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Erster Abschnitt

Frodo und Sam waren bereits schlafen gegangen. Obwohl nichts besonderes passiert war, waren sie ziemlich müde und hatten ihre Freunde für diesen Tag verlassen.
Sie hatten sich in einem großen Haus getroffen, das im Firienwald lag. Außer ihnen waren noch Legolas, Eowyn, Boromir, seine Frau Laietha und die Tochter Luthawen dort.
Faramir und Aragorn waren beide nicht dabei, beide waren sie beschäftigt mit Regierungsgeschäften und hatten keine Zeit für einen urlaub.
Laietha hatte sich immer als Stiefschwester Aragorns gefühlt. Als sie ein kleines Mädchen war, hatte er sie in den Wäldern gefunden. Ihre Eltern waren ermordert worden und der Rest der Familie verschwunden. Er nahm die Waise und so fand sie ein neues Zuhause in Bruchtal, im Hause Elronds, wo auch Aragorn aufgewachsen war. Sie war ihm sehr nah, ebenso auch Elronds Söhnen Elrohir und Elladan.
Hobbits mochte sie zwar nicht so sehr, aber irgendwie schaffte sie es, mit ihnen auszukommen. Sie gehörten nunmal zum Freundeskreis dazu und sie war immer froh, wenn sie ihre Freunde sah.
Eowyn und Laietha saßen zusammen und unterhielten sich. Legolas war irgendwo, niemand wußte so genau, wohin er verschwunden war. Die Hobbits schliefen bereits. Auch Laiethas kleine Tochter schlief bereits und Laietha selbst konnte nicht einmal an Schlaf denken. Aragorn mußte nach Minas Tirith aufbrechen, um eine Lösung für die Probleme mit den Beorningern zu finden, die gekommen waren. Sie waren aus dem Düsterwald geflohen, wo irgendwas im Gange war, aber noch wußte niemand, worum es sich dabei handelte.
Sie ging nach draußen und betrachtete die Sterne, genoß die frische kalte Luft und hörte plötzlich Zweige hinter sich knacken.
Wieder ein Fremder wie schon vor einigen Tagen?
Flink drehte sie sich um, zog ihr Schwert und sah einen Beorninger vor sich stehen.
"Was wird das hier? Verschwinde!" rief sie und dann griff er sie an.
Sie verteidigte sich eifrig gegen ihn als sie plötzlich eine ganze Gruppe von ihnen aus dem Wald kommen sah, sich dem Haus nähernd.
"Wage es ja nicht..." schrie sie.
Eowyn war gerade aufgesprungen, als ein Pfeil durch das offene Fenster schoß und in der Wand neben ihrem Kopf steckenblieb. Ein Zettel war darumgewickelt, aber sie hatte keine Zeit, genauer hinzusehen. Sie hörte Laietha draußen brüllen.
"Legolas!" schrie sie, packte ihr Schwert und rannte die Treppe hinunter.
Die Hobbits fuhren aus dem Schlaf hoch.
"Bei den Valar, was soll das jetzt?" brummte Sam müde.
"Vielleicht sind da wieder Angreifer!" antwortete Frodo nervös und öffnete die Tür des Schlafzimmers.
Sie hörten Laietha und Eowyn kämpfen und wurden von Panik ergriffen.
"Wir müssen uns verstecken! Schnell, da hoch!" rief Sam und sie kletterten eine Leiter hoch, um sich auf dem Speicher zu verstecken. Sie lugten durch das Loch, durch welches sie gekommen waren.
Legolas hatte die Frauen rufen hören und griff nach Pfeil und Bogen. Hastig rannte er ebenfalls die Treppe hinunter und nach draußen, bereit zu schießen.
"Le tiriel!" brüllte Laietha und Legolas erkannte Orks zwischen ihren feinden. Die Beorninger sahen aus wie Bären und waren sehr groß.
"Im Namen der Valar! Hilfe!" schrie Eowyn, die gegen einige von ihnen kämpfte. aber sie waren zu viele und zu stark und so drehte sie sich um und rannte zurück ins Haus, um sich zu verstecken. Aber sie war nicht vorsichtig genug gewesen und plötzlich fühlte sie Schmerzen in ihrem Arm. Sie war verletzt und sah Blut, dann stolperte sie und fiel.
Legolas sah, was geschehen war und kämpfte sich seinen Weg frei, um ihr zu helfen. Er hob sie auf seine Arme und rannte zum Wald.
"Erschieß sie! Mach was und laß mich runter! Erschieß sie!" rief Eowyn und endlich tat Legolas, was sie sagte. Als sie schwach hinter ihm stand, geschützt vor den Angreifern, erinnerte sie sich plötzlich an die Hobbits, die immer noch im Haus waren.
"Nein! Frodo, Sam, versteckt euch! Oder haut ab! Können wir sie nicht retten?"
Wenn nur Aragorn dagewesen wäre!
Laietha versuchte, ins Haus zurückzugelangen, wo sie ihre Tochter gelassen hatte und sie wurde verfolgt von Beorningern und Orks.
Frodo flüsterte: "Wir müssen springen! Wir müssen hier raus oder sie werden uns finden! Schnell!"
Als die Gruppe der Feinde unter ihnen vorbeigerannt war, machte Frodo den ersten Schritt und sprang hinunter auf den Boden, stand auf und stolperte hinaus. Aber als Sam ihm folgen wollte, kamen die Orks zurück und zuerst zägerte er noch, aber als er dachte, daß sie weg wären, sprang auch er und landete auf einem Ork.
Laietha war wieder nach draußen gerannt mit der kleinen Luthawen, die schluchzte vor Angst.
"Können wir nicht einfach mal ein wenig Frieden haben?" dachte Laietha und lief zu ihren Freunden. Dort stand Frodo hinter Legolas, der Pfeil um Pfeil abschoß und eine große Anzahl an Feinden traf.
"Wo ist Sam?" fragte Laietha und Frodo antworete: "Sie ging, um ihn zu suchen, er ist noch immer im Haus!"
Dann sah Laietha Eowyn aufs Haus zustolpern und dort traf sie auf einige Beorninger.
Sie versuchte, sich ihren Weg freizukämpfen, als plötzlich ein Ork aus dem Haus kam, der Sam wegschleppte. Dieser rief nach Frodo.
"Nein! Eowyn!" rief Frodo, aber Eowyn konnte nichts dagegen tun. Aber dann spürte Sam, wie er hart auf dem Boden aufschlug und er richtete sich auf.
Unnachgiebig kämpfte Eowyn, aber sie hatte keine Chance. Sam erkannte das und versuchte, ins Haus zurückzurennen, um Stich zu holen. Er mußte Eowyn helfen!
Aber er rannte einfach nur gegen einen weiteren Ork, der ihn packte, aus dem Haus zerrte und mit ihm in die Wälder rannte.
"Hilfe! Frodo! Helft mir!" schrie Sam verzweifelt, aber da war niemand, der ihm helfen konnte. Sie waren alle damit beschäftigt, um ihr Leben zu kämpfen. Legolas sah, wie Eowyn bedroht würde und ohne zu zögern rannte er zu ihr und den Feinden und erschoß einen nach dem anderen.
In der Zwischenzeit hatte auch Laietha ernsthafte Probleme und Legolas rannte zurück, um ihr zu helfen. Frodo stand dort mit Luthawen, die wimmerte und zu ihrer Mutter wollte.
"Sam!" schrie er, aber da war keine Antwort mehr. Er war weg.
Plötzlich landete Laietha hart auf dem Boden und verlor das Bewußtsein. Zu Legolas‘ Überraschung verschwanden die Feinde plötzlich und rannten zurück in den Wald.


Eowyn kauerte keuchend am Boden und scherte sich um nichts außer daß sie den Schatten der verschwindenden Angreifer hinterhersah. Was Frodo und Laietha machten, sah sie nicht. Nur Legolas trat zu ihr und half ihr hoch. Ihr Arm war völlig blutüberströmt, aber ihre Schnittwunde über dem Knie war nicht so schlimm und nach einem kurzen Blick rannte Legolas ins Haus, holte Stoff zum Verbinden der Wunden und kam im nächsten Moment schon wieder raus.
"Verdammt, ich hätte besser auf die Kleinen aufpassen müssen!" fluchte Eowyn. Hinter sich hörte sie nur Frodo schluchzen und innerlich kochte sie vor Wut. Da waren die Kerle einfach mit dem armen Sam abgehauen!
Willenlos ließ sie sich von Legolas die Wunden verbinden. Beide schwiegen und als er fertig war, ging er zu Laietha und Frodo und Eowyn holte tief Luft. Die Schmerzen ließen sich noch aushalten.
Plötzlich hörte sie von fern einen Schrei. Rief da Sam nach Frodo?
Da kam noch ein Schrei, das klang ganz klar wie Hilfe.
Sie rappelte sich auf, griff nach ihrem Schwert und rannte, so schnell es eben ging, in den Wald.
Legolas, der sich um die verletzte und erschöpfte Laietha und den schockierten Frodo kümmerte, brüllte nur noch: "Bleib hier, du hast keine Chance!", aber Eowyn hörte nicht auf ihn. Eiligst stolperte sie über Wurzeln und in Löcher im Waldboden.
"Sam, Sam, wo bist du?" rief sie, aber da kam keine Antwort. Sie blieb stehen und schaute sich um, aber da war niemand. Keine Orks und keine Bärenmenschen, nur jede Menge Fußspuren. Denen ging sie nach und rief immer wieder erfolglos nach Sam. Legolas war ihr nicht gefolgt, wahrscheinlich war er beruhigt, solange er sie rufen hörte.
Sie konnte ihr Schwert kaum festhalten, so schmerzte die Wunde am Arm, aber sie biß die Zähne zusammen und schlug sich weiter ins Unterholz.
Plötzlich sah sie an einem Baum eine dunkle Gestalt liegen, regungslos - es war Sam.
"Sam, oh nein, sag doch was! Komm schon, geht es dir gut?"
Schwach schlug er die Augen auf und wimmerte leise vor Schmerzen. Das Hemd war völlig zerfetzt und seine Schulter voller Blut.
"Oh nein... komm, ich bring dich wieder nach Hause!" murmelte Eowyn, kniete sich neben ihn und hob ihn sanft auf ihre Arme. So schwer war er gar nicht, der kleine runde Kerl.
"Eowyn... sie haben mich einfach fallengelassen. Der Kerl hat mir die Schulter zerkratzt, es tut so weh..."
"Ach Sam, alles wird gut!" sagte Eowyn beruhigend und lief mit ihm, der kreideweiß im Gesicht war, zum Landhaus zurück.
"Legolas, Frodo, Laietha! Ich hab ihn gefunden!" rief sie und schon hörte sie, wie jemand auf sie zu lief. Es war Frodo, der erleichtert zu ihr aufschaute und Sams Hand nahm. Dieser lächelte schwach, als er das merkte, und in Windeseile waren sie wieder im Haus.
Während Laietha über den seltsamen Zettel grübelte, bettete Eowyn Sam sachte bäuchlings auf einen Tisch und Legolas zog ihm das Hemd aus. Die Schulter war über und über blutverschmiert und entsetzt starrte Frodo auf die Wunde.
"Da, die Stichwunde von Kankra ist offen! Sam, sag was, tut es sehr weh?"
"Ich hab so Kopfschmerzen..." jammerte Sam und Frodo strich ihm über den Kopf.
Legolas wusch mit warmem Wasser die Wunde aus und verband sie. Dann trug er Sam vorsichtig ins Zimmer der Hobbits und legte ihn ins Bett.
"Nein, bitte nicht weggehen, bleibt hier!" flehte Sam und Eowyn und Frodo blieben auch bei ihm und setzten sich ans Bett.
"Die haben mich nur ein Stück mitgenommen, und sobald ich konnte, rief ich nach euch und ohne irgendwas zu sagen ließ der Ork mich einfach fallen. Ich kam hart auf und merkte, wie er mir die Schulter zerkratzt hatte. Ich konnte mich nicht rühren und dann kamst du auch schon, Eowyn."
"Wie geht es dir denn sonst, Sam?" fragte Frodo und Sam antwortete: "Mir ist so kalt!"
Er zitterte selbst unter der Decke am ganzen Leib und ohne zu zögern legte Frodo sich neben ihn und kroch unter die Decke, um ihn zu wärmen.
Sobald Sam eingeschlafen war, ging Eowyn zu den anderen, und gemeinsam grübelten sie über den Brief der Angreifer nach, aber ihnen fiel nichts genaues ein, wo der Grund für den Angriff und den Haß auf Elben lag.
Am nächsten Morgen sah Sam richtig krank aus und es ging ihm auch schlecht. Er weinte, hatte Schmerzen in der Schulter und Frodo konnte ihn nicht trösten.
"Vielleicht sollten wir nach Minas Tirith!" schlug Eowyn vor.


"Ugh, au!" Laietha öffnete die Augen. "Mama!" kreischte ihre Tochter und fiel ihr um den Hals. Die Kleine weinte zum Steinerweichen. Laietha schlang ihre Arme um sie und wiegte sie behutsam hin und her. "Sch....mein Schatz. Schon gut. Mir fehlt nichts." Legolas griff ihr an die Stirn und untersuchte die Platzwunde. Dann befühlte er die mächtige Beule an ihrem Hinterkopf. "Wie fühlst du dich? Ist dir schlecht oder schwindelig?" Laietha schüttelte den Kopf. Ihre kleine Tochter Luthawen ließ sie nicht los. Sie schluchzte immer noch leise vor sich hin. "Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin nicht verletzt." Legolas wußte nicht, ob sie ihm antwortete oder Luthawen beruhigen wollte.
Eowyn kam mit Sam auf dem Arm aus dem Wald zurück und Frodo stürmte sofort zu ihr. Legolas ging ihm hinterher. Laietha stützte sich auf ihr Schwert und kam zum Stehen. Sie nahm ihre Tochter auf den Arm. "Komm, mein Liebes. Es ist Zeit für dein Bett." Die Kleine sah sie angstvoll an und schüttelte den Kopf. Laietha küßte sie auf die Stirn. "Ich werde dich beschützen. Niemand wird dir etwas tun." Luthawens Unterlippe zitterte, die grünen Augen füllten sich mit Tränen, aber sie versuchte tapfer zu sein und nicht zu weinen. Sie war schon ein großes Mädchen. Immerhin war sie schon fünf Jahre alt und würde bald in die Schule dürfen. Aber alle Tapferkeit nützte nichts, als die Kleine sah, in welchem Zustand das Haus war. "Papa! Ich will meinen Papa! Und Onkel Aragorn!" weinte sie. Laietha sah sie hilflos an. "Ich auch." Flüsterte sie unhörbar.
Legolas brachte den Hobbit Sam ins Haus. Er und Eowyn versorgten seine Wunden. Luthawen war so erschöpft vom vielen Weinen, daß sie nur noch heiser vor sich hinschniefte. Laietha wickelte sie in eine Decke und ließ sie auf ihrem Schoß sitzen während sie sich den Zettel, der an dem Pfeil gesteckt hatte ansah. Elbenrunen...der Zettel enthielt Beschimpfungen gegen die Elben. Wie zynisch, dachte sie, für diese Beschimpfungen ihre Schrift zu verwenden. Der Angriff war so unvermittelt gekommen. Er mußte sich gegen Legolas und ihr Familie gerichtet haben, denn es war bekannt, daß Laietha unter den Elben aufgewachsen war. Luthawen hatte sich in den Schlaf geweint und schniefte ab und zu, aber ihre Atemzüge waren ruhig. Laietha sah sich in dem Chaos um, das noch vor wenigen Stunden ihr Heim gewesen war. Das Mobiliar war zerschlagen und die Leichen vieler Feinde lagen umher. Sie hatte nicht gedacht, noch einmal so viel Tod zu sehen. Legolas und Eowyn kamen in den Raum. Ihre Freundin hinkte und Laietha sah, daß auch ihre Schulter verletzt war. Die Frauen schlossen sich in die Arme. Legolas sah sich schockiert um. "Was haben die nur gewollt?" Laietha zuckte mit den Schultern. "Wenn ich das wüßte." Sie legte Luthawen auf einen Sessel, der noch ganz war und machte sich daran, das Chaos zu beseitigen. Legolas ging ihr zur Hand. Eowyn saß neben Luthawen und dachte über den Zettel nach. Sie schufteten weit bis in die frühen Morgenstunden. Endlich war das Haus wieder in einem halbwegs annehmbaren Zustand. Legolas klopfte Laietha auf die Schulter. "Es ist genug, Frau Annaluva. Leg dich schlafen. Ich werde Wache halten." Laietha nahm ihre kleine Tochter auf den Arm und ging in ihr Schlafzimmer. Eowyn folgte ihr. Sie legten sich in das geräumige Bett. Keiner von ihnen wollte die Nacht alleine verbringen. "Was ist, wenn sie zurückkommen?" fragte Eowyn. Darauf wußte Laietha keine Antwort. Sie würden sich nicht verteidigen können. Vielleicht sollten sie das Haus verlassen. Obwohl ihr der Gedanke nicht gefiel. Was würde Boromir wohl sagen, wenn er zurückkam und sie nicht fand, aber das Haus in Trümmern lag? Er würde sich bestimmt schreckliche Sorgen machen.
Nach einigen Stunden Schlaf weckte Legolas sie. "Kommt schnell, Sam geht es schlecht." Sie sprangen aus dem Bett und eilten in das Zimmer der Hobbits. Sam sah schlecht aus und klagte über Schmerzen. Laietha befühlte seine Stirn. Er fieberte. Schnell lief sie in den Garten, um einige Kräuter zu suchen. Sie fluchte, weil sie nicht genau die Kräuter fand, die sie brauchte. Eine Hand legte sich an ihren Hintern. Sie wirbelte herum und schlug hart zu. Als sie laut um Hilfe rufen wollte, sah sie wie Boromir zurücktaumelte und sich das Kinn rieb. "Na das nenne ich eine stürmische Begrüßung." Brummte er. Er wollte noch eine sarkastische Bemerkung machen, als er seiner Frau in die Augen sah. Er kannte diesen Blick und er hatte geglaubt, ihn nie wieder sehen zu müssen. "Was ist passiert?" fragte er besorgt. Laietha sah ihn nur an, als wäre er ein Geist. Sie warf sich in seine Arme. Boromir zog sie fest an sich. "Papa!" Luthawen kam auf ihn zugelaufen. "Papa, du bist wieder da!" Sie sprang an ihm hoch wie ein Eichhörnchen. Mit seinem freien Arm griff er nach ihr und drückte sie fest. Angelockt von diesem Lärm waren Eowyn und Legolas vors Haus gekommen. "Zum Glück bist du da." Sagte Eowyn. Boromirs Augen weiteten sich, als er sah, daß seine Schwägerin verletzt war. Erst jetzt fiel ihm die Wunde auf Laiethas Stirn auf. Der Garten war unordentlich und als sie das Haus betraten, ließ er sich erst mal in einen der wenigen Sessel sinken, die noch intakt waren. Er holte tief Luft. Beschützend preßte er seine Tochter an sich. "Gut, ich glaube, daß ihr mir einen Erklärung schuldet..."

Frodo war bei Sam geblieben und hielt seine Hand, strich ihm über die
fiebrige Stirn und redete ihm beruhigend zu, da ging die Tür auf und herein
kamen Legolas, Eowyn, Laietha, Boromir und Luthawen.
"Ja, jetzt sind wir gerade von der Frage abgekommen, ob wir nach Minas
Tirith aufbrechen sollen..." begann Eowyn. Legolas nickte.
"Ich weiß nicht genau, was Sam wirklich hat, aber es ist ernst. Wenn wir uns
nicht schleunigst um Hilfe bemühen, wird die Lage sehr ernst!" meinte er.
"Aragorn!" rief Laietha und Legolas nickte.
"Genau. Erstens kann er Sam bestimmt helfen und zweitens müssen wir allein
deshalb schon zu ihm, um ihm von den Vorfällen zu berichten und uns mit ihm
zu beraten."
Niemand sagte etwas. Laietha brach schließlich das Schweigen: "Irgendwas ist
hier im Gange. Was können Orks und Bärenmenschen gegen Elben haben?"
Erwartungsvoll schaute sie Legolas an.
"Ich vermute, es bedeutet weiter nichts. Es war nur eine kleine Abordnung
und wenn da wirklich was hinterstecken würde, wären sie nicht hierher
gekommen. Hier bin nur ich, sonst keine Elben!"
Das überzeugte zwar nur Frodo, aber keiner erwiderte etwas. Ihm war die
Sache suspekt. Vor kurzem erst war schon ein einzelner Angreifer dagewesen
und jetzt plötzlich dieser Überfall!
"Ich will ja nicht unterbrechen, aber was ist hier wirklich passiert?"
fragte Boromir, während Legolas sich ums Sams Wunde kümmerte. Er schrie
jämmerlich und zuckte vor Schmerzen zusammen, aber es mußte sein.
Legolas und Eowyn sahen sich nur kurz an und hatten sich schon entschieden.
Sie wollten sofort in die Hauptstadt aufbrechen, ohne eine weitere Minute zu
verlieren.
"Boromir, Laietha, kommt ihr jetzt mit oder was macht ihr?" fragte Eowyn.
"Nun... wir werden noch einige Sachen zusammenpacken und die letzten Reste
von diesem Chaos hier beseitigen, dann folgen wir euch. Brecht schon auf,
das muß wohl sein!" sagte Laietha.
Frodo sah Eowyn an. "Ich komme mit!"
Fragend warf Eowyn Legolas einen Blick zu und er nickte.
"Na komm schon, wenn es unbedingt sein muß! Du reitest mit mir."
Ohne weitere wertvolle Zeit zu verlieren, schwangen sie sich auf ihre
Pferde. Eowyn hielt den zitternden Sam in den Armen, Legolas setzte Frodo
vor sich und sie galoppierten eilig davon in den Wald.
Es wurde langsam Mittag, aber es war nicht warm und Sam wimmerte immer
wieder leise vor sich hin. Frodo machte sich große Sorgen um ihn und sie
eilten so schnell sie konnten Richtung Minas Tirith, als plötzlich aus dem
Gebüsch Pfeile abgeschossen wurden und das Pferd von Legolas fiel getroffen
zu Boden. Im gleichen Moment sprangen unzählige Orks aus dem Gebüsch und
stürzten sich auf die vier Reiter. Frodo schrie in Angst auf und Legolas
wollte sich verteidigen, doch er erreichte seinen Bogen nicht und die beiden
wurden von den Orks gepackt. Sam bekam den Angriff nur am Rande mit, aber
Eowyn griff nach ihrem Schwert.
Legolas rief: "Reite weiter, denk an Sam! Kümmer dich nicht um uns!" und
Frodo schrie nach Sam, aber Eowyn zögerte. Erst, als die Orks auch sie
angreifen wollten, begriff sie: Sie war chancenlos. Dann gab sie dem Pferd
die Sporen und ritt im Eiltempo mit Sam davon.

Als sie bis zur Abenddämmerung geritten waren, erreichten sie endlich das
Ende des Waldes und ein kleines Dorf. Eowyn war völlig verstört und
verängstigt. Sie konnte nicht ohne weiteres Frodo und Legolas ihrem
Schicksal überlassen, sie mußte etwas tun! Also setzte sie sich hin, als sie
mit Sam ein kleines Gasthaus betreten hatte und er auf ihrem Schoß saß, und
schrieb:
"Liebe Laietha und lieber Boromir,
paßt auf, wenn ihr den Wald durchquert, es gibt dort noch einen Hinterhalt
von Orks und sie haben uns vor einigen Stunden überfallen. Das Pferd von
Legolas wurde verletzt und fiel, so hatten die Orks Gelegenheit, sich auf
ihn und Frodo zu stürzen und sie haben sie mitgenommen. Legolas sagte, ich
solle mit Sam schon weiterreiten und das muß ich wirklich, es geht ihm sehr
schlecht, aber ihr müßt euch um Legolas und Frodo kümmern! Ich weiß nicht,
was ihr tun könnt, aber mittlerweile glaube ich wirklich, daß irgendwas im
Gange ist. Ich schicke sofort Verstärkung, wenn ich in der Stadt bin, aber
seid gewarnt! Irgendwas passiert hier. Das ist mir gar nicht geheuer.
Eowyn"
Sam hatte den ganzen Tag über geschwiegen. Der Schmerz in seiner Schulter
quälte ihn unsäglich, ihm war heiß und kalt zugleich, und noch hatte er gar
nicht realisiert, wo Frodo und Legolas jetzt waren. Eowyn war dankbar dafür,
aber ihr ging die ganze Zeit nichts anderes im Kopf herum als die Sorge um
die beiden.
Der arme Sam saß auf ihrem Schoß und hatte sich an ihren Arm geklammert,
trank von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser und lehnte sich mit geschlossenen
Augen an Eowyn. Er war völlig entkräftet und hilflos und Eowyn wollte keine
Pause für die Nacht einlegen, sondern weiterreiten.
Sie hatte Angst.


"Und sie sind einfach hier hineingestürmt? Ohne erkennbaren Grund?" Boromir schüttelte den Kopf. Er betrachtete seine kleine Tochter, die irgendwie schüchterner als sonst wirkte. Sie spielte zwar im Hof des Hauses, aber sie blieb immer dicht bei ihren Eltern. Laietha sah ihn hilflos an. "Ich weiß doch auch nicht, was sie gewollt haben. Plötzlich waren sie da und...es ging alles so schnell." Sie betastete die Beule an ihrem Hinterkopf. Irgendwie fühlte sie sich seltsam. Boromir küßte sie auf die Stirn und strich ihr durchs Haar. Er hätte nicht so lange von zu Hause fortbleiben dürfen. Er hätte bei ihnen sein und sie beschützen müssen. Laietha sah zwar aus wie jemand, der sich vor nichts und niemandem fürchtete, aber auch sie war nur ein Mensch. Laietha ging ins Haus, um das verbliebene Chaos zu beseitigen. Boromir nahm Luthawen auf den Arm. "Papa, werden die bösen Männer wiederkommen?" Ihre Augen waren groß und sie flüsterte nur. Boromir wurde auf einmal sehr wütend. Niemand ängstigte sein kleines Mädchen ungestraft. "Nein. Sie werden sich nicht trauen. Ich werde ihnen ganz furchtbare Grimassen schneiden, ungefähr so..." Boromir rollte mit den Augen und bleckte seine Zähne. Er stieß ein schreckliches Geheul aus. Luthawen kicherte. "Aber nein, Papa, du mußt viel lauter sein." Sie stimmte ihrerseits ein furchtbares Gejaule an. Boromir zog ein erschrockenes Gesicht. "Oh, was war denn das? Ist hier ein Monster in der Gegend?" Er sah sich mit gespielten Entsetzen um. Luthawen lachte laut. Sie gab ihm einen Kopfnuß. "Nein, du Dummie! Das war doch ich." Ihr Vater atmete erleichtert auf. "Na dann ist ja gut. Ich hatte ganz furchtbare Angst!" Luthawen quietschte vor Vergnügen. Sie wandte sich aus den Armen ihres Vaters und baute sich vor ihm auf. Sie verstellte ihre Piepsstimme und grollte: "ich bin ein Monster und ich werde dich fressen!" Dann jagte sie Boromir über das ganze Anwesen. "UAH!!!! Ich werde dich fressen!" Nach einer ganzen Weile lagen sie japsend vor Lachen an dem Ufer des kleinen Flüßchens in der Nähe des Landhauses. Boromir nahm die Kleine auf den Arm und sagte: "Laß uns mal sehen, was deine Mutter macht. Vielleicht hat sie ja das Essen schon fertig." Manchmal geschehen ja Zeichen und Wunder, dachte er für sich. Es hatte sich nichts geändert in der Zeit, die er von zu Hause fort gewesen war. Die Küche war immer noch leer. Er ging ins Arbeitszimmer und fand seine Frau am Schreibtisch sitzend und schreibend.

Mehr konnte Laietha nicht tun. Sie hatte das Haus geputzt und die verbliebenen Möbel so zurechtgerückt, daß die leeren Stellen nicht allzu sehr auffielen. Nun war es Zeit, ihrem Vater einen Brief zu schreiben. Die Anfeindungen in dem Schriftstück, die die Orks hinterlassen hatte waren äußerst beunruhigend gewesen. Sie wollte wissen, ob in Bruchtal alles in Ordnung war. Eowyn und die Anderen waren schon nach Minas Tirith aufgebrochen und zuerst hatte sie ihnen folgen wollen, aber sie fürchtete den Weg nach Minas Tirith. Sie kannte die Strecke gut und wußte, daß sie viele Plätze beherbergte, in denen man in einen Hinterhalt geraten konnte. Aber hier im Landhaus waren sie nicht sicher und sie fürchtete um das Wohl ihrer kleinen Tochter.

Lieber Vater,
vielleicht werde ich dich schneller besuchen, als du geglaubt hast. Gestern hat es einen Überfall auf das Landhaus gegeben und wir fanden einen Brief mit Schmähschriften gegen die Elben. Estel hatte von Übergriffen auf Elben in der Nähe des Düsterwaldes berichtet. Wie ist die Situation in Imladris? Ich habe überlegt mit meiner Familie zu dir zu kommen, weil ich uns in deinen Mauern wohlbehütet gegen alle Feinde weiß. Ist die Route zu deinem Haus sicher? Bitte antworte schnell.

Laietha.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. "Du willst nach Bruchtal?" Laietha nickte. "Es ist der sicherste Ort, der mir im Moment einfällt." Boromir nickte. "Besuchen wir Opa?" fragte Luthawen. Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab. "Au ja! Dann kann er mir ja den ganzen Tag tolle Geschichten erzählen! Und er muß mir Bogenschießen beibringen! Er hat beim letzten Mal gesagt, daß er es mir zeigt, wenn ich meine Erwachsenenzähne bekomme. Und sogar mein Vorderzahn ist schon ganz locker!" Sie wackelte mit ihrem Zahn und Boromir mußte sie davon abhalten, ihn herauszudrehen. Ein Zahn war schon rausgefallen und sie streckte die Zunge durch die Lücke raus. "Ich werd gleich mal packen gehen!" jubelte sie und stürmte in ihr Zimmer. Laietha schüttelte den Kopf. Woher hatte das Kind nur diese Energie? "Wirst du uns begleiten?" Boromir legte die Stirn in Falten. "Ich weiß nicht. Wenn es Probleme gibt...Aragorn hat zwar noch nichts gesagt, aber ich glaube, daß er meine Hilfe gut brauchen könnte. Auf der anderen Seite..." Sie verschloß seine Lippen mit einem Kuß. "Mach dir keine Sorgen, wir werden den Weg schon unbeschadet überstehen."
Es klopfte an der Tür. Ein Postbote steckte vorsichtig den Kopf herein. Er gab sich Mühe, genug Lärm zu machen, um frühzeitig bemerkt zu werden. Das letzte Mal hatte er eine tüchtige Beule bekommen, weil Laietha ihn für einen Einbrecher gehalten hatte. Er übergab ihr einen Brief von Eowyn. Sie waren überfallen worden und sie warnte Laietha vor dem Weg durch den Wald. Die Route nach Minas Tirith war also nicht sicher.


Entsetzt faltete Laietha Eowyns Brief auseinander. Wenn sie schon schrieb,
mußte etwas passiert sein!
Als sie den Brief gelesen hatte, fragte der Postbote angesichts ihres
Gesichtsausdrucks, ob alles in Ordnung sei, und ob sie ihm einen Brief
mitzugeben hätte. Sie nickte und zerknüllte den ersten Brief an Elrond und
schrieb einen neuen.
Noch wußte Laietha nicht genau, wo sie nun hingehen sollte. Eines war klar:
Minas Tirith kam jetzt nicht in Frage, dort würden sie Legolas und Frodo
auch nicht helfen können. Und außerdem schien eine Gefahr für Elben zu
lauern...
Sie schrieb, daß alle Elben auch in Bruchtal sich vor Fremden in Acht nehmen
sollten, und daß sie sobald wie möglich nach Bruchtal kommen wollte.
Doch zuerst wollte sie sehen, ob sie nicht eine Spur von Frodo und Legolas
fand.
Außerdem schilderte sie noch einmal, was geschehen war, und drückte dann dem
Postboten den Brief in die Hand, und dieser machte sich eiligst auf den Weg.


Die Kälte saß ihr in den Knochen, als Eowyn aufwachte. Da lag sie nun unter
einem Baum auf dem Boden mit Sam im Arm, der sich in seiner Decke
zusammengerollt hatte und glücklicherweise immer noch schlief. Irgendwann
weit nach Mitternacht war sie so müde gewesen, daß sie nicht mehr
weiterreiten wollte, und hatte beschlossen, für ein paar Stunden zu
schlafen. Nun war sie von der morgendlichen Kälte und den ersten
Lichtstrahlen geweckt worden.
Sie stand auf, streckte sich und strich ihrem Pferd, das am Baum angeleint
stand, über den Rücken, als sie plötzlich spürte, wie ihr schlecht wurde.
Hatte sie etwas falsches gegessen? Sie mußte sich übergeben und ihr wurde
fast schwarz vor Augen.
Sam wurde wach, fuhr hoch aus dem Schlaf und schrie nach Frodo. Als dieser
nicht sofort kam, schrie er nur noch lauter und Eowyn kniete sich eilig
neben ihm nieder und hielt ihm den Mund zu.
"Sam! Nicht schreien, bitte, sei leise! Frodo ist nicht hier. Frodo kann
nicht zu dir kommen. Hab keine Angst, ich bring dich zu Aragorn und dann
kommt alles wieder in Ordnung!"
Sam ging es nicht viel besser, aber die Nachtruhe hatte ihm gutgetan und
obwohl seine Augen klein vor Müdigkeit waren, schien er hellwach zu sein.
"Was ist denn los, dir geht es doch auch nicht gut! Und wo ist Frodo?"
fragte er.
Eowyn schluckte schwer. "Weißt du nicht mehr, wir sind doch gestern nach
Minas Tirith aufgebrochen und dann kamen Orks, die Legolas und Frodo
mitgenommen haben!"
Entsetzt starrte Sam sie an und Tränen traten ihm in die Augen.
"Ist das wahr? Wieso kann ich mich daran nicht erinnern?"
"Ich weiß es nicht. Aber mach dir keine Gedanken, das kriegen wir wieder
hin. Erst müssen wir nach Minas Tirith. Weißt du noch, wie lange ich jetzt
im Landhaus war?"
Sam verstand zwar nicht, wieso sie auf einmal danach fragte, aber er sagte:
"Drei Wochen vielleicht? Und ich wollte zurück zu meiner Familie... schöner
Urlaub!"
Eowyn sah sehr nachdenklich aus und Sam machte sich ebenfalls so seine
Gedanken, sagte aber nichts.
"Was siehst du mich so an? Ich muß mir irgendwie den Magen verdorben haben,
aber es ist bestimmt nichts schlimmes. Komm, weiter geht's!"
Sie hob ihn sanft aufs Pferd und sie machten sich wieder auf den Weg.


Sie waren noch nicht weit gekommen, da sprang Eowyn vom Pferd und lief in die Büsche. Sam hörte sie würgen. "Ich habe ja gewußt, daß Laietha uns mit ihrer Küche noch mal umbringen wird!" Eowyn taumelte bleich aus dem Gebüsch wieder hervor und wollte den Hobbit gerade rügen. Sie wollte nicht, daß man so über ihre Freundin sprach. Und es gefiel ihr auch nicht, daß Sam und Laietha ihren alten Streit noch immer nicht beigelegt hatten. Aber sie sah, daß Sam schmerzverzerrt lächelte. Der tapfere kleine Kerl! Er versuchte sie aufzumuntern, obwohl es ihm so schlecht ging, daß er sich nur schwer alleine auf dem Pferd halten konnte. "Ich weiß ja auch nicht, was mit mir los ist." Log Eowyn. Sie hatte zwar eine Ahnung, aber sie wollte nicht wirklich darüber reden. Nicht jetzt und nicht hier. Sie fragte sich, ob Faramir schon aus Edoras zurück war, wenn sie nach Hause kam. Er hatte dort ein paar Dinge mit Eomer zu besprechen gehabt. Wahrscheinlich wollte er sich die Schriften in der Bibliothek näher ansehen. Er hatte sie schon bei ihrem letzten Besuch in Eowyns alter Heimat bewundert gehabt. Und Eomer hatte ihn gebeten, als Botschafter von Gondor bei einer Versammlung anwesend zu sein. Eine Abordnung Elben aus Lothlorien hatte sich angekündigt gehabt und es war doch wirklich praktisch, daß Faramir der elbischen Sprache mächtig und mit den Gebräuchen der Elben vertraut war.
Eowyn hatte auch eine kurze Warnung an ihren Mann und ihren Bruder über die Vorfälle in der Gegend geschrieben. Jetzt hatten sie aber keine Zeit mehr zu verlieren. Sie mußten sich beeilen, um nach Minas Tirith zu kommen. Es waren immerhin noch 4 gute Tage zu Pferd, wenn sie nicht aufgehalten wurden. Sam ging es immer schlechter. Eowyn trieb ihr Pferd zur Eile an.

