Fünftes Kapitel
Arwen sah auf die aufgeschlagene Seite ihres Buches hinab, doch sie hatte schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr umgeblättert, geschweige denn auch nur einen Buchstaben wirklich gelesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, wenn sie auch nur versuchte, den Inhalt des Textes zu erfassen und so hatte sie schließlich aufgegeben.
Neun Tage! So lange wartete sie nun schon auf irgendeine Nachricht, solange war es schon her, seit sich ihre Brüder, Tanhis, Gimli und Aragorn auf die Suche gemacht hatten. Neun Tage zwischen Bangen und Hoffen, in denen sie bei jedem kleinsten Geräusch auf dem Korridor hochgefahren war, weil sie mit Neuigkeiten gerechnet hatte.
Ein Seufzen entfuhr ihren Lippen und Frodo, der neben ihr am Feuer saß, schaute auf. Schatten tanzten in Rhythmus der Flammen auf ihren Gesichtern und das Prasseln brach die Stille im Gewölbe, der von angenehmer Wärme erfüllt war.
„Was ist, Frau Arwen? Bedrückt euch etwas?“
Arwen musste trotz ihrer düsteren Gedanken lächeln. „FRAU Arwen???? Frodo! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich nur Arwen nennen sollst! Wenn hier jemand die Ehre einer formellen Anrede verlangen kann, dann…“
Frodo hob die Hände in einer Geste der Abwehr. „Ich will diese endlose Diskussion nicht schon wieder führen! Also belassen wir es bei unseren Namen! Trotzdem will ich jetzt wissen, was dich bedrückt. Diesmal lasse ich mich nämlich auch nicht mehr ablenken!“ Ein entschlossener Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
„Es ist nur…, ach, ich muss es dir doch nicht erklären Frodo! Du machst dir nicht weniger Sorgen wie ich um unsere Freunde! Und du hasst es genauso wie ich, immer zurück bleiben zu müssen und die Hände in den Schoß zu legen! Ich…“
Mitten im Satz hielt sie inne und sie suchte Frodos Blick.
„Jetzt ist Schluss! Warum sollen wir immer vernünftig sein, wenn mir tausend Gründe einfallen, warum ich ihnen hinterher reiten sollte und sie mich brauchen könnten? Ich sehe noch immer Aragorns Gesicht vor mir, als ich ihn damals im Wald überrascht habe, als er das Athelas für dich gesucht hat. Manchmal sollte er auch zugeben, dass er eben nur ein Mensch ist und nicht immer auf der Hut ist! Es geschehen viel zu oft Dinge, die er nicht vorher sehen kann. Ich reite und zwar sofort!“
Frodos Augen wurden bei ihren Worten immer größer und jedes Wort blieb ihm im Hals stecken. Bevor er auch nur einen Ton heraus gebracht hatte, war Arwen auch schon aus dem Kaminzimmer gestürmt und ließ den völlig überrumpelten Hobbit alleine zurück.
Doch seine Starre währte nicht lange und er rannte ihr so rasch nach, wie er konnte.
„Arwen, dass ist nicht das, was Aragorn oder euer Vater von euch erwarten! Ihr dürft euch nicht in Gefahr begeben!“
Arwen hielt nicht einmal an, um Frodo zu antworten, sondern ging schnellen Schrittes und mit gerafften Röcken einfach weiter. Ach, ich darf das nicht tun, aber mein Gemahl und meine Freunde dürfen das ständig! Und jedes Mal lassen sie uns hier zurück und verdammen uns zur Untätigkeit mit ihrer angeblichen Vernunft! Ich habe schon mehr Kriege erlebt, als mancher von ihnen und ich kann ebenfalls mit dem Schwert umgehen und verstehe es, mich zu verteidigen. Unterschätze niemals eine Frau, die das verteidigen will, was sie liebt!“
Sie hatten das Zimmer der Elbe erreicht und sie stieß energisch die Türe auf. Ohne auf Frodos weitere Proteste einzugehen, oder sich um seine Anwesenheit zu kümmern, streifte sie ihr Kleid ab und stand nur in ihrem Untergewand vor dem nun schüchternen Hobbit. Dessen Ohren begannen vor Verlegenheit zu glühen, doch noch eher er eine Entschuldigung murmeln und gleichzeitig den Raum verlassen konnte, hatte Arwen sich auch schon in Reitkleidung und Mantel gehüllt und ihr Schwert gefasst.
„Du hast die Wahl, Frodo! Komme mit, oder bleibe hier. Schweig oder erzähl meinem Vater von meinem Vorhaben. Aber ich sage dir, dass ich spüre, wenn ich gebraucht werde! Du weißt, dass ich mehr als einmal „gesehen“ habe, wenn Aragorn in Not war. Und diesmal ist es nicht nur er, den ich zu verlieren habe nein! Meine Brüder, Legolas, meine Freundin Tanhis sie alle liegen mir mehr am Herzen, als ich in Worte fassen kann. Und sie brauchen meine Hilfe…“
Während sie sprach, drohte ihre Stimme zu brechen und sie flüsterte schließlich nur noch, so, als habe sie angst, das ihre Befürchtungen wirklich würden, wenn sie sie laut aussprach. Frodo blieb stumm, doch sein Blick war fest auf sie gerichtet, bis er endlich nur leicht nickte.
„Geh! Ich werde niemandem auch nur ein Wort sagen.“
Erleichtert stieß Arwen die Luft aus und ließ sich auf die Knie hinab, um den Halbling feste an sich zu ziehen. „Danke!“
Seufzend lauschte Frodo auf ihre verhallenden Schritte.
***
Aragorn erwachte mit widerwärtigen Kopfschmerzen. Er lag immer noch gegen die Mauer gelehnt da und hielt Elrohir in seinen Armen. Der Elb regte sich ebenfalls, als Aragorn sich vorsichtig aufrichtet und versuchte, die Dunkelheit mit seinen Augen zu durchdringen. Nachdem er festgestellt hatte, dass Haldur verschwunden war, hatte er den Raum sicherheitshalber abgesucht und erkannt, dass sie in einer Falle saßen. Der Raum war ein finsteres Gewölbe und der Grund war inzwischen feucht und nass, dass sogar seine Stiefel inzwischen nicht mehr trocken waren. In einer Ecke lag Stroh, zwar klamm und schon nicht mehr frisch, aber es diente zumindest dafür, dass sie sich nicht auf den Boden setzen mussten. Für Elrohir hatte er soweit nichts tun können, aber dank der elbischen Fähigkeiten, schlossen sich die offenen Brandstellen schneller und seine Haut war auch nicht mehr so gerötet, wie noch zuvor. Nachdem er es ihnen so bequem wie möglich gemacht hatte, war er irgendwann erschöpft eingeschlafen, aber jetzt konnte er keine Minute länger still sitzen.
„Wo sind wir?“, fragte er seinen Ziehbruder, als Elrohir sich aufgerichtet hatte.
„Rate!“
Aragorn schnaubte verächtlich und kam auf die Füße. Tastend, weil inzwischen die Fackeln alle abgebrannt waren, schritt er hinkend den Raum ab. Er berührte etwas weiches an der Wand, dass sich schwammig anfühlte und er zog hastig die Hand zurück. Dann vernahm er das Plätschern und er folgte seinem Gehör, bis er die Stelle erreichte, wo ein Rinnsal sich seinen Weg durch die massive Wand suchte. Erneut zwang er sich dazu, noch einmal die Mauern abzutasten und er stellte fest, dass sie bis gut zu ihren Hüften mit Wasserkresse bewachsen war. Er unterdrückte einen Wutschrei und kehrte zu Elrohir zurück.
„Komm hoch, Bruder. Offenbar liegt unser Quartier unterhalb eines Wasserspiegels. Wenn ich recht habe, bekommen wir bald nicht nur nasse Füße.“
„Das ist nicht so schlimm wie dieser Raum! Ich hasse es, solange unter der Erde zu sein!“
Aragorn hätte gerne erwidert, dass die Feuchtigkeit für den Elben ja auch nicht so tragisch war wie für ihn, doch er verkniff sich den Kommentar und versuchte, sich auf eine Möglichkeit zu konzentrieren, wie sie hier heraus gelangen konnten.
„Estel?“ Die Stimme von Elrohir war leise und zögernd. „Was wirst du jetzt tun? Haldur ist deinetwegen gekommen und er wird sicher wiederkehren, um was weiß ich mit dir zu tun! Ersaufen werden wir sicher nicht, denn wenn er uns töten wollte, hätte er das schon längst getan!“
Aragorn schwieg und versuchte, sich nicht zu intensiv auszumalen, was Haldur alles tun könnte. Als er schließlich sprach, zuckte der Elb regelrecht zusammen, weil er nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte.
„Ich kann in unserer derzeitigen Lage nichts anderes tun als abwarten! Er wird es mir jedenfalls nicht leicht machen soviel ist sicher. Ich bin nur froh, dass Arwen und die Hobbits in Sicherheit sind!“
Innerlich fügte er noch in Gedanken hinzu, dass er dumm gewesen war, anzunehmen, Haldur so einfach besiegt zu haben. Wie konnte er ihn nur am Leben lassen? Jetzt saßen sie hier fest und Haldur hatte sie wahrscheinlich genau da, wo er sie haben wollte und es war seine eigene Schuld. Er hätte wissen müssen, das Haldur genau damit gerechnet hatte, er kannte ihn einfach zu gut und hatte gewußt, dass er den Elben nicht töten würde. Wenn Legolas oder einem der anderen etwas zustieß, dann war das ganz alleine seine Schuld!
Eine Stunde später waren seine Flüche innerlich noch stärker geworden, denn das Wasser reichte ihnen inzwischen bis über die Knie. Elrohir war davon nichts weiter anzumerken, aber er selbst zitterte vor Kälte, der Husten war auch wieder zurückgekehrt und er hätte sich am liebsten hingesetzt, so müde fühlte er sich. Doch es schien, als habe das Wasser seinen momentanen Höchststand erreicht, denn es stieg nicht mehr weiter.
„Wenn ich Haldur in die Finger bekomme…“ Elrohir warf dem Menschen einen Seitenblick zu und ließ die Drohung unvollendet.
Aragorn lachte freudlos auf und der Elb grinste in der Dunkelheit, sodass nur seine weißen Zähne gespenstisch leuchteten.
„Weißt du noch, wie Elladan und ich dir gezeigt haben, wie man sich …“
„O bitte, nicht jetzt, Elrohir! Ich will jetzt nicht in Kindheitserinnerungen schwelgen. Wir haben andere Sorgen!“
Der Elb schnaufte. „Ich wollte dich ja auch nur ablenken und mich! Was meinst du? Werden uns die anderen bald finden? Ich hoffe, Legolas hat den Drachen inzwischen gefunden!“
Aragorn funkelte Elrohir böse an. „Was? Legolas ist frei? Und das erzählst du mir erst jetzt? Und was soll das Gerede von einem Drachen?“
Während Elrohir zu berichten begann, wurde Aragorn immer stiller. Das konnte durfte nicht wahr sein! Es schien, als habe sich alles gegen ihn verschworen! Wenn das stimmte, was der Elb da erzählte, dass hatte Haldur jetzt wieder einen Trumpf im Ärmel! Selbst wenn Legolas den Drachen befreien konnte, was würde sein Freund tun, wenn Haldur ihm sagte, dass er nun den König von Gondor in seiner Gewalt hatte? Und dessen Ziehbruder? Welche Wahl bliebe Legolas dann noch! Und selbst wenn dieser eine Wahl hätte, er kannte ihn zu gut, um auch nur anzunehmen, dass er seine beiden Freunde in Haldurs Gewalt lassen würde. Aragorn schrie wütend auf und schlug mit der Faust gegen die Wand.
„Er gewinnt immer! Es ist so wie damals, als er gegen jede meiner Verteidigungen einen Gegenschlag hatte, bis ich schließlich meinen Widerstand aufgegeben habe. Danach hat er wenigstens die Personen in Frieden gelassen, die mir etwas bedeuteten und hat nur noch mich tyrannisiert…“
„Und das willst du jetzt auch wieder tun? Aufgeben? Nein Aragorn! Diesmal wird er sich damit nicht zufrieden geben. Damals wollte er nur mit dir spielen, weil es ihm Spaß machte, einen schwächeren zu unterdrücken, aber jetzt will er Rache. Und die wird er sich nicht nehmen lassen.“
Aragorn lief es kalt den Rücken herunter und das nicht nur wegen Elrohirs Worte. Gleichzeitig brach ihm der Schweiß aus und die Luft kratzte in seiner Kehle. Der Raum begann sich um ihn herum zu drehen und seine Beine wollten ihn nicht mehr länger tragen.
„Ich glaube, ich muss mich setzen…“
“Machst du Witze? Das Wasser steht doch viel zu hoch! Estel!“
Elrohir fasste Aragorns Arm und hielt ihn aufrecht. Er fühlte in der kalten Luft deutlich, dass die Haut unter dem Stoff unnatürlich heiß war. Fluchend schob er sich dessen Arm um den Nacken und drückte Estel mit seiner Schulter gegen die Wand. Dieser hustet jetzt unterdrückt und versuchte dann ein aufmunterndes Lächeln.
„Ich hätte jetzt nichts dagegen, wenn unsere Freunde uns fänden. Auch wenn ich nicht gerade versessen darauf bin, einem echten Drachen gegenüber zu treten.“
Elrohir betete zu den Valar, das wenigstens das Wasser bald wieder sinken würde. Auf die Freunde wagte er erst einmal nicht zu hoffen. Das Wasser tat ihm dann auch den Gefallen, aber es hatte schon genug Schaden angerichtet, als ihm lieb war. Auch wenn Aragorn es niemals zugegeben hätte, so konnte man ihm deutlich ansehen, wie schlecht es ihm ging. Abwechselnd peinigten ihn Hitze und Kälteschauer je nachdem wie hoch das Fieber stieg oder der Schüttelfrost ihn packte. Elrohir stützte ihn so gut es ging, kühlte ihm mit einem Streifen seines Hemdes die Stirn, oder spendete ihm mit seinem Körper Wärme, doch eigentlich waren dies alles unnütze Taten. Irgendwann war das Wasser ganz gewichen und noch bevor der Elb protestieren konnte, ließ Aragorn sich einfach niedersinken und achtete nicht auf die Pfützen am Boden. Auf Elrohirs Protest entgegnete er nur, dass er ohnehin nicht mehr nasser werden könne, als er schon sei und fiel augenblicklich in einen unruhigen Schlaf.
***
Arwen achtete nicht auf Äste oder Büsche, die an ihren Haaren oder Kleidern zerrten, als sie Asfaloth durch den Düsterwald trieb. Sie wollte so schnell wie möglich die Kolonie der Elben hinter sich lassen und hoffte, dass ihr Fehlen nicht so früh bemerkt würde. Frodo würde sie nicht verraten, da war sie sich sicher, aber nur zu oft gab es dumme Zufälle, die ihren Vater darauf aufmerksam machen würden, dass sie sich einmal mehr seinen Wünschen widersetzte. Und sie war sich sicher, dass er dann umgehend versuchen würde, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Er würde Reiter nach ihr aussenden wenn nicht sogar selbst auf die Suche nach ihr gehen und natürlich würde er im Stillen wieder Aragorn die Schuld daran geben, dass seine Tochter so „unüberlegt“ handelte.
Entschlossen trieb sie Asfaloth zu einem noch schnelleren Tempo an. Sie wollte vor Einbruch der Dunkelheit den Düsterwald verlassen haben und ihr Lager aufschlagen, damit sie beim ersten Licht des Morgens die Spur finden konnte, die die Richtung der Suche nach Legolas vorgab.
Wenn sie diese Spur fand, so konnte sie ihr einfach folgen und würde, so hoffte sie, schnell genug an ihrem Ziel ankommen. Dafür hatte sie sich vorgenommen, sich und ihrem Pferd nur das Nötigste an Rast zu gewähren, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, die sie in der Kolonie mit Grübeleien verschwendet hatte.
***
Elrohir hatte die Zeit genutzt in der Estel schlief, um sich selbst ein Bild ihrer Lage zu machen und musste nun ernüchternd feststellen, dass sie nicht so leicht aus diesem unterirdischen Gewölbe entkommen konnten. Er hatte zwar die feinen Spalten im Gestein entdeckt, die ihren Weg in die Freiheit bedeuteten, aber keine Möglichkeit gefunden, die massiven Steintüren zu bewegen. Es gab kein ersichtliches Schloss oder einen Hebel, der einen versteckten Mechanismus kennzeichnete und alle anderen Versuche, diese Türe zu öffnen, waren vergebens geblieben. Er hatte auch keine andere Schwachstelle in den Mauern gefunden, außer dem Riss, durch den das Wasser in ihre Zelle eindrang, und dieser war so schmal, das er nicht einmal seine Hand hindurch stecken konnte.
Das mühsame Husten von Aragorn lenkte ihn schließlich von seinem Unterfangen ab und er kehrte an die Seite seines Ziehbruders zurück, der sich langsam auf den Rücken gerollt hatte.
„Estel? Alles in Ordnung?“
Aragorn versuchte ein Lächeln. „Ich habe bloß nasse Füße, aber … du hast selber gesagt, dass wäre nicht so schlimm…“
„Wenigstens machst du noch dumme Witze.“ Aber Elrohirs Gesicht blieb ernst und er warf erneut einen bösen Blick auf die versteckte Türe im Fels.
‚Wenn ich Haldur in die Finger bekomme, dann…’ Der Elb malte sich stumm alle Einzelheiten seiner Rache aus, während er aus Stoffresten kühle Umschläge fertigte, die er Aragorn auf die Stirn legte. Das Fieber stieg trotzdem weiter und Elrohir wurde immer ratloser. Genau genommen war er sogar verzweifelt, denn er wußte nicht, wie er dem Menschen helfen konnte und diese Hilflosigkeit war das Schlimmste für ihn. Bei seinen anderen Problemen war immer jemand da gewesen, der ihm mit einem Ratschlag und seinem Wissen weiter geholfen hatte, oder er hatte Schwierigkeiten mit Schwert, Pfeil und Bogen beendet und eigentlich immer seinen Bruder an seiner Seite gehabt. Jetzt aber war er allein und gegen Krankheit und die menschliche Schwäche dagegen, hatte er kein Mittel oder Wissen. Elladan war derjenige, der sich in Heilkunde besser auskannte und er wünschte sich, sein Bruder wäre nun hier. Oder Tanhis, die immer ein Bündel mit sich trug, dass Arzneien und Heilkräuter enthielt.
Heilkräuter! Tanhis hatte Aragorn welche gegeben, das fiel Elrohir plötzlich wieder ein und er begann, in Aragorns Manteltasche zu kramen. Er fand das kleine, verschnürte Bündel und dankte den Valar für Tanhis’ Vorsorge, doch als er das Säckchen geöffnet hatte, packte ihn erneut die Verzweiflung. Die Kräuter waren nass und verklumpt das Wasser war durch die Lederhülle gedrungen und hatte sie verdorben.
Er wollte das Bündel schon wütend von sich werfen, als er es sich doch anders überlegte. In dieser Situation durfte er nicht wählerisch sein und jede noch so schwache Wirkung war besser, als gar keine. Deshalb schob er Estel entschieden eine kleine Menge der nassen Kräuter in den Mund und achtete nicht auf dessen schwache Proteste und seinen angewiderten Gesichtsausdruck.
Nur mit Mühe konnte Aragorn schlucken und der anschließende Husten rasselte in seiner Lunge. Er zwang sich dennoch, auch das zweite Mal die Kräuter zu kauen die Elrohir ihm reichte, auch wenn sie morastig schmeckten und sich sein Magen dabei bedenklich hob.
„Hast du eine Idee, wie wir hier raus kommen können?“, fragte er mit zitternder Stimme, um sich von seinem Magen abzulenken.
„Nicht die geringste! Eins muss man Haldur lassen er ist nicht dumm! Er hat an jede Möglichkeit gedacht und uns alle geschickt in seine Fallen gelockt.“
„Hoffentlich sind die anderen noch frei! … Und Legolas nicht in Schwierigkeiten… Er ist jetzt sicher Haldurs bevorzugtes Ziel…“
„Sch. Sprich nicht so viel. Den Kopf kannst du dir auch ein anderes Mal zerbrechen! Wir können ohnehin nichts tun!“
Elrohir half Aragorn dabei sich hinzusetzen und hielt ihm auffordernd das Bündel mit Kräutern hin. Aragorn hob abwehrend die Hand, weil er seinem Magen nicht traute und lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen gegen die Wand.
„Elladan findet einen Weg da bin ich sicher! Nur noch etwas Geduld und er wird hier sein!“
Elrohir wusste nicht, wem er mit seinen Worten mehr Mut machen wollte sich oder Aragorn.
***
Legolas besah sich die Ketten, die den Drachenkopf am Boden hielten. Wie würde er es schaffen, diese aufzubekommen? Mit bloßen Händen würde es ihm nie gelingen... Er besah sich das Krummschwert, aber bereits der erste Blick sagte ihm, dass es zu stumpf war, um die Ketten zu durchtrennen. Der Elb fluchte leise und lugte über den Kopf Saradas' - er war immer noch unentdeckt. Legolas wollte sich gar nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn man ihn finden würde. Viele Orks waren in der Höhle - er würde es nicht alleine mit ihnen aufnehmen können. Beinahe verzweifelt ließ er sich wieder auf den Boden sinken. Wenn er doch nur die Ketten aufbekommen könnte... Er sah zu der Vorderpranke und, dass die Eisen die schuppige Haut weiter aufgescheuert hatten.
, Ich schaffe es nicht, ihn zu befreien... Wenn er es doch nur selbst könnte...
Wie, als hätte Saradas ihn verstanden, hob er abermals den Kopf, bis die Ketten es nicht weiter zuließen. Wieder ertönte das tiefe Grummeln, bis der Drache den Kopf zurück auf die Erde sinken ließ.
"Ob das gereicht hat...?" Legolas erhob sich und versuchte abermals, ob er es schaffen würde, die Schlösser zu öffnen
"Jetzt hat er gänzlich den Verstand verloren...", murmelte Gimli und sah mit geweiteten Augen zu seinem Freund.
Elladan und Tanhis sagten nichts - sie sahen einfach nur stumm auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.
"Die Gefangenschaften scheinen wirklich Wirkung bei ihm zu zeigen... er redet mit einem Drachen..." Gimli brummelte immer weiter vor sich hin, bis er wieder zu den beiden Elben sah. "Seid ihr noch da? Legolas redet mit einem Drachen!“
"Er will ihn befreien...", murmelte Elladan und beobachtete, wie der Prinz versuchte die Ketten zu lösen, aber kläglich scheiterte. Tanhis keuchte abermals erschrocken auf, was die anderen beiden zusammen fahren ließ. Ein Ork schlich sich unbemerkt an Legolas heran. Mit einem Satz war die Elbin nach vorne gesprungen, doch Elladan war flink genug und bekam ihren Arm zu fassen.
"Du kannst da nicht einfach runter rennen Tanhis!", sagte Elladan eindringlich, doch die Elbin wehrte sich
"Ich lasse nicht zu, dass sie ihn bekommen!" Sie riss sich los und lief rasch den abschüssigen Weg hinunter. Die beiden zurück gebliebenen sahen sich an und zuckten mit den Schultern. "Frauen...", murrte Gimli und lief hinter Elladan her, der der Elbin bereits nachgesetzt hatte. Der Elb verzweifelte beinahe. Ihm wurde bewusst, dass er in einer Falle saß. Abermals zerrte er an den Ketten, doch sie gaben keinen Deut nach. Er würde den Drachen nicht befreien können und darauf warten müssen, bis sie ihn fanden. Einen Fluchtversuch konnte er nicht wagen - die Orks würden ihn direkt bemerken.
"Elrohir wird mich umbringen, wenn ich nicht entkomme
Saradas begann auf einmal an den Ketten zu ziehen. Die plötzlichen Bewegungen ließen Legolas hochfahren und sich umdrehen. Erschrocken, sah er in die Fratze eines Orks, der sein Krummschwert zum tödlichen Schlag erhoben hatte. Noch, ehe Legolas darüber nachsinnen konnte, wie er am besten sein Schwert erreichen würde, schrie der Ork auf und fiel leblos neben ihn. Der Elb sah verwirrt zu der toten Kreatur neben sich, bevor er auf und in Tanhis Gesicht sah. Seine Augen weiteten sich. Er träumte. Seine Sinne schienen ihm einen Streich zu spielen. War er doch entkräfteter als geglaubt hatte? Er blinzelte. Sie stand immer noch vor ihm... Er wagte nicht, sich zu bewegen - aus Angst, die Vision könnte wieder verschwinden. Im nächsten Moment fühlte er sich schon umklammert und den bebenden Körper der Elbin an seiner Brust. Wie in Trance schlang er seine Arme um Tanhis und begriff, dass sie wirklich bei ihm war. "Tanhis..."
"Wir helfen dir...!" Sie ließ ihn wieder los und sah sich hektisch um. Die Orks hatten sie bemerkt und kamen auf sie zu. Elladan war bereits in den ersten Kampf verwickelt und Gimli stolperte mehr den schmalen Weg hinunter, als dass er lief. Als Legolas die beiden erblickte, war er mit einem Satz auf den Beinen. Tanhis blickte wieder zu ihm - er sah furchtbar aus. Als er ihren Blick bemerkte, schlang er sich die Tunika so gut es ging um seinen Oberkörper, doch die Wunden hatte Tanhis sehr wohl gesehen. , Wenn das so weiter geht, hat er bald keine Stelle mehr am Körper, die frei von Narben ist...' Sie schüttelte ihre finsteren Gedanken ab und sah kurz zu Elladan, der mehrere Orks niederstreckte. Gimli stand bei ihm und hielt sie davon ab, zu Legolas und Tanhis zu gelangen.
"Wir müssen hier weg!", rief sie und wollte nach der Hand des Elben fassen, doch er blieb stehen
"Ich kann nicht! Wir müssen Saradas befreien!", protestierte Legolas
"WEN?" Tanhis sah ihn ungläubig an, doch dann erinnerte sie sich wieder des Drachen, neben dem sie stand und blickte auf das seltene Wesen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, jedoch nicht wegen dem Drachen. Rasch drehte sie sich um und hieb einem herannahenden Ork den Kopf ab. Die Kreaturen schienen nicht weniger zu werden, eher noch mehr. Saradas begann sich abermals in seinen Ketten zu winden
"Ich gehe nicht ohne ihn! Ich bin an ihn gebunden
"Gibt's hier ein Problem?", knurrte Gimli, als er zu ihnen lief und die Orks weiter abwehrte. "Gimli!", rief Legolas - ein Geistesblitz durchzuckte ihn. "Du musst die Ketten zersprengen Der Zwerg sah zu dem Drachen und wieder zu Legolas. “Ich soll WAS?“
"Nimm deine Axt und schlage sie entzwei.“
"Tu was er sagt!", rief Tanhis, die ein wenig in Elladans Richtung geeilt war, um ihm zu helfen, die Orks weiter abzuwehren. Saradas zog abermals an seinen Fesseln, was Gimli schnell handeln ließ. Legolas griff nach einem der Krummschwerter und stach es dem nächsten Ork in den Wanst
"Wollen wir mal sehen, ob ich die Ketten durchbekomme...", brummelte Gimli und holte mit seiner Axt aus. Als er die grünlichen Schuppen vor sich sah, hielt er inne. "Legolas?", rief er. "Was passiert, wenn die Ketten los sind
Legolas drehte sich in einer fließenden Bewegung zu ihm um. "Das... werden wir dann sehen...! Jetzt beeil dich.“
"Das werden wir dann sehen..." Gimli sah wieder zu dem Drachen, der immer noch versuchte, sich von den Ketten zu befreien. "Lieber Drache..." Er holte aus und ließ seine Axt nieder fahren. Die, von Zwergenhand geschärfte Klinge durchtrennte das Eisen beim dritten Hieb und ließ eine Kette rasselnd aus der Halterung springen. Sofort erhob sich die Pranke Saradas' und zog sich aus den Schlingen. Der Drache schnaubte, was Gimli als sofortige Aufforderung verstand, die restlichen Ketten zu zerschlagen. Sich umschauend rannte er zum Bauch des Drachen und holte abermals aus.
