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Ein kleiner Hobbit


„Bucca!“ Raedwald vom Bruch war normalerweise ein geduldiger Hobbit, es schien jetzt sehr dringend zu sein. „Bucca!“

„Was ist, Vater?“

„Komm sofort her!“

Im hinteren Teil der Hobbithöhle schlugen Türen, und ein junger, noch nicht allzu beleibter Hobbit erschien im Wohnzimmer. „Was ist denn los?“

„Wie lange gehst du eigentlich hier schon zur Schule?“

„Seit neun Jahren. Wieso fragst du?“

„Weil ich finde, daß du so langsam auf eigenen Füßen stehen solltest. In der letzten Zeit häufen sich die Beschwerden deiner Lehrer. Du bist zu oft unaufmerksam und vertreibst deine Zeit miß Späßen, anstatt zu lernen.“

„Die Lehrer haben in der letzten Zeit nichts Neues mehr für mich.“

„Das sagen sie auch. Außerdem werden wir alle nicht jünger, und es wird Zeit, daß du erwachsen wirst. In deinem Alter habe ich schon am Königshof gedient!“

„Deine Jugend war ja auch viel bewegter als meine“ entgegnete Bucca. „Du hattest in einem Alter schon Abenteuer erlebt, in dem ich noch nicht mal alleine auf die Straße durfte. Mutter macht ja heute noch ein Drama draus, wenn ich meine Freunde drüben in Tukhang besuchen will. Und da wäre ich am selben Tag noch zurück.“

„Deine Mutter macht sich eben Sorgen um dich“ meinte Raedwald. „Aber ich finde, ein Hobbit von fünfzehn Jahren, der du nun fast bist, sollte jetzt schon selbständiger werden. Immerhin bist du einer vom Bruch und damit fast ein Tuk, und überdies bist du der Sohn vom Statthalter des Königs, und eines Tages wirst du den Pflichten nachkommen müssen, die jetzt meine Tage bestimmen. Und ich finde, du mußt mehr über deine Vorfahren lernen.“

„Darüber konnten mir die Lehrer nichts erzählen. Fast kommt es mir so vor, als ob sie sich deswegen schämen müßten. Aber ob sie sich schämten, nichts über unsere Vorfahren zu wissen oder ob es mehr ihre Taten und Lebensweisen waren, weiß ich nicht.“

„Ich befürchte, es ist beides“ lachte Raedwald. „Die Leute schauen mich doch schon schief an, wenn ich im Auenland herumreise, und wehe, es geht nach Königsnorburg! Dann stehen die Mäuler nicht mehr still, und das Geschnatter geht über Monate. Das liegt nun mal daran, daß die meisten Hobbits mittlerweile sehr bodenständig geworden sind, aber früher war das einmal anders. Einstmals mußten sie weit reisen, um die Lande hier besiedeln zu können, aber das ist lange her und viele haben das vergessen. Jetzt glauben sie, es sei ihr gutes Recht, hier zu wohnen und sie haben vergessen, daß der König uns die Lande nur geliehen hat. Und sie murren, wenn der Zehnte abgeführt wird, aber wehe, es treiben sich Orks im Alten Wald herum! Dann ist das Geschrei und der Ruf nach dem König groß!“

„Ja, manchmal glaube ich, ein kleiner Orküberfall würde so manchem mal gut tun“ grinste Bucca. „Dann dürften diejenigen, die am lautesten über die Steuern murren wohl am lautesten den König preisen.“

„Ich glaube, da hast du recht. Obwohl ich mir keinen Orküberfall wünschen würde. Orks sind schon schlecht genug, wenn sie friedlich sind und weit weg sind. Ich muß die nicht wirklich hier haben.
Aber ich schweife ab: ich finde, du warst jetzt lange genug in der Schule, und es wird Zeit, Aufgaben zu übernehmen. Morgen breche ich zu einem Ritt nach Balgfurt auf, und du wirst mich begleiten. Dort treffen wir auf Gesandte des Königs, die uns seine Befehle übergeben. Wie steht es mit deinem Fechtunterricht?“

„Der Speerwurf klappt ganz gut, und das Bogenschießen macht richtig Spaß. Nur mit diesen Schwertern werde ich wohl nie richtig umgehen können.“

„Warte mal ab, wenn du an den Königshof kommst“ sagte Raedwald. „Die königlichen Fechtmeister werden dir schon so einiges zeigen, nicht nur im Schwertkampf. Dort wirst du einige Lektionen im frühen Aufstehen, langem Reiten und stundenlangem Fechten erhalten. Du bist dann kein Hobbitsöhnchen mehr, sondern ein Rekrut wie viele.“

„Wie immer führst du aufmunternde Reden“ lachte Bucca. „Erstens glaube ich nicht, daß ich jemals an den Königshof gerufen werde; ich wüßte nicht, wieso. Und zweitens wird es wohl nicht so schlimm sein, vor allem dann nicht, wenn kein Krieg ist.“

„Daß du dich da mal nicht täuschst. Immerhin bist du einer vom Bruch, und aus unserer Familie wurden die Söhne schon immer zum Königsdienst berufen. Und außerdem bist du der Sohn des Statthalters. Und was den Krieg angeht – wenn ich nur einem Zehntel der Gerüchte glauben will, die man so hört, dann wäre ich um jede Fechtstunde froh.“

Auch Bucca hatte von diesen und noch viel dunkleren Gerüchten gehört, und sie sprachen nicht mehr davon. Innerlich war ihm sowieso nicht mehr nach Sorgen zumute: endlich war er aus der immer langweiligeren Schule draußen, er durfte sogar seinen Vater auf einer seiner Reisen begleiten! Das klang nach Abenteuern. Abenteuer! Endlich selbst welche erleben, nicht mehr nur den Erzählungen anderer zuhören! Der junge Hobbit sehnte sich fast schon danach, sich aufs Pony zu schwingen und loszureiten. Endlich würde seine Mutter ihn nicht mehr zurückhalten können, wenn er zu seinen Freunden wollte. Hildegardis war zwar eine geborene Tuk, aber (seltsamerweise und völlig aus der Art schlagend) sie hielt nichts von Reisen oder gar Abenteuern. So etwas hält einen nur vom pünktlichen Essen ab und sorgt überdies für Unordnung im Haushalt. Nein, Abenteuer sind mehr als unschicklich für einen anständigen, ehrbaren Hobbit; und in diesem Sinne hatte sie versucht, Bucca zu erziehen. Aber das hatte das Verlangen in ihrem einzigen Sohn nur noch stärker werden lassen, und er sog jede Erzählung aus fernen Ländern in sich auf wie ein Schwamm. Immer wieder und wieder las er die Reiseberichte von Bucca I. vom Bruch (seinem Ur- Urgroßvater und eine Legende im Auenland) und ein Name ging ihm nicht aus dem Kopf: Gondor. Das mußte ein Land voller riesiger Berge sein, die von unheimlichen Spinnenwesen bewohnt waren, und außerdem war sein Vorfahr da Schiff gefahren. So etwas tut kein Hobbit, und allein deswegen stand der Name Gondor für Abenteuer. Bucca (er war der Dritte) liebte schon deswegen dieses Land. In Gedanken sah er sich schon die Südstraße entlangreitend.
Die Anweisungen seines Vaters rissen ihn jäh aus dem Tagträumen. Ja natürlich, Bucca mußte noch nach seinem Pony sehen, die Ausrüstung kontrollieren, die Taschen packen (Himmel, was nimmt man eigentlich alles auf eine Reise mit?) und die richtigen Karten aus der Bibliothek holen. Abenteuer bedurften offensichtlich einer genauesten Vorbereitung. Und so fügte der Junge sich in sein Schicksal und tat, wie ihm geheißen wurde.

Der nächste Morgen war ein grauer, ungemütlicher Herbsttag. Dunkle, tiefhängende Regenwolken fegten von Westen heran, der Wind pfiff durch die Gassen von Buckelstadt und trieb das welke Laub vor sich her. Regen peitschte ihnen ins Gesicht.
Sie schwangen sich früh morgens schon in den Sattel. Es wurde gerade erst hell, als sie die Stadt verließen, und Buccas Abenteuerlust hatte seinen Höhepunkt erreicht. Endlich waren sie unterwegs, und langsam begannen die Lande unbekannt zu werden. Und noch machte ihm das Regenwetter nichts aus.
Sie hatten die Straße nach Waldhof genommen, die direkt nach Osten führte. In Waldhof bogen sie auf einen schmalen Pfad ein, der mitten hinein in einen Wald führte. Der Pfad wurde immer steiler und der Wald immer dunkler, bis sie schließlich gezwungen waren, abzusteigen und ihre Ponies zu Fuß den Abhang hinunterzuführen.

„Wie weit ist es noch?“ fragte Bucca.

„Wenn wir Glück haben erreichen wir Balgfurt noch heute Abend“ entgegnete Raedwald. „Wenn wir Pech haben, müssen wir draußen schlafen.“

Natürlich hatte Raedwald das nicht ernst gemeint, aber in Bucca löste das Herzklopfen aus. Draußen übernachten! Das klang nach Abenteuer! Insgeheim hoffte er, sie würden den Pfad verfehlen, der sie durch die Marschen zur Stock-Straße führte. Aber Raedwald kannte den Weg, und der Pfad führte sie sicher durch die Moore, und gegen Nachmittag hatten sie Weidegrund erreicht. Jetzt hatten ihre Ponies wieder eine feste Straße unter den Hufen, und noch vor Sonnenuntergang hatten sie das alte Brückengasthaus zu Balgfurt erreicht. Es war ein einstöckiges, niedriges Gebäude (so wie Hobbits es mochten) und die Fenster der Gaststube zeigten zum Fluß. Mit weit aufgerissenen Augen bestaunte Bucca den großen, träge dahinfließenden Strom. Drüben, auf der anderen Seite rauschte der Wind durch unzählige Äste eines vor Dunkelheit fast schwarzen Waldes. Die Straße schien geradewegs in die Dunkelheit hineinzufühlen, und irgendwie hatte Bucca ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, da hineinzureiten.
Aber diese Prüfung blieb ihm vorerst erspart, und sie stiegen ab und führten ihre Ponies in den Hof des Gasthauses. Diener führten die Tiere in den Stall und die beiden Hobbits betraten die Gaststube. Drinnen war noch wenig los, denn es war erst früher Abend und die Stammkundschaft traf erst später ein, wenn das Tagwerk geschafft war. Der Wirt erwartete sie bereits und sie bezogen ihr Zimmer.
Das Zimmer war ungewöhnlich groß und geräumig, und Bucca staunte über die Höhe der Decke. Eine hohe Tür führte hinaus auf den Flur, durch den sie gekommen waren, und eine weitere führte in einen Salon, in dem weiche Sessel um einen runden Tisch aus Eichenholz standen. Ein Kaminfeuer verbreitete wohlige Wärme.

„Ich hoffe, es ist alles so, wie Euer Exzellenz das wünschen“ sagte der Wirt.

„Es ist vortrefflich“ antwortete Raedwald. „Gibt es Nachricht von den Gesandten des Königs? Wann werden sie hier erwartet?“

„Man sagt, sie werden noch heute Abend hier eintreffen“ sagte der Wirt. „Die Brückenwachen melden das Näherkommen prächtiger Ritter, die das Wappen des Königs tragen. Sie sind noch eine Stunde von hier entfernt.“

Der Wirt ging, und Raedwald wandte sich an Bucca. „Wenn die Herren kommen, so überlaß mir das Reden. Sprich nur, wenn du gefragt wirst, und antworte prompt und höflich! Und denke daran, daß sie den Umgang mit Hobbits nicht gewöhnt sind. Wahrscheinlich werden sie uns mit Fragen löchern und mit dem Essen noch warten; Menschen essen nur drei Mal am Tag! Also sei in dieser Hinsicht nachsichtig mit ihnen!“

Der Gedanke, seinen Magen noch stundenlang knurren zu hören machte Bucca mißmutig. Sie hatten auf ihrem Ritt nur eine Rast zur Mittagszeit eingelegt, und Bucca meinte, sein Magen würde wie ein Hund knurren. „Das ist doch nicht höflich“ dachte er und stahl sich davon. Zum Glück hatte er in seiner Tasche noch einen Apfel, den er rasch aß, dann ging er zu seinem Vater nach draußen. Dort erwarteten sie die Ankunft der Gesandten.

Zwei Menschen ritten mit gemäßigtem Tempo in den Hof. Diener eilten herbei und hielten ihre Pferde, während die Reiter sich aus dem Sattel schwangen. Die Begrüßung ging erfreulich rasch (schließlich regnete es immer noch) und sie gingen nach drinnen.
Bucca hatte vorsorglich noch ein paar Scheite auf das Kaminfeuer geworfen, und so war der Salon mollig warm. Die Menschen legten ihre Mäntel ab und sie setzten sich in die weichen, gemütlichen Sessel.

„Das also ist Euer Sohn Bucca“ sagte Menelgil, einer der Menschen.

„Ja, Bucca III“ antwortete Raedwald. „Er ist noch jung an Jahren und zum ersten Mal auf einer Reise dabei.“

„Irgendwann ist immer das erste Mal“ lachte der Mensch. „Aber es wird nicht lange dauern, schätze ich, dann wirst du eine noch viel weitere Reise antreten. Mit Sicherheit wird der König dich an den Hof rufen.“

„Und dann werde ich wahrscheinlich dein Ausbilder sein“ meinte Arador, der andere. „Laß dich nicht von irgendwelchen Horrorgeschichten erschrecken“ lachte er, als er Buccas erschrockenes Gesicht sah. Raedwald grinste. „Dein Vater war ja schließlich auch bei mir in Ausbildung“ grinste Arador, „und er hat einiges angestellt.“

Die vier lachten, und sie gingen zu dem über, weswegen sie gekommen waren. Der König hatte die neuen Steuern festgesetzt (sie waren nicht höher als sonst) und überdies erlassen, daß jede Provinz eine Landwehr aufzustellen habe. Raedwald brachte die strittigen Rechtsfälle vor, die das auenländische Landgericht nicht lösen konnte. Die Menschen nahmen die Klagerollen entgegen, um sie dem königlichen Reichsgericht zu überbringen.

Buccas feines Gehör trog ihn nicht, als er die Menschenmägen knurren hörte. „Verzeiht, Ihr Herren, aber wollt Ihr nicht eine Kleinigkeit zu Abend essen? Ihr seid weit geritten, und der Abend wird noch lang. Soll ich etwas holen?“

„Die Höflichkeit Eures Sohnes ist jedenfalls schon gut für den Königshof“ meinte Menelgil. „Aber mach´ dir keine Mühe, Herr Bucca! Wir haben beredet, was beredet werden mußte, und wenn Herr Raedwald damit einverstanden ist, werden wir zu Tisch gehen. Wir gehen doch in die Gaststube?“

„Wie Ihr wünscht“ antwortete Raedwald. „Ich muß nur den Wirt fragen, ob er uns einen Tisch freihält.“ Der Hobbit verließ den Raum.

„Vielleicht möchtet Ihr Euch ein wenig frisch machen“ sagte Bucca. „Legt Ihr Eure Rüstungen nicht zum Essen ab?“

„Normalerweise nicht“ sagte Arador. „Der König verlangt von uns sofortige Einsatzbereitschaft, und so wie wir sind gehen wir sogar bei Hofe zum Essen. Und wir sind erfrischt genug, uns unserem Hunger hinzugeben“ lachte er. „Aber wenn du am Hof bist wirst du merken, daß es keine allzu große Last ist, eine Rüstung am Leib zu tragen. Am Arm wiegt sie bedeutend mehr.“

„Ich weiß“ antwortete Bucca. „Mein Vater besteht darauf, daß ich ein wenig Fechtunterricht nehme, aber außer im Speerwurf und im Bogenschießen habe ich es noch nicht sehr weit gebracht. Aber einen Lederpanzer und einen Helm habe ich schon!“

„Das ist gut“ sagte Arador. „Viele Rekruten haben vorher noch nie einen Bogen in der Hand gehabt, geschweige denn andere Waffen. Und wenn ich deinen Worten richtig entnehme, daß du im Schwertfechten nicht so gut bist, dann möchte ich dir raten, damit bis zur Ausbildung am Hof zu warten. Wir haben da schon so einige Tricks auf Lager, die dein Fechtlehrer wahrscheinlich nicht kennt.“

Schließlich kam Raedwald wieder. Der Wirt meinte, es sei nicht allzu viel los, und es wäre kein Problem, in die Gaststube zu kommen. Die vier setzten sich an einen Tisch, der am Fenster zum Brandyweinfluß stand. Durch die Butzenglasscheiben konnte man nur verschwommen die Umrisse von Fluß und Wald wahrnehmen, aber die zunehmende Dunkelheit ließ die Welt in einem einzigen verschwommenen Schatten versinken.
Bucca staunte über die Menschen, die sich normales Bier kommen ließen. Menelgil meinte, sie hätten bei Hofe genug Wein, und das auenländische Bier wäre eine willkommene Abwechslung. Dazu gab es Salzstangen zu knabbern (lange, dünne, mit Salz bestreute Brotstangen) und die Menschen meinten, kein Bäcker der Dùnedain könnte so was machen. Zum Abendessen wählten die Menschen Schweinebraten mit Knödeln, Raedwald gönnte sich ein Hähnchen und Bucca bestellte Forelle blau. In Buckelstadt gab es so gut wie nie Fisch, und so war das für ihn etwas wirklich Neues. Aber eigentlich probierte jeder bei jedem, und die Menschen kapitulierten rasch vor den Segnungen der Hobbitküche, und sie fanden in Bucca einen willigen (und höflichen) Abnehmer von dem, was sie nicht mehr schafften, und so brauchte der Wirt nicht beleidigt zu spielen, als sie fertig waren: alle Teller waren leergegessen. Zum Nachtisch gab es eine Himbeertorte mit viel Sahne. Menelgil meinte, ohne seine Rüstung wäre er schon geplatzt.

„Ja, die auenländische Gastfreundschaft ist legendär“ grinste Arador. „Selbst die Elben von Bruchtal müssen da zurückstehen. Aber es freut mich jedes Mal, hier zu sein.“

Den Menschen war es jetzt mehr nach Unterhaltung statt nach Bettruhe, und Bucca mußte seine Sangeskünste unter Beweis stellen. Andere Hobbits kamen mit Musikinstrumenten an den Nachbartisch, und so improvisierten sie einen Liederabend. Viele Hobbitlieder waren den Menschen bekannt, und so sangen und tanzten (und tranken) sie bis tief in die Nacht.

Aber auch der schönste Abend hatte irgendwann sein Ende, und sie sanken ermattet in ihre Betten. Raedwald hatte mit den Menschen ausgemacht, den nächsten Morgen nicht allzu früh beginnen zu wollen; schließlich hatten sie ja alles Wichtige bereits besprochen.
Bucca lag noch lange wach und betrachtete die im Dunkel der Nacht versunkene Welt. Der Westwind blies noch immer regenschwere Wolken vor sich her, aber ab und zu schimmerte ein Stern durch eine Wolkenlücke. Der Wind fuhr rauschend durch die Zweige des nahen Waldes, und das Wasser des Flusses murmelte wie eh und je. Irgendwo in der Ferne rief eine Eule. Frieden lag über diesem abgeschiedenen Winkel in Mittelerde. Bucca dachte noch ein wenig an die Abenteuer, von denen die Ritter erzählt hatten und an seinen Ritt, und darüber schlief er ein.
Der nächste Tag begann in der Tat später als sonst, und da es noch immer in Strömen regnete dachte noch keiner an die Rückreise. Die Menschen besprachen mit Raedwald irgendwelche wichtigen Dinge, die Bucca nur halb verstand. Der Hobbit blickte aus dem Fenster, und er wunderte sich, wie viele Abenteuer hinter diesem dunklen und dräuenden Wald wohl auf denjenigen warten würden, der den Mut hatte, sich ihnen zu stellen.
So verging ein langweiliger, regnerischer Tag, und dieser Abend wurde im Vergleich zum vorherigen eher kurz. Arador und Menelgil wollten am nächsten Morgen früh aufbrechen, denn sie wurden am Königshof bereits wieder erwartet. Raedwald war ebenfalls der Ansicht, bald wieder nach Hause kommen zu wollen.

„Hildegardis wird auf uns warten, Bucca“ sagte er. „Du weißt ja, daß sie nichts von Abenteuern hält, und selbst längere Reisen sind ihr suspekt. Aber manchmal hat man eben Pflichten, die einen dazu zwingen.“

Bucca gefiel der Gedanke an eine baldige Heimreise überhaupt nicht, aber es half nichts. Noch war er (nach Hobbitmaßstäben) sehr jung, gerade mal sechzehn Jahre alt, und sein Vater war der Meinung, daß er jetzt genug erlebt habe und dies erst einmal verarbeiten müsse. Raedwald lächelte, als er an seine eigene Jugend dachte. In diesem Alter war er schon zum Königshof berufen worden, denn damals lag Arnor im Krieg mit dem Reich des Hexenkönigs, und die Dùnedain hatten damals alle Kräfte mobilisiert. Er fand, er war damals viel zu früh aus seiner Kindheit gerissen worden, als er als Knappe keine drei Wochen nach der Musterung schon (ziemlich weit hinten) in den Schlachtreihen stand, und nach diesem Erlebnis legte er keinen Wert darauf, zum Ritter geschlagen zu werden, und als der Krieg vorbei war ging er zurück ins Auenland.
Natürlich war er seither noch einige Male in Königsnorburg und in Fornost gewesen, aber als Statthalter des Königs mußte er selbst keine Kriegspflichten mehr in den ewigen Scharmützeln an der Nordgrenze mehr erbringen. Raedwald fiel jedes Mal von neuem auf, wie sehr die alten Städte der Dùnedain in Verfall gerieten, und der Verfall schritt von Jahr zu Jahr fort. Er schätzte, daß höchstens die Hälfte der Häuser noch bewohnt waren, und selbst im Königspalast gab es einige Nebengebäude, denen der Zahn der Zeit arg zugesetzt hatte. Tief in seinem Herzen wußte Raedwald, daß die große Zeit der Menschen, die dereinst über das Meer gekommen waren vorüber war und früher oder später würde das Nördliche Königreich am immer zunehmenden Druck der Feinde zerbrechen.
Aber der Hauptgrund seines Zerfalls kam aus dem Inneren von Arnor: der letzte König hatte drei Söhne, von denen jeder Anspruch auf die Königswürde erhob. Der älteste Sohn Aragarth war zwar nach alter Sitte der Kronprinz gewesen, aber hinter vorgehaltener Hand tuschelte man, er sei verblödet und deshalb vom Kronrat abgelehnt worden. So hatte der zweite Sohn Arvedui Krone und Szepter erhalten, aber auch der jüngste der drei, Anborn erhob Anspruch darauf. Der war zum Statthalter der Ostprovinz ernannt worden, und dort herrschte er wie ein eigener König in einem eigenen Reich, und das Wort aus Königsnorburg galt nicht viel. Lediglich ein Überfall der Orks, bei dem der alte Wachturm vom Amon Sûl zerstört wurde hatte die Teilung Arnors noch verhindert, aber Raedwald war im Zweifel, ob dies noch lange verhindert werden konnte. Anborn galt als machtgierig, und obwohl er es nicht wagte, dem König Truppen zu verweigern, so sandte er sie doch sehr spät an die Nordgrenze, um seinen Bruder damit zu schwächen und eines Tages vielleicht vom Thron stoßen zu können.
Arador und Menelgil hatten Ähnliches berichtet, und eines der Anliegen des Königs war es, von den Hobbits Waffenhilfe zu erbitten. Hobbits sind zwar keine geborenen Krieger und (meistens) alles andere als händelsüchtig, aber dennoch können sie, wenn sie zornig sind mit einem Ingrimm kämpfen, der die Großen Leute jedes Mal überrascht. Raedwald mußte den Menschen zu seinem Bedauern mitteilen, kaum genug Leute zu haben, um die Südgrenze zu bewachen, aber er sicherte ihnen zu, mehr Hobbits an den Waffen auszubilden. Gerüchte über einen neuen Krieg machten selbst im friedlichen Auenland die Runde, und es war nicht unwahrscheinlich, daß dies der letzte Krieg der Dùnedain werden könnte. Raedwald wußte, daß die Hobbits dann auf sich selbst gestellt wären.
Trotzdem wollte er Bucca noch nicht an den Königshof schicken. Raedwald war der Ansicht, er sollte zuerst noch ein wenig Training im Reiten, Bogenschießen und Speerwerfen erhalten, denn die Ausbildung der Rekruten ging in Arnor von Jahr zu Jahr schneller, und Raedwald hatte den Verdacht, sie war bei weitem nicht mehr so gründlich wie früher.



Jahre später

Trotz aller Kriegsängste war das Leben im Norden Mittelerdes seinen üblichen Gang gegangen, und trotz aller Gerüchte war das Leben friedlich geblieben. Raedwald hatte seinen Sohn allmählich an ein Leben als Hochgestellter gewöhnt, und Bucca hatte jetzt viele Pflichten zu erfüllen. Er war jetzt zu einem stattlichen, jungen Hobbit herangewachsen, und obwohl er noch immer weit davon entfernt war, jährig zu werden (was erst mit dreiunddreißig der Fall ist, und Bucca war gerade zwanzig) erschien er vielen doch als reifer als die meisten seiner Altersgenossen. Oft war er es, der Versammlungen abhielt oder im Namen des Königs Recht sprach, und so war er eine echte Entlastung für seinen Vater.
Raedwald nutzte die gewonnene Zeit mit dem Aufbau einer Hobbit- Landwehr, die über das ganze Land verteilt war. In jedem Ort gab es ein Zeughaus, in dem Waffen und Ausrüstung lagerte, die im Falle des Falles an die Bevölkerung ausgegeben werden konnten. Trotz des anhaltenden Friedens wuchs in Raedwald ein Gefühl der Unrast, das auch auf seinen Sohn übergriff, und beide sammelten Nachrichten über das, was draußen vor sich ging.
Natürlich schüttelten die „normalen“ Hobbits darüber den Kopf und redeten sich die Mäuler fusselig. Viele waren der Ansicht, ein Leben in Frieden und Freiheit sei das Anrecht all derer, die fleißig ihre Felder bestellten und sich aus allen Händeln heraushielten. Daß es nur einen Feind brauchte, um einen Krieg vom Zaun zu brechen, dieser Gedanke kam ihnen nicht.
Noch etwas beschäftigte den jungen Bucca: seine Vorfahren, die den gleichen Namen getragen hatten. Wer waren sie, und was hatten sie alles getan und erlebt? Darüber gaben die Chroniken des Auenlands (die meistens von den reichen Ernten und rauschenden Festen handelten) nur wenig her, und von den Aufzeichnungen von Arnor kannte er noch keine. Bucca beschloß, seinen Vater bei passender Gelegenheit zu befragen.

Es war wieder so einer der vielen, schönen Sommer gewesen, die typisch für das Auenland waren, und die Ernte war in vollem Gange. Raedwald nutzte diese Zeit immer für ein wenig Erholung, denn jetzt waren die Bauern beschäftigt und waren froh, wenn der Statthalter sie ihre Arbeit tun ließ. Außerdem mußte er mit Bucca reden, er hatte einen Brief vom König erhalten, in dem er aufgefordert wurde, bei nächster Gelegenheit seinen Sohn an den Hof zu entsenden.

Raedwald fand seinen Sohn in der Küche. Hildegardis war gerade bei den Nachbarn, eine gute Gelegenheit, mit Bucca über Dinge zu reden, die er tun mußte, auch wenn seine Mutter das nicht guthieß.

„Der König hat mir geschrieben“ sagte Raedwald.

„Und? Was will er von uns?“

„Er erinnert mich an meine Pflichten, und er schreibt davon, daß auch du welche hast. Er legt die Steuern fest und fordert wie immer den Zehnten von uns.“

„Und welche Pflichten meint er?“ fragte Bucca neugierig. „Welche Pflichten könnte ich denn wohl haben?“

„Es gibt eine Pflicht, der jeder Sohn eines Hochgestellten nachkommen muß: dem Dienst an den Waffen. Du sollst dich bis spätestens zum Frühjahr bei Hofe einfinden. Dort wird man dich dann in die hohe Kriegskunst einweisen, dich ausrüsten und dich auch ordentlich schleifen, und wenn du dich dann bewährt hast und es willst, dann kannst du sogar zum Ritter gemacht werden.“

Bucca fühlte, wie seine lange verschüttete Abenteuerlust in ihm erwachte. „Nun, wenn es kein Drumherumkommen gibt, dann sollte ich wohl am besten bald aufbrechen. Mutter wird wohl nicht begeistert sein, aber diesen Pflichten muß ich wohl nachkommen.“

„Sie wird es wirklich nicht sein“ lachte Raedwald. „Aber zumindest ich werde wohl nach Königsnorburg mitkommen. Dort gibt es immer etwas zu bereden, und ich versuche so lange wie es noch geht den König davon abzuhalten, Truppen im Auenland auszuheben. Sein Bruder Anborn ist der Statthalter im Osten, aber er will die Krone selbst haben und hält seine Truppen so lange zurück wie es nur geht. Und Arnor hat nicht mehr viele Verbündete, die ihm zu Hilfe kommen. Die Elben von Bruchtal sind nicht streitlustig, heißt es und sie begnügen sich damit, ihr eigenes Land zu beschützen. Und die Zwerge halten sich aus allen Kriegen heraus, außer als Waffenhändler, sagt man. Sei also vorsichtig mit dem, was du bei Hofe sagst.“

„Sicher wird man mich nach dem Auenland befragen“ entgegnete Bucca. „Sie werden wissen wollen, ob wir eine Streitmacht haben, wenn die Lage so verzweifelt ist. Und außerdem werden sie wissen wollen, wer ich bin und woher ich komme.“

„Du kannst ihnen ruhig sagen, daß wir außer den Grenzwachen keine Streitmacht haben. Von der Landwehr sage nichts. Die Hobbits sollen sich verteidigen können und keine Kriege führen. Und es sind Bauern, die ihre Felder bestellen müssen und Handwerker, die ihrer Tätigkeit nachkommen müssen, und davon profitiert nicht nur der König.
Woher du kommst: der Familienname vom Bruch ist bei Hofe wohlbekannt, und der Name Bucca vom Bruch hat einen guten Klang dort. Hier im Auenland spricht man nicht mehr häufig davon, aber dein Ur- Urgroßvater hat die Starren aus ihren Ländern weit im Süden hierher ins Auenland geholt, und das war gerade rechtzeitig vor der Großen Pest, in der viele Bewohner Mittelerdes umkamen. Außerdem war Bucca I. ein Ritter am Hofe von Arnor, und das ist etwas, was nachher kein Hobbit mehr geschafft hat. Entweder wollten sie die Ritterwürde nicht (so wie ich) weil ihre Pflichten einen zu oft zu weit weg von zu Hause führen, oder man war der Meinung, sie würden einem Leben als Ritter nicht gewachsen sein. Es ist also keine Schande, wenn du das nicht schaffen solltest (oder wolltest).“

„Ich glaube wirklich nicht, irgendwann einmal ein Ritter zu werden“ lachte Bucca. „Allein den Gedanken daran finde ich schon lustig.“

„Ich nicht. Bucca, ich kenne deine Abenteuerlust. Laß dir eines als Warnung gesagt sein: nicht viele von denen, die in der Schlacht in der ersten Reihe stehen kommen lebend da heraus. Ich kenne zwar ein paar und du wirst sie auch kennen lernen die das geschafft haben, aber sie sollten nicht dein Vorbild sein. Manchmal ist es klüger, zurückzustehen und sich den Spott der anderen anzuhören als vorne mitzulaufen und zusammen mit den anderen zu fallen. So etwas habe ich viel zu oft schon erlebt.“

„In den Krieg ziehen muß nicht wirklich sein“ meinte Bucca nachdenklich. „Mir reichen schon die Erzählungen von Arador. Nein, eine richtig große Reise durch Mittelerde, ein Abenteuer mit Aussicht auf Rückkehr, das wäre es, was mich dazu reizen könnte, in Diensten des Königs zu bleiben. Aber ich glaube nicht, daß er dies zulassen wird.“

„Wer weiß? Man sagt, weit im Süden Mittelerdes gäbe es noch ein Königreich der Dùnedain und der König würde die Möglichkeit, von ihnen Hilfe zu erbitten nicht als abwegig ansehen. Und dein Ur- Urgroßvater war schon einmal da: Bucca I. war Mitglied einer Expedition nach Gondor, als er die Starren zum ersten Mal besuchte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dein Erscheinen am Hof als Zeichen gedeutet wird, eine solche Reise noch einmal anzugehen.“

„Wieso? Wieso ist mein Erscheinen ein Zeichen?“

„Ich sagte nicht, daß es das ist. Ich sagte, daß es das sein könnte. Die Dùnedain haben von Zeit zu Zeit Menschen in ihren Reihen, die die seltene Gabe besitzen, in die Zukunft blicken zu können. Einer dieser Menschen lebte vor langer Zeit, und er hinterließ diese Zeilen:

Der Hexenkönig wird wieder erwachen
Die Throne der Könige werden erschüttert
Dunkelheit liegt über den Herzen der Menschen
Krieg droht.
Da tritt Bucca der Halbling wieder hervor aus dem Westen
Reisen wird er in den Süden, so wie dereinst.
Mit Gold und Silber und Edelsteinen wird er wiederkommen
Und er wird das alte Bündnis erneuert haben.

Das ist nur ein Auszug aus dem Stabreim, den Daeros der Seher in der Stunde seines Todes im Sterbebett niederschrieb. König Artheleb II. überlieferte sie seinen Nachfahren. Und das war vor über dreihundert Jahren: Bucca I. war schon seit einigen Jahren tot und die Menschen wunderten sich über diese Botschaft, bis sie irgendwann in den Bibliotheken von Königsnorburg in Vergessenheit gerieten. Du warst noch keine fünf Jahre alt, als sie wiedergefunden wurden.“

„Dann hast du mich nicht nach Bucca I. benannt?“

„Nicht ganz. Bucca II. war dein Großvater, und er bestimmte, daß es die Tradition unserer Familie werden soll, daß der älteste Enkel des Großvaters seinen Namen tragen soll, und so wird es seither im Auenland gehalten. Und nicht zuletzt deswegen manche unter den Menschen von Arnor dein Kommen als Zeichen des Schicksals.“

„Meinst du nicht, sie übertreiben etwas?“ lachte Bucca. „Ausgerechnet ein Hobbit soll das Zeichen des Schicksals sein?“

„Ich fürchte, sie übertreiben nicht“ antwortete Raedwald ernst. „Was meinst du, wieso ausgerechnet ein Mitglied der Königsfamilie dich ausbilden soll?“

„Du meinst, Arador ist...“

„...der Neffe des Königs ist er“ sagte Raedwald. „Und ein enger Vertrauter überdies. Und wenn du mich fragst: deine für einen Hobbit höchst ungewöhnliche latente Abenteuerlust ist für mich schon Zeichen genug. Aber spotte nicht über die Menschen, die an Zeichen und Wahrsprüche glauben: númenórische Seher hatten schon immer ungewöhnliche Visionen, heißt es, und bislang traten sie immer irgendwann ein. Außerdem kennst auch du mittlerweile genug Gerüchte und Schauermärchen über Orks, die sich sammeln, um unser Land übermorgen anzugreifen.“

„Ganz zu schweigen von Drachen, Geistern und Ungeheuern“ grinste Bucca. „Nein, auf Schauermärchen gebe ich nicht viel, aber die Gerüchte über Orks, die sich im Norden in fernen Gebirgen sammeln sollten wir ernst nehmen. Heiß es nicht in alten Geschichten, daß der Hexenkönig immer von Norden her angegriffen hat? Und es gehen Gerüchte, daß er wieder umgeht“ sagte Bucca in einem Flüstern. „Man sagt, er sei gesehen worden. Er sammelt alle bösen Kreaturen des Nordens für einen entscheidenden Schlag. Ich glaube nicht, daß dies nur Schauermärchen sind.“

Raedwald schwieg. Er war verblüfft über die Worte, die Bucca sprach; solche bedeutungsschwangeren Worte verließen normalerweise nicht seinen Mund. Draußen schien die Sonne und die Vögel sangen. Es war ein schöner Herbsttag, aber Raedwald schien es, daß dunkle Wolken sich im Norden sammelten.

„Die Befürchtung habe ich auch“ sagte er endlich. „Ich wollte, Gandalf wäre hier. Er würde so manches Rätsel lösen können.“

„Gandalf? Wer ist denn das?“

„Ein Zauberer, heißt es. Er erscheint ab und zu hier im Auenland. Er hat die Gestalt eines alten Mannes mit einem langen Bart und spitzem Hut, der einen Stab zum Gehen benutzt, aber er kann sehr schnell werden, wenn es sein muß. Oft schon hat er die Menschen von Arnor rechtzeitig vor drohenden Gefahren gewarnt und damit vor Bösem bewahrt. Aber bei Hofe wird man dir mehr über ihn erzählen können.“

„Bei Hofe! Ich frage mich wirklich, was mich da erwartet. Bis eben dachte ich, das ist der Dienst, den man eben so abzuleisten hat wenn man der Sohn des Statthalters ist und irgendwann einmal dieses Amt zu übernehmen soll; eine Art Ausbildung dazu oder so. Dann sind es auf einmal Kriegsdienste in den ersten Schlachtreihen (wenn man nicht aufpaßt) und man kann zum Ritter werden. Schön und gut, klingt nach Abenteuern und Abwechslung. Und auf einmal bin ich ein Zeichen des Schicksals, ob erhofft oder gefürchtet sei einmal dahingestellt. Wie soll man sich da bloß verhalten?“

„So wie ich es dir gesagt habe und so wie du es für richtig hältst und schon immer getan hast. Du bist trotz allem ein Hobbit, und nicht jeder glaubt an die Prophezeiung. Es gibt Zeichen, die nicht mißachtet werden sollten, aber die gab es zu allen Zeiten. Ich würde das nicht als beunruhigend empfinden. Freue dich eher darüber, daß du endlich aus diesem verschlafenen Auenland herauskommst und etwas von der Welt siehst! Nicht alles ist schön und gut da draußen, aber es ist aufregend, es zu entdecken!“

Bucca sagte nichts mehr und schaute aus dem Fenster. Das Küchenfenster zeigte nach Osten, dort wo in der Ferne der große Wald lag, durch den sie bei seiner ersten Reise hindurchgeritten waren, und weit in der Ferne waren kleine Rauchwölkchen zu sehen. Dort, hinter vielen Hügeln lag Waldhof. Und noch weiter entfernt war Balgfurt an der Brücke und der Alte Wald und wer weiß noch was. Bucca war fast versucht, in den Stall zu laufen, sein Pony zu satteln und geradewegs ins Abenteuer loszureiten. Die Stimme seines Vaters holte ihn wieder zurück.