"Wir gehen nicht zu Opa?" fragte Luthawen traurig. "Nein, Schatz, noch nicht. wir werden mal sehen, wo Onkel Legolas und Onkel Frodo sind." Sie wechselte einen Blick mit Boromir. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, daß sie ihre kleine Tochter mit auf diese Reise nehmen mußte. Aber wo sonst sollte sie bleiben. Boromir hatte sofort gesagt, daß er sich um die beiden kümmern würde, aber Laietha hatte die Angreifer gesehen. Alleine würde er gegen sie keine Chance haben. Sie mußten zu dritt gehen, wenn sie etwas gegen sie ausrichten wollten. Luthawen steckte sich ihr kleines Holzschwert an den Gürtel. "Mach dir keine Sorgen, Mama. Sollen die bösen Männer nur kommen. Ich werde sie schon verjagen." Seit ihr Vater wieder bei ihnen war, hatte die Kleine wieder richtig Mut gefaßt. Laietha betrachtet das mit Sorge, aber Boromir strich dem Mädchen sanft über das Haar. "Beim nächsten Mal, Prinzessin. Du wirst schön auf deine Mama aufpassen und mir die Männer überlassen."
Laietha verschloß die Tür zu ihrem Haus und sie begaben sich zu den Ställen. Boromir sattelte sein Pferd und nahm Luthawen auf seinen Schoß. Die Kleine rutschte aufgeregt hin und her. Laietha bestieg ihr Pferd Ascar. Sie ritt ohne Sattel, wie sie es von den Elben gelernt hatte. Schnell erreichten sie den Firienwald. Sie ritten eine ganze Weile. Dann stießen sie auf Spuren, zertretene Pflanzen, Pfeile, zerwühlte Erde. Laietha nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Unterholz wahr. Boromir zog sein Schwert und preßte Luthawen beschützend an sich. Laietha glitt von Ascar. Sie flüsterte ihm ein paar elbische Worte ins Ohr. Das Pferd blieb stehen. Laietha schlich wie eine Raubkatze in den Wald. Boromir ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Sie wagte sich weiter ins Dickicht vor. "Oh nein!" entfuhr es ihr. Am Boden lag Legolas Pferd. Es atmete schwach und sie sah die Schußwunde in seiner Flanke. Jemand hatte das Tier zusätzlich schwer verwundet. Tiefe Kratzer liefen über seinen Rumpf. Laietha kniete neben dem Tier nieder. Das Pferd würde sterben. Sie strich ihm sanft über den Kopf. Es schnaubte voller Angst, bis es sie erkannte. Das Tier war schwach. Sie würde nichts für es tun können. "Was ist denn da, Mama?" fragte Luthawen. "Bleib wo du bist!" rief Laietha vielleicht ein wenig zu scharf. "Es tut mir leid." Flüsterte sie dem Pferd zu. Es sah sie aus traurigen großen Augen an. Laietha sah nicht hin, als sie das Schwert niedersausen ließ. Das Pferd schrie auf und dann war alles entsetzlich still. Mit gesenkten Kopf ging sie zurück zu ihrer Familie. Sie säuberte ihr Schwert. Boromir fragte sie etwas in der Sprache Gondors. Sie antwortete. Die ungewohnten Worte kamen stockend von ihren Lippen. "Du hast das richtige getan. Laß uns weiter gehen." Sie nickte. Boromir blieb auf dem Pferd sitzen, während Laietha neben Ascar herlief und den Wald nach Spuren durchforstete. Endlich fand sie eine Fährte die in den Wald hineinführte. Sie mochte vielleicht zwei Tage alt sein. Das mußte der Weg sein, den die Angreifer genommen hatten. Sie folgten ihr. Nicht weit vom Wegrand fanden sie Legolas Bogen. Dunkle Erinnerungen an ihre Jagd nach Adun krochen in ihr hoch. Sie war seit diesen Tagen immer sehr nervös, wenn sie so offensichtliche Spuren entdeckte. Aber wie auch damals hatten sie keine andere Wahl. Einige der Abdrücke im weichen Waldboden waren sehr tief. "Sie sind verletzt. Die Bärenmenschen müssen sie tragen." Boromir gab ihr Recht. Aber das hieß auch, daß sie noch am Leben waren. Sie setzten die Suche fort.

Der letzte Tag war ohne weitere Ereignisse vergangen. Am Nachmittag des folgenden Tages würden sie endlich Minas Tirith erreichen, rechnete Eowyn sich aus. Dieser Gedanke erleichterte sie sehr, denn Sam ging es immer schlechter.
Sie war tief in Gedanken und grübelte über Legolas und Frodo nach. Wie ging es ihnen? Waren sie immer noch unverletzt und - am Leben? Sie hatte ihnen nicht helfen können und war wütend deswegen. Sie hoffte, daß sie nicht zu sehr würden leiden müssen, Gefangene von Orks und Beorningern...
Plötzlich hörte sie ein Geräusch von knackendem Holz hinter sich und drehte sich hastig um. Zwei Beorninger waren aus dem Unterholz gesprungen und zielten mit Pfeilen auf sie. Aber anstatt anzuhalten gab sie ihrem Pferd die Sporen und es lief wie der Wind. Sie hoffte, daß es nicht schwierig werden würde, ihnen zu entfliehen, die keine Pferde hatten.
Richtig, sie hatten keine Pferde. Aber ihre Kumpane hatten welche.
Aus dem Dickicht kamen sie und ihre Pferde waren sehr schnell. Eowyn geriet in Panik und hielt Sam fest, während sie versuchte, ihr Pferd noch schneller laufen zu lassen. Der arme Hobbit, der seit Stunden geschlafen hatte, erwachte plötzlich und schrie auf vor Angst.
"Eowyn, was ist los?" fragte er, aber sie antwortete nur: "Halt dich fest, ich darf dich nicht verlieren, sie sind hinter uns her! Beorninger greifen an."
Wenn sie sie erwischten, war Sams Leben in noch größerer Gefahr, als es ohnehin schon war. Er brauchte Hilfe. Das war ihr einziger Gedanke in diesem Augenblick, sie fürchtete nichts und niemanden, aber sie mußte Sam retten.
Als sie sich noch einmal umdrehte, entdeckte sie, daß da keine Verfolger mehr waren und sie spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug. Wo waren diese Kerle?
War es ein wohlgeplanter Angriff oder hatte sie sie abgehängt?
Aufmerksam beobachete sie jede Bewegung in der Umgebung, aber da war nichts. Nichts! Niemand mehr da.
Ein umgefallener Baum lag im Weg und das Pferd sprang mühelos darüber. Als es auf dem Boden aufkam, verfehlte es nur um Haaresbreite eine Falle im Boden. Sie hatten ein Loch gegraben und es versteckt, aber das Pferd landete nur mit einem Bein darin und sofort versuchte es, sich wieder zu befreien, und zwar erfolgreich.
Das war etwas, was die Beorninger nicht geplant hatten. Voller Wut schossen sie alle ihre Pfeile aus ihrem Versteck im Gebüsch ab und während das Pferd davongaloppierte, trad ein Pfeil Eowyns linken Arm.
Sie schrie auf vor Schmerzen, aber kümmerte sich nicht weiter darum. Ihr Ziel war es, den Wald so schnell wie möglich zu verlassen.
Immer noch versuchten sie, ihr zu folgen, aber sie waren zu langsam und als das Ende des Waldes sich abzeichnete, fühlte sie das warme Blut auf dem arm.
Als sie die letzten Bäume hinter sich gelassen hatte, zog sie unter großen Schmerzen den Pfeil heraus und versuchte, die Wunde zu verbinden. Sam sah sie sorgenvoll an und fürchtete, daß sie ernsthaft verletzt sein könnte, aber sie lächelte nur und sagte: "Wenigstens bist du noch hier und am Leben!"
"Hm, naja, ich bin hier, aber Herr Frodo ist..." Er konnte nicht weitersprechen, erstickt von Tränen, und Eowyn umarmte ihn. Sie versuchte, ihn ein wenig zu trösten.
"Oh nein, nur noch ein Tag und wir werden ihnen Hilfe zukommen lassen können! Aragorn wird keine Sekunde zögern, mach dir keine Sorgen. Alles wird wieder gut!" flüsterte sie und ritt weiter.

Laietha war entsetzt über die Dinge, sie sie gerade erfahren mußten. Verwundet, aber noch immer am Leben. Naja... besser als nichts, aber sie war so wütend, daß sie ihnen nun hinterherlaufen mußten. Frodo tat ihr sehr leid, der kleine Hobbit, der nun wieder für nichts und wieder nichts leiden mußte.
Er war darin nicht verwickelt, er war unschuldig, aber diese grausamen Kreaturen sahen da keinen Unterschied.
Verdammt! Was sollten sie nun tun?
Vielleicht würde Eowyn Minas Tirith in zwei Tagen erreichen und ihnen Hilfe schicken, aber in dieser kurzen Zeit konnte so viel passieren! Und wenn die Hilfe schließlich ankam, konnte es zu spät sein.
Einige üble Flüche kamen ihr in den Kopf, aber sie sagte nichts.

Zweiter Abschnitt

Viele von ihnen unterhielten sich, sie benutzten eine Sprache, die Frodo noch nie zuvor gehört hatte. Er erinnerte sich dunkel an einen Schlag auf den Kopf und wurde von seinem Hunger geweckt. Dabei mußte er feststellen, daß er an Händen und Füßen gefesselt war und sich nicht rühren konnte. Langsam drehte er den Kopf und entdeckte Legolas, der neben ihm saß, gedankenverloren und mit geschlossenen Augen. Blut war auf seiner Stirn und in diesem Moment fühlte Frodo seinen eigenen Schmerz.
Überall um sie herum saßen Orks und Beorninger, während sie etwas ihm unbekanntes aßen, redeten sie. Plötzlich hob einer von ihnen den Kopf und beugte sich zu ihm hinunter.
"Endlich wach, armer kleiner Kerl? Ich hoffe, du hast angenehm geträumt, denn das, was jetzt kommt, wird nicht so angenehm für dich sein..."
Legolas warf dem Ork stumm einen Blick zu und dieser erwiderte den Blick.
"Was zu sagen?" fragte der Ork.
"Warum laßt ihr ihn nicht gehen? Er hat damit nichts zu tun!" murmelte Legolas, aber der Ork zeigte sich unbeeindruckt.
"Jede Kreatur, die mit Elben zusammen ist, hat mit ihnen zu tun und wir sind angewiesen, jeden Menschen und sogar Halbling mitzunehmen - also halt‘s Maul!"
Legolas versuchte, seine Wut zu verstecken. Er war genauso hilflos wie Frodo. Kein so angenehmer gedanke, fand er. Aber weiter gab es nichts zu sagen. Er wußte nicht viel von ihren Absichten, warum sie ihn und Frodo gefangenhielten. Einer von ihnen hatte gesagt, daß er sich glücklich schätzte, ihn zu sehen. Legolas, Sohn des Elbenkönigs im Düsterwald, und in seiner Gewalt. Sie wußten, was sie taten, soviel stand fest. Er fürchtete, daß sie ihnen noch schreckliches antun würden und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß man Frodo wehtun würde.

"Und was nun?" fragte Boromir. "Ich weiß es nicht." antwortete Laietha. "Ich denke, daß wir wohl einfach weiter nach Spuren suchen werden müssen." Sie starrte auf den Waldboden. Nichts. In welche Richtung konnten sie gelaufen sein? Sie warf einen wachsamen Blick auf ihre kleine Tochter, die von einem Fleck zum anderen hopste und nach Pilzen und Beeren suchte. Boromir legte ermutigend eine Hand auf ihre Schulter. "Mach dir keine Sorgen. Wir werden sie finden. Aber ich weiß nicht, ob es eine so gute Idee ist, ihnen alleine hinterher zu laufen. Sollten wir nicht erst auf Hilfe warten?" Sie schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß ihnen die Zeit davonlief. "Wir haben keine Wahl." Luthawen schrie entsetzt auf. Sofort waren Laietha und Boromir an ihrer Seite, die Schwerter kampfbereit. Laietha sah auf den Boden. Da war die Spur, nach der sie so lange gesucht hatten - der Kopf eines Tieres, glatt mit einem Schwert vom Rumpf getrennt. Laietha preßte den Kopf ihrer Tochter fest in ihren Schoß. "Sieh nicht hin, Schatz! Es ist alles in Ordnung." Die Härchen in ihrem Nacken sträubten sich. Gefahr war im Anmarsch. Es war nur so ein Gefühl, aber es trügt sie nur selten und sie verließ sich darauf. Sie packte Boromir am Oberarm und zischte ihm zu: "Steig aufs Pferd! Schnell!" Er tat, was sie gesagt hatte. Laietha setzte ihre Tochter vor ihm auf den Rücken des Pferdes. "Wenn jemand kommt, verschwindest du. Reite schnell und sieh nicht zurück. Bring sie zu meinem Vater." "Aber was wird aus..." "Tu was ich dir sage!" Damit rannte sie in den Wald. Er sah ihr nach und wandte seine Augen nicht von ihr ab. Einige Pferde kamen aus dem Wald. Laietha zog ihr Schwert. Wenn sie einen Kampf wollten, sollten sie ihn bekommen. Sie hörte Pferdegetrappel hinter ihrem Rücken. Kamen noch mehr Angreifer? Sie wirbelte herum und sah Boromir, der auf sie zuritt. "Ich habe dir gesagt, daß du verschwinden sollst! Verdammt, was zum Balrog glaubst du eigentlich, daß du hier tust?" "Ich werde dich nicht alleine lassen. Es sind zu viele für dich!" Er hatte Recht. Boromir hatte ihre Tochter unter seinem Reitmantel versteckt. "Versprich mir, daß du gehen wirst, wenn wir keine Chance haben!" Er nickte. Dann zog auch er sein Schwert. Es waren mindestens zehn. Als se sie bemerkten, trieben sie ihre Pferde zur Eile an, ließen die Waffen aber in den Scheiden. Was hatten sie vor? Einer von ihnen hob seinen Arm zum Gruß. Boromir kniff die Augen zusammen. Nach ein paar Sekunden rief er aus: "Es ist Faramir!" Er winkte wie von Sinnen zurück. Laietha bemerkte, daß er Recht hatte. Sie stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte. Ein erleichtertes Lächeln trat auf ihr Gesicht. "Elendil sei Dank!" seufzte sie. Faramir, Eomer und seine Männer hielten vor ihnen an. Faramir grinste breit. "Hallo! Was für eine nette Überraschung!" rief er und sprang von seinem Pferd. Boromir tat es ihm gleich und sie umarmten sich heftig. "Was tut ihr hier so weit draußen?" fragte der Fürst von Ithilien. Luthawen rutschte vom Rücken des Pferdes und sprang in seine Arme. "Wir verfolgen die bösen Männer, die Onkel Legolas und den kleinen Onkel Frodo weggebracht haben." Faramirs Augen verdunkelten sich vor Zorn. "Was ist passiert?" fragte er. Laietha erzählte ihm schnell alles und Faramir war sehr besorgt, als er erfuhr, daß Eowyn verletzt war. Laietha versuchte ihn zu beruhigen. "Es geht ihr gut. Sie ist auf dem Weg nach Minas Tirith, um bei Aragorn Hilfe für Sam zu holen. Aber wir können Frodo und Sam nicht in der Gewalt dieser Leute lassen. Ich weiß nicht was sie vorhaben, aber wenn es etwas gegen die Elben ist, ist Legolas in großer Gefahr. Wir müssen sie finden."
Faramir und Eomer erklärten sich bereit, sie zu begeleiten. Laietha fühlte sich schon sehr viel besser, da sie wußte, daß sie nicht mehr alleine auf sich gestellt waren. Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und Laietha, die Luthawen hielt ritt in der Mitte der Gruppe. Sie folgten den Spuren.

Eowyn stand immer noch unter dem Schock des letzten Angriffs. Aber jetzt war weder die Zeit zum Ausruhen, noch die Möglichkeit umzukehren. Sie trieb ihr Pferd zur Eile an und ritt, so schnell sie es wagte, mit dem verletzten Sam vor sich. Er hatte Schüttelfrost und weinte leise nach Frodo. Es brach ihr fast das Herz, ihn so leiden zu sehen. Sie hoffte, daß Laietha und Boromir ihre Freunde finden würden, bevor ihnen etwas zustieß.
Das Pferd strauchelte und Eowyn hatte zu kämpfen, um nicht zu Boden zu gehen. Sie riß an den Zügeln und brachte das Tier zum Stehen. Der linke Knöchel des Tiers war geschwollen. Es hatte sich verletzt, als es in die Falle getreten war. Sie durften aber keine Zeit verlieren!

"Na, wie gefällt dir das, du dreckiger Elb?" Einer der Beorninger lachte, als er Legolas auf die Hand trat. Der Elb unterdrückte einen Schrei. Er versuchte ein unbeeindrucktes Gesicht zu ziehen. Der große Mann kicherte bösartig. "Aufhören! Jetzt ist keine Zeit zum Spielen! Sie sind hinter uns her. Wir können nicht riskieren sie zu verlieren, bevor wir sie zum Chef gebracht haben! Es ist schlimm genug, daß wir die Elbenschlampe und ihre Brut nicht erwischt haben. Aber der Prinz von Düsterwald wird ihn etwas entschädigen." Der Mann, der Legolas getreten hatte sah den anderen wütend an. "Ist nicht meine Schuld, daß wir sie nicht erwischt haben! Der da ist Schuld! Er hat die miesen Elbenpfeile auf meine Männer geschossen!" Er schlug Legolas ins Gesicht. "Hört auf, ihr Rohlinge!" rief Frodo aus. Plötzlich verstummten alle Geräusche im Lager und es herrschte Totenstille. Alles sah den Hobbit an. Er errötete. Einer der Orks trat ihm in den Bauch. "Halt die Fresse! Mit dir redet niemand!" Frodo schrie auf. Er wünschte, daß er sich die schmerzende Stelle halten könnte, aber seine Hände waren immer noch gefesselt. Legolas lächelte ihn an. "Das war sehr tapfer von dir, wenn es auch ebenso dumm war!" Einer der Beorninger zog Legolas an seinen langen blonden Haare. "Auf geht‘s, Mädel! Wir haben einen weiten Weg vor uns und der Chef kann es gar nicht abwarten dich und deinen zu kurzen Freund zu treffen!"

Laietha gab ihnen einen detaillierten Bericht der letzten Ereignisse, schließlich hatten sie Zeit zum Reden, denn nichts besonderes geschah um sie herum. Keine neue Spuren im Moment, keine Orcs und kein einziger Beorninger.
Faramir war voller Sorge wegen seiner geliebten Eowyn. Er hatte sie seit Wochen nicht gesehen und Eomer erzählte, daß die Gruppe, die den Wald bewachte, ihre Freunde in dem nun verlassenen Haus besuchen wollte. Aber die Ereignisse waren ein wenig anders verlaufen. Zwar waren sie wieder vereint, aber damit beschäftigt, ihre Feinde zu jagen, böse Kreaturen, die nichts Gutes im Sinn hatten. Faramir war nervös und es wurde immer schlimmer. Eowyn war verletzt, das war schon schlimm genug, aber manchmal überschätzte sie sich selbst ein wenig. Ihr nachzureiten war sinnlos, da sie ohnehin in Minas Tirith ankommen würde, bevor er sie einholte. So entschied er sich dazu, bei Eomer und den anderen zu bleiben, obwohl er sich dabei nicht wohlfühlte.
Die kleine Luthawen war glücklich und ihre Stimmung war besser als die aller Erwachsenen, aber letztendlich heiterte sie sie ein wenig auf.
Sie ritten für Stunden und nichts geschah. Bald wurden sie ein wenig müde und die Dämmerung war nicht mehr weit, aber sie entschlossen sich dazu, noch keine Pause zu machen. Einige Minuten später, in denen der Weg sie bergab führte, fanden sie etwas, was ihre Sorgen noch verstärkte - blondes Haar, wahrscheinlich von Legolas.
"Bei den Valar, was haben sie ihm angetan? Sie haben ihm die Haare abgeschnitten?" rief Boromir.
Entsetzt sahen sie sich alle gegenseitig an und Luthawen griff plötzlich nach Faramirs Arm. Sie zeigte auf ein paar Fetzen, die neben dem Pfad im Gras lagen. Aufmerksam betrachtete Faramir die Stoffetzen, die ursprünglich weiß gewesen waren, jetzt aber verschmiert von getrocknetem Schmutz und Blut.
"Laietha, weißt du noch, was unsere Freunde bei ihrer Abreise trugen?"
Er zeigte ihr die Stoffstücke und sie nickte.
"Von Frodo, denke ich, von seinem Hemd. Bestien!"

Eowyn wies Sam an, sich ans Pferd zu klammern, um nicht herunterzufallen und sie stieg ab, um sich das Bein anzusehen. Bald hatte sie sich entschieden, nicht weiterzureiten, denn das Pferd war so langsam, wie sie zu Fuß war. Sanft nahm sie Sam in die Arme und führte das Pferd, während sie den fiebernden Hobbit trug. Seine Lippen bewegten sich ständig, aber er gab keinen Laut von sich.
Bald war es finster um sie herum und Eowyn war erleichtert. Nur noch wenige Stunden und sie würden die Stadt erreichen. Sie war sehr müde, aber sie durfte keine Pause einlegen. Sams Zustand verbot es ihr.
Sie ging bis nach Mitternacht weiter und schließlich übermannte sie der Schlaf.
"Sam? Lieber Sam, ich muß eine oder zwei Stunden schlafen. Bitte weck mich dann!" flüsterte sie leise und er nickte schwach. Sie setzte sich am Fuße eines Baumes nieder, wickelte Sam in eine Decke, lehnte sich an den Baum und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Sam schüttelte sie und plötzlich wachte sie auf.
"Was ist hier los?" murmelte sie und sah den aufgeregten Hobbit an.
"Männer, Eowyn, da sind Männer! Schnell!"
Sofort stand sie auf und hörte das Geräusch ebenfalls. Pferde irgendwo im Dunkeln und dann nahm sie Gestalten von Menschen wahr, Reitern.
"Bleib hier, ich bin in einer Minute wieder da!" befahl sie ihm und schlug sich dann ins Dickicht und folgte den Männern.
Bald näherte sie sich ihnen und entdeckte, daß sie die Uniform der königlichen Wache trugen.
"Männer Gondors, bitte bleibt stehen!" rief sie, blieb hinter ihnen stehen und sie drehten sich zu ihr.
"Guten Abend! Bitte sagt uns, Lady, wer seid Ihr?" fragte einer von ihnen und sie hielt inne, um ihn anzusehen.
"Beregond, bist du das? Was für eine Erleichterung! Schnell, folgt mir, ich bin es, Eowyn! Erinnerst du dich an den Hobbit Sam? Ich habe ihn nicht weit von hier zurückgelassen, er ist sehr krank. Ich muß mit ihm so schnell wie möglich Minas Tirith erreichen!"
"Springt aufs Pferd!" sagte Beregond und so ritten sie langsam durchs Unterholz bis zum Parallelweg, wo Eowyn Sam gelassen hatte. Was sie sahen, entsetzte sie zutiefst. Er lag auf dem Boden wie tot, aber er zitterte am ganzen Leib.
"Nein, es ist schlimmer geworden!" rief Eowyn und sprang vom Pferd. Sie nahm Sam auf die Arme und reichte ihn Beregond, holte dann ihr Pferd und sprang wieder auf Beregonds Pferd, führte ihres dann hinterher.
Als sie zu den anderen Reitern zurückkehrten, gaben sie ihnen Eowyns Pferd und ohne Zeit zu verlieren, eilten die drei durch die Nacht Richtung Minas Tirith.

Woher sein Mut gekommen war, wußte Frodo nicht. Sein Hemd war voller Blut und zerrissen, er fühlte das Blut auf seiner Brust und stolperte hilflos hinter Legolas her. Sie trugen ihn nicht mehr weiter.
Er wagte es nicht, den Blick zu heben. Was er sehen würde, fürchtete er sehr.
Einer der Beorninger war voller Zorn gegen Legolas gewesen, der Balrog wußte, warum. Er hatte die Idee gehabt, die blonden Elbenhaare abzuschneiden und war darüber amüsiert in einer Art und Weise, die Frodo nicht ertragen konnte. Also hatte er geschrien und versucht, den Beorninger anzugreifen, um ihn aufhzuhalten, aber es war nutzlos gewesen. Für drei von ihnen war es ein Leichtes gewesen, ihn zu packen, zu schlagen, zu verletzen und seinen Mut innerhalb zweier Minuten zu brechen.
Der metallische Geschmack des Blutes von seiner aufgeplatzen Lippe war kalt. Schlaf. Nur ein wenig Schlaf, das war alles, was er wollte... aber keine Chance.
Kein Ausweg.

„Na, was sagst du jetzt, dreckiger Elb?“ Er ließ die Faust in Legolas‘ Gesicht
sausen. Der Elb taumelte und fiel. „Wette, daß dich deine Freunde jetzt
nicht mehr wiedererkennen!“ Er lachte die am Boden gekrümmt liegende Figur aus.
Frodo lag zusammengekauert neben ihm und wimmerte. „Hey, Kurzer! Keine Zeit
zum Schlafen! Steh auf! Überleg ´s dir das nächste Mal besser, bevor du dich
mit uns anlegst!“ Der riesige Beorninger trat Frodo so lange, bis er endlich
aufstand. „Wir haben noch einen weiten Weg!“ Einer der Orks trat zu ihm.
„Warum Kleiner kommt mit? Er langsam! Warum nicht töten Kleinen? Warum nicht
töten dummen Elben auch?“ Er warf Legolas einen giftigen Blick zu. „Halts Maul
und stell die Befehle des Chefs nicht in Frage!“ Damit schubste er Legolas
vorwärts. „Beweg dich!“ brüllte er.

Es war schon weit nach Mitternacht, als sie endlich Halt machten. Sie
zündeten ein kleines Lagerfeuer an. Laietha, Luthawen und Boromir saßen dicht
beieinander. „Mama, sind wir auf einem Ausflug?“ fragte das kleine Mädchen und
gähnte. „So in der Art,“ lächelte Laietha. Sie strich ihrer Tochter durch die
wilden Locken. „Dann muß jeder eine Lagerfeuergeschichte erzählen! Onkel
Faramir soll anfangen! Er ist der beste Geschichtenerzähler - natürlich nur, wenn
Papa nicht da ist,“ ergänzte sie mit einem raschen Blick auf ihren Vater.
Boromir lächelte sie an. Sein Bruder saß mit gesenktem Kopf neben ihnen. Er
machte sich Sorgen um seine Frau. „Ich glaube, dein Onkel ist müde. Er hatte einen
harten Tag, weißt du? Wie wäre es, wenn du mir eine Geschichte erzählst,
Liebes? Vielleicht die, von dem kleinen Mädchen, das mit ihren Eltern in einem
Haus am Wald lebt? Das ist meine Lieblingsgeschichte.“ Luthawen hopste schnell
auf den Schoß ihres Vaters und begann zu erzählen.
Laietha ging zu ihrem Schwager und setzte sich neben ihn. „Sie ist bestimmt
in Sicherheit. Mach dir keine Sorgen. Aragorn wird gut auf sie aufpassen,
wenn sie ankommt.“ Grüne Augen trafen auf blaue. Sein Blick war zweifelnd.
Natürlich würde Eowyn in Sicherheit sein, wenn sie in Minas Tirith ankam, aber der
Weg in die Weiße Stadt war voller Gefahren. „Und was bereitet dir
Kopfzerbrechen, Schwägerin?“ fragte er. Sie warf einen raschen Blick auf ihre kleine
Familie. „Sie sind hinter den Elben her. Ich habe Angst um meinen Vater und
meine Brüder. Sie sind in ganz Mittelerde bekant und was ist, wenn sie ihnen
schaden wollen...oder gar Schlimmeres...“ Sie verstummte und schüttelte den
Kopf, um den Gedanken zu verdrängen. Faramir nahm ihre Hand und drückte sie fest.
„Mach dir keine Sorgen. Sie sind gut geschützt. Und warum sollte jemand den
Elben Böses wollen? Sie sind ein so friedfertiges Volk und würde niemandem
Schaden zufügen.“ „Genau das ist es, was mir Sorgen macht,“ antwortete sie.
„Ich hoffe, daß wir unsere Freunde bald finden. Die Spuren, auf die wir gestoßen
sind haben mir gar nicht gefallen.“ Ein kalter Schauer erfaßte Faramir, als
er an die Haare und die Stoffetzen dachte, die sie gefunden hatten. „Es muß
schrecklich für Legolas gewesen sein, als sie ihm die Haare abgeschnitten
haben. Die Elben lassen sich die Haare wachsen, als Zeichen dafür, daß sie zu den
Erwachsenen gehören. Die Beorninger haben ihn also sozusagen entmannt.“
Faramir riß die Augen auf, als er das hörte. „Ja, es ist demütigend für ihn.“
Laietha versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Faramir ließ ihre Hand los. „Du
solltest dir ein wenig Ruhe gönnen. Ich will schließlich nicht, daß du morgen
vor Müdigkeit vom Pferd fällst.“ Sie lachte, aber er hatte ja Recht. „Und du
solltest auch schlafen gehen, Faramir. Wir brauchen deine Stärke.“ Er
versprach es ihr.
Laietha setzte sich wieder neben Boromir. Luthawen konnte kaum noch die
Augen offen halten. „Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer
Tage. Du siehst müde aus, Papa, du solltest schlafen gehen.“ Er lächelte und
tat so, als würde er gähnen müssen. „Ja, ich bin entsetzlich müde.“
Zufrieden mit sich selbst kuschelte Luthawen sich an ihn an und war auch schon
eingeschlafen. Er deckte sie zu und drückte sie an sich. Dann nahm er Laiethas Hand
und zog seine Frau an sich heran. „Ist alles in Ordnung mit ihm?“ Sie nickte
und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Er legte seinen Arm um sie und
preßte seine Lippen gegen ihr Haar. Sie legte ihre warme Hand auf seine Wange und
Boromir küßte sie lange. „Ihnen wird nichts geschehen sein. Wir werden sie
schon finden, Schatz. Mach dir keine Sorgen.“ Sie genossen die Nähe des
anderen und schon bald waren sie eingeschlafen.
Am nächsten Morgen nahmen sie ein spärliches Frühstück zu sich und Laietha
führte ihre Tochter zu einer kleinen Quelle nahe des Lagers. Luthawen
protestierte. „Nein! Die anderen müssen sich auch nicht waschen! Das ist unfair!“ Sie
schmollte. „Das sind alles erwachsene Männer. Wenn sie unbedingt krank
werden wollen, weil sie sich nicht vernünftig waschen, ist das nicht mein Problem,
aber ich bin deine Mutter und ich sage dir, daß du dich waschen und dir die
Zähne putzen wirst.“ Luthawen stampfte mit ihren kleinen Füßchen auf. „Ich
wünschte, ich wäre erwachsen!“ Wütend wackelte sie an ihrem losen Zahn. Die
Männer lachten über das kleine Mädchen, verstummten, aber, als sie Laiethas
scharfen Blick bemerkten. Boromir trat zu seiner Frau und begann sich zu waschen.
Das Wasser war kalt, aber erfrischend. „Kommt schon, Männer, tut was die
Dame sagt. Sie kann furchteinflößender als ein Drache sein, wenn man ihren
Befehlen nicht gehorcht!“ Zufrieden beobachtete Laietha, wie sich die Männer
wuschen und als sie fertig waren, folgte auch Luthawen ihrem Beispiel. Ohne zu
murren tat sie, was ihre Mutter verlangt hatte. „Gut, jetzt können wir gehen,“
lächelte Laietha. „Und was ist mit dir, Liebste?“ Boromir grinste von einem
Ohr zum anderen. Laietha verzog den Mund. „Also weißt du - du willst doch nicht
etwa, daß ich mich vor all diesen Männern hier entkleide, oder?“ Eomer kam
zu ihm. „Ich denke, daß du Recht hast, Schwager. Deine Frau sieht so trocken
aus...“
Sie packten sie an Händen und Füßen und ließen die, sich windende und
quietschende Laietha in die Quelle fallen. Sie schnappte nach Luft und sprang aus
dem kalten Wasser heraus. Die Männer um sie herum brachen in Gelächter aus.
Laietha sah an sich herunter. Sie war klatschnaß. „Sehr witzig!“ grummelte sie.

„Da kommen noch mehr von ihnen! Sie haben Pferde und die Elbenschlampe und
ihre Brut sind auch dabei. Sollen wir warten und sie töten?“ Der Beorninger
erwartete die Antwort seines Hauptmanns.
„Laßt sie in Ruhe!“ schrie Legolas. Sein Herz stand still, als er hörte, daß
sie von seinen Freunden sprachen. „Tut ihnen nichts! Ihr habt doch schon
uns! Warum wollt ihr ach noch die Frau und das Kind haben? Sie sind doch nicht
einmal Elben!“ Einer der Beorninger streckte Legolas mit der flachen Seite
seines Schwertes nieder. „Schnauze, mit dir redet keiner, Abschaum!“ Der
Anführer der Kreaturen trat auf Legolas zu. „Hast es immer noch nicht begriffen, he?
Elbenschönling! Jeder, der euer Freund ist, ist unser Feind! Darum wollen
wir sie haben!“ Er sah zu dem Soldaten hinüber, der Meldung gemacht hatte und
sagte etwas in seiner eigenen Sprache. Fünf Beorninger nahmen ihre Waffen und
stürmten in die Richtung, aus der der Kundschafter gekommen war. „Ihr zwei
könnt euch glücklich schätzen. Bald werdet ihr Gesellschaft haben!“

Eowyn und Beregond waren am Palasttor angekommen. „Ab jetzt werdet ihr euren
Weg alleine finden, edle Frau.“ Beregond verbeugte sich tief und Eowyn
errötete. Sie mochte es nicht, so behandelt zu werden. „Vielen Dank für euer
Geleit,“ sagte sie. Dann eilte sie durch die Gänge zu Aragorns Gemächern. Als er
sie und Sam erblickte, erbleichte er und beieilte sich, ihr Sam abzunehmen.
„Eowyn! Was ist passiert?“ Er sah zur Tür hinüber, aber niemand sonst folgte
ihnen. „Wo ist meine Schwester? Ist sie in Sicherheit?“ Eowyn nickte. Sie sah
sehr müde aus. „Du mußt Sam helfen, Aragorn. Er ist schwer verletzt!“ Aragorn
rief nach heißem Wasser und ließ ein paar Blätter Athelas hineinfallen. Sam
erwachte mit einem Schrei. „Frodo! Wo ist Herr Frodo?“ Eowyn beruhigte ihn und
langsam entspannte sich der Hobbit ein wenig. Die heilenden Dämpfe des Sudes
entfalteten ihre Wirkung. Eowyn erzählte Aragorn was geschehen war. Sie
selbst war ach sehr blaß und Aragorns Blick fiel auf ihre Schulter und ihr Bein.
Er versorgte ihre Wunden, aber ihm fiel af, daß sie anders war als sonst.
„Was hast du, Eowyn?“ Sie ignorierte seine Frage. „Wo ist Faramir?“ fragte sie
statt zu antworten. Aragorn erklärte ihr, daß er vor etwa einer Woche mit
Eomer die Stadt verlassen hätte, um sie im Landhaus zu besuchen. Eowyn seufzte.
„Dann werden sie Laietha und Boromir gewiß helfen, die anderen zu suchen.“ Der
König sah sie an. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Was ist los
mit dir? Vielleicht sollte ich mir dich einmal genauer ansehen. Nicht, daß du
auch noch krank bist.“
Eowyn fühlte sich äußerst unbehaglich. Schließlich atmete sie tief durch und
begann zu erzählen.

Aragorn war zutiefst geschockt von Eowyns Bericht, dann sehr bewegt und konnte sich nur schwer vorstellen, was sie hatte mitmachen müssen. Und als sie ihm dann auch noch gesagt hatte, daß sie schwanger war, wußte er überhaupt nicht mehr, wie er reagieren sollte. Er war voller Sorge und wollte sich um sie kümmern, aber sie sagte nur, er solle gehen. Sie selbst fühlte sich nicht wirklich anders als sonst, aber ein Gedanke war ihr gekommen: Da war irgendwie eine Veränderung, nur um ihre Sorge um Sam zu nennen. In diesem Augenblick schlief er, aber er sah bereits besser aus. Sie war sicher, daß er es jetzt schaffen würde, bald würde er wieder gesund sein.
Aragorn war innerlich aufgewühlt. Ein seltsames Gefühl quälte ihn, er befürchtete, daß seiner Schwester und ihrer Familie etwas geschehen könnte.
Wenn er Recht hatte, war sie in großer Gefahr. Befreundet mit Elben.
Genau wie er. Aber das war etwas, das er nicht erkannte.
Bald hatte Eowyn aufgegessen und während sie damit beschäftigt war, hatte sie sich um wenig anderes gekümmert. Dann fiel sie bald in tiefen Schlaf und ließ Aragorn allein mit seinen Sorgen. Er wollte sogar alleine verschwinden und seine Schwester suchen, Beregond und den anderen Wachen nachreiten, aber er wußte, daß Eowyn ihm ohnehin folgen würde. Natürlich würde sie das. Sie würde sogar Sam alleinlassen und ihm folgen, um ihm dabei zu helfen, Frodo und Legolas zu finden.
Er mochte sich gar nicht vorstellen, was ihnen alles passieren konnte.
Als es spät am Abend war, stand Eowyn plötzlich wieder vor ihm und sah ihn an.
"Was fürchtest du? Laietha geht es sicher gut, mach dir keine Sorgen! Wie geht es Sam?"
Aragorn gab keine Antwort. Aber das war auch gar nicht nötig, denn die Tür öffnete sich im nächsten Moment und da stand ein sehr erschöpfter, aber noch immer sehr lebendiger Hobbit, der sich die Augen rieb.
"Gibt‘s hier irgendwo was zu Essen?" murmelte er und Aragorn grinste.
"Dir scheint es ja wieder prima zu gehen, oder? Wenn du dir um deinen Magen Sorgen machst... einen Augenblick und du hast was!"
Er kümmerte sich darum, daß man Sam genug Essen für drei brachte und setzte sich mit ihm und Eowyn zusammen. Während Sam eifrig mit Essen beschäftigt war, berichtete er ihnen von seinen Plänen.

Er hatte entschieden, die Stadt zu verlassen, sobald Eowyn aufgewacht war. Als Sam das hörte, war er im ersten Moment wütend, sagte aber nichts.
Aragorn wollte jeder Spur folgen, die sie fanden. Untätig herumzusitzen war nicht sein Geschäft und jedes politische Problem würde jetzt warten müssen. Er war gebeten worden, in die Stadt zu kommen, weil die Situation im Düsterwald sehr unsicher schien. Die Leute von dort berichteten von revoltenähnlichen, anarchischen Verhältnissen, aber die Gründe dafür waren bislang unbekannt. Aragorn vermutete, es hatte etwas mit dem Haß gegen die Elben zu tun, aber noch stand nichts fest. Nun, da nichts neues geschah, fühlte er sich ohnehin überflüssig in der Stadt und hielt es für sinnvoller, seine Freunde zu retten.
Eowyn nickte und lächelte. Sam sagte: "In Ordnung, wann geht‘s los?"
Die beiden sahen ihn überrascht an und Aragorn sagte: "Was soll das heißen? Du denkst, du kommst mit? Mein lieber Sam..."
"Nein, sag jetzt nicht, daß ich hierbleiben soll! Ich werde das nicht tun! Mit Sicherheit nicht! Frodo ist in Gefahr und ich fühle mich sowieso viel besser. Das grenzt an ein Wunder, aber egal, ich werde euch folgen, wenn ihr mich nicht mitnehmt!"
Sie mußten zugeben, daß er wirklich besser aussah, aber sie sahen noch immer seine Schwäche und die Schmerzen der Wunde.
Bevor Eowyn etwas sagen konnte, bedachte er sie mit einem resoluten Blick und sie sagte nichts.
Aragorn wußte ebenfalls, daß es hoffnungslos war, ihm zu sagen, daß er bleiben sollte. Es stand außer Frage, daß er ihnen folgen würde. Jede sich ihm bietende Möglichkeit würde er nutzen und das konnte weitaus gefährlicher sein, als ihn mitzunehmen.
Nur eine Stunde später waren sie fertig und man brachte ihnen zwei schnelle Pferde aus Rohan, wie Eowyn mit einem Lächeln feststellte.
Sie nahm Sam vor sich mit aufs Pferd und zusammen mit weiteren Wachen verließen sie die Stadt. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Stelle finden würde, an der Frodo und Legolas entführt worden waren, aber sie mußte einfach und sie war sicher, daß sie es schaffen würde.
Aragorn sah sie gedankenvoll an. Sie trug noch immer ihr zerrissenes Kleid, voll von Blut und Schmutz, die Wunde sorgfältig verbunden und noch immer müde - aber sie zögerte keine Sekunde. Auch Sam war fest entschlossen. Aragorn stellte fest, daß sein Zustand nicht der Beste war, immer noch machten ihm die Schmerzen zu schaffen, aber er verlor darüber kein Wort. Keine Beschwerden.
Im Falle dessen, daß er wieder krank würde, hatte Aragorn einige Heilkräuter mitgenommen und lächelte Sam an, der das Lächeln erwiderte.