Die drei Elben verstanden es, die Orks nicht in die Nähe des Zwergs kommen zu lassen. Legolas drehte sich flink und hieb einem Ork das Schwert zwischen die Augen. Elladan war in seiner Nähe und rammte die Elbenklinge in den Wanst eines anderen
"Wo ist Elrohir?", rief er dem Prinzen zu, als er in seiner Reichweite war. Legolas wandte sich zu ihm um und wehrte einen kleineren Ork ab
"Das sage ich dir später!", war die Antwort - wenn er Elladan jetzt von Elrohir erzählen würde, würde der Elb womöglich nicht mehr so sicher kämpfen. Doch der ältere Zwilling sah im falschen Moment zu Legolas und erkannte die kurz aufflammende Sorge in den Augen des Tawarwaith. Irgendetwas war mir Elrohir passiert... Dem nächsten Ork stand er mit einem tödlichen Funkeln in den Augen gegenüber. , Wenn sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt haben...!' Der unendlich große Hass ließ ihn zu einer tödlichen Waffe werden. Ein Ork nach dem anderen fand den Tod durch seine Klinge.
Gimli schaffte es, die nächste Kette zu zerschlagen. Rasch wich er zurück, als der Drache sich wieder zu regen begann.
"Liebes Tierchen...", murrte er und sah misstraurig zu Saradas. Der Drache zerrte mit dem Kopf an seinen Fesseln
„Ich komm ja schon...", rief Gimli und sprang über Orkleichen hin zu Saradas' Kopf. Während er wieder ausholte und die nächste Halterung der Ketten zersprengte, unterdrückte er die Frage, ob der Drache Feuer speien könne
"Gimli!", hörte er Tanhis Ruf. Gerade noch rechtzeitig drehte er sich um und sprang zur Seite. Der Ork konnte in seinem Lauf nicht mehr innehalten und prallte beinahe gegen Saradas' Leib. Gimli hob bereits die Axt, als eine Bewegung in seinem Augenwinkel ihn innehalten ließ. Saradas hatte seine große Pranke gehoben und seine Krallen in den Ork gerammt
„Haha!", brüllte Gimli. "DAS nenne ich Arbeitsteilung!" Mit einem Satz war er wieder an der Kette, die den Kopf des Drachen am Boden hielt und sprengte auch diese Halterung.
"So... jetzt schön lieb sein..." Der Zwerg näherte sich der letzten Kette, die den Kopf des Drachen am Boden hielt. Die spitzen Zähne lugten aus dem riesigen Maul hervor, das den Zwerg mit einem Mal verschlingen könnte. Der Drache war ihm immer noch nicht geheuer. Erst recht nicht, seit dieser immer mehr versuchte, die Fesseln von sich zu bekommen. Gimli legte die Axt an, zielte, schloss die Augen und ließ sie niedersausen. Beim ersten Schlag sprangen die Ketten entzwei und Saradas riss ruckartig den Kopf in die Höhe. Gimli stolperte vor Schreck nach hinten und fiel über einen weiteren Ork. Der Drache ließ einen gellenden Schrei verlauten, was alle Kämpfenden für einen Augenblick inne halten ließ. Gimli schüttelte seinen Kopf und sah zu dem Wesen, das sich weiter aufrichtete, doch auf einmal schob sich eine gänzlich andere Fratze in sein Blickfeld. Der Ork wollte gerade Hand an seinen Hals anlegen, als dieser von einem Schwert tödlich getroffen zu Boden ging. Gimli rappelte sich schnell auf und sah zu dem Verursacher. Legolas hatte ein Krummschwert nach dem Ork geworfen, als er die Bedrängnis von Gimli gesehen hatte. Grummelnd erhob sich der Zwerg. "Fühl dich jetzt bloß nicht als großer Held...", rief er dem Elben zu, doch Legolas war bereits in einen weiteren Kampf vertieft. Tanhis hielt inne und sah zu dem Drachen, der versuchte auch noch die restlichen Ketten abzustreifen. "Er kommt immer noch nicht frei!"
Gimli sah zu Saradas und, dass seine Hinterläufe immer noch gefangen waren. Ein Blick zu seiner Axt zeigte ihm, dass sie bald stumpf werden würde
"Einen schaffen wir noch!" Mit diesem Schrei rannte er los, schlug einem Ork die Beine weg und war schon bald an der Hinterpranke des Drachen. Er schnaufte laut, als er seine Axt zum unzähligsten Male erhob. Erst der vierte Schlag vermochte es, auch diese Ketten zu sprengen. Saradas zog an den Eisen, als er spürte, dass sie sich nun endgültig lösten. Die Erde bebte als er sich mit einem Ruck gänzlich aufrichtete. Einige Orks hielten inne und konzentrierten sich, ihr Gleichgewicht zu halten, was die Elben zu ihrem Vorteil nutzten. Innerhalb kürzester Zeit war der Boden übersäht mit Orkleichen.
"Es werden nicht weniger!", rief Legolas, der spürte, dass die Kraft ihn allmählich verließ. Sein Blick glitt zu Elladan. Ein leichter Schweißfilm hatte sich auf der Haut des Elben gebildet. Legolas spürte, wie die Tunika an seinem Leibe klebte. Er sah zu Tanhis, die verbissen die Orks abwehrte. Ein Funken Stolz keimte in ihm auf - nicht jeder, hatte eine solch mutige Gefährtin zur Seite. Der Elb schüttelte den Kopf. Solche Gedanken durfte er sich jetzt nicht erlauben.
Elladan kam zu ihm gerannt. "Seht!“
Saradas stand auf seinen Pranken und ließ seiner lange angeschürten Wut freien Lauf. Grummelnd erschlug er einen nach dem anderen Ork und zermalmte sie unter seinen Pranken. Sein Schwanz schlug bei jedem neuen Streich und streifte die Höhlenwände. Mit einem Satz war Gimli bei ihnen. "Wir müssen hier raus! Wenn er so weiter macht, fällt uns bald die Decke auf den Kopf!“
Die Elben hoben ihren Blick und sahen die ersten Steine, die sich aus der Höhlenwand lösten und krachend hinunter fielen. Tanhis wandte sich um und sah erschrocken, dass der Gang, durch den sie gekommen waren, verschüttet war
"Aber wie?", rief sie, als das Dröhnen lauter wurde.
"Saradas!", sagte Legolas und zog alle Blicke auf sich. "ER wird uns hier heraus bringen.“
"Bist du verrückt? Wie soll er das schaffen?", murrte Gimli und sah den Elben an, als hätte er Sauron persönlich vor sich.
"Auf seinen Rücken!", sagte Legolas eindringlich und sah zu Elladan, der abermals einen Ork tötete. Tanhis wechselte mit Gimli einen Blick und sah zu dem Wesen, das seinen Kopf in ihre Richtung gewandt hatte. Orks versuchten vereinzelt ihre Speere in seine Pranken zu stoßen, aber die meisten der Kreaturen hatten bereits die Flucht ergriffen, als sie den Drachen frei gesehen hatten. Legolas drehte sich zu Saradas um und blickte ihm fest in die Augen. Der Drache hatte seine Gedanken gespürt - er würde sie befreien. Mit wenigen stampfenden Schritten ging er auf die kleine Gruppe zu und ließ sich grummelnd auf den Boden hinab. Legolas rannte zu ihm und bedeutete den anderen, ihm zu folgen. Er strich behutsam über die grünen Schuppenflechten und spürte abermals die ihm ungewohnte Kraft durch die Adern fließen. Der Drache würde ihm nichts tun... Mit einem Satz war er auf dessen Rücken und hielt vorsichtig inne. Saradas rührte sich nicht und so winkte er seinen Freunden.
"Er wird euch nichts tun! Kommt rasch!“
Tanhis folgte ihm als erste, hinter ihr Elladan. Gimli beäugte den Drachen weiterhin misstraurig, doch die Elben drängten ihn den Rücken zu erklimmen. Mit einem starken Griff packte Elladan die Rüstung des Zwerges und zog ihn hinauf.
"Ich kann selbst klettern!", murrte Gimli, doch der Elb ließ ich nicht los, bis er ihn gänzlich hinter sich auf dem Rücken des Drachen wusste.
Saradas erhob sich abermals und schlug die letzten Orks mit seinem Schwanz gegen die Höhlenwand, so dass sie tot hinunter rutschten. Ein heftiges Knirschen ließ die Gefährten aufschauen - die Decke hatte Risse gezogen!
***
Elrohir lauschte besorgt jedem von Aragorns mühsamen Atemzügen und traute sich nicht einmal, sich auch nur einige Schritte von ihm zu entfernen. Er war wieder eingeschlafen, aber das Fieber brannte so heiß in ihm, dass es ihm sicher nicht lange die nötige Ruhe gewähren würde, um wenigstens etwas zu Kräften zu kommen. Andererseits beruhigte es Elrohir jedes Mal, wenn Aragorn wieder erwachte, denn er fürchtete sich davor, dass der Mensch in Bewusstlosigkeit sinken könnte.
Endlich öffnete Estel die schweren Lider und sofort als er sich regte, beugte Elrohir sich über ihn und ergriff dessen Hand.
„Wo sind wir?“, flüsterte Aragorn kaum hörbar, als er den Elben endlich erfasste und seine Augen schlossen sich wieder.
„Weißt du nicht mehr? Wir stecken in einem Gewölbe unter Haldurs Festung! Wir sind hier, um Legolas zu suchen und zu befreien.“ Elrohir hätte am liebsten laut seine Sorge heraus gebrüllt.
„Legolas? … Befreien? … Wo ist Arwen? …“ Elrohir verließ auch der letzte Rest an Zuversicht. „… Sie muss…, sie darf nicht in Mittelerde bleiben. Bring sie auf ein Schiff! ... nicht meinetwegen… hier bleiben. Elrond … wird das nicht zulassen.“
Der Elb versuchte Aragorn zu beruhigen, doch wie sollte er dies nur schaffen, wo er selber immer unruhiger wurde. Estel fantasierte und es ging ihm immer schlechter. Er musste so schnell wie möglich zu einem Heiler und aus dieser feuchten Höhle hinaus.
Elrohir wünschte, dass sein Vater hier sein möge. Er wüßte sicher, was zu tun war, doch nun war es eben an ihm. Entschlossen kam er auf die Füße, in der Absicht alles zu unternehmen, was er konnte, um Orks oder sonst irgendjemanden dazu zu bewegen, diese Türe zu öffnen.
Er stand gerade, als ihn eine Erschütterung fast wieder in die Knie zwang. Der Boden bebte unter seinen Sohlen und er musste sich anstrengen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Fast war es ihm, als bäumte sich der Boden unter ihm auf und ein Knirschen und Ächzen ging von den rohen Felswänden um ihn herum aus. Der Elb stolperte dennoch entschlossen auf die Türe zu und versuchte das Dröhnen zu übertönen, trommelte mit den bloßen Fäusten gegen das kalte Gestein und schrie immer wieder Haldurs Namen.
Fast so plötzlich, wie das Beben gekommen war, herrschte von einem Moment auf den anderen wieder tödliche Stille und seine eigene Stimme klang ihm viel zu laut in den feinen Ohren.
„Haldur!“
Der Name hallte als Echo in dem Gewölbe wider und spiegelte im Klang seine Angst und Sorge zurück, die ihn immer noch befallen hatte. Er wagte jedoch nicht, noch einmal einen Versuch zu wagen, die Orks und anderen Kreaturen auf sich aufmerksam zu machen wer konnte schon wissen, was sie mit ihnen anstellen würden? Wie hatte er überhaupt nur auf die Idee kommen können, von ihnen Hilfe zu erhalten?
Fast hätte er hysterisch aufgelacht. Wahnsinnig er wurde wahnsinnig! Wenn er auch nur noch eine Stunde länger unter der Erde verweilen musste, würde der Wahnsinn ihn ganz sicher befallen!
„Elrohir…?“
Aragorns leise Stimme holte ihn wieder ins hier und jetzt zurück und er zwang sich, ruhig durchzuatmen und optimistisch zu wirken, bevor er sich wieder neben den Freund kniete.
„Was… was war das?“ Husten verschluckte fast die Frage Estels.
„Nichts, was dich sorgen müsste, Bruder! Komm, setz dich einen Moment aufrecht hin, dann fällt dir das Luft holen vielleicht etwas leichter.“
Nur mit der Hilfe des Elben kam Aragorn zum Sitzen hoch, aber das Atmen klang tatsächlich nicht mehr ganz so mühsam, wie noch vor wenigen Augenblicken.
Wieder musterte Elrohir seinen Gegenüber sorgenvoll und kramte dann entschlossen wieder das kleine Bündel von Tanhis heraus, das nur noch einen kläglichen Rest verdorbener Kräuter enthielt. Bevor Aragorn auch nur wahrnehmen konnte, was der Elb vorhatte, befand sich der matschige Klumpen auch schon in seinem Mund, gefolgt von einer Hand voll schmutzigem Wasser, der den Menschen zum Schlucken zwang. Sofort hustete und würgte Aragorn, so heftig, dass dem König die Tränen über die Wangen liefen, doch endlich beruhigte er sich wieder und lehnte sich erschöpft an die Wand zurück.
„Du willst mich wohl… mit aller Gewalt loswerden Warte nur ab, bis es mir wieder besser geht, dann…“
Elrohir grinste. „Aber es hat anscheinend geholfen! Wenn du wieder drohen kannst, musst du dich schon besser fühlen.“
Ein mürrischer Blick aus grauen, glasigen Augen traf den des Elben und doch glaubte Elrohir, auch die Andeutung eines Lächelns in den Mundwinkeln seines Ziehbruders entdecken zu können. Ermutigt fasste er einen Entschluss, legte Aragorn seine Hände auf Brustkorb und Stirn und begann sich mit geschlossenen Augen zu konzentrieren. Im Stillen wandte er sich an die Gunst der Valar und bat um Hilfe und Beistand, danach ließ er die Kraft durch sich hindurch strömen und lenkte sie bis in seine Hände, die warm zu prickeln begannen. Er hörte Aragorns überraschtes Luft holen, dann einen schwachen Schmerzlaut, der aber immer mehr in ein erleichtertes Seufzen überging.
Als er die Hände wieder von Aragorns Körper löste und die Augen öffnete, blickte ihn dieser anklagend an.
„Du benötigst selber all deine Kraft, um deine Wunden zu heilen. Verschwende sie nicht leichtfertig, nur um mir vorübergehend zu helfen! Solange ich hier in dieser feuchten Höhle hocke, bringt nichts mir wirklich Hilfe…, Narr!“
Elrohir entgegnete nichts auf diesen Vorwurf, sein Blick reichte aber aus, um Aragorn zum Verstummen zu bringen fast jedenfalls. Seine Elbenohren fingen gemurmelte Worte auf, die sich nach `Halsstarrigkeit der Zwerge nicht nur Legolas` anhörten und ihm ein ehrliches Grinsen auf seine Züge malte.
„Gimli kann sehr lehrreich sein!“, entgegnete er nur gelangweilt. „Ich habe nur versucht deinen eigenen Rat zu befolgen und nicht immer nur schlechtes im Handeln der Zwerge zu sehen! Nun, ihre Verhaltensweisen in Bezug auf sture, eigensinnige Waldläufer oh, pardon Könige, waren jedenfalls äußerst klug!“
Aragorn öffnete empört den Mund, um darauf etwas zu erwidern, doch offenbar fiel ihm nichts dazu ein, denn er schloss ihn nach einem einzigen Atemzug wieder und schwieg.
In sein Schweigen hinein erklang plötzlich ein fürchterlicher Schrei, dessen Klang sich so fremdartig und wütend anhörte, dass sich Aragorns feine Härchen an den Armen aufstellten. Fast gleichzeitig begann die Erde erneut zu beben, jedoch noch stärker, als sie es vor wenigen Minuten bereits getan hatte und die Intensität steigerte sich kontinuierlich.
Elrohir fiel auf Hände und Knie nieder und nur mit Mühe gelang es Aragorn ihn zu sich an die Wand zu ziehen. Es erklang ein reißendes Geräusch, gemischt mit dem Krachen von Stein auf Stein und schon fielen faustgroße Steinbrocken von der Decke und den Wänden um sie herum. Doch es war ein anderer Umstand, der Panik in Aragorn aufkeimen ließ.
Er brauchte seinen Blick erst gar nicht auf den Riss in der hinteren Felswand zu richten, um zu wissen, dass dieser sich verbreitert hatte, denn das Rauschen des eindringenden Wassers übertönte fast noch das Dröhnen der gesamten Festung.
„Bei den Valar!“, entfuhr es Elrohir und dann sammelte er alle Geschmeidigkeit und Schnelligkeit der Elben in sich und kam wieder auf die Füße, balancierte das Beben aus, packte Aragorn grob an der Vorderseite seines Mantels und zog ihn hoch. In dieser kurzen Zeit war das Wasser schon bis zu ihren Waden angestiegen und eine sprudelnde Fontäne ergoss sich weiter in ihr Gefängnis.
`Arwen, schoss es Aragorn durch den Kopf. `Sie wird an einem Tag ihren Mann und ihren Bruder verlieren…`
Sechstes Kapitel: Rettung
"Ich habe ein ganz ungutes Gefühl...", murmelte Gimli und blickte misstraurig zu den oberen Felsen empor. Die Risse hatten sich weiter zu den Wänden hin gezogen und ließen kleinere Steine hinunter rieseln. Ein Unheil verkündendes Knirschen ertönte und ließ die Freunde zusammen fahren. Tanhis sah sich hektisch um. "Gibt es hier denn keinen Ausgang?"
"Es muss einen geben... ansonsten wäre der Drache wohl nicht hier rein gekommen...", erwiderte Elladan schärfer, als er es beabsichtigt hatte. Die neue Situation machte den Elben zusehends nervös. "Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich Höhlen hasse oder?", murrte er. "Legolas! Weißt du, wie wir hier rauskommen?" Der angesprochene Elb sah nicht auf, sondern schien völlig in sich gekehrt zu sein. Auch als Elladan ihn vorsichtig an der Schulter berührte, reagierte er nicht. Seine Hände lagen auf der rauen Drachenhaut und seine Augen waren geschlossen. Er fühlte die Wärme, die ihn durchströmte und die bekannten Farben, die vor seinen geschlossenen Lidern tanzten. Saradas war unruhig, das spürte Legolas, doch er merkte auch, dass er es schaffte, zu dem Drachen durchzukommen. Er musste ihm vermitteln, dass sie hier heraus mussten - und das so schnell wie möglich. Saradas schien ihm zu antworten, Legolas fühlte das Vertrauen weiter in sich aufkeimen und öffnete die Augen. Erst jetzt registrierte er, dass Elladan mit ihm sprach.
"Wir müssen uns auf ihn verlassen!", sagte er ruhig. "Wir haben nur ein Problem..."
"Aragorn und Elrohir...", beendete Gimli seinen Satz.
Ein weiterer Riss in der Wand ließ die Freunde zusammen fahren.
"Hört zu! Ich will jetzt keine Widerrede hören!", setzte Elladan ernst an. "Legolas und Tanhis sehen zu, dass sie den Drachen aus den Höhlen bekommen und Gimli und ich machen uns auf die Suche nach Estel und Elrohir! Du widersprichst NICHT Legolas! Du bist der einzige, der Kontrolle über den Drachen hat und er muss hier raus! Nur so haben wir eine Chance!"
Legolas sah ihn stumm an - er hatte tatsächlich widersprechen wollen, doch jetzt sah er ein, dass Elladan Recht hatte. "In Ordnung! Aber gebt auf euch acht! Wenn ihr sie nicht findet..."
"Junge wir werden sie schon finden... fragt sich nur, ob das für sie dann besser ist, als wenn wir sie nicht finden würden...!", brummelte Gimli freundschaftlich in seinen Bart.
Elladan nickte und blickte kurz zu Saradas, der den Kopf zu ihnen gewandt hatte, als würde er ihnen zuhören. Er schüttelte unmerklich den Kopf und wollte gerade auf den Boden springen, als ein Schrei von Tanhis ihn innehalten ließ. Sein Blick folgte umgehend ihrer Hand und blieb an der Höhlendecke stehen - die ihnen gegenüberliegende Seite brach in sich zusammen. Die Risse zogen sich wie Blitze durch das dunkle Gestein und ließen die Steinplatten laut aufstöhnen. Die Felsen gaben nach und große Gesteinsbrocken stürzten von oben herab.
"Was machen wir jetzt?", fragte Tanhis und wandte sich Legolas zu, der sie mehr oder minder ebenso geschockt ansah. Wie sollten sie hier heraus kommen? Die Freunde realisierten beinahe gar nicht, dass Saradas sich bereits weiter an die Wand drückte um nicht von den herunterfallenden Brocken getroffen zu werden.
"Es wird noch besser...", murmelte Elladan, als er die ersten Wasserrinnsale ausmachte. "Zieht die Füße hoch, es wird nass...", war das einzige, das sein Sarkasmus zu Stande brachte. Wie als hätten die Wassermassen auf diesen Satz gewartet, ertönte ein lautes Bersten und ein Wasserfall ergoss sich auf der anderen Seite von der Decke hinab.
***
Ein ohrenbetäubendes Knacken und Bersten ließ Elrohir und Aragorn aufschauen. "Was ist das?", fragte Aragorn und blickte sich beinahe ziellos in der dunklen Höhle um.
"Du willst es lieber nicht wissen...", antwortete Elrohir, der sich und seinen Bruder bereits weiter hinauf gezogen hatte. Das Wasser stand ihnen bis über die Knie und bald konnten sie nicht mehr ausweichen.
Aragorn hatte ihn nicht verstanden, das Einströmen des Wassers und das damit verbundene Rauschen waren immer lauter geworden. Wieder ertönte das laute Brechen von Gesteinsmassen und ein Beben stellte ihre Balance auf die Probe. Für kurze Zeit schien es den beiden, als würde Stille einkehren, doch dies war nur Einbildung. Mit einem Donnern, fiel ein Gesteinsbrocken in der Größe eines ausgewachsenen Warges von der Decke und krachte in den Boden. Aragorn hielt sich aus Reflex den Arm vors Gesicht, was jedoch wenig nütze - nun waren sie von oben bis unten nass.
Das Wasser besaß eine schneidende Kälte, die in atemberaubender Geschwindigkeit inzwischen schon bis zu ihrem Brustkorb angestiegen war. Mit einem ungebrochenen Überlebenswillen klammerte Aragorn sich an die unebenen Felsvorsprünge der Wand, oder zumindest versuchte er es, denn seine Finger waren so steif vor Kälte, dass sie immer häufiger abrutschten. Zweimal hatte ihn das ein unfreiwilliges Bad nehmen lassen, denn er versuchte auch mit den Füßen Halt zu finden, für den Augenblick, da das Wasser soweit gestiegen war, dass es sie überragen würde.
Dies geschah dann auch rascher, als ihm lieb war und zeigte ihm, dass er den Strudel des Wassers eindeutig unterschätzt hatte. Sobald seine Füße den Grund nicht mehr berührten und ihm dieser Stand verloren ging, zog ihn der Sog mit einiger Kraft von der Mauer fort. Wäre er nicht ohnehin geschwächt gewesen, so hätte er vermutlich länger dagegen ankämpfen können, doch so rutschte er Zentimeter um Zentimeter weiter von Elrohirs Seite weg. Der Elb umklammerte Aragorns Hand und hielt sie so fest wie möglich gepackt, doch dadurch war auch er nicht mehr so sicher gegen die Gewalt des Wassers.
"Lass mich los, mellon nin!", keuchte Aragorn, doch als er seinerseits den Griff zu lockern begann, fasste Elrohir nur noch entschlossener zu.
"Law! ( Nein! ) Das werde ich nicht tun, Estel." Elrohir musste schreien, um das Rauschen des Wassers zu übertönen.
Erneut brachen größere Gesteinsbrocken aus der Decke und Elrohir packte noch entschlossener zu. Er zog, mit der Kraft der Verzweiflung, noch stärker gegen die Naturgewalt des Wassers an, doch auch seine Kräfte neigten sich dem Ende.
"Bei den Valar...", entfuhr es Elrohir, der registrierte, was vor sich ging, als die Druckwelle über sie hinwegspülte, sie einen kurzen Moment unter sich begrub und sie gegen die raue Wand drückte. Einer der Brocken hatte die - anscheinend - hauchdünnen Bodenplatten zerschlagen und ein ebenso breites Loch hinein gehauen. Das Wasser schien sich aufzubäumen, bevor es sich wie ein Strudel den Weg durch das immense Loch suchte.
"Halt dich fest!", schrie Elrohir über die Wassermassen hinweg zu Aragorn, doch er selbst wurde bereits so stark von dem Sog umklammert, dass er mitgezogen wurde. Der Elb stemmte sich mit aller Kraft dagegen und versuchte immer wieder, einen der Felsvorsprünge in den Wänden zu fassen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Nur zu oft begrub das Wasser ihn unter sich - Estel hatte er nun vollends aus den Augen verloren, doch er ahnte, dass es ihm nicht anders erging.
Aragorn griff nach einem Felsvorsprung und hielt sich an den kantigen Steinen fest, rutschte jedoch immer wieder ab. ,Wenn wir es nicht schaffen, dann werden wir mit dem Wasser mit gerissen, und wer weiß in welchen Abgrund wir dann stürzen.' Wieder wurde er unter Wasser gezogen, diesmal so lange, dass er gierig nach Luft schnappte, als er die Oberfläche wieder durchbrach. Er versuchte, so viel Luft wie möglich wieder in seine Lungen zu ziehen und suchte dabei wieder die Felswände ab. Am Rande seines Blickfeldes sah er Elrohir, der dem dunklem Schlund im Boden schon gefährlich nahe gekommen war.
Elrohir sah nur die Dunkelheit, die ihn jeden Augenblick zusammen mit dem Wasser verschlingen würde, als er im letzten Augenblick von einer Hand an der Tunika gepackt wurde.
"Lass das keinen anderen Elben sehen... du wärest der größte Tollpatsch Elrohir...", brachte Aragorn heiser und stoßweise hervor, während er beobachtete, wie der Wasserpegel stetig sank. Er konnte gar nicht ausdrücken, wie erleichtert er war, dass sie nun nicht mehr Gefahr liefen, zu ertrinken. Nicht mehr lange, und er hätte nicht mehr die nötige Kraft aufgebracht, um sich zu halten. Elrohir gerade noch zu packen, war schon fast darüber hinausgegangen.
Sicher hatten die Ereignisse nur Minuten gedauert, doch ihm kam es vor, als habe er Stunden gegen das Element und den Tod angekämpft. Er wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es ihm ergangen wäre, wenn der Elb nicht zuvor einen Teil seiner Kraft an ihn weiter gegeben hätte. In Elrohirs Blick las er die gleichen Empfindungen und sie brauchten keine Worte, um ihre Erleichterung auszudrücken.
Bald schon umspielte das Wasser nur noch ihre Füße - die neu eintretenden Massen, die wie ein Wasserfall an der Wand hinunter strömten, flossen beinahe direkte durch das Loch im Boden der Höhlen weiter unten ab.
"Das wird wohl auch unsere einzige Chance sein, aus diesen Gemäuern zu entkommen...", murmelte Elrohir und näherte sich vorsichtig dem Riss im Boden. Das Wasser zerrte ihn nicht mehr, es umspielte mehr seine Füße und das Wasser, das von der anderen Seite hinunter strömte, traf ihn nicht. Vorsichtig kniete er sich hin und sah über den Rand.
"Sei vorsichtig Elrohir...", warnte Aragorn ihn, doch der Elb ließ sich nicht beirren. Er beugte sich weiter nach vorne und versuchte in den höhlenartigen Raum unter sich zu blicken. Mit einem Male sprang er zurück und fing sich nach Luft ringend mit seinen Händen ab.
