
Bergil zog die Beine an und antwortete: Losto, Frodo. Im le beriathon. (Schlaf, Frodo. Ich werde dich beschützen.)
Plötzlich wurde er aufgeschreckt durch ein Rascheln im Gebüsch hinter ihnen und er drehte sich um. In einem Meter Entfernung tauchte Torons Kopf über den Zweigen auf und er sagte: Peleth na hal lathar aen. (Die Gefahr ist groß, belauscht zu werden.)
Entsetzen zeigte sich in Bergils Gesicht und auch Frodo wurde bleich. Jetzt war es aus.
Wie hast du... begann Bergil mit zitternder Stimme und ging in Fluchtstellung, aber Toron hob beschwichtigend die Hand, kam hervor und wollte sich neben Frodo setzen, aber das wollte Bergil so ohne weiteres nicht zulassen und zog kurzerhand sein Schwert, um Frodo zu schützen.
Sie waren aufgeflogen, er wollte nicht, daß Frodo etwas passierte und er zog sein Schwert schnell und mit zitternder Hand, so daß er noch nicht einmal die Chance hatte, auf Toron zu zielen, sondern es sofort wieder verlor.
Scheppernd landete es vor Toron und er hob es auf, während die anderen aufmerksam wurden und zu ihnen sahen.
He, was macht ihr da? Was soll das?
Der Neue spielt mit seinem Schwert rum! Er greift Toron an!
Fünf Jungs sammelten sich um Toron und Bergil, Frodo duckte sich und Toron schüttelte beschwichtigend den Kopf.
Ihr seid ja bescheuert. Er hat mich nicht angegriffen! Er wollte es mir nur zeigen! erklärte Toron und warf einen Blick auf das Schwert, bevor er es Bergil zurückgab und sagte: Wirklich schön, das muß ich sagen. Bitte, hier hast du es.
Bergil nahm das Schwert staunend zurück, die Jungs verzogen sich wieder und Toron fragte: Jetzt überzeugt? Ich hätte dich auflaufen lassen können, dann wäre es jetzt alles vorbei!
Bergil nickte. Ich sehe es. Aber wie hast du...
Ihr wart sehr unvorsichtig. Es war bei weitem zu laut und da ich selbst Sindarin spreche, war es für mich ein Kinderspiel, euch auf die Schliche zu kommen. Aber habt keine Angst, ich bin auf eurer Seite.
Wie... fragte Frodo und Toron holte tief Luft.
Als ich euch das erste Mal sprechen hörte, wurde ich aufmerksam und habe euch seitdem belauscht. Es war clever, das gebe ich zu, denn Sindarin beherrscht nicht jeder. Ich habe gemerkt, daß ihr euch kennt, nur mußte ich den Rest erraten, zumindest über dich, Bergil. Du hast schließlich gelogen.
Bergil wurde rot und Toron sprach weiter: Ich hoffe, ihr glaubt mir. Ich bin selbst nur hier, um auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Er ist etwa so alt wie du, Bergil und fanatischer Verfechter des Geheimbundes. Für ihn gibt es nichts besseres und er sieht nicht die Gefahren. Ich muß auf ihn achten, ich gebe nur vor, ein vorbildliches Mitglied zu sein. Von mir habt ihr keine Gefahr zu erwarten, höchtens Hilfe.
Frodo schüttelte sprachlos den Kopf. Wenn uns jemand anderes erwischt hätte...
Das hätte Bergil wohl kaum überlebt, fürchte ich, also seid in Zukunft vorsichtiger! Aber Bergil, verrate mir doch, wie du so plötzlich hierherkommst! Und woher kennt ihr euch?
Sie sahen sich um und paßten gut auf, daß niemand zuhörte. Bergil begann zu erzählen.
Im Ringkrieg habe ich einen der Hobbits kennengelernt mit Namen Pippin. Später kamen seine drei Freunde dazu, mit denen ich mich allesamt gut verstehe und wenn du dich an die Schlacht vor vier Jahren erinnerst... nicht nur mein Vater war in Schwierigkeiten. Auch meine Freunde.
Toron nickte. Die Verbindung habe ich nicht hergestellt, aber das erklärt einiges!
Nun und jetzt sind die Hobbits wieder nach Minas Tirith zum Fest gekommen. Wir ahnten alle nichts böses und ich lud sie noch ein, zu mir vors Stadttor zu kommen, denn ich wußte nicht, daß da Pläne geschmiedet wurden...
