Achtes Kapitel
Aragorns Augen stierten aufmerksam in die Dunkelheit, die für ihn nun gar nicht mehr so finster war. Das wenige Licht, das in den Gang fiel, fingen seine Augen auf und reflektierten es in der Dunkelheit. Neue Kraft durchströmte den König Gondors, ein Gefühl, dass er seit Tagen nicht gehabt hatte. Stets hatte er sich ausgemergelt gefühlt und die Verletzungen hatten ihm stark zugesetzt. Obwohl seine gebrochenen Rippen immer noch schmerzten, fühlte er sich nun jedoch wesentlich stärker. Aragorn lauschte. Seine Ohren nahmen selbst die feinsten Geräusche wahr. Über ihm lief eine große Spinne die Wand hoch und der Mensch hörte sogar ein feines Klacken, als ihre Beine nacheinander auf den Stein aufsetzten. Kleinste Sandkörnchen lösten sich aus den Wänden und schlugen auf die Erde auf, doch Aragorn hörte es, als wären es große Brocken. Seine Nase witterte den stickigen, nach Tod riechenden Geruch, der ihn umfing. Seine Augen erkannten einen Nebengang, der von dem Hauptgang in dem er sich gerade befand abzweigte. Er entschloss hineinzugehen und dort die Gegend auszukundschaften. In diesem Gang gab es jedoch gar nichts, außer steinerne Wände. Der Gang war staubig und als Aragorn um eine Ecke bog, wurde er von einer kleinen staubigen Wolke eingehüllt, die ihn husten ließ. Es klang jedoch mehr wie ein Bellen, stellte Aragorn fest. Er lehnte sich an die Wand und atmete tief durch. Das Husten schmerzte ungemein. Der König von Gondor sah sich um und erblickte keine Seele, weder lebendig noch tot. So legte er sein Schwert auf den Boden und stellte sich mitten in den Gang. Aragorn versuchte sich auf seine neu gewonnen Kräfte konzentrieren und sie unter Kontrolle kriegen. Hier gab es niemanden, der ihn sehen konnte, er konnte jetzt ungehindert versuchen von seinen Kräften gebrauch zu machen. Gondors König kam sich etwas seltsam vor, als er in diesem dunklen Gang stand und versuchte ein Werwolf zu werden. Er musste herausfinden, wie man es kontrollieren konnte, sonst würde ihm die Eigenschaft später wohl mehr schaden als helfen. Aragorn fühlte das Tier in sich, aber wie ließ er es raus? Er schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren, doch nichts geschah. Er spannte all seine Muskeln an, doch außer, dass sie irgendwann zu zittern begannen vor Anstrengung geschah nichts. Aragorn versuchte sich daran zu erinnern, ob der Dunländer beim Kampf vorhin in der Zelle irgendetwas getan hatte, als er sich verwandelt hatte. Doch Aragorn konnte sich an nichts erinnern. Die Dunländer
Aragorns Gedanken schweiften ab. Einer hatte Liliane geschändet
In Aragorns Kopf hallten ihre Schreie wieder. Schreie, die die kleine Hobbitfrau vor Schmerz und Furcht ausgestoßen hatte. In Aragorn kam ein schreckliches Bild hoch. Ein hühnenhafter Mann begrub Liliane unter sich und quetschte sich mit seinem Unterleib zwischen ihre Beine. Er bewegte sich immer rascher über der viel kleineren Hobbitfrau und ihre Schreie wurden immer lauter, Blut quoll aus ihrem Unterleib hervor und floss auf den Boden. Wut keimte in ihm auf, bodenlose Wut und Hass gegenüber diesen Menschen, die seinen Freunden so etwas antaten.
Aragorn vernahm plötzlich ein Knurren, das er selbst ausgestoßen haben musste. Er sah an sich hinab und bemerkte, dass er von einem grünlichen Schimmer umgeben war. Seine Zunge tastete in seinem Mund umher. Da waren Reißzähne!
Doch schnell verschwand der grünliche Schimmer wieder und mit ihm die Reißzähne. Immerhin wusste Aragorn jetzt, dass Wut das Tier in ihm hervorlocken konnte. Zumindest teilweise. Der König Gondors dachte an Legolas. Er holte sich das Bild seines Freundes zurück vor sein geistiges Auge. Das Blut, wie es in die hölzerne Schüssel tropfte, Legolas hilfloser Blick, die Qual, die seine Augen verriet. Er sah einen großen Dunländer, der den Elb packte, zur Wand trug und dann kaltblütig auf den Haken spießte. Aragorn konnte Legolas Blut beinahe riechen, so stark holte er sich das Bild vor Augen. Er hörte Legolas Schmerzenslaute, er sah wieder Liliane vor sich und plötzlich war da wieder dieser grünliche Schimmer. Aragorn glaubte seine Knochen würden bersten, er spürte plötzlich dass er wuchs, die Reißzähne kamen wieder und wurden so lang, dass sie aus seinem Mund hinausragten. Seine Augen wurden schwarz, reflektierten das Licht mehr denn je und blitzten bösartig auf. Seine Hände wurden zu Klauen, mit riesigen scharfen Krallen am Ende und auf seiner Haut fing an schwarzes Fell zu wachsen. Ein Grollen ertönte, Aragorn stieß einen Schmerzenslaut aus, weil er das Gefühl hatte zu zerreißen, doch nur ein Knurren kam aus seiner Kehle. Sein Mund zog sich zu einem riesigen Maul in die Länge, mit blitzenden, scharfen Zähnen. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sank nach unten. Nun stand er auf allen Vieren, wie er flüchtig feststellte, doch seine Arme und Beine waren längst zu starken Läufen geworden. Das Schimmern um Aragorn herum verschwand nun langsam, der Schmerz ließ nach und zurück blieb die Dunkelheit.
Aragorns Kraft schwand wieder. Zu viel Anstrengung kostete eine Verwandlung solcher Art, die Dunländer waren mit Sicherheit anders geübt als er. Er musste sich eingestehen, dass er im Moment viel zu schwach war um jetzt noch kämpfen zu können, wenn es denn erforderlich wäre. Vielleicht würde es mit etwas Übung mit der Zeit leichter werden sich zu verwandeln. Doch die Zeit hatte er nicht. Und im Moment glich er einem riesigen, schwarzen Wolf und hatte keine Ahnung, wie er sich zurückverwandeln sollte. Er senkte den Kopf und schaute auf seine Pfoten. Ein wenig kratzte er damit auf dem Boden herum um ein Gefühl für sie zu bekommen. Es fühlte sich merkwürdig an, doch er hatte gute starke Krallen, die sogleich etwas brüchigen Stein wegkratzten. In Aragorn keimte ein wenig Freude auf, er hatte es geschafft, wenn auch mit viel Mühe, sich zu verwandeln und konnte so vielleicht etwas gegen seine Feinde ausrichten. Kaum spürte er diese Freude, viel ihm auf, dass er, ohne es bewusst zu steuern, mit seinem Schwanz wedelte. Außerdem hatte er sein Maul geöffnet und hechelte, was ihn kurz erstaunte. Unbewusst verhielt er sich wie ein Wolf, er konnte gewisse Dinge überhaupt nicht steuern. Aragorn bemerkte, dass seine Nase jetzt noch besser war. Er versuchte in Bodennähe den Geruch zu bestimmen und stellte fest, dass hier vor einiger Zeit ein Dunländer lang gelaufen sein musste. Die Fährte war alt, doch Aragorn konnte sie nun durch seine feine Nase riechen. Der König Gondors machte ein paar Schritte nach vorne und musste feststellen, dass er seine vier Beine noch nicht richtig koordinieren konnte. Er lief ein Stück den Gang entlang, stolperte dabei und fiel einmal gegen die Wand, doch nach einer Zeit hatte er es geschafft einen Gang zu finden, so dass kein Bein dem anderen im Weg war. Unbewusst wedelte er daraufhin wieder mit dem Schwanz und gab ein zufriedenes Knurren von sich. Aragorn erinnerte sich daran, dass die Dunländer auch manchmal in Wolfsgestalt auf zwei Beinen gehen konnten, doch wie sie das machten, darauf konnte er sich noch keinen Reim machen. Er würde es vielleicht noch lernen
Ganz plötzlich erblickte Araorn einige Fuß vor sich eine große Ratte, die über den Gang huschte. Noch ehe der König recht überlegen konnte, ergriff ein nahezu unüberwindbares Verlangen von ihm Besitz. Aragorn fand sich, noch ehe er wirklich begreifen konnte was er tat, hinter der Ratte herlaufend. Um jeden Preis wollte er die das Nagetier haben, auch wenn er noch nicht den Sinn dieser Handlung erkannte. Der Drang zu jagen und Beute zu machen wurde so groß, dass er ihn nicht mehr unterdrücken konnte. Sein Lauf wurde immer schneller, während die Ratte völlig verstört den Gang entlang flitzte. Ohne es steuern zu können, kläffte Aragorn und schnappte nach dem Tier, als es in seine Reichweite kam. Beinahe hätte er die Ratte mit seinen Zähnen erwischt, als ihm seine Beine selbst einen Streich spielten. Aragorn hastete gerade den Gang entlang und hinter der Ratte her, als er sich mit seinem Hinterlauf selbst ein Bein stellte, ins Stolpern geriet und laut winselnd auf den Boden aufschlug. Er fiel auf seine gebrochenen Rippen und wurde von einem schwarzen Schleier eingehüllt, der ihn vorerst nicht wieder losließ. Die Ratte flüchtete in ein Loch in der Wand und zeigte keinerlei Interesse an dem großen Wolf, der hinter ihr bewusstlos auf dem Boden lag
Mit einem Stöhnen erwachte der König Gondors und hatte, wie er schnell feststellte, seine menschliche Gestalt wieder erlangt. Sein Körper schmerzte von dem Sturz und er fühlte sich wieder schwächer, was er auf die erneute Verwandlung schob. Verwirrt schüttelte er den Kopf, er hatte genau gewusst, was er tat, als er die Ratte gejagt hatte und seine menschliche Seite hatte es nicht tun wollen, die tierische jedoch konnte dem Jagdinstinkt nicht gehorchen und hatte in dem Moment gesiegt. Aragorn verstand jetzt, dass es gar nicht so einfach war ein Werwolf zu sein. Die Dunländer schienen die tierische Seite in ihnen genau kontrollieren zu können, ebenso kontrollierten sie ihre Verwandlungen. Aragorn hatte nun zwar herausgefunden, wie man sich verwandelte, doch er wusste nicht wie er wieder zum Menschen geworden war. Außerdem konnte es gut möglich sein, dass es nicht nur Wut und Hass waren, die ihn zum Werwolf werden ließen, vielleicht gab es noch andere Möglichkeiten. Aragorn begriff schnell, dass die Möglichkeit sich zu verwandeln im Moment, da er noch so unerfahren war, mehr eine Gefahr darstellte, als ein Geschenk war. Im Moment war er ein Mensch, durch dessen Adern tierisches Blut floss und er konnte die beiden Seiten in sich nicht kontrollieren. Aragorn fluchte leise.
