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Fünftes Kapitel

Sie hatten in Wasserau, fernab allen Trubels, im Wirtshaus übernachtet. Merry war sehr verkatert und auch Fredegar ging es nicht besonders gut, als sie morgens wach wurden, aber sie hatten sich vorgenommen, die anderen noch ein wenig heimzusuchen. Wenn sie schon einmal in Hobbingen waren, wollten sie diese Zeit auch nutzen!
Mittags standen die drei schließlich in Beutelsend vor der Tür und Fredegar war schon fast auf dem Weg zu Pippin. Merry hingegen blieb bei Liliane und ließ seinen Freund schließlich ziehen.
Rosie öffnete die Tür, begleitet von einem kichernden kleinen Mädchen.
„Oh! Da seid ihr ja schon! Kommt nur herein. Willkommen!“
Merry und Liliane folgten ihr in die Küche. Auf dem Weg dorthin klopfte sie nur kurz an die Tür von Frodos Arbeitszimmer und rief frech: „Besuch! In der Küche!“
Merry biß sich auf die Lippen, um nicht laut loslachen zu müssen. Also wußte auch sie schon, so vermutete er, worum es ging.
„Wo ist denn Sam?“ fragte er. Rosie winkte ab.
„Frag nicht. Ich weiß nicht, ob er es schon in die Badewanne geschafft hat, aber er sah gar nicht gut aus heute morgen!“
Merry grinste. Das hatte er sich gedacht. Bestätigend und prüfend fühlte er seine eigene Stirn und stellte fest, daß er auch bereits lebendiger gewesen war.
Die drei setzten sich in die Küche, Rosie goß Tee ein und wollte schon beginnen, vom Fest ein wenig zu erzählen, als Frodo in die Küche kam und erstarrte. Er hatte sich nicht darauf vorbereitet, die beiden zu sehen.
„Oh! Ihr seid das... Hallo. Schön, euch zu sehen!“
Neben Rosie setzte er sich Merry und Liliane gegenüber und sie erzählten ein wenig vom Fest. Frodo und Liliane, die sich immer wieder heimliche Blicke zuwarfen, sagten auch etwas und es dauerte nicht lange, da sagte Merry: „Wir könnten doch ein wenig spazieren gehen, oder? Wieviel hast du Liliane denn gestern schon gezeigt?“
Frodo zuckte mit den Schultern. „Nicht so viel.“
„Gut.“ Innerlich tobte Merry, er wollte wiederum laut lachen und Liliane war gespannt, zu sehen, was nun passieren würde.
Bis nachmittags begleitete Merry die beiden durch die nahen Wiesen und er war derjenige, der am meisten sagte. Er erzählte von früher, verschiedenen Kinderstreichen und anderen Abenteuern, um Liliane zum Lachen zu bringen. Das gelang ihm auch gut.
Sie drehte sich zu Frodo und lächelte ihn, der gerade gedankenversunken vor sich hin starrte, freundlich an. Er erwiderte es und sah sich genötigt, auch einmal etwas zu erzählen.
Doch irgendwann brach Merry zu Pippin auf und ließ die beiden allein im Gras sitzen.
„Es ist wirklich sehr schön hier“, sagte Liliane schließlich und schaute ihm direkt in die Augen.
Frodo nickte. „Ja, ich mag es sehr, hier Spaziergänge zu machen. Oft sitze ich zuhause und schreibe an Bilbos Buch weiter, aber manchmal treibt es mich wirklich vor die Tür!“
„Hast du denn in Beutelsend Ruhe? Die Kinder sind ja doch ziemlich aufgeweckt!“
Lachend nickte er wieder und sagte: „Ja, Langeweile kommt nie auf. Meistens bin ich der große Geschichtenerzähler. Besonders die kleine Rose läßt mir nie meinen Frieden. Aber Sam hat mit ihnen alle Hände voll zu tun, denn er ist ja auch Bürgermeister, und Rosie muß sich noch ums Haus kümmern. Ich glaube, da bin ich keine besondere Hilfe...“
Beide lachten sie.
„Ich mag Kinder“, sagte Liliane. „Sie sind zwar anstrengend, aber liebenswert!“
„Ich bin froh, bei Sams Familie zu wohnen. Allein würde ich nicht mehr sein wollen.“
„Ich auch nicht... Fredegar ist zwar manchmal nicht sattzubekommen, aber es ist immer lustig. Nur nicht dasselbe wie mit einem Ehemann.“
Frodo hob den Kopf und sah sie verstehend an. Sie wunderte sich schon, wie gut die Unterhaltung lief.
Er schien nach Worten zu suchen, doch sie wollten nicht hinaus. Als er es schließlich aufgab, fragte sie: „Was hat Bilbo denn für ein Buch geschrieben?“
„Von seinen Abenteuern“, erklärte Frodo. „Ich schreibe nun das hinein, was ich während meiner Reise erlebt habe. Es hilft mir, das alles zu vergessen. Aber Bilbos Abenteuer waren auch ganz andere.“
„Willst du mir davon erzählen?“
Das tat Frodo schließlich und sie lauschte ihm gespannt, denn bislang hatte er das Thema nur flüchtig gestreift und bis zum Abend unterhielt er sie mit dem Bericht von Bilbos großer Fahrt.
Vor Beutelsend verabschiedeten sie und Merry sich schließlich, der inzwischen dorthin gegangen war, um einmal nach Sam zu sehen, der elend irgendwo herumlag und sich gar nicht rühren mochte.
Liliane und Merry gingen schließlich nach Wasserau zurück und unvermittelt fragte er: „Hat er ausnahmsweise gesprochen?“
Dabei grinste er breit und vielsagend.
Mit einem Lachen nickte sie. „Ja, hat er. Bilbo hat ja wirklich große Abenteuer erlebt!“
„Ja. Aber eigentlich hat Frodo noch mehr erlebt als er, nur ganz andere Dinge. Davon wird er wohl kaum sprechen, aber es ist doch immerhin ein Fortschritt, daß er nicht stumm wie ein Fisch bleibt!“
Das war es wirklich. Liliane hatte das Gefühl, daß es ein wenig bergauf ging. Fredegar stellte im Wirtshaus noch ein paar neugierige Fragen, aber viel erzählte Liliane ihm nicht mehr.
Abends lag sie schließlich im Bett und war traurig darüber, daß es nur noch einen einzigen Tag in Hobbingen zu erleben gab, bevor sie nach Bockland zurückkehren würde.
Eigentlich wollte sie viel lieber bei Frodo bleiben, bei ihm und Sams Familie in Beutelsend.

Am nächsten Tag standen Merry, Fredegar und Liliane wieder vor Beutelsend und schließlich ließen Sam und Frodo sich vor die Tür locken und während Merry und Fredegar es vorzogen, wieder Pippin zu besuchen, ließ Sam es sich nicht nehmen, Liliane näher kennenzulernen.
Sie merkte genau, wie neugierig er war, aber sie hatte nichts dagegen.
„Und... du wohnst jetzt mit Fredegar zusammen?“ fragte er.
„Ja, Estella war auch eine Zeit lang dort. Es ist sehr schön. Aber ich muß sagen, bei euch in Beutelsend herrscht mehr Trubel!“
Frodo und Sam lachten.
„Oh ja, manchmal ist es nicht mehr zum Aushalten. Die Kleinen können wirklich nerven!“
„Wie alt sind sie?“ erkundigte sich Liliane.
„Oh... Elanor ist neun, Frodo sieben Jahre alt“, sagte Sam und bemerkte dabei ihren fragenden Blick.
„Oh, natürlich, ich habe ihn nach Herrn Frodo benannt. Allerdings ist er viel lebhafter!“
Dabei stieß er Frodo grinsend in die Seite, was dieser sofort mit einem entrüsteten Blick zurückzahlte.
„Ja... und Rosie ist fünf, Merry drei Jahre und Pippin... schreit noch. Furchtbar, das Gebrüll!“
Frodo bedachte ihn mit einem kritischen Blick. „Gib‘s doch zu, Sam, du würdest keines mehr hergeben! Im Gegenteil, du spekulierst doch auf das sechste!“
Sam wurde daraufhin knallrot im Gesicht. Liliane konnte sich das Lachen kaum verkneifen.
„Kinder hätte ich auch gern“, sagte sie. „Doch ich weiß nicht ganz, nach welchen Namensvettern ich sie benennen sollte!“
Sam fühlte sich ertappt. „Nun,“ ließ er sich zu einer Erklärung hinreißen, „meine Freunde sind mir nun einmal wichtig.“
„Aber Elanor ist doch elbisch?“ fragte Liliane.
„Ja! Herr Frodo, erzähl ihr doch von den Elben!“ rief Sam daraufhin. Die drei schlenderten durch den Wald und Frodo erzählte lebendig von Bruchtal und Lorien, nur selten ergänzt von Sam, dessen Augen verräterisch glänzten. Liliane lauschte gespannt.
„Das würde ich zu gern sehen“, sagte sie irgendwann.
Sam entschloß sich schließlich, die beiden wieder allein zu lassen, auch wenn es ihm vor lauter Neugier schwerfiel. Frodo und Liliane sahen sich an.
„Eigentlich will ich gar nicht nach Hause zurück, hier herrscht soviel mehr Leben! Ich wäre auch für Abenteuer zu haben, eine Reise zu den Elben vielleicht...“ murmelte sie. Ihr Blick verlor sich dabei in den vielen Lichtflecken, die durch die Baumkronen auf den Waldboden vordrangen und das Dämmerlicht durchbrachen.
„Und doch segeln die Elben fort aus Mittelerde“, sagte Frodo und pflückte im Vorbeigehen einen Pilz, den er ihr hinhielt. Sie glaubte, rot zu werden, aber nahm ihn dankend an.
„Was machst du denn gern?“ fragte er.
Sie erzählte, daß sie gern schneiderte und kochte, von ihrem Vater früher gern Geschichten von Elben gehört hatte und immer versuchte, sich vorzustellen, wie die Elben wohl waren.
Bis zum Abend streiften sie durch die Umgebung, doch als sie sich Beutelsend näherten, wußte Liliane, daß es nun vorbei war.
„Ich...“ begann sie. „Ich würde mir wünschen, daß wir uns bald wiedersehen.“
Ihre Stimme zitterte ein wenig, sie sah nur die Ungewißheit, doch Frodo erlöste sie schnell.
„Ich werde zu Merrys Geburtstag kommen. Schade, daß die Zeit hier schon vorbei ist.“
Bevor Liliane mit Merry und Fredegar nach Wasserau zurückkehrte, sagte sie: „Danke für alles. Es war wunderschön. Bis bald!“
„Ja, bis bald... ich freue mich schon“, fügte er leise hinzu. Sie drehte sich noch einmal um und er hob zum Abschied die Hand, bevor er in die Höhle zurückging.
Als sie wieder nach vorn sah, starrte sie traurig auf den Boden und seufzte. Jetzt hieß es wieder warten...
Merry und Fredegar zwinkerten sich zu. Für die beiden war längst alles klar.
Liliane vermißte ihn jetzt schon. In ihrer Tasche hatte sie den Pilz, den er ihr geschenkt hatte.
Fast hatte sie gehofft, daß er etwas sagen würde, aber das war vielleicht zuviel verlangt. So blieb ihr nur die Hoffnung, daß er es beim nächsten Mal tat.

Es wurde auch nach der ersten Woche nicht besser. Sie war zuhause, sah oft verträumt aus dem Fenster und rechnete im Stillen nach, daß es immer noch vier Wochen waren, bis Merry Geburtstag hatte.
Warum konnte Frodo nicht einfach so kommen?
Fredegar beobachtete sie mit einem Lächeln. Die zwei paßten gut zusammen, fand er.
Sie bestickte eine große Tischdecke, schneiderte eine Hose für Margerites Mann, fing vor lauter Unmut schon an, Fredegar vorzüglichst zu bekochen, was diesen gar nicht wunderte.
Zwei Wochen verstrichen, dann die dritte. Es wurde Sommer. Es war lange hell, regnete kaum, Liliane und Fredegar kümmerten sich viel um den Garten und waren zwischendurch auf zwei Geburtstagen eingeladen. Estella besuchte sie zwischenzeitlich auch des Öfteren.
„Wie war es denn in Hobbingen?“ fragte sie beim ersten Mal. Liliane strich die Haare aus dem Gesicht und begann mit einem Lächeln zu berichten.
„Am Anfang schwierig, aber seine Freunde müssen ihn wohl dazu bewegt haben, daß er endlich etwas tut. Oder er war es sogar selbst, aber das glaube ich nicht. Getanzt haben wir, das war wunderschön... und gelacht und geredet, es war unvergeßlich, irgendwie. Natürlich war er schüchtern, aber langsam scheint er keine Angst mehr zu haben. Wenn ich nur wüßte, wovor!“
Aber sie hatte es längst erkannt, Frodo hatte tatsächlich Angst.
„Laß ihn nicht entwischen!“ riet Estella ihr lachend. „Du schaffst das schon. Wenn er kein Interesse hätte, wäre das alles nicht so gekommen.“
„Ja... aber es ist so schwierig! Ich weiß, Gundbert kannte mich kaum und hat mir den Hof gemacht, daß ganz Balgfurt sich darüber amüsiert hat. Warum muß das jetzt nur so schwierig sein?“
„Ach, nun komm. Vielleicht solltest du ihn noch mehr ermuntern. Und finde heraus, wovor er Angst hat, wenn er welche hat.“
Stumm nickte Liliane. Zwei Wochen noch.
Manchmal dachte sie an Gundbert und was er wohl denken würde über sie und Frodo, aber ihr Gefühl sagte ihr, daß er nicht nur einverstanden war, sondern sich sogar freute.
Er war ganz anders gewesen als Frodo, offener und frecher, weniger schüchtern, direkter und hatte immer gewußt, was er wollte.
Doch mit Frodo konnte es noch so schwierig sein, sie liebte ihn einfach. Sie träumte von ihm, sah ihn vor sich, sehnte das Wiedersehen sehr herbei.
Und es kam früher als erwartet.