Frodo bekam kaum Luft und versuchte, zu erkennen, was um ihn herum geschah. Die Beorninger waren im Wald verschwunden, man konnte sie nicht einmal hören. Natürlich, sie waren Waldbewohner. Plötzlich merkte er, daß Legolas hinter ihm stand und seinen Arm sanft berührte.
"Bleib ganz ruhig. Noch ist nichts verloren, sie werden sie nicht kriegen. Es sieht so aus, als ob da einige von ihnen..."
"Warum hälst du nicht endlich dein Maul, verfluchter Elb? Dreckiger Mistkerl!"
Einer von denen, die im Unterholz verschwunden waren, kehrte zurück und sagte: "Brauchen Verstärkung. Sind zuviele. Jetzt! Nicht schlafen!"
Unhörbar folgten ihm im nächsten Moment einige Orks. Frodo fühlte Tränen in seinen Augen, als jemand ihn ins Gebüsch zog, denjenigen hinterher, die weggerannt waren.
"Jetzt, dreckiger Halbling, wirst du sehen, welche Macht wir haben!" sagte der Anführer und Frodo drehte seinen Kopf weg.
"Laßt ihn! Er hat schon genug davon! Was hat er euch getan?" rief Legolas.
"Nein, nicht du schon wieder... willst du wieder das Maul gestopft kriegen? Kein Problem, wirklich..."
Der Beorninger packte seine Haare - die, die noch übrig waren - und zeigte ihm die Zähne, aber Legolas reagierte gar nicht.
Ein harter Tritt traf Frodo und er versuchte, nicht zu stolpern. Dann hörten sie alle einen Schrei. Ein Kampf hatte begonnen und Frodo hob den Kopf. Direkt vor sich sah er Beorninger und Menschen unnachgiebig kämpfen. Er erkannte Faramir, Eomer, Boromir und hinter ihnen waren Laietha - und das Mädchen.
"Lauf, Laietha, lauf, ver-" schrie Legolas, aber ein Beorning legte die Hand über seinen Mund. Laietha hatte ihn gehört und sah sie nun da stehen.
"Frodo! Legolas!" schrie sie und die Männer waren erschrocken. Sie sahen sich gegenseitig an und Eomer wußte genau: Sie mußten sich nicht nur selbst verteidigen, sondern mußten auch versuchen, ihre Freunde zu befreien.
Legolas und Frodo wurden nicht losgelassen, hilflos versuchten sie, abzuhauen und wurden so Zeugen des Kampfes.
Sie hatten keine Chance. Nur einige Minuten verstrichen und viele von Eomers Männern waren verletzt. Dann versuchte Luthawen davonzulaufen, voller Angst und Panik und schreiend. Laietha lief ihr nach und das war genau das, worauf die Beorninger gewartet hatten. Flink packten sie sie und das Mädchen und zerrten sie fort.
Faramir sah, was sie taten und rannte ihnen nach, aber das einzige Ergebnis war, daß auch er gefangengenommen wurde.
"Eomer! Eomer!!!" brüllte er und Eomer sah ihm verzweifelt nach, aber er konnte es nicht ändern.
Plötzlich erging ein Befehl und die Orks verschwanden mit ihren Gefangenen. Sogar Boromir gab schließlich auf.
Frodo dachte, er müßte vor Verzweiflung das Bewußtsein verlieren. Er konnte es nicht ertragen, Luthawen schreien zu hören und sehen zu müssen, wie Laietha und Faramir gefesselt wurden. Er verbarg das Gesicht in den Händen und wollte sich einfach nur hinlegen und einfach - er wußte es nicht. Aber sie kamen nicht weit. Bald stoppten sie und die Gefangenen wurden in einer Ecke bewacht.
Luthawen weinte und Laietha verfluchte Orks und Beorninger. Faramir sagte kein Wort, traute seinen Augen kaum. Legolas sah schrecklich aus und Frodo weinte leise.
"Also was hast du vorhin gesagt, dreckiger Elb? Wir würden sie nicht kriegen? Naja, ich meine, hier sind sie..."

Entsetzt sah Boromir den Männer hinterher, die seine Frau und seine Tochter davon schleppten. Er schrie und wollte ihnen hinterherlaufen. Laietha wehrte sich verzweifelt, aber erfolglos. Luthawen heulte laut: "Papa! Papa!" Bei ihm fiel eine Klappe und er sprintete ihnen nach. Er kam nicht weit. Eine Mauer von Feinden versperrte ihm den Weg. Er trieb sein Schwert durch ihre Körper ohne die Augen von den Beorningern abzuwenden, die seine Frau und sein Kind verschleppten. Er bemerkte nicht einmal, daß sie auch seinen Bruder gefangen hatten. Das ist doch alles nicht wahr, war alles was er denken konnte. Ein Pfeil durchschlug seine Schulter. Den Schmerz spürte er gar nicht. Er versuchte sich seinen Weg in die Richtung zu erkämpfen, in die man seine Liebsten getragen hatte. Aber es war aussichtslos. Sie waren nur fünf Männer - tapfere Männer - aber sie waren deutlich in der Unterzahl. Eomer riß ihn mit sich. "Lauf! Wir können ihnen jetzt nicht helfen! Komm schon, Boromir!" Er hatte Recht. Sie hatten keine Chance. Trotzdem unternahm der Mann Gondors einen letzten Versuch ihnen zu folgen. Eomer packte ihn am Arm. "Tot nützt du ihnen gar nichts!" Sie rannten um ihr Leben. Die Orks verfolgten sie - zwar nicht sehr weit, aber sie verloren noch zwei weitere Männer. Nahe der Straße hielten sie an. Sie waren in Sicherheit - fürs erste zumindest. Eomer bemerkte den Pfeil in Boromirs Schulter und fluchte in sich hinein. "Wir müssen das verdammte Ding aus dir rausholen." Vorsichtig untersuchte er die Wunde. Der Pfeil steckte zu tief drin, um ihn herauszuziehen. Boromirs Blick war leer. Sie hatten ihm etwas genommen, das er mehr liebte als sein eigenes Leben. Warum sollte es ihn kümmern, was jetzt mit ihm geschah? Eomer zerriß den Stoff von Boromirs Kleidung. Es hatte keinen Sinn zu versuchen, das Ding herauszuziehen. Sie mußten es anders versuchen. "Rangamer, bereite heißes Wasser vor und bring mir sauberen Stoff." Eomer sah Boromir an. "Das wird wehtun, mein Freund." Boromir antwortete nicht. Die Schreie seiner Tochter gellten noch immer in seinen Ohren. Der Soldat brachte den Kessel mit kochendem Wasser. Eomer brach das Ende des Pfeils ab. Dann legte er seine Hand auf das Ende. "Okay, Boromir. Bist du fertig?" Der Mann nickte. Eomer nahm alle seine Kraft zusammen und drückte. Boromir schrie vor Schmerzen auf. Der Pfeil durchstieß die Schulter, aber diesmal trat er auf der anderen Seite aus. Die Wunde blutete stark. Eomer preßte den Stoff von beiden Seiten dagegen. Boromir verdrehte die Augen. Alles um ihn herum verschwamm und es wurde dunkel. Er hörte die gedämpfte Stimme von Eomer. " ...halt durch! Nicht einschlafen!" Boromir konzentrierte sich darauf, das Bewußtsein nicht zu verlieren. Er wollte nur Ruhe haben.
Sein Freund blutete stark. Eomer hoffte, daß er keine Ader getroffen hatte. Der Stoff war schon längst durchweicht, aber noch immer verlor Boromir viel Blut. Eomer fluchte. Er preßte noch stärker auf die Wunde. Endlich stoppte die Blutung. Boromir war blaß, sein Atem kam flach. "Komm schon! Gib jetzt nicht auf!" brüllte Eomer. Der Mann Gondors fühlte sich schwach. Er konnte die Tränen, die sich ihren Weg über seine Wangen bahnten und den Staub herunterwuschen nicht aufhalten. Wenn seiner Familie etwas passierte, wie sollte er dann weiterleben? Aber er mußte sie finden, sie retten! Er packte Eomers Hand. "Ich brauche Ruhe. Aber morgen werden wir ihnen nachgehen, nicht wahr?" Eomer antwortete nicht. Sie waren nur zu dritt...aber es hatte keinen Sinn, das seinem Freund zu sagen. "Schlaf jetzt," sagte er statt dessen.

Die Pferde von Rohan trugen sie geschwind zu der Stelle, wo ihre Freunde gefangen genommen worden waren. Sam fühlte sich schwach und sie kümmerten sich besonders um ihn, aber er beschwerte sich nicht. Er wollte einfach nur Frodo finden und ihm helfen. Aragorn konnte sich nicht helfen, er mußte stolz über die Tapferkeit des Hobbits lächeln. So viele unterschätzten diese kleinen Wesen wegen ihrer Größe und behandelten sie wie Kinder.
Als sie am nächsten Morgen weiter wollte, ging es Eowyn wieder schlecht. Sie lief in den Wald und übergab sich. Als sie zurückkam, sah Aragorn sie besorgt an. "Vielleicht ist es doch eine so gute Idee gewesen, dich mitzunehmen..." begann er, aber Eowyn brachte ihn zum Schweigen. "Ich bin schwanger, Aragorn, nicht krank. Und ich bin in besserer Verfassung als andere aus unserer Gruppe." Sie warf einen Blick auf den kreidebleichen Sam. "Hey!" setzte er an, aber sie lächelte. "Schon in Ordnung, Sam." Aragorn schüttelte den Kopf und wollte sch auf sein Pferd schwingen, als ihn eine düstere Ahnung befiel. Etwas war seiner Schwester zugestoßen, er konnte es fühlen. Er sog den Atem ein. Ihr war etwas passiert! Er wußte es. Eowyn sah ihn mit großen Augen an. Aragorn war plötzlich ganz blaß geworden und starrte in die Richtung des Firienwaldes. Sanft rüttelte sie ihn. "Aragorn, was hast du?" Er sah sie an. "Laietha...etwas ist mit ihr nicht in Ordnung. Ich kann es nicht erklären, es ist nur so eine Ahnung, aber ich habe ein ganz mieses Gefühl." Er stieg auf sein Pferd. "Wir müssen uns beeilen."
Eowyn half Sam aufs Pferd und setzte sich dann hinter ihn. Sie ritten so schnell sie es mit dem kranken Hobbit wagten, und rasteten so wenig wie möglich. Die Pferde waren schnell. Kurz nach Sonnenuntergang hatten sie den Waldrand erreicht und sie schlugen ein kleines Lager auf. Aragorn übernahm die erste Nachtwache. Es passierte nichts, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß seiner Schwester etwas zugestoßen war. Die Beorninger, die er in Minas Tirith gesehen hatte, waren so haßerfüllt gegen die Elben und jeden, der mit ihnen befreundet war gewesen. Wenn sie Geiseln suchten, die ihnen die Elben von Düsterwald beugen würden, waren sie richtige Glückspilze, wenn sie Legolas in die Hände bekommen hatten. Aber wenn sie Laietha fingen... Aragorn und Elrond würden alles tun, um sie in Sicherheit zu wissen.
Im Morgengrauen erhoben sie sich und zogen weiter. Sie waren nun schon den halben Tag geritten und Eowyn war sich ziemlich sicher, daß sie jetzt bald an der Stelle sein mußten, wo sie Legolas und Frodo gefangen genommen hatten. Plötzlich brachte Eowyn ihr Pferd zum Stehen. "Sieh nur!" flüsterte sie und deutete auf einen Platz neben der Straße. "Da ist wer!" Aragorn konzentrierte sich auf die drei menschenähnlichen Figuren am Wegesrand. "Laß uns rausfinden, wer die sind, aber sei vorsichtig." Sie ritten auf die Gestalten zu. Es dauerte nicht lange und Eowyn erkannte ihren Bruder unter ihnen. Er stand und jemand lag am Boden. Sie hoffte, daß dieser jemand nicht Faramir war. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, die Gruppe zu erreichen.
Als sie die Gruppe erreicht hatten sah sie, daß die Gestalt auf dem Boden ihr Schwager war, aber sie konnte nirgends eine Spur von Faramir, Luthawen oder Laietha entdecken. Eine dunkle Vorahnung beschlich sie. Eomer war sichtlich erleichtert, sie zu sehen. "Zum Glück seid ihr da." Sagte er und deutete auf Boromir. "Er ist schwer verletzt und hat Fieber." Boromirs Schulter war in weiße Tücher gewickelt. Er schwitzte und stöhnte. "Seit gestern Abend ist er bewußtlos." Erklärte der Krieger aus Rohan. Er sah sehr besorgt aus. Aragorn kniete sich neben Boromir nieder. Seine Blicke suchten die Umgebung ab, aber er ergriff nicht als erster das Wort. Eowyn stieg von ihrem Pferd und ging zu Eomer. "Wo ist mein Mann?" fragte sie. Eomer antwortete nicht, sondern zog sie in seine Arme und plötzlich wußte Eowyn, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

Dritter Abschnitt

Die Nacht war hereingebrochen und die Orks trieben sie jetzt noch mehr zur Eile an. Laietha hielt ihre Tochter ganz fest, um sie vor den gemeinen Kreaturen zu beschützen. Sie hielt den Kopf stolz aufrecht. Faramir beobachtete sie. Sie mußte genausoviel Angst wie der Rest von ihnen haben, aber sie ließ es sich nicht im geringsten anmerken. Von Zeit zu Zeit stützte sie Frodo, der humpelte nachdem er in eine Rangelei wegen etwas zu Essen verwickelt gewesen war. Legolas hielt den Kopf gesenkt. Er sah seltsam aus mit seinen kurzen Haaren. Faramirs Mund war trocken. Das Wasser das ihnen die Orks gegeben hatten, war schmutzig gewesen und löschte den Durst kaum. Er hatte einen tiefen Schnitt quer über die Brust und war erschöpft vom Kampf. Was im Namen der Valar wollten diese Kreaturen von ihnen? Ein riesiger Beorninger kam und schlug ihm in den Rücken. Faramir konnte den Fall nicht aufhalten, weil seine Hände noch immer gefesselt waren. Er ging zu Boden und stöhnte auf. Laietha eilte an seine Seite und versuchte ihm so schnell wie möglich auf die Beine zu helfen. Ein Beorninger riß an ihren Haaren. "Hab nicht gesagt, daß du ihm helfen sollst, Elbenschlampe!" fuhr er sie an. Sie sah ihm in die Augen. "Laßt ihn in Ruhe. Ihr verliert nur Zeit, wenn ihr ihn so behandelt." Gab sie zurück und wendete sich wieder Faramir zu. Der Beorninger schmetterte ihr seine Faust ins Gesicht. Luthawen, die die letzte Zeit über bemerkenswert still gewesen war, schrie auf. Der Beorninger sah das Mädchen böse an. "Halt den Mund, du kleine Ratte!" schnauzte er. Luthawen umklammerte den Arm ihrer Mutter. "Ich bin keine Ratte! Ich bin ein kleines Mädchen. Hast du keine Augen im Kopf?" schrie sie mit Tränen in den Augen. Sie hatte schreckliche Angst, aber sie war auch sehr wütend. Laietha wischte sich das Blut aus dem Gesicht, das von ihrer Nase tropfte. Sie plazierte sich schützend vor ihrer Tochter und auch Legolas und Frodo kamen, um das Kind zu schützen. Die Beorninger und die Orks kamen auf sie zu. "Unartiges Biest! Wer glaubst du, daß du bist?" Ein Beorninger schubste Laietha mit seiner riesigen Hand zur Seite und sie prallte hart gegen einen Baum. Die Orks hielten Frodo und Legolas fest und einer der Beorninger drückte Faramir zu Boden. Auf einmal tat es Luthawen sehr leid, daß sie etwas gesagt hatte. Jetzt war sie ganz alleine. Der Beorninger kam langsam auf sie zu. Sie wollte zurückweichen, aber sie war umstellt. Ihre Lippe begann zu zittern, aber sie unterdrückte die Tränen. "Zeit für ein bißchen Erziehung." Luthawen versuchte einen Blick auf ihre Mutter zu erhaschen, konnte sie aber nicht sehen. Der Beorninger holte eine Peitsche hervor. Legolas brüllte: "Laßt sie in Ruhe! Sie ist doch noch ein Kind!" Alles, was er erreichte, war, daß man ihn durch einen Schlag ins Gesicht zum Schweigen brachte. Faramir wand sich wie ein Aal unter seinem Peiniger, aber man preßte ihn brutal zu Boden. Alles war sinnlos. Luthawen tat einen weiteren Schritt nach hinten und prallte gegen einen Beorninger. Der mit der Peitsche grinste sie boshaft an. Nervös wackelte sie an ihrem Zahn. Mama und Papa hatten sie noch nie geschlagen. Ob es wehtat? "Nein!" schrie Laietha und versuchte zu ihrer Tochter zu gelangen. Ein Beorninger versetzte ihr einen Tritt und sie ging zu Boden. Sie rappelte sich wieder auf und zerkratze ihm das Gesicht. Dann sprang sie dem Peiniger ihres Kindes auf den Rücken. Er schleuderte sie zu Boden und stieß einen wütenden Schrei aus. Er wollte ihr die Faust in den Magen rammen. Luthawen kreischte. Sie dachte gar nicht nach, sondern biß ihm einfach in den Arm. Der Beorninger schrie entsetzt auf - mehr vor Schreck als vor Schmerz. Er schüttelte seinen Arm, aber das Mädchen ließ nicht von ihm ab. Er quietschte in Panik und schließlich fiel Luthawen von ihm ab. Sie saß auf dem Boden und bemerkte einen metallischen Geschmack im Mund und dann sah sie, daß etwas Weißes im Ärmel des Beorningers steckte - ihr Zahn! "Hey, gib mir meinen Zahn zurück, du Fiesling!" fuhr sie ihn an und stapfte auf ihn zu. Der Beorninger wich schnell ein paar Schritte zurück. Die wütende kleine Kreatur kam immer näher. Er ging schnell ein paar weitere Schritte rückwärts. Laietha reagierte geistesgegenwärtig. Sie legte ihrer Tochter schnell die Hand über den Mund und nahm sie in den Arm. "Sei still," flüsterte sie. Die anderen hatten voller Erstaunen zugesehen. Ein wenig verwirrt bellte der Beorninger ein paar Befehle und nun wurden auch Laietha und Luthawen gefesselt. Dann trieben sie ihre Kidnapper weiter voran. Kurz vorm Morgengrauen machten sie Halt. Luthawen hatte sich auf dem Schoß ihrer Mutter zusammengerollt. Ihre Mutter sprach leise auf Elbisch mit Legolas, sanft seine kurzen Haare streichelnd. Die Beorninger und Orks warfen ihnen giftige Blicke zu, ließen sie aber in Ruhe. Frodo hatte sich an ihre Seite gepreßt und sie streichelte ihm den Rücken. Er schluchzte leise vor sich hin, schlief aber bald erschöpft ein. Die letzten Tage voller Schmerzen und Angst hatten sichtbare Spuren hinterlassen. Faramir beobachtete die Frau seines Bruders und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Legolas hatte inzwischen die Augen geschlossen. "Was?" fragte sie leise, als sie seinen Blick bemerkte. "Hast du eigentlich gar keine Angst?" fragte Faramir. Sie beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr. "Unter uns - ich fürchte mich zu Tode." Dann lächelte sie scheu. "Aber was würde es bringen, wenn ich das zeigen würde?" Er lachte laut auf. Luthawen öffnete die Augen. "Mama," fragte sie schläfrig. "Was hast du, mein Liebling?" "Haben dir die bösen Männer wehgetan, weil ich unartig war?" Laiethas Augen weiteten sich vor Entsetzen. "Aber nein, Schatz!" rief sie aus. "An so etwas darfst du nicht einmal denken!" Sie küßte ihre Tochter auf die Stirn. "Du warst nicht unartig, sondern schrecklich tapfer. Aber du mußt in Zukunft vorsichtiger sein, weil ich nicht will, daß dir jemand weht tut, mein Liebes." Sie kämpfte gegen die Tränen der Wut an, die sich ihren Weg bahnen wollten. Dann preßte sie ihre Tochter fest gegen ihre Brust. "Meine tapfere kleine Tochter. Dein Vater wäre stolz gewesen, wenn er das hier gesehen hätte." Luthawen sah sie ganz ernst an. "Mach dir keine Sorgen, Mama. Papa wird kommen und uns helfen. Ich weiß es." Dann krabbelte sie auf Faramirs Schoß und schmiegte sich an ihn an. "Onkel Faramir," flüsterte sie, "kannst du mir eine Gute Nacht Geschichte erzählen?" Faramir lächelte. Er schloß sie fest in seine Arme. "Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in einem Schloß eine wunderschöne Prinzessin..."

"Wo ist er? Sprich doch! Komm schon! Sprich, Eomer..." bat Eowyn inständig. Er drehte nur seinen Kopf weg und schloß die Augen.
"Sie haben uns angegriffen. Wir sind ihnen gefolgt für viele Wegstunden von der Stelle, wo sie unsere Freunde entführt haben. Ich meine... Ich war zusammen mit Faramir und vielen anderen Ännern und überraschenderweise trafen wir Boromir, Laietha und das Mädchen, die versuchten, sie zu finden. Zusammen sind wir weitergeritten und den Spuren gefolgt. Seht euch das an."
Er zeigte ihnen die Strähnen von Legolas‘ Haar und Aragorn schluckte.
"Das ist schlimm!" murmelte er und drehte sich zu Sam, der auf dem Boden saß, an einen Baum gelehnt und schwer atmend. War es der Schock oder kehrte seine Krankheit zurück? Es war ihm nicht schlecht gegangen während den Tagen ihrer Reise, verglichen mit dem Zustand, in dem er sich befand, als er mit Eowyn Minas Tirith erreicht hatte. Natürlich war er noch nicht gesund und schlief von Zeit zu Zeit, aß nicht so viel wie sonst und blieb still - aber er sah besser aus.
"Lieber Sam, was ist mit dir? Irgendwelche Probleme?" fragte Aragorn und blickte ihn voller Sorge an.
"Nein, nichts... ich kriege nur schwer Luft."Seine Stimme war leise und zitterte und Aragorn kniete sich neben ihn.
"Sam, sag mir die Wahrheit! Wirst du wieder krank? Wann fing es an?"
"Naja... nur Kopfschmerzen und Schmerzen in der Schulter. Mach dir keine Sorgen um mich!" flüsterte er und schloß die Augen. Sofort hob Aragorn ihn hoch, nahm ihn auf die Arme und setzte sich zu den anderen, während er Sam über den Kopf strich.
"Ich weiß nicht, was sie ihnen getan haben. Sie kamen aus dem Gebüsch, erschossen unsere Männer - nur wir sind übrig - und waren hinter Laietha und Luthawen her. Ich frage mich, wie sie uns gefunden haben. Dann hat Faramir versucht, beide zu retten, aber sie zerrten ihn nur weg..." Eomer sprack nicht weiter. Er konnte es nicht.
"Boromir leidet an dieser Wunde hier. Rangamer und ich, wir sind nicht verletzt, aber wir sind drei und ihr... zwölf. Das ist nichts! Wißt ihr, wieviele sie waren? Sehr viele. Zu viele. Wir haben keine Chance!"
Eowyn schaute zu Aragorn und er bemerkte die Tränen in ihren Augen.
"Wo sind Beregond und die anderen Männer?" fragte sie. "Wenn sie hier wären, könnten wir möglicherweise..."
Genau in diesem Moment hörten sie das Horn. Ein Horn Gondors, sie erzitterten von diesem Geräusch und schnell bestiegen sie die Pferde und ritten davon, in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.

Die meiste Zeit war Frodo mit geschlossenen Augen gegangen. Er wollte niemanden um sich herum sehen. Er spürte nur Legolas‘ warme und tröstende Hand auf seinem Arm und wußte, daß auch Faramir neben ihm war, aber er litt dennoch an Todesangst. Sie quälte ihn seit Stunden, seit er gesehen hatte, wie grausam diese Monster tatsächlich waren. Sie wollten einem Kind wehtun...
Hunger machte ihm zu schaffen, er fühlte sich schwach und erschöpft und wollte fliehen. Das war der einzige Gedanke in seinem Kopf, herrschend in jeder Sekunde. Jede sich bietende Gelegenheit würde er nutzen, um wegzurennen.
Er öffnete die Augen und sah sich um. Orks und Beorninger unterhielten sich, aber alle Gefangenen waren ruhig, mit Ausnahme von Laietha. Sie summte eine Melodie für ihre Tochter und Frodo versuchte, nicht zu weinen. Es war so traurig.
Er war in Panik. Sie erstickte ihn, er konnte kaum atmen und dachte, er würde das Bewußtsein verlieren, wenn er jetzt nicht irgendwas versuchte. Also rannte er. Davon rannte er, weg ins Gebüsch, es war eine Lücke zwischen den Wächtern gewesen, die nicht schnell genug reagiert hatten.
Aber ihr Anführer geriet in Wut. Sein furchterregendes Gebrüll in den Ohren rannte Frodo durch Gräser und Kräuter, versuchte, ein Versteck zu finden. Aber da hörte er sie hintr sich, die Blätter auf dem Waldboden raschelten und einige Zweige knackten. Er hörte Legolas nach ihm rufen, aber er verstand nicht, was er sagte. Wo sollte er hin? Das war in diesem Moment die wichtigste Frage.
Plötzlich spürte er, wie jemand sein Hemd zu packen bekam, sie waren schneller gewesen und hatten ihn eingeholt. Eine Sekunde später war er umgeben von Beorningern und Orks, sah, wie einer die Hand hob und kauerte sich hilflos auf den Boden und versuchte, sich vor der Peitsche zu schützen.

Legolas wurde fast verrückt, hatte versucht, Frodo festzuhalten, denn er wollte nicht, daß er einen Fluchtversuch startete. Eins war sicher: Er würde kein Glück haben, also wollte er die Bestrafung vermeiden, aber es war zu spät.
Ein Tumult brach aus und einige Wachen rannten ihm sofort nach. Faramir sah ihnen nur hinterher und Legolas rief: "Nein, Frodo, was... bitte, bestraft ihn nicht, bitte tut ihm nicht weh..."
"Sei still, verfluchter Elb! Das ist nicht deine Angelegenheit!"
Legolas rastete fast völlig aus, wollte dem Anführer Flüche an den Kopf werfen, aber Faramir legte die Hand auf seine Schulter und Legolas sagte kein Wort mhr.
Die Minuten kamen ihnen wie Stunden vor, alle warteten darauf, daß etwas geschah. Es war quälend. Kein Geräusch drang aus dem Wald, aber dann kehrten sie schließlich zurück, Frodo hinter sich her über den Boden zerrend. Laietha befahl ihrer Tochter, nicht hinzusehen und Faramir hielt die Luft an.
Sie hatten sich nie vorzustellen gewagt, daß sie so etwas wirklich tun würden, aber es war geschehen.
Sein Hemd war völlig zerrissen, sein halbes Gesicht blutverschmiert und Striemen liefen über seinen gesamte Körper. Er wurde aus einem ganz einfachen Grund gezogen: Er konnte nicht selbst gehen.
Er sagte kein Wort, wurde zu Legolas geschubst und fiel hart zu Boden.
Aber er weinte nicht. Legolas traute seinen Augen kaum, zog ihn hoch und Faramir half ihm, Frodo auf die Arme zu heben.
Legolas fühlte, wie er zitterte und er schluckte, sagte aber nichts.
Es war schwierig, ihn so zu tragen, aber es war notwendig. Der Anführer lachte grimmig und sie marschierten weiter.
Stunden später, als sie endlich Pause machten, setzte Legolas sich hin und hielt Frodo noch immer in den Armen. Der Hobbit hatte noch immer kein Wort gesagt und sah sich nur um, dann setzte er sich hin und schließlich stand er auf. Einige Meter ging er umher, stand immer noch unter Schock, aber wollte immer noch weglaufen. Wenn er es nicht tat, würde sein Leben bald sein Ende finden, das wußte er.
Ein Abhang war ganz nah. Das war die Möglichkeit.
Vortäuschen...
Ohne Zeit zu verlieren, traf er seine Entscheidung und lief, lief einfach auf eine Lücke zwischen Wächtern zu. Es sollte nur vortäuschen, daß er diesen Weg nehmen wollte, denn natürlich war das unmöglich. Sie kamen auf ihn zu und verfolgten ihn, also schrie er in Panik auf und lief zu dem Abhang, wo er für eine Sekunde stillstand. Dann drehte er den Kopf zu beiden Seiten, hörte Legolas rufen - verlor das Gleichgewicht und fiel.
Unsanft landete er auf einem Busch, rollte weiter den Hügel runter und stieß gegen einen Baum. Dann bewegte er sich nicht mehr. Orks beeilten sich über einen anderen Weg, runterzukommen und sammelten sich um ihn. Einer verpaßte ihm einen harten Tritt, aber nichts geschah. Er fühlte keinen Atem auf seiner Hand, als er sie unter Frodos Nase hielt und brüllte etwas. Der Anführer, der auf dem Hügel geblieben war, schüttelte den Kopf und Legolas und Faramir blickten ihn sprachlos an. Laietha fragte, was los war, aber sie bekam keine Antwort.
Legolas glaubte es nicht. Tot. Er war sicher, daß es das war, was der Ork gebrüllt hatte.
Luthawen trat neben ihn und fragte: "Wo ist er?", aber Legolas schaffte es nicht, etwas zu sagen.
Die Orks kamen zurück, hatten ihn gelassen, wo er war und weiter gingen sie. Faramir wollte Frodo nicht in der Wildnis zurücklassen, aber sein Bitten blieb unbeachtet.

Die drei Männer hatten sie mit auf ihre Pferde genommen, denn sie hatten ja keine mehr. Aragorn hielt Boromir fest und Eowyn nahm Sam wieder mit sich. Ihre Pferde eilten durch den Wald und verschiedene Gedanken gingen Sam durch den Kopf. Wer war das wohl? Was konnte wohl passiert sein? Männer aus Gondor... vielleicht Beregond! Das wäre sehr gut.
Bald sahen sie mehr Licht vor sich und ein Hill erhob sich vor ihnen auf einer Lichtung. Einige Gestalten standen dort, hatten sich um etwas versammelt, was sie nicht sehen konnten. Plötzlich rief einer von ihnen: "Wer kommt da?"
"Beregond, wir sind es! Der König und seine Männer!" rief Eowyn und ein Mann rannte ihnen entgegen. Es war Beregond.
"Oh, mein Herr, Ihr seid hier? Ich wußte nicht, daß Ihr uns gefolgt seid! Schnell, wir haben schlechte Neuigkeiten!"
Aragorn zögerte nicht und stieg ab. Voller Sorge folgte er Beregond und stieß dann einen entsetzten Schrei aus.
"Eowyn, halte Sam bei dir! Halt ihn fest!" rief er und Sam war verwirrt.
"Was ist? Streicher?"
Eomer half Boromir beim Absteigen und sie gingen zu den anderen Männern. Eowyn, Sam und die anderen blieben bei den Pferden.
Beregond ergriff das Wort.
"Mein Herr, wir folgten den Feinden, sobald wir ihre Spuren gefunden hatten. Das war nicht schwierig... Auf dem Hügel haben sie eine Pause gemacht, so erschien es uns, und einer der Männer warf einen Blick hinunter und sah ihn hier... es ist der Halbling, Frodo, oder?"
Aragorn nickte stumm und kniete nieder.
"Was denkst du, Beregond?" fragte er nach einer Pause, die Wunden und das Blut ansehend. Er war noch immer gefesselt und lag da wie tot.
"Nun ja, ich weiß nicht, er gab kein Lebenszeichen vor sich, seit wir ihn gefunden haben... wenn er denn Hügel runtergerollt ist, hat der Aufprall ihn wohl getötet. Wir haben das Horn für einen Klageruf genutzt."
Aragorn wußte, daß er wohl Recht hatte, aber er fragte: "Wie alt waren die Spuren auf dem Hügel?"
"Mehr als einige Stunden, es ist schon einige Zeit her, daß sie hier waren."
"Naja... er ist noch immer warm. Atmet kaum, aber... doch, da ist etwas."
Beregonds Augen verrieten seine Aufregung und Aragorn berührte Frodo sanft. Er war sich nicht sicher.
Eowyn kam dazu. Sie hatte Sam auf dem Pferd gelassen, hielt aber die Ungewißheit nicht aus.
"Nein! Ist er tot?" rief sie schockiert und Aragorn schüttelte den Kopf.
"Nein, er lebt noch. Schnell, hol mein Pferd und etwas Wasser!" befahl er und Eowyn lief zurück. Sam sprang vom Pferd und fragte: "Nun, was ist los? Sagt mir das keiner?"
"Sam, komm mal her. Naja, se haben Frodo gefunden. Er ist schwer verletzt und bewußtlos, aber lebt noch. Sein Zustand ist schlecht, sehr schlecht, weißt du..."
"Frodo!" schrie Sam und lief zu den Männern. Eowyn nahm das Pferd und folgte ihm.
"Frodo, mein lieber Frodo, hörst du mich?" Er kauerte sich neben ihn und strich ihm über den Kopf. Keine Reaktion.
"Aragorn, bitte schneid die Stricke durch!" flehte er leise und umarmte Frodo, während er heftig schluchzte.
Mit einem nassen Tuch wusch Aragorn das getrocknete Blut von Frodos Gesicht und während er noch immer überlegte, was er als nächstes tun sollte, hustete Frodo und öffnete schwach die Augen.
"Oh Frodo..." flüsterte Sam und alle jubelten vor Erleichterung.
Ohne ein Wort zu sagen, klammerte Frodo sich an Sam und so saßen sie einige Minuten da in Glückseligkeit. Sogar Boromir lächelte erleichtert.

Schließlich fragte Aragorrn: "Willst du uns erzählen, was passiert ist, Frodo?"
Er lag unter einer Decke und das Leben kehrte in sein blasses Gesicht zurück, aber Frodo nickte. Er lehnte an Sam und alle hatten sich um sie versammelt und hörten aufmerksam zu.
"Die Details erspare ich euch. Grob gesagt war es eine quälende Reise mit diesen herzlosen Monstern, sie haben uns getreten und Legolas sogar die Haare abgeschnitten. Es ist eine Schande, sie sind so grausam, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Als sie euch irgendwann gefunden haben, Boromir, und die anderen nicht weit weg im Wald, sind sie losgerannt um Laietha und ihre Tochter zu holen. Wir mußten zusehen..."
Er machte eine Pause und sprach dann weiter: "Legolas hat sich immer gegen sie gewehrt, hat gestritten... als sie dann auch noch über Luthawen herfallen wollten, brach ein richtiger Tumult aus, wißt ihr... ich war in Panik und habe mich einfach dazu entschlossen, abzuhauen, aber zuerst war es sinnlos."
Aragorn warf einen Blick auf die Peitschenstriemen und fragte: "Haben sie dir das angetan?"
Frodo gab keine Antwort, aber fuhr mit seinem Bericht fort.
"Schließlich habe ich beschlossen, von diesem Abhang zu springen, es war die einzige Möglichkeit. Ich mußte vortäuschen, daß ich tot sei. Ich meine, ich war bewußtlos und weiß nicht, was sie gemacht haben, aber es sieht so aus, als hätten sie es geglaubt. Aber bitte, ihr müßt sie verfolgen, so schnell ihr könnt! Ihr müßt sie vor dieser Folter retten. Vielleicht töten sie sie, ich weiß es nicht..."
Eowyn und Boromir waren geschockt.
"Weißt du, was sie vorhaben?" fragte Aragorn. Frodo sagte: "Nun, sie hassen die Elben, irgendein alter Konflikt, und brauchen Geiseln... Legolas ist das perfekte Opfer für sie, ebenso die anderen..."
Das war alles, was Aragorn in diesem Moment wissen wollte. Sam fragte: "Geht es dir gut, lieber Herr Frodo?"
Frodo nickte. "Aber wie geht es dir? Geht es dir wieder gut?"
"Naja, ich denke schon..."
Diese Stunde war voller Erleichterung - ein klein wenig zumindest. Aber Eowyn und Boromir drängten bald zum Aufbruch und sie folgten weiterhin den Spuren, um die anderen zu finden.