Nun fühlte er sich schwächer denn je, die Bisswunde schmerzte, seine Rippen waren in den Tagen wieder etwas zusammengewachsenen und waren nun durch den Sturz wieder verschoben worden. Er spürte sie mehr denn je. Und er war nun ein halbes Tier, das sich selbst nicht beherrschen konnte, während seine Freunde immer noch dem Tode geweiht waren
Er war zu gar nichts Nütze. Seine Flucht war zu gar nichts nütze, im Gegenteil, er bräuchte jetzt einen Dunländer, der ihm half den Wolf in sich zu kontrollieren! Doch von den Dunländern konnte er keine Hilfe erwarten
Mühselig und unter Schmerzen rappelte sich Aragron wieder hoch und lehnte sich mit gequältem Stöhnen an die Wand. Er wollte am liebsten schlafen, so erschöpft war er. Doch er musste weiter, wenn er hier zu lange verweilte, würde man ihn noch finden und er wollte sich die Strafe für seine Flucht lieber nicht ausmalen
Außerdem musste er nach einer Rettung für seine Freunde suchen. Legolas war bereits tot, was Aragorn einen schmerzhaften Stich ins Herz versetzte. Es durfte niemand mehr sterben, das musste er verhindern!
Hinkend ging der König Gondors weiter voran, immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden.
Diesmal bog Aragorn in einen heller beleuchteten Gang ein, ohne Abzweigungen. Kein Nebel war in ihm enthalten und so schloss er darauf, dass auch keine Geister in der Nähe waren. Er beschloss, den Gang so schnell wie möglich zu durchlaufen, denn wenn ihn hier jemand entdeckte, hatte er keine Möglichkeit mehr, sich in irgendwelchen Nebengängen zu verstecken. Mit seinen gebrochenen Rippen lief Aragorn so schnell es ihm Möglich war, doch auf halber Strecke, hörten seine nun feinen Ohren, ein Geräusch, das ganz offensichtlich von jemandem verursacht worden war. Aragorn quetschte sich sofort schwer atmend an die Wand, doch der Gang war auf merkwürdige Weise derart beleuchtet, so kam es ihm vor, dass man ihn schnell finden würde. Immer näher kam das Geräusch, das wie er nun erkannte Schritte waren! Doch schienen sie aus der Wand zu kommen! Gondors König wurde blass und Schauer jagten ihm über den Rücken. Man würde ihn töten, wenn man ihn hier finden würde. Ein ähnlich qualvolles Ende wie Legolas es erleiden musste wartete auf ihn, wenn sie ihn erwischten
Immer schneller wurde Aragorns Atem, immer mehr wuchs die Angst in ihm entdeckt zu werden, sie wurde unerträglich
Dann plötzlich, ohne dass er es steuern konnte, schimmerte es wieder grünlich um ihn herum. Ein Grollen entstand und schneller als zuvor, verwandelte sich Aragorn, obwohl er sich diesmal mit seinem Verstand dagegen sträubte. Der König von Gondor fühlte sich schwach, als er in der Gestalt eines großen Wolfes im Gang stand und den Schritten lauschte, die immer näher kamen. Sie waren bereits so nahe, dass jeden Moment der Verursacher der Schritte vor ihm sein musste, doch vor ihm war nichts und ansonsten gab es nur Wände
Urplötzlich erblickte Aragorn eine Klaue, die aus der Wand neben ihm zu kommen schien. Ihr folgte der restliche beharrte Arm und ein gewaltiger Wolfskopf. Beinahe ängstlich wich Aragorn zurück und winselte leicht, was er jedoch selbst nicht bemerkte. Bald stand die Kreatur vor ihm, die eben aus der Wand gekommen war. Aragorn sah deutlich, wie der riesige Wolf sich vor ihm zu erschrecken schien und im selben Moment die Zähne fletschte. Er sagte etwas in einer Sprache, die Aragorn nicht verstand, doch mittlerweile war er lange genug hier um zu wissen, dass es die Sprache der Dunländer war, die er sprach. Weil er nichts anderes tun konnte, fletschte auch Aragorn die Zähne und sträubte gefährlich seine Nackenhaare. Um seinen Gegner abzuschrecken, zeigte er seine langen Reißzähne und versuchte so groß zu wirken wie es ging, denn ihm war wohl bewusst, dass würde es zu einem Kampf kommen, er kaum eine Chance hatte.
Doch das Biest vor ihm ließ sich nicht beeindrucken und rührte sich nicht, es knurrte nur bedrohlich und war sichtbar gereizt. Wieder sprach es in der Sprache der Dunländer und wieder gab Aragorn keine Antwort, sondern Bellte es in seiner Angst an. Blitzschnell sprang der riesige Wolf auf Aragorn zu und wollte ihm in die Kehle beißen. Aragorn machte einen Satz zurück und setzte, weil ihm nichts anderes übrig blieb, selber zum Angriff an. Unbeholfen sprang er dem anderen Wolf entgegen und schlug ihm seine Krallen in die Seite. Der andere Wolf jaulte auf und sprang laut knurrend auf Aragorn zu. Wieder wollte er ihm in die Kehle gehen, doch Aragorn senkte seinen Kopf und die beiden Wölfe verbissen sich gegenseitig mit ihren Mäulern ineinander. Aragorn wurde zurückgeschleudert und fiel auf die Seite, doch er rappelte sich wieder hoch und spürte im selben Moment, wie der andere Wolf mit seinen Vorderpfoten auf seinem Rücken stand und sich in seinem Fell verbiss. Aragorn jaulte auf und riss sich los. Er richtete sich auf seine Hinterpfoten auf und griff jetzt seinerseits den anderen Wolf an. Das Biest vor ihm erwischte ihn an der Vorderpfote und Aragorn fiel laut jaulend auf den Rücken. Aragorn rollte sich auf die Seite und blieb winselnd liegen. Seine Rippen schmerzten wieder unerträglich und durch die Wunde in der Vorderpfote konnte er nicht mehr aufstehen. Er kämpfte wieder gegen die Bewusstlosigkeit an und wusste, dass nun sein Ende kommen würde. Der Wolf vor ihm blitzte ihn böse an und witterte seine Chance. Er erkannte die Hilflosigkeit Aragorns vor sich und machte sich bereit zum Angriff. Aragorn nahm wieder das Schillern um sich herum wahr und verzweifelte innerlich fast. Er nahm wieder menschliche gestalt an und sah verschwommen, wie das Biest vor ihm auf ihn zustürzte. Nun war es vorbei, Aragorn schloss die Augen und wartete auf seinen Tod. Immerhin würde es schnell gehen, wenn er Glück hatte, ihm würde vielleicht weiteres Leid erspart bleiben. Er hörte ein lautes Knurren und wusste, dass sich gleich die Zähne dieser Bestie in seine Kehle schlagen würden
Mit aufgerissenem Maul, bereit zuzubeißen, stürzte das Biest auf Aragorn zu und blieb mit weit aufgerissenen Augen erschreckt vor Aragorn, der nun wieder ein Mensch war, stehen. Er wich zurück und betrachtete sich den hilflosen Menschen vor sich, der sich leicht auf der Erde wand vor Schmerz. Offensichtlich wusste der Wolf mit der Situation nichts anzufangen, er starrte nur auf den stöhnenden Aragorn, der sich seine Rippen hielt.
Wie ist dein Name, fauchte der Wolf und starrte den Menschen weiter an.
Aragorn schloss die Augen. Er hatte nicht vor zu antworten. Er war ohnehin so gut wie tot, da würde sein Name auch nicht mehr viel dran ändern, außer, dass der Dunländer auf die Idee kommen könnte, ihn etwas langsamer zu töten, weil er der König Gondors war. Der Wolf legte den Kopf schief und wartete auf eine Antwort, die nicht kam.
Gehörst du zu den Gefangenen, grollte der Wolf.
Aragorn sah wieder auf und blickte in zwei bösartig blitzende Augen. Er hielt es für besser, wenigstens jetzt zu antworten, sonst würde diese Bestie vielleicht andere Maßnahmen anwenden, um von ihm eine Antwort zu erhalten
Ich bin jedenfalls nicht freiwillig hier, presste Aragorn schmerzerfüllt hervor.
Für einen Moment noch musterten ihn die Augen des Wolfes, dann umgab den Wolf plötzlich ein grünliches Schimmern. Es dauerte nur wenige Momente, dann stand ein junger Dunländer vor Aragorn, dessen blick beinahe sanft und entschuldigend wirkte.
Er kniete sich vor Aragorn auf den Boden, der mit ängstlichem Blick zusammenzuckte, als der Dunländer die Hand nach ihm ausstreckte. Tötet mich gleich, aber erspart mir Leid, ich bitte euch, wisperte Aragorn eindringlich, der hoffte, das friedliche Aussehen des Dunländers würde auf Gnade schließen lassen.
Ich habe nicht vor euch zu töten! Genauer gesagt bin ich nur um euch zu retten hier, ich bin mit Frodo und Gimli gekommen, antwortete der Mann mit sanfter Stimme.
Aragorn sah den Mann an, als hätte er eben etwas Unverständliches gesagt.
Verzeiht mir, ich wusste nicht
Ich streife als Wolf hier umher, damit man nicht erkennt! Als ich euch sah, hielt ich euch für einen Dunländer, deshalb sprach ich euch in meiner Sprache an! Ich habe euch aufgefordert zu gehen und euch gewarnt, aber als ihr nicht reagiert habt, fürchtete ich um mein eigenes Leben. Ich konnte doch nicht ahnen, dass ihr mich überhaupt nicht versteht! Erst als ich euch in eurer wahren Gestalt erblickt habe, erkannte ich, dass ihr kein Dunländer seid, erklärte der Mann entschuldigend. Mein Name ist Taidoloth, habe ich euch schwer verletzt, wollte der junge Dunländer wissen und Aragorn fand vor Erleichterung erst keine Worte. Nein.. Nein, ich glaube nicht, antwortete Aragorn etwas ruhiger und betrachtete sich die blutenden Kratzer auf seinem Arm. Er versuchte sich aufzurichten und stöhnte einmal laut auf, wegen seiner Rippen.