Es war kaum Mittag, als es an der Tür klopfte.
„Ich gehe hin!“ rief Fredegar und öffnete. Liliane schnitt gerade einen Faden ab und wollte neues Garn nehmen, doch gespannt lauschte sie, ob sie etwas von dem verstehen konnte, was an der Tür gesprochen wurde.
„Frodo! Du hier? Na, das ist ja eine Überraschung! Komm nur herein!“
Das war Fredegar. Aber hatte er wirklich Frodo gesagt? War es möglich?
Sollte er schon früher gekommen sein?
Sollte er wirklich schon da sein?
Sie warf die Sachen auf den Tisch und sprang auf, riß fast den Stuhl dabei um und lief in den Flur.
Da stand er in der Tür, zusammen mit Fredegar. Frodo war gekommen.
Sie schüttelte leicht den Kopf, wie ungläubig, strich schnell die Haare aus dem Gesicht und ihr Kleid glatt.
„Hallo, Frodo! Du bist schon wieder bei Merry zu Besuch? Das ist sehr schön! Er hat ja in drei Tagen Geburtstag!“ sagte sie. Frodo nickte und folgte ihr mit Fredegar in die Küche, wo dieser Tee aufsetzte, Kekse suchte und sich mit den beiden Verliebten kurz zusammensetzte. Schließlich war er ein alter Freund von Frodo.
Als er die beiden so zusammen sah, lehnte er sich zurück und wußte genau, daß es keinen Zweifel mehr gab.
Liliane tobte innerlich vor Freude, mußte sich sehr zusammenzureißen, um nicht laut zu jubeln. Er war gekommen. Er war zu ihr gekommen.
Als sie irgendwann überlegte, mit ihm allein sein zu wollen, schlug sie ihm vor, einen Spaziergang zu machen und die beiden ließen den zufriedenen Fredegar in der Küche zurück.
Frodo schien sich ebenfalls zu freuen, war nicht ganz so schüchtern wie sonst, sondern richtete ihr Grüße von Sam und seiner Familie aus, von Pippin und besonders von der kleinen Rose, die Liliane bereits ins Herz geschlossen hatte. Vorsorglich.
Sie kamen schnell ins Gespräch und als sie auf der Wiese saßen und sich angeregt unterhielten, fragte Liliane: „Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich gar nicht genau weiß, wie alt Merry nun wird! Ich habe sein Geburtsjahr nicht mehr im Kopf...“
„Achtundvierzig wird er. Das beste Alter für einen Hobbit!“ erwiderte Frodo und sah sie lange an. Sie wollte sich schon in seinen blauen Augen verlieren, fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen, sehnte sich so sehr nach Nähe. Sie wollte ihm endlich klarmachen, daß es nichts gab, wovor er Angst haben mußte.
Zögerlich hob sie die Hand und schluckte, doch es gab nun kein Zurück. Es würde nun eine Entscheidung fordern, vor der sie sich wochenlang gefürchtet hatte, doch sie tat es.
Sie legte ihre Hand auf seine Wange, genau auf die Narbe, die es nicht schaffte, sein Gesicht zu entstellen.
Doch er zuckte zusammen, wich schnell zurück und versteifte. Schnell zog sie die Hand zurück und hielt die Luft an, fürchtete mit einem Mal, einen Fehler gemacht zu haben, voreilig gewesen zu sein...
„Ich... ich wollte nicht...“ begann sie flehentlich, es tat ihr sofort schrecklich leid, aber es war zu spät. Sie hatte ihn irgendwo berührt, wo es schmerzhaft für ihn sein mußte.
„Es ist nicht deine Schuld“, sagte er mit zitternder Stimme, sprang auf und lief davon.
„Nein...“ flüsterte sie und vor ihren Augen verschwamm alles vor Tränen.
Sie hatte ihn verletzt, verloren, er lief wie vom Bösen gejagt den Hügel hinab und ließ sie einfach allein zurück.
„Frodo, ich...“ flüsterte sie mit erstickter Stimme. Eine große Träne kullerte über ihre Wange. Sie schloß die Augen. Warum nur hatte sie das getan? Sie hatte alles überstürzt...
Sie öffnete die Augen wieder und sah, wie er ins Wäldchen lief, dann im Unterholz verschwand.
Warum nur lief er weg? Was machte ihn so verletzlich? Würde er ihr nie vertrauen?
Sie mußte es wissen. Sie wollte ihn nicht einfach so verlieren!
Hin- und hergerissen zwischen Angst und Mut stand sie auf und lief hinterher durch die blühende Wiese.
„Frodo... was ist denn nur los? Erkläre es mir doch! Bitte...“ rief sie und schluchzte. Das hatte sie nicht gewollt.
Schnell wischte sie die Tränen weg, atmete tief durch und suchte nach ihm. Durchs Unterholz sah sie sein weißes Hemd schimmern. Er war nicht weit gelaufen, hatte sich an einen Baum gesetzt, doch er rührte sich nicht.
So konnte es nicht weitergehen. Sie mußte endlich wissen, was es ihm unmöglich machte, ihr zu vertrauen.
Langsam ging sie auf ihn zu, so leise wie möglich, dann blieb sie einige Meter vor ihm stehen. Er starrte reglos auf den Boden, schien sie währenddessen gar nicht zu bemerken, aber was sie hätte tun können, wußte sie auch nicht.
Tränenspuren überzogen seine Wangen. Es schmerzte sie sehr, das sehen zu müssen.
Sie wartete. Nun war es an ihm.
Plötzlich hob er den Kopf und murmelte: „Du mußt mich doch für verrückt halten, oder?“
Ihre Augen wurden groß vor Verwunderung, doch sie ging auf ihn zu, setzte sich genau vor ihn und sagte bestimmt: „Nein, Frodo. Erklären kann ich es mir nicht ganz, aber ich weiß, daß du bestimmt nicht verrückt bist.“
Er hatte nur vor irgendetwas Angst. Ihr gingen viele Gedanken durch den Kopf. Die Reise, all die Narben, das, was Fredegar von den Orks gesagt hatte... er konnte nicht darüber sprechen.
Aber sie wollte ihm so gern helfen! Es machte sie unglücklich, ihn so zu sehen.
Er holte tief Luft und sagte: „Es gibt soviel Schreckliches, verstehst du? Ich will dich nicht damit konfrontieren, was...“ Er brach ab.
„Das ist mir egal, Frodo. Ich weiß eines: Ich bin mir sicher, daß du mir etwas bedeutest. Sehr viel sogar. Es ist etwas geschehen, wovon ich dachte, daß es nie wieder geschehen würde, aber so ist es.“
Sie sah ihm direkt in die Augen, saß direkt vor ihm, doch rechnete nicht mit dem, was er plötzlich tat.
Er richtete sich auf und umarmte sie. Er schloß sie fest in seine Arme, zog sie an sich und sie legte daraufhin langsam ihre Arme um ihn, um ihm Trost zu spenden.
Er hatte endlich etwas gesagt. Und sie hatte ebenso ehrlich zu ihm gesprochen und ihm gesagt, was sie fühlte.
Endlich. Sie biß sich auf die Lippen, denn diesmal waren es Freudentränen, die in ihr aufstiegen.
Er umarmte sie.
Doch dann sah er sie an und sie sagte: „Ich denke, ich verstehe dich, Frodo. Ich will dich verstehen.“
Sie standen auf, dann nahm er ihre Hand und erklärte: „Du bist so... ich meine, ich habe mir nun nichts mehr gewünscht, als so mit dir hier zu sitzen, denn es ist wirklich etwas geschehen. Aber ich hatte solche Angst, daß...“
Als er nicht weitersprechen wollte, drückte sie seine Hand und bekräftigte ihre Worte von vorhin.
„Nichts kann mich abschrecken. Was geschehen ist, ist geschehen, aber das kann sich nicht dazwischenstellen, wenn wir es nicht wollen. Bitte, lauf nie wieder einfach weg!“
„Das werde ich nie wieder tun. Ich möchte am liebsten immer bei dir bleiben! Denn jetzt ist da etwas, was noch nie da war, und...“
Die beiden wandten sich zum Gehen, liefen durch die Wiesen und konnten nicht anders als sich anzusehen.
Nach einer Weile sagte sie: „Ich habe dich so vermißt, immer an dich gedacht, mir nichts mehr gewünscht, als mit dir zusammenzusein. Wie sehr hatte ich gefürchtet, du hieltest dich wegen dem Tod meines Mannes zurück, aber ich habe ihn loslassen können. Du sollst eines wissen: Vergessen werde ich ihn nie und ich empfinde noch immer Liebe für ihn, doch du kannst dir sicher sein, meine Liebe für dich ist größer als alles andere. Bleib bei mir, Frodo. Bitte.“
Er blieb stehen und schloß sie wiederum in die Arme, woraufhin sie, völlig von ihren Gefühlen überwältigt, in Tränen ausbrach und sich an ihm festhielt. Es war so schön, bei ihm zu sein, so wunderschön.
„Liliane, ich habe dich nicht vergessen können, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Ich war mein Leben lang allein und leicht wirst du es nicht immer mit mir haben, aber wenn ich mir etwas wünsche, ist es deine Liebe, denn meine hast du.“
Sie sah ihn mit feuchten Augen an und fragte spitzbübisch grinsend: „Ja?“
Er war irritiert. So kannte er sie nicht.
„Ja... das ist mein Ernst.“
„Gut!“
Daraufhin zog sie ihn an sich, zwinkerte und wollte ihn küssen. Im ersten Moment war Frodo so überrumpelt, daß er sich nicht zu helfen wußte, aber sie war so stürmisch, daß sie ihm gar keine Möglichkeit zum Nachdenken ließ.
Er ließ geschehen und erwiderte schließlich zärtlich den Kuß.
Liliane spürte plötzlich nur noch, wie er ins Taumeln geriet und ließ sich einfach mit ihm zusammen ins Gras fallen. Lachend drehte sie sich zu ihm und strich ihm die Locken aus der Stirn.
„So kann ich auch sein“, sagte sie. Dann prustete sie los und kicherte ungehalten. Frodo grinste und schüttelte den Kopf.
„Daß du verrückt bist, hat Merry mir aber nicht gesagt!“
„Oh! Ihr lästert hinter meinem Rücken? Na warte...“
Sie warf sich halb auf ihn und begann unnachgiebig, ihn an den Seiten zu kitzeln.
„Nein! Hilfe! Laß das!“ brachte er gequält und unter Lachen hervor, aber sie kannte keine Gnade.
„Niemals. Du wirst mich nicht mehr los, Frodo Beutlin!“
„Nein!!!“ schrie er und wußte sich schließlich nur noch zu helfen, indem er sie so fest an sich zog, daß sie schließlich keinen Finger mehr rühren konnte. Er rollte sie auf den Rücken, beugte sich dann über sie und sah sie triumphierend an.
„Schluß jetzt. Hier wird jetzt getan, was ich sage!“
Das Lachen konnte sie kaum zurückhalten, denn sein Gesichtsausdruck war einfach zu komisch. Keines seiner Worte konnte sie ernst nehmen.
Beide lagen sie schließlich laut lachend im Gras, bis ihnen alle Muskeln weh taten.
„Puh... das ist gut!“ sagte Frodo. Sie wandte ihm den Kopf zu, anschließend sah sie ihn erwartungsvoll an.
„Ja?“ fragte er.
„Da fragst du noch?“
„Ja...“
Wiederum küßte sie ihn. Die beiden blieben lange engumschlungen im Gras liegen, bis er plötzlich vorschlug, Merry heimsuchen zu gehen.
„Der wird Augen machen!“ vermutete sie. Frodo nickte, half ihr auf und sagte: „Du bist wunderschön, weißt du das?“
Verlegen sah sie zu Boden, doch sie spürte genau, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Frodo drückte ihr einen Kuß auf die Wange und zog sie glücklich hinter sich her.

Merry lungerte ein wenig im Garten herum und plauderte mit dem Gärtner, als er auf einmal auf zwei gewisse Hobbits aufmerksam wurde, die Hand in Hand auf ihn zukamen, sich aber überhaupt nicht um sein überraschtes Gesicht scherten.
„Wir haben Hunger!“ bemerkte Frodo. Merry runzelte die Stirn und verzog das Gesicht. Hunger. Hatte er ihm da nicht etwas anderes zu sagen?
Scheinbar nicht. Die beiden fielen hungrig in der Küche ein, denn das Mittagessen hatten sie verpaßt. Spaßeshalber setzte er sich zu den beiden und grinste breit, doch sie schenkten ihm keinerlei Beachtung.
So beantwortete sich seine Frage von selbst. Ab und an redeten sie kurz mit ihm, aber als er merkte, wie unerwünscht er war, verzog er sich schnellstens und ließ die beiden kopfschüttelnd allein.
Nur erinnerte ihn das an eine lästige Pflicht. Es lag an ihm, wenn er jemals dieses Glück erleben wollte...

Als sie seufzend nach Hause zurückkehrte, beschloß sie erst einmal, völliges Stillschweigen zu bewahren. Fredegar bestürmte sie jedoch am Tor bereits mit Fragen.
„Und? Was hat er gesagt? Hat er überhaupt etwas gesagt?“
„Er hat, ja.“
„Ja, und??“
„Naja... morgen gehe ich wieder hin.“ Sie machte ein todernstes Gesicht.
„Gut. Aber was ist passiert?“
„Er... nun, ich weiß jetzt, daß er sich in mich verliebt hat.“
Fredegar begann zu strahlen und fiel ihr stürmisch um den Hals.
„Endlich! Das hat ja wieder gedauert. Beutlin. Schreckliche Angewohnheiten hat der! Und... also, ihr beiden...?“
Sie nickte. Fredegar sah, wie ihre Augen vor Freude glänzten.
„Wunderbar!“ rief er und zog sie mit sich ins Haus.
Er sprach beim Essen mit vollem Mund davon, daß Frodo sie mit nach Beutelsend nehmen würde, wo es ihr bestimmt sehr gut gehen würde als seine Frau und spann die tollsten Ideenfäden vor sich hin.
„Schon gut, Dicker. Alles zu seiner Zeit!“
„Ja! Aber es ist einfach herrlich.“
Das war es. Abends schlief sie mit einem Lächeln im Gesicht ein und konnte es kaum erwarten, ihn am nächsten Tag wiederzusehen, bei ihm zu sein.
So kam es, daß sie schon früh im Brandyschloß war. Er begrüßte sie mit einer Umarmung und ließ sie erst einmal nicht mehr los. Nach einem köstlichen zweiten Frühstück machten sie sich wieder auf den Weg zu einem Spaziergang, was bei dem sommerlichen, sonnigen Wetter eine wahre Freude war.
Sie legten sich irgendwo ins Gras, schauten verträumt den Wolken hinterher, Frodo steckte ihr ein Blümchen ins Haar und sie genoß es, ihren Kopf auf seinem Bauch liegen zu haben.
Sie lauschte auf seinen Atem, genoß die Ruhe und den Frieden, nahm seine Hand und umschloß sie mit ihren. Es war seine rechte.
„Es war der Ring.“
„Der Ring?“
„Ja, Bilbos Ring... er hat ihn so lange besessen und konnte sich damit unsichtbar machen. Vielleicht hast du davon gehört. Nun, und als er Hobbingen verlassen hat, ging der Ring in meinen Besitz über.“
Sie war fasziniert. Natürlich hatte sie von den Tricks des alten Beutlin gehört, aber noch begriff sie nicht ganz.
„Aber was hat denn der Ring dann mit dir zu tun?“
„Du kennst doch Gandalf, den Zauberer... auf Pippins Geburtstag war er da. Er hat die Raketen geschossen und... nun, er trägt oft eine einfache graue Kutte, aber er ist mehr als das. Er ist der weiße Zauberer. Er hat herausgefunden, daß er Ring etwas Böses war. Er gehörte dem Dunklen Herrscher und trug all seine Macht in sich. Er fürchtete, daß er versuchen könnte, den Ring zurückzubekommen. Daraufhin habe ich mich auf den Weg gemacht, den Ring in Sicherheit zu bringen.“
„Ich erinnere mich an Gandalf... aber vom Dunklen Herrscher habe ich noch nie gehört! Sag, war es sehr gefährlich?“
Er nickte ernst. „Das war es. Ich wollte nach Bruchtal mit dem Ring, Sam, Merry und Pippin haben mich begleitet, genauso ein Waldläufer namens Aragorn. Doch der Dunkle Herrscher hatte seine Diener geschickt, den Ring zu finden und an der Wetterspitze haben sie uns angegriffen. Ihr Anführer hat mich an der Schulter verletzt und ich wurde sehr krank davon, aber Herr Elrond hat mir geholfen.“
„An der Schulter, sagst du?“
Mit einem Nicken knöpfte er sein Hemd auf, so daß sie die Narbe sehen konnte. Sie hob die Hand und legte sie darauf. Es schien ihr fast kalt, die Narbe war nicht irgendeine Narbe, das spürte sie genau.
Er erzählte von der gesamten Reise und allem, was geschehen war. Sie begriff, warum Sam ihm so nahe stand. Er war sein bester Freund. Sie hatte stumm zugehört und versuchte zu verstehen, was er ihr gerade gesagt hatte, doch das konnte sie nicht. Sie wußte nur, daß diese Länder existierten, aber Frodo war dort gewesen und hatte viel durchgemacht.
Auch von der Entführung erzählte er schließlich und wieder von Aragorn, der ihn und Sam gerettet hatte vor der Spinne. Der Bericht von Kankra ließ sie erschauern. Sanft schmiegte sie sich an ihn und so erzählte er auch kurz von den anderen Dingen, die er über die Jahre hinweg erlebt hatte.
Sie traute ihren Ohren kaum, als er sagte, daß man sich an ihm hatte rächen wollen für das, was er im Ringkrieg getan hatte. Sie verstand, daß es ihn fast das Leben gekostet hatte und so war er froh, nicht mehr als diese Narben zurückbehalten zu haben.

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Auch wenn sie ihn am Tag vor dem Fest nicht sah, tanzten sie auf Merrys Geburtstag fast den ganzen Abend und sie ließ es sich auch nicht nehmen, ihm vorab schon einmal ihr Haus zu zeigen, wo er sie am nächsten Tag seinerseits besuchen wollte.
Doch als sie am Morgen aufwachte, regnete es in Strömen. Mißmutig frühstückte sie und wagte nicht zu hoffen, daß er trotzdem kommen würde, doch genau das tat Frodo.
Als es klopfte, öffnete sie kopfschüttelnd.
„Wie siehst du denn aus? Du hättest doch nicht kommen müssen bei dem Wetter!“
„Doch. Natürlich mußte ich!“ sagte er und ließ keine Widerrede zu. Sie kümmerte sich fürsorglich darum, daß er wieder trocken wurde. Die beiden setzten sich mit Fredegar zusammen und unterhielten sich. Fredegar amüsierte sich zu Tode über den schüchternen Merry.
„Der größte Kuppler von allen, aber selbst schafft er gar nichts!“
„Ich verstehe das...“ bemerkte Frodo, was ihm einen verständnislosen Blick von Liliane einhandelte.
„So ist das also!“ sagte sie. Er legte beschwichtigend den Arm um sie.
Als es Abend wurde und er genug von Abenteuern und Schätzen erzählt hatte, klaubte er seine Kleidung zusammen. Doch er kam nicht dazu, sie anzuziehen.
„Du willst doch nicht etwa gehen?“ fragte Liliane. Sie schien gar nicht glücklich zu sein bei diesem Gedanken.
„Doch, warum?“
Inständig bat sie ihn, zu bleiben und versuchte, ihre Angst zu verdrängen, doch als es donnerte, zuckte sie zusammen und sah ihn flehend an.
„Geh nicht. Bitte bleib hier!“
Sie wußte, daß sie sich nicht unbedingt Sorgen um ihn machen mußte, aber sie tat es trotzdem. Merry würde schon wissen, wo er steckte, aber er sollte da nicht hinausgehen... sie hatte einen Mann bei einem Gewitter verloren.
Frodo legte im nächsten Augenblick seine Sachen wieder weg.
Er blieb also und verschwand schließlich bei Fredegar im Zimmer, um ins Bett zu gehen, aber sie lauschte noch immer auf jeden Donnerschlag und zuckte zusammen bei jedem Blitz.
Ihr Herz raste. Es war das erste Gewitter seitdem.
Für eine kleine Weile blieb sie in der Küche vor dem Herdfeuer sitzen und versuchte, ruhig zu bleiben, aber es gelang ihr nicht. Draußen krachte und brummte es, der Regen prasselte gegen die Scheiben, Blitze zerrissen wütend die Dunkelheit.
„Gundbert...“ murmelte sie. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Aber Frodo war ja noch da... ihm würde nichts passieren. Nicht ihm. Jetzt nicht mehr.
Bilder der Unwetternacht im Herbst tauchten wieder vor ihr auf und sie wußte, daß sie keinen Schlaf finden würde.
Es war schon spät, aber der Sturm tobte noch immer.
Schließlich, als sie vor Angst und Entsetzen zu zittern begann, stand sie auf und schlich bei Fredegar und Frodo ins Zimmer. Es war dunkel und still dort, Fredegar schnarchte leise und Frodo hatte sich unter der Decke zusammengerollt.
Hoffentlich wurde er nicht wach. Er sollte sich keine Sorgen machen.
Sacht hob sie die Decke an und legte sich vorsichtig neben ihn, wo noch Platz war. Sie wollte einfach nicht allein sein bei diesem Sturm.
Noch immer liefen ihr Tränen über die Wangen.
„Was ist denn los?“ fragte Frodo überraschend ganz leise.
Wortlos wandte sie sich ihm zu, er rutschte ein wenig, um ihr Platz zu machen, dann legte er den Arm um sie.
„Ich bin hier. Du brauchst dich nicht zu fürchten.“
Sie kuschelte sich hilfesuchend an ihn, weinte leise, doch er wischte ihr liebevoll die Tränen weg und umarmte sie ganz fest. Es war so schön, bei ihm zu sein, seine Wärme zu spüren.
Wieder brüllte ein Donner, woraufhin sie unwillkürlich zusammenzuckte und zitterte.
„Nein, nicht doch... ich bin bei dir. Sei ganz ruhig.“
„Frodo...“ flüsterte sie. Er küßte sie auf die Wange.
Sie spürte seine Arme um ihren Körper, seinen ruhigen Atem, einfach seine Gegenwart. Schließlich beruhigte sie sich. Ohne es zu merken, schlief sie irgendwann ein.