„Na, Abenteuerlust?“ fragte er. Raedwald hatte sehr wohl das träumerische Gesicht seines Sohnes gesehen.

„Ja, irgendwie schon. Ich weiß nicht, warum, aber das Neue und Unbekannte macht mir zumindest jetzt keine Angst. Ich bin eher neugierig darauf, was mich erwartet.“

„Ein Abenteuer habe zumindest ich noch: ich muß deiner Mutter erklären, daß du bald aufbrechen wirst. Sie wird es nicht verstehen, aber du hast deine Pflichten, und denen mußt du nachkommen. Ich werde es ihr erklären.“

Sie redeten nicht mehr darüber, sondern bereiteten das Abendessen zu. Bucca wunderte sich, ob sie Besuch erwarteten. Selbst für Hobbitmaßstäbe würde der Tisch heute Abend mehr als reichlich gedeckt sein. Schulterzuckend machte er sich ans Werk: schon drohte die Pilzsoße anzubrennen, wenn er nicht aufpaßte.
Raedwald war unterdessen aufgebrochen: er sagte, er hätte etwas in Tukhang zu erledigen. Tatsächlich war er auf die Straße eingebogen, die nach Tukhang führte, aber kurz hinter Buckelstadt bog er in einen Waldweg ein. Er ritt einige Minuten gen Süden, ehe er den Weg verließ und auf eine Lichtung zuhielt. Ein Mensch wartete dort auf ihn.

„Seid gegrüßt, Raedwald“ sagte er. „Läuft alles wie geplant?“

„Ja, Herr Arador. Ich habe ihm eröffnet, daß er am Hof erwartet wird. Er will kommen.“

„Das ist gut. Ich hatte halb gefürchtet, ihn zwingen zu müssen, schließlich ist der Befehl des Königs klar und unmißverständlich. Aber was seine Abenteuerlust angeht scheint er es wirklich mit dem sagenhaften Bucca I. aufnehmen zu können.“

„Ich glaube manchmal, er übertrifft ihn sogar. Er kann es nicht mehr abwarten, nach Königsnorburg zu reiten, scheint es mir. Es würde mich nicht wundern, wenn er seine Taschen schon gepackt hat.“

„Dann laßt uns hinreiten und das nachprüfen!“

Die beiden schlugen den Weg nach Buckelstadt ein, und „rein zufällig“ hatte Raedwald Arador auf der Straße getroffen. Bucca war ganz aus dem Häuschen, als er hörte, daß er bald auf seine Reise aufbrechen würde, und er rannte los, um seine Sachen zu packen.

„Was habe ich gesagt?“ lachte Raedwald. „Läßt der Bengel uns doch mit der Küche allein!“

„Na, dann machen wir doch weiter, wo er aufgehört hat“ meinte Arador. „Es wäre doch schade um das gute Essen, wenn wir es anbrennen ließen. Außerdem möchte ich keinen Streit mit Hildegardis haben“ fügte er augenzwinkernd hinzu.

„Das erinnert mich an was!“ rief Raedwald. „Ich muß ihr noch irgendwie begreiflich machen, daß ihr Sohn bald auf eine große Reise geht. Sie wird damit nicht gerade einverstanden sein.“

Hildegardis war wirklich nicht damit einverstanden damit, daß Bucca wohl für Jahre auf Reisen gehen würde. Nicht nur, daß er nach Königsnorburg ginge, nein, vom Stabreim hatte auch sie gehört. Obwohl sie eine geborene Tuk war (die berüchtigt für ihren Wagemut waren und deshalb im Auenland einen eher zweifelhaften Ruf genossen) hielt sie nichts von allem, was einen von geregelten Essenszeiten abhielt und sie meinte, es willentlich mit den Gefahren Mittelerdes aufzunehmen sei eine Dummheit.

„Aber ich hatte so etwas schon immer geahnt“ sagte sie. „Bucca ist ja mehr draußen unterwegs und kampiert sogar im Freien! Hoffentlich wird er sich benehmen und keine Dummheiten begehen! Immerhin ist er ein halber Tuk!“

„Ich werde schon auf ihn aufpassen“ lachte Arador. „Und wenn ich in Eurer Familiengeschichte richtig unterrichtet bin, dann ist er eigentlich ein ganzer Tuk. Stammt die Familie vom Bruch denn nicht von den Tuks ab?“

„Das ist richtig“ sagte Raedwald. „Es geht im Auenland sogar das geflügelte Wort, „vom Bruch“ hätte eher wenig mit der Landschaft des Stockbruchs zu tun. Ein klares Zeichen unserer Abstammung von den Tuks. Das...“

Weiter kam er nicht. Seine Frau hatte ihn mit dem Ellbogen heftig in die Seite gestoßen. Einen Moment lang war Raedwald zu verdutzt, um weiterzureden. Just in diesem Moment kam Bucca in die Küche. Er hatte sich schnell für den Abend umgezogen.

„Sehe ich so schlimm aus?“ fragte er. Er kam in die Küche und plötzlich schwiegen alle. Seltsam, fand er.

„Nein, das nicht“ stammelte Raedwald. „Ich hatte es nur von unserer Familiengeschichte.“

„Und? Was gibt es da, was ihr mir verschweigen müßt? Etwa eine Verwandtschaftsbeziehung mit einem Drachen?“

„Dazu sag ich jetzt besser nichts!“ prustete Raedwald. Seine Frau stand plötzlich mit einer Pfanne in der Hand hinter ihm.

„Mir reicht, was ich sehe“ grinste Bucca und ging das Geschirr holen.

„Wie meint er denn das?“ fragte Hildegardis. „Ihm reicht, was er sieht? Er spricht doch sonst nicht so in Rätseln.“

„Och, das hat er heute schon den ganzen Tag“ meinte Raedwald. „Ich geh dann mal etwas Wein holen.“

Achselzuckend wandte Hildegardis sich wieder den Töpfen und Pfannen zu. Arador begann gerade, sich irgendwie immer im Weg stehend zu fühlen als er von Bucca beiseite gezogen wurde.

„Setzt Euch doch“ sagte er und drückte ihn in einen weichen Sessel im Wohnzimmer. „Es gibt da etwas, das mit keine Ruhe läßt. Diese Prophezeiung,...“

„Du weißt von ihr? Was weißt du?“ fragte Arador mit einer plötzlichen Heftigkeit, die ihn selbst überraschte.

„Nicht viel, aber das geistert mir im Kopf herum“ stammelte Bucca. Dann erzählte er alles, was er von seinem Vater darüber wußte und was ihn daran bedrückte.

„Dein Vater war klug, dir davon zu erzählen“ sagte der Mensch schließlich. „Ich hatte fast befürchtet, du würdest den Gerüchten glauben, die man sich so erzählt – daß du der Vorbote des Unglücks wäre und so. Das stimmt so natürlich nicht, aber du wirst dir das in Königsnorburg mit Sicherheit anhören müssen. Laß dich davon nicht entmutigen! Und noch spricht keiner von einer großen Reise in den Süden, obwohl ich das für richtig halten würde. Allein deswegen bedeutet uns dein Kommen viel. Der Rat zögert noch, einer Expedition in den Süden zuzustimmen, aber wenn der Bucca der Prophezeiung auf den Plan tritt, dann wird sich das ändern. Und in unserer gegenwärtigen Lage ist es weise, sich Hilfe von jedem Verbündeten zu holen, den man haben kann.“

„Ich fürchte nur, ich werde dabei falsch machen, was nur falschzumachen geht“ stammelte Bucca. „Ich würde ja gern die wilden Lande sehen und auf den Spuren meines Ur- Urgroßvaters wandeln und vielleicht sogar bis in das sagenhafte Gondor kommen. Aber ich weiß nicht, ob ich dafür der Richtige bin.“

„Nur wenige wissen so etwas vorher“ entgegnete Arador. „Deswegen sollst du ja deinen Dienst antreten: um genau das herauszufinden. Fürchte dich nicht davor, dazu gibt es keinen Grund. Immerhin werde ich dein Ausbilder sein, und der König hat mich jetzt schon gehalten, dich auf die Erfordernisse einer langen Reise durch die Wildnis vorzubereiten. Wir werden die ersehnten Abenteuer bald erleben, hoffe ich.“



Ein Hobbit auf Reisen

Natürlich war Hildegardis nicht gerade begeistert, als sie von Buccas Berufung an den Königshof erfuhr. Arador und Raedwald taten aber ihr Bestes, ihr zu erklären worum es ging, und schließlich war sie sogar damit einverstanden, daß ihr Sohn auf seine große Reise ging. Raedwald vermutete, daß ihr Tukblut jetzt die Oberhand gewonnen hatte; er kannte keinen Tuk, der irgendwann nicht von der Abenteuerlust gepackt würde.
Schon am nächsten Morgen wollten Bucca und Arador aufbrechen. Bucca wäre am liebsten gleich losgeritten, aber der Mensch meinte, sie würden noch oft genug unter freiem Himmel nächtigen und Bucca sollte sein Federbett genießen, so langer er es hatte.

In der Nacht hatte Bucca einen seltsamen Traum. Er sah sich vor einer großen, weißen Stadt stehen, die steil in den Himmel emporragte. Brandgeruch stieg in seine Nase, und er merkte, daß er ein Schwert in der Hand hielt. Dann galoppierte er auf einem Pony oder auf einem Pferd durch eine kahle, hügelige Landschaft. Pfeile schwirrten. Er gab seinem Roß die Sporen, aber er hatte das Gefühl, diejenigen, die ihn verfolgen waren dennoch schneller als er. Dann ritt er durch die Trümmer einer Stadt, die an einem See lag. Es schien, als ob eine Feuerwalze über die Häuser gefahren wäre. Menschen irrten verstört durch die Ruinen. Ein unangenehmer süßlicher Duft stieg ihm in die Nase. Und plötzlich sah er sich einem Feind gegenüber. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug eine Kapuze über einer bleichen Krone, aber sein Gesicht war nicht zu sehen. Plötzlich schlug er mit der Keule zu. Bucca schrie auf.

Schweißgebadet wachte Bucca auf. „Was für ein Alptraum!“ dachte er sich. „Na hoffentlich habe ich nicht wirklich geschrieen. Wäre ja noch schöner.“

Hastige Schritte auf dem Flur schienen ihn eines Besseren zu belehren. Arador (dessen Gästezimmer neben Buccas Zimmer war) kam herein. „Alles in Ordnung?“ fragte er.

„Ja“ meinte Bucca. „Und nein: ich sah brennende Städte und Feinde. Aber es war nur ein Traum. Nichts weiter.“

„Nur ein Traum? Viele Visionen unserer Seher erschienen ihnen in Träumen, und nur allzu oft erwiesen sie sich als wahr. Die Botschaft seiner Träume sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen, denn oft enthalten sie mehr Ratschläge als selbst die Weisen erteilen können. Was hast du geträumt?“

Langsam begann Bucca alles zu erzählen, dessen er sich erinnern konnte. Arador seufzte, als der Hobbit von der zerstörten Stadt am See berichtete, und seine Hände umklammerten die Lehnen des Sessels, als Bucca von dem Feind berichtete, dessen Vision er gesehen hatte.

„Wehe!“ stammelte er. „Wehe um Arnor, wenn das zutrifft was du gesehen hast. Du hast die Stadt Annúminas gesehen, wenn der See zu ihrer Rechten lag. Wenn der See zu ihrer Linken zu sehen war, dann war das unsere Hauptstadt Königsnorburg.“

„Ich glaube, der See lag zur Rechten, aber ich bin mir nicht sicher. Ich weiß es einfach nicht mehr. So vieles ist mir erschienen.“

„Vor allem dieser Feind, den du gesehen hast bereitet mir Sorge. Er war ganz in Schwarz und trug eine bleiche Krone, sagst du?“

„Ja, und sein Gesicht war nicht zu sehen, aber wieso, weiß ich nicht.“

„Ich schon. Du hast den Hexenkönig gesehen, gegen den schon dein Ur- Urgroßvater kämpfen mußte. Immer war er unser schlimmster Feind, und nur wenige wagen es, sich offen gegen ihn zu stellen. Wenn er sein Heer führt, dann versetzt er es in Raserei und selbst die Kühnsten unter uns werden von einer Furcht gepackt, die keiner erklären kann. Und was sein Gesicht betrifft: er hat keines, denn er ist ein Geist, und man sagt, keines Mannes Hand kann ihn zu Tode bringen. Es ist wahrlich ein böses Omen, wenn er wieder auf den Plan tritt.
Aber fürchte dich nicht! Viele Visionen treten erst dann ein, wenn derjenige, der sie hatte schon lange nicht mehr lebt und oft sind sie in Vergessenheit geraten, wenn das eintritt, was gesehen wurde. Schlafe jetzt. Morgen sieht die Welt vielleicht anders aus.“

Mit diesen Worten nickte Bucca wieder ein, und sein Schlaf wurde durch nichts mehr unterbrochen. Arador blieb nachdenklich in dem Sessel sitzen. Er brütete darüber nach, was der Hobbit ihm berichtet hatte. Wenn der Hexenkönig wirklich wieder im Norden umgehen sollte, dann könnte das für Arnor fatal werden. Arador wußte genau, wie schwach sie geworden waren; die Dùnedain waren seit langem ein schwindendes Volk. Und daß sie untereinander uneins waren verbesserte ihre Lage auch nicht gerade. Und niemand wußte, wo der Hexenkönig war. Lange schon hielt er sich im Verborgenen, und es ging das Gerücht um, er sei in den fernen Süden gegangen, um die Menschen von Gondor zu plagen, aber Arador glaubte nicht daran. Immer schon war es das Trachten dieses Feindes gewesen, die Menschen des Westens in den Untergang zu treiben, so wie sein Großer Meister Sauron das getan hatte und es sein Wille war. Immer schon hatten Orks und Trolle die Nordgrenze Arnors attackiert, aber in der letzten Zeit waren diese Scharmützel weniger geworden. Viele Menschen glaubten, der Feind habe es endgültig aufgegeben, sie zu bekämpfen, aber der König vermutete, daß das die Ruhe vor dem großen Sturm war. Und Bucca sah den Sturm von Norden heraufziehen.

Als Bucca erwachte schien die Sonne durch das Fenster herein. Arador saß im Sessel und schlief. „Soviel also zum Aufbruch vor Sonnenaufgang“ dachte Bucca. Er schwang sich aus dem Bett, zog sich an und öffnete das Fenster. Ein warmer Herbsthauch wehte die Vorhänge beiseite und Vogelgezwitscher drang an seine Ohren.

„Hallo! Wie spät ist es?“ murmelte Aradors verschlafene Stimme.

„Halb neun, schätze ich, und das erste Frühstück ist offenbar schon gegessen. Wir sollten uns beeilen, wenn wir vom zweiten Frühstück noch was abbekommen wollen. Und wir sollten uns nicht allzu lange aufhalten, wenn wir heute noch aufbrechen wollen.“

„Wir sollten rasch aufbrechen“ antwortete Arador. „Die Zeit drängt, scheint mir. Du hast doch hoffentlich schon deine Sachen gepackt?“

„Schon seit gestern. Von mir aus könnte es sofort losgehen.“

„Aber nicht ohne ein Frühstück, und dann müssen wir uns ja auch noch von deinen Eltern verabschieden. Nein, ein wenig Zeit brauchen wir noch.“

Sie gingen in die Küche, wo Hildegardis gerade dabei war, die Satteltaschen der beiden mit allerhand Eßbarem zu füllen. „Guten Morgen ihr beiden“ lachte sie, als sie eintraten. „Ich dachte, die Herren wollten schon vor Sonnenaufgang weg sein? Welchen Sonnenaufgang meinten sie denn?“

„Wir haben einfach verschlafen“ meinte Bucca. „Außerdem haben wir so die Gelegenheit, ordentlich zu frühstücken. Wo ist Papa?“

„Der ist draußen – im Garten, glaube ich. Setzt euch, ich decke noch schnell was auf. Ihr könnt nicht ohne Stärkung losreiten.“

Die beiden taten, wie ihnen geheißen wurde und sie labten sich an köstlichem, frisch gebackenem Brot, Himbeermarmelade, Butter, Käse und was die Hobbitküche sonst noch so an Gaumenfreuden für Langschläfer bereit hielt. Raedwald war hinzu gekommen, er gab Bucca einen kleinen ledernen Beutel.

„Hier sind ein paar Heilkräuter drin, die gut gegen Entzündungen und Schmerzen sind. Deine Mutter hat dich ja in ihrem Gebrauch unterrichtet. Du wirst sie brauchen können, schätze ich.“

„Und hier ist noch ein wenig Futter“ lachte Hildegardis und gab den beiden ihre Satteltaschen. „Das müßte ja bis Königsnorburg reichen.“

„Es reicht sogar noch darüber hinaus“ lachte Arador und verbeugte sich. „Höchst großzügige Gastgeberin, wir stehen tief in Eurer Schuld.“

Sie lachten, und dann umarmten Hildegardis und Raedwald ihren Sohn. Die Zeit des Aufbruchs war gekommen. Rasch waren ihre Reittiere gesattelt, und rasch hatten sie Buckelstadt verlassen. Sie ritten auf der Straße nach Tukhang und Hobbingen, wo sie auf die alte Oststraße stoßen wollten, die sie bis Bree bringen würde. Es war zwar ein Umweg; der direkte Weg hätte sie nach Waldhof und mitten durchs Gestrüpp nach Stock geführt, aber der Umweg war der schnellere. Und so trafen sie zum Abend in Hobbingen ein, wo sie in einem Gasthaus übernachteten. Die ortsansässigen Hobbits staunten über die beiden, und Bucca vermutete, jetzt gäbe es wieder was zu tuscheln im Auenland.
Den nächsten Tag gingen sie etwas gemütlicher an, denn sie hatten vor, in Balgfurt an der Grenze zu übernachten. Niemand ritt gern bei Nacht durch den Alten Wald. Hier im Auenland war die Oststraße in tadellosem Zustand, und so kamen sie gut voran. Die Mittagspause in Froschmoorstetten konnte daher üppiger ausfallen als zunächst geplant. Und in Balgfurt gingen sie an diesem Abend tatsächlich früh zu Bett, denn sie wollten wirklich bei Sonnenaufgang aufbrechen, um Bree rechtzeitig vor dem Schließen der Stadttore zu erreichen.
Bucca war es mulmig zumute, als sie zum ersten Mal in seinem Leben auf den dunklen und beängstigenden Wald zuhielten. Bald hatten die Bäume sie verschluckt, aber zum Erstaunen des Hobbits beschien die Sonne die Straße, aber rechts und links von ihr standen Bäume, und das Dunkel des Waldes reichte bedrohlich nahe heran. Sie gaben ihren Rössern die Sporen, und Buccas Pony galoppierte durch den Wald.
Aber alle Wälder lichten sich irgendwann, und noch vor der Mittagsstunde sahen sie die Höhen, auf denen die alten Könige Arnors begraben lagen. Auf einer Wiese im Sonnenlicht machten sie Rast, und danach ging es in gemächlicherem Tempo nach Bree.
Die Sonne stand noch nicht allzu weit im Westen, als sie die Stadt erreichten. Bree lag an der Kreuzung zweier alter Straßen: der Oststraße, die vom Meer zum Gebirge führte (und von der keiner wußte, wann und zu welchem Zweck sie erbaut worden war) und der Nord- Süd- Straße, die von Königsnorburg bis ins sagenhafte Gondor führte. Aber ab Bree wurde diese Straße schon lange nicht mehr benutzt, und sie war jetzt ein grüner Streifen, der stetig gen Süden führte, und die Bevölkerung von Bree nannte sie den Grünweg. Einstmals wurde die Straße erbaut, um die Dùnedain des Nordens mit ihren Stammesbrüdern im Süden zu verbinden, aber die Zeiten regen Kommens und Gehens waren lange vorüber. Orks und wilde Menschen machten den langen Weg in den Süden unsicherer denn je, und in diesen Tagen wagte niemand mehr, die alte Straße zu benutzen. Diejenigen, die es versucht hatten waren für immer verschwunden.
Bree selbst war eine eigentümliche Stadt. Sie lag an den Ausläufern des Breebergs (was an sich nichts Seltsames sein muß) und sie war uralt. Als die Könige des Westens übers Meer kamen fanden sie die Menschen von Bree schon vor, und selbst für die Elben war Bree schon immer da gewesen. Man sagte als Scherz, Eru habe bei der Erschaffung der Welt alles um Bree herumgebaut und demnach sei es die älteste Stadt der Welt.
In Bree lebte die einzige nennenswerte Hobbitkolonie außerhalb des Auenlands, und im Gegensatz zur Südstraße herrschte auf der Oststraße ein stetiges Kommen und Gehen. Nirgendwo sonst gab es dieses eigenartige Zusammenleben von Hobbits und Menschen, und von hier aus war das Auenland besiedelt worden.
Arador und Bucca betrachteten diese Stadt, die sowohl einem Hobbit aus dem Auenland als auch einem Menschen aus dem Norden immer fremdartig erscheinen würde. Sie lag am Westhang des Breebergs und war von einer hohen Hecke umfriedet. Ein Tor, das zu dieser Tageszeit weit offen stand führte in das Innere des Stadtbezirks. Genau vor dem Tor, noch außerhalb der Hecke war eine große Kreuzung. Die Oststraße führte durch Bree hindurch, aber von der Linken kam eine weitere Straße von den Hügeln herunter und verlief weiter gen Süden, bis sie sich in der Ferne verlor.

„So, hier sind wir“ sagte Arador. „Laß uns eine Übernachtungsmöglichkeit für die Nacht und ein gutes Abendessen suchen!“

Sie ritten zu. Bucca verspürte plötzlich Hunger, als Arador von Essen sprach, und er stellte verwundert fest, daß sie seit der Mittagsrast nichts mehr gegessen hatten, und er hatte es nicht bemerkt, so war er damit beschäftigt, die Landschaft um ihn herum zu betrachten.
Bree war eine gepflegte Stadt mit nicht allzu breiten, aber gepflasterten Straßen und schönen Gärten. Die hohen Häuser waren etwas vollkommen Neues für Bucca. Anders als in Hobbingen oder Buckelstadt hatten die Häuser hier bis zu sieben Stockwerken (und im Auenland gilt ein Haus mit zwei Stockwerken schon als Wolkenkratzer) und überdies kragten die oberen Stockwerke noch über, so daß nur wenig Sonnenlicht die Straße erhellte.
Tatsächlich waren die hohen Häuser die neueren Gebäude, die unter dem Einfluß der Bauweise von Königsnorburg entstanden waren. Weiter im Inneren von Bree wurden die Gebäude niedriger, und sie hielten vor einem Gasthof mit nur zwei Stockwerken an. Vom Haupthaus gingen zwei Flügel nach vorne, und im Hof stand eine große Linde. Ein lautes Stimmengewirr drang an die Ohren der Reisenden. Viele Gäste saßen draußen und genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres.

„Das ist der „Dürre Hering“, ein sehr gutes Gasthaus“ sagte Arador. „Ich gehe den Wirt fragen, ob er uns beide noch unterbringen kann.“

Der Mensch saß ab und verschwand im Haus. Bucca betrachtete das Gewimmel im Hof, und zu seiner Erleichterung stellte er fest, daß die Menschen kaum Notiz von ihm nahmen. Und überdies saßen auch einige Hobbits unter der weit ausladenden Linde.
Diener kamen und halfen Bucca aus dem Sattel. Anschließend wurden ihre Rösser in den Stall geführt und der Hobbit ging in das Gasthaus. Arador und der Wirt redeten miteinander.

„Leider sind alle Zimmer bis auf eines belegt, Herr“ sagte der Wirt mit einem Ausdruck des Bedauerns. „Und dieses eine freie Zimmer ist ein Hobbitzimmer, es ist an der Rückseite des Gebäudes in den Hang gegraben, so wie das Kleine Volk es liebt.“

„Darin sehe ich kein Problem“ lachte Arador. „Ich komme eben aus dem Auenland. Dies“ er deutete auf seinen Begleiter „ist Bucca vom Bruch, der mich nach Königsnorburg begleitet. Wir werden uns heute Nacht das Zimmer teilen, wenn es Euch recht ist.“

Dem Wirt war es mehr als recht, solch hochgestellte Persönlichkeiten im Haus zu haben und er war es erst recht zufrieden, niemanden aus seinem Gastzimmer herausquartieren zu müssen. Und die Ankündigung Buccas, im Biergarten essen zu wollen versprach neugierige Gäste und damit mehr verkauftes Bier.

„Wer weiß, wie lange das schöne Wetter noch anhält“ meinte der Hobbit. „Der Winter wird noch lange genug anhalten und wir können noch lange genug drinnen sitzen. Mir graut schon vor dieser langweiligen Jahreszeit.“

„Dir wird es diesen Winter sicher nicht langweilig werden“ lachte Arador. „Deine Ausbildung dürfte dich die meiste Zeit in Anspruch nehmen und ich schätze, du wirst sicher mehr als einmal todmüde ins Bett fallen.“

„Sind die Geschichten wahr, die man sich so über die Kampfausbildung bei Hof erzählt?“

„Ich weiß nicht, welche Geschichten du meinst. Wenn es diese albernen Schauergeschichten sind, die dir dein Vater erzählt hat, dann würde ich sagen, sie sind es nicht. Aber es wird kein Ferienlager sein. Denke daran, daß du ein vollwertiger Krieger sein mußt, wenn es wirklich zu der Reise in den Süden kommt. Du wirst aber das Glück haben, von mir alleine ausgebildet zu werden; Hobbits kämpfen anders als Menschen und sie lernen anders. Dein Vater war übrigens ein wahrer Tunichtgut, und ich glaube, wenn wir ins Auenland zurückkommen werde ich mal überprüfen, was er alles noch kann.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich überhaupt als Krieger eigne“ sagte Bucca nachdenklich. „Früher schon graute mir vor jeder Schlägerei und wenn ich konnte hab ich sie ehrlich gesagt gemieden. Ich hab lieber die alten Geschichten gelesen.“

„Das ist gut so. Raufbolde können wir wirklich nicht gebrauchen, und wenn du der Gefahr aus dem Weg gehst, dann ist das oftmals weise. Aber du wirst lernen, daß es Gefahren gibt, denen man sich stellen muß, und du wirst lernen, wie man sich ihnen stellt. Und du wirst deinen ersten Heimaturlaub gar nicht antreten wollen!“

„Mal sehen“ lachte Bucca. Ihr Abendessen kam, und sie wandten sich diesen erfreulichen Dingen des Lebens zu. Sie saßen anschließend noch lange im Biergarten, und die Sonne war schon lange untergegangen, als sie zur Ruhe gingen. Arador stieß sich in der niedrigen Hobbithöhle häufig den Kopf an und er war froh, als er endlich zum Liegen kam.

„Ich freue mich schon auf Räume mit hohen Decken“ brummte er, als er sich in seine Decke einwickelte. „Nur das karge Essen wird mir nie zusagen.“

„Karges Essen? Wo im Namen aller guten Wesen bringst du mich hin?“

„An einen Ort, wo die Köche ein wenig Schulung durch einen Hobbit vertragen könnten.“

„Das kann ja heiter werden.“

Den Sonnenaufgang über Bree sahen die beiden nicht, sie schliefen zu dieser Zeit noch tief und fest. Die nächsten beiden Nächte würden sie in der Wildnis verbringen dürfen (wenn alles gut ging) und Arador war nicht scharf drauf, das gemütliche Federbett bald zu verlassen. Erst als Bucca ihm die Decke wegzog stand er auf. Es war halb elf.

„Wollten wir heute nicht weiter?“ fragte der Hobbit. „Außerdem steht mir nicht der Sinn danach, den Tag mit dem Mittagessen zu beginnen.“

Nach einem späten Frühstück brachen sie endlich auf, und die Sonne stand hoch im Zenit, als sie den Weg gen Norden einschlugen. Bree war rasch hinter ihnen verschwunden, und sie ritten nicht allzu schnell. Die Straße war bis zehn Meilen vor Bree gut in Schuß, aber allmählich wurde sie schlechter, bis sie wie ein Feldweg aussah. Sie behielt aber ihre stetige Richtung bei. Von Zeit zu Zeit waren Ruinen im Gestrüpp zu sehen.

„Was ist denn das?“ fragte Bucca.

„Das waren früher einmal Wachposten, die die Straße und die Umgegend sicherten“ erklärte Arador. „Aber es ist lange her, daß sie besetzt waren. Heutzutage sind wir einfach zuwenige, um alle Posten zu besetzen, und außerdem ist es lange her, daß Feinde hier gesichtet wurden.“

Bucca war es dennoch ein wenig mulmig, als er hörte, daß sie hier mitten in der Wildnis und weit ab jeglicher Hilfe nächtigen mußten und er fand, daß der kleine Bogen, den er dabei hatte kaum eine ausreichende Bewaffnung zur Abwehr eines Orkangriffes sein würde.
Ihre Nachtlager dauerten in der Tat nicht so lange wie in einem Gasthaus, und sie ritten bis die Sonne untergegangen war und brachen noch vor Sonnenaufgang wieder auf. Und so erreichten sie Königsnorburg am Mittag des dritten Tages seit ihrem Aufbruch von Bree.




Beim König

Königsnorburg war eine riesige Stadt, verglichen mit Bree, aber sie war von Verfall und Niedergang geprägt. Von ferne sah sie wunderschön aus, mit den weißen Häusern und den Hügeln, die sich im See wiederspiegelten. Aber als die beiden näherkamen sah Bucca, daß viele Dächer nur noch halb gedeckt waren und viele Fenster und Türen mit Brettern vernagelt worden waren.

„Das ist Königsnorburg“ sagte Arador. „Lange ist es her, daß diese Stadt in ihrer Blüte stand, und lange schon ist all die Pracht verwelkt! Wird man jemals wieder ihre Schönheit erblicken, die sie zierte, als die Welt jünger war?
Aber das soll uns nicht kümmern! Wir reiten jetzt schnurstracks zum Palast, denn dort werden wir erwartet. Komm!“

Sie galoppierten das letzte Stück der Straße bis zum Stadttor. Dort wurden sie von Wachen aufgehalten, die nach Namen und Feldruf fragten. Als Arador seinen und Buccas Namen und ihr Reiseziel nannten grüßten die Wachen ehrerbietig und ließen sie durch.
Langsam ritten sie nun durch die halbverfallenen Straßen der Stadt. Die Straßen und Gassen waren holprig und mit Schlaglöchern übersät, in denen sich eine faulig riechende Brühe sammelte. Viele geringere Straßen waren noch nicht mal mehr gepflastert, und schwer beladene Karren kämpften sich durch den Schlamm.
Nur der Innere Bezirk von Königsnorburg war noch gut instandgehalten. Dort stand der Königspalast und war das Hauptquartier der Streitmacht von Arnor, ein großes, weißes Sandsteingebäude mit fünf Stockwerken. Von außen sah es trutzig und abweisend aus. Sie umrundeten die Gebäude und kamen vor eine großen, weißen Tor mit goldenen Schnitzereien zum Halten. Sie saßen ab und betraten den Palast.

„Der König erwartet uns“ sagte Arador leise. „Sprich nur, wenn du gefragt wirst und erwarte ansonsten seine Befehle. Nachher wirst du noch eingekleidet werden, und ich schätze, das soll es für heute dann auch gewesen sein.“

Bucca nickte, und die Wachen geleiteten die beiden in einen großen Saal. Große Fenster ließen die Herbstsonne hineinscheinen. Boden und Wände waren aus poliertem weißem Marmor, in dem sich das Licht wiederspiegelte. Große kristallene Leuchten erhellten den Saal bei Nacht (wenn es nötig war). Am gegenüberliegenden Ende des Saales war ein Thron aus weißem Stein, auf dem ein alter Mann saß.

„Arador von Annúminas meldet sich zurück“ sagte Arador und kniete nieder.

„Ich sehe, du hast deinen Auftrag erfüllt“ erwiderte der König und gebot Arador mit einer Handbewegung, sich zu erheben. Er sah Bucca an.

Dieser kniete nieder und sagte: „ Bucca vom Bruch steht Euch zu Diensten, wenn Ihr das wünscht, Herr. Erteilt mir Eure Befehle!“

„Erhebe dich. Du bist also jener Bucca vom Bruch, von dem die Weissagung spricht.“

„Ob ich jener Bucca bin weiß ich noch nicht. Dennoch wäre es eine Ehre, Euch dienen zu dürfen. Viel hört man über Eure Taten.“

Der König lächelte. „Von großen Worten läßt du dich jedenfalls nicht erschrecken, Bucca vom Bruch. Und so nehme ich deine Dienste an. Du sollst hier in Ausbildung gehen und dann werden wir sehen, wie wir dich verwenden können. Arador wird dein Ausbilder sein. Geht nun zur Einkleide und wenn alles gerichtet ist, kommt hierher zurück. Es gibt viel zu bereden und ich bin der Ansicht, ein Hobbit aus dem Auenland sollte dabei anwesend sein.“

Die beiden verbeugten sich und gingen. Als sie den Thronsaal verlassen hatten sprach Arador wieder, obwohl es mehr ein Flüstern war, so als ob er nicht wollte, daß ungebetene Ohren seinen Worten lauschen konnten.

„Es scheint dem Herrn ja eiliger zu sein als ich dachte. Kein Wort davon, daß du früher als geplant kamst, aber du sollst rasch ausgestattet werden und dann flugs zur Ratsbesprechung kommen.“

„Ich finde das auch seltsam“ meinte Bucca. „Kaum angekommen geht es schon richtig los. Und ich finde, als Neuling habe ich nicht allzu viel zu sagen.“

„Ja und nein. Immerhin spricht halb Königsnorburg von dir und deine Visionen lassen einen ebenfalls nachdenken, obwohl bislang nur ich und dein Vater sie kennen. Aber du wirst mit Sicherheit danach gefragt werden. Antworte geradeheraus und schäme dich nicht, das zu beschreiben, was du sahst und fühltest.“

Bucca nickte. Ihm gefiel der Gedanke gar nicht, von seinen Visionen zu sprechen, die er in der Nacht vor seiner Abreise hatte. Er hatte das Gefühl, es würde zu einem unentrinnbaren, üblen Ende kommen und er wußte im Grunde seines Herzens, daß das Nördliche Königreich nicht mehr lange bestehen würde. Aber wie brachte man dies möglichst schonend dem König eben dieses Königreiches bei?
Plötzlich standen sie vor einer großen, dunklen Tür aus Eichenholz, und Arador klopfte. Sie öffnete sich (obwohl niemand zu sehen war, der sie öffnete) und die beiden traten herein.

„Hier sind wir“ sagte Arador. Sie traten an einen Tisch, auf dem verschiedene Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände bereitlagen. „Ich sehe, es ist alles vorbereitet worden.“

Bald darauf sah der Hobbit sich in seltsame Gewänder gehüllt. Über einer schwarzen Hose (etwas mehr als knielang, so wie Hobbits sie mochten) und einem schwarzen Wams trug er einen Wappenrock derselben Farbe, auf dem in Silber und Blau das Wappen des Adlers aufgestickt war. Dazu bekam er einen Gürtel und ein Schwertgehänge. Seine alte Kleidung wurde zusammengefaltet und weggelegt.

„So, jetzt bist du ein Fürst der Halblinge“ lachte Arador. „Deine Rüstung ist noch in Arbeit, und morgen werden wir Maß nehmen müssen. Du siehst, das wird noch ein paar Tage dauern, wir werden daher mit leichteren Übungen beginnen. Aber jetzt gehen wir zum König zurück.“

Alle Augen wandten sich ihnen zu, als sie wieder in den Thronsaal eintraten. Im Gegensatz zu vorhin hatte er sich mit Leuten gefüllt, die alle staunend den Hobbit betrachteten. Mit einer Handbewegung wies der König ihnen zwei Plätze am Ratstisch zu.

„Meine Herren, dies ist Bucca vom Bruch, der Sohn von Raedwald, unserem Statthalter im Auenland. Als er von unseren Nöten hörte ist er rasch zu uns geritten und hat uns seine Dienste angeboten, die wir gerne annehmen.“

Als Buccas Name genannt wurde ging ein Murmeln durch die Reihen. Viele der Menschen blickten zweifelnd auf den Hobbit.

„Bucca vom Bruch mag er ja sehr wohl heißen“ sagte einer der Menschen. „Aber wer sagt uns, daß er der richtige Bucca vom Bruch ist? Wer kann es beweisen, daß er der Hobbit ist, von dem in der Weissagung gesprochen wird? Hobbits haben seltsame Namen und seltsame Gebräuche, und es wird einen Beweis brauchen.“

„Es gibt Beweise“ sagte Arador. „Eben dieser Bucca vom Bruch hatte kurz vor unserer Abreise von Buckelstadt Visionen wie sie ein Seher hat.“

„Visionen allein machen noch keinen Bucca vom Bruch“ erwiderte der Mensch. Er starrte den Hobbit zweifelnd an.

„Du solltest nicht vor deinem König sprechen, Aranarth, auch wenn du mit mir verwandt bist“ sagte der König streng. „Noch führe ich dieses Ratsgespräch. Höre den Hobbit an und sprich danach. Rede nun, Bucca. Welche Visionen hattest du?“

Bucca war gar nicht wohl in seiner Haut, als er sich erhob und zunächst langsam und stockend von seinen Alpträumen berichtete. Dann wurde er sicherer, und er sprach von allem, was er gesehen hatte. Viele nickten zustimmend, als er die Landschaften beschrieb, die ein Weiser als Landschaften Gondors erkannte. Und allen schien die Farbe aus dem Gesicht zu weichen, als er vom Untergang Arnors sprach.

