Kapitel 2
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Vorwort


Diese Geschichte habe ich geschrieben, um eine Möglichkeit auszufechten: Was wäre geschehen, wenn Sam Frodo nicht aus dem Turm von Cirith Ungol hätte retten können?
Dem Hobbit steht in Barad-dur etwas bevor, was Saurons Mund als Täuschungsmanöver seinen Freunden vor dem Schwarzen Tor angedroht hat:

„Und nun stehen ihm die gemächlichen Jahre der Folter bevor, so gründlich und geduldig, wie wir im großen Turm diese Kunst nur auszuüben verstehen; und er wird nie entlassen, es sei denn vielleicht, wenn er verwüstet und zerbrochen ist. Dann bekommt ihr ihn zurück, damit ihr seht, was ihr angerichtet habt!“

Hier ist der erste Schritt dazu wirklich getan. Die Geschichte rollt in einem Schlüsselpunkt der Originalgeschichte ein Alternative Universe auf, allerdings habe ich versucht, die wahrscheinlichsten Folgen anzuschließen und mich vom Original nicht zu weit zu entfernen, denn mir ging es hauptsächlich um eines: Die Erkundung der im Original weitgehend versteckten dunklen Seite.
Dabei habe ich mich, wie sicherlich auffallen wird, auch von Filmbildern inspirieren lassen, und zwar ganz bewußt. Auch dem Leser werden die Filmbilder präsent sein, und so wird das Ganze zu einer Synthese von Buch, Film und den eigenen Ideen bezüglich der Bösartigkeit des Dunklen Herrschers.

Saurons übles Werk wird von Tolkien erwähnt und als Erzählbericht beschrieben, die Orte und Schergen des Dunklen Herrschers werden in die Handlung eingeflochten, aber der wahre Kern dieses Bösen bleibt dem Leser in seinen Einzelheiten verborgen; er gerät nie so nah an Sauron heran, wie Frodo ihm in meiner Geschichte tatsächlich kommt.

Ich wollte ergründen, was hinter der Dunkelheit Mordors verborgen ist, wollte herausfinden, was die Drohung von Saurons Mund tatsächlich bedeuten kann, und sie hat durchweg eine extrem düster und dicht beschriebene Geschichte zur Folge, die somit Details und Szenen erhält, die nach meinem Empfinden den Leser mit auf eine Reise in dieses Dunkel nehmen, daß es fast an Grenzen geht.
Aber das hat seinen Grund, denn all das sind logische Konsequenzen aus dem Geschehen, wie ich es am Anfangspunkt in Cirith Ungol verändert habe.

Was ich erzähle, ist eine Möglichkeit des Geschehens, und ich hoffe, sie vermittelt, was ich selbst beim Schreiben gesehen habe.
Bei manchem fiel es mir nicht leicht, es zu schreiben, aber nur mitsamt dieser Einzelheiten ergibt sich das ganze Bild.

Ich wünsche eine spannende Lektüre.




Erstes Kapitel: Cirith Ungol

Seine Finger fühlten sich seltsam taub und gefühllos an, als er sie zu bewegen versuchte. Wie lange er dort reglos gelegen hatte, wußte Samweis Gamdschie nicht zu sagen, aber als er nun wieder zu sich kam, fühlte er neue Kraft in sich erwachsen. Er brauchte eine Sekunde, um sich an alles zu erinnern, was gewesen war, an all die schreckenerregenden Ereignisse, die sich vor nicht allzu langer Zeit ereignet hatten. Es waren Bilder in seinem Kopf, die einander abrupt folgten, Bilder, welche die grauenvolle Kreatur zeigten, die sich über Sams bewußtlosen Herrn beugten.
Sam sah Frodos kränklich weißes Gesicht, sah ihn wie tot in seinen Armen liegen ganz ohne Hoffnung auf Rückkehr ins Leben.
Er konnte sich nicht von dieser grausamen Erinnerung lösen, ganz egal wie sehr er es versuchte, er hatte immer Frodos leblose, blutunterlaufene Augen im Kopf, die seinen Tod durch das bittere Gift des einen von Morgoths Sklaven zu bezeugen schienen - aber dieser Eindruck hatte sich zuletzt als völlig falsch erwiesen.
Er war nicht tot, aber jetzt war er gefangen, vom Feind geholt in die entsetzliche Festung, die nicht zu weit von dem Ort entfernt war, an dem Sam nun auf dem kalten und staubigen Boden lag.
„Wirst du nun endlich damit aufhören, herumzujammern, und aufstehen?“ zwang Sam sich selbst, aufzustehen und etwas zu tun, was möglicherweise die offensichtlich hoffnungslose Situation ändern konnte.
Er versuchte, nun zu entscheiden, was er tun sollte. Der bloße Gedanke an die grausamen Dinge, die Frodo erleiden konnte, während er noch immer untätig herumstand, brachte tiefste Unruhe über ihn. Er warf sich vor, schuld am Schicksal seines Herrn zu sein.
Sam hatte versagt bei dem Versuch, Frodo zu beschützen, obwohl das seine wichtigste Aufgabe gewesen war. Er war gerade dabei gewesen, den toten Körper der Dunkelheit des Schwarzen Landes zu überlassen, er hatte den Ring genommen, er war sich sicher gewesen, was die ihm zugedachte Aufgabe war, aber dann hatte das Geschrei der Orks seinen Plan zunichte gemacht.
Er konnte Frodo nicht seinem Schicksal überlassen, er mußte ihn jetzt retten, noch war es nicht zu spät.
Schwankend machte er einen Schritt nach vorn und stolperte durch die undurchdringliche Finsternis des engen Tunnels, der von einem faulen Gestank erfüllt war. Sam nahm an, daß dies der Gestank des Übels war, und das Übel konnten Orks sein, das achtbeinige Monster, der Tod...
Entschlossen umklammerte er Stichs Griff, um sicher zu sein, daß die Waffe sich an ihrem Platz befand, er würde das Elbenschwert brauchen, um zumindest eine winzige Chance zu haben, den Weg zum Turm von Cirith Ungol hoch zu überleben.
„Ich komme, Herr Frodo, ich bin gleich hier, dein Samweis...“ flüsterte Sam, der auf ein unbekanntes Ziel zuhielt. Die Möglichkeit, über der Tür einen Weg entlangzuklettern, war seiner Aufmerksamkeit entgangen, ein folgenschwerer Fehler, wie sich bald herausstellen würde. Jetzt hatte Sam den gefährlicheren Weg gewählt, den Weg, der ihn von der Hoffnung fort fehlleiten würde.
Noch war Frodo wichtiger für ihn als der Ring es je sein würde. Natürlich war Frodo in dieser Situation durch den Ring, genau wie Sam auch, aber die Hoffnung, dieses Instrument der absoluten Macht jemals zu vernichten war dünn.
So auch die Hoffnung, Frodo zu retten, aber er würde es sich nie verzeihen können, daß er Frodo der Folter und dem Tod überlassen hatte.
Er würde es allein nicht schaffen, er war verloren, es war seine Pflicht, Frodo zu helfen und ihm den Ring zurückzubringen.
Sam hatte es außerordentlich eilig. Er mußte Frodo einfach retten, dazu war ihm jedes Mittel recht, und in diesem Moment bestand seine Hoffnung vorerst darin, sich zu beeilen und aufzuholen. Irgendwohin waren die schmutzigen Diener des Dunklen Herrschers mit Frodo verschwunden, aber er würde sie finden und seinen Herrn zurückholen!
So schnell seine kurzen Hobbitbeine ihn trugen, hastete er durch die Finsternis, bis er plötzlich einen Ausgang vor sich entdeckte, der sich durch den Einfall des dämmrigen und mehr dunklen als hellen Lichts Mordors sichtbar machte.
Das war immerhin ein Anfang! Gleich einer heißen Welle stieg Hoffnung in Sam auf und er lächelte fast, weil er sich auf einen Schlag nicht mehr gar so verloren vorkam, sondern daran zu glauben wagte, daß alles wieder gut werden würde.
Flink lief er voran. Er war zwar nicht der schnellste Hobbit, aber sein Vorhaben schien ihm Flügel zu verleihen und er war mit einem Male sehr ausdauernd.
Endlich lag das Dunkel des Tunnels hinter ihm, mit einem Male stand er draußen und erblickte vor sich einen schier himmelhohen, schwarzen und spitz bezinnten Turm bis in die Wolken aufragen.
Eigentlich war der Turm gar nicht so hoch, aber dem kleinen Hobbit erschien er umso imposanter, weil schwarze Wolken von Übel seine Spitze umhüllten.
Aber das schüchterte Samweis Gamdschie nur langsam ein. Er hatte Stich, er hatte Mut, was brauchte er mehr?
Doch für einen kurzen Moment drohte sein Mut zu schwinden und er zauderte.
Die riesenhafte Festung schien ihm unerreichbar, denn er sah zwar das Tor, das auf den von einer hohen Felsmauer umstandenen Hof vor dem Turm führte, allerdings behagte diese Örtlichkeit ihm nicht sehr. Sie verströmte Übel, wie alles, was er ringsum sah.
Die ascheschweren Wolken, die den Atem des Schicksalsberges trugen, schienen rot wie Glut im Schein seines auflodernden Feuers, und dennoch waren sie pechschwarz und finster, drohten jeden Atemzug zu ersticken.
Überall waren nur hohe Berge, die genauso schwarz waren wie alles andere. Der hohe Turm verschluckte ebenso jedes Licht und verbreitete dafür Schatten, erstickte jeden Hoffnungsschimmer im Keim, roch nach Verwesung und Tod.
Der Geruch fauligen und verbrennenden Fleisches stieg Sam in die Nase und er hustete so leise er konnte. Niemand durfte ihn hören.
Er traute sich nicht, den offenstehenden Weg zu beschreiten. Es mußte doch auch einen geheimen geben!
Hilfesuchend sah der verschüchterte Hobbit sich um. Sein Herz war standhaft, unnachgiebig wie die Rüstung eines Kriegers der Freien Völker, immerzu besorgt um Frodo, aber auch erfüllt von Angst vor diesem schauerlichen Ort.
Doch dann plötzlich gellte ein hoher Schrei des Schmerzes und der tiefen Angst durch die abscheulich stinkende Luft, hallte an den Bergen wider, so schien es dem erschütterten Samweis, und er entschied, nun endlich einen Schritt nach vorn tun zu müssen.
Aber der Schrei endete nicht einmal und brachte Sam zu der entsetzlichen Überzeugung, daß er von Frodo stammte. Er fuhr ihm bis ins Mark, ließ ihn schaudern und die Augen schließen, zerrissen von Schmerzen war er wohl, und das peinigte auch Sam.
Tränen schossen ihm in die schreckgeweiteten Augen und er vergaß, wo er war.
„Ich komme, Herr Frodo!“ schrie er aus vollem Leibe und zog in einer entschlossenen Bewegung das Elbenschwert, das blau glühend an seiner Seite gehangen hatte, dann machte er einige Schritte nach vorn und baute sich vor den drohenden Wächtern auf.
„Ihr werdet mich nicht zurückhalten!“ brachte er entschlossen vor, auch wenn seine Knie schlotterten und er die Hand nicht ruhig halten konnte, in der Galadriels Phiole auf einen Schlag gleißend hell zu strahlen begann und damit einen Teil der Dunkelheit zerschnitt und verscheuchte.
Eine unsichtbare Wand hatte sich vor ihm aufgetürmt, die er allerdings nicht scheute. Ihm machte vielmehr das geifernde Gelächter der noch anwesenden Orks zu schaffen, die hinter der Mauer nur so auf ihn als ihre Beute lauerten.
Doch dann holte er tief Luft und schrie gegen die Bedrohung an, er brüllte vor Wut in Richtung der versteinert grinsenden Wächter zu beiden Seiten des Tores, deren unsichtbarer Bann durch das vibrierende Licht Earendils ins Wanken geriet und zu bröckeln begann.
Samweis machte einen großen Satz nach vorn und sprang einfach durch das Tor hinein in den Hof vor dem Turm, aber tatsächlich schlichen überall um ihn herum einige Orks mit auf dem Stein knirschenden, kralligen Füßen herum und zischten hämisch. Was sie sagten, konnte er nicht verstehen, aber es war ihm gleich.
Er war in keinster Weise gegen sie geschützt.
Aber da vor ihm klaffte ein jäh in die Dunkelheit schwindender Eingang in den finsteren Turm auf, und der war sein Ziel.
Noch beladen mit scheppernden Pfannen und Löffeln, rannte Sam los und hörte Pfeile zischend an sich vorbeifliegen, klappernd zu Boden gehen und sie verfehlten ihn nur knapp, aber er achtete nicht darauf.
Zwei oder drei Orks sprangen mit einem Satz von der großen Mauer hinab und hissten einander Befehle entgegen, sie waren hinter ihm her, und auf einmal spürte Sam einen brennenden Schmerz an seinem Arm.
Ein Pfeil steckte quer durch seinen rechten Oberarm, hatte sich fast in seinen Leib gebohrt, war einzig am langen Stiel seines Suppenlöffels abgeprallt, der fast an seiner Seite hing.
Er unterdrückte einen Schmerzensschrei und hörte die Luft in den Ohren rauschen, als er so schnell wie nie dem Eingang entgegenrannte, unerschrocken und einzig an Frodo denkend.
Die stickige Luft brannte in seinen Lungen, nahm ihm den Atem, ließ Sterne vor seinen Augen tanzen. Doch Sam kannte keine Ermüdung.
Zwei weitere Pfeile prallten an den Pfannen über seinem Rucksack ab, dann war er ins Dunkel des Turms verschwunden.
Der Verwesungsgestank wurde stärker. Rauch lag in der Luft, Fleisch brannte, und ganz gewiß nicht zu Zwecken der Nahrung - Sam wußte, Orks aßen nur rohes Fleisch.
Ein harter Brechreiz schnürte ihm die Kehle zu.
Frodo.
Plötzlich stand ein fies kichernder Ork mit erhobener schartiger und blutverkrusteter Klinge vor ihn. Sam hob Stich mit dem Mut der Verzweiflung und stieß ein tiefes Grollen aus. Bedingt durch die Tatsache, daß er noch die Kapuze auf dem Kopf trug, mutete er wie eine finstere kriegerische Gestalt an und schaffte es allein durch seine Erscheinung, den Ork so zu überraschen, daß er ihm ungebremst die scharfe Klinge Stichs in den Leib stieß, unter seiner Hand spürte, wie er Fleisch und Gedärme zerschnitt, dann spritzte dickes, schwarzes Orkblut auf seine Hand.
Mit einem schrillen Schrei ging der Ork zu Boden und hinterließ auf Stich nur eine lange, zähe Spur frischen Blutes, die jedoch den blauen Schimmer in keinster Weise verdunkelte.
Sam wandte sich um und hielt das leuchtende Schwert hoch, stieß einen lauten Schrei aus, der den ihn verfolgenden Orks unmißverständlich seinen Sieg deutlich machte, und sie blieben abrupt stehen.
Das war zuviel für sie, ein so kleines Wesen besiegte ganz allein einen von ihnen!
Noch dazu waren sie treulos und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht, so überließen sie es dem Eindringling, weiter oben mit anderen Orks fertigzuwerden. Sollten die sich doch seiner annehmen.
Keuchend stand Sam am Fuß einer langen, sich steil und uneben emporwindenden Treppe, die nur selten von fast grünlich lodernden Pechfackeln erhellt war. Der Pfeil in seinem Arm interessierte ihn vorerst nicht, ihm war nur wichtig, unbehelligt die Treppe hinaufzukommen.
Frodo würde niemals unten sein. Er hatte, soweit er hatte sehen können, kein mögliches Versteck dort unten ausmachen können, und selbst Orks waren nicht so dumm, einen Gefangenen so nah am Eingang der Festung einzusperren.
„Herr Frodo!“ rief Sam unerschrocken und polterte schnaufend die Treppe hinauf. Die steilen Stufen waren sehr hoch, er mußte fast springen, um die nächste zu erreichen, und uneben waren sie noch dazu.
Nicht nur ein Mal rutschte Samweis ab und prallte bäuchlings auf die Kanten der schwarz im Licht glänzenden Stufen. Seine Rippen dankten es ihm mit pochenden Schmerzen, es fiel ihm schwer, zu atmen, sein Schienbein war so angeschlagen, daß sein Bein stark zitterte und er einmal taumelnd gegen die Wand fiel.
Aber kein Ork folgte ihm. Es war Sam egal, wo sie steckten, es war sowieso alles verloren, er wollte nur Frodo retten.
An seiner Schwerthand, die noch immer Stich hielt, klebte das trocknende Orkblut. Ekel ermächtigte sich des kleinen Hobbits, der Orks abgrundtief haßte, und er wagte nicht, sich Frodos Qualen in diesem Augenblick auszumalen.
Er war irgendwo hier, und es würde ihm sicher nicht gut gehen.
„Herr Frodo“, rief Sam und schnappte nach Luft, „wo bist du?“
Aber er erhielt keine Antwort.
Schier unendlich schraubte sich die Treppe den Turm hinauf. Sam kam kaum zu Atem, dachte nur ans Weiterlaufen und übersah so fast die erste Zwischenetage, die an diesem Ort zu finden war.
Schwer atmend blieb er stehen und wischte sich mit der linken Hand über die schweißbeperlte Stirn. Als er sich kurz umwandte, blieb noch immer alles still, so steckte er Stich für einen kurzen Moment weg und schlich auf leisen Hobbitsohlen von der Treppe fort in den zwielichtigen Gang, an dessen Ende sich zu beiden Seiten jeweils eine Tür befand. Sam trat näher, erst hatte er nur die Umrisse der Türen erkennen können, doch nun sah er, daß sie beide offenstanden.
Frodo war nicht dort.
Aber als er trotz allem einen Blick in den sich dahinter offenbarenden Raum warf, stockte ihm der Atem und sein Vorhaben, den Pfeil aus seinem Arm zu ziehen, war vergessen.
Das war Saurons Werk.
Er entdeckte spitze, schwarz verkrustete Rundhaken an der gegenüberliegenden Wand, daneben hingen zahllose Messer jeder Größe und jeder Klingenart, schartig und krumm, kurz oder breit, aber allesamt so blutverkrustet wie die Haken an der Wand.
In der Mitte des Raums stand ein Kohleofen, eine kreisrunde, aus Stein gemauerte Einrichtung, in der nur wenige kalte Kohlen lagen - aber allein die Existenz dieses Ofens bereitete Sam extremes Unbehagen.
Ihm war klar, warum daneben Feuerhaken von der Decke hingen.
Dahinter trat allmählich ein seltsames Ding aus der Finsternis hervor, das Sam bei näherem Hinsehen als eine hölzerne und mit Metallringen beschlagene Folterbank erkannte. Darauf sah er etwas liegen, das vermutlich dazu benutzt wurde, Knochen zu zermalmen, genau beschreiben konnte Sam den Aufbau des Gegenstandes nicht, weil er nicht hinzusehen wagte.
Ein stachelbesetzter Metallgürtel lag daneben und machte Sam erst recht den fauligen Verwesungsgestank bewußt, der in der Luft lag.
Vor seinen Füßen lag eine lange lederne Peitsche, dann sah er Blutspritzer im Umkreis auf dem Boden verteilt, die zwar getrocknet waren, aber im Schein der Fackel dennoch furchterregend glänzten.
Sam hätte fast aufgeschrien, fuhr zu Tode erschrocken herum und lehnte sich keuchend und mit geschlossenen Augen an die Wand neben der Tür, doch dabei schob sich der Pfeil nur tiefer durch seinen Arm und ließ ihn schreiend zusammenzucken.
Mit einem sturen Blick starrte er auf den Pfeil, klemmte das eine Ende in die tiefe Fuge zwischen zwei Mauersteinen und weil er keine Wahl hatte, versuchte er noch, mit der bluttriefenden rechten Hand den Pfeil festzuhalten und die Spitze abzubrechen.
Ein jäher Schrei immensen Schmerzes entfuhr ihm, als er damit tiefer in sein Fleisch riß, bevor der Pfeil endlich brach und er ihn aus der stark blutenden Wunde ziehen konnte.
Warmes Blut lief tropfend über seinen Arm. Sam zitterte und mußte fast vor Übelkeit würgen, aber er konnte sich noch beherrschen, warf den Pfeil fort und stolperte wieder der Treppe entgegen.
Er mußte weiter und Frodo finden!
„Frodo!“ rief er aus vollem Halse und lauschte, bevor er weiterlief. Und dann hörte er tatsächlich eine dünne Stimme von oben, ein erstickter Schrei drang an seine Ohren und es klang wie sein Name, was er vernahm!
„Herr Frodo!“ rief Sam erneut und nahm die Beine in die Hand.
Wenn sie ihn nur nicht so gefoltert hatten!
Schritt für Schritt hastete er die Treppe hinauf, bis er plötzlich einen Durchgang in der Wand aufklaffen sah, der auf eine Art Dach neben dem Turm hinaus führte.
Dann hörte er einen verzweifelten Hilfeschrei, gellend und laut, und er zuckte zusammen.
„Sam!“ schrie Frodo mit brüchiger, halb erstickter Stimme, und Sam glaubte, den panischen Angstschrei seines geliebten Freundes von dem Dach herrühren zu hören.
Aus tiefster Kehle vor Wut brüllend, stürmte Sam mit erhobenem Schwert hinaus und erkannte im Dämmerlicht drei Orks, zwei der kleineren, gebückt gehenden Snaga und einen hochgewachsenen, muskulösen und massiv gerüsteten Uruk-hai. Die beiden kleinen Orks hatten sich zusammengerottet und schienen irgendetwas verstecken zu wollen.
Frodo! schoß es Sam durch den Kopf und er holte tief Luft.
„Laßt meinen Freund frei!“ knurrte er mit verkniffenen Augen zwischen den Zähnen hervor und ließ Stich in der Hand kreisen.
„Oh!“ rief der Uruk-hai verwundert und mit einem grollenden Geräusch in der Stimme.
„Da kommt noch so eine kleine Laus, die uns im Pelz sitzen will, seht mal!“
„Die Laus wird euch gleich noch ganz woanders sitzen!“ rief Sam.
Mit einem schnatternden Unterton kicherten die beiden kleineren Orks und lösten sich voneinander, einer zog rasselnd das krumme Schwert, der andere sparte sich das noch, aber sie kamen alle drei auf Sam zu.
„Willst du auch nach Lugburz?“ fragte der andere der Snaga, der noch keine Anstalten machte, Sam anzugreifen.
Sam hielt für einen Moment inne und überlegte. Lugburz? Alle Orks sprachen davon. Es mußte Barad-dur sein!
Ihm gefror spürbar das Blut in den Adern und es schüttelte ihn. Das mußte er verhindern!
„Wo ist er? Laßt ihn in Ruhe!“ rief er. Noch stand er einige Fuß von seinen Gegnern entfernt, die ihn scheinbar nicht ernst nahmen, da keiner die eigentlich leichte Beute angreifen wollte.
Sam dachte nicht mehr nach. Er hatte für einen kurzen Augenblick an den Ring gedacht und daran, daß alles verloren war, wenn sie ihn jetzt besiegten und gefangennahmen - aber er würde es auch allein nicht zum Schicksalsberg schaffen. Wo er unterging, war ihm inzwischen gleich.
„Die kleine Ratte ist doch längst fort! Aber wir stehen umso besser da, je mehr Spione wir nach Lugburz schicken!“ grinste der Uruk-hai mit faulig-schiefen gelben Reißzähnen, die aus dem Loch eines Mundes in einem zernarbten und durchfurchten Gesicht herausstachen.
„Niemals!“ brüllte Sam und holte mit Stich weit aus, aber der Uruk-hai parierte seinen Schlag mit enormer Kraft. Wo er plötzlich die Waffe her hatte, wußte Sam nicht zu sagen, und er mußte sich noch dazu gegen den anderen Ork verteidigen, der plötzlich auch mitmischen wollte.
Sein einziger Vorteil lag darin, daß seine Feinde ihn aufgrund seiner Größe unterschätzten. Voller Wut und Verzweiflung hieb Sam auf den kleinen Ork ein und ohne es zu beabsichtigen, schlug er ihm den Schwertarm ab.
Mit einem selbst zutiefst erschrockenen Schrei sprang er zurück, denn das zähe Blut des Orks spritzte ihm entgegen, bevor derselbe taumelnd zu Boden ging, und der andere Ork ergriff vorsorglich die Flucht.
Damit war nur noch der Uruk-hai übrig, der nicht auf seinen sich wimmernd am Boden windenden Kumpanen achtete, sondern jetzt mehr Interesse an Sam zeigte und ihn von oben herab mit einem schweren Schlag attackierte.
Sam sprang gewandt zur Seite und drehte sich mit auf seinem Rucksack scheppernden Pfannen im Kreis und schlug dem Uruk-hai das Schwert gegen die schwere Kettenpanzerung.
„Kämpfen kann er auch noch!“ rief der Uruk-hai überrascht mit seiner brummend gemeinen Stimme und wollte noch ein wenig mit Sam spielen, doch dieser hatte keine Geduld und warf sich kurzerhand neben dem immer noch lauthals kreischenden Ork zwischen den Uruk-Beinen auf den Boden und rammte mit aller Entschlossenheit Stich zwischen die Beine seines Gegners.
Brüllend vor Schmerzen warf der Uruk-hai seine Waffe zu Boden und nur knapp an Sams Kopf vorbei, dann kippte er rücklings zu Boden und fluchte in einem orkischen Dialekt, bis seine Stimme immer leiser wurde.
Keuchend lag Sam für einige Sekunden noch auf dem Boden, kümmerte sich dann jedoch nicht weiter um die Feinde, sondern dachte wiederum nur an Frodo.
Doch kaum daß er sich den Namen seines Freundes ins Gedächtnis gerufen hatte, fuhr ihm ein eisiger Schreck in die Glieder, als er einen fast schrillen Hilferuf an sein Ohr dringen hörte.
Es war Frodo, der seinen Namen rief.
Das hatte er die ganze Zeit getan, weil die Orks, die ihn fortbrachten, ihren Spaß an seinem Gejammer hatten. Gesehen hatte Frodo Sam nicht ein einziges Mal, aber gehört hatte er ihn, als man ihn hinunter in den Hof brachte, gerade in dem Moment, als Sam auf das Dach getreten war. So hatte er nicht mehr gemerkt, was sich hinter seinem Rücken abspielte.
Aber nun hetzte er an den Rand des Dachvorsprungs und starrte hinab in die für ihn schwindelerregende Tiefe.
Es waren Uruk-hai im Hof und einer hatte ein Bündel geschultert, das konnte Sam auch auf die Entfernung und im Dämmerlicht erkennen.
Er hätte Frodo immer und überall erkannt.
Sicher war er sich nicht, aber er glaubte, Frodo unbekleidet und mit auf dem Rücken gefesselten Händen zu sehen. Aber er hatte nicht viel Zeit, genau hinzusehen, weil die ihn umgebende Gruppe Uruk-hai äußerst schnell aufs Tor zulief und auch schon den sich serpentinenartig ins Tal hinabschlängelnden Weg erreicht hatte, der ins Innere von Mordor führte.
„Frodo!“ schrie Sam, so laut er konnte, einfach nur damit sein Freund ihn hörte, aber wenn Frodo eine Antwort gab, so hörte er sie nicht mehr.
Innerlich fluchend und zutiefst entsetzt wandte der erschütterte Samweis sich um und schluckte hart, vergeblich versuchend, den dicken Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken.
Er hatte versagt.
Was sollte er nun tun?
Niemals würde er diese Uruk-hai einholen, die Frodo nun nach Barad-dur brachten. Es wäre ihm unmöglich.
Heiße Tränen schossen ihm in die Augen, als er auf den Turm zustolperte und mit schnellen, aber kurzen Schritten und einzig an Frodo denkend die Treppe hinabjagte. Leise schluchzend überlegte er, was er nun tun sollte, denn sein allererstes Problem war doch, unbeschadet diese Festung wieder zu verlassen!
Konnte er Frodo retten?
Aber das Gewicht des Ringes um seinen Hals machte ihm ebenso zu schaffen wie die Frage um das Schicksal seines Freundes.
Er würde bis zum Tor eine Entscheidung treffen müssen.