Die Beorninger trieben sie zur Eile an. Legolas und Faramir liefen still und mit gesenkten Köpfen nebeneinander her. Sie hatten Frodo nun schon so lange gekannt und jetzt sollte er tatsächlich tot sein. Luthawen schien nicht wirklich zu begreifen, was genau mit dem Hobbit geschehen war, aber sie wußte, daß es etwas Schlimmes gewesen sein mußte. Sie weinte und Laietha konnte ihre Tochter nicht beruhigen. Sie hatte ja selbst schreckliche Angst. Was, wenn sie ihr Kind töten wollten? Was, wenn sie Faramir für eine Last hielten, der nur unnütz ihr Tempo verlangsamte? Was, wenn sie ihn auch töteten? Sie und Legolas waren relativ sicher, weil die Beorninger sie als Geiseln brauchten, um Aragorn und die Elben unter Druck zu setzen. Faramir trat in eine Unebenheit im Boden und strauchelte. Nur Legolas‘ schnelle Reflexe verhinderten, daß er zu Boden ging. Er hatte sich den Knöchel verstaucht und humpelte jetzt noch obendrein. Legolas hatte ihn stützen wollen, aber einer der Beorninger hatte ihn dafür zusammengeschlagen. Luthawen heulte lauthals. Sie wollte zu dem Elben laufen, der ihr immer so schöne Geschichten erzählt und gezeigt hatte, wie man aus Gänseblümchen Kränze wand. Laietha versuchte verzweifelt, das Kind zu beruhigen, damit sie nicht wieder die Aufmerksamkeit der Beorninger auf sich zögen und Ärger bekämen, aber es da war es schon passiert - Luthawen hatte sich losgerissen und war zu Legolas gelaufen und klammerte sich laut weinend an sein Bein. Der Elb sank auf die Knie und umarmte das Mädchen. "Die sind so gemein! Warum haben sie dir deine schönen Haare abgeschnitten? Und immer schlagen sie dich! Dabei hast du gar nichts gemacht! Das ist so unfair!" Laietha wollte ihrer Tochter nachlaufen, aber es war zu spät. Einer der Beorninger hatte sich auf sie gestürzt und preßte sie zu Boden. Faramir konnte nichts anderes tun, als einfach zuzusehen. Ein weiterer Beorninger ging auf Legolas zu und riß ihn und das Mädchen auseinander. Luthawen weinte nur noch lauter. Sie hämmerte mit ihren kleinen Fäustchen auf seinen Rücken ein. "Laß mich runter! Runter!" Der Beorninger schüttelte sie heftig. "Willste der kleinen toten Ratte da hinten Gesellschaft leisten? Nur raus mit der Sprache - das kann ich einrichten lassen! Mußt es nur sagen!" Er packte sie im Nacken. Luthawen wandte sich und schrie. "Nein, nicht! Ich bitte euch laßt sie in Ruhe!" schrie Laietha. "Hast es wohl immer noch nicht begriffen, Drecksstück, he?" Der Beorninger kam auf sie zu. "Du willst nicht, daß ich sie bestrafe?" Laietha schüttelte den Kopf. "Wen wählst du dann statt ihrer? Den dreckigen Elben vielleicht? Was würdest du davon halten, wenn wir ihm die Hände brächen? Ich wette dann wärs das ein für alle Mal mit dem Bogenschießen, he? Oder vielleicht der Mann? Würde es dir gefallen, wenn wir sein nettes Gesichtchen zerschneiden? Würdest du ihn wählen, um deine dreckige Brut zu beschützen?" Laietha antwortete nicht. "Na, was ist denn los, Elbenschlampe? Wen wählst du an ihrer Statt?" Beorninger und Orks sahen sie interessiert an. Sie sah ihrem Anführer fest in die Augen. "Wie ihr bereits sagtet - sie ist meine Brut." Luthawen hörte auf zu weinen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie sah, wie ihre Mutter sich straffte. Legolas und Faramir wagten kaum zu atmen. Der Beorninger nahm seine Peitsche. Luthawen schloß die Augen und preßte ihre kleinen Hände über ihre Ohren.

"Laß uns keine Zeit verlieren, Aragorn. Wir müssen ihnen folgen!" sagte Boromir. Aragorn bedachte seine Schulter mit einem skeptischen Blick. "Wir müssen uns ausruhen, Boromir. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es sind. Aber wir brauchen ale unsere Kraft, um uns ihnen entgegenstellen zu können. Du, Sam und Frodo - ihr alle seid in einer schlechten Verfassung und ich will nicht riskieren, euch zu verlieren." Eowyn trat an Aragorns Seite. Wir können es uns aber nicht leisten, Zeit zu verlieren! Du hast ja selbst gesehen, was sie mit Frodo gemacht haben!" Sie brachen in eine wilde Diskussion aus. "Sam ist krank! Er braucht Ruhe!" Eowyn sah ihn wütend an. "Ich werde meinen Mann nicht diesen Ungeheuren überlassen!"

Sam und Frodo ruhten an einen Baum gelehnt. Boromir kam zu ihnen hinüber gelaufen. Er kniete neben Frodo nieder. Dem Hobbit war nicht entgangen, daß der Mann bleicher als gewöhnlich war. "Frodo," fragte er sanft. Das arme gebeutelte Ding sah ihn mit müden Augen an, aber er mußte diese Frage loswerden! "Haben sie meiner Frau und meiner Tochter etwas angetan?" Seine grünen Augen waren voller Sorge. Frodo wußte nicht, was er sagen sollte. Würde er die Wahrheit ertragen? "Frodo, bitte. Ich muß es wissen!" bat er - diesmal eindringlicher. Frodo schwieg lange. Als Boromir schon drauf und dran war, die Antwort aus ihm herauszuschütteln, hob der Hobbit langsam den Kopf. "Sie haben das Kind bis jetzt verschont, soweit ich weiß." Boromir stützte den Kopf verzweifelt in seine Hände. Frodo sah voller Mitgefühl zu ihm hinüber und Sam legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. Er mußte daran denken, wie er sich wohl fühlen würde, wenn Rosie oder die Kinder in den Händen dieser Bestien wären.
"Verdammt, Aragorn! Wie kannst du nur so kaltschnäuzig sein? Sie haben deine Schwester und deine Nichte!" hörten sie Eowyn ausrufen. Aragorn ließ die Schultern hängen. Er versuchte ruhig auf die aufgebrachte Eowyn einzureden, aber sie wollte ihm jetzt einfach nicht zuhören. Ihr Bruder war zu ihnen getreten und versuchte sie zu beruhigen. "Nein!" schrie sie. "Ich kann einfach nicht glauben, daß du auch nur eine Sekunde verschenken willst, in der sie ihnen wer weiß was antun könnten!" Eowyn stürmte davon und stieg auf ihr Pferd. Eomer lief schnell zu ihr und versuchte sie davon abzuhalten, ihnen alleine hinterherzureiten. Er sprach zu ihr in der Sprache ihres Volkes und nach einer Weile stieg Eowyn vom Pferd und wischte sich Tränen der Wut aus den Augen. Aragorn ging zu den Hobbits und seinem Schwager und versorgte ihre Wunden. Boromir hatte Fieber und biß die Zähne zusammen, als Aragorn den Verband entfernte.
Der König wandte sich an Frodo. "Bitte, Frodo, erzähle mir alles, was du über diese Kreaturen weißt. Haben sie etwas gesagt? Sagten sie, wohin sie gingen? Haben sie irgend etwas darüber gesagt, was sie wollen?" Frodo gab sich die größte Mühe, sich daran zu erinnern, was er gehört und gesehen hatte und erzählte Aragorn alles was er wußte. "Weißt du worum es in diesem alten Streit geht? Ich meine, die Elben sind friedliche Wesen! Was sollten sie den Beorningern getan haben?" Aragorn atmete tief durch. "Die Beorninger glauben, daß die Elben ihnen Land gestohlen haben. Sie beneiden sie, weil die Elben die schönsten Flecken Erde bewohnen. Sie wollen, daß die Elben ihre Ländereien verlassen und den Beorningern geben. Ich denke, daß sie deshalb Legolas und meine Schwester als Geiseln genommen haben, weil sie genau wissen, daß sie damit die beiden mächtigsten Elbenherrscher - König Thranduil des Düsterwaldes und Herrn Elrond erpressen können." Boromir sah Aragorn an. "Was wirst du tun, wenn sie dich fragen?" Aragorn schwieg. Sam drückte Boromirs Hand. "Natürlich wird er sich für seine Schwester entscheiden. Mach dir keine Sorgen. Er hat seine Freunde noch nie im Stich gelassen. Das hat er nicht getan, als Saurons Mund Eowyn und die anderen in seiner Gewalt hatte und von Aragorn sein Königreich forderte und er wird gewiß nicht jetzt damit anfangen. Das steht ja wohl schon mal fest." Aber irgendwie gefiel Sam die Art nicht, mit der die beiden Männer sich ansahen. "Ich hoffe, daß es nicht dazu kommen wird," gab Aragorn zurück. "Du weißt, worüber wir vor einigen Jahren gesprochen haben." Boromir schüttelte verzweifelt den Kopf. "Ja, aber das hier ist etwas anderes! Ich meine..." Aragorn brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. "Ruh dich jetzt aus. Wir brechen im Morgengrauen auf. Sie sind mit Orks unterwegs, das heißt, sie werden am Tage langsamer vorankommen."
Beregond und zwei seiner Männer kehrten zurück. Sie waren den Spuren der Beorninger gefolgt, um näheres in Erfahrung zu bringen. "Mein Herr, es sind etwa 15 Beorninger und 30 Orks, soweit wir feststellen konnten." Aragorn sog scharf den Atem ein. Das waren schlechte Nachrichten. "Wir haben das hier gefunden." Der Soldat überreichte dem König eine kleine silberne Haarspange. Die gehörte seiner Nichte. Aragorn packte sie vorsichtig in die Tasche seines Mantels. "Vielen Dank, Beregond. Ruht euch jetzt aus." Der Soldat verneigte sich und ging zurück zu seinen Männern. "Mach dir keine Sorgen, wir finden sie," sagte Aragorn und reichte die Spange seinem Freund. Dann ging auch er, um etwas zu schlafen, obwohl es nicht einfach werden würde. Aber er mußte es zumindest versuchen.
Eowyn saß auf der anderen Seite des Lagers, zusammen mit ihrem Bruder. Eomer nahm sie in den Arm, um sie zu trösten. "Mach dir keine Sorgen, wir werden sie bald finden. Vergiß nicht, daß wir Pferde haben und sie haben keine. Wie weit können sie schon sein?" Eowyn zuckte hilflos mit den Schultern. Sie wußte ja, daß Aragorn Recht gehabt hatte und daß die Hobbits und Boromir Ruhe brauchten. Sie waren schwer verwundet. Aber wenn sie etwas nicht ausstehen konnte, dann war es untätig herumzusitzen. Sie würde sich besser fühlen, wenn sie ihnen folgen würde, um ihnen zu helfen. "Und sie sind noch am Leben. Warum sollten sie sie auch töten wollen?" Ihre Blicke trafen sich. "Ja, Luthawen, Legolas und Laietha werden sie nicht töten, weil sie die brauchen, aber was ist mit Faramir? Er ist ihnen nicht von Nutzen! Du hast ja gesehen, was sie allein schon mit Frodo gemacht haben und er ist so klein. Sie müssen verdammt grausam sein!" Eowyn fing wieder an zu weinen.

Elrond hielt nachdenklich den Brief in der Hand, der von seiner Tochter eingetroffen war. Auch ihm waren Gerüchte über die Beorninger zu Ohren gekommen und vor einigen Wochen waren ein paar von ihnen in Bruchtal gewesen und hatten sich ausgesprochen unzivilisiert benommen. Die Situation schien ernster als erwartet zu sein. Er schrieb seiner Tochter einen Brief, in dem er sie aufforderte, sich unverzüglich auf den Weg nach Bruchtal zu machen, denn Elrond befürchtete, daß sie im Landhaus nicht mehr sicher wären. Eine düstere Ahnung, was die Sicherheit seiner Tochter betraf hatte ihn beschlichen. Vielleicht war es keine so gute Idee, ihr einen Brief zu schreiben. Er faßte den Entschluß, sich selbst auf den Weg zu ihr zu machen und sie nach Bruchtal zu geleiten. Er hatte ohnehin vorgehabt, Gondor einen Besuch abzustatten. Elrond gab seinen Bediensteten den Befehl, ihm ein Pferd zurecht zu machen und schickte nach seinen Söhnen.

Der Beorninger keuchte heftig, als er die Peitsche sinken ließ. Es hatte nicht halb so viel Spaß gemacht, wie er gehofft hatte. Die Frau hatte weder geschrien noch geweint oder um Gnade gewinselt. Das war doch nicht normal! Er schlug ihr ins Gesicht. Sie ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. Er trat ihr in die Seite. Der Beorninger schnaubte angewidert. Er drehte sich zu Faramir und Legolas um. Der Mensch hielt Luthawen auf dem Arm. "Los, schafft sie weg! Wir haben heute noch viel vor!" Legolas beugte sich zu ihr hinunter. Ihr linkes Auge war geschwollen und ihre Kleidung zerrissen. Er rief ihren Namen. Langsam öffnete sie das Auge. Blut tropfte ihr aus dem Mundwinkel. Er wischte es vorsichtig weg. "Kannst du gehen?" fragte er in der elbischen Sprache. Sie nickte und rappelte sich auf. "Ich will nicht, daß sie mich so sieht." Flüsterte sie mit einem raschen Blick auf ihre Tochter. Sie hörte das Kind leise weinen. Diese Monster würden dafür bezahlen.
Nach endlosen Stunden des Laufens machten sie endlich Halt. Laiethas Magen knurrte. Seit man sie gefangengenommen hatte, hatte man ihnen noch nichts zu Essen gegeben. Der Hauptmann der Beorninger schien ihre Gedanken gelesen zu haben. "Es gibt kein Essen für Freunde der dreckigen Elben!" knurrte er. Niemand protestierte.
Stunden waren vergangen und Luthawen war wachgeworden und zu ihrer Mutter auf den Schoß gekrabbelt gekommen. Es war kühl und Laietha versuchte sie zu wärmen. Faramir und sogar Legolas waren eingeschlafen, genau wie die meisten der Beorninger. Nur einer von ihnen kam plötzlich auf sie zu. Laietha zog ihre Tochter fester an sich heran. Welche Teufelei hatten sie jetzt schon wieder ausgeheckt? Sie war zu erschöpft, um noch einen weiteren Kampf zu bestreiten. Der Beorninger beugte sich zu ihnen hinunter und betrachtete das Kind. Dann sah er sich schnell um, um zu sehen, ob sie unbeobachtet waren. Er gab Laietha etwas zu Essen für Luthawen. Sie war sprachlos. Als der Beorninger gerade wieder von dannen ziehen wollte, brachte Laietha ein "Danke" hervor. Er drehte sich noch einmal zu ihr um und sah ihr in die Augen. "Ich hasse die Elben und alle, die mit ihnen gemeinsame Sache machen." Er machte eine Pause. Laietha betrachtete ihn genauer. Er war einer der Jüngsten unter ihnen - ein einfacher Soldat, wie es schien. "Aber," fuhr er fort, "ich habe selber einen Sohn." Sie lächelte ihn an. "Du mußt besser auf das Kind achten. Und zu niemandem ein Wort über das Essen." Er zögerte und fügte hinzu: "Elbenschlampe." Damit ließ er sie allein.

Wieder waren sie seit Stunden unterwegs. Sam schlief in Eowyns Armen, Eomer und Boromir, der noch immer schwach war, saßen auf dem Rücken eines anderen Pferdes. Aragorn ritt stumm und fühlte nur, wie Frodo sich an ihn klammerte. Sie mußten ihm Furchtbares angetan haben, vermutete er. Und er hatte recht. Frodo hörte noch immer den Knall der Peitsche in den Ohren und ihr Gelächter. Er war nicht wirklich glücklich darüber, wieder frei zu sein. Er dachte an seine Freunde, die vermutlich schrecklich unter Folter und Angst zu leiden hatten, und es bereitete ihm eine Todesangst. Er glaubte noch immer nicht, daß er es geschafft hatte, und er erinnerte sich daran, wie Luthawen weinte und an Legolas mit seinen kurzen Haaren, wie er sich verteidigte.
Er hatte Glück. Er hatte etwas zu Essen bekommen und durfte schlafen, wann er wollte. Es spendete ihm einigen Trost, Aragorn im Rücken zu spüren. Alles war nun in Ordnung. Sam sah viel gesünder aus und er war ebenfalls sicher. Die königlichen Wachen unterhielten sich. Eowyn hörte ihnen zu, um sich abzulenken, aber sie hatte damit keinen Erfolg.
Sicherlich waren sie auf ihren Pferden viel schneller als die Feinde. Sie würden sie problemlos einholen, sie angreifen, die anderen befreien...
Diejeniegen befreien, die noch am Leben waren! Sie spürte, wie die Tränen ihr in die Augen stiegen und hörte Aragorn sagen: "Eowyn, sei nicht so traurig, bitte. Vertrau mir! Ich werde nicht zulassen, daß dein Kind ohne einen Vater aufwächst! Das verspreche ich dir!"
Sie lächelte angestrengt. Als Boromir sie sprechen hörte, schöpfte er ein wenig neuen Mut. Aragorn klang so... naja... er dachte, es wäre vielleicht möglich, Laietha und Luthawen irgendwann wieder in den Armen zu halten. Vielleicht.
Noch immer hatten sie einige Wegstunden vor sich, bis sie den Großen Strom erreichen würden, überlegte Aragorn. Wohin waren ihre Feinde verschwunden? Er stellte fest, daß es keine Spuren mehr gab. Um genau zu sein, hatte er die letzte Spur vor zwei Tagen im Firienwald gesehen. Von Zeit zu Zeit hatten sie einige Fußabdrücke gesehen, ja, aber richtige Spuren - keine. Und diese Gegend war nicht so eben. Natürlich konnte man nicht jeden in diesen Hügeln entdecken. Vielleicht waren sie einen anderen Weg gegangen. Ihr Ziel war der Düsterwald, und dorthin würden sie ihnen folgen. Aber wo waren sie? Er rief nach Beregond.
"Mein Freund, was denkst du, wohin sollen wir gehen? Hast du irgendwas von Interesse gesehen?"
"Nein, mein Herr, wir verfolgen sie nun seit Tagen und die Spuren werden weniger. Die Spange haben wir im Wald gefunden und später wurden die Spuren weniger. Ich denke, es wäre möglich, daß wir sie inzwischen überholt haben."
"Nun, vielleicht, aber das würde bedeuten, daß wir ein Problem haben. Ich schlage vor, wir machen eine Pause und überdenken die Lage."
Die anderen stimmten zu und Boromir legte sich neben Sam. Jeder war mit seinen Gedanken alleingelassen und sie waren einfach froh, dort zu sitzen und nichts zu tun. So erschöpft, wie sie waren, fielen die meisten von ihnen sofort in tiefen Schlaf und erkannten die Gefahr nicht.

Sam wurde geweckt von Eowyns Geschrei. Er schreckte hoch und blickte sich um, wobei er feststellte, daß fast jeder in einen Kampf verwickelt war. Es waren Orks und Beorninger! Wo zum Balrog kamen die her?
Er stand auf und suchte eine Waffe. Dann sah er, wie Frodo neben ihm kauerte, am ganzen Körper zitternd, und sich an Sam festklammerte.
Sam war total verwirrt. Was sollte er nun machen?
Boromir stand hinter Eomer, ein Schwert in der Hand, aber er wurde beschützt, da er sich nicht selbst verteidigen konnte. Brüllend und voller Zorn versuchte Aragorn, die Feinde zurückzukämpfen und Eowyn mußte drei von ihnen Widerstand leisten. Es war ein unglaublicher Anblick, Sam traute seinen Augen kaum.
Warum hatte er keine Waffe mitgenommen? Nun stand er da, mit leeren Händen, und mußte Frodo beschützen, der vor Angst wie versteinert schien.
Niemand hatte sie bis jetzt beachtet, außer Aragorn und einige seiner Männer, die vor ihnen standen. Die Hobbits konnten sich hinter ihnen verstecken, aber das war nicht das, was Sam in diesem Moment vorhatte. Er wußte, daß er etwas tun mußte.
Er wollte zu Boromir rennen, um sein Schwert zu holen, aber sobald er einen einzigen Schritt machen wollte, krallte sich Frodo an ihm fest und bettelte: "Bitte laß mich nicht allein! Sam..."
Also blieb Sam bei ihm und sie beobachteten den Kampf.
Aragorn war in Rage und tötete eine ansehnliche Anzahl der Feinde. Sam hielt die Aufregung kaum aus. Dann sah er, wie einer der Beorninger mit einem Pfeil auf Eowyn zielte.
"Eowyn! Duck dich!" brüllte er und ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren, folgte sie seiner Warnung und der Pfeil traf den Ork, der hinter ihr stand. Dankbar sah sie Sam an. Dann, bevor Sam etwas sagen konnte, kam ein Beorninger und hob sein Schwert. Eowyn hatte es gemerkt und versuchte, den Schlag abzuwenden, aber ihr Arm war getroffen und sofort trat Blut aus der Wunde.
Geschockt schrie sie auf und war so wütend, daß ihr Gegner schließlich aufgab, aber dann traf ein Pfeil sie an der Schulter. Sie fiel zu Boden.
"Eowyn!" schrie Sam und wollte zu ihr laufen, aber dann sah er, wie Frodo aufsprang und wegrannte.
"Nein! Frodo! Stop, nicht..." rief Sam und folgte ihm eiligst, packte ihn und hielt ihn ganz fest. Plötzlich fanden die beiden sich umgeben von Orks und Beorningern.
Er hielt die Luft an und sah eine Möglichkeit zur Flucht, wollte laufen - aber dann hörte er Frodo schreien. Sie wollten ihn wegzerren!
"Hilfe! Aragorn!!!" Er packte das Schwert eines Orks und wollte ihnen nachlaufen. Plötzlich spürte er, wie jemand ihn zur Seite stieß und sah, wie Boromir die Flüchtigen verfolgte.
Aragorn hatte gesehen, was geschah, und wollte ihnen zu Hilfe eilen, aber wurde von einem Beorninger aufgehalten und mußte sich weiterhin den Weg freikämpfen.
Eowyn stand auf und wollte ihnen hinterherstolpern, aber sie war zu schwach und fiel.
Sam war mehr als verängstigt, aber es war Frodo, den sie da trugen. Er rannte den Orks nach, die ihn wegbrachten, aber plötzlich fühlte er, wie jemand ihn hochzerrte und ihn unnachgiebig in seinen starken Armen hielt, irgendein Ork.
"Sam!" brüllte Aragorn, er hatte mitangesehen, was geschah, aber war noch immer mitten in einem Kampf.
Boromir stolperte und wurde von einem Feind geschlagen, fiel neben Eowyn zu Boden und beide standen sie vorerst nicht wieder auf.
Frodo und Sam wurden weggetragen, um Hilfe flehend, aber da war niemand, der ihnen helfen konnte. Beregond war verletzt, einige Männer waren tot und der Rest fand keinen Weg, ihnen zu folgen.
Aragorn spürte, wie ein Strick sich um seine Füße wand. Er hatte den Feind erschlagen und wollte denen hinterherlaufen, die die Hobbits entführten, aber er stolperte und fiel.
"Hab dich!" brüllte ein Beorninger und beugte sich zu ihm runter, während er versuchte, Aragorn zu fesseln, aber das war zuviel. Plötzlich wurde ihm klar, daß er es war, hinter dem sie her waren.
Er trat ihn und ergriff sein Schwert, aber fand sich plötzlich umgeben von Gegnern und wußte, daß es eine sehr gefährliche Situation war.
Dann, ganz unerwartet, fielen zwei von ihnen und er sah dort Eowyn stehen, der immer noch der Pfeil in der Schulter steckte, und Eomer näherte sich. Doch dann packte der Beorninger, der das Seil hielt, Eowyn. Sie versuchte, ihn loszuwerden, aber es war sinnlos.
Eomer wollte seiner Schwester helfen, aber er und auch Aragorn hatten keine Chance, denn zuerst mußten sie sich selbst verteidigen. Doch Rangamer war nicht untätig gewesen und tötete den Beorninger, der versuchte, Eowyn zu entführen.
Plötzlich hörten sie einen Schrei von hinten und sofort drehten die Feinde um und ließen ihre Opfer dort stehen, wo sie waren.
Schwer blutend und nach Luft ringend stand Eowyn da, gestützt von Eomer. Aragorn glaubte nicht, was er sah: Sie verschwanden einfach und ließen sie zurück.
Fünfzehn waren nur noch übrig und ungefähr genausoviele hatten sie von den Feinden getötet.
Eowyn weinte. Der Schmerz wuchs und sie hörte noch immer die Hobbits um Hilfe rufen.
"Warum konnten wir ihnen nicht helfen? Jetzt haben sie sie beide, die armen Kleinen... verdammt! Verfluchte Bastarde!"
Einige Flüche folgten, während Aragorn sie dazu drängte, sich hinzusetzen und er zog ihr den Pfeil aus der Schulter. Die meisten Männer brauchten Hilfe, denn sie waren alle verwundet. Aragorn war noch immer nicht verletzt und damit beschäftigt, Wunden zu versorgen.
Am Ende waren sie alle wieder auf den Beinen und es ging ihnen gut, sofern man davon sprechen konnte, und sie waren voller Wut.
"Mein Herr, können wir nicht versuchen, ihnen zu folgen und die anderen zu befreien?" fragte Rangamer und Aragorn nickte.
"Nun, das ist genau das, was ich vorhabe. Sie sind noch nicht weit, sind kaum mehr als wir und ich will Rache!" Jeder konnte seinen Zorn spüren. Er konnte kaum klar denken. Eines war sicher: Die Feinde würden nicht weit kommen.

Vierter Abschnitt

Frodo schluchzte, konnte kaum atmen und wehrte sich nicht einmal, als sie ihn fesselten. Sam hingegen reagierte völlig anders. Er wünschte, er hätte seine Bratpfanne dabei, um sie auf ihre Köpfe niedersausen zu lassen, aber ihnen in die häßlichen Gesichter zu treten, das war alles, was er tun konnte.
"Laßt mich los! Verdammte Orks! Dreckiger Haufen! Ich hab genug von euch!" brüllte er und zappelte hilflos. Weiter und weiter rannten sie, und er konnte nichts dagegen tun, daß er am Ende auch gefesselt wurde.
Schließlich, als sie einen Wald erreichten, hielten sie an und als der Ork, der ihn trug, sich umdrehte, sah er sie.
Legolas sprang auf, Faramir schrie entsetzt und Sam schlug auf dem Boden auf, neben Luthawen. Frodo lag neben ihm, sein Gesicht war schmutzig und voller Tränenspuren.
Legolas zog Frodo hoch und hinter seinen Rücken. Faramir versuchte dasselbe mit Sam, sofern sie es mit gefesselten Händen konnten.
Sam fühlte sich sofort ein wenig beschützt, aber er zitterte, als er die Stimme des Anführers hörte.
"Nun, Jungs, was ist passiert?"
Ein Ork berichtete vom Kampf und dann sagte der Anführer: "Also ihr sagt, der König wäre zu stark gewesen? Ich verstehe... also müssen wir es nochmal versuche. Das nächste mal könnten wir ihn auch töten, wäre auch eine Möglichkeit. Und wen haben wir hier?"
Er trat neben Legolas und Frodo und packte Sam an den Haaren.
"Noch ein Halbling! Wie angenehm! Kann man den ganzen Tag über bedrohen, ganz einfach. Wär lustig, stimmt‘s? Und dann... was sagt ihr, ein zweiter Halbling? Nein, verdammter Mensch, mach Platz! Laß mich se - was ist das? Ein Toter wieder lebendig? Ist doch der Halbling, den wir am Hügel zurückgelassen haben! Rede! Was zum Balrog tust du hier?"
Frodo gab keine Antwort, versuchte nur, sich hinter Faramir zu verstecken.
"Rede, du dreckige kleine Ratte, du hast vorgetäuscht, tot zu sein und wurdest gefunden? Das ist es! Uns verarscht! Sollten wir ihn bestrafen?"
Einige Orks kamen näher und starrten ihn an, aber Faramir und Laietha stellten sich in den Weg.
"Nun gut, dann machen wir das später aus. Wir haben Zeit! Und jetzt hoch und weiter geht‘s!" befahl er in einem scharfen Ton.
Sam konnte sich nicht an diese neue Situation gewöhnen. Er sah sich um und fand Laietha und Luthawen rechts, neben Faramir, und Legolas mit Frodo auf der anderen Seite. Er konnte nicht anders und mußte Legolas ansehen, der still neben Frodo ging und seinen Arm hielt, als eine tröstende Geste.
Sam konnte Legolas ansehen, wie sehr er sich schämte. Es war offensichtlich, daß er litt. Noch immer konnte er es nicht ertragen, Frodo lange anzusehen. Er sah sehr schlecht aus, die Wunden und Striemen... Faramirs Hemd war zerrissen und Sam sah einen langen Schnitt auf seiner Brust, der langsam heilte.
Dann bemerkte er plötzlich die Kopfschmerzen und den Schmerz in seiner Schulter. Die Krankheit kehrte wieder zurück, aber er sagte kein Wort darüber.
Einige Zeit später sagte Legolas: "Ihr habt uns überholt. Wir haben hier eine Pause gemacht und hörten euch in der Ferne auf den Pferden vorbeireiten. Sie zögerten nicht und rannten davon mit ihren Waffen. Sie haben uns mit einigen Wachen zurückgelassen, die lachten und sagten, daß sie nun gehen und den König holen würden. ich habe es bezweifelt, aber ich fürchtete, daß den anderen etwas passieren würde - und hier seid ihr. Wie geht es den anderen?"
Sam zuckte mit den Schultern und sagte: "Naja, Boromir und Eowyn waren verletzt, Aragorn geht es gut... war ein echt schlimmer Kampf, weißt du? War zu Tode verängstigt."
"Und wie geht es dir? Wieder gesund?"
"Mehr oder weniger."
"Ihr könnt euch beide nicht vorstellen, wie wir uns wegen Frodo gefühlt haben. Wir dachten wirklich, er wäre tot!"
Die beiden Hobbits sahen ihn an und er erzählte ihnen, was geschehen war. Vieles wußte auch Frodo noch nicht.
"Ich meine, ich habe nicht verstanden, was passiert ist, aber stimmt es, wenn ich sage, daß du nur so getan hast, um entkommen zu können? Gefährliche Idee, aber es hat wirklich funktioniert, naja... ich war so traurig! Was ist dann passiert?"
Sam erzählte him, wie sie Frodo gefunden hatten und dann waren sie alle wieder still, besonders Frodo. Er wußte, da lauerte noch etwas.
Später beugte Legolas sich zu Sam hinunter und flüsterte: "Sie haben ihm etwas Grausames angetan, wie du sehen kannst. Ich weiß nichts Genaues, aber als er von seinem ersten mißlungenen Fluchtversuch zurückkehrte - naja, du siehst es ja."
Sam nickte und schulckte. Sie würden es noch bereuen, das getan zu haben. Die Schande, die sie Legolas angetan hatten und die Brutalität Frodo gegenüber waren etwas, das Aragorn sehr hart bestrafen würde.
Nachdem die Nacht hereingebrochen war, machten sie wieder eine Pause und die Gefangenen saßen dicht zusammen. Luthawen und die Hobbits waren zwischen den anderen und Faramir sagte, er würde die erste Wache übernehmen.
Es war für sie normal geworden, daß einer Wache hielt, um Übergriffen vorzubeugen. Bald schliefen die anderen ein.

Irgendwann nach Mitternacht wachte Sam auf. Es war kalt an seiner Seite, wo Frodo sich zusammengerollt hatte. Er war nicht da.
In Panik setzte Sam sich auf und schaute sich um. Faramir schlief wie die anderen. Dann hörte er leises Gelächter und sah sie neben dem Feuer.
"... schlaue Idee! Aber mich zum Narren zu halten war die dümmste Idee deines Lebens, glaub mir das! Was denkst du, wer du bist, Dreckskerl?"
Da war er, geknebelt kauerte er vor dem Anführer, der Frodo nun schlug. Sam zuckte zusammen und schüttelte Legolas.
"Es ist Frodo, bitte, tu was..." flüsterte er und Legolas starrte hinaus in die Dunkelheit. Dann sah er, was geschah und trat Faramir. Er fuhr hoch und wollte schreien, aber Legolas hielt ihm den Mund zu und sagte: "Nun verrate uns bitte mal, warum du eingeschlafen bist, bevor du mich wecken solltest, verdammt!"
"Was ist los? Probleme?" murmelte Faramir müde und Legolas deutete zum Feuer.
"Gut gemacht! Jetzt haben sie Frodo."
Faramir war geschockt und bereute seinen Fehler.
"Ey, verfluchtes Waldvolk! Was tut ihr?" rief er und überrascht sahen sie ihn an. Sie ließen Frodo gehen, der stolperte und fiel, als er versuchte, zu den anderen zurückzukommen.
"Oh, wieder aufgewacht! Unterhalten uns nur. Setz dich hin und schlaf weiter, dreckiger Sohn ei..."
"Nein, sag das jetzt nicht. Komm schon, Frodo, komm zurück, alles ist in Ordnung!" sagte Faramir, trat zu Frodo und zog ihn hoch. Er rannte zu Sam, klammerte sich an seinen Arm und zitterte stark.
Es gefiel ihnen nicht, wie Faramir redete, aber unternahmen nichts dagegen. Also setzte er sich wieder hin, während Sam Frodo tröstete, ihm über den Kopf strich und sagte: "Tut mir leid, daß ich eingeschlafen bin, kleiner Freund. Wenn ich gewußt hätte, daß sie vorhatten, hilflosen Hobbits wehzutun, hätte ich ihnen mit Sicherheit den Hals durchgeschnitten!"
Sanft löste Sam den Knebel und Frodo schluchzte vor Angst. Tränen fielen auf Sams Hemd und er nahm Frodos Hand. Faramir sagte was von verfluchten Bastarden und Hunger.
In der Zwischenzeit waren auch Laietha und Luthawen aufgewacht und schauten die anderen überrascht an.
Frodo wurde erschreckt von jedem Knacken eines Zweiges und als Sam feststellte, daß sein Zustand noch schlimmer war als sein eigener, vergaß er seine schmerzende Schulter und wärmte Frodos Hände.

"Wir werden sie solange jagen, wie es nötig ist. Sie werden uns ganz bestimmt nicht los, das verspreche ich, ich halte den Gedanken nicht aus, daß unsere Freunde ständig ihre Opfer sind. Ich meine... ich bekomme Frodo nicht aus dem Kopf, wie es aussah, als wir ihn gefunden haben. Und könnt ihr euch vorstellen, welche Schande Legolas erleiden muß?
Es gab viele Dinge in meinem Leben, viele Dinge, die ich erfahren mußte, die grausam und brutal waren. Um nur die Entführung von Sam und Frodo zu nennen. Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, aber manchmal sind mir die Wunden, die zurückgeblieben sind, sehr bewußt. Die sichtbaren, zum Beispiel die Wunden an Sams Beinen, und das Leiden, das sie ertragen mußten. Es ist unglaublich, was sie ertragen können, ich habe das nie für möglich gehalten. Aber es ist nicht ihre Bestimmung, versteht ihr? Wieder und wieder sind sie in Dinge verwickelt, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben. Noch immer wache ich oft nachts auf aus Alpträumen bezüglich des Krieges, den wir vor einigen Jahren gegen Saurons Mund führen mußten, als er kam, um sie zu täten. Ich habe in einem Moment all meine Macht verloren und fühlte mich hilflos. Und wegen mir mußten sie leiden. Von Zeit zu Zeit macht mir das Sorgen, es ist noch immer nicht vorbei.
Und jetzt, seht was jetzt passiert. Sie sind hinter Elben her, ihrem Land und unseren Freunden. Und hinter mir waren sie auch her. Ich sah das Leuchten in seinen Augen, als der Beorninger dachte, er hätte mich in seiner Gewalt. Ich bin sicher, daß ihr Befehl lautete, mich gefangenzunehmen. Nun, tatsächlich ist es ganz egal, wen sie haben. Legolas, Prinz von Düsterwald, ist eine Geisel von enormem Wert. Laietha ist meine Schwester und ebenso haben sie meine Nichte. Faramir ist Statthalter in Ithilien und ich hoffe, daß sie weder das wissen, noch, was Frodo und Sam uns bedeuten.
Wenn sie mich hätten, würden sie alles, was sie haben wollten, von den Elben bekommen. Ohne Probleme, und das wissen sie. Ich war erstaunt, als der Befehl erging, daß sie sich zurückziehen sollten. Ich denke wirklich, es wäre einfach für sie gewesen, den Rest von uns zu töten und mich mitzunehmen. Der einzige Grund, daß sie es nicht taten, scheint zu sein, daß sie zuviele Männer verloren haben. Und ich bin sicher, daß das noch nicht vorbei ist. Ebenso bin ich sicher, daß wir eine Chance haben, wenn wir sie überraschen. Einige von uns sind verletzt, aber ich bin sicher, ihr seid genauso voller Wut, wie ich es bin. Oder?"
Aragorn beendete seine Rede und Stille breitete sich aus, aber plötzlich sagte Eowyn: "Gut gesprochen, mein Freund, ich denke, du hast so Recht, wie ein Mann nur Recht haben kann. Ich bin entschlossen, alles Nötige zu tun. Ich bin verwunded - aber unsere Freunde sind es auch und ich bin sicher, daß sie nicht das Essen bekommen, was wir haben. Ich bin sicher, daß sie nichts bekommen, sogar nur wenig Schlaf. Diese Mistkerle haben ein Mädchen bei sich, nicht älter als fünf Jahre, und sie haben Frodo schlimm zugerichtet. Ich habe bemerkt, wie apathisch er war und mir meine eigenen Gedanken gemacht. Stellt es euch nur vor, er hat sogar sein Leben riskiert, um einen Fluchtversuch zu starten. Stellt euch nur vor, was das bedeutet: Er war so verzweifelt, daß es ihm egal war, ob er sterben würde. Eins folgte aufs Andere. Furchtbare Bestrafung und dann hat er nicht gezögert, den geraden Weg einen Hügel hinunter zu nehmen und auf einen Baum zu prallen.
Sie werden sie töten, ganz egal, wie die Entscheidung ausfallen wird. Später. Sie werden sie töten - und ich will meinen Mann nicht verlieren."
Sie alle blieben stumm. Voller Sorgen waren sie, auch ängstlich und befürchteten das Schlimmste."
"Es ist nur das Land, das die Elben haben. Es war nicht unfair, wirklich, es war nicht unfair. Der Boden war überall gleich und jeder bekam ein Stück von der gleichen Größe. Aber die Elben konnten den Boden besser fruchtbar machen, das ist es, und dann kamen die Waldmenschen dorthin, wo die Beorninger leben, und Krieg brach aus. Nun leben beide Völker dort und es gibt keinen Frieden mehr. Irgendjemand muß die Lüge verbreitet haben, daß die Elben etwas genommen haben, was ihnen nicht gehörte. Und ich wurde nach Minas Tirith gerufen und fand nur Aggression vor. Die Beorninger können gut fluchen, wirklich.
Ich werde nie die zahllosen Peitschenstriemen auf seinem Körper vergessen... und sein Gesicht blutverschmiert. Es muß ein Akt immenser Grausamkeit gewesen sein, einen Halbling zu quälen, der gefesselt ist und nicht in der Lage, sich zu wehren. Mein Urteil ist gnadenlos in diesem Fall. Sie nahmen jeden mit, den sie kriegen konnten, ist es nicht so? Sie werden sie in den Düsterwald schleppen, ganz egal was kommt, ich könnte eine Armee schicken, um sie aufzuhalten. Aber sie würden sie töten und kämpfen. Es ist nutzlos, alles ist nutzlos. Das ist schlimmer als alles, was ich jemals zuvor erlebt habe. Du sagtest, Boromir, daß Laietha Elrond einen Brief geschrieben hat? Ich bin gespannt, zu sehen, was er nun tut, und wie. Aber welche Macht der Welt, bei den Valar, könnte nun helfen?"
Sie hatten ihr Zeitgefühl verloren und wußten nicht genau, seit wievielen Tagen sie nun ritten und voller Sorgen. Es war irgendwie nicht zählbar.
"Und Sam ist krank", fügte Boromir hinzu.