"Was ist?", fragte Aragorn, der sich von der Wand weg bewegt hatte und auf seinen Ziehbruder zukam. Ein leichter Schwindel hielt den Menschen immer noch gepackt, doch er bemühte sich gegen ihn anzukämpfen. Elrohir sah ihn an, als hätte er einen der Valar persönlich gesehen. "Der Drache...", murmelte er und sah Aragorn an.
"Du meinst...?"
"Ja!", erwiderte Elrohir heftig und er beugte sich abermals zu dem Loch hin. Wenn der Drache da unten war, musste Legolas auch dort sein - wenn er ihn denn erreicht hatte. Es würde nicht gefährlich sein, sich zu erkennen zu geben, wenn er nach dem Freund rufen würde. Ob sie hier weiter in ihrem Gefängnis hocken würden, oder ein paar Stockwerke tiefer... Er legte die Hände trichterförmig vor seinen Mund und rief nach dem silberhaarigen Elben. Aragorn beugte sich neben ihn und spähte erwartungsvoll hinab...
~~*~~
Das Wasser hatte bereits einen flachen Film über den Boden gebreitet. Das Loch in der Decke war groß, es bröckelte stellenweise immer noch weiter ab, doch das einströmende Wasser war nicht bedrohlich gewesen. Die Massen die plötzlich eingeströmt waren, hatten sich ihren Weg durch einen der abführenden Schächte gesucht und die Freunde unversehrt gelassen.
"Dort ist also ein Ausgang...", schlussfolgerte Gimli, als er dem ausströmenden Wasser nachsah. "Jetzt müssen wir ja nur noch-..."
"SCHH!", kam es auf einmal von Tanhis, die ihn unterbrach. "Hört ihr das?"
Die beiden Elben sahen sie an und lauschten anschließend in das Rauschen des Wassers hinein. Elladan hatte die Augen geschlossen und versuchte sich bestmöglich zu konzentrieren. Plötzlich umspielte ein Lächeln seine Mundwinkel und als er die Augen wieder aufschlug, blickte er geradewegs zu dem Loch in der Decke. "Elrohir!", rief er und sah zu seinen Freunden. "Elrohir ist dort! Ich fühle es! Wir müssen hin!"
Saradas bewegte sich bereits, noch bevor Legolas seine Gedanken auf ihn richten konnte und trottete zu dem Einriss in der Decke. Er stellte sich längs zu der Öffnung, so dass das Wasser sie nicht berührte, die Freunde aber nach oben blicken konnten. Und dort sahen sie auch die zwei Freunde.
"Aragorn! Elrohir! Ihr beide!", rief Legolas und ihm war die Freude und Erleichterung sichtlich anzusehen.
"Ihr müsst runterkommen!", rief Elladan und sah sich um. "Es ist nur die Frage wie..."
Saradas grummelte auf einmal und bewegte sich wieder. Er stellte sich so unter das Loch in der Decke, dass die Freunde auf seinem Rücken Acht geben mussten, nicht vollkommen durchnässt zu werden. Der Drache reckte seinen Hals und hob seinen Kopf empor. Mit seinen Vorderpranken stütze er sich auf einigen heruntergefallenen Felsen ab, so dass er noch ein wenig höher stand.
"Saradas!", rief Legolas und musste beinahe lachen. "Aragorn! Elrohir! Er will, dass ihr auf seinen Kopf steigt und zu uns klettert!"
"Er will WAS?" Aragorn sah ihn entgeistert an. "Legolas mein Lieber, die langen Gefangenschaften unter der Erde scheinen dir nicht gut zu bekommen!"
"Von mir aus könnt ihr auch da oben hocken bleiben und warten bis Haldur wieder kommt!", mischte sich Gimli ein. "Jetzt macht schnell, ich glaube nicht, dass er euch seinen Kopf als Fußabtritt noch ewig hinhalten wird!"
Aragorn sah unsicher zu Elrohir, der Saradas seinerseits skeptisch anblickte. Er sah zu seinem menschlichen Bruder und zuckte mit den Schultern. "Was haben wir zu verlieren?" Mit diesen Worten schwang er seine Beine über die Kante und stellte sich sacht auf die Schnauze des Drachen. "Jetzt bitte schön still halten...", murmelte er und tarierte sein Gleichgewicht aus. Er bückte sich und strich sanft über die Schuppen. Das Gefühl der Hornhautplatten unter seinen Fingern ließ einen Schauer durch seinen Körper jagen. Langsam tastete er sich weiter voran und begann den Hals vorsichtig hinunter zu rutschen.
"Du hast es gleich geschafft...", sagte Tanhis, jedoch mehr um sich selbst zu beruhigen. Das würde ihnen keiner glauben!
Elrohir konzentrierte sich darauf nicht abzurutschen und war mit einem letzten Zug bei den vier anderen! Mit einem befreiten Seufzer fiel er Legolas in die Arme, der zuvorderst saß und ihn auffing. "Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist!", sagte Legolas, ließ seinen Blick aber prüfend über den Körper des Elben wandern.
"Schau nicht so...", erwiderte dieser. "Ich sehe nicht schlimmer aus als du!"
"Wo du recht hast...", erwiderte Elladan und schloss seinen Bruder ebenfalls in die Arme, bevor sie sich wieder Aragorn zuwandten, der seine Beine bereits ebenfalls über den Rand der Decke geschwungen hatte.
"Es ist leichter als gedacht Estel!", rief Elrohir, woraufhin Aragorn nur mit der Hand abwinkte und sich weiter darauf konzentrierte den Drachen nicht mit seinen Schuhen zu traktieren. Saradas hielt still und schnaubte lediglich durch seine Nase, wenn der Mensch eine empfindliche Stelle berührte. Aragorn spürte, wie er vor Konzentration zu Schwitzen begann - oder war es noch ein wenig Restfieber? Er war ebenfalls am Hals angekommen und versuchte ihn auch mehr oder weniger hinab zu rutschen, als er eine vom Wasser nasse Stelle erwischte und abrutschte. Der lange Kampf gegen das Wasser zeigte nun seine Nachwirkungen, denn er fand so rasch keinen neuen Halt und mit einem erschrockenen Schrei fiel er ins Leere. Gimli und die Elben schrieen ebenfalls erschrocken auf, als sie sahen, dass Aragorn stürzte.
Dieser machte sich schon auf den Aufprall gefasst, als er plötzlich mit einem Ruck in der Luft hängen blieb. Er öffnete seine geschlossenen Augen und blinzelte empor. Was er sah, wollte er beinahe gar nicht glauben: Der Drache hatte ihn mit dem Maul an seiner Tunika gepackt und streckte seinen Hals zur Seite, so dass er zu den anderen klettern konnte. Elrohir und Elladan angelten ihn mehr, als dass er sich selbst bewegte. Der Mensch war sichtlich verwirrt...
"Aragorn... atmen!", lachte Gimli und weidete sich an dem Gesichtsausdruck des Menschen.
"Geht es dir gut?", fragte Legolas leise und sorgte dafür, dass der Mensch endgültig aus seiner Starre erwachte.
"Ja..." Aragorn schüttelte noch einmal den Kopf und sah zu Saradas, der die Freunde seinerseits beobachtete. "Ja... mir geht's gut! Aber erst richtig, wenn wir endlich hier heraus kommen. Haldur wird es uns sicher nicht so leicht machen."
Elrohir grinste. "Das glaube ich auch! Bei dem Lärm den unsere "Retter" hier veranstalten, wird ihm unsere Flucht wohl kaum verborgen bleiben."
***
Das Vorhaben der Flucht erwies sich jedoch als schwieriger, als es sich die Gefährten gedacht hatten, denn noch immer saßen sie in der Höhle fest, die sich unter Aragorns und Elrohirs Verließ befunden hatte. Dem Drachen war deutlich anzumerken, dass ihn dieser Umstand ebenso wütend machte, wie seine bisherige Gefangenschaft, denn Legolas, immer noch mit dem Drachen gedanklich verbunden, schwankte unter dem Druck all dieser Gefühlsregungen, die ihn zu überwältigen drohten. Doch auch dieses Mal bemerkte Saradas, was er Legolas für Schmerzen verursachte und schirmte seine Empfindungen soweit wie möglich ab, um den Elben nicht in Gefahr zu bringen.
So glitten Elladan, Tanhis, Aragorn und Legolas schließlich vom Rücken des Drachen hinab und begannen, die Höhle weiter zu erforschen. Es musste schließlich einen Ausweg geben, denn irgendwie war es Haldur ja auch gelungen, das riesige Tier in diese Höhle hinein zu schaffen. Es musste einen verborgenen Eingang oder Tunnel geben, dessen war sich ihre kleine Gruppe sicher.
Elrohir hatte vom Rücken des Drachen aus - Tanhis' Bogen gespannt in der Hand - einen guten Überblick über das Gewölbe und behielt zusammen mit Gimli die Eingänge im Auge, durch die einige der Orks geflüchtet waren. Sie wollten nicht durch eine Schar von ihnen überrascht werden, während sie getrennt die Höhle absuchten.
Tanhis hatte sich weiter in den Teil der Höhle vorgewagt, der nicht durch Fackeln erhellt wurde. Ihre Augen erfassten in der Dunkelheit einen Durchlass, der gerade eben reichen könnte, um den Drachen hindurch zu bringen. Dahinter konnte sie einen schwachen Schimmer ausmachen und nachdem sie weiter darauf zu schritt, sah sie, dass ein kurzer Tunnel sich hinter dem Durchlass in einer engen Kurve wand, der sie in eine weitere Höhle führte. Staunend blickte sie zur Decke empor, die sich so hoch oben befand, dass selbst ihre Elbenaugen sie nicht klar erkennen konnten. Mit dem Grund erging es ihr nicht besser, denn gute sechs Schritt von ihrem Standpunkt aus, viel der Weg abrupt steil in Tiefe ab. An der Höhlenwand entlang, konnte man diesem Weg jedoch folgen und an einigen Stellen mündeten weitere Tunnelöffnungen auf ihn.
Was ihr jedoch gänzlich die Sprache verschlug, war die Ursache für den schwachen Schimmer. Über die Wände der Höhle hinweg, bis tief in die Schlucht hinein, funkelten Edelsteine in allen erdenklichen Blau -, Lila - und Grüntönen. Einige fast so groß, wie die ausgestreckten Hände eines Mannes, andere so klein wie feine Knospen an Frühlingsbäumen. Um sie herum funkelte und strahlte es, als blicke sie den sternenklaren Nachthimmel an. Eben so unendlich erschien ihr diese Höhle und sie war sich sicher, das Saradas hier mit Leichtigkeit nicht nur seine Schwingen spreizen könnte, sonder auch einige Flügelschläge tun und in der riesigen Halle fliegen könnte.
Fast vergaß sie, warum sie hier stand, doch Legolas' Ruf riss sie aus ihren Träumen und sie eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Als sie in den Schein der Fackeln zurückkam, konnte sie in Legolas' Gesicht die gleiche Erleichterung sehen, die sie empfand, seit sie ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte. Aber die Erleichterung wich von Legolas' Zügen und wandelte sich in offene Sorge, für die Tanhis auch ohne Nachfragen zu müssen, die Ursache sah.
Orks stürmten in die Halle, gerade genug, um ihre kleine Gruppe ausreichend zu bedrängen und sie weiter auseinander zu treiben. Gimli und Aragorn waren bereits von Elladan und Legolas abgeschnitten worden und Tanhis selbst hatte nur noch ihr Krummschwert, um sich zu den beiden Elben durchzukämpfen.
Legolas begann auch gleich seine Bemühungen zu verstärken, sich weiter in ihre Richtung zu bewegen, doch noch bevor er sie erreicht hatte, fegte plötzlich Saradas' Schwanz die Orks zur Seite, die noch zwischen ihnen standen. Die Wucht des Schlages schmetterte sie gegen die Höhlenwand und nur noch einer von ihnen zuckte schwach, bevor auch er tot in sich zusammen sank.
Tanhis sah zu dem Drachen empor, den Blick ungläubig auf dessen grüne Augen gerichtet. Sie hätte schwören können, dass darin ein belustigtes Funkeln lag, begleitet durch ein zustimmendes Nicken. Saradas hatte ihr geholfen - nicht nur seine Wut über die Gefangennahme trieb ihn dazu, diese häßlichen, gefährlichen Kreaturen zu bekämpfen! Der Drache unterschied ganz eindeutig auch zwischen Freund und Feind und half ihnen, so gut er dies in diesem für ihn niedrigen Gewölbe vermochte. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen und sie empfand eine plötzliche Zuneigung zu diesem einzigartigen Wesen, aber auch Mitleid, denn sie mußte bei dessen Anblick auch daran denken, dass Saradas wahrscheinlich der Letzte seiner Art war.
Tanhis verdrängte den traurigen Gedanken und eilte an Legolas' Seite, sich weiterhin gegen die Orks zur Wehr setzend. Der Strom der Angreifer riss nicht ab und für jeden getöteten Ork rannten gleich zwei neue in die Höhle, sodass bald immer weniger Bewegungsfreiheit für ihre Verteidigung blieb. Saradas verschaffte ihnen aber immer wieder einen Vorteil, indem er zur rechten Zeit seine Kräfte einsetzte und in einer solchen Verschnaufpause berichtete Tanhis in knappen Worten, was sie im Hinteren des Gewölbes entdeckt hatte. Ihre Worte waren gerade verklungen, als Saradas ein freudiges Knurren ausstieß - durch Legolas hatte auch er verstanden, dass dies seine Freiheit bedeutete.
Vor Legolas' innerem Auge sah er, wie der Drache endlich seine Flügel spreizen konnte und sich wieder in die Lüfte erhob, wurde von dem Gefühl der Freude beinahe überwältigt und doch genoss er diese Empfindungen, denn es war auch sein größter Wunsch, dass Saradas endlich wieder in Freiheit war.
Rasch löste er jedoch die Intensität der Verbindung und verschaffte sich einen Überblick über die Kämpfe seiner Verbündeten und schlagartig lief es ihm eisig kalt den Rücken herunter. Gerade in diesem Moment trat Haldur durch einen der Tunnel in die Halle.
Aragorn wehrte verbissen die Schwertschläge der angreifenden Orks ab und wich weiteren aus, die teilweise nur um Haaresbreite seine Brust oder gar seinen Kopf verfehlten. Dabei musste er zusätzlich darauf achten, dass er die Rückendeckung von Gimli nicht preisgab. Der Zwerg und er hatten es schon immer verstanden, sich im Kampf gegenseitig zu schützen und obwohl der Freund kleiner war, konnte sich Aragorn keinen besseren Partner an seiner Seite vorstellen. Die Axt von Gimli schwang todbringend und präzise durch die Reihen der Feinde, begleitet durch wilde Flüche und Beschimpfungen. Die Zunge des Zwergs war ohne Zweifel ebenso scharf wie dessen Waffe.
Eine plötzliche Gewissheit lenkte den Menschen so überraschend von seinem Gegner ab, dass er dem nächsten Schlag nicht schnell genug ausweichen konnte und ein brennender Schmerz zog sich über seinen Oberarm, wo die Orkklinge in seine Haut schnitt. Der Schmerz holte ihn jedoch aus seiner Starre und er warf sich so schnell seinem Opfer entgegen, dass dieses nicht mehr reagieren konnte und von der Klinge durchbohrt wurde.
Aragorn hatte Mühe, sein Schwert aus dem Körper herauszuziehen und als es ihm schließlich gelang, taumelte er einige Schritte, weil sie so plötzlich nachgab. Er fuhr sich erschöpft mit dem Handrücken über die Stirn und wunderte sich nur kurz, dass ihm der Schweiß nicht an den Schläfen entlang lief. Ihm war vom Kämpfen so heiß, dass dies eigentlich der Fall hätte sein müssen, doch sein Gesicht war trocken - und heiß. Er sah sich nach Gimli um und wurde sich bewusst, dass der Zwerg ihn inzwischen völlig deckte. Er selbst stand in einer kleinen Nische, nahe einem der Tunnel und Gimli hielt einige Orks davon ab, zu ihm vorzudringen. Entschlossen wischte er kurz die Klinge an einem seiner gefallenen Opfer ab und wollte sich gerade wieder an Gimlis Seite begeben, als seine Gewissheit bestätigt wurde und sein Blick auf Haldur fiel.
Der Elb stand unbeweglich mitten unter den kämpfenden Orks und fixierte ihn mit einem berechnenden Ausdruck in den Augen. Seine Erscheinung war tadellos, die Tunika und die Beinlinge ohne den geringsten Blut - oder Schmutzfleck, die Lederstiefel glänzend poliert. Sein Umhang hing unbeweglich von den breiten Schultern und in seiner Hand hielt er Anduril, dessen Klinge im Schein der Fackeln golden leuchtete.
Eine stumme Geste hielt die angreifenden Orks zurück und dann löste er sich so plötzlich aus seiner Regungslosigkeit, dass Gimli nicht rechtzeitig reagieren konnte. Als der Zwerg noch die Axt zur Abwehr hochriss, brachte ihn ein Schlag mit der Breitseite des Königsschwertes aus dem Gleichgewicht und dann ließ Haldur den Knauf so fest auf den Kopf des Zwergs herunterschnellen, dass dieser mit einem lauten Stöhnen in sich zusammen sank.
Haldur hatte die Lippen zu einem Lächeln verzogen und machte einen verächtlichen Schritt über die kleinere Gestalt am Boden.
"Nun kommt es nur noch auf dich an - ESTEL! Deine Freunde können dir nicht mehr helfen!"
Erst als sich Aragorn von der Felswand abstieß, merkte er, dass er sich erschöpft dagegen gelehnt hatte und einen Augenblick lang war er sich nicht sicher, ob seine Beine ihn tragen würden. Hastig blickte er zu der Stelle hinüber, an der die Elben kämpften und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder seinem Gegenüber zu. Es dauerte einen Herzschlag lang, bis er ihn klar erfassen konnte und die tanzenden Schatten aus seinem Blick verschwanden, gerade rechtzeitig, um sein Schwert zu heben.
Klirrend trafen sich die Schneiden und durchbrachen die Stille im Gewölbe. Jedenfalls empfand Aragorn das so. Seine Ohren nahmen nur die Geräusche wahr, die ihre beiden Klingen verursachten, alles andere war abgedämpft und verschwommen, so, als käme es aus unglaublich weiter Entfernung. Seine Arme zitterten ob der Anstrengung, mit der er Haldur begegnete, aber seine Kräfte ließen ihn schon nach wenigen Angriffen im Stich. Eine rasche Drehung mit Anduril wand ihm das eigene Schwert aus dem schwachen Griff und es fiel vor Haldurs Füße.
"Das ist ja fast schon zu einfach! Ich hatte mich so darauf gefreut, etwas mit dir zu spielen." Sein Lachen hallte durch die hohen Gewölbe und schnitt beinahe körperlich in Aragorns Seele. Der Mensch wollte einen Schritt zurück weichen, doch genau in diesem Augenblick versagten ihm seine Beine den Dienst und er stürzte.
Anduril berührte seine Wange und kühlte sie angenehm, doch er war sich auch ihrer tödlichen Schärfe bewusst.
"DAS ist das einzige, was ich nie an dir beneidet habe!", spottete Haldur. "Deine menschliche Schwäche! Du siehst nicht gut aus, mein Lieber."
Wieder erklang sein schauerliches Lachen. Aragorn schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet an die Valar, dass sie gnädig sein mochten und ihm einen raschen Tod breiten sollten, doch abrupt verstarb das Gelächter und wurde von einen neuen, nicht weniger Angsteinflößendem Geräusch abgelöst.
Als er die Augen aufschlug sah er gerade noch, wie Saradas' gewaltiger Schwanz gegen die Felswand neben ihm einschlug, bevor sie erneut ausholte und die Decke zertrümmerte. Wieder grollte die Erde und die Erschütterung brach Steinbrocken aus dem Gewölbe. Wieder schlug der Drache zu und dann stürzte um Aragorn herum alles ein und begrub den Tunneleingang und die sich dort befindlichen Orks.
Estel sammelte seine letzte Kraft, warf sich ohne nachzudenken auf Gimlis zusammengekrümmte Gestalt und spürte nur noch einen harten Schlag in seinem Rücken, dann umgab ihn das Nichts.
Er erwachte nur langsam - als erstes konnte er hören, dass neben ihm jemand leise beschwörende Worte murmelte und dann strich ihm eine leichte, kühle Berührung über Stirn und Schläfen. Dann überwältigte ihn Schmerz und Schwäche und er wünschte sich, dass die erlösende Dunkelheit ihn wieder umfing, doch diese tat ihm den Gefallen nicht, stattdessen wurde seine Wahrnehmung noch intensiver und er konnte die Stimme als Elladans identifizieren.
„Estel! Meine Schwester wird mich umbringen, wenn ich dich ihr nicht heil zurück bringe! Und mein Vater wird das, was sie von mir übrig lässt, dann für den Rest meines Lebens hinter die Bücher klemmen, damit ich das Heilen noch besser erlerne!“
Wieder berührte ihn ein feuchtes Tuch, diesmal jedoch um einiges energischer und mit einem mühsamen Atemzug schlug er die Augen auf. Auf Elladans Gesicht zeigte sich Erleichterung, jedoch nur für einen kurzen Moment, dann setzte er eine ernste Mine auf.
„Solltest du uns noch einmal solche Angst einjagen, dann werde ich dir persönlich den letzten Dolchstoß zwischen die Rippen geben!“ Mit diesen Worten klatschte er den Lappen auf den steinigen Boden und erhob sich, ohne ihm einen weiteren Blickes zu würdigen.
An seiner statt nahm Tanhis neben ihm platz lächelte ihn freundlich an, doch ihre Augen hatten einen feuchten Glanz und ihre Nasenspitze war leicht gerötet.
„Er meint es nicht so! Er versucht nur seine Erleichterung zu verbergen. Wir dachten schon, du würdest nicht mehr erwachen, bis wir den Düsterwald erreichen! Und es ist nicht gerade leicht, dich auf einem fliegendem Drachen festzuhalten!“
Die Verwirrung nahm bei ihren Worten erst zu, bevor dann endlich langsam alle Erinnerungen zu einem vollständigen Bild zusammen gefügt wurden.
„Wo…? Und wie lange war ich…? Gimli?“
„Es geht ihm gut, auch wenn er über einen Brummschädel jammert! Wir sind jetzt ungefähr einen Tag vor dem Düsterwald den ein Drache fliegt! Mit dem Pferd würden wir noch gute drei Tage benötigen! Du warst zwei Tage nicht bei dir!“
„Zwei Tage.“ Diese Feststellung erschütterte ihn mehr, als er zugeben konnte. Was war nur alles geschehen, nachdem er das Bewußtsein verloren hatte? Wie waren sie aus Haldurs Festung entkommen? Waren alle Freunde wohlauf? Und Haldur! Was war mit ihm geschehen?
Eine weitere, allerdings verschwommene Erinnerung schrammte am Rand seines Verstandes entlang, aber es gelang ihm nicht, sie zu fassen. Er bemühte sich weiter, denn etwas sagte ihm, dass dies sehr wichtig war, doch das einzige was ihm seine Versuche einbrachten, waren hämmernde Kopfschmerzen. Schließlich gab er es widerwillig auf und bemühte sich um eine sitzende Position.
Ihr Lager war in einer Senke aufgeschlagen, von einer Seite durch niedrige Felsen geschützt und in deren Mitte prasselte ein wärmendes Feuer, um das er die vier Umrisse seiner Gefährten ausmachen konnte und den riesigen Schatten des Drachen, der die Senke von dieser Seite vor dem kalten Wind schützte. Gleich neben Aragorn knisterte ein weiteres, kleines Feuer und daneben stand eine kleine Tonschüssel die mit Wasser gefüllt war. Mehrere Decken rutschten hinab, als er sich hinsetzte und beschämt stellte er fest, dass wohl alle Freunde ihre eigenen Decken für sein Schlaflager geopfert hatten und Tanhis begann auch gleich, sie wieder um ihn herum fest zu ziehen. Er wollte schon deswegen protestieren, aber als er wieder zu Tanhis aufschaute, brachte er es nicht über die Lippen. Seine Freunde hatten sicherlich viele Mühen gehabt, ihn hierher zu bringen und sie nun wegen ihrer Fürsorge zu kritisieren schien ihm nicht recht. So nickte er nur dankbar, als die Elbe damit fertig war die Decken zu Recht zu zupfen.
„Was ist geschehen?“, fragte er stattdessen und sank wieder etwas tiefer auf das Lager nieder.
„Ich erinnere mich nur noch daran, dass der Drache …“. Er schloss kurz die Augen, um sich wieder alles klarer ins Gedächtnis zu rufen und hielt dabei seinen Kopf in den Händen geborgen.
„Saradas hat uns gerettet! Er hat fast alle Orks mit einigen Schlägen seines Schwanzes vernichtet, aber dabei auch leider die ganze Festung zum Einsturz gebracht. Wir haben dich und Gimli gerade zu ihm auf den Rücken ziehen können, bevor die Decke ganz nachgab und dann sind wir durch das Hintere der Höhle entkommen.“ Tanhis berichtete ausführlich von der glitzernden Höhle, die sie entdeckt hatte und von dem unbeschreiblichen Gefühl, von dem Drachen durch die Lüfte getragen zu werden. Die Gemeinschaft hatte aus sicherer Entfernung zugesehen, wie die gewaltige Steinburg gefallen war und sich dann sofort auf den Rückweg gemacht.
„Keiner der Orks konnte entkommen, dazu blieb ihnen einfach keine Zeit.“, schloss sie ihren Bericht und begegnete seinem Blick nicht ohne Stolz. Aragorn spürte dennoch ein nagendes Gefühl in seinem Magen, dass nicht dem Hunger zuzuschreiben war.
Tanhis hatte Haldur nicht mit einem Wort erwähnt! Was war mit ihm geschehen? Hatten sie gesehen, wie er von den Steinen erschlagen oder verschüttet worden war?
Er brauchte einfach Gewissheit darüber, was mit ihm geschehen war, sonst würde er keine Ruhe finden.
„Und Haldur? Was ist mit ihm geschehen? Hast du… Habt ihr gesehen, was mit ihm geschehen ist? Er stand nur wenige Schritte von mir entfernt.“
Tanhis Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, aber sie machte keine Anstalten, seine Frage zu beantworten. Er wollte sie schon nach dem Grund dafür fragen, als sein Blick auf einen Schatten fiel, der ihm bisher entgangen war und sein Einwand erstarb ihm auf den Lippen.
Tanhis sah den Unglauben in seinem Blick und mit einem Lächeln richtete sie das Wort an die Freundin, die nun an die Lagerstelle ihres Gemahls herantrat.
„Er ist erst vor wenigen Minuten aufgewacht, Arwen. Und ich glaube, er kann die Kräuter jetzt wirklich gebrauchen, die du gesucht hast!“
Sie kam geschmeidig auf die Füße, tätschelte beruhigend seine Hand und entfernte sich mit weit ausschweifenden Schritten.
Aragorn fand sich mit Arwen alleine wieder und an ihrem Gesicht konnte er absehen, dass es wohl das Beste war, vorerst zu schweigen. Das Reden übernahm dann auch gleich sie.
„Du solltest nicht nur um Legolas’ Willen auf dich acht geben, sondern auch um unseren Willen! Ich hätte mir ja gleich denken können, dass du wieder ohne Rücksicht auf dich selbst losstürmst und dich in Schwierigkeiten bringst! Was glaubst du, hätte es Legolas genützt, wenn er zwar befreit worden wäre, dafür aber seinen besten Freund verloren hätte? Kannst du nicht ein einziges Mal auf der Hut sein? Ganz zu schweigen von der Tatsache…“
Sie schimpfte ununterbrochen weiter und fuhr ihm bei jedem Einwand über den Mund, sodass er nicht den leisesten Hauch einer Chance hatte, ihr zu Widersprechen. Seine Stimmung änderte sich dabei von der Verblüffung, sie hier zu sehen, zu Freude, Scham und dann aber zu einer ungeheuren Wut, der er dann auch schließlich freien Lauf ließ.