Es war schlimmer als der schlimmste Alptraum, als er aufwachte. Ein hämmernder Kopfschmerz riß Frodo aus seiner Bewußtlosigkeit hoch und er öffnete seine vor Schwäche zitternden Augenlider ganz langsam.
Auch wenn seine Umgebung nur dämmrig beleuchtet war, stach und brannte das Licht in seinen Augen, weil er aus einer tiefen und schier endlosen Bewußtlosigkeit aufgewacht war. Erst hatte er etwas gehört, dann einen scharfen Schmerz im Nacken gespürt, der ihn frösteln ließ, weil er eine Todeskälte ausstrahlte.
Alles war taub.
Er wollte eine Hand ausstrecken und danach tasten, spürte dann allerdings, daß etwas seine Hände fest zusammenhielt.
Jetzt erst spürte er seine Arme. Er lag auf der Seite auf kaltem Stein, die Hände hatte er im Rücken, und sie waren mit einem faserigen Strick aneinandergefesselt.
Fast wäre er ruckartig emporgeschossen, allerdings fehlte ihm die Kraft dazu.
Vorerst gelang es ihm nur, die Augen zu öffnen und den Kopf leicht zu neigen.
Es reichte ihm außerdem, überhaupt zu wissen, daß er gefesselt war, denn daran bestand kein Zweifel mehr.
Als er den Kopf denen die Brust neigte, stellte er entsetzt fest, daß er völlig entblößt in einer finsteren Ecke einer kleinen Kammer lag. Man hatte ihm alle Kleider vom Leib gerissen, bis auf die Haut war er nackt, und vor lauter Panik schoß ihm eine Gänsehaut über den ganzen Leib.
Er richtete den Blick auf die Mitte des Raumes. Niemand war außer ihm dort, nur eine kleine, rotleuchtende Fackel leistete ihm Gesellschaft.
Schmale Fensterscharten führten zumindest den Blick aus dem kreisrunden Raum heraus, in dessen Mitte eine nun verschlossene hölzerne Falltür lag.
Frodo spürte, wie ihm heiß wurde. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was vorgefallen war, doch er konnte sich lange nicht entsinnen. Es fiel ihm schon schwer, sich überhaupt an seinen Namen zu erinnern, doch dann hatte er plötzlich Bilder im Kopf.
Er war mit Sam und Gollum nach Mordor geschlichen. Gollum hatte sie in diese Höhle geführt und war dann verschwunden, doch dafür waren sie gegen Spinnweben gelaufen, hatte kaum atmen können, und dann war dieses Biest gekommen.
Er hatte sie zuvor schon schemenhaft erahnen können, doch dann kam sie und stach ihn, er ging zu Boden und sah noch, wie sie sich über ihn beugte mit ihrem abscheulichen, riesigen Leib, und ihn einzuspinnen begann.
Doch er war nicht eingesponnen, trug nicht einmal mehr seine Kleidung am Leib, Sam war fort und -
Seine Kleidung.
Er trug auch den Ring nicht mehr!
„Nein!“ entfuhr es ihm halblaut und er hustete.
Was hatte das alles zu bedeuten?
Plötzlich hatte er den entsetzlichen Verdacht, daß er in dem Turm war, den er und Sam von weitem gen Himmel hatten aufragen sehen. Die Orkfeste am Eingang Mordors.
Und wahrscheinlich hatten sie ihn entdeckt, ihn, den Spion... und sie hatten den Ring genommen!
Jetzt war alles aus.
Sie hatten auch Sam ganz bestimmt in ihrer Gewalt, sie quälten ihn, und er würde auch noch an der Reihe sein.
Mühsam versuchte Frodo, sich trotz seiner gefesselten Hände abzustützen und aufzurichten. Ihm war schwindlig und sein ohnehin leerer Magen rebellierte bei der kleinsten Bewegung.
Frodo mußte würgen, aber weil sein Magen völlig leer war, konnte er sich gar nicht übergeben. Sein halber Körper war taub, aber er lebte noch.
Er bekam es mit der Angst zu tun. In seinem Hals war ein dicker Kloß, der ihm die Luft abschnürte, aber er versuchte dennoch, tief durchzuatmen und trotz seiner Panik glaubte er, daß er nichts mehr zu verlieren hatte, und nahm allen Mut zusammen.
Dann schrie er.
„Sam!“ rief er, wiederholte den Hilferuf, sehnte sich ein Lebenszeichen seines Freundes herbei.
Sam war gefangen oder tot. Andernfalls befände Frodo sich jetzt gewiß nicht in dieser prekären Situation - oder Sam war auf dem Weg, ihn zu retten!
Aber das konnte Frodo sich nicht vorstellen, dafür kannte er Sam zu gut. Niemals hätte Sam es von vornherein zugelassen, daß man ihn gefangennahm, es sei denn...
Es sei denn, Sam hatte ihn für tot gehalten und stand nun allein und verlassen am Tore Mordors, ohne zu wissen, was er tun sollte.
Frodo schluckte hart. Er war verloren, soviel war gewiß.
Auf einmal schreckte ein lautes Poltern ihn aus seinen Gedanken hoch. Ein Knirschen drang an seine Ohren, dann ein Ächzen und ein heiseres Krächzen, dann scharrte etwas unter der Falltür, sie wurde entriegelt und ein häßlicher Orkkopf schob sich durch den geöffneten Spalt, um nach ihm zu sehen.
„Tatsache, der kleine Bastard ist wieder wach! Hab ich dich gehört. Und weißt du was? Irgendwo hier rennt noch so eine Ratte herum wie du und schreit so komisches Zeug. Der sucht dich bestimmt. Ich glaube, es wird Zeit, daß du nach Lugburz kommst!“
Frodo spürte, wie ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich und er sich ängstlich an die kalte, harte Steinmauer preßte.
Es gab kein Entrinnen.
Der Snaga klomm die Leiter vollends empor, ließ mit einem lauten Krachen die Falltür zu Boden sausen und stapfte in Frodos Richtung los.
„Geh weg!“ schrie der Hobbit mit in Todesangst geweiteten Augen. Ein stinkendes Fell hatte der Ork übergeworfen, ein schartiger Dolch hing an seiner Seite, gerüstet war er nicht, und das hatte Spuren hinterlassen. Etwas hatte schon einmal fast seinen Schädel gespalten, der auf bizarre Weise mit einem Metallstück an der tiefen Bruchlinie zusammengenagelt worden war.
Ein Augenlid konnte er nicht ganz öffnen und sabberte unverfroren aus einem Mundwinkel. Seine krumme Nase schnüffelte nach Frodo, dann grinste er.
„Oh, ich rieche Angst! Ich glaube, wir sollten ein Spielchen mit ihm spielen. Lugdusch! Beweg deinen Hintern endlich hoch!“ brüllte der Ork über seine Schulter zurück zu dem Loch im Boden, woraufhin unlustiges Geschnatter von unten ertönte.
„Ist es wenigstens lustig?“ fragte Lugdusch und erklomm die knarrende Leiter. Im Gegensatz zu dem ersten Ork handelte es sich bei Lugdusch um einen zwei Köpfe größeren, fast noch stechender nach üblem Schweiß und Schmutz riechenden Uruk-hai mit rasselndem, schwarz angelaufenem Kettenhemd über den zerfetzten Sachen.
Seine schweren Stiefel ließ er auf den Boden niedersausen und marschierte stramm auf Frodo und den anderen Ork zu.
„Klar ist es lustig! Guck mal, der macht sich gleich naß!“ stellte der kleine Ork kichernd fest, als er mit seinem krummen Finger auf Frodo zeigte. Dieser saß wie angewurzelt da und wollte nur weg, selbst der Tod wäre ihm lieber gewesen als diese Orks.
Lugburz... wer vermochte denn zu sagen, was sie vorher noch mit ihm tun würden!
Sie musterten ihn von Kopf bis Fuß und schnarrten irgendetwas in ihrem häßlichen Dialekt vor sich hin, bevor sie laut lachten und sich vor ihm aufbauten.
Jetzt war alles aus.
Doch unterbrochen wurden sie jäh von einem gellenden, fast hilflosen Schrei, der in Frodos Augen wieder so etwas wie Hoffnung auflodern ließ.
„Herr Frodo!“
Es war eindeutig Sams Stimme. Frodo spürte einen heißen Schreck in sich auffahren, aber dann war da ein letzter Funken Mut, mit dem er antworten konnte.
„Sam!“ schrie er unter Todesangst, weil die beiden Orks sich in diesem Moment zu ihm hinabbeugten, Lugdusch packte ihn und zog ihn hoch, der andere zischte etwas unverständliches und bevor Frodo wußte, wie ihm geschah, band der kleinere Ork ihm einen nach verschiedenen ekelerregenden Dingen riechenden Stoffetzen um die Augen, und zwar so fest, daß Frodo vor Schmerzen aufschrie.
Der harte Stoff schnitt in seine Haut und er konnte sich nicht wehren, als der Ork einen festen Knoten zog. Der Uruk-hai ließ den Hobbit nämlich nicht los, der seinen Kopf nicht einmal mehr bewegen konnte und in seinem hellhäutigen Oberarm die scharfen Krallen der starken Orkhand spürte.
Lugdusch hielt ihn hoch, als hätte er kein Gewicht, und als Frodo die Augen verbunden waren, schüttelte er den wehrlosen Hobbit und lachte.
Erneut schrie Frodo auf, schrie nach Sam, trat panisch um sich und traf dabei Lugduschs Kettenhemd, was ihn selbst schmerzerfüllt aufschreien ließ. Fast wäre sein Fußgelenk umgeknickt.
Bestens amüsiert machte Lugdusch ein paar Schritte und warf sich Frodo derweil über eine Schulter. Einen Arm legte er unnachgiebig fest um den ängstlich schluchzenden Hobbit und kletterte dann mit ihm die Leiter hinab.
Wiederholt schrie Frodo nach Sam. Um ihn war alles schwarz, er dachte noch immer über Lugburz nach und wußte nicht ganz, was das bedeutete, doch sein böser Verdacht machte ihm große Angst.
Er begriff nicht, daß die Orks mit ihm spielten, zu groß war seine Furcht. Er rief immer wieder nach Sam, flehte um Hilfe, und die Orks kicherten belustigt.
Daß sie ihm die Augen verbunden hatten, war nur dazu da, den Spaß für sie noch ein wenig zu steigern. Frodos Panik wuchs, weil er nichts mehr sehen konnte, der Stoff drückte fest auf seine Augen, kopfüber hing er über der Schulter des Uruk-hai und wurde dann eine Treppe hinabgetragen, das konnte er an den Schritten Lugduschs spüren.
Sam mußte ihm doch helfen! Wo war er nur?
Aber Lugdusch war sehr schnell, dann plötzlich hörte Frodo noch andere Stimmen und fühlte sich so entsetzlich. Sie hatten doch nicht vor, ihn splitternackt durch Mordor zu tragen...
Sie hatten ihm doch sowieso schon alles genommen! Die Hoffnung, die Würde, der Ring war fort und damit war das Ende nur noch eine Frage der Zeit.
„Sam!“ rief er mit zitternder, zutiefst angsterfüllter Stimme, und er hörte auch eine Antwort.
Dann umgab ihn plötzlich eine etwas weniger stickige, von Übel und Tod nicht gar so durchsetzte Luft, und unter großem Gejohle und Gebrülle rannte Lugdusch mit ihm weiter und schien wohl den Turm zu verlassen.
In diesem Moment hörte er einen vom Verzweiflung zerrissenen Schrei, der von Sam kam, er rief seinen Namen, und das ließ Frodo erst recht schluchzen.
Ein letztes Mal rief er den Namen seines Freundes, nicht wissend, ob dieser ihn überhaupt noch hören konnte, und dann brach das Entsetzen aus ihm heraus.
Was war mit Sam? Wo war er hergekommen?
Hatte er ihn gesehen? War er gekommen, ihn zu befreien?
Aber es war zu spät. Frodo hatte keinen Zweifel mehr daran, daß nun etwas schreckliches passieren würde, denn wenn Lugburz wirklich Barad-dur war, würde er dort ganz sicher ein grausames Ende finden.
Lugdusch rannte. In diesem Moment lernte Frodo erstmals die stahlharte Ausdauer eines Uruk-hai kennen, und er hätte gern gesehen, wie schnell dieser Kerl wirklich war.
Doch auf der anderen Seite wollte er nicht wissen, wie lange es noch bis zu seinem Ende dauerte.
Er rutschte auf Lugduschs gepanzerter Schulter hin und her, aber der Uruk-hai ließ ihn nicht los. Das Blut rauschte in Frodos Ohren, die Fesseln schnitten scharf in seine Handgelenke, seine Augen schmerzten durch die Augenbinde und es fröstelte ihn.
Es dauerte nicht lange, bis er stark zu zittern begann, weil natürlich noch niemand einen Gedanken daran verschwendet hatte, ihm auch nur eine Decke umzuhängen.
Wahrscheinlich war er für die Orks nur ein wimmerndes Stück Fleisch.
Lugdusch lief weiter und weiter, und Frodo schloß durch die anderen Stimmen, daß er von einigen Orks begleitet wurde.
Dabei würden sie in Mordor ohnehin auf keinen Feind treffen.
Ein wehmütiger Gedanke an seine Freunde schoß ihm durch den Kopf. Er hätte sie alle nicht verlassen dürfen, er hätte bei Merry und Pippin bleiben müssen, und wenn Gandalf nicht gefallen wäre, hätten sie sich auch nicht getrennt.
Er würde sie niemals wiedersehen.
Ob sie überhaupt noch lebten? Da waren auch noch Aragorn und Boromir, Legolas und Gimli.
Ob sie jemals von seinem Schicksal erfahren würden?
Sie würden zumindest wissen, daß er gescheitert war, wenn Sauron mit neu erstarkter Macht vor sie trat und den Ring präsentierte, der nun wieder der Seine war.
Und nicht zuletzt dachte er an Sam, seinen armen Freund, der dort gewesen war und vielleicht jetzt schon tot, von den unzähligen Feinden tödlich erstochen.
Er hatte versagt, alle Hoffnung zunichte gemacht, weil er in Gollums Falle getappt war und den Ring verloren hatte. Das hätte nicht geschehen dürfen.
Plötzlich wurde Lugdusch langsamer und das Gerede der Orks lauter. Frodo bebte vor Kälte so stark am Leib, daß ihm bald die Zähne klapperten, und Lugdusch war auf den seltsamen Zustand seines kleinen Gefangenen dadurch aufmerksam geworden.
„He, Mistkäfer, was ist mit dir?“ fragte er mit erstaunlich interessiert klingender Stimme. Wahrscheinlich war er lebend vor Sauron abzuliefern, deshalb die Sorge.
„M-mir ist so k-kalt...“ stammelte Frodo leise. Seine Zunge klebte ihm fast am Gaumen und fühlte sich pelzig an, solch einen Durst hatte er.
„Und Wasser... bitte, nur einen Schluck...“ flüsterte er mit heiserer Stimme.
Lugdusch blieb nahezu abrupt stehen und beugte sich hinab, setzte Frodo auf staubigem Boden ab und lehnte ihn gegen einen großen Felsbrocken.
„Das Auge hat gesagt, daß du lebend ankommen sollst“, bestätigte seine Brummstimme Frodos Verdacht, „und deshalb wollen wir mal was für dich tun. Möcht mal wissen, was Lugburz mit einer Made wie dir will!“
Frodo stutzte. Er hatte keine Ahnung? Aber durchsucht hatten sie ihn doch!
Er wagte es nicht, darauf irgendwas zu erwidern, nachher kamen die Kerle noch auf Ideen.
Plötzlich hielt er die Luft an, als er die Kante einer scharfen Klinge an seinem Kopf spürte, wie sie sich unter seine Haare schob.
Wie gelähmt saß Frodo da und rührte sich nicht, doch tatsächlich zerschnitt Lugdusch nur den Stoffetzen, der Frodo noch immer die Sicht nahm.
„Will sehen, womit ich‘s zu tun hab!“ grollte der Uruk-hai. Das verstand Frodo zwar nicht ganz, aber er hatte auch keine Ahnung davon, wie sehr diese Kreaturen sich an der Angst ihrer Opfer weiden konnten, wenn sie aus ihren Augen heraus glitzerte.
Im ersten Augenblick sah Frodo nur Licht und einige farbliche Flecken dazwischen, seine Sehschärfe war nahezu verschwunden, aber er zwinkerte ein paar Mal und langsam kehrte die Sicht zu ihm zurück.
Als er jedoch Lugduschs gebleckte Reißzähne vor sich erblickte, wünschte er sich, niemals hingesehen zu haben.
Der Ork atmete ihm faulig ins Gesicht und Frodo riß die Augen auf.
„Hier bin ich!“ grinste der Uruk-hai. Frodo unterdrückte nur mühsam einen Schrei.
„Du bist ja eine erbärmliche Gestalt!“ stellte Lugdusch nüchtern fest, drehte sich zu einem seiner Kumpane um und zog diesem einfach das zerlumpte Hemd von den Schultern.
Der Uruk fluchte und Lugdusch bellte zurück, dann wandte er sich damit Frodo zu und streifte ihm flüchtig den Stoffetzen über den Kopf.
Das weite, gelb und braun befleckte Hemd reichte dem Hobbit bis über die Knie und Lugdusch machte es kurz, indem er noch einen Strick um den Hobbit wand, damit er das weite Hemd nicht wieder verlor.
Dann griff er nach seinem nicht gerade vertrauenserweckend anmutenden Wasserschlauch und setzte ihn dem Hobbit an den Mund.
Gierig nahm Frodo einen tiefen Schluck, hätte das alte, mit Schmutz durchsetzte und nicht sehr wohlschmeckende Wasser fast wieder ausgespuckt, aber ihm war klar, daß er nichts anderes bekommen würde.
Wenn er nicht sterben wollte, hatte er keine Wahl, also mußte er trinken.
Lugdusch ließ seinen Gefangenen trinken, bis er keine Geduld mehr hatte, dann steckte er den Wasserschlauch wieder weg und musterte Frodo erneut.
„Das Große Auge wird zufrieden sein, wenn wir dich vorführen!“ erklärte er mit einem schiefen Grinsen. Er erhoffte sich eine Beförderung, um nicht länger unter anderen dreckigen Orks kriechen zu müssen, sondern selbst kriechen lassen zu können.
Dafür mußte er allerdings den kleinen Spion unversehrt abliefern.
Da er den Ring nicht bei Frodo gefunden hatte, hatte er keine Ahnung, was sein Gebieter von der kleinen Laus wollte, aber das war auch nicht sein Problem.
Er war nur an einer Belohnung interessiert.
Frodo war fast dankbar. Er wußte, Lugdusch hatte kein Interesse daran, daß es ihm gut ging, aber bevor der kleine Hobbit ihm erfror oder verdurstete, wollte er sich lieber dagegen bemühen.
„Was... was soll mit mir passieren?“ wagte Frodo es dann trotzdem, zu fragen.
„Das weißt du nicht? Spione wissen doch sonst immer, was mit ihnen passiert, wenn man sie kriegt!“ erwiderte Lugdusch kurz.
„Ich bin... ich bin aber kein Spion“, flüsterte Frodo zaghaft.
„Sicher. Die alte Kankra hat dich bestimmt von dort geholt, wo du mal hergekommen bist, was?“
Frodo erwiderte nichts, sondern senkte nur den Blick und starrte zu Boden.
„Keine Ahnung, was passieren soll“, brummte Lugdusch. „Das Auge will Spione durchsucht und vorgeführt haben. Wenn du Pech hast, und das hast du garantiert, werden sie in Lugburz noch deinen Spaß mit dir haben! Ich hab mir sagen lassen, daß Verhöre da immer Erfolg haben!“
Und Frodo wußte, was er damit meinte, er mußte sich nur an Gollum erinnern.
Sauron wollte den Ring. Und er würde Frodo auch aus Rache foltern lassen.
Mit diesem Gedanken sank er erst recht in sich zusammen.



Zweites Kapitel: Unerwartete Wendungen

Taumelnd verlor er das Gleichgewicht und ohne sich noch irgendwo abfangen zu können, rutschte Sam von der harten, schwarz glänzenden unebenen Stufe ab und fiel seitlich mit dem Kopf voran einige Stufen hinunter, rutschte durch seine Sachen laut polternd und scheppernd einige Fuß tiefer, bis seine Schulter an der kalten Mauer abprallte und seinen Fall stoppte.
Vor seinen Augen tanzten im ihn umgebenden Schwarz viele kleine Sterne, er versuchte, wieder klar sehen zu können und den hämmernden Schmerz zu vergessen, der sich sowohl in seinem Nacken und über seinen Rücken verteilt, als auch verstärkt in seinem Fuß bemerkbar machte.
In seinem Knöchel pochte es brennend und er spürte, wie sein Gelenk schmerzhaft anschwoll. Stöhnend richtete der kleine Hobbit sich auf und rieb sich den Kopf.
Gefolgt war ihm keiner, es war niemand mehr da, der sich um den hilflosen kleinen Hobbit kümmern wollte, und so überlebte er, noch wehrlos auf den Stufen liegend, den Fall.
Leise murrend wollte er sich unter wiederholtem lauten Scheppern erheben und stützte sich noch mit dem unverletzten rechten Fuß auf, lehnte sich an die Wand, aber als er dann mit links auftreten wollte, verzog er schmerzhaft das Gesicht und biß die Zähne fest zusammen.
Das durfte doch nicht wahr sein. Jetzt hatte er sich den Fuß umgeknickt und konnte nur noch unter großen Schmerzen laufen.
Darüber verlor er die Beherrschung und fluchte ungehalten.
„Beim verfluchten Auge Saurons!“ schnaubte er, ungeachtet der Gefahr, in der er in Saurons Herrschaftsgebiet eigentlich schwebte.
Damit war die Entscheidung eigentlich schon gefallen.
Hatte er denn eine Chance, bis zur höchst gesicherten schwarzen Festung Saurons den schnellen Uruk-hai durch Mordor zu folgen? Über staubige Ebenen, Geröll und Stein, gezwungen, sich mit der Last um seinen Hals immer zu verstecken und dadurch noch langsamer zu sein...
Sie würden ihn schnappen. Wenn sie ihn sahen, konnte er nicht einmal fliehen.
Sie hatten ohnehin schon einen Vorsprung und er hatte noch die halbe Treppe vor sich.
Aber mußte er Frodo nicht helfen?
Schnappen würden sie ihn auch so, er war langsam und allein, und eigentlich war es egal, ob er nun zum Schicksalsberg lief und sich erwischen ließ oder ob er versuchte, Frodo einzuholen und ihn zu retten.
Aber das würde er niemals schaffen. Die Uruks waren zu schnell, das Ziel zu weit, der Weg zu schwierig. Und der Ring wurde schwerer. Sam rieb sich mit einer Hand den langsam an der Kette wundscheuernden Nacken und seufzte.
Jetzt war es zu spät, er hatte versagt und Frodo nicht beschützen können. Er würde ihm auch den Ring nicht zurückgeben können. Frodo wußte wohl nicht einmal, daß er den Ring überhaupt hatte! Sein Freund glaubte mit Sicherheit alles verloren.
Er war blind vor Tränen. Er hatte ihn gesehen, aber er hatte ihn verpaßt, war an ihm vorbeigelaufen, und jetzt war Frodo verloren.
Warum nur hatte er sich in die Irre führen lassen?
Daß er Orks besiegt hatte, war Zufällen zu verdanken gewesen. Ganz Mordor wimmelte von Orks, zwei kleine Hobbits würden keine Chance haben. Und Frodo würde ohnehin keine mehr sehen.
Diese Gedanke schmerzte ihn noch mehr. Frodos Aufgabe würde nicht erfüllt werden können, wenn er sich ihrer nicht annahm, also war es seine Pflicht. Er mußte jetzt das tun, was Frodo nicht mehr tun konnte, denn so hatten alle in ganz Mittelerde wenigstens eine Chance... die Chance, die er auch hatte. Klein, aber vorhanden.
Und ein anderer Gedanke schien ihm fast Flügel zu verleihen, während er hinkend Stufe für Stufe hinabstolperte, immer an der Wand entlang und dem Ausgang entgegen.
Wenn er es wider Erwartens schaffen sollte, sicher den Schicksalsberg zu erreichen und dort den Ring zu vernichten, würde auch Sauron und all sein Werk vernichtet werden.
Falls Frodo in diesem Augenblick noch leben sollte, so dachte Sam, bestünde wenigstens dann noch die Möglichkeit, sein Leben zu retten, wenn Saurons böse Macht versiegte.
Mehr konnte er für Frodo nicht tun, das war die einzige Chance, die er hatte.
Sam schluckte hart und verfluchte den Ring, der alles zerstört hatte. Im nächsten Moment beschloß er schon fast, ihn abzunehmen und in einer Tasche sicher zu verstauen, weil sein Gewicht schwer an Sams Hals zog, aber er wußte nicht, ob er beobachtet wurde und wollte nicht leichtfertig alles aufs Spiel setzen.
So stolperte er weiter voran, ungehindert, ungesehen. Und es tat ihm in der Seele weh.
Er hatte Durst, aber er verschwendete keinen Gedanken an Wasser. Er hatte keine Zeit dafür, er hatte jetzt eine Aufgabe zu erledigen. Er mußte das jetzt tun, das war seine Pflicht.
Im nächsten Moment klaffte zahlreiche Fuß unter ihm gegenüber dem Treppenende der Ausgang zum Hof auf. Rotschimmerndes Licht fiel für ein Stück in den ansonsten nur von den hämisch flackernden Fackeln erleuchteten Turm, aber das dünne Dämmerlicht machte kaum einen Unterschied.
Als Samweis dem Ausgang entgegenlief, sah er, wie die schwarzen Berge sich stark vom feurigen, aber dennoch fast dunklen Himmel abhoben, und fühlte sich eingeengt.
Aber er würde nicht zögern.
Er holte tief Luft und schritt voran. Der Hof war im Augenblick wie leergefegt und er hegte tiefes Mißtrauen gegen diese scheinbar trügerische Ruhe, aber tatsächlich war nicht ein Ork dort. Einige waren Schagrat mit den vom Spion sichergestellten Sachen in Richtung Barad-dur gefolgt, und das kurz bevor Lugdusch mit Frodo getürmt war.
Saurons Mund hatte Befehl erteilt, daß ihm alles zu bringen war, was für den Herrscher interessant sein konnte.
Und die verbliebenen hatten sich getrollt und waren etwas unwillig in Richtung Spinnenhöhle marschiert, um eventuelle andere Elbenkrieger abzufangen. Für Sam interessierte sich niemand mehr.
Er war froh. Im Augenblick hätte er mit seinem anschwellenden Fuß niemandem etwas entgegenzusetzen gehabt, und so war er froh, daß er unbehelligt das Tor erreichte und sich schon auf den Weg machen wollte, die Gegend über den Serpentinenpfad zu verlassen, als ihm etwas einfiel.
Er war sicherlich des Todes, wenn er sich nicht tarnte.
Er drehte sich um und ging noch einmal zurück auf den Hof. Er hatte im Augenwinkel in einer dunklen Mauerecke zwei tot daliegende kleine Orks ausmachen können und näherte sich ihnen nun.
Der eine hatte die Augen geschlossen und lag recht friedlich da, der andere starrte mit schreckverzerrten glasigen Augen ins Nichts, hatte das Maul mit den scharfen Zähnen noch schief aufgesperrt und krallte mit den Händen in die Luft, aber er war eindeutig auch tot.
Sam baute sich vor den beiden Orkleichen auf und als er sich zu dem einen ruhiger daliegenden Leichnam hinabbeugte, verschlug der Gestank des Toten ihm den Atem.
Der Hobbit hielt die Luft an, damit er den fauligen Geruch von Verwesung, Schmutz und Boshaftigkeit nicht ertragen mußte.
Er brauchte dringend den teils aus Fell, teils aus Leder und stumpfem Metall bestehenden weiten Überwurf der Kreatur, außerdem seine Waffe und den danebenliegenden Helm, der einen unnatürlichen Schnabel an der Vorderseite besaß. Dann war er der perfekte kleine Ork.
Sam kniete sich neben den toten Ork, lud seine Sachen von seinen Schultern und lehnte die Tasche an die Wand, dann machte er sich mit angewidertem Gesicht an die Arbeit und zog keuchend den schweren Ork hoch, um ihm die Rüstung ausziehen zu können.
Das durfte alles nicht wahr sein...
Fliegen schwirrten ihm aus der Rüstung entgegen und Sam sah die todbringende Wunde des Orks, die ihm den halben Leib aufgerissen hatte, wahrscheinlich durch ein schartiges Messer bedingt.
Er hatte schon lange tot dort gelegen. Sam glaubte, neben dem langsam die Farbe verlierenden ausgebluteten Fleisch kleine Maden erkennen zu können und würgte voller Ekel.
Aber es half nichts. Den anderen rührte er gewiß nicht an, dessen Rüstung selbst war schon voller Blut.
Also schnürte er dem Ork die Rüstung an den Seiten auf, zog sie ihm mühsam von den erstarrten und dabei fast knackenden Gliedern, warf sie zu Boden und ermächtigte sich noch des Helms und des Krummschwertes, das dem Ork noch am Gürtel hing.
Er hielt die Luft an, als er über seine Sachen noch den Rüstschutz warf, der nur am Bauch aufgeschnitten, aber nicht blutdurchtränkt war und dennoch entsetzlich stank.
Altes Blut, Tod, Grauen, alles war darin vermischt.
Sam beschloß, den Helm erst einmal nur mitzunehmen und schnallte sich dann über Stich noch das Orkschwert. Wenn das nicht half...
Er hätte sich gern gesehen, aber niemand sah ihn in diesem Moment, um ihm sagen zu können, daß er in der Tat wie ein richtiger Ork aussah. Ein kleiner zwar, aber dennoch ein täuschend echter - nur, daß er keine schweren Stiefel trug.
Mit seinem dicken Knöchel hätte er das nur bereut.
Sam überlegte. Er konnte seine Sachen nicht alle mitnehmen, das würde seine Tarnung nur zunichte machen.
Er kniete sich vor seinen Rucksack und schnallte seine Decke ab, dann legte er zuerst die Pfannen und Löffel beiseite. Er schloß die Augen, denn sein Herz blutete ihm dabei sehr. Seine guten Sachen würde er zurücklassen müssen, und das schmerzte.
Er hatte nur noch ein paar Bröckchen Lembas, Frodos war nun natürlich fort, einen Wasserschlauch hatte er noch und das Geschenk Galadriels - all das mitsamt seiner Decke würde er mitnehmen, weil er es brauchte, und natürlich auch das Seil. Alles, was er brauchen konnte, aber keine scheppernden Kochutensilien.
Was er wirklich brauchte, verstaute er mithilfe des Seils unter der Orkrüstung an seinem Körper und marschierte dann endlich hinkend zum Tor hinaus.
Wiederum rieb er sich den aufgerauhten Nacken und blickte etwas unentschlossen den Weg hinab bis in die Ebene von Mordor.
Viele Lichter sah er, Lichter von Fackeln, die von Orks in ganzen Heerscharen getragen wurden.
Nur gut, daß sie noch weit fort waren, und sie alle zogen bereits zum Schwarzen Tor, also würde sein Weg in Richtung des ihm fast gegenüberliegenden Schicksalsberges frei sein, wenn es daran war, ihn zu beschreiten.
Zumindest hoffte er das.
Er verlagerte soviel Gewicht wie möglich auf den rechten Fuß und stapfte mit zaghaftem Mut voran.
Alles lag nun auf ihm, das Schicksal aller war nun seine Bürde.
Und nicht zuletzt Frodos Schicksal.
So lief Sam also voran und überlegte, welchen Weg er einschlagen sollte. Alles erschien ihm gleich übel.
Auf geradem Weg würde man ihn leichter finden, aber würde er einen Umweg gehen, sanken seine Chancen ebenso, irgendwann den Schicksalsberg noch zu erreichen. Er kam doch ohnehin nur schlecht voran.
Mit seinen großen Hobbitfüßen wirbelte er bei jedem seiner schweren Schritte ein wenig trockenen, dunklen Staub auf, der den Weg bedeckte und das ganze Land, soweit das Auge reichte.
Niemals würde er das schaffen. Er tappte bestimmt in eine Falle, oder warum hatte er noch keine Schwierigkeiten? Warum achtete denn niemand auf ihn?
Selbst Gollum war fort!
Aber er wußte nicht von der List seiner Freunde, die alle Aufmerksamkeit auf das Schwarze Tor lenkten, weil sie im Anmarsch mit einem Heereszug waren. Sauron wußte längst davon und er würde auch bald von der erfolgreichen Gefangennahme eines Spions erfahren, dessen Sachen zuerst Saurons Mund noch vorgeführt werden sollten.
Der Dunkle Herrscher war guter Dinge, da er nicht glaubte, daß irgendetwas ihm den Ring noch lange vorenthalten konnte. Der Sieg war nah...

Eiligst hastete der große muskulöse Uruk-hai mit seiner wertvollen Fracht voran. Es hätte Schagrat gerade noch gefehlt, daß Gorbag ihm die Sachen gestohlen hätte!
Dieser elende Wurm. Nie konnte er seine Finger von interessanten Sachen lassen.
Er hätte sich in seiner Gier auch gegen den Herrscher gestellt! Schagrat konnte das nicht begreifen.
Es war nicht leicht gewesen, die Habe des kleinen Spions zu sichern, aber es war geglückt.
Nun eilte der Uruk allein mit diesen Dingen in Richtung Barad-dur, wo Saurons Mund, der schwarze Heerführer, begierig auf alle Neuigkeiten wartete. Der Spion selbst sollte noch in Cirith Ungol festgehalten werden, aber seine Sachen, nach denen verlangte das Auge.
Und Saurons Mund sollte sie zuerst erhalten.
Schagrat eilte weiter nach Barad-dur, hatte den direkten Weg gewählt, um sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen, denn die Nachricht, die man erhalten hatte, hatte dringlich geklungen. Es war demjenigen, der alle Neuigkeiten schnell überbrachte, ein großer Lohn versprochen worden, und obwohl Schagrat wahrhaftig nicht loyal war, lockte diese Belohnung ihn sehr. Cirith Ungol war ein ziemliches Rattenloch - vielleicht kam er jetzt woanders hin?
Was allerdings an den paar Sachen dieser kleinen Kröte so interessant sein sollte, wußte der Uruk nicht. Er sah ein glitzerndes helles Kettenhemd, in das seine Faust gerade einmal hineinpaßte, zerrissene und schmutzstarrende Kleidung, die ihm seltsam anmutete, und ein nicht gerade beeindruckendes Schwert.
Die Tasche des Halblings hatten sie durchstöbert und für uninteressant befunden, aber dieses Glitzerhemd, vielleicht war das für Lugburz wichtig!
Spione sollten festgesetzt und bis auf die Knochen durchsucht werden, dann sollten alle Gegenstände nach Lugburz gesandt und der Gefangene gut bewacht werden. Diese Nachricht hatten sie vor einer Weile erhalten und waren zufrieden, daß sie endlich jemanden geschnappt hatten. Nicht, daß es noch hieß, in Cirith Ungol lauerten nur Versager!
Er war keiner. Er war auch schnell vorangekommen und gar nicht mehr weit von Barad-dur entfernt, als er sah, wie ihm auf der staubtrockenen Ebene jemand entgegenkam. Es war ein Reiter, der auch den direkten Weg gewählt hatte und sehr schnell vorankam.
Jetzt war er neugierig. Wer das wohl war?
Näher und näher kam sein Gegenüber, und als er nicht mehr weit entfernt war, konnte Schagrat erkennen, um wen es sich handelte. Beim Anblick des Boten höchstselbst fuhr selbst dem sonst so unerschrockenen Uruk-hai ein Schauer über den Rücken.
Bisher hatte er nur von ihm gehört, aber dieser Kerl übertraf jeden Bericht bei weitem.
Das schwarze Pferd, das wohl eine ebenso düstere Seele wie sein Reiter hatte, spie kleine rote Flämmchen aus seinen Nüstern und schnaubte laut, fast verächtlich.
Der Reiter selbst trug einen scharf bewehrten Helm, dessen Spitzen fast wie Klauen anmuteten, und die Augen konnte Schagrat nicht erkennen, dafür aber wohl die eng zusammengepreßten Lippen des Mannes, die einiges an nicht nur versteckter Boshaftigkeit erahnen ließen.
Eine schwere Rüstung trug er und mehr als nur eine Waffe, die dem Uruk gehörigen Respekt einflößten. Er war größer als ein gewöhnlicher Mensch, wenn er denn einer war, aber er hatte zumindest eine menschliche Gestalt.
Wenn er ein Mensch war, dann ein grausamer, und er war Saurons oberster Diener.
Schagrat blieb auf dem Weg stehen und erhob seine Hände, in denen er die kostbaren Dinge trug, die er dem Spion genommen hatte.
„Herr!“ rief der Uruk-hai grummelnd, und das Pferd des herannahenden Boten wurde noch langsamer.
„Soldat!“ rief die kalte, einem Todeshauch gleichende, fast heisere Stimme des Boten und mitten auf dem Weg standen die beiden sich schließlich Auge in Auge gegenüber.
„Ich bringe Dinge aus dem Turm von Cirith Ungol! Wir haben einen Spion gefangengenommen!“ erklärte Schagrat schnell.
„Ich weiß. Man hat mir bereits berichtet. Sind deine Gefolgsleute mit dem Gefangenen nach Barad-dur unterwegs?“
„Herr, dieser Befehl wird die Festung erst erreicht haben, als ich bereits fort war“, sagte Schagrat sehr auf seine Wortwahl bedacht, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und nicht so dahergelaufen zu erscheinen wie alle anderen.
„Ich verstehe. Es war der Befehl des Herrschers, nun auch den Gefangenen selbst direkt in den Schwarzen Turm bringen zu lassen, denn er will ihn verhören. Etwas geht vor und wir müssen mehr über die Pläne des Gegners erfahren. Hat er bereits gesprochen? Wurde er befragt?“
„Nein, ich weiß nicht davon, Herr, ich war sofort auf dem Weg mit diesen Sachen!“
„Gib her“, forderte Saurons Mund barsch. Der Uruk wagte nicht, zu zögern und reichte dem Reiter Frodos Sachen hoch.
Saurons Mund betrachtete Frodos ehemals weißes und nun vor dunklem Schmutz starrendes Hemd, die teils löchrige Hose, das kurze Schwert und zuletzt mit besonderem Interesse das Kettenhemd.
„Mithril“, murmelte er nachdenklich. „Und es ist ein Halbling?“
„So nennt man sie wohl. Sah fast aus wie ein kleiner Mensch mit spitzen Ohren und haarigen Füßen.“
Saurons Mund nickte langsam. Dann hatte der Spion sicherlich dieses Ding von jemandem aus Elronds Rat, der so etwas besaß - also war er wichtig, wenn er so geschützt werden mußte!
Aber er war mißtrauisch, denn nachdem er auch in der Hemdtasche nichts fand, fragte er kalt: „Und du bist sicher, daß niemand ein kleines Ding behalten hat?“
„Ja, Herr, alles habe ich mitgebracht. Er hatte nicht mehr.“
„Und er war allein?“
„Wenn da noch jemand war, hat die alte Kankra ihn wohl gefressen, wir haben niemanden gesehen.“
Saurons Mund wollte den Uruk schon anfahren, aber dann entschied er sich dagegen.
Das war doch alles Absicht. Die schickten einen allein vor und marschierten zur Ablenkung zum Schwarzen Tor!
„Wie habt ihr ihn geschnappt?“ wollte Saurons Mund wissen.
„Kankra hatte ihn erwischt“, antwortete Schagrat.
Jetzt wurde es absurd. Wo war dann der Ring?
Er hatte ihn nicht. Er hielt alles in den Händen, sie würden es nicht wagen, ihm den Ring vorzuenthalten. Sie würden damit doch nichts anzufangen wissen!
„Dann ist es gut, daß deinesgleichen bereits befohlen wurde, ihn nach Barad-dur zu bringen! Er wird etwas wissen und wir werden es erfahren. Aber selbst wenn er spricht, wird er nie wieder frei sein...“
Das sagte er mehr zu sich selbst als zu Schagrat. Sauron ließ ihm in dieser Angelegenheit freie Hand, er interessierte sich nur für den Ring, nicht wie sein Stellvertreter ihn beschaffte. Saurons Befehl, ihm unverzüglich den Gefangenen vorzuführen, erreichte Cirith Ungol schon in diesem Moment und Frodo wurde abgeführt.
Saurons Mund entschied, mit den ihm von Schagrat gebrachten Dingen zum Isenmaul zu reiten und sie dann dem Sauhaufen aus Gondor unter die Nase zu halten. Er würde sie in die Irre führen!
Auch wenn sie den Ring noch gar nicht hatten, würde er ihnen weismachen können, daß sie auf jeden Fall unterlegen waren, er würde sie knechten, obwohl er sie nur belog!
Aber er wußte, ihr Spion würde unter der Folter Barad-durs vom Ring sprechen. Niemand hatte je der Tortur standgehalten.
„Gut gemacht, Soldat. Du wirst dich am Lager vor Barad-dur melden und dort belohnt werden!“ sagte Saurons Mund plötzlich sehr zufrieden. Dieser stinkende Uruk hatte dazu beigetragen, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden, und man mußte die Untertanen bei Laune halten.
Schagrat nickte fast untertänig und grinste zufrieden, als Saurons Mund mit seinem Pferd abseits des Weges gen Norden davonpreschte.
Aber sie hatten Sam übersehen.