Sechstes Kapitel

Sie wurde von einer Bewegung geweckt und als sie blinzelte, sah sie Frodo über sich gebeugt. Im ersten Moment war sie noch zu schläfrig, um zu bemerken, was er tat, doch dann spürte sie etwas unterhalb ihres Halses, das da eigentlich nicht hingehörte.
„Was tust du?“ fragte sie müde und griff nach dem Gegenstand. Es war sein Elbenstein, den sie in der Hand hielt. Frodo lächelte sie von der Seite an.
„Aber du kannst doch nicht...“ wollte sie widersprechen, aber mit einem Nicken brachte er sie zum Schweigen.
„Doch. Er ist mein Geschenk an dich.“
Sie strich ihm über die Wange, gab ihm einen Kuß und fragte: „Ist dieser Stein von den Elben?“
„Ja. Er ist von Frau Arwen, der Königin Gondors. Sie hat ihn mir geschenkt, daß er mir in schwierigen Zeiten Kraft schenken möge. Doch schwierig ist nun nichts mehr und obwohl er wertvoll ist, könnte er mir nie soviel bedeuten wie du. Er wird dir Trost spenden, wenn du einmal traurig bist, was hoffentlich nie sein wird. Es soll nun deiner sein.“
Liliane blieb glücklich in seinen Armen liegen und küßte ihn noch einmal auf die Wange.
„Wie kann ich das wieder gutmachen? Ich meine, die Königin Gondors und der Stein, er ist so wertvoll...“
„Du fängst ja schon wieder an. Aber es ist bereits gut. Daß du da bist, ist mehr, als ich mir wünschen könnte.“
Verträumt sah sie ihn an, genoß seine Nähe so sehr und wollte sich am liebsten nie mehr bewegen.
„Ich möchte nicht wissen, was Fredegar vorhin gedacht hat, als er uns so entdeckt hat!“ bemerkte sie und kicherte amüsiert.
„Ich auch nicht. Das gehört sich ja ganz und gar nicht, was?“ erwiderte Frodo und strich ihr über die Stirn.
Allerdings. Unter Hobbits schickte es sich nicht, vor der Heirat den Kontakt allzu intensiv zu pflegen.
„Weißt du, wie sehr ich mich darum schere, was sich gehört und was nicht? Es geht doch niemanden etwas an, oder?“
„Allerdings. Aber es war gut, daß du gekommen bist. Ich habe gleich noch einmal so gut geschlafen und du mußtest dich nicht fürchten.“
Sie nickte stumm und schloß die Augen. Sie wollte noch nicht wach werden.
Es war auch so, daß sie beinahe wieder eingeschlafen wäre, wenn nicht plötzlich sein Magen laut geknurrt hätte vor Hunger. Prustend vergrub sie den Kopf im Kissen und blinzelte frech zu ihm hoch.
„Hunger?“ fragte sie todernst.
„Es geht...“
„Lügner. Das klang nach Riesenhunger! Komm, ich werfe dich aus dem Bett und dann gehen wir frühstücken.“
Frodo wollte schon erwidern, daß sie außen lag, aber dann begriff er gerade rechtzeitig, was sie gemeint hatte. Diesmal kam sie nicht dazu, ihn zu überfallen und durchzukitzeln.
„Nein, meine Liebe. Nicht heute morgen!“
Beleidigt wandte sie sich ab, aber wirklich ernst bleiben konnte sie dabei nicht. Während Frodo langsam aus dem Bett kroch, um ins Wohnzimmer zu gehen, wo seine trockenen Sachen lagen, stand auch sie auf und zog eines ihrer hübschesten Kleider aus dem Schrank.
Sie bürstete sich die Haare, band sie zusammen und strich das Kleid noch glatt, bevor sie in die Küche ging. Mit großen Augen sah Frodo sie an, doch die beiden wurden sogleich von Fredegar gestört.
„Na endlich! Ihr habt ja vielleicht einen tiefen Schlaf!“
„Nun komm aber, du hast doch das ganze Gewitter verschlafen!“ erwiderte Frodo und griff nach einer Scheibe Brot.

In den drei Wochen, die Frodo bei Merry im Brandyschloß verbrachte, verstrich kein Tag, an dem er nicht die Zeit mit Liliane verbrachte. Es fiel ihr jeden Abend wieder schwer, sich von ihm zu trennen, aber ihre Liebe stand erst am Anfang und mit jeder Minute lernten sie einander ein wenig besser kennen.
Manchmal ließen Fredegar und Merry die beiden kaum aus den Augen, auch von einer gewissen Neugier getrieben. Merry gelangte immer mehr zu der Gewißheit, daß er selbst irgendetwas falsch machte. Mürrisch kämpfte er mit sich selbst. Estella war wirklich geduldig mit ihm altem Esel!
An einem Tag, an dem Frodo mit ihr am Tisch saß und ihr neugierig beim Nähen zuschaute, sagte sie unvermittelt: „Willst du etwas über Gundbert wissen? Ich erzähle dir alles, wenn du etwas wissen willst. Er soll ja nicht völlig vor dir verborgen bleiben. Schließlich war er ja auch einmal ein Teil von mir. So sehr, daß ich nie geglaubt hätte, noch einmal so lieben zu können.“
Frodo war überrascht, denn beim Gewitter hatte er gesehen, wie nah ihr der Verlust immer noch ging. Und jetzt wollte sie mit ihm über ihn sprechen!
„Aber nur, wenn es dir nichts ausmacht“, antwortete er.
„Mir? Nein. Es ist nur so, daß ich oft denke, daß... nun, du bist jetzt an seiner Stelle, aber du sollst nicht denken, daß du ihn ersetzen mußt! Du bist du selbst und jemand ganz anderes für mich. Verstehst du? Gundbert wird mir niemand jemals nehmen, aber du sollst wissen, daß ich es immer ehrlich mit dir meine, dich genauso liebe. Und deshalb will ich keine Geheimnisse vor dir haben.“
Frodo war überrascht. Er sah verlegen aus dem Fenster und beobachtete die flauschigweißen Wolken am blauen Sommerhimmel für einen Moment, bevor er sagte: „Das weiß ich alles. Mach dir keine Sorgen, ich habe nie daran gezweifelt, daß du es ehrlich meinst. Ich habe nur nicht gefragt, weil ich denke, daß es schwer für dich ist, darüber zu reden...“
Das war in der Tat so, aber das Opfer wollte sie für Frodo bringen. Er fragte schließlich, was Gundbert gemacht hatte, bat sie, ihn zu beschreiben und so geriet sie schließlich ins Erzählen.
„Ich hätte ihm gern manchmal für seine Frechheit in einen Sack gesteckt und weggesperrt, damit er sich nicht um Kopf und Kragen redet, aber es war völlig zwecklos!“
Frodo grinste. „Das kenne ich...“ Dabei dachte er natürlich gar nicht an seine vorlauten Freunde.
Umgekehrt sah er sich allerdings plötzlich gezwungen, auch etwas von sich zu erzählen.
Zögerlich begann er: „Gibt es etwas, was du von mir wissen willst? Ich... nun, einiges werde ich dir vielleicht nicht so einfach sagen können, aber ich will es versuchen, wenn du magst.“
Sie legte die Stoffe auf den Tisch, nahm seine Hand und sah ihn an.
„Eins gibt es... es ist wohl keine leichte Frage. Aber von Anfang an habe ich mich gefragt, welche Grausamkeit dahinter steckt, dir... ich...“ Sie suchte nach Worten. Seine Narben waren es, die sie so sehr beschäftigten, die schlafende Rache, von der er gesprochen hatte. Böse Menschen.
„Sag es nur. Was meinst du?“ fragte Frodo. Noch wußte er nicht genau, worauf sie hinaus wollte.
„Die Narben, diese und auch die anderen, ich sehe sie immer wieder... warum haben sie das getan? Was haben sie nur getan, daß du so viele Narben von den Schnitten hast?“
Sie spürte, wie sich seine Hand anspannte und er schluckte schwer.
„Du mußt nicht, wenn...“ schob sie noch hinterher, aber er schüttelte den Kopf und sagte: „Es ist in Ordnung. Du sollst es erfahren. Alles, was geschehen ist. Manches wird dir Sam erzählen müssen, weil ich es nicht kann, aber es ist dein Recht, es zu wissen. Das war es zwar immer, was ich dir verheimlichen wollte...“
„Was meinst du?“
„Nun, ich habe mich ein wenig langsam angestellt am Anfang. Ich hatte mich zwar sofort in dich verliebt, aber ich wollte nicht, daß du das alles wissen mußt, womit ich konfrontiert worden bin. Deshalb war ich oft so unzugänglich... aber ich sehe, ich kann mit dir sprechen. Ich will es versuchen.“
Sie drückte seine Hand und sagte ihm, daß sie es sehr tapfer fand, wie er mit all diesen Erfahrungen leben konnte.
Seinerseits erwiderte er daraufhin, daß er oft unter der Last zusammenbrechen wollte, fast flüchten wollte vor diesem Schmerz, aber es nie gekonnt hatte.
Er war stark. Im Grunde seines Herzens sogar sehr, denn es hatte ihn alles nicht brechen können.
„Das ist jetzt fünf Jahre her, glaube ich... ich weiß es nicht. Ich wollte nicht mehr daran denken. Wie oft habe ich es seither verflucht, den Ring getragen zu haben! Das allein war gut, aber daß Rache am Ringträger geübt werden sollte... was ich getan habe, kann doch nicht falsch sein!
Doch ihr Sinnen und Trachten lag allein darin, Rache zu nehmen und damit den Herrn alles Bösen zu besänftigen. Sie...“
Frodo schloß die Augen und senkte den Kopf, sammelte sich, dann sprach er weiter, aber lieferte ihr nur einen bruchstückhaften Bericht.
„Er hatte die Stimme seines Herrn, kalt wie der Tod und unbarmherzig. Sam hatte es nicht geschafft, mir zu helfen. Er hat mitansehen müssen, wie der Anführer den Dolch nahm... bevor ich sterben sollte.“
Seine Stimme begann zu zittern.
„Hör auf, Frodo. Du mußt nicht...“ sagte Liliane, aber er hörte nicht auf sie.
„Es tat so weh und ich habe nur das Blut gesehen. Er hatte Spaß daran. Ich hatte mich wehren wollen, nur mit Worten, als ich es nicht mehr anders konnte. Morgoth, das habe ich geschrien, um ihn zu schrecken. Ich hatte mich ganz verloren geglaubt. Es war dunkel, da war nur Dämmerlicht, Kerzen... und seine Stimme, die mich verfolgte. Aber dann kamen sie und haben mich gerettet. Es... ich hatte so lange Alpträume davon, so schrecklich lange danach, war wie gelähmt. Als die Wunden heilten, immer noch so gut zu sehen waren... doch er hat mich nicht bekommen. Auch dieses Mal nicht.“
Liliane war erstarrt und rang um Fassung. So schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Aber nun wußte sie, warum er hatte schweigen wollen.
Über seine Wangen liefen erste Tränen. Er hatte es zu deutlich vor sich gesehen, denn die Bilder hatten sich in seine Erinnerung eingebrannt. Liliane stand eilig auf, lief um den Tisch und kniete sich neben seinen Stuhl, dann zog sie ihn in ihre Arme und strich ihm beruhigend über den Kopf.
„Es tut mir so leid, Frodo, das...“
„Nein“, unterbrach er sie schluchzend, „du kannst nichts dafür. Es war mein Fehler. Das passiert immer, wenn ich versuche, davon zu reden...“
Liliane atmete tief durch.
„Dann tu es nicht, wenn du nicht kannst. Ich kann Sam fragen. Wenn er es besser erzählen kann...“
Sie begann immer mehr, zu verstehen, warum Frodo so schweigsam war und was ihn noch immer quälte.
Doch sie gab die Hoffnung nicht auf, daß sie es mit ihm gemeinsam bewältigen konnte. Sie würde dafür sorgen, daß das Leid irgendwann vergessen war.

Seitdem hatten sie nicht mehr davon gesprochen, außer an einem Tag, als Frodo noch einmal betont hatte, daß sie mit Sam sprechen konnte, der es eher verkraftet hatte - und sie sollte es auch. Er sah, daß sie stark war, er vertraute ihr. Sie sollte es wissen.
Eines Nachmittags bei einem Waldspaziergang begann Frodo plötzlich: „Jetzt bin ich seit drei Wochen hier und frage mich, was jetzt weiter geschehen soll. Was meinst du?“
Er hatte seinen Arm um sie gelegt, sie lehnte sich verträumt an ihn und sagte: „Nun... eigentlich hält mich hier nichts. Ich komme mit dir, wenn du möchtest, aber ich möchte bei dir bleiben.“
„Wirklich? Aber du kannst doch nicht so einfach dein Zuhause aufgeben!“
„Doch, das kann ich.“ Und das wollte sie. Frodo sollte nicht mit ihr dort leben, wo sie mit Gundbert gelebt hatte.
Die beiden blieben stehen. Ein warmer Wind strich ihnen übers Gesicht, Frodo nahm ihre Hand und fragte: „Du möchtest tatsächlich mit mir in Beutelsend leben?“
Es war wie beim ersten Treffen, so aufgeregt war sie plötzlich, ihr Herz klopfte und drohte fast, zu zerspringen. Irgendetwas wollte er noch loswerden.
Sie nickte und holte tief Luft.
„Als meine Frau?“ fragte er dann. Sie lächelte und küßte ihn.
„Aber du weißt, wieviele Kinder dort herumlaufen? Sam und Rosie haben immerhin fünf! Bisher...“ warf er ein.
„Aber das ist doch schön!“ lachte sie.
Sie wußten beide, daß es an ihm war, etwas zu sagen. Er schien es nicht genau zu wissen und sie ahnte, daß es auch für sie eine Überraschung werden würde.
„Ich möchte, daß du für immer mit mir zusammenbleibst, Liliane, denn ich liebe dich, ich würde alles für dich tun, möchte nie mehr ohne dich sein.“
„Und ich, Frodo, werde dich nie mehr verlassen und dich nie an meiner Liebe zweifeln lassen, denn ohne dich zu sein wäre für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann!“
Damit schenkten die beiden sich einen tiefen Kuß, Liliane wußte, daß es nun endlich geschehen war und sie nun als verheiratet galten.
Ihr größter Wunsch ging in Erfüllung.
Übermütig hob Frodo sie auf seine Arme und sagte: „Ich trage dich, wohin du willst! Aber glaub ja nicht, daß ich dich je wieder loslasse!“
Sie lachten.
„Das sollst du gar nicht. Jetzt muß ich nur sehen, daß ich mit Estella spreche. Vielleicht möchte sie in das Haus ziehen!“
Das würde ihr und Merry gefallen, sie lebte dann nicht mehr weit vom Brandyschloß entfernt, dachte Liliane belustigt.
Dorthin kehrten die beiden dann zurück. In der prallen Sonne saß Merry auf der Gartenbank, umschwirrt von Hummel und Bienen, während er genüßlich an seiner Pfeife zog.
„Da seid ihr ja!“ bemerkte er und zwinkerte ihnen zu. Frodo hielt Liliane fest im Arm und machte ein bedeutungsvolles Gesicht.
„Wo habt ihr gesteckt?“
„Was denkst denn du, Merry?“ antwortete Frodo grinsend. Merrys Augen wurden groß.
Sie würde bei Frodo bleiben, immer bei ihm sein, endlich stand es fest.
Merry war fast aufgeregter als die beiden selbst.
„Wann wollt ihr denn nach Hobbingen gehen? Kann ich helfen?“ fragte er eifrig. Er wollte sofort anfangen mit den nötigen Vorbereitungen.
„Sam wird Augen machen!
Frodo und Liliane wollten schließlich Fredegar einen Besuch abstatten, der nicht weniger erfreut über die guten Nachrichten war.
Liliane lief durchs Haus und schaute in jeden Schrank, während sie eifrig überlegte, was sie alles brauchte. Frodo legte von hinten seine Arme um sie, als sie in Gedanken vertieft im Schlafzimmer stand.
„Nimm alles mit, was du brauchst. Wir haben den nötigen Platz!“ sagte er.
Es dauerte gar nicht lange, bis die beiden anfingen, Kleidung und viele andere Dinge in Kisten zu verstauen. Sie waren froh, daß Merry einen Karren besorgen würde, denn den brauchten sie auch.
Inmitten der Unordnung saßen schließlich drei Hobbits und ruhten sich aus. Fredegar musterte die beiden Verliebten amüsiert.
Nch dem Abendessen lehnte Liliane sich in Frodos Arme zurück und sagte: „Du bleibst doch hier, oder? Bevor ich nach Beutelsend komme, würde ich mir wünschen, noch einmal mit dir hier zu sein!“
„Natürlich, dein Wunsch ist mir Befehl!“ erwiderte er. So mußte er sich wieder Kleidung von Fredegar leihen, worin er immer noch zu komisch aussah.
„Da paßt du zweimal rein!“ behauptete Fredegar grinsend.
Endlich lagen die beiden im Bett. Der Mond schien durchs Fenster, das fahle Licht traf auf den Boden und erhellte den Raum.
Liliane hatt sich an Frodo gekuschelt, sie spürte seinen Arm in ihrem Rücken, als sie fast schon einschlief. Er drehte sich zu ihr, dann legte er sich auf die Seite und legte seine Hand auf ihren Bauch.
„Du...“ begann er verlegen. „Schläfst du?“
„Nein. Was ist denn?“
„Ich... also, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll...“
Sie war bereits so müde gewesen, daß sie gar nicht richtig bemerkt hatte, wie angespannt er war, denn er hatte noch etwas auf dem Herzen.
„Sag es einfach“, murmelte sie schäfrig.
„Weil wir doch nun heute... ist es denn nicht so, daß nach der Hochzeit das kommt, was... erwartest du denn jetzt nichts?“
Jetzt blinzelte sie und wandte sich ihm zu mit einem Lächeln.
„Nein. Warum sollte ich denn?“
Die beiden sahen sich an. Liliane wußte, daß es besser war, nichts zu überstürzen. Aus ganz verschiedenen Gründen hatte sie weiter gar nicht mehr darüber nachgedacht. Sie wußte, wie schüchtern er war, und sie war immer noch zuhause, was ihr in diesem Zusammenhang nicht ganz behagte.
Außerdem stand noch etwas im Raum, was sie bisher nicht erwähnt hatte und somit unweigerlich zur Sprache kommen mußte - was sie nicht wollte. Sie hatte große Angst, daß er irgendwann etwas von Kindern sagen würde.
„Weil...“ begann er, „weil ich dachte, daß in der Nacht nach der Hochzeit immer als Zeichen der Liebe, ich meine...“
Sie konnte selbst im Dämmerlicht sehen, daß ihm die Röte ins Gesicht stieg und er nicht wußte, was er sagen sollte. Doch sie verstand ihn auch so.
„Nein, Frodo, das muß nicht so sein. Das klingt so, als müßte unbedingt ein Beweis erbracht werden, aber das ist Unsinn. Oh, was schaust du denn so? Du mußt doch nicht verlegen sein!“
Er machte ein sehr unglückliches Gesicht, aber sie hatte sich das auch nicht anders vorgestellt.
Er holte tief Luft. „Ich war... ich habe noch nie... ich weiß gar nichts davon und... es ist so schwierig...“
Sie suchte seine Hand und drückte sie fest.
„Du mußt nichts wissen. Du mußt jetzt gar nichts. Ich dachte mir so etwas. Aber dräng dich nicht selbst, wir haben doch alle Zeit der Welt! Niemand schreibt uns etwas vor.“
Er strich liebevoll über ihre Hand.
„Du bist nicht enttäuscht, wenn ich jetzt nicht...“
„Nein! Sei doch nicht albern. Wenn es an der Zeit ist, werden wir es wissen.“
Er seufzte. „Es ist nicht so, daß ich... ich bin nur unsicher. Ich habe doch gar keine Vorstellung!“
Sie lachte und küßte ihn auf die Wange. Immer wieder rührte er sie zutiefst.
„Du wirst sehen, wie schön es sein kann. Es gibt nichts, wovor du dich fürchten mußt.“
So ganz schien ihm das alles immer noch nicht zu behagen, er fand sich in einer Situation wieder, die er überhaupt nicht einschätzen konnte. Wie sollte er auch!
Er seufzte und suchte nach Worten, fand aber keine.
„Frodo, jetzt mach dir keine Gedanken. Oder denkst du, ich könnte dich fressen?“ fragte sie grinsend und zwickte ihn leicht in die Seite.
„Autsch! Was machst du denn?“ rief er entrüstet, aber dann begannen sie beide zu kichern. Liliane vergrub den Kopf im Kissen und lachte. Sein Gesichtsausdruck war einfach zu komisch gewesen.
„Ach Frodo, ich liebe dich dafür!“ sagte sie irgendwann, als sie wieder Luft bekam. Er verstand kein Wort.
„Wofür?“
„Daß du einfach du bist. Aber bitte, entweder du überlegst es dir anders oder du nimmst mich jetzt endlich in den Arm und wir schlafen!“
Sie zwinkerte ihm frech zu. Er holte tief Luft, dann sagte er: „Gut. Also bald. Ja?“
„Ja. Bald.“
„Du bist wundervoll!“ sagte er, beugte sich über sie und schenkte ihr einen liebevollen Kuß.
„Hm... schön“, murmelte sie dann und schmiegte sich verträumt an ihn.