Energisch schlug er die Decken zur Seite und kam auf die Beine, wobei er zu verbergen suchte, wie schwer ihm das viel.
„Du musst gerade von Leichtsinn reden! Alleine Loszureiten ohne zu wissen, was dich erwarten könnte! Orks wären noch das Geringste gewesen, was dir hätte passieren können! Wenn Haldur dich erwischt hätte! Ich hätte nicht übel Lust, dich wie ein kleines Kind über das Knie zu legen! Was glaubst du eigentlich, wird dein Vater sagen, wenn…“
Weiter kam er nicht, denn er fand sich plötzlich auf dem Boden wieder und der Himmel drehte sich schwindelerregend schnell über ihm, sodass er die Augen schnell schloss.
„Sturkopf!“, vernahm er Arwens Stimme, doch sie klang weich und zärtlich und ihre Finger strichen durch sein Haar, während ihre Lippen sich sacht auf die seinen drückten. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldzuweisungen! Was geschehen ist, ist geschehen und ich bin eine Närrin, dass ich dich in diesem Zustand auch noch herausfordere. Du brauchst Ruhe.“
Widerstandslos ließ er sich von Arwen wieder in die Decken wickeln und er mußte zugeben, dass er nicht in der Lage war, sich weiter mit ihr auseinander zu setzen. Er fühlte sich schwach und müde, sein ganzer Körper schmerzte und bei jedem Luftzug fuhr ein Stich durch seine Brust. Arwen reichte ihm einen dampfenden Becher, den er mit zitternder Hand entgegen nahm und vorsichtig trank. Dabei lauschte er Arwen, die ihn nun berichtete, warum sie sich alleine auf die Suche nach ihnen gemacht hatte.
„Ich weiß, dass ich nicht alleine einfach los reiten sollte, aber mein Gefühl hat mich noch nie getrogen und es hat sich ja auch wieder einmal bestätigt! Als ich heute auf eure kleine Reisegesellschaft getroffen bin, kam ich gerade zur rechten Zeit. Es kommt einem Wunder gleich, dass du endlich wieder bei Bewußtsein bist! Dein Fieber war so hoch, dass ich mir fast die Finger an deinem Körper versenkt habe! Und das ist nicht das Einzige, was dir zu schaffen machen wird! Wie lange hast du in diesem feuchten Verließ gehockt? Und wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“
„Du fängst schon wieder an.“, brummte Aragorn verdrießlich und verzog das Gesicht, als er den letzten Schluck trank. Dieses Gebräu schmeckte bitter und hinterließ einen faden Geschmack auf seiner Zunge.
Mit einem zufriedenen Lächeln nahm Arwen ihm den Becher aus der Hand und drückte ihn auf das Lager nieder. „Jetzt wirst du jedenfalls nicht mehr lange die Gelegenheit haben dich wie ein schmollendes Kind aufzuführen! Das Schattenkraut wird schon dafür sorgen, dass du ordentlich schläfst!“
„Das hast du nicht getan!?!“ Während ihm die Augen zu fielen, glitt ein Bild von den letzten Ereignissen des Kampfes durch seinen Kopf, aber dann viel er in einen tiefen, erholsamen Schlaf und alles verblasste.
***
Legolas sah gegen das flackernde Licht des Feuers die schwachen Umrisse dunkler Schatten, die er jedoch eindeutig Arwen und Aragorn zuordnen konnte. Es war ihm eine ungeheure Last von den Schultern gefallen, als Elladan ihm vor wenigen Minuten mitgeteilt hatte, das der Freund endlich wieder zu Bewußtsein gekommen war. Nur zu gerne wäre er jetzt zu ihm herüber gegangen um mit ihm zu sprechen, aber er fühlte sich selbst immer noch schwach und zittrig, was er natürlich zu verbergen suchte.
Wenn er sich auf die Gefühle und Sinne von Saradas einließ, mit ihnen verschmolz, dann war dies eine unbeschreibliche Empfindung. Tatsächlich hatte er erst dann das Gefühl, richtig zu leben, denn alles schien klarer und intensiver! Der Mond oder ein kleines Feuer reichten aus, um alles so deutlich wie am Tage zu sehen und am Tag konnte er so weit blicken, dass ihm der Düsterwald fast zum Greifen nah erschien. Er hätte in diesem Zustand auf Tanhis deuten können, zielsicher in ihre Richtung blicken und sich gewiss sein können, ihr in die Augen blicken zu können, selbst wenn etliche Meilen zwischen ihnen lägen. Er hatte sie gespürt, als sie sich Haldurs Festung genähert hatte, aber diese neue Wahrnehmung nicht richtig deuten können. Jetzt zog er ihren betörenden Duft ein, als sie sich durch die Dunkelheit auf ihn zu bewegte. Fast schien es, als säße sie bereits neben ihm, so intensiv zog ihm ihr Geruch unter die Nase.
Aber jedes Mal, wenn er sich auf den Drachen einließ, war es auch ein heftiger Kampf, damit er nicht die Kontrolle über sein eigenes Selbst verlor. Es ließ sich in etwa damit vergleichen, dass man an einem Abgrund stand und ein heftiger Sturm versuchte, einen in die Tiefe zu reißen. Er musste sich regelrecht dagegen stemmen und der Versuchung widerstehen, zu viel dieser fantastischen Empfindungen und Erinnerungen in sich aufzunehmen.
Außerdem spürte er auch noch die körperlichen Verletzungen, nur noch schwach, dank seiner elbischen Abstammung, aber all dies zusammen genommen ließ ihn doch erleichtert Seufzen, als er sich entspannt und mit geschlossenen Augen gegen den Fels sinken ließ.
Tanhis ließ sich vor ihn nieder und er fühlte ihren Blick prüfend über sich wandern. Langsam und genießerisch zog er die Luft ein und nahm ihren Duft wahr. Der Duft, der am Morgen über einer taunassen Wiese lag, die gerade von der aufgehenden Sonne mit einem feinen Nebelschleier überzogen wurde. Und ihre Stimme war wie das dazugehörige Summen der Bienen, das Rauschen der Bäume und das Gezwitscher der Vögel.
„Du siehst müde aus - aber auch zufrieden.“
„Warum sollte ich auch nicht zufrieden sein? Ich bin hier mit dir, die meisten meiner Freunde sind hier und Aragorn ist erwacht. Es wird vielleicht dauern, bis es ihm wieder richtig gut geht, aber er ich kenne ihn lange genug um zu wissen, das er es schaffen wird. Haldur ist tot, die feindlichen Truppen zerschlagen und wir sind fast zu Hause. Das ist alles, was ich mit erhofft hatte.“ Er schlug die Augen auf und lächelte sie an.
Tanhis’ Gesicht bleib ernst. „Er hat nach Haldur gefragt, Legolas.“
„Und? Was hast du ihm geantwortet?“
„Ich hatte keine Gelegenheit den Valar sei Dank! Arwen ist jetzt bei ihm und sie kann er nicht fragen.“ Tanhis neigte den Kopf zur Seite, wie sie es immer tat, wenn sie über etwas nachdachte. „Ich habe sie nicht aus den Augen gelassen, Legolas, aber als die Decke einstürzte, habe ich Haldur nicht mehr entdecken können. Er ist einfach … aus meinem Blickfeld verschwunden.“
Legolas ergriff ihre Hände und streichelte sie sanft. „Weil er von den Gesteinsbrocken verschüttet worden ist. Es war dunkel und der Staub erfüllte die Luft in der Halle. Dazu Saradas Schwanz, der dir zwischendurch die Sicht auf sie versperrte. Tanhis! Auch ich habe versucht, Aragorn und Gimli nicht aus den Augen zu verlieren, aber ich habe es auch nicht geschafft! Es ist alles gut ausgegangen. Wir sind hier und niemand von uns ist zurück geblieben!“
Während seinen Worten waren ihr die Tränen in die Augen gestiegen und jetzt löste sich eine vom Rand ihres Lides und rollte ihre Wange hinab.
„Ich hatte solche Angst um euch! Du! Aragorn! Gimli! Wenn ich nur einen von euch verloren hätte…! Und Elladan! Er… Elrohir hätte…“
Sie schluchzte auf unfähig, auch nur noch ein Wort heraus zu bringen und Legolas schloss sie sanft in die Arme. Sie musste wirklich eine ungeheure Angst ausgestanden haben, wenn sie so offen vor ihm und ihrem Gefährten weinte! Normalerweise setzte sie alles daran, als Mutig, Tapfer und genauso Hart wie ein Mann angesehen zu werden und während eines Kampfes schaffte sie dies auch. Aber wenn sie endlich zur Ruhe kam, sie die Geschehnisse zu verarbeiten begann, dann brachen all jene Gefühle an die Oberfläche durch, die sie aus Notwendigkeit zu Überleben ausblendete oder ignorierte.
„Scht. Es ist alles gut! Morgen werden wir sicher im Düsterwald eintreffen und nach einigen Tagen werden alle Schrecken und Ängste vergessen sein! Du wirst den Hobbits eine spannende Geschichte über unsere Abenteuer erzählen und sie werden dir ein Loch in den Bauch fragen. Danach wird dann Ruhe einkehren und schon am nächsten Tag werden wir wieder damit beschäftigt sein, uns über die Sitzordnung am Ehrentisch mit meinem Vater zu streiten!“
Tanhis lachte auf, aber das Lachen endete in einem unterdrückten Schluchzer. Legolas zog sie noch näher an sich heran und war froh, dass ihr Körper ebenso zitterte wie seiner, sodass sie seine eigene aufgestaute Angst nicht wahrnehmen konnte.
Siebtes Kapitel: Berechtigte Zweifel?
Gandalf saß auf einen gemütlichen Lehnstuhl gegenüber dem Feuer und ließ Aragorn nicht aus den Augen, der immer wieder die gleiche Runde durch den natürlich gewachsenen Raum drehte und dabei die Augen konzentriert zusammenkniff. Hin und wieder blieb er stehen, massierte sich mit einer Hand die Schläfen, oder nahm wahllos ein Buch oder einen anderen Gegenstand in die Hand, nur um ihn dann wieder unbetrachtet zurück an seinen Platz zu legen.
Gandalf seufzte und hob herausfordernd die Augenbrauen.
„Wann wirst du diese Grübeleien endlich aufgeben und endlich glauben, was offensichtlich ist, mein Freund? Haldur ist tot, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel! Kein Ork hat den Einsturz überlebt und ich selbst habe mir dort alles gemeinsam mit Elrond angesehen und nicht den kleinsten Hinweis darauf gefunden, dass sonst jemand entkommen ist! Aragorn, dort wo einst dieser Palast gestanden hat, ist nichts mehr außer einem riesigen Haufen Felsbrocken!“
Aragorn war bei den Worten des Zauberers stehen geblieben und fuhr diesen nun wütend an.
„Das genügt mir nicht, Gandalf. Wir haben es schließlich auch noch geschafft zu entkommen und sage mir jetzt nicht wieder, dass wir ja auch den Drachen zur Hilfe hatten! Ich brauche einfach die Gewissheit und nicht nur Beteuerungen und Mutmaßungen. Außerdem fühle ich…“
„Du solltest deine Gefühle mehr auf dein Befinden richten, als auf irgendwelche Hirngespinste! Du bist immer noch nicht völlig gesund, aber obwohl du dich schonen solltest, dir Ruhe und Schlaf gönnen und die Zeit mit deinen Freunden genießen solltest, schlägst du dir die Nächte um die Ohren und verbringst den Tag damit, die Wachposten von Thranduil zu kontrollieren!
Du verlierst das wesentliche aus den Augen, mein Freund! Legolas und Tanhis werden morgen heiraten, aber sie können diesen Tag nicht genießen, wenn der Trauzeuge sich wie ein Narr verhält oder zu krank ist, um überhaupt an den Feierlichkeiten teilzunehmen.“
Gandalf erhob sich und legte Aragorn eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme nahm einen versöhnlichen Ausdruck an.
„Aragorn. Ich kann nur ahnen, was Haldur dir alles angetan hat als Kind und auch jetzt aber lass nicht zu, dass er dich auch noch über seinen Tod hinaus quält.“
Aragorn hielt dem eindringlichen Blick des alten Mannes stand und schluckte seine Erwiderung herunter. Zu einer anderen Zeit hätte er die Worte von Gandalf als weise empfunden. Ja, er hätte sie selber jedem gesagt, der sich in solch einer Situation befand, aber nach all dem, was geschehen war, konnte er seine Intuition nicht ignorieren. Er konnte beinahe die Bilder der Geschehnisse greifen, die bisher noch in der hintersten Ecke seines Erinnerungsvermögens verborgen lagen -aber eben nur beinahe. Er wußte, dass diese Erinnerungen wichtig waren, aber es war, als hätte man eine unsichtbare Mauer in seinem Inneren errichtet und diese vor ihm verschlossen.
Aber Gandalf hatte in ihm dennoch etwas ausgelöst, denn er konnte nicht umhin, voll Schuldbewusstsein an Legolas zu denken. Der Elb hatte ihm die Ehre erwiesen, ihn als Trauzeuge zu wählen und damit wieder einmal gezeigt, wie viel ihm ihre Freundschaft bedeutete. Und anstatt nun alles zu tun, um ihm zur Seite zu stehen, jagte er seinen Alpträumen hinterher.
Legolas konnte sicher seinen Beistand dringend gebrauchen, denn auch er hatte in den letzten Tagen und Wochen einiges durchgemacht, auch wenn er die körperlichen Schäden bereits wieder verwunden hatte. Eine Hochzeit vorzubereiten war immer mit viel Aufwand verbunden und zerrte auch unter normalen Umständen an den Nerven der Beteiligten, aber bei Legolas kamen noch erschwerende Punkte hinzu. Die Gefangenschaft, die Verbundenheit mit dem Drachen, ein Vater, der ständig seine eigenen Wünsche und Vorstellungen ignorierte und dann auch noch die Sorge um seinen Freund, der sich wirklich wie ein Narr aufführte!
Aragorn stieß in einem Schwall die Luft aus und zwang sich zu einem Lächeln.
„Scheint, als habe ich einiges völlig verdrängt! Nun gut, alter Freund. Haldur wird eben warten müssen, bis Legolas endlich mit seiner Tanhis verbunden ist. Ich verspreche dir, dass ich bis dahin Haldur nicht einmal mehr erwähnen werde.“
„Das ist zwar nicht ganz das, was ich erreichen wollte“, brummte der Zauberer „…aber es wird wohl vorerst genügen. Alles Weitere werden wir klären können, wenn die Feierlichkeiten vorüber sind.“ In Gedanken fügte er noch hinzu: ‚Bis dahin wirst du sicher selbst einsehen, dass ich recht hatte und du nur einem Hirngespinst hinterher jagst!’
Ein müdes Lächeln huschte über Aragorns Züge und er nickte Gandalf kurz zu, um seine Zustimmung zu zeigen. Doch auch wenn er nach außen hin versuchte einen beruhigten Eindruck zu erwecken, war die drängende Stimme in seinem Hinterkopf nicht völlig verstummt.
Gandalf wandte sich zur Türe und als Aragorn keine Anstalten machte ihm zu folgen, hob er fordernd die Hand. Der Mensch unterdrückte einen Seufzer und ließ sich dann widerstandslos von dem Zauberer aus dem Zimmer schieben. Gemeinsam gingen sie durch die langen Flure, die sich aus kunstvoll gewachsenen Blätterdächern gebildet hatten und mussten immer wieder ganzen Gruppen von Elben ausweichen, die geschäftig hin und her eilten, um noch die ein oder andere Aufgabe zu erledigen. Unzählige Gäste waren bereits erschienen, die alle bewirtet werden mussten, aber auch noch zu dieser späten Mittagsstunde trafen verspätete Gesandtschaften kleinerer Elbenvölker ein die dadurch wieder für Arbeit sorgten. Nicht nur Thranduils Palast platzte beinahe aus allen Nähten. Auf den Lichtungen waren Zelte errichtet worden, die sich wohlgeordnet um kleine Lagerplätze schlossen. Pferde waren auf extra angelegten Koppeln versammelt worden, oder standen in Verschlägen angebunden, wo sie mit Futter versorgt wurden. Und überall waren die Elben aus Düsterwald dabei, die Gäste zu bewirten und ihnen die Lager zuzuweisen.
Aragorn war sich sicher, dass er im ganzen Düsterwald kein ruhiges, einsames Plätzchen finden konnte, um dem ganzen Trubel zu entkommen, selbst wenn er sich darum bemühte! Aber das wäre Legolas gegenüber nicht fair gewesen, der sicherlich die gleichen Wünsche hegte, wenn er diesen Aufruhr erblickte.
Er ließ seinen Blick über die Menge in seiner Umgebung schweifen und spähte aufmerksam unter die ein oder andere tief heruntergezogene Kapuze. Dann wanderten seine Augen immer weiter durch die Menge, suchten die Schatten der Zelte ab und den Waldrand, bis er sich plötzlich bewusst wurde, was er da tat. Gandalfs Worte waren erst wenige Minuten zuvor gesprochen worden, doch sein Vorsatz hatte nicht einmal die Zeit bis jetzt überdauert. Am Liebsten würde er immer noch veranlassen, dass Suchtruppen ausgesandt wurden, die das Gebiet um die Festung ausgiebig absuchten und die Wachposten verstärken, aber er hatte nun einmal versprochen, wenigstens für die nächsten beiden Tage nicht mehr an eine mögliche Bedrohung zu denken. Vielleicht hatte Gandalf ja auch Recht und er brauchte einfach nur Ruhe, um das Geschehene zu verarbeiten. Und was wäre besser geeignet, um sich auf andere Gedanken zu bringen, als die Hochzeit seines besten Freundes?
Und als ob Legolas gewußt hatte, dass Aragorn gerade an ihn dachte, tauchte auch schon sein Gesicht in der Menge auf. Darauf standen seine Gefühle so deutlich geschrieben, das Aragorn sofort wieder sein Gewissen spürte. Er wirkte müde und angespannt und das Lächeln glich mehr einem versteinerten Grinsen, das er gezwungener Maßen aufgesetzt hatte.
Als er jedoch Aragorn erblickte hellten sich seine Züge umgehend auf und er ließ alle Gäste einfach stehen, die sich wie eine Traube an seine Fersen geheftet hatten, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln oder dem Bräutigam zu gratulieren.
Mit wenigen, eiligen Schritten war er bei ihnen angekommen, doch anstatt stehen zu bleiben, packte er Aragorns Arm und zog ihn mit sich, wobei er nur erklärend murrte:
„Komm rasch, mellon nin! Nur nicht stehen bleiben, sonst haben wir sofort wieder diese lästigen Hochzeitsgäste am Rockzipfel. Wenn ich das noch länger ertragen muss, drehe ich durch oder renne einfach weg!“
So bahnte er ihnen zielstrebig einen Weg durch die Menge, wobei er hin und wieder abrupt die Richtung änderte, wenn er einer Person ausweichen wollte, die ihn mit Sicherheit länger aufhalten wollte. Dafür hatte er wohl inzwischen ein feines Gespür entwickelt und er erklärte nur entschuldigend, dass Thranduil seine engsten Vertrauten ständig auf ihn ansetzten, um ihn in stundenlange Gespräche zu verwickeln, die sich um die Farbe von Wandbehängen, Gewänder oder Sitzordnungen drehten. Also nichts, was ihn wirklich besonders interessieren würde.
Aragorn schmunzelte vor sich hin, als er sich die entrüsteten Ausführungen von Legolas anhörte, erinnerten sie ihn doch zu sehr an seine eigenes Verhalten, als ihm diese ganzen Vorbereitungen nicht weniger Nerven gekostet hatten. Unweigerlich tauchten auch andere Erinnerungen auf, zum Beispiel Arwen, wie sie ihm lächelnd in die Augen sah und leise den elbischen Schwur ihrer Liebe wiederholte, den sie sich einst in Bruchtal geschworen hatten. Wie jung er doch damals gewesen war und doch hatte er ganz sicher gewußt, dass er nur sie liebte und bis ans Ende seines Lebens lieben würde.
Aber er war nicht der Einzige gewesen, der sein Herz an sie verloren hatte - Arwen war noch ein weiterer Grund dafür, dass Haldur ihn hasste. Bevor er Arwen damals erblickt hatte, und diese seine Zuneigung ihm gegenüber erwidert hatte, hatte Haldur Arwen bereits mehrere Jahre wenn nicht gar Jahrhunderte umworben. Und bevor Aragorn überhaupt nach Bruchtal gebracht worden war, war Haldur ein angesehener Elb gewesen, der zu Elronds engstem Gefolge gezählt hatte. Tatsache war, das Elrond sich immer gewünscht hatte, dass er und seine Tochter einmal den Bund miteinander eingehen würden und von ihm selbst als Schwiegersohn war er weniger begeistert gewesen. Aragorn hatte Jahre damit verbracht, sich in Elronds Augen als würdig zu erweisen und Haldur hatte natürlich auch diesbezüglich immer gegen ihn intrigiert. Nicht nur das! Er hatte Arwen bedrängt und ihr sogar nachgestellt manchmal sogar bevormundet und bedroht. Für Aragorn war der Weg, weiß der Himmel, lang und beschwerlich gewesen!
Ihm wurde schlagartig bewusst, dass seine Gedanken wieder zu diesem Thema zurückgekehrt waren, aber diesmal spürte er einen eisigen Hauch, der seinen Rücken entlang kroch und in seinem Nacken meinte er einen bohrenden Blick zu spüren. Augenblicklich wirbelte er herum, aber es drängten sich so viele Elben und Menschen um sie, die ihnen hinterher sahen, dass er nicht wirklich sagen konnte, ob er seinen Sinnen trauen konnte.
Legolas war ebenfalls stehen geblieben, als er gemerkt hatte, dass Aragorn zurück geblieben war und sah diesen nun fragend an, dennoch hätte er nie auf eine Erklärung des Menschen bestanden. Er wußte, daß Aragorn schon immer ein schweigsamer Mann gewesen war und das hatte sich in den letzten Wochen noch verstärkt, aber er war sich sicher, dass der Freund ihm schon sagen würde was ihn bedrückte, wenn die Notwendigkeit dazu bestand. Darin vertraute er ihm ganz.
Allerdings wußte er nichts von dem Gespräch, das der König mit Gandalf geführt hatte und so schwieg Aragorn, auch wenn er sich gerne dem Elben anvertraut hätte.
***
Als Aragorn am nächsten Morgen aus dem Schlaf hochfuhr, fühlte er sich nicht besser als am Abend zuvor - oder besser gesagt als vor einigen Stunden. Er war erst spät in der Nacht zu Bett gekommen, denn es gab noch so viel mit Legolas zu besprechen, so viele Kleinigkeiten zu organisieren. Einiges hätte er davon nicht erledigen müssen, doch es war ihm ungerecht erschienen, dass er sich schon zurückzog, während der Freund noch keine Ruhe fand.
Doch auch die wenigen Stunden Schlaf hatten ihm keine Erholung gebracht, denn immer wieder war er beim kleinsten Geräusch hochgeschreckt und hatte nicht verhindern können, dass Haldur sich in seine Träume einschlich.
Arwen lag mit dem Rücken zu ihm noch im festen Schlaf und ihr Haar lag verwirrt auf ihrem Kissen. Versonnen ergriff er eine Strähne und ließ sie verspielt durch seine Finger gleiten. Immer noch erfüllte ihn eine wohlige Wärme, wenn er auch nur an sie dachte und er dankte den Valar dafür, dass sie ihm das Glück geschenkt hatten, Arwen für die Zeitspanne seines Lebens an seine Seite zu haben.
Da schoss plötzlich ein Bild in seine Gedanken hinein, dass ihn für einige Augenblicke erstarren ließ. Haldur, wie er ihm in der Höhle gegenüber stand, mit erhobenem Schwert in den Händen.
Ruckartig setzte er sich im Bett auf und bedeckte sein Gesicht einige Sekunden mit den Händen und fuhr dann durch sein Haar, doch die Erinnerung war so rasch verflogen, wie sie erschienen war. Er stand auf und griff zur Waschschüssel, die auf einem feinen Tisch bereit stand und genoß das kühle Nass, dass ihm wenigstens den Schlaf aus den Augen wusch, aber nicht im Mindesten die Wut auf sich selbst. Wieso konnte er sich nicht an die Geschehnisse erinnern, obwohl er spürte, dass dies wichtig war?
Arwen rührte sich auf ihrem Lager, räkelte sich verschlafen und öffnete lächelnd ihre Augen, als sie Aragorns Lippen sanft auf ihren spürte und dann einen geflüsterten Namen vernahm.
„Guten Morgen, Tinúviel.“
„Wer seid ihr und warum ruft ihr mich mit diesem Namen?“ entgegnete sie darauf und auch in ihr entstand das Bild ihrer ersten Zusammenkunft.
„Ich bin der Gemahl dieser Schönheit, die diesen Namen verdient hat!“ entgegnete er nun seinerseits zärtlich und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Alter Schmeichler.“ Arwen gab ihm einen gespielten Schlag auf die Schulter und stemmte sich dann entschlossen in die Höhe. „Aber jetzt haben wir keine Zeit für Romantik, mein Gemahl! Während wir hier unsere Zeit vertrödeln, warten unsere Brautleute sicher schon händeringend auf den Beistand ihrer Trauzeugen!“
Aragorn seufzte, wandte sich dann aber seinen Kleidungsstücken zu, die jemand säuberlich auf einem Schemel neben seinem Bett bereitgelegt hatte. Die dunkle Tunika war mit feinen, silbernen Blütenstickereien verziert und passte so zu dem leichten, silber schillerndem Gewand, das für Arwen bereit lag. Bei dem bloßen Gedanken an die Feierlichkeiten lief es ihm schon kalt den Rücken herunter. So viele Personen an einem Ort, Gedränge und Stimmengewirr genau das Richtige, um sich darin zu verbergen…
Rasch verdrängte er diese Gedanken, hatte sich mit Tunika und Beinlinge angekleidet und beobachtete seine Frau, die wieder einmal mit ihren Haaren kämpfte.
„Ich könnte wieder…“, bot er hilfreich an, doch sie winkte entschieden ab.
„Es ist schon ein Unterschied, ob wir meinen Vater erwarten, oder eine solche Feierlichkeit vor uns haben! Ich habe schon gestern veranlasst, dass man mir eine Zofe aus unserem Gefolge schickt, sobald die Sonne hoch genug am Himmel steht.“
Genau in diesem Moment klopfte es an die Türe und Aragorn wandte sich wieder seinen Stiefeln zu, die er mit geschickten Händen zuzuschnüren begann. Arwen erteilte die Erlaubnis zum Eintreten, während sie bereits ihre Bürste ergriff und mit gleichmäßigen Strichen begann, ihr Haar zum Glänzen zu bringen.
Aragorn erhob sich und ergriff seinen Schwertgürtel. „Ihr werdet schon erwartet.“ Sagte er freundlich ohne sich umzudrehen. „Meine Frau hat es eilig. Sie will unsere Freunde nicht warten lassen.“
Er sah aus den Augenwinkeln gerade noch das Aufblitzen von Stahl und im nächsten Augenblick fühlte er einen scharfen, stechenden Schmerz im Rücken.
„Eure Freunde werden leider vergeblich auf sie warten!“, zischte eine heisere Stimme in sein Ohr. „Und auf euch wohl auch!“
Aragorn fühlte ein Reißen, als Haldur die Klinge aus seinem Körper zog und vernahm Arwens entsetzten Aufschrei. Er schlug auf den Boden auf und versuchte sofort, wieder auf die Beine zu kommen, aber es war, als drückte ihn ein unsagbar schweres Gewicht nieder und halte ihn am Boden fest. Er konnte nicht atmen und von einem Augenblick auf den nächsten war ihm eiskalt. Er versuchte nach den Wachen zu rufen, doch ihm war verschwommen bewusst, wie sinnlos dieser Versuch war, denn selbst wenn seine Stimme dazu laut genug gewesen wäre, würden die Wachposten wohl nicht mehr in der Lage sein, einzugreifen. Wären sie noch am Leben, hätte Haldur es niemals bis in ihre Gemächer geschafft.