Er schrak schweißgebadet mit einem Schrei aus dem Schlaf hoch. Die Erschöpfung hatte den kleinen Hobbit schließlich in die Knie gezwungen und er hatte sich hinter einigen Felsbrocken in einer geschützten Nische zur Ruhe niedergelegt, nur für einige Stunden, aber der Schrecken hätte sich seiner sonst vollends bemächtigt und die Pein für ihn nur vergrößert. Innerhalb kürzester Zeit war so viel auf ihn eingestürzt und seine ganze Welt war zerbrochen, alles verwüstet und zerstört.
Er war selbst einige Male nur knapp dem Tode entronnen und hatte sich dabei schmerzhafte Wunden zugezogen. Um sein angeschwollenes Fußgelenk hatte Sam schließlich einen schmalen Streifen des Stoffes gewickelt, den er von seiner Decke abgetrennt hatte. Irgendeinen Verband brauchte er, damit nicht jeder Schritt zur Qual wurde.
Einen anderen Fetzen seiner Decke hatte er unlängst um seinen vom Pfeil durchstochenen Arm gebunden, der endlich aufgehört hatte zu bluten.
Aber der Ring ließ ihn nicht in Frieden schlafen. Inzwischen hatte er ihn unter der Orkrüstung verstaut, indem er ihn in seine Hemdtasche gesteckt hatte, denn um seinen Hals zog er ihn so gewaltig mit seinem immer größer werdenden Gewicht nach unten. Das schmerzte schon nach kurzer Zeit, denn die Kette grub sich reibend in sein Fleisch und hinterließ rote Spuren des Schmerzes.
Er konnte sich langsam vorstellen, was der Ring für Frodo gewesen war, nichts weiter als ein Folterinstrument, das er aber hatte tragen müssen. Und wohl hatte tragen wollen. Inzwischen begriff Sam, warum Frodo den Ring nicht mehr hatte abgeben können. In Worte fassen konnte er dieses unbestimmte Gefühl der wachsenden Gier nicht, aber sein tapferes Herz war immun gegen die vom Ring ausgehende Kraft der Verführung. Er dachte immer nur daran, daß er es für Frodo tun mußte, daß er alle retten mußte, daß er das bestimmt nicht schaffte, wenn er der konstant in seinem Kopf flüsternden Stimme nun erlag.
Aber er hatte etwas in seinem Kopf gesehen, das ihn erschreckte, und das war ein flammendes Auge gewesen, das seinen Namen gerufen hatte, aber mit Frodos Stimme.
Damit war sein Schlaf beendet gewesen.
Sam erhob sich mühsam und hustete. Die Luft Mordors drohte ihn zu ersticken, nahm ihm den Atem, brannte mit ihrem verpesteten Gestank in seinen Lungen, machte ihn schon blind für jedes Licht.
Er kramte in seinen Sachen, bis er ein halbes Stück einer Lembaswaffel fand, und knabberte lustlos daran herum.
Tränen traten wiederum in seine Auge. Er hatte Frodo verloren, er hatte versagt, und wenn nun die Verwüstung kam, war es seine Schuld. Er durfte das nicht zulassen, er mußte jetzt tun, was ihm als einziges geblieben war.
Er hatte nichts mehr außer dem Ring, und den mußte er zerstören.
Er wollte gerade die Tränen abwischen und einen kleinen Schluck Wasser nehmen, als er plötzlich ein Scharren ganz in der Nähe vernahm, das klang, als würde es von schleichenden Füßen herrühren.
Er schrak zusammen und kramte hektisch unter seinen Sachen nach Stich, doch als er die Waffe zog, sah er nur einen sehr schwachen blauen Schimmer.
Wer sollte denn da kommen, wenn es keine Orks waren?
Das Geräusch war hinter ihm, hinter den Felsen, aber es kam stetig näher. Und es alarmierte den Hobbit, denn wenn er nun auch noch geschnappt würde, war alles vorbei.
Er legte Stich nicht mehr weg, hörte plötzlich ein Zischen über sich und sah dann, wie ein kleiner Schatten flink vor ihm herabsprang und mit grapschenden Würgehänden nach ihm greifen wollte.
Die großen, seltsam fahl leuchtenden Augen erkannte Sam sofort und brüllte wutentbrannt.
„Daß du Verräter diesen Tag noch erleben durftest!“ tobte Sam und stieß Gollum von sich, ließ aber Stich nicht los.
Gollum kreischte hektisch und sprang zurück.
„Es sieht ja aus wie ein Ork!“ schrie er erschrocken.
„Es wird gleich zum Ork, du erbärmlicher Stinker!“ brüllte Sam und erhob sich.
„Daß du noch lebst! Wieso verfolgst du mich?“
„Es hat den Herrn getötet!“ kreischte Gollum und sprang von einem Bein aufs andere, hampelte nervös mit den Armen in der Luft herum und schien noch verrückter als je zuvor.
Sam runzelte die Stirn und versuchte, nicht gleich völlig auszurasten.
„Das sagst ausgerechnet du! Wer hat uns denn in die Höhle gelockt? Warst das nicht du?“
„Aber wir wußten nicht, daß dort eine Bestie lauert!“
„Lügner!“ brüllte Sam und wollte auf Gollum losspringen, aber dieser wich noch weiter zurück.
„Es darf uns nicht töten, wir wissen doch den Weg zum feurigen Berg!“ rief Gollum.
„Den sehe ich selbst!“ Mit einer Handbewegung wies Sam auf den laut rumorenden Schicksalsberg, dem er schon ein ganzes Stück näher gekommen war.
„Wir haben es nur gut gemeint!“
„Verschwinde, Gollum! Du hast den Herrn auf dem Gewissen! Mach doch, daß du wegkommst!“
Sie starrten sich wütend an und wollten schon aufeinander losgehen, als Sam im Augenwinkel wahrnahm, wie Stich plötzlich hell zu strahlen begann und auf einen Schlag blau leuchtete.
Er zog den Kopf ein, als Gollum auf ihn lossprang, und ließ Gollum damit ins Leere springen, erhob sich flink und blickte sich hektisch um.
Er konnte sie sehen. Sie schienen ganz in der Nähe unterwegs gewesen zu sein und waren auf das Geschrei aufmerksam geworden. Zwar hatten sie keine Ahnung, auf wen sie dort tatsächlich trafen, aber die Orks waren neugierig und kamen genau auf sie zu.
„Still!“ zischte Sam in Gollums Richtung. Dieser richtete sich gerade auf, aber er sah es überhaupt nicht ein, irgendetwas zu tun, was der fette Hobbit ihm befahl. Auch nicht, wenn er dadurch Gefahr lief, den Ring an Sauron zu verlieren.
Von hinten sprang er Sam an und biß ihm mit scharfen Zähnen ins Ohr. Sam hatte den Orkhelm ausgezogen und war dadurch völlig ungeschützt, aber das konnte so nicht bleiben.
„Leute!“ brüllte er mit einer Stimme, die er tiefer nicht mehr hätte machen können, und versuchte, so zu schnaufen wie ein Ork. Jetzt half nichts anderes mehr.
Er schlug nach Gollum und warf sich zu Boden, wo der Helm lag, und setzte ihn sich zwar schief auf, aber er mußte sehen, daß er nicht mehr als Hobbit zu erkennen war.
„Kommt, ein Spion!“ setzte er noch hinzu und fuhr derweil fort, sich wild mit Gollum zu schlagen. Dieser war so besessen von irgendeinem Gedanken, daß er die Orks und Sams List nicht bemerkte. Er blickte erst auf, als die beiden umstanden von einem guten Dutzend patrouillierender Orks waren, die sogleich zupackten und Sam von Gollum befreiten.
Wild kreischend schlug Gollum um sich, aber drei Orks hielten ihn fest gepackt und ließen ihn nicht mehr los.
„Gut, daß ihr kommt!“ grollte Sam mit Grabesstimme. Die anderen musterten ihn interessiert und machten sich mit einigen daran, den immer noch lauthals kreischenden Gollum zu fesseln.
„Dieser Spion wollte mich umbringen! Ich war gerade unterwegs und sah ihn hier, und es heißt ja, daß man Spione nach Lugburz bringen soll!“ fuhr Sam fort und hatte redliche Mühe, wirklich wie ein Ork zu klingen. Er hatte sich auf Stich gesetzt und seine Hände hinter dem Rücken verschwinden lassen, damit niemand ihn an irgendetwas erkennen konnte. Seinen bloßen unverletzten Fuß hatte er unter das andere Bein gelegt und der umgeknickte Fuß war sowieso verbunden und nicht mehr sichtbar.
„Aber der wollte mich abmurksen! Wir müssen ihn nach Lugburz schaffen!“ Sam hustete und spürte, wie seine Stimme ihm wegzubröckeln drohte.
„Der kleine Wicht? Was ist das überhaupt?“ fragte einer der anderen Orks. Keiner achtete in diesem Moment auf Gollums Geschrei, mit dem er sie darauf aufmerksam machen wollte, daß Sam in Wirklichkeit ein Hobbit war.
„Keine Ahnung. Aber Lugburz dürfte es interessieren!“
Sam wollte Gollum jetzt loswerden. Es war ihm ganz gleich, was mit Gollum passierte und ob das Folgen haben würde. Wenn Gollum Barad-dur erreichte, war er längst über alle Berge.
„Tun wir das! Da springt garantiert was bei raus!“ freute sich einer der anderen geifernden Orks.
„Ich muß aber unbedingt zu meiner Abteilung zurück!“ brachte Sam fast heiser hervor.
„Welche, die achte da hinten? Die ist schon ein gutes Stück weit weg!“ wußte ein Ork zu berichten. Sam hatte keine Ahnung, wovon der Kerl sprach, aber er nickte einfach.
„Sonst reißen die mir die Finger ab!“
Gekicher war die Antwort. Er hatte keine Ahnung, wie recht er mit einer solchen Äußerung hatte.
„Du willst deinen Lohn gar nicht haben?“ wollte einer wissen. Sam schüttelte den Kopf.
„Nee, der kann mir gestohlen bleiben, ich hab noch was anderes zu tun!“
Das war den Orks gleich, dann blieb mehr vom Lohn für sie. Ohne sich weiter um Sam zu kümmern, nahmen sie Gollum in ihre Mitte und machten sich davon.
Keuchend ließ Sam sich auf den staubtrockenen Boden zurückfallen und schloß die Augen.
Langsam beruhigte sein Herzschlag sich wieder. Er hatte sich verloren geglaubt, aber seine List hatte ihn tatsächlich noch gerettet. Die Orks waren wirklich dumm, aber sie hatten ihm eigentlich geholfen. Und Gollum war nun auch nicht mehr sein Problem.
Der war ihm die ganze Zeit gefolgt! Sam konnte es nicht fassen.
Die schwere, stinkende Orkrüstung war Gold wert. Sein Leben war gerettet.
Er packte Stich weg und nahm einen tiefen Schluck Wasser.
Es war noch weit bis Barad-dur, es war ein langer, gefahrvoller Weg. Aber noch war nicht alles verloren.



Drittes Kapitel: Frodos Qualen

So gern hätte er gewußt, was nun aus Sam geworden war. Er hatte ihn doch gehört, Sam hatte doch noch gelebt, war nicht von der Spinne getötet worden und auch nicht von Gollum, dem Verräter.
Sam hatte die ganze Zeit Recht gehabt, aber er hatte ja nicht hören wollen. Er hatte veranlaßt, daß Gollum sie geradewegs in dieses Elend geführt hatte!
Und das alles wegen dem Ring. Gollum hatte den Ring zurückerlangen wollen, und wahrscheinlich war ihm das auch gelungen.
Frodo überlegte, wo der Ring nur sein konnte. Hatten die Uruks ihm den Ring genommen? Hatte Gollum ihn längst zuvor genommen? Oder war er bei Sam?
Das glaubte er am allerwenigsten. Warum hätte Sam den Ring nehmen und ihn zurücklassen sollen?
Frodo konnte sich die Situation, in der sein Freund sich befunden hatte, nicht richtig vorstellen. Er hoffte schon fast, daß Gollum nun den Ring hatte, nur damit die Uruks ihn nicht hatten und zu Sauron bringen konnten.
Aber warum brachte man ihn dann noch nach Barad-dur?
Sauron wollte von ihm erfahren, was die anderen planten, er wollte gewiß die Pläne seines Feindes erfahren. Aber davon wußte Frodo doch gar nichts!
Er hatte sich von den anderen mit Sam an den Raurosfällen getrennt. Die Absicht war zu diesem Zeitpunkt noch gewesen, in die Weiße Stadt Gondors zu gehen, wo man am sichersten sein würde.
Er würde Sauron nichts sagen können, weil er nichts wußte, und das bedeutete, daß man ihn ganz umsonst foltern würde.
Das würde man mit Gewißheit tun, dafür brachte man ihn doch nach Barad-dur!
Lugdusch hatte sich den kleinen Hobbit wieder über die Schulter gelegt und lief mit den anderen weiter in Richtung von Saurons Festung. Sie waren weit vorangekommen, auch wenn inzwischen die finstere, für jedes Augenlicht undurchdringliche Dunkelheit der Nacht hereingebrochen war, einzig erhellt vom gespenstischem Feuerschimmer des Schicksalsbergs. Er rumorte im Erdboden und spie wie wutentbrannt Feuer. Fontänen schossen in den Himmel empor und rauschten in der Ferne, es rumpelte und donnerte gehörig.
Wenn die Schicksalsklüfte auf die Nähe des Ringes reagierten... bedeutete das vielleicht, daß er in der Nähe war?
Aber dieser Gedanke brachte ihn auch nicht weiter.
Ein anderer Feuerschein ging aus von Barad-dur, dem nicht mehr so fernen Schwarzen Turm Mordors, der Schreckensfestung Saurons.
Eine unaussprechliche, grausame Angst bemächtigte sich des kleinen Hobbits, lähmte seine Gedanken, sogar seinen Herzschlag, erstickte die letzte Hoffnung mit jedem Atemzug.
Es war alles aus. Sam war fort, wahrscheinlich tot, der Ring verloren, sein Leben dem Ende nah.
Er spürte seine Arme schon sehr lange nicht mehr. Die Fesseln schmerzten nicht weiter, das Blut war vollends aus seinen Fingern gewichen, die unbequeme Haltung auf der Schulter des Uruks, an dessen beißenden Gestank er sich gewöhnt hatte, war vergessen.
Auch den Hunger vermochte er zu ignorieren, es war nur ein weiteres Gefühl der Leere, das ihn peinigte. Es war ihm flau im leeren Magen, daß es fast weh tat, er fühlte sich schwach und elend, und dennoch drehte er den Kopf langsam nach vorn und stellte sich dem schrecklichen Anblick, der nicht mehr bloß ein Gedanke, eine entfernte Gefahr war, sondern wahrscheinlich sein Tod.
Dem kleinen Hobbit fielen die dunklen Locken in die Stirn, klebten am kalten Schweiß der Furcht und der Verzweiflung, nahmen ihm halb die Sicht.
Frodos feine Züge, beschmutzt mit getrocknetem Blut, Dreck und Erschöpfung, erstarrten völlig, als er Barad-dur in seiner gewaltigen Gestalt vor sich bis in die zähen Wolken stechend aufragen sah. Spitze Zinnen saßen überall, stachen schwarz in die verpestete Luft, schmückten in bizarrer Form die Unterkünfte von Sklaven und gemeinen Soldaten, Schmieden und Kerkerlöcher, Hexenküchen und anderen geheimen Kammern.
Über tausende Fuß ragte der Turm vor den Bergen auf, erleuchtet von vielen kleinen Lichtpunkten, die wohl von Fackeln herrührten, und Geräusche von dort vermischten sich mit dem Getöse der Sammath Naur. Unzählige Orkstimmen, Gehämmer, so manches Geschrei und Gejammer drangen an Frodos Ohren und verschafften ihm einen ungefähren Eindruck von der Gewalt, die hinter diesem Turm steckte - oder vielmehr darin.
Ein riesiger Festungs- und Rüstungswall umschloß den Fuß Barad-durs, eine schwarze Kluft klaffte vor den schlanken , aber massiven Flügeltoren auf, die nur erreichbar über eine Brücke waren. Kaltes, grünes Licht, wie von einem Todeshauch, wurde von dort verströmt, ganz anders als das rote Feuerlicht Hunderte Fuß darüber.
Frodo spürte Hitze. Ob es ein Aufwallen seiner eigenen Todesangst oder die Hitze des staubigen, lebensfeindlichen Landes der Dunkelheit war, wußte er nicht.
Zwischen den beiden Sichelzinnen auf der Spitze Barad-durs, seit einigen Augenblicken nicht mehr von roten Wolkenfetzen verhüllt, thronte erhaben und machtvoll das Auge aus Feuer, das der einzige Körper war, dessen Saurons dämonischer Geist sich ohne den fehlenden Ring hatte ermächtigen können.
Aber der stechende Blick wie von einem bösen Tier flößte dem Ringträger eine unaussprechliche Furcht ein. Das war die reinste Ausgeburt des Übels, die er sich denken konnte, und sie hatte ihn in ihrer Gewalt. Nun war auch er Saurons Sklave.
Von Flammen umschossen beobachtete der dunkle Herrscher das Treiben seiner Untergebenen, woran Frodo sehen konnte, daß er irgendetwas Übles zu ersinnen schien.
In ihm verkrampfte alles. Sein Magen zog sich zusammen, das Blut schoß abwechselnd heiß und eiskalt durch seine Adern, seine Kehle war wie durch etwas Unsichtbares zugeschnürt, sodaß er fast nur noch von einem rasselnden Pfeifgeräusch begleitet die brennende Luft der Finsternis atmen konnte.
In diesem Moment wünschte er sich erstmals den sofortigen Tod herbei. Dieser Wunsch wuchs sich schon fast schmerzhaft aus, er wollte nicht leiden, nicht auf ewig Gefangener sein, in Ketten liegen, der Dunkelheit nicht entfliehen können.
Seine Heimat fehlte ihm so sehr. Er war immer ein Abenteurer gewesen, doch dies hier war kein Abenteuer, es war der direkte Weg zum Tod.
Doch er konnte sich nicht mehr an das Grün der saftigen auenländischen Wiesen erinnern. Das Zwitschern der Vögel war längst gestorben und verebbt, würde auch nie zurückkehren, wenn Sauron jetzt gewann.
Und das würde er, gewinnen. Das Böse hatte so oft über das Gute gesiegt.
Über seinen Gedanken hatte Frodo nicht gemerkt, wie nah sie inzwischen dem grauenvollen Ort gekommen waren. Barad-dur wurde größer und größer, verschluckte scheinbar alles an Licht und Hoffnung, tötete jede Regung des Lebenswillens in Frodo. Er wollte nicht mehr leben, nur um Qualen erleiden zu müssen.
Die Sehnsucht nach dem Tod wuchs. Eine andere Flucht blieb nicht, also mußte es der Tod sein.
In Frodo erstarb jedes Gefühl. Sein kleiner Körper krampfte sich zusammen, seine tintenblauen Augen waren matt, hatten ihr Leuchten, ihren Schimmer verloren, Resignation ergriff ihn vollends und er schloß die Augen.
Gesprochen hatte er nicht mehr, seit er Lugdusch um Wasser gebeten hatte, und er hätte auch nichts zu sagen gewußt. Gnade würde ihm nicht zuteil, er brauchte darum nicht bitten, nicht hoffen, auch eine Flucht war hoffnungslos. Die Hoffnung war schon längst tot, und er wünschte, er wäre es ebenfalls.
Dann war es soweit. Die Uruks hatten sich sehr beeilt und traten schließlich in den Schatten Barad-durs. Frodo bemerkte es allerdings erst, als er neben sich die tiefe Schlucht aufklaffen sah, die steil ins Nichts vor dem Festungswall des Turms abfiel.
Flüssiges Feuer stürzte hinab und er wollte nicht wissen, von welchem Ort es kam und wozu es gebraucht worden war. Gespenstisches Rauschen erfüllte die Luft, als sie dem Herzen Mordors entgegengingen. Die massive Brücke stand auf riesigen Pfeilern, deren Fuß nicht zu erkennen war, so hoch waren sie. Also hatte die Schlucht wohl doch irgendwo ein Ende - aber zu sehen war es nicht.
Geschnatter und Gezeter von Orks, das Hämmern der Schmiede, lautes Geschrei, das alles toste und brauste in der Luft um sie herum.
Frodo beschloß erneut, dem Feind ins Auge sehen zu wollen.
Sie waren schon so nah am Turm, daß sie die Spitze und das Auge darauf gar nicht mehr erkennen konnten. Der schwarze monolithengleiche, aus massiven Gestein errichtete Turm war, was Frodo gar nicht wußte, noch um einiges größer als der Orthanc in Isengart und wurde seinem Herrscher ganz und gar gerecht.
Allein das zweiflügelige Tor, aus Stahl und Stein, aber nirgends aus Holz gebaut, war mehr als hundert Fuß hoch und fast halb so breit.
Man hatte sie bereits erwartet. Auf einen harschen Ruf hin donnerte es plötzlich unter ihnen, denn die Flügel bewegten sich. Frodo spürte selbst auf der Schulter des Uruk-hai noch die Erschütterung.
Und dann befiel ihn eine letzte entsetzliche Panik.
„Bitte!“ flehte er plötzlich mit erstaunlich lauter und fester Stimme. Lugdusch drehte den Kopf zur Seite und konnte Frodo so wenigstens halb ansehen, denn es interessierte ihn, was die kleine Made zu sagen hatte.
„Bitte nicht, bitte laß mich gehen, ich weiß doch nichts, ich habe auch nichts, ich bin deinem Herrn zu nichts nutze! Verschone doch mein Leben, ich bitte dich, ich habe doch nichts getan!“
„Das sieht er anders“, grollte Lugdusch. „Jeder Spion soll herkommen und du hattest wertvolle Sachen. Wenn dein Kumpan noch kommt, bist du wenigstens nicht allein, und den kriegen wir auch noch! Zu irgendwas bist du bestimmt nutze!“
„Nein, oh bitte, ich habe nicht, was er sucht! Ich weiß, was es ist, aber ich habe es doch nicht bei mir!“
„So, was ist es denn?“ fragte Lugdusch, aufgerüttelt vom Entsetzen in der zitternden Stimme Frodos.
„Ein Ring ist es, aber ich habe ihn nicht, ich kann ihm nicht sagen, wo er ist! Bitte laß mich gehen...“
„Ein Ring? Was für ein Ring?“
Frodo schluckte hart. Er durfte nichts falsches sagen.
„Ein Goldring, nur ein kleines Ding, aber ich habe ihn nicht!“
„Woher weißt du dann davon?“
„Das... das weiß jeder bei uns...“ sagte Frodo, und das war nicht einmal falsch. Die Freien Völker wußten bis in den hintersten Winkel von Saurons Ring, aber natürlich nicht seine Untertanen. Die mußten das auch gar nicht wissen.
Lugdusch überlegte. Nein, einen kleinen Ring hatten sie nun wirklich nicht bei ihm gefunden...
„Dann hat dein Kumpan ihn“, sagte er kurzerhand und sah wieder nach vorne.
Gleißend helles, fahlgrünes Licht strahlte ihnen aus dem Spalt des geöffneten Tores entgegen. Lugdusch dachte überhaupt nicht daran, um das Gewinsel der kleinen Ratte irgendetwas zu geben und marschierte mit Frodo auf seiner Schulter durch das Tor Barad-durs.
Die Festungsmauer war mehr als zehn Fuß dick und so weit gingen sie durch die Mauer hindurch, bis sie sich auf einem Vorplatz am Fuße des Turmes wiederfanden.
Aufgeregtes Geschnatter erhob sich, als die herumstreunenden Orks die Neuankömmlinge bemerkten.
Flink sprangen sie von Mauervorsprüngen hinab und hasteten aus dem hintersten Winkel herbei, um zu sehen, wer da kam.
Ein neugieriger, gelbhäutiger Snaga kam näher und beschnüffelte Frodo, der ihn mit angstgeweiteten Augen anstarrte. Interessiert musterten die Orks den verschnürten, nur in Lumpen gehüllten Gefangenen, aus dessen Augen eine grenzenlose Angst ihnen entgegenschrie, zupften ihm an den zerzausten, schmutzigen Locken, befingerten seine Füße, schnatterten und kicherten.
Lugdusch beeindruckte das wenig, er ging mit Frodo weiter auf den eigentlichen Turm zu. Seine anderen Begleiter verliefen sich allmählich, aber er würde den Gefangenen jetzt vor dem Herrscher selbst abliefern, das war sein Befehl.
Frodo schluckte hart und schloß die Augen, aber nichtsdestotrotz strömten unaufhaltsam heiße Tränen über seine zerschundenen Wangen und brannten in den Wunden. Er schluchzte laut und verzweifelt, hätte jede Gelegenheit zur Flucht ergriffen, doch Lugdusch bot ihm keine. Und als der Uruk mit ihm das eigentliche, ebenfalls riesenhafte Tor zu Barad-dur durchschritt und sich mit einem lauten Knall die Flügel hinter ihnen schlossen, war es ohnehin zu spät.
Frodo war ruhig gewesen bis zu diesem Moment, hatte nicht geweint und nicht gejammert, nicht geschrien und nicht gefleht, war innerlich längst wie tot gewesen und hatte gehofft, die Todesangst weiterhin aushalten zu können, aber dazu war er nicht fähig.
Er schrie seine schmerzhafte Angst hinaus, er schrie um Hilfe, wurde von Schluchzern geschüttelt und konnte vor lauter Tränen kaum noch etwas sehen. Er sah nur Dunkelheit, die mit Lichtflecken von Fackeln durchsetzt war, und spürte, daß Lugdusch ihn eine Treppe hinauftrug.
Seltsamerweise war es um sie herum fast still. Von der Treppe gingen vielerorts weitläufige Gänge ab, die zu verschiedenen Räumlichkeiten führten, es stank nach Fäule, Blut und Tod.
Lugdusch reagierte nicht auf den weinenden Hobbit, er trug ihn unbewegt weiter, bis nach einer langen Zeit die Treppe endete.
Sie hatten etwa die Hälfte des hohen Turms erklommen, aber der Uruk-hai war nicht einmal erschöpft.
Sie hatten eine Plattform erreicht, von der aus es nur noch einen, strengstens abgeschirmten und bewachten Weg nach oben gab, damit nicht jeder dort herumlungerte. Über ein komplexes Flaschenzugsystem hatte man einen großen Holzkasten an ein Tau gebunden, das oben unter der Spitze festgezurrt war und mit Gegengewichten gesteuert werden und so jemanden nach oben bringen konnte.
Die sich entlang der Außenmauer schlängelnde Treppe ließen sie nun hinter sich, an der man durch eine tiefe ungesicherte Röhre inmitten des Turms bis ganz unten in den Keller hätte hinabschauen können.
Es war so tief, daß man dort gar nichts mehr sehen konnte. Es waren so weit oben ohnehin nur noch wenige Orks, doch nun kam jemand ins Spiel, den Frodo dort niemals erwartet hätte.
Noch immer blind vor Tränen, spürte er, daß Lugdusch ihn von seiner Schulter abwälzte und daß nicht krallenbewehrte Hände nach ihm griffen und ihn auf dem Holzboden des auf ihn wartenden Aufzuges setzte.
Frodo blinzelte und war überrascht, das Antlitz eines Menschen zu sehen, der ihm gegenüber stand und ihn interessiert betrachtete.
Es war kein Gondorianer oder Rohirrim, er hatte eine kräftige, untersetzte Statur, gelbliche Haut, schiefe Zähne, aber glasklare dunkle Augen und ein kantiges, entschlossen anmutendes Gesicht. Ein Ostmensch war er wohl, schwer gerüstet mit schwarzem Kettenhemd, langem Schwert, schweren Stiefeln und mit sehnigen Händen, die deutlich als die eines Kriegers zu erkennen waren.
Es war einer der höchsten Untergebenen Saurons, der alle Orks rund um Barad-dur befehligen durfte, und er hatte den Befehl erhalten, den Spion vor den Dunklen Herrscher zu schaffen.
Ein Mensch. Frodo konnte es nicht fassen, selbst Menschen dienten Sauron!
Er hatte so vieles nicht gewußt, und hätte man es ihm vorher gesagt, hätte er niemals den Ring an sich genommen.
Seine Tränen versiegten für den Moment. Er blickte zu dem Menschen hoch, der gar nicht daran dachte, ein Wort zu Frodo zu sprechen.
Mit einem Ruck begann man, sie nach oben zu befördern, und es war ein weiter Weg dort hinauf. So weit oben wurde der Turm für nichts mehr genutzt, seine Höhe diente nur seiner Imposanz.
Der Mann selbst war erstaunt, einen gefesselten Halbling vor sich zu haben. Er hatte mit allen Elben, Menschen und Zwergen der Welt gerechnet, aber nicht damit, ein so kleines Wesen sehen zu müssen.
Frodo hatte eine hundserbärmliche Angst. Nach einer ganzen Weile hatte er plötzlich den Gedanken, einfach hinab ins Nichts springen zu können und dann allem zu entfliehen, aber sobald er auch nur die kleinste Bewegung machte, zuckte der Mensch und streckte schon die Arme nach ihm aus.
Nichts durfte dem Gefangenen jetzt noch zustoßen.
Frodo schloß die Augen und fühlte, wie sein Herz fast zu zerspringen drohte. Nicht mehr lange und er stand vor Sauron.
In diesem Moment dachte er unwillkürlich an Sam, sein Freund schlich sich ihm irgendwie in den Kopf und wollte nicht mehr verschwinden, immerzu sah er das warme, gütige Gesicht des Gärtners vor sich, der immer gut zu ihm gewesen war, fürsorglich und aufopfernd.
Niemals würde er ihn wiedersehen.
Er rechnete gar nicht damit, als es wieder einen Ruck gab und der Ostling ihn ohne zu zögern packte und auf einen Mauervorsprung schleifte, an dessen Ende noch eine kleine verschlossene Tür stand.
Frodo schrie auf.
„So habt doch Gnade!“ flehte er mit brüchiger Stimme, aber der Mann achtete überhaupt nicht auf ihn, als er die Tür aufstieß und auf die Spitze Barad-durs hinaustrat.
Eine unsägliche Hitze schlug ihnen entgegen. Frodo konnte zuerst nur Bergspitzen sehen und dazwischen eine weite, ferne Ebene, die ebenso wie alles andere im Dämmerlicht unter einer zähen Wolkendecke lag.
Dann stieß der Ostling ihn in eine andere Richtung und Frodo sah das Grauen vor sich. Zwischen glänzenden, sichtlich scharfen und entsetzlich hohen Sichelzinnen thronte er höchstselbst, Sauron, größter Feind der Freien Völker.
Und Frodos Tod.
Ein kräftiger Wind fuhr über sie hinweg und Frodo taumelte. Er schloß die Augen und spürte, wie seine Tränen schon fast in der Hitze des flammenden Auges zu verkochen drohten. Schweiß perlte ihm über das Gesicht und vermengte sich mit seinen Tränen.
Das Entsetzen kannte keinen Ausdruck.
Flammen schossen an ihnen vorbei. Für einen Moment hörten sie nicht außer dem tosenden Rauschen des Feuers, dem sie sich gegenübersahen, doch dann plötzlich verschaffte sich eine kalte, dunkle Stimme in grollender Tiefe Zutritt zu seinen Gedanken, so wie sie es zuvor bereits getan hatte.
Sauron sprach zu ihm.
Um Frodo herum war nur Schwärze und Feuer. Seine Angst peinigte ihn unaussprechlich schwer, doch es sollte immer schlimmer werden.
„Halbling“, hallte es in Frodos Kopf wider. Die schneidende, harte Stimme seines Feindes durchdrang ihn bis in die letzte Faser seines Körpers.
„Ich weiß, daß du ihn hast!“ donnerte die Stimme. Frodo schüttelte mit zusammengepreßten Lippen den Kopf und rief: „Nein, ich habe ihn nicht, er ist fort...“
„Aber ich habe euch gesehen!“
Die Kälte der tiefen Stimme ließ Frodo auch dieses Mal ängstlich zusammenfahren. Er wollte zurückstolpern und fiel gegen den Ostling, der ihn von dem aufklaffenden, drohenden Abgrund fernhielt, der sich dahinter auftat, und als er es wieder wagte, nach vorn zu blicken, war ihm, als wäre das Auge noch viel näher gekommen.
„Nenne mir deinen Namen, Verräter!“ grollte die Stimme in Frodos Kopf, der zitternd die Augen schloß und ein heiseres Schluchzen nicht unterdrücken konnte.
Er biß die bebenden Lippen zusammen und schwieg. Sauron wußte sowieso, wer er war, warum fragte er dann?
Aber Sauron wußte es nicht. Sauron wußte nicht von den Absichten Frodos und seiner Freunde, wußte nicht Frodos Namen, wußte im Augenblick nicht besonders viel.
Nur, daß Frodo eine unaussprechliche, knochentiefe Todesangst vor ihm hatte, die ihn schüttelte und quälte. Und das nutzte er.
Frodo wagte es nicht, das Auge anzusehen, aber er hatte das Bild trotzdem im Kopf. Doch dann schwand das Bild und ein anderes erwuchs vor seinem Auge.
Er sah Pippin, der sich vor Schmerzen wand und schrie. Frodo schluckte und wollte Luft holen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Pippin litt große Qualen, hatte Tränen in den Augen und schrie unaufhörlich.
Dann schwand das Bild und Frodo erblickte Aragorn, dessen Stirn von Schweißperlen bedeckt war, ein Zeichen großer Mühe und Anstrengung, vielleicht auch Qual. Er brüllte gegen Sauron an, wutentbrannt, unbeugsam, aber nicht unbesiegbar.
Als Sauron in diesem Moment spürte, wie seine Tricks Frodo zu schaffen machten, vergrößerte er die Pein für den Hobbit noch und führte ihm plötzlich einen laut weinenden und mit schmerzverzerrten Zügen vor ihm stehenden Sam vor Augen. Frodo erinnerte sich in diesem Moment nicht an die Situation, der dieses Bild entstammte, aber Sauron spielte jeden Trumpf aus, den er hatte.
Frodo spürte den Schmerz in seiner Schulter erneut aufflammen, der von dem tiefen Stich herrührte, den der Hexenkönig ihm auf der Wetterspitze mit der Morgulklinge zugefügt hatte. Es war Frodo, als würde er erneut spüren, wie die Klinge sein Fleisch durchschnitt, sich tiefer in seinen Körper bohrte und eine Todeskälte freisetzte, die sich brennend überallhin ausbreitete.
Er schrie auf.
„Nenne mir deinen Namen!“ donnerte Saurons Stimme in seinem Kopf.
Vor Frodos Augen war noch immer das verzerrte Bild von Sam, der ihn weinend rief, schier anflehte, dann plötzlich reglos zu Boden ging.
Er schwieg noch immer.
„Deinen Namen!“
Aber er würde ihn nicht sagen, warum wußte Sauron ihn nicht längst?
Wenn Sauron erfuhr, daß er der gesuchte Beutlin war, würde alles nur noch schlimmer.
Es tat so entsetzlich weh.
Dann schrie er auf, weniger durch Mut als vielmehr durch qualvolle Schmerzen in Herz und Leib bedingt, und widersetzte sich damit dem Dunklen Herrscher.
„Nein!“
Sofort hatte er wieder Bilder im Kopf und verstand, daß Sauron auf das, was er sah, immer noch einen immensen Einfluß besaß.
Er erblickte mit Schrecken eine von schwarzem Blut verkrustete dornenbesetzte Peitsche und fühlte in diesem Moment schon den Schmerz, der von den sich in sein weiches Fleisch bohrenden Dornen herrührte.
Seine Glieder brannten, die Muskeln schmerzten, aber er schwieg. Das war noch keine Folter, also würde er auch nichts sagen. Sauron würde nicht gewinnen. Er hatte den Ring nicht, Frodo konnte ihm nicht sagen, wo er war, und hoffnungslos war alles schon längst.
Doch Saurons Geduldsfaden war kurz.
Er fühlte sich, als zerreiße er.
„Was ist euer Plan?“
Frodo rührte sich nicht. Er schwieg und würde auch weiterhin schweigen.
Unwillkürlich öffnete Frodo die Augen und starrte unter Tränen und Angst genau in die Flammen. Das Auge starrte ihn genau an, aber er spürte, daß Sauron ihm nicht glaubte.
Und ohne daß noch etwas gesagt wurde, was Frodo gegolten hätte, wurde er auf einmal von dem Ostling gepackt und wieder weggezerrt.
Sauron hatte die Geduld verloren. Er überließ es den Folterknechten, mehr aus Frodo herauszupressen.
Der Hobbit schloß die Augen und schrie auf. Niemand hatte ihm gesagt, was kommen sollte, aber er wußte es.