War ich das, wollte Taidoloth besorgt wissen.
Nein, das waren eure Kameraden, schon vor einer Weile, antwortete Aragorn knapp und verzog das Gesicht.
Sie sind nicht meine Kameraden, ich verachte sie mindestens genauso wie ihr es tut, sagte Taitoloth barscher als er es gewollt hatte.
Verzeiht mir, so war es nicht gemeint.
Ich helfe euch, sagte Taidoloth fürsorglich und half Aragorn sich aufzurichten und an die Wand zu lehnen.
Aragorn nickte ihm zu und rang nach Luft. Jeder Atemzug schmerzte.
Wer seid ihr und wie kommt es, dass ihr ein Werwolf seid, wollte Taidoloth wissen.
Das war ein Unfall. Ich wurde gebissen und bin geflohen. Ich kann es nicht richtig kontrollieren, wann ich mich verwandele. Mein Name ist Aragorn
, antwortete Aragorn leise.
Taidoloth riss die Augen auf und wirkte sichtlich verschreckt. Er wich beinahe ängstlich zurück und wollte erst keine Worte finden. Aragorn Elessar, murmelte der junge Dunländer und verneigte sich.
Nein
Das ist wirklich nicht nötig, ich bin dankbar, dass ihr mich nicht getötet habt
Verzeiht meinen Fehler, ich konnte das nicht ahnen, wisperte Taidoloth.
Es war nicht euer Fehler
Ich mache euch keinen Vorwurf, wirklich nicht, raunte Aragorn, riss sich ein Stück Stoff ab und versuchte seinen blutenden Arm zu verbinden.
Hier, nehmt das, bot Taidoloth an und reichte Aragorn ein Stück Stoff seiner Kleidung, was größer und vor allem sauberer war.
Dankbar nahm Aragorn es entgegen.
Darf ich euch helfen, fragte der junge Dunländer vorsichtig, als er sah, wie Aragorn sich abmühte den Stofffetzen um seinen Arm zu bekommen.
Der König Gondors nickte leicht und ließ sich von Taidoloth dankbar den Arm verbinden. Währendessen schloss Aragorn kurz die Augen um neue Kraft zu sammeln.
Ist sonst wirklich alles in Ordnung, fragte Taidoloth besorgt nach und musterte den Mann vor sich.
Ja, so weit man das sagen kann
Aber ihr müsst mir helfen. Ich weiß nicht wie ich die Verwandlungen unter Kontrolle halten kann.
Das ist anfangs gar nicht einfach und es erfordert einiges an Kraft. Erst später wird es leicht. Ich kann es versuchen.
Wo kamt ihr eigentlich her? Ich habe eure Schritte gehört und mich dann ohne dass ich es wollte in einen Werwolf verwandelt
Taidoloth nickte. Es passiert, wenn man Angst verspürt. Man muss erst lernen es zu unterdrücken. Ich war auf dem Weg zu Gimli, wir wollten uns hier in der Nähe treffen. Frodo hat sich den anderen Dunländern ausgeliefert, aus Sorge um seine Frau. Gimli und ich sind dann getrennter Wege gegangen, um die Umgebung auszukundschaften und wollten uns dann wieder hier in der Nähe treffen. Die Wand hier ist ein Trugbild. Sie ist eine verborgende Tür, ich wollte eine Abkürzung zu dem Zwerg hinnehmen, antwortete der junge Dunländer.
Gimli
, murmelte Aragorn und nun wusste er, wer es war, der Legolas den Gnadenstoß versetzt hatte. Der König Gondors mochte sich nicht ausmalen, was der Zwerg hatte durchstehen müssen. Für Legolas war es sicher eine Erleichterung gewesen.
Könnt ihr laufen? Ich kann euch führen! Wir könnten uns mit eurem Freund treffen und beraten, was wir nun tun. Ich konnte noch nicht sehr viel herausfinden, aber vielleicht hat euer Freund mehr erfahren können
Und ihr wisst schließlich wie die Situation bei den anderen Gefangenen ist und wo man sie eingesperrt sind. Wir könnten einen Plan schmieden
, schlug Taidoloth vor.
Aragorn nickte. Führt mich zuerst zu Gimli, ich bin mir sicher, dass er bestimmt nichts gutes zu berichten weiß, aber jetzt gilt es zu retten, was zu retten ist, sagte Aragorn verbissen und dachte dabei an Legolas.
Taidoloth konnte mit Aragorns Aussage wenig anfangen, doch er half dem König schließlich auf die Beine und stützte ihn beim Gehen. Aragorn hatte Vertrauen zu dem Dunländer. Er schien die Wahrheit zu sprechen und war freundlicher und besorgter, als alle Dunländer es vorher gewesen waren, denen Aragorn begegnet war. Es verschaffte Aragorn große Erleichterung jemanden an seiner Seite zu wissen, der sich hier auskannte und der ihm helfen konnte. Aragorn konnte gar nicht sagen, wie dankbar er dem jungen Mann war
Mit auf dem Rücken gefesselten Händen wurde Faramir unsanft und rücksichtslos über die Brücke gezerrt, dann in die Dunkelheit des verschlungenen Tunnelsystems geführt, welches den Berg bis in den hintersten Winkel zu durchziehen schien. Es hatte keinen Sinn, sich wehren zu wollen, und der Weg war ohnehin nicht weit genug, um Fluchtversuche unternehmen zu können.
Der gespenstische grüne Lichtschimmer begleitete die Männer bis an ihr Ziel, ebenso konnten sie von überall her das entsetzliche Gejammer der toten Seelen hören, die wie Verwundete auf einem Schlachtfeld um Erlösung flehten. Faramir lief ein Schauer über den Rücken, denn er sah in diesem Moment wieder die metzelnden Orks vor sich, gegen die er vor der Schlacht auf den Pelennorfeldern gekämpft hatte.
Sein Leben hatte dem Ende bereits ins Auge gesehen, aber gestorben war er damals glücklicherweise nicht, sondern er hatte danach erstmals wirkliches Glück in seinem Leben kennenlernen dürfen, als er der ebenso lebensunlustigen Eowyn begegnet war. Wie Licht war sie ihm erschienen, wie Licht in der Dunkelheit, sie hatte allem einen Sinn gegeben, als sie erst seine Liebe erwidert hatte.
Faramir rief jetzt in diesem Moment ihren Namen.
Eowyn, ich liebe dich mehr als mein Leben! schrie er über die Schulter zurück, so laut er konnte, obwohl er kaum glaubte, daß sie es hören würde.
Aber immerhin hatte er es gesagt.
Die Männer schenkten ihm keinerlei Beachtung, sie hatten ihre Befehle und würden sie ausführen, gleichgültig was er tun würde.
Aber Faramir hatte plötzlich das ungute Gefühl, daß er nie wieder eine Chance haben würde, zu Eowyn zu sprechen...
Ihr dürft meiner Frau nichts tun, macht mit mir, was ihr wollt, wenn ihr sie nur schont! rief Faramir. Die Männer reagierten noch immer nicht, sondern brachten ihn nur in einen türlosen Raum, der, von einem hölzernen Hocker und mehreren von der Decke herabbaumelnden Henkersstricken abgesehen, völlig leer war.
Sie ließen Faramir los, aber er hatte keine Chance, durch die Tür zu entkommen. Er wandte sich noch um und starrte zwischen den Männern hindurch, fieberhaft einen Ausweg ersinnend, wurde aber plötzlich von einer gespenstisch hauchenden Stimme unterbrochen.
Nicht um Eure Frau solltet Ihr Angst haben, Faramir, begann Wulf, der hinter Faramir langsam schimmernd Gestalt annahm und über ihm zu schweben schien.
Zerschneidet seine Fesseln, befahl das Oberhaupt dann.
Einer der Männer führte den Befehl sofort aus, so daß Faramir nicht mehr völlig wehrlos vor dem dämonisch grinsenden Geist stand.
Was wollt Ihr von mir? fragte Faramir.
Hört den Stolz in seiner Stimme. Nun, Ihr seid doch der Stellvetreter Elessars. Wißt Ihr möglicherweise, wo er sich jetzt aufhält?
Woher sollte ich das wissen? Ich habe ihn bei seiner Flucht nicht danach gefragt!
Nun, das ist wohl wahr. Was wird er wohl tun, nun, da er frei ist? fragte Wulf weiter.
Ich weiß es nicht! Faramir blieb ungerührt vor dem Geist stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
Wirklich nicht? Glaubt Ihr, daß er wie ein erbärmlicher Straßenköter davonrennen und euch im Stich lassen würde? Oder glaubt Ihr, daß er hier noch herumschleicht, um euch zu helfen?
Faramir überlegte, was Wulfs tatsächliche Absichten in diesem Moment waren. Sollte er nun gequält und ermordet oder nur verhört werden?
Elessar Telcontar hat sich noch nie durch Feigheit ausgezeichnet, sondern durch Tapferkeit, erwiderte er vorsichtig.
Das dachte ich mir auch, antwortete Wulf. Deshalb seid Ihr hier.
Um verhört zu werden? fragte Faramir.
Oh nein... um den treulos davongelaufenen König wieder einzufangen! Ich biete Euch etwas an, Faramir, Denethors Sohn. Versucht, ihn zu finden, und ich würde mir überlegen, bei jemandem Eurer Wahl gnädig zu sein, so wie Ihr es wünscht...
Faramir schnaubte vor Wut, dann lachte er abfällig.
Ich soll gehen, Elessar suchen und Euch ausliefern? Damit Ihr ihn in Stücke reißt?
So denkt doch nach, Faramir, sagte Wulf ruhig. Ich könnte mich dazu durchringen, vielleicht Eure geliebte Frau nicht zu töten, wäre das keine gute Idee?
Skeptisch runzelte Faramir die Stirn. Er glaubte nicht ernsthaft, daß dieser verräterische Untote sein Wort hielt, aber die Verlockung war durchaus sehr groß...
Doch plötzlich ersann er einen Trick.
Vielleicht ist meine Frau schon längst tot oder schwer verletzt, dann würde es mir wenig bringen! murmelte er gelassener, als er war.
Nein, nein, antwortete Wulf, der Faramirs List noch nicht durchschaute. Sie lebt, niemand hat ihr etwas angetan, es war die Halblingsfrau, auf die einer meiner Männer es abgesehen hatte. Eure Frau ist verletzt worden, ja, aber sie befindet sich auf dem Weg der Besserung.