„Aragorn!“ Arwens Stimme klang gedämpft und verzerrt und als er mühsam den Kopf in ihre Richtung drehte, sah er, wie Haldur langsam auf sie zuschritt.
„Ich fürchte, er kann euch nicht mehr helfen.“
‚Die Höhlendecke brach mit einem schrecklichen Getöse ein, als Saradas` Schwanz gegen die Felswand donnerte. Gimli lag keine drei Schritte von Aragorn entfernt auf dem Boden und er würde mit Sicherheit unter den Gesteinsmassen begraben werden, wenn er nicht umgehend handelte. Er warf einen letzten Blick auf Haldur und sah gerade noch, wie dieser auf eine massive Felswand zu eilte, zielsicher gegen einen herausstehenden Vorsprung drückte und sich eine verborgene Türe öffnete…`
Zu spät kam die Erinnerung.
***
Elrohir zog sich im Gehen die Tunika noch einmal zurrecht, die sich genau seiner Statur anpasste und sie hervorragend zur Geltung brachte. Er war nicht eitel, nein, aber er wußte, dass viele der Anwesenden ihn und seinen Bruder besonders viel Beachtung schenken würden und Elrond hatte sie noch einmal eindringlich gewarnt, ja kein Gerede zu verursachen.
Elladan missdeutete seine Geste jedoch völlig und begann gleich wieder, seinen jüngeren Bruder aufzuziehen.
„Es nutzt dir ja doch nichts, Bruder! Jeder weiß doch, dass ich nicht nur genauso gut aussehe wie du, sondern auch vernünftiger bin!“
Elrohir wollte umgehend mit seiner Verteidigung beginnen, als er sich des verschmitzten Lächelns seines Bruders gewahr wurde. Nur das wollte dieser nämlich erreichen, dass er wieder einmal auf seine Provokationen hereinfiel und so bemühte er sich um eine gelassene Mine.
„Ach, weißt du, Bruderherz, ich denke, dass alle längst von meiner heldenhaften Rettung des Königs von Gondor und des Prinzen vom Düsterwaldes gehört haben und DAS wird alles andere in den Schatten stellen!“
Elladan lachte und zeigte sich anlässlich seiner guten Laune großzügig.
„Lass gut sein, Elrohir! Wir werden wohl heute beide auf unsere Kosten kommen, da mache ich mir keine Gedanken. Aber trödele jetzt nicht länger herum. Vater hat uns ausdrücklich befohlen, dass wir uns heute Aragorn und Arwen anschließen und sie nicht aus den Augen verlieren sollen! Ich habe zwar keine Ahnung, was dieser Blick zu bedeuten hatte, den er und Gandalf getauscht haben, aber wir sollten uns lieber an ihre Anweisungen halten.“
Sie waren bereits vor den Gemächern des Königspaares angelangt und Elladan klopfte höflich an die Türe bevor er - ohne auf eine Antwort zu warten - öffnete.
Er erstarrte mitten auf der Schwelle, sodass Elrohir fluchend gegen seinen Rücken stieß, doch er verstummte ebenfalls, als er über die Schulter seines Bruders einen Blick in das Zimmer warf.
Vor dem Fußende des Bettes lag Aragorn reglos in einer Blutlache, das totenbleiche Gesicht mit geschlossenen Augen war ihnen zugerichtet. Der Rest des Raumes war ein Durcheinander aller möglichen Gegenstände, die verstreut im Zimmer lagen, doch all das nahmen sie nur am Rande des Entsetzen wahr, das sie für Augenblicke gepackt hielt. Elrohir reagierte als erster und stieß Elladan zur Seite.
„Estel! Bei den Valar, nein…“
Sein verzweifelter Schrei riss auch Elladan aus seiner Trance und er war mit einem Schritt neben seinen Brüdern.
Elrohir hatte Aragorns leblosen Oberkörper erhoben und hielt ihn fest an sich gepresst, er schien kaum zu merken, dass Elladan an seiner Seite war.
„Estel…, was…? Haldur! Aber das kann doch nicht…“ Seine Stimme klang erstickt, als ob er weinte und Elladan spürte, das auch ihm die Tränen über die Wangen liefen. Elrohir hielt Aragorn weiter umklammert, starrte mit großen Augen auf ihn herab und tastete plötzlich nach seinem Herzschlag. Dann kniff er die Augen zu und begann, sich mit seiner Last hin und her zu wiegen.
„Er lebt. Er lebt noch. Bei den Valar, lasst ihn weiterleben…“
Elladan vergaß den Schmerz, der ihm für einige Momente das Herz zugeschnürt hatte und suchte Elrohirs Blick. „Bist du sicher…?“
Elrohir nickte. “Sein Herz schlägt noch.“ flüsterte er kaum hörbar.
„Aber er hat furchtbare Mühe beim Atmen!“, stellte Elladan besorgt fest und schnürte hastig Aragorns Tunika auf. „Elrohir, wir müssen die Blutung stoppen. Hier.“
Er zerrte das Leinenhemd vom Stuhl, dass Aragorn am Vortag getragen hatte und drückte es Elrohir in die Hand. „Press es so feste gegen die Wunde, wie du nur kannst. Adas Heilkünste werden hier benötigt! Ich werde ihn suchen gehen…“
Elladan tauschte noch einen eindringlichen Blick mit seinem Zwillingsbruder und war schon fast an der Tür, als Elrohir ihm hinterher rief.
„Elladan! Was ist mit Arwen!? Sie muss doch ebenfalls hier im Zimmer gewesen sein!“
„Darum werden wir uns kümmern, wenn Aragorn versorgt ist!“ und schon fand sich Elrohir mit seinem Ziehbruder alleine im Zimmer.
***
Arwen war noch immer vor Entsetzen wie gelähmt und merkte nicht einmal, das Haldur sie grob vor sich her schubste. Sie hatte nur ein einziges Bild vor Augen und betete stumm, dass sie doch endlich aus diesem Albtraum erwachen möge.
Blut. Soviel Blut! Und er hatte noch nicht einmal mehr die Kraft gehabt, einen Ton über die Lippen zu bringen oder sich hoch zu kämpfen. Aragorn.
An Haldurs Robe und an dem Messer in seiner Hand klebte Blut Aragorns Blut. Sie schloss die Augen, um diesen Anblick nicht länger ertragen zu müssen, aber stattdessen sah sie nun Aragorns leblosen Körper vor sich und sie presste die Lippen zusammen, um nicht laut schreien zu müssen.
Die Gänge und Korridore waren leer, was nicht verwunderlich war, denn alle Gäste hatten sich sicher längst in der großen, vom Blätterdach gewölbten Halle eingefunden, um der Zeremonie beizuwohnen. Es würde sicher einige Zeit dauern, bis Thranduil oder gar ihr Vater reagieren würden, um nach ihnen zu schicken. Bis sich überhaupt jemand fragte, wo sie blieben. Und wieder wertvolle Minuten würden verstreichen, bis jemand zu ihrem Gemächern gehen würde und Aragorn finden würde.
‚Soviel Blut! Bis dahin ist er verblutet wenn er…, wenn er nicht schon…’ Arwen strauchelte, weil ihre Beine ihr den Dienst zu versagen drohten. Sie konnte fühlen, wie sein Leben aus ihm hinaus strömte, wie sein Herz immer langsamer schlug. Ihr eigenes schien dagegen aus ihrer Brust springen zu wollen, so hart und schnell klopfte es gegen ihre Rippen.
‚Arwen! Eines Tages stirbt Aragorn…’ Die Stimme ihres Vaters klang noch deutlich in ihrem Gedächtnis und sie musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen, um nicht zu fallen.
„Weiter! Ich glaube zwar nicht, dass sobald jemand euren toten Gemahl entdecken wird, aber ich will kein Risiko eingehen.“
***
Elladan hastete die Gänge des Palastes entlang und achtete auf nichts und niemanden. Er hätte nie geglaubt, dass er jemals solche Angst empfinden konnte, aber sie schnürte ihm regelrecht die Kehle zu. Wie naiv waren sie doch alle gewesen! Er kannte Aragorn nun schon so viele Jahre, hatte so viele Schlachten und tödliche Gefahren mit ihm durchlebt und doch hatte er nicht auf dessen Gefühle vertraut, obwohl er es hätte besser wissen müssen! Es tröstete ihn wenig, dass selbst Gandalf und sein Vater es nicht besser gewußt hatten, denn das würde Aragorn in diesem Augenblick auch nicht vor dem Sterben bewahren.
Vor Elladan kam der Eingang zur Halle in Sicht, der jedoch von unzähligen Elben, Menschen und anderen geladenen Völkern unpassierbar gemacht wurde, die sich aneinander drängten in der Hoffnung, besser sehen zu können. Dennoch verminderte Elladan sein Tempo nicht und nahm auch keine Rücksicht auf die entrüsteten Rufe, als er sich mit Hilfe seiner Ellenbogen den Weg durch die Menge bahnte. Er stieß Frauen wie Männer grob zur Seite und kam trotzdem viel zu langsam voran. Sekunden erschienen ihm wie Minuten, die sich zu Stunden in die Länge zogen, doch wie aus heiterem Himmel durchbrach er schließlich die vorderste Reihe und stolperte in den freien Raum.
Legolas und Tanhis standen nahe beieinander unter einem dicht bewachsenen Blütenbogen, beide festlich gekleidet und ihre Augen strahlten. Selbst in dieser Situation viel Tanhis’ Schönheit Elladan noch ins Auge, die durch ihre Kleidung noch unterstrichen wurde. Neben Legolas stand Gandalf, der sich wohl mit Elrond unterhielt, denn es dauerte eine Zeit lang, bis er sich der plötzlichen Stille gewahr wurde, die Elladans Erscheinen ausgelöst hatte.
Der Elb versuchte seinen Atem auf ein erträgliches Maß zu senken und dann sprudelten die Worte auch schon aus ihm heraus, ohne auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen. Für Zurückhaltung war jetzt einfach nicht die rechte Zeit.
„Ada! Du musst mitkommen! Aragorn stirbt, wenn er nicht sofort deine Hilfe bekommt! Arwen ist verschwunden und ich vermute, dass Haldur hinter all dem steckt…“
Einen furchtbar langen Augenblick sahen ihn alle nur verständnislos an, doch dann löste Legolas sich aus seiner Versteinerung und rannte an Elladan vorbei auf den Ausgang der Halle zu. Die Menge teilte sich widerstandslos vor ihm und sah ihm verwundert hinterher. Dicht hinter Legolas rannten nun auch die anderen aus dem Saal und Elladan wurde beim Laufen von Gandalf atemlos gefragt: „Wie schlimm?“
„Ich dachte zuerst… Es sieht nicht gut aus.“ Elladan brachte es nicht über sich, darüber zu sprechen, was er zuerst gedacht hatte, als er Estel erblickt hatte, wie dieser regungslos in seinem eigenen Blut dagelegen hatte. Dabei war ihm wieder bewusst geworden, dass eines Tages diese Angst zur Realität werden würde. Wenn es das Schicksal nicht anders wollte, würde er eines Tages vor Aragorns Grab stehen und nicht in der Lage sein, die Trauer seiner Schwester zu mildern. Wie auch, wenn er den gleichen herben Verlust empfinden würde!
Aber nicht heute! Nicht so! ‚Haldur darf nicht gewinnen und wenn, dann werde ich ihn finden und den Tod meines Bruders rächen.’
Elladan zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er schon überlegte, was er Haldur antun würde, wenn er ihn jetzt fände. Das war fast so, als ob er schon glaubte, dass Aragorn es diesmal nicht schaffen würde. Er verdrängte entschieden seine Gedanken an diese Möglichkeit und beschleunigte seine Schritte, sofern dies noch möglich war.
Als die kleine Gemeinschaft endlich in den königlichen Gemächern eintraf, bot sich immer noch das gleiche, schreckliche Bild, dass Elladan gesehen hatte, als er Elrohir verließ. Sein Bruder saß noch immer auf dem Boden und hielt Aragorn umklammert, das Hemd inzwischen blutgetränkt. Elrohirs Tunika wies ebenfalls mehrere dunkelrote Flecken auf und sein Gesicht war zu einer verbissenen Maske erstarrt.
Elrond benötigte mehrere Versuche, bis er es schaffte, Estel aus dessen Umarmung zu lösen, so fest presste Elrohir seinen Ziehbruder an sich, aus Angst, dass beim kleinsten Vermindern des Druckes auf die Wunde, die Blutung erneut einsetzen würde.
Als es Elrond schließlich doch gelang, kam Elrohir steif und ungelenk auf die Beine und er konnte den Blick nicht von seinem Vater und Gandalf wenden, die sich sogleich ein genaues Bild der Verletzung verschafften.
Alles, was sich danach ereignete, ging so rasch, dass die beiden Zwillingsbrüder plötzlich völlig überrascht waren, sich nahezu alleine in dem Zimmer wieder zu finden. Nur Legolas und Tanhis standen noch bei ihnen und auf ihren Gesichtern stand Niedergeschlagenheit und Entsetzen.
Elronds Gesicht war starr und ausdruckslos geworden, aber die Brüder wußten, dass dies immer nur dann geschah, wenn ihr Vater seine wahren Gefühle verbergen wollte. Gandalf hingegen stand offen ins Gesicht geschrieben, dass er nichts außer Angst empfand und Elladan war sich nicht sicher, welcher Ausdruck der beiden Männer ihn mehr bestürzte. Elrond hatte ruhig Befehle erteilt, aber als immer mehr Zeit verstrich, bis endlich eine Bahre gebracht wurde, war auch seine Stimme zu gereiztem Rufen angeschwollen.
Legolas blickte immer noch die offen stehende Türe an, durch die die Gruppe der Helfer mit Aragorn verschwunden waren. So fiel sein Blick wenigstens nicht immer wieder auf den Blutfleck, der sich erschreckend groß auf dem Boden gebildet hatte und dass Aragorns Lunge verwundet war, musste ihm Elrond erst gar nicht sagen, denn er verstand selber soviel vom Heilen, dass er bemerkt hatte, wie schwer seinem Freund das Atmen gefallen war. Wenn er doch nur etwas tun könnte! Er fühlte sich hilflos und voller Wut, die sich mit jeder Sekunde nur noch steigerte.
Wut aber nicht nur auf Haldur, sondern auch ein wenig auf sich selbst! Tanhis hatte ihm erzählt, dass Aragorn sich Gedanken über Haldur gemacht hatte und dann hatte er sich gestern so seltsam verhalten, als sie über die stark bevölkerte Lichtung gegangen waren. Ständig hatte er sich umgesehen, hatte seinen Blick über die Menge der Anwesenden schweife lassen und unter jede Kapuze gespäht. Legolas hätte merken müssen, dass sein Freund größere Sorgen hatte, als dieser zugab und ihn dieses eine Mal darauf ansprechen müssen! Und später am Abend, als sie mir Gandalf, Elrond, den Zwillingen und seinem Vater zusammen gesessen hatten. Die Blicke von Elrond und Gandalf waren ihm nicht entgangen und einer der Beiden hatte immer einen Vorwand gefunden, Aragorn aus seinen Grübeleien zu reißen und dann hatte Elrond seine Söhne gebeten, bei Arwen und Aragorn zu bleiben, als der Freund sich ins Bett begeben hatte. All das fügte sich nun in ein Bild zusammen, das auch den Zorn auf Elrond und Gandalf in ihm weckte! Warum hatten sie ihm nicht wenigstens von Aragorns Sorgen erzählt? Waren denn Hochzeitsvorbereitungen für alle wichtiger gewesen, als die berechtigten Sorgen eines Freundes?
Plötzlich fühlte er Tanhis’ Hand auf seiner Schulter und ihm wurde bewusst, dass Elladan ihm eine Frage gestellt hatte.
„Ich…, was hast du gefragt?“
„Elrohir und ich glauben, dass Aragorn Recht hatte und Haldur noch lebt. Wenn jemand hinter dem Anschlag auf Estels Leben steckt und einen Grund hatte, Arwen als Geisel zu nehmen, dann er! Kommst du mit? Wir werden ihn suchen…“
Legolas nickte entschlossen und ergriff Aragorns Schwertgürtel, der achtlos zu Boden gefallen dalag. Auch Tanhis hielt Elladan auffordernd ihre Hand entgegen, denn er besaß zusätzlich zu seinem Schwert noch einen Dolch mit langer Klinge, die er in einem kleinen Halfter an seinem Gürtel trug. Doch Legolas ergriff bittend ihre schmale Hand.
„Tanhis, würde es dir etwas ausmachen, wenn du nach Aragorn siehst? Ich möchte, das einer seiner Freunde an seiner Seite ist falls er noch einmal… wenn er zu Bewußtsein kommt.“
Legolas musste sich räuspern und Tanhis spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Dies hatte der schönste Tag in ihrem und Legolas’ Leben werden sollen und nun konnte er sich als der schrecklichste herausstellen! Dann nämlich, wenn Aragorns Verletzung zu schwer war, als dass er sich davon erholen könnte. Zusätzlich befand sich Arwen in den Händen ihres Feindes und wer wußte schon, zu welchen Mitteln Haldur noch greifen würde, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte.
Natürlich wäre sie viel lieber mit den Dreien auf die Suche nach ihrer Freundin gegangen, aber sie konnte Legolas diese Bitte unmöglich abschlagen.
„Ich werde bei ihm sein!“, flüsterte sie und dann waren die Freunde auch schon aus dem Zimmer geeilt.
Legolas rannte den Korridor hinunter, ungeachtet dessen, ob seine Freunde mit ihm Schritt halten konnten, oder nicht. In ihm tobte nicht nur seine eigene Wut, Angst und Sorge, sondern auch Saradas, der durch Legolas’ Empfindungen regelrecht in seinem Inneren erwacht war. Innerhalb weniger Herzschläge hatte der Drache verstanden, was geschehen war, ohne das sich Legolas überhaupt bewusst die Mühe gemacht hatte, den Drachen darüber in Kenntnis zu setzen. Allerdings war die Wirkung geradezu verheerend über ihn hereingebrochen und er kämpfte nun mühsam darum, die Oberhand zu behalten und nicht von der Wut Saradas’ überwältigt zu werden. Wut, aber vor allem unbeschreiblicher Hass brannte in diesem und übertrug sich auch auf Legolas und er war sich sicher, dass die Personen, die ihm in den Gängen auswischen, dies taten, weil der Ausdruck in seinem Gesicht sie zutiefst erschreckte das konnte er wiederum in deren Gesichtern erkennen.
Tatsächlich konnte er nur mit Mühe die Beherrschung halten, denn sonst hätte er so fürchterlich Gefaucht, wie Saradas es tat und allen noch mehr Furcht eingeflößt.
Hinter sich nahm Legolas fast undeutlich Elrohirs Stimme wahr und er konzentrierte sich auf seinen Freund.
„Was meinst du Legolas? Wo sollen wir suchen? Du kennst dich von uns am Besten hier aus…“ Seine Stimme klang matt und Legolas fragte sich, wie es ihm gelang an etwas anderes zu denken, als daran, dass das viele Blut auf seiner Kleidung von Aragorn stammte! Legolas riss seinen Blick von Elrohirs Brust los und sah ihm stattdessen in die Augen, was nicht sonderlich viel half, denn auch darin lagen nur die gleichen Gefühle, wie sie in ihm selber tobten.
„Hier gibt es unzählige Möglichkeiten sich zu verbergen und wer achtet schon auf eine hohe Elbe, die von einem Diener zu ihren Gemächern begleitet wird, um sich auszuruhen!? Nämlich als solcher wird sich Haldur sicher gekleidet haben, sonst währe er niemals ungesehen bis in Aragorns Gemächer gelangt.“
„Und was nun? Du wirst doch nicht aufgeben…“
Legolas entfuhr ein Laut, der selbst in seinen Ohren deutlich nach einem Knurren klang.
„Er kann sich nicht ewig verstecken! Irgendwann wird er nicht weiter kommen! Ihr vergesst, das Aragorn die Wachen zu noch mehr Wachsamkeit aufgefordert hat und alle kennen Arwen als seine Frau. Einer wird sich fragen, warum sie nicht bei den Feierlichkeiten anwesend ist und sie zumindest fragen, ob alles in Ordnung ist - und dann wird etwas geschehen…“ Jedenfalls hoffte Legolas das.
„Wenn er ihr auch nur ein Haar krümmt, dann Gnade ihm!“ Elladans Hand umschloss seinen Schwertgriff fester.
„Ihr wird nichts geschehen, mellon nin! Er braucht sie und ihr habt mir selber erzählt, dass er sie liebt. Er glaubt sicher, dass Aragorn… er aus dem Weg ist und er erst einmal leichtes Spiel haben wird, wenn er aus dem Palast heraus ist, aber diesen Gefallen werden wir ihm nicht tun!“ Legolas sprach mehr zu sich selbst, als zu den Zwillingen.
***
Haldur schubste Arwen mit einer Hand vor sich her und mit der anderen hielt er den einfachen Umhang zusammen, um seine blutbefleckte Tunika zu verbergen. Gleichzeitig hielt er den Dolch umklammert und strich mit dem Daumen immer wieder über die feuchte Klinge, was ihm ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen trieb. Es war vollbracht! Endlich hatte er das Ziel erreicht, dass so lange in der Ferne gelegen hatte und nie zu erlangen schien! Aber mit jeder weiteren Minute die verstricht und sich ihnen niemand in den Weg stellte, keine aufgeregten Rufe erklangen oder gar das Warnsignal geblasen wurde, nahm seine Zufriedenheit zu. ER würde Arwen für sich gewinnen, Elrond mit ihr in die Knie zwingen und erst die Herrschaft über die Elben an sich bringen, bevor er sich schließlich auch Gondor nahm. Arwen war immer noch die Königin des Menschenvolkes und mit einer Heirat würde ihm der Thron rechtmäßig gehören…
Haldur schlug den Weg in den Wald ein, als er aus den letzten Hallen der Bäume trat und verbarg sich immer in den Schatten. Die wenigen Wachen die den Waldrand säumten schauten zwar auf, als sie sich näherten, aber nahmen nicht weiter Notiz von ihnen. Er hatte inzwischen Arwens Arm ergriffen und stützte sie, damit ihr taumelnder Gang sie nicht doch noch verraten konnte auch sie trug einen alten Umhang, dessen Kapuze ihr tief ins Gesicht hing. Jeder der sie sah, hielt sie für einfache Bedienstete, die einen Auftrag ihres Herrn erledigen mussten. Niemand würde ihn jetzt noch aufhalten können!
***
Sanfte Sonnenstrahlen schienen durch das dichte Blätterdach der großen starken Bäume und verirrten sich auf dem moosigen Boden. Zwei Eichhörnchen tollten über den Boden und jagten sich die Bäume hinauf, bis sie auf einmal still verharrten und lauschten. Weit vor ihnen kam Wind auf und die Äste neigten sich knarrend zur Seite. Die Tiere blickten zu den Baumwipfeln, die sich über ihnen befanden und sich dem warmen Sonnenlicht zu neigten. Der Wind kam näher und mit ihm ein Schatten, der sich schnell bewegte. Mit einem Male flog er über sie hinweg und ließ abermals die starken Äste sich biegen und knarren. Saradas zog seine breiten Bahnen über die Wipfel des Waldes und ließ sein Knurren verlauten. Der Drache spürte was passiert war. Über die enge Verbindung mit Legolas konnte er den seelischen Schmerz und die unbegrenzte Wut spüren ein jedes Knurren brachte sie zum Ausdruck. Er erhob sich höher in die Lüfte, nur um pfeilschnell herunter zu fliegen und sich kurz über den Baumwipfeln wieder in die Horizontale zu bringen. Mit einem Male nahm er unter sich Bewegungen war und neigte den Kopf, um besser sehen zu können. Saradas verlangsamte sein Flügelschlagen und flog über den beiden Personen, die eilig unter dem Blätterdach entlang liefen, hinweg. Der Drache schnaubte gräulich, als er erkannte, um wen es sich handelte. Haldur der Elb, der ihm diese Qualen angetan hatte, der ihn so lange unter der Erde festgehalten hatte, der Elb der ebenfalls für seinen momentanen Schmerz verantwortlich war. Der Drache konnte nicht hinunter, die Bäume waren zu vielschichtig und stark, als dass sie ihm so einfach Platz machen würden. Saradas schnaubte verächtlich und flog abermals empor und entlud seine Wut in einigen kräftigen Flügelschlägen. Er sah sich um und sah, dass der Wald sich in einiger Entfernung lichten würde. Mit einem zufriedenen Knurren ließ er sich wieder hinab gleiten und suchte knapp über den Wipfeln nach Haldur und Arwen. Sie liefen östlicher Richtung, die große lichte Stelle befand sich allerdings genau in der Entgegengesetzten Himmelsrichtung. Der Drache zögerte nicht lange und streifte mit seinen Fängen die Bäume, die sich unter ihm befanden so dass sie knarrten und ächzten und die obersten Äste fallen ließen.
Haldur eilte mit Arwen am Arm durch den Wald. Er war zu gewiss und zu verblendet, als dass er die Gefahr weit droben über seinem Kopf bemerkte. Arwen stolperte neben ihm her. Von ihrem sonst so anmutigen Gang war nichts zu erkennen. Ihr Herz war erfüllt von Schmerz und Angst um ihren Gatten. Über ihre Zukunft machte sie sich keine Gedanken. Immer wieder traten die Bilder von dem am Boden liegenden Aragorn vor ihr inneres Auge und ließen sie kraftlos erscheinen. Sie hatte nicht den Willen sich zu wehren und ließ sich von Haldur mitziehen. Seine höhnenden Worte nahm sie nur durch eine Nebelwand war und so bemerkte sie erst spät, dass er auf einmal abrupt stehen blieb und sie fast in ihn hinein gelaufen wäre. Mit geweiteten Augen sah sie, wie dicke Äste auf den Boden fielen und ihnen den Weg abschnitten. Haldur fluchte lauthals als er zum Himmel sah und den Drachen erblickte, der ein drohendes Grummeln ausstieß. Arwen blickte zu dem Schatten der über die Baumwipfel flog und sein Knurren vernehmen ließ. Der Drache... aber Haldur packte sie wieder und schlug die nördliche Richtung ein. Doch weit kamen sie nicht zuerst vernahmen sie nur ein Knacken, doch wenige Zeit später sahen sie wie abermals Äste hinunter fielen. Sie mussten zurück weichen, um nicht von ihnen getroffen zu werden. Haldur schien nervös zu werden und fluchte in der dunklen Sprache, doch Arwen wurde von Hoffnung erfüllt. Sie nahm nur geringfügig war, dass Haldur abermals die Richtung änderte und dorthin lief, wo Saradas ihn haben wollte. Die Elbe war in Gedanken bei ihrem Mann. Saradas war mit Legolas verbunden vielleicht würde der Drache es schaffen Kontakt mit dem Düsterwaldprinzen aufzunehmen. Dann würden sie Aragorn finden und ihm helfen können. Sie würden ihn retten können...
~~*~~
Legolas eilte mit den beiden Zwillingen weiter durch die Hallen, bis der Düsterwaldprinz abrupt stehen blieb. Elrohir und Elladan waren so in Sorge, dass sie die Reaktion des blonden Elben erst bemerkten, als sie schon einige Schritte weiter gerannt waren. Verwirrt drehten sie sich zu ihm um.
„Was ist Legolas?“, fragte Elrohir und starrte zu seinem Freund, doch dieser gab keine Antwort.