Sam konnte Frodo nicht helfen. Er war voller Angst und Schmerz. Psychisch.
Sie hatten es bereits versucht: Wenn sie ihre Hände nicht auf seinen Armen ließen, spielte er verrückt. Legolas und Sam waren die ganze Zeit bei Frodo. Es war wie ein richtiges Traume. Jedes Geräusch, das Orks und Beorninger von sich gaben, schreckte ihn auf.
Er mußte wissen, daß sie bei ihm waren und ihn nicht verlassen würden. Sicherlich würde er nie wieder versuchen, zu fliehen. Strafe war etwas, das ihn vor Angst erstarren ließ.
In der Nacht war er schreiend und schwitzend aufgewacht. Irgendein beängstigender Alptraum. Die Erwachsenen verloren kein Wort darüber, aber von Zeit zu Zeit fragte Luthawen: "Warum ist Onkel Frodo so traurig und still?"
Wenn sie ihn ansah, betrachtete sie aufmerksam seine Wunden und versuchte zu verstehen, warum er so schlimm verletzt war.
Als sie sich hinsetzten bei der nächsten Pause, saß Faramir neben Sam und sagte: "Bist du immer noch wütend auf mich, weil ich bei der Wache geschlafen habe? Es tut mir so leid... ich wollte nicht, daß das passiert!"
Frodo, der auf den Boden starrte, hörte ihnen nicht zu. Sam sagte: "Er war schon so, als wir ihn gefunden haben, das hat nichts mit dir zu tun, keine Sorge."
Es war keine wirkliche Erleichterung für Faramir und einige Minuten später sagte er: "Erzähl mir von Eowyn! Du warst die meiste Zeit mit ihr zusammen. Ihr geht es gut?"
Ein Beorninger schrie sie an, daß sie ruhig sein sollten, aber nach einer Pause antwortete Sam ihm.
"Ja, es geht ihr gut. Sie war verletzt, aber hatte vor nichts Angst. Ihr einziger Gedanke und ihre Sorge galt dir. Um mich hat sie sich wirklich gekümmert, dafür bin ich sehr dankbar. Hm... es gibt da etwas, das möglicherweise ein Grund für dich sein könnte, ein wenig glücklich zu sein."
Interessiert sah Faramir ihn an und Sam sagte: "Du wirst Vater."
Voller Staunen atmete Faramir tief durch und fand keine Worte. Legolas grinste.

Boromir war in Gedanken versunken. Eowyn hatte Recht. Es war ganz egal, was sie von den Elben fordern würden und auch egal, ob diese darauf eingingen - die Beorninger würden die Gefangenen töten. Er konnte nicht einfach nur rumsitzen und warten, bis sie seine Frau und seine Tochter töteten. Aber irgendwie hatte auch Aragorn Recht. Wenn sie mit einer Armee anrückten, um sie zu befreien, würden die Geiseln ebenfalls sterben. Sie konnten nicht einfach ins Lager des Feindes marschieren ohne zu riskieren, daß ihre Freunde umgebracht würden. Er hatte ja gesehen, was sie Frodo angetan hatten. Verdammte Bastarde! Und eins wußte er ganz sicher - Frodo war eine der friedfertigsten Personen, die er kannte. Er hatte bestimmt nichts gesagt, um diese Monster zu provozieren. Er fürchtet, daß Laietha nicht so still gewesen sein würde. Besonders nicht, wenn sie versuchte ihre Tochter zu beschützen. Wenn diese Ungeheuer ihr auch nur ein Haar gekrümmt hatten...er hoffte, daß Faramir ein wenig auf sie acht geben würde. Er kratzte sich am Kopf und versuchte nachzudenken. Es mußte eine andere Lösung geben! Boromir verfluchte sich selbst. Sein Bruder war soviel überlegter als er selbst. Warum war er nicht hier? Eins war sicher - er hätte jetzt bestimmt eine Idee gehabt! Die Beorninger waren ungefähr so viele wie sie selbst...plötzlich hatte er eine Idee.

Sie fühlten sich schwach. Selbst Laietha trottet mit gesenktem Kopf dahin. In ihrem Gesicht konnte man noch immer die blauen Flecken vom letzten Übergriff ihrer Geiselnehmer sehen. Luthawen hatte ihren Kopf an Legolas‘ Schulter vergraben, der sie im Moment trug. Sie Hobbits stützten sich gegenseitig. Frodo verfiel immer in Panik, wenn einer der Beorninger sich ihm näherte. Man hatte ihnen die Fesseln abgenommen - sie waren ohnehin viel zu schwach, um zu fliehen. Und es gab keinen Zweifel - sollten sie es trotzdem versuchen würde man sie ohne zu zögern töten.
Einer der Beorninger stieß Laietha in den Rücken und sie fiel. Eine oder zwei Sekunden lang dachte sie daran, nicht aufzustehen. Es würde so gut tun, sich nur einen Moment ausruhen zu können! Ihre Glieder schmerzten und sie war erschöpft. "Aufstehen, Elbenweib!" brüllte der Hauptmann der Beorninger. Sie bewegte sich nicht. Was wollte er denn noch tun? Er konnte ihr nicht noch mehr wehtun. Er versetzte ihr einen Tritt aber sie hatte einfach nicht mehr die Kraft, um noch weiterzulaufen. Wieder trat er nach ihr, aber sie rang sich nur ein müdes Lächeln ab. Ihre Freunde versammelten sich um sie. Es war das erste Mal nach seiner erneuten Gefangennahme, daß Frodo sich zu Wort meldete. "Bitte, steh auf, bevor sie wieder einen von uns schlagen!" "Ich kann nicht!" erwiderte sie verzweifelt. Faramir versuchte, ihr aufzuhelfen, aber auch er hatte nicht genug Kraft dafür. Legolas ließ Luthawen runter und auch er versuchte seiner Freundin zu helfen. Sie kam auf die Knie, aber konnte nicht aufstehen. Luthawen huschte an ihre Seite. "Mama, was ist denn los?"
"Sie versucht uns aufzuhalten, die miese Elbenschlampe!" brüllte einer der Orks. Verzweiflung kroch in Laietha hoch und erneut versuchte sie aufzustehen. Wieder schaffte sie es nicht. Der Hauptmann kam zu ihnen und Frodo versteckte sich ängstlich hinter Faramirs Rücken. "Ich weiß schon, wie ich dir Beine mache, Abschaum!" schnaubte er und hob Luthawen hoch. Das Mädchen schrie auf. Dann schleppte er sie mit sich fort. Sie schrie, war aber zu erschöpft, um zu weinen. Er sollte recht behalten. Laietha nahm alle Kraft, die sie noch hatte, zusammen und stolperte ihrer Tochter hinterher. "Und jetzt Schluß mit Zicken! Bewegt euch!"
Am Rande der Erschöpfung sanken sie in sich zusammen als das Morgengrauen das Ende ihres Tagesmarsches ankündigte. Laietha lehnte sich an Faramir und schluchzte verzweifelt. Ihr Schwager versuchte sie zu trösten, aber ohne Erfolg. Legolas hatte seine Augen geschlossen. Auch er war am Ende seiner Kräfte. Frodo und Sam hielten sich im Arm. Sie waren so hungrig, wie würden sich die anderen fühlen? Sie hatten schon seit Tagen nichts mehr zu Essen bekommen! Wenn man ihnen nicht bald Nahrung geben würde, würden sie verhungern. Sie hörten Luthawen von der anderen Seite des Lagers, die nach ihren Eltern rief. Einer der Beorninger brüllte sie an. "Genug jetzt! Halt die Klappe, du miese Ratte! Ich verliere meine Geduld mit dir!" Drohend erhob er seine Hand und das Mädchen weinte nur noch lauter. "Ich will zu meinem Papa!" "Dein Vater ist tot und das wirst du auch sein, wenn du nicht mit diesem Lärm aufhörst!" "Lügner! Onkel Aragorn!" "Er wird nicht kommen. Sei still!" "Mama!" "Sie wird dir nicht helfen! Willst du, daß ich sie wieder zusammenschlage?" "Ich hab solchen Hunger." Ihr Stimmchen wurde immer leiser und plötzlich herrschte absolute Stille. Die anderen versteiften sich und Laietha riß die Augen auf. Was hatten sie ihr angetan? Nach endlosem Schweigen kam eine der Wachen mit einem Bündel in seinen Armen auf sie zu. Tränen sprangen in Laiethas Augen, als sie die Umrisse ihrer Tochter erkannte. Aber sie bewegte sich. Sie war am Leben! Die Spannung entwich Laiethas Körper und sie lehnte sich zurück gegen einen Baum. Tränen der Erleichterung strömten ihr übers Gesicht. Ihre Tochter kaute auf einem Kanten Brot. Laietha erkannte den Soldaten, der ihr das Essen für Luthawen gegeben hatte. Er gab ihnen etwas trockenes Brot, rohes Fleisch und ein wenig schmutziges Wasser. "Wenn euch das nicht schmeckt, müßt ihr es nicht essen, aber etwas anderes werdet ihr nicht bekommen," knurrte er. Sie teilten es untereinander auf und aßen, bis auf ein wenig Brot, alles auf. Wer konnte wissen, wann sie wieder etwas bekommen würden?
Sie drängten sich eng zusammen, um sich zu wärmen und fielen dann in einen tiefen Schlaf. Als sie wieder erwachten, war es Mittag. Die Orks hielten sich im Schatten der Bäume auf und mieden die Sonne. In der Nähe des Lagers war eine kleine Quelle. Sie erhielten die Erlaubnis, sich dort zu waschen und das klare Wasser zu trinken. Als Legolas sein Spiegelbild im Wasser erblickte, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus und bedeckte seine Augen. Er hatte sich bis jetzt noch nicht mit den kurzen Haaren gesehen und war entsetzt darüber, wie häßlich es aussah. Sein Gesicht war schmutzig und zerkratzt. Laietha nahm ihn in die Arme. "Keine Sorge, sie wachsen ja nach." "Gefällt die deine neue Frisur nicht, Dreckskerl?" kicherte eine der Wachen boshaft. "Laßt ihn doch in Ruhe! Ihr seid so gemein! Ich wette, deine Mama wäre ziemlich böse, wenn sie wüßte, was für ein Fiesling du bist!" sagte Luthawen ärgerlich. Sie verschränkte die Arme und stellte sich beschützend vor den Elben. "Hör nicht hin. Ich denke, daß du immer noch schön aussiehst." Versuchte sie ihn zu trösten. Der Beorninger funkelte das Mädchen böse an. "Wer hat dich denn gefragt?" bellte er. Luthawen wich zurück. "Du bist so gemein," murmelte sie. Laietha gefiel der Ausdruck des Beorningers nicht. Die anderen Wachen sahen auch schon in ihre Richtung. "Halt den Mund! Du wirst uns alle in Schwierigkeiten bringen!" zische Frodo scharf in ihre Richtung. Sie zogen bei weitem zu viel Aufmerksamkeit auf sich. "Sie ist doch nur ein Kind," versuchte Faramir ihn zu beschwichtigen. "Wir wollen keinen Streit!" Laietha stellte sich schützend vor ihre Tochter, um sie vor den Blicken der Beorninger abzuschirmen. "Zu spät, jämmerlicher Mensch!" knurrte der Wächter. Er wollte Laietha beiseite schieben, um zu Luthawen zu gelangen. "Genug jetzt!" rief sie aus. Er packte sie am Hals und drückte zu. Sie schnappte nach Luft, aber er ließ sie nicht los. Faramir und Legolas umstellten Luthawen. Sam fühlte sich hilflos. Er war hin und hergerissen dazwischen Laietha zu helfen oder das Kind zu beschützen. Frodo fürchtete sich zu Tode. Er fiel in Ohnmacht. Sam rannte zu ihm und nahm ihn in die Arme.
Der Atem brannte in Laiethas Lungen. Ihr Körper schrie nach Sauerstoff. Sterne begannen vor ihren Augen zu tanzen und sie fühlte sich, als würde sie gleich das Bewußtsein verlieren. Nicht jetzt und nicht hier, dachte sie. Nicht vor Luthawen! Als sie dachte, daß sie gleich sterben müßte, löste der Beorninger den Griff. Gierig sog sie die Luft ein. Der Wächter versetzte Legolas einen wütenden Tritt und riß Faramir an den Haaren mit sich in Richtung des Lagers. "Die Pause ist vorbei!" brüllte er.

"Was sagst du da, Elrohir?" Der Elb senkte den Kopf. "Ich fürchte, daß es wahr ist, Vater. Einer dieser riesigen Beorninger kam zu uns und gab mir das hier. Ich denke nicht, daß es nicht wahr ist. Sie haben Laietha und ihre Tochter in ihrer Gewalt und sagten, sie würden sie töten, wenn wir nicht tun was sie uns befehlen." Er übergab seinem Vater den Brief. Die Hände des Elbenherrschers begannen zu zittern. Auch wenn sie nicht von seinem Geblüt war, so liebte er diese Frau doch wie seine eigene Tochter. "Was wirst du nun tun Vater?" Nervös ging Elrond zum Fenster. Er blickte in die Richtung, in der das Haus seiner Tochter lag. "Wo ist Aragorn? Weiß er davon?" Elrohir trat zu seinem Vater. Auch er war besorgt über diese Nachricht. Laietha war ihm so nah, wie eine leibliche Schwester, und es gab Zeiten, da hatten sie sich noch näher gestanden... "Ich denke, daß er es weiß, Vater. Boten haben mir berichtet, daß er Minas Tirith verlassen hat und mit einigen seiner besten Männer in den Wald geritten ist. Es hat geheißen, daß er sich aufgemacht hätte, um den Sohn von Thranduil zu retten." Elrond zog überrascht die Augenbraue hoch. "Das sind dann in der Tat schlechte Nachrichten." Elrond sah seinen Sohn an. "Wir müssen rasch handeln. Rufe deinen Bruder und unsere besten Schützen zusammen. Ihr werdet nach Aragorn suchen und ihn unterstützen. Er wird alle Hilfe brauchen, die er bekommen kann. Ich werde zu Thranduil reiten und mit ihm besprechen, was wir tun sollen. Die Situation ist ernster, als ich vermutet hatte." Elrohir nickte und verbeugte sich. Dann eilte er aus dem Raum und tat, was sein Vater ihm aufgetragen hatte.
Elrond lief wie ein gefangenes Tier im Raum auf und ab. Er mußte an die Beorninger denken, die vor einiger Zeit nach Bruchtal gekommen waren. Damals hatte er sie für ein unbedeutendes Problem gehalten, das sich von selbst erledigen würde. Er hatte ganz falsch gelegen. Er hoffte, daß dieser Fehler seiner Tochter nun nicht zum Verhängnis werden würde. Elrond schickte einen Boten nach Düsterwald, der Thranduil von seiner Ankunft in Kenntnis setzen sollte und richtete seine Sachen her. Noch vor Einbruch der Dämmerung würde er aufbrechen.

Aragorn betrachtete seine Gruppe. Boromir saß am Lagerfeuer und sah mehr als nur erschöpft aus. Er hatte das Gesicht des Kriegers noch nie so besorgt gesehen. Und Aragorn wußte, woran der Mann dachte. Er ging zu ihm und setzte sich neben seinen Freund. Boromir sah ihm direkt in die Augen. "Sag mir, Aragorn, König, was wirst du tun, wenn sie dir Forderungen stellen? Was wirst du tun, wenn sie ihr Leben bedrohen?" Aragorn schluckte hart. "Wir haben darüber geredet. Du kennst die Antwort auf deine Frage. Ich hoffe, daß es nicht dazu kommen wird." Boromir packte ihn am Arm. "Ich werde sie nicht in der Gewalt dieser Ungeheuer lassen. Sie ist meine Frau und ich liebe sie!" Aragorn erwiderte seinen Blick und hielt ihm stand. "Und sie ist meine Schwester und auch ich liebe sie, aber ich respektiere ihren Wunsch - und genau das solltest du auch tun." Boromir schüttelte wütend den Kopf. "Und was wenn sie zu respektieren heißt, daß sie stirbt?" Aragorn senkte den Kopf. "Wie kannst du nur so grausam sein?" schnaubte Boromir verächtlich. Aragorn atmete tief durch. "Glaubst du, daß es für mich so einfach ist? Glaubst du, ich wäre glücklich, wenn ich sagen müßte: es ist in Ordnung, wenn ihr meine Schwester vor meinen Augen abschlachtet? Du scheinst mich nicht sehr gut zu kennen, mein Freund. Dabei bist du dabei gewesen, als wir darüber gesprochen haben. Von dem Tag an, als ich König wurde war klar, daß es Leute geben würden, die versuchen könnten, sie als Druckmittel gegen mich einzusetzen. Sie wußte es und sie ist einen tapfere Frau - vielleicht sogar tapferer als wir beide zusammen. Und sie hatte Recht. Ich kann nicht zulassen, daß jemand so viel macht über mich hat, wenn ich die Verantwortung für ein ganzes Volk trage." Boromir warf ihm einen haßerfüllten Blick zu. Aragorn legte ihm die Hand auf die Schulter, aber der Krieger stieß sie von sich weg. "Laß mich in Ruhe, König!" schnaubte er. Es klang wie eine Beleidigung. Aragorn seufzte. Er stand auf und sagte: "Ich werde tun was in meiner Macht steht, um ihr zu helfen, aber wenn der Augenblick kommen sollte, vor dem wir uns fürchten, werde ich tun, was meine Pflicht als König von mir verlangt." Damit ging er, um sich um seine verletzten Männer zu kümmern.
Eowyn hatte ihnen zugehört. "Worüber habt ihr gesprochen? Warum warst du so wütend?" Boromir erklärte es ihr. "Sie haben eine Abmachung. Wenn jemand versuchen sollte, sie als Druckmittel gegen Aragorn einzusetzen, dann soll er nicht nachgeben, sondern lieber ihr Leben opfern!" Eowyn atmete scharf ein. "Aber das wird er nicht..." "Er wird! Verflucht seien er und seine Pflichten, er wird es tun!" rief er ärgerlich. Eowyn klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. "Aber wir werden sie finden, bevor er eine solche Entscheidung treffen muß," versuchte sie ihn zu trösten. "Na klar!" grummelte er. Er sah aus, als würde er jeden Moment aufspringen und ihnen nachlaufen. "Du mußt Geduld haben, Boromir. Wir können da nicht einfach hinstürmen und versuchen, sie rauszuholen. Es sind einfach zu viele und wir würden nur unnötig ihr Leben in Gefahr bringen." Er musterte sie vorsichtig. Nach einer langen Pause, zog er sie an sich heran. "Ich habe eine Idee, Eowyn!" flüsterte er. Sie sah ihn überrascht an. "Was?" fragte sie. Er begann zu erklären. "Wenn wir ihnen von außen nicht helfen können, müssen wir es eben von innen versuchen! Ich meine, sie versuchen so viele Gefangene wie möglich zu machen! Wenn sie dich und mich gefangennehmen, sind wir schon sieben Erwachsene. Wir könnten von innen heraus gegen sie antreten!" Eowyn sah das Feuere wilder Hoffnung in seinen Augen brennen. Es war Wahnsinn! Es war töricht! Es könnte funktionieren... "Was sagst du?" fragte er hoffnungsvoll. Eowyn nickte zögernd. Es könnte funktionieren.

Sam zitterte. Ihm war kalt und nicht einmal der Mantel, den ihm Laietha gegeben hatte, konnte ihn wärmen. Legolas warf ihm einen besorgten Blick zu. Dann ging er zu Laietha. "Ich habe es gesehen," flüsterte sie. "Aber was soll ich machen? Sie geben uns nicht einmal Material, um unsere Wunden zu versorgen. Sie werden uns keine Medizin für ihn geben." Frodo, der inzwischen wach war, beugte sich über seinen Freund. Die Sorge um Sam ließ ihn seine eigenen Probleme vergessen. "Bitte, gebt uns Medizin für unseren Freund! Er ist schwer krank! Er braucht Hilfe!" Der Wächter sprach mit ihrem Hauptmann und bald kamen einige Orks, die Sam zwangen, eine stinkende Flüssigkeit zu trinken. Er würgte, aber erstaunlicherweise fühlte er sich danach ein wenig besser. Es war egal. Wenn er nicht bald da rauskam, würde er nicht mehr lange durchhalten. Die Sonne ging langsam unter und sie wußten, daß sie bald weiter mußten. Luthawen klammerte sich an Legolas. Sie sprach zu ihm mit dem bißchen Elbisch, was sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Er konzentrierte sich so sehr auf das Mädchen, daß er für den Moment sogar seine Haare und seine Schmerzen vergaß. Laietha zog Faramir zu sich. Sie sah sich hastig um. Kaum einer schenkte ihnen Beachtung - gut. "Faramir, fühlst du dich gesund und kräftig genug, um zu fliehen?" Er wollte protestieren, aber sie legte ihm eine Hand auf den Mund. Er nickte. Laietha lächelte beruhigt. "Wenn sich eine Möglichkeit bietet, nimm meine Tochter und flieh. Die Anderen können nicht weit weg sein. Sie werden uns folgen." Faramir sah sie verwirrt an. Sie lächelte traurig. "Wir schaffen es nicht alle zusammen, aber vielleicht folgen sie nicht, wenn nur einer entkommt.. Ich wünschte, wir könnten alle zusammen hier raus, aber sie werden uns eher töten als gehen lassen." Sie sah sich erneut um, in der Furcht, ihre Besprechung wäre entdeckt worden. Sie fuhr fort. "Sie wird nicht mehr länger aushalten, fürchte ich. Ich habe Angst, daß sie sie töten werden, oder sie stirbt, wenn sie länger hier bleibt." Faramir kam mit seinem Mund ganz dicht an ihr Ohr heran. "Warum läufst du nicht mit ihr weg? Wir könnten sie aufhalten und euch Zeit verschaffen." Laietha schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich bin der Schlüssel zu Elrond und sie werden uns eher töten, als mich entkommen zu lassen. Ich werde euch genug Zeit verschaffen, um hier rauszukommen. Ich kann auf mich selbst aufpassen und bin nicht in so großer Gefahr wie ihr oder die Hobbits. Ich wünschte, ich hätte sie bitten können, aber sie sind krank und würden es nicht schaffen." Faramir gefiel das ganze nicht, aber er wußte, daß sie Recht hatte. Er sah zu Luthawen hinüber. Sie war blaß und sah ausgemergelt aus. "Ich werde sie mit meinem Leben beschützen," versprach er. Laietha seufzte erleichtert und gab ihm einen Kuß auf die Wange. "Danke."
"Genug gefaulenzt!" brüllte der Hauptmann und trieb sie in die Höhe. Laietha und Legolas trugen abwechselnd Sam und Faramir trug Luthawen. Frodo lief gesenkten Hauptes in Sams Nähe. Eine weitere Nacht voller Qual und Angst lag vor ihnen. Er fragte sich, wie lange sie diese Hoffnungslosigkeit noch aushalten würden.

Eowyn hatte eine ganze Zeit lang still nachgedacht.Sie waren weitergeritten und sie und Boromir waren weit genug von Aragorn entfernt, daß er sie nicht hören konnte.
"Stell dir nur vor, wir werden sie wiedersehen! Ich fürchte weder Schmerz noch Hunger, ich will nur sehen, ob es meinem Mann gut geht und ich bin so wütend, daß ich es wirklich für möglich halte, sie von innen her zu bekämpfen, wirklich. Natürlich ist meine Schulter genauso verwunet wie deinen und ich bin ein wenig erschöpft, aber irgendeine Stärke ist da noch übrig, ich weiß es."
Boromir nickte. Er fühlte dasselbe. Er wollte nichts mehr als seine Frau und Tochter wiedersehen. Er würde sie beschützen, wann immer das nötig war. Aragorn fühlte sich in diesem Moment ein wenig schuldig. Er dachte über seinen Streit mit Boromir nach. Sein Freund hatte Recht - nicht alles, was er gesagt hatte, war richtig, aber über einige Dinge mußte er nun doch nachdenken.
Er konnte diesen Konflikt nur schwer aushalten. Als König hatte er sich gegen das Leben seiner geliebten Schwester zu entscheiden. Alles war wichtiger als sein eigenes persönliches Interesse.
Aber der Mann wollte etwas anderes. In einer Hinsicht stimmte er Boromir zu. Er liebte seine Frau und Aragorn liebte seine Schwester, aber was, wenn sie tot wäre?
Ganz zu schweigen von ihrem eigenen Willen. Sie respektierte ihr eigenes Leben nicht, sie liebte ihren Bruder mehr als ihr Leben. Sie bevorzugte es, getötet zu werden, anstatt daß ihr Bruder unverantwortlichen Dingen zustimmte.
Aber er wollte nicht, daß sie starb. Obwohl das gut möglich...
Er wollte nicht darüber nachdenken. Er drehte sich um und sah, wie Boromir und Eowyn sich unterhielten. Beide kümmerten sie sich wenig um ihre Wunden und in irgendeiner Weise schöpften sie neue Kraft.
Hatten sie etwas vor? Er war sich nicht sicher, was sie vorhaben könnten, aber er wußte, daß es da Geheimnisse gab. Natürlich konnten sie beide über Dinge nachdenken, die er niemals zulassen würde, aber Faramir und Laietha waren in Gefahr.
Dieser Konflikt ließ ihn leiden. Beregond, der neben ihm ritt, sah ihn sorgenvoll an, sagte aber nichts. Aragorn hatte seinen Blick bemerkt und sagte: "Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll, wenn es nicht funktioniert. Manchmal ist es hart, König zu sein."
"Ah, ich verstehe. Es ist ein Konflikt zwischen persönlichen Interessen und Verantwortung?"
Aragorn nickte und Beregond sagte nichts. Er konnte seinem König keine Hilfe sein, selbst wenn er gewollt hätte.
"Irgendwelche Pläne bezüglich des Angriffs? Ich spreche für unsere Männer, denn sie können es nicht ertragen, untätig zu sein. Wie..." fragte Beregond, aber Aragorn unterbrach ihn.
"Nun, ich weiß daß es immer noch einige mehr sind und sie würden nicht zögern, unsere Freunde zu töten, wenn sie es für notwendig erachten. Aber wenn wir nicht versuchen, sie zu retten, wird es zu spät sein, also müssen wir es riskieren. Wir müssen einen Plan machen, wenn wir sie gefunden haben. Und ich vermute, daß sie sie nicht alle töten würden. Männer, es ist wichtig, nach denen zu suchen, die nicht von so großer Bedeutung sind. Ich spreche von den Halblingen und Faramir. Laietha, Luthawen und Legolas würden sie nicht umbringen, da bin ich sicher. Und dennoch müssen wir sehen, daß wir sie alle retten..."
Er konnte es nicht aussprechen. Im Grunde würde es wichtiger sein, Laietha und Legolas zuerst zu retten, aber dann würden die anderen ihr Leben verlieren. Und wenn sie die anderen zuerst retteten, würden sie ihn verantwortungslos nennen. Da war einfach keine Möglichkeit. Er wußte, daß sie es wahrscheinlich ohnehin nicht schaffen würden.

Faramir ließ Luthawen nicht mehr allein. Wenn es eine Chance gab, mit ihr zu fliehen, würde es sehr schnell gehen müssen und er war bereit, sie sich in jeder Sekunde zu schnappen und mit ihr wegzulaufen.
Laietha stolperte hilflos hinterher, aber verglichen mit den Hobbits war sie noch immer in guter Verfassung.
Endlich machten sie wieder eine Pause. Sam fiel zu Boden und Frodo setzte sich schwach neben ihn. Legolas blieb die ganze Zeit bei ihnen. Noch immer konnte er das Bild von sich selbst im Spiegelbild des Wassers nicht vergessen. Es hatte ihn zutiefst schockiert und er konnte von niemandem getröstet werden.
Er hob seine Hand und zuerst zögerte er, aber dann in einer prüfenden Bewegung berührte er die kurzen Haare und war erschrocken. Es fühlte sich schlecht an und häßlich. Es würde viel zu lange dauern, bis seine Haare wieder lang wachsen würden.
Traurig drehte er seinen Kopf zur Seite und spürte einen Kloß in seinem Hals. Sam bemerkte, wie er sich fühlte und nahm sanft seine hanf. Er brauchte nichts zu sagen und Legolas verstand. Mit einem Lächeln sah er ihn an, aber Sam wußte, daß es nicht echt war.
"Warum verlierst du deinen Stolz? Das ist es doch, was sie wollten! Tu ihnen nicht den Gefallen!" flüsterte Sam und Legolas wagte nicht, ihn anzusehen, als er sagte: "Es ist eine solche Schande. Du kannst dir nicht vorstellen, was sie genommen haben. Ich kann mich selbst nicht mehr anschauen. Verstehst du das nicht?"
"Natürlich tu ich das, aber bitte... laß dich doch ein wenig aufmuntern!"
Nun lächelte Legolas wirklich.
"Du lieber Hobbit, du siehst die Welt so, wie sie ist. Aber meine Realität ist anders."
Sam verstand, was er meinte und verstummte, aber merkte, daß Legolas nur schwer die Tränen zurückhalten konnte. Es war mehr als nur ein Symbol für ihn.
Als er den Kopf zu Frodo drehte, war er überrascht, als er feststellte, daß Frodo ihn ansah. Er hatte seit Stunden nicht gesprochen und auch jetzt sagte er kein Wort. Er sah Sam nur an und den Schweiß auf seiner Stirn. Jeder wußte, daß Sam wieder krank war, aber der Hobbit hatte darüber noch kein Wort verloren.
Es war, als hätte Frodo seit einigen Tagen in einer anderen Welt gelebt. Zuerst war er voller Angst gewesen bei jedem Geräusch, das Orks und Beorninger von sich gaben, aber nun sah er sie nicht einmal mehr. Die einzigen, die er noch bemerkte, waren Sam und Legolas, der Rest war verschwunden. Er war voller Sorgen und der Gedanke an ein Ereignis vor langer Zeit kehrte in seine Erinnerung zurück.
Ja, auch dieses Mal würde er ihn tragen, wenn er mußte. Es war vor Jahren nicht schwer gewesen, Sam zu tragen in seiner Krankheit, und das würde er wieder tun.
In einer Hinsicht stellte er nicht einmal einen Unterschied fest von dem Zustand, in dem er sich befand, zum normalen Zustand. Er war sicher, daß es real war, was er erlebte, und da waren nur ein paar dunkle Gestalten im Hintergrund. Es saß dort stumm und regungslos.
Als er eine Minute später Sams Hand nahm, sah er die roten Striemen auf seiner Hand und sprach.
"Sam, wo kommen die hier?"
Sam sah ihn erstaunt an und schluckte.
"Ähm... du nimmst mich jetzt nicht auf den Arm oder so?" fragte er verwirrt und Legolas bemerkte, was los war. Der Elb sagte: "Komm kurz mit, nur eine Minute, ich muß mit dir reden. Faramir, du..."
Faramir, der sie beobachtet hatte, nickte. Natürlich würde er bei Frodo bleiben.
Sam und Legolas entfernten sich einige Meter weit, aufmerksam von ihren Wachen beobachtet.
"Sam, ich bin sicher, daß du das auch vorher schon bemerkt hast, oder?"
"Ja, ich meine, er war so seltsam, als wir ihn gefunden haben und ich habe mich daran gewöhnt, daß er nicht spricht und so... aber was ist jetzt? Ich meine, er hat mich gerade gefragt, wo die Peitschenstriemen herkommen. Legolas, was soll das?"
Sam war verunsichert.
"Ich habe ihn beobachtet, seit ihr zu uns kamt und habe es im ersten Augenblick bemerkt. Ich erinnere mich an sein Verhalten nach seinem ersten Fluchtversuch. Ich habe seinen Schmerz gespürt, ich wußte, was sie ihm angetan hatten. Ich konnte mir nur die Konsequenzen nicht vorstellen. Ich denke, es ist eine Art Selbstschutz, nur ein Geisteszustand... er hat die Erinnerung verdrängt, denn sonst würde er ausrasten. Er kann es kaum ertragen, wieder gefangen zu sein, und ich bin sicher, er weiß nicht wirklich, was los ist. Aber ich denke nicht, daß du dir Sorgen machen mußt. Es ist in Ordnung."
Sam war sich diesbezüglich nicht sicher, aber sie kehrten zurück und er setzte sich wieder neben Frodo. Wortlos umarmte er ihn und plötzlich spürte er Tränen auf seinem Hemd und ihn schluchzen.
Legolas nickte stumm. Sam wußte, was zu tun war. Faramir verstand nichts, aber er fragte auch nicht. Sie saßen nur still da und mit Tränen in den Augen sah Sam Legolas an und der Elb antwortete: "Es ist in Ordnung. Es wird ihm bald besser gehen."
Aber Frodo dachte nicht, daß alles in Ordnung war. Später fragte er noch einmal: "Sam, was ist das? Sag, was ist passiert?"
Er zeigte auf seine Arme.
Sam schluckte und sagte: "Es ist nichts. Denk nicht drüber nach. Alles wird wieder gut sein..."
Frodo glaubte ihm kein Wort und nahm Sam in die Arme, der zitterte. Er war warm, doch fror am ganzen Körper. Plötzlich näherte sich der Anführer.
"Hört ihr mir nicht zu? Aufstehen sagte ich!"
Er zerrte Sam hoch und starrte ihn an, dann schubste er ihn gegen einen Baum. Sam prallte hart dagegen und schrie vor endlosem Schmerz auf. Es war seine Schulter.
Er fiel hin und Legolas lief zu ihm, hob ihn hoch und trug ihn dann.
"Sam!" schrie Frodo und nahm seine Hand. Sam krümmte sich vor Schmerzen und weinte, sich verzweifelt an Legolas klammernd.
Die drei blieben dicht zusammen. Frodo verstand nicht, was passiert war, und Faramir und Laietha warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu. Luthawen ging zwischen ihnen.
Sam konnte nicht beruhigt werden. Er fühlte sich elend. Sie wickelten ihn in einen Mantel, es war kalt und die Dämmerung brach herein. Doch der Mantel zeigte keine Wirkung.
Frodo war verängstigt und fragte: "Legolas, ist er krank?"
Legolas nahm Sam fest in die Arme und versuchte, ihn zu trösten. Am Ende gab einer der Wachen einen Befehl und nahm die grauenvolle Mixtur, die er ihm auch zuvor schon zum Trinken gegeben hatte.
Wieder war es derjenige, der schon vorher für Sam und Luthawen gesorgt hatte. Legolas ließ ihn nahe herankommen und der Beorninger sagte: "Komm, Kleiner, ich will dir helfen. Trink das!"
Sam war zu schwach, um sich zu wehren und fühlte sich dann ein wenig besser und wärmer. In stiller Verwunderung schaute Legolas ihn an und der Beorninger schaute zurück, zuckte mit den Schultern und drehte sich um.
So gingen sie weiter für eine lange Zeit und plötzlich sagte Frodo: "Ich bin hungrig. Gibt‘s was zu essen?"
Sie schüttelten die Köpfe. Nichts war übrig und sie bekamen auch nichts.
Unerwartet fragte Faramir: "Warum laßt ihr die Halblinge nicht zurück? Was bringen sie euch? Seht ihr nicht, wie sie leiden?"
Die Gruppe hielt an und der Anführer kam.
"Was hast du grad gesagt, Mistkerl? Willst uns erzählen, wir sollen Gefangene zurücklassen? Hast du den Verstand verloren?!"
Er schlug ihn und wollte schon einem Ork befehlen, die Peitsche rauszuholen, aber Legolas baute sich vor Faramir auf, immer noch Sam in den Armen haltend, und sagte: "Wollt uns wohl umbringen, bevor wir euch als Geiseln von Nutzen sind?"
"Naja, umbringen ist das falsche Wort. Ich nenne das Bestrafung!"
Mit einem harten Schlag schubste er Legolas zur Seite. Die Gefangenen sammelten sich in der Nähe, aber Faramir lag noch immer auf dem Boden und lief nicht weg, wehrte sich nicht, sondern ließ es einfach geschehen, denn er war zu schwach, um etwas zu tun.
Dieses Mal hätten die anderen es sehen können, doch sie wagten nicht, hinzuschauen. Legolas schreckte zusammen von jedem Peitschenhieb, den er hörte und Sam schluchzte.
Dann zerrte der Anführer Faramir hoch und befahl allen, weiterzumarschieren.
Schwach und beinahe so schlimm zugerichtet wie Frodo war er. Laietha mußte ihn stützen und Frodo starrte ihn sprachlos an.
"Du siehst so aus wie ich! Du... was..."
Faramir schüttelte den Kopf. "Frag nicht, Kleiner. Denk nicht drüber nach!"
Aber Frodo drehte sich um, sah einen ork noch immer mit der Peitsche in der Hand und schrie auf vor Entsetzen.
"Nein, Frodo, nein, bitte..." flehte Faramir und Laietha reagierte sofort. Sie nahm Frodo in die Arme und trug ihmn. Er zitterte und war voller Angst.
"Das ist, was..." begann er, aber unterbrach sich selbst. Dann verlor er das Bewußtsein.
"Wir können nur hoffen, daß er es vergessen hat, wenn er wieder aufwacht!" murmelte Legolas und spürte einen Schlag von hinten.
"Schnauze, verdammter Elb! Hab die Nase voll davon!" brüllte ein Beorninger.