Faramir wußte nicht, ob er Wulfs Worten Glauben schenken sollte oder nicht. Er stand nun, wie kurz vor ihm Frodo, vor einer teuflischen Wahl. Wulf versprach - was er durchaus brechen könnte - daß er Eowyn verschonen würde, wenn Faramir ihm Aragorn auslieferte.
Auf der anderen Seite war Faramir seinem König treu untergeben, Aragorn war es möglicherweise, der sie alle retten würde, er konnte ihm doch keine Falle stellen! Zumal er Wulf für einen verlogenen Dreckskerl hielt.
Aber wenn er ging, konnte er selbst möglicherweise den anderen helfen...
Ihr zögert? Nun, das ist schade. Ich glaube, Ihr plant eine List! stellte Wulf in diesem Moment sehr richtig fest, denn er hatte die letzten Gedanken Faramirs noch in ihrem Grundsatz lesen können. Auf diesen Mann war für ihn kein Verlaß.
Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, fügte der Geist dann hinzu. Er hatte vor allem eins im Sinn: Er wollte sein teuflisches Katz und Maus-Spiel mit den Gefangenen treiben, aber töten würde er sie ohnehin, und viel mehr Vergnügen bereitete ihm der Gedanke, Faramirs Hoffnungen sofort und unwiderruflich zunichte zu machen mit grausamer Endgültigkeit.
Die da wäre? fragte Faramir nach einer kurzen Denkpause.
Fesselt ihm vorn die Hände, befahl Wulf, dann wandte er sich Faramir konzentriert zu.
Wir sind uns doch einig, daß Elessar nicht fortgelaufen ist, habe ich Recht? Nun, in Anbetracht dieser Tatsache, will ich ihn rufen und ihn jetzt vor eine Wahl stellen.
Er machte eine geschickt gesetzte Pause, in der er beobachtete, wie Faramir sich nur widerwillig fesseln ließ und seinem Blick nicht auswich.
Er soll kommen, wenn ihm Euer Leben etwas wert ist. Wenn er nicht rechtzeitig kommt, werdet Ihr hängen, Faramir! Ihr werdet bald einer von uns sein, so Elessar keine Gnade mit Eurer Seele hat...
Ihr wollt uns doch sowieso alle töten! rief Faramir und bekam es langsam mit der Angst zu tun. Doch er mußte sich in dem Raum nur umschauen und wußte, daß Wulf diesen Plan von Anfang an verfolgt hatte, denn dies war eine Henkerskammer...
Wulf lachte kalt. Nun, das ist wahr...
Er befahl zweien seiner Männer, Faramir auf den Hocker mitten im Raum zu stellen und ihm die darüber baumelnde, doppelt geschlagene Schlinge aus sehr festem Seil um den Hals zu legen.
Fassungslos starrte Faramir den amüsiert grinsenden Geist an. Mit auf ihn gerichteten Schwertspitzen hielten die Männer ihn ruhig, er mußte stehenbleiben, wo er war, und auf das Unvermeidliche warten.
Und Wulf begann, nach Aragorn zu rufen. Seine Männer hatten Wulf von Aragorns Kampf mit Dunländer und Werwolf berichtet und Wulf wußte um eine Art und Weise, seine Stimme bis in den hintersten Winkel des Berges dringen zu lassen, so daß Aragorn es auf jeden Fall hören mußte, genau wie die anderen Gefangenen.
Zumal davon auszugehen war, daß er vielleicht nicht mehr nur ein gewöhnlicher Mann war, sondern auch werwölfisches Blut in den Adern trug.
Elessar... flüsterte er und seine Stimme schien Knochen und Fleisch zu durchdringen, denn Faramir spürte den Klang von Wulfs Stimme in jeder Faser seines Körpers.
Über ihm an der Decke entflammte sich ein fahles Geisterleuchten, das zur Tür hinauslief und über die Gänge hinfortgetragen wurde bis tief in den Berg. Wulf hatte die anderen Geister gerufen, die seine Botschaft überallhin weitertragen würden. Der ganze Berg war voll von Geistern, nur hatten die wenigsten von ihnen die Fähigkeit, sich noch frei zu bewegen und etwas in der Welt der Lebenden wahrzunehmen, und so konnten sie Aragorn nicht für Wulf finden.
Aragorn konnte sie jedoch hören, das wußte er genau.
Kennt Ihr Gnade, Elessar? fuhr er dann fort.
Andernorts, gar nicht weit von der Henkerskammer entfernt, hatten Taidoloth und Aragorn gerade beschlossen, Gimli zu suchen, als geisterhafte Stimmen nach Aragorn riefen.
Sofort hob er den Kopf und starrte an die Decke, die von einem leuchtenden Nebel verborgen war, und von diesem schien das Geflüster auszugehen.
Hört nicht hin! zischte Taidoloth. Nicht, König Elessar, das ist Wulfs Teufelei! Er will Euch in eine Falle locken!
Taidoloth wußte, daß das Geflüster der Geister einen aufrechten Mann in den Wahnsinn treiben konnte, aber diesmal steckte mehr dahinter.
Kennt Ihr Gnade, Elessar? fuhren die Stimmen fort, denen Aragorn ungeachtet Taidoloths Warnung einfach Gehör schenken mußte.
Das Leben Eures treuen Freundes und Statthalters Faramir liegt nun in Eurer Hand. Zeigt Euch, so daß wir Euch sehen können, und ihm bleibt der Tod durch den Strick erspart.
Aragorn schnappte fassungslos nach Luft.
Was soll das? fragte er zu Taidoloth gewandt und seine Augen spiegelten wider, was er dachte. Er war entsetzt.
Wulf will Euch in eine Falle locken! gab Taidoloth zur Antwort, unterbrochen von dein Geisterstimmen.
Wir weisen Euch den Weg. Ihr müßt nur dem Wandern der Stimmen folgen und wißt, wohin Ihr gehen müßt, um Faramir vor einem grausamen Tod zu bewahren! Euer Statthalter wird keine Gnade erfahren außer durch Euer Erscheinen.
Fieberhaft begann Aragorn zu überlegen. Wulf war gerissener, als er vermutet hatte, und er wußte mit dieser Situation nun nicht umzugehen. Daß Wulf falsch redete, glaubte er in diesem Moment nicht, er wußte, daß Faramir in Todesgefahr schwebte.
Durch seine Feigheit konnte er Eowyn doch nicht den Mann nehmen...
Bleibt hier, Elessar! Er wird ihn und auch Euch töten, wenn Ihr geht! Ihr könnt Faramir nicht helfen. Sie alle sind des Todes, wenn Ihr nun geht und...
Ich soll meinen Freund sterben lassen? rief Aragorn. Das kann ich nicht!
Wo seid Ihr, Elessar? begannen die Stimmen erneut. Viel Zeit bleibt Euch nicht, um Euch auszuliefern. Nichts anderes kann Faramirs Leben retten! Wollt Ihr ihn auf dem Gewissen haben?
Die Stimmen wurden leiser. Aragorn geriet langsam in Panik. Was sollte er tun? Taidoloth hatte Recht. Wenn er jetzt ging, hatten Taidoloth und Gimli allein noch weniger Chancen, die anderen zu retten, Faramir starb gewiß trotzdem und er dann mit ihm.
Aber wenn er nicht ging, ließ er ihn sehenden Auges sterben!
Ich muß... ich lasse mich nicht erwischen, aber ich muß ihm helfen! rief Aragorn und rannte los, ungeachtet dessen, was Taidoloth erwidern wollte. Er mußte dem Wandern der Stimmen folgen.
Nicht, Elessar! Tut es nicht, das ist unser aller Todesurteil! Seines ist aber längst gefällt!
Doch in diesem Moment, um auch den letzten Zweifel auszuräumen, trugen die Stimmen Faramirs haßerfüllten Ausruf weiter in den Berg, so daß Aragorn ihn hören mußte.
Niemals wird er kommen und sich von Euch töten lassen, er fällt auf keinen Köder herein!
Ruft nach ihm. Fleht ihn an, zu kommen, damit er meinen Worten Glauben schenkt, sonst wird er Euch sterben lassen, ohne es überhaupt zu ahnen! befahl Wulf Faramir, der stumm vor ihm stand und sich nicht rührte, um dann erst zu erwidern, was Aragorn kurz darauf zu Ohren kam. Er würde nicht nach Aragorn rufen, sonst würde dieser wirklich seinetwegen kommen und alle Hoffnungen zerstören, dabei war es eine Falle, der dann niemand mehr entrinnen würde...
Damit war das Urteil gefällt. Wulf gab den Befehl, den Hocker unter Faramirs Füßen wegzutreten, und sofort zog sich die Schlinge um Faramirs Hals gefährlich zu, als er nach unten sackte. Es war fast, als hörte er seine eigenen Knochen knirschen, die durch den plötzlichen Druck fast aus ihrer Verankerung gerissen wurden.
Innerhalb von Sekundenbruchteilen spürte er einen dumpfen Schmerz im Kopf, der sich immer weiter ausbreitete. In Todesangst riß Faramir die Arme irgendwie nach oben und versuchte verzweifelt, die Finger zwischen die Schlinge und seinen Hals zu quetschen. Dies gelang ihm soweit, daß seine Luftröhre durch die leichte Lockerung der Schlinge nicht mehr völlig zugepreßt war.
Er schnappte panisch nach Luft, kämpfte darum, zu atmen und suchte mit den Füßen verzweifelt nach Halt, der nicht zu finden war. Faramir schloß die Augen und spürte, wie er immer schwerer zu werden schien, er röchelte angestrengt, denn die Luftknappheit wuchs wieder.
Es fühlte sich an, als würde sein Kopf zu zerplatzen drohen.
Und Wulf rief immer weiter nach Aragorn. Faramir versuchte, zu atmen, die Schlinge auseinanderzuziehen, sein Leben zu retten, aber vergebens.
Der schmerzhafte Druck auf seinen Kehlkopf wurde immer größer. Seine Finger konnte er nicht mehr bewegen, aber durch seine panischen Bewegungen hatte sich die Schlinge weiter und weiter zugezogen, mit jedem Augenblick ein bißchen mehr.
Er konnte nicht mehr atmen, nicht schreien, verkrampfte am ganzen Leib und biß die Zähne zusammen, um es auszuhalten.
Er kommt nicht, bemerkte Wulf wie beiläufig, aber Faramir hörte es erstaunlich klar.
Aragorn kam nicht...