Legolas starrte auf den Boden und suchte die Eindrücke zu verarbeiten. Er wurde plötzlich von einem Triumphgefühl übermannt. Die Wut und der Zorn, die ihn bis eben noch erfüllt hatten, waren nur noch untergründige Gefühle. Die Verbindung zu Saradas zeigte sich deutlicher denn je er spürte nicht länger die hilflose Wut des Drachen, sondern den berechnenden Einsatz. Saradas tat etwas, er half ihnen, das spürte Legolas eindeutig. Der Elb schloss die Augen um die Eindrücke besser verstehen zu können. Saradas war nicht weit entfernt. Legolas ballte die Hände zu Fäusten und konzentrierte sich stärker.
Elladan sah zu seinem Bruder, der jedoch nur die Schultern zuckte.
„Legolas?“, fragte der ältere Zwilling und ging auf den Düsterwaldelben zu, der nicht reagierte. „Legolas!“, sagte Elladan erneut und schüttelte ihn an der Schulter, so dass sein Gegenüber aufsah.
„Ich weiß wo sie sind!“ Die Worte kamen beinahe flüsternd über Legolas’ Lippen. Elladan und Elrohir sahen ihn erstaunt an.
„Aber... woher...?“, fragte Elrohir erstaunt.
„Saradas... ich fühle es...!“, antwortete Legolas. „Kommt, wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Legolas drehte sich um und rannte in entgegen gesetzter Richtung. Die beiden Zwillinge folgten ihm auf dem Absatz und rannten mit ihm gemeinsam ins Freie. Die Sorge um ihren Bruder und ihre Schwester keimte von neuem auf und ließ sie eiliger laufen. Legolas’ Füße trugen ihn nach draußen in den Wald hinein. Sein entschlossener Gesichtsausdruck brachte die vielen Gefühle in ihm nicht zum Ausdruck. Jetzt, da er von seinem Gefühl geleitet wurde, konzentrierten sich seine Gedanken darauf, sich an Haldur zu rächen. Für das, was er Aragorn angetan hatte würde er leiden. Er würde keine Gnade wallten lassen, er würde ihn töten! Langsam, er würde ihn fühlen lassen, was es hieß Schmerzen zu erleiden. Er merkte nicht, dass er immer schneller lief, immer weiter in den Wald hinein, die Zwillinge dicht auf seinen Fersen...
~~*~~
Haldur zog Arwen weiter hinter sich her, musste aber immer wieder stehen bleiben und den Weg ändern, weil schwere Äste von oben herab stürzten. Saradas trieb sie weiter auf die Lichtung zu. Der Drache ließ seine Fänge abermals durch die Baumwipfel fahren, als er bemerkte, dass sie der lichten Stelle nahe waren und Haldur geradewegs darauf zu steuerte. Mit einem kräftigen Flügelschlag ließ er sich dorthin gleiten und auf den Boden nieder um den beiden aufzuwarten.
Arwen konzentrierte sich, nicht über die dicken Wurzeln der Bäume zu stolpern, während sie hinter Haldur herlief. Ihr Blick glitt immer wieder zu den Baumwipfeln, doch der Drache war nicht mehr auszumachen. Was hatte er vor? Ihre eben noch aufgekeimte Hoffnung wollte bereits wieder schwinden, als sich die Bäume vor ihnen auftaten.
„Dieses verfluche Mistvieh...“, schrie Haldur beinahe, als er den Drachen vor sich auf der Lichtung sah. Arwen hielt die Luft an und sah mit geweiteten Augen zu, wie das große Wesen sich erhob und auf sie zukam. Der Drache bleckte seine Zähne und stieß ein unüberhörbares Grummeln aus, das Arwen zusammen fahren ließ. Haldur sah sich hastig um und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit es bot sich jedoch nur die Richtung aus der sie gekommen waren, auch wenn sie wieder in Richtung der Hallen bringen würde. Haldur verspürte einen tiefen Hass gegenüber dem Drachen in sich aufsteigen und war kurz davor, sich dem Kampf mit ihm zu stellen und ihm das Schwert in den Hals zu rammen. Vielleicht würde über diese Verbindung auch der Elbenprinz sterben... Seine unreifen Überlegungen wurden jäh zu Ende gebracht, als Saradas einen Satz auf die beiden Elben zumachte und seine Zähne blicken ließ. Haldur fackelte nicht lange und wandte sich um, um den Schutz zwischen den Bäumen zu suchen, doch Arwen sah ihre Chance. Der Drache würde IHR nichts tun! Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen Haldur, der sie mit sich ziehen wollte. Der Elb blieb abrupt stehen und drehte sich zu der Elbe um, die versuchte, sich von ihm loszumachen.
„Vergesst es meine Schöne...!“, knurrte Haldur beinahe und ging Saradas immer im Auge auf Arwen zu. Mit einem Handgriff, hielt er ihr den Dolch an die Kehle. „Kommt oder ich werde Gebrauch von ihm machen...!“
„Ihr werdet mich nicht umbringen... Ihr braucht mich noch!“, antwortete Arwen kalt und sah aus dem Augenwinkel zu Saradas, der mit einer Vorderpranke einen dünnen Baumstamm umknickte.
„Jetzt reicht es!“, sagte Haldur, nahm Arwen und legte sie sich kurzerhand über die Schulter. Die Elbe war im ersten Augenblick zu perplex, als das sie hätte reagieren können. Sie wollte sich Freistrampeln, doch Haldur hielt ihre Beine fest, während er wieder dichter in den Wald hinein lief. Arwen hob ihren Kopf und sah hinter sich Saradas. Der Drache fauchte und kam mit eiligen Schritten hinter ihnen her. Die Baumstämme, die ihm im Weg standen knickten um wie Strohhalme im Wind und fielen mit einem lauten Krachen zu Boden. Arwen ballte die Hände zu Fäusten und versuchte abermals von Haldur runter zu kommen, doch gegen die Kräfte des Elben kam sie nicht an. Plötzlich ertönte ein erzürntes Grollen hinter ihr und sie hob wieder den Kopf. Saradas schrie die Bäume waren zu stark geworden, als dass sie nachgaben. Der Drache konnte ihnen nicht weiter in das dichte Baumwerk folgen. Verzweifelt versuchte das Tier die Stämme mit seinen Zähnen beiseite zu räumen, scheiterte jedoch daran. Einige wenige Bäume gaben seinem Schwanz und seinen Tritten nach einiger Zeit nach, doch Haldur war mit Arwen schon zu weit entfernt, als dass Saradas sie hätte erreichen können. Mit einem Grummeln wandte sich der Drache ab, hin zu der lichten Waldstelle und erhob sich wieder in die Lüfte um sie nicht zu verlieren.
~~*~~
„Legolas! Bist du dir sicher, dass du den richtigen Weg einschlägst?“, rief Elladan, als er sich mit seinem Schwert den Weg durch einiges Blattwerk freischlagen musste.
„Ganz sicher! Saradas leitet mich!“, kam die Antwort des Elbenprinzen zurück, der wie ein Hirsch durch den Wald rannte. Sein Gefühl konnte ihn nicht trügen, es wurde immer stärker, je weiter sie in den Wald vordrangen. Haldur und Arwen konnten nicht weit sein. Legolas hielt inne, als er das Krachen von Ästen vernahm.
„Was war das?“, fragte Elrohir und spähte durch den Wald.
„Bei den Valar...“, entfuhr es Elladan. „Dort sind sie!“ Mit einem Satz war er an Legolas vorbei und weiter in den Wald hinein. Jetzt sahen die anderen beiden Elben ebenfalls - Haldur mit Arwen auf den Armen - und eilten hinterher. Auf Legolas Zügen zeigte sich ein eiskaltes Lächeln er hatte ihn gefunden! Beim nächsten Krachen sah er nach oben und erkannte schemenhaft den gewaltigen Körper Saradas’. Eilig bedankte er sich stumm und folgte Elrohir und Elladan.
„Haldur!“, rief der ältere Zwilling und veranlasste, dass der feindliche Elb stehen blieb und in ihre Richtung blickte.
„Elladan!“, rief Arwen.
„Lass sie frei und gib auf!“, sagte Elrohir und erhob sein Schwert.
Haldur sah gehetzt zwischen den beiden Zwillingen hin und her, bis sein Blick auf Legolas hängen blieb, der hinzu getreten war. Sein Hass vergrößerte sich, je länger er die drei Elben ansah. Mit einer schnellen Handbewegung nahm er Arwen vom Arm, hielt sie vor sich und drückte ihr den Dolch an die Kehle. „Verschwindet oder sie ist des Todes!“
Die beiden Zwillinge zuckten zusammen und ließen für einen Augenblick die Schwerter sinken, nur Legolas schien sich sicher. Sein Blick glitt für einen kurzen Moment zu den Baumwipfeln, bevor er sich kaum merklich den Zwillingen zuwandte. „Ihr kümmert euch um Arwen!“
Die beiden Elben sahen ihn verwirrt an, doch im nächsten Moment sollten sie erfahren, was Legolas meinte. Mit einem weiteren Krachen fiel ein großer Ast hinunter, genau über Haldur. Der Elb sah nach oben und schmiss sich und Arwen noch genau rechtzeitig zur Seite, bevor das Holz sie hätte treffen können.
„Jetzt!“, rief Legolas und die beiden Zwillinge fackelten nicht lange. Mit einem Satz waren sie bei den beiden und zogen Arwen von Haldur fort, noch bevor dieser sich rühren konnte. Dieser rappelte sich umgehend auf und zog sein Schwert, nur um einem entschlossenen Legolas gegenüber zu stehen.
Elladan und Elrohir hatten Arwen beiseite gezogen. „Geht’s dir gut? Hat er dir was angetan?“, fragte der jüngere Zwilling hastig und musterte seine Schwester.
„Ja, ja, mir geht es gut...!“, antwortete diese, doch dann blieb ihr Blick auf seiner Tunika hängen. Blut viel Blut - hatte den edlen Stoff dunkel gefärbt. „Elrohir...“, entfuhr es ihr. „Aragorn! Was ist mit ihm? Habt ihr ihn? Ist er? Was...?“ Sie merkte, wie sie bei dem Gedanken an ihren Mann zu zittern begann und die Knie ihr weich wurden, doch Elrohir versuchte sie zu beruhigen. „Keine Angst! Wir haben ihn gefunden! Adar und Gandalf nehmen sich seiner an. Er wird es schaffen!“ Der Elb versuchte soviel Zuversicht wie möglich in seine Stimme zu legen, doch sie zitterte merklich, so dass sie Arwen kein Trost war.
„Elrohir!“, sagte Elladan. „Wir müssen Legolas helfen!“
Der angesprochene Elb wandte den Blick von Arwen und sah Legolas und Haldur sich gegenüber stehen. Elrohir zuckte zurück, als er den tödlichen Blick des Düsterwaldprinzen sah. Legolas sah zu allem entschlossen aus. Haldur sah sich öfter zwischen den drei Elben um, um sicher zu gehen, dass die Bruchtalzwillinge ihn nicht aus dem Hinterhalt angriffen.
„Lass gut sein Elladan!“, sagte Legolas und in seiner Stimme lag soviel Kälte, dass die beiden Elben ihn verwundert ansahen. „Überlass ihn mir! Ich will ihm all das heimzahlen, was er uns angetan hat! Ich kämpfe alleine gegen ihn!“
„Aber...“, wollte Elrohir einwerfen, als Haldur hämisch auflachte, doch Legolas schnitt ihm das Wort ab.
„Kein Aber!“ Legolas sah kurz zu den Zwillingen. Er schien größer, majestätisch und herrschend wie er dort stand er hatte ihnen verboten einzugreifen! Im nächsten Moment hob der silberhaarige Elb auch schon sein Schwert und ging auf Haldur zu, der seines ebenfalls zur Abwehr hob. Von oben ertönte ein lauter Schrei Saradas’, gleich einem Gong, der den Kampf freigab.
Achtes Kapitel: Hoffnungen
Elrohir sah mit zusammengekniffenen Augenbrauen konzentriert dabei zu, wie Legolas und Haldur versuchten, die Stärken und Schwächen voneinander zu erkunden, während er sich der Gegenwart des Drachen über den Baumwipfeln bewusst war. Das Aufeinandertreffen von Stahl auf Stahl ließ ihn innerlich zusammenzucken, aber er bemühte sich nach außen hin einen völlig ruhigen Eindruck zu erwecken, aber sicherlich war Elladan dennoch in der Lage, die Anspannung in ihm wahrzunehmen - nicht anders, wie er dessen Gefühle spürte.
Legolas und Haldur umkreisten sich und Elrohir fixierte kurz seinen Freund. Zweifellos war Legolas mit seinen eleganten, geschmeidigen Bewegungen der bessere Krieger. Seine Klinge lag perfekt ausbalanciert in dessen Händen und verschmolz regelrecht damit. Sie schien fast ein Teil von ihm zu sein.
Haldur kämpfte hingegen wie Feuer. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er regelrecht brannte, wie ein unkontrolliertes Feuer heiß und unberechenbar. Er wechselte sprunghaft seine Angrifftaktiken und schlug mit einer ungeheuren Kraft zu, sodass Legolas einige Male sogar unter der Wucht des Aufpralles zurückweichen mußte.
Doch aus Haldurs Beobachtung schloss Elrohir, das Legolas’ Chance darin bestand, seinen Gegner wütend zu machen, damit dieser unvorsichtig wurde, oder er konnte auf seine bessere Ausdauer und Kampftechnik vertrauen. Augenblicklich vollführte Legolas einige Finten und Paraden aus, um Haldurs Schwächen zu erkunden, doch Elrohir sah, was wohl auch Legolas erkennen mußte Haldur besaß nicht viele davon!
Dennoch gab es einiges, was er anscheinend nicht kannte. Zunächst schien es, als kämpfe Legolas fast zu raffiniert, besonders, wenn man sich Haldurs brutaler Direktheit gegenüber sah, aber dieser Unterschied zeichnete bald eine große Schwäche ihres Feindes aus.
Hiebe und Paraden mit einer Hand beherrschte der Elb sehr sicher, aber wenn er seine Waffe mit beiden Händen hielt, um zu einem noch kraftvollerem Schlag auszuholen, dann nahm er die Klinge weit über die linke Schulter zurück. Würde es ihm gelingen, Legolas vorher aus dem Gleichgewicht zu bringen, so könnte dieser Schlag vielleicht erfolgreich werden, aber dieser sah genau hin und wich aus und nutzte seinen Vorteil. Als Haldur den Schlag zum dritten Mal versuchte, ließ Legolas ihm Zeit, sein Schwert wieder über die linke Schulter zu heben, indem er sich langsamer bewegte und ihn so in die Falle lockte. Dann schwang er noch beim Aufrichten seines eigenen Körpers seine eigene Klinge in einem tödlichen Bogen genau gegen Haldurs Rippen.
Der Elb sah es zu spät um noch richtig ausweichen zu können und er wand sich in einem verzweifelten Versuch, dem Schlag auszuweichen und mußte seine rechte Hand von seinem Schwert lösen, um das Gleichgewicht zu halten.
Legolas Angriff hatte nicht das gewünschte, schnelle Ziel erreicht, schnitt jedoch die Tunika seines Gegenübers und dessen Brust ein.
Zu Elrohirs Verwunderung nutzte der Freund jedoch nicht den Moment der Überlegenheit aus, bis Haldur sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, sondern trat einen Schritt zurück und wartete darauf, dass sich Haldur wieder fing. Es war die Haltung eines Lehrmeisters die er einnahm, der darauf wartete, das sein schwacher Schüler sich für die nächste Lektion wieder fing und bereit machte. Saradas Flügelschlag ließ die Äste und Blätter über ihren Köpfen rauschen und der Drache stieß einen triumphierenden Schrei aus.
Elrohir erwartete Spott auf Legolas’ Gesicht zu finden, als er den Freund ansah, aber er mußte Schlucken, als er tödliche Berechnung auf dessen Zügen fand. Es bestand kein Zweifel darin, dass Legolas mit Haldur spielen würde, ihm so lange kleinere Wunden zufügen würde, bis der Blutverlust ihn schwächen würde. Was der Freund dann tun würde, mochte sich Elrohir lieber nicht vorstellen, dazu stand ihm selbst noch zu deutlich vor Augen, was Haldur ihnen allen angetan hatte, als er Estel ein Messer in den Rücken gestoßen hatte.
Was mochte Legolas wohl in diesem Augenblick empfinden? Keiner von ihnen wußte, ob Elrond Estel helfen konnte, ob dieser überhaupt noch eine Chance besessen hatte, als endlich Hilfe eingetroffen war. Hatte er zu diesem Moment nicht schon viel zu viel Blut verloren?
Ihm wurde bewusst, dass er sich die Hände an seiner Tunika rieb in dem Versucht, immer noch Reste von Aragorns Blut abzuwischen. Er bildete sich sogar ein, diese feuchte Wärme immer noch fühlen zu können. Ein Schauer lief seinen Rücken herab und er zwang sich, seine Schultern zu lockern und sich wieder auf den Kampf zu konzentrieren.
Inzwischen bluteten beide Männer aus einigen Wunden und auch Legolas’ Hochzeitsgewand war von der rechten Schulter bis zu seiner Brust zerschnitten und entblößte einen häßlichen Riss in dessen Haut.
Elrohir erstarrte, als Haldurs Klinge über Legolas’ Kopf niedersauste; sein Freund fuhr gerade noch rechtzeitig zurück, aber nicht schnell genug, um einen breiten Schnitt über einem Wangenknochen zu vermeiden. Ein tiefes Grollen übertönte kurz alle Geräusche des Waldes…
Legolas zahlte dies jedoch mit einem gezielten Schlag gegen die Rippen seines Gegners zurück. Der Elb schrie auf und presste eine Hand an seine blutüberströmte Seite. Diesmal folgte ihm Legolas mit einem langen, geschmeidigem Schnitt und einem geschickten Schwertstreich, mit dem er offenbar die Sehnen an den Knien durchtrennen wollte. Haldur sprang im letzten Moment jedoch zur Seite und fiel ins Gras.
Elrohirs Hände ballten sich in Erwartung des letzten, tödlichen Hiebs zusammen doch der kam nicht.
Legolas taumelte und schüttelte den Kopf, das Gesicht von Unglauben verzogen als er auf die Knie nieder sank. Erst jetzt offenbarte er den Blick auf das Heft eines Dolches, das oberhalb seiner rechten Leiste steckte. Haldurs Arm war noch immer in seine Richtung erhoben und die Hand, die sich beim Verlassen des Dolches geöffnet hatte, zeigte noch immer auf ihn.
Arwen schrie entsetzt Legolas’ Namen aus und für einen kurzen Augenblick fuhr sein Blick zu ihr herum, dann kämpfte er sich wieder auf die Füße, wobei er sein Schwert als Stütze zu Hilfe nehmen mußte. Saradas schrie anscheinend Legolas’ Schmerzen hinaus, die dieser empfinden mußte, doch dessen Lippen verließ kein hörbarer Laut.
Auch Haldur war wieder auf den Beinen und drang sogleich auf Legolas ein. Er landete einen harten Schlag mit der flachen Klinge auf dessen Rückrat. Dieser wirbelte noch zu seinem Gegner herum, während er um sein Gleichgewicht kämpfte und traf den Arm von Haldur jedoch nicht so kraftvoll, wie noch einige Zeit zuvor. Legolas zuckte dabei zusammen, kämpfte jedoch weiter, wobei er Haldurs Hieben manchmal entkam und manchmal unter ihrer Wucht taumelte. Das strahlende Blau seiner Tunika war nun von unheilvollem Rot durchdrungen.
Haldur lachte schallend auf und drang auf Legolas ein, der immer wieder gefährlichen Schlägen ausweichen mußte, was ihm immer schwerer möglich zu sein schien. Sein Schwert zitterte in seinem unsicheren Griff und immer noch lag ein zufriedenes Grinsen auf Haldurs Gesicht, als ein weiterer Schlag von Legolas völlig daneben ging. Ein verächtlicher Schlag auf die Schulter mit der flachen Klinge, ein Tritt und Legolas stolperte erneut.
Wieder lachte Haldur und stieß Legolas endlich nieder. Legolas rollte sich herum und unternahm einen vergeblichen Versuch, Haldur sein Schwert aus der Hand zu schlagen. Sein Gegner wehrte den Schlag jedoch mit Leichtigkeit ab, entriss die Klinge dessen schlaffen Händen und warf sie von sich. Legolas tastete nach dem Messer in seiner Seite und zog dieses unter einem Schmerzlaut aus der Wunde. Er bäumte sich so schnell er es vermochte auf und traf dabei rein zufällig Haldurs Bein. Der Elb stöhnte auf, gab Legolas einen erneuten Tritt, sodass dieser wieder auf den Rücken geworfen wurde und trat dann mit seinem Stiefel auf Legolas Handgelenk. Dieses brach mit einem unnatürlich lauten Knacken, wie Elrohir fand, begleitet von einem unterdrückten Stöhnen aus Legolas’ Kehle.
Über Elrohir ächzten die Bäume, als der Drache versuchte, die dichten Äste zu durchdringen, doch die Jahrhunderte alten Bäume hielten seinem Ansturm stand und so klangen seine Schreie schmerzhaft bis zum Waldboden hinab.
Haldur hatte sich siegessicher über Legolas aufgerichtet, nahm sich die Zeit, seinen Gegner höhnisch lächelnd zu betrachten, während sein Schwert, das er mit beiden Händen umfangen hielt, auf Legolas’ gerichtet war, um es ihm ins Herz zu senken.
Das Messer aus Elrohirs Stiefel lag nur für Sekundenbruchteile in seiner Hand, ehe es so schnell durch die Luft sauste, dass es für ein menschliches Auge nur als winziger, glitzernder Silberfaden gesehen werden konnte. Es fuhr dicht über Haldurs Kragen der Tunika in dessen Hals und die Klinge vibrierte unter dessen entsetztem Zusammenzucken.
Das Schwert fiel zu Boden; Legolas rollte sich mühsam zur Seite und es verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Haldurs Hände umklammerten nun das Heft des Messers, während seine ungläubig, weit aufgerissenen Augen Elrohirs suchten. Es dauerte sehr lange, bis er auf die Knie nieder ging. Er sah an sich hinunter, sah auf das Blut, das über seine Brust und auf den Boden strömte, mit dem sein Leben in der Erde versickerte. Seine Lippen bewegten sich, doch die Klinge in seiner Kehle machte ihn stumm, während das siegessichere Kreischen des Drachen die Lichtung erfüllte. Seine Klauen schienen sich um die Lippen allen anderen Anwesenden gelegt zu haben und hielten diese stumm. Fast schien es, als habe für einen seiner Flügelschläge die Zeit aufgehört zu existieren.
Arwen löste sich aus Elladans Armen und folgte Elrohir, der sich ohne es zu merken, schon auf halbem Weg zu Haldurs leblosem Körper befand. Ohne eine Gefühlsregung zog er sein Messer aus dessen Hals, wischte es am Gras ab und steckte es zurück in seinen Stiefelschaft. Als er sich zu Legolas umwandte, hatte Arwen seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und ihm das blutverkrustete Gesicht abgewischt. Sie flüsterte seinen Namen und er begann sich in Arwens Schoß zu regen, seine Augen flatterten, dann sah er auf der Königin Gondors direkt in die Augen. Seine Worte schmerzten Elrohir unsäglich.
„Tut… mir leid, Arwen.“, flüsterte er. „Ich habe… versagt…„
„Nein!“ Seine Schwester streichelte sacht über seine unversehrte Wange. „Du bist ehrenvoll angetreten gegen einen Feigling, der nur durch Hinterhalt vermag, einen Mann zu besiegen.“
Legolas wollte darauf etwas erwidern, doch es blieb nur bei dem Versuch. Ein Schaudern durchlief seinen Körper und seine Augen schlossen sich, während er tiefer in Arwens Arme sank. Die Verletzungen des Kampfes forderten selbst für einen Elben zu viel Kraft und die Bewusstlosigkeit erlöste ihn vorerst von seinen Schmerzen.
Elrohir sah immer noch auf den Freund und seine Schwester hinunter, ebenso reglos, wie er sich hinter sich Elladan sicher war. Sie alle schienen wie erstarrt und Elrohir glaubte, das er den Grund dafür kannte. Während ihrer Suche nach Haldur war es das Wichtigste gewesen, Arwen aus seinen Händen zu befreien. Danach war all ihre Aufmerksamkeit auf den Kampf gerichtet gewesen auf das Flehen, für einen Sieg durch Legolas. Haldur war nun besiegt, wenn auch nicht durch Legolas’ alleinigen Verdienst, aber er war tot. Stellte keine Bedrohung mehr dar. Legolas Verletzungen waren zahlreich, aber keine davon lebensbedrohlich und sicher würden sie bald wieder verheilt sein.
Was sie alle hier auf dieser Lichtung gefangen hielt, war die Angst vor der Wahrheit! Was würde sie erwarten, wenn sie zur Kolonie der Düsterwaldelben zurück kehrten? Was würde ihnen Tanhis sagen, wenn sie die Räume der Heiler erreicht hatten?
Elrohir schluckte und zwang sich, sich zu Arwen hinunter zu beugen. Sie umklammerte noch immer Legolas Körper und streichelte unablässig über seine erschöpften Züge.
„Komm, Schwester! Er braucht jetzt die Hilfe und Pflege der Heiler. Außerdem sollten wir endlich…, sollten wir endlich zu Tanhis zurückgehen. Sie ist sicher schon ganz verrückt vor Sorge!“
Arwen nickte noch bevor sie zu ihm aufblickte, doch als sie es tat, wünschte Elrohir sich, sie hätte es nicht getan! Es lag so viel in diesem einen Blick. Mehr Schmerz lag darin, als in der schlimmsten Wunde, die man mit einem Schwert verursachen hätte können und noch mehr. Das gleiche musste Arwen wohl auch in seinen Augen gelesen haben, denn sie holte langsam und zitternd Luft und versuchte ein unsicheres Lächeln.
„Wir sollten nicht noch länger das unvermeidliche hinaufschieben. Kommt.“ Elladan hörte sich niedergeschlagen an, aber er setzte seine eigene Aufforderung sogleich in die Tat um. Er trat zu ihnen und wollte sich Legolas Arm gerade um die Schulter legen, als ein starker Windstrom sie erfasste. In gleichmäßigen Schlägen fegte er über sie hinweg, wirbelte Staub und Blätter auf und verhüllte noch für einige Momente die riesige Gestalt, die sich einen Weg durch die Baumwipfel suchte. Die Geschwister mussten sich ducken und den gewaltigen Flügeln ausweichen, aber Saradas streifte sie nicht einmal, sondern breitete nach seiner Landung eine seiner Schwingen vorsichtig aus.
Elladan schüttelte ungläubig den Kopf. „Er will wohl, dass wir auf seinen Rücken klettern! Komm, Elrohir, hilf mir mit Legolas.“
Gemeinsam trugen sie den Freund auf den Rücken des Drachen, wo Arwen bereits auf sie wartete und den Kopf ihres Freundes wieder in ihren Schoß bettete. Sie wußte nicht, wovor sie mehr Furcht hatte vor dem Flug auf diesem uralten, aus Legenden stammenden Geschöpf, oder der Ankunft in der Kolonie.
***
Tanhis wanderte unablässig vor der geschlossenen Türe zu den Gemächern der Heiler auf und ab, jeden Muskel angespannt und bereit, sofort zu kommen, wenn Elrond sie rief. Das jedenfalls hatte er ihr versprochen! Er wollte sie umgehend holen, wenn sie Aragorn versorgt hatten, damit sie ihr Versprechen einlösen könnte, welches sie Legolas gegeben hatte! Sie würde nicht von Aragorns Seite weichen, bis die Gruppe zurück war und Arwen zu ihrem Gemahl brachte. Oder wenn…
An die zweite Möglichkeit wollte sie erst gar nicht denken, aber trotz ihrer Weigerung, tauchten die schrecklichsten Bilder und Gedanken wie von selbst immer wieder in ihrem Geist auf.