Es gab nicht mehr viel zu packen am nächsten Tag. Fredegar holte Estella und Liliane unterbreitete ihr das Angebot, das Haus zu übernehmen, was ihre Kusine sogleich erfreut annahm. Außer ihrer Kleidung und anderen kleinen Sachen wollte Liliane nichts mitnehmen, denn das war auch völlig überflüssig.
Sie stand jedoch in einer ruhigen Minute allein im Schlafzimmer, als Frodo gerade mit Merry den Karren belud, und spielte mit Gundberts Taschenuhr in ihrer Tasche.
Sonst würde sie nichts mitnehmen. Gundbert war in ihrem Herzen, aber sie fand es völlig falsch, nun irgendetwas mitnehmen zu wollen von ihm außer seiner Taschenuhr.
Sie war jetzt bei Frodo. Sie ließ alles hinter sich und in diesem Augenblick schmerzte es, denn nun war es endgültig.
Sie vermißte Gundbert nicht mehr, aber sie würde ihn nie vergessen. Doch auch ohne ihn hatte sie so lange in dem Haus gewohnt inmitten seiner Sachen, die sie nun alle nicht mitnehmen wollte.
Etwas Neues begann, wo das Alte keinen Platz mehr hatte. Es sollte gar nicht so sein, aber der Abschied fiel schwer. Es war so schrecklich endgültig.
„Estella?“ rief sie. Ihre Kusine kam kurz darauf ins Schlafzimmer.
„Was ist denn?“
„Bitte, tust du mir nur einen Gefallen?“ fragte Liliane. Estella nickte.
„Heb seine Sachen hier im Gästezimmer auf. Sie sollen irgendwo sein, wo sie nicht stören, aber Gundberts Sachen sollen hier sein.“
„Ja, gern. Ich werde darauf achten.“
Einige Minuten später war es dann soweit. Der Schlüssel gehörte nun Estella, von der Liliane sich zuerst verabschiedete, dann wandte sie sich Fredegar zu.
„Danke für alles auch an dich. Wir hatten eine gute Zeit hier. Komm uns bald besuchen!“
Er umarmte sie, wünschte ihr alles Gute und ließ sie ziehen. Zwischen Merry und Frodo saß sie auf dem Kutschbock des kleinen Karrens, der voller Kisten war, und nach einem allerletzten Blick auf ihr Haus lehnte sie sich an Frodo und seufzte.
„Es ist gut so“, sagte sie.
Mit dem Karren blieb ihnen nichts andere übrig, als bis zur Brandyweinbrücke zu fahren, um so den Fluß zu überqueren. Am Abend kehrten sie in Balgfurt im Gasthaus ein und nachdem sie alles gut verstaut wußten, setzten sie sich gemütlich zum Essen zusammen.
„Hier habe ich meine Kindheit verbracht“, sagte Liliane. Sie erzählte davon, wie es bis zum Tod ihrer Mutter gewesen war. Er lag schon so lange zurück, mehr als zwanzig Jahre. Ihr Vater war gerade zwei Jahre tot. Ihn hatte sie sehr geliebt, so lange hatte sie nur ihn gehabt nach dem Tod ihrer Mutter. Krank war sie gewesen.
„Es war immer schön hier.“ Sie sagte es mit einem Lächeln. Merry und Frodo erzählten ebenfalls von ihrer Kindheit in Bockland.
„Ich kann mich noch immer gut an meine Eltern erinnern. Es ist, als hätte ich sie gestern gesehen. Meine Mutter war wunderschön, sie hatte Haare wie du, Liliane. Störrische braune Locken. Und mein Vater... die Leute haben immer gesagt, daß ich ihm gar nicht ähnlich sehe. So stimmt das aber auch nicht!“ meinte Frodo. Merry zuckte mit den Schultern.
„Ich war doch winzig, als deine Eltern starben, ich habe da jetzt keine Meinung zu...“
Stattdessen nahm er noch einen Schluck Bier.
Der Wirt brachte Frodo einen neuen Krug und musterte die drei Reisenden interessiert.
„Wo geht‘s eigentlich hin mit den ganzen Sachen? Wer zieht denn hier um?“ fragte er interessiert.
„Ich bin das, Liliane Beutlin, ehemals Bolger. Ich stamme hier aus Balgfurt.“
Der Wirt dachte einen Augenblick nach, dann rief er: „Ja! Natürlich, das Kind von Rudigar und Rubinia! Sehr gute Leute, untadelig, verläßlich und freundlich. Aber wann war denn hier die Hochzeit, wenn man fragen darf?“
„Diese Woche“, sagte Frodo. „Unser Weg führt übrigens nach Hobbingen.“
„Hobbingen! Sagt, dann... Beutlin aus Hobbingen? Ich kannte den alten Bilbo...“
„Mein Onkel, ja. Ich lebe mit Samweis Gamdschie und seiner Familie dort, aber jetzt habe ich auch eine Familie.“
„Natürlich!“ rief der Wirt. „Frodo Beutlin. Und natürlich der Herr Brandybock. Ein bekanntes Gesicht. Sagt, ist alles zu eurer Zufriedenheit?“
Die drei nickten. Sie waren satt und glücklich.
Als sie im Bett lagen, fragte Liliane unvermittelt: „Sam hat doch gar keine Ahnung, oder?“
„Nein,“ erwiderte Frodo grinsend. „Hat er nicht. Hatte ich aber damals auch nicht. Er hatte mich kurz vorher gewarnt, aber er war auch ein großer Heimlichtuer! Aber keine Sorge, er kennt dich doch bereits und ich weiß, daß er dich mag. Ihn und seine Familie wird es freuen, dich bei uns zu haben. Und wehe, wenn nicht!“

So war es dann auch. Sie waren nicht faul am nächsten Morgen, sondern standen zeitig auf, denn Merry wußte genau, Rosies Kochkünste durfte er sich nicht entgehen lassen. Er wollte pünktlich zum Mittagessen in Beutelsend sein, und so kam es dann auch.
Sam bestellte den Garten, sein neugieriges Töchterchen Rose beobachtete ihn fleißig, aber er ließ sich durch nichts stören - bis er die Hufe der Ponys auf dem Weg hörte.
„Frodo! Da bist du ja wieder! Und - hallo ihr beiden!“ rief Sam und stürzte auf sie zu. Frodo umarmte Sam hocherfreut. „Ich freue mich so, dich wiederzusehen!“ sagte er und lächelte.
„Hallo, Sam! Wie schön, dich zu sehen!“ rief Liliane in diesem Moment. Sie stand zögerlich vor dem Gartentor und wartete. Sam ging auf sie zu und begrüßte sie, woraufhin sie ihn umarmte. Die kleine Rose beobachtete die vier mit wachsender Neugier, während sie im Schneidersitz auf der Bank sitzenblieb.
Frodo und Liliane sahen Sam vielsagend an und verkündeten, daß sie geheiratet hatten und Liliane nun in Beutelsend bleiben wollte.
„Das ist doch wunderbar... oh Frodo, das ist so schön! Ich freue mich für dich!“ rief Sam aufgeregt. Merry kümmerte sich nicht um die seiner Meinung nach übertriebene Gefühlsduselei.
Dabei träumte er wieder einmal heimlich davon, auch endlich vermelden zu können, daß er geheiratet hatte - was bei seinem Temperament erst in 100 Jahren geschehen würde.
Frodo und Sam halfen ihm schließlich beim Abladen des Karrens, was zur Folge hatte, daß Liliane ein wenig hilflos in der Tür stand. Als Retterin eilte Rosie herbei.
„Willkommen! Wie schön, dich wiederzusehen! Ich glaube, das ist für länger, habe ich Recht?“ bemerkte Rosie mit einem Augenzwinkern. Sie hatte schon fast Sam umgelaufen, der bis über die Nasenspitze beladen durch die Höhle lief.
„Ja, ich glaube, Frodo wird mich kaum noch einmal weglassen!“
„Wunderbar! Endlich ist er nicht mehr allein. Er konnte schrecklich eigenbrötlerisch sein, aber seit er dich kennt, hält man ihn aus!“ Rosie lachte. „Komm. Ich zeige dir alles, was wichtig ist.“
Und das tat sie. Wirklich jeden Schrank zeigte sie ihr, erzählte ihr von den Macken und Marotten ihrer Kinder. Einiges war strengstens untersagt, einige beharrten auf den Besitz bestimmter Gegenstände, wovon Liliane vorsorglich die Finger lassen sollte.
Sie war überrascht, wie selbstverständlich sie aufgenommen wurde. Rosie half beim Auspacken und Einräumen. Als die beiden Frodos Zimmer betraten, fanden sie dort ein zweites Bett direkt neben seinem stehend, er hatte ein wenig aufgeräumt und sich mit Merry und Sam in die Küche begeben.
„Du mußt einmal einen Blick in seinen Schrank werfen. Karten, Tintenfässer, Papierberge, Bücher, allerhand komische Gegenstände... er ist schrecklich unordentlich. Aber er ist genauso auch herzensgut. Und glücklich!“
Durch die Tür linste der kleine Frodo in Begleitung seines Brüderchens Merry.
„Das ist jetzt die Frau von Onkel Frodo!“ berichtete Frodo stolz von seinem Wissen. Er hatte aufmerksam gelauscht.
„Echt? Dann bekommen wir neue Freunde!“ freute der kleine Merry sich. Seine Piepsstimme drang aber genau an die Ohren seiner Mutter.
„Schön, was du wieder alles weißt, mein lieber Sohn! Aber“, sagte sie, „vielleicht habt ihr Glück. Ich weiß nicht, aber bitte seid einmal geduldig!“
Sie lachte. Liliane mußte den Kopf schütteln über die Vorstellungen der Jungs. Wo auch immer der kleine Junge schon gelernt hatte, daß es nach einer Heirat meistens Kinder gibt, vormachen ließ er sich nichts.
„Tante Liliane...“ kam es von hinten. Sie drehte sich um. Die kleine Rose stand mit ihrem Kuscheltier unter dem Arm in der Tür und machte ganz große Augen.
„Ja? Was ist denn... Rose?“ Ein wenig mußte Liliane noch überlegen, noch kannte sie die fünf Kinder nicht so gut.
„Kannst du auch Geschichten erzählen?“ fragte die Kleine hoffnungsvoll.
„Jetzt ist aber Schluß!“ rief Rosie. „Kaum ist jemand hier und will einziehen, schon wollt ihr alle etwas! Später, ja? Ihr habt doch alle Zeit der Welt!“
Rose zog eine Schnute, dann drehte sie sich mit hängenden Schultern um. Sie wollte schon gehen, aber Liliane lief ihr hinterher und hielt sie fest.
„Ich kann Geschichten erzählen, keine Sorge. Was hörst du am liebsten?“ fragte sie das Mädchen.
„Über Elben! Die sind so schön!“ rief Rose und strahlte.
Der Trubel in Beutelsend war sehr ungewohnt für Liliane, bereitete ihr aber Freude. Sie mochte die Kinder wirklich. Immer hatte sie von eigenen Kindern geträumt und nun konnte sie zumindest welche aufwachsen sehen.
Als Frodo sich immer noch lange nicht im Zimmer zeigte, griff sie plötzlich in die Tasche ihres Kleides und beförderte Gundberts Taschenuhr zutage. Sie wog sie prüfend in der Hand, dann legte sie das wertvolle Stück auf Frodos Bett und lächelte. Ja, so sollte es sein.
Am Abend dieses Tages voller Trubel folgte noch eine wahre Schlacht am Küchentisch, in der Käse als Munition diente. Das verlängerte die Zeit nicht gerade für die Kinder, die nie ins Bett wollten.
Doch dorthin gingen sie schließlich alle, der Tag war lang gewesen und sie waren alle dementsprechend müde.
Als Liliane ins Schlafzimmer kam, sah sie Frodo stumm mit der Taschenuhr in der Hand vor dem Bett stehen.
„Die ist für dich. Sie hat meinem Mann gehört“, sagte sie. Frodo drehte sich um und sah sie ungläubig an.
„Das geht doch nicht, ich meine...“ stammelte er überrascht. Er war sprachlos.
Liliane erklärte ihm daraufhin, daß es ihr Geschenk an ihn sein sollte, so wie er ihr den Elbenstein gegeben hatte.
„Du bist wunderbar! Aber ich habe doch schon alles. Ich hab doch dich!“ sagte er und zog sie in seine Arme. Er war glücklich, das spürte sie.
Sie zog ihr Kleid aus, danach wollte sie schon auf die Kommode greifen und ihr Nachtkleid nehmen, doch Frodo hielt es in der Hand und reichte es ihr nicht gleich, sondern drückte ihr flüchtig einen Kuß auf die Wange und zog sich dann selbst um.
Verrückter Kerl, dachte sie grinsend bei sich, kroch zuerst ins Bett und machte es sich gemütlich unter der Decke. Frodo gesellte sich sogleich zu ihr und murmelte vorm Einschlafen: „Jetzt bist du bei mir in Beutelsend und ich lasse dich nie wieder weg!“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Wenn das so ist, bin ich gern gefangen.“

In den nächsten Tagen machten sie einige Spaziergänge durchs Dorf, damit Frodo ihr wirklich alles zeigen konnte, was sie kennen sollte, und dabei statteten sie auch dem Vater von Rosie einen Besuch ab, der sich sehr freute. Er schätzte Frodo sehr.
„Da sieh mal einer an! Hat der kleine Merry nicht zuviel versprochen, als er von der hübschen Frau seines Onkels gesprochen hat. Sagt, Frau Beutlin, wo hat Frodo Euch denn endlich gefunden?“ Der Bauer warf Frodo einen wohlwollenden Blick zu.
„Ich habe in der Nähe des Brandyschlosses gewohnt. Kennengelernt haben wir uns auf einem Spaziergang.“
„Ah! Ein Mädchen aus Bockland also. Daher stammt ja auch Herr Frodo. Wunderbar! Ihr seid ein hübsches Paar.“
Das fand Liliane auch. Als sie später am Nachmittag nach Beutelsend zurückkehrten, sah sie im Schlafzimmer auf der Kommode den Krug mit den Blumen stehen, die Frodo ihr früh am Morgen gepflückt hatte. Sie freute sich sehr bei diesem Anblick.
Wiederum gingen nur wenige Tage ins Land, bis sie sich wirklich eingelebt hatte und fragte, wie es sich wohl am besten herumsprach, daß sie gerne schneiderte.
Sie beschloß einfach, Frodo zu fragen.
„Sag, ich dachte, wenn ich etwas arbeiten will, dann sollten die Leute doch wissen, daß ich schneidern kann, oder?“
In diesem Moment klirrte etwas laut im Wohnzimmer und sie hörten Rosie entsetzt aufschreien.
„Frodo! Komm nur her, du Schlingel, du kannst dich heute abend gewiß nicht vor dem Abwasch drücken!“
Schnelle Schritte von Kinderfüßen verließen Beutelsend. Frodo grinste. Sein kleiner Namensvetter war unmöglich.
„Warum fragst du? Ich meine, ich werde gewiß den richtigen Leuten sagen können, daß es so ist, aber... sag, ist dir denn langweilig?“
Stirnrunzelnd sah sie ihn an.
„Nein, das nicht unbedingt... aber wenn ich doch etwas damit verdienen kann, will ich das auch tun! Ich will mich nützlich machen.“
Frodo richtete den Blick nachdenklich gegen die Decke, dann schaute er sie wieder an. Er saß ihr gegenüber im Sessel, der vor dem Kamin im Wohnzimmer stand.
„Du... also wenn du damit sagen willst, daß du arbeiten willst, um Geld zu verdienen... das brauchst du nicht.“
„Warum denn das?“ In Liliane keimte der Verdacht auf, daß Frodo nicht einsehen wollte, daß sie nun genauso Teil des Haushalts in Beutelsend war wie auch die anderen. Sie glaubte, daß er sie erst einmal in Ruhe lassen wollte, damit sie sich einleben konnte.
„Es macht mir wirklich nichts aus...“ fügte sie hinzu.
„Darum geht es nicht. Du mußt wissen, Sam ist auch nur deshalb Gärtner, weil er es ohne diese Arbeit nicht aushält. Gärtner sein bedeutet ihm alles, aber er tut es auch nicht, um damit zu verdienen. Es ist auch nicht viel, was es ihm einbringt, weil er oft nur hier in Beutelsend ist. Und Bürgermeister ist er ja auch noch.“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause, wollte wohl nicht so recht mit der Sprache herausrücken, aber das beeindruckte Liliane wenig.
„Gut, daß Rosie sich hauptsächlich um die Kinder kümmert, verstehe ich, aber was mache ich? Wer verdient denn hier etwas?“
„Niemand, um ehrlich zu sein... hast du denn nie die Gerüchte von Bilbos Reichtum gehört?“
Natürlich hatte Liliane das, und das sagte sie ihm auch.
„Aber ist denn da etwas dran? Ich habe dem nie Glauben geschenkt...“
„Aber es ist so. Jeder hier in Beutelsend profitiert heute noch von den Schätzen, die er damals mitgebracht hat. Bilbo war sehr reich. Niemand weiß, daß es wirklich so ist, aber es ist die Wahrheit.“
Sie war mehr als erstaunt. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet.
„Dann... das wußte ich nicht! Aber... aber es kann doch nicht schaden, wenn ich trotzdem etwas mache?“
Sie war es so gewohnt. Immer hatte sie dafür gearbeitet, um etwas zu Essen im Haus zu haben, sich Möbel kaufen zu können und andere Dinge.
Doch jetzt... Frodo war reich. Er hatte sicherlich nie gearbeitet!
Warum war ihr das nicht aufgefallen?
„Was ist denn?“ fragte er.
„Nichts... ich bin nur überrascht“, sagte sie.
„Stimmt etwas nicht?“
„Nein! Ach, Frodo, das ist es nicht. Aber du mußt verstehen, ich hatte keine Ahnung und ich habe immer, jeden Tag, gearbeitet, um etwas zu verdienen und daß ich nun plötzlich nicht mehr muß... verstehst du? Nach Gundberts Tod hätte ich ohne Fredegars Hilfe allein nicht durchkommen können, denn soviel hat es mir nie eingebracht. Und jetzt ist das alles anders.“
Frodo konnte das verstehen. Sie würde auch schneidern, wenn sie wollte, nicht nur für die Kinder oder Sam, Rosie und Frodo, sondern auch für die Leute aus Hobbingen. Aber sie mußte nicht.
Es war ein seltsames Gefühl, zu wissen, daß irgendwo in Beutelsend ein Schatz liegen mußte, von dem seit vielen Jahren der Lebensunterhalt bestritten werden konnte.
Es war ihr ein Rätsel, aber dabei beließ sie es.