Sein Herz raste, die Übelkeit wuchs sich ins Unermeßliche aus, er konnte nicht mehr aufhören zu schreien und zu flehen, kannte nichts mehr außer der schrecklichen Panik vor dem, was nun kommen sollte.
Er war noch immer gefesselt und hatte seine Beine so lange nicht benutzt, daß er jetzt nur hilflos hinter dem Ostling herstolpern konnte, der ihn ungnädig und barsch hinter sich her zog. Der Mann hatte Frodo an den verfilzten Locken gepackt und zwang den Hobbit so dazu, Schritt mit ihm zu halten, was Frodo natürlich nicht gelang. Er verlor immer wieder das Gleichgewicht und ging zu Boden, weil er sich aufgrund der Fesseln nicht fangen konnte, schürfte sich dabei mehr als einmal die Knie auf und spürte, wie der Schmutz des Übels in seinen blutenden Wunden brannte.
Warmes Blut klebte an seinen Knien und tropfte über seine Beine. Sein Gesicht war naß von Tränen, seine Stimme brüchig und heiser, die Hoffnung gestorben, das Licht der Dunkelheit gewichen, alles in ihm tot.
Sie hatten inzwischen den Keller erreicht, befanden sich mehr als hundert Fuß tief unter der Erdoberfläche in einem Loch, das vor Angst und Tod nur so stank, die Luft war fast bestialisch verpestet, zum Schneiden dick, schien fast selbst eine Farbe zu haben wie die Dunkelheit, die Frodo mit Klauen aus jeder Ecke heraus begrapschen wollte.
Pechfackeln verströmten ein geisterhaftes, fahles Licht, das die Dunkelheit nicht weit durchdringen konnte. Die Wände waren massiv aus schwarzem, glatt glänzenden Gestein gemauert und verwehrten jeden bloßen Gedanken an Flucht.
Frodo hatte aufgegeben. Sie kamen vorbei an vielen großen schweren Gittertüren, die einen Blick auf das gewährten, was sich dahinter verbarg und was möglicherweise auch den unschuldigen Hobbit erwartete.
Tastende Hände lagen bis in den Gang hinein, doch nichts weiter als die Knochen dieser Hände und Arme war übrig. Krallende Fingerknochen gruben sich in die Luft des Ganges, die nun toten Kreaturen hatten so weit in den Gang durch die Gitter hinausgegriffen, bis die Stäbe ihnen alles weitere verwehrten, und waren schließlich in dieser Position endlich verendet.
Mehrere dieser trostlosen Skelette lagen in ihren Zellen, aber da waren auch andere Wesen, die noch nicht völlig verwest waren und einen faulen Geruch verströmten. Eingefallene, ausgetrocknete Leiber lagen dort, an Mauern und in Ecken gelehnt, mit im Schrei erstarrten Gesichtern, verzerrt von Grauen und Qual. Schwarze Haut überzog das verrottende Fleisch, die baren Knochen, trat unter zerfetzten Sachen hervor, falls denn welche vorhanden waren.
Sie waren in Haltungen verendet, die das Unaussprechliche verrieten, und Frodo klebte mit den Blicken an den elenden Leichen des Kerkers von Barad-dur.
Es waren Menschen darunter, und so manches Rüstkleid verriet die gondorianische Abstammung. Selbst zwei Elben fand er dort und schluckte schwer.
Es gab kein Entrinnen.
Er glaubte, der Ostling würde ihm die Haare vom Kopf reißen. Scheinbar hatte Sauron ihm Befehle erteilt, er hatte ihn bestimmt aufgebracht, jetzt würde er seine Antwort darauf erhalten.
Und das war tatsächlich der Fall. Plötzlich schleifte der Hauptmann ihn in einen großen Raum, dessen Tür weit offen stand, und stieß Frodo grob zu Boden.
Umgebremst schlug Frodo auf und schlug sich am Wangenknochen das Gesicht auf.
Das Blut rann ihm über die Wange, als er den Kopf hob und etwas sah, das er lieber niemals erblickt hätte.
Ein heißes Feuer loderte in einem offenen Kamin mit hochschlagenden roten Flammen, die an der schwarzen Luft leckten und ihr jeden letzten Lebenshauch entziehen wollten. Und darin, feuerrot glühend, an manchen Stellen fast weiß, lagen bereits die Schürhaken, die nur so auf ihn zu warten schienen.
Als er den Kopf in den Nacken legte und in eine andere Richtung schaute, wurde er des großen schattenhaften Tisches vor sich gewahr, den er selbst von unten als Folterbank identifizieren konnte. Nichts anderes konnte es sein!
Und davon herunter hing eine lange lederne Peitsche, die mit kantigen, blutverklebten Widerhaken besetzt war.
Ketten waren in die Wand geschlagen, um die Gefangenen an jeder Flucht zu hindern. Neben der Folterbank aufgebahrt lag eine ganze Sammlung von Messern und Knüppeln, allesamt starrend vor Blut und Zeugen des Schmerzes.
Im nächsten Augenblick packte der Ostling ihn wieder an den Haaren und riß ihn hart nach oben, dann erst offenbarte sich alles vor Frodo. Er hatte noch nicht gesehen, wer vor ihm dort gelitten und dabei den Tod gefunden hatte. Zwei Krieger, wohl auch Gondorianer, hingen in einer extremen Haltung von der Decke herab. Man hatte ihnen die Hände auf dem Rücken gefesselt und sie dann über Haken in der Decke mit einem Seil hochgezogen, bis die Arme ihnen ausrenkten, und hatte wohl zuvor oder danach noch andere Grausamkeiten mit ihnen angestellt, die sie dann letztendlich das Leben gekostet hatten.
Die Arme hingen krumm, fast wie gebrochen, die Toten kalt ins Nichts starrend über dem Kopf des Hobbits, der vor lauter Angst schon gar keinen Ton mehr herausbekam.
Geifernde Orks, fast ein halbes Dutzend, betraten hinter ihnen die Folterkammer und schlichen interessiert um den Hauptmann und den Hobbit herum.
Frodo schloß die Augen. Er nahm teilnahmslos zur Kenntnis, daß der Hauptmann mit einem scharfen Dolch das Seil um Frodos Körper zerschnitt, das das Hemd an seinem Leib hielt, und mit einer schnellen Handbewegung zog er dem Hobbit das Hemd über den Kopf.
Nackt in der Kälte des Kerkers stand Frodo da, ein Schauer überlief ihn, wehrlos gefesselt inmitten eines Rudels gehässiger Orks befand er sich nun und fürchtete das Schlimmste.
Und sie waren in der Tat neugierig. In ihrer eigenen schnarrenden Sprache diskutierend, begutachteten sie Frodo erst, der mit rotgeweinten Augen heiser und stumm dastand und schließlich nur noch zu Boden starrte.
Krallende, rauhe Hände berührten ihn von hinten, betasteten seine Schultern, seinen Kopf, seine schmalen Arme und er schrak schreiend zurück, stieß aber nur hinterrücks gegen einen weiteren Ork.
Erneut schrie er auf. Der Hauptmann kümmerte sich nicht um ihn, er überließ die Beute den Orks für diesen Moment, denn das setzte Frodo schon enorm zu.
Ein Ork betatschte neugierig die schmutzige, schmale Brust des Hobbits, einer beschnüffelte ihn von der Seite, ein anderer zog an einem der kleinen Finger Frodos.
„Nein!“ schrie er hilflos und drehte sich immer wieder im Kreis, damit sie ihn nicht kriegen würden, aber dabei kratzten sie ihn, rissen an ihm, stießen ihn herum, bis er fast zu Boden ging, dann plötzlich spürte er voller Ekel und entsetzlich angewidert, wie eine der kalten unfreundlichen Hände zwischen seine Beine griff und fast noch zugedrückt hätte, aber mit einem lauten Schrei hielt er den Ork davon ab.
Lautes Gelächter machte sich unter den Orks breit, die ihren Spaß daran hatten, den Halbling genau in Augenschein zu nehmen und ihn damit sehr zu peinigen.
Er brach in Tränen aus. Dieser Alptraum sollte endlich ein Ende haben...
Doch dieses Ende würde niemals kommen.
Er ging in die Knie. In sich zusammengesunken kauerte er laut schluchzend da und schrie immer wieder um Hilfe, sehnte sich Sam herbei, daß es in seiner Brust schmerzte, denn er wäre jetzt seine letzte Rettung gewesen.
Sein guter Sam.
Er sah das Lächeln des Gärtners noch vor sich, als der Hauptmann ihm die gefesselten Hände nach hinten riß und einen Strick darum wand. Dann ging er fort, und Frodo, noch immer begafft und umstanden von den Snaga, schrie plötzlich auf, als er mit einem gewaltigen Ruck nach oben gezogen wurde.
Mit einem lauten Knacken sprang erst seine linke Schulter aus dem Gelenk, dann die rechte, als beide Arme rücklings bis über den Kopf gezogen werden, denn von seinem eigenen Körpergewicht nach unten gezogen, hatte der Hobbit dem Zug von oben nichts entgegenzusetzen. Aufgrund seines allgemein schwachen Zustands waren seine Glieder so schwach, daß bei dem harten Ruck sein rechter Oberarmknochen mitten entzwei gebrochen war. Dieser heiße, brennende Schmerz mischte sich mit dem weniger starken, aber nichtsdestotrotz sehr unnachgiebig hämmernden Schmerz in seinen auseinandergerissenen Schultergelenken.
Ein markdurchdringender Aufschrei des tiefen, unaussprechlichen Schmerzes erschütterte die Zelle, hallte an den dicken Wänden wider und erstickte den Hilferuf im Keim. Frodo schrie so laut wie niemals zuvor, da er nie zuvor einen solchen Schmerz erfahren hatte.
Seine Muskelfasern fühlten sich an, als wären sie mit dem Knochen gerissen, Blut pulsierte und pochte dort, sein Arm lief schon fast bläulich an, sein Kopf wurde rot vor Anstrengung und Schmerz, aber er konnte nichts daran ändern, daß er mit den Füßen in der Luft an seinen von seinem Leib gerissenen Armen hing, die sich anfühlten, als gehörten sie nicht mehr zu ihm.
„Jetzt paßt er auch auf die Bank!“ stellte der Ostling mit frostig kalter, unbeteiligter Stimme fest und lachte hämisch. Er hielt sich nicht lang damit auf, Frodo wieder loszumachen, er nahm den Dolch und hieb auf die Handfesseln des Hobbits ein, ohne darauf zu achten, daß er die Spitze des Messers weit in den blutleeren Handballen des Hobbits trieb.
Frodo spürte den Schmerz nicht, weil er überdeckt war von den schrecklichen Schmerzen seiner zerrissenen Arme.
Befreit von den Fesseln, fiel Frodo ungebremst auf den harten Boden und schlug mit einem Fußgelenk zuerst so auf, daß es mit einem Knacken verstauchte und in einer unnatürlichen Haltung umknickte.
Er schlug mit dem Kopf auf dem Stein auf, daß es ihm schwarz vor Augen wurde, die Luft entwich aus seinen Lungen, er rührte sich nicht. Er konnte seine Arme nicht bewegen und wollte es auch überhaupt nicht. Ein Fluß von Tränen näßte sein schmerzverzerrtes Gesicht, ein leidendes Wimmern entfloh seiner Kehle, und dann packte der ungnädige Ostling ihn wieder, um jetzt die eigentliche Folter beginnen zu lassen.
Frodo begriff, was der Kerl damit gemeint hatte, daß er nun auf die Bank passen würde. Metallringe waren in die Bank geschlagen, um jemanden an Händen und Füßen festzuketten, nur war das natürlich nicht für den viel zu kleinen Hobbit gedacht.
Frodo wurde rücklings auf die Folterbank gelegt und mit den Füßen festgekettet. Die kalten Metallringe schlossen sich um seine Fußgelenke und der Ostling verschwendete keinen Gedanken daran, sich zu überlegen, daß ein Fußgelenk bereits dick anschwoll. Das Metall drückte sich in den schmerzhaft pochenden Bluterguß, und Frodo spürte es nicht einmal.
Ein Ork nahm einen Strick und schlang ihn über Frodos Hals unter der Bank hindurch, so daß er liegenbleiben mußte, wenn er sich nicht mit einer Kopfbewegung erwürgen wollte.
Und seine Arme, die nicht festgekettet werden konnten, war Frodo nicht in der Lage, zu bewegen. Allerdings sah er, als er den Kopf zur Seite drehte, daß der gebrochene Unterarmknochen sich übereinander geschoben hatte und nun seltsam verdreht hochstand, seinen ganzen Arm entstellte.
Seine Arme waren, so schien es ihm, ein Stück länger geworden durch die gewaltsame Behandlung, die den Beginn der Folter markierte. Es war ihm unmöglich, sie zu bewegen, und der Hauptmann hatte die Folter mit einer anderen Notwendigkeit verbunden, die Frodo erst begreifen machte, was ihn erwartete.
Keuchend lag er da und hatte die Augen geschlossen, doch plötzlich bohrte sich eine Stimme in seinen Kopf und fragte ihn zum ersten Mal etwas.
„Was treibst du hier in Mordor?“
Es war der Ostling, da war Frodo sicher.
Bei allem, was ihm heilig war, er wußte nicht, was er antworten sollte! Dabei mußte er antworten, er wußte ja, was andernfalls passieren würde.
„N-nichts...“ preßte Frodo angestrengt zwischen den Zähnen hervor. Seine Arme brannten unablässig und er wollte sich so gern wehren können, aber unter den grausamen Schmerzen, die ihn dabei erwarteten, würde er es nicht tun.
„So, nichts. Und du hast natürlich auch nicht die Wunde hier an der Schulter, die der oberste der Neun dir auf der Wetterspitze zugefügt hat, weil du den Ring dort getragen hast!“
Der Kerl wußte wirklich alles. Natürlich hatte Sauron ihn beauftragt, das Verhör zu führen...
„Ich hab den Ring nicht mehr“, wisperte Frodo tonlos.
„Nun, das sehen wir selbst. Aber du hattest ihn.“
„J-ja...“
„Gut. Und ich denke, du bist nicht nach Mordor gekommen, um ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben?“
Darauf konnte Frodo keine Antwort geben. Er wußte zwar auch nicht, was passierte, wenn sie erfuhren, daß der Ring hatte zerstört werden sollen, aber er glaubte, daß seine Freunde dann allesamt in größter Todesgefahr schwebten.
Frodo hatte gesehen, welche Heeresbewegungen sich in Mordor ereignet hatten. Zwar wußte er nichts über die Stärke der menschlichen Armeen, aber wenn Mordor plante, Gondor aus Rache zu überrennen, würde dort nichts mehr stehenbleiben und niemand überleben.
„Antworte!“
Frodo schüttelte den schmerzhaft dröhnenden Kopf. Der Ostling wußte genau, was er tat, als er einen gezielten Schlag auf den verschobenen Oberarmknochen setzte, der Frodo gellend aufschreien ließ. Doch es kam schlimmer, der Hauptmann hatte gerade Gefallen daran gefunden und riß derart hart an Frodos Arm, daß das untere Stück des Knochens sich unter größten Qualen am oberen vorbeirieb und dann sein Fleisch durchstach, die Haut durchstach und blutig aus seinem Arm herausragte.
Frodo brüllte vor Schmerzen.
„Sag ihm, daß ich den Ring in der Spinnenhöhle verloren habe, er ist fort!“ schrie Frodo mit brüchiger Stimme. „Ich habe ihn nicht mehr, ich nütze ihm nichts! Ich weiß nicht, wo der Ring ist! Ich werde es nie sagen können!“
„Das war nicht die Frage!“ erwiderte der Ostling barsch und schlug auf die heftig blutende Rißwunde an Frodos Arm, so daß er erneut aufschrie.
„Verlaufen!“ rief er panisch und erhielt dafür nur einen schweren Schlag mit einer harten Faust in seine verkrampfende Magengrube.
Würgend und hilflos nach Luft schnappend riß er die Augen auf und wollte die Arme bewegen, doch vergebens.
„Wir werden die Frage so lange im Raum stehen lassen, bis ich eine Antwort habe!“ bellte der Ostling und fügte hinzu: „Schürhaken, aber ein bißchen plötzlich!“
„Nein!“ schrie Frodo und starrte den Ostling mit vor Angst geweiteten Augen flehentlich an.
„Wirst du es sagen?“
Dem wie gelähmt daliegenden Hobbit wollte jedoch keine Antwort einfallen. Er konnte nichts sagen.
Zischend fraß sich die Anwesenheit eines weiß glühenden Schürhakens in Frodos Bewußtsein. Der Ork, der damit vom Feuer gekommen war, hielt ihm den vor Hitze dampfenden Metallstab vor die Augen und legte ihn dann nur ein Stück oberhalb von Frodos Beinen auf den Bauch.
Ein heißer Schock, der durch seine enorme Hitze schon fast kalt schien, schoß durch Frodos gepeinigten Körper und entlockte ihm einen qualvollen Schrei.
Aber er sagte nichts.
Zischend verbrannte seine Haut, schien mit dem Metall zu verschmelzen, welches sich anfühlte, als fräße es sich in Frodos Körper, obwohl der Schürhaken gar nicht mehr auf seiner Haut lag.
„Ich höre dir zu“, erinnerte der Ostling Frodo an die Frage.
„Beutlin ist mein Name“, preßte Frodo keuchend hervor, ein mehr oder weniger hilfloser Versuch, vom eigentlichen Problem abzulenken und sich ein wenig Zeit zu verschaffen.
„Das ist keine Überraschung“, grollte der Ostling. „Wenn du mir jetzt sagst, daß du aus dem Auenland kommst, werde ich es mir aufschreiben müssen.“
Der Sarkasmus des Machthabers über seine Qual hielt Frodo vor Augen, wie wehrlos er tatsächlich war.
„Aber erzähl mir doch noch etwas mehr! Wer hat dich geschickt?“
„I-ich komme von Elronds Rat... Arathorns Sohn, Elrond, die Elben und Zwerge, sie...“
„Und Mithrandir?“
„Er fiel in Moria!“
„Ich weiß“, sagte der Ostling kalt und obwohl er wußte, daß Gandalf der Weiße in Mittelerde weilte, sah er keine Veranlassung, dem Halbling das zu sagen.
„Wer hat dich hierher begleitet?“ fragte er dann.
Frodo überlegte, so gut er das noch konnte. Was würde passieren, wenn er von Sam sprach? Sie wußten ohnehin, daß er nicht allein gewesen war, also machte es keinen Unterschied, wenn er es nun zugab.
„Es war... ein anderer Hobbit, und Gollum, er führte uns...“
„Sonst niemand?“
„Niemand...“
„Kein Elbenkrieger?“
„Nein“, keuchte Frodo und verzog das Gesicht. Er hatte Schmerzen am ganzen Körper.
Aber der Ostling glaubte ihm nicht und nahm einen weiteren, glühend heißen Schürhaken zur Hand und ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, hieb er gewaltsam in Frodos linke Schulter, die schon von der Morgulklinge durchstochen gewesen war.
Frodo bäumte sich unter Schmerzen auf, als er spürte, wie das feuerheiße Metall sich in sein Fleisch bohrte und die Wunde gleichzeitig so verödete, daß nicht einmal Blut floß.
Der Schmerz schoß durch seinen gesamten gebeutelten Körper, er zuckte zur Seite, schrie, bis seine Stimme versagte und spürte das weitere Vordringen des Schürhakens in seinem Körper, spürte sein Gewebe zerreißen, alles in ihm aufschreien, überall ergriffen von peinigendem Schmerz.
„Niemand!“ schrie er hilflos und der Ostling zog den Schürhaken zurück.
„Niemand?“
„Wirklich niemand!“
„Und warum, kannst du mir das sagen, schicken diese Bastarde zwei Halblinge und ausgerechnet den kleinen Frosch hierher?“
„Wir trennten uns an den Raurosfällen. Boromir wollte mir den Ring nehmen und wir flohen allein weiter“, erwiderte Frodo, ohne zu ahnen, was er damit anrichtete.
„Ach so, ihr solltet den Ring ungesehen zerstören, ist das so?“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Frodo den Ostling an, der darin schon die Antwort erahnte, aber sie dennoch hören wollte.
Er hielt einen Schürhaken etwa eine Handbreit entfernt vor Frodos Gesicht, der, sich windend, schlotternd vor Angst die Augen schloß und innerlich mit allem abschloß.
„Ja oder nein?“
Er kam Frodos Gesicht näher, seinem linken Auge, Frodo spürte die gefährliche Hitze, dann brach alles in ihm zusammen.
„Ja, ja, das sollten wir...“
Der Schürhaken wich zurück. Dennoch hielt Frodo die Augen krampfhaft geschlossen.
Es war ein Fehler gewesen. Jetzt lagen alle Karten offen, glaubte er.
„Was wollten die anderen tun?“ schob sich die nächste unbarmherzige Frage in seinen Kopf.
„Nach Minas Tirith gehen, weiter weiß ich nicht“, stammelte Frodo, doch wieder glaubte der Ostling ihm nicht. Ungehalten drückte er Frodo den Schürhaken quer über das schmerzentstellte Gesicht, verbrannte seine Wange, vergrößerte die Tortur für den von Schmerzen selbst fast zerrissenen Hobbit nur noch. Seine Lippen verbrannten halb, seine Wange, fast noch sein Ohr. Eine tiefe Brandschlucht grub sich in sein Gesicht, dabei hatte er nichts anderes sagen können.
„Dort sollte der Ring sicher sein, aber wir sind gegangen! Ich weiß nicht, was dann war!“ brachte er hustend hervor.
Der Ostling schien es, so glaubte Frodo, zufrieden und löste ihn aus seiner hilflosen Stellung, indem er ihm die Füße befreite, aber der Strick um Frodos Hals wurde nicht entfernt.
Er packte die Beine des Hobbits, stellte sie auf den Boden, riß ihn herum, so daß er sich fast selbst am Strick strangulierte und sich mit schwachen, zitternden Fingern an der Holzkante der Folterbank festkrallte.
Fast knickten ihm die Beine weg, aber Frodo fing sich noch.
„Sie schicken dich nach Mordor und du weißt nicht, was sie dann tun? Warum würde jemand das tun?“
„Ich habe keine Fragen gestellt!“ schrie Frodo flehentlich. Sein Herz drohte zu zerspringen, seine Tränen würden niemals versiegen, zu groß war seine Qual.
„Aber vielleicht dein Begleiter, der den Ring jetzt hat!“ mutmaßte der Mann. Frodo verneinte das vergeblich.
„Er war dabei, um mich zu schützen, er wußte von nichts anderem...“
„Und er hat nicht den Ring für dich an sich genommen, bevor er dich verließ, weil du gefangen warst?“
„Nein!“ rief Frodo, unwissend, daß Sam eigentlich genau das getan hatte.
„Ach wirklich! Schützt dich, weil du der Ringträger bist, und geht dann einfach?“
„Ich weiß es nicht!“ flehte Frodo mit leiser werdender Stimme. Aber der Ostling kannte keine Gnade. Er griff nach dem, was bislang auf der Folterbank gelegen hatte, und wollte damit den letzten vermuteten Widerstand des Halblings brechen.
Frodo zuckte zusammen und brüllte vor Schmerzen, als die scharfen metallenen Haken sich in sein Fleisch gruben, es an vielen kleinen Stellen schmerzhaft aufschlitzen, mit sich rissen und Löcher in seinen Rücken schlugen, als der Ostling die stachelbewehrte Peitsche nach Frodo schlug.
Frodo ballte die Hände zu Fäusten und fragte sich, was noch kommen sollte.
„Ist der Ring bei deinem Begleiter?“
„Ich weiß nicht!“ schrie Frodo hilflos und begann heftig zu zittern, als er spürte, wie das Blut seinen Rücken benetzte.
Ein weiterer grausamer Schlag traf ihn und riß ihm weiter das Fleisch vom Leib, aber er konnte es nicht sagen, weil er es nicht wußte.
„Wo ist der Ring?“
„Ich habe ihn nicht mehr, seit die Spinne kam, ich war ohnmächtig...“
Aber der Ostling vermutete ganz richtig, daß der Ring bei Sam war.
„Wer war dein Begleiter?“
„Ein Halbling...“
„Ganz sicher kein Elbenkrieger?“
„Nein...“
„Dann sag mir doch, wie er aussah.“
Aber Frodo wollte es unter keinen Umständen noch schlimmer machen, als es ohnehin schon war, und schwieg. Er würde nichts über Sam sagen, und wenn sie ihm den Leib zerrissen, es war ihm gleich.
Er brach hilflos in Tränen aus und wurde derart von Schluchzern geschüttelt, daß der Ostling langsam auf den Gedanken verfiel, daß da wirklich nicht mehr zu holen war.
„Nur ein Halbling?“ fragte er.
„Genau wie ich, er ist mein Freund - vielleicht ist er längst tot...“ wisperte Frodo.
Der Ostling betrachtete den wimmernden Halbling ganz genau. Seine Arme waren verrenkt, der eine schief entstellt und unter dem dicken Blut blau angelaufen, Frodos Rücken eine einzige Blutlache, der Mann selbst voller Blutspritzer von Kopf bis Fuß.
Er hatte den strikten Befehl zu erhalten, Frodo so zu foltern, daß alle wichtigen Fragen bestmöglichst geklärt würden, aber er mußte überleben, weil man nicht wußte, wozu er noch wichtig sein konnte.
Zwar hatte er keine befriedigenden Antworten erhalten, aber er hatte welche erhalten und glaubte, auch mit den mangelhaften Auskünften Frodos fürs Erste etwas tun zu können.
Er durchschnitt das Seil, das Frodo noch an die Folterbank fesselte, der Hobbit ging schwer und ungebremst rücklings zu Boden und schrie nicht einmal mehr, stöhnte nur leise und lag zitternd, bleich und schweißnaß auf dem Boden, ohne sich zu bewegen.
Der Ostling packte Frodo, der mit zwei Fingern das schmutzige Uruk-Hemd gegriffen hatte, das ihn seit Cirith Ungol gekleidet hatte. Das war der letzte Trost, der ihm noch blieb.
Der Ostling machte sich keine große Mühe. Er schleifte Frodo unsanft am unverletzten Fuß gegriffen nur in die Nachbarzelle, ließ ihn knapp hinter der Tür fallen und warf das Gitter ins Schloß, verriegelte die Tür und ließ den innerlich vernichteten Hobbit verletzt, blutend und am Ende seiner Kräfte in der Finsternis liegen.
Frodo lag bäuchlings da, zitterte vor Kälte, Schmerz und Angst und nur mithilfe seiner Körpermuskulatur schaffte er es, sich aufzurichten, auf das Hemd zu legen und sich mithilfe des linken Arms fast ganz damit zu bedecken.
Dann schloß er die vom vielen Weinen schmerzenden Augen, vergaß die Schmerzen seiner zu fest zusammengebissenen Zähne, die seiner Arme, des Fußes und seines ganzen Körpers, und wünschte sich den Tod.