In seinem Kopf hämmerte es. Seine Lunge schrie nach Luft, er konnte nicht stillhalten, aber so schloß sich die Schlinge immer weiter.
Als er die Augen öffnete, konnte er gar nicht mehr scharf sehen, und so schloß er sie wieder, um sich nicht zusätzlich zu quälen.
Stattdessen rief er sich das Bild von Eowyn ins Gedächtnis, wie sie ihn anlächelte und strahlte wie ein ganz junges, wunderschönes Mädchen.
Sein Mädchen.
Seine Muskeln verkrampften immer mehr, aber er verlor nicht das Bewußtsein. Der Schmerz in seinem Kopf wurde größer, er bekam keine Luft, er war dem Tod geweiht.
Dann plötzlich erstarben die Muskelkrämpfe und seine Muskeln entspannten sich soweit, daß er spürte, wie seine Reflexe versagten. Er beherrschte seinen eigenen Körper nicht mehr.
Daß er begann, im Gesicht blau zu werden, konnten Wulf und die ihn umringenden Männer gut sehen, aber da waren auch sichtbare Einblutungen um seine Augen.
Dann wurde er schwächer und wehrte sich schließlich nicht mehr. Faramir hatte das Bewußtsein endlich verloren.
Das Flüstern hörte nicht auf. Kopflos lief Aragorn über die Gänge, er ließ sich von den Stimmen leiten, denn da war nur der Gedanke an Faramir in seinem Kopf, und er mußte Faramir retten. Er hatte keine andere Wahl.
Nicht! So bleibt doch, Elessar! Das ist Euer Ende! rief Taidoloth hinter ihm her. Der Dunländer war ihm dicht auf den Fersen.
Ich muß tun, was ich kann! gab Aragorn zurück, dem das Herz fast zu zerspringen drohte, so sehr klopfte es in seiner Brust. Keuchend rannte er weiter, so schnell seine Füße ihn trugen, und in der Tat schienen die Stimmen ihn weiter zu leiten.
Da war Wulfs Stimme, er konnte sie hören, aber die Bedeutung der Worte nahm er in seiner blinden Panik nicht wahr.
Er mußte Faramir retten.
Nein! rief Taidoloth zum wiederholten Male vergebens. Er konnte den wie verrückt rennenden Aragorn nicht einholen und dieser dachte gar nicht daran, stehenzubleiben.
Um sie herum wurde es heller und sie rannten ein Gefälle hinab. Das kannte Aragorn bereits, sie bewegten sich dem Zentrum der Geisterstadt wieder zu. Es war nicht mehr weit.
Er konnte es schaffen...
Erhobenen Schwertes hechtete er um eine Ecke und blieb dann abrupt stehen, so daß Taidoloth fast gegen ihn geprallt wäre.
Nein! brüllte Aragorn.
Ihm bot sich ein Bild des Schreckens. Er stand genau vor der Tür und blickte hindurch, an den Männern vorbei, auf den reglos in der Raummitte hängenden Faramir.
Wulf hatte sein Wort wieder nicht gehalten, er hatte Faramir bereits gehängt, bevor Aragorn überhaupt eine Chance gehabt hatte, zu kommen... er hatte in der Tat nie vorgehabt, Faramir Gnade zu schenken.
Faramir! brüllte er dann, doch sein Freund rührte sich nicht mehr. Daß er blau im Gesicht war und nicht mehr atmete, konnte Aragorn selbst auf diese Entfernung hin erkennen.
Er war tot.
Schon wollte er unter Wulfs hämischem Gelächter sein Schwert ziehen und die Männer attackieren, als Taidoloth von der Seite brüllte: Werdet zum Werwolf! Nur als Bestie habt Ihr eine Chance!
Aragorn fuhr herum.
Wie? rief er, schon die Männer herbeilaufen sehend.
Konzentriert euch darauf! Ihr müßt es wollen! Sammelt Eure Kräfte und Euren Willen, denkt daran, was es Euch bringen kann! Und dann lauft! Lauft, mit der Kraft, die Euch gegeben ist!
Und das tat Aragorn. Er schloß die Augen und konzentrierte sich, er wollte nicht gefangengenommen werden, für Faramir war es zu spät, Wulf hatte ihn getötet... jetzt mußte er fliehen, er mußte den anderen helfen, er mußte zum Wolf werden und sie alle rächen, Liliane, Legolas und Faramir.
Er wollte zum Wolf werden und es gelang. Blitzschnell verwandelte sich seine Gestalt, er konnte die Veränderung spüren, er wuchs und beugte sich hinab, fletschte schon die Zähne und sah dann, wie Taidoloth in Wolfsgestalt neben ihn sprang. Er holte mit seinen Klauen aus und streckte auf Anhieb zwei der herannahenden Männer nieder, wobei Aragorn ihm sogleich zu Hilfe kam.
Sie hörten, daß Wulf tobte und schrie. Als Aragorn, dem das Blut eines sterbenden Mannes entgegenspritzte, in die Richtung des Geistes blickte, mußte er auch Faramir sehen, der den Tod gefunden hatte. Sein Freund lebte nicht mehr.
Sie hatten auch den fünften Mann blitzschnell niedergestreckt, dann wandten sie sich sofort um und traten die Flucht an.
Taidoloth schnellte voraus. Vom Bösen persönlich waren sie gejagt, deshalb galt es, keine Zeit zu verlieren, und sie rannten dank ihrer großen Kraft schnell, flohen vor einem irritierten Wulf irgendwo in die Gänge und dann durch eine geheime Tür, die dieser ähnelte, durch die Taidoloth Aragorn zum ersten Mal entgegengetreten war.
Dann war alles still. Wulfs Stimme war nicht mehr zu hören, sie hörten nur ihren eigenen, stoßweise gehenden Atem, wurden langsam wieder zu denen, die sie lieber waren als Wölfe und blickten sich an.
Aragorn schwieg. In ihm war nichts als Entsetzen und Verzweiflung, stumme Ohnmacht und Wut.
Er war zu spät gekommen, denn er hatte niemals eine Chance gehabt.
Erst griff er nach dem Heft seines Schwertes, aber seine Hand zitterte so stark, daß er davon wieder abließ und sich mit Tränen in den Augen gegen Taidoloths Schulter lehnte.
Nun war auch Faramir tot...
Daß Faramir fortgebracht worden war, hatte Eowyn nicht bemerkt. Aber jetzt war sie wieder wach und sie hatte wieder Farbe im Gesicht, wenngleich sie auch noch zu schwach war, um sich aufzurichten. Die Hobbits hatten ihr etwas zu essen gelassen, Sam war ihr besonders beim Trinken behilflich und blieb neben ihr sitzen, als sie zwischen Traum und Wirklichkeit an die Decke starrte und sich unter hämmernden Kopfschmerzen an das zu erinnern versuchte, was vorgefallen war.
Vieles wußte sie noch, aber dann wurde einiges auch wirr, sie hatte Dinge vergessen, sah plötzlich Kindheitserinnerungen vor sich und hörte seltsame Stimmen, aber was davon wirklich war und was nicht, vermochte sie nicht zu sagen.
Dann wurden die Stimmen plötzlich lauter. Jemand rief nach Aragorn, eine drohende Stimme war es, die vehement nach ihm verlangte.
Zeigt Euch, so daß wir Euch sehen können, und ihm bleibt der Tod durch den Strick erspart.
Eowyn riß die Augen auf. Vor diesem Satz war etwas gewesen, das sich angehört hatte wie Faramirs Name, und als sie genauer hinhörte und der gräßlich kalten Stimme lauschte, wurde die Ahnung zur Gewißheit.
Wulf sprach von ihrem Mann und drohte mit seinem Tod.
Sam... flüsterte sie. Sam, hilf mir!
Frodo und Liliane saßen schreckensstarr neben Sam und Eowyn und lauschten ebenfalls. Sam half Eowyn langsam dabei, sich aufrecht zu setzen, was vor ihrem Blick erst alles verschwimmen ließ, bevor sie langsam klarer sehen konnte.
Dann hörte sie Faramirs Stimme und schrie auf.
Aragorn! rief sie voller Angst, denn sie hoffte nichts mehr, als daß Aragorn Faramir vor dem Tod bewahren würde.
Langsam wurden die Stimmen leiser, dann war wieder alles still.
Nein... flüsterte Eowyn. Das... nein...
Das kann nicht sein, wisperte Frodo von der Seite und stand auf, ging zur Tür und stellte sich unter den Luftdurchlaß.
Faramir! Wo bist du, Faramir?
Er fuhr damit für Minuten fort. Immer wieder rief er nach Faramir, unermüdlich und noch voller Hoffnung, dann rief er auch nach Aragorn, aber er bekam keine Antwort.
Sie waren zu weit entfernt, als daß sie den Kampfeslärm hätten hören können. Nichts, überhaupt nichts drang an ihre Ohren.
Faramir! rief Frodo ein letztes Mal, dann schloß er die Augen und lehnte sich schwer an die Tür.
Er durfte nicht tot sein.
Stille war draußen, sonst nichts. Unbarmherzige Stille.
Eowyn starrte mit leerem Blick an die gegenüberliegende Wand. Sie war nicht fähig, sich zu bewegen, sie verstand nicht, was Sam zu ihr sagte und selbst sagte sie auch nichts.
Ihre blauen Augen waren starr. Liliane stand auf und ging zu Eowyn hinüber, kniete sich neben sie und sah sie eindringlich an, doch dann wußte sie, was sie jetzt tun konnte.
Sie legte die Arme um die zitternde Frau und strich mit einer Hand vorsichtig über ihren Kopf, den Eowyn an Lilianes schmale Schulter lehnte.
Dann machte sie ihrer Verzweiflung Luft. Liliane hielt die weinende und laut schluchzende Eowyn fest in ihrer Umarmung und blickte zu Sam, selbst mit Tränen in den Augen.
Keiner sagte etwas, sie wußten alle nicht, welche Worte nicht lächerlich geklungen hätten.
Eowyn war so dankbar, daß Liliane da war und ihr Halt gab. Sie hielt sich an der kleinen Hobbitfrau fest, um nicht gänzlich in der tiefen Leere zu verschwinden, die in ihr aufklaffte.
Und Liliane konnte ihr das zurückgeben, was Eowyn zuvor für sie getan hatte.
Frodo blickte stumm zu Sam. Er mußte nichts sagen, sein sorgenschweres Seufzen sprach aus, was er dachte.
Faramir war tot. Er würde genausowenig zurückkehren wie Legolas. Eowyn hatte mitanhören müssen, wie ihr Mann dem Tode überlassen wurde.