Siebtes Kapitel

Eines Nachmittags ging sie hinaus in den Garten zu Sam, der gerade in ein dichtes Gebüsch gekrochen war mit seiner Gartenschere und akribisch jeden Wildwuchs schneiden wollte.
„Wer... ach, du bist das! Wie schön, ich bekomme Besuch hier in diesem Gestrüpp. Was gibt es denn?“ fragte Sam.
„Ich wollte mit dir sprechen. Es... nun, Frodo sagte, ich sollte dich fragen.“
„Was hast du denn auf dem Herzen?“
„Nun...“, begann sie, „es geht auch um Frodo. Um das, was er alles hat erleben müssen in den letzten Jahren. Er hat versucht, mit mir darüber zu sprechen, aber er konnte es nicht.“
Sam kroch aus dem Gebüsch heraus, zupfte sich einige Zweige aus den Locken, bevor er aufstand und zu ihr ging, die verlegen auf dem sorgfältig geschnitteten Rasen stand. Es war, als hätten ihre Worte alles um sie herum ausgeblendet. Daß die Sonne wunderschön von einem mit federweißen Wolken durchsetzten Himmel schien an diesem warmen Augusttag, der nach zu erntendem Getreide roch, nahm sie nicht mehr wahr. Sie wappnete sich gegen das, was kommen würde.
„Verstehe“, sagte er. „Er hat nie viel darüber gesprochen. Und jetzt sollst du es wissen?“
Sie nickte. Sam setzte sich ins Gras, sie tat es ihm schließlich gleich. Er wischte sich mit der angegrünten Hand über die Stirn und legte die Gartenschere beiseite.
„Was hat er dir denn erzählt?“ fragte er.
„Von der großen Reise, dann hatte Fredegar etwas über Orks gesagt und Frodo hat versucht, mir von Gondor zu erzählen. Woher er die Narben hat.“
So begann Sam zu erzählen. Ihm ging es ähnlich wie ihr. Frodo wäre schon fast zerbrochen an der Tatsache, daß er den Ring getragen hatte, das größte Instrument des Bösen. Doch genau diese Tat zog so viel mehr mit sich.
Liliane hörte ihm stumm zu, während er erzählte. Es fiel ihm nicht leicht, aber er brachte es über die Lippen.
„Es hat begonnen mit dem Ring, aber das weißt du ja alles, denke ich. Darüber spricht er inzwischen schon. Nun... daß die Orks ins Auenland kamen, hatte eigentlich gar nichts mit ihm zu tun. Weil die Spinne, Kankra, an mir Rache üben wollte, kamen die Orks. Sie waren geschickt worden, mich zu holen, haben aber ihn versehentlich geschnappt. Ich habe versucht, ihn zu befreien, aber dabei haben sie mich dann auch erwischt und uns bis in den Düsterwald geschleppt, durch Schnee und Regen, Schmutz und ohne viel zu Essen, gefesselt und allein. Ich wurde krank und Frodo mußte sich um mich kümmern, aber wir kamen zum Schluß auch dort an und dann hat Kankra auch mich gestochen, bevor Aragorn uns endlich gerettet hat.“
Er deutete auf seine Schulter, wo sie ihn verwundet hatte, und fuhr schließlich fort.
„Als gar nicht lang danach mein kleiner Frodo krank wurde und wir Hilfe von Aragorn in Gondor brauchten, gerieten wir an einen Diener Saurons, der die Herrschaft dort an sich reißen wollte. Um Aragorn zu erpressen, hat er erst Frau Eowyn, dann Frodo, Merry und Pippin geschnappt und versteckt. Damals war schon Bergil mit von der Partie, zu helfen, denn es kam tatsächlich soweit, daß sie alle getötet werden sollten. Frodo hat seither panische Angst vor Feuer, denn sie wären alle verbrannt, hätten wir sie nicht rechtzeitig geholt.
Damals ging es das erste Mal darum, daß er als Ringträger von Bedeutung ist. Ich wollte ihn immer beschützen und habe es doch nicht geschafft. Schlimm wurde es mit ihm, als er danach in ein tiefes Loch fiel und doch überlegte, Mittelerde noch zu verlassen, um all dem Schrecken zu entgehen. Ich... ich erinnere mich an den Tag“, er begann zu stottern, „als er dort hinten am Abhang stand und nicht mehr leben wollte. Herr Frodo war so unglücklich.“
Liliane schüttete langsam den Kopf. Das hatte sie nicht gewußt. Es traf sie wie ein Schlag. Frodo hatte einmal genau dasselbe gedacht wie sie.
„Die Stimme des Bösen wollte ihn in eine Falle locken und ihn dazu bringen, sich zu töten. Da habe ich ihn retten können, auch wenn mir nachher das Messer in der Seite steckte, aber er war immerhin noch am Leben. Herr Frodo war gerettet.“
Sam senkte betreten den Kopf. Plötzlich kam ihm ein Gedanke.
„Er hat wirklich gesagt, ich soll dir alles erzählen?“
Sie nickte. „Warum?“
„Weil... naja, niemand weiß das hier. Hobbits haben manchmal kein Verständnis. Frodo wird doch so oft als verrückt abgetan, verstehst du? Und du als seine Frau... du sollst nicht denken, daß er das ist!“
„Aber Sam! Das würde ich nie! Ich kann ihn doch so gut verstehen, ich hatte es auch nicht immer leicht und kenne die Gedanken, die er auch hatte. Nein, ich liebe ihn doch und daran wird nichts etwas ändern können. Die Vergangenheit ist geschehen und ich weiß, daß er nicht so ist, wie manche ihn einschätzen. Mach dir darum keine Sorgen. Ich will ihn doch nur verstehen und dazu sollte ich das wissen.“
Die beiden sahen sich lange an, bevor er weitersprach.
„Als wir einmal im Düsterwald waren, hatte ein Fluch alle Elben ihres Wesens beraubt. Sie wurden böse. Nur das Gift der alten Welt konnte ihnen noch helfen, was wir in unserem Blut haben durch Kankra. Das brachte uns in Lebensgefahr und ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber er hat eine Narbe von einem Pfeil an der Schulter. Wir sind nur knapp mit dem Leben davongekommen, sie hatten uns gefangen und... es war nicht schön. Es ist wirklich wie ein Fluch, daß immer etwas geschehen muß, sobald wir das Auenland verlassen. Aber hier ist Herr Frodo sicher und nicht der Ringträger, aber überall sonst in Mittelerde ist er das. Und dann passieren Dinge wie vor fünf Jahren in Gondor.“
Er brach plötzlich ab und schluckte. Vor ihm tauchte das gräßliche Bild auf, das ihn immer noch manchmal im Traum verfolgte. Gordir mit dem wehrlos festgeketteten, verletzten Frodo, der Qualen aushalten mußte, die Sam nicht einmal beim Zusehen hatte verkraften können.
Es war das allerschlimmste, was ihm je geschehen war.
„Sie waren die Verkünder der Finsternis. Halbstarke in Gondor, die einen Geheimbund zur Verehrung des Bösen gegründet hatten. Als sie erfuhren, daß der Ringträger, der Sauron vernichtet hatte, in Minas Tirith war, wollten sie Blutrache an Frodo üben. Es... es war so schrecklich, wie sie kamen und ihn mitnahmen. Ich konnte gar nichts für ihn tun. Nichts. Niedergeschlagen haben sie mich, dann sind sie mit ihm verschwunden und haben ihn...“
Er verbarg das Gesicht in den Händen, doch nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, konnte er wieder weitersprechen.
„Sie haben ihn opfern wollen. Ohne Bergil, den tapferen Jungen, hätten sie es geschafft. Bergil hatte sich bei ihnen eingeschleust, um Frodo zu helfen, doch als er und ein Freund aufgeflogen sind, haben sie Toron, den anderen, umgebracht. Wir haben ihn mit durchgeschnittener Kehle gefunden.“
Wiederum verstummte Sam kurz, aber diesmal konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Liliane spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen. Das war schlimmer als alles, was sie in ihren schlimmsten Alpträumen erwartet hatte.
„Als sie an ihrem Ziel angekommen waren, haben ihm alle seine Kleider genommen und festgekettet. Es war ein so grausames Bild, als ich kam, um ihm zu helfen. Ich habe es versucht, aber sie haben mich einfach an die Wand gekettet, daß ich zusehen mußte, wie der Anführer, der völlig vom Bösen besessen war... die Schnitte stammen von seinem Dolch. Er wollte Frodo die größten Qualen zufügen vor seinem Tod. Und das hat er auch getan, er hat ihm solche Schmerzen angetan...“
Er begann zu schluchzen. Immer wieder sah er es vor sich. Genau wie bei Frodo hatte es sich in sein Gedächtnis eingebrannt.
„Blut, es war soviel Blut und Frodo hatte Todesangst. Bergil hat den Anführer umgebracht, bevor er Frodo den Dolch ins Herz stoßen konnte. Aber es war so schwer, als wir dann nach Hause zurückgekehrt sind. Überall hat er diese Narben, er hat sie immer gesehen, er hat die Erinnerung nicht vergessen können.
Er... Frodo hat zwei Jahre lang kaum gesprochen, nur, wenn es nötig war. Es hatte ihn gebrochen, ihm alle Kraft geraubt. Ich habe mich sehr viel um ihn gekümmert. Oft wachte er von Alpträumen auf, oft hat er geweint und Angst gehabt. Ich hatte ihn schon fast bitten wollen, Erlösung bei den Elben im Westen zu suchen, aber da war etwas in ihm, das ihn nicht hat aufgeben lassen. Herr Frodo ist so stark und tapfer. Aber er war so lange einsam.“
Er wischte sich verlegen die Tränen weg. Auch Liliane hatte feuchte Augen und einen dicken Kloß im Hals.
„Ich habe mir so gewünscht, daß jemand kommt, der ihn liebt, damit auch er lieben kann. Das gibt ihm eine Aufgabe. Es hat ihn so verändert. Er verliert seine Scheu. Ihr beiden seid... ich bin so glücklich, daß du hier bist!“
Liliane starrte ins Gras. Auch wenn sie es nicht selbst gesehen hatte, konnte sie sich vorstellen, wie es gewesen sein mußte. Sie hatte doch seine Narben gesehen.
„Jetzt weiß ich, wovor er Angst hatte. Er sagte, er will mir die Vergangenheit nicht zumuten... ich gehe zu ihm.“
Sam nickte und sah ihr nach, nachdem sie aufgestanden war und in die Höhle zurückging.
Im Schlafzimmer war Frodo klammheimlich damit beschäftigt, seine persönliche Unordnung weitestgehend zu beseitigen. Er hatte Karten und Bücher sortiert, im Augenblick suchte er die Schreibfedern zusammen.
Als er sie kommen hörte, wollte er sie schon fragen, ob sie mit ihm Tee trinken wollte, aber ihr völlig entgeisterter Gesichtsausdruck ließ ihn innehalten.
Liliane lief auf ihn zu und legte ihre Arme um ihn, am ganzen Körper zitternd. Ihr Atem ging schwer, sie klammerte sich regelrecht an ihn und sprach kein Wort.
Frodo umarmte sie verwirrt.
„Was ist denn, Liebes? Ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte er, als er ihr sanft über den Kopf strich.
„Ich... hab habe ihn gefragt. Sam hat mir alles gesagt“, brachte sie stockend hervor.
Frodo schloß die Augen. Jetzt begriff er. Doch zu seiner Überraschung spürte er plötzlich etwas auf seiner Haut - es waren ihre Tränen.
Zärtlich küßte er sie auf die Wange und sah sie an.
„Was ist denn los? Magst du es mir nicht sagen?“ fragte er. Liliane biß sich auf die Lippen und begann, laut zu schluchzen. Frodo griff ihr unter die Arme und setzte sich mit ihr auf das Bett, dort zog er sie auf seinen Schoß, wonach er die Arme um sie legte und seinen Kopf an ihren lehnte.
Unter Tränen sagte sie: „Es ist noch schlimmer als alles, was ich mir vorstellen konnte. Wie können solche Dinge nur geschehen, Frodo? Es... es ist so entsetzlich, Sam konnte es kaum aussprechen...“
„Ja. Es ist auch entsetzlich, das stimmt. Oh... ich hätte dich nicht einfach so... ich hätte dich doch darauf vorbereiten müssen. Ich will doch nicht, daß du dich fürchten mußt!“
Sie beruhigte sich schnell in seiner Umarmung, die soviel Schutz und Trost spendete. Es war fast unmöglich für sie, zu begreifen, was das bedeutete. Frodo konnte gar nicht anders sein, es hatte ihn jedes Mal aufs Neue zerstören wollen.
Sie wußte, warum er nicht davon hatte sprechen wollen. Und sprechen können.
„Daß es dir gut geht...“ murmelte sie. Er nickte.
„Das tut es wieder. Keine Sorge. Aber jetzt weißt du, warum ich manchmal ein wenig schwierig bin. Nichts war mehr normal.“
Sie lehnte sich an ihn und strich mit ihrer Hand über seinen Bauch. Sein Atem ging ganz ruhig. Ihn regte das nicht auf.
„Die Wunden sind verheilt, Liliane. Willst du es sehen?“
Sie wischte die letzten Tränen weg, dann nickte sie. Frodo knöpfte sein Hemd auf und zog es aus. Liliane hielt die Luft an. Im Tageslicht konnte sie die Narben sehen.
Er hatte Schnitte über den Handgelenken und am Hals, quer über den Bauch und die Brust, da war die Stichwunde und die Narbe der Schußwunde, doch da waren auch noch mehr Schnitte. Sie sahen fast wie Zeichen aus. Jede Narbe war nur schmal, fast nur ein heller Strich, aber unübersehbar.
Fassungslos schüttelte sie den Kopf, dann verschwamm vor ihren Augen alles vor lauter Tränen.
Es schmerzte sie selbst so ungemein, daß er das alles hatte ertragen müssen, daß sie am eigenen Leib spürte, wie er sich fühlen mußte. Das Entsetzen über die Grausamkeit, die er ertragen hatte, wurde übermächtig.
Frodo zog sie wieder beruhigend an sich und drückte ihre Hand.
„Es ist doch vorbei. Alles ist gut. Es macht mir inzwischen nichts mehr aus, die Narben zu sehen. Bitte, fürchte dich nicht!“
Das schreckte sie auf. Was hatte er nur gemeint?
„Frodo, ich fürchte mich nicht! Ich habe dir gesagt, daß die Vergangenheit nicht zählt. Es stößt mich nicht ab... überhaupt nicht. Du bist mein Frodo und wenn das zu dir gehört, dann nehme ich es an. Ich kann nur noch nicht begreifen, wie du das alles verkraften konntest...“
Er zuckte hilflos mit den Schultern. Es war hauptsächlich Sam zu verdanken, und nun hatte er sie, die ihm soviel Kraft gab.
Sie strich sanft mit der Hand über die Narbe auf seiner Brust. Mit einem Lächeln küßte er sie auf die Stirn. Doch dann ließ er sich nach hinten fallen und zog sie mit sich aufs Bett. Sie lagen nebeneinander, ihre Blicke trafen sich. Lange sagten beide nichts.
„Willst du dich nicht wieder anziehen?“ fragte sie irgendwann.
„Zu faul.“
„Frodo! Wie sieht das denn aus?“ rief sie gespielt entrüstet.
„Naja, wie ich eben! Oder? Aber vielleicht magst du mich ja gar nicht...“
„Du bist schlimm.“
Damit richtete sie sich auf, griff nach seinem Hemd, doch er machte sich einen Spaß daraus, einfach liegenzubleiben und abzuwarten, was sie tat.
Einen Arm steckte sie in den Hemdsärmel und begann dann schließlich, ihn zu kitzeln. Sie hatte sich auf seine Hüften gesetzt und er versuchte vergeblich und laut lachend, sie aufs Bett zu werfen.
„Gib auf, du hast verloren!“ rief sie und lachte. Genaus so wollte sie ihn haben.

Der kleine Kampf vom Nachmittag, der mit einem Sieg für Liliane und Frodo im Hemd geendet hatte, war längst vergessen, als sie abends zu Bett gingen.
Frodo hatte sich bereits umgezogen, während sie ihre Haare bürstete und er setzte sich aufs Bett, während er die Blicke nicht von ihr abwandte. Es dauerte nicht lange, da fragte sie ihn, was er damit bezwecken wollte.
„Du willst mich wohl in den Wahnsinn treiben, was?“ mutmaßte sie und zog ihr Kleid aus.
„Nein. Ich habe nur gerade zu begreifen versucht, wie schön du bist.“
Sie legte das Kleid über den Stuhl und wollte schon kopfschüttelnd ihr Nachthemd überziehen, als er aufstand, auf sie zuging und ihr einen zärtlichen Kuß schenkte.
Stirnrunzelnd, aber mit einem erfreuten Lächeln ließ sie es zu. Er kam immer näher, küßte sie ein wenig fordernder und drängte sie soweit zurück, bis sie plötzlich mit dem Rücken am Schrank lehnte und unerwartet lachen mußte.
„Was machst du Verrückter hier eigentlich?“ fragte sie und wollte eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht streichen, aber er hielt ihre Hand fest und strich die Strähne zurück.
„Ich weiß nicht. Verrückt sein vielleicht. Übrigens, du hast nichts an!“ bemerkte er und prustete los vor Lachen. Er hatte das eigentlich todernst sagen wollen, aber es war gründlich mißlungen.
Sie merkte, daß er eigentlich keine Ahnung hatte, was er vorhatte. Gespannt beschloß sie, abzuwarten, was das noch werden sollte, aber plötzlich hatte sie eine Idee.
„Ich weiß: Das ist die Rache für heute nachmittag!“
Das war es. Sie fand es lustig, irgendwie schien er sich etwas ausgedacht zu haben, um sie überraschen zu wollen.
Er tastete nach ihrem Nachthemd, das neben ihnen auf der Kommode lag, doch völlig unerwartet ging er kurz in die Hocke, hob sie auf seine Arme und trug sie zum Bett, dann bettete er sie sanft auf die Matratze.
Sie grinste. Während er sich zu ihr legte und umarmte, um sie erneut zu küssen, wunderte sie sich über sein Verhalten. Sie liebte Überraschungen.
Er hörte nicht auf, sie zu küssen, doch plötzlich seine Hände auf ihrem Körper zu spüren, das hatte sie nicht erwartet.
Die beiden ließen einander gar nicht mehr los, doch während sie gespannt darauf wartete, was als nächstes geschehen würde, kam nichts dergleichen. Plötzlich löste Frodo sich von ihr und strich ihr noch eine Strähne aus dem Gesicht.
„Was ist los, Herr Beutlin?“ fragte sie. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts.
„Du... du hast Angst vor der eigenen Courage?“ sagte sie dann. Wieder zuckte er nur mit den Schultern.
„Ich weiß nicht“, antwortete er. „Vielleicht.“
Sie griff nach ihrem Nachthemd, das zwischen ihnen lag, doch er hielt ihre Hand fest und nahm dann selbst das Nachthemd, streifte es ihr über den Kopf und warf sie zurück in die Kissen.
Sie grinsten beide. Er war zweifellos verrückt, dachte sie bei sich.
„Neugieriger Hobbit“, sagte sie und kuschelte sich an ihn. Er schloß sie liebevoll in die Arme und seufzte glücklich.
„Vielleicht. Oder nein, natürlich bin ich das, da hast du schon recht. Ein wenig“, murmelte er.
Auch gut, fand sie. Überraschungen dieser Art waren nicht die schlechtesten.