Viertes Kapitel: Am Ende der Hoffnung

„Mein Herrscher Sauron der Große heißt euch willkommen,“ brummte Saurons Mund mit einer verächtlichen Grabesstimme.
Er grinste verächtlich auf Aragorn hinab, der tief Luft holte und etwas erwidern wollte, es aber dann doch nicht tat.
„Ist hier jemand unter euch, der in der Lage ist, mit mir zu verhandeln? Du gewiß nicht!“ rief er an Aragorn gewandt. „Ein Stück Elbenglas und ein Haufen Gesindel machen noch keinen König!“ fügte Saurons Mund dann noch hinzu.
Aragorn war wütend. Er hatte von ihm gehört, er glaubte zu wissen, wen er vor sich hatte, und auch wenn er so hoch in Saurons Gunst stand, so war Saurons Mund doch immer noch nur ein Untertan, ein Diener, und noch ein erbärmlicher dazu.
Ganz unbewußt starrte er ihn an und bemerkte schließlich mit Genugtuung, wie Saurons Mund eingeschüchtert zurückwich und fast zu winseln schien.
„Sprich du mit ihm“, sagte Aragorn zu Gandalf gewandt, weniger aus verletztem Stolz als vielmehr durch die Erkenntnis, daß alles andere sinnlos war.
Und das tat Gandalf. Auch er wußte, wer der schwarze Numenorer war, und er fürchtete ihn nicht.
Damit ergriff Gandalf der Weiße das Wort und begann die Verhandlung: „Wir sind nicht gekommen, um mit Sauron zu verhandeln!“
„Also du bist der Wortführer, alter Graubart?“ fragte Saurons Mund, der sich plötzlich wieder erstaunlich selbstsicher gab. Es schien dem Kerl wahrhaft ein Vergnügen, die Gefährten, deren Stellvertreter Gandalf in diesem Augenblick war, zu demütigen und vor allen bloßzustellen.
Und die Situation war brenzlig. Die Menschenvölker waren mit allen Heeren aufmarschiert, die sie aufzuweisen hatten, alle Überlebenden und Gesunden nach der Schlacht auf dem Pelennor hatten sich gesammelt und waren voranmarschiert, um am Morannon ein Ablenkungsmanöver zu starten.
Aber Sauron, der gerade zu dieser Zeit erst von ihren Absichten erfuhr, war vorbereitet und stellte ihnen ein zehnfach größeres Heer gegenüber, dessen Größe sie selbst über das offenstehende Tor hinweg nur erahnen konnten.
„Sag deinem Herrn, daß er seine Armeen zurückziehen und dieses Land verlassen soll, ohne jemals zurückzukehren!“ sagte Gandalf ruhig und mit erstaunlich gefaßter Stimme.
Eigentlich wußte er genau, daß sie unterlegen waren, aber sie durften ihre Niederlage noch nicht eingestehen.
„Oh, ich glaube, ihr seid es nicht, die Forderungen stellen dürfen! Sieh, hier habe ich etwas, was ich dir zeigen möchte!“
Er hatte etwas auf dem Schoß liegen gehabt, was bislang niemand entdeckt hatte, doch nun griff er in das Bündel und zog Frodos glänzend helles Mithrilhemd hervor, nebst seiner zerlumpten Sachen und dem kurzen Schwert.
Es war ihnen allen, als würde ihre letzte Hoffnung von der Dunkelheit überrannt, Pippin schloß die Augen mit einem Schrei des Entsetzens und lehnte sich schwer an Gimli, der neben ihm stand und voller Unglauben auf Saurons Mund starrte, der mit einer siegessicheren Geste das glänzende Panzerhemd ins Licht hielt.
Legolas blickte fast hilfesuchend zu Gandalf und Aragorn und sah mit Bestürzung, wie Aragorn fassungslos aus dem Sattel sprang und zwischen seinem und Gandalfs Pferd mit der Hand an Andurils Heft stehenblieb, die Augen nicht von seinem Feind wendend.
„Ruhig!“ rief Gandalf fast barsch, als er sah, wie entsetzt seine Freunde waren. Er legte eine Hand auf Aragorns Schulter, doch Aragorn war in diesem Moment so aufgebracht wie selten in seinem Leben.
Er konnte Saurons Mund unter seinem massiven Helm nicht in die Augen blicken. Jedes Wort, das über die Lippen des Boten Saurons kam, war übel gesprochen, und ein Grinsen verzog die gemeinen Lippen ganz leicht, doch für Aragorn schon zuviel.
„Ich sehe, der Halbling war euch teuer!“ zischte Saurons Mund. Er mutete an wie eine gefühlskalte Bestie, während er sprach.
Pippin sah unter Tränen zu dem Feind, spürte derweil Gimlis Arm kameradschaftlich um seine Schultern gelegt, aber es half alles nichts. Die Sonne verschwand vollends hinter dem tiefsten Dunkel, das Mordor aufzubieten hatte, das Licht und die Hoffnung wurden gefressen
Aragorn schluckte hart. Er mußte sich immer daran erinnern, daß er es gewesen war, der den anderen ausgeredet hatte, Frodo und Sam zu folgen. Er hatte veranlaßt, daß die beiden sich allein nach Mordor aufgemacht hatten und war nun somit dafür verantwortlich, daß die beiden dem Feind ins offene Messer gelaufen waren.
Auch in seinen Augen brannten Tränen.
Gandalf wußte in diesem Moment genausowenig zu sagen wie Legolas, erst als Saurons Mund ihn wieder ansprach, reagierte er.
„Oder leugnet ihr, daß er euch teuer ist?“
„Wir hätten keinen Grund dazu!“ fuhr Gandalf den Boten scharf an.
„Gut, gut...“ murmelte Saurons Mund selbstgefällig. „Mit uns ist nicht zu spaßen! Aber wir hätten nicht gedacht, daß ihr die Dummheit besitzt, einen kleinen Spion nach Mordor zu schicken, das übertrifft alles, was wir bisher von euch kennen!“
Pippin jammerte laut und Aragorn warf einen mitleidigen Blick zu seinem kleinen Freund. Er fühlte sich so schrecklich verantwortlich und elend deswegen.
Aber Saurons Mund ging noch weiter.
„Und der Halbling hat schon sehr unter den Händen unseres Herrschers gelitten!“
Er machte genußvoll eine bedeutungsvolle Pause, um sich am Entsetzen in den Augen seiner Gegner laben zu können.
„Wer hätte gedacht, daß jemand so Kleines so große Schmerzen ertragen könnte?“
„Was habt ihr ihm angetan?“ rief Aragorn und trag hervor. Saurons Mund musterte ihn kritisch von Kopf bis Fuß. Aragorn machte wahrlich keinen schwachen Eindruck, er trug seine gondorianische Rüstung mit einigem Stolz und großer Behauptung, nahm die Hand nicht mehr von Anduril und machte wagemutig noch einige Schritte vorwärts, bis er fast vor seinem Kontrahenten stand.
Gandalf wollte ihn schon zurückrufen, aber noch rührte sich nichts und er wollte noch abwarten, was nun geschah. Irgendetwas hatte Saurons Mund noch zu sagen.
Zuallererst jedoch schleuderte er Aragorn Frodos Kettenhemd entgegen und flink fing dieser die Habe seines kleinen Freundes auf.
Seine Hände schienen zu brennen und schmerzten furchtbar, als er das Mithrilhemd festhielt und zwischen den Fingern spürte.
Er hatte keinerlei Zweifel daran, daß Saurons Mund die Wahrheit sprach. Wenn er diese Dinge hatte, hatten sie den Ringträger in ihrer Gewalt. Alles war verloren.
Eine Träne stahl sich in seinen Augenwinkel und er schluckte. Zitternd blickte er zu Saurons Mund auf und holte tief Luft. Aber Saurons Mund war schneller.
„Und nun stehen ihm die gemächlichen Jahre der Folter bevor, so gründlich und geduldig, wie wir im großen Turm diese Kunst nur auszuüben verstehen; und er wird nie entlassen, es sei denn vielleicht, wenn er verwüstet und zerbrochen ist. Dann bekommt ihr ihn zurück, damit ihr seht, was ihr angerichtet habt!“
Aragorn ballte die Hände, in denen er Frodos Hemd hielt, zu Fäusten.
„Was verlangt ihr?“ fragte er mit bebender Stimme. Er war den Tränen mehr als nahe.
„Ihr alle zieht euch über den Anduin zurück, nachdem ihr zuvor einen Eid geschworen habt, nie wieder gegen den Großen Gebieter zu den Waffen zu greifen. Alles Land östlich des Anduin gehört für alle Zeiten ihm allein. Die Länder westlich des Anduin bis zum Nebelgebirge werden Mordor tributpflichtig und niemand dort darf Waffen tragen.“
Weiter ließ Aragorn seinen Feind nicht sprechen, weil er die Beherrschung verlor und ihm wutentbrannt entgegenschrie: „Ihr würdet Frodo eher töten, als ihn zu uns zurückzuschicken!“
Etwas gemäßigter reagierte Gandalf in diesem Moment.
„Das verlangt ihr für die Auslieferung eines Einzigen? Scheint das nicht etwas hoch gegriffen?“
„Nun, Graubart“, sagte Saurons Mund, „die Wahl liegt ganz allein bei euch! Unsere Bedingungen sind nicht anfechtbar!“
Aragorn konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Wie hatte er so kalt sein und Frodo mit Sam allein gehen lassen können?
Die Trauer und das Entsetzen hatten ihn derart fest in ihrer Gewalt, daß er nicht so ruhig denken konnte wie Gandalf. Zwar fiel dies auch dem Zauberer sehr schwer, aber es mußte sein.
Es schien, als hätten sie nur Frodo in ihrer Gewalt, denn von Sam sprach Saurons Mund nicht, ebensowenig wurde der Ring erwähnt. Das konnte nur bedeuten, daß sie den Ring nicht hatten, denn weshalb sonst würde Saurons Herold überhaupt mit ihnen verhandeln wollen?
Hätten sie den Ring zurückerlangt, würden sie gar nicht auf die Idee kommen, zu verhandeln. Also war da noch etwas, was scheinbar niemand wußte, und möglicherweise bedeutete das Hoffnung.
„Aragorn!“ zischte Gandalf halblaut. Der Angesprochene drehe sich um und schämte sich seinen Freunden gegenüber nicht seiner vielen Tränen, die sein Gesicht benetzten. In den Händen hielt er hilflos das Kettenhemd und ging nur langsam und mit hängenden Schultern zu Gandalf zurück.
Er hatte doch geschworen, Frodo zu beschützen. Sie hatten einen Fehler gemacht.
„Aragorn, wir können nicht stattgeben!“ sagte Gandalf. Er fühlte sich elend in der Verhandlungsposition und konnte die Entscheidung nicht allein tragen, nicht, solange er das Entsetzen in den Augen seiner Freunde sah. Sie alle hätten auf Frodo achten können und keiner hatte es getan.
„Willst du, daß sie ihn bis aufs Blut foltern? Sieh doch das Heer, Gandalf, was sollen wir nun tun? Sind wir Frodo keine Hilfe schuldig?“
„Natürlich sind wir das, aber keine Hilfe, die wir ihm nicht geben können! Ich sehe die Ausweglosigkeit genauso wie du, aber siehst du nicht, daß sie noch nicht gewonnen haben?“
„Ich sehe keine Hoffnung mehr, Gandalf“, flüsterte Aragorn. „Wir sind gekommen, um Frodo den Weg zu öffnen, dabei ward er ihm längst verschlossen! Es ist alles fehlgeschlagen. Gern würde ich hoffen, aber auf was?“
„Sie haben den Ring nicht! Sie haben auch Sam nicht! Dahinter steht eine Falle, und wir müssen kämpfen, siehst du das denn nicht?“
Aragorn nickte, ohne Gandalf anzusehen. Und fast schneller als sie es überhaupt sehen konnten, zog Aragorn in einer raschen Bewegung Anduril und stellte sich mit hoch erhobenem Schwert Saurons Herold gegenüber.
„So einfach stellt Ihr Euch das vor?“ rief er. „Seht Elendils Schwert, es hat zuvor schon Eurem Herrn die Niederlage gebracht, wie steht es mit Euch?“
„Aragorn!“ rief Gandalf mahnend von hinten, der die Macht des schwarzen Numenorers erahnen konnte, doch Aragorn reagierte nicht.
„Stellt Euch und verschanzt Euch nicht hinter leeren Forderungen! So leicht ist das nicht! Oder glaubt Ihr, wir gäben so leicht nach?“
Saurons Mund sprang mit einem Satz vom Pferd und schien mit einem Male nicht mehr so leicht zu erschrecken wie noch zu Anfang, und er zog ein schartiges Schwert, das in seiner Länge Anduril noch zu übertreffen suchte.
„Ihr sollt den Tod begrüßen, den Ihr Euch wünscht!“ donnerte er Aragorn entgegen und zielte einen mächtigen Schlag auf ihn, den Aragorn dennoch gewandt zu parieren wußte.
Um sie herum breitete sich eine Schreckensstille aus und alle beobachteten wie gebannt das Duell zwischen dem verhöhnten König und dem sich so überlegen fühlenden Herold des Dunklen Herrschers.
Er überragte Aragorn noch um fast zwei Köpfe, und damit hatte niemand gerechnet. Eine furchteinflößende schwarze Gestalt baute sich vor dem König auf, der nicht zurückweichen wollte, sondern seiner zerrissenen und sich schuldig fühlenden Seele ein wenig Frieden verschaffen wollte.
„Schwarze Heerscharen!“ donnerte Saurons Mund. „Macht sie nieder, laßt keinen am Leben!“
Er fürchtete Anduril in der Tat, aber er wollte sich das nicht anmerken lassen. Er glaubte noch immer nicht an Aragorns Kraft, aber da unterschätzte er ihn gewaltig.
Die Schwerter krachten laut gegeneinander, Metall traf auf Metall, knirschend gingen sie wieder auseinander und Aragorn starrte seinen Feind aus einer erwartungsvollen Pose düster an.
„Habt ihr den Halbling am Leben gelassen?“ fragte er, bevor er erneut zu einem Schlag ausholte.
„Ich wüßte nicht, daß sie ihn getötet hätten! Das hätte er wohl gern so gehabt!“
„Kreaturen wie ihr sind des Lebens nicht würdig!“ rief Aragorn, der spürte, wie Saurons Mund Anduril kraftvoll zurückzudrängen wußte.
Im Augenwinkel sah er, wie die schwarzen Heerscharen aus dem Tor stürmten und die Menschen überrennen wollten. Seine Freunde gerieten vorübergehend ein wenig in Hektik und griffen zu den Waffen, um dem Ansturm gerüstet zu sein.
Aber Aragorns Attacke auf Saurons Boten hatte eine unerwartete Wirkung gehabt, und auch angesichts der gewaltigen Trolle, der unzähligen gepanzerten Orks und allen anderen schwarzen Kreaturen liefen die Soldaten voran, um einen letzten Versuch zu unternehmen, sich Saurons schrecklicher Gewalt entgegenzustellen.
Wie heftige Wogen schlugen die Heere zusammen, verliefen sich ineinander, prallten hart aufeinander und erhoben alle gemeinsam ein entschlossenes Schlachtgeschrei.
In seinem Kopf hallte immer nur ein Gedanke wider: Er mußte es für Frodo tun.
Wenn ihm nichts anderes blieb, so mußte er das tun.
Aber Saurons Mund war ein harter Gegner, der mehrere Male versuchte, Aragorn das Schwert aus der Hand zu schlagen. Nur Aragorns sicherer Handhabung des mächtigen Zweihänders war es zu verdanken, daß er nicht sofort unterlegen war.
Die Erde vibrierte, als die Orks vorantrampelten. Harte Stöße gingen von den mächtigen Schritten der Trolle aus, die alles überrennen wollten, doch Aragorn achtete nicht darauf, er mußte seinen wendigen Gegner im Auge behalten.
Die Schlacht hatte begonnen, und er wußte genau, daß sie sie nur verlieren konnten. Er sah den schwarzen Heeresstrom unablässig aus dem Schwarzen Tor hervorbrechen und er schien niemals mehr versiegen zu wollen.
Nur ihre Hoffnung konnte ihnen jetzt noch helfen, nicht vollends unterzugehen.
Laut brüllend hieb Saurons Mund auf Aragorn ein und stieß ihn damit derart fest zurück, daß Aragorn zu taumeln begann und zu allem Überfluß noch das Gleichgewicht verlor.
Ungebremst ging er rücklings zu Boden und hatte alle Mühe, wenigstens Anduril noch halten zu können, denn er sah, daß Saurons Mund mit gezielter Waffe auf ihn zusprang, um ihn zu durchbohren.
Die Dunkelheit kam immer näher und breitete sich weiter aus. Aragorn schloß für einen Moment die Augen und wollte seinem Gegner das Schwert entgegenhalten, doch Saurons Mund schaffte es, ihm Anduril aus der Hand zu schlagen und sich siegreich über ihm aufzubauen.
Aragorn wollte sich aufrichten, aber eigentlich war es ihm gleichgültig, was geschah. Alles war zu spät.
Er tastete nach Anduril, während Saurons Mund genüßlich ausholte, siegessicher und erhaben.
Den mächtigen Ruck, der plötzlich durch die Erde fegte, vergaß er dabei völlig und fuhr erst herum, als er das mächtige Donnern in der Ferne vernahm.

Der dreizehnte März markierte den Anfang der endlosen Odyssee zwischen Schmerz und Wahn, und er betraf die beiden Hobbits gleichermaßen. Es war der Tag, an dem Frodo in Gefangenschaft geraten war, und die Mächte des Bösen waren schneller als alle anderen. In weit weniger als zwei Tagen hatte Lugdusch es geschafft, Frodo nach Barad-dur zu bringen, was Frodo gar nicht gespürt hatte. Ihm waren die Sinne geschwunden und so hatte er nicht bemerkt, in welcher Geschwindigkeit der Uruk ihn ein ganzes Stück südlich am Schicksalsberg vorbei in den Dunklen Turm gebracht hatte.
Schneller als man es hätte ahnen können, waren die Befehle zur Auslieferung des Spähers erteilt worden, der am sechzehnten März vor Sauron gestanden und die Folter überstanden hatte.
Da konnte Sam nicht mithalten, der einen beschwerlichen und gefährlichen Weg vor sich hatte, den er nur langsam und während der Nacht beschreiten konnte, um nicht gesehen zu werden. So kam es, daß er sich zu der Zeit, als Frodo in den Kerker von Barad-dur gebracht wurde, fünfzig Meilen von seinem Ziel und noch weiter von Frodo entfernt weitab vom Hauptweg zum Orodruin befand und sich gerade von Gollum befreit hatte, wohl ahnend, was zu dieser Zeit in Barad-dur geschah.
Davon ahnten die Freunde noch nichts, die erst einen Tag später den Abmarsch beschlossen und zuvor die große Schlacht vor Minas Tirith geschlagen hatten.
Es trug sich also einige Tage vor der Schlacht am Morannon noch vieles zu in den schwarzen Landen, was den armen Sam lähmte, ganz unbewußt aufhielt, fernhielt von jeder Hoffnung.
Mutlos erhob er sich nach einem ruhelosen Schlaf und starrte hinaus in die dicke, pechschwarze Dunkelheit. Es war Nacht, was schwer zu sagen war, da es in Mordor am Tage kaum viel heller war als in der Nacht, aber Sams Zuversicht war noch weiter geschwunden und er sah nichts weiter in der Finsternis als loderndes Feuer.
Es war noch so weit bis zum Schicksalsberg. Er wußte genau, eigentlich war es höchst gefährlich, daß er den geraden Weg dorthin beschritt, jedoch hatte er nicht mehr die Kraft, einen Umweg zu beschreiten, der womöglich kaum sicherer sein würde.
Aber da die schwarzen Heere nach Norden berufen worden waren, lichtete sich endlich der Weg vor seinen Augen und er wagte wieder daran zu glauben, daß er vielleicht noch einen oder zwei Tage laufen konnte, ohne ständig in Gefahr zu schweben. Wenn dann allerdings der Schicksalsberg von Saurons Schergen bewacht war, hatte er verloren.
Warum die Orks sich nach Udun bewegten, wußte er nicht, und es kümmerte ihn auch nicht. Er hatte keine Ahnung, daß seine Freunde ihnen nach besten Mitteln zu Hilfe eilen wollten, und es hätte ihn kaum gefreut, wenn er es gewußt hätte.
Da war keine Freude mehr in ihm. Er hatte einen entsetzlichen Traum gehabt, der ihm im Schlaf Tränen in die Augen getrieben hatte, und ohne es sicher zu wissen, war er damit der Wahrheit sehr nah gekommen.
Er stellte sich vor, wie Frodo elendig vor Schmerzen wimmernd in einem dunklen Verlies lag, mit Brandmarken, Schnittwunden, Blut entstellt, innerlich verwüstet und leer, verlassen und ohne jede Hoffnung.
Er hatte noch das bleiche, kränkliche Gesicht seines Freundes in Erinnerung, wie es ausgesehen hatte, als er gegangen war und ihn zurückgelassen hatte - der größte Fehler seines ganzen Lebens, den er sich niemals verzeihen würde. Frodos Wangen waren eingefallen gewesen, wenn er nachts unruhig schlafend dagelegen hatte, war Sam aufgefallen, wie abgemagert er bereits gewesen war, und das, obwohl sie genug Vorräte hatten.
Doch das war nicht der Grund. Die Strapazen der weiten Wege und ganz besonders der Ring waren für Frodos Zustand verantwortlich.
In seinen großen Augen war eine tiefe, weite Leere gewesen, er hatte durch alles hindurchgesehen, war nur noch willenlos vorangestolpert und hatte sich von Tag zu Tag mit mehr Mühe voranschleppen müssen.
Er hatte ihm abgenommen, was er ihm hatte abnehmen können, denn sein Freund machte einen so elenden Eindruck auf ih, wenn er mit hängenden Schultern weiterging, haltlos und kraftlos.
Bleich und leer war Frodos Gesicht unter den dunklen Locken gewesen, und so manches Mal hatte er im Schlaf geschluchzt und geweint, sogar geschrien.
In dieser Nacht war es Sam wieder gewesen, als hätte er Frodo um Hilfe flehen, vor Schmerzen schreien und weinen hören, und eine unaussprechliche Angst ergriff das Herz des kleinen Gärtners, der mit jedem Schritt, den er dem Schicksalsberg näherkam, mehr an Frodo denken mußte.
Was mit ihm selbst geschah, war Samweis gleich, wenn nur Frodo nicht gequält wurde.
Aber er hatte selbst Gollums Narben gesehen und in diesen wenigen Augenblicken Mitleid mit der armseligen Kreatur verspürt, denn Gollum hatte die entsetzliche Folter Barad-durs erleben müssen. Die Peitschenstriemen zeugten in aller Deutlichkeit davon.
Sam schleppte sich weiter. Seine blonden Locken waren verdreckt und standen wirr, Schmutz bedeckte sein Gesicht, und seine feuchtglänzenden, vom Weinen und der stickigen Luft geröteten Augen standen im Kontrast zu seinem vom Staub stumpf scheinenden Gesicht, das an manchen Stellen von blutigen Kratzern übersät war.
Er gab einen hervorragenden kleinen Ork ab. Die schwere Lederpanzerung, die mit einem schwarzen Kettenhemd durchwirkt war, sah so orkisch aus wie irgend etwas, doch wurde noch von dem häßlichen Helm übertroffen, den Sam sich halbherzig auf den Kopf zog, weil es sein mußte.
Dann hinkte er weiter voran. Sein ganzer vom Pfeil durchbohrter Arm war taub, schmerzte jedoch heftig bei der kleinsten Berührung der Wunde. Sie war gewiß entzündet, aber er hatte nichts, um dagegen etwas zu unternehmen.
Wenigstens ging es mit seinem Fuß etwas besser. Er war nicht mehr gar so dick geschwollen, aber dennoch hinkte Sam stark. Der umwickelnde Verband war inzwischen unter den Fußballen und an der Ferse durchgescheuert und überall sonst voller Schmutz, aber er erfüllte noch immer seinen Zweck.
Mit bei jedem Schritt laut rasselndem Metall an seinem Körper marschierte Sam Wegstunde um Wegstunde voran und kam derweil nur langsam voran. Er ging Umwege, weil er tunlichst versuchte, im Sichtschutz von großen Felsen und Erderhebungen voranzukommen. Er konnte immerhin nicht wissen, ob der Ring seine Anwesenheit nicht verriet, also mußte er sich verstecken.
Mit jedem Schritt fuhr ein Stechen durch sein verletztes Fußgelenk, aber er hatte es zu ignorieren gelernt. Er mußte einfach weitergehen und es zuende bringen!
Die Felsbrocken schützten ihn. In der Ferne hörte er das laute Geschrei der weiterziehenden Orks, die sich glücklicherweise immer weiter von ihm entfernten, allerdings war er am vorigen Tag tatsächlich noch einem kleinen Orktrupp fast in die Arme gelaufen, der desertierend über die Ebene stromerte. Scheinbar hatten die vier Snaga kein wirkliches Interesse daran, in den Krieg zu ziehen, denn sie verhielten sich genauso heimlichtuerisch wie der verkleidete Hobbit.
Sam hatte sich in einer Kuhle im Boden niedergeworfen und war einfach reglos liegengeblieben, bis sie vorübergezogen waren.
Er war lange niemandem mehr begegnet und auch dieser Tag wurde ein sehr einsamer. Er war zwar froh, daß er Gollum los war, aber es war ohne Gollum genauso schlimm wie mit ihm, denn so war er ganz allein und hatte nicht einmal mehr jemanden, mit dem er streiten konnte.
Klirrend schlug die schwere Rüstung gegen seinen Körper. Er verlagerte das ganze Gewicht auf den unverletzten Fuß und stolperte weiter, immer darauf bedacht, zwar schnell voranzukommen, aber sich den Fuß nicht noch einmal umzuknicken. Wenn das geschah, konnte er kaum noch die restlichen fünfzig Meilen bis zum Orodruin hinter sich bringen.
Stundenlang hatte er auf den Boden gestarrt. Lange hatte er durch die aschedurchsetzte Luft nicht viel sehen können, ein schlimmerer Nebel war es, der ihn umgab, und nur das ferne Poltern verriet die Richtung, in der er den Schicksalsberg finden würde.
Doch dann lichtete sich der Dunst und er konnte ihn wieder sehen, den feuerspeienden Vulkan, der heftig brodelte und wütete.
Seine Hänge waren mit schwarzer Asche bedeckt und erschienen Samweis trotz allem sehr steil. Es würde ein beschwerlicher Aufstieg werden.
Er wurde auch immer steiler und steiler, je mehr er der Spitze zuging, und aus dieser schoß in diesem Augenblick eine gleißende Fontäne kochender Lava bis in die Wolken empor, weiß glühend und zischend. Schlackefetzen fielen wieder zu Boden zurück und ein erneuter Erdstoß fuhr durch den Boden unter Sams Füßen.
Plötzlich wurde ihm seine vornübergebeugte, zusammengesunkene Haltung bewußt. Sein Rücken und der Nacken schmerzten, denn der Ring mit seinem schrittweise immer größer werdenden Gewicht zog ihn immer tiefer dem Erdboden entgegen, wurde eine immer schwerere Last, und Sam richtete sich keuchend wieder auf.
Ihm stand kalter Schweiß auf der Stirn. Seine Kehle war ausgedörrt und sein Magen klagte schon gar nicht mehr vor Hunger, weil er es gewöhnt war.
Sam hatte den Vorrat an Lembas noch überprüft, bevor er losgestapft war, und hatte nur noch zwei halbe Waffeln entdecken können. Viel schlimmer war jedoch, daß sein Wasserschlauch nur noch halb voll war und seit er unterwegs war, hatte er nirgends einen noch so kleinen Tümpel ausmachen können.
Es schien, als gäbe es in ganz Mordor keinen Tropfen Wasser.
Der Dunst lichtete sich weiter und offenbarte Sam einen Blick auf Barad-dur. Einer Nadel gleich stach der Dunkle Turm in den Himmel, doch er stand fest verankert hinter dem riesigen Festungswall, den er so niemals würde durchdringen können.
Er war keine Hilfe für Frodo.
Viele kleine Licht eilten entlang der Außenbefriedungen der sich immer höher schraubenden Festung, gekrönt von dem Auge aus Feuer, das von den Sichelzinnen wie in einer Zange gehalten schien und gleich einem Raubtier Ausschau hielt.
Sam schüttelte sich. Eine gespenstische Atmosphäre erreichte auch ihn in der Ferne, und plötzlich zuckte er zusammen. Es war ihm, als hätte er einen qualvollen Schrei vernommen.
Natürlich war das über diese Entfernung nicht möglich, das wußte er, aber er glaubte an ein Teufelswerk Saurons.
Er dachte nicht an den Ring, der von Sauron wieder einmal für einen Trick verwendet wurde. In der Tat hörte Sam Frodos Aufschrei, als man ihn durch den Turm schleifte, ganz weit weg, aber Sauron wollte dem neuen Ringträger eine Falle stellen.
Wutentbrannt richtete Sam sich auf und starrte in Richtung des Auges. Er hatte keine Ahnung, daß Sauron tatsächlich dahintersteckte, aber er wußte mit Sicherheit, daß Sauron Frodo foltern würde.
„Was willst du?“ brüllte er aus vollem Leibe, ohne sich um seine ohnehin weithin leere Umgebung zu kümmern.
„Was machst du mit ihm? Warum quälst du ihn? Du wirst ihn nicht bekommen, nicht, solange ich lebe! Ich werde ihn zerstören und dich mit ihm!“
Sams Stimme brach zum Schluß hin weg und er begann zu zittern, dann ging er in die Knie, zerrte sich hastig den Helm vom Kopf und warf ihn zu Boden. Er schlug die Hände vors Gesicht, laut schluchzend und verzweifelt weinend.
Der Ring zog schwerer an ihm und Sam hielt dagegen. Es war ihm, als hallte sein eigener Aufschrei im Nichts wider, er hörte ihn noch immer, da war ein gespenstischer Nachhall in seinem Kopf.
Aber er war allein, und nicht einmal Sauron hörte ihn.
Stoßweise brach es aus ihm heraus. Er weinte bitterlich, bekam kaum mehr Luft, wurde fast schmerzhaft geschüttelt und begann vor Verzweiflung unter Tränen zu schreien.
Die salzigen Zeugen seiner Trauer wuschen in Rinnsalen den Schmutz von seinen wunden Wangen, näßten den seit Jahren verwüsteten Boden Mordors, sahen Sams Qual, die er hinausschreien mußte.
„Frodo!“ schrie er, so laut er konnte und wischte sich die Tränen aus den Augen, doch vergeblich, sie wollten nicht versiegen.
„Es tut mir so leid! Ich hätte dich nicht verlassen dürfen! Bitte verzeih mir, ich wollte dich nicht im Stich lassen, ich wollte nicht, daß das passiert!“
Er schluchzte erneut und schnappte heftig nach Luft.
„Ich werde ihn für dich vernichten, Herr Frodo, das Teufelsding und seinen Herrn! Ich werde sie zerstören, die dir das Übel angetan, und niemand hält mich davon ab!“
Hastig griff er unter die Orkpanzerung und tastete mit zitternden Fingern nach dem Ring, den er aus der Tasche zog und an seiner silbernen Kette baumelnd in die Luft hielt.
„Du kriegst mich nicht, großer Herrscher! Ich habe etwas für meinen Herrn zu erledigen“, keuchte Sam, „und das werde ich auch tun! Du wirst ihm niemals wieder weh tun!“
Nichts rührte sich. Das Auge richtete sich nicht auf ihn, er wurde nicht von hinten überfallen, er war ganz allein.
Aber er würde Frodos Pein rächen und seine Aufgabe zuendebringen, indem er den Ring zerstörte. Er würde es tun.
Noch immer laut schniefend und mit Tränen in den Augen stand er wieder auf und holte tief Luft.
Ein wenig Stärke war noch in ihm. Er hatte gesunde, kräftige Hände, sein Fuß kümmerte ihn nicht, er war ein tapferer Hobbit, und er ihm jetzt in den Weg kam, der würde ihn kennenlernen.
„Frodo“, flüsterte Sam und rief sich Frodos Gesicht in Erinnerung, wie er es zuletzt auf einem Geburtstagsfest im Auenland gesehen hatte, so voller reiner Freude und purem Glück.
Etwas anderes hatte Frodo nicht verdient.
Er lief weiter voran. Mit jedem Schritt suchte er Halt auf dem unebenen Boden, machte seinen Weg weiter voran, nahm sich vor, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.
An diesem Tag war auch niemand da, der ihn hätte aufhalten können, denn es war gar nicht Tag, sondern tiefste Nacht, und er lief sogar noch über den Beginn des Morgens hinaus, weil kein Lichtstreifen am Himmel ihm den Anbruch der Dämmerung verriet. Es war ein weiterer Tag ohne Morgen, der Saurons Erstarken verriet, denn der Dunkle Herrscher wußte, sein Gefangener wurde im tiefsten Kerker seiner Feste gefoltert, bis ihm fast die Sinne schwanden und er alles gesagt hatte, was er noch über die Lippen bringen konnte.
Sam kam erst zur Ruhe, als seine Füße zu schmerzen begannen und der kratzende Durst in seinem Hals unerträglich wurde. Vorsichtig nahm er einen kleinen Schluck aus seinem Wasserschlauch, nur daß seine trockene Kehle ein wenig befeuchtet wurde, und nahm zwei kleine Bissen einer Lembaswaffel, bevor er sich auf die Suche nach einer geschützten Stelle für ein paar Stunden Schlaf machte.
Bald hatte er unter einem Felsvorsprung eine Nische ausgemacht, in die ein halber Ork gepaßt hätte, für einen Hobbit jedoch war sie ausreichend groß und geräumig.
Sam rollte sich unter seinen Sachen zusammen, schlang die Arme um seinen Körper, um der Kälte nicht ganz so ausgesetzt zu sein, und schloß die Augen.
Im Handumdrehen war er dann eingeschlafen und wurde in seinem Versteck von der Dunkelheit noch zusätzlich verborgen und vor allen bösen Augen verhüllt.
Leise schnarchend fiel er in einen anfänglich tiefen Schlaf, aber der Ring in seiner Tasche ruhte keineswegs. Sauron hatte die Schreie Frodos aus dem Kerker gehört, als man ihm so schwer zugesetzt hatte, und der Ring hörte ebenfalls davon.
Im Schlaf zerriß ein entsetzlicher Schrei die Stille in Sams Kopf, und es war Frodo, der seine Qual hinausschrie.
Unbestimmte, schattenhafte Umrisse zeichneten sich vor Sams innerem Auge ab, doch langsam wurden sie deutlicher. Er erkannte eine kleine Gestalt, die mit seltsam verzerrten Armen an einem Strick hing, voller endloser Qualen schreiend und weinend, aber ungnädig ignoriert.
Als er dem Bild näher kam, sah er den aus Frodos Arm herausstechenden blutigen Knochen, der sein Fleisch zerrissen hatte und einen unaussprechlich grausamen Anblick bot.
Und dann war da das viele Blut, das auf Frodos zerfetztem Rücken in Tropfen hinabrann und Sam den puren Angstschweiß auf die Stirn trieb.
„Nein“, formten seine Lippen einen tonlosen Schrei und seine Augen brannten, wurden langsam wieder feucht von Tränen, aber es war noch nicht vorüber.
Frodo schrie und jammerte, flehte um Gnade, die ihm nicht erteilt wurde, und lag dann im nächsten Moment halbnackt und zitternd vor Schmerzen und Kälte auf dem schmutzigen Kerkerboden Barad-durs, in nicht mehr als einen Fetzen gewickelt und dem Tod näher als dem Leben.
Er rief weinend nach Sam, immer und immer wieder, und Sam wußte tief in seinem Herzen, daß er das in diesem Augenblick gerade wirklich tat, unablässig, wenn auch leise und mit erstickter Stimme.
Eine tiefe Brandwunde erstreckte sich über sein geisterhaft erstarrtes Gesicht auf einer Seite, entstellte es fürchterlich, und seine Augen blickten starr ins Nichts.
Sie waren wie tot, stumpf, jeder Glanz in ihnen erloschen.
„Sam...“
Mit einem Schrei fuhr Sam hoch und stieß sich am Felsen den Kopf, sodaß er sogleich schreiend wieder zurückfiel und sich jammernd den Kopf rieb. Mit geweiteten Augen starrte er gegen den Felsen und konnte nicht glauben, was er gesehen hatte.
Es war so real gewesen, denn wer würde es schaffen ihm Frodos Stimme so greifbar nah in den Kopf zu zaubern?
„Ich werde tun, was ich kann, um dir zu helfen“, murmelte Sam mit von Tränen erstickter Stimme und atmete tief durch. Seine Haut brannte, so sehr hatte der grauenerregende Anblick ihn entsetzt, und sofort stand er auf, um weiterzugehen, um dem Schicksalsberg noch ein Stück näher zu kommen.
Aber er wollte Frodo nicht versprechen, daß er kam, um ihn zu retten.
Das würde ihm nicht gelingen.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit lag er da, völlig bewegungsunfähig, und seit Stunden vor Schmerzen weinend.
Sie würden niemals wieder aufhören.
Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte. Einen Fuß hatte er sich vollends ausgerenkt beim Fall zu Boden, die Knie waren aufgeschürft, ein Brandmal quer über seinen Unterbauch gezogen.
Aber das war noch auszuhalten. Viel schlimmer war jeder bloße Gedanke an das Loch in seiner Schulter, und er konnte seine dick angeschwollenen und blutunterlaufenen Arme überhaupt nicht bewegen, weil sie völlig verdreht und ausgerenkt waren. Der herausstechende Knochen machte das Ganze nicht besser, und Frodo wurde übel, weil er noch immer sein eigenes, nur langsam trocknendes Blut riechen konnte.
Sein Rücken klebte vor Blut, und bei jeder noch so kleinen Bewegung rissen die vielen Wunden auf seinem Rücken wieder auf und bluteten erneut. Selbst der dreckige Orkfetzen war schon von dunklem Blut verschmiert, und selbst wenn Frodo gekonnt hätte, so hätte er nicht gewagt, die tiefe Brandwunde auf seinem Gesicht zu berühren.
Sie entstellte sein ganzes Gesicht und sobald er auch nur das Gesicht vor Schmerzen verzog, brannte die Wunde höllisch.
Er öffnete die Augen nicht mehr. Zusammengerollt, so gut er konnte, lag er da mit angezogenen Beinen und hatte sich inzwischen daran gewöhnt, zu frieren, aber an die Qualen hatte er sich nicht gewöhnt.
Die Schmerzen schienen endlos. Noch dazu litt er einen furchtbaren Durst und großen Hunger, aber am schlimmsten blieben die Schmerzen.
Er lag unbequem, seine ganze Seite schmerzte. Aber kaum daß er sich umdrehen wollte, rebellierte sein ganzer Körper.
Tröpfelnd machte sich warmes Blut auf seinem Rücken erneut bemerkbar, seine Arme zitterten vor Schwäche, er war unfähig zu jeder Bewegung.
Alles um ihn herum war still. Sie waren gegangen und würden ihn wohl sterben lassen, aber er konnte nicht behaupten, daß ihn das kümmerte. Seine Pein war derart groß, daß jede Minute seines Lebens mit ihr die reinste Qual war.
Sie sollten ihn einfach töten, nicht nur sterben lassen, sondern bestenfalls töten.
Er würde das Tageslicht ohnehin niemals wieder sehen, also was sollte das Ganze noch?
Er hätte nur Sam gerne einmal wiedergesehen, doch das war sicherlich unmöglich.
Er ertrug seinen Durst, denn er wollte nicht mehr leben. Er wollte einfach nur noch vor Erschöpfung einschlafen und nicht mehr aufwachen.
Ab und an bebte die Erde. Das war der Schicksalsberg, er wußte es, und er hatte sich daran gewöhnt. Aber er rumpelte nur, da war keine tiefergehende Erschütterung, wie sie vielleicht kommen würde, wenn der Ring von den tosenden Feuern in den Sammath Naur aufgefangen und zerstört wurde.
Es war sonst alles still. Von fern und hoch über ihm hörte er so manches Geschrei von Orks, die von ihren Führern vorangetrieben wurden und lautstark meuterten, und er hatte ständig eine dumpfe, seinen Kopf in Watte hüllende Stimme im Kopf, die vermutlich Saurons war, so sicher war er sich da nicht.
Alles um ihn herum war finster. Das aschfahle Licht einer dämmrigen Pechfackel vom Gang schien durch die Gitterstäbe bis in seine Zelle hinein und ließ ihn ein wenig sehen, aber eigentlich gab es gar nichts zu sehen.
Er war umschlossen von massiven, finsteren Mauern, konnte die letzte Ecke seiner nach Unrat und Fäule stinkenden Zelle überhaupt nicht mehr sehen, aber das war ihm auch ganz recht so.
Nirgends war ein Wächter, der Ostling war fort, er war verlassen und vergessen.
Er hoffte es fast.
Er lag halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, um seinen Rücken zu schonen, hatte den vor Schmerzen hämmernden Kopf auf den ungebrochenen Arm gebettet, der kraftlos bis an die Gitterstäbe heran lag, und wenn er sehen wollte, ob er noch lebte, bewegte er die Finger zitternd ein wenig, streckte sie nach den dicken Gitterstäben aus, krallte in die Luft und versuchte, einen bloßen Gedanken an Erlösung zu erhaschen, doch nichts sollte ihm vergönnt sein.
Der andere, völlig deformierte Arm, lag auf seinem Leib und strahlte eine immense Hitze aus. Etwas entzündete sich in seinem Leib, er würde todkrank werden durch den Schmutz, der überall um ihn herum war und ihn würgen ließ.
Sein Rücken brannte weiter und sobald er sich bewegte, spürte er wieder zähes Blut warm über seine von dunklem Blut verkrustete Haut tropfen.
Er würgte, aber sein Magen war so leer, daß er sich nicht übergeben konnte.
Seine Finger und Füße waren kalt, es fröstelte ihn, apathisch und reglos lag er schon den ganzen Tag da und versuchte, wenn die Schmerzen es zuließen, nachzudenken, an seine Freunde zu denken, sich an gute Tage in der Heimat zu erinnern.
Doch letzteres gelang ihm nicht ein einziges Mal, zu sehr war er vom Entsetzen und der Dunkelheit Mordors gefangen, die mit unsichtbaren Fingern nach ihm griff, seinen zerrütteten Körper berührte, fast wie ein Hauch von Trost über ihn strich und ihm den Tod versprach.
Es wr eine Odyssee in den Tod gewesen. Es wunderte ihn, daß er überhaupt noch lebte, es fühlte sich nicht so an. Klaglos ertrug er den Durst, denn alles in ihm war so taub und gefühllos, daß er das nicht mehr spürte.
Er vergaß über Stunden sogar viel vom Schmerz, spürte wenig davon, wenn er reglos liegenblieb, und das wollte er weiterhin tun.
Mit glasigen Augen starrte er durch die Gitterstäbe, unbewegt und lethargisch, konnte zwischen Dunkelheit und Verwesungsgestank keine andere Spur des Lebens ausmachen, er war dort unten der einzige, der noch nicht verfault war.
Dann fiel er plötzlich in einen ohnmachtsnahen fiebrigen Schlaf, der ihn zumindest die Schmerzen vergessen ließ, wenn auch nicht Angst und Schrecken. Ihm waren die schweren Lider zugefallen und die Erschöpfung nahm ihn mit auf eine Reise außerhalb seiner Gefängnismauern, eine Welt, die er niemals wiederzusehen glaubte.
Der Gestank des Todes, der im Kerker Barad-durs vorherrschte, bahnte sich einen Weg bis in Frodos Träume und erinnerte ihn an den bestialischen Gestank in Kankras Höhle, wo alles Licht gestorben war und selbst die Dunkelheit von der Kreatur gefressen wurde.
Er verstrickte sich in klebrigen Fäden, klaubte sie aus seinen Locken, streifte sie von seinem Leib, befreite seine Füße davon, doch dann spürte er wieder den kalten Stich des Monsters brennen, der in seinem Nacken wütete, es war ihm, als würde er erneut gestochen und er zuckte im Schlaf heftig zusammen, so daß er unbewußt aufschrie und erneut heftig zu bluten begann.
Dann sah er die acht Augen, wie sie ihn anstarrten, fast zu grinsen schienen, und er konnte sich nicht bewegen, nicht schreien, nicht gegen sie zur Wehr setzen, als sie begann, ihn mit den haarigen und bei jeder Bewegung knackenden Beinen zu greifen und dann einzuspinnen.
Erstickende Todesangst bemächtigte sich seiner. Dann erwachte er vor den Augen der Orks, noch immer eingesponnen, im Turm von Cirith Ungol und wurde mit einem harschen Messerschnitt befreit, jedoch nur, damit sie ihm die Kleider vom Leib reißen und ihn genüßlich anfassen konnten, getrieben von Neugier auf den Halbling.
Ihre krallenden Berührungen ließen ihn erneut schreien, und das nicht nur im Traum. Frodos Schreie gellten widerhallend durch jeden Winkel im Kerker, als sie ihn im Traum berührten, untersuchten, seine Sachen durchsuchten, und schließlich siegreich den Ring in den Händen hielten.
Er schien ihm riesig, wie ein Ring aus Feuer, wie er da glänzend an der filigranen Kette baumelte, und sie lachten hämisch.
Doch dann offenbarte sich ihm ein Blick auf das Schrecklichste, was seine Augen jemals sehen sollten.
Er war es. Eine Blutlache umgab ihn, die schwarz im Licht glänzte, und seine weit geöffneten Augen starrten entsetzensschwer in die Luft. Er war im Schrei gestürzt, von einem tödlichen Schlag verwundet, und tot auf dem Boden aufgeschlagen.
Sie hatten ihre Arbeit gründlich gemacht. Sein Bauch war aufgeschlitzt und verströmte den stechenden, metallenen Geruch frischen Blutes und noch warmen Fleisches, und die Orks würden sich daran laben.
Frodo schrie auf. Er blickte in Sams tote Augen, doch dann trat einer der Orks vor den geschändeten Leichnam seines Freundes, hieb mit seinem gewaltigen Schwert auf ihn ein und drehte sich zu Frodo um mit der Trophäe ihres Sieges.
Das Blut tropfte in Fäden herab von dem kleinen Kopf, den der Ork mit einem häßlichen Lachen genau in Frodos Richtung hielt und dann auf ihn zu werfen wollte.
Vor Entsetzen brüllend schrak Frodo aus dem Traum hoch und schrie unaufhörlich, er schrie, bis ihm die Luft ausging und seine Stimme versagte, erschütterte fast die Wände, so laut schrie er.
Sein Herz raste und ihm wurde entsetzlich übel. Seine Eingeweide verkrampften, bis es schmerzte, er hustete heiser und schrie dabei schmerzerfüllt auf, weil sein zerschundener Leib mit jedem Mal heftig geschüttelt wurde, und es war eine Qual, die er nicht aufhalten konnte.
Dann begann er laut zu schluchzen.
Sam war tot. Sie hatten ihn bestimmt längst umgebracht, seinen armen Freund, den er niemals hätte mitnehmen dürfen, der doch nichts vom Übel hätte wissen sollen...
Frodo schloß die Augen, aber dennoch strömten ihm die salzigen Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Noch immer lag er auf dem Boden, aber er versuchte mit aller Gewalt, den gebrochenen Arm zu bewegen und unter großen Schmerzen gelang es ihm, seine Finger in seine Locken zu krallen und vor Schmerz und Trauer erfüllt zu schreien, bis er nicht mehr konnte.
Seine Schmerzen hatte er vergessen. Er weinte bittere Tränen, die nicht versiegen wollten, wimmerte und bettelte, flehte zu Earendil, daß Sam nicht ein solches Ende gefunden haben sollte, daß wenigstens er eine Chance haben sollte, zu überleben.
Denn er hatte vor Augen Sams Gesicht, wie es ihn sanft anlächelte, und seine blonden Locken glänzten lebendig im Licht, seine Augen funkelten freundlich, sein Lächeln war warm und zuversichtlich. Er hatte sogar die kleinen Grübchen in den Wangen, die so typisch für ihn waren.
„Sam...“ schluchzte Frodo leise, aber er wurde immer lauter, er rief Sams Namen immer und immer wieder, wünschte sich jetzt eine schützende und trostspendende Umarmung seines Freundes, der kommen und ihn retten, der Finsternis entreißen sollte, aber das würde niemals sein.
„Lauf, Sam“, rief Frodo weinend und schnappte nach Luft, „rette dich, so lauf doch fort, wirf ihn weg, lauf nach Hause...“
Denn er wußte ganz genau, wenn Sam an den Ring gelangt sein sollte, würde er ihn auch zum Schicksalsberg bringen, aber das war gleichzeitig sein Todesurteil.
„Sam...“
„Sam, Sam“, äffte ihn plötzlich eine häßliche Stimme nach, die von einem sich nähernden Ork stammte, und Frodo fuhr zusammen.
Mit geweiteten Augen starrte er den Ork an, der sich mit schweren Schritten näherte und dem ein zweiter folgte.
„Was winselst du, elende Ratte?“ fragte er dann und machte sich am Schloß der Gittertür zu schaffen.
Frodo biß die Zähne zusammen und schaffte es, sich stöhnend und unter großen Schmerzen aufzurichten. Danach zitterte er am ganzen Leib, denn keiner seiner Arme hatte ihm dabei behilflich sein können, er hatte sich mit den geschwächten Muskeln seines Leibes behelfen müssen.
Die Orks musterten ihn neugierig. Seine Rippen stachen inzwischen gut sichtbar hervor und verrieten den elenden Zustand des Halblings, der totenbleich war, strähnige Haare hatte und für ihr Empfinden köstlich nach einer ganzen Menge Blut roch.
„Oh, er hat Angst“, zischelte der andere grinsend.
„Aber das muß der Kleine nicht. Wir werden ein anderes Mal Spaß mit dir haben!“
Frodo nahm sie beim Wort, aber dennoch wollte er nicht wissen, warum sie diesmal dort waren.
Sie betraten die Zelle und knieten sich vor Frodo nieder, erstaunt ob des tiefen Kraters auf der einen Seite seines Gesichts.
„Was wollt ihr?“ rief Frodo mit einer fast piepsigen, brechenden Stimme, und holte erneut tief Luft.
„Dich am Leben halten“, war die knappe Antwort des ersten Orks und schon hielt er Frodo eine geöffnete, nach stinkendem Wasser riechende Flasche vors Gesicht und packte grob in seine Haare.
„Oder willst du etwa auch sterben?“
Frodo starrte ihn verblüfft an, dann suchte er nach Worten.
Scheinbar kannten sie das schon.
„Warum soll ich leben?“ fragte er leise. Die Orks sahen einander kurz an, dann sagte der eine: „Weil der Große Gebieter das so will. Klar?“
Damit riß er Frodo den Kopf nach hinten und preßte den offenen Flaschenhals auf die brüchigen Lippen des Hobbits, der sich nicht im Gestank des fauligen Wassers getäuscht hatte. In der zähen Brühe schwamm einiges herum, was er lieber nicht genauer kennen wollte, und es schmeckte abgestanden und alt.
Heftig hustend spuckte er alles wieder aus und schrie sie an.
„Laßt mich, geht weg!“
„Da hätten wir es ja schon wieder. Du wirst schön tun, was wir sagen, als trink jetzt gefälligst!“
Aber Frodo wollte nicht. Er preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen, um den Ork nicht ansehen zu müssen, doch dieser wendete weitere Gewalt an und drückte dem anderen die Flasche in die Hand, bevor er gezielt Frodos Unterkiefer packte, unter seinen Wangenknochen mit den Krallen gegen das Gelenk drückte und so den schmerzgepeinigt schreienden Hobbit zum Trinken zwang.
Sie hielten ihn fest und flößten ihm gewaltsam die Brühe ein, dann ließen sie kurz von ihm ab und hielten ihm, was ihn sehr erstaunte, ein Stück trockenes Brot vor die Nase.
Es war sicherlich schon so alt, daß man es eigentlich gar nicht mehr essen konnte, und als er bewußt danach roch, strömte ihm ein übler Schimmelgeruch in die Nase.
„Nein! Laßt mich einfach in Ruhe, ich...“ begann er, aber die einzige Antwort darauf war ein heftiger Schlag ins Gesicht, ausgeteilt mit der flachen Hand.
Frodo brüllte vor Schmerzen und spürte, wie ihm Tränen in die Augen schossen. Seine Nase fühlte sich taub an.
Erneut wurde er an den Haaren gepackt, der Ork zerbrach in einer Hand das harte Brot in viele kleine Stücke und zwang Frodo solange dazu, davon zu essen, bis er fast keine Luft mehr bekam und alles wieder ausgespuckt hätte.
Schließlich hatte er alles geschluckt und wurde düster angefunkelt, bevor der zweite Ork ihn mit seinem schweren Stiefel gegen die Brust trat und ihn damit rücklings zu Boden warf.
Frodo schrie auf, sein Rücken war wieder wund und blutig, und er schloß wimmernd und schluchzend die Augen, als sie ihn wieder verließen, ihn in seinem Schmerz zurückließen, weiterhin in der Dunkelheit allein ließen.
Sie sollten ihn einfach sterben lassen.
Aber Sauron wollte ihn wohl quälen und am Leben halten mit all seinen Schmerzen, er durfte nicht einmal sterben, obwohl er es sich wünschte...
Verzweifelt blickte er sich um, als er keuchend versuchte, sich wieder auf das schmutzige Hemd zu legen und sich damit zu bedecken.
Aber es war nichts in seiner Reichweite, das sein Elend hätte beenden können.
Seine Arme brannten, der Rücken zog sich schmerzhaft zusammen, er fror und zitterte stark und weinte verzweifelt.
Es war nicht zuende. Aber er würde sich töten, wenn er Gelegenheit dazu hatte, sie würden ihn nicht noch länger foltern!
Schniefend schloß er die Augen und rollte sich, so gut es ging, zusammen.
Da war nichts mehr in ihm, alles tot, nur er selbst nicht.
Eine größere Pein konnte es nicht geben.
„Sam“, wimmerte er leise, „hilf mir... Sam...“