„Wahrlich, ich sah diese schöne Stadt brennen“ sagte Bucca leise. „Und Annúminas brannte auch, und überall lag ein beißender Geruch des Todes in der Luft. Und wir standen einem Feind gegenüber, der zu schrecklich war...“ Er stockte und sprach nicht mehr.

„Diese Träume hatte ich auch“ sagte der König, „und viele andere ebenfalls. Aber wie sie zu deuten sind sei dem Seher überlassen. Holt Malbeth! Er wird den letzten Zweiflern unter uns beweisen, daß es der richtige Bucca ist, der hier steht.“

Diener brachten einen alten Mann herein, der reich gekleidet war. Er hatte einen langen, weißen Bart, aber der Kopf war kahl. „Dies ist der Hobbit!“ sagte er. „Dies ist der Hobbit, den ich in meinen Träumen sah! Die Zeit der Reise ist gekommen!“

„Es ist, wie ich vermutete“ antwortete der König. „Aber wo bist du gewesen? Ich habe dich vor einer Stunde rufen lassen, aber du kamst nicht.“

„Ich habe über ferne Botschaften aus alten Zeiten nachgedacht, Herr Arvedui“ antwortete Malbeth. „Wisse, edler Herr König, daß es in unseren Bibliotheken noch so manchen Schatz gibt, den heutzutage nur noch wenige in die Hand nehmen, und manches galt schon als vergessen. Ich habe das studiert, was wir über die Hobbits wissen. Ich glaube sagen zu können, daß sie im allgemeinen kein abenteuerlustiges Volk sind und keine Krieger werden. Und hier sehe ich einen, der dein Wappen trägt und wohl Krieger deiner Hofstreitmacht werden will. Das hat es seit den Tagen von Bucca I. nicht mehr gegeben. Und das wird mir dieser Hobbit sicherlich bestätigen können.“

„Herr Malbeth spricht wahr“ ergänzte Bucca. „Reisen gelten bei meinem Volk als lästig, und Abenteuer sind eine Störung des täglichen Trotts. Dabei gilt es schon als Abenteuer, länger als drei Tage unterwegs zu sein, und ehrbare Hobbits tun so etwas nicht. Die Leute nahmen es mit großer Verwunderung auf, als ich mich auf den Weg nach Königsnorburg machte, aber meine Familie gilt im Auenland sowieso als sonderbar. Man sieht uns dort als Hochgestellte, aber man meidet uns, ganz so als ob Abenteuerlust eine ansteckende Krankheit wäre. Dabei kann ich bestätigen, daß es nicht so ist“ lachte er.

„Für mich ist klar, daß dieser Bucca derjenige ist, von dem in der Weissagung die Rede war“ sagte der König. „Wer anderer Meinung ist soll jetzt sprechen oder auf immer schweigen.“ Er schaute in die Runde. Niemand rührte sich.

„Wenn dies mit dem Segen des Königs erledigt ist möchte ich etwas anderes ansprechen“ sagte Arador. Der König nickte, und er fuhr fort. „In der Weissagung geht es ja nicht darum, daß ein Hobbit auf den Plan tritt, sondern daß eine Abordnung Arnors beim Erscheinen des Hobbits in den Süden reisen soll. Angesichts unserer Situation dürfte klar sein, wohin die Reise geht und welchen Zweck sie hat. Sucht nach Gondor und erbittet von unseren Verwandten im Süden ihre Hilfe!“

„Und was glaubt Ihr ist im Süden zu finden?“ fragte Aranarth scharf. „Gondor mag schon längst untergegangen sein ohne daß wir es wissen und des Hobbits Visionen betrafen seinen Fall. Es ist doch Torheit, in Zeiten wie diesen, wo jeder Mann an der Nordgrenze gebraucht wird so viele Leute auf ein ebenso waghalsiges wie gewagtes Unterfangen zu schicken. Von mir erhaltet Ihr jedenfalls keine Hilfe.“

„Das hat auch keiner erwartet“ erwiderte Arador ruhig. „Und was die Situation an der Nordgrenze angeht: wart nicht Ihr es, der seine Hilfe versagte? Welche Gefahren drohen Euch denn an der Ostgrenze, mit Bruchtal als Nachbarn? Fürchtet Ihr etwa eine Invasion der Elben? Oder plant Ihr etwa Verrat?“

„Ich weiß nicht, wieso ich hier noch meine Zeit verschwende“ knurrte Aranarth. „Was bringen diese Schwafelrunden denn überhaupt? Und Euer hochnäsiges Gehabe brauche ich mir nun wirklich nicht zuzumuten. Auf Wiedersehen!“ Der Mensch stand auf und verließ lärmend den Raum.

„Ihr brauchtet nicht auszusprechen was jeder dachte, Arador“ meinte der König. „Aber jetzt, da dieser Unruhestifter weg ist können wir ungestörter reden. Ich finde, Malbeth hat recht. Die Zeit der Reise ist gekommen. Wir sollten uns jetzt Gedanken über das Wie machen, nicht mehr über das Ob, diese Entscheidung ist gefallen. Arador sollte die Expedition anführen. Ebenso sollte Bucca der Hobbit in Teilnehmer sein. Wer sonst noch mitkommt werden wir sehen, schließlich sollte die Expedition nicht vor dem Frühjahr aufbrechen.“

„Und wir sollten über den Reiseweg nachdenken“ sagte ein Mensch, der zur Rechten des Königs saß. „Wo soll es langgehen?“

„Eine gute Frage, Menelvagor. Der Grünweg wäre fast naheliegend, ist aber ein gefährlicher Reiseweg. Über das Nebelgebirge und am Anduin entlang nach Süden ist auch nicht gerade gefahrlos. Und über das Meer zu fahren dauert zu lange, außerdem haben wir keine Schiffe. Ich wäre für den Grünweg.“

„Mein Herr, vom Grünweg hört man nichts Gutes“ warf Bucca ein. „Die Bewohner von Bree erbleichen und verstummen, wenn die Rede darauf fällt. Sie erzählen von so manchem Wagemutigen, der die Reise auf der alten Südstraße gewagt hat und dabei spurlos verschwunden ist. Einige wenige Breeländer sind einmal ein paar Meilen weit auf dem Grünweg geritten, aber nicht länger als ein halber Tagesritt von Bree weg, und sie berichten von Orks und Gesetzlosen, die auf der Straße lagern und des Nachts halten die Breeländer Türen und Fenster verschlossen. Diesen Weg sollten wir nicht nehmen!“

„Bucca hat recht“ sagte Menelvagor. „Er mag diesbezüglich keine Visionen gehabt haben, aber es ist immer weise, den Rat der Einheimischen zu befolgen, und Bree liegt am Anfang des Grünwegs. Damit bliebe als einziger gangbarer Weg der am Anduin. Was weiß man über ihn, was ihn so gefährlich macht?“

„Nichts genaues“ antwortete Arador. „Allein eine Gebirgsüberquerung mag genug Gefahren bergen ohne daß Feinde in der Nähe sind. Sturm, Eis und Schnee sind schon Feind genug. Aber weiter südlich wäre ein Elbenreich, sagt man, durch das es kein Durchkommen gibt. Aber wenn wir in Bruchtal Rast machen könnten die dortigen Elben uns vielleicht weiterhelfen. Dorthin sollten wir auf jeden Fall reisen. Meister Elrond ist ein Meister des Wissens, und wenn er keinen Weg in den Süden kennt, dann kennt ihn niemand.“

„Dies ist sinnvoll“ sagte der König. „Die Expedition wird sich also zuerst gen Osten wenden und das Gebirge überqueren und dann nach Süden gehen. Und selbst wenn die Gruppe nur bis Bruchtal kommt wird das nützlich sein. Meister Elrond hat uns schon früher wertvollen Rat gegeben, er wird dies auch jetzt tun. Im Frühjahr wird es losgehen.“

Mit diesen Worten erhob sich der König und sie verließen den Saal. Bucca und Arador schlugen den Weg zu den Unterkünften ein.

„Wir werden gleich zu Abend essen und dann haben wir Feierabend!“ verkündete Arador. „Morgen werden wir mit deiner Ausbildung anfangen, deswegen werden wir früh zur Nachtruhe gehen. Schließlich werden wir bald auf eine große Reise gehen!“




Ein kleiner großer Hobbit

Buccas Ausbildung hatte bald zu ersten Erfolgen geführt. Jetzt zahlten sich die vielen Übungsstunden im Auenland aus, denn der Hobbit konnte Arador einige Tricks beim Bogenschießen zeigen. Und seine Ergebnisse beim Speerwerfen waren beeindruckend. Aber Bucca nutzte den Speer auch, um seine Gegner auf Distanz zu halten, so daß sie sich ihm nicht auf Schwertlänge nähern konnten. Aber Bucca hatte noch viel zu lernen, was den Schwertkampf anging. Und dann sollte er auch noch lernen, auf einem Pferd zu reiten.

„Du kannst die ganze Gruppe nicht aufhalten, nur weil du auf einem Pony reitest“ sagte Arador. „Du wirst feststellen, daß es nicht viel anders ist als auf einem Pony. Nur das Auf- und Absteigen wird für dich anders sein.“

Und so dauerte es nicht lange, und Bucca saß zum ersten Mal in seinem Leben auf einem Pferd. Es war ungewohnt hoch, aber das Pferd gehorchte den Kommandos genauso wie sein Pony, und Buccas Sorge galt eigentlich nur dem Herunterkommen. Aber auch da hatte er recht rasch den Dreh raus. Er sprang einfach, und trotz der hinderlichen Rüstung landete er immer auf den Füßen.
So vergingen die Tage und die Reitkünste des Hobbits wurden besser und besser. Bald traute er sich schon über kleinere Hindernisse, und da das Pferd keine allzu große Last zu tragen hatte ging dies geradezu problemlos.
Dann kam der Tag, an dem Buccas Rüstung fertiggestellt war. Er wurde in die Rüstschmiede geschickt, wo er die Teile anprobieren mußte. Das Kettenhemd und der Helm paßten vorzüglich, nur der lederne Brustpanzer und die Armschienen mußten noch ein wenig nachgearbeitet werden. Aber das war schnell geschehen, und so betrachtete sich der Hobbit bald voll gerüstet im Spiegel.

„Irgendwie sehe ich albern aus“ kicherte er. „Wie ein großer Held – nur viel zu klein. Zum Glück sieht mich ja keiner von den Hobbits!“

„Ich finde , du siehst großartig aus“ sagte Arador, der gerade zur Tür hereingekommen war. „Und? Wie fühlst du dich?“

„Irgendwie komisch. Als mir der Schmied die Kiste mit den Rüstungsteilen in die Hand drückte fragte ich mich, wie um alles in der Welt ich dieses Gewicht jemals tragen sollte. Aber jetzt geht es, man spürt die Rüstung kaum. Nur der Brustpanzer engt ein wenig ein und die Armschienen zwicken. Aber ansonsten geht es.“

„Du wirst dich daran gewöhnen“ meinte der Mensch. „Das Leder muß sich noch an dich anpassen. Jetzt gehen wir den Lederwerkern. Dort sollst du ein Paar Handschuhe und Stiefel angepaßt bekommen, dann wärst du komplett.“

Bucca war nicht gerade begeistert von diesen schweren ledernen Dingern an seinen Füßen, aber er hatte einen besseren Halt in den Steigbügeln (was vor allem in Rüstung nützlich sein kann) und seine Unterschenkel scheuerten sich nicht mehr am Sattel wund. Die Handschuhe gefielen ihm da besser: er trug sie unter den Armschienen und so zwickten sie nicht mehr. Arador meinte, jetzt sähe der Hobbit wirklich wie ein Fürst der Halblinge aus, und für einen Fürsten geziemte es sich, mit dem Schwert umgehen zu können.
Die Schmiede hatten eine etwas kleinere, aber dafür gut ausgewogene Waffe für den Hobbit angefertigt, mit der er keine Schwierigkeiten hatte. Bucca war ein flinker Kämpfer, und die plumpen Trainingsschwerter waren nichts für ihn.

„Erbarmen“ keuchte Arador. Die letzte Trainingseinheit hatte vier Stunden gedauert, und Bucca zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. „Du brauchst eine schwerere Rüstung, oder ich bin chancenlos!“

„Ja, die Rüstung und das Schwert sind exzellent gefertigt“ bestätigte der Hobbit. „Ich mag ja gar nicht mehr aufhören. Mir ist, als ob ich ein kleines Stück Holz in der Hand halten würde, aber es hat eine tödliche Wirkung!“

„Das darfst du nie vergessen“ sagte der Mensch. „Du mußt immer daran denken, daß du mit deinen Waffen jemanden in Sekundenschnelle ins Jenseits befördern kannst; es ist kein Spielzeug. Aber im Gegensatz zu so manchem Rekruten habe ich da bei dir keine Befürchtungen.“

„Ehrlich gesagt geht es mir immer noch am besten, wenn die Rüstung aufgeständert im Quartier steht“ meinte Bucca. „Ich bin kein Krieger, nicht wirklich, nur werde ich mich wohl zu wehren wissen müssen, wenn es Not tut. Aber Friedenszeiten sind mir lieber.“

„Mir geht es genauso. Die seltenen Tage des Friedens sind die schönsten Tage, und schon deswegen genieße ich jeden Besuch im Auenland. Und die noch selteneren Momente, in denen meine Rüstung im Schrank liegt sind die schönsten des Jahres. Aber ich fürchte, dies werden wir nicht genießen können. Wir werden als nächstes das Lagern in einem Heer oder einer Gruppe üben. Du wirst Kontakt zu anderen Rekruten haben, und der König hat bestimmt, daß du einer der Hauptleute werden sollst. Ich werde dir noch einige Theorie beibringen müssen, und normalerweise bräuchte man dafür keine Rüstung, aber du sollst dich an sie gewöhnen und deswegen ist sie zu tragen. Aber du darfst sitzen!“

Und so wurde Bucca in den kommenden Tagen in der Heerführung, der Taktik, Geographie, der Geschichte des Nördlichen Königreichs und ein wenig auch in Elbisch unterrichtet. Die Dùnedain sprachen manchmal noch untereinander in Elbisch, aber sie benutzten es mehr als eine Hochsprache für offizielle Anlässe denn als Umgangssprache. Aber jeder Heerführer mußte wenigstens ein paar Floskeln auf Elbisch sagen können.
Bucca genoß die Unterrichtsstunden. Obwohl er such hier seine Rüstung tragen mußte konnte er sich ein wenig ausruhen. Aber er lernte fleißig und sprach bald mehr als nur ein paar Brocken Elbisch.

„Wir werden doch hoffentlich Elben sehen?“ fragte er dann und wann, wenn die Rede auf ihre bevorstehende Reise kam.

„Das werden wir“ war Aradors Antwort, aber mehr wollte er dazu nicht sagen.

Die grauen Novembertage zogen so dahin, und Anfang Dezember lag hoher Schnee, als die Gruppe der Rekruten zu einer dreitägigen Feldübung aufbrach. Sie würden sich zwar nicht weit von Königsnorburg wegbegeben, aber zwei Nächte im Freien kampieren, und das bei Frost und Schnee. Arador führte den Trupp als Ausbilder an, aber er gedachte, die eine oder andere Aufgabe an Bucca zu übertragen.

„Du sollst lernen, einen Trupp anzuführen, so wie das ein Statthalter des Königs können muß“ erklärte der Mensch. „Ich werde dir zur Seite stehen, aber dich lediglich beobachten und es nachher unter vier Augen besprechen. Eines mußt du dir merken: Untergebene wollen eine klare Linie und klare Befehle und du mußt wissen, was du willst. Nur so kannst du es nachher auch durchsetzen.“

„Ich bin gespannt, ob überhaupt jemand auf mich hören wird“ grinste Bucca. „Wer folgt schon den Befehlen eines Hobbits?“

„Du trägst das Wappen der königlichen Hausmacht, die Rekruten nur einen einfachen weißen Wappenrock ohne Feldzeichen. Das allein zeichnet deinen Rang aus. Und denke dran, du wirst Ritterentscheidungen treffen.“

„Was ist denn das? Davon war in den Lehrstunden noch nie die Rede.“

„Ritterentscheidungen sind kurz, knapp, klar verständlich und falsch. Es wird immer andere Heerführer und Hauptleute geben, die deine Entscheidungen anzweifeln werden. Du mußt vor allem vor dir selbst verantworten, wie du entscheidest, denn du trägst die Verantwortung für deine Leute und niemand sonst. Also lasse dich nicht verwirren.“

Bucca war nicht wohl bei dem Gedanken, einen Trupp von zwanzig Rekruten befehligen zu müssen. Aber er stellte fest, daß sie ohne Probleme gehorchten, und so war er doch in gewisser Hinsicht erleichtert, als sie loszogen. Endlich würden sie der Enge der Stadt für ein paar Tage entkommen und vielleicht sogar ein kleines Abenteuer erleben können.
Es war ein kalter Tag, als sie aufbrachen. Graue, tiefhängende Wolken versprachen Neuschnee und ein eisiger Nordwind pfiff durch die Stadt. Bucca war froh darum, Stiefel zu tragen, schließlich war er diese Kälte nicht gewohnt. Im Auenland herrschten milde Winter und es war schon ein Ereignis, wenn der Schnee knöchelhoch lag.
* eine Art früher Kompaß; eine der wenigen númenórischen Erfindungen, die es heute noch gibt
Rasch hatten die Reiter Königsnorburg verlassen und sie hielten sich nordwärts. Buccas Auftrag lautete, die Gruppe einen Tagesritt weit nach Norden zu führen und dort am Rand des Waldes ein Lager aufzuschlagen. Anschließend sollte sie einen Tag lang in südwestliche Richtung reiten und am dritten Tag in südöstlicher Richtung wieder nach Königsnorburg zurück finden. Dies würde nicht leicht werden, denn Arador durfte dem Hobbit nicht helfen und keiner von ihnen war jemals so weit draußen in der Wildnis gewesen. Bucca hatte als Befehlshaber natürlich freie Wahl beim Aussuchen seiner Hilfsmittel gehabt, und sich dabei für einen Satz detaillierter Landkarten, eine Sternenkarte und einem Richtungszeiger* entschieden. Arador hatte alles, was Bucca auswählte oder verwarf genau aufgeschrieben, und er würde nur dann eingreifen, wenn Gefahr drohte.
Im Wald war es düster und kahl, und unter den Tannen lag nur wenig Schnee. Bucca ließ seine Leute vorsichtig reiten, denn es ging das Gerücht, daß Feinde aus dem Norden nach Arnor eingesickert seien und er vermutete, daß sie sich (wenn das Gerücht denn stimmte) in der Düsternis des Waldes verstecken würden. Und da er keine erfahrenen Späher in seinem Trupp hatte sollten alle dicht zusammenbleiben.
Aber sie ritten unangefochten durch den Wald, und am Abend erreichten sie den nördlichen Saum. Sie fanden eine geschützte Lagerstelle in einer Bodensenke, und Bucca postierte seine Wachen oberhalb der Senke. Sie entfachten kein Feuer (das Übernachten in der Wildnis ohne Feuer war Teil der Ausbildung) und wer keine Wache hatte hüllte sich in seine Decken.
Bucca übernahm eine der ersten Wachen. Er wollte sich einen Überblick über die Gegend verschaffen und außerdem würde er so Respekt vor seinen Leuten gewinnen. Nicht jeder Heerführer übernahm Tätigkeiten einfacher Krieger, und nicht jeder Heerführer hatte den Respekt seiner Truppe. Zudem waren es die meisten seiner Rekruten noch nicht gewohnt, nach einem langen und anstrengenden Tagwerk noch wach und aufmerksam zu bleiben.
Die Lande lagen friedlich da in der Nacht. Die Welt lag in einem traumlosen Schlummer, schien es, und Kriege schienen Erscheinungen einer fernen, vergangenen und grausamen Zeit zu sein. Fast schon fragte Bucca sich, ob es nicht übertrieben war, Wachen aufzustellen, obwohl er sich sehr wohl der Warnungen bewußt war. Er kämpfte gegen das Verlangen, sich

hinzulegen und zu schlafen. Plötzlich knackte ein Zweig hinter ihm. Bucca drehte sich um.

„Ich bin es“ sagte Arador. „Du scheinst ja überhaupt nicht schlafen zu wollen. Denke daran, daß ein Heerführer mannigfaltige Aufgaben hat. Wieso hältst du da Wache?“

„Viele der Rekruten sind ein langes Wachbleiben noch nicht gewohnt, und sie haben heute viel Neues erlebt. Ich sollte sie schonen so lange es noch geht. Außerdem brauchte ich etwas Zeit zum Nachdenken.“

„Aha? Und worüber?“

„Ach, dieses und jenes. Um ehrlich zu sein frage ich mich, ob ich überhaupt das Zeug zum Heerführer habe. Es ist ja ganz nett, mal draußen in der Wildnis zu sein, wenn man weiß, daß man bald schon wieder in einem warmen Bett liegen kann. Aber auf längere Zeit und wenn Feinde in der Nähe sein können? Ich glaube, für mich ist das nichts.“

„Das dachte ich auf meinem ersten Ritt auch. Aber du wirst sehen, wie viel Spaß das allen Beteiligten bringen kann. Aber wieso läßt du Wache halten?“

„Ich hörte, daß möglicherweise Feinde in der Nähe sind. Deswegen die Wachen und deswegen kein Feuer. Orks können unangenehme Zeitgenossen sein wurde mir gesagt.“

„Da hast du recht“ lachte Arador. Er zog sich wieder zurück, und bald schon wurde die erste Wache abgelöst. Endlich konnte Bucca ein wenig Schlaf finden. Er schlief rasch ein, und nach einem kurzen, traumlosen Schlummer schrak er hoch. Jemand hatte ihn geschüttelt.

„Was ist denn?“ fragte er schlaftrunken.

„Eben erreichte ein versprengter Reiter unser Lager. Er kommt von der Nordgrenze. Feinde haben sie überrannt und dringen in unser Land ein.“

„Dann ist klar, was zu tun ist. Wecke die anderen.“

Bald war der kleine Trupp angetreten. Bucca klärte seine Leute über die Lage auf. „Ich werde zur Nordgrenze reiten. Doch ich werde nur diejenigen mitnehmen, die mitkommen wollen. Wir sind schließlich noch in der Ausbildung. Und wer nicht mit an die Nordgrenze reiten will wird nach Königsnorburg geschickt, um Verstärkung anzufordern. Wer kommt mit?“

Alle packten ihre Waffen und traten vor. Jedem der jungen Krieger war klar, was auf dem Spiel stand: marodierende Orks würden die Lande nur noch unsicherer machen und einem heranrückenden Heer den Boden bereiten. Und so war der Reiter von der Grenzbesatzung der einzige, der in die Hauptstadt geschickt wurde.

„Ich finde, das war keine gute Entscheidung, nur einen zum Königshof zu schicken“ sagte Arador zu Bucca.

„Ich weiß. Aber wenn ich jetzt einen oder zwei per Los ausgewählt hätte, dann hätte das die Moral der anderen geschwächt. Sie sind jung und motiviert und endlich haben sie ihre lang ersehnte Bewährungsprobe. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, jemanden zurückzuweisen. Ich hätte es selbst nicht gewollt.“

„Manchmal muß ein Heerführer Entscheidungen treffen, die sein Herz nicht gutheißt. Dafür ist er der Heerführer, der selbst seine Befehle hat.“

„Ich weiß. Aber dieses Mal hatte ich einen, der gehen konnte und wollte. Der Meldereiter kennt sich hier besser aus als jeder von uns. Er wird den Weg zum Königshof rasch finden. Rascher als einer von uns, und auf Geschwindigkeit kommt es jetzt an.“

„Dann laßt uns losreiten.“

Sie saßen auf und ritten gen Norden. Laut Buccas Schätzung würden sie die Nordgrenze noch am selben Tag erreichen, und er hielt Ausschau nach Spuren, die auf die Anwesenheit von Feinden schließen ließen. Und sie kamen gut voran und blieben unangefochten, bis sie den Grenzzaun erreichten.
Der Grenzzaun war aus einer hölzernen Palisadenreihe gebildet worden, hinter dem ein tiefer Graben gezogen worden war. Er war einer der älteren Werke der Dùnedain von Arnor, das begonnen wurde, ehe ihre Macht schwand. Aber die Stärke der Menschen war nicht mehr so wie einst, und der Zaun verfiel immer mehr. An vielen Stellen reichte das Gestrüpp bereits über den Graben an die Palisaden heran, die morsch waren und sich wie schiefe Zähne hierhin und dorthin neigten.

„Das sieht für einen Grenzübertritt ja geradezu einladend aus“ brummte Bucca. „Wahrscheinlich sind die Grenzwachen auch noch unbesetzt. Orks könnten hier überall eingedrungen sein. Mal sehen, ob man von der anderen Seite aus mehr sehen kann.“

„Du willst dich doch nicht ernsthaft da durchzwängen?“ fragte Arador entsetzt.

„Wieso nicht? Wenn unsere Feinde da so mir nichts, dir nichts durchgehen können, dann kann ich das auch. Auf unserer Seite haben Reiter fast alle Spuren zertrampelt, aber auf der Nordseite dürften sie noch gut erkennbar sein. Dann heften wir uns an die Fährte der Feinde.“

Bucca saß ab und zwängte sich durch eine der vielen Lücken im Zaun. Ohne große Mühe kletterte er durch den Graben und kletterte auf einen Baum. Er sah sich um. Unter ihm war der Zaun, der sich nach Osten und Westen wie eine grüne Schneise durch die Landschaft wand. Weiter nördlich lag eine große Ebene. Bucca erinnerte sich an den Reisebericht seines Vorfahren, und er wußte, daß es sich um die große Ebene von Angmar handelte. Er meinte, dort große Heere zu sehen, aber es konnte auch eine Täuschung sein. „Da müßte man näher ran“ murmelte er.
Nicht weit von ihm war eine schwarze Schneise zu sehen, die sich gen Süden wand. Das war die Spur, die er suchte. Er kletterte rasch vom Baum herunter.

„Und? Was hast du gesehen?“ fragte Arador neugierig.

„Keine halbe Wegstunde westlich von hier ist eine schwarze Spur, die noch nicht alt sein kann. Die will ich mir mal näher ansehen.“

Sie ritten Richtung Westen, und nach wenigen Minuten standen sie an der von Bucca beschriebenen Schneise. Das hohe Gras war zertrampelt, das Gebüsch zerhauen und es stank erbärmlich. Welche Art von Feinden hier durchgekommen war, war allen klar.

„Nur Orks können so herumtrampeln“ meinte Arador verächtlich. „Keine andere Kreatur findet Spaß daran, Lebendes zu vernichten.“

„Wir heften uns an ihre Fersen. Vorsichtig jetzt und kein unnötiges Reden“ sagte Bucca. „Sie können überall auf uns lauern. Zwei Mann als Späher voraus. Eine halbe Wegstunde vor, dann seitwärts und zurück. Wir gehen hier in Deckung.“

Zwei Reiter verschwanden rasch im Dunkel der Bäume. Bucca ließ die restlichen Reiter im nahen Gestrüpp in Deckung gehen. Wachen beobachteten die nähere Umgebung. Doch es passierte nichts Ungewöhnliches. Nach einer Stunde kehrten die Späher zurück.

„Orks lagern etwa eine Meile südlich von hier. Sie halten sich genau an der Spur auf und haben keine Wachen aufgestellt. Offenbar fühlen sie sich hier sicher. Es sind nicht viele.“

„Dann ist klar, was wir zu tun haben. Ihr habt keine weiteren Lager oder Stellungen in der Nähe gesehen?“

„Nein, Herr. Es ist ein Lager, scheint es. Es gibt keine weiteren Feinde in der Nähe.“

Leise saßen sie auf. Auf dem weichen Waldboden waren ihre Pferde praktisch nicht zu hören, selbst an die empfindlichen Hobbitohren drang kaum ein Geräusch. Rasch drangen sie in den Wald ein. Auf einer Lichtung waren rauh gesprochene Worte zu hören. Bucca hob die Hand und gab einigen Reitern mittels Handzeichen die Weisung, das Lager zu umrunden. Er wartete, bis sie in Position waren, dann zog er sein Schwert und gab seinem Pferd die Sporen.
Wie ein Weststurm fielen sie über die Orks her. Diese waren zwar in der Überzahl, aber durch den Überraschungsangriff war dies kein Vorteil. Nach wenigen Minuten war der Kampf zu Gunsten Arnors entschieden.

„Das war erst der Anfang“ meinte Bucca düster. „Die Spur geht noch weiter. Wir müssen jederzeit damit rechnen, Feinde auf ihr anzutreffen. Wir werden uns gen Süden halten, aber wir bleiben abseits der Spur im Wald. Bleibt wachsam!“

Sie ritten weiter, so rasch es inmitten des Waldes ging. Die Spur war nicht zu verfehlen, selbst wenn man abseits von ihr ritt. Sie tasteten sich weiter voran, und plötzlich standen sie auf freiem Feld. Die Spur ging noch ein Stückchen weiter. Unten im Talgrund kämpften Orks gegen Menschen, und es schien für Arnor nicht sehr gut auszusehen.

„Angriffsreihe bilden! Eine Reihe, und im vollen Galopp angreifen. Speere vor!“ Bucca gab ein kurzes Hornsignal, und die Reiter stürmten voran. Aber Bucca galoppierte seinem Trupp voran, und er war für seine Leute uneinholbar. Mit seinem Speer erlegte er einige Orks, ehe er zerbrach. Rasch zog er sein Schwert.
Zeitgleich erreichten die Reiter das Schlachtfeld. Bucca hörte hinter ihm die Schlachtgeräusche. Er schwang sein Schwert, und ein Ork nach dem anderen fiel. Kein Feind wagte mehr, sich dem wütenden Hobbit zu nähern, und das Lachen erstarb auf ihren Lippen. Aber die kämpfenden Dùnedain wurden ermutigt, und nach einem kurzen, aber heftigen Kampf hatten sie die Feinde besiegt.

„Euer Erscheinen war gerade rechtzeitig“ sagte Maborn, der Heerführer des Hauptheeres von Arnor. „Wir erhielten vorhin Nachricht, daß Feinde in unser Land eingedrungen seien. Aber daß sie bereits so nah an Königsnorburg herangekommen waren, ahnten wir nicht. Sie griffen uns ohne Vorwarnung an. Eure Rekruten haben ganze Arbeit geleistet, Herr Arador.“

„Meine Rekruten wurden von Bucca vom Bruch geführt. Das ist der Hobbit dort vorne, der mit dem Königswappen. Er soll einmal ein Heerführer werden.“

„Er ist es schon jetzt“ sagte Maborn anerkennend. „Meine Güte, ich habe noch nie ein Schwert gesehen, das so geschwungen wurde wie das des Hobbits. Er hat den Trupp angeführt? Dann ist seine Zukunft klar.“

„Ich habe den Trupp zwar angeführt, mit Aradors Hilfe, aber ohne den Mut und die Tapferkeit meiner Leute wäre ich nicht weit gekommen. Denen gebührt der Ruhm.“ Bucca war gerade hinzugekommen und hatte Maborns letzte Worte gehört.

„Ein echter Heerführer, ohne Zweifel“ lachte der Mensch. „Ihr habt Recht: ohne unsere Leute sind wir nichts. Nur wenige Heerführer sehen so etwas ein, und ich bin froh, daß Ihr so denkt. Ihr seid noch in Ausbildung, höre ich?“

„Das ist richtig, Herr. Man sagt, ich solle im Frühjahr auf eine Expedition in den Süden gehen. Aber bis dorthin ist noch viel Zeit, und ich glaube nicht, die Gruppe anführen zu sollen.“

„Darüber wird der König entscheiden. Ich bin mir sicher, daß er Eure heutigen Taten richtig zu würdigen weiß. Aber nehmt Euch vor Aranarth in acht.“

„Ich weiß“ sagte Bucca leise. „Aranarth hält nicht viel von uns Hobbits. Ich glaube, wenn er König geworden wäre, dann ginge es uns nicht so gut wie jetzt.“

„Ich sehe, Ihr wißt Bescheid. Aber laßt uns nun nach Königsnorburg zurückreiten.“

Arador war dafür, die Übung der Rekruten abzubrechen, denn viele waren leicht oder mittel verwundet worden, und Bucca hatte eine häßliche Schramme auf der Stirn abgekriegt. Sein Helm hatte nicht sonderlich viel ausgehalten, und Arador wollte dem nachgehen. Auch schien es, als ob die Ausrüstung der anderen nachlässig gearbeitet war.




Ritter Bucca vom Bruch

Die Menschen von Königsnorburg bereiteten den heimkehrenden Kriegern einen großen Empfang. Die Bevölkerung jubelte, und die Straßen waren mit Blumen übersät. Bucca ritt neben Maborn an der Spitze, so wie es einem Heerführer zustand. Langsam zogen sie durch die Stadt, und Arador war sichtbar stolz auf seinen Schüler.
Der König erwartete das Heer im Innenhof des Palasts, und er hielt eine kurze Ansprache an seine Krieger. Er ließ die Rekruten hervortreten, und Bucca berichtete von den Taten jedes Einzelnen. Dann erhob der König sie in den Kriegerstand. Anschließend befahl er Bucca, zur Waffenschmiede zu gehen und seine beschädigten Ausrüstungsteile gegen neue zu tauschen.

In der Zwischenzeit sprach er mit Arador. Der König wollte wissen, wie Bucca sich als Heerführer geschlagen hatte.

„Er hat umsichtig gehandelt“ antwortete der Ausbilder. „Er nimmt Rücksicht auf seine Untergebenen, achtet auf ihr Können und Wissen und respektiert sie. Es gab keine Befehlsverweigerungen und keine Widersprüche.“

„Er macht sich gut, scheint es. Wie hat er sich in der Schlacht gehalten?“

Arador berichtete von der Schlacht und ließ keine Einzelheit aus, dann und wann von Maborns Beobachtungen ergänzt. Der König nickte zufrieden.

„Ich finde, er sollte zum Ritter geschlagen werden. Sein Verhalten ist ein löbliches Beispiel, und kämpfen kann er. Ich frage mich nur, wie loyal er ist.“

„Das solltet Ihr ihn selbst fragen“ meinte Arador. „Ich weiß nur nicht, ob er überhaupt ein Ritter werden will. Hobbits kämpfen nicht gern, und Bucca zweifelt an sich selbst.“

Der König schwieg nachdenklich, und nach einem kurzen Moment kam Bucca in den Thronsaal. Um den Kopf trug er einen leinenen Verband, aber seine Rüstung war in gutem Zustand und er trug einen neuen Wappenrock. Der Hobbit trat vor den König und kniete nieder.

„Ihr habt mich rufen lassen, Herr? Empfangt meine Dienste!“ Er zog sein Schwert und legte es zu Füßen des Königs.

„Ich nehme sie an“ antwortete König Arvedui. „Erhebe dich!“ Er gab dem Hobbit sein Schwert zurück. „Man hört viel Ruhmreiches über dich und deine Taten!“

„Die Leute neigen zur Übertreibung“ lächelte Bucca. „Ich habe nur das getan, was ich als meine Pflicht erachtete, und dank der Künste des Herrn Arador habe ich Kämpfen gelernt.“

„Du bist auf die Fährte der Feinde gekommen, hast uns gewarnt und sie schließlich selbst verfolgt. Du hast deine Krieger, die ja allesamt noch Rekruten waren zu Leistungen gebracht, die sie selbst nicht für möglich hielten. Sie werden nun als ruhmreich gefeiert, nur du willst das nicht?“

„Ich finde, das steht einem Hobbit nicht zu. Na ja, wer mich sieht glaubt bestimmt nicht, es mit einem Krieger zu tun zu haben“ meinte Bucca verlegen. „Und irgendwie wird mir das zu Hause keiner glauben. Ich habe von keinem Hobbit gehört, den man als großen Krieger gerühmt hat.“

„Ich schon. Er hieß Bucca, so wie du. Er wurde sogar Ritter von Arnor, und ich finde, du solltest das auch werden. Immerhin wirst du im Frühjahr gen Süden reiten, und ich möchte nur ungern jemanden auf diese gefährliche Reise schicken, der kein Krieger ist. Und die Ritterwürde entspricht deinem Rang.“

„Dann sei es so, wenn Ihr das wünscht, Herr.“

„Es soll nicht so sein, weil ich das wünsche, sondern weil du es sein solltest, Bucca. Und wenn Menschen, die fast doppelt so groß sind wie du dir gehorchen, dann bist du ein geeigneter Kandidat. Und deine Taten in der Schlacht hätten so manchem großen Krieger, den ich kannte gut zu Gesicht gestanden.“

Bucca schien unschlüssig zu sein, und Arador erhob das Wort. „Erlaubt mir, daß ich mit dem Hobbit ein paar Worte unter vier Augen wechsle“ sagte er augenzwinkernd. Der König nickte, und die beiden gingen hinaus in den Park.