Fünfter Abschnitt

Eowyn wurde von einem donnerähnlichen Geräusch aufgeschreckt. Einige Sekunden später sah sie einen Blitz den dunklen, wolkenverhangenen Himmel zerreißen. Sie hatte seit zwei Stunden geschlafen, ein wenig Ruhe in der Nacht, aber nun schien es vorbei zu sein.
Aragorn saß neben dem Lagerfeuer und dachte über etwas nach, das war leicht zu erkennen. Er sah besorgt aus.
Ihre Blicke trafen sich und er sagte: "Ein Gewitter zieht auf. Und Sam ist krank. Das halte ich nicht aus. Sie sind nicht weit, aber immer noch müssen wir sie erst einholen, und die Frage ist: Haben wir eine Chance?
Sie zuckte mit den Schultern und fror, also stand sie auf, ging zu ihm und setzte sich neben ihn. Die anderen schliefen noch immer.
"Ich habe gerade an Sam gedacht. Er ist nun bei Faramir und er weiß, daß du schwanger bist. Ich hoffe, daß er es ihm gesagt hat, denn das ist ein guter Grund, wieder neuen Mut zu schöpfen, oder?"
Sie nickte und lächelte. "Er wird sehr stolz sein. Ich kenne ihn. Ich bin sehr glücklich, daß wir Eltern werden. Und das werden wir!"
"Natürlich werdet ihr das. Dein Kind wird einen Vater haben, mit Sicherheit!"
"Die Frage ist: Werde ich noch ein Kind haben?" sagte Boromir plötzlich.
"Ach Boromir... natürlich wirst du das! Hast du schon aufgegeben?" fragte Eowyn.
Boromir schüttelte den Kopf.
"Eigentlich nicht, aber haben wir eine Chance? Ist es immer noch möglich, sie lebend da rauszuholen?"
Er bekam keine Antwort. Sie spürten, wie die ersten Regentropfen fielen, aber kümmerten sich nicht darum.
Bald waren alle Männer wach und suchten nach Schutz vor dem Regen, aber es gab keinen. Sie konnten nur ihre Mäntel anziehen und warten. Aragorn fühlte, wie die Ungeduld in ihm wuchs. War sein Brief angekommen? Er hatte den anderen nichts davon erzählt, um keine falsche Hoffnung zu wecken. Es stand keineswegs fest, daß die Dinge anders laufen würden, wenn sein Freund kam.

Frodo war völlig durchnäßt, aber das war ihm egal. Er wollte einfach nur weg, weg von diesen brutalen Kreaturen. Vor einiger Zeit hatte er sie bemerkt und er erinnerte sich an einige Dinge. Er wußte, wo er war und warum, er erinnerte sich an die Bestrafung und seine Flucht, aber viele andere Sachen waren immer noch vergessen.
Legolas bemerkte diese Veränderung, aber als Frodo eine Frage stellte, war er trotz allem nicht überrascht.
"Legolas, was ist mit deinen Haaren passiert? Was haben sie getan?"
"Als ich dich schützen wollte, haben sie sie als Strafe abgeschnitten."
Das war alles, was er sagte.
"Oh. Ich hasse sie."
Ein lauter Donner grollte über ihren Köpfen und in diesem Moment packte ihn ein Ork, der ihn gehört hatte.
"Was hast du gerade gesagt? Willst du Ärger, kleiner dreckiger Mistkerl?"
Das brachte Faramir in Wut und er reagierte aggressiv. Er trat näher und schrie: "Laß ihn los, oder denkst du vielleicht, daß wir euch dafür lieben, wie ihr uns behandelt?"
Er kam schon mit seiner letzten Bestrafung klar und machte sich keine Gedanken um eine weitere. Er wollte nicht, daß Frodo litt, das was für ihn wichtiger und so begannen sie eine Rauferei. Frodo lief zurück zu Legolas und der Anführer kam.
"Was zum Balrog macht ihr hier, würdet ihr mir das bitte verraten?" Er schlug Faramir und Frodo schrie. Aber er war nicht tapfer genug, Faramir zu helfen. Er wollte nicht wieder leiden müssen und so sagte er nicht, daß es seine Schuld war und fühlte sich elend.
Faramir ließ es einfach geschehen und dieses Mal wurde er nicht einmal verletzt. Der Anführer jedoch erteilte einige Befehle und ein Ork erschien, der einen Strick zog, um Faramir zu fesseln.
Er wehrte sich nicht und die anderen sahen sprachlos zu. Dann kamen noch mehr Orks und hielten Stricke in den Händen für Frodo, Laietha und Luthawen.
Der Anführer baute sich vor Legolas und Sam auf und knurrte: "Solange du den kranken Halbling trägst, ist das so in Ordnung. Aber versuch keine Tricks! Du würdest es bereuen."
Es war nicht notwendig, es war nur eine Machtdemonstration und das wußten sie.
Es gab da nur eine Sache, die sie nicht wußten, und Faramir behielt sein Geheimnis für sich. Während einer Pause hatte er einen kleinen scharfkantigen Stein gefunden und trug ihn in seiner Tasche. Vielleicht würde er nun nützlich sein.
So gingen sie weiter in strömendem Regen und Faramir war noch immer wütend. Er sagte kein Wort, aber er war froh, daß seine Frau noch frei war und nicht wie sie leiden mußte.

Elrohir zog seinen nun trockenen Mantel wieder an. Der Regen hatte ihn gestört, aber er hoffte, daß sie nun mehr sichtbare Spuren finden würden. Elrond war in Gedanken versunken, so wie die anderen Mitglieder der Gemeinschaft, aber Elrohir war nervös. Solange Laietha in gefahr war, konnte er keine Ruhe finden. Wie sollte er Ruhe finden? Sie waren nun schon seit Stunden geritten und kurz vor Mittag hörten sie ein Pferd in einiger Entfernung vorbeigaloppieren.
"Vater! Hörst du das auch?" fragte er und Elrond hörte genau hin.
"Es schnelles Pferd, nur ein einzelnes, keine Gruppe. Wer könnte das sein in dieser verlassenen Gegend?"
Elrohir versuchte, etwas wahrzunehmen, aber er konnte den Reiter noch nicht sehen. Wahrscheinlich war er noch einige Wegstunden entfernt.
Sie verloren keinen weiteren Gedanken mehr daran, bis das Geräusch nah genug war, um nach dem Reiter Ausschau zu halten. Dann stieß Elrohir einen überraschten Schrei aus. "Mithrandir! Immer kommt er in Zeiten der Not! Im Namen der Valar, das sind gute Nachrichten."
Sie hielten an und warteten, denn Gandalf hatte sie auch schon gesehen und kam auf sie zu.
"Mithrandir! Suilad mellon! Elen síla lúmenn' omentielvo!" rief Elrond und Gandalf ließ Schattenfell neben ihm anhalten.
"Mae govannen! Warum treffe ich den Herren Bruchtals hier?" fragte Gandalf und sie alle entschlossen sich, für einen Augenblick zu rasten.
"Du weißt gar nicht, wie willkommen du uns bist. Oder weißt du Bescheid? Warum folgst du diesem Pfad?" fragte Elrind und Gandalf sagte: "Ich erhielt einen Brief von unserem guten Freund Elessar vor nicht allzu langer Zeit. Lies selbst."
Er reichte Elrond den Brief, der ihn laut vorlas:


Mein Freund Gandalf,

Ich muß dich um Rat und Hilfe bitten. Es ist nicht lange her, da kamen Eowyn und Sam nach Minas Tirith, um mich um Hilfe zu bitten. Sam war schwer krank und Eowyns Bericht erschreckte mich. Beorninger und Orks waren gekommen, um sie anzugreifen, und als sie sich mit Frodo und Legolas auf den Weg nach Minas Tirith gemacht haben, wurden sie wieder attackiert und sie haben Frodo und Legolas mitgenommen.
Zuerst wußte ich nicht, was sie wollen könnten, aber erinnerst du dich an den alten Konflikt in den Ländern des Düsterwaldes? Sie hassen die Elben und jeden, der mit ihnen befreundet ist.
Ich habe meine besten Männer geschickt und bin dann mit Sam und Eowyn gefolgt, um sie selbst zu verfolgen. Einige Tage später haben wir meine Männer wiedergetroffen und auch eine Gruppe von Männern, bei denen Eomer war. Ursprünglich war auch Faramir dabei, aber uns wurde das Schlimmste erzählt: Sie waren von den Feinden überrascht worden und sie haben Laietha, Luthawen und Faramir ebenfalls entführt.
Unsere Freunde sind in Gefahr. Sie könnten schnell ihr Leben verlieren. Wir haben bereits Spuren entdeckt, die ihre Grausamkeit bezeugen: Diese Unwesen haben Legolas die Haare abgeschnitten und ich fürchte, das ist nicht das Schlimmste, was sie unseren Freunden angetan haben.
Boromir ist schwer verletzt, einige unserer Männer sind tot und wir folgen den Feinen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich hoffe, daß du dich im Auenland aufhälst und meinen Brief bald bekommst. Sag Sams Frau nicht, daß er krank ist.
Du wirst uns zwischen Firienwald und Düsterwald finden, dort wollen sie hin.

Hochachtungsvoll

Elessar


Elrond gab Gandalf den Brief zurück und sie sahen sich schweigend an.
"Es ist gut, daß du da bist. Wir sind von Bruchtal gekommen, weil Laietha mir einen Brief geschrieben hatte, in dem etwas von der Gefahr der Beorninger stand. Ich bin gekommen, um nach ihr zu suchen - aber Elessar sagte, wir sind zu spät! Sie haben sie bereits, das habe ich befürchtet."
"Ich weiß, daß sie in tödlicher Gefahr sind, deswegen habe ich nicht weiter gezögert. Werden wir nach Elessar und den anderen suchen?" fragte Gandalf und Elrond nickte.
"Wir haben nach jeder Spur gesucht und wir werden nicht aufhören, bevor wir sie gefunden haben."
Elrohir fühlte sich schlecht. Laietha in der Gewalt der Feinde...

Laietha lief zu Faramir. "Dummkopf!" zischte sie. "Warum hast du das
gemacht?" Er sah, daß ihre Augen mit Tränen der Wut gefüllt waren. "Wenn du
noch stark genug gewesen wärst, hättest du das gleiche getan," murmelte er.
"Ja, aber das hier ist was anderes! Wie willst du hier rauskommen, wenn du
gefesselt bist?" "Vertrau mir einfach," antwortete er. Nun, sie hatte ja
wohl kaum eine andere Wahl. Luthawen trottet neben ihr her und versuchte mit
den Erwachsenen Schritt zu halten, aber sie schaffte es kaum. Selbst Frodo
war aufgefallen, daß das Kind seltsam still war. Sie stellte keine Fragen
und bat nicht um Geschichten. Eine dunkle Stimme in seinem Hinterkopf fragte
ihn, was sie ihr wohl angetan hatten. Hatten diese Monster das Kind
verschont? Er konnte keine Spuren körperlicher Gewalt an ihr erkennen. Sam
wimmerte und stöhnte in Legolas‘ Armen. Ein heftiges Fieber schüttelte ihn.
Bevor sie wieder hatten aufbrechen müssen, hatte Legolas sich seine Schulter
näher angesehen. Er fürchtete, daß der Hobbit eine Infektion bekam. Das wäre
sehr schlecht. Man hatte ihm nicht einmal erlaubt, nach Heilkräutern zu
suchen, um das Fieber zu senken.
Der Morgen graute. Bald würde ihnen etwas Ruhe vergönnt sein. Luthawen
hockte sich auf den Boden und fing an zu weinen. "Mama, ich bin so müde!"
Laietha stand einfach nur da. Ihre Hände waren gefesselt und sie konnte
ihrer Tochter nicht einmal beruhigend über die Haare streichen. "Sei ein
braves Mädchen, Lutha. Bitte steh auf. Wir werden uns bald ausruhen können,"
sagte sie sanft. "Ich kann nicht mehr!" heulte das Mädchen verzweifelt.
Wieder näherten sich ihnen die Wachen. Ihr Hauptmann erhob die Hand, um das
Kind zu schlagen. Laietha konnte sich nicht bewegen. Glücklicherweise
reagierte Legolas schnell und nahm das Kind auf den Arm. Nun trug er beide -
das Mädchen und Sam. Laietha sah zu, lief aber nicht weiter. Sie hatte nicht
einmal mehr die Kraft, ihr eigenes Kind zu beschützen. Sie verlor das
Bewußtsein.
Als sie wieder die Augen öffnete, sah sie Faramir, der sich über sie beugte.
Sie war immer noch gefesselt, wie auch er. Ein Lächeln huschte über sein
Gesicht. "Wir dachten schon, du würdest nie wieder zu dir kommen." Es war
dunkel und der Mond stand hoch am Himmel. Laietha bemerkte einen tiefen
Schnitt an seiner Wange. Es war offensichtlich, daß es wieder einen Kampf
gegeben hatte. "Was ist passiert? Wo ist..." Luthawen umarmte sie. "Mama!"
Man hatte ihr die Fesseln abgenommen. Laietha küßte ihre Tochter. "Ich bin
in Ordnung," sagte sie. Zumindest denke ich, daß das so ist, setzte sie in
Gedanken hinzu. "Geh schlafen, Liebes. Mach dir um mich keine Sorgen."
Luthawen folgte artig und ging ohne zu murren zu Legolas. Auch er sah
mitgenommen aus. Sie hatten sie gewiß verteidigt. Das Wissen, daß sie nicht
in der Lage gewesen war, Luthawen zu beschützen, hatte sie hart getroffen.
"Du mußt bald gehen," flüsterte sie Faramir zu. Geschwind sah er sich um und
als er sie unbeobachtet fand, zeigte er ihr für den Bruchteil einer Sekunde
seine gelösten Fesseln. Sie lächelte. Er hatte es also tatsächlich
geschafft, sich zu befreien. Die Beorninger würden ihn für hilflos halten
und nicht damit rechnen, daß er fliehen könnte. "Ich habe auch deine Fesseln
zerschnitten, während sie..." Er verstummte und warf einen Blick auf Legolas
und Laietha verstand. Sie nickte und wußte, daß sie tief in der Schuld des
Elben stand. "Hört auf zu reden!" brüllte einer der Wachen von der anderen
Seite des Lagers. Er bemühte sich nicht einmal, zu ihnen zu gehen. Er schien
sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Laietha schenkte Faramir ein
grimmiges Lächeln. Einen Augenblick lang erhielten sie ihr Schweigen
aufrecht. Als es wieder relativ sicher war, ergriff Faramir das Wort. "Wohin
soll ich sie bringen?" Laietha hatte noch gar nicht darüber nachgedacht.
Nach einigen Sekunden sagte sie schließlich. "Versuch mit ihr nach Minas
Tirith zu kommen." Er nickte. "Bist du bereit zu kämpfen?" Sie schüttelte
den Kopf. "Nein, aber die Gelegenheit ist günstig und ich werde nicht
stärker." Sie sah zu Legolas hinüber und er schenkte ihr ein Lächeln.
Irgendwie schien er ihr größer und stolzer als zuvor, ja fast zufrieden, als
wäre die Pein der letzten Tage von ihm abgefallen. Sie rief nach ihrer
Tochter. Das Mädchen kam zu ihr gelaufen. "Du bist doch schon ein großes
Mädchen, nicht wahr? Immerhin bekommst du schon deine Erwachsenenzähne."
Luthawen zeigte ihr die Lücke bei ihren Schneidezähnen. "Klar, guck mal, da
wackelt noch einer!" Laietha lächelte sie an. "Ja, Liebes. Du mußt mir etwas
versprechen. Du mußt jetzt ganz tapfer sein. Onkel Faramir wird mit dir
einen Ausflug machen, aber du mußt leise sein. Und du mußt mir versprechen,
daß du nicht weinen wirst." Luthawen verstand nicht ganz, was ihre Mutter
meinte, aber sie war ein folgsames Kind und schon fünf - fast sechs, fast
erwachsen! Also nickte sie. "Aber was ist mit dir, Mama? Kommst du denn
nicht mit?" Laietha schüttelte den Kopf. "Nein. Schatz, noch nicht. Ich muß
doch auf Onkel Legolas und Frodo und Sam aufpassen. Aber ich werde bald
nachkommen," fügte sie rasch hinzu, als sie sah, daß dem Mädchen die Tränen
in die Augen traten. "Aber warum kommt ihr nicht alle..." flüsterte sie.
Laietha lächelte traurig. "Sie werden uns nicht alle auf ein Mal gehen
lassen. Du und Faramir müßt Onkel Aragorn und Vater bescheid geben wo wir
sind. Ihr habt eine wichtige Aufgabe und du mußt so tapfer wie Onkel Frodo
sein, als er damals zum Schicksalsberg ging, um Mittelerde zu retten."
Luthawen krabbelte in Faramirs Arme und er drückte das Mädchen fest an sich.
Laietha befreite ihre Hände. "Sag Boromir und Aragorn, daß ich sie liebe."
Faramir gefiel der entschlossene Ausdruck in ihrem Gesicht nicht. Es mußte
etwas geben, daß sie ihm nicht gesagt hatte, aber jetzt war nicht die Zeit,
um darüber zu reden. "Das wirst du ihnen schon selber sagen müssen, wenn du
wieder bei ihnen bist," gab er zurück. Die Hobbits schliefen tief und fest.
Legolas straffte sich. Sie überzeugte sich noch einmal, daß sie nicht
beobachtet wurden. Legolas erhob sich. Er ging zu ihren Wachen hinüber - die
Hände auf dem Rücken verschränkt. "Hey ihr da! Hat euch eigentlich schon mal
jemand gesagt, daß ihr fürchterlich stinkt?"

Sie waren ihnen ganz nahe. Boromir konnte es förmlich fühlen. Er hatte schon
fast in einem wilden Moment daran gedacht, Aragorn in ihren Plan
einzuweihen. Aber dann hatte er sich eines Besseren besonnen. Er würde sie
niemals gehen lassen. Er würde es nicht verstehen und irgendwie verstand
auch Boromir seinen alten Freund. Er hatte die Verantwortung für so viele
Menschenleben zu tragen, aber verdammt, er würde nicht einfach zusehen, wie
jemand seiner Familie wehtat! Die Valar wußten, was sie mit ihnen gemacht
hatten. Etwas früher an diesem Tag hatten sie Spuren eines Kampfes gefunden
und Boromir hatte Teile der Kleidung seiner Frau erkannt. Sie waren
schmutzig und blutbefleckt gewesen. Er wurde fast verrückt vor Angst und
Sorge. Aber wenigstens schienen sie am Leben zu sein - oder die Beorninger
hatten aus ihrem Fehler gelernt und ließen die Leichen ihrer Gefangenen
nicht mehr zurück. Er mußte schnell etwas unternehmen, oder er würde den
Verstand verlieren!
Eowyn kam zu ihm. Sie reichte ihm einen kleinen Dolch. "Du willst doch nicht
etwa unbewaffnet dort hineingehen, oder?" Er grinste breit und zeigte ihr
ein langes Messer, das er in seinem Stiefel versteckt hatte. Eowyn mußte an
sich halten, um nicht laut loszulachen. "Was glaubst du mit wem du es zu tun
hast? Einem blutigen Anfänger?" Boromir musterte sie intensiv. "Eowyn,
versteh mich nicht falsch, aber meinst du wirklich, daß du mich begleiten
willst? Immerhin erwartest du ein Kind..." Sie versetzte ihm einen Schlag.
"Jetzt fang du nicht auch noch damit an!" Er hob seine Hand abwehrend.
"Nein, ich meine, es ist deine Sache, aber ich dachte..." "Tut mir leid das
sagen zu müssen, Schwager, aber denken war noch nie deine Stärke!" He
grinste. "Ja, du hast Recht. Du bist taktlos, aber du hast recht. Ich werde
es nicht noch einmal ansprechen, aber weißt du...ich meine...Faramir wird
mich umbringen, wenn er erfährt, daß es meine Idee war, daß wir..." Sie
brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. "Wenn du es ihm nicht sagst, wird
er es nie erfahren."
"Wann brechen wir auf?" fragte sie, um das Thema zu wechseln. Boromir zuckte
mit den Schultern. "Wir werden sehen. Ich glaube, daß wir sie bald finden
werden. Wir werden wissen wann der richtige Zeitpunkt ist, wenn er da ist."
Beregond trat zu Aragorn. "Mein Herr, wir haben neue Spuren gefunden. Sie
können nicht älter als einen Tag sein. Was werden wir tun, wenn wir sie
eingeholt haben?" Der König dachte einen Moment lang nach. "Sie sollen sich
zum Kampf bereit machen, aber bereit sein, sich auf meinen Befehl hin
zurückzuziehen. Ich werde nicht riskieren, noch mehr Männer zu verlieren."
Er hoffte, daß diese Entscheidung richtig war. Er hoffte, daß er das Leben
seiner Freunde dadurch nicht gefährden würde. Er hoffte, daß es noch nicht
zu spät war. Aber wenigstens hatte er noch Hoffnung und das war ein Anfang.

Gandalf stieß einen scharfen Pfiff aus und der riesige Vogel ließ sich neben
ihm nieder. Er sprach mit gedämpfter Stimme auf den Adler ein. Nach einer
Weile erhob sich der König der Adler wieder in die Lüfte. Der Zauberer ging
zur Gruppe zurück. Er machte ein besorgtes Gesicht. "Thranduil hat berichtet,
daß eine Delegation der Beorninger bei ihm gewesen ist. Sie haben ihn
aufgefordert, Düsterwald zu verlassen oder sie wollen seinen Sohn töten. Er
ist sehr besorgt, hat sich aber noch nicht entschieden. Sie haben ihm eine
Woche Zeit gegeben. Er läßt euch bitten, zu ihm zu kommen, damit ihr euch
gemeinsam beraten könnt." Herr Elrond dachte kurz nach und nickte bedächtig.
Seine Söhne und Soldaten waren stark. Sie würden seine Hilfe nicht
benötigen, um seine Tochter und Thranduils Sohn zu befreien. Aber selbst
wenn sie wieder frei wären würde das Problem noch nicht aus der Welt
geschafft sein. Solange der Konflikt zwischen Elben und Beorningern bestand,
würde seine Tochter nicht sicher sein.
"Elrohir, ich weiß, daß du sehr besorgt um deine..." er zögerte eine Sekunde
"Schwester bist. Du wirst gehen und versuchen, sie zu finden. Ich werde nach
Düsterwald gehen und mit Thranduil Rat halten. Wenn sie frei sind, bring sie
nach Bruchtal. Dort werden sie in Sicherheit sein. Behüte sie wohl." Sein
Sohn verneigte sich und sammelte seine Männer. Sein Bruder betrachtete ihn
voller Neugier. "Was ist denn los, Bruder? Warum spricht Vater so zu dir?
Ich mache mir auch Sorgen um unsere Schwester."
Laietha und Elrohir hatten sich entschieden, was zwischen ihnen gewesen war
im Verborgenen zu halten. Er würde gewiß nicht gerade jetzt sein Schweigen
brechen. "Niemand bezweifelt das, Bruder. Laß uns jetzt nicht wertvolle Zeit
mit Schwatzen vertrödeln während ihr etwas zustoßen könnte." Allein der
Gedanke daran, daß man ihr wehtun könnte, jagte ihm einen kalten Schauer
über den Rücken.
"Ich werde mich euren Söhnen anschließen, damit ich Aragorn mit Rat und Tat
zur Seite stehen kann, denn schließlich hat er um meine Hilfe gebeten,"
sagte Gandalf und Elrond nickte. Dann sah er dem Zauberer fest in die Augen.
"Aber bedenkt, daß mir meine Tochter lieb und teuer ist, wenn ihr eure
Ratschläge formuliert, Zauberer." Es war ganz klar eine Warnung. Gandalf
wußte, daß der Elb an die Ratschläge dachte, die er Aragorn vor einigen
Jahren erteilt hatte, als Saurons Mund die Herrschaft über Gondor gefordert
hatte. Viele Leute hatten ihn grausam genannt als sie gehört hatten, daß er
bereit gewesen wäre, Frodo zu opfern wenn es nötig gewesen wäre. Ihre
Freundschaft war nicht zerbrochen, aber Gandalf konnte sich des Gefühls
nicht erwehren, daß Frodo ihm noch nicht ganz vergeben hatte, was so viele
Jahre zuvor geschehen war.

"Was willste denn damit sagen, Elbenschwein? Sind dir deine Haare noch nicht
kurz genug?" Sie umringten ihn und schubsten ihn umher wie eine Puppe. Immer
noch hielt er die Hände auf dem Rücken gekreuzt und verteidigte sich nicht.
Laietha küßte ihre Tochter. "Jetzt oder nie!" flüsterte sie und dann lief
Faramir los, als wäre ein Balrog hinter ihm her. Luthawen versuchte ganz
tapfer zu sein, aber sie konnte nicht verhindern, daß ihr dicke Tränen die
Wangen hinunterliefen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß sie ihre Mutter
nie wieder sehen würde, aber sie hatte ja versprochen nachzukommen und sie
hatte Luthawen noch nie belogen.
Plötzlich schrie einer der Orks: "Sie fliehen!" Legolas riß die Arme hoch
und fing an, gegen die Wächter zu kämpfen. Laietha nahm alle ihre Kraft
zusammen und eilte ihm zur Hilfe. Ein erbitterter Kampf entbrannte. Keiner
von ihnen würde eine Chance bekommen, Luthawen und Faramir zu folgen! Sobald
einer von ihnen es versuchte, hielten Legolas oder Laietha ihn zurück. Und
sie konnten nicht riskieren, noch mehr Geiseln zu verlieren. Als einer der
Beorninger Laietha zu überwältigen drohte, zog sie einen Dolch, den sie bis
dahin sorgfältig verborgen hatte. Es war nicht die Gelegenheit, für die sie
ihn bei sich trug, aber jetzt war die beste Gelegenheit, um ihn zu benutzen.
Der Beorninger war so überrascht, daß er nicht einmal aufschrie, als sie ihm
die Kehle durchschnitt. Legolas war zu schnell für die schwerfälligen
Kreaturen. Sie hatten nicht damit gerechnet, daß ihre Gefangenen noch über
solche Kräfte verfügten. Genau das war ihr Vorteil. Laietha rammte einem
ihrer Feinde den Dolch tief in die Brust. Er schrie vor Schmerzen auf.
Legolas bekam das Schwert eines Orks zu fassen und grinste zufrieden. Jetzt
fühlte er sich gleich besser. Er legte all seine Wut und Frustrationen in
diesen Kampf und tötete weitere drei Gegner, bevor sie ihn endgültig
überwältigten. Sie schmetterten eine Keule auf seinen Kopf und er verlor das
Bewußtsein.
Laietha sah, daß sie den Flüchtigen nicht folgten. Vielleicht waren sie in
Sicherheit. Plötzlich wich alle Spannung aus ihrem Körper. Sie stolperte bei
dem Versuch, einen weiteren Ork anzugreifen. Ihre Feinde hatten diese
Schwäche bemerkt, bevor sie zum Vorschein gekommen war. Zwei Beorninger
waren zu den Hobbits gelaufen, die vom Kampfgetümmel erwacht waren. Sie
wollten nicht noch mehr Gefangene einbüßen. Der Beorninger zog den Dolch aus
seinem Bein und in einem Moment der Unaufmerksamkeit rammte er ihn Laietha
in den Magen. Sie würgte und wußte, daß der Kampf nun auch für sie vorbei
war. Sie ging zu Boden. Wenn sie nur ihrem Freund genug Zeit verschafft
hatten! Sie preßte ihre Hand auf die Wunde und fühlte das heiße Blut, das
über ihre Haut strömte. Es war egal. Wenn nur Luthawen in Sicherheit war!
Ihr Blick fiel auf Legolas. Er bewegte sich noch immer nicht- Aber soweit
sie sehen konnte, war er am Leben. Sie hörte die Schreie der Hobbits und
hoffte, daß die Kleinen nicht bitter für ihre Aktion bezahlen müßten. Einer
der Beorninger riß sie an den Haaren empor. Sie konnte sich kaum auf den
Beinen halten und versuchte der Versuchung, sich zu übergeben zu
wiederstehen. Das Blut durchweichte ihr Hemd und ihre Hosen. Sie hustete und
da sie kein Blut schmeckte, glaubte sie, daß man ihre Lunge nicht verletzt
hatte. Noch spürte sie keinen Schmerz. Das würde erst später kommen - sie
wußte es. Es war nicht das erste Mal, daß sie in einer Schlacht verwundet
worden war. Sie hatte Schlimmeres überlebt. Einer der Beorninger schüttelte
Legolas heftig, aber der Elb war noch immer ohne Bewußtsein. Es mochte sein
Glück sein. Der Beorninger ließ seine Wut an ihr aus. Er schmetterte ihren
Kopf gegen einen Baum. Sie glaubte, das Bewußtsein zu verlieren - hatte aber
nicht so viel Glück. Sie sah, wie er ihr in die Schulter biß, aber sie
spürte immer noch keinen Schmerz. Sie begann zu lachen. Sie fühlte gar
nichts! Sie war erleichtert. Ihre Tochter war in Sicherheit! Und sie spürte
keinen Schmerz! Sie lachte noch lauter. Endlich war sie frei! Jetzt mußte
sie sich keine Sorgen mehr um die Sicherheit ihrer Tochter machen! Sie
schüttete sich aus - hysterisch lachend - fast erstickend, aber sie konnte
nicht aufhören. Die Beorninger, die die Hobbits gefesselt und geschlagen
hatten, ließen von ihnen ab und sahen verdutzt hinüber. Die Beorninger und
Orks, die Laietha umringt hatten, wichen erschrocken zurück. "Sie verloren
hat Verstand!" sagte einer der Orks. Als sie ihren Griff, mit dem sie
Laietha gehalten hatten lockerten, fiel sie wie ein Stein zu Boden und
endlich umfing sie die erlösende Dunkelheit.

Faramir rannte ohne sich umzusehen. Hinter sich hörte er, wie der Kampf
begann. Er hoffte, daß seine Freunde ihm genügend Zeit geben würden um
fortzulaufen und sich zu verstecken. Wenn sie ihn zu fassen bekämen wäre
sein leben verwirkt. Und auch Luthawen würden sie töten. Er mußte es einfach
schaffen. Luthawen war ganz still. Sie wagte es nicht einmal, sich zu
bewegen. Auch wenn das Kind leicht war begann Faramir nach kurzer Zeit zu
keuchen und zu schwitzen. Als er nichts mehr hörte, hielt er an und fiel
erschöpft zu Boden. Er sah sich um, aber niemand war ihnen gefolgt. Er
brauchte eine Pause. Faramir half Luthawen auf einen Baum zu klettern und
stieg hinter ihr ebenfalls in die Äste. Wenn ihre Feinde sie entdeckten,
waren sie verloren, aber vielleicht würden sie hier sicher sein. Er suchte
ihnen einen sicheren Platz und dann schliefen er und Luthawen ein.

Laietha hustete und ein stechender Schmerz ließ sie aufschreien. Davon
erwachte sie. Sie konnte kaum die Augen öffnen. Legolas beugte sich über
sie. Sein Gesichtsausdruck zeigte mehr als nur Sorge. "...geschafft?" fragte
sie schwach. Er nickte. Sein Auge war geschwollen und er sah furchtbar aus.
Der Elb strich ihr sanft übers Haar. "Beweg dich nicht so viel. Du bist
schwer verwundet." "Hätt ich nicht für möglich gehalten," erwiderte sie
trocken. Sie versuchte angestrengt den Kopf zu heben, um nach den Hobbits zu
sehen.. "...die Kleinen okay?" Legolas zuckte mit den Schultern. "Laß es
mich so ausdrücken - es geht ihnen besser als dir." Die Hobbits saßen an
einen Baum gelehnt und hielten sich fest im Arm. Sam fühlte sich sehr
schlecht und das Fieber war nicht gesunken. Frodo war total verschreckt.
Legolas beugte seinen Kopf zu Laietha hinunter. "Verrate mir nur eins, Frau
Annaluva, wo hattest du den Dolch her?" Sie sammelte Atem. "Trage ihn für
den Fall, daß jemand versucht meinen Bruder mit meinem Leben zu erpressen.
Tote Geiseln sind nicht sehr nützlich. So muß er nicht auf ihre Forderungen
eingehen." Sie lächelte grimmig. Legolas schüttelte seinen Kopf. "Du bist
eine der liebenswürdigsten Personen, die ich kenne, Laietha, aber du kannst
kalt wie Eis sein." Frodo hatte das gehört und war nun aufgestanden. Er kam
zu ihnen hinüber. Laietha schaffte es, sich aufzusetzen, auch wenn der
Schmerz sie Sterne sehen ließ. Frodo baute sich vor ihr auf. "Wie konntest
du nur so dumm sein? Jetzt werden sie uns alle umbringen! Und vorher werden
sie uns wehtun! Wie kannst du nur so dumm sein? Du bist so grausam!" Er
wollte sie schon fast schütteln, als Sam von hinten an ihn herantrat und ihm
besänftigend die Hand auf die Schulter legte. Er sah Laietha verständnisvoll
an. Ja, er hatte seine Probleme mit der Kriegerin. Sie gehörte nicht
unbedingt zu den Leuten, die er als seine engsten Freunde bezeichnen würde,
aber er konnte sie verstehen. Auch er würde nicht gezögert haben, seine
Kinder zu retten, selbst wenn das bedeutete, daß er andere in Gefahr
gebracht hätte. "Laß gut sein, Herr Frodo. Ich hätte das gleiche getan, wenn
es meine Kinder gewesen wären, die in Gefahr gewesen wären." Sie lächelte
ihn dankbar an und wollte etwas sagen, als einer der Beorninger auf sie
zukam. "Wieder wach, Abschaum?" knurrte er. "Showtime!" Er riß sie auf die
Beine und zu ihrer eigenen Überraschung blieb sie stehen. Der Hauptmann
bellte ein paar Befehle und seine Männer teilten sich in zwei Gruppen. "Na
los, Elbenschlampe. Mal sehen wie deinem Bruder dein Aussehen gefällt."
Sie hatten nach dem Mann und dem Kind gesucht, als sie ihre Verfolger
entdeckt hatten. Jetzt bewachte die Hälfte der Gruppe ihre Gefangenen,
während die andere Hälfte dem Hauptmann folgte, der Laietha davon schleppte.
Sie war alles andere als glücklich darüber, daß ihr Bruder sie so zu Gesicht
bekommen sollte.

Aragorn traute seinen Augen kaum. Er sah eine Gruppe Beorninger auf sie
zukommen und einer von ihnen trug etwas, das wie seine Schwester aussah. War
sie tot? Boromir stieg von seinem Pferd und erbleichte. Er wollte zu ihr
laufen, aber die Beorninger fletschten ihre Zähne und Beregond packte ihn am
Arm und hielt ihn zurück. Als sie dicht genug dran waren, um zu sprechen,
ließ der Beorninger seine Frau runter. Nun war Boromir froh, daß Beregond
ihn am Arm hielt. Er glaubte jeden Moment den Verstand verlieren zu müssen.
Ihr Hemd und ihre Hosen waren zerrissen und blutbeschmiert, ihr Gesicht war
voller Blutergüsse und sie war schmutzig und bleich. Laietha sah zu Tode
erschöpft aus. Als sie den Kopf hob, schien sie ihn gar nicht wahrzunehmen.
Ihre Blicke wanderten suchend durch die Reihen der Männer. Sie suchte nach
jemandem.
Aragorn fühlte sich, als hätte man ihm einen Stich ins Herz versetzt als
sein Blick auf die Wunden seiner Schwester fiel. Er fühlte ihren Schmerz,
als wäre es sein eigener. Aragorn konnte an nichts anderes denken, als zu
ihr zu gehen, sie in die Arme zu schließen und ihre Wunden zu versorgen -
und die Monster zu töten, die ihr das angetan hatten.
"Jetzt, grausamer König der Menschen, Freund der dreckigen Elben, ist Zeit
für eine kleine Unterhaltung," bellte der Hauptmann. "Du siehst nun also,
daß mein Volk nicht sehr humorvoll ist. Du siehst selbst, daß deine
Schwester in unserer Gewalt ist. Wenn du nicht willst, daß sie einen
langsamen qualvollen Tod in unseren Kerkern stirbt, solltet du besser tun,
was wir von dir verlangen." Laietha fand seinen Blick und plötzlich wurden
ihre Augen kalt und klar. Sie lächelte. "Reno!" rief sie aus. Obwohl Boromir
die Sprache der Elben nicht verstand, wußte er doch sehr wohl, was sie
gesagt hatte. Angst umklammerte sein Herz. Er warf Aragorn einen bösen Blick
zu. Der Beorninger versetzte ihr einen harten Schlag. "Halts Maul! Hast du
für heute etwas noch nicht genug Spaß gehabt?" Das war einfach zu viel für
Boromir. Er schrie und stürmte auf die Kreaturen zu, die seiner Frau das
angetan hatten. Eowyn sah, daß ihre Chance gekommen war, glitt von ihrem
Pferd und rannte Boromir hinterher - das Schwert zum Kampf bereit. Aragorn
war vor Überraschung wie gelähmt. Er hätte es wissen müssen, aber nun war es
zu spät. Immer noch geschwächt von den Verletzungen der letzten Kämpfer
wurden Boromir und Eowyn überwältigt und gefesselt. Laietha bemerkte es nur
aus dem Augenwinkel. Der Schmerz drohte sie zu übermannen. Der Beorninger
legte ihr das Schwert an den Hals. „Noch eine Bewegung, Abschaum, un dich
vergieße ihr Blut. Sie ist nicht unsere einzige Geisel. Ich schere mich
nicht darum diese hier zu opfern - sie macht ohnehin nur Scherereien. Ich
wäre glücklich, sie auf diese Weise loswerden zu können." Aragorn hielt
seine Männer zurück. "Was wollt ihr?" fragte er mit gesenktem Haupt. Der
Beorninger lachte. "Das hört sich doch schon besser an! Zieh deine Männer
zurück. Geh und sag den anderen dreckigen Elben, daß wir wollen, was uns
zusteht. Du hast eine Woche um uns zu geben was wir wollen, oder du wirst
deine Toten begraben können, wenn dann noch etwas zum Begraben übrig ist."
Er lachte kehlig. Laietha sah ihren Bruder noch einmal an. "Versprich mir,
daß du das nicht tun wirst!" Ihr Bruder sah den Hauptmann der Beorninger an.
"Ich werde tun, was ihr mir aufgetragen habt. Ich werde Herrn Elrond suchen
und ihm sagen, was ihr verlangt." Laietha wand sich und schrie. "Feigling!
Du bist der König! Sie werden uns so oder so umbringen! Verflucht seiest du,
Aragorn!" "Du redest zu viel! Halt die Klappe!" Der Beorninger schrie etwas
und seine Männer verschwanden blitzschnell im Wald. Nun nahmen sie auch
Boromir und Eowyn mit sich. Aragorn fühlte sich hilflos, aber er wagte
nicht, ihnen zu folgen. Er fürchtet um ihr Leben.

"Wach auf, Onkel Faramir! Schlafmütze!" Faramir schreckte hoch und wäre fast
vom Baum gefallen. "Was ist los, Liebes? Hast du etwas gesehen?" Kalte Angst
erfüllte sein Herz. Hatten sie sie doch eingeholt? "Da waren Männer auf
Pferden. Ich bin nicht sicher, aber es könnte Onkel Aragorn gewesen sein und
Papa und Tante Eowyn. Aber ich hatte zu viel Angst, um sie zu rufen. Ich
hebe gedacht, ich wecke dich erst auf." Faramir sah sie mit großen Augen an.
"Wann sind sie vorbeigekommen?" Luthawen dachte nach. Vielleicht vor einer
halben Stunde. Du hast so fest geschlafen, daß du gar nicht aufwachen
wolltest." Eine halbe Stunde! Und sie hatten Pferde! Das war so viel, aber
wenn sie sich beeilten...sie hatten eine Chance! Er wollte nichts mehr, als
endlich wieder seine Frau in den Armen zu halten und sein Bruder würde
überglücklich sein, seine Tochter gesund und munter wiederzusehen! Er würde
nicht erfreut sein zu erfahren, daß seine Frau in großer Gefahr war, aber
vielleicht konnten sie bald alle retten! Er kletterte schnell vom Baum und
Luthawen hopste in seine Arme. "Komm, kleine Prinzessin, wir werden zu
deinem Papi gehen und dann werden wir deine Mami retten!"