Jetzt war alles aus. Es gab kein Entrinnen mehr, dessen war er sich sicher, aber er war froh, nicht woanders zu sein als bei seiner Frau und seinem besten Freund. Ohne sie würde er nicht leben können, also starb er mit ihnen.
Doch Eowyns Schluchzen zerriß ihm das Herz. Sicher konnten sie nicht sein, aber wie groß war die Wahrscheinlichkeit, daß Faramir noch lebte?
Er ließ sich schwerfällig neben Liliane nieder und starrte zu Boden. Er hatte die Hoffnung längst aufgegeben, aber er mußte seine Frau nur ansehen und konnte nicht unglücklich sein, denn er war noch bei ihr.
Er war es noch. Eowyn war jetzt allein.
Neuntes Kapitel
Pippin fing sich im letzten Augenblick auf, als ihn die Dunländer zurückstießen.
Faramir, flüsterte er und war nicht fähig irgendetwas anderes hervorzubringen. Er rannte wieder nach vorne und konnte gerade noch erkennen, wie Faramir ihm einen unendlich leeren Blick über die Schulter zurückwarf. Pippin wusste, es würde das letzte Mal sein, dass er seinem Freund in die Augen blickte. Dann schloss sich die Tür auch schon wieder und eine grausame Leere blieb zurück. Faramir war fort.
Pippin fiel auf die Knie und fühlte heiße Tränen seine Wange entlang strömen. Der Hobbit schluchzte und wusste sich nicht mehr zu helfen. Er hatte gesehen, wie man Faramir weggebracht hatte, er wusste, es würde für ihn der Gang zum Henker werden, sein letzter Weg, den er in seinem Leben antreten würde. Und Pippin hatte nichts tun können. Der Hobbit fühlte sich so hilflos, so machtlos, jetzt fühlte er wie schwach er war. Und nun begriff er allzu deutlich, dass sie alle verloren waren.
Faramirs letzter Blick, den er ihm eben zugeworfen hatte, die teichblauen Augen, die verrieten, dass der Mann wusste, was ihn am Ende des Weges erwartete, würde Pippin nie mehr vergessen. Pippin fühlte sich plötzlich von der Dunkelheit in diesem Raum erdrückt, sie nahm ihm regelrecht die Luft zum Atmen. Er spürte nackte Todesangst, die Panik griff nach ihm und wollte ihn nicht mehr loslassen.
Pippin schluchzte laut und fiel auf die Knie. Tränen fielen zu Boden und benetzten den kalten Stein. Verschont ihn, ich bitte euch! Ich bitte euch, lasst ihm doch sein Leben, rief Pippin verzweifelt und er wusste, dass es niemand von den Dunländern hören würde oder wollte.
Verschont ihn, flehte der Hobbit immer wieder, doch seine Stimme wurde immer leiser. Schließlich saß er wimmernd auf dem Boden. Er war ganz allein hier, er fühlte sich so einsam. Bilder drangen in sein Kopf. Bilder aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Pippin sah wieder wie er vor nicht allzu langer Zeit im Ringkrieg, Faramir gerettet hatte. Dadurch, dass er ihn vor den Flammen bewahrt hatte, die sein Vater Denethor entzündete, hatte den Hobbit und Faramir immer etwas besonderes verbunden. Pippin dachte wieder an das Gespräch, das er noch vor kurzem hier in der Zelle mit Faramir geführt hatte. Nun würden all die Ängste, die Faramir hatte, wahr werden... Und seine waren nun auch wahr. Man hatte ihm einen engen Freund genommen und ihn vor seinen Augen in den sicheren Tod geführt, man hatte dem Hobbit das letzte bisschen Halt genommen, das er noch gehabt hatte.
Pippin verstummte und seine Augen blickten ins Leere. Wie viel schlimmer konnte der Tod jetzt eigentlich noch sein? Es konnte sein, dass Wulf sie alle nach ihrem Tod versklaven würde, doch würde das schlimmer sei als jetzt? Waren sie ihm nicht jetzt schon ausgeliefert? Ihre Freiheit hatten sie bereits verloren, als man sie gefangen hatte und sie würden sie nie wieder erlangen, so viel wusste Pippin nun.
Der Hobbit hatte plötzlich das Gefühl allen Halt zu verliere, den er noch hatte. Mit Faramir war gerade das letzte bisschen Hoffnung verschwunden, das der Hobbit noch gehabt hatte. Faramir hatte ihm mit seiner bloßen Anwesenheit Trost und Schutz gespendet, doch nun war es leer hier in der Zelle. So gespenstisch leer...
Wieder kam Pippin das Gespräch zwischen ihm und Faramir in den Sinn. Hatte er nicht dem Statthalter gesagt, dass er ihn wieder beschützen würde, wenn er auf seinen Vater im Totenreich treffen würde? Der Hobbit fürchtete sich vor dem Tod, aber andererseits hatte er begriffen, dass es er ihm nicht erspart bleiben würde. Ob früher oder später, welche Rolle spielte das jetzt noch?
Kommt her ihr! Kommt her und nehmt mich mit! Hört ihr? Ich will mit ihm sterben, ich fürchte mich nicht, also kommt endlich und beendet es, brüllte der Hobbit aus Leibeskräften und erzitterte leicht. Er war verzweifelt, aber nur halb so entschlossen, wie er klang. Hastig stand Pippin auf und lief zur Tür. Immer wieder schlug er mit den Fäusten darauf ein. Kommt schon her. Kommt endlich! Wo bleibt ihr denn ihr gefühlslosen Mistkerle, setzte Pippin seine Rede weiter fort.
Pippin? Was um alles in der Welt machst du denn, erklang Bergils Stimme dumpf durch die Wand.
Zuerst hörte der Hobbit ihn nicht, doch in einer Pause, die er einlegen musste, weil seine Stimme versagte, drang die warme Stimme des jungen Leibwächters an sein Ohr.
Bergil, Bergil, sie haben Faramir mitgenommen! Sie haben ihn geholt und werden ihn töten, sie..., begann Pippin aufgebracht zu rufen.
Pippin... Du musst ruhig bleiben! Ich habe es gehört. Und es ist schrecklich, aber wir müssen versuchen Ruhe zu bewahren, redete Bergil beschwichtigend auf den Hobbit ein.
Ruhe? Bergil, wir sind so gut wie tot! Es ist nur noch eine Frage der Zeit, niemand wird verschont werden! Es gibt keine Hoffnung mehr, es gibt keine Rettung mehr, es ist vorbei..., erwiderte Pippins Stimme tonlos.
Pip..., erklang plötzlich eine wohlbekannte Stimme.
Merry..., murmelte Pippin aufgeregt.
Pip... Weißt du noch wie hoffnungslos alles im Ringkrieg war? Und weißt du noch, wie ich dir gesagt habe, wir würden das Auenland wiedersehen, drang Merrys Stimme an Pippins Ohr und ließ ihm erneut die Tränen in die Augen schießen.
Natürlich erinnere ich mich daran, Merry. Wie könnte ich das vergessen, schluchzte Pippin.
Irgendwo ist immer noch ein Stück Licht, selbst wenn sich alles in Dunkelheit hüllt. Irgendwo gibt es noch Hoffnung Pip... Wir werden das Auenland wiedersehen, sagte Merry beinahe genauso entschlossen, wie er es schon einmal gesagt hatte.
Er lügt doch, Peregrin Tuk, du weißt es..., hauchte dem verängstigten Hobbit eine unheimliche Stimme ins Ohr. In diesem Moment wurde Pippin schwarz vor Augen. Doch der Hobbit wurde nicht bewusstlos, eher war es ihm so, als würde er plötzlich in einem stockdunklen Raum sitzen, in den kein Licht hineinfiel. Beinahe dachte Pippin schon er wäre erblindet, denn als er die Hand vor die Augen nahm, fühlte er, dass sie geöffnet waren, doch konnte er nichts sehen. Plötzlich entstanden neben ihm Mauern, die Wände bildeten. Kerzenleuchter wuchsen aus diesen neu entstandenen Wänden heraus und erhellten den Raum, in dem der Hobbit war. Schlingen schienen urplötzlich von der Decke herabzuwachsen und schwangen in einem gespenstischen Rhythmus hin und her. Pippin sprang auf die Beine und hastete rückwärts durch den Raum. Wie kam er hier rein?
Merry? Bergil, rief der verängstigte Hobbit, doch niemand antwortete ihm. Seine Freunde waren doch eben noch da...
Pippin glaubte das Herz würde ihm aus der Brust springen. Nackte Angst packte den Hobbit und unwirsch fuhr er herum. Die Luft um ihn herum schien zu flimmern und immer noch wuchsen aus der Decke diese beängstigenden Schlingen. Pippin wich zurück und stieß plötzlich mit dem Rücken gegen etwas Weiches. Begleitet von einem Entsetzensschrei fuhr er herum, stolperte und fiel auf den Rücken. Mit panischem Blick sah er auf und erkannte Faramir! Der Mann Gondors hatte eine Schlinge um den Hals, die sich weit zugezogen hatte. Würgemale zeichneten sich auf seinem Hals ab und Pippin erkannte Kratzspuren an seiner Kehle, als hätte er versucht sich zu befreien. Faramir hing nur an dem Seil um seinen Hals in der Luft und unter ihm lag ein umgestürzter Hocker. Starr vor Entsetzen konnte Pippin sich weder bewegen, noch brachte er irgendein Geräusch hervor. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund starrte er seinen Freund an, der genau wie die Schlingen in dem Raum hin und her pendelte. Die einst teichblauen Augen starrten den Hobbit an, glasig und schrecklich blutunterlaufen. Nichts hatten sie mehr gemeinsam mit den Augen, die Pippin so oft schon vertrauensvoll angeblickt hatten.
Pippin schrie. Vor Angst, vor Entsetzen, vor Trauer. Er wusste, das was er gerade sah, war wahr. Der Hobbit schrie so laut er konnte, bis ihm fast der Atem ausging. Auf gespenstische Weise wiegte Faramir immer noch hin und her und mit jedem Pendeln, ertönte ein Quietschen, von der Schlinge ausgehend, die im Stein der Decke verankert war.
Pippin glaubte das Herz würde ihm stehen bleiben vor Angst, als er sah, wie Faramirs Hände hin und herschwangen und seine rechte Hand fast anmutete, als würde sie ihn zu sich winken.
Pippin... Sieh, dein Freund winkt dich zu sich... Ins Totenreich sollst du ihm folgen, er winkt dich in den Tod... Hast du ihm nicht versprochen zu folgen? Geh..., raunte eine Stimme, die vom Tod selbst zu kommen schien.