„Ich finde, du solltest die Ritterwürde nicht ablehnen, Bucca“ meinte der Mensch. „Viele träumen von dem, was der König dir anbietet und du wirst es bereuen, wenn du das jetzt ablehnst. Du wirst keine zweite Chance bekommen.“

„Ich weiß. Aber ich bin und bleibe ein Hobbit, und Hobbits ziehen nicht gerne in den Krieg und als Ritter bin ich zu Hause dann ein noch größerer Sonderling als ich es jetzt schon bin. Was nützt mir all der Ruhm, wenn ich zu Hause von allen geschnitten werde?“

„Das würde dir wirklich nichts nützen. Aber ich glaube nicht daran. Du mußt ja nicht den ganzen Tag in Rüstung herumlaufen, wenn es Zeiten des Friedens sind. Du sagtest aber selbst, daß dein Volk immer dann nach dem König ruft, wenn die Zeiten unruhig werden. Dann wäre es gut, einen zu haben, der als Vertreter des Königs auftraten kann, und wenn er weiß wie ein Land zu verteidigen ist, dann ist das um so besser.“

Die beiden redeten noch lange miteinander, und der König beobachtete sie aus dem Fenster. „Ein seltsames Völkchen sind diese Hobbits“ meinte er. „Im Kampf erringen sie einen unvergleichlichen Ruhm (wenn sie denn kämpfen) und nachher wollen sie davon nichts mehr wissen. Am liebsten verstecken sie sich davor.“

„Sie sind eben klein, und daher zurückhaltend und bescheiden“ sagte einer der Höflinge. „Und ohne sie müßten wir hungern. Möglicherweise gäbe es schon kein Königreich Arnor mehr. Sie helfen uns auch ohne Waffen. Dennoch solltet Ihr sie ermutigen, Waffen zu tragen indem Ihr den Ruhmreichen belohnt.“

„Und damit einem friedfertigen Volk das Töten lehren. Vielleicht ist Bucca schlicht und ergreifend weise, wenn er das verhindern will. Er kennt seine Landsleute gut. Aber daß er ihretwillen freiwillig zurückstehen will, das ehrt ihn. Ich überlasse die Entscheidung ihm.“

Nach einer Viertelstunde kam Arador allein zurück. „Er ist unsicher und weiß nicht, was er tun soll. Ich glaube, er würde schon gern Ritter werden, weil das Abenteuer verspricht, aber andererseits fürchtet er, von seinen Leuten nicht mehr anerkannt zu sein. Der arme Kerl weiß nicht, was er tun soll.“

„Er soll es bald wissen“ antwortete der König. „Ich will mit ihm sprechen. Laßt mich mit ihm allein, nicht soll ihn drängen.“

Bucca saß nachdenklich auf einer Bank, und der König setzte sich neben ihn. „Und? Bist du zu einer Entscheidung gekommen?“

„Nein, Herr. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Was ich auch mache scheint falsch zu sein, wenn ich darüber nachdenke. Werde ich Ritter werden mich die Leute zu Hause schief ansehen, und ein Statthalter ohne Respekt ist ein schlechter Statthalter. Werde ich kein Ritter kann ich nicht mit in den Süden.“

„Ich glaube nicht, daß du ein Statthalter ohne Respekt sein wirst. Du weißt, wie man ein Land verteidigt und Feinde besiegt. Und die Ritterwürde ist ein sichtbares Zeichen dafür. Zweifle nicht länger an dir, damit keiner an dir zweifelt. Und eigentlich wollte ich, daß du die Expedition zusammen mit Arador anführst, aber dafür mußt du ein Ritter sein. Na, und wenn dein Volk dich nicht mehr als einen der Ihren akzeptiert, dann kommst du eben wieder an den Königshof. Hier wirst du immer willkommen sein.“

„Dann ist es entschieden“ sagte Bucca erleichtert. „Ich weiß, was ich tun soll. Ich weiß nur nicht, wie ich es anfangen soll. Und ich frage mich, ob es selbst hier nicht Leute gibt, die mich nicht als der akzeptieren werden, der ich bin.“

„Wenn du von meinem Stiefsohn Aranarth sprichst, dann magst du Recht haben. Er zweifelt alles an, was wir hier tun. Davon darfst du dich nicht schrecken lassen.“

„Genau den meine ich. Verzeiht mir, Herr, aber ich glaube nicht, daß ich jemals gut mit ihm auskommen werde. Er ist hochmütig und ich glaube nicht, daß es uns Hobbits unter ihm so gut gehen würde wie unter Euch.“

„Das glaube ich auch nicht“ lächelte der König. „Aber nun komm! Wir haben einen Sieg zu feiern, an dem du maßgeblichen Anteil hattest. Und ich gedenke, dich dafür auf eine Art und Weise zu ehren, die mir als die Richtige erscheint.“

Die beiden gingen in die Halle zurück. Dort nahm der König seinen Platz wieder ein und Bucca wurde in einen Nebenraum geführt. Diener nahmen vorsichtig seinen Verband ab, und außer einer Schramme war nichts mehr von der Verwundung zu sehen. Arador kümmerte sich um seinen Schüler und erklärte ihm, was er zu tun hatte.
Währenddessen traten die Ritter und Krieger von Arnor im Thronsaal an und bildeten ein Spalier. Als Bucca aus dem Nebenraum trat riefen sie Hochrufe aus. Gemessenen Schrittes trat der Hobbit vor den König und kniete nieder. Dieser erhob sich, zog sein Schwert und trat vor. Er unterdrückte ein Lächeln und sprach:

„Ich, König Arvedui von Arnor empfing deine Dienste und höre, daß du zu Ruhm und Ehre kamst. Dies soll jetzt belohnt werden. Deine Taten sind ein leuchtendes Beispiel für jeden Krieger und der Ritterwürde wert. Sprich du nun die Worte nach:

Mit meinem Leben und meiner Ehre werde ich für Arnor kämpfen und alles, was schön und gut ist verteidigen, so wahr mir die Valar helfen.“

Dies tat Bucca, und der König legte sein Schwert auf die linke Schulter des Hobbits. Auf die rechte Schulter legte er ein wenig Erde.

„Erhebe dich nun, Ritter Bucca vom Bruch aus dem Auenland und trage dein Schwert zu gutem Gelingen!“

Die Anwesenden jubelten und die Siegesfeier begann. Bucca erhielt den Ehrenplatz zur Rechten des Königs und das Festmahl wurde aufgetischt. Es gab für alle reichlich und mehr (wie man in Buckelstadt so sagte) und dabei regneten die Schoppen in Strömen (alter Tuk- Trinkspruch) und ein Hobbit konnte da nur rundum zufrieden sein. Tatsächlich war Bucca besser mit der kargen Tafel in Königsnorburg zurechtgekommen als so mancher seiner Vorgänger und mittlerweile machte es ihm nichts aus, auf den Elf- Uhr- Imbiß oder den Nachmittagstee zu verzichten. Er hatte weniger Fett angesetzt als so mancher anderer Hobbit seines Alters und Arador meinte, so ein gertenschlankes, geschmeidiges Kerlchen wie er müßte im Auenland doch Erfolg bei den Frauen haben. „Unsere Schönheitsideale sehen etwas anders aus“ hatte Bucca da immer zur (nicht ganz ernstgemeinten) Antwort gegeben. Aber gegen so einen Abend des Schmausens hatte er natürlich nichts einzuwenden.
Die älteren Ritter erzählten von ihren vergangenen Abenteuern, Bucca mußte seine Taten immer wieder und wieder einem interessierten Publikum schildern, es wurde gesungen und getanzt; und so verging die Nacht. Spät nach Sonnenaufgang gingen sie zu Bett und noch später standen sie wieder auf.

Die letzten Novembertage waren vergangen, als der König den Hobbit wieder zu sich rief. Von den anderen Edelleuten waren nicht sehr viele bei Hof, die meisten waren auf ihren Ländereien, wo es immer genug zu regeln gab. Nur Arador war noch anwesend.

„Wie gefällt dir dein Dienst bis jetzt, Bucca?“

„Bislang war es ganz gut, Herr. Anfangs ließ die Tafel vielleicht ein wenig zu wünschen übrig, aber mittlerweile geht es. Wieso fragt Ihr?“

„Nun, bald mußt du dich entscheiden, ob du im aktiven Dienst bleiben oder ob du ein Landadliger werden willst, so wie deine Vorfahren. Du kannst einige Ländereien hier am See bekommen, oder du hast ein abenteuerlicheres Leben, das dafür mehr Ruhm und Ehre als das Landleben bietet.“

„Was meine Vorfahren betrifft: die sind ja auch keine Ritter geworden, außerdem ist meine Heimat im Auenland. Versteht mich bitte nicht falsch; Euer Angebot, Ländereien hier am See zu übernehmen ehrt mich. Aber irgendwie ist es nicht das, was ich mir unter einem Leben als Ritter vorgestellt habe. Irgendwie fühle ich mich noch nicht reif genug für so ein Leben. Außerdem war die ganze Zeit über die Rede von einer gewissen Expedition, die ich eigentlich nicht verpassen sollte.“

„Du sprichst wahr“ lachte der König. „Als ich so jung war wie du hat mich das abenteuerliche Leben des umherziehenden Ritters auch mehr gereizt als ein geregeltes seßhaftes Dasein. Wie alt bist du jetzt genau?“

„Zwanzig Jahre, Herr. Für einen Hobbit ist das noch kein Alter. Um genau zu sein, werde ich erst in dreizehn Jahren jährig, wie man im Auenland so sagt und erst dann darf ich nach unseren Gesetzen ein Amt übernehmen, es sei denn der König bestimmt etwas anderes.“

„Auch nach den Maßstäben der Dùnedain bist du jung, obwohl wir ein Amt schon ab einundzwanzig Jahren übernehmen dürfen. Und selbst unter den Rittern gibt es wenige, die diese Würde schon in so jungen Jahren verliehen bekommen haben.“

„Ja, andere in meinem Alter klettern noch auf Bäumen herum und nehmen Vogelnester aus“ lachte Bucca. „Aber mein Vater hatte da auch schon Verantwortung übernehmen müssen.“

„In deinem Alter war dein Vater im Krieg“ sagte Arador. „Er führte einen Trupp Hobbits an, die uns als Kundschafter dienten und ich habe seither keine besseren Späher gesehen. Aber wir finden, wir sollten dich in diesen Zeiten relativen Friedens nicht so hart rannehmen. Du hast deinen Ruhm erworben, und es ist mehr als so mancher gestandene Krieger hat.“

„Der Ansicht bin ich auch“ ergänzte der König. „Im März soll die Expedition in den Süden aufbrechen. Was sie genau suchen soll, welchen Weg sie genau nehmen soll und so weiter sollen die Weisen bis Februar klären. Ich finde, bis dahin hast du dir ein wenig Urlaub verdient. Reise nach Hause zu deinem Vater und kehre Ende Februar zurück. Du wirst nachher lange genug weg sein, also genieße die Zeit.“

Der König entließ Bucca und Arador, und der Hobbit freute sich auf den Urlaub. Er durfte sogar sofort aufbrechen, wenn er es wollte, und das war nicht selbstverständlich.

„Und wann brichst du auf?“ fragte Arador. „Der König läßt dich sofort gehen.“

„Nicht vor morgen früh. Ich möchte in Ruhe meine Sachen packen und vielleicht gibt es da einen Brief oder sonstwas, was ich ins Auenland mitnehmen soll. Ich werde da mal rumfragen. Was machst du eigentlich?“

„Ich werde meine Familie drüben in Annúminas besuchen. Der König gönnt auch mir einige Wochen Auszeit. Vielleicht komme ich im Januar ins Auenland nach, was meinst du?“

„Du bist jederzeit willkommen. Laß von dir hören!“

Die beiden trennten sich und gingen in ihre Quartiere. Bucca hatte seine Taschen rasch gepackt, und er suchte die Ratsschreiber auf. Diese hatten mehr Post für ihn als er zunächst dachte, und so hängte er tags darauf eine dritte Tasche an den Sattelbaum. „Zum Glück haben wir in Balgfurt ein Postamt“ dachte der Hobbit. „Dort gebe ich die klar adressierten Schreiben auf. Wäre ja noch schöner, wenn mein Urlaub für das verteilen von Post draufgeht.“ In Balgfurt war eine Sammelstelle für die Post, die ins Auenland kam oder aus diesem herausgeschickt wurde.
Bei Sonnenaufgang verließ Bucca den Palast und donnerte die Südstraße entlang. Nur auf der Hügelkuppe, von der aus er Königsnorburg zum ersten Mal gesehen hatte hielt er an und drehte sich um. „Eine ganze Menge hast du erlebt, seit du diese Straße hier heruntergeritten bist“ sagte er leise zu sich und gab seinem Pferd die Sporen.



Auf Heimaturlaub

Die Heimreise war ohne Zwischenfälle verlaufen (und der Posthalter von Balgfurt hatte sich ob der Flut von Briefen aus der Hauptstadt bedankt) und so kam Bucca zwei Wochen vor dem Julfest (dem Neujahrsfest der Hobbits, Zeitpunkt legendärer Festmähler) in Buckelstadt an. Sein Vater wollte seinen Augen nicht trauen, als er seinen Sohn sah.

„Na, da schau sich mal einer unseren Tunichtgut an! Ganz wie ein Ritter gekleidet! Hast du nichts Besseres zu tun gehabt?“ Natürlich war Raedwald über Buccas Taten vom König höchstselbst in einem ausführlichen Brief in Kenntnis gesetzt worden.

„Der König hatte keine andere Verwendung für mich“ gab Bucca zurück. „In der Küche hab ich denen zuviel Geschirr zerdeppert und Gänse hüten war auch nichts. Da bin ich eben ein Ritter geworden.“

„Na, sei uns willkommen. Wir müssen dich sofort unseren Nachbarn vorführen!“

„Bloß nicht. Ich bin froh, halbwegs unerkannt hier angekommen zu sein. Eigentlich wollte ich in meinem Urlaub zuerst ein wenig ausschlafen und meine Ruhe haben. Bei Hof pflegt man früh aufzustehen, und wenn die Sonne aufgeht hat das Frühstück beendet zu sein.“

„Harte Zeiten für einen Hobbit“ meinte Raedwald. „Aber heute Abend wirst du noch etwas zu tun bekommen: die Beutlins aus Oberbühl haben sich zu Besuch angekündigt. Aber komm erst mal rein!“

Bucca führte sein Pferd in den Stall und sattelte es ab. Dann stellte er ihm etwas Futter hin und bürstete es. Raedwald protestierte; er meinte, dies sei Arbeit für den Stallburschen.

„Der geht da besser nicht ran ehe ich ihm etwas über Ritterpferde erklärt habe“ meinte Bucca. „Es sind gelehrige und gutmütige, aber zuweilen etwas feurige Tiere und sie sind mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Außerdem habe ich den Stallburschen noch nicht gesehen.“

„Stimmt ja, ich habe ihn zum Wein holen geschickt. Na gut, dann mußt du dich eben selbst um dein Pferd kümmern. Ein schönes Tier ist es. Es ist lange her, seit ich selbst eines geritten habe.“

„Du bist selbst auf Pferden geritten? Wieso tust du das jetzt nicht mehr? Ich möchte das Erlebnis jedenfalls nicht mehr missen.“

„Für mich war das nichts. Hat mich zu sehr an den Krieg erinnert. Aber da brauche ich dir ja nichts mehr zu erzählen, du alter Schlachtenbummler. Der König hat mir alles geschrieben, was die Menschen von Königsnorburg über dich erzählen. Du scheinst unter ihnen ja einiges an Ruhm zu genießen.“

„Die Menschen übertreiben gerne. Ich habe nicht mehr getan als jeder andere Krieger meiner Truppe. Wahrscheinlich wundern die sich nur darüber, daß ein Hobbit genauso viel kann wie ein Großer. Die werden sich dran gewöhnen.“

„Immerhin hast du den Trupp angeführt, und das ist keine kleine Leistung. Und das ganze Auenland spricht schon darüber.“

„Um Himmels Willen! Gibt es denn nichts, was diese Plappermäuler herumtratschen? Ich hatte gehofft, jetzt ein wenig Ruhe zu haben aber das wird wohl nichts. Am Ende muß ich noch eine Rundreise durchs Auenland machen!“

„Das kann sein. Aber du kennst doch das Sprichwort Nichts spricht sich schneller herum als Unfug und Neuigkeiten aus Bree? Die Leute erzählen sich eben gerne Geschichten über Helden, vor allem, wenn diese Helden aus ihren eigenen Reihen kommen. Ist mir genauso gegangen, als ich vom Krieg zurückkehrte, nur war ich damals nicht gerade gewillt, allzu viel davon zu erzählen. Der Krieg ist so schon schlimm genug. Aber das gibt sich mit der Zeit.“

„Na hoffentlich. Wenigstens kann ich mich nachher noch umziehen. Wäre ja noch schöner wenn ich von den Nachbarn in Rüstung gesehen werde.“

In diesem Moment schlug die Gartentür zu. Jemand kam den Weg herauf. Bucca versteckte sich geistesgegenwärtig in der Sattelkammer. Primadonna Straffgürtel kam zur Stalltür herein. Sie galt als die geschwätzigste der Waschweiber von Buckelstadt. „Auch das noch“ brummte Bucca in sich hinein. „Ist die Welt mit Orks und Trollen nicht genug gestraft, als daß dieser Drache hier einfallen muß?“

„Na, wo ist denn unser Held?“ Ihre schrille Stimme zerriß die Stille.

„Er macht sich gerade frisch und ruht sich ein wenig von der langen Reise aus“ antwortete Raedwald. „Er ist tagelang nur mit wenigen Unterbrechungen geritten.“

„Na, ist gut. Sag mir doch mal Bescheid, wenn er zu sehen ist.“

„Mach ich!“ Raedwald geleitete sie höflich, aber bestimmt zur Gartentür heraus und vergewisserte sich nachher, daß sie gut verschlossen war. „Du kannst wieder rauskommen“ meinte er dann zur Stalltür.

„Bleibt einem doch gar nichts erspart“ knurrte Bucca. „Also, dieses Waschweib hatte mir eben noch gefehlt. Zum Glück hat sie mich nicht gesehen.“

„Die Leute sind eben neugierig. Ach ja, heute Abend bringt Bungo seine Tochter Belladonna mit. Ich hoffe, du kannst sie ein wenig unterhalten. Sie dürfte sich womöglich in der Gesellschaft von so vielen alten Leuten unwohl fühlen.“

Bucca nickte, und sie betraten die alte Hobbithöhle, die schon Bucca I. ein Zuhause gewesen war. Hildegardis war in der Küche und hatte von Buccas Ankunft noch nichts bemerkt. Leise betrat ihr Sohn die Küche und tippte ihr auf die Schulter.

„Was...Bucca, du bist es! Wie siehst du denn aus?“

„Das hat mich Vater eben auch gefragt“ lachte er. „Ja, so geht es einem, wenn er in den Diensten des Königs etwas zu vorwitzig ist.“

„Mir wäre dieses viele Eisen und Leder zu schwer. Aber deine Abenteuerlust scheint jetzt ja voll und ganz entfacht zu sein. Ich habe es befürchtet.“

„Ja, das ist sie. Aber an den Eisenkram kann man sich gewöhnen. Und das Leben bei Hof ist nicht ganz so schlecht wie die Leute es erzählen. Die Tafel ist vielleicht ein wenig karg, aber als Hobbit muß man sich eben durchzuschlagen wissen.“

„Man hört, du seiest ein Held?“

„Man übertreibt. Ich tat das, was ich mußte. Vielleicht haben die Menschen einem Hobbit das nicht zugetraut. Aber jetzt bin ich wieder hier und habe ein wenig Urlaub. Hoffentlich habe ich auch ein wenig Ruhe!“

„Das glaube ich nicht. Da kommen Bungo und seine Familie! Du meine Güte, so früh habe ich nicht mit denen gerechnet!“

„Und ich wollte mich noch umziehen! Das wird wohl nichts.“

„Heute ist nicht dein Tag, Bucca“ lachte Raedwald. „Na, damit wirst du dich abfinden müssen: du bist jetzt eine der Attraktionen von Buckelstadt! Am besten setzt du dich morgen in diesem Aufzug in eine Kneipe, dann können die Leute dich ausgiebig begaffen.“

„Nein danke. Kein Bedarf“ grinste Bucca. „Ich nehm´ Eintritt!“

Natürlich war Bucca die Hauptattraktion des Abends, und die gesamte Nachbarschaft fand sich irgendwelche Gründe vorschiebend bei der Familie vom Bruch ein. Der Ritter wurde viel bestaunt, aber es wurden nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Irgendwann wurde es ihm zu bunt und er setzte sich zu Belladonna, die sich zu langweilen schien.

„Hallo, Bucca!“ sagte sie. „Die Leute sagen, du hättest gegen Drachen und so fremdländisches Zeug gekämpft?“

„Nur gegen Orks. Den einzigen Drachen, den ich bisher gesehen habe heißt Primadonna Straffgürtel, und ein Kampf gegen die scheint aussichtslos!“

Die beiden lachten (und scherten sich keinen Deut darum, daß eine gewisse Frau Straffgürtel jedes Wort verstanden hatte) und sprachen bald über Dinge, über die junge Hobbits aus dem Auenland eben so sprechen. Die meisten von Buccas Schulfreunden hatten eine Lehre begonnen, manche waren schon verheiratet und einige hatten schon Kinder. Manche waren für die Lehre weit fortgezogen, und einer war sogar in Bree, um dort Schuster zu lernen.

„Komischer Beruf. So was braucht man im Auenland doch nicht“ meinte Bucca kopfschüttelnd. „Mindestens genauso sinnlos wie Ritter zu werden.“

„Na, nicht nur die Starren tragen ab und zu Stiefel“ versetzte Belladonna. „Und ich finde es überhaupt nicht sinnlos, daß du Ritter geworden bist. Mein Vater Bungo sagt immer, die Leute sollten nicht so über die Gerüchte lachen, die von Krieg und Gefahr handeln. Immerhin hast du mitten in der Gefahr gesteckt.“

„Ja, die Menschen des Nordens beschützen unser kleines Land, und nur wenige wissen es zu schätzen. Mit meinem Dienst will ich wenigstens einen kleinen Teil dieser Schuld abtragen und was ist der Dank der Leute? Sie gaffen mich an als ob ich aus einem anderen Land kommen würde und für sie bin ich ein Sonderling, eine Attraktion, mehr nicht. Aber wenn einfältige Leute in Frieden und Freiheit leben werden sie einfältig bleiben und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen daß es so bleibt. Dein Vater hat recht, wenn er vor Gefahren aus dem Norden warnt, denn eines Tages wird sich ein großes Heer von dort über unsere Lande ergießen. Wir werden von Glück sagen können, wenn sie uns übersehen. Aber wir sollten nicht darauf zählen.“

Sie sprachen nicht mehr von solch düsteren Dingen, sondern von den vielen schönen Sachen, die sich im Auenland ereignet hatten (und die Bucca verpaßt hatte) und die beiden lachten oft und laut und scherten sich nicht um die Blicke, die ihnen zugeworfen wurden. So verging der Abend und sie gingen zur Nachtruhe. Endlich konnte Bucca seine Rüstung ablegen.
Der nächste Morgen war ein strahlend schöner Dezembermorgen. In der Nacht hatte es geschneit, und die Sonne beschien eine gleißend weiße Landschaft. Bucca war früh wachgeworden (so ganz ließen sich die alten Gewohnheiten nicht abschütteln) und er holte die Morgenzeitung. Fröstelnd setzte er sich an den Kamin, warf ein paar Scheite nach und begann die Zeitung zu lesen.
Zunächst fand er nichts Ungewöhnliches. Hobbits haben eine Vorliebe dafür, Neuigkeiten auszutauschen und wer damit begonnen hatte, sie auf Papier niederzuschreiben und im ganzen Land zu verteilen wußte niemand mehr, aber das war etwas Einzigartiges in Mittelerde zu dieser Zeit. Bucca amüsierte sich prächtig über einen Bericht, der die mögliche Bildung einer Hobbit- Landwehr zum Thema hatte. Er dachte, sie sollten doch froh sein, im Frieden zu leben. Dann fand er seinen Namen in einer Überschrift. Er würde sich sicherlich bald mit Belladonna Beutlin verloben. So ein Unfug, dachte sich Bucca, grinste und las weiter.
Die Getreide- und Milchpreise waren gleich geblieben und trotz des erwarteten harten Winters gab es sogar noch Kohle von den Zwergen zu kaufen. Die Handwerker klagten über zu hohe Steuern. Bucca beschloß, den König bei Gelegenheit darauf anzusprechen.
Schließlich verspürte er Hunger und ging in die Küche. Er holte die Reste des Bratens von gestern Abend vom Schrank und zog sich in sein Zimmer zurück. Das Fenster zeigte nach Osten, und so konnte er beim Essen den Sonnenaufgang beobachten. „Irgendwie werde ich diese Marotten nicht so schnell los“ dachte er sich, brachte den leeren Teller zurück in die Küche und legte sich wieder zu Bett, so als ob er sich selbst zeigen wollte, daß er hier im Urlaub war.
Und er war es. Die anderen Hobbits ließen ihn zunächst in Ruhe und er kehrte zu gewöhnlicher Kleidung zurück. Bald stand Bucca wieder so spät wie früher auf und man hätte fast meinen können, daß er nie weggewesen wäre, hätte er nicht die langsam verheilende Schramme am Kopf und manchmal (in den Ohren der Hobbits) seltsam klingende Redewendungen auf Lager. Das Julfest verbrachte er bei seinen Freunden in Tukhang, die sich jegliche Anspielungen auf die Auenlandgerüchte verkniffen und sich als dankbare Zuhörer von Buccas Abenteuern erwiesen. Sie feierten kein rauschendes Fest, aber es war ein schönes, im kleinen Kreis und ungestört von den Älteren, die fast alle in Michelbinge waren. Es gab noch nicht mal Gemurre von wegen „der Sohn des Statthalters und Ritter von Arnor hätte sich ja mal blicken lassen können“ und so ähnlich, und Bucca glaubte schon, die Hobbits hätten jegliches Interesse an ihm verloren.
Eines Tages, es waren keine zwei Wochen seit dem Julfest vergangen kam Belladonna Beutlin die Straße entlanggerannt. Bucca, der altes Laub im Garten zusammenfegte wunderte sich was los war.

„Ist Bucca da? Ich muß mit ihm sprechen!“

Raedwald zeigte ihr den Weg in den Garten, und sie rannte zu ihm hin.

„Bucca, ich muß mit dir reden!“

„Was ist denn los?“

„Diese blöden Leute! Dieses blöde Volk“ schluchzte sie. Bucca nahm sie in den Arm und wartete geduldig. „Die erzählen einen Mist“ brachte sie endlich hervor. „Wann wir uns denn endlich verloben würden und so. Ich wäre von dir schwanger, wir hätten schon heimlich ein Kind, Zwillinge, Drillinge und was weiß ich denn. Du würdest mich sitzen lassen, du hättest es schon, weil du nicht mehr zu sehen bist.“

„Dummes Zeug“ brummte Bucca. „Ich kann mir schon denken, aus welcher Richtung das kommt.“ Finster blickte er in Richtung der Staffgürtel´schen Höhle. „Am liebsten möchte ich zum König reiten und die ächten lassen.“

„Sie erzählen noch mehr solchen Unsinn. Ich kann mich bald nicht mehr draußen blicken lassen. Wann denn geheiratet wird und so. Diese blöden Gänse! Diese dummen Waschweiber.“

„Der Neid der Besitzlosen“ grinste Bucca. „Ich habe da eine Idee. Hast du Lust auf einen Ausritt? Dauert nicht lange. Ich müßte mich nur noch umziehen.“

„Ich soll auf einem Pferd reiten? Wie stellst du dir das vor?“

„Zeige ich dir gleich. Komm rein und setz dich einen Moment in die Küche. Mutter wird dir einen Tee machen. Bin gleich soweit!“

Belladonna hatte keinen blassen Schimmer, was Bucca vorhatte und tat, was er sagte. Hildegardis meinte, sie solle nichts auf das Geschwätz der Leute geben. Sie hatte Ähnliches in ihrer Jugend durchgemacht. Außerdem wäre Bucca kein schlechter Junge, sondern ein anständiger und ehrbarer Hobbit.
Als sie ihn aus seinem Zimmer herauskommen sah hätte sie das zuletzt Gesagte am liebsten gleich zurückgenommen. Bucca stand in voller Rüstung vor ihr.

„So. Wir brechen gleich auf. Nur ein kleiner Ritt durchs Ort und über die Felder. Ich zeige dir mal die Gangarten eines Ritterpferdes.“

„Meinst du nicht, du übertreibst etwas, Bucca?“ fragte Hildegardis entsetzt.

„Nein, wieso? Ich gedenke diese Waschweiber und Tratschtanten mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Die rechnen bestimmt nicht damit, mich mit Bella durchs Ort galoppieren zu sehen. Das wird ein Spaß! Auf die Gesichter freue ich mich jetzt schon!“

„Eine klasse Idee“ lachte Belladonna. „Die sagen mir das alles doch nur aus Neid nach. Mal sehen, ob es ihnen die Sprache verschlägt.“

„Na, dann tut was ihr nicht lassen könnt“ meinte Hildegardis kopfschüttelnd.

Bucca hob das Mädchen in den Sattel und saß dann auf. Sie staunte, mit welcher Leichtigkeit er sie hochgehoben hatte und nachher selbst in den Sattel gesprungen war. Bucca erklärte ihr, daß dies nichts mit Kraft, sondern eher etwas mit Kniffen zu tun hatte, aber sie war viel zu aufgeregt, um seinen Ausführungen zu lauschen. Endlich saß sie vor dem Hobbit, von dem sie in den letzten Tagen so oft geträumt hatte.
Die Blicke waren wirklich köstlich, die ihnen von den Hobbits nachgeworfen wurden, als sie durch Buckelstadt donnerten. Zuerst beobachteten sie die Hobbits aus dem Augenwinkel, aber bald hatten die beiden nur noch Blicke füreinander. Bucca lenkte das Pferd aufs Feld hinaus, wo er es in einen sanften Trab zurückfallen ließ.

„Er trabt ganz ruhig, nicht so wie ein Pony“ sagte Belladonna.

„Ja,“ antwortete Bucca. „Es ist wesentlich angenehmer, auf ihm zu reiten, findest du nicht? Er ist bedeutend schneller als ein Pony und kann größere Lasten tragen. Man muß sich nur an die Höhe gewöhnen, aber dann hat man alle Vorteile.“

„Man schüttelt alle Verfolger ab“ lachte sie. „Wie sie gestarrt haben! Ich schätze mal, jetzt stehen die Mäuler gar nicht mehr still! Aber ich hab jetzt ja dich!“

Bucca blieb fast das Herz stehen. „Meinst du das ernst?“ stammelte er.

„Ja, natürlich. Das ist der schönste Nachmittag seit langem und ich möchte gar nicht mehr nach Hause.“

„Ich weiß nicht, ob es so klug ist, sich mit mir einzulassen. Im März muß ich wieder am Königshof sein, denn dann werde ich auf eine große und weite Reise in den Süden geschickt und ich weiß nicht, wann ich zurückkommen werde, wenn überhaupt. Das Leben eines Ritters ist geprägt von den Pflichten, die er von seinem König auferlegt bekommt und oft bedeutet das, von seinen Lieben getrennt zu sein.“

„Aber irgendwann kommt er wieder und dann ist das Zusammensein nur noch schöner. Ich habe lange genug auf dich gewartet und bin es mittlerweile geübt.“

Bucca wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Hatte sie ihn wirklich schon seit Jahren geliebt und er hatte das nicht bemerkt? Er wußte wirklich nicht, was er sagen sollte.

„Bucca, heute Nacht will ich bei dir bleiben“ sagte sie. „Mein Vater weiß Bescheid, daß ich in Buckelstadt bin.“

„Aber er weiß sicher nicht, daß du bei mir bleiben willst. Und sind wir nicht noch etwas zu jung für so etwas?“

„Wir werden älter. Komm schon! Das soll erst einmal nur ein Freundschaftsbesuch sein! Meine Güte, du bist ein harter Brocken, aber vermutlich hast du recht. Verloben dürfen wir uns jetzt ja schon und wenn du dreiunddreißig bist heirate ich dich!“

Bucca wäre fast vom Pferd gefallen. „Du fällst ja richtig mit der Tür ins Haus“ keuchte er und küßte sie auf die Backe.

„So sind wir Beutlins eben“ kicherte sie.

Die beiden ritten zurück nach Buckelstadt. Bungo war mittlerweile auch eingetroffen, er redete auf Raedwald ein. Die beiden hielten inne, als Bucca und Belladonna angeritten kamen.

„Ach, da steckt ihr“ meine Raedwald. „Und was soll diese komische Aufmachung, Bucca?“

„Erkläre ich eich später. Wir sollten hinein gehen.“ Bucca half Belladonna aus dem Sattel und der Stallknecht führte das Pferd weg.

„Jetzt erwarte ich aber eine ausführliche Erklärung“ sagte Raedwald. „Mein Herr Sohn verhält sich nicht wie ein Ritter, sondern wie ein eitler Gockel! Die ganze Stadt redet schon von deinem Ausritt! Was hast du dir dabei nur gedacht?“

„Wir wollten diesen blöden Waschweibern bloß eins auswischen“ entgegnete Bucca. „So langsam habe ich es gestrichen satt, Gerüchte über mich und Bella zu hören, die an Dummheit nicht mehr zu überbieten sind! Ich frage mich mittlerweile, ob es nicht ein Fehler war, ins Auenland zurückzukommen! So etwas Engstirniges! Kaum entspricht einer nicht den kleingeistigen Normen einer selbstgefälligen Bürgerschaft, schon wird getuschelt auf Teufel komm raus! Wem verdanken diese feinen Damen und Herren denn den Frieden? Der ist beileibe kein Naturrecht, Friede muß bisweilen erkämpft werden. Und was sie mit Bella gemacht haben schlägt dem Faß ja wohl den Boden aus!“

Bucca schimpfte noch mindestens eine halbe Stunde lang, und nachher herrschte zuerst einmal Schweigen. Hildegardis war der Meinung, daß ihr Sohn in vielem Recht hatte. „Du wirst die Leute nicht ändern können, Bucca“ sagte sie. „Was Bella durchmacht mußte auch ich durchmachen. Wir vom Bruch gelten nun mal als absonderlich. Respektabel, ja durchaus, aber nicht ehrbar. Dabei leben keine fünfzig Wegstunden nördlich von hier Feinde, die unser kleines Land rasch in Schutt und Asche legen würden, wenn sie freie Bahn hätten.“

„Nur die schwindende Macht der Dùnedain schützt uns noch davor“ meinte Bucca. „Aber noch gibt es sie.“

„Und wir kommen vom Thema ab“ meinte Raedwald. „Ich frage mich trotzdem, ob mein
Herr Sohn vielleicht nicht ein wenig übertrieben hat. Er ist ja schließlich auf Urlaub hier und kann bald wieder weg, aber Bella kann es nicht.“

„Ich habe ihn dazu gebracht“ sagte Bella leise. „Ich halte dieses Getuschel hinter meinem Rücken nicht mehr aus. Jetzt sollen sie mir doch offen ins Gesicht sagen, was sie denken. Bucca hat mir einen großen Gefallen getan. Und ich liebe ihn.“

„So ist das? Du liebst ihn?“ fragte Bungo. Er glaubte, daß sie das nur so dahingesagt hatte, aber Bucca lief rot an und sie erzitterte, als er sie zärtlich berührte. „Na, wenn du meinst, daß das richtig ist.“

„Das habe ich sie auch gefragt“ sagte Bucca. „Sie bejaht es, aber ich finde, wir beide sind noch zu jung für eine feste Bindung. Auch muß ich im Frühjahr auf eine lange Reise gehen. Der König schickt mich in den Süden. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber wenn ich zurückkehre und Bella liebt mich dann immer noch, obwohl wir möglicherweise ein Jahr oder länger getrennt waren, dann soll es so sein.“

„So sei es“ entgegnete Bungo. „Wenn meine Tochter gedenkt, sich mit dir verloben zu wollen, dann sei das für ein Jahr und ein Tag und nicht vor deiner Abreise, das Einverständnis deines Vaters natürlich vorausgesetzt.“

„Wenn mein Sohn schon Ritter ist, dann soll er das selbst entscheiden“ sagte Raedwald. „Immerhin ist er ein Heerführer, der Verantwortung über Tausende tragen können muß. Wie auch immer er entscheidet, mein Einverständnis hat er. Nur soll er sich nicht wieder zu unnötigen Dummheiten hinreißen lassen.“

„Ich respektiere Herrn Bungos Willen“ sagte Bucca. „Wenn es Bellas Wille ist, dann verloben wir uns am fünfzehnten Februar. An diesem Tage gedenke ich wieder nach Königsnorburg aufzubrechen, denn in der letzten Februarwoche endet mein Urlaub. Wie wir bis dahin miteinander verfahren sollen wäre noch zu klären.“

„Trefft euch, wann ihr wollt, aber Bella ist abends wieder zu Hause“ antwortete Bungo. „Heute mache ich eine Ausnahme, denn es ist spät und dank Raedwalds Gastfreundschaft brauchen wir nicht durch die Nacht nach Oberbühl zu reiten.“

Bucca und Belladonna waren glücklich, und sie zogen sich in Buccas Zimmer zurück. Raedwald sah ihnen kopfschüttelnd nach.

„Manchmal bringt er mich zur Verzweiflung. Ich dachte, die Verantwortung hätte ihn vernünftiger gemacht, aber ich wurde eines Besseren belehrt.“

„Andere in seinem Alter sind kindischer“ entgegnete Bungo. „Außerdem hat er Verantwortungsgefühl bewiesen: jetzt liegt es an Bella, was aus ihr wird. Er will sie als seine Frau annehmen; und nicht jeder junge Hobbit, der sich zu, sagen wir, Dummheiten hinreißen läßt macht dies nachher. Er ist in den letzten Monaten gereift.“

„Das mag stimmen. Aber er geht bald auf eine lange Reise, und der Gefahren gibt es viele in Mittelerde. Es mag durchaus sein, daß er nicht zurückkommt. Und was ist dann?“

„Was passiert, wenn ein verheirateter Krieger nicht zurückkehrt? Was passiert, wenn ein Fischer im Fluß ertrinkt? Unfälle gibt es viele, dazu braucht es keine Feinde und trotzdem gibt es zu viele Witwen und Waisen. Nein, wenn Bella sich davon nicht abhalten läßt, dann läßt sie es nicht. Aber wer weiß, was in einem Jahr ist? Vielleicht hat sie dann einen anderen Freund und glücklicherweise war sie dann nur verlobt; so eine Verbindung läßt sich noch lösen. Uns bleibt nichts außer dem Abwarten.“




Ab in den Süden

Die Wochen des Urlaubs waren viel zu schnell vorübergegangen, und der Tag der Abreise war gekommen. Bucca hatte Belladonna mindestens einmal in der Woche besucht, und die Beutlins von Oberbühl waren mittlerweile von dem Gedanken, ihn als Schwiegersohn in die Familie zu bekommen sehr angetan. Der junge Hobbit war höflich und zuvorkommend und half im Haushalt mit, was eher selten war. Außerdem hatte er es zu Ansehen bei Hofe gebracht, und so etwas konnte nie schaden.
Aber jetzt war es für den Ritter an der Zeit, wieder nach Königsnorburg zurückzukehren, denn dort wartete eine Aufgabe und ein Abenteuer auf ihn. Wie versprochen verlobten er und Belladonna sich in der Stunde des Aufbruchs. Sie tauschten Geschenke aus, die den einen immer an den anderen erinnern sollten. Bucca schenkte ihr eine schön gearbeitete goldene Halskette mit einem Medaillon aus Silber, in dem ein Bergkristall eingefaßt war. Sie hatte nichts derart Wertvolles, aber Bucca trug von nun an ein dunkelblaues Halstuch, auf den Belladonna in Silbergarn das Zeichen des Königsadlers aufgestickt hatte. Sie fand, es paßte gut zur Rüstung, die abgesehen vom Wappen ganz in schwarz war und Bucca legte das Halstuch fortan nur noch selten ab.
Aber die Zeit des Aufbruchs rückte immer näher. Bucca hatte beschlossen, erst zur Mittagsstunde loszureiten, denn sein Pferd war um einiges schneller als ein Hobbitpony, außerdem gedachte er den direkten Weg über den Waldhof zu nehmen. Jetzt würde er nicht mehr den Weg über Hobbingen nehmen können ohne einen Abstecher ins nahe Oberbühl zu machen, und diese Zeit hatte er jetzt nicht.