Betrübt schaute Bergil zu Boden und ballte die Hand zur Faust. Toron nickte verständnisvoll.
Stimmt, soweit ich weiß, haben die schon lange auf der Lauer gelegen. Zu mir ist es erst spät vorgedrungen, daß etwas großes geplant wurde und was es war, weiß ich erst seit gestern abend, sonst hätte ich es sofort dem König gemeldet. Aber es ist nunmal so, daß ich mich hier weitestgehend aus allem heraushalte.
Frodo ist mein Freund und ich war auf den Feldern, als ich Geschrei hörte und nur noch sah, wie Reiter davongaloppierten. Im Gras lag sein Freund Sam, brutal niedergeschlagen und Frodo war verschwunden. Frau Eowyn und die beiden anderen Hobbits kamen dann, aber es war zu spät und wir konnten nur noch Sam helfen. Ich bin fast wahnsinnig geworden, weil ich die Reiter als Verkünder erkannt habe und ahnte, daß sie etwas schlimmes vorhaben. Ich habe dem König Bericht erstattet und dann kam mir die Idee, daß ich mich hier einschleusen könnte, um Frodo zu helfen. Niemand anders konnte das und so habe ich den Plan in die Tat umgesetzt. Es war auch viel Glück dabei.
Toron lächelte. Jetzt verstehe ich. Aber ich kann mich nur wiederholen: Wir müssen uns in acht nehmen, denn wenn wir auffliegen, sind wir so gut wie tot!
Was sollen wir denn tun, Toron? Frodo muß hier schnellstens weg!
Statt einer Antwort sah Toron zu demjenigen, der zu ihnen trat mit Broten in der Hand.
Hier, eure Ration des Abendessens, erklärte er kurz und sah noch verächtlich auf Frodo hinab, der so tat, als ginge es ihm überhaupt nicht gut, aber tatsächlich vor Erwartungen bezüglich Toron zu platzen schien.
Zuerst drehte Bergil den anderen den Rücken zu und sagte zu Toron: Du hältst Wache, denn ich glaube nicht, daß das einer sehen sollte. Es ist doch in Ordnung, wenn...
Toron nickte und so teilte Bergil die beiden Portionen in drei auf und gab Frodo einen Teil des Brotes.
Danke, du bist so freundlich, Bergil... murmelte Frodo und begann ausgehungert, das Brot zu essen, während Bergil sich ein wenig vor ihm aufbaute, um ihn zu verstecken.
Währenddessen nahm er selbst nachdenklich einen Bissen und sah Toron an, der angestrengt überlegte.
Weder du noch ich können gehen, denn bis Hilfe da ist, ist die Gruppe weg, das Verschwinden fällt auf und wo das Ziel ist, weiß auch ich nicht genau. Das ist zwecklos...
Weglaufen funktioniert ebenfalls nicht. Wir müssen abwarten! Wie ist das mit Nachtwachen?
Toron schüttelte den Kopf. Ich weiß eines: Sie werden es auf keinen Fall zulassen, daß Frodo ihnen noch einmal entwischt. Wenn wir sein Leben retten wollen, dürfen wir es nicht gleichzeitig so in Gefahr bringen!
Das ist mir egal, mischte sich Frodo ein, ich will hier weg, egal wie. Bitte! Ihr müßt euch etwas überlegen!
Wir sind zuwenige. Genauso wäre es zwecklos gewesen, heute nachmittag den Suchtrupp aufmerksam zu machen. Bevor du hier rauskommst, töten sie dich lieber, glaube ich, murmelte Toron zu Frodo gewandt und der Hobbit seufzte.
Wie kommen die nur zu so etwas? Ich verstehe es nicht... sie sind so voller Haß...
Ein wenig neuen Mut schöpfte er zwar, aber er wußte, wie gefährlich die Situation wirklich war.
Wir überlegen uns etwas, Frodo. Hab keine Angst. Ich habe dem König versprochen, alles zu tun, was mir möglich ist und das werde ich auch tun! Ich werde es nicht zulassen, daß dir etwas geschieht! sagte Bergil entschlossen und Toron nickte.
Gut. Ab jetzt passe ich mit auf und wenn sich irgendeine Chance zur Flucht bietet, nutzen wir sie!
Unvermittelt fragte Frodo: Was ist eigentlich mit Sam passiert, Bergil? Ich hatte solche Angst, daß er tot sein könnte...