Pippin konnte nur den Kopf schütteln. Sein Kiefer bebte vor Angst und seine Beine wollten nicht gehorchen und dafür sorgen, dass er aufstand.
Folge ihm... Du hast es ihm versprochen..., wisperte die Stimme, doch erneut schüttelte der Hobbit nur den Kopf. Die Furcht lähmte ihn, kein Muskel wollte sich bewegen und das Quietschen der Schlinge ließ ihm eine Gänsehaut über den Rücken rennen.
Neben Faramir erschien plötzlich eine Gestalt, die Pippin erst nicht erkannte, doch nach und nach nahm sie für den Hobbit erkennbare Umrisse an. Pippin schluckte, als er erkannte wer es war.
Mein Sohn... Er ist zu mir gekommen... Wieder vereint im Reich der Toten..., donnerte Denethor mit kalten Augen. Sein Körper schimmerte, wie der der anderen Geister auch, die Pippin bisher gesehen hatte.
Versporchen hast du es Pippin... Folge ihm..., raunte wieder diese Stimme, die Pippin fast um den Verstand brachte vor Angst.
Wieder rührte sich der Hobbit nicht. Immer noch konnte er sich nicht von dieser Angst befreien, die ihn festhielt.
Du bist ein Verräter. Du hast gesagt du würdest bei mir sein, hier wo die Finsternis überwiegt. Du hast nichts getan, als sie mich aus unserem Gefängnis geholt haben, du bist schuld, dass ich nun den Tod fand. Und nun weigerst du dich zu mir zu kommen, schämen solltest du dich, Pippin, sprachen Faramirs blau gefärbte Lippen und seine glasigen Augen starrten Pippin so an, dass er merkte, wie ihm kurz das Herz aussetzte.
Faramir.. Ich... Mein..., stotterte Pippin und seine Stimme war so leise, dass sie kaum zu hören war.
Komm her... Und folge mir endlich, unterbrach ihn Faramirs kratzige Stimme.
In dem Moment wurde Pippin schlagartig bewusst, dass es nicht sein Freund war, mit dem er hier sprach. Faramir hätte so nie mit ihm gesprochen! Es war eine Falle. Schon einmal hatten diese Geister ihn in die Falle locken wollen und sie schienen es wieder zu wollen...
Pippin sprang auf und lief zur nächsten Wand. Bis er beinahe die Besinnung verlor schlug er auf den kalten Stein ein. Lasst mich raus hier..., rief der Hobbit immer wieder.
Bald war er so geschwächt, dass er sich nur noch ängstlich vor die Wand kauern konnte. Als er nach scheinbar endlos langer zeit wieder aufblickte, konnte Pippin nur noch den toten Faramir mitten im Raum hängen sehen. Denethor war verschwunden und auch alle anderen Schlingen. Auch die Kerzen an den Wänden waren nicht mehr da, aber dennoch war der Raum hell erleuchtet, wie von Geisterhand selbst.
Pippin schluchzte. Er hatte solch eine Angst.
Sterben wirst du so oder so... Also was lässt dich jetzt zögern, Peregrin, war wieder die kalte Stimme zu hören, die zu dem zitternden Hobbit sprach. Sie kam nicht von Faramir, dieser hing wieder leblos an der Schlinge, wie schon anfangs. Auch seine leblosen Augen blickten wieder starr ins Nichts und fixierten Pippin nicht mehr.
Komm schon.. Hier gibt es keine Angst, lockte ihn die Stimme weiter und erzielte endlich einen Erfolg. Der Hobbit empfand die Worte fast schon tröstend, sie wirkten nicht mehr kalt und beängstigend wie zuvor. Er konnte jetzt und hier der Angst ein Ende machen und zu seinem Freund gehen, der immer noch mit der rechten Hand gespenstisch winkte und ihn so zu sich holen wollte.
Langsam stand der Hobbit auf. Seine Augen waren rot von den vielen Tränen, die er vergossen hatte und er fühlte sich ausgemergelt. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und kam so dem toten Faramir immer näher.
Pippin stand beinahe vor ihm, als er plötzlich lauschte und stutzte. Dumpfe Stimmen drangen an sein Ohr, die seinem Kopf selbst zu entspringen schienen.
Pippin, was tust du? Hör mir zu, was immer du auch tust, du darfst es nicht machen, erklang eine wohlbekannte Stimme. Es war Bergils, aber sie war so leise und undeutlich, war so unsagbar fern.
Pippin streckte die Hand nach Faramirs aus und in dem Moment erklang wieder eine Stimme, hell und klar. Pippin, tu das nicht..., es war Faramirs!
Doch nicht der Tote vor ihm sprach, die Stimme schien von woanders her zu kommen. Verwirrt blickte sich der Hobbit um und wurde such bewusst, dass der Raum um ihn herum wieder verschwand. Alles löste sich im Nichts auf und was blieb, war die Dunkelheit.
Das nächste, was Pippin fühlte, war eine Schlinge um seinen Hals, die an einem Kerzenleuchter an der Wand befestigt war. Der Hobbit blickte sich um und fand sich in dem Gefängnis wieder, wo er schon seit geraumer Zeit saß und in dem er nun alleine war, weil Faramir vor nicht allzu langer Zeit hinausgeführt wurde.
Hektisch machte sich der Hobbit die Schlinge vom Hals und erkannte, dass es sein eigenes Hemd war, das zu der Schlinge geworden war. Sein Oberkörper war frei und das Hemd war fein säuberlich zusammengedreht und an dem Kerzenleuchter befestigt worden. Doch niemand war im Raum und Pippin wurde schlagartig bewusst, dass er es selber zur Schlinge gemacht haben musste!
Pippin, erklang plötzlich wieder eine Stimme durch die Wand, die der Hobbit einwandfrei als Bergils erkannte.
Ja... Ich bin hier, raunte Pippin, der noch überhaupt nicht begriff, was gerade geschehen war. Als der Hobbit zur Seite blickte erstarrte er wiederrum vor Schreck, den neben ihm schimmerten zwei Gestalten, die ganz offensichtlich Geister waren! Beim genaueren Hinsehen erkannte der Hobbit sie als Faramir und Legolas!
W.. Wie... Was, begann er zu stammeln.
Pippin.. Nichts, was du eben gesehen hast ist geschehen. Es war eine Vision, ausgelöst von den Geistern, die dich in den Tod treiben wollen. Du hast plötzlich geschrieen und bist in der Zelle herumgewandert. Du hast meinen Namen gerufen und hast begonnen aus deinem Hemd eine Schlinge zu fertigen. Du wolltest dich in deiner Vision erhängen, ohne, dass du es bemerkt hast. Bergil und Merry haben die ganze Zeit nach dir gerufen, sie haben gehört, was du tun wolltest, erklärte Faramir ruhig.
Pippin rutschte die Wand entlang zu Boden und blieb verstört sitzen. Er hatte das Gefühl den Verstand zu verlieren und der Hobbit war näher daran, als ihm wirklich bewusst war.
Ihr seid..., begann er einen Satz, doch er vermochte ihn nicht zu ende bringen.
Geister. Leider. Wir sind tot, Pippin, aber nichts ist deine Schuld, führte Faramir den Satz zu Ende.
Die... Vision....
Wir haben sie auch gesehen, Pippin. Wir wissen, was du gerade gesehen hast und nicht alles ist eine Lüge. Doch du musst jetzt stark sein. Faramir würde dich nie zu sich rufen, das waren die Geister, die dir übel mitgespielt haben, schaltete sich Legolas in das Gespräch mit ein.
Faramir nickte wie zur Bestätigung mit dem Kopf und Pippin konnte auch bei seinem Geist die Würgemale am Hals erkennen. Sogar die Schlinge hing wie eine Kette darum und ließ den Hobbit unwillkürlich anfangen zu schluchzen. Ganz unwahr, war die Vision nicht...
Bergils Stimme ertönte ein weiteres Mal, zusammen mit Merrys und Legolas schwebte, auf ein Zeichen von Faramir hin, durch die Wand um die Beiden von den Geschehnissen zu unterrichten und zu erklären, dass keine Gefahr mehr drohte, denn die Beiden hatten mit anhören müssen, wie Pippin sich scheinbar umbringen wollte. Dass es die Geister waren, die den Hobbit unbewusst dazu trieben, konnten sie nicht wissen und selbst wenn, hätten sie es kaum mehr verhindern können.
Pippin, alles wird gut, trauere nicht um mich und vergiss das, was du eben gesehen hast, sagte Faramir und schwebte vor den kleinen Hobbit.
Pippin sah ihn mit tränennassen Augen an und die Unsicherheit und die vielen Fragen standen ihm förmlich im Gesicht. Mit kurzen Sätzen erklärte Faramir Pippin was geschehen war und wie er jetzt als Geist hierher kam. Er berichtete von Legolas und sprach dem Hobbit Mut zu.
Wie gerne Hätte Pippin jetzt seinen Freund umarmt, doch das ging nun nicht mehr.
Dein Vater... Ist er hier, wollte Pippin nach einer Zeit wissen, in der er seine Fassung wieder etwas wiedererlangt hatte.
Faramir schüttelte den Kopf. Nein, er ist nicht hier. Hier sind nur die Geister, die von Wulf festgehalten werden, so wie Legolas und ich.
Wie soll ich wissen, was Vision ist und was nicht... es war so täuschend echt und ich habe nicht gemerkt, was ich währenddessen tat. Ich sah dich und bin auf dich zu gegangen in meiner Vision und in Wirklichkeit habe ich mir eine Schlinge geknüpft... Wie soll ich Wahrheit und Lüge auseinander halten, fragte Pippin irgendwann.
Es ist schwer, die Geister dringen in deine Gedanken ein, lassen dich Dinge sehen, die es nicht gibt und lassen dich Dinge tun in der Wirklichkeit, von denen du nichts merkst. Ich war auch vorhin in deinen Gedanken, sonst hätte ich dich nicht zurückholen können aus der Vision und deshalb weiß ich auch was du gesehen hast! Du, Pippin, hättest es aber wissen können, dass es nicht echt war, ich würde dir nie derartige Vorwürfe machen, antwortete Faramir ruhig.
Der Hobbit nickte. Aber in der Vision war auf einmal alles so echt...
Hör zu, Pippin. Noch ist nicht alles verloren! Aragorn ist noch frei und wir sind jetzt zwar Geister, aber wir können euch vielleicht noch helfen. In Wulfs Nähe sind wir machtlos, aber vielleicht können wir euch Informationen liefern und aufpassen, dass nicht wieder so etwas wie eben passiert.