Wenige Tage später schlich Liliane in einer ruhigen Minute zu Sam, als dieser sich des Kochens angenommen hatte, und linste vorwitzig in die Töpfe.
„Das sieht ja hervorragend aus!“ bemerkte sie beiläufig und hob dann den Blick vielsagend, um ihn direkt anzusehen.
„Was gibt es denn?“ fragte er und rührte währenddessen geduldig.
„Nun... Frodo hat doch im September Geburtstag. Jetzt haben wir Anfang August. Ich weiß nicht genau, wie weit es ist, aber ich würde ihm gern eine Freude machen. Vielleicht sollten zur Abwechslung einmal wir ihn beschenken!“
Sam kostete einen Löffel des Eintopfes und spähte über den Rand des Löffels zu ihr.
„Und wie? Die Idee ist gut, aber was könnten wir denn...“ Er machte ein nachdenkliches Gesicht.
„Ich weiß etwas. Ist es nicht so, daß er seine Freunde seit fünf Jahren nicht gesehen hat? Ich hatte überlegt, daß man vielleicht ein Treffen einrichten könnte, denn vor einigen Tagen habe ich ihn beim Briefeschreiben beobachtet. Er sagte, er würde ihnen allen mitteilen, daß er nun verheiratet ist. Das brachte mich erst auf die Idee.“
Nun ließ Sam den Löffel endgültig sinken und begann zu grinsen.
„Das ist ja phantastisch! Wunderbar, das machen wir! Dann... dann... aber wo machen wir das? Ins Auenland können wir sie schlecht einladen und alles andere... es ist doch so weit weg! Doch halt - Bruchtal! Das bietet sich an. Ja... genau.“
Eifrig begann er zu überlegen. Im Dorf gab es einen Taubenzüchter, der seine Vögel vielfach als Brieftauben hergab. Man müßte nur Boten in den Düsterwald, zu Gimli und nach Gondor schicken, deren Antwort die Brieftauben schnell zurückbringen könnten.
Die beiden verschwanden schließlich im Arbeitszimmer und steckten heimlichtuerisch die Köpfe zusammen. Rosie kochte indes weiter und wunderte sich schon über die Geheimniskrämerei der beiden. Frodo, der an einer Karte zeichnete, merkte nichts davon.
Sam setzte schnell Briefe an die Freunde auf, während Liliane versuchte, sie sich vorzustellen.
„Dann... das heißt ja, daß ich sie kennenlernen werde!“ stellte sie erfreut fest. Sam nickte. Er hatte lange nicht mehr geschrieben, aber nach wenigen Sätzen ging es wieder fließend und bald hatte er die drei Briefe fertiggestellt. Er bestellte Legolas, Gimli und Aragorn für den Frühling nach Bruchtal, Gandalf würde er persönlich einladen, denn der Zauberer hatte verlauten lassen, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach zu Frodos Geburtstag kam.
„Das ist ja wunderbar... ich freue mich sehr! Ich werde gleich gehen und Boten mit den Tauben losschicken.“ Sam stand auf, steckte die Briefe schnell in die Tasche und verließ Beutelsend ungesehen. Liliane ging zu Rosie in die Küche, denn der köstliche Geruch des Eintopfes lockte sie schon seit einiger Zeit.
„Was habt ihr beiden denn zu bereden gehabt?“ fragte Rosie, während sie ein Stück Käse aus dem Schrank holte.
„Wir wollen Frodo zu seinem Geburtstag überraschen.“
Liliane erzählte ihr im Flüsterton von den Plänen, die Rosie nur gutheißen konnte. Frodo würde sich sehr freuen.
Und Frodo selbst hatte überhaupt nichts gemerkt. Liliane und Sam aßen schließlich stillschweigend und verloren kein Wort über die Sache.

Es dauerte Wochen, bis sie Nachricht erhielten, Wochen, in denen Liliane sich kein anderes Leben als das in Beutelsend mehr vorstellen konnte. Die kleine Rose und sie hatten sich gegenseitig sehr ins Herz geschlossen. Auch mit Elanor verstand sie sich ausgezeichnet und der kleine Frodo erzählte überall stolz von Tante Liliane, der Frau seines Onkels Frodo, der sein erklärter Held war. Nicht nur wegen dem Namen.
Es war früh am Morgen, das Frühstück wurde gerade vorbereitet und Frodo schlich mit kleinen Augen durch Beutelsend, während Sam das Frühstück vorbereitete. Auf einmal klopfte es an der Tür.
Frodo kratzte sich am Kopf. Welcher Verrückte wollte denn um diese Uhrzeit schon etwas?
„Guten Morgen“, murmelte er und verkniff sich gerade ein Gähnen, als er die Tür öffnete.
„Guten Morgen, Herr Beutlin! Ich dachte, ich komme so schnell wie möglich, denn eine meiner Tauben ist heute Nacht mit einem Brief für den Bürgermeister zurückgekehrt!“
Es war der Taubenzüchter. Frodo runzelte die Stirn und drehte sich um, noch bevor er sagte: „Kommt doch herein. Sam ist in der Küche.“
Er schlich müde zu Liliane ins Schlafzimmer. Er hatte sie noch immer nicht aus dem Bett werfen können.
„Jetzt stell dich nicht so an!“ murmelte er, gähnte dann doch und warf sich schwungvoll aufs Bett, halb auf sie und vergrub den Kopf in ihrer Seite.
Er hatte wieder einen albernen Tag, dachte sie schläfrig und steckte den Kopf unter ihr Kissen.
Eine kalte Hand bahnte sich den Weg unter die Decke und vom Nacken aus unter ihr Nachthemd.
„Frodo!“ rief sie erschrocken und warf sich auf den Rücken, worunter sie augenblicklich seine Hand begrub.
„Was denn?“ fragte er unschuldig.
„Das ist natürlich nicht deine Hand da unten, habe ich Recht?“
„Niemals. Ich würde dich Langschläfer doch nie am frühen Morgen ärgern!“
„Oh, du bist schrecklich. Laß mich in Ruhe“, murrte sie und warf sich stöhnend auf den Bauch.
Die Arme hatte sie neben den Kopf gebettet, sie wollte nichts hören und nichts sehen, aber Frodo würde sie so schnell nicht mehr loswerden.
Er war ausdauernd. Er legte sich halb auf sie, legte seine Arme auf ihre und küßte sie in den Nacken. Es klang wie ein Quietschen, aber durch das Kissen konnte er es nicht genau erkennen, aber sie bewegte sich auch nicht. Grinsend blieb er gerade so liegen, daß er sie nicht völlig unter sich begrub, und strich ihr über den Arm. Ein gequältes Stöhnen war die einzige Antwort.
„Oh, keine gute Laune heute? Liebste...“
„Nein.“
„Liliane... Liebling...“
„Nein!“
Sie mußte selbst grinsen, aber das versteckte sie. Es war einfach zu herrlich, wie er sich um ihre Aufmerksamkeit bemühte.
„Magst du mich denn gar nicht mehr?“ beharrte er.
„Nein.“
Er hielt inne, seine Hand blieb still und er hob den Kopf.
„Aber...“ begann er.
„Du glaubst mir auch alles, was?“ Liliane drehte den Kopf zu ihm, konnte ihn zwar nicht sehen, aber wußte genau, daß er das merkte.
„Natürlich! Aufs Wort. Jetzt hast du mich aber tief gekränkt.“
Sie hob die Hände, suchte nach seinem Kopf und strubbelte ihm durch die Haare. Er ließ es zu, daß sie sich umdrehte, legte sich aber immer noch nicht neben sie und drückte sie in die Kissen, um sie zu küssen.
„Jetzt bin ich wach“, sagte sie dann. Er hatte seinen Kopf auf ihre Schulter gebettet, sie strich ihm verträumt über den Rücken und stellte fest, daß es tatsächlich so war - er hatte sie geweckt.
„Sag mal, weißt du, von wem Sam Post bekommt?“
Bei seinen Worten zuckte sie fast zusammen.
„Sam? Post? Nein. Keine Ahnung. Ist denn jemand gekommen?“
„Ja, der Taubenzüchter.“
So dauerte es nicht mehr lange, bis Liliane schließlich aufstand. Ihr erster Weg führte in die Küche, wo Sam den Brief bereits gelesen und versteckt hatte.
Er war von Legolas. Er schrieb, daß er sich sehr über die Einladung freute, die er dankend annahm, berichtete Sam. Er würde nach Bruchtal kommen und konnte es kaum erwarten, Liliane kennenzulernen.
„Puh! Frodo hat mich gerade schon auf den Brief angesprochen. Hoffentlich vergißt er es wieder!“
Sam schüttelte den Kopf. „Nein. Er wird mich gleich fragen. Was sage ich nur?“
Aber er überlegte sich etwas. Bürgermeisterliche Angelegenheiten aus dem Südviertel, dachte er.
Frodo glaubte es ihm. Liliane war äußerst amüsiert, zu sehen, daß der Trick bestens funktionierte.
Auch die Briefe von Aragorn und Gimli kamen kurze Zeit später, knapp vor Frodos Geburtstag, in Beutelsend an. Es waren erfreute Zusagen und Liliane freute sich sehr darauf, Frodo dieses Geschenk machen zu können.

Gandalf war gekommen, um mit ihnen zu feiern. Am Morgen des großen Tages weckten Sam und Liliane den völlig ahnungslosen Frodo und überraschten ihn mit den Briefen.
Er war sprachlos vor Freude.
„Sam! Was hast nur wieder angestellt?“ rief er dann irgendwann, als er Worte fand, um seine Freude auszudrücken. Er umarmte Sam stürmisch und voller Dankbarkeit.
„Danke, Frodo, aber ich muß der Richtigkeit halber sagen, daß ich nicht alleine daran schuld bin. Darf ich vorstellen? Meine Komplizin...“
Liliane lächelte, als Frodo sie wissend ansah und ihr einen Kuß schenkte.
Sie verlebten einen wunderschönen Tag, an dem Liliane sich nicht mehr an Gandalfs Worte erinnerte. Er hatte zuvor mit ihr über die jährliche Wiederkehr der Vergangenheit im Oktober gesprochen, auch die Angelegenheit mit Kankra hatte er nicht außen vor gelassen, aber bis zum sechsten Oktober hatte sie alles wieder vergessen.
So war sie überrascht, an diesem Morgen aufzuwachen, ohne von Frodo einen Kuß zu bekommen oder ähnliches.
Frodo hatte sich von ihr abgewandt und sich zusammengerollt. Erst merkte sie nichts, doch plötzlich verkrampfte er und keuchte.
Als sie sich über ihn beugte und ihn ansah, war sie entsetzt. Er sah schrecklich aus.
„Frodo... was ist denn mit dir? So sag doch etwas!“
Aber sie spürte unter ihrer Hand selbst die Kälte in seiner Schulter.
Die Narbe.
Es war die Wirklichkeit. Es traf sie wie ein Schlag, genau wie Sams Bericht von all den vergangenen Vorfällen. Gandalf hatte es gesagt.
Es war soweit, ein Tag der Qual für Frodo brach an.
Sie war verzweifelt, denn sie wollte ihm so gern helfen. Stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht lag er neben ihr, schwitzte und zitterte, war bleich und hatte rote Augen.
Sie wollte ihn wärmen, doch es ging nicht. Sam reagierte ganz ruhig darauf, aber sie sah es zum ersten Mal.
Sie wollte nicht, daß er so litt. Sie gab ihm seinen Elbenstein, nahm ihn fest in die Arme und wich nicht von seiner Seite. Es wurde zwar mit der Zeit etwas besser vor dem Kaminfeuer, vor das sie sich gesetzt hatten, aber nichts half wirklich, seine Schmerzen zu lindern.
Das war es. Frodos Vergangenheit war immer da, allgegenwärtig, würde ihn nie loslassen. Dagegen konnte nicht einmal sie mit ihrer Liebe etwas ausrichten.
Aber auch dieser Tag ging vorbei. Egal, was passierte, sie liebte ihn und wollte bei ihm sein für immer.

An einem Tag Ende Oktober war es aber soweit, daß auch Lilianes Vergangenheit sie einholte. Nach dem Frühstück fiel ihr plötzlich ein, welcher Tag es war und sie trat schießlich vor die Tür mit einem eigentümlichen Gefühl.
Kalte, frostklare Luft atmete sie, vergrub die Hände in den Taschen ihres Kleides und lehnte sich an den Türrahmen.
Graue, dichte Wolken wurden von einem schneidenden Wind tief über das Land gejagt. Es sah nach Regen aus.
Die Bäume hatten fast alle ihrer Blätter verloren. Kahle Äste ragten in den Himmel.
Es war genau wie vor einem Jahr. Der Tag, der ihr Leben verändert hatte - und seines beendet.
Ihre Kehle schnürte sich zu, sie starrte stumm hinaus auf die Hügel, wie sie friedlich dalagen, und wandte absichtlich den Kopf nicht in Richtung des Brandywein.
Sie hatte Gundbert nicht vergessen. Auch wenn sie jetzt wirklich überglücklich war und eine neue Liebe erleben durfte, war da immer ein Platz für ihn in ihrem Herzen.
Nun liebte sie Frodo, aber Gundbert würde immer ein Teil von ihr bleiben.
Sie trauerte nicht mehr, aber traurig war sie trotzdem. Die Grausamkeit, mit der das Schicksal Gundbert aus dem Leben gerissen hatte, konnte sie noch immer nicht verstehen.
Sie wollte nicht mehr um ihn weinen und tat es auch nicht.
Hinter ihr öffnete sich plötzlich die Tür und Frodo trat hinaus, legte ihr seinen alten Mantel, mit dem er seinerzeit das Auenland verlassen hatte, um die Schultern und sah sie von der Seite an.
Sie hatte ihm nie gesagt, welcher Tag es genau gewesen war, aber er schien es zu wissen, als es soweit war.
„Du...“ begann sie, „du sollst nicht denken, daß ich ihn immer noch liebe - nein, natürlich tue ich das noch, aber... es ist nicht dasselbe. Er ist nicht mehr hier, aber er war es einmal und meine Liebe zu ihm werde ich nie vergessen. Schon gar nicht heute. Aber du sollst dennoch wissen, daß du jetzt derjenige bist, den ich über alles liebe.“
„Ich weiß. Ich bin nicht eifersüchtig, wenn du das meinst.“
Dankbar nahm sie seine Hand und lehnte sich an ihn. Das tat so gut.
Sie hatte ein neues Leben, ein schönes Leben. Frodo war ein ebenso wundervoller Mann wie Gundbert einer gewesen war. Schüchterner zwar, aber auch das würde sie ihm noch austreiben.
Sie war ihm so dankbar. In Beutelsend holte sie eine Kerze hervor und stellte sie, nachdem sie entzündet war, im Küchenfenster auf, wo sie den ganzen Tag flackerte und leuchtete, von allen immer wieder betrachtet und bedacht. Doch gerade an diesem Tag war sie ständig mit Frodo zusammen, nur in Gedanken bei Gundbert, aber das auch wirklich.
Irgendwie schaffte sie es, die beiden voneinander zu trennen. Frodo wußte, sie gehörte zu ihm ganz allein und ließ sie immer gewähren.
Er liebte sie mehr als sein Leben. An Abend vor ihrem Geburtstag wurde er eine zeitlang nicht gesehen, er war irgendwo heimlich verschwunden und hatte irgendetwas ausgeheckt.
Am Morgen sollte sie auch sehen, was es war. Beim Frühstück griff Frodo auf einmal in seine Tasche und zog etwas Glitzerndes hervor.
„Wir kehren die Schenkung auch diesmal um. Das ist für dich“, sagte er und in seiner Hand lag ein funkelndes, filigran gearbeitetes Armband, aus Mithril gefertigt und mit kleinen bunten Edelsteinen besetzt.
Sie schlug die Hände vor den Mund. Sprachlosigkeit ergriff sie, doch er legte ihr das Schmuckstück ums Handgelenk und war stolz, sie so erfreut zu sehen.
Sam und Rosie lächelten wohlwollend, die Kinder bestaunten das Armband mit großen Augen und Frodo erklärte verlegen, daß Bilbos Schätze so einige Geheimnisse bargen.
Liliane fand keine Worte.