Sie sah Elrond, der mit versteinerter Mine durch die Türe trat und nur stumm den Kopf schüttelte, weil er seiner eigenen Stimme nicht traute. Sah die Zwillinge und Legolas, die den leblosen Körper von Arwen in Händen hielten, oder nur die beiden Brüder, die ihr nicht zu sagen trauten, dass weder Arwen noch Legolas zu ihr zurückkehren würden.
Wieder spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen traten, aber sie kämpfte sie entschieden nieder und reckte trotzig das Kinn vor. Sie würde sich dieser Angst, dieser Schwäche nicht hingeben. Alles würde gut werden! Die drei Freunde würden Arwen und Haldur aufspüren und ihre engste Freundin befreien. Haldur würden sie gefangen nehmen oder töten was war ihr inzwischen völlig gleichgültig! Und Aragorn würde es schaffen; er würde nicht sterben! Er musste einfach überleben!
Derart in Gedanken versunken, schreckte sie regelrecht zusammen, als sich die Türe endlich öffnete und sie wirbelte herum. Elrond stand regungslos im Türrahmen und auf seinem Gesicht stand nur zu deutlich, was er empfand. Angst, Sorge und Schrecken lagen im Widerstreit mit Erschöpfung und Niedergeschlagenheit, aber so sehr Tanhis auch suchte: Trauer war nirgends zu entdecken, aber auch keine Erleichterung.
„Wir haben getan, was in unserer Macht stand. Die Klinge hat den rechten Lungenflügel durchstoßen und nur knapp sein Herz verfehlt. Ein Stück nach links versetzt, und wir hätten nichts mehr für ihn tun können. Aber er hat viel Blut verloren und jeder Atemzug ist mühsam. Es liegt jetzt in den Händen der Valar und seiner Kraft…“
Elrond ließ sich auf die Bank nieder sinken, die an einer der Wände stand und die Tanhis die ganze Zeit über gemieden hatte. Sie war einfach nicht in der Lage gewesen, auch nur eine Minute ruhig sitzen zu bleiben.
„Kann ich…?“
„Nur zu. Aber er ist schwach und nicht bei Bewußtsein.“
Tanhis nickte. „Er wird dennoch spüren, dass ich da bin!“ Sie versuchte, ihrer Stimme Zuversicht zu verleihen und war stolz darauf, dass sie sich fest und sicher anhörte. Trotzdem atmete sie noch einmal tief durch, straffte ihre Schultern und betete im Stillen, das ihre weichen Knie sie noch einige Zeit tragen mochten.
„Tanhis?“ Der Klang seiner Stimme, ließ die Elbin abrupt inner halten. „Irgend eine Nachricht von meiner Tochter? Von Legolas und meinen Söhnen?“
„Nein, mein Herr.“
Elrond nickte wissend und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Tanhis zwang sich, nicht länger zu verweilen, auch wenn sie Arwens Vater gerne Trost gespendet hätte. Sie hatte ein Versprechen zu erfüllen!
Der Raum lag in dämmrigem Halbdunkel, erleuchtet von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne und ihr wurde bewusst, wie lange sie vor der Türe hatte warten müssen. Ein Tisch stand an der Wand, auf dem sich ein Stapel mit sauberen Tüchern und Lacken befand, gleich neben einer Schüssel, mit dampfendem Wasser. Daneben stand auf dem Boden ein großer Korb, in dem achtlos zusammengeknüllte Stoffbahnen lagen. Bei näherem hinsehen, konnte sie erkennen, das alle blutverschmiert waren, was sie beinahe in die Knie zwang. Über den Rand des Korbes, von einem der Sonnenstrahlen zum Glänzen gebracht, hing ein Ärmel einer edlen Tunika, die sie als diese wieder erkannte, die Aragorn getragen hatte. Sie riss sich von diesem Anblick los und traute sich endlich, näher an das Bett heran zu treten, das neben dem Fenster stand und das von den Strahlen der Sonne nicht erreicht wurde. Sie brauchte deshalb auch einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann trat sie an die Bettkante und ließ sich darauf nieder.
Sie kannte Aragorn nun schon einige Jahre und hatte ihn stets darum bewundert, wie stark seine Persönlichkeit es vermochte, jeden Raum zu erfüllen, wenn er ihn nur betrat. Seine Erscheinung hatte diese Kraft immer widergespiegelt und selten hatte sie einen Menschen gesehen, der von einer Aura wie seiner umgeben war.
Kraft und Leben waren nun von seinem Angesicht gewichen, er war so blass - selbst seine Lippen wiesen kaum noch Farbe auf. Man hatte seinen Oberkörper mit Kissen gestützt, sodass er fast aufrecht im Bett saß, damit ihm das Atmen leichter fiel, aber jeder Zug kam mühsam und zittrig über die leicht geöffneten Lippen.
Tanhis fasste unendlich vorsichtig nach seiner Hand und zwang sich, nicht zurückzuschrecken, als sie ihre Finger darum schloss. Seine schönen, kraftvollen Hände, die sicher jedes Schwert hielten und ebenso flink und behände die Feder über das Pergament trugen, waren eisig kalt und lagen schlaff in ihrer zierlichen Hand.
Erst, als ihr Handrücken über ihre Wange fuhr, erkannte sie, das diese nass vor Tränen waren, die ihr unablässig über das Gesicht rannen und sie schluchzte ungewollt auf, als sie versuchte, ihre Fassung wieder zu erlangen. Er lebte, ja, aber selbst sie erkannte, dass sein jetziger Zustand nicht viel Hoffnung machte. Jeder, der ihn so sehen würde, wußte, dass sein Herz jederzeit aufhören konnte zu schlagen.
„Kämpfe.“, flüsterte Tanhis kaum hörbar und wischte sich abermals mit der Hand über die Wange.
Wenn doch Arwen und Legolas endlich kämen! Sie waren es, die jetzt an Aragorns Seite gehörten! Sein bester Freund und seine Frau gehörten hier her, sie würde Aragorn spüren und aus ihrer Kraft könnte er die schöpfen, die er benötigte, dessen war sie sich sicher.
Unablässig strich sie sanft über Aragorns Hand, begann, ihm leise, elbische Worte zuzuflüstern und schließlich flehte sie ihn an, nicht aufzugeben. Sie zählte ihm auf, welche Menschen ihn brauchten, sein Volk, seine Freunde und warum sie ihn so dringend in ihren Leben benötigten. Was alles geschehen könnte, wenn er sie verließ.
Während die Sonne langsam immer tiefer sank und die Stille des Abends sich noch verstärkte, war sie innerlich ruhiger geworden. Ihre eigene gesprochene Stimme hatte sie zur Ruhe gebracht und mit jeder Minute die verstrich, wuchs auch ihre Hoffnung an. Elrond hatte es nicht ausgesprochen, aber sie ahnte, dass jede verstrichene Stunde bedeutete, das Aragorn kämpfte.
Hin und wieder öffnete sich leise die Türe und Diener kamen, um die beschmutzten Laken wegzuschaffen, heißen Tee zu bringen und schließlich entzündeten sie die bereitstehenden Kerzen. Der Schein der Flammen zeichnete tanzende Schatten auf die Wände und Möbel, ließen Aragorns Gesicht nicht mehr so erschreckend bleich erscheinen und tauchten alles in einen warmen, goldenen Glanz.
Als sich die Türe abermals öffnete, schaute sie nicht mehr auf, denn sie erwartete, nur wieder einen der Diener zu erblicken, aber dann legte sich eine warme Hand auf ihre Schulter und Elrond räusperte sich.
„Wird es nicht Zeit, dass du dich auch endlich ausruhst? Gandalf oder ich können ebenso gut hier bei Aragorn wachen.“
Tanhis schüttelte nur den Kopf und Elrond seufzte wissend. Nichts anderes schien er erwartet zu haben. Er trat an die andere Seite des Bettes und ergriff die Hand seines Ziehsohnes, legte ihm die andere an die Stirn und verharrte so eine kleine Weile.
„Kein Fieber. Das ist ein gutes Zeichen.“
Tanhis hob den Blick und lächelte kaum merklich. „Ich bin sicher, er schafft es.“
In diesem Augenblick glaubte sie, einen schwachen Druck ihrer Hand zu spüren und ihr entfuhr ein überraschter Laut. Aragorn regte sich leicht in den Kissen und Elrond beugte sich näher zu ihm herunter.
„Aragorn! Aragorn hörst du mich?“
Seine Lider hoben sich mühsam, fielen immer wieder zu, bis seine matten Augen endlich denen seines Ziehvaters standhielten. Er schien einen Moment zu benötigen, um sich selbst bewusst zu werden, was geschehen war, aber dann wurde sein Blick klarer.
„Arwen?“ Seine Stimme klang heiser und gezwungen, so, als müsse er all seine Kraft auf das Sprechen konzentrieren.
„Auch wenn es dich schmerzt, versuche tief Luft zu holen. Du musst die verletzte Lunge öffnen, Estel.“
„Arwen?“ Er blinzelte in der Anstrengung, die Augen geöffnet zu halten. „Wo ist … Wo ist sie?“
Das Atmen war eine Qual, das Sprechen noch viel mehr, aber Aragorn musste es einfach wissen. Elrond musste ihm endlich sagen, was er zu wissen verlangte, eher würde er auf sich selbst keine Rücksicht nehmen.
Mühsam, sich auf Elronds Hand stützend, versuchte er, sich höher aufzusetzen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Schmerzen schossen durch seinen Rücken und hielten seinen Brustkorb umklammert. Er zwang sich, dreimal tief durchzuatmen, wartete, bis sein Blick wieder klar wurde und sank zurück in die Kissen. Husten kroch seine Kehle hinauf, aber er versuchte ihn niederzukämpfen, bis er atemlos aufkeuchte.
„Ruhig, Aragorn.“ Er erkannte Tanhis’ Stimme und wurde sich erst jetzt gewahr, das sie seine Hand hielt. Tröstliche Wärme ging davon aus und vertrieb die Kälte, die ihn noch immer gefangen hielt. Er umschloss ihre Hand fester und suchte ganz bewusst ihren Blick.
„Wo, Tanhis? … Sag es mir.“
In ihren Augen stand all das geschrieben, was sie in den letzten Stunden ausgestanden hatte, aber sie schlug ihre Lider nicht nieder, wich ihm keinen Millimeter aus. Am Rande wurde Aragorn sich bewusst, das sie noch immer ihr Hochzeitsgewand trug, ihre haselnussbraunen Haare waren kunstvoll hochgesteckt, aber die Blüten darin waren längst verwelkt und ließen die Köpfe hängen und einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen Wild auf ihre Schultern. Trotzdem war sie immer noch wunderschön und sie strahlte Kraft und Leben aus. Ihre großen, grünen Augen waren leicht gerötet und ihre Sommersprossen, die so einzigartig an ihr waren, zeichneten sich auf ihrer hellen Haut deutlicher ab als sonst. Legolas würde mit ihr glücklich werden war es natürlich schon, aber ihr Bund würde es endlich auch für ganz Mittelerde deutlich zeigen.
„Legolas und deine Brüder suchen sie. Sie sind schon eine Weile fort…“
Tanhis senkte den Blick immer noch nicht, aber nun liefen ihr ungehindert weitere Tränen über die Wangen. Aragorn war es, der diesen Anblick nicht länger ertragen konnte und matt die Augen schloss. Er war sich bewusst, welches Opfer sie brachte, das sie hier bei ihm saß, während Legolas sich einem Feind gegenüberstellte. Ihr Platz war an Legolas’ Seite, sie war seine Rückendeckung geworden, von dem Tag an, an dem sie sich ihre Gefühle füreinander eingestanden hatten. Welche Angst musste auch sie empfinden, wenn noch immer keine Nachrichten eingetroffen waren! Dieser Feind war gefährlich, vielleicht gefährlicher, als manch anderer, denn Haldur hatte nicht die Ehre, einem Mann ins Gesicht zu blicken, wenn er ihn tötete. Hinterlist und Tücke waren dessen Verbündete und er würde sie auch gegen Legolas einsetzten.
„Verzeih mir…“, flüsterte er. „Dieser Tag sollte… nur euch gehören. Ich…“
„Scht. Es ist nicht deine Schuld. Du hast die ganze Zeit versucht, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Ich bin mir sicher, dass sich alles zum Guten wenden wird, wenn du nur gesund wirst. Der Tag von Legolas und mir wird kommen und du wirst mit Arwen an unserer Seite stehen. Schlaf jetzt, mellon nin. Legolas wird mich schelten, wenn ich nicht gut auf dich acht gebe.“
Ihr Lächeln hätte ansteckend gewirkt, wenn Aragorn es gesehen hätte, aber die wenigen Worte, die er gesprochen hatte, hatten ihn erschöpft, sodass er schon bei ihren letzten Worten in den Schlaf geglitten war.
Tanhis sah zu Elrond auf und dieser nickte ihr anerkennend zu. Sie hoffte, das sie Aragorn hatte beruhigen können und das sie ihm bei seinem nächsten Erwachen auch das letzte bisschen Sorge nehmen könnte. Sie setzte all ihre Hoffnung darauf, dass bis dahin endlich Nachricht von Elronds Kindern und Legolas eingetroffen waren, oder besser noch, das sie alle wohlbehalten in die Kolonie zurückgekehrt waren. Sie flehte dafür stumm zu den Valar.
***
Der Drachen trug sie schnell und sanft auf die große Lichtung der Kolonie der Düsterwaldelben und versetzte Arwen in Staunen, weil er dabei nicht eines der aufgebauten Zelte auch nur streifte. Das Erscheinen seiner riesigen Gestalt, verursachte die unterschiedlichsten Reaktionen unter den zahlreichen Hochzeitsgästen, die sich auf der Lichtung befanden und seit dem Vormittag darauf warteten, endlich zu erfahren, warum keine Feierlichkeiten stattgefunden hatten. Natürlich waren verschiedene Gerüchte unter den Anwesenden umhergegangen, aber niemand wußte etwas Genaues und im tiefsten ihres Herzens war Arwen dafür auch dankbar.
Legolas lehnte erschöpft an ihrer Schulter, war aber während des Fluges erwacht und erwehrte sich der Fürsorge der Zwillinge, so gut er es vermochte. Elrohir war als erster vom Rücken des Drachen geglitten und stützte den Freund, als dieser ihm nun folgte, was angesichts seines gebrochenen Knochens nicht gerade leicht war. Als er jedoch festen Boden unter den Füßen hatte, schob er Elrohirs Hand beiseite.
„Ich denke, es wird schon gehen.“, brummte er, aber bereits sein erster Schritt ließ ihn zusammenzucken und er sank gegen Elrohirs Seite, der ihn sofort ergriff und sicheren Halt bot. Elladan trat an Legolas andere Seite, aber ein Blick des Freundes genügte und er hielt sich nur bereit.
Arwen folgte ihnen langsam, denn in ihr machte sich eine solche Unruhe breit, dass ihr das Herz aus der Brust zu springen drohte. Sie ließ ihren Blick hastig über die anwesende Menschenmenge schweifen, konnte aber kein sonderlich vertrautes Gesicht darin finden. Keiner ihrer Freunde war anwesend, nicht einer von ihnen kam angelaufen, dabei musste sich die Nachricht von ihrem Auftauchen doch sicher schon längst in der gesamten Kolonie verbreitet haben!
Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie sich fragte, was die Freunde wohl zurückhielt. Vermochte es niemand von ihnen, ihr in die Augen zu sehen und ihr die Wahrheit zu sagen? Und ihr Vater? Wo war er?
Ein Ausruf von Elladan ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken und sie erfasste Gandalf, der sich ihnen durch eine Schneise in der Menschenmenge näherte. Er wirkte älter als sonst und unsagbar müde dennoch lächelte er, als er Arwen erblickte und betrachtete dann Legolas besorgt. Elladan schweifte sein Blick nur kurz; umso länger ruhte er auf Elrohir, dem er dann anerkennend zunickte.
Arwen wußte nicht warum, aber sie war sich ganz sicher, dass der Zauberer ganz genau wußte, dass ihr Bruder Haldur getötet und Legolas gerettet hatte. Gandalf steckte immer wieder voller Rätsel, die sie wohl niemals ergründen würde.
Doch darüber vermochte sie jetzt nicht länger nachzudenken. Sie wollte endlich Gewissheit und nicht länger von ihrer eigenen Furcht erdrückt werden, aber bevor sie überhaupt fragen konnte, richtete Gandalf das Wort an sie.
„Kommt! Euer Vater hat mich zu euch geschickt, um euch zu holen. Er erwartet euch in Aragorns Gemächern. Elrohir, kommt mit und helft Legolas zu den Heilern. Sie werden sich ihm annehmen wollen.“
Elrohir nickte und wollte Legolas gerade in die Richtung führen, die Gandalf ihnen wies, als dieser taumelte. Elladan griff nach seinem anderen Arm, aber Elrohir war schneller gewesen und umfasst bereits die Schultern des Freundes und ließ ihn zu Boden gleiten. Arwen hatte seinen gebrochenen Arm verbunden und geschient, die Wunde an Legolas’ Seite notdürftig verbunden und die Blutung gestoppt, so gut sie es vermochten, bevor sie sich auf den Rückweg gemacht hatten, aber jetzt waren die weißen Stoffstreifen hellrot getränkt. Legolas sah ungläubig an sich hinunter und dann mit einem verwirrten Ausdruck zu Gandalf auf. Dieser sah wohl erst jetzt, was den Elb der Kampf und der anschließende Flug gekostet hatten.
„Aragorn. Ist er…?“
Sein Blick begegnete Legolas fest und er vermochte sogar, ein wenig zu lächeln. „Er lebt.“
„Gut.“, flüsterte Legolas erleichtert, „gut.“ Dann brach er bewusstlos in Elrohirs Armen zusammen.
Auf Gandalfs Anweisungen hin liefen einige Umstehende aufgeschreckt los und es dauerte nicht lange, bis sie eine Bahre auf die Lichtung trugen. Sacht wurde Thranduils Sohn darauf nieder gelassen und umgehend zu den Heilern gebracht, gefolgt von den drei Geschwistern und dem Zauberer.
Arwen schritt weit aus und spürte förmlich, wie sich ihre innere Anspannung noch vergrößerte. Sie wollte so schnell wie möglich zu Aragorn, aber gleichzeitig fürchtete sie sich vor dessen Anblick und zweifelte daran, dass ihre Kraft ausreichen würde, sich der Wahrheit zu stellen. Elrond würde ihr schonungslos alles über seinen Zustand mitteilen, das wußte sie und sie wappnete sich dafür, seine Schilderungen so ruhig wie eben möglich entgegen zu nehmen.
Sie betraten den Vorraum zu den Gemächern, in denen sich die Heiler befanden und gerade in diesem Moment trat Elrond aus einer der Türen hervor und blieb unvermittelt stehen, als er seine Kinder vor sich sah. Sogleich erhellten sich seine angespannten Züge und er eilte ihnen entgegen, um jeden kurz an sich zu drücken und seiner kritischen Musterung zu unterziehen.
Elrohir und Elladan verdrehten gespielt die Augen, aber Arwen blieb ernst und suchte bewusst den offenen Blick ihres Vaters.
„Wo ist er? Führe mich zu ihm, ada.“
Elrond nickte stumm, deutete auf die Türe, durch die er gekommen war und sprach leise zu ihr.
„Er ist schwach, Arwen. Wir haben alles getan, aber die Zeit wird erst die Gewissheit bringen.“ Er hielt sie zurück und bedeutete ihr, einen Moment zu warten. „Ich weiß, du willst so rasch wie möglich an seine Seite, aber ich möchte erst Tanhis holen.“ Er blickte zu Legolas hinüber. „Sie wird sicher bei ihm sein wollen.“
Arwen nickte und Elrond trat alleine ein. Bereits nach kurzer Zeit wurde die Türe schwungvoll aufgerissen und Tanhis stürmte in den Vorraum. Sie lief beinahe gegen die Freundin, nahm sich nur wenige Augenblicke, Arwen zu umarmen und rannte an die Bahre hinüber.
Mit zitternden Fingern strich sie einzelne Strähnen aus Legolas’ Stirn und flüsterte seinen Namen. Sie glaubte zu bemerken, dass er sich leicht regte, aber er schlug nicht, wie erhofft, die Augen auf. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn den Heilern zu überlassen, die sich bereits um den Elben versammelt hatten und zum zweiten Male innerhalb eines Tages schloss sich eine Türe vor ihr.
Arwen konnte sich nur zu gut vorstellen, was in ihrer Freundin jetzt vorging, aber sie konnte und wollte jetzt nicht mehr länger warten. Sie atmete entschlossen ein und drückte die Türklinke. Sie betrat den Raum und als sie Aragorn erblickte, schien sich der Boden unter ihren Füßen zu öffnen. Dennoch schritt sie weiter auf das Bett zu und nahm an seiner Seite Platz, in der Gewissheit, dass sie nicht eher von hier weichen würde, bis er erwachte.
Tanhis erfuhr von Elrohir und Elladan was sie wissen musste und konnte Elrohir nicht genug danken, das er so beherzt in den Kampf eingegriffen hatte und somit Legolas’ Leben gerettet hatte.
„Ich werde dir ewig dafür dankbar sein!“ Und zu seiner Überraschung, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wangen.
Elrohir schob sie verlegen von sich. „Das war doch selbstverständlich. Legolas hätte das Gleiche auch für mich getan!“
Elladan räusperte sich neben ihnen. „Wo wir gerade von Legolas sprechen ich glaube, du kannst jetzt zu ihm!“
Tanhis löste sich von Elrohirs Armen, der sie immer noch ein Stück von sich gehalten hatte und rannte auf die Türe zu, durch die soeben der letzte der Heiler heraus trat.
Legolas lag in einem der einfachen Betten und blickte ihr erwartungsvoll entgegen. Er war schwer gezeichnet. Blutergüsse verdunkelten seine Wangenknochen und seinen Kiefer und ein Knöchel war geschwollen. Er saß etwas steif aufrecht im Bett, weil dicke Verbände um seine Mitte geschlungen waren, die unter der leicht geöffneten Tunika hervorblitzten. Ein Ärmel war aufgerollt, um für die Schiene an seinem Arm Platz zu machen. Doch diese Verletzungen und die heilende Schwertwunden in seinem Gesicht waren nichts gegen die offene Wunde, die sie in seinen Augen sah.
„Ich habe es nicht geschafft, Tanhis. Ich habe Haldur nicht seine verdiente Strafe zuteil werden lassen.“ Seine Stimme klang unsicher und belegt. „Und ich weiß noch immer nicht, wie es um Aragorn steht.“
Tanhis überwand den leeren Raum zwischen ihnen und streckte ihm die Arme entgegen. Er zog sie zu sich aufs Bett und barg sie an seinem Herzen, ignorierte den vagen, dumpfen Schmerz, der durch ihr geringes Gewicht in ihm ausgelöst wurde und verharrte lange in ihrem friedlichen Trost.
***
Aragorn rollte sich von einer Seite auf die andere und versuchte vergeblich, Haldurs Schläge abzuwehren, aber seine Hände waren von einem dumpfen Taubheitsgefühl erfüllt und gehorchten ihm nicht. Schmerzen wie heißes Feuer gingen von seinem Rücken aus und hinderten ihn daran, tief durchzuatmen.
„Nein!“ Sein flehender Aufschrei war in Wirklichkeit nur ein hilfloses Stöhnen, doch selbst dieses kostete ihn unendlich viel Kraft. Wieder traf ihn ein Schlag, doch noch immer konnte er die Faust seines Gegners nicht aufhalten und sie traf ihn mit voller Wucht am Brustkorb. Augenblicklich blieb ihm die Luft weg und er krümmte sich zusammen. Haldurs Atem streifte sein Gesicht, dessen Hände drückten seine Schultern auf den Boden und riefen neue Wellen des Schmerzes in seinem Rücken hervor.
„Estel. Estel.“
Seine Stimme hallte in Aragorns Kopf wieder und drang langsam in sein Bewußtsein vor, doch er bemühte sich, das höhnische Flüstern nicht in sein Herz vordringen zu lassen. Er erwehrte sich der Versuchung, seinem Peiniger ins Gesicht zu blicken und presste noch fester die ohnehin schweren Lider zusammen. „Nein!“ Diesmal würde er sich nicht dazu verleiten lassen, sich aus der Reserve locken zu lassen. Zu oft war es Haldur gelungen, ihn so in eine Falle zu lotsen und alles nur noch Schlimmer zu machen. Er verstand es nur zu gut, seine größten Ängste und Schwächen zu nutzen. Wenn er sich den momentanen Qualen hingab und keinen Widerstand leistete, dann verging ihm vielleicht der Spaß daran, ihn weiter zu tyrannisieren. Dann würde er von ihm ablassen und ihn endlich in Frieden lassen wenigstens dieses Mal.
„Kämpfe!“
„Nein!“
Schwärze erfüllte sein Blickfeld, als sie Haldurs Hände um seine Kehle legten und ihn nun vollends daran hinderten, Sauerstoff in seine schmerzenden Lungen zu ziehen. Ein Gedanke kam ihm, das er versuchen sollte sich aufzubäumen, Haldur so von sich herunter zu stoßen, aber dieser besaß so viel mehr Kraft als er und würde seinen Griff ohnehin nicht im Mindesten lockern. Panik ergriff ihn und eine innere Stimme schalt ihn einen Narren, das er nicht endlich begann, sich Haldurs Angriffen zu erwehren. Wenn er noch länger zögerte, würde Haldur gewinnen, aber was würde danach geschehen? Aragorn kannte ihn nun schon lange genug um zu wissen, dass er sich dann sicherlich ein neues Opfer suchen würde. Mit Sicherheit eine Person, die Estel sehr nahe stand. Einer der Zwillinge, oder aber Arwen. Was würde Haldur dafür geben, sie zu besitzen, sie von Aragorns Seite zu treiben. Aragorn hatte so viel zu verlieren, für das es sich lohnte zu kämpfen und jeder abgewehrte Angriff würde ihn auch stärken, denn dann würde er lernen, seinerseits die Schwächen seines Gegners zu nutzen. Dennoch blieb ein Rest Zweifel. Es war so viel einfacher, endlich aufzugeben, den Strapazen ein Ende zu setzten und sich dem Frieden hinzugeben. Keine Schmerzen mehr, keine Angst. Aber war dies wirklich sein Weg? Konnte er einfach aufgeben? Sein Verstand sagte ihm, dass es nicht seiner Natur entsprach, nicht seiner Überzeugung, nach der er schon immer gelebt und gehandelt hatte. Sein Herz zeigte ihm die Liebe so vieler Freunde, die er für immer verlieren würde…
Also begann er zu kämpfen.
Er wußte nicht wie, aber plötzlich löste sich die Umklammerung um seinen Hals und süße, köstliche Luft rann seine Kehle hinab.
„Estel!“ Diesmal klang die Stimme zärtlich und von Erleichterung erfüllt und er sagte sich, das sie es wehrt war, nach deren Ursprung zu forschen. Es gelang ihm, für einen kurzen Moment die Augen aufzuschlagen, aber trübe Helligkeit blendete ihn und sie fielen umgehend wieder zu. Ein bitterer Geschmack lag ihm auf der Zunge und brannte in seinem Hals.
„Wach auf.“, bettelte die Stimme. Dann: „Bleib bei mir. Verlasse mich nicht!“
Hände legten sich auf seine Wangen, diesmal aber nicht bedrohlich, sondern weich und angenehm warm, die ihn sacht streichelten. Etwas drückte gegen seine Lippen und lauwarme Flüssigkeit benetzte seine ausgetrocknete Kehle. Selbst das Schlucken schmerzte und plötzlich war selbst die Erleichterung seines Durstes eine zu große Anstrengung. Um ihn herum, schien es wieder dunkler zu werden. Alles war still, bis auf ein schwaches Wispern in der Ferne, das ihn nun unablässig in dieser Welt zu begleiten schien und ihn daran hinderte, in eine andere hinüber zu treten.