Fünftes Kapitel: Am Rande der Vernichtung

Er war hin- und hergerissen. Sam hatte inzwischen einen entsetzlichen Hunger, daß sein leerer Magen schier zu schmerzen schien, nach dem letzten Stückchen Lembas schrie, das er noch hatte, aber wenn er das nun aß, hatte er rein gar nichts mehr für das letzte Stück bis zum Schicksalsberg.
Natürlich war es nicht mehr allzu weit, aber er mußte unbedingt bei Kräften bleiben.
Auch wenn er jetzt schon nicht mehr bei Kräften war.
Was er noch an Lembas hatte, reichte höchstens noch für drei Bissen und es war bei weitem nicht mehr genug für den gesamten Weg. Ganz zu schweigen davon, daß er trinken mußte und keinen einzigen Tropfen mehr in seinem Wasserschlauch hatte, und das ging weniger auf seinen Durst zurück, sondern vielmehr auf die Tatsache, daß er Wasser hatte sparen wollten und scheinbar so auf einem Stein gelegen hatte, daß dieser den Wasserschlauch an einer Stelle durchstochen hatte, so daß er leer gewesen war, als er unbedingt etwas hatte trinken wollen.
Seitdem hatte er noch keine Stelle entdecken können, die ihm Wasser versprach, da war weit und breit überhaupt nichts, kein noch so verdorbener Tümpel, absolut nichts.
Sam holte tief Luft, so als würde er diese essen und damit seinen Magen füllen wollen, dann hob er den Kopf, so gut er konnte, und marschierte weiter.
Er war hin- und hergerissen gewesen bezüglich des Rings. Da er nun schon den Wasserschlauch kaputt sah, traute er seiner eigenen Hemdtasche nicht mehr über den Weg und hatte schließlich den Ring herausgeholt und wieder um seinen Hals gehängt, um sicher zu sein, daß er den Ring nicht verlor.
Und er spürte sein Gewicht ständig, deshalb mußte er da keinerlei Angst haben. Mit jedem hinkenden Schritt, den der Hobbit machte, schlug der Ring gegen seine schmale Brust und die Kette rieb an seiner Haut, rieb sie fast wund, das Gewicht des Ringes zog ihn mitsamt seiner Schultern nach vorn und verursachte ihm schließlich tückische Rückenschmerzen, weil er sich nicht gerade halten konnte.
Die Orkrüstung war ein weiteres schweres Übel, aber er wagte es nicht, sie abzulegen. Die Entfernung zwischen ihm und dem Schicksalsberg war zu groß, als daß er hätte sagen können, daß dort keine Orks mehr auf ihn lauerten.
Er konnte kaum noch sehen. Sein Gesicht starrte vor Schmutz, seine Augen waren inzwischen stumpf und leer und er sah nur noch Grau, wenn nicht gerade der heiße Schein des Feuers sich einen Weg in sein Blickfeld bahnte.
Er hatte einen solchen Hunger. Sein Magen knurrte so laut, daß Sam fast fürchtete, man müßte ihn allein dadurch entdecken, aber es war niemand dort, der das hätte bemerken können. Er war allein.
Die heiße, trockene Luft, die nachts schneidend kalt wurde, brannte in seinen Lungen. Etwas Wasser brauchte er, nur ein wenig, einen kleinen Schluck...
Er spürte überhaupt nicht, wie plötzlich seine Knie nachgaben und er erst in die Knie ging, dann entkräftet zu Boden sank und mit ausgestreckten Gliedern dalag, reglos in die finsteren Wolken starrend.
Da war ein Rad aus Feuer, es war wohl der Ring, und die Flammen leckten am Nichts, das ihn umgab. Böses Stimmengewirr machte sich in seinen Gedanken breit, hämisches Gelächter, und plötzlich war dies alles überdeckt von Frodos gepeinigtem Schrei, der Sam schon seit Stunden verfolgte, eigentlich, seit er wieder erwacht war aus einem fiebrigen, nicht besonders erholsamen Schlaf.
Eine heftige Erschütterung fuhr durch die Erde und rüttelte Sam wieder wach. Der Hobbit riß die Augen auf und schüttelte den Kopf, dann verflog das flaue Gefühl und er stand langsam wieder auf.
Jetzt spürte er seine wunden Füße, die Entkräftung, die ihren Tribut zollte, und er hatte schließlich das Problem satt und griff in seine Tasche, wo das letzte Stück Lembas verwahrt wurde, und nahm einen einzigen Bissen.
Es war ihm sofort, als würde die Pein seines Magens vergehen. Er wurde nicht satt und es füllte seinen Magen nicht, weil sein Hunger zu groß war, aber es schmerzte zumindest nicht mehr.
Sam schleppte sich weiter. Die Dämmerung, wenn es denn noch eine gab, war inzwischen nah. Er war die ganze finstere, nur vom Feuer durchbrochene Nacht, weitergelaufen, Schritt für Schritt auf den Schicksalsberg zu, und er hatte keine Ahnung, daß man in Barad-dur inzwischen einen Verdacht hatte, wo er sich aufhalten könnte. Zwar keinen bestätigten, aber einen dennoch gefährlichen Verdacht, und auf die übliche, überraschend schnelle Weise hatte man einige Boten bereits den Befehl zukommen lassen, die Gegend um den Schicksalsberg einmal genauer zu untersuchen.
Sam war nicht müde, er fühlte sich nur unendlich leer und ausgelaugt, als er plötzlich innehielt. Da glänzte etwas im Licht des beginnenden Tages, das sich so unterschied von der staubigen Wüste, die er seit Ewigkeiten durchquerte.
Es war eine Wasserpfütze.
„Bei meinem alten Ohm!“ entfuhr es dem glücklich überraschten Hobbit, in dem neue Kräfte erwachten, denn er hatte es mit einem Male sehr eilig, diesen schier wunderbaren Ort schmutzigen, abgestandenen Wassers zu erreichen - denn immerhin war es Wasser!
Mit klappernder Rüstung hastete er voran und ging vor dem hinter einem Felsen verborgenen kleinen Tümpel in die Knie. Vorsichtig tauchte er eine Fingerspitze in das nicht gerade wohlriechende Wasser und wühlte dabei einigen Sand auf, aber das alles schreckte ihn nicht ab. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen, er brauchte jetzt einfach Wasser!
Vorsichtig formte er beide Handflächen zu einer kleinen Schale und tauchte sie in das fast warme, etwas zähflüssige Wasser, spürte, wie es seine Hände umspülte, schöpfte ein wenig der trüben Brühe und nahm einen Schluck davon, der sich für den darbenden Hobbit in diesem Moment wie eine Erlösung offenbarte und ihm schier köstlich erschien.
„Es gibt ja doch noch Leben in Mordor!“ murmelte Sam erleichtert und schöpfte wieder und wieder etwas von dem Wasser, um seine Lebensgeister zurückzuholen.
Er wusch sich danach die Hände und näßte sein Gesicht, was sogleich eine sehr angenehme Wirkung entfaltete, denn es war dem Hobbit, als lichte sich ein Vorhang vor seinen Augen. Er konnte die Welt wieder sehen.
Und er war kaum fertig, da bemerkte er im Augenwinkel ein verdächtiges blaues Funkeln, das von Stich herrührte. Das Schwert steckte nicht bis zum Heft in der Scheide, weil es Sam mit seinem blauen Glanz vor Gefahr warnen mußte.
Hastig fuhr er hoch und tastete nach seinem häßlichen Orkhelm, den er abgenommen hatte, um trinken zu können. Ängstlich blickte er sich um und konnte auf den ersten Blick nichts sehen, aber es war ihm gleich, er mußte den Helm aufsetzen, und als er das getan hatte, hob er den Kopf so weit, daß er über den schweren Felsbrocken linsen konnte, hinter dem er geschützt hockte.
Und da kamen sie. Ein gutes Dutzend Orks war es fast und das jagte Sam einen gehörigen Schrecken ein.
Wenn sie ihn fanden, war alles aus. Allein würde er sich nicht gegen sie verteidigen können.
Er holte tief Luft und sank hinter dem Felsen zusammen, wagte es nicht mehr, sich zu bewegen, nicht zu atmen, er wollte sich am liebsten in Luft auflösen.
Da fiel ihm der Ring ein. Niemand würde ihn sehen können, wenn er ihn aufsetzte!
Schon fingerte Sam unter der Rüstung nach dem Ring, als ihm siedendheiß ein entsetzlicher Gedanke kam.
Wenn er ihm aufsetzte, würde Sauron ihn sofort finden und die Nazgul würden kommen, das war so sicher wie sein Hunger. Er konnte es nicht tun.
Also mußte er sich etwas anderes einfallen lassen, denn er hörte, wie die Stimmen lauter wurden, die Orks näherten sich ihm bereits, schritten unaufhaltsam voran, und sie würden ihn finden...
Wenn sie ihn als Ork fanden, würde wer weiß was passieren. Sie würden ihn mitnehmen und dann würde er nicht mehr fliehen können, und das war sehr schlimm wegen dem Ring. Das konnte er nicht tun!
Er hatte nur eine Wahl: seinen alten Trick.
Im Handumdrehen zog er den Helm wieder aus und kramte seinen Elbenumhang unter seiner Rüstung hervor, schlang ihn um seinen Leib, zog Stich und griff tief in seine Hosentasche, um die Phiole herauszuholen.
Orks waren immerhin dumm!
Dann wartete er. Sie würden gleich kommen...
Und das taten sie. Es dauerte keine Minute mehr, bis die ersten den Felsen passiert hatten, und sie unterhielten sich in ihrer eigenen schnarrenden Sprache, als Sam sich hinter ihnen geräuschlos erhob und Stich nebst der Phiole in die Luft hielt. Er holte tief Luft und setzte seinen finstersten Blick unter der Kapuze seines Umhangs auf.
Schon im nächsten Augenblick hatten zwei der drei Orks ihn entdeckt und verfielen in helle Aufregung.
„Ein Spion!“ rief einer der beiden in der Gemeinsamen Sprache, so daß Sam ihn verstehen konnte, und jetzt war er in seinem Element.
„Falsch!“ donnerte er mit einer Grabesstimme, die ihn fast selbst erschreckt hätte.
„Ich bin kein Spion, ich bin ein Elbenkrieger! Ich werde euch häuten, wenn ich euch kriege!“
Lautes Geschrei erhob sich unter den Orks, die sogleich ihre kantigen Schwerter zogen und zu dritt auf ihn zustürmten.
Sam hatte das bedacht und kletterte flugs auf den Felsbrocken, die Phiole firm in der einen Hand haltend und in einer drohenden Geste Stich den Orks mit der anderen hand entgegenzielend.
Er hatte keine Chance, fuhr es ihm durch den Kopf. Die anderen Orks hatten ihn noch nicht entdeckt, aber das war nur noch eine Frage der Zeit.
„Ich mache euch kalt!“ brüllte Sam entschlossen, und er meinte, was er sagte, daran bestand kein Zweifel.
Das Licht der Phiole erschreckte die Orks zwar, hielt sie jedoch nicht fort, und die drohende schemenhafte Erscheinung des kleinen Kriegers mit dem blauen Schwert jagte dem Pack aus Barad-dur keine Angst ein.
Dann waren sie da und stürmten auf den Felsen ein, was Sam nicht beeindruckte, denn er ließ sich einfach hinabfallen und stach Stich bis zum Heft durch den ungeschützten Halsausschnitt der Rüstung eines der Orks in seinen Leib hinein, zerschnitt ihm Herz, Lunge und andere Organe.
Der tödlich getroffene Ork sackte stöhnend zu Boden und Sam stürzte genau auf ihn, wandte sich flink um und das gerade rechtzeitig, um sein Schwert spitz durch die lederne Rüstung des zweiten Orks durch dessen Eingeweide zu stechen.
Schwarzes Blut spritzte dem Hobbit entgegen und er wurde unter dem Ork begraben, der tot auf ihn niederfiel.
Stich steckte noch in seinem Leib. Sam rüttelte an ihm und versuchte panisch, sein Schwert aus dem Leib des Toten zu ziehen, denn die Spitze seiner Klinge ragte noch aus dem Rücken des Orks heraus und da war noch der dritte, der Blut geleckt hatte und dem Hobbit am liebsten den Kopf abschlagen wollte.
Er durfte nicht zögern, und plötzlich kam Sam die rettende Eingebung, er ließ die Phiole fallen und packte mit der Linken das Schwert des Orks, auf dem er lag, und riß es hoch, schlitzte dabei das Bein des dritten Orks auf und zwang ihn somit derart in die Knie, daß er ihm ungehalten den Hals mit dem schwarzen Schwert durchstechen konnte.
Röchelnd sank der dritte Ork darnieder und begrub Sams Hand unter sich. Jetzt war der Hobbit völlig wehrlos und sah alles begraben, sein eigenes Schwert, die Phiole, alles.
Und die anderen Orks kamen schnatternd näher.
Er brach in Panik aus. Aber er hatte noch eine Idee und schaffte es irgendwie, sich halb zu befreien, drückte den Leib des letzten toten Orks hoch und ließ ihn über seinem Kopf wieder los, so sein Kopf zwischen zwei Orks eingeklemmt lag. Er wurde nicht mehr gesehen, aber er konnte auch nicht atmen und umklammerte nur unter dem letzten Toten das Schwert, das er noch halb in der Hand hielt.
Er mußte die anderen täuschen.
Er drückte seinen Kopf hinunter gegen die Rüstung des Orks, der unter ihm begraben lag, und fand an dessen Gürtel etwas Spitzes, mit dem er sich am Hals in die Haut ritzte, bis Blut floß.
Dann blieb er reglos legen, und zwar keine Sekunde zu früh.
Laut diskutierend und streitend bogen die anderen Orks um die Ecke und verstummten kurz, als sie die anderen tot dort liegen sahen.
Sie wurden hektisch und stürzten auf die Toten zu, entdeckten Sam, dessen Kapuze aus den toten Leibern hervorschaute, und wälzten einen Leichnam von dem Hobbit herunter, um ihn sehen zu können.
Sam schnappte nach Luft und hörte auf zu atmen, schloß die Augen halb und verkrampfte fast, so daß man hätte glauben können, daß er tot sei.
Krallende Orkfinger packten ihn und drehten ihn um. Sein Kopf wurde zurückgeworfen und er mußte aufpassen, daß er sich unter keinen Umständen bewegte.
Warmes Blut tropfte über seinen Hals.
„Die sind alle tot!“ rief einer der Orks in der Gemeinsamen Sprache.
„Was ist das da für eine Ratte?“ fragte ein anderer und meinte Sam.
„Keine Ahnung. Sieht aus wie ein kleiner Elb oder so, aber der ist auch tot, seht ihr? Haben ihn abgemurkst!“
„Ob das einer von denen ist, die das Auge sucht?“ fragte ein dritter.
„Die haben es versaut. Es hieß doch, man sollte sie lebend bringen...“
Die Orks blickten einander unschlüssig an. Keiner wollte so wirklich den toten Sam bergen und nach Barad-dur bringen, um dann dafür getötet zu werden, daß der Gefangene längst tot war.
Sam wagte es, ein wenig auszuatmen, dann hielt er wieder die Luft an. Seine Lunge spielte zum Glück noch mit.
„Die machen uns kalt, wenn wir den tot bringen. Und der sieht mir eigentlich nicht aus wie ein gefährlicher Krieger! Der hat nicht mal was bei sich!“
„Was will das Auge überhaupt mit denen? Haben die irgendwas?“
„Der hier hat bestimmt nichts“, sagte einer, „laßt uns einfach verschwinden, dann merkt es vielleicht keiner...“
Jetzt schrie Sams Lunge nach Luft, er mußte unbedingt atmen, außerdem schoß ihm das Blut in der unbequemen Haltung in den Kopf und machte ihm zu schaffen.
„Und wenn der doch wichtig war?“
„Dann kann es uns egal sein, wir haben ihn nicht umgebracht, aber tot ist er, also wir sollten die Finger davon lassen...“
Sam wußte nicht, wer mit wem diskutierte, aber es war ihm auch egal. Er hoffte und bangte nur, daß seine List funktionierte. Nur gut, daß Orks so treulos waren!
Er mußte unbedingt Luft holen...
„Dann sollten wir verschwinden, oder?“
Es wurde nichts mehr gesagt, aber sie drehten sich scharrend um und stapften davon, das konnte Sam hören.
Er schnappte hektisch nach Luft und blinzelte. Sie gingen fort!
Die Orks hatten wohl den Befehl erhalten, jedes feindliche Wesen zu finden und nach Barad-dur zu bringen, aber lebendig und das war Sam scheinbar nicht mehr. Also stahlen sie sich lieber davon...
Keuchend richtete er sich auf und wälzte den zweiten Ork von sich herunter, dann erhob er sich mit zusammengebissenen Zähnen, weil die Orks ihn schon sehr zerquetscht hatten, und griff nach der im Staub liegenden Phiole.
Die Orks waren flink und schon aus seinem Sichtfeld verschwunden, als er aufstand und sein schwarz verschmiertes Schwert aus dem Orkleib zog, um es ungesäubert wegzustecken.
Er hatte mehr Glück als Verstand gehabt, dieser Falle zu entgehen. Sam konnte es kaum glauben.
Und der Ring war auch noch dort, wo er hingehörte.
Jetzt durfte er keine Pause mehr machen, er mußte weiter, und zwar ein bißchen plötzlich. Der Schicksalsberg war nun so nah...