„Bis bald!“ sagte Bucca zu Belladonna. „Wenn nächstes Jahr das Laub von den Bäumen gefallen ist und Eis und Schnee die Lande bedecken, dann erwarte mich in der Abendstunde!“

„Paß auf dich auf“ antwortete sie fröstelnd. „Laß dich nicht in allzu viele Kämpfe verstricken und trödele nicht. Und laufe nicht allzu geradewegs in die Gefahr!“

„Werde ich bestimmt nicht! Auf Wiedersehen!“ Bucca schwang sich in den Sattel und donnerte los, ohne sich umzudrehen. Rasch verlor sich der Donner der Hufe in der Ferne.

„Eine typische Falbhaut!“ sagte Belladonna leise. „Immer etwas zu abenteuerlustig, und ich kann schon jetzt nicht mehr den Tag seiner Rückkehr erwarten! Was soll ich nur tun?“

„Du kannst nur warten, so wie wir“ sagte Raedwald. „Wir werden jede Nachricht aus der Ferne sammeln, die wir nur bekommen können. Mehr können wir nicht tun.“

Buccas Ritt war fast so ereignislos wie seine Reise ins Auenland gewesen, wenn man vielleicht von den vielen seltsamen Blicken und Fragen absah. Er ritt rasch und lange, und so erreichte er Balgfurt noch am gleichen Tag seines Aufbruchs. Und am nächsten Tag war er seltsam erleichtert, als er den Brandywein überquert hatte. „Wahrscheinlich habe ich diese ewigen Fragen und diese Glotzerei einfach nur satt“ dachte er sich im Stillen. Endlich ging es nach Königsnorburg zurück, und er war gespannt, was seine Aufgabe anging.
Bucca atmete auf, als er wieder auf der Anhöhe stand und auf die Stadt herunterblickte. Rings um den Königshof schien alles so geschäftig zu sein wie immer, und er gab seinem Pferd die Sporen. Die Sonne neigte sich schon gen Westen, und bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Stadttore geschlossen. Natürlich hatte Bucca als Ritter vom Königshof immer Zutritt, aber er wollte sich jeden unnötigen Aufenthalt sparen. Und so stand er des Abends wieder vor dem Thron in der alten Halle, und der König hieß ihn willkommen.

„Ich hoffe, du hast deinen Urlaub gut genutzt“ sagte er. „Du kommst gerade rechtzeitig. Morgen sollen die Reisevorbereitungen beginnen. Stehst du immer noch zu deinem Wort, daß du mitgehen willst?“

„Ja, dazu stehe ich, Herr. Aus diesem Grund habe ich mich bei der Rückreise so beeilt.“

„Gut. Gehe nun zur Ruhe, denn morgen wird dein Tag zweifellos früher beginnen als bei dir zu Hause. Arador wird morgen von Annúminas zurückerwartet, und ihr sollt die Expedition anführen. Du wirst noch einige Erkundigungen einholen müssen. Lasse dir Kopien von den Karten geben, die wir hier vom Süden haben.“

Bucca verbeugte sich und zog sich in sein Quartier zurück. Während seiner Abwesenheit war für ihn eine standesgemäße Kammer zurechtgemacht worden, und er mußte nicht mehr in der Schlafhalle der Krieger nächtigen. Die Kammer war klein, hatte aber einen Kamin und das Fenster zeigte nach Westen. In der Ferne lag der Abendrotsee, in dem die untergehende Sonne rot schimmerte. „Als ob das Wasser von Blut getränkt ist“ sagte er leise und ihm schauderte.

„Was sagtet Ihr, Herr?“

Bucca drehte sich überrascht um und blickte in das Gesicht des alten Malbeth. „Nichts. Ich habe nur laut gedacht. Ein seltsames Gefühl.“

„Ihr hattet doch Visionen, ehe Ihr zum ersten Mal an unseren Hof kamt“ sagte der Seher. „Brennende Häuser. Ruinen. Ich sah sie auch.“

Bucca sagte nichts. Ihm war, als ob sich seine Kehle zuschnürte. Da war es wieder, jenes seltsame Gefühl des Untergangs. Würde er, würde das Auenland dem entrinnen können? „Das Wasser des Sees sieht aus als wie von Blut getränkt“ sagte er dann leise.

Malbeth schaute aus dem Fenster. „Auch dies erträumte ich. Es war aber keine rote Sonne, die sich im Wasser wiederspiegelte, denn der Himmel war bewölkt, aber das Wasser war trotzdem rot. Und ich sah das Banner des Königs im Schlamm liegen, zerrissen und besudelt. Aber das war nicht das einzige. Ihr reist in den Süden, hörte ich.“

„Wenn das des Königs Wille ist, dann werde ich reisen. Vielmehr wird es eine Expedition sein und keiner kann sagen, ob wir Erfolg haben werden. Wir werden jedenfalls alles daran setzen, die Menschen von Gondor zu finden.“

„Das ist gut. Wisset, die Menschen von Gondor sind Dùnedain wie wir. Auch sie haben einen König, der ein stolzeres Wappen führt als wir. Unseres zeigt den Adler des Westens, aber ihres zeigt den Weißen Baum, der aus Númenor und aus Valinor kam, heißt es; und sieben Sterne sind das Wahrzeichen der Valar. Auch ihr Wahrzeichen sah ich im Schlamm liegen. Auch Gondor droht Gefahr. Und Ihr seid derjenige, der sie warnen muß.
Die Menschen des Westens leben lange, sind stark und stolz, aber sie sind zu wenige, um der Welt Frieden bringen zu können. Und so fürchten sie in diesen Tagen nichts mehr als ihren eigenen Untergang. Ein Dùnedain ist ein denkbar schlechter Bote für solch eine Nachricht. Ein Hobbit eignet sich da mehr: Hobbits vermehren sich anstatt weniger zu werden und sie wissen, daß ihre Zeit erst noch kommt. Und so wird man dir mehr Glauben schenken als einem von uns.“

„Schlechte Botschaft ist ein schlechter Gast, heißt es bei uns, und der Überbringer schlechter Nachrichten wurde zu oft schon geköpft. Wie kann ich vermeiden, daß dies mein Schicksal ist, wenn ich Eure Nachrichten überbringe?“

„Ich werde einen Brief an den König von Gondor aufsetzen. Das ist das eine. Ihr müßt herausfinden, ob auch die Menschen des Südens Seher haben und mit ihnen sprechen. Und falls nicht, dann müßt Ihr ihnen das so schonend wie möglich beibringen. Das Wohl eines ganzen Volkes hängt davon ab.“

Bucca sprach noch lange mit Malbeth, und er erfuhr viel von seinen Visionen und Wahrsprüchen. Bucca begann zu verstehen, warum die Menschen sein Kommen als Zeichen des Schicksals gesehen hatten und warum er gleich zum Heerführer ausgebildet worden war. Sie glaubten, es sei seine Bestimmung gewesen, Ritter zu werden. Und sie glaubten, es sei seine Bestimmung, das sagenhafte Königreich Gondor wiederzufinden.

Der nächste Morgen hatte früh begonnen, so wie der König es Bucca versprochen hatte. Der Hobbit ging in die Bibliotheken und ließ Kopien von allen Karten anfertigen, durch deren Gegenden er möglicherweise kommen würde. Und er studierte sie genau: besonders der Gebirgspaß, der zum Düsterwald führte hatte es ihm angetan. Er überlegte schon, welchen Weg sie nehmen könnten, und darüber verging der Morgen. So hörte er nicht, wie ein Mensch leise das Studierzimmer betrat.

„Laß dich nicht stören, Bucca. Ich sehe, du bist in die Arbeit vertieft?“

„Arador! Welch eine Freude, dich zu sehen!“ Bucca sprang auf und fiel dem Menschen um den Hals.

„Ja, ich bin wieder hier. Und wir sollen uns rasch auf unsere Reise vorbereiten, sagte der König. Er will uns höchstens eine Eskorte von zehn Mann mitgeben. Es werden erfahrene Krieger, aber keine Ritter sein.“

„Er wird nicht mehr Leute entbehren können“ meinte Bucca. „Aber ich glaube, das ist auch gut so. Mit einem Heer würden wir nur auffallen. So können wir vielleicht unerkannt durch feindliche Netze schlüpfen.“

„Oder von ihnen überwältigt werden. Wir sollten trotz allem Vorsicht walten lassen. Was sagen die Karten?“

„Die sagen nicht viel darüber aus, wo wir Feinde zu erwarten haben. Ich vermute, daß wir es im Nebelgebirge mit Orks zu tun bekommen könnten. Das Gebirge war ja seit alters her von ihnen bewohnt, da müssen wir vorsichtig sein. Und wenn wir es über das Gebirge geschafft haben sollten, dann wird der Weg nach Süden noch mit der einen oder anderen Gefahr aufwarten können. Sieh dort. Da ist ein großer Fluß, der Anduin. Sein Westufer ist für uns versperrt, denn dort liegt ein Reich, von dem hier steht, daß es für Reisende verschlossen ist.“

„Das ist Laurelindorenan oder Lothlórien, wie es die Elben nennen“ sagte Arador. „Fürwahr, dort können wir nicht hinein. Aber es gibt einen Weg, der zwischen diesem Land und dem Gebirge durchführt, ein schmaler Korridor, heißt es.“

„Den würde ich nicht nehmen. Eine bessere Stelle für einen Hinterhalt kann ich mir nicht vorstellen. Und ich möchte nicht zwischen den Orks des Gebirges und einem Elbenvolk, das uns nicht gerade freundlich gesonnen ist eingezwängt sein.“

„Dann bliebe noch das Ostufer. Aber ich fürchte, dieser Weg wird nicht ungefährlicher sein. Was ist mit dem Düsterwald?“

„Den Düsterwald sollten wir auf jeden Fall meiden. Dort soll eine große Festung des Feindes sein, heißt es hier. Auch eine Reise direkt am Ostufer ist nicht ungefährlich. Es scheint keine sicheren Wege in den Süden mehr zu geben. Wir sollten vielleicht Elrond um Rat befragen.“

„Das werden wir auf jeden Fall“ bestätigte Arador. Die beiden sprachen noch ein wenig über die bevorstehende Reise, dann begannen sie, ihre Sachen zu packen. Bald würden sie aufbrechen. Der 1. März war nahe.
Der König hatte kurz vor der Abreise eine schlechte Nachricht für die beiden: Weil Aranarth die Gestellung von Leuten verweigerte brauchte der König jeden Mann in Königsnorburg, und so sollten die beiden allein in den Süden reiten.

„Ich hoffe, es wird euch nicht mehr Schwierigkeiten bereiten als ohnehin schon, aber hier kann keiner entbehrt werden. Es wurde schon darüber nachgedacht, die Suche nach Gondor ganz abzusagen. Aber ich bin mir sicher, daß ihr es schaffen werdet.“

Das war das letzte Wort des Königs, und Bucca war nicht gerade begeistert darüber. Wie sollten sie sich jemals gegenüber einer Horde Orks behaupten? Aber Arador schien über diese Entscheidung nicht sehr unglücklich zu sein.

„Wir hätten sowieso nur unerfahrene und schlecht ausgebildete Leute bekommen“ meinte er. „Die wären uns doch eher zur Last gefallen anstatt uns nützlich zu sein. Wenigstens soll jeder von uns ein zusätzliches Pferd bekommen.“

„Na, auch da bin ich mittlerweile im Zweifel! Ich packe mal lieber so, daß alles auf ein Pferd paßt. Immerhin brechen wir übermorgen auf, und ich habe keine Lust, meine letzte Nacht in Königsnorburg mit hastigem Umpacken zu verbringen. Da vergißt man so viel.“

„Ich fürchte, da hast du recht“ lachte Arador. „Du siehst das alles viel zu negativ, Bucca. An einem Pferd soll das wohl nicht scheitern!“

„Na, ich möchte keine Ausrüstung zurücklassen müssen, nur weil ein Pferd lahmt. Ich gehe da nur auf Nummer Sicher!“

Der Tag ihrer Abreise war gekommen, und Bucca hatte Recht behalten: kurz vor ihrem Aufbruch hatte der Stallmeister alle Pack- und Handpferde eingezogen! Offenbar schienen die Kriegsdrohungen aus dem Norden doch ernster zu sein wie zunächst gedacht. Aber Arador war dieses Mal nicht sehr erfreut.

„Wenigstens müssen wir nicht laufen“ grinste Bucca.

„Sei bloß still! Bring die da oben ja nicht auf falsche Gedanken!“ brummte Arador. „Was kommt denn noch? Vielleicht müssen wir auch noch unsere Mäntel da lassen?“

„Hoffentlich nicht. Ich glaube, wir sollten aufbrechen, ehe der Stallmeister oder der Rüstmeister oder wer auch immer noch auf dumme Ideen kommt.“

Die beiden gingen zum König und baten um die Erlaubnis zum Aufbruch. Er gab ihnen einige Briefe für den Herrscher von Gondor mit und hielt noch eine letzte Ansprache, der Bucca nur mit halbem Ohr zuhörte. Er war in Gedanken schon bei der Gebirgsüberquerung, außerdem hatte er im Moment wenig Muße, irgendwelchem Pathos zuzuhören. Warum konnte der König ihnen nicht einfach eine Gute Reise wünschen und gehenlassen?
Endlich war es soweit. Sie hatten noch ein letztes Mal vor ihrem Herrscher niedergekniet und die Segenswünsche für ihre nicht ungefährliche Expedition erhalten, und nun waren sie aufgesessen und ritten in gemächlichem Tempo los. Sie führten nur unwesentlich mehr Gepäck mit als üblich, weil sie ihre Pferde nicht überlasten wollten. Außerdem waren weder Bucca noch Arador besonders scharf darauf, das Nebelgebirge rasch zu erreichen.
Der Ritt nach Bree war so ereignislos wie immer gewesen. Die beiden waren froh, nach drei Tagen in der Wildnis noch einmal den Luxus eines Federbettes genießen zu können. Außerdem füllten sie ihre Vorräte auf. Bucca verdrängte den Gedanken, die Straße ins Auenland einzuschlagen, um Belladonna einen kurzen Besuch abzustatten, aber er schrieb ihr einen langen Brief.

„Nanu? Verliebt?“ meinet Arador, der Bucca beim Briefeschreiben beobachtet hatte.

„Ach nein. Nur ein bißchen“ murmelte Bucca verlegen und wurde rot. „Aber ich muß mich ja wenigstens noch mal melden, wenn ich die Gelegenheit dazu habe.“

„Laß dir nur Zeit!“ lachte Arador. „Es macht nichts, wenn wir vielleicht erst übermorgen aufbrechen. Die Straße läuft uns nicht weg.“

Bucca hatte Glück, denn am nächsten Tag wollten einige Hobbits nach Balgfurt reiten und sie versprachen ihm, seinen Brief mitzunehmen. So brachen die beiden nicht allzu früh am nächsten Morgen gen Osten auf. Es war ein strahlender Frühlingsmorgen, die Vögel sangen und es versprach ein warmer Vorfrühlingstag zu werden.

„Wenn wir Glück haben ist der Schnee auf den Gebirgspässen schon geschmolzen, wenn wir dort rüber wollen“ sagte Arador und zeigte mit der Hand gen Osten. Weit in der Ferne war ein silberner Streifen am Horizont zu sehen. Dort wartete das Gebirge.
Zehn Tage lang folgten sie der alten Straße nach Osten. Zu ihrer Linken erhoben sich mal höhere, mal niedrigere Berge, und auf einem stand die Ruine eines Turms. Einstmals mußte er hoch und schön gewesen sein, aber jetzt ragten nur kahle, schwarze Stümpfe wie abgebrochene Zähne in den Himmel.

„Was war das für eine Burg?“ wollte Bucca wissen.

„Das war keine Burg. Das war der alte Wachturm von Amon Sûl. Die Wetterspitze wird dieser Berg auch genannt, denn oft ändert sich ab hier das Wetter. Vor langer Zeit war er von den Elben erbaut worden, und in den Tagen des Letzten Bündnisses erwartete Elendil der Lange hier die Ankunft der Elben des Westens. Aber das ist lange her, und lange schon ist die Pracht der alten Herrscher vergessen. Denn der Sieg des Letzten Bündnisses war fruchtlos.“

Arador schwieg, und Bucca stellte keine Fragen mehr. Trotz des schönen Wetters hatte sich irgendeine Düsternis auf ihre Herzen gesenkt. Der Hobbit hatte das Gefühl, daß der Niedergang der Menschen des Westens erst begonnen hatte. All die alte Pracht war am Vergehen, und ihm schien es eine Frage der Zeit zu sein, wann der Todesstoß kommen würde.
Langsam ritten sie weiter, und sie kampierten des Nachts unweit der Straße. Sie waren in den Landen von Aranarth, des Königs Stiefsohn, und Arador war der Meinung, daß es besser sei, wenn er nichts von ihrem Ritt wüßte.
Allmählich kam das große Gebirge immer näher, und eines Abends erreichten sie eine unscheinbare Weggabelung. Die Straße wand sich immer weiter gen Osten, aber ein schmaler Weg zweigte gen Süden ab. Diesen Weg nahmen die beiden, denn es war der Weg nach Bruchtal. Bald würden sie Antworten auf ihre Fragen erhalten.
Der Weg wand sich in vielen Kurven einen steilen Abhang hinunter, und sie mußten absitzen und ihre Pferde führen. Dichte Tannen- und Kiefernwälder wuchsen auf den Bergflanken, aber weiter oben war nur noch Fels und Geröll zu sehen. Die Berge waren viel höher, als Bucca sie sich vorgestellt hatte, und das hier waren erst die Ausläufer des Nebelgebirges. Der Hobbit wünschte sich, die erdrückende Wucht dieser Landschaft in einer Hobbithöhle aussperren zu können.

„Halt! Wer seid Ihr, die so sorglos auf unseren Pfaden gehen?“ Helle Stimmen rissen Bucca aus seinen Tagträumen. Elben mit gezogenen Schwertern sprangen aus dem Halbdunkel der Bäume hervor. Die beiden blieben stehen.

„Arador ist mein Name, und dieser Hobbit hier heißt Bucca. Wir sind auf Befehl des Königs von Arnor unterwegs und suchen ein Tal, das Bruchtal genannt wird.“

„Ihr habt es gefunden. Doch niemand geht hier ohne die Erlaubnis unseres Herrn Elrond.“

„Wir sind gekommen, um von Herrn Elrond Rat zu erbitten“ sagte Bucca. „Man sagt, einstmals sei er ein Freund der Menschen von Arnor gewesen.“

„Das ist er auch noch“ erwiderte der Elb. „Ihr tragt beide das Wappen des Königs von Arnor. Erklärt mir Euren Auftrag, und dann soll einer von uns rasch zu Herrn Elrond gehen und uns seine Entscheidung überbringen.“

„Wir wurden ausgeschickt, um den Weg in den Süden zu finden“ antwortete Bucca. „Unser Ziel ist das Königreich Gondor, aber wir wissen nicht, wie wir es finden sollen und deswegen ersuchen wir Herrn Elrond um Rat.“

Der Elb schickte einen Läufer fort. Einstweilen blieben die beiden Reiter unter scharfer Bewachung der Elben, und es wurde nur wenig gesprochen. Die Elben sprachen untereinander in ihrer eigenen Sprache, und Bucca wunderte sich, wie viel er davon verstand. Sie sprachen über ihn: wie denn ein Hobbit aussah und ob er nicht ein getarnter Ork sei. Irgendwann faßte Bucca etwas Mut und sprach sie in ihrer Sprache an.

„Ich sehe, der König von Arnor schickt seine besten Leute aus“ antwortete der Elb, der sie bewachte lächelnd. „Du bist ein Elbenfreund: deine leuchtenden Augen sprechen dafür. Aber woher kennst du unsere Sprache?“

„Man lehrt sie bei Hofe. Aber ich hatte bei weitem noch nicht genug Zeit, sie gründlich zu lernen, und so beherrsche ich nur ein paar Brocken. Aber ich hoffte, auf meiner Reise mehr davon zu lernen.“

„Möge dein Wunsch in Erfüllung gehen. Der Melder kommt.“

Der Läufer näherte sich rasch, und er sagte, Elrond gestatte den beiden, Bruchtal zu betreten. Überdies sollten sie sofort zu ihm gebracht werden. Offenbar wußte er von ihrer Mission. Bucca und Arador wurden sogleich von zwei Elben über zahllose Kreuzpfade und durch tückische Moore hinweg zu einem großen, einladenden Haus geführt. Hier wohnte Elrond, und hier hatte er das Letzte Heimelige Haus als Fluchtpunkt für alle vom Feind Verfolgten erbaut.
Eigentlich war es kein Haus, sondern ein Komplex von Gebäuden, der mit der Zeit gewachsen war, ohne wie ein Fremdkörper in der Landschaft zu wirken. Die Elben führten sie ins Haupthaus, wo sie ihre Mäntel ablegten und schließlich in einen kleinen Raum geführt wurden, in dem sich Bücher, Manuskripte und allerlei wissenschaftliche Geräte stapelten.

„Wartet hier. Der Herr Elrond wird Euch in Kürze empfangen.“

Die beiden taten, wie ihnen geheißen wurde. Bucca sah sich neugierig um. Sicher waren viele der Bücher uralt und bargen halbvergessenes Wissen. Der Hobbit überlegte, ob Elrond vielleicht nicht doch bessere Karten über den Süden hatte als vom König vermutet. Auf alle Fälle gab es hier viel Wissenswertes zu entdecken.

„Wenn man hier doch nur einige Monate verweilen könnte, um alles das studieren zu können, was von Interesse ist!“ sagte Bucca. „Aber sehr wahrscheinlich dürften selbst Jahre nicht ausreichen, um alles zu sichten.“

„Sehr wahrscheinlich“ erschallte eine klare Stimme. „Aber ich höre, Ihr seid auf der Durchreise, wenn man das so sagen darf. Seid willkommen hier in Bruchtal und ruht Euch ein wenig aus. Hier werdet Ihr sicher mehr über Euren Reiseweg erfahren.“

„Habt Dank, Herr Elrond“ antwortete Bucca und verbeuge sich tief. „Mein Name ist Bucca vom Bruch, Zu Euren ergebensten Diensten, und das ist Herr Arador von Annúminas.“

Arador verbeugte sich stumm. „Zu selten sehen wir hier unsere Verwandten“ sagte Elrond. „Und noch viel seltener erhalten wir hier Nachrichten aus dem fernen Gondor, das Ihr zu erreichen trachtet. Aber noch seltener sehen wir hier Halblinge, und einen in Diensten des Königs von Arnor zu sehen ist wahrlich etwas Neues.“

„Und doch bin ich nicht der erste Hobbit in Diensten des Königs. Mein Vorfahr Bucca I. war schon ein Ritter von Arnor, und man nennt mich Bucca III. Aber ich bin da so reingeschlittert, könnte man sagen.“

„Und jetzt seid Ihr auf einer Reise, die mühsam und gefahrvoll werden kann. Ich bewundere Euren Mut, dies auf Euch zu nehmen. Ihr werdet reich entlohnt werden, wenn Ihr Erfolg haben solltet. Aber jetzt solltet Ihr Euch ausruhen. Ihr seid weit gereist, und ein müder Körper studiert nicht gern. Aber Ihr werdet hier zumindest einige Wochen der Ruhe haben, denn die Gebirgspässe sind noch immer eingeschneit und unpassierbar. Herr Bucca wird so sicherlich Gelegenheit haben, sich in der Bibliothek umzusehen.“

Elrond klatschte in die Hände, und Elbendiener brachten die beiden in ein schönes Gemach unweit der Halle des Feuers. Sie machten sich frisch, denn am Abend wollte Elrond ein Festmahl zu Ehren seiner Gäste geben.

„Endlich können wir die Rüstung ablegen“ sagte Bucca, als die Elben gegangen waren. „Irgendwie werde ich mich nie richtig daran gewöhnen.“

„Ich auch nicht“ lachte Arador. „Und es ist auch gut so: Kampf und Krieg sind niemals etwas Schönes, und jeder Tag des Friedens sollte genossen werden. Und heute Abend werden wir es uns so richtig gut gehen lassen. Du wirst deine Freude haben.“

„Ja, hier ist es einfach herrlich. Ich glaube, hier fühlt sich jeder auf Anhieb wohl.“


Elrond

Das Festmahl war noch prächtiger als ein Mensch sich das vorstellen konnte und die Tafel war reichhaltiger als selbst ein Hobbit gewohnt war. Sogar Bucca war pappsatt, als Elrond die Tafel aufhob, und jetzt war die Zeit für Tanz und Gesang. Der Hobbit hörte mehr zu als er redete, und darüber schlief er irgendwann ein.
Arador sprach mit Kundschaftern, die häufig über das Gebirge reisten. Wohin sie ritten wollten sie nicht sagen, aber sie gaben bereitwillig Auskünfte über die verschiedenen Wege, die über die Berge führten. Die Gegenden im Gebirge waren gefährlich für unbewaffnete Reisende; Orks und Trolle trieben ihr Unwesen und man reiste nur in Gruppen. Die Elben wollten sobald es möglich war eine Gruppe über das Nebelgebirge schicken, und sie versprachen, die beiden so weit wie möglich mitzunehmen.

Die nächsten Tage brachten den beiden genug Muße, um Elronds große Bibliothek nach allem, was sie über Gondor enthielt zu durchforsten. Sie fanden viele alte Reiseberichte, aber offenbar war in der letzten Zeit niemand gen Süden geritten. Auch die Geschichte von Gondor hatte Lücken.

„Offen gesagt wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr diese Lücken füllen könntet“ sagte Elrond. „Vieles von dem, was in der letzten Zeit passiert ist drang nicht bis an unsere Ohren, und manches klingt zu phantastisch um wahr zu sein. Aber es ist nur allzu wahr: seit vielen Jahren ist keiner mehr in das Südliche Königreich geritten.“

Bucca bat um eine Abschrift der Geschichte von Gondor, und eine Kopie der Geschichte von Arnor gedachte er mitzunehmen, um ein Gastgeschenk für die Bibliothekare im Süden zu haben. „Es klingt schlecht, wenn ich sie um Wissen bitte und selbst keines geben kann“ sagte er, „außerdem werden sie mindestens so begierig sein, etwas über uns zu erfahren wie wir über sie.“

Elrond stimmte zu, und so wurden zwei Abschriften für die Reisenden angefertigt: eine zum Verschenken und eine zum Vervollständigen.
Währenddessen studierten Bucca und Arador die alten Karten von Mittelerde. Vieles mochte sich verändert haben, aber die Wegmarken wie Berge, Wälder und Flüsse waren die gleichen geblieben und boten so wenigstens etwas Orientierung. Der Hobbit las vor allem die Reiseberichte begierig.

„Du solltest dir eher die Karten einprägen“ sagte Arador. „Schau dir die Wegmarken an. Man weiß nie, ob wir getrennt werden, und dann muß sich jeder alleine durchschlagen.“

„Das mache ich noch“ entgegnete Bucca. „Aber die Bericht sind mindestens genauso wichtig: immer ist die Rede von Feinden im Nebelgebirge, im Düsterwald und in den Landen zwischen der Pforte von Rohan und Bree. Außerdem sind die Landmarken auch hier gut beschrieben, und wer weiß, ob die alten Karten heute noch so stimmen. Viel hat sich geändert, seit sie gezeichnet wurden. Die Landschaften müßten aber noch dieselben sein. Du solltest dir diese Berichte auch mal durchlesen. Sie sind zum Teil sehr interessant.“

Sie einigten sich darauf, die Berichte durchzulesen und die Karten neben sich auf dem Tisch auszubreiten. So konnten sie beides miteinander vergleichen, und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die ersten Ungereimtheiten entdeckt waren.

„Was das wohl bedeutet?“ wunderte sich Bucca. „Was wird wohl eher stimmen? Die Karten oder die Berichte? Wir sollten Herrn Elrond befragen.“

„Beides ist mit der gebotenen Vorsicht zu genießen“ meinte dieser. „Die Karten wurden nach der Reise aus mitgebrachten Skizzen gefertigt, da mag es sein, daß das eine oder andere verwechselt oder vergessen wurde. Aber auch viele der Berichte sind nachträglich geschrieben worden, da kann dasselbe passiert sein. Lest vor allem die Reisetagebücher, sie taugen noch am ehesten zur Vorbereitung.“

„Das vermuteten wir auch“ sagte Bucca. „In meinen Augen scheinen die Tagebücher am genauesten zu sein. Aber wie ist das mit Veränderungen?“

„Die werdet Ihr herausfinden und festhalten müssen, denn keiner weiß es mittlerweile mehr, was sich südlich von Lothlórien geändert hat und was nicht. Rat sucht Ihr und Rat kann ich Euch geben: es ist nicht unwichtig, die Geschichte der Länder zu kennen, die Ihr bereisen werdet. Nur so könnt Ihr sie auch verstehen. Aber zuallererst müßt Ihr Euch über den Reiseweg, den Ihr einschlagen wollt im Klaren sein.“

„Wir haben vor, das Gebirge an einer geeigneten Stelle zu überqueren und uns dann entlang des Flusses Anduin gen Süden zu wenden“ sagte Arador. „Genaueres wissen wir noch nicht, denn wir wissen nicht, was uns erwartet.“

„Und doch werdet Ihr Euch rasch entscheiden müssen“ entgegnete Elrond. „Sobald Ihr das Gebirge auf dem Hohen Paß überschritten und den Fluß erreicht habt müßt Ihr entweder auf dem Westufer oder dem Ostufer reiten, und beides birgt Gefahren. Das Ostufer führt Euch durch die Säume des Düsterwaldes, in dem böse Wesen hausen und Feinde starke Festungen haben. Sind zwei einsame Reiter erst einmal entdeckt wird es kaum ein Entrinnen geben.
Das Westufer ist nicht weniger gefährlich: zunächst bleiben die Lande flach, und Ihr werdet einen Sumpf zu durchqueren haben. Aber das ist nicht die größte Gefahr: weiter südlich befindet sich ein großes Reich. Das ist das Reich von Laurelindorenan oder Lothlórien, das kein Sterblicher durchschreiten darf. Ihr werdet Euch vom Fluß gen Westen wenden müssen; der einzige Weg gen Süden ist ein schmaler Pfad, der zwischen dem Elbenreich und dem Gebirge hindurchführt. Orks mögen dort lauern, es mag aber auch sein, daß Galadriels Macht Euch beschützen kann.
Dann werdet Ihr über weites, unbesiedeltes Land reiten. Es mag sein, daß Ihr auf der Westseite des Anduin noch befestigte Stellungen Gondors in den Biegungen findet. Wie dem auch sei, Ihr werdet auf Berge stoßen, durch die der Anduin hindurchfließt. Bleibt Ihr am Fluß, so werdet Ihr zwei große Statuen sehen: die Statuen von Isildur und Anárion, den ersten Königen von Gondor. Diese markieren die Grenze Gondors. Haltet Euch weiter an den Fluß, und er wird Euch den Weg zu der Stadt der Könige weisen.“

„Klingt für einen Ritt auf der Westseite“ meinte Bucca. „Wir werden uns zwar zwischen Lothlórien und dem Nebelgebirge durchzwängen müssen, aber möglicherweise treffen wir früher als gedacht auf Krieger Gondors. Blieben noch die Berge. In vielen Reiseberichten heißt es, im Emyn Muil sei es unmöglich, dem Fluß vom Land aus zu folgen, und wir wollen nur ungern unsere Pferde gegen Boote eintauschen. Gibt es einen Weg um die Berge herum?“

„Den gibt es. Haltet Euch ostwärts, dann südwärts, immer an den Ausläufern des Emyn Muil. Wenn sich die Berge wieder ostwärts wenden, bleibt auf dem Weg gen Süden, und Ihr werdet das Fennfeld umgehen und auf die Südstraße stoßen. Auf ihr könnt Ihr bequem bis Minas Anor und Osgiliath reiten.“

„Was ist mit dem Ostufer?“ fragte Arador. „Wenn wir erst einmal südlich des Düsterwaldes sind müßten die Lande doch sicherer werden? Können wir den Emyn Muil und die Sümpfe des Fennfelds nicht einfach umgehen?“

„Theoretisch ja. Aber der Emyn Muil erstreckt sich auch gen Osten, und daran schließen sich die Totensümpfe an. Diese solltet Ihr auf keinen Fall durchschreiten: es heißt, durch bösen Zauber könne man die Toten der Letzten Schlacht sehen, und wer sie anschaut wird entweder verrückt oder vernichtet. Meidet diese Gegend!
Die Sümpfe ließen sich umgehen, indem Ihr noch weiter gen Osten bis zu den Ausläufern des Schattengebirges reitet. Dort stoßt Ihr auf eine Straße, die gen Süden nach Minas Ithil und Osgiliath führt. Aber dieser Weg führt Euch nahe an Mordor, wo unzählige Orks und Trolle und viele weitere böse Wesen leben, nur die schwindende Macht Gondors hält sie noch im Zaum. Und wer weiß, wie es jetzt ist?“

„Keiner der Wege erscheint sicher“ sagte Arador. „Aber mir erscheint der westliche Weg dennoch als der sicherere. Wir sollten bis zum Emyn Muil dem Fluß folgen und dann auf direktem Weg auf die Südstraße zuhalten. Ich gehe doch richtig, daß sie dort unten noch sicher zu bereisen ist?“

„Man sagt so“ antwortete Elrond. „Ihr reitet dann durch das Land Anórien, das ein Kernland Gondors ist, und ich glaube nicht, daß das Reisen dort allzu gefährlich sein dürfte. Aber das Weiße Gebirge ist nahe, und niemand weiß, was da alles haust. Strauchelt nicht am Ende des Weges, damit Ihr sicher ankommt.“

„Gefahren drohen einem mitunter sogar in Arnor“ erwiderte Bucca. „Mittelerde ist gefährlich heutzutage. Aber was werden wir auf unserer Reise zu sehen bekommen?“

„Vieles, was die Neugier dieses Hobbits hoffentlich für eine kleine Weile stillen mag“ lachte Elrond. „Aber was soll ich Euch sagen? Das Abenteuer erwartet Euch genau genommen schon jenseits des kleinen Tores, das Euch von hier zur Paßstraße führt und Euch den Umweg über den Hauptweg erspart. Ihr werdet schon viel erlebt haben, ehe Ihr den Anduin von ferne erspäht. Aber haltet die Augen offen, wenn Ihr an Lothlórien vorbeireitet: offene Augen erspähen viel von diesem wunderschönen Reich. Vielleicht habt Ihr ja das Glück, Elben von dort zu sprechen. Aber geht kein unnötiges Risiko ein und haltet Euch von den Grenzen fern!
Und was Ihr seht und erlebt, wenn Ihr weiter südlich seid? Ihr werdet es sein, der viel zu erzählen hat, wenn er hierher zurückkehrt. Führt ein genaues Tagebuch, um so genauer wird Euer Reisebericht nachher sein.“

„Eine Frage habe ich noch“ meinte Bucca. „Was ist mit dem Paß über den Rothorn? Einige Berichte sprechen von ihm und auf einigen Karten ist er eingezeichnet, aber auf anderen nicht. Gibt es ihn überhaupt oder ist er nur eine Erfindung?“

„Es gibt ihn. Er ist im Moment allerdings unpassierbar. Nahe des Passes liegt eine alte Zwergenmine, Moria in unserer Sprache genannt. Diese liegt verlassen, zumindest von den Zwergen, aber andere Wesen haben von ihr Besitz ergriffen, von der nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Niemand wagt es, die Mine zu betreten und niemand wagt es, den nahen Paß zu überschreiten. Haltet euch fern vom Rothornpaß!
Beide Gebirgspässe sind nicht durchgehend zu Pferd zu bereisen. Ihr werdet absitzen und sie führen müssen, und Ihr werdet Euch auch noch anderen Gefahren stellen müssen. Oft kommt es zu Wetterumschwüngen, und selbst im Sommer schneit es ab und zu. Ihr habt dicke Mäntel und Umhänge, die Ihr nicht zurücklassen solltet. Meidet tiefhängende Wolken und Nebel. Ihr lauft Gefahr, jede Orientierung zu verlieren, außerdem ist es sehr unangenehm, eine Nacht in der nassen und kalten Bergluft zu verbringen. Und reist nicht des Nachts! Jeder Fehltritt kann den Absturz bedeuten, und nachts sieht man nicht, wohin man tritt.“

„Ich glaube, ich bin froh, wenn wir das Gebirge überschritten haben“ lachte Bucca. „Hobbits mögen die Höhe nicht, aber nichts ist grauenhafter, als einen Abgrund hinunterzublicken. Ich wünschte, ich könnte fliegen wie ein Vogel, dann wäre es schneller vorbei.“

„Nun werde ich Euch noch ein wenig über Gondor erzählen“ sagte Elrond. „Schließlich solltet Ihr wissen, mit wem Ihr es zu tun haben werdet. Und die Menschen von Gondor sind Dùnedain, so wie in Arnor, und wie in Arnor sind sie stolz und eigensinnig.
Aber da werde ich unserem Hobbit ja nichts Neues erzählen. Nun, nach dem Sieg des Letzten Bündnisses der Menschen und Elben hatte König Isildur die Amtsgeschäfte an seinen Neffen Meneldil übergeben. Isildur hatte vor, im Norden die Nachfolge seines Vaters Elendil anzutreten, aber Orks überfielen ihn auf der Rückreise, und seither ist er verschollen. Nur zwei Menschen entkamen dem Kampf, einer von ihnen brachte die Bruchstücke von Elendils Schwert, die jetzt ein Erbstück Arnors sind.
Meneldils Linie war so erfolgreich wie die Linie Valandils, Isildurs letztem Sohn. Bis heute sind die Könige Gondors direkte Nachfahren von Meneldil. Und sie haben sich gut behauptet: vielen Angriffen aus dem Süden und Osten mußten sie trotzen. Ihr im Norden hattet nur Angriffe aus dem Norden zu fürchten, aber im Süden haben sie mehrere Fronten gleichzeitig.“

„Aber mit dem Hexenkönig ist nicht zu spaßen“ sagte Arador. „Er ist ein schlimmer Feind, und wenn die Gerüchte über ihn wahr sind, dann mögen die Valar uns gnädig sein.“

„Das ist wahr, aber auch in Gondor gibt es Gefahren. Südlich des Reiches leben Nachkommen der Schwarzen Númenórer. Sie haben sich schon vor langer Zeit mit den Haradrim verbündet, grausamen Kriegern, schon immer den dunklen Mächten verbunden. Oft greifen sie Gondor an und genauso oft werden sie wieder zurückgeworfen. Und in den weiten, namenlosen Ebenen östlich von Mordor gibt es unzählige Feinde, die ab und zu im Westen einfallen. Dann lebt Gondor gefährlich. Und man sagt, es sei im selben Prozeß des inneren Verfallens verstrickt wie Arnor. Die Dùnedain sind ein schwindendes Volk, was nicht zuletzt an den bösen Einflüssen des Feindes liegt. Der Hexenkönig verfolgt die Dùnedain des Nordens, und es ist klar, daß er sie bis auf den letzten Mann ausrotten will. Doch der Hexenkönig ist nur einer von neun: Neun Ringgeister gibt es auf dieser Welt, und der Hexenkönig ist nur einer von ihnen. Wo sich die anderen acht aufhalten ist eines der großen Rätsel der jüngeren Geschichte. Es ist wahrscheinlich, daß sie im Süden zu finden sind, denn dort liegt Mordor, die alte Heimstatt ihres Meisters Sauron, die schon immer von bösen Wesen bevölkert war.“

Bei der Erwähnung der Namen Mordor und Sauron schien ein schwarzer Schatten über Bruchtal zu ziehen, der sich in der Ferne verlor. Bucca schauderte. Selbst bei den Hobbits regten sich Schatten düsterer Erinnerungen, die halb verschüttet in ihrem Bewußtsein lagen.