Es wurde Dezember. Der erste Schnee fiel beständig und in leisen weißen Flocken, deckte alles zu und bereitete den Kindern große Freude beim Spielen.
Frodo war nach dem Mittagessen auf dem Sofa eingeschlafen und Sam war von seinen Kindern vor die Tür in die Kälte gezerrt worden. So hatte Liliane sich mit Rosie in die Küche vor das wärmende Herdfeuer gesetzt, nachdem sie Frodo sanft zugedeckt hatte und ihn ruhig schlafen ließ.
Rosie flickte einen alten Strampler, während Liliane damit beschftigt war, für die kleine Rose eine Schürze zu schneidern. Verstohlen blinzelte sie zu Rosie, der man die Schwangerschaft zwar noch nicht ansehen konnte, aber das Kind machte sich bei ihr bereits bemerkbar. Seit feststand, daß Rosie wieder ein Kind erwartete, dachte Liliane üft darüber nach, daß sie mit Frodo diesbezüglich immer noch etwas zu besprechen hatte.
„Wie ist es?“ fragte Liliane plötzlich.
„Was?“
„Ein Kind zu bekommen.“
Rosie ließ den Strampler sinken und wollte schon antworten, doch dann hielt sie inne. Daß Liliane sie das fragen mußte, hatte schließlich einen traurigen Grund. Wider Willen hatte sie es selbst noch nie erlebt.
„Es ist nicht immer nur schön. Übelkeit kann sehr quälend sein und wenn es wächst und in den Magen tritt, hält sich die Freude auch in Grenzen...“
Sie lachte. Mit einem Lächeln sah Liliane sie an.
„Du hast es so gut mit seinen Kindern!“ sagte sie.
Rosie hob die Brauen, dann sagte sie: „Du bist doch noch nicht zu alt, um selbst Kinder zu bekommen!“
„Aber es... ich weiß nicht, ob ich noch hoffen darf. Es kam doch bisher noch keins.“ Sie seufzte.
Rosie versuchte, sie zu ermuntern, ihr Mut zu machen. Sie sollte weiter hoffen, denn es konnte so viele Gründe haben, daß es ihr bisher verwehrt geblieben war.
Doch diese allgegenwärtigen Zweifel wurden noch verstärkt, als wenige Tage später Pippin abends im dichtesten Schneetreiben vor der Tür stand und nach Luft schnappend verkündete, daß er gerade Vater geworden war.
„Er soll Faramir heißen“, gab er dann bekannt. Frodo und Sam machten vielsagende Gesichter.
Liliane dachte währenddessen daran, wie glücklich Rosie als Mutter war. Genauso versuchte sie vergeblich, sich vorzustellen, wie schön eine Mutterschaft wohl war.
Nun war auch Pippin Vater. Doch was war mit Frodo? Er hatte noch nichts darüber gesagt, aber sie fühlte sich verpflichtet, mit ihm zu sprechen.
Ganz plötzlich wandte sich die kleine Rose, die sich wieder auf den Schoß ihrer Tante gesetzt hatte, zu Frodo und fragte: „Bekommt ihr auch ein Kind?“
Liliane sah zu Frodo und hoffte, daß er nicht zu große Hoffnungen hätte. Aber nun war es soweit. Sie würde später mit ihm sprechen müssen.
Bisher hatte sie es immer vermeiden können, da er außer gelegentlichen Annäherungsversuchen noch keinerlei Anstalten gemacht hatte, das Thema darauf zu lenken.
Sie wollte ihn nicht enttäuschen.
Frodo wurde rot. „Ich weiß es nicht. Vielleicht...“
Liliane war erleichtert. Es hätte schlimmer kommen können.
„Die Zeit wird die Antwort wissen“, sagte sie. Die beiden tauschten bedeutungsvolle Blicke aus. Er verstand, daß sie ihm noch etwas sagen wollte.
Als Pippin längst gegangen war und sie sich bereits ins Bett gelegt hatten, schwiegen sie erst beide. Frodo wartete darauf, daß sie etwas sagte, aber sie wußte nicht, wie sie den Anfang machen sollte.
Schließlich fragte sie ihn einfach.
„Würdest du es wollen?“
Er schien wieder ein wenig verlegen zu sein, doch dann sagte er: „Das würde ich. Sehr gerne sogar.“
Sie drehte sich zu ihm, nahm seine Hand und sah ihn an, wie er lächelte.
„Frodo, ich... ich hätte längst mir dir sprechen müssen. Ich hatte nur Angst. Es... hast du dich denn nie gefragt, warum ich noch keine Kinder habe?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber möchtest du denn keine?“
„Doch... sehr gern sogar. Immer schon. Es... es kam nur keins. Wir haben uns eigentlich immer Kinder gewünscht, aber nichts geschah. Gar nichts. Es hat lange gedauert, aber dann haben wir schließlich die Hoffnung aufgegeben. Dabei hätte ich so gern Kinder gehabt...“
Sie schluckte. Sie machte sich so oft Selbstvorwürfe.
„Oh... aber eigentlich - eigentlich kannst du doch noch Kinder bekommen! Oder ist etwas nicht in Ordnung?“ fragte er dann und legte seinen Arm um sie.
Sie kämpfte mit sich selbst. „Doch, eigentlich schon, ich habe nie etwas festgestellt. Aber wie kann ich mir denn sicher sein, daß es nicht an mir liegt? Was ist, wenn ich auch mit dir keine Kinder bekommen kann?“
Tränen traten ihr in die Augen. Es schmerzte so sehr.
„Oh, nein, nicht weinen!“ flüsterte er und zog sie an sich. „Nein... sei nicht traurig. Das wird nie etwas daran ändern, daß ich dich liebe. Was für mich zählt, ist doch, dich zu haben. Alles andere ist völlig gleichgültig!“
„Aber... aber dann bist du auch unglücklich und...“
„Nein! Liliane, das darfst du nicht sagen! Du bist doch wunderbar, wie du bist, und es kann doch auch genausogut sein, daß es nicht an dir lag. Ich... ich weiß nicht viel davon, aber ich weiß, daß es so viele Gründe haben kann. Du mußt hoffen. Gib doch nicht auf! Wir werden es sehen.“
Sie wollte es ihm nicht verwehren, das hatte er nicht verdient. Liliane begann laut zu schluchzen, sie fühlte sich scheußlich und stieß seinen Arm fort, bevor sie sich auf die andere Seite drehte und weinend unter der Decke zusammenrollte.
Völlig verwirrt blieb Frodo für einen Moment einfach nur liegen und starrte sie an, dann sagte er: „Meine Liebe zu dir hat nichts damit zu tun, ob du nun Kinder bekommen kannst oder nicht. Ich werde nicht aufhören, dich zu lieben, wenn es nicht so kommt! Was denkst du denn nur, Liebes?“
Sie wünschte sich seine Nähe, doch sie fand den Gedanken unerträglich, seine Erwartungen enttäuschen zu müssen.
„Liliane... bitte, das ist doch nicht alles, was zählt! Weine doch nicht. Was ist denn nur los?“
Sie spürte, wie er näher an sie heranrutschte, schließlich hinter ihr lag und sie vorsichtig in den Arm nahm. Sie ließ es einfach zu, drehte sich dann um und schmiegte sich an ihn.
Vorsichtig wischte er ihre Tränen weg und küßte sie.
„Du bist doch meine Liliane. Ich sehe dich viel lieber fröhlich! Ich vertraue meinem Gefühl, und das sagt mir, daß wir bald zusehen sollten, einen kleinen Schreihals in die Welt zu setzen! Ich bin sicher, daß wir uns oft dafür verfluchen werden, aber wir werden einen bekommen. Oder zwei. Soviele du willst!“
Sein unverwüstlicher, durch verzweifelte Jahre im Trotz angeeigneter Optimismus steckte sie an.
Bald zusehen, einen Schreihals in die Welt zu setzen... Sie mußte lächeln. Das hieß, daß er sich endlich ein Herz fassen würde.
„Gern“, sagte sie.


Achtes Kapitel

Am nächsten Tag wollten sie alle Pippin und seiner Familie einen Besuch abstatten, das kleine Kind sehen und der Mutter ihre Glückwünsche überbringen. Die Kinder freuten sich sehr, tollten ausgelassen durch den Schnee, doch es kam, was kommen mußte. Rose und Frodo rutschten über den zugefrorenen Weiher an einer Stelle, wo das Eis zu dünn war, um die beiden Kinder zu tragen, und sie brachen ein.
Liliane war dann schnell hinausgelaufen, um das kleine Mädchen und ihren Bruder herauszuholen. Sie war vielleicht zu unerschrocken gewesen, denn das Eis war auch unter ihr weggebrochen. Frodo und Sam hatten die drei schließlich zusammen gerettet und schnellstens zu Pippin gebracht.
Liliane fror noch immer am ganzen Leib, selbst als sie schon in Frodos Armen vor dem Kaminfeuer saß, in eine Decke gewickelt und getrocknet. Die beißende, schneidende Kälte steckte ihr in den Gliedern, sie zitterte und bebte schrecklich. Die Erschöpfung überwältigte sie schließlich und sie schlief ein, wurde später aber davon geweckt, daß Frodo ihr seine Hand auf die fiebrigheiße Stirn legte.
Sie hatte Kopfschmerzen. Zwar fror sie nicht mehr, aber sie fühlte sich elend, wollte sich überhaupt nicht bewegen, nicht einmal die Augen öffnen.
„Hab keine Angst, es geht mir gut“, log sie. Frodo mußte sie nachher ins Bett tragen, wo sie wieder zu zittern begann, aber dennoch schnell einschlief.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich schrecklich. Ihr Kopf drohte zu zerspringen, dachte sie, sie hatte ein Schnupfengefühl, ein bösartiges Kratzen im Hals und alles tat ihr weh, jeder Muskel, glaubte sie.
„Wie geht es dir?“ fragte Frodo. Sie zuckte mit den Schultern.
„Wie soll es mir gehen. Ich habe mich gestern unterkühlt und fühlte mich wie tot.“
Er kuschelte sich an sie und wärmte sie, denn das Fieber war inzwischen zurückgegangen und sie war wieder kalt am ganzen Leib.
Die beiden blieben im Bett liegen, genau wie Sams Kinder auch. Liliane schlief fast den ganzen Tag und auch am nächsten war es nicht besser.
Sie war allerdings froh, als sie dann schließlich nach Hause zurückkehrten. Sie saß dicht bei Frodo und hatte sich in warme Decken gewickelt. Pippin fuhr seine Gäste auf einem kleinen Karren nach Hause zurück.
Als sie am nächsten Morgen wach wurde, war sie überrascht, Frodo tief und fest schlafend neben sich zu finden. Er war ganz blaß um die Nase, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und er schien kaum Luft beim Atmen zu bekommen.
Seufzend ließ sie sich wieder in die Kissen fallen und hustete. Jetzt wurde er auch noch krank.
So war es in der Tat. Es lief darauf hinaus, daß schließlich beide mit einer ordentlichen Erkältung im Bett lagen.
„Tut mir leid“, sagte sie und hustete wiederum. Er zuckte mit den Schultern, bevor er sich die Nase putzte.
„Ich bin es ja auch selbst schuld. Ich hätte mich von dir fernhalten müssen!“ erwiderte er grinsend und zwickte sie in die Seite.
„Du bist gemein!“
Sie nahm noch einen Schluck Tee und kam sich völlig verrückt vor, wie sie zusammen mit Frodo krank im Bett lag.

Das währte allerdings nicht ewig, der Jahreswechsel stand bald vor der Tür und sie wurden bald wieder gesund. Es hatte Frodo zwar nicht so sehr erwischt wie sie, aber sie hatten ihre Freude gehabt.
Es war so angenehm, mitten im Winter einfach nur im warmen Bett zu liegen und sich nicht mehr zu rühren. Es war längst dunkel, doch fahles, von der Mondsichel ausgesandtes weißes Licht spendete ein wenig Licht im Zimmer.
Sie hatte die Augen bereits geschlossen und war so müde, daß sie fast schon schlief, doch als er sie fester in die Arme schloß, blinzelte sie.
Es sprach nichts dagegen.
Sie schmiegte sich dichter an ihn, strich ihm über die Brust und sah ihn an, bevor sie ihm einen sanften Kuß schenkte. Er erwiderte ihn bereitwillig.
Eigentlich hatte er gesagt, daß es bald soweit sei. Sie wollte sehen, ob sie ihn nicht völlig überraschend dazu bringen konnte, seine Scheu zu verlieren. Mittlerweile hatte sie den Verdacht, daß er sich nie etwas trauen würde, wenn sie ihm weiterhin die Möglichkeit gab, erst lange darüber nachzudenken. Mit einem Schlag war sie wieder wach. Ein anfangs unbestimmtes Gefühl ergriff sie, doch dann wußte sie, was es war. Ihre Ungeduld.
Daß er nicht neugierig war, konnte niemand behaupten, allerdings fehlte ihm noch das letzte Fünkchen Mut. Grinsend dachte sie, daß es ihr langsam reichte. Manchmal mußte man ihn wirklich aus der Reserve locken.
Er schien es zu genießen, daß sie ihn küßte. Das war gut, befand sie zufrieden, dann würde sie es nicht allzu schwer haben, ihn herauszufordern.
Sie nahm seine Hand und spürte plötzlich die eigene Aufregung, hauptsächlich deshalb, weil sie nicht wußte, was er tun würde. Aber jetzt war es ihr egal.
Er öffnete nicht einmal die Augen, sondern ließ sie solange gewähren, bis er begriff, was sie vorhatte.
Sie legte seine Hand auf ihre Brust und biß sich kurz auf die Lippen, weil sie seine überraschte Reaktion bemerkte, doch das Kribbeln im Bauch wachsen zu spüren war ein schönes Gefühl.
Seine Hand war ganz warm, er hielt aber im ersten Moment still. Sie ließ seine Hand los und küßte ihn erneut, um ihm zu zeigen, daß er sich ein Herz fassen und sich darauf einlassen sollte.
Es dauerte nur einen Augenblick, in dem er sie mit großen Augen ansah, bis er sich gefaßt hatte und seine Befangenheit einfach vergaß. Als er begann, zärtlich ihre Brust zu streicheln, ließ sie sich mit einem leichten Zittern in die Kissen zurücksinken, ließ ihre Hand unter sein Hemd wandern und strich über seinen Bauch und seine Brust. Er legte sich neben sie, dann knöpfte sie langsam das Hemd auf und wußte in diesem Moment, daß es in Ordnung war.
Er zog die Hand zurück und fuhr ihr durch die Haare. Als sie sich aufrichtete, rückte er dicht an sie heran und zog ihr vorsichtig das Hemd über den Kopf. Stumm sahen sie einander an, dann zog er sie an sich. Ein wohliges Zittern ergriff sie, als sie feststellte, daß er nicht ganz so überrumpelt schien wie angenommen. Bald spürte sie seine Hände überall, während sie in einem tiefen Kuß versanken und sie ihn sanft streichelte. Es dauerte nicht lange, als ihre Hände einmal tiefer gewandert waren und er die gleiche Spannung empfand wie sie, bis sie seine Hände auf ihren Beinen spürte. Sie kam noch ein wenig näher und fragte plötzlich leise: „Willst du es?“
Er nickte stumm und mit einem Lächeln, bevor er sich zu ihr beugte und sie langsam küßte. Er hatte seine Angst verloren, denn er schenkte ihr alle Zärtlichkeiten, ohne vor Schüchternheit zu zögern. Sie erwiderte seine Liebkosungen, ließ sich fallen und gab sich dem Gefühl der übergroßen Liebe hin, das sie ergriff.
Liebevoll schloß er sie in seine Arme, als der Augenblick gekommen war und sie einander endlich so nah waren, wie sie es nur sein konnten. Er hielt kurz inne, biß sich auf die Lippen, aber hörte nicht auf, sie zu streicheln. Sie war erstaunt darüber, daß er ihr instinktiv die größten Glücksgefühle schenkte, doch auf einmal bereitete es ihm gar keine Schwierigkeiten mehr.
Sie vergaß die Welt um sich und Frodo und erlebte es noch schöner, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie teilten eine so innige Liebe, daß ihr Vertrauen zueinander jedes Zögern überflüssig machte.
Dicht aneinandergekuschelt lagen die beiden schließlich unter der Decke. Sie lehnte ihren Kopf an Frodos, hatte ihre Hand auf seinen Bauch gelegt und küßte ihn auf die Wange.
Ganz unvermittelt sagte er leise: „Du hattest Recht. Es ist schön. Wunderschön. So wie du.“
„Du schmeichelst mir, mein lieber Frodo.“
„Das will ich auch. Nichts anderes hast du verdient!“ beharrte er.
„Du überraschst mich immer wieder. Das mag ich so an dir. Ich weiß wirklich nicht, warum du vorher immer so schüchtern sein mußtest!“
Er zog die Decke über ihrer Schulter ein wenig höher und sagte, daß er es sich auch nicht mehr erklären konnte.
„Ich liebe dich, Frodo“, murmelte sie leise, bevor sie einschlief. Doch seine Antwort hörte sie noch.
„Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.“

Die Zeit verging wie im Traum. Es war ein milder, aber schneereicher Winter, was die Kinder sehr freute. Die kleine Rose brachte Liliane oft dazu, mit ihr im Garten von Beutelsend einen Schneemann zu bauen.
„Tante Lili, hast du die Nase?“
Lachend zog Liliane die Karotte aus der Tasche ihres Kleides und reichte sie dem Mädchen, das die Möhre dem Schneemann als Nase ansteckte. Plötzlich traf sie von hinten etwas kaltes, feuchtes im Nacken zwischen den Haaren. Sie zuckte zusammen, dann fuhr sie herum.
„Frodo!“ rief sie und meinte damit Sams Sohn, der laut kichernd davonstürmte.
„Warte, wenn ich dich nur erwische!“
Sie hatte eigentlich den kleinen Schneeball in ihren Händen dazu benutzen wollen, dem Schneemann Arme zu formen, aber nun diente er als vorzügliches Wurfgeschoß. Und sie war gut darin.
Sie traf den Jungen ebenfalls genau im Nacken. Schneebröckchen verschwanden in seinem Kragen, was er mit einem entsetzten Schrei quittierte.
„Du bist gemein, Tante Liliane!“ rief er und blieb stehen, während er verzweifelt versuchte, sich das kühle Naß vom Rücken wegzuholen. Rose kicherte belustigt, als sie das sah und Liliane verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich bin gemein? Du hast immerhin angefangen, mein Lieber!“
Laut schreiend tanzte der Junge im Kreis und schüttelte sich, so widerlich war der schmilzende Schnee im Nacken. Sie konnte nicht anders als lachen.
„Mach das mit Frodo!“ rief er.
„Ach, bist das nicht du?“ fragte sie zurück.
„Nein!!“ schrie er genervt. „Meinen Onkel meine ich!“
Liliane trug wieder seinen alten grünen Mantel, den sie sehr mochte, auch wenn er ein wenig zu groß schien. Sie hatte zu schmale Schultern und hatte sich zwar vorgenommen, den Schnitt zu verändern, war aber noch nicht dazu gekommen.
Doch als hätte er geahnt, daß von ihm gesprochen wurde, tauchte Frodo schließlich selbst auf und warf sich mit Liliane in einen großen Schneehügel.
„Pfui! Was machst du denn? Das ist doch ganz kalt und naß!“ rief sie entrüstet, aber er lachte nur.
„Stimmt. Ich will aber, daß du mit mir hinein gehst und Tee trinkst!“
Das hätte er sie auch anders fragen können, dachte sie, aber warf ihm nur eine Handvoll Schnee ins Gesicht, bevor sie aufsprang und weglief.