Stundenlang starrte er mit leerem Blick und glasigen Augen an die Decke, die von Spinnweben überhangen waren und auf ihn zuzukommen schienen. Er wurde von allen Seiten erdrückt und fühlte sich, als würde er im freien Fall ersticken. Um ihn herum nichts als Schwärze, Furcht, Tod, ein aufklaffendes Nichts unter seinen Füßen, der Boden brach weg...
Er war dankbar, daß die Orks nicht mehr gekommen waren. Zwar hatte er wieder Hunger und Durst, das konnte er auch über seine Schmerzen hinweg noch spüren, aber er hatte gar nicht den Wunsch, zu überleben, er wollte am liebsten getötet werden oder einfach nur sterben.
Er fror bis auf die Knochen, denn dort unten in der Tiefe und Finsternis war nichts, was Wärme gespendet hätte.
Er versuchte, sich zu wärmen, indem er an etwas Schönes dachte, und er versuchte allerdings vergeblich, sich einen Sommertag im Auenland vorzustellen. Es war zwecklos, er sah keine sanften grünen Hügel, sondern ein graues Einerlei ohne fröhliche Sonnenstrahlen, und der kleine Weiher unter dem Baum erschien ihm wie ein See aus Blut.
Als er versuchte, sich an seine Freunde zu erinnern, sah er ausgemergelte, zerkratzte Gesichter vor sich, müde und hoffnungslos, und das machte es nicht besser.
Zuguterletzt versuchte er, an Sam zu denken, und er hörte seine Stimme in seinem Kopf widerhallen, wie sie verzweifelt seinen Namen rief, immer und immer wieder, und er wollte antworten, aber kein Wort kam über seine zitternden Lippen.
Eine Träne löste sich aus seinem Auge und kullerte über seine wunde Wange, aber er spürte es nicht. Er erinnerte sich an Sams erschöpftes Gesicht kurz vor dem Eingang zu dem Tunnel, der das Verderben über sie gebracht hatte, doch das vermochte ihn auch nicht zu trösten. Nichts tröstete ihn.
„Sam“, flüsterte er tonlos und schluckte, dann traten ihm wiederum Tränen in die Augen, als er sich vorstellte, daß Sam längst tot sein könnte - oder viel schlimmer noch, daß er tatsächlich nun den Ring hatte und sich damit zum Schicksalsberg durchkämpfen würde.
Das konnte er nicht schaffen. Sam hatte so ein tapferes und starkes Herz, aber er würde gegen das Gewicht des Rings und seine verführerische Stimme nicht gefeit sein.
Er hätte ihn nie mitnehmen dürfen, das alles war Sams Verderben...
„Sam“, flüsterte er, „rette dich einfach, lauf weit weg...“
Doch plötzlich riß etwas ihn aus seinen Gedanken. Es war ein markerschütternder, schmerzvoller Aufschrei, der scheinbar durch Wände zu gehen schien, und er stammte von einer ihm wohlbekannten Stimme.
Frodo biß die Zähne zusammen und spannte seine Bauchmuskeln an, um sich bestmöglichst zu erheben, und wandte den Kopf der Gittertür zu.
Das konnte nicht sein.
Und da war ein weiterer Schrei und ein heiseres, angstvolles Flehen, und es schien gar nicht mehr so weit weg.
„Gollum?“ flüsterte Frodo erschrocken. In der Tat, es war die Stimme der elenden Kreatur, die er nun verantwortlich wußte für all das, was auf dem Spinnenpaß und danach geschehen war.
Und dennoch hatte er Mitleid. Gollum wurde nun so gefoltert, wie man auch ihn gefoltert hatte, und es war Gollum zuvor schon geschehen.
Aber war Gollum allein gekommen? War er nicht noch bei Sam gewesen?
Wenn sie nur getrennt gewesen waren!
Ein weiterer krächzender Schrei gellte über die Gänge und jagte Frodo einen kalten Schauer über den Rücken.
Was würde Gollum schon über den Ring wissen? Bei ihm waren sie doch ganz falsch!
Oder ob er... wenn er nun den Ring genommen hatte? Deshalb hatte er ihnen diese Falle doch überhaupt gestellt!
Mit einem Schlag spürte Frodo, wie ihm heiß wurde. Das durfte nicht sein...
Immer, wenn die gequälte Kreatur aufschrie, zuckte Frodo zu Tode erschrocken zusammen, und dann plötzlich verebbten die Schreie abrupt.
Ein kalter Schreck durchfuhr Frodo. Das konnte nur eines bedeuten.
Und dann hörte er auch schon die schweren Stiefel einen lauten Nachhall auf den Fluren erzeugen, als der Ostling sich auf den Weg zu Frodos Zelle machte.
Nein, schoß es Frodo durch den Kopf, jetzt war alles aus.
Obwohl er sich den Tod eigentlich gewünscht hatte, bekam er es wieder mit der Angst zu tun, weil er die Folter fürchtete, die ihm sicherlich wieder drohte.
Im nächsten Augenblick war die schattenhafte Gestalt auch schon in Frodos Sichtweite und näherte sich der Tür mit rasselnden Schlüsseln.
„Verlogenes Pack!“ donnerte der Ostling, während er das Schloß öffnete und die Tür zurückwarf, daß sie Frodo fast getroffen hätte.
Der schräg an einer Wand lehnende Hobbit machte sich klein, aber es war hoffnungslos. Der Diener Saurons baute sich breitbeinig vor ihm auf und starrte finster auf ihn hinab.
„Wie kann es eigentlich sein, daß ihr alle behauptet, nichts zu wissen? Es kann doch kein Zufall sein, daß der kleine Ringdieb uns jetzt auch noch ins Netz gegangen ist! Das einzige, was er nicht abgestritten hat, ist, dich zu kennen. Aber das wirft weitere Fragen auf! Wenn sogar er den Ring nicht hat...“
Frodos Augen weiteten sich.
„Was habt... habt ihr mit ihm gemacht?“ wisperte er leise.
„Was wir gemacht haben? Ihn befragt und den Orks zum Fraß vorgeworfen!“
Frodo erstarrte. Das war deutlich gewesen, denn daß das nicht bildlich gesprochen war, wußte er sicher.
„Nein, das werde ich mit dir nicht machen, dazu bist du zu wichtig. Du weißt mehr, als du uns gesagt hast!“ sagte der Ostling, als hätte er Frodos Gedanken erraten.
Heißes Blut schoß durch Frodos Körper, aber es war bereits zu spät, der Ostling beugte sich zu ihm hinab und umfaßte die schmalen, knochigen Handgelenke des Hobbits mit seinen sehnigen Fingern und ohne noch etwas zu sagen, erhob er sich wieder und riß Frodo hart mit sich hoch, zog ihn an den Armen vom Boden hoch und kannte keine Gnade, als Frodo gepeinigt aufschrie, daß es ihm bis in die Knochen hätte fahren müssen.
Sein Gewicht zog Frodo sofort wieder nach unten, aber der Ostling hielt ihn grinsend an den Armen hoch und amüsierte sich prächtig, als er die Pein des Hobbits hörte und ihn noch ein wenig schüttelte, um den Druck auf die ausgerenkten, nur von Muskeln und Haut am Körper gehaltenen Arme noch zu erhöhen.
Tränen schossen Frodo in die Augen und er schrie aufgrund des brennenden, durchdringenden Schmerzes, der durch seinen ganzen Körper fuhr und ihn verkrampfen ließ.
„Nein!“ schrie er und schluchzte. „Ich weiß nichts!“
„Wenn das kleine Elend den Ring schon nicht hatte und du ihn auch nicht hast, wer hat ihn dann?“
„Ich weiß nicht!“ schrie Frodo, aber der Ostling ließ ihn nicht los. Frodo hing wehrlos in der Luft.
„Wer ist dein anderer Begleiter?“
„Ein Halbling...“
Der Ostling gab keine Antwort. Dasselbe hatte Frodo beim letzten Mal schon gesagt und es war auch sehr wahrscheinlich.
„Ist es möglich, daß er den Ring hat?“ fragte er nach einer Weile.
Frodos Schultern brannten. In ihm schrie alles, er selbst schrie, daß es die Luft zerriß, daß es den Ostling schier zu schütteln schien, daß es in die Grundfesten Barad-durs fuhr.
„Ja...“ brachte Frodo hustend hervor. „Wenn er noch lebt...“
„Und wohin will er mit dem Ring?“
Frodo kniff die Augen zusammen und biß sich auf die Lippen. Er durfte es nicht sagen, und wenn der Kerl ihm die Arme abriß, er würde schweigen...
„Wohin?“ brüllte der Ostling in Frodos Ohr und machte einen Schritt vorwärts, was Frodo mit dem Rücken an die Wand preßte. Sofort platzten die Wunden auf dem Rücken des Hobbits wieder blutend auf.
„Niemals!“ schrie Frodo und starrte dem Ostling plötzlich fest in die Augen.
„Soll ich dich foltern, bis nichts mehr an dir ist, was schmerzen kann?“ fragte der Kerl verächtlich.
Frodo nickte stur.
„Ich werde es nicht sagen!“ rief er und keuchte angestrengt. Die Schmerzen ließen nicht nach, er gewöhnte sich nicht daran, die Pein war unaussprechlich.
„Ich muß sagen“, grollte der Ostling, „das ist mutig. Hätte ich dir gar nicht zugetraut!“
Aber er wußte, daß Frodo die Wahrheit sprach. Der Halbling war nurmehr noch ein Häufchen Elend, nichts weiter, und daß er in diesem Zustand noch so trotzig war, sprach für sich.
„Und wenn ich dir eins verspreche...“ begann der Ostling langsam und sein Unterton ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß er wahrhaftig sprach.
Frodo hielt inne. Seit wann handelte Sauron mit seinen Gefangenen?
Aber scheinbar war ihm nun jedes Mittel recht.
„Ich bringe dich vors Schwarze Tor, dort, wohin das Heer der Menschen zu dieser Stunde zieht, und du bist frei, wenn du mir dann sagst, was eure Pläne sind!“
Achtlos ließ er von Frodo ab und ließ ihn zu Boden fallen, so daß der Hobbit erneut gequält aufschrie, aber er blieb ruhig vor ihm stehen und blickte seinen Gefangenen fragend an.
„Das ist eine Lüge“, flüsterte Frodo, weil er die plötzliche Kompromißhaltung nicht ganz verstehen konnte.
„Nein“, sagte der Ostling, „das ist es nicht. Du bedeutest dem Großen Gebieter nichts. Er will eine Antwort, du bist ihm gleich, und wenn wir deinen Kumpan finden, wird auch er verschont, sobald wir den Ring von ihm bekommen!“
Frodo schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht glauben“, sagte er.
In der Tat stand der Ostling vor einem Problem: Dieses Vorgehen war seine eigene Idee und er hatte keine Ahnung, ob sein Gebieter davon erbaut sein würde. In der Tat interessierte Sauron sich nicht für Frodo, und der Ostling hatte tatsächlich vor, den Vorschlag so zu erfüllen, wie er ihn gemacht hatte, damit Frodo wirklich sprach, aber der Hobbit glaubte ihm trotz allem kein Wort.
„Ich bringe dich jetzt nach draußen“, sagte er, „und es ergeht dir besser als dem Wurm, den wir vorhin getötet haben. Du wirst es sehen. Wir können sofort damit beginnen, du bekommst Kleidung, Wasser, Brot, was immer du willst, kannst nach Hause gehen und bist frei. Du mußt uns nur sagen, was wir wissen wollen! Wenn du eine Falle siehst, schweigst du eben.“
Frodo blinzelte und befreite seine Augen von den Tränen, legte die Stirn mißtrauisch in Falten und schüttelte wiederum den Kopf.
„Der Große Gebieter verhandelt doch nicht mit mir!“
„Ich werde dich quälen bis aufs Blut, bis du deinen eigenen Namen vergißt, wenn du nicht verhandelst!“
„Er ist mein Freund!“ schrie Frodo. „Wenn er noch lebt, werde ich ihn nicht ausliefern!“
Und er schloß die Augen, weil ihm das alles so seltsam vorkam. Er fragte sich, ob er träumte, ob der Ostling das wirklich gesagt hatte, und er stellte sich die Wahl vor.
Freiheit oder Qual.
Und er wußte gar nicht, ob Sam wirklich noch lebte.
Aber wenn er lebte...
Und die Freiheit ganz Mittelerdes hing davon ab!
„Nie werde ich es sagen, ganz gleich, was passiert! Niemals!“ rief Frodo und hustete.
Der Ostling hatte es satt und setzte seinen Fuß schwer auf den gebrochenen Arm Frodos, dann trat er zu.
Frodo schrie, bis ihm die Stimme brach.
„Nein!“ keuchte er und hustete. „Niemals!“
Aber dann spielte der Ostling den letzten Trumpf aus, den er hatte, und verabschiedete sich vollends von dem kurz ernstgemeinten Gedanken, Frodo freizulassen, sofern Sauron das zugelassen hätte.
Und er wußte, das wäre ohnehin niemals geschehen, also hatte er zweifellos gelogen.
Er hatte die Bestätigung nicht bekommen, also versuchte er es anders.
„Wir finden deinen Kumpan auf seinem Weg zum Schicksalsberg, glaube mir...“ sagte er, einem plötzlichen Gedanken folgend.
Entsetzt starrte Frodo zu dem Mann hoch und schnappte nach Luft, und das war dem Ostling genug.
„Dann erfahre ich es eben so...“
Mit diesen Worten wandte er sich um, ließ die Tür ins Schloß fallen, verriegelte sie und ließ den wimmernden, blutüberströmten Hobbit liegen, der sich nicht um eine Haaresbreite bewegen konnte.
Es war ein Trick gewesen.
In der Tat waren sie nicht so dumm gewesen, wie Frodo geglaubt hatte, und er wäre fast der teuflischen Versuchung erlegen, zu sprechen.
Schluchzend schloß er die Augen und sehnte sich den Tod herbei, das endgültige Vergessen, Stille und Erlösung.
Er hielt das nicht mehr aus.


Sechstes Kapitel: Im Auge des Feuers

Zwar spürte er große Erschöpfung, aber er zwang sich einfach, weiterzugehen, jetzt keine falsche Pause mehr einzulegen, nicht mehr zu schlafen, nicht einmal kurz zu ruhen, nichts dergleichen.
Staub regnete auf ihn herab. Schritt für Schritt wurde es ein wenig heißer, obwohl er irgendwann aufgehört hatte, zu glauben, daß es noch heißer werden könnte.
Sam schnappte angestrengt nach Luft. Was ihn im Moment, keine Meile vom Schicksalsberg mehr entfernt, noch sehr behinderte, waren seine Sachen. Er mußte unbedingt diese Orkrüstung loswerden.
Stöhnend lehnte er sich an einen Felsbrocken und zog den Helm vom Kopf, was ihm allein schon mehr Atemluft bescherte.
Aber dann kam der schwierige Part, denn er sah sich aufgrund seiner Kraftlosigkeit nicht mehr in der Lage, die Rüstung noch einfach so auszuziehen. Aber er machte es kurz, griff nach Stich und zog das silbrig unter dem schwarz verkrusteten Orkblut glänzende Schwert aus der Scheide, um dann kurzerhand ganz vorsichtig an seinem Leib vorbei an den Seiten und auf den Schultern Stoff und Leder zu durchtrennen, so daß die Rüstung danach mit einem Schlag von ihm abfiel und ihn von einer immensen Last befreite.
Sam hob wie erlöst die Arme, nachdem er Stich zu Boden hatte fallen lassen, und stieß mehr unbeabsichtigt als bewußt einen lauten Schrei aus.
„Frodo!“ rief er. „Ich bin jetzt da, halte noch aus, bald ist es vorüber...“
Dann erst wurde er sich dessen bewußt, daß er ins Nichts hinausschrie, in die feuerdurchsetzte, lebensfeindliche Luft, und Frodo würde ihn ohnehin nicht hören.
Aber es war ihm gleich.
Da war nur noch eine Last, und das war der Ring um seinen Hals. Aber Sam ließ sich davon nicht stoppen, er ignorierte das getrocknete Blut auf seiner Haut, das von dem Ring und der sich selbst zur Täuschung zugefügten Wunde gleichermaßen herrührte.
Sein Trick hatte ihn in der Morgendämmerung gerettet, und jetzt war es schon fast wieder Nacht. Zumindest glaubte er das, denn eine große Finsternis hatte sich über alles gelegt und er hatte jedes Zeitgefühl verloren, dabei war es gerade erst Nachmittag.
Er war gelaufen, hatte großen Durst ertragen, das letzte Stückchen Lembas gegessen und war fast laufend eingeschlafen vor Müdigkeit.
Und auch jetzt, am Fuße des Schicksalsberges, war es ihm, als würden ihm beim Laufen die Augen zufallen, und für einen Augenblick verlor er die Kontrolle über die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit.
Wieder sah er Frodo. Wieder sah er die blutunterlaufenen, tränennassen Augen seines Freundes, der entsetzlich zugerichtet in der Dunkelheit auf die Absolution wartete, die er nicht bekommen würde, weil in seinem Leben keine Gnade mehr war.
Stumme Qualen schrien aus seinem Gesicht, hatten sich in seine Züge gegraben, auf seinem Körper ihre Spuren hinterlassen, denn er war mehr als nur einmal gefoltert worden.
Sam schluckte hart. Es war ihm fast, als befände er sich selbst in Barad-dur, er glaubte fast, den Moder des kellertiefen Kerker riechen zu können...
Er schlug die Augen bewußt wieder auf, aber das Bild Frodos schob sich vor die Wirklichkeit des steilen schwarzaschigen Hanges des in seiner eigenen Wut erzitternden Vulkans, der auf Sam keinen besonders einladenden Eindruck machte.
„Gib nicht auf!“ rief Sam, und er wußte selbst nicht ganz genau, an wen sich das eigentlich richtete.
Er blickte sich nicht mehr um, er schaute nur noch nach vorn, schleppte seinen ausgedörrten, matten Körper den Hang hinauf und keuchte heftig.
Diese Tortur wünschte er seinem größten Feind nicht.
Plötzlich verlor er jeden Halt und ging ungebremst bäuchlings zu Boden. Der Ring grub sich tief in den roten Staub des Höllenbodens, wie Mordors rauhe Lande Sam inzwischen erschienen, und er glaubte fast, der Ring würde ihn hämisch angrinsen.
„Sehr komisch“, brummte der Hobbit sarkastisch, kratzte sich selbst aus dem Staub wieder auf und stolperte über spitze Steine, heiße Erde und wirbelnden Staub weiter den Hang hinauf, unfähig, zu glauben, daß er es überhaupt bis dort geschafft hatte.
Hinter jedem Felsvorsprung erwartete er einen Nazgul, eine Horde Orks, manchmal sogar Sauron persönlich - aber niemand war dort.
Sam konnte nicht fassen, daß man ihn ungehindert den Schicksalsberg erklimmen ließ. Es war schier unbegreiflich.
Aber immer wieder zwang das Poltern und Tosen des Vulkans ihn in die Knie, und so manches Mal blieb Sam mit Tränen in den Augen einfach liegen.
In ihm war kein Gefühl mehr, und woher die Tränen rührten, wußte der Hobbit nicht. Aber er weinte sie bitterlich, während er sich weiter vorankämpfte, und er dachte an nichts mehr.
Er ahnte nicht, daß in diesem Moment Aragorn auf Saurons Mund zuritt und ihn zu einem Duell herausforderte. Er ahnte nicht, daß Frodo tatsächlich noch lebte, obwohl er tot sein wollte, und im Kerker auf irgendetwas wartete, was nicht kam.
Und er ahnte nicht, wie hoch der Berg war, wie lang der Weg, wie anstrengend jeder Schritt.
Aber Sam war tapfer und blieb tapfer. Er stritt gedanklich mit dem schweren Ring, dessen Gewicht ihn noch zusätzlich verlangsamte, und drohte ihm zu Recht mit der völligen Vernichtung.
Das Atmen fiel ihm schwer. Ein jeder Schritt kostete unsäglich viel Kraft, und er war so müde, daß er es gar nicht hätte sagen können.
Den Blick noch zu heben, wagte er nicht, weil er gar nicht sehen wollte, wie weit es noch bis zum Eingang war.
Schritt für Schritt schleppte er sich weiter, bis plötzlich die Steigung verschwand und der Boden unter seinen Füßen eben wurde.
Hustend hob Sam den Kopf und seufzte tief.
Er hatte es geschafft.
Mehr tot als lebendig stolperte Samweis durch den Eingang, der die Pforte ins Innere des wütenden Vulkans bildete. Er war noch nicht ganz im Innenraum angelangt, als ihm bereits die glühende Hitze mit einem gewaltigen Luftstoß entgegenschlug und ihn fast zurückwarf.
Schützend schirmte Sam die Augen mit der Hand gegen die feurige Luft ab und schnappte nach Luft, denn in dieser Umgebung fiel das Atmen äußerst schwer.
Er hätte gar nicht behaupten können, daß es dort hell war. Zwar schien selbst die Luft im Feuer zu brennen, aber es war wie ein dunkles Feuer, das zwar heiß und hell loderte, aber kein wirkliches Licht verströmte.
Schweiß strömte ihm nach wenigen Augenblicken über die Schläfen und er war froh, sich der Rüstung entledigt zu haben, denn die hätte ihn sonst umgebracht.
Er trug nur noch Stich und die Elbensachen bei sich, nichts weiter, was nützte ihm an den feurigen Klüften noch ein Wasserschlauch?
Er kämpfte sich durch die Luftwirbel voran, die über der tobenden Glut entstanden. Blinzelnd versuchte er, zu sehen, wohin er ging, und der Dampf gab den Blick frei auf die letzte Klippe über den Sammath Naur.
Er hätte gar nicht sagen können, wie schwer der Ring in diesem Moment war und wie sehr er ihm die Haut im Nacken blutig rieb. Im Moment würdigte er den Ring keines Blickes, er würde jetzt mit ihm abschließen und ihn ein für allemal loswerden.
Ein Wunder war es allein, daß er es überhaupt bis an diesen Ort geschafft hatte. Er konnte es kaum glauben.
Um ihn herum waren dunkle Felsen und unter seinen Füßen der Felsvorsprung, der bis an die Schicksalsklüfte hinführte.
Plötzlich schoß eine Fontäne flüssigen Feuers vor seinen Augen hoch und schlug gegen die Decke. Mit einem erschrockenen Schrei wich der Hobbit zurück und schlug die Hände über den Kopf, aber er war noch weit genug entfernt, um nicht von der herabfallenden Schlacke getroffen zu werden.
Schritt für Schritt kämpfte er sich weiter vor, bis er endlich am Ziel angelangt war und mit beiden Händen um die schwere, blutbefleckte Kette um seinen Hals griff, um sie über den Kopf zu streifen.
Er hatte die Kette gerade berührt, als plötzlich eine durchdringende Stimme seinen Kopf erfüllte und darin widerhallte.
„Tu es nicht, Samweis Gamdschie“, flüsterte sie unnachgiebig, so daß Sam einfach innehalten mußte.
Es war nicht Saurons Stimme. Sie klang nicht wie Saurons Stimme.
Sie klang wie Frodos Stimme, nur sehr matt und schwach.
Aber Sam witterte einen Trick. Für Frodo war er doch einfach nur Sam!
„Warum nicht?“ rief er gegen den brausenden Feuersturm an, der ihn umgab.
Und dann sah er das Bild. Er sah Frodo verletzt und elend auf dem Boden der düsteren Zelle liegen, und dann hob er den Kopf und sah genau in Sams Richtung, blickte zu ihm aus blutunterlaufenen, tränennassen Augen, und Sam sah den aus Frodos Arm herausragenden Knochen, doch nichts weiter von seinen Wunden.
„Weil du mich retten kannst, wenn du dir den Ring zueigen machst!“
Sam öffnete die Augen wieder und starrte schluckend ins Feuer.
Das war ein Trick. Es war Saurons Stimme. Nur versuchte sie, ihn zu täuschen, und vergaß dabei, daß Frodo niemals so etwas gesagt hätte.
„Du lügst!“ schrie Sam. „Woher weiß ich denn, daß du ihn nicht längst getötet hast? Verschwinde aus meinem Kopf!“
Er wandte sich schon den Sammath Naur zu und blickte über den Rand hinab in den Glutkessel, der sich weit unter ihm im Berg dahinwälzte, zäh und kochend unter der vor Hitze flimmernden Luft, rotglühend, fast weiß, an manchen Stellen kalt schwarz, eine enorme Zerstörungskraft in sich bergend und unverlöschlich.
Aber er zauderte und zögerte. Nur langsam streifte er die Kette über seinen Kopf und nahm den schweren Goldring in seine Hand, der mit einem Male so unschuldig und rein, so vollkommen und unwiderstehlich schien, ihn anlächelte, ihn verlockte, ein immer stärkeres Verlangen auslöste.
„Du wirst so niemals auch nur in die Nähe von Barad-dur kommen!“ sagte wieder die Stimme, und Sam wußte, daß sie damit Recht hatte. Er hatte keine Chance, Frodo zu erreichen, ein ganzes Heer würde das nicht schaffen.
Der Ring bot die einzige Möglichkeit überhaupt, Frodo retten zu können.
„Frodo“, flüsterte Sam tonlos und ballte die Hand zur Faust, in der der Ring lag.
„Wenn ich wüßte, daß du noch lebst...“
Er schloß die Augen und holte tief Luft, und da hatte er plötzlich ein anderes, näheres, viel greifbareres Bild vor Augen von einem Frodo, der dem anderen von vorhin nicht unähnlich sah, aber ihm deutlich zeigte, daß er es wirklich war.
Und daß er noch lebte.
Sam war mit einem Male sicher, daß Frodo noch lebte, wenn auch nicht mehr würdig und ohne Schmerz, aber tot war er sicher nicht.
Doch nützte ihm das etwas?
„Du kannst alle seine Schmerzen ungeschehen machen“, sprach plötzlich eine andere Stimme zu ihm, und es war die Flüsterstimme des Rings.
„Ich kann dir helfen, zu tun, was immer du tun willst. Rette ihn, heile ihn, räche dich an dem, der ihm das angetan hat!“
Sam starrte in die Glut hinab, dann starrte er auf den Ring in seiner Hand und biß sich auf die rauhen Lippen.
Ob das stimmte? Ob er wirklich zu allem fähig war, wenn er den Ring nun behielt?
In diesem Moment verstand er die Verlockung, die Frodo immer mit dem Ring begleitet hatte. Sie war in der Tat unwiderstehlich.
Aber er hatte immerzu Gandalfs mahnende Stimme im Kopf, die ihm vor Augen führte, daß nur Sauron selbst über den Ring bestimmte und niemand sonst.
Es war eine Falle. Der Ring würde ihm, obwohl Frodo noch am Leben war, nichts nützen. Sauron würde ihn ebenfalls noch erwischen, dann den Ring zurückhaben und alles ins Dunkel stürzen.
„Nein!“ schrie Sam wutentbrannt, und der Moment der Versuchung zersplitterte mit seinem Schrei.
„Du lügst! Aber ich lasse mich nicht täuschen!“
Er trat weiter vor, bis seine Zehen fast über den Rand der Felsenklippe standen, und schloß die Augen.
Seine einzige wahre Chance, Frodo zu retten, bestand eigentlich darin, den Ring zu vernichten! Alles würde ein Ende finden, Sauron vernichtet, Barad-dur von den dunklen Scharen verlassen und Frodo frei sein...
Doch was, wenn... wenn Barad-dur einstürzte?
Sam hielt die Luft an. Vor seinem inneren Auge liefen in Windeseile viele verschiedene Bilder ab, und plötzlich sah er eines vor sich.
Tu es, Sam, du mußt es tun. Es war meine Aufgabe, also vollende sie.
Frodo sprach zu ihm und er lächelte gütig, fast ermunternd, aber Sam regte sich für einen Moment nicht.
„Du mußt leben, Herr Frodo...“
Tränen schossen in seine Augen und nahmen ihm die Sicht. Aber Frodos Lächeln ging nicht fort, und es begleitete ihn auf dem Weg bis zu seiner allerletzten Entscheidung, und er schrie aus voller Kehle: „Für Frodo!“
Damit hielt er die Hand über das Feuer und ließ los.

Ein massiver, dumpfer Stoß erschütterte die Erde, brachte viele Krieger in seiner Gewalt zu Fall und ließ ein entsetztes Kreischen durch die schwarzen Heerscharen laufen, die allesamt in ihren Bewegungen innehielten und zurückblickten durch das Schwarze Tor, das einen Blick auf die weiten Lande Mordors zuließ, bis hinaus auf den Schicksalsberg und Barad-dur.
Auch die Gefährten hielten für einen Moment inne. Pippin, der im Schutze von Legolas vor einem gewaltigen Trollfuß stand, der ihn fast zermalmt hätte, stand mit offenem Munde da und hielt mitten in seiner Fluchtbewegung inne, als er sah, was in Mordor geschah.
Legolas war derartig abgelenkt, daß er den eigentlich erst so sicher gezielten Pfeil völlig verschoß und damit nur einen anderen als den beabsichtigten Ork tötete. Ähnlich erging es Gimli, der grimmig unter seinem Helm hervorstarrte und eigentlich mit seiner Axt auf einen Ork hatte einschlagen wollen, und selbst der Ork setzte sich nicht mehr zur Wehr.
Gandalf starrte fassungslos hinein nach Mordor, wo sich ihm ein Anblick bot, der ihn auch nicht für eine Sekunde freuen konnte.
Und der einzige, der nicht hinsah, weil er verzweifelt nach Anduril tastete, war Aragorn, der nach Saurons Mund hatte treten wollen, um sich zu retten.
Der in seinen Grundfesten erschütterte Schicksalsberg spie in einer gewaltigen Fontäne, die größer war als alles je zuvor Gesehene, Lava bis in die Wolken hoch, und das Donnern übertönte selbst das unnachgiebige Schlachtgeschrei.
Aragorn sprang auf, weil er Anduril zu fassen bekommen hatte, und Saurons Mund war wieder aufmerksam.
„Glaubst du wirklich, du kannst mich besiegen, Waldläufer?“ zischte er kalt.
Aragorn zeigte keinerlei Gefühlsregung.
„Du bist besiegt“, brüllte er über das Tosen des flüssigen Feuers hinweg, „sieh doch, was passiert!“
Aber das tat Saurons Mund nicht, denn daß der Schicksalsberg im nächsten Moment völlig explodieren würde, war ihm klar. Er wußte die Zeichen zu deuten.
Aragorn war grimmiger denn je. Er wußte nicht, was in diesem Moment im Schicksalsberg geschah, aber er hatte ein klares Ziel: Er mußte Saurons Herold töten, nichts anderes kam für ihn in Frage.
Metall krachte scheppernd gegen Metall, die Schwerter klirrten aneinander, Aragorn war von neuer Kraft wie beseelt und schaffte es, seinen Kontrahenten zurückzustoßen.
Ein schneller Schlagabtausch folgte wie ein Pfeilhagel, in dem Saurons Mund nichts anderes mehr tun konnte, als die Schläge des Königs von Gondor zu parieren, und als dieser die Gelegenheit gekommen sah, stach er hart zu, rammte sein Schwert mit beiden Händen in den Hals seines Feindes, und dann zog er die Klinge seitlich weg und schlug Saurons Mund halb den Kopf ab, so daß er tödlich getroffen und in Sekundenschnelle blutüberströmt zu Boden ging.
Doch erst, als sein Feind am Boden lag, spürte Aragorn, daß das Schwert des nun toten Boten Saurons seine über der Rüstung liegende Robe und seinen ganzen linken Arm quer durchstochen hatte.
Er hatte nicht gespürt, wie Saurons Mund ihn getroffen hatte, er sah erst jetzt, daß das gewaltige Schwert in seinem Arm steckte.
Er ging keuchend in die Knie und schnappte nach Luft, dann blickte er, genau wie seine Freunde, fassungslos in Richtung des Schicksalsberges.
Die schwarzen Heerscharen flohen fort von Mordor, begleitet von den Erschütterungen der Erde und dem Wegbrechen des Bodens bis in eine schwarze Tiefe, deren Grund sie nicht erblicken konnten. Orks und andere elende Kreaturen riß die Vernichtung unbarmherzig mit sich.
Pippin ging schreiend in die Knie und ballte die Hände weinend zu Fäusten.
Wer auch immer den Ring vernichtet hatte, befand sich in der Mitte dieses Schreckensfeuers am Schicksalsberg.
Dann folgte ein gewaltiger Knall und er sprengte die Spitze des Berges fort, so daß die gewaltigen Felsbrocken weit durch die Luft flogen, und Feuerfontänen schossen in den Himmel, während gewaltige Flammenströme den Berg zu überziehen begannen.
„Nein!“ hörte Aragorn sich selbst schreien, und plötzlich sah er einen Schatten über sich, denn es waren die Adler, die Gandalf gerufen hatte und nun mit ihm als Begleiter in einer Windeseile nach Mordor hinein flogen, um zu retten, wer noch zu retten war.
Aragorn kniete weinend zwischen den durchstochenen Leichen seiner Landsmänner, spürte kaum die tröstlich auf seiner Schulter liegende Hand seines Freundes Legolas, und er fragte sich fieberhaft, was geschehen sein mochte, daß jemand den Ring zerstört hatte.
Sie waren alle nicht erleichtert, weil sie Frodo für so gut wie tot gehalten und keine Hoffnung in Sam zu setzen gewagt hatten, doch etwas war geschehen.
Die Erde bebte weiterhin und der Schicksalsberg donnerte weithin und ohrenbetäubend laut, aber das war noch nicht alles. Es gab einen hellen Lichtblitz und einen weiteren Knall, dann war das Flammende Auge ins Nichts verschwunden und Barad-dur begann bis in die Grundfesten zu erbeben.
„Frodo!“ rief Aragorn unter Tränen, die er kaum spürte, und fassungslos mußten sie alle mitansehen, wie die Trümmer zu Boden stürzten und in einem weiten Feld um den Fuß des Turms herum verstreut liegenblieben, aber der gesamte himmelhohe Turm fiel in sich zusammen, krachte auf die Grundfesten, war innerhalb von Augenblicken vollkommen vernichtet.
Aragorn schlug die Hände vors Gesicht. Es gab keine Rettung mehr, er hatte seine Freunde in den Tod geschickt.

Lethargie und Schmerz, das war alles, was er noch kannte. Frodos Wunden wollten nicht heilen, sein gebrochener Arm drohte bereits steif zu werden und weil er auch den anderen Arm nicht bewegen konnte, hatte er dahin kein Gefühl mehr. Das Orkhemd war inzwischen derartig besudelt mit seinem eigenen dunklen Blut, daß es ihn fast anekelte, aber er hatte nichts anderes, das ihn in seinem Elend noch wärmen konnte.
Er konnte sich kaum bewegen. Alles an ihm war wie tot, nur war er leider nicht tot, nicht so wie Gollum, den man in Stücke gerissen hatte, denn tot war er sicherlich längst.
Aber er war nicht tot, und man ließ ihn auch nicht sterben. Zwar hatte niemand mehr versucht, ihm etwas zu essen zu geben, aber ab und an sah ein Ork nach ihm und ging erst wieder, wenn Frodo sich regte und damit ein Lebenszeichen von sich gab.
In ihm war nichts mehr. Unaufhörlich sprangen Tränen in seine Augen, die von seiner tiefsten Verzweiflung und Leere zeugten, und er sehnte sich so sehr das Ende herbei, daß es fast schmerzte.
Aber lange rührte sich nichts, und keine Gnade ereilte ihn, der entstellt und verwüstet war, vernichtet und gebrochen.
In stummer Qual und ewiger Erschöpfung lag er da und rührte sich nicht, bewegte die spröden Lippen in einem lautlosen Flüstern, starrte wie tot an die Decke, unablässig und ohne noch zu wissen, welche Stunde oder welcher Tag es war.
Doch auf einmal donnerte es in der Erde und alles begann zu zittern.
Frodo kam wieder zu sich und blickte sich um. Das Beben wurde stärker, und plötzlich spürte er, wie die Erde sich aufbäumte und Staub aus den Mauerfugen auf ihn herabrieselte.
Aber das war nicht alles. Ein entsetzliches Geschrei von Orks und anderen Gefolgstreuen Saurons erhob sich, und dann hörte Frodo selbst in seiner Apathie das Brüllen des flüssigen Feuers, das in die Wolken schoß, und der Schicksalsberg toste derart laut, daß er wußte, was geschah.
„Sam!“ flüsterte er mit einem leichten Lächeln auf den ausgemergelten, knochigen Wangen.
„Mein guter Sam.“
Eine gewaltige Explosion erschütterte selbst den gewaltigen Dunklen Turm, und dann plötzlich war da noch ein Knall, aber diesmal genau über Frodos Kopf, und ein erst noch fernes Grollen drang an seine Ohren.
Dann spürte er, wie die Mauern erschüttert wurden und wackelten, es krachte und donnerte über seinem Kopf, und instinktiv richtete er sich unter wahnsinnigen Schmerzen auf, um in eine Ecke zu rutschen, und er schaffte es mit mehr Willen als Kraft, zumindest den ungebrochenen Arm schützend über seinen Kopf zu legen, weil er wußte, was kam.
Und auch, wenn ihn nichts mehr am Leben hielt, so war dies sein ureigenster Instinkt, der nun, da Sam getan hatte, was er nicht mehr hatte tun können, erwachte und ihn schützen wollte.
Die ersten Gesteinsbrocken sausten auf den Kerker nieder, während ein gewaltiges Krachen und Beben den ganzen Turm ergriff und in sich einstürzen ließ. Neben Frodo sauste ein riesiges Stück aus der Decke nieder und durchbrach den Boden an der Stelle, wo der Hobbit zuvor noch gelegen hatte. Dann krachte ein zweiter Gesteinsbrocken herab und begrub den Fuß des vor Schmerzen gepeinigt aufschreienden Hobbits unter sich.
Frodo kauerte sich, so gut es ging, neben der Tür zusammen, die scheinbar als einziges nicht einzustürzen schien. Polternd und krachend wurde alles vernichtet, alles zitterte und bebte, das Geschrei war inzwischen verebbt, weil niemand mehr lebte, und im nächsten Augenblick wurde Frodo unter einer gewaltigen Staubwolke begraben.
Alles stürzte auf den Kerker nieder, die Mauern wurden eingerissen, keine Decke und kein Boden hielten mehr zusammen, Geröll polterte laut in die Tiefe neben dem Turm, und plötzlich brach ein Sonnenstrahl durch die nicht mehr existierende Decke über dem Kerker.
Frodo schloß die Augen, denn das Licht blendete seine durch die Dunkelheit halb blinden Augen enorm. Aber auch der Staub konnte das eindringende Tageslicht nicht mehr aufhalten.
Aber etwas beschützte den Ringträger, der vor Angst zitternd in seiner einstürzenden Zelle kauerte und plötzlich doch nicht von Trümmen zerquetscht werden wollte.
Es war nicht alles verloren.
Und langsam verebbte das Krachen und es wurde wieder still.
Er hob langsam den Kopf und rutschte zur Seite, weil er sich aufrecht nicht halten konnte, aber er sah nur noch blauen Himmel über seinem Kopf, als der Staub sich lichtete.
Barad-dur war nicht mehr, und er lag inmitten von Trümmern, aber er war noch am Leben. Und nichts konnte ihm mehr etwas anhaben.