Faramir hielt Luthawen in den Armen und stolperte aus dem Wald. In der Nähe entdeckte er sofort Hufabdrücke und so schnell er konnte, folgte er ihnen. Er mußte sie einfach erreichen! Warum, verdammt, hatte er so lang geschlafen?
Er stolperte weiter und fühlte sich schwach. Schweiß stand auf seiner Stirn nach zwei Minuten, aber er gab nicht auf und rannte weiter. Luthawen schaute in die Gegend und suchte nach jeder möglichen Bewegung, aber da war gar nichts. Nur Hügel und dahinter konnten sie den Großen Strom fließen sehen.
Wie er es geschafft hatte, zwanzig Minuten zu laufen, konnte Faramir nicht sagen, aber schließlich hielt er an und setzte sich hin.
"Meine kleine Prinzessin, ich brauche eine kurze Pause. Ich kann jetzt nicht weiterlaufen."
Luthawen nickte, stand auf und lief umher. Sie kletterte auf die Spitze eines kleinen Hügels in der Nähe und schrie überrascht auf.
"Onkel Faramir! Da sind sie! Schnell!"
Stöhnend erhob er sich und kletterte langsam den Berg hinauf.
"Da! Schau!" Sie zeigte nach unten zum Flußufer und er hob sie hoch und rief: "Wartet auf uns!"

Sechster Abschnitt

Aragorn war die ganze Zeit über still gewesen, während sie geritten waren. Beregond fühlte mit, wie es ihm ging. Er kannte seinen König gut. Eomer war verzweifelt. Seine Schwester war gefangengenommen worden und würde vielleicht sterben. Er wagte nicht, daran zu denken.
Wer war noch übrig? Und Laietha war schwer verwundet. Bei den Valar, er konnte es nicht ertragen.
Aragorns Sorge war der Große Strom. Wie würden sie ihn überqueren?
Würde es an einer Stelle eng genug sein? Sie brauchten etwas wie eine Furt.
Wie würden die Feinde den Fluß überqueren?
Unnachlässig folgten sie den Spuren. Bald würden sie es sehen.
Schließlich erreichten sie das Ufer und dann sahen sie die Antwort. Auf der anderen Seite war ein großes Boot zurückgelassen worden. Aber wie sollten sie daran kommen?
Sie machten eine kurze Pause und Aragorn sagte: "Der einzige mögliche Weg ist, daß jemand den Fluß überquert und das Boot holt. Wer kann gut schwimmen?"
Beregond sah seinen König an. "Mein Herr, der Fluß fließt schnell und ist gefährlich. Gibt es keinen anderen Weg?"
Aragorn schüttelte den Kopf. Dann hob Rangamer die Hand.
"Ich werde es versuchen, ich weiß, es ist die einzige Möglichkeit. Aber ich frage mich: Warum haben sie es hiergelassen?"
"Vielleicht wäre es zu schwierig gewesen, es zu tragen. Aber das ist egal, denn wichtig ist: Es ist noch da und wir brauchen es."
Rangamer bereitete sich vor. Man band ihm ein Seil um die Hüften, damit er zurückgeholt werden konnte, wenn es nötig war. Sie gingen ein Stück nach Norden, so daß er am östlichen Ufer neben dem Boot landen würde. Die anderen sahen ihm nur zu, während Eomer und Beregond das Seil festhielten.
Bald hatte Rangamer die andere Seite erreicht und kletterte an Land. Er setzte sich kurz hin, dann löste er das Seil und knotete es ans Boot. Er stieg ein und begann, zurückzurudern.
Aragorn lächelte erleichtert. Wenigstens etwas funktionierte hier noch.
Plötzlich hörten sie jemanden von hinten rufen, daß sie warten sollten.
Er drehte sich um und sah eine Gestalt auf einem nahen Hügel stehen. Er war aufgerüttelt.
"Männer, könnt ihr sehen, wer es ist?" rief er und Eomer sagte: "Ein Kind ist bei ihm. Ist das nicht Faramir?"
Aragorn nickte und dachte, das wäre ein Witz. Wenn das wirklich er war...
Er winkte und dann lief die Gestalt den Hügel hinunter.
"Wirklich, er trägt ein Kind bei sich! Im Namen der Valar!" Aragorn war aufgeregt, nahm ein Pferd und eilte schnell den Weg zurück bis dorthin, wo Faramir winkend stand.
Aragorn hielt sein Pferd an, stieg ab und umarmte Faramir und Luthawen. Ihm standen Tränen in den Augen, als er sie ansah und kniete sich nieder zu Luthawen.
"Meine liebe Nichte, wie geht es dir? Es ist so schön, euch beide zu sehen!"
"Onkel Aragorn!!!" rief sie und nahm seine Hand. Aragorn stand auf und sah Faramir an.
"Wie habt ihr das geschafft? Ihr konntet fliehen?"
"Lange Geschichte. Aber... habt ihr etwas zu essen? Ich sterbe und Luthawen ebenfalls, denke ich!"
"Natürlich! Kommt mit!"
Die drei gingen zurück zu den anderen, die ungeduldig warteten und Faramir und Luthawen wurden freudig begrüßt. Sie setzten sich alle hin und sahen Faramir gespannt an, der mit Essen beschäftigt war. Alles, was sie bekamen, aßen beide hungrig auf.
Dann blickte Faramir umher und fragte: "Wo habt ihr meine Frau gelassen?"
Aragorn zögerte, dann antwortete er: "Sie... naja, als sie mit Laietha kamen, um mit uns zu reden, haben Boromir und Eowyn sie angegriffen und ja... sie wurden mitgenommen."
Faramir schüttelte den Kopf. "Ein Witz, du willst mich zum Narren halten, richtig? Sie ist nicht..."
Stille breitete sich aus und er verstand. Es war so und nicht anders.
Mit Tränen in den Augen sagte er: "Sie muß wahnsinnig sein! Sie wußte nicht, was sie erwartet. Ich meine, diese Qual... und sie trägt ein Kind..."
Erstickt von Tränen verbarg er das Gesicht in den Händen.
"Onkel Faramir..." flüsterte Luthawen und nahm seine Hand. Aber es tröstete ihn kaum.
"Also weißt du es. Sam hat es dir erzählt?"
Faramir nickte und sah Aragorn an.
"Schaut euch an, was sie mit mir gemacht haben. Sie haben mich so behandelt wie schon Frodo zuvor. Und ich bin ein Mann, ich kann das verarbeiten, aber Frodo konnte es nicht. Sie sind unglaublich grausam. Wie konnte das passieren? Wieso hat sie niemand aufgehalten?"
Aragorn sagte nichts, aber dachte, daß sie Frodo sogar noch schlimmer behandelt hatten. Natürlich sah man auch an Faramir Peitschenstriemen, aber er hinterließ einen besseren Eindruck.
"Denkst du, du kannst uns erzählen, was passiert ist?"
So begann Faramir, zu erzählen, was geschehen war. Sam war krank, Frodo apathisch, Legolas verging vor Scham und Laietha war ernstlich verletzt. Ganz davon zu schweigen, wie es ihm und Luthawen ergangen war.
"Und dann sagte Laietha, ich solle einen Fluchtversuch starten und Luthawen mitnehmen. Ich konnte die Fesseln durchschneiden und unsere kleine Prinzessin mitnehmen. Sie sind uns nicht einmal gefolgt, Legolas hatte ihre ganze Aufmerksamkeit, ebenso Laietha... Es war nicht schwer, wegzulaufen, aber ich kann es nicht ertragen, sie zurückgelassen zu haben.
Das bedeutet, daß diejenigen, die noch da sind, noch schlimmer behandelt werden. Oh nein..."
"Gib nicht auf! Verzweifelt wirst du von keinerlei Nutzen sein. Wir müssen sie verfolgen und diejenigen befreien, die uns lieb sind! Ja, natürlich, da sind wenige Chancen geblieben, aber wir müssen es zumindest versuchen. Ich will nicht, daß meine Schwester umgebracht wird und du willst deine Frau zurück und bald Vater werden. Wir haben alle dieselben Motive, und wir werden das tun, was wir tun müssen!"
Faramir schaute ihn an. Er schien sehr entschlossen zu sein. Das war Grund zur Hoffnung.

Boromir und Eowyn schlugen hart auf dem Boden auf und hoben die Köpfe. Vor ihnen stand der Anführer der Feinde, hämisch grinsend.
"Also habt ihr uns zwei mehr von ihnen gebracht? Könnte nützlich sein... jetzt, wo wieder Gefangene fliehen konnten!"
Eowyn schaffte es, aufzustehen und sich umzuschauen. Sam, Frodo, Legolas und Laietha standen einige Meter neben ihnen. Sie waren alle gefesselt und Eowyn war schockiert, als sie sie sah.
Laietha schrie. Sie konnte noch immer nicht glauben, daß es Boromir war, der da auf dem Boden lag. Endlich stand auch er auf und beide gingen sie zu den anderen.
"Pause ist um! Los!" kommandierte der Anführer. Eowyn sah Legolas an und sagte: "Valar... wo befinde ich mich hier?" Sie konnte sich daran nicht gewöhnen. Alles, was sie sah, waren Spuren von Gewalt und Grausamkeit. Sam war krank und sah auch so aus, aber war gefesselt. Frodo sah ebenfalls schlecht aus und konnte Sam nicht stützen. Legolas‘ Gesicht zeigte seine Wut und Laietha, die kaum stehen konnte, geschweige denn gehen, konnte von ihrem Mann auch keine Hilfe erwarten.
Verdammte Stricke.
Immer noch zögerte sie und suchte nach Faramir und Luthawen, aber sah sie nicht.
"Wo ist er, wo ist Faramir? Was haben sie mit ihm gemacht?" fragte sie und blickte Legolas aus großen blauen Augen an.
"Geflohen. Minuten bevor ihr gekommen seid. Er nahm das Mädchen und rannte los. Ich denke, es geht ihnen gut."
"Wiederhol das: Geflohen? Weggerannt? Du sagst mir, daß er da draußen in der Wildnis ist, wahrscheinlich verletzt und... nein, sag mir, wie geht es ihm?"
"Nun ja... er war kaum verletzt und fast so kräftig wie ich bin. Sieh dir die anderen an, sie können ihre Schwäche nicht mehr verstecken. Aber sein Zustand war besser. Außer... naja, einmal sind sie auch über ihn hergefallen und sah fast so aus wie auch Frodo, aber es ging ihm gut."
Eowyn konnte nicht glauben, was sie hörte und bereute, was sie getan hatte. Es war wahnsinnig.
"Weiß er... Sam? Sam, hast du Faramir..." Sie brauchte nicht weiterzureden, Sam nickte schwach und verlor dann das Bewußtsein.
"Anhalten!" schrie sie und Legolas beugte sich hinunter zu dem Hobbit, der bewußtlos auf dem Boden lag. Dann drehte er sich um zum Anführer, der gekommen war, um zu sehen, was passiert war. Legolas hob die Hände.
"Könnte ich ihn vielleicht endlich tragen?" brummte er wütend und zu seiner eigenen Überraschung zog der Beorninger sein Schwert und zerschnitt die Stricke.
"Ich versprech dir, daß ich dich schlachten werde, wenn du diese Freiheit mißbrauchst!" zischte der Anführer und Legolas hob Sam auf seine Arme. Frodo lächelte erleichtert und blieb dicht bei Legolas und Eowyn.
Boromir glaubte nicht, was er sah. Er hatte sich nicht vorgestellt, daß sie so schlecht aussahen.
Plötzlich wußte er, was er getan hatte und nannte sich selbst einen Narren, freiwillig gefangengenommen, immer noch verwundet und... verflucht! Aber als er Laietha ansah, dachte er anders darüber. Sie lehnte sich an ihn und er bemerkte, daß ihre Kleidung voller Blut war.
"Was haben sie dir getan? Ist es schlimm?"
"Nein, ist es nicht..." log sie und sagte: "Hast du Faramir und unser geliebtes Mädchen gesehen?"
"Nein, sollte ich... was ist passiert?"
"Faramir konnte mit Luthawen fliehen. Ich fürchtete, sie würden ihr etwas antun, wenn ich ihr nicht helfen könnte."
Boromir verstand. Die Situation war wesentlich ernster, als er gedacht hatte.
Als sie sich am östlichen Ufer des Anduin wiederfanden, dem Düsterwald näher und näher kommend, fragte Frodo plötzlich: "Eowyn, wie konnten sie euch herbringen?"
"Es war verrückt. Boromir und ich hatten beschlossen, naja..." sie flüsterte, "wir wollten sie von innen heraus angreifen. Wir dachten, daß es das Einfachste wäre, um euch zu helfen. Aber jetzt denke ich -"
"Könntet ihr BITTE endlich aufhören, zu quatschen? Seid ihr alle gleich? Den ganzen Tag reden, Abschaum..." brüllte der Anführer von hinten und die Gefangenen waren ruhig. Außer Eowyn.
"Essen?"
Frodo schüttelte den Kopf und flüsterte: "Faramir war sehr stolz, weißt du?"
Die Antwort war ein Lächeln.
Nicht viel später stolperte Laietha plötzlich und fiel hin. Sie war zu schwach wegen ihrer Wunde, um noch zu gehen, und Boromir fühlte Panik in sich aufsteigen.
Der Anführer seufzte und zerschnitt auch seine Fesseln, nicht ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, was er zu tun und zu lassen hatte. Dann trug Boromir seine Frau. Das Blut auf ihrer Kleidung war endlich getrocknet, aber er sah die Wunde udn war sehr besorgt. Es sah sehr ernst aus. Aber was sollte er nun tun? Er fühlte sich hilflos.
Plötzlich brüllte der Anführer: "Noch zwei Tage und ihr seid in einem geheimen Versteck im Düsterwald, aber erwartet nicht, daß die Kerker sehr gemütlich sind!"
Eowyn fühlte einen Kloß im Hals und spürte, wie Frodo versuchte, ihre hand zu nehmen.
"Oh, Kleiner, hab keine Angst, bitte..." murmelte sie, aber sie sah, daß es nutzlos war.
Sein Trauma hielt noch immer an, aber die Apathie war vorüber und er wußte nun genau, was los war. Selten sprach er, immer fürchtete er Strafe. Seine einzige Sorge war Sams Krankheit. In der Zwischenzeit war er wieder erwacht, aber fühlte sich sehr schlecht. Sich an Legolas klammernd und am ganzen Körper zitternd, obwohl er mit allem zugedeckt war, was sie hatten, bewegte er seine Lippen tonlos. Er rief nach seiner Familie, Legolas wußte es.
Manchmal dachte er an seinen Vater. Was würde er tun? Wie würde seine Entscheidung ausfallen?
Er konnte den Gedanken nicht ertragen.
Als Eowyn stolperte und fiel, stähnend und voller Zorn, packte der Anführer sie am Haar und zog sie hoch.
"Habe ich Recht, wenn ich sage, daß du uns aufhalten willst? Tu das nicht, tu das ja nicht..."
Eowyn fürchtete sich nicht vor ihm, auch wenn er sie böse anstarrte, aber sie konnte nichts tun, als er sein Schwert zog und mehr als die halbe Länge ihres wunderschönen blonden Haares abschnitt.
"Auch wenn du keine Elbin bist, dürfte das eine gute Strafe sein!" Er lachte und stieß sie zu den anderen.
Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Bei den Valar, was hatte sie getan?

Aragorn war tief in Gedanken, als sie den Fluß überquerten. Luthawen klammerte sich fest an ihn und hatte endlich aufgehört zu weinen. Als sie erfahren hatte, daß nun beide Eltern gefangen waren, war das Kind verzweifelt. Er strich ihr sanft übers Haar, er wußte selbst, daß ihre Mutter in großer Gefahr war. Sie hatte es geschafft, ihr Kind zu retten und nun würde es sie nicht mehr kümmern, ob sie lebte oder starb. Aragorn hoffte nur, daß Boromir sie vor sich selbst beschützen können würde. Sie mußten ihnen einfach helfen! Er hatte von Faramir erfahren, daß Sam sehr krank war und keine medizinische Versorgung erhielt. Wie lange würde er noch durchhalten? Der König beobachtete, wie der Fluß an ihrem kleinen Boot riß und wie seine Männer gegen die Strömung ankämpften. Armer Sam! Er mußte sich zu Tode gefürchtet haben, als sie den Fluß überquert hatten! Die armen Kleinen! Wieso traf es immer die Schwachen und Unschuldigen, die unter der Grausamkeit und Gier der Starken leiden mußten? Was für ein König war er denn, wenn er nicht verhindern konnte, daß so etwas in seinem Reich möglich war? Er preßte das Kind beschützend an sich. Wenigstens war sie jetzt in Sicherheit und mußte nicht mehr unter der Grausamkeit dieser Monster leiden, die sie so lange gefangen gehalten hatten. Sie hob ihr Köpfchen und erinnerte ihn schmerzlich an ihre Mutter als er sie damals eher tot als lebendig im Wald gefunden hatte. Sie war ungefähr so alt wie Luthawen gewesen. Es zerriß ihm fast das Herz. Luthawen brachte ein Lächeln zustande. „Onkel Aragorn,“ flüsterte sie scheu. „Was ist, mein Liebes?“ fragte er sanft. „Guck mal, ich bekomme schon meine richtigen Zähne!“ Sie erzählte ihm, daß einer von ihnen im Ärmel des Beorningers steckengeblieben war, der versucht hatte, ihrer Mutter weh zutun. „Er hat ihn mir nicht zurückgegeben. Aber ich mußte doch Mama beschützen, nicht wahr?“ Mit einem Lächeln küßte er seine Nichte. „Du bist so tapfer, mein kleiner Schatz.“

Faramir saß am Ende des Bootes und starrte ins Wasser. Warum hatte sie das nur getan? Warum hatte er nur so lange geschlafen? Wenn er eher erwacht wäre, hätte er verhindert, daß sie diesen Monstern in die Arme gelaufen wäre! Was würden sie ihr wohl antun? Er hoffte, daß sie sie nicht verletzen würden...sie und das Kind. Obwohl Aragorn ihm widersprochen hatte, glaubte er, daß sie sich mit Absicht hatte gefangennehmen lassen, nur um bei ihm zu sein! Jetzt war er in Sicherheit und sie in der Gewalt dieser Ungeheuer.
Sie erreichten das andere Ufer und kletterten aus dem Boot. Die Spuren führten in Richtung des Düsterwaldes. Sie waren schon außer Sichtweite. Da es schon dunkel wurde, schlugen sie ihr Lager auf und entschieden, daß es besser war, erst am nächsten Tag weiterzugehen. Faramir hatte ihnen berichtet, daß sie tagsüber rasteten. Das konnte ihre Chance sein. Aber alles was sie im Moment tun konnten, war ihre Kräfte zu schonen.

Die Nacht schien nicht enden zu wollen und sie liefen, ohne viel zu sprechen. Nur Eowyn stellte von Zeit zu Zeit Fragen und die Antworten, die sie bekam, wollten ihr gar nicht gefallen. Ihr fiel es sehr viel leichter zu laufen, als Frodo oder Legolas. Boromir trug seine Frau mit grimmigem Gesicht. Sam war in Fieberträume versunken. Die meiste Zeit über war er bewußtlos. Sie hatte sich noch nicht an den Anblick von Legolas´ kurzen Haaren gewöhnt und ihr fiel ein, was ihr Laietha einmal über die Haare der Elben erzählt hatte. Eowyn griff nach einer Strähne ihrer eigenen Haare. Es war ja nicht so schlimm, versuchte sie sich selbst zu trösten. Sie würden wieder wachsen und wenigstens war sie in besserer Verfassung als Boromir, der sehr erschöpft aussah, denn schließlich trug er eine ziemliche Last. Aber irgendwie sah er trotz allem zufrieden aus. Endlich fühlte er sich nicht mehr so nutzlos! Und seine Tochter war in Sicherheit. Er würde seine Frau beschützen und auch auf Eowyn ein Auge haben. Hoffentlich würde ihn Faramir nicht umbringen, falls sie das hier überleben sollten.

Laietha berührte seine Schulter und er stöhnte vor Schmerz auf. „Tut mir leid,“ murmelte sie. „Was hast du da gemacht?“ Er grinste breit. „Ach das! Nichts ernstes, Liebling, nur ein weiteres Zeichen meiner Männlichkeit, an dem du dich erfreuen kannst!“ Seine Schulter brannte vor Schmerzen. „Blödmann!“ grinste sie. „Mir einfach nachzulaufen. Ich kann schon ganz gut auf mich selbst aufpassen!“ Na klar, dachte er. „Klar, das sehe ich. Du hast nie besser ausgesehen, meine Süße.“ Einer der Wachen schubste ihn unsanft. „Hab dir doch gesagt, daß du die Klappe halten sollst, oder die Elbenschlampe kann alleine laufen.“ Er verstummte. Nach einer Weile fragte er: „Sind die immer so freundlich?“ Sie zuckte schwach mit den Schultern. „Was hast du denn erwartet? Daß sie uns von vorne bis hinten bedienen, uns die Füße massieren und mit köstlichen Speisen verwöhnen?“ „So in der Art, oder warum bist du sonst so lange mit ihnen unterwegs? Ich hab schon gedacht, es gefällt die hier so gut, daß du gar nicht mehr zurück willst! Sind schließlich alles stramme Kerle. Hab schon gedacht, du würdest mich für einen von ihnen verlassen.“ „Oh haltet doch endlich das Maul, ja? Ich hab das Geschnatter den ganzen Tag über so satt!“ Wieder wurden sie still und Boromir trottete weiter. Laietha schlang die Arme fest um seinen Hals und zog Stärke aus seiner Wärme. Im Stillen hatte sie ihn ja verflucht, weil er gekommen war, weil das ihre Pläne durcheinandergebracht hatte. Jetzt war sie dankbar, daß er bei ihr war.

Frodo schluchzte leise und Eowyn trat so dicht an ihn heran, daß sich ihre Körper leicht berührten. Der arme Kleine! Es war so grausam von diesen Kreaturen, daß sie ihn so leiden ließen! Legolas´ Gesicht war ausdruckslos. Noch immer trug er Sam. Sein Atem ging flach und er hatte das Gefühl, daß der Hobbit die Kerker der Beorninger nicht lebend erreichen würde. Er fühlte sich so hilflos. Zwar hatte er versucht, Sam mit elbischen Heilzaubern zu stärken, aber es hatte nichts genützt. Er war wütend auf diese Wesen. Der Hobbit hatte nichts mit alledem zu tun und er würde ganz umsonst sterben! Warum ließen sie die Kleinen nicht gehen? Er bemerkte, daß er beobachtet wurde und fuhr herum. Aus dem Augenwinkel entdeckte er, daß ein Beorninger auf ihn zukam. „Lauf schneller, Elbenschwein!“ schrie er ihn an. Es war derselbe, der ihnen auch etwas zu Essen und Medizin für Sam gebracht hatte. „Wie geht es dem Kleinen?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Legolas sah ihn überrascht an. War das eine neue List? „Er wird sterben,“ murmelte er. Die Augen des Beorningers weiteten sich für eine Sekunde. „Ist er ein Kind?“ fragte er mit einem neugierigen Blick auf die kleine Kreatur. „Nein,“ erwiderte Legolas ganz ruhig. „Sie werden nicht größer. Er ist ein Hobbit, ein friedliches Wesen, der niemandem etwas böses getan hat.“ Der Beorninger zuckte schuldbewußt zusammen. „Er ist ein Freund der dreckigen Elben, wie du einer bist! Wenn er stirbt, ist es deine Schuld!“ Legolas schüttelte den Kopf und sah ihm fest in die Augen. „Das ist es nicht, und du weißt das so sicher wie ich.“ Sie liefen weiter, aber der Beorninger wich nicht von seiner Seite. „Könnten deine Freunde ihm helfen, wenn sie ihn fänden? Würden sie ihn retten?“ Legolas nickte nur. Damit ging der Soldat fort. Er lief zu seinem Hauptmann. Legolas beobachtete ihn, als er mit dem brutalen Kerl sprach, der sie alle die ganze Zeit über gefoltert hatte.

„Was willst du, Bereg?“ schnauzte er. Der Soldat deutete auf Legolas. „Der Halbling ist so gut wie tot. Er verlangsamt nur das Tempo der Gruppe. Können wir ihn nicht zurücklassen?“ Der Hauptmann brüllte ihn an. „Bist du komplett verrückt geworden? Geiseln zurücklassen? Was ist, wenn er seinen Freunden erzählt, wie viele wir sind und wohin wir gehen? Hast du den Verstand verloren, Soldat?“ Bereg schüttelte den Kopf. „Sie werden ihn nicht lebendig finden. Es wird nicht länger als ein paar Stunden dauern und dann ist er sowieso tot. Er wird seinen dreckigen Elbenfreunden nichts nutzen.“ Der Hauptmann musterte ihn kritisch. „Und das wird ein gutes Zeichen dafür sein, daß wir nicht scherzen. Er wird eine Warnung sein, daß sie uns besser nicht zu nahe kommen. Er wird sie das Fürchten lehren.“ Es war vollbracht. Der Hauptmann stolzierte auf Legolas zu. „Laß die dreckige Ratte runter. Es hat keinen Sinn, sie zu tragen. Laß sie hier! Sie hält uns nur auf!“ Legolas legte Sam vorsichtig zu Boden. Frodo sah angsterfüllt zu ihm hinüber. „Nein!“ schrie er verzweifelt auf und rannte zu seinem Freund. Sam hörte ihn nicht. „Laß ihn nicht hier! Er wird sterben! Legolas!“ Der Elb sah ihn nicht einmal an. Frodo drehte sich hastig um und versuchte, einen Blick auf die anderen zu erhaschen. Eowyn kämpfte mit den Tränen, aber sie unternahm nichts. Sie hatte den Hobbit gesehen und wußte, daß sie nichts für ihn tun konnten. Vielleicht war es auch besser so für ihn. Boromir preßte seine Frau beschützend an sich. Laietha sah Frodo nicht in die Augen, aber sie schenkte Legolas einen neugierigen Blick. Was hatte er vor? Und vor allen Dingen, wie hatte er das gemacht? „Keine Zicken mehr! Laßt ihn liegen und bewegt euch! Wir haben nicht ewig Zeit!“ Legolas tat wie ihm geheißen war, seine Miene war wie versteinert.

Der Tag brach herein und erschöpft sanken sie zu Boden, dankbar, rasten zu können. Boromir wärmte seine Frau. Eowyn saß neben ihnen, genau wie Legolas. Frodo starrte zu Boden. Er war erschöpft vom vielen Weinen. Warum lebte er, wenn Sam im Wald lag und sterben würde? Er wünschte, daß er die Stelle seines Freundes hätte einnehmen können. Was würde denn jetzt nur aus seiner Familie werden? Wie konnten die anderen nur so herzlos sein? Er warf Legolas einen haßerfüllten Blick zu. Der Elb zuckte mit keinem Muskel in seinem glatten Gesicht.

„Das war verdammt schlau von dir,“ Fflüsterte Laietha kaum hörbar. Legolas lächelte ihr verschmitzt zu. „Vielleicht hat er eine Chance, wenn sie ihn nur schnell genug finden. Das war alles was ich für ihn tun konnte.“ Sie nickte verstehend. Eine weitere Sorge, die ihnen abgenommen war. „Ich hoffe nur, daß Frodo durchhält. Er ist in einem schlimmen Zustand,“ sagte sie. Legolas gab ihr ein zynisches Lächeln. „Das mußt du gerade sagen...“ Boromir legte seine Arme um sie. „Würde es euch etwas ausmachen, einem dummen Soldaten wie mir zu erklären, wovon ihr redet?“ Laietha sah ihn an. „Kommst du nicht von selbst drauf?“ Er schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Weißt du, jemand hat mir vor kurzem mal gesagt, daß denken nicht gerade meine Stärke sei, Schatz.“ Eowyn sah ihn an und grinste. Laietha erklärte es ihm in Kurzfassung. „Dann hoffe ich, daß der Plan aufgeht;“ murmelte Boromir. Bereg kam auf sie zu. In seinen Händen hielt er ein kleines Gefäß. Boromir erhob sich, als er sah, daß der Beorninger direkt auf seine Frau zusteuerte. Sie berührte sanft seine Hand und er setzte sich wieder hin. Der Beorninger warf einen Blick auf ihre Wunde und gab ihr ein paar Fetzen Stoff, damit sie sie bedecken konnte. Dann gab er ihr das Gefäß. „Trink,“ sagte er aufmunternd. In dem Krug befand sich eine schleimige stinkende Flüssigkeit. Orkmedizin. Laietha tat was man ihr gesagt hatte. Bereg reichte ihnen etwas trockenes Brot. „Wie heißt du, Elbenschlampe?“ fragte er. Sie nannte ihm ihren Namen. Die anderen waren totenstill geworden und betrachteten ihn mißtrauisch. „Dann werde ich dich fortan nicht anders nennen. Laietha, ist dein Kind in Sicherheit?“ Er sah ihr nicht in die Augen, sondern versorgte weiter ihre Wunde. „Ich denke es. Ich hoffe es.“ Er fletschte seine Zähne. Wenn das ihre Art zu Lachen war, wollte Boromir nicht wissen, wie sie sich beim Liebesspiel verhielten. „Hättest du dein Leben für sie gegeben?“ Sie nickte stumm. Bereg betrachtete die Gefangenen. Sie hatten sich dicht zusammengekauert. Dann fiel sein Blick auf Frodo, der auf den Boden stierte. „Der Hobbit, wie ihr seinesgleichen nennt, wird er die Reise überleben?“ Laietha fixierte ihn. „Er leidet. Er trauert, weil er glaubt, daß sein Freund sterben wird. Es geht ihm sehr schlecht, dank der Behandlung, die er in den letzten Tagen erfahren hat.“ Sie hatte bewußt das Wort Folter vermieden. Jetzt war Vorsicht geboten, denn vielleicht gewannen sie gerade einen Verbündeten. Dann wandte sich Bereg Boromir zu. „Bist du der Vater der Kleinen?“ Er nickte. „Kamst du, um sie zu retten?“ „Ich hatte es vor. Ich bin froh, daß sie schon in Sicherheit ist.“ Dann fiel Beregs Blick auf Legolas. „Du bist doch ein Elb? Warum hast du Laietha geholfen, ihr Kind zu beschützen? Sie ist doch noch nicht einmal eine deiner Art?“ Legolas lächelte. „Ich habe ihr aus genau dem selben Grund geholfen wie dem Hobbit. Es sind meine Freunde und sie sind mir wichtig.“ Bereg sah verstört aus. Er stellte sicher, daß Laietha die Medizin getrunken hatte und verschwand.

Sie teilten das bißchen Nahrung gerecht untereinander auf, das man ihnen gegeben hatte. Es war nicht genug, um etwas aufzuheben und sie waren sich sicher, daß es aus Beregs Rationen stammte. „Netter Kerl,“ brummte Boromir. „Hab dir doch gesagt, daß ich eifersüchtig war, als ich hörte, daß du mit so vielen gutgebauten Kerlen durch die Wildnis rennst.“ Es war die erste richtige Gelegenheit nach ihrer Gefangennahme, daß sie ungestört reden konnten. „Verratet mir doch bitte, ihr zwei, warum ihr überhaupt hier seid. Ich habe nicht allzu viel von eurer Gefangennahme mitbekommen, aber für meinen Geschmack habt ihr euch ein bißchen zu wenig gewehrt,“ sagte Laietha und schluckte das letzte Stückchen Brot hinunter. Dank der Medizin kehrte ein wenig Stärke zurück, obwohl sie nicht gerade scharf auf eine weitere Portion davon war. Boromir seufzte. „Wir hatten vorgehabt, euch von innen heraus zu helfen. Wir konnten ja nicht ahnen, in was für einer schlechten Verfassung ihr seid. War wohl ne schlechte Idee, glaube ich.“ Laietha warf ihm einen tödlichen Blick zu. „Holzkopf von einem Soldaten! Anstatt die Geiseln zu befreien, laßt ihr euch freiwillig gefangennehmen? Toller Plan! War das deine Idee, Spatzenhirn?“ fauchte sie ihren Mann an, als Eowyn das Wort ergriff. „Es war mein freier Wille, mit ihm zu gehen. Nennst du auch mich einen Dummkopf?“ Laietha sah ihr fest in die Augen. „Ich hätte dir wirklich mehr Verstand zugetraut, als ihm auf so eine Wahnsinnsmission zu begleiten. Du bist schwanger! Was glaubst du, daß das hier ist? Ein Vergnügen? Einfältiges Kind!“ Eowyn kam dicht an sie heran. „Du nennst mich ein Kind? Dabei bist du zwei Monate jünger als ich!“ „Schon, aber ich bin nicht schwanger!“ Eowyn kniff die Augen zusammen. „Na klar, und was war das, als du und Legolas hinter Adun hergerannt seid, um Elsabit zu retten, als du mit Luthawen schwanger warst? Und was war das, als du und ich uns auf die Suche gemacht haben, um unseren Männern zu helfen, als die Kleine noch nicht einmal ein Jahr alt war? Und was war das, als du...“ Laietha brachte sie zum Schweigen. „Schon gut, ich habs verstanden. Trotzdem war es dumm von euch hierher zu kommen, obwohl ich nicht leugnen kann, daß ich froh bin, euch zu sehen.“ Jetzt ergriff Boromir das Wort. „Hast du im Ernst geglaubt, daß ich dich alleine lassen würde, wenn ich weiß, daß du nicht zögern würdest, dich umbringen zu lassen, bevor diese Monster deinen Bruder in der hand haben? Wer von uns ist jetzt der Holzkopf?“ Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und befreite sich aus seiner Umarmung. „Ich weiß, was die Pflichten eines Königs sind. Ich weiß auch, daß er mich nicht meinem Schicksal überlassen würde, aber was ist, wenn das bedeutet, daß er sich auf ihre Forderungen einläßt? Wie könnte ich mich dann jemals wieder im Spiegel ansehen? Nein, Boromir, lieber würde ich sterben, als das Leben so vieler Menschen zu gefährden!“ Er zog sie zurück in die Sicherheit seiner Arme. „Manchmal machst du mir richtig Angst, Liebes. Ich wundere mich immer noch, wieso mein Bruder dich hier alleine gelassen hat, wenn er wußte, daß er den einzigen Grund für dich, keine Dummheiten zu machen, mit sich nimmt.“ Sie sah ihn an. „Hat er nicht.“ Klar, er hätte es wissen müssen...aber jetzt würde sie sich nicht mehr selbst in Gefahr bringen können, dafür würde er sorgen.

Frodo wurde von Tränen geschüttelt und sie wollten einfach nicht versiegen. Jetzt war doch alles sinnlos. Er war alleine! Er war so klein! Er würde der nächste sein, der starb!
Legolas sah zu Laietha hinüber. Sie war in Boromirs Armen eingeschlafen und ihr Mann strich sanft über ihr zerschundenes Gesicht. Eowyn war zu Frodo getreten und wiegte den Hobbit sanft im Arm. Der Hobbit hatte nicht mehr mit ihm gesprochen, seit sie Sam zurückgelassen hatten. Aber Legolas wußte, daß es der einzig richtige Weg gewesen war. Seine Hände wanderten über seine Haarstoppeln. Es fühlte sich schlimm an. Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm, zu sterben. Alles konnte besser sein, als mit dieser Schande leben zu müssen, seine Männlichkeit verloren zu haben. Er sah, daß Laietha aufgewacht war und leise mit ihrem Mann sprach, die Narben auf seinem Körper betrachtend, die er in Schlachten der Vergangenheit bekommen hatte. Sie ließ ihre Hand sanft über sie gleiten und beide lächelten sich an. Ein Fünkchen Hoffnung begann in Legolas zu erwachen. Der Krieger trug diese Narben voller Stolz und auch Laietha verbarg ihre nicht, obwohl sie doch eine Frau war. Vielleicht war ja doch nicht alles so schlimm...

Elrond ritt so schnell er konnte nach Düsterwald. Fast hatte er die Grenze zu Thranduils Reich erreicht. Er wollte wissen, was Legolas Vater entschieden hatte. Würde er den grausamen Ratschlägen von Gandalf Folge leisten? Er hoffte nur, daß seine Söhne schnell genug sein würden, um das zu verhindern.

Elrohir trieb sein Pferd zur Eile an. Sie ritten entlang des Großen Flusses und suchten seinen Stiefbruder. Sie wollten ihm den Weg abschneiden. Am Flußufer fanden sie ein Boot und die Spuren eines Lagers, das vor nicht länger als ein paar Stunden verlassen worden war. Sie folgten den Spuren, die die anderen hinterlassen hatten. Schon bald würden sie auf sie treffen.

Aragorn und die anderen waren früh am Morgen aufgebrochen. Sie hatten lange beratschlagt, ob sie Luthawen mitnehmen sollten, oder sie nach Minas Tirith bringen sollten. Aber es war zu gefährlich, sie so ungeschützt reisen zu lassen. Sie waren noch immer genug Leute, um das Mädchen zu beschützen. Und sie alle waren bereit, ihr Leben für die Kleine zu geben. Luthawen ritt mit ihrem Onkel Aragorn und er sang leise ein elbisches Lied für sie. Noch immer zeichneten sich die Schrecken der vergangenen Tag in ihrem Gesicht ab, aber jetzt da sie in der Gesellschaft ihrer Onkel war und wußte, daß sie ihre Eltern retten würden, wurde sie ein wenig fröhlicher.

Faramir und Eomer ritten nebeneinander her, ohne zu reden. Beide gingen ihren eigenen düsteren Gedanken nach. Plötzlich brachte Beregond sie zum Anhalten. Einige Meter entfernt lag eine kleine leblose Figur auf dem Boden. Voller Entsetzen hielten sie den Atem an. Was war das für eine neue Teufelei?