„Sauron – wer war das eigentlich?“ fragte der Hobbit schließlich zaghaft. „Selten spricht man in Arnor diesen Namen aus, doch scheint er ein Zeichen des Untergangs zu sein.“

„Sauron war ein mächtiger Magier und Herrscher. Einer der Maiar, mächtige Wesen unter der Sonne der Welt, war er. Früh schon fühlte er sich den dunklen Mächten angetan, und unter Morgoth, dem Dunklen Vala brachte er es weit mit seinen Künsten. Nach Morgoths Sturz zum Ende des Ersten Zeitalters blieb er in Mittelerde, und in Mordor errichtete er ein neues Schreckensreich. In den dunklen Jahren des Zweiten Zeitalters sammelte er die bösen Wesen Mittelerdes; Orks, Trolle, Warge und so weiter in seinem Reich, um von dort aus die Welt zu plagen. Die Edain waren über das Meer gegangen: in Númenor hatten sie ihre neue Heimstatt gefunden, eine königliche Belohnung für ihre mutigen und verzweifelten Taten in den Kriegen gegen den Dunklen Feind. Aber mit der Zeit wurden die meisten von ihnen stolz und überheblich, und so glaubten sie, Sauron gefangensetzen zu können, was sie dann auch taten. Aber Sauron der Listenreiche wurde nur allzu rasch ein mächtiger Ratgeber des Königs, und sie griffen das Segensreich von Aman an – und verloren den Kampf. Nur einige wenige, die treu zum alten Bündnis mit den Valar standen gelang die Flucht nach Mittelerde. Das war gut so, denn Númenor ging mit Mann und Maus unter wie ein sinkendes Schiff. Die Nachkommen der Getreuen sind die Dùnedain, ein ewiges Ziel des Hasses für den Feind.
Kaum hatten Elendil, Isildur und Anárion die Exilreiche der Númenórer in Mittelerde gegründet wurden sie von Saurons Schergen angegriffen, und es folgte der Krieg des Letzten Bündnisses zwischen Elben und Menschen.
Groß waren die Heere und prächtig die Banner, und Sauron wurde niedergeworfen. Lang und verlustreich war der Krieg, und viele Elben und Menschen vergingen. Und so waren die Dùnedain geschwächt, als es die eine Möglichkeit gab, Mittelerde einen dauerhaften Frieden zu bringen, und Orks griffen Isildur an und töteten ihn, jenen Streiter, der seinerseits Sauron niedergerungen hatte. Denn obwohl Sauron tot ist, sein Geist und sein Wirken lebt weiter, und die Mächte des Bösen werden wieder stärker.“

„Dessen werden wir gewahr sein müssen, wenn wir in den Süden reiten“ sagte Arador. „Wie unser Weg aussehen soll, ist klar: wir bleiben auf der Westseite des Anduin. So erreichen wir Gondor schneller als auf der Ostseite, und die Gefahren scheinen nicht so zahlreich zu sein. Meine Hauptsorge ist das Gebirge: wie wir es sicher überschreiten sollen weiß ich nicht.“

„Kundschafter sollen bald über den Hohen Paß reiten“ entgegnete Elrond. „In zehn Tagen brechen sie auf, wenn das Wetter mitspielt. Ihr sollt mit ihnen reiten. So kommt Ihr wenigstens bis zum Carrockfelsen, der mitten im Anduin steht und die Wegscheide nach Osten und Süden markiert. Von dort ab dürftet Ihr alleine zurechtkommen.“

Die beiden bedankten sich vielmals. Elronds Angebot erleichterte Arador um seine Hauptsorge: weder er noch Bucca hatten jemals ein Gebirge überquert und sie kannten die Gefahren der Berge nicht. Aber unter der Obhut erfahrener Elben würden sie das schon schaffen.



Reiseerlebnisse

Die zehn Tage der Ruhe, die Bucca und Arador noch geblieben waren, waren rasch vergangen, und nun waren sie wieder unterwegs in der Wildnis. Sie hatten sich den Elbenkundschaftern angeschlossen, die jenseits des Gebirges südwärts zu einem geheimen Auftrag reiten sollten, und sie kamen auf der Paßstraße gut voran.
Das Wetter war schön. Hoch oben im Gebirge war es immer kalt, aber nur wenige Wolken waren am Himmel zu sehen. Dort, wo die Sonne schien wurde es den Reisenden rasch warm, aber im Schatten der Berge lag noch der Winterschnee.

„Daß hier noch so viel Schnee liegt“ staunte Bucca. „Ich wünschte, diese Menge ginge nach Buckelstadt! Da hätten die Leute was zu schwatzen!“

„Weiter oben liegt immer Schnee“ antwortete ein Elb. „Wir sind noch nicht allzu hoch gestiegen, und oben auf der Paßhöhe herrscht immer Winter. Aber wir haben Glück mit dem Wetter: letztes Jahr war der Paß um diese Zeit noch unpassierbar.“

Zehn Tage stiegen sie nun schon, mal reitend, meistens gehend. Die breite Straße vom Tal hatte sich zu einem schmalen Pfad verengt, und oft blickte man in der einen Richtung steil nach oben und sah nur eine Felswand, und in der anderen Richtung war ein tiefer Abgrund, wo ein unsichtbarer Bach rauschte und gurgelte. Bucca fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut.
Die Abende waren kalt und freudlos, denn sie zündeten kein Feuer an. Im Gebirge wußte der Reisende nie, wo Räuber lauerten, und meistens wehte der Wind so stark, daß selbst die Elben kein Feuer schlagen konnten.
Endlich hatten sie die Paßhöhe erreicht. Es war eine eigentümliche kleine Ebene zwischen zwei hohen Bergen, über die ein eiskalter Wind pfiff. Von dort aus konnte man weit nach Osten und Westen blicken.

„Ihr habt Glück“ meinten die Elben. „Normalerweise herrscht hier oben immer Nebel, und man sieht nicht weit. Aber heute ist die Aussicht grandios und lädt zu einer Rast ein.“

Sie saßen ab und schlugen ihre Zelte auf. Endlich hatten sie die Gelegenheit dazu: bislang waren ihre Lagerstellen zu klein für Zelte. Bucca sah sich neugierig um. Lange blickte er gen Westen. Irgendwo dort unten lag Bruchtal, und weiter entfernt mußte Arnor und das Auenland sein. Die Oststraße lag wie ein kleines silbernes Band weit unten in der Ebene, das sich in der Ferne verlor.
Auf der Ostseite sah Bucca in der Ferne einen großen, grünen Wald. Davor war ein Fluß, aus dem ein spitzer Fels zu ragen schien. Das mußte der Fluß Anduin sein, und der Fels war sicherlich der Carrock. Weiter südlich meinte der Hobbit einen goldenen Schimmer wahrnehmen zu können. Er rieb sich die Augen, und die Erscheinung war verschwunden. Wolken lagen über den Landen. „Wahrscheinlich bin ich zu müde“ dachte er. „Wird Zeit für eine längere Rast – und für das Ende unserer Bergtour.“
Tags darauf ritt die Gemeinschaft weiter. Bucca warf noch einen letzten Blick gen Westen, und dann lag die Paßhöhe schon wieder über ihnen. Ihm war, als ob er sein altes Leben hinter sich gelassen hätte und etwas Neues und Unbekanntes auf ihn wartete. Für einen kurzen Moment wünschte er sich zurück in die elterliche Hobbithöhle, aber dann obsiegte seine Abenteuerlust. Man sagte, an den Ufern des Anduin hätten vor langer Zeit die Hobbits gelebt, bevor sie ihren Zug über das Gebirge antraten, vor einem dunklen Feind flüchtend.
Der Abstieg zog sich nicht so lange hin wie der Aufstieg zum Hohen Paß, und nach sechs Tagen standen sie am Carrockfelsen. Die Elben verabschiedeten sich von den beiden und verschwanden rasch in den nebligen Landen.

„So, jetzt sind wir auf uns allein gestellt“ sagte Bucca wehmütig. „Wir werden die Gesellschaft der Elben noch vermissen.“

„Wohl wahr“ lachte Arador. „Aber wir haben ein Ziel, das jetzt klar vor unseren Augen liegt. Auf jetzt, gen Süden! Auf nach Gondor!“

Sie saßen auf und ritten den Fluß entlang in Richtung Süden über ein reiches Grasland und durch dichte Wälder. Sie kamen gut voran, denn der Uferstreifen war frei von Gestrüpp, so als ob er eine alte Straße wäre. Dann und wann meinte man, Reste anderer Straßen und Kreuzungen erkennen zu können.

„Hobbits müßten sich hier doch eigentlich wohlfühlen“ meinte Arador. „Das Land scheint wohlgeordnet und wohlbestellt gewesen zu sein.“

„Sie haben sich einstmals hier wohlgefühlt“ antwortete der Hobbit. „Schau mal dort oben.“ Er deutete auf einen Hang. „Das sind Reste alter Hobbithöhlen. Laß uns hinaufreiten und sie erkunden. Vielleicht sind sie eine gute Lagerstatt für die Nacht.“

„Sei vorsichtig! Man weiß nie, ob sich nicht Orks da eingenistet haben. Aber laß uns hinreiten und sie erkunden!“

Es handelte sich tatsächlich um alte Hobbithöhlen, aber sie schienen schon seit längerer Zeit verlassen zu sein. In manchen waren Fenster und Türen noch zu sehen, aber in den meisten waren die hölzernen Teile schon längst verrottet und zerfallen. Von Möbeln war nichts zu sehen, aber Bucca fand Reste von Bilderrahmen und gußeisernen Kerzenhaltern.

„Offenbar wurden die Höhlen hier wohlgeordnet und nicht überhastet verlassen“ sagte er. „Alles ist fein säuberlich aufgeräumt, und das, was hier herumliegt scheint schon zum Zeitpunkt des Auszugs kaputt gewesen zu sein.“

„Das sehe ich auch so“ meinte Arador. „Und es scheinen keine Feinde in der Nähe zu sein.“

Die beiden schlugen in einer Höhle ihr Nachtlager auf, und Bucca fand es aufregend, aus den Fenstern einer Hobbithöhle auf den Anduin blicken zu können, so wie es seine fernen Vorfahren auch getan hatten. So übernahm er die erste Nachtwache und sah nachdenklich aus dem Fenster heraus. Wieso hatten die Hobbits dieses schöne Land verlassen? Sicher hatten Orküberfälle zugenommen, aber die Chroniken des Auenlands sagten dazu nichts. Diese begannen erst mit dem Auszug aus Bree, aber da war das Leben hier offenbar schon in Vergessenheit geraten, und in jenen turbulenten Jahren war nichts aufgeschrieben worden.
Auf der anderen Seite des Flusses war der große Wald. „Das muß der Düsterwald sein“ dachte Bucca. Elrond hatte über Feinde in diesem Wald berichtet. Es schien, daß damals die Bedrohung der Hobbits aus dem Osten gekommen war, und so hatten sie sich letzten Endes doch entschlossen, den gefahrvollen Weg über das Gebirge einzuschlagen. Orks schienen herübergekommen zu sein, und plötzlich sah Bucca vor seinem geistigen Auge, wie ungeschlachte Gestalten Hobbits gefangennahmen und verschleppten. Höhlen brannten, und überall lagen Tote und Verwundete.

„Ja, das war es damals“ sagte er leise. „Von dort drüben kamen sie.“

„Was meinst du?“ fragte Arador leise. „Wer kam von wo?“

„Ich sah Orks, die hier über den Fluß setzten und Hobbits töteten und gefangennahmen. Das ist des Rätsels Lösung.“

„Eine Vision? Wir sollten uns morgen früh hier ein wenig umsehen. Aber jetzt legst du dich schlafen. Ich bin jetzt an der Reihe mit der Wache.“

Bucca nickte und legte sich in einer Ecke schlafen. Kein Traum störte seine Ruhe, und die Sonne schien schon hell, als er aufwachte. Wieso hatte Arador ihn weiterschlafen lassen?

„Guten Morgen!“ gähnte er. „Wie spät ist es?“

„Es ist noch Morgen“ sagte Arador. „Ich war schon ein wenig unterwegs und deshalb habe ich dich noch ein wenig schlafen lassen. Weiter unten am Fluß gibt es weitere Hobbithöhlen. Die solltest du dir nachher ansehen.“

Sie frühstückten und brachen dann auf. Langsam ritten sie hinunter zum Fluß, und direkt am Ufer waren die Reste weiterer Höhlen. Verkohlte Holzreste lagen hier überall herum, und es schien, als ob rohe Gewalt diese zerbrochenen Dinge zerstört hätten. Glassplitter waren über den Boden verstreut.

„Hier waren Orks“ sagte Arador und hob einen halbverfaulten Pfeil auf. Er war roh gefertigt und seine Spitze hatte grausige Widerhaken.

„Wir sollten uns nicht allzu lange an einem Ort aufhalten“ sagte Bucca. „Feinde könnten uns vom Ostufer aus beobachten, und die Wahrscheinlichkeit, uns zu entdecken wächst mit jedem Tag, an dem wir an einem Fleck bleiben.“

Arador stimmte zu, und sie ritten weiter. Bucca hatte den Kerzenständer, den er in ihrem Nachtquartier gefunden hatte eingesteckt, er wollte ihn seinem Vater schenken. Außerdem war er ein Beweisstück dafür, daß er ihre alte Heimstatt wirklich gefunden hatte.
Mehrere Tage ritten sie durch das alte Hobbitland, und in jeder Nacht stand ihnen eine (für die Wildnis) bequeme Unterkunft zur Verfügung. Die Landschaft änderte sich nur wenig, und unzählige Vögel und Tiere bevölkerten das Land. Viele Bachläufe und kleine Sümpfe kreuzten ihren Weg.
Am elften Tag seit dem Carrockfelsen kamen sie an einen tiefen und reißenden Fluß. Auf der anderen Seite standen golden schimmerte Bäume.

„Erstes Hindernis“ meinte Bucca grimmig. „Ich vermute, selbst wenn wir den Fluß überqueren könnten, so kämen wir doch nicht weiter.“

„Ja. Der Wald von Lothlórien. Wir müssen uns jetzt westwärts halten.“

Sie verließen den großen Anduin und folgten dem rasch dahinfließenden Gebirgsfluß. Noch immer fanden sie alte Hobbithöhlen. Offenbar hatte das Hobbitland direkt an das Elbenreich angegrenzt. Sie fühlten sich jetzt sicherer, denn es waren keine Spuren von Kämpfen zu sehen und es hieß, daß kein Feind sich in die Nähe des Elbenwaldes wagte. Dennoch hielt einer der beiden Wache.
Unbehelligt erreichten sie den Fuß des Gebirges. Dort war zwischen dem Goldenen Wald und den schroffen Bergen klar ein Pfad zu erkennen. Offenbar wurde er häufiger benutzt.

„Wer mag hier inmitten der Wildnis solch einen Pfad anlegen und benutzen?“ fragte Arador.

„Zwerge“ antwortete Bucca und hob die Reste einer Axt auf. Sie war solide, aber simpel gefertigt und mit geradlinigen Ornamenten verziert. „Aber sie scheinen hier Feinde zu haben, denn dies ist keine Holzfälleraxt. Wir sollten wachsam sein.“

Vorsichtig ritten sie weiter. Der Pfad schlängelte sich am Gebirge entlang, und es gab nur einige wenige, ungastliche Lagerstellen. Wen die Zwerge hier zum Feind hatten war noch immer unklar, denn sie hatten bislang noch niemanden gesehen, weder Elb noch Mensch noch Zwerg und so blieb dieses Rätsel zunächst ungelöst.
Nach vierzehn Tagen kamen sie zu einem weiteren Fluß. Der Goldene Wald wand sich nun wieder gen Osten, und vor ihnen lag ein freies Grasland. Der Pfad verlor sich im Gras, und in der Ferne schimmerte der Anduin wie eine Perlenkette.

„Das ist die Ebene von Nord- Calenardhon“ sagte Arador. „Man sagt, dies war dereinst eine nördliche Provinz von Gondor, aber dies scheint lange her zu sein. Wir werden jetzt zum Fluß zurückreiten, er ist eine zuverlässige Wegmarke in diesen weiten Graslanden.“

Sie galoppierten auf das silberne Band zu. Bucca wußte, daß es hier einstmals Festungen Gondors gab, und im Stillen hegte er die Hoffnung, daß sie noch besetzt waren. In diesem Fall wäre die letzte Etappe ihrer Reise ein Kinderspiel.
Sie kamen jetzt gut voran. Der Anduin war nicht zu verfehlen, und noch immer waren sie nicht von Feinden angegriffen worden. Noch immer schienen sie unentdeckt zu sein.

„Dort vorne ist etwas!“ rief Bucca. Er deutete nach vorne. Am Ufer des Flusses erhob sich in der Ferne ein Gebäude. Auf einem Turm wehte eine Flagge.

„Kannst du das Feldzeichen erkennen?“ fragte Arador.

„Da scheint ein weißer Baum auf dem schwarzen Grund zu sein“ sagte er. „Ich kann es noch nicht genau erkennen. Etwas Rotes ist nicht dabei.“

„Gondor! Endlich! Aber wir sollten langsam und vorsichtig sein. Möglicherweise haben sie vergessen, wie das Wappen von Arnor aussieht, und möglicherweise sind es Feinde, die sich unter der Flagge Gondors tarnen.“

„Feinde sind es sicher nicht“ sagte Bucca. „Schau, dort kommen zwei Reiter auf uns zu. Sie sind nur leicht bewaffnet. Wir sollten sie hier erwarten.“

Die beiden Reiter kamen rasch auf sie zu. Auf ihren kurzen Wappenröcken trugen sie das Zeichen des Weißen Baumes, lange Schwerter hingen an ihrer Seite und sie trugen leichte Kettenhemden. Zehn Schritt vor Arador und Bucca hielten sie an und hoben die waffenlose Hand als Zeichen des Friedens.

„Wer reitet hier in Gondor?“ fragte einer mit heller Stimme.

„Zwei Boten des Königs von Arnor“ antwortete Arador. „Ich bin Arnor von Annúminas, und das ist Bucca vom Bruch, ein Halbling in Diensten des Königs. Dieser hat uns auf die Reise nach Gondor geschickt.“

„Ihr habt es gefunden. Reitet mit uns. Morgen erwarten wir die Ablösung, wir werden dann nach Minas Anor zurückreiten, wo wir stationiert sind. Ihr sollt mit uns reiten und vor unseren König treten.“

Sie ritten zu dem Gebäude, das sich von nahem als Kastell entpuppte. Es war nicht allzu groß, aber geräumig und die Reisenden aus der Wildnis fanden es bequem. Die Besatzung war jedenfalls nicht begeistert gewesen, als sie hier hergeschickt wurden.

„Der Dienst hier an der Nordgrenze ist nicht sonderlich beliebt“ sagte der Kommandant. „Es ist langweilig hier, und Ihr seid die einzigen Reisenden, die wir hier im letzten halben Jahr angetroffen haben.“

„Wir sind auf dem Pfad zwischen Lothlórien und dem Gebirge geritten“ erwiderte Bucca. „Der Weg scheint noch benutzt zu werden, aber von wem wissen wir nicht.“

„Ab und zu sollen Zwerge ihn benutzen, heißt es. Aber sie kommen nicht nach Gondor. Sie haben kleine Bergwerke unweit von hier. Nur einige wenige Menschen aus dem Norden kommen noch hierher. Sie treiben ein wenig Handel, aber das war es schon.“

Der Hobbit wurde von den Menschen bestaunt. Sie kannten Gerüchte über ein kleines Volk, das fern im Norden in Höhlen lebte, und Buccas Erzählungen über das Auenland und Arnor erregten Aufsehen. Viele Gerüchte über Leben und Sterben im Norden machten die Runde, aber es gab nur wenige wirkliche Nachrichten. Natürlich kannten viele Menschen Geschichten über den Fürsten der Halblinge, wie Bucca I. hier genannt wurde, und Bucca eilte sofort der Ruf des ernil i pheriannath voraus.
Am nächsten Tag kam, wie der Kommandant es angekündigt hatte, die Ablösung, und sie brachen gen Minas Anor auf. Bucca und Arador hatten Glück, rechtzeitig zur Ablösezeit gekommen zu sein, und so hatten sie kundige Führer, die den schnellsten Weg zur Hauptstadt Gondors kannten.
Rasch verging der Ritt über die eintönigen Ebenen von Calenardhon, und langsam tauchte vor ihnen ein großes Gebirge auf. Die Gipfel waren weiß vom immerwährenden Schnee, aber dunkelgrün waren die Wälder zu seinen Füßen. Davor verlief die alte Südstraße, die einstmals angelegt wurde, um Gondor mit Arnor zu verbinden und die jetzt langsam verfiel. Zu ihrer Linken erhob sich dräuend der Emyn Muil, und vom Anduin sahen sie nichts mehr. Bucca hoffte, etwas von den sagenhaften Argonath zu sehen, aber sie blieben in der Ferne verborgen.
Nach acht Tagen erreichten sie die Straße. Hier herrschte etwas Verkehr, und es gab sogar in regelmäßigen Abständen Gasthäuser. Die Reisenden von Arnor wurden neugierig beäugt, aber ansonsten in Ruhe gelassen, und der Hobbit beobachtete seinerseits die Sitten und Gebräuche der Dùnedain des Südens. Zu seiner Verwunderung benutzten sie untereinander die elbische Sprache, und Bucca tat so, als ob er sie nicht verstünde, wenn die Menschen sich leise über ihn unterhielten. Viele fragten sich, welchen Wert ein Halbling als Krieger denn haben würde, und Bucca dachte bei sich „gar keinen, denn wir sind nicht zu Kriegern berufen“, ließ sich aber nichts anmerken. Über einen Brauch wunderte er sich: vor den Mahlzeiten erhoben sie sich und blickten eine Minute lang stumm gen Westen.

„Sie gedenken Númenor, der Untergegangenen, und was jenseits davon liegt“ erklärte Arador. „Früher war das auch in Arnor üblich, aber jetzt tun wir dies nur noch bei hohen Anlässen, und auch nur in einigen wenigen Familien. Man sollte nicht der Vergangenheit hinterhertrauern, wenn die Zukunft neue Herausforderungen bringt.“

Befremdet stellte Bucca fest, daß in Gondor rasch, geradezu hastig gegessen wurde und dabei kein Wort fiel. Meistens war hier nach zwanzig Minuten alles vorbei. Im Auenland war man in dieser Zeit noch nicht mal mit den Appetithäppchen fertig. Danach kommt bei einem anständigen Hobbit- Festmahl die Vorspeise. Und getrunken wurde während des Essens auch nichts! Aber auch Arador schaute befremdet drein ob dieser seltsamen Tischsitten. Offenbar fühlte er sich hier bei Tisch auch nicht wohl.
Nach fünf Tagen entspannten Reitens auf der Südstraße hatten sie endlich Minas Anor erreicht. Die neue Hauptstadt Gondors war auf dem letzten, niedrigen Berg des Weißen Gebirges erbaut worden und überblickte das weitläufige Tal des Anduin. Die Stadt bestand aus sieben Ringen, und ganz oben thronte eine Stadtburg, deren östlicher Ausguck wie der Bug eines Schiffes viele hundert Fuß über die Ebene ragte. Die Mauern der Stadt waren weiß, und sie schimmerte hell im Morgenlicht.

„Sehet, Minas Anor! Bald werdet Ihr vor den König treten“ sagte der Kommandant.

Sie ritten zu, und die Stadtwache staunte über die Reisenden aus dem fernen Norden. Bucca und Arador wurden eingelassen, und eine Eskorte brachte sie umgehend zum Königspalast in der Veste. Sie traten ein und schritten langsam auf den Thron zu. Er stand erhöht auf einem steinernen Podest, und in die dahinterliegende Wand war das Sinnbild des Weißen Baumes eingemeißelt worden. Auf dem Thron saß ein alter Mann, der die Neuankömmlinge regungslos beobachtete.

Arador und Bucca blieben zehn Schritte vor dem Thron stehen und knieten nieder. „Heil, König von Gondor!“ sagte Arador. „Lange sind wir von Arnor geritten, um Euch Botschaften unseres König Arvedui zu überbringen, und der Gefahren waren es auf unserem Wege nicht wenige.“ Er erhob sich und reichte dem König eine Schriftrolle.

„Seid willkommen in Gondor, Reisende aus dem Norden! Lange ist es her, seit wir Nachricht von unseren Verwandten erhielten, und schlimme Gerüchte machten die Runde. Aber ich sehe, daß ihnen jegliche Grundlage entbehrt.“

„Ich kenne sie nicht, aber ich kann Euch sagen, daß Arnor noch immer das Königreich im Norden ist, und es möge noch lange bestehen!“

„Uns ist bekannt, daß die Könige des Nordens Halblingen in ihrem Reich eine Wohnstatt gewähren, aber es ist neu, daß sie in seinen Diensten stehen. Das erscheint mir seltsam, ist es denn nicht das Privileg der Dùnedain, ein Ritter zu sein?“

„Das ist es nicht“ erwiderte Arador. „Jedes Reich tut gut daran, die fähigsten seiner Bürger an die Waffendienste heranzuführen, denn Feinde gibt es in Mittelerde übergenug. Und dieser Halbling hat sich durch große Taten im Kampf ausgezeichnet, auch wenn man sie ihm vielleicht nicht sofort ansehen mag.“

„Laßt Euch nicht von seinen Worten täuschen, Herr“ sagte Bucca. „Ich bin weder stark noch mutig, außer wenn es Not tut, und es wundert mich noch immer, daß der König von Arnor meine geringen Taten mit der Ritterschaft belohnte.“

„Mancher große Recke sagt nichts Anderes“ antwortete der König. „Und es erweist sich wiederum, daß das Äußere eines Mannes- oder eines Halblings nichts über seine Fähigkeiten sagen mag.
Aber genug dieser Worte. Ihr seid lange geritten, sagte man mir, und Ihr solltet nun Tage der Ruhe genießen dürfen. Ein Gästezimmer wird für Euch bereitgemacht. Ruht nun ein wenig, und heute Abend wird es ein Festmahl zu Ehren Eurer Ankunft geben. Ich werde derweil die Botschaften Eures Herrn studieren.“

„Vernehmt den Dank von Bucca dem Hobbit und Arador von Annúminas, die Euch zu Euren Diensten stehen“ sagte Bucca und verbeugte sich.

„Ich vernehme ihn gerne“ antwortete der König lächelnd, und sie wurden von einem Diener zu ihrem Gästezimmer geführt. Es lag in einem Seitenflügel des Palastes, und sein Fenster zeigte nach Osten. Unter ihnen lag die Stadt. In der Ferne schlängelte sich der Anduin gen Süden, hin zum Meer. Er floß durch eine weitere Stadt, die in Trümmern zu liegen schien. Und vom Osten dräute ein düsteres und hohes Gebirge.

„Das ist also Minas Anor“ sagte Bucca, als der Diener gegangen war. „Wir wären nun wohl also am Ziel unserer Reise.“

„Ja. Hier wären wir. Und ich bin gespannt, wie wir hier aufgenommen werden. Selten hörte man von uns hier unten, und die Menschen scheinen mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt zu sein.“

„Und auch hier scheint vieles im Verfall zu liegen. Schau mal, diese Stadt dort drüben! Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann ist das Osgiliath, die eigentliche Hauptstadt von Gondor, und dies hier war nur eine weitere Stadt. Was mag passiert sein, daß die alte Hauptstadt aufgegeben wurde?“

„Wir werden das sicher bald erfahren. Aber zügle deine Neugierde! Die Menschen werden eher von uns wissen wollen, was bei uns so passiert ist. Und sprich sie nicht auf den Verfall hier an. Ich glaube nicht, daß sie das mögen.“

Bucca nickte, und sie machten es sich auf den niedrigen Betten bequem. Sie standen in Alkoven, die mit Vorhängen vom Hauptraum abgetrennt waren und nicht in gesonderten Zimmern wie in Arnor üblich. Das Gästezimmer war tatsächlich nur ein einziger Raum, der karg eingerichtet war. Die einzigen Möbelstücke waren ein Tisch, zwei Stühle und eine Truhe. Eine Kerze stand auf dem Tisch, und Bucca konnte keine weitere Lampe erkennen. Die Fenster konnten mit leichten Vorhängen zugezogen werden, aber schwere hölzerne Fensterläden, wie an den Häusern im Norden üblich, gab es nicht.
Gegen Abend kamen Diener und brachten die beiden zum Bankettsaal. Die anderen vom König geladenen Gäste waren schon versammelt, und sie erhoben sich als Bucca und Arador den Saal betraten. Gemessen schritten sie zu den Plätzen, die an der Königstafel für sie vorbereitet worden waren. Die Festgesellschaft setzte sich, und der König erhob sich, um eine kurze Ansprache zu halten.

„Meine lieben Untertanen, verehrte Gäste aus Arnor! Seit langen Jahren kamen wieder Boten aus dem Reich unserer Verwandten im Norden. König Arvedui entbietet uns seine Grüße, und er berichtet vom Leben in Arnor. Es ist genauso von Krieg und Gefahr gezeichnet wie unseres, aber wie wir verzweifeln sie nicht, sondern stellen sich den Gefahren und sie bestehen dabei. Der Norden ist so wenig eine Heimstatt des Friedens wie der Süden, oder er wäre es wenn es die Dùnedain nicht gäbe, die den Feind in Schach halten.
Alte Bündnisse gilt es zu erneuern, und dies soll auch so sein. Die beiden Boten, Herr Arador von Annúminas und Herr Bucca vom Bruch sind auf gefahrvollen Wegen, die durch pfad- und hauslose Lande führten zu uns gelangt. Dieses Wagnis werden auch Boten von Gondor eingehen, denn ich werde Botschaft nach Arnor entsenden und unseren Verwandten antworten, wenn es an der Zeit ist.
Aber das sollen Angelegenheiten sein, die wir heute Abend nicht diskutieren wollen. Dieser Abend soll im Zeichen derer stehen, die das Wagnis eingegangen sind, die Wildnis zu durchqueren, nur um unser Reich zu sehen. Ein Hoch den Reitern aus Arnor!“

Laut donnerten die Hochrufe durch den Saal, und als sie verebbt waren erhob Bucca sich, um seinerseits im Namen des Königs und des Volkes von Arnor eine kurze Ansprache zu halten. Arador hatte Bucca diese Aufgabe übertragen, weil der Hobbit redegewandt war und überdies mehr als nur ein paar elbische Floskeln beherrschte, und Bucca hatte sehr wohl vor, seine Ansprache auf elbisch zu halten. Hier die Übersetzung, die Arador nachher anfertigte:

„Mae govannen!
Wahrlich, lange sind wir gereist, um Gondor zu erreichen und vielen Gefahren mußten wir trotzen, und nicht alle waren Gefahren des Schwertes. Das Reich Gondor ist in der Vorstellung vieler Dùnedain des Nordens nur noch ein Gerücht, ein Märchen aus vergangener Zeit, und nur die Wissenden unter den Familien von Westernis kennen seine Geschichte, aber keiner konnte mehr genau sagen, wo es liegt.
Aber wir Halblinge, die wir jetzt ein Teil des Hohen Königreichs Arnor geworden sind, wissen das besser. Einstmalen ist ein Halbling nach Gondor gereist, und er hat detaillierte Aufzeichnungen darüber gefertigt. Das war Bucca I. vom Bruch, mein Vorfahr; und mich nennt man Bucca III.
Den Menschen von Königsnorburg erschien es als ein Zeichen der Vorhersehung, als ich in die Dienste des Königs trat, und rasch war es beschlossene Sache, uns nach Gondor zu entsenden. Die alte Südstraße, die von hier über die Pforte von Calenardhon und durch die Städte von Tharbad und Bree nach Arnor führt ist, wie wir alle wissen, blockiert. Feinde treiben dort ihr Unwesen, und so wählten wir den Weg über das Nebelgebirge und entlang des Anduin nach Süden. Meister Elrond von Bruchtal gab uns diesen Rat, und er hat sich als weise erwiesen, denn dieser Weg ist nicht so gefahrvoll als der über die Südstraße, und es gibt klare und für jedermann erkennbare Wegmarken.
Wenn der Herr von Gondor dies wünscht, dann werden wir einen Reisebericht erstellen und überdies Karten von den durchreisten Gebieten erstellen, auf daß die Boten von Gondor einen klaren Weg vor sich haben. Was ich Euch bereits jetzt überreichen kann ist eine Abschrift der Chroniken von Arnor.“ Er gab dem König einen in rotes Leder gebundenes Buch. „Hierin werdet Ihr alle Aufzeichnungen betreffend das Nördliche Königreich von seiner Gründung bis zum letzten Jahreswechsel finden.
Es bleibt noch, unseren Dank für die herzliche Aufnahme in Gondor auszusprechen. Möge seine Pracht niemals verblassen!“

Bucca verbeugte sich und setzte sich wieder. Die Menschen staunten. Ein Halbling sprach elbisch, und dies noch nicht mal stockend (so wie viele von ihnen), und überdies schien er zu dieser Ansprache auserkoren zu sein. Welch ein mächtiger Fürst von Arnor mochte er nur sein?

Nun sprach der König wieder. Auch er antwortete auf elbisch, aber er hielt seine Ansprache kurz. „Habt Dank für dieses großartige Geschenk, Herr Bucca. Gerne nehmen wir Euer Angebot an, Bericht und Karte von Eurer Reise anzufertigen, denn unsere Boten werden dies nötig brauchen. Aber nicht an diesem Abend! Möge die Feier beginnen!“

Alle erhoben sich zum Stillen Gedenken, und nach der Schweigenden Minute brachten unzählige Diener das Essen herein. Buccas Befürchtungen ob der Geschwindigkeit und der Menge wurden rasch zerstreut, es war wie ein Festmahl zu Hause in Arnor. Viele Menschen bestaunten den Hobbit noch immer, aber seit seiner Rede behandelten selbst die Höchsten von Gondor ihn mit geziemendem Respekt. Arador staunte ebenfalls über seinen Gefährten: er hatte sehr wohl mitbekommen, wie sehr Bucca sich in Bruchtal in das Studium der elbischen Sprachen gekniet hatte (und die Elben hatten Spaß daran gefunden, ihn zu lehren) aber eine komplette Rede darin zu halten, das hatte er ihm nun doch nicht zugetraut. Aber die Menschen von Gondor behandelten ihn endlich mit dem gebührenden Respekt. Immerhin würde Bucca der Statthalter des Königs im Auenland werden und damit über mehr als die Hälfte aller Einwohner Arnors gebieten; er war kein einfacher Edelknabe. Aber der Hobbit schien das noch nicht wahrhaben zu wollen: er sprach sogar zu den Dienern mit höflicher Zunge, so wie er es eigentlich immer tat. Und so wurde die Neugierde der Menschen rasch zufriedengestellt: der Hobbit beantwortete geduldig die immer gleichen Fragen (auch während des Essens) und bald machte es die Runde, daß die Fürsten der Halblinge immer höflich und zuvorkommend wären, und viele der Fürsten Gondors könnten sich daran ein Beispiel nehmen.
Tatsächlich genoß Bucca die Aufmerksamkeit, die er nicht nur mit seiner Rede verursacht hatte, und aus den Fragen und Bemerkungen der Dùnedain von Gondor schloß er, daß wohl nur hohe Persönlichkeiten sich bei offiziellen Anlässen der elbischen Sprache bedienten. Und obwohl er es war, der Antworten auf Fragen geben mußte, lernte er doch vieles über die Menschen von Gondor, und deswegen waren er und Arador ja gekommen.
Aber auch das schönste Festmahl hat sein Ende, und es war tiefe Nacht, als Bucca und Arador zu ihrem Gästezimmer zurückgingen. Beide waren müde und lagen rasch im Bett.