Er sah nicht hin, als der Ring in die Tiefe stürzte und vom Feuer verschluckt wurde. Stumm weinend und mit den Wangen voller Tränen stand Sam da und bereute sofort, spürte die größte, entsetzlichste Trauer, und das Schrecklichste geschah.
Die Erde bebte und wackelte unter seinen Füßen, und mit einem lauten Knall schoß eine gewaltige Feuerfontäne empor. Die Felsenklippe unter ihm wurde heftig geschüttelt, sodaß Sam auf ihr fast das Gleichgewicht verlor, und er wandte sich schreiend um, fing sich gerade noch, und stolperte in Richtung des Ausgangs.
So schnell er konnte, lief er. Er lief, daß er fast glaubte, er würde fliegen, und während hinter ihm alles zusammenbrach und in den glühenden Fluten verkochte, sprang er mit einem Satz zur Pforte hinaus und rannte weiter.
Doch dann blieb er entsetzensgepackt für einen Augenblick stehen und blickte von seinem Standpunkt aus hinüber zum Schwarzen Turm, der in seinen Grundfesten erschüttert wurde und zu schwanken begann.
„Nein!“ schrie Sam schluchzend. „Frodo, nein...“
Aber dann hörte er die feurigen Fluten hinter sich heranströmen und hastete weiter voran, völlig abwesend und nur darauf bedacht, irgendwo einen Platz zu finden, an dem er sicher sein konnte.
Er lief, so schnell seine Füße ihn trugen, ließ sich durch nichts aufhalten, keuchte atemlos und sprang mit einem gewaltigen Satz hinüber auf einen anderen Felsblock, der noch nicht so sehr von der heißen Lava umflossen war wie der, auf dem er stand, und ging dort in die Knie.
Er konnte Barad-dur von dort aus nicht mehr sehen, aber er konnte auch nicht mehr fort, das wäre sein Tod gewesen.
Ängstlich blickte er sich um und sah um sich herum nichts weiter als Lava. Sie strömte den ganzen, immer wieder von Erdstößen erschütterten Berghang hinab, und jeder Weg nach unten war ihm verwehrt.
Er war eingeschlossen vom Feuer, und die Gluthitze war fast unerträglich.
Aber Sam stand auf, laut schluchzend, und hob hilfesuchend die Arme. Er hörte, wie sich entsetztes Geschrei erhob, wie die Massen in Aufruhr gerieten, und die Erde bebte noch stärker, denn Barad-dur stürzte nicht weit entfernt völlig in sich zusammen, zerbröckelte von der Spitze heran bis in die Grundfesten hinein, kippte halb zur Seite und stürzte zu einem großen Teil in die Schlucht oder auf den Sockel, aber nichts blieb stehen.
Dann plötzlich vernahm Sam einen gewaltigen Knall, von dem er nicht wußte, woher er rührte, und es kümmerte ihn auch nicht. Das Rauschen der Feuerströme war lauter in seinen Ohren, es war überall, und das bloße Wissen um den Einsturz Barad-durs zwang ihn in die Knie, laut um Vergebung bittend, unablässig weinend und von Trauer erfaßt.
„Frodo!“ rief er und schüttelte den Kopf, sah unter Tränen hinauf in die sich lichtenden Wolken, die den Blick auf einen blauen, sonnigen Himmel freigeben wollten, aber in seinem Herz waren keine Sonne und keine Freude.
Er empfand nichts als Trauer, denn er hatte getan, was er nicht hatte tun wollen.
„Frodo, nein...“ rief er weinend, immer und immer wieder, und sank schließlich in sich zusammen. Das durfte alles nicht wahr sein. Was hatte er nur getan?
Er hatte ihn zurückgelassen, er hatte ihm den Tod gebracht, er war alles schuld...
Es war ihm gleich, daß er das einzig Richtige getan und Sauron endgültig vernichtet hatte.
Er wünschte schon fast, er wäre schwach gewesen.
Aber er war es nicht gewesen.
Weinend kauerte er auf dem Felsblock und blickte nicht auf, öffnete die Augen gar nicht mehr, wollte am liebsten selbst sterben. Er fühlte sich so entsetzlich schuldig.
Aber es war zu spät, nichts konnte mehr rückgängig gemacht werden, Frodo war nun begraben unter den Trümmern der Festung seines Peinigers.
Sam legte sich auf dem Felsblock nieder und rollte sich hoffnungslos zusammen. Es war ihm nun gleich, was mit ihm geschah, er hatte selbst den Tod verdient. Er hatte so viel Schlechtes getan.
Das Beben der Erde spürte er nicht mehr, er spürte nur die Trauer um Frodo, das Entsetzen, die Scham.
Alles andere war fort, vorüber, vergessen. Die Strapazen, die er erlitten hatte, schienen ewig zurückzuliegen.
Aber dann, er wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war, nahm er einen Schatten über sich wahr und blinzelte ins Licht, das die Dunkelheit des Schwarzen Landes langsam vertrieb.


Siebtes Kapitel: Zurück ins Licht

Ein sanfter Windstoß fuhr auf ihn herab, herrührend von den Schwingen Gwaihirs des Großen, der mit zwei anderen Adlern herabschwebte zu Sam.
Einer der Adler kam dem reglosen Hobbit ganz nah und nahm ihn vorsichtig in seine gewaltigen Klauen, die den Hobbit sanft und schützend umfaßten. Dann stieß der Vogel mit einem gewaltigen Schwingenschlag nach oben in die Luft und trug den völlig angstfreien Hobbit mit sich.
Es war Landrovar, der Sam geborgen hatte, und er schwebte ein Stück über Gwaihir, auf dem jemand saß, den Sam niemals erwartet und kaum wiedererkannt hätte.
„Bin ich nun dort, wo Frodo ist?“ fragte er, als schützende Arme ihn in sich aufnahmen, aus den Klauen des Adlers lösten und sichernd hielten.
„Ich bin nicht tot, mein lieber Samweis, und du bist es auch nicht. Aber ist Frodo denn verloren? Was ist geschehen, daß er nicht bei dir ist?“
„Ich... ich hielt ihn für tot“, begann Sam schluchzend, „als die Spinne fort war. Er sah aus, als wäre jedes Leben in ihm erloschen, und ich dachte, ich müsse den Ring nehmen und zerstören. Was hätte ich tun sollen, Gandalf?“
Sam schnappte nach Luft. Erst dann wurde er Gandalfs Gestalt wirklich gewahr und sah den Weißen, um einiges mächtiger und erhabener als der Graue Pilger.
Ein gütiges Lächeln zierte Gandalfs Gesicht, das zwar von Sorgen und Unruhe zeugte, aber jetzt doch ruhig schien.
„Wir glaubten dich tot, Gandalf...“
„Ich bin es nicht, mein guter Sam. Ich bin gekommen, euch allen bis zum bitteren Ende dieser Aufgabe beizustehen.“
Bei den Worten des bitteren Endes begann Sam erneut zu schluchzen.
„Oh, Gandalf, ich hätte ihn nicht verlassen dürfen... die Orks fanden ihn und dann brachten sie ihn fort nach Barad-dur, und sie haben ihm Schreckliches angetan, es ist alles meine Schuld!“
„Nein, Sam“, sagte Gandalf, „Übel kann gute Seelen fehlleiten. Du wolltest das Richtige tun. Aber wir werden sehen, ob wirklich jede Hoffnung verloren ist!“
„Ist Barad-dur nicht vernichtet?“
„Doch, Barad-dur und Sauron sind nicht mehr. Sieh, alles stürzt ein, jedoch blieb unser Heer vor dem Schwarzen Tor verschont und vielleicht lohnt unsere Suche nach Frodo. Wir müssen es versuchen.“
Sams Augen begannen zu leuchten, als Gandalf so sprach. Allerdings wußte er nicht, mit welcher Vorsicht der Istari dies tat, denn er war sich selbst höchst unsicher, was diese Angelegenheit betraf. Das Heer war in der Tat vor der Vernichtung des Schwarzen Landes geschützt worden, doch mit Barad-dur mochte sich das anders verhalten.
Außerdem wußte der Zauberer vom Schwarzen Turm genausowenig wie jeder andere, da dies das Zentrum der Schwarzen Macht war und für jeden freien Geist völlig undenkbar, weit entfernt und unbekannt.
Doch Sam hatte schon nicht damit gerechnet, gerettet zu werden, und Wunder schienen ihm nun sehr gut möglich.
Er wußte nicht, ob er es wagen sollte, zu hoffen. Es erschien ihm tollkühn und fast wahnsinnig.
Aber die Adler waren sehr schnell. In großer Eile hatten sie die Trümmer des erhabenen Dunklen Turms erreicht, die weithin verstreut auf dem aufgewühlten staubigen Boden verteilt lagen, zum Teil brannten und rauchten.
Dunkle Trümmer bedeckten alles in einem weiten Umkreis, hatten Orks und Sklaven unter sich begraben und zertrümmert, und von der früheren Macht war nicht viel übrig.
Alles war eingestürzt, das Feuer in der Schlucht schwarz verloschen, Sauron auf ewig verschwunden, nur in den Grundfesten standen noch einige niht eingestürzte Mauern zwischen herabgestürzten Trümmern.
Das hatte nichts mehr gemeinsam mit dem Turm, der den Hobbits immer eine solche Angst eingejagt hatte.
Sam seufzte. Er hoffte zutiefst, daß es nicht zu spät war.
Die Adler verlangsamten ihren Flug. Die kalte, frische Luft hoch oben über ihren Schwingen zu spüren war so angenehm, sie brachte wieder Leben in Sam zurück. Er konnte es kaum fassen.
Dann sanken sie langsam hinab und umkreisten den noch stehenden Fuß der Schwarzen Feste, der als einziges noch stückweise erhalten geblieben war.
„Was ist dort?“ fragte Sam an Gandalf gewandt. Er zögerte ein wenig mit der Antwort.
„Ich vermute, daß dort unten die Kerker sind, es kann kaum anders sein. Wenn sie weiter oben waren, sind sie vernichtet, und deshalb haben wir nur dort noch Hoffnung zu erwarten.“
Die Adler begannen einen langsamen, sehr niedrigen und schwebenden Flug über den Trümmern. Mauerreste ragten zerstückelt empor, Trümmer polterten weiter hinab, nichts Lebendiges bewegte sich dort noch.
„Alles verlassen und tot“, murmelte der kleine Hobbit mit trauriger Stimme. Gandalf schüttelte den Kopf.
„Verzage nicht, Samweis, genauso ist es ein Wunder, daß du allein den Schicksalsberg erreicht hast. Wir werden alles durchsuchen, wenn du bereit bist, solange, bis wir wissen, was mit Frodo geschehen ist!“
Gwaihir ging noch tiefer, sodaß sie noch mehr sehen konnten, und plötzlich rief Sam: „Seht doch, da sind vergitterte Türen, könnten die zu den Kerkern gehören?“
Ein Mut und eine Zuversicht wuchsen in ihm, von denen er fürchtete, sie bitter enttäuschen zu müssen, aber alles war so unerwartet und stürzte ungebremst auf ihn ein.
Gandalf hatte ihn gerettet!
„Bitte, laßt mich hinab, ich will sehen, was ich dort finden kann!“
Sie hatten wirklich großes Glück. Die Kerker waren wirklich dort, wo Sam sie vermutete, und auf einem relativ standfest anmutenden Mauersockel landete Gwaihir, um Sam hinabzulassen.
„Ich werde dir beim Suchen helfen“, sagte Gandalf und folgte dem Hobbit, denn er mußte ihn notfalls schützen, falls noch Orks dort waren, jedoch eilte er nicht so überstürzt voran wie Sam.
„Herr Frodo!“ rief Sam und spürte erneut Tränen in seinen Augen brennen.
Wenn er ihn nur lebend fand!
„Herr Frodo, so antworte mir doch! Wo bist du?“
Licht drang in jede Ecke der zuvor ewig finsteren Kerker, und Licht hatten sie noch nie zuvor erblickt.
Sam störte sich nicht am Anblick der vielen Toten und Skelette, die noch überall lagen, er warf nur kurze Blicke in die Zellen, während er den halb eingestürzten Gang entlanghastete und die Hoffnung nicht aufgeben wollte.
Das Böse war von diesem Ort gewichen. Die Spuren des Übels muteten im Tageslicht nicht mehr übel an, erschreckten den Hobbit nicht, der schließlich Stich zog, um sich notfalls vom blauen Schein seiner Waffe vor Orks warnen zu lassen.
„Herr Frodo!“ rief er weiter und blickte sich rastlos um.
Auf einmal meinte er, im Augenwinkel eine Bewegung ausmachen zu können, und wandte den Kopf zur Seite.
Was er sah, raubte ihm den Atem vor Glückseligkeit.
Eines von Frodos Beinen war unter einem großen Felsblock begraben, er war teilweise von Geröll bedeckt und unfähig, sich zu bewegen, aber er hatte eine Hand gehoben und mit heiserer Stimme Sams Namen gerufen.
„Gandalf!“ gellte Sams Stimme durch die sich lichtende Luft und der Zauberer eilte dem Hobbit sogleich nach.
„Ich träume doch nicht?“ fragte Sam und stürzte hektisch gegen die verschlossene und noch stehende Gittertür, die ihn von Frodo trennte.
Aber er hatte keine Geduld und schlug mit Stich auf das Schloß ein, daß es scheppernd aufsprang und ihm einen Weg bahnte.
„Sam... bist du das, Sam?“ flüsterte Frodo und hustete unter Tränen.
Sam stürzte hektisch herbei und kniete zitternd vor Frodo nieder. Dann erst sah er, wie man Frodo zugerichtet hatte.
Sein erster Blick fiel auf die Brandwunde in Frodos zerschundenem Gesicht. Seine Augen hatten jeden Glanz verloren und starrten Sam reglos an, ohne vom Begreifen zu zeugen, daß er Sams Anwesenheit wirklich spürte, und dann erblickte Sam Frodos deformierten, durchstochenen Arm, die anderen Wunden, das Blut auf seinem Rücken, all die Zeugen der Qualen, die man ihm zugefügt hatte.
„Ich dachte, sie hätten dich getötet, ich... oh Frodo...“
Mehr brachte Sam nicht heraus.
Frodo rührte sich kaum, er biß einzig die Zähne zusammen und hob den Arm in Sams Richtung, um seinen Freund berühren zu können, um spüren zu können, daß Sam wirklich da war.
Im nächsten Augenblick bemühte Gandalf sich, den Felsbrocken von Frodos Bein herabzuwälzen, räumte die anderen Trümmer zur Seite und zog sogleich seinen Umhang aus.
„Wir bringen dich fort von hier“, sagte er, ohne weiter auf Frodos erstauntes Gesicht zu achten, denn auch er hatte nicht ahnen können, daß Gandalf nicht tot war.
Aber er begriff nicht ganz, was das zu bedeuten hatte. Er sah nur zwei Lichtgestalten im Sonnenschein, spürte Sams wärmende Hand und dann, wie Sam ihn äußerst vorsichtig im Nacken anhob, um ihn in Gandalfs Mantel zu wickeln, und dann ließ er es sich nicht nehmen, vor Freude weinend Frodo zu befreien.
Er lud ihn sich äußerst vorsichtig auf die Arme und drückte ihn leicht an sich, so daß er ihn nicht verlor.
Frodo schloß die Augen. Als er Sams Herzschlag spürte, wußte er, daß das kein Traum war und daß er auch nicht tot war. Es war Wirklichkeit geworden.
Alles andere zählte in diesem Moment nicht.
Zum ersten Mal seit einer ihm ewig erscheinenden Zeit spürte er wieder Wärme. Frodo lehnte sich an Sam, der ihn unwillkürlich wärmte, und Gandalfs weicher weißer Mantel umschloß ihn schützend, wärmte ihn ebenso, gab ihm Sicherheit.
Sonst spürte er nicht viel, hielt die Augen geschlossen, hörte auf nichts, verstand nicht ganz, daß es vorüber und er geettet war.
Und er war mit einem Male so glücklich, daß er noch lebte,
„Danke, Sam“, murmelte er und blinzelte hoch und sah Tränen in Sams Augen blitzen, denn sein Freund blickte ihn unverwandt an.
„Wofür?“ fragte Sam mit leiser Stimme.
„Daß du den Ring zerstört hast. Das hat mich gerettet!“
Sam konnte es nicht glauben. Er lachte unter Tränen und drückte Frodos Hand.
„Ich dachte, ich hätte dich auf dem Gewissen...“
„Nein, Sam“, sagte Frodo, „du hast alle gerettet!“
Sie verfielen wieder in Schweigen, aber es dauerte gar nicht lang, bis die Adler tiefer sanken und schließlich landeten inmitten einer Heerschar von Kriegern, und zwar genau vor ihren Freunden.
Gandalf blieb, um den Hobbits vom Rücken Gwaihirs zu helfen und unten erwartete sie ein verletzter aber ebenfalls lächelnder Aragorn, der seinen Augen kaum zu trauen wagte.
Sie lebten beide noch.
Doch zuerst wandte er sich, als er den ersten frohen Schock überwunden hatte, zu den Kriegern und rief: „Seht die tapferen Hobbits, die uns die Freiheit beschert haben! Seht die Ringträger!“
Dann streckte er Sam die Arme entgegen und wollte ihm Frodo abnehmen.
Unter großem Jubel hob er Frodo auf die Arme und schluckte beim Anblick seines Freundes. Frodo sah schrecklich aus und als Gandalfs Mantel herunterrutschte, sah er viel mehr, sah das Blut, die schweren Verletzungen, die grausamen Entstellungen.
Er konnte nicht umhin, schwer zu schlucken, und stumme Tränen traten in seine Augen.
„Verzeih mir, Frodo“, sagte er. „Ich verspreche dir, ich werde dich heilen!“
In diesem Moment geschah nicht viel mehr, außer daß alle zusammengerufen wurden, um ein Stück entfernt vom nunmehr geisterhaft verlassenen Schwarzen Tor ein Lager aufzuschlagen, wo man ruhen konnte und wo die Verletzten behandelt werden sollte.
Es war der Schrecken einer Schlacht gewesen, aber Aragorn vergaß in diesem Moment alles außer den Hobbits. Er ließ in Windeseile eine Art Zelt errichten, das er mit all seinen Freunden und den Hobbits betrat.
Sie alle waren zusammengekommen, um mit Frodo und Sam zu sprechen. Pippin fiel seinem ausgemergelten Freund um die Arme, daß Sam gar nicht wußte, wie ihm geschah.
Er stand ohnehin neben sich und beobachtete die Szenerie stumm.
Legolas hatte sofort die gute Idee, Sam eine Sitzgelegenheit zu holen, denn der Hobbit sah aus, als würden ihm im nächsten Moment die Füße wegbrechen. Und in der Tat war Sam auch stumm dankbar, er ließ sich schwer auf die Kiste fallen, von der er nicht zu sagen wußte, woher Legolas sie gezaubert hatte.
Er war gänzlich abwesend und begriff gar nicht ganz, daß seine hocherfreuten Freunde ihn umstanden und fragend ansahen.
Gandalf stand wachsam in der Tür und sagte nichts. Er musterte, genau wie Aragorn, die beiden erschöpften Hobbits, und sah nur noch, wie Sam plötzlich schwer zur Seite zu kippen drohte und nur rechtzeitig von Gimli aufgefangen und auf eine Decke neben Aragorn gebettet und dann zugedeckt wurde.
Der Hobbit war in einen tiefen Schlaf gefallen, es war alles zuviel für ihn gewesen und er hatte seine Erschöpfung schon gar nicht mehr bemerkt.
Frodo, der noch immer etwas benebelt blickte, hatte gesehen, was mit seinem Freund geschehen war, und lächelte sanft.
Natürlich war Sam erschöpft.
Aragorn bettete Frodo neben Sam auf eine weitere Decke und blickte ihn stumm an.
„Ich hätte nicht gedacht, euch wiederzusehen“, murmelte er. Frodo verzog das Gesicht, aber Aragorn erkannte seine Zustimmung.
Sie sprachen in diesem Moment über viele der noch offenen Fragen nicht. Die anderen stellten auch keine Fragen; als sie sahen, daß sie nicht gebraucht wurden, verließen sie bis auf Gandalf alle das Zelt und Aragorn nahm sich Frodos nun ausführlicher an.
„Kannst du mir sagen, was geschehen ist, Frodo?“ fragte er, bevor er irgendetwas tat, und setzte sich neben seinen Freund. Gandalf blieb noch immer wachsam in der Tür stehen.
„Wir haben diesen Tunnel durchquert, und da war dieses Monster... sie hat mich verletzt und dann wußte ich nichts mehr, bis ich in dem Orkturm erwacht bin. Sie hatten mir alles genommen und dann hat einer mich... fortgebracht... weil sie Antworten von mir wollten...“
Frodo hatte ganz firm begonnen, begann aber mit einem Male erheblich zu stammeln und brach schließlich ab, weil ihm die Stimme versagte.
„Sie haben dich in Barad-dur befragt?“ sagte Aragorn leise und Frodo nickte schwach.
Saurons Mund hatte nicht gelogen.
„Und Sam hatte den Ring genommen und ist allein zum Schicksalsberg gegangen?“ fragte Aragorn dann.
„So muß es gewesen sein. Ich weiß es nicht.“
Frodo war noch immer äußerst schwach und sogleich erinnerte Aragorn sich daran, daß sein Freund verdursten mußte. Er griff nach seiner eigenen, noch immer nicht leeren Wasserflasche, und setzte sie Frodo vorsichtig an den Mund, um seinen Freund dann so durstig wie niemals zuvor trinken zu sehen, bis die Flasche leer war.
„Möchtest du mehr?“
„Nein, nein, es geht schon... aber sag mir... warum ist Gandalf wieder da?“
„Das ist eine lange Geschichte“, murmelte Gandalf vom Eingang her. „Sie hat Zeit. Aber deine Verletzungen haben keine Zeit.“
„Ich habe nicht gesprochen! Kein Wort habe ich gesagt über den Ring, nichts...“
Aragorn dachte stumm bei sich, daß man ihm das ansah. Der tiefe Brandkrater auf seinem Gesicht hatte sie alle bei seinem ersten Anblick geschockt, ebenso die vielen Blessuren, aber es kam noch schlimmer.
„Frodo, du bist schwer verletzt, und das kann so nicht bleiben. Ich möchte dir helfen!“ sagte Aragorn. Frodo gab keine Antwort, aber Aragorn störte sich daran nicht.
Ganz vorsichtig zog er Gandalfs nun völlig verschmutzten Umhang zur Seite und hätte fast schockiert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.
„Bei allem, was mir heilig ist...“ entfuhr es ihm. Frodo verzog keine Miene.
„Was haben sie dir angetan?!“ rief Aragorn erschüttert. Gandalf schloß erschüttert die Augen, als er Frodo sah.
„Deine Arme... sie sind beide ausgerenkt!“
„Und der eine gebrochen“, flüsterte Frodo. Aragorn nickte und drehte sich kurz ab, damit Frodo nicht sah, wie sehr ihn dieser Anblick entsetzte.
„Wie lang ist es her?“ fragte Aragorn mit belegter Stimme.
„Ich weiß es nicht. Einige Tage.“
„Das muß ich richten. Ich muß deine Arme einrenken und den Bruch richten...“
Frodo nickte. Das war ihm auch klar.
„Für die Brandwunden kann ich nicht viel tun. Und dein Fuß... der muß auch geschient werden.“
Dann sah er das ganze Blut und drehte Frodo so vorsichtig wie möglich ein wenig auf die Seite.
„Was um alles in der Welt...“ flüsterte er fassungslos. Das war der reinste Alptraum.
„Es tut nicht mehr so weh“, sagte Frodo leise. Aragorn starrte ihn entgeistert an.
Frodo wußte gerade selbst nicht so recht, was er sagte, ihn ihm war keine Freude, auch keine Angst, nur eine seltsame Nüchternheit.
„Es tut nicht mehr so weh? Frodo, du... bei Earendil, mir müßte diese Folter gelten, daß ich euch allein habe gehen lassen! Welcher Freund tut so etwas?“
„Wir wären so oder so allein gegangen...“
„Du müßtest längst tot sein!“
Frodo hielt inne.
„Werde ich sterben, Aragorn?“
„Nein“, sagte dieser sofort. „Du wirst nicht sterben, wenn ich dir jetzt helfen kann. Aber du wirst niemals ganz geheilt sein.“
Sie sagten beide nichts mehr darauf und auch Gandalf schwieg.
Und dann begann die Prozedur. Aragorn ließ sich abgekochtes und mit Athelas durchsetztes Wasser bringen, in das er ein sauberes Tuch tauchte und Frodo, der auf dem Bauch lag, den gesamten blutverkrusteten Rücken abwusch.
Dabei weinte er stumm, und von Frodo dennoch bemerkt, bittere Tränen, die genau verrieten, was er dabei dachte.
Danach bat er Gandalf, ihm zu helfen, und der Zauberer hielt Frodo fest, während Aragorn ihn mit sauberen Leinentüchern verband.
Danach wusch er Frodos Gesicht, jede schmutzige Stelle an seinem Körper, und sah ihn bekümmert an.
„Ich möchte dir nicht weh tun, das weißt du... aber ich muß mich um deine Arme kümmern.“
Frodo nickte wie selbstverständlich und biß schon einmal fest die Zähne zusammen. Er genoß es einfach nur, wie sorgsam Aragorn ihn behandelte, und er atmete tief den Duft des Königskrauts ein, das schon in den Häusern der Heilung gute Dienste geleistet hatte.
Dann begann der qualvolle Teil, der das halbe Heer draußen zusammenfahren und einzig Sam in seinem ohnmachtsgleichen Schlaf nicht mehr berührte.
Zuerst kümmerte Aragorn sich um den ausschließlich ausgekugelten Arm und schaffte es mit nur einem Handgriff, das Gelenk wieder an seine Stelle zurückzuschieben, aber Frodo schrie schmerzerfüllt auf, daß es ihm zusammenzucken ließ.
Unter einem lauten Knacken wurde die Schulter wieder gerichtet und ein stechender Schmerz durchzuckte den kleinen Hobbit, der Aragorn unter Tränen, aber lächelnd ansah.
Es mußte ja sein.
Dann kam der noch peinigendere Teil. Aragorn umfaßte Frodos Oberarm ganz vorsichtig und ließ mit einem weiteren Ruck auch dieses Schultergelenk an seinen ordnungsgemäßen Platz zurückrutschen, aber Frodo schrie auf, daß Aragorn schon versucht war, es sein zu lassen.
Aber es half alles nichts.
Dann bat er Gandalf, dem Hobbit beizustehen, als er äußerst vorsichtig mit beiden Händen den entstellten Unterarm umfaßte und, weil ihm nichts besseres einfiel, mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung, den Knochen zurückschob und vergeblich versuchte, das schmerzerfüllte Geschrei seines Freundes zu ignorieren.
Die anderen linsten besorgt durch den Eingang ins Zelt hinein, aber als sie sahen, was geschah, gingen sie wieder.
Während Frodo vor Schmerzen schrie und weinte, versuchte Aragorn bestmöglichst, den Knochen zurechtzuschieben und tastete so vorsichtig wie möglich die Schwellung ab, ob nun alles halbwegs richtig saß.
Er war sich nicht sicher, aber etwas anderes konnte er für Frodo nicht tun.
„Ich kann dir nicht versprechen, daß der Arm wird wie vorher“, sagte er, als er nach Verbandszeug griff und mit einem zusätzlichen Stück Holz den Bruch zu schienen und zu verbinden begann. Frodo hörte ihm überhaupt nicht zu, er weinte noch immer laut.
„Aber jetzt wirst du wieder ein ansehnlicher Hobbit!“ versuchte Aragorn, Frodo aufzumuntern, und ließ Pippin hereinholen, um den Hobbit zu bitten, Frodo etwas von seiner Kleidung zu geben, das er noch bei sich hatte.
Pippin blickte stumm fragend von Aragorn zu Frodo und zurück. Er hatte Frodos Verletzungen nicht gesehen, und deshalb war er zutiefst erschrocken durch Frodos qualvolles Geschrei.
Während Frodo sich langsam beruhigte, half Aragorn ihm dabei, Pippins Sachen anzuziehen, und obwohl Frodos allgemeiner Zustand noch nicht besonders positiv anmutete, so sah er doch wenigstens wieder besser aus als vorher, denn jetzt hatte er Kleidung und seine Wunden waren versorgt.
Damit beließ Aragorn es fürs erste und polsterte Frodo eine weiche Bettstatt neben Sam aus, und kaum daß Frodo sich niedergelegt hatte, fielen ihm die Augen zu und er spürte gerade noch, wie Aragorn ihn zudeckte.
Zu tief saß alles in ihm, als daß irgendetwas ihn noch vom Schlafen hätte abhalten können, das schaffte nicht einmal der Schmerz.
„Wir werden noch erfahren, was wirklich geschehen ist“, sagte Gandalf. „Fest steht, daß die beiden gemeinsam alles gerettet haben. Und ich hätte nicht geglaubt, daß sie es schaffen.“
Aragorn schwieg.

Er wachte bis in die Nacht hinein über den tiefsten Schlaf seiner beiden kleinen Freunde. Er mußte sie überhaupt nicht nach dem fragen, was geschehen war - er konnte es sehen. Sam war bis ans Ende seiner Kräfte gelaufen und Frodo hatte man bis aufs Unaussprechlichste gefoltert.
Die Wunden würden niemals ganz heilen, und es grenzte an ein Wunder, daß er überhaupt noch lebte, daß er die Vernichtung Barad-durs überlebt hatte. Etwas hatte dafür gesorgt, daß er nicht zermalmt worden war.
Niemand war mehr im Zelt. Es herrschte eine seltsame, eigentümliche Stimmung im Lager, weil niemand sich wirklich über die Erlösung freute. Zwar hatten sie letztendlich gesiegt, aber es fühlte sich nicht so an, da Tote zu beklagen waren und man die beiden Ringträger nur ganz knapp hatte bergen können.
Als die Adler mit ihnen eingetroffen waren, hatte Aragorn geglaubt, er würde träumen, denn er hatte fest damit gerechnet, beide niemals wiederzusehen.
Aber nun lagen sie vor ihm, und er wachte ganz allein über sie.
So viele Fragen standen noch offen, und er fühlte sich elend, weil die Zukunft für ihn hinter einem grauen Dunstschleier verborgen lag.
Zu sehr nahm er Anteil am Schicksal der Ringträger.
Frodos Gesicht war im wahrsten Sinne des Wortes zerfurcht. Er war gezeichnet von Qual, und würde es immer sein.
In der Tat bezweifelte Aragorn, daß Frodo jemals ins Auenland zurückkehren würde. Dort war kein Platz mehr für ihn. Er war gebrochen und verwüstet, schon jetzt, ganz genau so, wie Saurons Mund es gesagt hatte.
Er würde ihn mitnehmen nach Minas Tirith und ihm anbieten, daß er dort leben konnte. Er würde persönlich mit Arwen auf ihn achten.
Aber er dachte auch an die endgültige Erlösung, die er nur an dem einen Ort erfahren würde, den sonst nur die Unsterblichen besuchen konnten. Vielleicht war dies der einzige verbleibende Ort für Frodo.
Und das würde Aragorn sich immer anlasten. Es war unverantwortlich gewesen, jemand anderem diese Bürde aufzulasten und damit sein Leben zu zerstören.
Für einen Augenblick kam ihm der Gedanke, daß es besser gewesen wäre, wenn Frodo es nicht überlebt hätte. Aber auf der anderen Seite hatte Frodo das nicht auch noch verdient, nach allem, was geschehen war.
Aragorn würde es sich zur immerwährenden Aufgabe machen, auf ihn zu achten. Das war er ihm schuldig.
Doch schon in diesem tiefen Schlaf fiel so vieles von Frodo ab, daß er es beobachten konnte, und alles wurde ein wenig leichter.
Aragorn seufzte.
Es war kein wirklicher Sieg, und es war ein ungleicher Kampf gewesen.
So viele machten sich Vorwürfe, er wußte es, er wagte es gar nicht, an Sam zu denken.
Aber letztendlich zählte nur, daß sie noch lebten, und daß es eine Zukunft gab.
Diese hatten sie sich selbst geebnet.
Sorgsam strich er über Frodos schmutzige Locken.
Niemals hatte er jemanden so sehr bewundert.


ENDE