***
Der Herbst hielt das Land inzwischen mit festem Griff umklammert und immer öfter regnete es. Wind und Regen peitschten gegen die mit Ästen und Zweigen verhangenen Fenster und das trostlose Wetter schlug sich noch zusätzlich auf die niedergeschlagene Stimmung aller Freunde nieder. Arwen saß Tag und Nacht an Aragorns Seite, weckte ihn, um ihm Brühe oder Tee einzuflößen, aber er wirkte immer desorientiert und fiel schon nach kurzer Zeit wieder in seine Träume zurück. Darin wurde er wohl von den Dämonen der Vergangenheit gequält und vielleicht auch von den Erinnerungen der jüngsten Ereignisse, denn er warf sich umher oder schlug um sich. Wie schwach er noch war, zeigte sich daran, wie leicht er dann von ihr gehalten werden konnte, damit die Wunde an seinem Rücken nicht wieder aufbrach und dann sank er wieder mühsam nach Atem ringend zurück. Selten schlief er ruhig und entspannt.
Elrond erschien alle paar Stunden, brachte Schüsseln mit dampfendem Wasser, in das er Kräuter streute, deren Duft sich im Raum verbreitete und die Heilung der Lunge beschleunigen sollte. Zusammen mit einem Heiler säuberte er immer wieder die Wunde auf Aragorns Rücken und setzte sie für kurze Zeit der frischen Luft aus behielt dabei immer einen unbewegten Gesichtsausdruck bei und wich dem Blick seiner Tochter anschließend aus. Einmal hatte Arwen wirklich geglaubt, sie würde Aragorn für immer verlieren und die Erinnerung daran, steigerte die erneute Angst in ihrem Herzen. Sie war sich sicher, das es alleine Elladan zu verdanken war, das Aragorn bei seinem letzten Anfall nicht erstickt war, denn er hatte umgehend gehandelt und seinen Ziehbruder höher in die Kissen gezogen. Dann hatte er ihm eine Flüssigkeit eingeflößt, dessen Rezeptur er aus einem der ältesten Heilbücher in der Bibliothek entnommen hatte. Es waren nur Sekunden verstrichen, bis Aragorn endlich wieder einen tiefen Atemzug getan hatte, aber Arwen waren diese wie Stunden erschienen. Tagelang hatte Arwen nun schon selten erfreuliche Worte für ihre Freunde, wenn sie sich für wenige Stunden selber etwas Ruhe gönnte und einer der Gefährten sie ablöste, aber die Heiler versicherten immer wieder, das der viele Schlaf bedeutete, das der Körper all seine Kräfte auf die Heilung verwandte.
Es war die dritte Nacht, nachdem der Mond endlich wieder voll am Himmel gestanden hatte, als Arwen sich nach einigen Stunden der stillen Wache vom Bettrand erhob, um sich die Beine zu vertreten. Sie ging durch das Schlafgemach zum Fenster und ließ ein wenig der kühlen Luft herein, um sich zu erfrischen, wobei sie die Arme um sich schlang, um dem Wind die Schärfe zu nehmen. Sie hatte eine Vorliebe für diese Stunde der Nacht und die Ruhe des Waldes hatte für sie etwas Tröstliches.
Fackeln erhellten die Lichtung weit unter ihr, aber in deren Lichtschein regte sich nichts und sie spähte einen Augenblick lang in die Schatten, bis sie die Wachposten in der Dunkelheit ausmachen konnte.
„Was siehst du da?“
Sie presste die Hand auf ihr Herz, um es zu beruhigen. „Nur die friedliche Nacht.“
„Komm her zu mir.“ Seine Stimme klang noch immer rauh, aber seine Augen waren klar und als er ihre Hand nahm, war diese von einer natürlichen Wärme erfüllt. Arwens Knie zitterten vor Erleichterung und sie sank mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Bettrand nieder.
„Dachtest du etwa, ich würde dir so einfach wegsterben?“
Sein Lächeln war in dem dämmrigen Licht der Kerzen kaum zu erkennen, aber bei seinen Worten übermannte Arwen ihre Gefühle und die letzte Anspannung ließ die Beherrschung schwinden. Aufschluchzend ließ sie sich an seine Brust ziehen und er umschloss sie schützend in seinen Armen, bis der Tränenstrom endlich verebbte.
„Entschuldigung, ich wollte dich nicht zum Weinen bringen…“
„Ich habe nicht geweint!“, versuchte sie zu protestieren.
„Lügnerin!“, schalt er sanft, dann zog er vorsichtig und tief die Luft ein, spannte die Schultern und verharrte abrupt, als er die Schmerzgrenze erlangt hatte.
„Ich fühle mich furchtbar, so, als habe mich ein Höhlentroll mit voller Wucht aufgespießt. Wie lange war ich eigentlich weggetreten?“ Seine Finger rieben über seine Bartstoppeln. „Eine ganze Weile, nehme ich an.“
„Fast fünf volle Tage.“
Ihre Äußerung ließ ihn hochfahren, was ihm augenblicklich den Schweiß auf die Stirn trieb. Mit sanfter Gewalt drückte Arwen ihn in die Kissen zurück.
„So lange.“, murmelte er schwach. „Was ist geschehen, nachdem…?“
Arwen berichtete ihm ausführlich von den Ereignissen. Von denen, die sie selber miterlebt hatte, aber auch von allem, was ihr Elrond, Tanhis, Legolas und ihre Brüder berichtet hatten. Als sie von dem Kampf zwischen Legolas und Haldur berichtete, stellte Aragorn ihr immer wieder Fragen, hakte bei jeder Kleinigkeit nach, die sie nur vage umschrieb, bis er sich sicher war, jede Grausamkeit zu kennen, die Haldur seinen Freunden angetan hatte.
„Wie geht es ihnen jetzt? Wie geht es Legolas?“
Arwen seufzte auf. „Er nimmt keine Rücksicht auf sich, ist immer der Erste gewesen, der mich an deiner Seite abgelöst hat und ist in seiner Ehre gekränkt. Du kennst ihn doch…“
„Ja, und ich bin froh, einen Freund wie ihn zu haben.“ Er schien einen Augenblick in die Ferne zu blicken und mit den Gedanken an einem anderen Ort zu sein.
„Tanhis. Wenn es nicht nur ein Traum war, dann ist sie bei mir gewesen, oder nicht?“
Ein Lächeln breitete sich auf Arwens Gesicht aus. „Sie war bei dir und nicht nur ein Mal.“
Aragorn lächelte ebenfalls, aber Arwen entging nicht, das er nur noch mit Mühe die Augen offen halten konnte.
„Schlaf jetzt. Du darfst dich nicht gleich so anstrengen.“
„Ich habe doch bereits so lange geschlafen…“, aber sein Protest war eher halbherzig und er seufzte zufrieden, als sie sich neben ihn legte und anschmiegte. Ruhe legte sich über den Raum und die Stunden der Nacht verstrichen in Frieden.
Neuntes Kapitel: Hochzeit
Die letzten Herbststürme wurden von den ersten Winterstürmen abgelöst und machten das Reisen bald unmöglich, doch es befanden sich ohnehin nur noch wenige Gäste in der Kolonie des Düsterwaldes. Nachdem schnell klar war, dass eine Hochzeitszeremonie so rasch nicht stattfinden konnte, waren alle Geladenen wieder den Heimweg angetreten alle, bis auf die engsten Gefährten, die einmal die Gemeinschaft des Ringes gebildet hatten. Tage und Wochen verstrichen, in denen es Aragorn von Tag zu Tag besser ging, doch es gab vieles, was ihm einfach immer noch zu sehr anstrengte und dazu zählte unweigerlich eine lange, beschwerliche Heimreise. In der ersten Zeit erlaubte Elrond noch nicht einmal, das ihn alle Freunde besuchen durften, und bald fragte selbst Aragorn immer wieder seinen Ziehvater, wann endlich die Hobbits, Gimli, Elrohir, Elladan und Tanhis zu ihm dürften. Doch Elrond blieb hart.
Legolas’ Heilung verlief, wie zu erwarten, ohne Probleme und bereits nach zwei Tagen erinnerte nur noch der ruhig gestellte Arm an seinen schweren Kampf mit Haldur, und dieser verschwand schließlich nach einer Woche ebenfalls. Legolas vertraute alleine Tanhis an, dass er insgeheim vermutete, die Heilung verlaufe schneller als selbst für einen Elben üblich und das dies wiederum daran läge, das er mit dem Drachen so stark verbunden war. Saradas übermittelte ihm so präsent und real seine Gefühle, dass seine Kraft darüber mit dem Elben zu verschmelzen schien. Das Saradas sich außerdem auch noch in den Höhlen des Einsamen Berges sein Lager ausgesucht hatte und sich somit unmittelbar in Legolas’ Nähe befand, trug wohl ebenfalls zu diesem Umstand bei.
Gandalf und Legolas wechselten sich meist im Tagesrhythmus mit ihren Besuchen bei Aragorn ab, verweilten aber selten länger als wenige Stunden, in denen sie ruhige Gespräche mit ihm führten. Elrond selbst hatte den Beiden gewisse Themen in dessen Gegenwart sogar strengstens verboten und so berichteten sie meist von belanglosen Dingen oder den Geschehnissen der letzten Tage. Diese ermüdeten den Patienten mal mehr und mal weniger, aber einmal schmiss Elrond Legolas regelrecht hinaus. Dem Elben lagen einfach zu viele Gefühle auf dem Herzen und er musste sie endlich mit sich und seinem Freund ins Reine bringen, doch Elrond, der das Gemach unangekündigt betrat, um Aragorns Verbände zu wechseln, verwies ihn schroff des Zimmers. Diese Maßnahme erwies sich in sofern als richtig, als dass Aragorn noch in der selben Nacht wieder von Alpträumen heimgesucht wurde.
Arwen verbrachte ihre gesamte Zeit an der Seite ihres Mannes und zog sich nur für die wenigen Stunden zurück, wenn Gandalf oder Legolas bei ihm waren. Sie verstand es, seine Ungeduld zu zerstreuen, führte ihm jeden noch so kleinen Fortschritt seiner Heilung vor Augen und lenkte ihn mit Büchern und Briefen aus Gondor ab, die Faramir gesendet hatte. Erst nach drei Wochen ließ Elrond ihn das erste Mal aufstehen - wozu er alleine schon drei Anläufe benötigte - und ihn nur eine Runde um das Bett drehen, doch Aragorns anfängliche Proteste, er fühle sich bereits schon viel kräftiger und könne weiter gehen, erstarben, als er nach seinem kurzen Ausflug um Atem rang. Jeden Tag erkämpfte er sich jedoch einige Schritte mehr und verbissen mühte er sich ab, der Schwäche seines eigenen Körpers zu trotzen.
Weitere drei Wochen verstrichen, bis er einige Stunden am Tag in einem Sessel am Fenster verbringen durfte und dem Tanz der Schneeflocken zusah, die nun den Düsterwald mit einer weißen Decke verhüllten. Immer wieder kam es vor, dass er dabei in Erinnerungen versank und auf ein nicht erkennbares Ziel in der Winterlandschaft starrte, bis ihn eine Berührung von Arwen, Gandalf oder Legolas hochfahren ließ. Danach war er meist von noch größerem Ehrgeiz erfüllt und trieb sich selbst noch entschlossener voran, bis Elrond ihn sanft aber energisch wieder zur Ruhe verbannte. Doch selbst Elrond fielen nach einer weiteren Zeit keine Ausflüchte mehr ein, um einen Besuch der übrigen Freunde zu verweigern und so kam es, dass Aragorn weitere Abwechslung bekam, die ihm sichtlich gut tat. Doch trotz aller Fortschritte blieb seine Ungeduld und auf Elronds Ratschläge bezüglich seiner Genesung reagierte er immer öfter gereizt und schroff. Seine schlechte Laune bekam eines Tages sogar Arwen zu spüren, worauf sie ihm mit einem zuckersüßen Lächeln erwiderte, dass er sicherlich bald völlig genesen sein, wenn er schon wieder in der Lage sei, so halsstarrig und zynisch zu sein! Sie schloss ihm mit der Fingerspitze der vor Verblüffung offen stehenden Mund und fuhr damit fort, übel riechende Dampfkissen im Raum zu verteilen. Aragorn gab sich kampflos geschlagen…
Die Zeit verrann unendlich langsam, aber schleichend wurden die Nächte wieder kürzer, der Schnee taute an manchen Stellen unter den Strahlen der Mittagssonne und der Wind hatte nicht mehr die einst schneidende Kälte.
Legolas unternahm ausgedehnte Besuche bei Saradas und genoss die Zeit mit dem einzigartigen Geschöpf in vollen Zügen. Aber er freute sich auch jedes Mal wieder in die Kolonie zurück zu kehren, denn jedes Mal berichtete Tanhis ihm mit leuchtenden Augen und voller Freude von Aragorns Fortschritten.
Eines Abends ritt Legolas in rasendem Galopp durch den Düsterwald nach Hause zurück, um noch vor Sonnenuntergang einzutreffen. Er hatte dies Aragorn am Morgen fest versprochen und ein seltsamer Ausdruck hatte in dessen Augen gestanden, als er ihn darum gebeten hatte. Sein fester Vorsatz war aber schnell vergessen gewesen, als Saradas ihm einladend die weiten Schwingen zugeneigt hatte und ihn somit zu einem Ausflug eingeladen hatte, den er unmöglich hatte ablehnen können. Jetzt mußte er sich beeilen, um den Freund nicht zu enttäuschen und seine Neugier drang wieder mit aller Gewalt an die Oberfläche. Er wollte nur zu gerne wissen, was seinen Freund bewogen hatte, ihm dieses Versprechen zu entlocken.
Er gelangte an die große Lichtung, wo die Wachen ihm einen respektvollen Gruß zuriefen, den er aber nur mit einem raschen Kopfnicken erwiderte, sprang aus dem Sattel und stürmte mit langen Schritten die Eingangstreppe hinauf.
Oben fing Tanhis ihn lächelnd ab und hakte sich in aller Seelenruhe bei ihm unter und bremste seine eiligen Schritte.
„Na, na, na! Ist ein Balrog hinter dir her, oder sonst ein dunkles Geschöpf? Prinzen schreiten mit Würde daher und stürmen nicht so unbeherrscht durch die Hallen eines Königs!“
Legolas verdrängte nicht sonderlich erfolgreich seine Ungeduld.
„Tanhis, ich habe jetzt keine Zeit für alberne Anstandsregeln! Ich muss zu Aragorn bevor Elrond mich nicht mehr zu ihm lässt! Du weißt doch wie streng er ist, wenn es um Aragorns Gesundheit geht und Aragorn wollte mich unbedingt heute noch sprechen!“
Tanhis’ Lächeln war bei seinen Worten noch breiter geworden und nun zog sie entschieden in die Richtung der großen Halle, weg von den Korridoren, die zu Aragorns Gemächern führten.
„Was, im Namen der Valar, soll das? Hast du mir überhaupt zugehört, Tanhis?“
Er versuchte, sich von ihrem Arm zu befreien, aber er hatte vergessen, wie viel Kraft sie besaß und wie flink ihre Hände sein konnten und so scheiterten seine Versuche kläglich, bis sie vor der hohen Eingangstüre standen.
„Ich habe dich sehr wohl verstanden, mein Herz! Und wenn du dein Versprechen halten willst, dann bist du hier genau richtig!“
Auf ein Zeichen hin, öffnete einer der Diener die Türe, die langsam aufschwang und in den behaglichen Vorraum der Halle führte. Von Draußen drang das Licht der letzten Dämmerung herein, begleitet von den letzten schwachen Düften der letzten Regenschauer, feuchter Erde und frischem Gras. Die Hobbits saßen auf dem bequemen Sofa vor dem Kamin, in dem nur ein kleines Feuer brannte; Elrohir und Elladan saßen mit ihrem Vater und Gandalf über ein Spielbrett gebeugt da und schauten nun gespannt auf, als sie den Raum betraten. Thranduil beendete seine Unterhaltung mit Arwen, die in den Lehnstühlen am Fenster saßen, aber was Legolas’ Blick anzog, war Aragorn, der seiner Frau gegenüber auf der Bank, gleich in der Fensternische, saß. Er war immer noch blass und schmal, aber in seine Augen war der alte Glanz zurückgekehrt und er strahlte wieder diese einzigartige Präsenz aus, die den ganzen Raum auszufüllen schien.
„Was…? Kann mir vielleicht jemand sagen, was das alles zu bedeuten hat?“, fragte Legolas verwirrt und sah Aragorn unverwandt an.
„Wir feiern, mellon nin! Elrond hat mich heute ganz offiziell als geheilt erklärt und ich wollte zu diesem Anlass alle meine Freunde um mich haben und endlich aus den Räumen heraus, in die mich Ada die letzten Wochen und Monate gesperrt hat!“
Legolas wechselte einen verwirrten Blick mit Tanhis, aber dann zuckten seine Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln hoch. „Du hast es die ganze Zeit über gewußt, nicht war mein Herz? Und du hast es mal wieder genossen, mich zum Narren zu machen!“
„Das würde ich doch niemals wagen!“, lachte sie ihn an und die kleine Runde am Fenster stimmte in ihr Lachen ein.
Es wurde ein langer und fröhlicher Abend, den alle Freunde aus tiefstem Herzen genossen und auf ewig in ihren Herzen behalten würden, um sich noch oft und gerne daran zu erinnern. Doch nach und nach zogen sich einer nach dem anderen zurück, bis nur noch Elrond, die Zwillinge, Legolas und Aragorn um das ersterbende Kaminfeuer saßen und der letzten Glut dabei zusahen, wie sie langsam erkaltete. Nach einer Weile räusperte Elrond sich und erhob sich, um sich ebenfalls zurückzuziehen. Jedoch nicht, ohne sich einen gut gemeinten Ratschlag an seinen Ziehsohn verkneifen zu können.
„Übertreibe es nicht gleich wieder, Elessar! Du bist zwar geheilt, aber die alte Kraft ist noch nicht in deinen Körper zurückgekehrt! Ruhe und Geduld…“
„…sind die wahren Heiler bei einer solchen Verletzung ich weiß Ada! Das hast du mir jetzt oft genug gepredigt! Ich werde mich deiner Worte erinnern und zu Bett gehen sobald ich mit Legolas und deinen Söhnen gesprochen habe.“
Elrond nickte wissend und Legolas schaute bei Aragorns Worten erwartungsvoll auf. Gleich nachdem sich die Türen hinter dem weisen Elben geschlossen hatte, seufzte Gondors König.
„Ich möchte euch so viel sagen, aber um ehrlich zu sein, finde ich einfach nicht die Worte die das zum Ausdruck bringen könnten, was ich eigentlich sagen möchte. Wie soll ich auch all das in Worte fassen, was ich euch verdanke?
Wie bedankt man sich für ein neu geschenktes Leben? Wie für die Rettung, eurer Schwester und Freundin? Was kann ich sagen, zu der Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren, um ein einziges zu rächen? Elladan, Elrohir. Wenn ihr mich nicht gefunden hättet und so rasch gehandelt hättet…! Legolas, du hast viel auf dich genommen und beinahe einen zu hohen Preis dafür gezahlt ein langes und erfülltes Leben an der Seite von Tanhis. Ich weiß, aus welchen Gründen ihr gehandelt habt und bin überwältigt von dem Geschenk eurer tiefen Freundschaft an mich. Was kann ich tun, um mich dafür erkenntlich zu zeigen?“
Die drei Elben hatten schweigend den Worten ihres Freundes gelauscht, aber nach dieser letzten Frage wollten gleich alle zusammen protestieren. Elladan war es schließlich, der sich durchsetzte und als erster sprach.
„Erkenntlich zeigen? Das ist der größte Irrsinn, den ich je von dir vernommen habe, Estel! Den größten Lohn für unsere Mühen hast du uns längst gezahlt, nämlich damit, dass du dich selbst nicht aufgegeben hast und dich zurück in das Leben gekämpft hast! Das ist mehr, als ich eine Zeit lang zu hoffen gewagt hatte und sollte es jemals eine Schuld gegeben haben, so hast du sie damit beglichen!“
Elrohir und Legolas nickten zustimmend und der Düsterwaldelb, der an Aragorns Seite saß, legte diesem eine Hand auf die Schulter.
„Elladan hat wahr und weise gesprochen, mellon nin. Außerdem denke ich, haben wir eine viel größere Schuld auf uns geladen, als wir deinen Befürchtungen wegen Haldur keinen Glauben geschenkt haben. Jeder deiner Freunde hätten dich gut genug kennen müssen, um zu wissen, dass man deinem Gefühl trauen kann. Vielleicht hätten wir dann all die Schrecken verhindern können. Ich bin froh, dass ich eine Gelegenheit dazu bekommen habe, Haldur etwas von den Schmerzen zurückzuzahlen, die er uns bereitet hat.“
Aragorn waren bei den Worten von seinen Freunden Tränen in die Augen getreten, aber er schämte sich dafür nicht. Zu tief ergriff ihn die aufrichtige Zuneigung und Freundschaft, die ihn mit seinen Gefährten verband und es erfüllte ihn mit Liebe und Wärme, sie an seiner Seite zu wissen. Er lachte befreit auf und wischte sich mit dem Handrücken flüchtig die salzigen Perlen aus den Augenwinkeln.
„Nun, dann bleibt wohl nur noch eine Sache, die es zu klären gibt. Wann holen wir deine Hochzeit mit Tanhis nach, Legolas!?“
Ein verschmitztes Lächeln breitete sich über Legolas’ Gesicht und er tauschte einen vielsagenden Blick mit den Zwillingen.
„Um ehrlich zu sein, mein Freund, haben wir bereits alles so weit vorbereitet, dass wir nur noch auf zwei Dinge warten mussten, um meinen Bund mit Tanhis zu schließen. Den Ersten haben du und Elrond heute Abend erfüllt, indem er dich als gesund erklärt hat. Für den zweiten bleibt nur so viel zu tun, eine Nachricht an Faramir zu senden, damit er mit Eowyn und Eomer so rasch wie möglich zum Düsterwald kommt. Und dies kann ganz geschwind geschehen! Ich werde selbst mit Saradas hinfliegen und sie auch gleich mit ihm hierher bringen.“
„Na, du scheinst es ja wirklich eilig zu haben!“, rief Elrohir aus und klopfte Legolas dabei so fest und kameradschaftlich auf den Rücken, dass dieser gespielt aufstöhnte. Die kleine Gruppe brach nun in schallendes Gelächter aus das damit endete, für den nächsten Tag alles in die Wege zu leiten. Nachdem sie damit fertig waren, begleitete Legolas Aragorn noch bis zu seinen Gemächern und zog sich dann selbst zurück.
Bald, dachte er, als er sich leise und vorsichtig neben Tanhis auf ihrem gemeinsamen Lager nieder ließ. Bald werden wir auf ewig in Liebe verbunden sein.
***
Aragorn lachte unterdrückt auf, als er seinen sonst so ruhigen und besonnenen Freund dabei beobachtete, wie er ungeduldig auf der Lichtung auf und ab lief und immer wieder zwischen die Bäume spähte.
„Ist es möglich, dass man so lange benötigt, um sich anzukleiden und eine so kurze Strecke zurück zu legen?“, murmelte er dabei. Ähnliche Äußerungen brachte er schon eine geraume Weile zum Ausdruck, was Aragorn nur noch mehr belustigte.
Zum wiederholten Male blieb der Elb stehen und ließ prüfend seinen Blick über die kleine Lichtung schweifen, die sie für die Trauung vorbereitet hatten.
Die Bäume und Blumen standen in den ersten Blüten des anbrechenden Frühlings und zauberten eine wahre Farbenpracht, die sie nicht mit allen Hilfsmitteln aus ganz Mittelerde hätten zaubern können. Die Sonne warf ihre Strahlen großzügig durch die Wipfel der Bäume und tauchte den gesamten Platz in ein märchenhaftes Licht. Bienen und Hummeln durchbrachen es hin und wieder, begleitet von Schmetterlingen und Vögeln. Die kleine Quelle plätscherte fröhlich über die Steine ihres Bettes und schlängelte sich im Halbkreis um den mit Efeu bewachsenen Steinpavillon, in dem Aragorn auf der Brüstung saß. Dieser Ort war in dessen Augen erfüllt von der Magie des Waldes und er wußte, dass sich sein Freund genau diese Atmosphäre für seine Verbindung mit Tanhis gewünscht hatte. Er dankte Thranduil im Stillen, das er am Ende doch noch nachgegeben hatte und auf eine Trauung mit all dem übertriebenen Standesregeln verzichtet hatte. So gesehen hatten die Ereignisse der letzten Monate doch noch etwas Gutes gehabt!
Legolas fuhr sich mit der Hand immer wieder durch die Haare und zog zum tausendsten Mal seine Tunika zurecht. Als er dabei zu Aragorn aufschaute, entdeckte er das belustigte Lächeln in den Mundwinkeln seines Freundes.
„Was gibt es denn da zu grinsen?“, fragte er aufgebracht und augenblicklich zwang sich Aragorn zu einer ernsten Mine. Doch dann weiteten sich seine Augen vor aufrichtiger Bewunderung, als er über die Schulter seines Freundes blickte. Er nickte in Richtung des Waldrandes.
„Sieht aus, als wären deine Flüche erhört worden, mellon nin. Da kommt die Erfüllung deiner Träume…“
Legolas wirbelte geradezu herum und es war nicht nur die rasche Bewegung, die ihm danach Schwindel bereitete.
Die kleine Prozession seiner engsten Freunde trat in die Strahlen der Sonne, alle in ihren besten Kleidern gewandet und ausnahmsweise trieben sogar die Hobbits einmal keinen Schabernack, sondern trugen lediglich offene Freude zur Schau. Vielleicht lag es daran, dass sie von Gandalf, Elrond und Thranduil flankiert wurden, deren Würde und Respekt die Halblinge zu bändigen schien. Eowyn wurde von Faramir und Eomer in die Mitte genommen und hatte ihr bezauberndes Lächeln aufgesetzt. Doch was Legolas beinahe taumeln ließ, war der Anblick von Tanhis, die von Gimli mit Stolz geschwellter Brust die Gefährten anführte. Noch nie hatte er Tanhis schöner gefunden, als in genau dem Augenblick, als der goldene Glanz der Sonne auf sie fiel. Das Cremefarbene Gewand, mit goldenen Stickereien verziert, schmiegte sich um ihre schlanke Gestalt und glitzerte im Licht. Ihre Haare wallten in ungewohnter Ordnung bis über ihre Schultern und waren mit Bändern verflochten, die zu der Farbe ihres Kleides passten. Sie wirkte wie ein Gedanke der Valar, der Gestalt angenommen hatte, denn ein reineres Wesen vermochte Legolas sich nicht vorzustellen. Unsicher lächelte Tanhis ihn an, aber in ihren Augen lag ein erfüllter Glanz, als sie neben ihn trat und seine Hände ergriff.
Legolas holte zitternd Luft und merkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte. Aragorn trat neben die Beiden und lächelte hinter deren Rücken zu Arwen hinüber, die neben ihrer Freundin auf die Lichtung getreten war. Wenn Legolas in diesem Augenblick genauso für Tanhis empfand, wie er, wenn er Arwen anblickte, dann war er nicht alleine der glücklichste Mann in Mittelerde!
Legolas drückte Tanhis’ Hand und erwiderte ihr Lächeln. Er hatte sich noch nie glücklicher gefühlt, als in diesem Augenblick! Die Elbe seiner Träume stand neben ihm, um den Bund mit ihm einzugehen. Seine engsten Freunde waren um ihn, um daran Zeuge zu sein und Aragorn und Arwen standen ihnen als Paten bei.
Er warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Menschen und dankbar schloss er für einen Moment die Lider. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie er sich gefühlt hätte, wenn Aragorn diesen Augenblick nicht mit ihm hätte teilen können. Dann wäre dieser Tag nicht so vollkommen gewesen, wie er es nun war!
Seine Gefühle schienen überzuschäumen und umgehend machte sich ein weiteres Empfinden in seinem Körper breit. Er konnte förmlich spüren, wie Saradas ebenso zufrieden aufatmete wie er und sich in seiner Höhle zusammenrollte.