„Meine Güte! Du hast die Menschen von Gondor ja schön erschreckt mit deiner Rede!“ meinte Arador. „Für die bist du jetzt wirklich der ernil i pheriannath! Selbst der Fürst von Dol Amroth grüßt dich ehrerbietig, und der scheint der zweite Mann im Staate zu sein!“

„Wenn ich gewußt hätte, was meine Rede für Auswirkungen hat, dann hätte ich es gelassen“ murmelte Bucca. „Aber jetzt ist es eben passiert. Sollen die über mich denken was sie wollen! Ich schlafe jetzt!“ Sprach es und schlief ein.

„Ernil i pheriannath, das bist du wirklich. Du willst es nur noch nicht wahrhaben“ sagte Arador nachdenklich.



Das Leben in Gondor

Die nächsten Tage brachten den beiden eine Menge Arbeit. Bucca und Arador saßen zusammen und schrieben an dem Reisebericht, und der Hobbit zeichnete die Karten dazu. Bucca hatte eine ruhige Hand, und so lag es an ihm, die geduldige Arbeit des Zeichnens zu übernehmen. Aber Arador half ihm, wo er nur konnte. Und so konnten die beiden dem König von Gondor recht bald die versprochenen Schriftstücke übergeben, und Abschriften davon verbreiteten sich in ganz Gondor.
Aus den Frühlingstagen wurde Sommer, und Bucca und Arador ritten oft über den Pelennor, wie die Einheimischen das Land zwischen den Gebirgen nannten. Sie besuchten Osgiliath, das lange Zeit die Hauptstadt Gondors gewesen war und das jetzt größtenteils in Trümmern lag. Die Universität mit ihrer alten Bibliothek war nach Minas Anor verlagert worden, und nur wenige wohnten noch in der alten Stadt. Weiter ostwärts war noch eine Stadt, die in einem Tal des Schattengebirges erbaut worden war. Minas Ithil war ebenso dicht bevölkert wie Minas Anor, und so wunderte Bucca sich, wieso ausgerechnet die Stadt zwischen diesen beiden Städten in Ruinen lag.

„Kein Krieg und keine Pest haben Osgiliath ruiniert“ sagte König Calimehtar. „Es war die Zeit, die den Niedergang unserer alten Hauptstadt einläutete. Wir Dùnedain des Südens mögen mächtig erscheinen, aber wir sind ein schwindendes Volk. Und so haben wir die Bevölkerung in den Städten konzentriert, die leichter zu verteidigen sind, aber es gibt noch immer einige wenige, die in Osgiliath wohnen, und wir lassen sie es.“

„Kommt denn keine Zeit, in der ein Wiedererstarken der Menschen die Ruinen durch neue Gebäude ersetzen wird?“ fragte Bucca. „Wie lange müssen wir uns diesen Niedergang denn noch ansehen?“

„Ich schließe aus Euren Worten, daß auch Arnor im Niedergang begriffen ist“ sagte der König traurig. „So scheint das zu vergehen, was dereinst von Westernis gerettet wurde, um diese Welt schöner und friedlicher zu machen. Seit der Weiße Baum in der Großen Pest abstarb und verrottete haben die Menschen keine Hoffnung mehr. Es heißt, so lange der Weiße Baum blüht werden die Könige Gondors nicht aussterben, aber er blüht nicht mehr. Nein, Ihr erlebt den Niedergang zweier Reiche, deren Ruhm einst groß war.“

„Auch in Arnor gibt es Zeichen des Niederganges, das ist wahr“ entgegnete Bucca. „Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung: wir Hobbits stellen nun den größten Teil der Bevölkerung, und wir sorgen dafür, daß weite Landstriche zivilisiert und bewohnbar bleiben. Und der Niedergang kann aufgehalten werden, wenn Arnor und Gondor ihre Kräfte bündeln.“

„Hoffentlich sprecht Ihr da wahr. Vielen im Volk erscheint es als ein Zeichen des Schicksals, daß ausgerechnet in diesen schwarzen Stunden Boten aus dem Norden erscheinen, und was Ihr sagt, sagen jetzt viele. Denn es droht wieder einmal Krieg. Kundschafter berichten von einem großen Heer der Haradrim, das von Süden heraufzieht, und sie haben Mûmakil in großer Zahl dabei. Viele fürchten, daß jetzt die Stunde gekommen ist, da Gondor untergehen wird. Aber wir wollen nicht kampflos untergehen!“

„Nein, dies ist nicht die Stunde, in der Gondor untergeht“ sagte Bucca plötzlich. „Es wird ein harter Kampf sein und viele werden fallen, und wieder einmal werden die Menschen viel Leid erdulden müssen. Gondor wird siegen, aber einen hohen Preis zahlen.“

„Es geht das Gerücht um, Ihr hättet die Gabe der Vorhersehung“ sagte der König. „Ich sehe, daß das Gerücht zutreffend ist. Ihr sprecht davon, daß die Stunde von Gondors Untergang noch fern ist. Aber was sollen wir tun?“

„Kämpfen natürlich“ warf Arador ein. „Feinde können nur im Kampf besiegt werden. Setzt Eure Armeen in Bewegung und laßt nicht zu, daß der Feind Euer Gebiet betritt.“

„So viele Armeen haben wir nicht, als daß der Feind einfach so aufgehalten werden kann. Arnor mag sie vielleicht haben, aber Arnor ist weit weg. Nein, nur ein Stoßtrupp entschlossener Krieger könnte das verhindern. Und eigentlich kann ich nicht einmal auf ihn verzichten.“

„Dies erscheint dennoch die geeignete Methode zu sein, um den Feind aufzuhalten“ sagte Bucca. „Ist die Truppengröße des Feindes bekannt?“

„Man sagt, Zehntausende seien in Bewegung. Wir bräuchten schon einen verwegenen und mutigen Heerführer, der auch Unerwartetes tut, um seine Pflicht zu erfüllen. Aber ich weiß nicht, wen ich schicken soll, denn so jemanden habe ich nicht.“

„Ich kenne so einen“ grinste Arador. „Da war mal ein kleiner Hobbit, der alle bekannten Kriegstaktiken außer Acht ließ und ein Feindesheer mit einem Stoßtrupp aufrieb.“

„Ich weiß, worauf du anspielst“ meinte Bucca ernst. „Aber das war kein richtiges Heer, sondern eine wilde Gruppe ungezügelter Orks, die da eliminiert wurde. Aber ich werde gehen, wenn der Herr von Gondor dies wünscht und es für ihn von Wert ist.“

„Das ist es“ sagte der König. „Mein Sohn, Prinz Eärnil soll Euch mit Rat und Tat zur Seite stehen, und ich will ein Heer ausrüsten, wie Ihr es braucht.“

Und so kam es, daß Bucca zum Heerführer von Gondor wurde (obwohl er dies ursprünglich nicht wollte) und mit Prinz Eärnil ein Heer aufstellte. Sie wählten fähige und nur leicht gepanzerte Reiter und keine Fußtruppen. Der Prinz war zunächst dagegen, auf Fußsoldaten zu verzichten, aber Bucca sagte, er brauchte wendige, kleine Einheiten. Die Fußtruppen sollten derweil an der Straße, die nach Harad führte Verteidigungsanlagen errichten.

„Ihr scheint ja wirklich jede gängige Taktik zu verschmähen“ sagte der Prinz staunend. „Damit rechtet ja niemand.“

„Das soll auch so sein“ entgegnete Bucca. „Der Feind wird sich lange genug mit Euren gängigen Taktiken auseinandergesetzt haben. Er wird glauben, es ist bekannt was ihn erwartet. Wir werden ihn eines Besseren belehren.“

Bis tief in die Nacht beratschlagten die beiden, welche Wege der Feind einschlagen könnte und wie sie sich dagegen wappnen sollten. Ihr Heer würde gerade einmal fünfhundert Reiter umfassen, und das war weitaus weniger als ein Zehntel, wenn die Schätzungen der Kundschafter stimmten. Aber mehr Reiter waren in Gondor nicht zu bekommen. Bucca hatte sowieso nicht vor, eine Schlacht nach traditionellem Muster zu schlagen, in der es auf eine möglichst günstige Gewichtung der eigenen Truppen ankam. Ein Stück weit war er der Meinung, möglichst bald loszureiten und dann vor Ort zu sehen, was zu tun wäre. Das sah er als besser an als im Voraus alles durchzuplanen und dann mit ansehen zu müssen, wie alles anders kam. Müde ging er deshalb zu Bett. Morgen sollte das Heer aufbrechen.

„Hallo“ meinte Arador, als Bucca hereinkam. „Ich dachte, ich würde dich heute gar nicht mehr sehen.“

„Ist gar nicht so einfach, so Knall auf Fall einen Heerzug zu planen“ meinte Bucca müde. „Du lieber Himmel, das hätte ich mir nicht träumen lassen: ein Heerführer Gondors zu werden.“

„Du bist eben der ernil i pheriannath und man erwartet dies von dir“ lachte Arador. „Immerhin bist du tatsächlich einer der Großen von Arnor, und früher oder später hättest du eine solche Verantwortung übernehmen müssen. Als ich zum ersten Mal Heerführer war, war ich im gleichen Alter wie du.“

„Und? Wie ist es ausgegangen?“

„Katastrophal, meinten die altgedienten Krieger. Aber wir hatten damals die Orks besiegt, die in unser Land eingefallen waren. Ich bin mir sicher, daß du es schaffen wirst.“

Am nächsten Tag war das Reiterheer früh auf dem Appellplatz am ersten Stadttor angetreten. Arador stand neben dem König, er ritt nicht mit auf den Kriegszug. Bucca war bereits aufgesessen, sein Pferd stand vor dem Heer. Der König hob die Hand, und die Männer schwiegen.

„Reiter von Gondor!“ rief er. „Ihr reitet nun unter der Führung von Bucca vom Bruch, der aus Arnor als Bote zu uns kam und uns nun den Frieden, in dem wir gelebt haben erhalten soll. Er soll wie einer von uns behandelt werden, denn er steht in den Diensten unserer Brüder und Schwestern im Norden. Reitet nun, und möge ein Licht leuchten auf Euren Schwertern!“

„Ihr Reiter von Gondor, wir brechen zu einem Kriegszug auf, den unsere Feinde noch lange als ihre schmachvolle Niederlage im Gedächtnis behalten sollen“ rief Bucca. „Auf geht’s! Für Gondor und für unsere Freiheit!“

„Für Gondor!“ rief das Heer wie mit einer Stimme und sie galoppierten los. Bucca setzte sich an die Spitze des Heeres, wo Eärnil auf ihn wartete. Reihe um Reihe galoppierte aus dem Stadttor und ließ Minas Anor hinter sich.

Schweigend stand Arador neben dem König. Er sah dem Heer nach, das sich rasch entfernte. Fast schon wünschte er sich, mitgeritten zu sein.

„Kommt“ sagte der König. „Herr Bucca wird seine Reiter zum Sieg führen, er weiß was er tut. Gehen wir zu unseren Pflichten.“

Rasch ritt das Heer ostwärts. Sie überschritten den Anduin auf der alten, großen Steinbrücke in Osgiliath und hielten dann auf Minas Ithil zu. Etwa eine Wegstunde vor der Stadt war eine Wegkreuzung. Dort bogen sie nach rechts ab – gen Süden. Bucca beschloß, die Kräfte seiner Leute zu schonen; er ließ das Heer in den Trab zurückfallen und ordnete ein frühes Nachtlager an, das noch keine fünf Wegstunden von der Kreuzung entfernt war.

„Schonen wir unsere Kräfte“ sagte er zu Eärnil. „Bald werden wir in Lande kommen, wo wir nicht mehr so sicher sind wie hier. Einfache Wachen heute Nacht – ab morgen werden wir sie verdoppeln müssen! Kundschafter eine Wegstunde in den Süden!“

„Ihr seid sehr vorsichtig“ sagte der Prinz. „Wir sind hier noch mitten in Gondor. Ich glaube nicht, daß sie auf Feinde stoßen werden.“

„Feindliche Kundschafter weit im Inneren des eigenen Landes, das habe ich nur zu oft schon erlebt“ erwiderte Bucca. „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen, denn das nutzt nur dem Feind. Wer weiß, wie weit sie schon marschiert sind?“

„Sie haben Mûmakil bei sich, heißt es. Diese Tiere können ein Vielfaches an Lasten tragen als ein Pferd. Außerdem können sie ganze Festungen tragen, heißt es.“

„Was sind Mûmakil?“ fragte Bucca. „Davon habe ich noch nie gehört.“

„Ich habe auch noch keines gesehen. Man sagt, es seien große, graue Tiere. Eine Schlange haben sie im Gesicht wo Menschen eine Nase haben. Und sie sollen so groß wie Häuser sein und deren Haut jedem Pfeil widerstehen können. Schon ihre bloße Erwähnung versetzt altgediente Krieger in Angst und Schrecken.“

„Dann wird es Zeit, diesen Schrecken zu entzaubern“ meinte Bucca grimmig. „Jeder Drache hat einen wunden Punkt heißt es bei uns zu Hause, und ich schätze, bei diesen Mûmaks dürfte das genauso sein. Wenn wir auf diese Tiere stoßen, dann sollen die Bogenschützen in ihre Augen zielen. Mit Seilen könnte man sie zu Fall bringen. Sicher gibt es noch weitere Möglichkeiten, ihrer Herr zu werden.“

„Ich werde den Reitern morgen entsprechende Anweisungen geben“ sagte der Prinz. „Du meine Güte, Ihr scheint vor nichts Angst zu haben.“

„Das bestimmt nicht. Angst hat vielen schon das Leben gerettet, das ist nichts Schlimmes. Aber gleich von vornherein den Kampf verloren geben, das kommt nicht in Frage. Und wir haben die besten Reiter Gondors unter unserem Kommando. Was soll da schiefgehen?“

Die Nacht war ruhig verlaufen, und die Kundschafter hatten keine feindlichen Bewegungen festgestellt bis auf eine: ein Späher konnte gefangen werden. Eärnil verhörte ihn.

„Ihr hattet Recht, Bucca: die Harad- Späher kundschaften unsere Bewegungen aus! Aber wir konnten auch herausfinden, daß das Hauptheer noch mehrere Tagesmärsche entfernt ist.“

„Na, wenigstens etwas. Aber man kann nie wissen, ob sie einzelne Abteilungen vom Hauptheer abgetrennt haben. Außerdem könnten andere Späher uns schon längst entdeckt haben. Wir sollten jetzt rasch vorrücken. Späher zu Fuß können keine Reiter überholen, und jede Verzögerung spielt dem Feind in die Hände.“

„Er sagte auch, daß sie kaum Reiter haben. Er meint, ihre Mûmakil werden uns platt walzen, deswegen mache es nichts, daß sie so langsam sind.“

„Wir werden sehen“ meinte Bucca, und sie saßen auf. Der Gefangene wurde nach Minas Anor zu weiteren Verhören geschickt, und Bucca ärgerte sich, zwei seiner Reiter deswegen abgeben zu müssen. Am liebsten hätte er ihn in einer Grenzfeste abgegeben, aber Prinz Eärnil bestand darauf, ihn durch die Berater seines Vaters nochmals verhören zu lassen.
Am späten Nachmittag erreichten sie den Fluß Poros. Hier war die Südgrenze von Gondor, und an den Flußübergängen war schon so manche Schlacht geschlagen worden. Eärnil meinte, sie sollten den Feind hier erwarten.

„Nein“ meinte Bucca. „Genau das werden die Haradrim erwarten. Sie glauben, niemand wagte es, ihre Grenze zu überschreiten. Deswegen werden wir genau das tun und sie in ihrem eigenen Land angreifen. Damit glauben sie, Gondor ist viel mächtiger als es ist.“

„Natürlich“ lachte der Prinz. „Wenn wir es uns leisten können, Reitergruppen von unserem Hauptheer abzutrennen, um Angriffe jenseits der Grenze durchzuführen. Eine geniale Finte!“

Der Hobbit trieb sein Pferd durch die Furt, und das Heer folgte ihm. Jetzt ritten sie vorsichtiger: immerhin befanden sie sich jetzt in Feindesland. Kundschafter schwärmten aus, aber auf vier Wegstunden war niemand zu sehen. Bucca suchte einen geeigneten Platz für ein Nachtlager. Feuer gab es keines, nichts durfte ihren Standort verraten. Das Land war flach hier, und nur noch spärliches Gras wuchs, das immer dünner wurde, je weiter sie gen Süden geritten waren. Bald würde nichts mehr wachsen.

„Die Wüste ist nicht mehr weit“ sagte Eärnil. „Noch achtzig Wegstunden, und wir erreichen Umbar, die alte Stadt der Korsaren.“

„Ich glaube nicht, daß ich so weit reiten will“ lachte Bucca. „Ich überlege gerade, ob wir nicht hier bleiben sollten. Irgendwie ist es seltsam: seit der Gefangennahme des Spähers sind uns keine Feinde mehr begegnet. Eigentlich müßten die doch mehr werden, je näher wir an ihr Heer kommen. Da stimmt doch was nicht.“

„Eine Falle?“

„Ich fürchte es. Man will uns nur noch tiefer ins Land locken und dann einkreisen. Aber nicht mit mir! Wir warten ab, was die Kundschafter vermelden, und wenn es nichts ist, dann reiten wir zurück zur Grenze!“

Eärnil nickte, und dann legten sie sich zur Ruhe. Bucca hatte die Wachen verdreifachen lassen und er selbst lag nur in einem unruhigen Schlummer. Aber die Nacht verging, ohne daß irgend etwas passiert war.

„Nichts! Hier ist absolut nichts!“ rief Eärnil.

„Aufsitzen!“ befahl Bucca. „Wir reiten zurück zur Grenze. Möglicherweise hat der Feind die Straße schon verlassen. Kundschafter schwärmen zu beiden Seiten aus!“

Langsam ritten sie zurück. Der Hobbit hatte dieses Tempo bewußt gewählt, damit etwaige Späher nicht das Gefühl hatten, sie würden fliehen. Der Ritt verlief ruhig: fast hätte man meinen können, es wäre ein Sonntagsausflug, da kam ein Kundschafter herangaloppiert.

„Herr, Feinde sind keine zwei Wegstunden hinter uns. Sie marschieren auf der Straße und haben Mûmakil dabei.“

„Es ist das Heer“ sagte Bucca. „Sie sind langsamer als ich dachte. Wie viele sind es?“

„Etwa zweitausend Mann zu Fuß und mit drei Mûmakil. Sie marschieren in nicht allzu großer Ordnung, bleiben aber zusammen. Offenbar rechnen sie noch nicht damit, angegriffen zu werden.“

„Dann wollen wir sie eines Besseren belehren“ meinte Bucca. „Wir sollten sie in die Zange nehmen.“ Sie waren abgesessen, und Bucca machte einen Strich in den Sand. „Das ist die Straße. Sie marschieren hier. Eärnil, Ihr greift von Westen her an. Ich von Osten. Wenn Ihr das Hornsignal hört, stürmen wir los.“

Der Trupp teilte sich, und Bucca ließ seine Leute einen weiten Halbkreis nach Süden beschreiben. Eärnil ritt im gleichen Tempo westlich der Straße. Und als sie graue Riesen in der Ferne sahen, ließ Bucca seinen Trupp halten.

„Dort vorne sind sie“ sagte er leise. „Zielt auf die Augen dieser Tiere, spannt Seile vor ihren Füßen und bringt sie zu Fall. Dann wird es ein leichtes sein, die Fußtruppe aufzureiben.“

Er nahm das Horn. Die Reiter waren gespannt: man hätte eine Stecknadel im Sand aufschlagen hören können. Dann stieß er dreimal lange hinein: das Zeichen zum Angriff. Die Reiter zogen ihre Schwerter, spannten ihre Bogen und stürmten los.
Bucca sah auf der anderen Seite Helme und Schwerter aufblitzen. Auch Eärnils Trupp war losgestürmt, und die Haradrim waren völlig überrascht ob des plötzlichen Angriffs. Noch überraschter waren sie, als sie sahen, daß die Reiter nur die Mûmakil beschossen. Buccas Vermutung, daß die Augen der wunde Punkt dieser Tiere waren bestätigte sich, und ein Tier nach dem anderen schrie auf und fiel zu Boden. Dann folgte das, was folgen mußte: die Reiter metzelten die nahezu wehrlosen Haradrim nieder. Bucca wandte sich schaudernd ab. Gegen Orks kämpfen, die mindestens so stark wie er waren (die meisten waren stärker) das war seine Sache, aber fast Wehrlose erschlagen war ihm zuwider, denn die Haradrim waren nur mit leichten, dünnen Speeren und zierlichen Messern bewaffnet.
Es dauerte nicht lange, und der Kampf war für Gondor entschieden. Buccas Strategie, nicht auf eine zahlenmäßige Überlegenheit zu setzen, sondern möglichst rasch eine waffentechnische Überlegenheit für Gondor herzustellen hatte sich ausgezahlt. Aber er vermutete, daß noch weitere Feinde in der Nähe waren, und er ordnete einen raschen Rückzug weg von der Straße an. Sie ritten weiter gen Süden, von wo aus weitere Feinde kommen würden, denn Bucca wollte den Überraschungseffekt für sich nutzen, und das Auffinden des geschlagenen Heeres würde sie in Alarmbereitschaft versetzen.

„Ein großartiger Sieg“ rief Eärnil. „Damit haben sie nicht gerechnet: daß ihre großen, schrecklichen Elefanten fallen wie morsche Baumstämme.“

„Ich wäre weiterhin vorsichtig“ meinte Bucca. „Und – was sind Olifanten?“

„Ein volkstümlicher Name für Mûmakil“ lachte der Prinz. „Aber Ihr habt recht: weitere Feinde sind hier zu erwarten. Wir sollen uns auf die Lauer legen.“

Es dauerte nicht lange, und die Kundschafter meldeten das Herannahen eines weiteren Trupps. Dieses Mal schienen es mehr Krieger zu sein, denn sie hatten zehn Mûmakil. Offenbar hatten sie vorhin mit der Vorhut des Heeres abgerechnet. Bucca beschloß, die gleiche Überraschungstaktik wie vorhin anzuwenden. Die Haradrim hatten ihre Tiere gleichmäßig über den Trupp verteilt, und so mußten sich die Reiter abermals teilen, um ihrer möglichst bald Herr zu werden. Dieses Mal schritt ein reich geschmückter Mûmak vor dem Heer. Bucca vermutete, daß der Befehlshaber des Heeres darauf saß – und er machte als Zeichen des Angriffs den Fall dieses Tieres aus.

„Soll keiner sagen, daß der Heerführer von Gondor sich nicht mit dem Heerführer von Harad messen wollte“ grinste er.

Bucca saß auf und galoppierte davon. Die anderen Krieger machten sich bereit und folgten ihm. Der Hobbit schloß mit dem führenden Mûmak auf, und ehe die Haradrim gewahr wurde, was passierte hatte er dem Tier schon mehrere Pfeile durchs Auge gejagt. Mit lautem Gebrüll brach der Riese zusammen.
Dies brachte das Heer in Verwirrung. Sie wollten es sich nicht vorstellen, daß Feinde so weit in ihr Land eingedrungen waren und sie einfach so und ohne Vorwarnung angriffen. So vergingen wertvolle Minuten, ohne daß auch nur ein Haradrim- Hauptmann klare Befehle erteilte, und schon waren die anderen neun Mûmakil zu Boden gegangen. Wieder hatten die Mannen von Gondor Schwertarbeit zu leisten, und wieder gab es dieses grausame Gemetzel, vor dem es dem Hobbit schauderte. Er stellte fest, daß die feindlichen Krieger ihre Waffen auf den Mûmakil deponiert hatten, und da diese unbesiegbar geglaubten Tiere als erstes zu Boden gegangen waren, waren diese natürlich unbrauchbar geworden.
Die Schlacht dauerte noch den ganzen Tag, und Gondor hatte zehn Streiter verloren, als diese sich den Mûmakil näherten. Aber nachher zahlte sich die waffentechnische Überlegenheit der Angreifer aus, und bald schon gingen sie hierhin und dorthin, je nachdem wonach ihnen der Sinn stand.
Gegen Abend war die Nachhut dann in das Schlachtfeld geraten, aber auch hier wirkte der Überraschungseffekt. Die niederfallenden Mûmakil hatten eine große Staubwolke aufgewirbelt, so daß die Nachhut nicht erkennen konnte, daß sich das Hauptheer bereits in der Schlacht befand. Bucca hatte seine Kundschafter frühzeitig die Straße entlanggeschickt, und so war er gewarnt, daß noch frische Krieger des Feindes kamen. Ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing sie, und der Hobbit erlegte das vorderste Tier mit seinem Speer. Und so war bei Einbruch der Dunkelheit der Kampf für Gondor entschieden.

„Das war ja ein leichterer Sieg als gedacht“ sagte Eärnil anerkennend. „Ihr seid ein großer Heerführer, Herr Bucca.“

„Groß? Nein, nicht wirklich“ lachte der Hobbit. „Aber Ihr seht, was mit dem Überraschungseffekt ausgerichtet werden kann. So haben wir in Arnor schon so manches uns zahlenmäßige Orkheer besiegt.“

„Ihr müßt diese Taktiken niederschreiben und sie unseren Heerführern lehren. Vielleicht ist die Zeit der verlustreichen Schlachten ja vorbei.“

„So lange, bis der Feind herausgefunden hat, wie unsere neuen Taktiken sind und seinerseits reagiert hat. Nein, Herr Eärnil: ein Heerführer muß immer bereit sein, sich eine neue Taktik auszudenken, die auf die Gegebenheiten paßt und womit der Feind nicht rechnet. Das ist die ganze Kunst unseres Bestehens!“

Müde richteten sie ihr Nachtlager ein, und Bucca teilte die Nachtwachen ein. Er hatte nicht vergessen, daß sie tief in Feindesland waren, und man wußte da nie, ob vielleicht nicht doch noch irgendein Trupp auftauchen könnte. Er übernahm selbst die Wache an der Straße.
Doch in dieser Nacht geschah nichts Außergewöhnliches, und tags darauf beschlossen Bucca und Eärnil, die Straße noch ein Stück weiter südwärts abzureiten. Wenn sie keine Feinde mehr antrafen, wollten sie dann nach Gondor zurückkehren. Der Hobbit machte sich Sorgen um ihre Wasservorräte, immerhin waren sie fast in der Wüste, und der Poros war der letzte Fluß zwischen Gondor und Umbar. Er wollte nicht allzu weit reiten, und so machten sie zur Mittagsstunde kehrt. Sie waren nun vier Wegstunden südlich des Schlachtfeldes und zwölf Wegstunden südlich der Grenze von Gondor.

„Ihr tapferen Streiter von Gondor!“ rief Bucca. „Wir sind unangefochten weiter südwärts geritten wie kein Heer von Gondor vor uns! Zum Beweis werde ich dem König Sand von dieser Stelle mitbringen.“ Er saß ab und füllte etwas Wüstensand in eine seiner leeren Wasserflaschen. Eine weitere Handvoll füllte er in einen Beutel: den wollte er nach Arnor mitnehmen. Dann saßen sie wieder auf und ritten zurück: nach Norden, nach Hause. Am Schlachtfeld machten sie noch einmal Halt und jeder Krieger durfte sich eine Trophäe aussuchen. Dies war in Gondor unüblich: normalerweise nahm der Heerführer etwas mit und das war es. Bucca nahm einen Harad- Säbel, Eärnil einen Fahne. Sie entdeckten auf dem Mûmak, auf dem der feindliche Oberst geritten war eine Truhe mit Gold.

„Das Gold soll den Hinterbliebenen der Gefallenen zugute kommen“ sagte Bucca. „Die werden es brauchen können.“

„Recht habt Ihr!“ sagte Eärnil. „Ich will mit meinem Namen Sorge dafür tragen, daß es so kommt wie Ihr wünscht.“

Sie lagerten noch einmal auf dem Schlachtfeld, und am nächsten Tag ritten sie in nicht allzu großer Hast zurück zur Grenze von Gondor. Diese überschritten sie am Nachmittag, und nach zwei weiteren Tagen standen sie wieder an der Wegkreuzung. Hier schlugen sie ihr letztes Nachtlager im Freien auf, denn am nächsten Tag wollten sie im Triumphzug in Minas Anor einrücken. Sie waren siegreich geblieben: kein Feind hatte die Grenze überschritten.
Das Wetter war schön, als die siegreichen Reiter in die Hauptstadt Gondors zurückkehrten. Die Stadtbevölkerung staunte: die Reihen der Krieger waren kaum gelichtet! Und vorneweg ritt Bucca der Hobbit, der sich jetzt tatsächlich wie der ernil i pheriannath fühlte: der Fürst der Halblinge, ein siegreicher Feldherr, der mit seinen gewitzten Ideen alle bekannten Strategien beiseite gelegt hatte und damit die Überzahl der Haradrim besiegt hatte. Der König erwartete die Krieger auf der Treppe zu seinem Palast.

Bucca saß ab, schritt vor den König und kniete nieder. „Wir sind zurückgekehrt, Herr. Kein Feind hat die Grenze Gondors überschritten. Er ist niedergeworfen. Wir sind bis weit nach Harad hineingeritten und keiner hat uns aufgehalten.“ Er reichte dem König die Wasserflasche mit dem Wüstensand. „Hier ist das Symbol unseres Fortkommens.“

„Ich sehe es“ sagte der König. Er öffnete die Flasche und ließ ein wenig Sand durch seine Finger rieseln. „Es ist ein schwerer Schlag für Harad, das sehe ich. Und es muß ein heldenhafter Kampf gewesen sein.“

„Das war es. Jeder Eurer Reiter hat gefochten, als ob es um Alles oder Nichts geht. Nur so konnten wir der Übermacht obsiegen. Jeder Eurer Reiter ist ein großer Held!“

„Das hören wir gerne! Seid uns willkommen, Ihr Helden!“ rief der König. Die Reiter jubelten. Der König hielt noch eine kurze Ansprache, in der er seine Mannen lobte und auszeichnete, und dann gingen er, Bucca und Eärnil in den Palast. Dort berichtete Eärnil von allem, was sie getan und erlebt hatten. Bucca hielt sich bei der Schilderung seiner eigenen Taten zurück und lobte dafür den Mut der anderen. Aber der Prinz berichtete sehr ausgiebig von allem, was Bucca gesagt und getan hatte, und der Hobbit fühlte, wie ihm das rote Blut ins Gesicht schoß.

„Ihr seid für uns ein neues Volk mit unbekannter Sitte“ sagte der König zu Bucca. „Ruhm scheint bei Euch nicht viel zu gelten, dafür gelten Bescheidenheit und Zurückhaltung als Zier. Und Euer gütiges Geschenk an die Witwen und Waisen dieses Feldzuges wird Euren guten Ruf noch steigern.“

„Hobbits gelten bei uns zu Hause wahrlich als Zier des Reiches“ sagte Arador. „Aber hätte ich gewußt, welches Juwel da unter den Hobbits herangewachsen ist, ich glaube, wir hätten ihn mit mehr Respekt behandelt als wir es ohnehin schon getan haben.“

„Nun übertreibt Ihr es aber“ meinte Bucca. „Ich habe schließlich doch nur meine Pflicht im Rahmen meiner Möglichkeiten getan. Und meine Pflicht ist es, den Verbündeten Arnors so zur Seite zu stehen wie Arnor selbst. Ich hoffe, das wird unsere Beziehungen wieder vertiefen, und möge dieses Mal der Kontakt nicht mehr abreißen!“

Der König stimmte Buccas Worten zu, und er entließ die beiden, damit sie sich für das Festbankett am Abend frisch machen könnten. Bucca und Arador waren jetzt in einem wesentlich reichhaltiger ausgestatteten Gästezimmer untergebracht. Man behandelte sie jetzt wie Fürsten des Landes.

„Du meine Güte, Bucca“ sagte Arador, als sie endlich alleine waren. „Du solltest den Ruhm nicht zurückweisen, der dir zuteil wird. Die Menschen hier achten ein wenig mehr auf die Etikette als in Arnor. Du solltest sie nicht enttäuschen.“

„Das möchte ich auch nicht“ entgegnete der Hobbit. „Ich finde das Aufhebens, das jetzt meinetwillen gemacht wird peinlich. Du darfst ruhig sagen, daß ich damit noch nicht umgehen kann, aber ich finde, zuviel Ruhm steigt wie ein schwerer Wein schnell zu Kopf und dann tut man Dinge, die man besser nicht getan hätte. Aber ein bißchen weit hoffe ich, diesen Ruhm zu unserem Vorteil nutzen zu können. Ich denke da nicht an Gold und Silber, sondern eher an freien Zugang zu den Bibliotheken. Wir werden viel Wissen nach Arnor mitnehmen können.“

„Den habe zumindest ich gehabt. Alle Türen standen mir offen, und immer hatte ich einen kundigen Bibliothekar an der Seite, der bei Fragen oder auf der Suche nach bestimmten Dokumenten weiterhelfen konnte. Während du Olifanten gesehen und gejagt hast, habe ich ihren Körperbau studieren können. Hier ist ein Buch, das sie genauer beschreibt. Ich habe eine Abschrift davon bekommen können, und noch viel mehr. Die Gelehrten von Arnor werden viel zu tun bekommen.“




Auf der Heimreise

Das Festbankett zu Ehren der siegreichen Reiter war so prächtig wie ihr Willkommensbankett, und Bucca erregte einiges Aufsehen, als er wünschte, nicht bei den anderen Heerführern, sondern bei seinen Leuten zu sitzen. „Das ist Sitte so in Arnor“ sagte er den verdutzten Höflingen, und sie ließen ihm seinen Willen. Das Bankett war so, wie in Hobbit es sich nur wünschen konnte, und sie feierten bis tief in die Nacht.
In den nächsten Tagen dachten Bucca und Arador an die Heimreise. Der Juli war weit fortgeschritten, und sie würden nicht mehr allzu lange säumen können, wenn sie das Nebelgebirge auf dem Hohen Paß überqueren wollten. Der Paß war nur bis Oktober offen, und manchmal setzten die starken Schneefälle, die ihn unpassierbar machten schon früher ein.
Der Rat von Gondor tagte, und es wurde beschlossen, daß Boten die beiden begleiten sollten. Diese sollten den Winter über in Königsnorburg bleiben und im Frühjahr dann in Begleitung von Boten von Arnor zurückreisen. Diskussionen kamen auf, als bekannt wurde, daß Fíriel von Gondor, des Königs Enkeltochter in den Norden mitreiten wollte.

„Eine Frau sollte nicht auf solch eine gefahrvolle Reise mitkommen“ sagte Eärnil. „Zu viel könnte ihr zustoßen.“

„Ich kenne keinen vernünftigen Grund, ihr diese Reise zu verbergen“ entgegnete Bucca. „Mit derselben Begründung hätte man auch einem Hobbit diese Reise verweigern können. Ein Hobbit, den man in gewissen Gegenden als großen Heerführer feiert. Ich finde, man sollte ihr klipp und klar erklären, daß dies keine Ferienreise ist und sie muß kämpfen können und wollen. Wenn sie das dann immer noch will, dann soll sie es. Ich schätze doch richtig, daß Fíriel kämpfen kann?“

„Das kann jedes Mitglied der Königsfamilie“ antwortete Eärnil. „Das ist nicht das Problem. Ich finde, kein Mitglied des Königshauses von Gondor sollte sich den Gefahren aussetzen, in denen Isildur einst unterging.“

„Sie ist keine Königin“ sagte König Calimehtar. „Und ich finde, wir werden nicht entscheiden, ob sie jetzt geht oder nicht. Herr Arador soll sie über die Gefahren aufklären, und wenn sie mitwill, dann soll sie mitreisen. Das ist mein letztes Wort.“

Arador suchte Fíriel sofort nach der Unterredung auf, und die beiden sprachen lange miteinander. Bucca hatte noch eine Unterredung mit den Heerführern von Gondor, und so kam er erst später hinzu. Er hörte, wie Fíriel immer aufgeregter sprach.

„...diese Worte besagen doch nur: Weib, bleib zu Hause und laß den Männern die Abenteuer! Aber ich stamme aus Anárions Haus und weiß mich den Gefahren einer Reise zu stellen!“

„Herrin, es ist...“ Weiter kam Arador nicht. Sie hob wieder an.

„Arador will Euch nur erklären, was Euch erwarten kann“ sagte Bucca. Er fand, es sei Zeit, einzuschreiten. „Der König hat angeordnet, daß Ihr selbst entscheiden dürft, ob Ihr mitkommt oder nicht, wenn Ihr die Gefahren kennt und waffentauglich seid. Etwas anderes will Arador nicht sagen. Jedes Mitglied der Truppe muß kämpfen können und wollen, wenn es Not tut!“

„Aber die Räte und die weisen Herren wollen mich zurückhalten“ sagte sie, den Tränen nahe. „Soll ich hier wie ein Singvogel in einem Käfig enden? Auf Kommando darf ich trällern und werde dafür durchgefüttert, aber das war es.“

„Das sollt Ihr nicht, dessen bin ich mir sicher“ entgegnete der Hobbit. „Ich werde Euch aber nur mitnehmen, wenn Ihr Eure Kampftauglichkeit bewiesen habt. Ihr habt vierzehn Tage Zeit für eine kleine Auffrischung und eine Probe Eurer Fähigkeiten. Herr Arador wird Euch helfen; er hat auch mich an den Waffen ausgebildet. Ich werde Eure Fortschritte überwachen. Und jetzt keine weiteren Diskussionen, bitte. In einer Stunde erwarte ich Euch gerüstet auf dem Waffenhof.“

Fíriels Gesicht hellte sich auf, und Arador half ihr, eine geeignete Rüstung zusammenzustellen und passende Waffen zu suchen. Und auch Bucca hielt Wort: in voller Rüstung stand er im Übungshof und wartete auf Fíriel. Er nahm sie nicht allzu hart ran, aber nach der ersten Übungsstunde war sie müde. Bucca sagte, daß sie sich wacker gehalten hatte, aber noch einiges lernen müßte. Arador begann mit der Ausbildung.
Die wenigen Tage, die ihnen noch in Gondor geblieben waren gingen rasch vorbei. Bucca war damit beschäftigt, die für ihre Rückreise notwendigen Sachen zu besorgen und die Taschen zu packen, und Arador hatte mit Fíriels Ausbildung alle Hände voll zu tun. Sie hielt sich wacker, und Arador meinte, sie könnte durchaus auf den Ritt in den Norden mitkommen.
Endlich war der Tag ihres Aufbruchs gekommen. Es war der erste August, und die Sonne schien, nein sie brannte vom Himmel. Bucca war froh, bald wieder im kühleren Norden zu sein. Außer Fíriel wurden sie noch von Prinz Eärnur, Eärnils Sohn begleitet. Er wollte nicht zurückbleiben, wenn seine Schwester auf Abenteuer ging.