Das neue Jahr war noch nicht alt, als Tom Kattun, umtriebigster Hobbit in der Umgebung und Rosies Bruder, seinen Geburtstag feierte im Grünen Drachen zu Wasserau. Eine einzige Einladung hatte er vor die Tür von Beutelsend gelegt, in der stand, daß alle eingeladen waren, die dort wohnten, seine Schwester mit ihrer Familie ebenso wie Frodo und Liliane. Er war schließlich ein alter Freund von Frodo.
Tom hatte Sams jüngere Schwester geheiratet und stand sich gut mit der Familie.
So tobten schließlich unzählige übermütige Hobbitkinder durch die Wirtsstube, die kleine Kapelle spielte fröhlich zum Tanz auf und gutes Bier wurde zu köstlichem Essen ausgeschenkt.
Sam war hungrig an der langen Tafel mit vorzüglichen Speisen verschwunden und schnappte, was er kriegen konnte, um es nachher am Tisch genießerisch zu verspeisen. Rosie hatte sich neben ihn gesetzt und die Hand auf ihren runder werdenden Bauch gelegt. Bald wäre es wieder soweit, daß Sam immer lauschen würde, ob das Kind ihm etwas zu sagen hatte.
Tom und Calendula tanzten gutgelaunt mit anderen Paaren zur Musik, einige der kleinen Mädchen ahmten es ihnen nach und wirbelten ausgelassen zwischen den Füßen der Erwachsenen herum.
Frodo holte sich ein Bier und setzte sich zu Liliane. Sie knabberte genüßlich an einem Stück Käse, was er mit neidischen Blicken bedachte. Er tötete für Käse.
„Bekomme ich was?“ fragte er und sah sie an mit großen blauen Augen.
Sie prustete ungehalten los, als sie das sah.
„Mit diesem treuen Hundeblick! Hier, du nimmersatter Hobbit, beiß ab!“
Er hatte sie sofort erweichen können. Da half nichts mehr. Es endete dann damit, daß er den ganzen Käse aß und sie für beide neuen holte.
Es dauerte gar nicht lange, da holte er sich einen zweiten Krug Bier und nahm hin und wieder einen Schluck.
„Was siehst du mich eigentlich so an?“ fragte Liliane ihn. Sie trug ein sehr hübsches, buntverziertes Kleid und spürte schon seit geraumer Zeit, daß er sie ständig beobachtete.
Er zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich überlege nur, ob ich mich vielleicht traue, dich um einen Tanz zu bitten, wenn ich betrunken bin!“
Lachend lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.
„Du bist albern. Betrink dich bloß nicht! Frag mich einfach.“
Die beiden tauschten vielsagende Blicke aus, er fühlte sich wie ein begossener Pudel und ein wenig vorgeführt, aber sie erwartete tatsächlich, daß er es tat.
„Schenkst du mir diesen Tanz?“ fragte er schließlich. Sie strahlte und schließlich stand er auf, zog sie mit sich auf die Tanzfläche und zog sie dicht an sich, bevor er einen Arm um ihre Taille legte und zu tanzen begann.
Verträumt sah er sie an. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und trat noch dichter an ihn heran.
„Daß eine solche Schönheit einen Tanz mit mir wagt!“ flüsterte er ihr ins Ohr. Sie lächelte.
„Du bist verrückt, Frodo. Aber ich mag das.“
Er küßte sie zärtlich auf die Stirn und sie merkte, wie er sie gar nicht mehr loslassen wollte. Ihr sollte es recht sein.
Als die beiden sich nachher wieder hinsetzten und erst einmal nach Luft schnappten, legte er wieder einen Arm um sie. Die andere Hand legte er auf ihr Knie, während er ihr einen liebevollen Kuß schenkte.
Er zog ihr Kleid ein wenig höher. Sie hob den Blick und fragte leise: „Was hast du denn vor?“
Fast wäre er rot geworden, hatte sie den Verdacht, doch dann antwortete er nur: „Es ist ja nicht so, als würde es mir hier nicht gefallen, aber... kommst du mit mir?“
Sie runzelte die Stirn. Das war ja etwas ganz Neues!
„Wenn du willst, natürlich!“
Die beiden standen auf und stellten fest, daß es keine besonders gute Idee wäre, Tom und Calendula mitten auf der Tanzfläche aufsuchen zu wollen, also verließen sie das Gasthaus unbemerkt. Frodo legte Liliane den Mantel um die Schultern, bevor er seinen nahm, und zog sie wärmend an sich. Es war bitterkalt, sie spürte die beißend kalte Luft in ihrer Lunge, aber sie war auch frostklar. Sterne funkelten über ihnen am nachtschwarzen Himmel.
Der Weg nach Hobbingen war nicht besonders weit, aber bei solchen Temperaturen kein besonderes Vergnügen. Frodo versuchte ständig, sie zu wärmen, aber viel konnte er nicht ausrichten.
„Warum wolltest du denn gehen?“ fragte sie. Er holte tief Luft, bevor er sagte: „In Beutelsend haben wir unsere Ruhe, oder was meinst du? Ich wollte gern mit dir allein sein!“
Überrascht sah sie ihn an. Er nickte.
„Das ist mein Ernst!“ sagte er. Daran hatte sie keine Zweifel.
„Mit mir allein? Was ist denn los?“
„Nun... keine Idee?“
„Keine.“ Das war zwar inzwischen gelogen, aber sie hatte Spaß daran, ihn ein wenig zu ärgern.
„Ich verrate es dir aber nicht.“
„So? Gut. Dann behalte es für dich.“
Sie spazierten durch Hobbingen und auf den Bühl zu. Plötzlich blieb er stehen und zog sie an sich, um ihr einen tiefen Kuß zu schenken, so wie noch nie zuvor. Sie hatte beschlossen, nicht überrascht zu sein, so schloß sie einfach nur die Augen und ließ es geschehen. Er fuhr mit den Händen durch ihr Haar. Im nächsten Augenblick kniete er sich neben sie und hob sie flink und mühelos auf seine Arme.
„Was machst du denn da?“ rief sie erschrocken und hielt sich an ihm fest, indem sie einen Arm um ihn legte.
„Vielleicht beraube ich dich deiner Freiheit und lasse dich nicht mehr weg!“
Er konnte schrecklich albern sein. Sie hätte es nie vermutet, aber Tatsache war, daß ihr freches Wesen ihn geradezu herausforderte, sich dem zu stellen.
„Hilfe, mein Ehemann entführt mich!“ sagte sie und lachte. Zustimmend nickte er und trug sie den ganzen Bühl hoch. Das Lachen mußte sie sich wirklich verkneifen. Stattdessen begann sie, ihn zu kitzeln.
„Nein!“ rief er, ließ sie aber nicht los.
„Laß mich runter!“
„Niemals! Du entwischst mir nicht!“
Er schaffte es irgendwie, das Gartentor zu öffnen, den Weg zur Tür zu finden und Beutelsend zu betreten, ohne vor Lachen sterben zu müssen und sie damit fallen zu lassen. Seine letzten Schritte führten ihn ins Schlafzimmer, wo er sich mit ihr in die Kissen sinken ließ und so auf sie legte, daß sie ihm tatsächlich nicht mehr entkommen konnte.
„Hast du immer noch keine Idee?“ fragte er und grinste. Sie machte große Augen und sagte kopfschüttelnd: „Ich liebe es wirklich, wie du mich immer überraschen kannst! Das hast du also vor...“
Er streifte ihr den Umhang von den Schultern und beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen. Er rollte langsam zur Seite weg und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Durch den Stoff spürte sie, wie er seine wider Erwartens warmen Hände auf ihre Brust legte, während er nicht aufhörte, sie zu küssen.
Mit einem Mal war sie sehr aufgeregt. Daß er das einmal tun würde, hätte sie niemals erwartet. Ihr Herz klopfte schneller. Er küßte ihren Hals und sie biß sich auf die Lippen. Sie zog ihm das Hemd aus, drückte sich an ihn und spürte, wie er langsam das Kleid von ihren Schultern streifte und sie dort zu küssen begann. Langsam und sehr geduldig zog er ihr das Kleid aus, was sie unglaublich gemein fand.
„Ich frage mich wirklich, wie du so fies sein kannst!“ flüsterte sie, zog ihn dann an sich und küßte ihn sanft.
„Das ist Liebe, Liliane“, antwortete er, als sie es zuließ. Er begann, sie überall zu küssen, was sie am ganzen Körper beben ließ.
„Frodo, du...“
Er legte seinen Finger auf ihre Lippen.
„Ich weiß... aber ich habe mir ein Herz gefaßt! Das bist alles du schuld!“ sagte er augenzwinkernd.
Sie war tatsächlich immer noch überrascht, aber sie konnte nicht widerstehen. Sie schloß die Augen, als sie seine Hand auf ihrer Brust spürte. Die beiden verloren sich völlig in ihrer Liebe, genossen das wunderschöne Gefühl, einfach nur zusammen zu sein.
Er übereilte nichts. Langsam strich er über ihre Beine und begann, sie zu streicheln, was sie erzittern ließ. Er küßte sie und schließlich zog sie ihn an sich. Es schmerzte nur für einen kurzen Moment, sie fuhr ihm durch die Haare und klammerte sich an ihn, als er sie küßte. Er zitterte ein wenig, als sie ihn streichelte und über seine Stirn strich.
Das Gefühl der Liebe füreinander wuchs immer mehr, diese Nähe war wunderschön, aber nicht endlos. Irgendwann schloß er sie in seine Arme und deckte sie liebevoll zu, bevor er sie auf die Nasenspitze küßte und spürte, wie sie ihm sanft über den Rücken strich.
„Liliane, du hast mein Herz gestohlen. Ein Dieb bist du!“
Sie küßte ihn auf die Wange. „Wenn du so weitermachst, wirst du es nie zurückbekommen!“
„Dann behalte es“, sagte er und schloß die Augen.

Als sie aufwachte, spürte sie seinen Arm auf ihrem Bauch liegen. Sein Kopf lehnte an ihrer Schulter, er hatte sich ihr seitlich zugewandt und schlief friedlich. Mit ihrer Linken strich sie über seine andere Hand, die direkt neben ihr lag und wurde dessen gewahr, was ihn für immer kennzeichnen würde. Daß ihm ein Finger fehlte war mehr als nur eine Narbe. Sein Hemd hatte er nicht ganz zugeknöpft und sie sah die kleineren Narben, doch diese waren vergleichsweise bedeutungslos.
Sie wußte nicht, warum sie plötzlich darüber nachdachte. Für sie war Frodo ohnehin nicht nur irgendjemand, aber er war noch viel mehr. Zwar wußte sie nichts davon, aber Dunkler Herrscher - das hörte sich gewaltig an. Und wenn seitdem Frodo in ganz Mittelerde als der Ringträger bekannt war, dann bedeutete das wirklich etwas.
Soweit sie sich das vorstellen konnte, hatte er alle gerettet. Die Freiheit. Das Leben. Alles, was gut war.
Sie drückte seine Hand ganz fest. Sie begriff plötzlich, daß es ihn verändert haben mußte - aber der Frodo, den sie liebte, war doch wieder ein ganz normaler Hobbit.
Aber sie erinnerte sich daran, wie sie ihn kennengelernt hatte. Er war noch immer wie verstört gewesen. Verletzt.
Das war er nun nicht mehr. Schlagartig begriff sie, was sie ihm bedeuten mußte. Er hatte es ihr gezeigt. Er hatte seine Schüchternheit über Bord geworfen und ihr gezeigt, welche Liebe er für sie empfand.
Sie bezweifelte mit einem Mal, daß sie ihn je so lieben konnte wie er sie, doch ihr Gefühl sagte ihr, daß sie es tat. Sie liebte ihn genauso wie er sie liebte. Und sie liebte ihn nicht, weil er der Retter Mittelerdes war. Sie liebte ihn auch nicht deswegen, weil sie mit ihm nicht einsam war.
Sie liebte ihn selbst, einfach nur Frodo, um seiner selbst willen.
Eine solch innige Liebe hatte sie nie zuvor erlebt, weder selbst noch hatte sie es irgendwo gesehen.
Denn das war eine der Eigenschaften, die sie so an ihm liebte: Er hatte sich das Gute im Herzen immer bewahrt und gab ihr alles, was er nur geben konnte. Und er forderte nichts dafür zurück.
Im Auenland war es gar nicht bekannt, was er wirklich getan hatte. Dafür hatte ihm niemand gedankt, aber danach hatte er ebenfalls nie verlangt.
Sam hatte gesagt, daß man sich an Frodo hatte rächen wollen, ihm deshalb jahrelang keinen Frieden gegönnt hatte.
Und selbst wenn es dazu kam, daß jemand Böses ihm ein weiteres Mal Leid zufügen wollte in irgendeiner Form, selbst wenn sie ebenfalls darunter leiden würde, sie würde immer zu ihm halten. Sie begriff, daß sie ihn gerettet hatte.
Sie wollte immer für ihn da sein.
Es war größer als alles, was sie mit Worten fassen konnte. Alles wollte sie für ihn tun.
Er hatte es einfach verdient. Sie hatte noch nie soviel Güte kennengelernt.
Womit hatte sie das überhaupt verdient?
Wenn er sie liebte, dann war das etwas Besonderes. Tränen stiegen ihr in die Augen, Freudentränen.
Dafür hatte es sich gelohnt, zu kämpfen.
Und vielleicht war an seinen Worten etwas Wahres. Vielleicht würden sie nicht immer nur zu zweit sein. Sie hoffte es sehr.
Mit einem Lächeln dachte sie daran, daß es ihr Recht sein sollte, nicht aufzugeben.
Er konnte so humorvoll sein.
Inzwischen war ihr, seit sie in Hobbingen war, einiges über ihn zu Ohren gekommen. Er war als ein wenig verschroben verschrien, genauso verrückt wie sein Onkel sollte er sein und allgemeinhin schüttelten die Leute darüber den Kopf, daß er nun doch geheiratet hatte.
Sie war nicht mehr oder weniger verrückt als er. Dummes Geschwätz hatte sie noch nie interessiert.
Plötzlich tauchte in ihren Gedanken ein Bild von Gundbert auf. Er lächelte. Es war ein glückliches Lächeln. Dann sah sie plötzlich, wie er nickte und dann verschwand das Bild wieder.
Nein, ihn würde sie nie vergessen. Niemals. Denn das war gar kein Vergleich.
Er hatte sie nur genauso auf Händen getragen. Das war das Schönste, was es gab. Sie war dankbar dafür, daß er dagewesen war.
Aber das Bild verblaßte und schmerzte nicht mehr, es war nur noch eine schöne Erinnerung und genau das war gut so.
Verträumt blieb sie liegen, bis Frodo plötzlich langsam die Augen öffnete und sie schläfrig anblinzelte.
„Guten Morgen, Liebes. Warum bist du denn schon wach?“ fragte er. Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich wurde einfach wach. Frodo, ich muß dir etwas sagen.“
Er öffnete ein Auge wieder und brummte: „Ja. Ich höre.“
„Danke.“
Er gähnte und sah sie dann verwirrt an.
„Danke? Wofür?“
„Für alles. Einfach für alles.“
Sie kam näher und küßte ihn.



Epilog

„Halt durch, bitte!“
Wie durch dichten Nebel drang seine Stimme an ihr Ohr. Sie mußte erst überlegen, um zu begreifen, was er da sagte. Durchhalten. Gute Idee.
Erneut schrie sie auf, als sie wieder von einer Welle des Schmerzes erfaßt wurde. Sie schrie laut, dann fiel sie wieder zurück in die schnelle Atmung, die es ihr erleichtern sollte.
Frodo saß in ihrem Rücken und hatte einen Arm um sie gelegt. Seine andere Hand hielt sie mit ihrer umklammert und drückte sie immer wieder, wenn der Schmerz wieder zu groß wurde.
Rosie hatte ihre Hände auf ihren Bauch gelegt, den sie in diesem Augenblick am liebsten verfluchen wollte. Sie war gar nicht mehr neidisch auf Rosie, und ihr stand das gleiche in kürzester Zeit auch wieder bevor.
„Gleich ist es vorbei“, flüsterte Frodo und strich ihr über die Stirn. Erneut bahnte sich eine Wehe an und sie versuchte mit aller Kraft, die sie nur aufbringen konnte, zu pressen und es endlich zu beenden.
Sie zitterte. Der Schmerz wuchs. Immerhin schien die Geburt voranzuschreiten. Sie wußte überhaupt nicht mehr, wo oben und unten war. Wie durch einen Schleier sah sie Rosie vor sich, die mit großen Augen ganz erwartungsvoll schaute und nach einem Handtuch griff.
Ein letztes Mal preßte sie mit aller Kraft und schrie schmerzerfüllt auf, doch urplötzlich ließ der Schmerz nach, der Druck verebbte, die Spannung schrumpfte.
Sie ließ Frodos Hand los und fiel erschöpft in seine Arme zurück. Keuchend schloß sie die Augen. Am allerliebsten wollte sie einfach nur schlafen.
Doch in diesem Augenblick hörte sie ein leises Schreien, ein Quäken, die dünne Stimme eines kleinen Babys.
Ihr Baby. Ihr Kind!
Liliane öffnete sofort die Augen wieder und sah alles ganz klar vor sich. Rosie hielt ein kleines Bündel in den Armen und kam auf sie zu.
„Eure Tochter“, sagte sie. Liliane streckte die Arme aus, glaubte, sterben zu müssen, wenn sie das Kind nicht sofort halten konnte. Sie zitterte noch immer und spürte, wie Tränen des Glücks in ihr hochstiegen. Sie schluchzte, als sie endlich ihr kleines Mädchen in den Armen hielt, fest an sich gedrückt.
Sie war so wunderschön. Große blaue Augen suchten nach ihr und Frodo, kleine Arme suchten nach Halt.
Liliane war überwältigt von ihren Gefühlen. Sie versuchte noch, sich zu fassen, als Frodo bereits einen Finger der kleinen Hand, den winzigen Fingern, entgegenstreckte. Die Kleine griff danach und quietschte. Liliane lächelte überglücklich.
Sie konnte es kaum glauben, sie wollte sie berühren und strich mit der Hand zärtlich über die noch klebrigen Löckchen der Kleinen.
Sie war so warm. Ihr kleines Mädchen. Endlich.
„Sieh nur, wie wunderschön sie ist“, flüsterte sie mit zitternder Stimme.
Sie fühlte sich so schrecklich erschöpft, aber der Schmerz war vergessen. Sie ließ ihre Hand auf dem Kopf der Kleinen liegen, während Frodo schon erste kleine Machtkämpfe mit ihr ausfocht. Verglichen mit den winzigen Händchen des Babys sah sein Finger riesig aus. Liliane lächelte, dann wandte sie sich zu ihm. Tränen liefen ihm über die Wangen, er strahlte übers ganze Gesicht und sah wie verzaubert auf das Mädchen.
Liliane spürte ihn im Rücken, die Kleine auf dem Arm und sie war mittendrin. Frodo so glücklich zu sehen bewegte sie sehr. Er war nun Vater. Sie hatte ihm ein Kind geschenkt. Und sie war nun endlich Mutter.
Die Kleine war ganz ruhig, spielte mit dem Finger ihres Vaters und schien es zu mögen, wie Liliane ihr über den Kopf strich.
Frodo wandte sich Liliane zu und küßte sie auf die Wange. Das Glück in seinen Augen war genauso groß wie das, was Liliane in sich selbst spürte.