Er war nur verletzt, nichts weiter. Als ich bei ihm ankam, sah ich das Blut am Kopf und er war bewußtlos. Sein Arm ist gebrochen beim Fall, vermute ich und Frau Eowyn hat ihn in die Häuser der Heilung gebracht. Da ist er jetzt noch. Inzwischen ist er auch schon wachgeworden und macht sich große Sorgen, genau wie alle anderen. Herr Faramir, der Elb und der Zwerg sind mit Merry und Pippin unterwegs und suchen das Versteck, mein Vater sucht mit Männern das Hauptquartier und ich sitze jetzt hier und weiß nicht, was ich tun soll, außer auf dich aufpassen, Frodo.
Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, daß mich jemand rechtzeitig findet, es war so schrecklich... ich habe niemanden kennengelernt, der so grausam ist wie sie es sind... sagte Frodo leise und traurig. Ich hatte eine Angst wie noch nie zuvor. Wenn ihr nicht hier wärt, ich wüßte nicht, was mit mir geschähe!
Morgen trage ich dich, wenn du bis dahin nicht selbst laufen kannst und wir passen auf, daß dir niemand zu nahe kommt. Das wird uns nicht immer gelingen, aber wir sind bei dir und beschützen dich! sagte Toron und fügte hinzu: Schlaf du ein wenig, wir halten Wache. Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten.
Schließlich legte Frodo sich tatsächlich hin und war auch bald eingeschlafen. Bergils Blicke ruhten auf seinem kleinen Freund und plötzlich wurde er aufmerksam. Durch Frodos zerrissenes Hemd sah er etwas Seltsames und knöpfte es schließlich ein Stück weit auf. Überall hatte er blaue Flecken, über den Rippen und dem ganzen Oberkörper verteilt.
Toron nickte und murmelte: Sie kennen keine Gnade. Ich war die ganze Zeit im Versteck gestern und habe gesehen, was sie mit ihm angestellt haben. Es war schrecklich, so machtlos zu sein und ihm nicht helfen zu können. Es hat ihnen regelrecht Spaß gemacht, ihn zu quälen und das war noch harmlos. Wir müssen dringend eine Lösung finden, bevor wir das Hauptquartier erreichen!
Daß sie verrückt sind, habe ich selbst schon gemerkt. Wahnsinnig sind sie. Ich war geschockt von dem Ritual, aber dann wurde mir klar, was Frodo bevorsteht und ich habe alles daran gesetzt, ihn zu finden, um ihm zu helfen. Nur habe ich mir nicht überlegt, was ich dann tun sollte, denn allein ist das schwierig...
Wir finden einen Weg. Toron gab sich zuversichtlich, aber Bergil wußte, daß das geheuchelt war.
Frodo schlief tief und fest, er hatte sich seitlich zusammengerollt und den Kopf auf seine gefesselten Hände gelegt. Dieser Anblick machte Bergil wütend, er konnte nicht verstehen, wie man es sich zum erklärten Ziel machen konnte, jemanden so zu quälen.
Während er und Toron schweigend beieinandersaßen und jeder seinen Gedanken nachhing, wurden sie beobachtet. Gordir hatte sehr wohl bemerkt, daß irgendwas faul war, Bergils Verhalten war ihm aufgefallen, aber noch konnte er es nicht einordnen.
Er besprach sich mit Ortherion und schließlich stand er auf, als Bergil sich zum Schlafen hingelegt hatte und Toron wachend danebensaß. Mit ihm wollte Gordir sprechen.
Und, was war heute los? Erzähl doch mal. Ich kann mir schlecht vorstellen, daß es gar keine Schwierigkeiten gab! begann Gordir und sah Toron mit seinen finsteren Augen an.
Der Halbling war ganz friedlich, das kann ich nur bestätigen. Er hat viel gejammert, als seine Freunde vorbeikamen, aber Bergil hat ihn davon abgehalten, zu schreien. Wir brauchten gar nicht viel zu drohen, er ist auch so schon ruhig!
Wirklich? Aber ich lasse dich morgen ablösen, dann kann jemand anders Wache schieben.
Das ist nicht nötig... wirklich nicht... murmelte Toron und wurde nervös. Alles, bloß das nicht...
Nein? Aber mir ist zu Ohren gekommen, daß noch mehr Suchtrupps unterwegs sind. Jemand wird dir also helfen, Wache zu halten.
Toron fügte sich und nickte unwillig. Er hatte keine Wahl.