Der König hielt zum Abschied noch eine kurze Ansprache, in der er von erneuerten Beziehungen zwischen Arnor und Gondor sprach, und er dankte Bucca nochmals für seine Hilfe. „Ihr wollt ja keine Belohnung annehmen, sagt Ihr, aber nehmt wenigstens das“ sagte er und gab dem Hobbit ein kleines, goldenes Horn. „Es ist eine elbische Arbeit, die von Lothlórien kommt und ein Erbstück unseres Hauses war. Sein Klang entfacht den Mut in den Herzen der Freunde und Furcht in den Herzen der Feinde.“

Bucca nahm es, denn er konnte dieses Geschenk nicht ablehnen, und er verbeugte sich tief. „Habt Dank für dieses großartige Geschenk, das ich durch meine Taten nicht aufwiegen kann“ antwortete er. „Und habt Dank für Eure Gastfreundschaft. Viel Wissen werden wir den Weisen in Arnor vermitteln können, das verloren geglaubt war.“

Der König umarmte Bucca und Arador, und sie saßen auf und ritten los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie hatten vor, auf der Südstraße bis nach Anórien zu reiten um sich dann, wenn die Fenne der Entwasser hinter ihnen lagen gen Norden zu wenden. Die Berge des Emyn Muil wollten sie rechts liegen lassen und auf direktem Wege zum Saumpfad zwischen dem Nebelgebirge und dem Goldenen Wald reiten. Dann entlang des Anduin zum Carrockfelsen und über die Paßstraße und Bruchtal nach Arnor.

„So, in kurzen Worten wäre eine Reise von mindestens zwei Monaten umschrieben“ meinte Bucca. „Wenn wir Glück haben, kommen wir in dieser Zeit durch. Aber bald schon werden wir vorsichtiger sein und nachts Wachen aufstellen müssen: im Nebelgebirge und dem Düsterwald leben Orks und andere böse Wesen. Also genießen wir den Luxus der Gasthöfe, solange es noch geht.“

Sie ritten nicht allzu schnell die Straße entlang. Bucca wollte ihre Kräfte schonen, und zudem nutzte er die Aufenthalte in den Gasthöfen, um Nachrichten aus der Wildnis zu sammeln. Auf der Südstraße reiste keiner mehr weiter als bis Isengart, denn auf der weiten Ebene trieben sich Feinde herum. Das Nebelgebirge schien wie ein Ameisenhaufen zu wimmeln, und Bucca meinte, sie könnten von Glück sprechen, wenn sie unangefochten bis Bruchtal durchkämen. Er hoffte, daß das Elbenreich von Lothlórien ihnen wenigstens auf einem Teil ihrer Reise etwas Schutz vor Feinden gewähren konnte.
Nichts Nennenswertes war passiert, bis sie das Nebelgebirge erreicht hatten. Der Ritt über die Ebene von Calenardhon hatte allen Spaß gemacht, und jetzt standen sie an dem Weg, der sie nach Norden führen sollte. Fíriel und Eärnur staunten, als sie den Goldenen Wald sahen, aber Arador ermahnte sie eindringlich, nicht vom Weg abzukommen. Die Elben duldeten es nicht, daß Fremde ihr Land betraten.

„Sicher werden wir von da drinnen beobachtet“ sagte Arador. „Es heißt, wer da ungebeten rein geht wird niemals mehr herauskommen. Und die andere Seite des Weges ist auch nicht gerade einladend: in den pfadlosen Tälern soll es nur so von Orks wimmeln.“

Langsam ritten sie den Pfad entlang, der sich gut erkennbar zwischen dem Wald und den Bergen gen Norden wand. Ob die Sonne schien konnten sie nicht sagen, denn der Schatten der Berge lag drohend auf ihnen. Wachsam achteten sie auf jedes Geräusch.
Waffengeklirr schreckte die Reiter auf. Vor ihnen wurde gekämpft. Sie zogen ihre Schwerter und ritten vorsichtig weiter. Vor ihnen kämpften Orks und Elben miteinander. Die Orks sahen die Reiter nicht, die drohend hinter ihnen auftauchten, und Bucca gab seinem Pferd die Sporen. Mit dem Schlachtruf „Für Arnor!“ stürmte er voran. Wie der Blitz schlug sein Schwert in den Reihen der Feinde ein und hielt grausame Ernte. Und Eärnur und Fíriel setzten mit dem Schlachtruf „Für Gondor!“ nach.
Die Orks waren vollkommen verwirrt ob des beidseitigen Angriffs, und rasch waren sie besiegt. Die Elben staunten über die unerwartete Hilfe.

„Unerwartet ist der Menschen Hilfe, und sogar ihre Kinder sind bewaffnet. Und beides erwarteten wir nicht“ sagte ihr Anführer.

„Das ist kein Kind“ sagte Arador. „Dies ist Bucca, ein Fürst der Halblinge und ein ruhmreicher Krieger in Diensten des Königs von Arnor.“

„Und in Gondor ist er ein vielgerühmter Held“ ergänzte Eärnur.

„Es wäre nett, wenn die Reisenden uns wenigstens ihre Namen nennen würden“ sagte ein anderer Elb. „Immerhin benutzen sie unseren Weg.“

„Still, Haldir!“ sagte der Anführer. „Sprich nicht vor deinem Hauptmann. Und immerhin haben wir diesen Reisenden einiges zu verdanken.“

„Nun, mein Name ist Bucca vom Bruch, Dies ist Arador, der ebenfalls in Diensten des Königs von Arnor steht. Und das sind Prinzessin Fíriel und Prinz Eärnur von Gondor. Wir sind auf der Reise von Gondor nach Arnor. Hätten wir gewußt, daß der Weg gesperrt ist, dann hätten wir einen anderen gewählt. Aber Herr Elrond von Bruchtal hat ihn uns empfohlen, und wir haben seinem Ratschlag vertraut.“

„Und das ist auch gut so, Herr Bucca. Ihr habt mich vielleicht nicht bemerkt, aber vor einem halben Jahr wunderte ich mich über einen Menschen und seinen Knaben, wie es zu sein schien. Auch ich kenne Bruchtal, und tatsächlich stehe ich in Elronds Diensten. Glorfindel nennt man mich, und man nennt mich einen Fürsten. Und was die Benutzung des Weges betrifft: die ist allen Wesen gestattet, die gute Absichten hegen. Reitet so oft auf ihm, wie es Euch beliebt.“

„Im Namen von Arnor und Gondor danken wir Euch hierfür“ sagte Bucca und verbeugte sich. „Die Stunde dieses Zusammentreffens ist eine gute Stunde, und möge die Gunst der Valar auf immer die Eure sein!“

„Halblinge sind höfliche Leute“ sagte Glorfindel. „Aber dieser hier ist ein Elbenfreund, das sehe ich an Euren leuchtenden Augen, und Ihr sprecht unsere Sprache besser als so mancher Dùnedain. Möge immer ein Licht leuchten auf Euren Wegen!“

Sie trennten sich mit höflichen Worten, und die Elben verschwanden lautlos im Wald. Bucca sah ihnen staunend hinterher.

„Was habt Ihr eigentlich besprochen?“ fragte Fíriel. „Ich habe kein Wort verstanden.“

Erst jetzt bemerkte Bucca, daß er wieder einmal die elbische Sprache benutzt hatte, ohne groß darüber nachzudenken. Er faßte kurz zusammen, was sie besprochen hatten, dann setzten sie ihren Weg fort. Sie ritten langsam und vorsichtig, denn der Weg machte viele Biegungen, und den Reitern war klar, daß Feinde in der Nähe sein mußten, denn der Zwischenfall mit den Orks hatte ihre Sinne geschärft. Nachts hielten sie immer zu zweit Wache, aber es passierte nichts weiter. Bucca meinte, des Nachts schemenhafte Gestalten durch den Goldenen Wald huschen gesehen zu haben, aber als er genauer hinsah, war nichts zu sehen außer düster- goldenen Bäumen und nichts zu hören außer dem Rauschen der Blätter im Wind. Und als eines dieser Blätter auf den Weg fiel, hob er es auf und steckte es ein. „Ich darf zwar nicht in den Wald hineingehen, aber das, was herausgefallen ist darf ich wohl mitnehmen“ dachte er. „Nur zu gern würde ich diesen Wald mal genauer betrachten. Aber ich glaube, ich lasse das wohl besser bleiben.“
Nach einigen Tagen standen sie plötzlich wieder auf freier Flur. Der Goldene Wald wich zurück in Richtung Osten, und vor ihnen lag das weite, grüne Hügelland, in dem einst die Hobbits gelebt hatten. Bucca blickte noch einmal fast wehmütig zum Goldenen Wald zurück, und dann unterdrückte er einen Aufschrei.

„Da kommen Reiter“ sagte er und zeigte auf den Wald.

Mehrere Elben ritten aus dem Wald heraus, und sie geboten den Reisenden mit einem Handzeichen, zu bleiben und auf sie zu warten.

„Seid gegrüßt, Ihr Herren“ sagte Glorfindel. „Gestattet einem unbedeutenden Elben, mit Euch bis nach Bruchtal zu reiten.“

„Es wird uns eine Ehre sein“ antwortete Bucca und verbeugte sich.

„Unsere Gesetze erlauben es Sterblichen nicht, unseren Wald zu betreten, es sei denn unsere Herrin erlaubt dies“ sagte ein reich gekleideter Elb. „Dennoch möchten wir uns für Euer Eingreifen und Eure Hilfe bedanken. Bleibt deshalb für diese Nacht hier, am Saume des Goldenen Waldes und wir wollen hier ein kleines Festmahl abhalten.“

Die Reisenden zeigten sich hoch erfreut, und im Handumdrehen hatten mehrere Elben einen Pavillon errichtet und ein Feuer entzündet. Die Elben freuten sich darüber, daß sie sich mit Bucca in ihrer Sprache unterhalten konnten, denn viele beherrschten die Gemeinsame Sprache nicht und der Hobbit wurde über dies und das befragt. Sie sprachen über viele Dinge, die sich in der Welt ereignet hatten, und die Elben sogen begierig jede Neuigkeit von der Außenwelt auf. Sie waren erfreut zu sehen, daß es noch Hobbits in der Welt gab.

„Wie Ihr vielleicht wißt, wohnten Halblinge einst in den Landen nördlich unseres Reiches“ sagte Rúmil, einer der Anführer der Elben. „Es war eine gute und lustige Nachbarschaft, aber leider sind sie lange schon über das Gebirge gegangen. Keiner weiß, wohin sie gezogen sind, und bis vor einigen Tagen glaubten wir, es gäbe keine mehr.“

„Woran lag es eigentlich, daß meine Vorfahren dieses schöne Land verlassen haben? Das Auenland ist zwar ein schönes Land, aber Eure Nachbarschaft wäre noch schöner.“

„Es waren die Orks, wie Ihr Euch das sicher denken könnt. Im Düsterwald wohnen viele dieser üblen Gesellen, und oft überschritten sie den Fluß, um die Bewohner des Landes zu überfallen und zu berauben. Die Übergriffe nahmen zu, und wir konnten sie nicht mehr schützen. Und so beschlossen die Häuptlinge der Halblinge, ihr Volk über das Gebirge zu führen, nur eines zog in den Süden. Aber wir haben den Kontakt zu allen verloren.“

„Die Hobbits, die in den Süden gezogen sind, sind über Umwege auch in das Auenland gekommen“ sagte Bucca. „So sind alle in einem Land vereint. Das ist auch besser so: Feinde machen die Ebene zwischen Gondor und Arnor unsicher, und wer weiß, ob sie da lange bestanden hätten.“

Eine Weile noch sprachen sie über dies und das, und Bucca erfuhr, daß kein Ork es wagte, weit in den Goldenen Wald vorzustoßen. Und diejenigen, die es wagten, bezahlten dies mit ihrem Leben. Aber vor kurzem hatte es einen großen Angriff auf Lothlórien gegeben: ein Heer unter Führung des Hexenkönigs hatte versucht, das Elbenreich einzunehmen. Aber den Elben war es gelungen, die Feinde zurückzuwerfen und große Verluste zuzufügen. Bucca vermutete, daß der Hexenkönig sich als nächstes wohl wieder dem Krieg gegen Arnor zuwenden würde, aber wenn die Schätzungen der Elben stimmte, würde dies noch lange dauern. Es blieb noch genug Zeit für Vorbereitungen.
Der Abend schritt fort, und irgendwann wurde Bucca schläfrig. Rúmil hob ihn sanft auf und legte ihn in eines der weichen Federbetten. Auch die anderen wurden müde und legten sich schlafen. Diese Nacht würden die Elben über sie wachen.
Am nächsten Morgen wachten alle fünf gleichzeitig auf. Die Elben von Lothlórien waren fort, nur der Pavillon, in dem sie geschlafen hatten stand noch da. Sie fanden ein reiches Frühstück vor. Als sie fertig waren, kamen einige Elben aus dem Wald.

„Nun kommt die Stunde unseres Scheidens“ sagte Rúmil. „Viel können wir Euch nicht geben, aber in diesen Flaschen ist ein Heiltrank, den unsere Herrin gebraut hat. Er wird die Müden aufwecken und Schmerzen lindern. Gebraucht ihn weise.“ Er gab jedem ein kleines Fläschchen. „Dann wäre da noch ein wenig Wegzehrung, die selbst einen Hobbit einen ganzen Tag lang satt halten könnte.“ Er gab jedem ein großes Päckchen. „Dieses Brot nennen wir lembas oder Wegbrot in Eurer Sprache. Nur selten geben wir Fremden davon.“

Sie bedankten sich für die Geschenke und brachen widerstrebend auf. Langsam ritten sie durch das Hügelland gen Norden, und für die Nacht fand Bucca immer eine geeignete, alte Hobbithöhle. In einigen lagen noch Reste alter Möbelstücke, die der Hobbit neugierig untersuchte. Nur selten fanden sie Spuren von Kämpfen, vielmehr schien es so, als ob unbrauchbare Dinge zurückgelassen worden waren. In einer Höhle fand er ein altes Buch, in dem er neugierig blätterte.

„Was hast du da?“ fragte Arador.

„Ein Buch. Das scheint wohl so etwas wie eine Chronik oder ein Jahrbuch zu sein. Da, schau! Hier ist verzeichnet, wie hoch die Ernten ausgefallen sind. Sie wurden von Jahr zu Jahr weniger, aber die Bevölkerung nahm zu. Und hier ist verzeichnet, welche Handelsgüter sie mit den Elben ausgetauscht hatten.“ Bucca blätterte neugierig weiter. „Hier kommen wir zu Unangenehmen: eine Chronik der Orküberfälle. Es ist, wie Rúmil sagte: die Überfälle nahmen zu. Hier ist präzise jeder Schaden vermerkt. Die Orks hatten immer dieselbe Strategie: des Nachts kamen sie rasch über den Fluß, machten rasche Beute und verschwanden, ehe die Hobbits die Gegenwehr organisiert hatten.“ Er klappte das Buch zu.

„Wir sollten kein Feuer entzünden“ sagte Glorfindel. „Von den Fenstern dieser Höhle können wir den Anduin und den Düsterwald sehen. Ich fürchte, dort drüben könnten sich Orks herumtreiben, und wir müssen sie nicht unbedingt auf uns aufmerksam machen.“

Bucca nickte, und Fíriel und Eärnur schienen nicht sehr begeistert zu sein. Aber es gab keinen Widerspruch, und sie losten die Nachtwachen aus. Bucca übernahm die erste, und nachdem die anderen sich schlafen gelegt hatten las er in dem Buch, so lange das schwindende Sonnenlicht ausreichte. Dann klappte er es zu und steckte es in seine Tasche. „Offenbar war dies die Höhle eines hochgestellten Hobbits“ dachte er. „Ich sollte mich morgen früh noch einmal umschauen: vielleicht finde ich noch mehr.“
Das tat Bucca dann beim ersten Tageslicht auch, aber er fand nichts Interessantes mehr. Sie ritten weiter. Die Reiter hielten sich an den Fluß als Wegmarke, und so kamen sie stetig voran. Endlich sahen sie einen Felsen hoch aus dem Fluß aufragen. Der Carrockfelsen war erreicht. Jetzt mußten sie die Paßstraße finden und sich gen Westen halten.

„Ich fürchte, jetzt werden wir auf bequeme Unterkünfte für die Nacht verzichten müssen“ sagte Arador. „Wenn alles gut geht, sind wir in zwei Wochen in Bruchtal. Aber wir kommen jetzt in kältere Regionen, und wir müssen dicht beisammen bleiben. Hütet euch vor dem Nebel und achtet auf jeden Schritt!“

Langsam stiegen sie empor, und schon an ihrem ersten Abend waren sie unerwartet weit oben. Die Reiter genossen die Aussicht, aber die Sonne ging rasch unter und es wurde empfindlich kalt. Am nächsten Tag ritten sie früh weiter.
Außer kalten Fingern gab es keine besonderen Vorkommnisse (außer daß Arador sich einen veritablen Schnupfen geholt hatte) und endlich standen sie auf der Paßhöhe. Nach einer äußerst ungemütlichen Nacht ging es weiter, und Buccas Erzählungen von warmen Kaminfeuern in Hobbithöhlen waren der Stimmung nicht gerade dienlich. Sie hatten sich in Winterkleidung gehüllt, und es fiel sogar ein wenig Schnee.
Wie immer ging der Abstieg schneller als der Aufstieg, und vor den tiefen Abgründen schauderte es nicht nur dem Hobbit. Aber auch die schlimmste Reise geht einmal zu Ende, und sie schlugen einen schmalen Pfad ein, der von der Straße abzweigte. Eärnur fragte sich, ob sie richtig waren, aber plötzlich standen sie vor einem verschlossenen Tor.

„Nanu? Keiner da?“ wunderte sich Arador.

„Mal abwarten“ grinste Bucca. Dann hielt er das goldene Horn von Gondor an seine Lippen und stieß kurz hinein. Sein klarer Ton sprang von Hang zu Hang, und plötzlich regte sich etwas im nahen Gebüsch. „Sagte ich doch“ meinte er.

„Wer erbittet Einlaß nach Bruchtal?“ fragte ein Elb mit verschlafener Stimme. „Wieso die Störung zu solch früher Stunde?“

„Frühe Stunde?“ rief Glorfindel. „Es ist drei Uhr am Nachmittag, und der Hobbit pflegt zu der Zeit bei einem Tee erste Vorbereitungen zum Abendessen zu treffen. Waren eure Feiern mal wieder länger als die Nacht?“

Der Elb war auf einmal hellwach, und im Nu war das Tor aufgeschlossen. Die Reisenden durchschritten es, und es wurde wieder geschlossen. Rasch ritten sie nun den gepflegten Weg ins Tal entlang: unten sahen sie schon die Dächer des Letzten Heimeligen Hauses.

„Bruchtal, endlich“ sagte Arador. „Unsere lange Reise durch die Wildnis hat ein Ende. Ab jetzt geht es nur noch durch zivilisierte Lande!“

„Wir werden hier doch sicherlich ein paar Tage Rast einlegen?“ fragte Fíriel. „Nur Legenden sind über diese Stätte in Gondor bekannt, und jetzt sind wir leibhaftig hier!“

„Wir werden hier eine Zeitlang bleiben“ sagte Bucca. „Herr Elrond wird Euch viel über die Lande hier berichten können. Und er wird Euren Geschichten gerne lauschen. Außerdem habe ich ihm versprochen, einen Reisebericht abzuliefern. Dafür brauche ich ein wenig Zeit.“

Sie wurden bereits von Elrond erwartet, der vor der Tür zu seinem Haus stand. Nach einem kurzen Willkommensgruß gingen sie hinein. Das Kaminfeuer brannte einladend in der Großen Halle, und sie wurden in bequeme Lehnensessel gedrückt. Und die Reisenden sprachen lange über das, was sie erlebt hatten, Elrond erfuhr viel von dem, was er wissen wollte und Fíriel und Eärnur staunten über das Wissen des Halbelben. Schließlich hatte er drei Zeitalter erlebt und war, wenn man so wollte, ein Verwandter der Königsfamilien von Arnor und Gondor; war er doch der Bruder von Elros, dem ersten König von Númenor, aus dessen Linie die Könige der Dùnedain hervorgegangen waren.
Sie blieben eine Woche in Bruchtal, dann war es an der Zeit, Abschied zu nehmen und nach Königsnorburg weiterzureiten. König Arvedui erwartete sie bereits, und nach einem Ritt von vierzehn Tagen, auf dem es keine größeren Zwischenfälle als ein Hagelschauer und einen Sonnenbrand auf Aradors Glatze gegeben hatte sahen sie die alte Stadt am See wieder. Nichts schien sich verändert zu haben, das Leben ging hier die ruhigen Bahnen, die es hier immer gegangen hatte. Ohne großes Aufheben gelangten sie zum Königspalast, selbst das Wappen von Gondor, das Eärnur trug schien keinem aufzufallen.

„Königsnorburg ist immer noch dasselbe verschlafene Nest, das ich verlassen hatte“ lachte Bucca. „Selbst die Ankunft hoher Gäste aus Gondor verpennen die!“

„Nein, es hat sich nichts geändert“ lachte Arador.

Sie ritten zum Palast, wo Bucca mit seinem Horn aus Gondor den Wachen einen tüchtigen Schrecken einjagte. Arador fiel vor Lachen fast vom Pferd.

„Das macht man aber auch nicht“ japste er. „Sich an die Wachen anschleichen, die sich auf ihren schweren Dienst konzentrieren und sie mit einem kleinen Hornstoß wecken.“

„Aufgepaßt“ rief König Arvedui, der die Szene von seinem Balkon aus beobachtet hatte. „Packt alles Zerbrechliche weg, Bucca vom Bruch ist wieder da! Seid willkommen!“

Der König empfing seine Gäste im Thronsaal, wie es sich gehörte. Sie sprachen ein wenig über ihre Reise, und Bucca schaffte es, die Gespräche von seinen Erlebnissen in Gondor wegzulenken. Ihm fiel auf, daß der König und Fíriel sich häufiger Blicke zuwarfen als es bei einem normalen Gespräch üblich war, und der König lief rot an, als er bemerkte, daß der Hobbit ihn beobachtete.

„Nun“ meinte Bucca, „Herr Eärnur wird sich sicherlich für die Bibliothek unserer Stadt interessieren, Herr König. Möglicherweise möchtet Ihr Frau Fíriel Euren Blumengarten zeigen.“

Bucca führte Eärnur und Arador mit sanfter Gewalt aus dem Thronsaal heraus, und sie begaben sich auf den Weg zur Bibliothek.

„Unser Herr Bucca scheint ein vielseitiges Talent zu sein“ grinste Eärnur. „Erst ist er ein großer Heerführer – jetzt ein Kuppler!“

„Da habe ich ausnahmsweise nicht die Hände im Spiel“ lachte der Hobbit. „Ich hatte nur das Gefühl, den beiden wurde die Situation peinlich. Lassen wir sie alleine. Wollen wir zuerst in die Bibliothek gehen oder uns zuerst ein wenig stärken? Ich kenne hier ein kleines Lokal mit vorzüglichem Essen und einer wunderbaren Aussicht.“

Sie entschieden sich für die Stärkung, und Buccas Wahl erwies sich als höchst interessant. Nicht nur, daß das Essen hielt, was er versprochen hatte; die Aussicht war noch besser: man konnte die Königsgärten einsehen, und Eärnur blickte mehr nach draußen als auf seinen Teller. „Da bahnt sich was an“ grinste er und widmete sich den Speisen.




Wieder im Lande

Bald wußte ganz Königsnorburg von den Gästen aus dem fernen Süden und daß der König sich unsterblich verliebt hatte. Er schien bei Besprechungen öfter abwesend zu sein und häufig mußte man ihm das gerade Erklärte nochmals erklären. Und ohne daß Bucca es wußte machten seine Taten im fernen Gondor die Runde in der Hauptstadt. Der Hobbit half Eärnur bei seinen Studien, fertigte Abschriften an und war ansonsten damit zufrieden, sich ein wenig von den Strapazen der Reise auszuruhen (jedenfalls umschrieb er so die Tatsache, morgens spät aufzustehen). Arador (der jeden Morgen früh aufstand – sagte er) fand, es sei an der Zeit, dies zu ändern. Eines Morgens weckte er Bucca noch vor Sonnenaufgang mit einem kalten Wasserstrahl.

„Was hält man denn davon?“ rief Arador. „Schläft noch, während alle anderen schon wach sind! Wo soll das noch hinführen?“

„Was ist denn das für ein Krach?“ fragte König Arvedui schlaftrunken. „Plagt Euch die Langeweile, Herr Arador?“

„Offenbar ist der alte Herr etwas unterfordert“ grinste Bucca, jetzt hellwach. „Was haltet Ihr von ein wenig Urlaub? Frau Fíriel kennt ja noch gar nicht Euer Reich. Führt sie doch ein wenig herum. Herr Arador könnte Euch derweil vertreten.“

„Eine hervorragende Idee. Du meinst, wir sollten uns in einen ruhigen Winkel zurückziehen, wo wir ungestört sind, und derweil darf Arador sich mit den Räten und ihren ewigen Sorgen herumschlagen? Dieser Hobbit ist brillant!“

Der König ging, und Arador sah ihm kopfschüttelnd nach. „Ich glaube, er ist wirklich verliebt. Aber da hast du mir was eingebrockt, Bucca.“

„Kleine Sünden bestrafen sich sofort sagt man bei mir zu Hause. Hättest du Ruhe gegeben würde der König noch schlafen. Aber laß den Dingen ruhig ihren Lauf. Die beiden sollen ruhig zusammenfinden. Dann hätte diese elende Gerüchteküche hier in der Stadt endlich ihre Ruhe und Arnor seinen Frieden.“

Der König gab bekannt, auf Urlaub ins Auenland gehen zu wollen, Arador würde ihn derweil vertreten. Bucca sollte den König begleiten, um dann selbst auf Urlaub zu gehen. Sie hatten bereits abgesprochen, daß der Hobbit sich um eine ruhige Unterkunft für die beiden kümmern wollte, und er dachte dabei an das Landhaus seines Vaters in Stock. Es lag nicht allzuweit vom Brandywein entfernt, und das Land war wie geschaffen für lange Spaziergänge. Außerdem würde der König nicht auf seine Diener verzichten müssen, für sie gab es einen niedrigen Anbau am Haupthaus. Bucca schrieb einen Brief an seinen Vater, in dem er den hohen Besuch ankündigte und ihn bat, alles in Stock vorzubereiten. Der Bote verließ Königsnorburg noch am selben Abend.
Offenbar konnte König Arvedui seine Abreise nicht mehr erwarten, und Tag für Tag ging er sein Gepäck um, packte neu und wieder um und selbst der langmütigste seiner Diener machte irgendwann ein entnervtes Gesicht.

„Du meine Güte! Was hat das nur zu bedeuten?“ fragte Fíriel. „Er will mir das Land zeigen, schön. Er scheint aber aufgeregter zu sein als mein Vater es jemals vor einer Schlacht war.“

„Es ist keine Schlacht“ sagte Bucca. „Es ist etwas viel Wichtigeres. Der König ist viel mit Euch zusammen. Er empfindet Eure Anwesenheit als sehr angenehm: da fürchtet er eben, etwas falsch zu machen.“

„Was sollte er denn falsch machen?“

„Oh, wenn einer aufgeregt ist kann vieles schief gehen“ sagte Bucca vieldeutig. „Und ich kann dem nachfühlen. Der König empfindet viel für Euch.“

Da verstand Fíriel endlich, was los war, und sie bat Bucca, ihr beim Packen zu helfen. Und sie änderte ihre Wünsche wieder und wieder. Bucca konnte den Dienern des Königs ihre Genervtheit jetzt nachfühlen, er ließ sich aber nichts anmerken. Dafür sorgte er mit der einen oder anderen Bemerkung dafür, daß sie Dinge einpackte, die der König schätzte, sicherlich aber vergessen würde.
Am fünfzehnten September brachen sie endlich auf. Außer dem König und Fíriel ritten noch diverse Diener im Troß mit. Bucca und Eärnur folgten am Schluß. Der Mensch wollte sich über das Leben der Hobbits kundig machen, und so hatte Bucca ihn eingeladen, ins Auenland mitzukommen. Er wollte ihm die Ländereien seines Vaters in Buckelstadt und Stock zeigen, und die Weinberge von Langgrund schienen das höchste Interesse des Menschen zu haben. In Gondor gab es natürlich auch Wein, aber er war für Buccas Geschmack zu harzig und bisweilen sogar bitter. Auenländischer Wein war mild und fruchtig zugleich, und von diesem hatte Eärnur in Königsnorburg bereits gekostet.
Nach sechs Tagen standen sie endlich wieder auf der Brandyweinbrücke von Balgfurt, und die Lichter des Brückengasthauses blinkten verführerisch zu ihnen herüber. Es war bereits Abend, und sie beeilten sich, über die Brücke zu kommen. Keine halbe Stunde später saßen sie am Eßtisch im Kleinen Salon, den Raedwald für die hohe Gesellschaft hatte reservieren lassen. Arvedui und Fíriel waren mehr mit sich als mit dem Essen beschäftigt, und so gingen Bucca und Eärnur in die große Gaststube. Sie blieben lange und unterhielten die Hobbits mit ihren Geschichten aus dem Süden, und Bucca gab ein Gedicht über Olifanten zum Besten, das später jedes Hobbitkind kannte:

Grau wie die Maus,
Groß wie ein Haus,
Schnauze wie Schlange;
Erde bebt bange,
Zieh ich durchs Gras,
Baum bricht wie Glas.
Hörner im Maul
Schüttle ich faul
Mein Ohrenpaar;
Jahr um Jahr
Zieh ich dahin,
Leg mich nie hin.
Olifant bin ich benannt,
Größter im Land,
Riesig und alt.
Meine Gestalt,
Sahst du mich hie,
Vergißt du nie,
Sahst du mich nicht
Glaubst du auch nicht,
Daß es mich gibt.
Doch als ehrlicher Olifant
Bleib ich bekannt.

Die Hobbits johlten und klatschten – und glaubten Bucca kein Wort. Das war sicher wieder so eine irrsinnige Geschichte der verrückten Familie vom Bruch, die sich sogar auf Reisen zum König einließ und den König überdies noch mitgebracht hatte. Aber Eltern fanden, die Geschichte der Olifanten und Schwärzlinge waren gut, um ungehorsame Kinder zu erschrecken; und der Spruch Wenn du nicht lieb bist holen dich die Olifanten wurde ein geflügeltes Wort unter den Hobbits.
Aber Bucca scherte sich nicht um das Geschwätz der Leute. Als einer vom Bruch war man da in gewisser Weise abgestumpft – und er dachte an Belladonna. Er wunderte sich, ob sie ihn noch liebte oder ob sie ihn vergessen hatte und berührte ihr Halstuch, das er unter seiner Rüstung trug. Irgendwie fand er, es war an der Zeit, nach Hause zu kommen.
Aber zuerst brachte er den König zum Landhaus in Stock. Er erklärte den Dienern, wo sie was fanden und welchen Weg sie einschlagen mußten, um nach Buckelstadt zu gelangen, falls irgend etwas nicht stimmte. Dann gewährte der König seinem Ritter endlich Urlaub (Bucca schien es, er wollte ihn loswerden, um endlich allein zu sein, und er unterdrückte ein Grinsen) und Bucca brach gen Buckelstadt auf. Mit ihm ritt Eärnur, der sich das Auenland anschauen wollte, und Bucca erklärte ihm unterwegs viel von dem, was sie sahen und an der einen oder anderen Stelle berichtete er von Streichen und Erlebnissen aus seiner Jugend. Und so erreichten sie ohne Hast die Höhle seines Vaters in Buckelstadt, und Buccas Rückkehr rief ein großes Hallo in der Stadt hervor. Seine Reisegeschichten erregten einiges Aufsehen, aber als Eärnur von den Taten des Hobbits erzählte, staunten die Leute. Mehr noch staunten die Leute über die Dinge, die Bucca von seiner Reise mitgebracht hatte. Das alte Jahrbuch der Hobbits von jenseits des Gebirges wurde vielfach abgeschrieben und interessiert gelesen, und der Kerzenständer fand einen Ehrenplatz auf dem Kamin im Wohnzimmer. Gleich daneben stand eine gläserne Schale mit Wüstensand, und an der Wand hing das Krummschwert aus Harad. Viele Leute kamen und staunten über die fremdartigen Dinge von weit her, und Bucca grinste bei dem Gedanken, welches Getuschel das wohl hervorrief.
Aber wenn ihm eines zu seinem Glück fehlte, dann war das Belladonna. Er wunderte sich, wo sie steckte, und eines Tages nahm sein Vater ihn beiseite.

„Du weißt, wer auf dich wartet?“

„Ja, zumindest hoffe ich, daß sie es tut. Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres weg, da wir Besuch aus Gondor haben.“

„Mach dir da mal keine Gedanken. Herr Eärnur wird mich auf meinem Umritt in den Süden begleiten. Ich zeige ihm da unsere Weinberge. Du mußt da nicht unbedingt mitkommen.“

Bucca zögerte nicht mehr lange, sondern schwang sich, so wie er war auf sein Pferd und donnerte los. Natürlich hatte er seine Rüstung angelegt, weil dies von einem Heerführer von Gondor so erwartet wurde, aber er achtete nicht darauf, wie die Leute ihm nachstarrten. Wie der Blitz ritt er nach Oberbühl. Vor der Höhle der Beutlins saß er ab.

„Ich dachte schon, du hättest mich vergessen“ sagte Belladonna, als er sie in seine Arme schloß. „Ich fragte mich, ob du überhaupt wiederkommen würdest.“

„Natürlich komme ich wieder, ich hatte es doch versprochen. Und ich bin sogar früher da als gedacht. Aber wir haben hohen Besuch, da konnte ich nicht schneller weg.“

Bucca ging in die Höhle, und nach einem kurzen Willkommen wurden die beiden alleine gelassen. Sie sprachen lange miteinander, und Belladonna staunte über Buccas Erzählungen. Im Auenland war derweil nicht viel passiert. Das Gerede über Bucca und Belladonna hatte nicht nachgelassen, aber sie ignorierte es. Bucca lachte über Primadonna Straffgürtel: beim Schwatzen im Backhaus von Buckelstadt hatte sie vergessen, das Brot aus dem Ofen zu holen, und als sie die Ofentür öffnete war ihr Gesicht schwarz wie das eines Schornsteinfegers.

„Geschieht ihr recht“ sagte Bucca. „Die kann es ja nicht lassen, über andere herzuziehen. Da macht es gar nichts, wenn sie selbst zur Zielscheibe des Spotts wird.“

„Jedenfalls darf sie nicht mehr ins Backhaus“ sagte Primadonna. „Und es hat sie ganz schön gewurmt, als ich im Sommer deiner Mutter beim Backen geholfen habe und bei mir ist nichts verkohlt. Maine Güte, die hat geglotzt wie ein Drachen.“

„Die ist ein Drachen.“ Die beiden lachten. Bucca fühlte sich wohl hier, und er wünschte fast, er wäre niemals weggewesen. Und so bot er ihr an, zu ihm nach Buckelstadt zu ziehen.

„Da muß ich erst meine Eltern fragen“ sagte Belladonna, und sie ging hinaus.

Natürlich hatten sie es erlaubt. In der Tat sahen sie es gerne, daß Bucca um die Hand ihrer Tochter anhielt. Immerhin war er bei Hofe angesehen und (obwohl er es nicht wahrhaben wollte) berühmt, und überdies würde das Geschwätz der Leute ein Ende haben, sobald das Aufgebot bestellt war. Und so kam es, daß Bucca seine Bella am nächsten Tag vor sich sitzend nach Buckelstadt brachte. „Der Ritter hat wohl seine schönste Eroberung gemacht“ sagten die Leute, und Bucca meinte, es geschehe ihnen recht, wenn er da Neid heraushörte. Er wußte, er hatte es mit ihr gut getroffen. Nur eine Sorge hatte Bucca: er wollte nicht, daß sie allzu lange von ihm getrennt war. Hoffentlich ließ der König ihn im Auenland oder gestattete wenigstens, daß sie mit nach Königsnorburg kam.

Buccas Befürchtung war unbegründet: als der König und Fíriel zu Besuch kamen gestattete er ihm, im Auenland zu bleiben. „Du bist jetzt auf Urlaub und wirst es wohl auch bleiben, aber denke daran, daß du ein Ritter von Arnor bist, und es mag sein, daß ich dich zurückrufen muß. Aber einstweilen bin ich froh, nicht der einzige zu sein, der sein Glück gefunden hat.“

Und Fíriel sagte: „Ich werde bald noch einmal nach Gondor aufbrechen, um meinen Freunden und Bekannten dort Lebewohl zu sagen und um den Segen meines Vaters zu erbitten. Aber wenn ich zurückkomme, haltet euch bereit für die Hochzeitsfeier! Und es wäre mir eine Ehre, an der euren teilnehmen zu können.“

Bucca verbeugte sich, und sie machten aus, den Hochzeitstermin auf den Mittjahrstag des nächsten Jahres festzulegen. Auch Eärnur war reisebereit: er ging wieder zurück nach Gondor. Mit ihnen würden Botschafter aus Arnor reiten; diese erwarteten sie in Bree. Bucca und Belladonna begleiteten die drei bis Bree, und für sie war es das erste Mal, daß sie die Grenze des Auenlandes überschritt. In Bree blieben sie noch ein paar Tage zusammen und erzählten sich dies und das, aber schließlich war die Zeit des Abschieds gekommen. Der König ritt zurück nach Königsnorburg, und Fíriel und Eärnur und die Boten ritten gen Bruchtal. Langsam verschwanden sie in der Ferne.

„Ich wünschte, ich könnte noch mal mitkommen“ seufze Bucca und wandte sich ab.