Frodo schluchzte herzzerreißend und hatte große Mühe, genauso schnell zu laufen wie die anderen. Er konnte vor lauter Tränen kaum etwas sehen und war voller unbeschreiblicher Traurigkeit.
Er würde sicherlich da draußen sterben, vor Kälte, Hunger oder an der Krankheit. Sein allerbester Freund, der eine Familie zurückließ. Söhne, Töchter, eine liebenswerte Frau... wie war das zu erklären? Mit der dummen Idee eines Elben?
Legolas fühlte ähnliches wegen der Angelegenheit. Er wagte es nicht, Frodo anzusehen, der sich bei Eowyn hielt. Sie streichelte ihn ein wenig und versuchte, ihn zu trösten, aber es war nutzlos.
Er hatte nciht geglaubt, was er da gesehen hatte. Legolas redete mit diesem Monster und legte dann Sam auf den Boden und ließ ihn zurück, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Wie war das möglich? Welche blödsinnige Idee hatte er da entwickelt? Dachte er wirklich, die anderen würden ihn rechtzeitig finden und sein Leben retten?
Legolas wußte selbst um die Gefahren und Risiken. Aber gab es eine andere Möglichkeit? Er wußte, daß es der einzige Weg gewesen war, aber er fühlte sich schuldig und beschämt. Eowyn fand keine Worte und sah Legolas von Zeit zu Zeit an. Sie wußte, was seine Gründe gewesen waren, aber sie konnte es sich noch immer nicht vorstellen. Sie hätte ihn nie zurückgelassen.
Oder?
Der Anführer brüllte Frodo an, ruhig zu sein und langsam beruhigte er sich auch ein wenig, denn er fürchtete sich. Er hatte keinen Hunger und war nicht müde, er war vom Schmerz zerrissen, Sam verloren zu haben.
Als sie schließlich wieder eine Pause machtenn, ging Legolas schließlich zu Frodo und Eowyn und setzte sich neben sie, während er Frodo stumm ansah. Der Hobbit hatte ihn nicht einmal kommen sehen, starrte nur auf den Boden und weinte.
Schließlich sagte Legolas: "Frodo, bitte hör mir jetzt mal zu. Ich muß dir etwas erklären und ich muß dir sagen, daß es mir leid tut."
Langsam hob Frodo den Kopf und seine blauen Augen sahen Legolas traurig an.
"Ich weiß genau wie du, daß er sehr krank ist. Und das war der Grund für mein Handeln. Versuch doch, das zu verstehen! Wenn ich ihn immer weiter mitgenommen hätte bis zu den Kerkern im Düsterwald, wäre er langsam und sicherlich qualvoll gestorben. Das steht fest. Oder was denkst du?"
Zuerst reagierte Frodo nicht, aber dann nickte er langsam und Legolas sprach weiter.
"Ich konnte ihnen begreiflich machen, daß alle Hoffnung verloren sei. Das denke ich aber nicht wirklich. In ihm gibt es einen sehr starken Willen, denn er will zurück zu seiner Familie. Das war die einzige Hoffnung, die er noch hatte. Ich bin sicher, daß die anderen unserer Spur folgen. Sie sind uns auf der Fährte und werden ihn finden. Ich denke, sie sind nicht weit und Aragorn ist dabei, er wird sicherlich wissen, wie er Sam helfen kann. Natürlich ist es riskant und sie könnten ihn zu spät finden, oder vielleicht nie - das weiß ich selbst. Aber es gibt eine Chance und er könnte überleben. Ich glaube daran. Es war eine schwierige Entscheidung, aber es gab keinen anderen Weg! So schafft er es vielleicht.
Eins steht fest: Ich fühle mich dafür verantwortlich, daß du traurig bist. Es ist eine wahre Schande. Aber verstehst du? Kannst du mir vergeben?"
Wieder begann Frodo, verzweifelt zu schluchzen und Legolas stand auf, ging zu ihm und umarmte ihn fest. Er spürte, wie Frodos kleine Hände sich an ihn klammerten und hörte ihn dann flüstern.
"Ja."
So saßen sie da stumm. Frodo konnte nicht aufhören zu weinen und Legolas hielt ihn ganz fest, bis man ihnen befahl, wieder aufzustehen.
Als sie weitergingen, ließ Legolas seine Hand auf Frodos Schultern liegen, froh, nicht wieder gefesselt worden zu sein. Sie hatten es einfach vergessen.
Eowyn sah ihn wohlwollend an. "Gut gemacht, mein Freund. Gut gemacht", sagte sie.

Aragorn war entsetzt und stieg eilig ab. "Nein!"
Er rannte zu der kleinen Gestalt, die am Boden lag, noch immer gefesselt und er erkannte Sam.
"Hört das denn nie auf... bitte, laßt ihn nicht tot sein!" flüsterte er und hob den Hobbit hoch, um ihn zu seinem Pferd zu tragen. Er fühlte sich kalt an, aber er merkte, daß er schwer atmete. Das war eine wirkliche Erleichterung für ihn, aber sein Leben war in Gefahr, das wußte er.
"Lebt er noch?" fragte Beregond und Aragorn nickte.
"Noch lebt er, aber..." er unterbrach sich selbst.
Während er ein wenig Königskraut in heißes Wasser ward, war er voller Gedanken und niemand sagte ein Wort.
Er hatte im Gras gelegen neben einem Busch. Das hatte nach Schutz ausgesehen. War er bewußt zurückgelassen worden?
Er nahm einige Blätter der Pflanze, die einen angenehmen Geruch verströmten, und legte sie auf Sams Brust und seine Wunde, während Beregond ihn in den Armen hielt.
Er strich ihm über die Stirn und flüsterte etwas auf Elbisch, das die anderen nicht verstanden, aber nichts geschah.
Das hatte er befürchtet. Er ließ Luthawen nun mit Eomer reiten und als er wieder auf dem Rücken seines Pferdes saß, legte Beregond ihm Sam sanft in die Arme.
So ritten sie weiter. Von Zeit zu Zeit versuchte Aragorn, den Hobbit zu wecken, streichelte ihn und hielt ihn ganz fest, aber zwei Stunden verstrichen, ohne daß etwas passierte. Dann endlich bewegte Sam plötzlich die Lippen und dann schrie er laut, bevor er die Augen aufschlug. Es dauerte einige Sekunden, bis er erkannte, was los war und dann fragte er: "Wo bin ich?"
Aragorn atmete erleichtert auf und antwortete: "Wir haben dich im Wald gefunden, allein zurückgelassen. Du bist bei mir und meinen Männern in Freiheit und Sicherheit.
"Was ist geschehen?"
"Es sieht so aus, als hätte dich jemand zurückgelassen. Du bist schwer krank und ich muß mich um dich kümmern. Ich bin sicher, es ist aus Sorge um dein Leben geschehen, denn es war deine einzige Chance. Du wärst sicherlich gestorben, wenn du bei ihnen geblieben wärst."
Sam hustete.
"Frodo... wo ist er?"
"Er ist nicht hier. Sam, bist du von jemandem getragen worden?"
"Ja, von Legolas..." Das war alles, was er sagte.
"Fühlst du dich inzwischen besser?" fragte Aragorn.
Sam nickte. "Die Schmerzen sind nicht mehr so schlimm. Ich bin so erschöpft..."
"Möchtest du etwas essen?"
"Ich habe keinen Hunger."
"Du wirst später etwas mit uns essen, das brauchst du. Vielleicht hast du dann Hunger. Und mach dir keine Sorgen um die anderen, wir werden sie finden und um ihre Freiheit kämpfen. Wo werden sie hingebracht? Weißt du, wie es möglich war, daß man dich zurückließ?"
"Kerker im Düsterwald, das war, was ihr Anführer sagte. Aber ich weiß nicht, wie man mich zurückgelassen hat."
Er konnte sich nicht erinnern und war zu müde, aber Aragorn war zufrieden.
"Ich vermute, da gibt es etwas, was wir noch nicht wissen, aber es dürfte sich noch als nützlich erweisen. Gnade, weißt du... und Mitleid. Wir werden es herausfinden."
So ritten sie weiter, bis die Dunkelheit hereingebrochen war, und dann beschlossen sie, eine Pause zu machen, um ein wenig zu schlafen. Sie entzündeten ein kleines Feuer und versammelten sich darum.
"Aragorn? Sie haben auch Eowyn die Haare abgeschnitten. Sie sind so brutal und ich habe Angst, daß sie Frodo was antun. Bitte..."
Faramir sprang auf, als er das hörte. Er hatte noch keine Fragen stellen wollen, denn er hielt es in Sams Zustand nicht für angebracht, aber jetzt sagte er: "Haben sie ihr noch was getan? War das eine Strafe für irgendwas?"
"Nein, ich denke, der Anführer hatte seinen Spaß dran. Ich hasse ihn so! Er hat sogar die kranken und verletzten von uns gefesselt, dieser Mistkerl."
Sie waren überrascht, daß er solche Worte benutzte, aber sie verstanden, warum er es tat.

Als sie alle eingeschlafen waren, kämpften nur drei mit der Müdigkeit, die Wache hatten. Leise unterhielten sie sich. Dann hörten sie plötzlich Blätter rascheln und Zweige knacken und erhoben sich mit gezogenen Schwertern.
"Wer ist da?" fragte Rangamer nicht zu laut, aber Aragorn war trotzdem aufgewacht.
"Oh, mein Herr, ich wollte Euch nicht wecken, aber da sind Geräusche in der Dunkelheit."
Aragorn hörte sie selbst und nickte, während er nach Anduril griff.
"Antwortet dem König Gondors! Wer ist da?"
"Elessar? Bist du das? Dank sei den Valar!" hörten sie jemanden rufen und dann: "Eglerio! Alayambo! Mae govannen!"
"Elladan!" antwortete Aragorn und dann erschienen sie im Lichtschein des Feuers: Elladan, Elrohir und Gandalf, gefolgt von weiteren Elben.
"Suilad mellyn!" rief Aragorn und begrüßte sie hocherfreut.
"Dich zu sehen, Gandalf, sind gute Neuigkeiten. Hast du meinen Brief erhalten?"
Sie setzten sich ans Feuer und unterhielten sich.
"Sobald ich deinen Brief in der Hand hielt, nahm ich Schattenfell und brach auf, fand aber zuerst unsere Freunde. Aber ist es wahr? Unsere Freunde sind in Gefahr?"
Aragorn erzählte ihm alles und Gandalf sah Sam an, der mit kleinen und müden Augen zurückschaute.
"Kleiner Freund, du bist wieder krank? Was machst du für Sachen, sag mir das! Armer Kerl!"
Er strich ihm über den Kopf und Sam lächelte.
"Mach dir um mich keine Sorgen, ich werde von Aragorn gut behandelt."
Gandalf glaubte es ihm sofort, Sam lag zufrieden neben dem wärmenden Feuer in eine Decke gewickelt und mußte keinen Hunger mehr leiden.
Elrohir und Elladan waren ungeduldig und konnten es kaum erwarten, ihre Feinde so bald wie möglich zu finden. Ihr Haß gegenüber Orks war nie gebrochen und sie wollten jeden einzelnen von ihnen töten, der ihnen im Weg stand, sie von ihren geliebten Freunden fernhielt.
Sie zögerten nicht weiter und brachen bald wieder auf.

Sie konnten den Düsterwald vor sich sehen. Jeder von ihnen hatte ein wenig geschlafen und Bereg war wieder mit ein wenig Essen gekommen. Es war nicht viel, aber mehr als nichts und sie waren froh, etwas zu haben. Sie machten wieder eine Pause, die letzte, bevor sie ihr Ziel erreichten würden.
Eowyn hatte keine Angst, aber der Gedanke gefiel ihr gar nicht, bald in einem kalten und dunklen, vielleicht sogar feuchten Kerker zu sitzen ohne etwas zu essen und gefesselt. Aber sie konnte nichts dagegen tun.
Die anderen Orks und Beorninger kümmerten sich nicht darum, was Bereg machte oder nicht machte. Er wußte das und setzte sich zu den Gefangenen, die das aßen, was sie bekommen hatten.
Frodo saß zwischen Legolas und Eowyn und Boromir und Laietha waren auch zusammen. Laietha war in einem sehr schlechten Zustand, aber den anderen schien es gut zu gehen.
"Ich weiß, daß du Sohn von Thranduil, dem Elbenkönig des Düsterwaldes, bist, den wir angreifen werden. Von Halblingen habe ich vorher noch nie gehört und ich sehe, daß ihr Menschen seid. Eltern, genau wie ich ein Vater bin. Aber wer seid ihr, Lady? Ihr habt mir noch nicht erzählt, was Ihr hier macht. Wirklich, meine ich."
Bereg sah sehr interessiert aus.
"Nun, wenn du es wirklich wissen willst... mein Mann war hier. Der, der mit dem kleinen Mädchen geflohen ist. Ich wollte sehen, wie es ihm geht und Boromir machte sich ebenfalls Sorgen um seine Frau, aber bevor wir etwas sagen konnten, habt ihr uns angegriffen und uns dann mitgenommen. Das ist alles."
Bereg wußte, daß das nicht stimmte, fragte aber nicht weiter.
"Also seid Ihr auch verheiratet. Seid Ihr auch eine Mutter?"
Eowyn sah ihn überrascht an. Was hatte er vor?
"Nun, ich werde bald Mutter sein. Ich werde eine Mutter sein genau wie sie und so wie der Halbling, den ihr zurückgelassen habt, ein Vater ist."
"Seid Ihr befreundet mit Elben?"
"Bin ich. Sind wir alle, jeder von uns. Ich bin befreundet mit Elben, so wie die Schwester von zweien ist", sagte Eowyn und zeigte auf Laietha.
"Du, Elb, erzähl mir, warum ihr unser Land gestohlen habt!" befahl Bereg Legolas und der Elb setzte sich aufrecht.
"Am Anfang des Dritten Zeitalters gab es ein Treffen der Völker, die den Düsterwald bewohnen. Elben, Waldmenschen, Beorninger. Sie haben über die Größe der Landstücke und die Bodenqualität gesprochen für eine lange Zeit, bis jeder von ihnen einer Lösung zugestimmt hat. Jedes Volk bekam seinen Teil und dort lebten sie friedlich für einige tausend Jahre. Aber dann brach Krieg aus und Hunger brachte die Waldmenschen dazu, in eure Länder einzufallen und sagten euch, ihr hättet ihre Stücke genommen, so wie Elben eure genommen hätten. Frag mich nicht, wer diese Lügen erfunden hat, und ich weiß auch nicht, wer sie geglaubt hat, aber dann begann der Kampf. Das ist alles."
Frodo hatte aufgehört, zu kauen und hörte aufmerksam zu.
"Ich glaube dir nicht!" sagte Bereg und ging fort. Legolas und Eowyn sahen sich an und Legolas zuckte mit den Schultern.
"Kann ich nicht ändern. Denn das ist, was man mir erzählt hat, und ich glaubte, daß es die Wahrheit sei. Warum sollten Elben etwas nehmen, was ihnen nicht gehört?"

Als der Morgen anbrach, erreichten sie den Wald und der Anführer rief: "Gut gemacht, Jungs! Jetzt müßt ihr sie nur noch sicher zum Versteck bringen!"
Wenig Trost fand Frodo bei Eowyn und Legolas, die neben ihm gingen, und die nächsten beiden Stunden vergingen viel zu schnell. Es dauerte nicht lange, da hatten sie einen Ort erreicht, an dem die Gruppe anhielt. Ein Loch klaffte im Boden vor ihnen und sie stiegen eine Treppe hinab. Fackeln wurden angezündet und die Gefangenen folgten ihren Feinden in die Tiefen des Düsterwaldes.
Niemand bemerkte Frodos Zustand, bis er plötzlich ohnmächtig umfiel.
Legolas nannte sich selbst einen Narren. Es hätte es wissen müssen: Es war der Höhle Kankras zu ähnlich, in die er und Sam vor Jahren gebracht worden waren. Es war die schreckliche Erinnerung.
Sanft nahm er Frodo hoch und sie gingen weiter, viele Stufen hinunter, bis sie endlich eine große Halle erreichten.
Auf einem großen thronähnlichen Stuhl saß der Herr der Beorninger. Er stand nicht auf, begann aber zu sprechen.
"Also wart ihr wirklich erfolgreich? Sehr gut gemacht, das muß ich zugeben. Wen bringt ihr?"
Der Anführer der Gruppe trat vor und zerrte Legolas hinter sich her, der immer noch Frodo in den Armen hielt.
"Darf ich Euch Legolas, Sohn des Elbenkönigs Thranduil, vorstellen?"
"Wen trägst du da?"
Legolas fühlte Wut in sich aufsteigen. "Ich trage einen guten Freund, Frodo, Halbling aus dem Auenland, der damit nichts zu tun hat. Er ist ein unschuldiger Gefährte."
"Ist das so! Nun, das ist egal, denn wenn er dir lieb ist, ist er auch anderen lieb. Und der Rest?"
Der Anführer antwortete: "Laietha Annaluva, Stieftochter Elronds, dem Herrscher in Bruchtal und Stiefschwester von König Elessar von Gondor."
"Das sind Geiseln von hohem Wert! Die anderen beiden?"
Bevor der Anführer mit den Schultern zuckte, trat Bereg vor und sagte: "Boromir, Ehemann von Frau Annaluva und Lady Eowyn - aus Rohan."
Eowyn wußte nicht warum, aber sie hatte ihm schnell zugeflüstert, woher sie kam.
"Ich sehe noch viel mehr Wert! Aber erwartet nicht, daß die Kerker warm und gemütlich sind! Bringt sie runter!" befahl ihr Herrscher, ein großer Mann mit grimmigem Gesicht, und sie wurden aus der Halle gezerrt und weitere Treppen hinuntergeführt, bis sie einen langen Flur erreichten. Dort waren viele Türen und zwei von ihnen waren offen. Es war dunkel da unten, das einzige Licht kam von Fackeln an der Wand.
Boromir und Laietha wurden in eine Kammer gestoßen und zwei Orks folgten mit einer Fackel, dann wurde Legolas und Eowyn befohlen, in die andere Kammer zu gehen.
Verängstigt standen sie da und wurden dann an der Wand in Ketten gelegt. Frodo nahmen sie von Legolas.
Die Fackel ließen die Orks neben der Tür und dann schlossen sie sie hinter sich.

Sie fanden Spuren des letzten Lagers und hatten feststellen müssen, daß die Gruppe ihr Tempo beträchtlich angezogen hatte. Aragorn hoffte, daß sie die anderen fanden, bevor die Beorninger Düsterwald erreichten. Keiner von ihnen wußte, wo sich ihr Versteck befand. Gandalf ritt an Aragorns Seite. Er vergewisserte sich, daß Sam schlief. „Weißt du, warum sie unsere Freunde gefangen genommen haben?“ Aragorn gefiel diese Frage ganz und gar nicht. Er konnte sich vorstellen, wohin diese Unterredung führen würde. Nach kurzem Zögern sagte er dem Zauberer, was er wußte, erwähnte jedoch die Forderungen, die ihm gestellt worden waren, nicht. Aber Gandalf schien seine Gedanken gelesen zu haben. „Sie benutzen sie als Druckmittel gegen die Elben, damit sie ihre Ländereien aufgeben, nicht wahr?“ Aragorn senkte den Kopf. „Du hast recht, mein Freund.“ Gandalf seufzte. Würde das denn nie aufhören? „Also, wie hast du dich entschieden, König von Gondor?“ Aragorn schüttelte heftig den Kopf. I“ch werde sie nicht ihrem Schicksal überlassen, Gandalf! Sie ist meine Schwester! Das kannst du nicht von mir verlangen! Wie könnte ich weiterleben, wenn ich wüßte, daß sie durch meine Schuld ums Leben kommen mußte? Ich verstehe dich nicht, auch wenn sie...“ Er verstummte, aber Gandalf hatte genug erfahren. „Du weißt, daß ich kein Unmensch bin, aber König, mein Freund, du scheinst mit ihr über solche Dinge gesprochen zu haben und ihre Entscheidung war tapfer. Wir werden zu verhindern wissen, daß es dazu kommt, aber wenn es uns nicht gelingen sollte...“ „Nein!“ schrie Aragorn verzweifelt. „Nicht dieses mal und auch nicht ein anderes! Ich will darüber nicht sprechen! Ich würde lieber selbst sterben wollen, als ihr Leben zu gefährden. Wir müssen sie retten! Ich werde sie nicht in der Gewalt dieser Ungeheuer lassen.“ Er wurde still, als er bemerkte, daß er Boromirs Worte benutzt hatte. Gandalf sah ihn wissend an. „Ich weiß, daß du dich richtig entscheiden wirst, wenn die Zeit reif ist.“ Damit fiel er hinter Aragorns Pferd zurück. Elladan und Elrohir schlossen zu ihm auf. Elrohir ergriff als erster das Wort. S“ag mir, Elessar, geht es unserer Schwester gut? Behandeln sie ihre Gefangenen anständig?“ Sam war erwacht. Er antwortete an Stelle des Königs. S“ie sind grausame Geschöpfe und behandeln sie sehr schlecht. Wir müssen uns beeilen und sie befreien.“ Elrohirs Augen verdunkelten sich. „Haben sie dir das angetan, Freund?“ Der Hobbit nickte. S“elbst das Kind haben sie mit ihren Grausamkeiten nicht verschont und dem armen Legolas haben sie die Haare abgeschnitten.“ „Ai!“ riefen die Elben wie aus einem Munde entsetzt aus. Sam begann zu begreifen, daß es wohl noch schlimmer war, als er gedacht hatte und sein Verdacht verstärkte sich, als er sah, wie sich die Brüder anstarrten.

Luthawen ritt mit Faramir. Er war sehr schweigsam. „Mach dir keine Sorgen, Onkel Faramir,“ sagte sie. „Wir werden sie schon finden und ihnen helfen. Und Papa wird schon auf Tante Eowyn aufpassen. Er ist ein ziemlich guter Kämpfer. Ein oder zwei Mal hat er mich sogar schon besiegt.“ Faramir konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Na, dann muß er aber wirklich gut sein, wenn er das geschafft hat.“ Luthawen zuckte mit den Schultern. „Wird wohl Anfängerglück gewesen sein, aber sags ihm bitte nicht, ja?“ Er versprach es ihr. Und das Mädchen hatte recht. Sein Bruder war ein sehr guter Soldat, vielleicht der geschickteste Krieger Gondors, aber er war verletzt und würde um keinen Preis das Leben seiner Freunde gefährden. Sie ritten weiter und nach einer Weile fragte Luthawen: „Warum hassen die gemeinen Männer die Elben so sehr, daß sie Onkel Legolas die Haare abgeschnitten haben? Er war so traurig deshalb und das wäre ich auch, obwohl meine Haare nicht mal halb so lang sind.“ Faramir dachte eine ganze Weile nach. Tja, wie sollte er seiner Nichte das erklären? Sicherlich wußte sie nichts von Habgier und Neid. „Die Elben leben in den schönsten Gegenden hier in Mittelerde und die Beorninger wollen auch da wohnen. Darum wollen sie, daß die Elben ihre Heimat verlassen und Platz für sie machen.“ Luthawen schüttelte ihr Köpfchen. „Aber warum denn?“ fragte sie verständnislos. Ihr Onkel suchte nach einem Beispiel, um es ihr zu erklären. „Hat dir schon mal die Puppe eines anderen Mädchens besser als deine gefallen und du wolltest sie unbedingt haben?“ Sie lachte schallend. „Ich mache mir nichts aus Puppen, aber ich glaube, ich weiß was du meinst. Bloß, wenn sie auch da wohnen wollen, warum fragen sie nicht einfach die Elben, ob sie das Land mit ihnen teilen? Das wäre doch viel netter als...“ Ihre Stimme versagte und sie versuchte die Tränen wegzudrängen, die ihr in die Augen schossen, als sie daran dachte, daß Mama und Papa noch bei den gemeinen Leuten waren. Würden sie ihnen wieder wehtun? Faramir küßte sie auf die Stirn. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Frodo hatten sie nicht angekettet, weil die Ketten viel zu groß für seine kleinen Hände waren. Langsam kam er wieder zu sich. Er sah sich um und als er bemerkte, daß sie sich in einem Kerker befanden, schrie er entsetzt auf. Eowyn versuchte ihn zu beruhigen. „Sch...weine nicht, Frodo.“ Sie selbst war nicht sehr überzeugt davon, daß sie sicher waren, aber es brachte ja auch nichts, ihm das zu sagen. Er würde es sowieso nicht glauben. Frodo raffte sich auf und begann in der Zelle auf und abzulaufen wie ein gefangenes Tier. „Was ist los?“ hörten sie Boromirs gedämpfte Stimme durch die Kerkermauer. „Ist alles mit ihm in Ordnung? Ist jemand verletzt?“ „Schnauze, Dreckskerl!“ donnerte einer der Wachen von draußen. Für eine Weile trat Stille ein. Legolas prüfte die Stärke der Ketten sie waren stark. Er seufzte. Nun waren sie ihrem Schicksal völlig ausgeliefert, was sie auch erwarten mochte. Eowyn hatte schon zuvor versucht, die Ketten zu sprengen. Er war sinnlos. Ihr Rücken schmerzte und ihr war schlecht. Tapfer versuchte sie, es nicht zu zeigen, denn sonst würden sich die anderen gewiß Sorgen machen. Ihr Dolch, den sie noch immer in ihrer Kleidung versteckt trug, war ihnen jetzt auch nicht von Nutzen. Wenn sie nur gefesselt gewesen wären, hätte sie Frodo gebeten, sie loszuschneiden, aber jetzt war die Lage anders. Sie hatte Angst, daß sich der Kleine etwas antun würde und erwähnte die Waffe deshalb nicht. Die Tür öffnete sich und ein Beorninger trat ein. Eowyn schreckte zurück, bemerkte dann aber, daß es Bereg war. Er schloß die Tür hinter sich und trat auf die Frau zu und löste ihre Ketten. Legolas befreite er nicht. Eowyn sank erschöpft zu Boden. Frodo kauerte sich in die hinterste Ecke der Zelle. Er hatte Angst, daß Bereg gekommen war, um sie wieder zu quälen. Der Beorninger betrachtete die Menschenfrau eine ganze Weile lang. „Wie geht es dir?“ Sie rieb sich die Handgelenke. „Es geht so. Ich habe nur Angst um unseren Freund.“ Sie warf einen Blick auf Frodo. Ohne zu sprechen, zog Bereg etwas zu Essen und Wasser aus seinem Umhang. „Eßt, ihr werdet eure Stärke brauchen. Später werde ich dich wieder anketten müssen, also ruh dich ein wenig aus. Mehr kann ich nicht für euch tun.“ Er verließ die Zelle. Eowyn gab Frodo etwas zu Essen, was er gierig hinunterschlang. Es tat gut, sich wieder zu bewegen. Sie half Legolas selbst etwas vom Essen und Wasser zu sich zu nehmen und dann lief sie durch ihr Gefängnis und untersuchte den Kerker auf Schwachstellen. Sie fand keine. Die Wände waren dick und die Tür stabil. Eowyn sah durch die kleine Öffnung in der Tür. Draußen stand nur eine Wache, aber sie war sich sicher, daß sich im Gebäude noch viel mehr befinden würden. Es war sinnlos, zu versuchen zu fliehen. Sie mußten einfach warten, bis sich eine Gelegenheit ergab.

„Laietha.“ Boromir sah sie an. Sie war blaß und hatte die Augen geschlossen. „Laietha?“ Schlief sie? „Laietha, verdammt, tu mir das nicht an! Komm schon, antworte!“ Die Tür ging auf und Bereg betrat den Raum. Sein Blick fiel auf die zusammengesunkene Figur an der Wand. „Ich bitte dich, mach sie los! Schnell!“ rief Boromir gehetzt. Bereg schloß die Tür hinter sich und eilte zu der Frau. Er löste die Fesseln und sie glitt zu Boden. „Was ist mit ihr? Lebt sie noch?“ fragte Boromir voller Sorge. Sie stöhnte. Boromir seufzte erleichtert. Wenigstens war sie nicht tot. Berge löste auch seine Fesseln und er kniete an ihrer Seite nieder. Ihre Stirn glühte förmlich und ihr Atem kam heftig und stoßweise. „Die Wunde hat sich entzündet. Ihr dürft sie nicht angekettet lassen. Sie muß sich hinlegen!“ Bereg nickte. „Du hast recht, aber ich kann das nicht entscheiden. Ich werde mit meinem Hauptmann darüber reden müssen.“ Boromir sah ihn an, als wäre er ein begriffsstutziges Kind. „Und worauf wartest du noch? Warum bist du noch hier?“ Bereg antwortete nicht und Boromir begann zu verstehen. „Du solltest gar nicht hier sein, nicht wahr?“ Bereg nickte erneut und Boromir bemerkte die Wunde an seiner Stirn, die vor ein paar Stunden noch nicht dagewesen war. Als der Beorninger das sah, begann er zu erklären. „Sie sind der Meinung, daß ich mich zu sehr für unsere Gefangenen interessiere. Ich muß vorsichtig sein.“ „Tut mir leid,“ sagte der Mann Gondors und er meinte es ernst. Sicher hatte es die Familie eines Soldaten, der zu viel Mitgefühl mit dreckigen Elben hatte, nicht gerade leicht, vielleicht waren sie sogar in Gefahr. Er spürte, daß der Beorninger ihn musterte, versuchte festzustellen, wie viel Kraft er hatte. Boromir erhob sich. „Was muß ich tun?“

Einige Soldaten kamen und schleppten sie in die Empfangshalle. „Was ist es diesmal?“ fragte der Anführer der Beorninger. Bereg trat vor ihn und verbeugte sich. „Ich stand gerade Wache vor ihren Zellen, als ich hörte, wie dieser hier,“ er deutete auf Boromir, „Krach machte und unser Volk beleidigte.“ Der Anführer hob die Augenbraue und sah Boromir von Kopf bis Fuß an. „Ist dem so?“ Dann fiel sein Blick auf Laietha, die kaum bei Bewußtsein war. „Was ist ihr Problem, Soldat?“ fragte er scharf. „Ich denke, daß sich die Wunde entzündet hat und sie nicht angekettet bleiben kann.“ Der Anführer erhob sich und ging zu Laietha, um sie sich besser ansehen zu können. „Sie ist der Schlüssel zu Imladris und Gondor. Tot wäre sie nutzlos für uns im Moment. Sie wird wohl kaum versuchen, zu entkommen. Laßt sie ungefesselt, bis ihr Zustand stabiler ist.“ Damit wurde sie zurück in ihre Zelle gebracht. Die anderen mußten bleiben. Frodo zitterte vor Angst und lehnte sich an Eowyn und Legolas. Boromir hielt den Kopf stolz erhoben. Der Anführer nährte sich ihm langsam. Der Mann Gondors war groß, aber neben dem Beorninger fühlte er sich wie ein Zwerg. Der Riese überragte ihn mindestens um einen Kopf. „So, du denkst also, daß mein Volk nicht so viel wert ist wie deins, ja? Wir werden dir eine gehörige Lektion erteilen.“ Er wandte sich Bereg zu. „Du bist mir treu ergeben und hast gut daran getan, mir von diesem Frevel zu berichten. Du darfst die Bestrafung übernehmen. Seine Freunde sollen dabei sein, damit sie in Zukunft besser ihre Zungen hüten.“ Er reichte Bereg eine Peitsche und dieser ging auf Boromir zu. Der Krieger straffte sich.
Eowyn schloß ihre Augen und Frodo drehte sich weg und vergrub seinen Kopf in Eowyns Schoß. Er wollte nicht schon wieder zusehen müssen, wie jemandem wehgetan wurde.
Boromir stützte sich auf Legolas, als sie zurück in ihre Kerker gebracht wurden. Bereg schlug ihn wieder in Ketten. „Ich hoffe, daß ich nicht zu fest zugeschlagen habe. Es tut mir leid, aber das war die einzige Möglichkeit.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Nichts für ungut. Du hast getan was du konntest und sie wird sich ein wenig erholen können. Das war alles was ich wollte. Glaub mir, sie hätte genau dasselbe getan.“ Bereg flößte ihr eine weitere Tasse Orkmedizin ein und versorgte ihre Verletzung. Dann deckte er sie zu. „Ich werde später noch einmal kommen und nach euch sehen. Hab ein Auge auf sie.“ Das mußte er ihm nicht zweimal sagen! Bereg verließ die Zelle und Boromir betrachtete seine Frau. Sie war wieder eingeschlafen.
Frodo drückte sich in die Ecke der Zelle, als wollte er mit der Wand verschmelzen. Tränen strömten über seine Wangen. Würde dieser Albtraum denn nie enden wollen?

Elrohir und Elladan traten aus dem Wald heraus und Aragorn traute seinen Augen kaum. Sie sahen so anders aus. Fast schüchtern bestiegen sie ihre Pferde. "Worauf warten wir denn? Wir haben doch genug zu tun, nicht wahr?" sagte Elrohir. Luthawen betrachtete sie eine ganze Weile lang und stellte schließlich fest: "Onkel Elrohir, deine neue Frisur gefällt mir viel besser als meine. Kannst du mir bitte auch die Haare abschneiden?" Sie alle brachen in schallendes Gelächter aus.

"Trug nicht der Halbing Frodo eine Elbenkette?" fragte Elladan.
"Hm... ja, Arwen hat ihm eine geschenkt. Warum fragst du?" antwortete Aragorn.
"Es ist nur... ich fühle Verzweiflung und Angst. Aber das erklärt warum, denn jeder, der etwas Elbisches an sich hat, ist in unseren Herzen. Weißt du, wir fühlen, wenn andere Elben in Gefahr sind, aber in diesem Falle könnte dieses Ding genügen, es mich spüren zu lassen."
Elrohir nickte. Er hatte dieselben Gedanken gehabt. Sam schlief und hörte sie nicht. Aragorn ließ ihn nicht lis, hielt ihn fest und wärmte ihn in seinen Armen. Von Zeit zu Zeit lächelte er Luthawen an, die nun mit Faramir ritt.
Er schien nicht glücklich zu sein. Natürlich war er es nicht. Aragorn hatte zwar gedacht, daß es eine Erleichterung für ihn sei, wieder frei zu sein, frei von denen, die ihn so übel zugerichtet hatten. Aber solange Eowyn bei ihnen war, war da nur Angst.
Wieder dachte Aragorn an Thranduil und Elrond. Was würden sie entscheiden? Es war klar, was die Beorninger wollten. Eine Woche Entscheidungsfrist - einige Tage waren bereits vorbei - und dann sollten ihre Freunde getötet werden. Das war sicher. Und Krieg würde ausbrechen.
Aber was sollte Thranduil entscheiden? Er konnte leicht sein Heim im Düsterwald aufgeben und sich einen neuen Lebensraum suchen, oder sogar in den Westen gehen - aber warum sollte er ein Heim aufgeben?
Das war der Ort, den sie am meisten schätzten und am besten kannten und es würde wie ein Eingeständnis aussehen.
In Zeiten wie diesen war der Düsterwald nicht der angenehmste Ort zum Leben, aber sie liebten ihn einfach immer noch. Tausende von Jahren zuvor war es dort sehr schön gewesen und es bedeutete den Elben etwas.
Ihr Reich verlassen für die wenigen... Aragorn wußte, wie er an Thranduils Stelle entschieden hätte. Aber es war der Düsterwald, über den sie redeten, und nicht Gondor. Und dann nahmen die Dinge eine andere Dimension an, denn so würde er sein land niemals aufgeben. Wann würde Elrond mit Neuigkeiten zurückkehren?
Neugkeiten. Ja... er brauchte Neuigkeiten. Er mußte wissen, wohin sie gebracht worden waren. Wenn sie ihr Ziel schon erreicht hatten.
Aber war da eine Chance, sie zu retten?
"Gandalf, mein Freund - was würdest du tun?" fragte er schließlich.
"Nun ja... wir hatten die Situation ja schon einmal. Erinnerst du dich? Nun ist es nicht an dir, zu entscheiden und ich hoffe, Thranduil wird sich als weise erweisen. Es ist eine Frage von Ehre und Stolz, vergiß das nicht. Und ein ganzes Volk aus seiner Heimat zu vertreiben... wir müssen sie finden, aber ich weiß nicht wie. Aber, ich meine, wie würdest du entscheiden, wenn..."

Ein Reiter näherte sich, kam auf sie zu von Düsterwald her, der schon nah war. Gandalf sprach nicht weiter und sie warteten darauf, daß der Bote ankam. Er war allein und Elrohir sagte, es sei ein Beorninger.
Schließlich hielt er vor ihnen an und sah sie gewichtend an.
"Mein Herr schickt eine Nachricht an König Elessar von Gondor. Hört mir genau zu, denn ich werde es nicht wiederholen. Es ist die Rache für unsere Männer, die ihr getötet habt und die Grausamkeit, die Elben und Menschen uns gezeigt haben.
König Thranduil weiß bereits, was er zu entscheiden hat, aber auch ihr müßt etwas entscheiden.
Wir wollen keinen Hunger und keine Krankheiten mehr, wir wollen den Düsterwald für uns und wenn ihr den Frieden erhalten wollte, verlangen wir Steuern und Abgaben von Gondor. Wir wollen zwanzig Prozent aller Einnahmen eines Jahres und jetzt wollen wir einen Teil eurer Schätze, die Hälfte, um genau zu sein.
Wenn ihr im Düsterwald auftaucht, werden sie sterben. Wenn ihr diesen Forderungen am sechsten Tag ab heute nicht zustimmt, werden sie sterbben und ihr bekommt keine zusätzliche Zeit. Jetzt werden wir uns nehmen, was uns gehört!"
"Und es ist also sicher, daß es euch gehört?" fragte Aragorn grimmig.
"Wie wir auch Thranduil schon gesagt haben: Am Mittag des sechsten Tages ab heute wollen wir die Antwort hier an der Grenze des Waldes. Ob euch das gefällt oder nicht, aber mein Herr hat gesprochen!"
Damit drehte er sich um und ritt zurück.
"Nun ja, sein Herr ist ein wenig vermessen, oder?" murmelte Faramir und Eomer grinste.
"Er weiß, welche Macht er nun hat. Das ist gar nicht gut. Aber wir werden sehen!"
Es fiel Aragorn schwer, zu sprechen. Nun war das passiert, was er am meisten befürchtet hatte: Er mußte entscheiden.
"Ich fühle mich selber ziemlich genarrt. Sie schicken einfach einen Boten in unsere Richtung ohne irgendwelche Fragen. Ist es so klar, wo wir sind?" grummelte Elladan.
Nicht wieder diese Situation. Aragorn fühlte sich schrecklich.
In der Zwischenzeit war Sam aufgewacht und hatte der Unterhaltung sehr aufmerksam zugehört. Aber er sagte kein Wort. Aragorn jetzt auf die Nerven zu gehen war nicht das Beste, was er nun tun konnte. Das hatten sie schon einmal gehabt.
Gandalf sagte: "Du weißt, was du zu tun hast?"
"Oh ja, weiß ich", erwiderte Aragorn. Aber er hatte einen anderen Gedanken im Kopf.