Pippin zog sich langsam sein Hemd wieder an. Er konnte nicht sagen warum, aber er fühlte sich etwas besser.
Was wird jetzt geschehen, fragte Pippin.
Legolas und ich haben Aragorn und einen Dunländer namens Taidoloth getroffen, der auf unserer Seite ist. Gimli ist auch bei ihnen und sie schmieden einen Plan zu eurer Rettung. Legolas und ich können jetzt nicht mehr kämpfen, aber wir sind trotzdem an eurer Seite, erklärte Faramir.
Das ist gut zu wissen, Faramir. Ich war so verzweifelt, es tut mir alles so leid, raunte Pippin.
Du kannst nichts dafür. Was geschehen ist, kann nicht mehr geändert werden, aber wir können vielleicht das verhindern, was euch bevorsteht und nur darauf kommt es jetzt noch an, sagte Faramir und betrachtete sich seinen kleinen Freund, der ein klein wenig Hoffnung wieder erlangt hatte.
Taidoloth war zutiefst berührt durch den Ausbruch des neben ihm an die Wand gelehnten Königs. Er sah zum ersten Mal seit Jahren jemanden, der so stolz, so unbeugsam, so stark und doch so anteilnehmend war. Anders als beim kleinen Frodo, dessen Empfindsamkeit ihn nicht überrascht hatte, hatte er bei Aragorn, König Gondors, nicht mit Tränen und derart sichtlichem Entsetzen gerechnet.
Aber was war daran so unterschiedlich - Frodo war zu seiner Frau geeilt und Aragorn trauerte um einen Freund, wollte die anderen gleichzeitig nicht im Stich lassen, aber er konnte sie allein nicht retten.
Mein Herr, flüsterte Taidoloth. Aragorn sah ihn mit tränennassen Augen an.
Mein Herr, es ist nicht Eure Schuld, ich hatte Euch doch gesagt, daß ihr ihn nicht retten könnt, aber die anderen, die können wir retten.
Aragorn senkte den Blick. Er schämte sich nicht seiner Tränen, er schämte sich seines Versagens, er hatte Faramir nicht retten können und nun war er tot. Wie sollte er Eowyn das erklären?
Glaubst du das wirklich? Wulf wird das niemals zulassen! Er will sie alle für seine Zwecke töten und auch mich wird er wollen, aber ich bin ja davongerannt wie ein Feigling. Noch bin ich nicht tot, aber wie sollen die anderen überleben?
Ich kann nur vermuten, was er will, begann Taidoloth. Aragorn hörte aufmerksam zu, wähend er sich mit seiner blutverschmierten Hand die Tränen wegwischte. Er mußte mit Faramirs Tod leben, es half nichts.
Diese Geisterstadt ist außergewöhnlich. Sie ist der einzige Ort, den ich kenne, wo seit langen Jahren Tote und Lebende gemeinsam verweilen. Ich habe davon gehört, daß es hier einen Ort gibt, wo die Toten zurück in unsere Welt übertreten können. Ich vermag zwar nicht zu sagen, welches Ritual einen Toten zurück in unsere Welt bringen könnte, aber ich gehe davon aus, daß Euer Tod und der Eurer Freunde damit zusammenhängen.
Aragorn konzentrierte sich. Taidoloth war dabei, ihm etwas wichtiges mitzuteilen, also durfte er derweil nicht in Selbstmitleid versinken.
Ich habe mich immer gefragt, warum sie uns nicht an Ort und Stelle getötet haben, das wäre weitaus einfacher für sie gewesen. Wulf hätte nicht warten müssen... glaubst du, daß dies seine Absicht ist? Ist es nicht nur simple Rache?
Daran glaube ich nicht, mein Herr. In meiner Vergangenheit habe ich vieles über Wulf lernen müssen, weil er auch aus dem Totenreich heraus über unser Volk zu herrschen vermochte. Es grämte ihn zutiefst, daß er nicht als Lebender noch mehr Terror über die Lande Rohans bringen konnte. Ich glaube diesmal nicht, daß es nur um Rache geht, denn in diesem Falle hätten die Männer euch sofort getötet und nicht hergebracht. Das ergibt keinen Sinn. Er verfolgt irgendeine Absicht!
Die beiden sahen sich für einen Moment schweigend an.
Du glaubst also, murmelte Aragorn, daß er wieder ins Reich der Lebenden zurückkehren will? Wie will er das anstellen?
Ich weiß nicht genau. Wir müßten nun zurückgehen und sehen, was er mit dem Leichnam Eures Freundes tut. Scheinbar ist es auch wichtig, daß ihr alle hier seid und sterbt.
Aragorn nickte. Und zwei sind schon tot...
Zwei? Haben sie noch jemanden getötet?
Um Taidoloths Frage zu beantworten, sprach Aragorn sehr widerwillig über Legolas und wie er den sterbenden Elben hatte erblicken müssen. Taidoloth erstarrte, als er dem König zuhörte.
Das ist entsetzlich... oh, mein Herr, ist Euch etwas aufgefallen? Was haben sie mit ihm gemacht?
Er... er hat so schrecklich geblutet, ein Behältnis stand unter ihm, damit das Blut aufgefangen würde. Ich erinnere mich daran, weil ich es so grausam fand...
Taidoloths Augen wurden diesmal groß.
Das Blut aufgefangen? Dann weiß ich, was er vorhat!
Aragorn verstummte fast mitten im Satz. Diesmal war es an Taidoloth, eine Erklärung zu liefern.
Es gibt einen Ort hier unter diesem Berg, der eine Schwelle zwischen den Welten bildet. Wulf kann nur zurück, wenn er auf seine Art dafür bezahlt: nur das Blut seiner Feinde kann ihm eine Gestalt verleihen. Wenn es noch einige seiner Knochen gibt und sie auf dem alten Ritualstein mit dem Blut in Berührung kommen, wird er wieder zum Menschen und noch dazu sehr stark...
Aragorn blickte nachdenklich drein. Jetzt war klar, was Wulf wollte, warum er sie alle töten und vorher rachsüchtig quälen wollte... und er brauchte vor allem Eomers Blut, aber auch das seine und Legolas unsterbliches Elbenblut war es wohl, was ihm noch diese Stärke verleihen würde... er würde so vieles in sich vereinen und dadurch nahezu unbesiegbar!
Er überlegte. Für Faramir konnte er nichts mehr tun, Wulf würde sich am Blut seines Freundes bereits bereichern und er konnte nur sehen, daß er die anderen rettete...
Je mehr Blut er von uns hat, umso mächtiger wird er! Aber warum wartet er? Braucht er es alles auf einmal? Warum im Namen der Valar tötet er sie nicht einfach? fragte er Taidoloth.
Das ist das Spiel seiner Rache, mein Herr, er will, daß Ihr und Eomer zuletzt übrig seid und die anderen habt sterben sehen. Es soll langsam gehen, damit alle vor Todesangst nicht mehr ein noch aus wissen. Und er braucht alles Blut auf einmal, nacheinander kann er es nicht verwenden. Und je mehr er hat, umso stärker wird er, das seht Ihr richtig. Aber er wird Eure Freunde auch so noch foltern und quälen...
Das hat er doch längst.
Wie meint Ihr das?
Es ist bereits zu spät. Eowyn ist verletzt, ihr Mann ist tot. Bergil wäre auf dem Weg hierher fast entmannt worden, mir hat man drei oder vier Rippen gebrochen, ich weiß es nicht. Legolas wurde zu Tode gequält und Frodos Frau geschändet...
Taidoloth erstarrte.
Das meint Ihr nicht im Ernst!
Doch, und wie ich das meine. Ich habe den Kampf mitanhören müssen, ich habe sie schreien, weinen und betteln hören, du machst dir gar keinen Begriff davon, wie ich mich gefühlt habe. Frodo ist zwar nun bei ihr, aber ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wie es sie verletzt haben muß. Sie und Legolas, die beiden beschäftigen mich noch am allermeisten, und Faramir... aber zwei sind bereits tot. Wir müssen den anderen helfen, aber ich weiß nicht, wie...
Taidoloth starrte düster vor sich hin. Er hatte es gefürchtet, Frodo war zu spät gekommen, der Elb war bereits tot und würde von Wulf festgehalten werden in seiner sklavischen Welt, Faramirs Leichnam würde wohl in diesem Moment um seines Blutes Willen geschändet - es war nur eine Frage der Zeit, bis Wulf sich die nächste Teufelei einfallen ließ.
Ich weiß es, sagte er, einer plötzlichen Eingebung folgend.
Ich bin einer von ihnen. Ich sehe auch so aus wie einer von ihnen. Sie haben mich seit Jahren nicht gesehen und erinnern sich wohl kaum sofort an mich, also kann ich mich auch als Mensch in Richtung der Zellen vortasten, ohne aufzufallen. Als Werwolf würde ich mehr auffallen. Ich komme einfach so an sie heran! Bevor irgendjemand merkt, daß ich eigentlich ihr Feind bin, habe ich auch schon alle befreit. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht, oder?
Nein, erwiderte Aragorn. Wegen dem vor den Zellen aufklaffenden Abgrund schließt sich so viel aus. Sie sind so schwer bewaffnet und zahlreich, wir kämen nie ungesehen an ihnen vorbei auf die Brücke und mit Schlüsseln zu den Verliesen. Wir sind nur zu zweit, ich will nicht unnötig Zeit damit verschwenden, Gimli zu suchen, denn ob wir nun zwei oder drei Kämpfer sind, macht nicht den Unterschied. Es würde aber wertvolle Zeit und Leben kosten...
Taidoloth stimmte ihm in allen Punkten zu. Sie mußten jetzt sofort handeln und aufbrechen. Zähneknirschend erhob Taidoloth sich und hielt sich den linken Arm mit der Hand, denn er hatte beim Fluchtkampf eine tiefe Schürfwunde davongetragen, die noch immer heftig blutete. Er hatte es erst spät gespürt und wollte nichts sagen, aber diesmal bemerkte Aragorn den Schmerz seines jungen Begleiters und diesmal war er es, der helfen wollte. Einem plötzlichen Gedanken folgend, zog er ein noch immer weißes, mit Silberfäden im Muster des Wappenbaums Gondors besticktes Taschentuch hervor, faltete es sorgfältig und breit, dann band er es Taidoloth um den Unterarm.
Ich hoffe, es ist noch einigermaßen sauber, es war ein Geschenk, aber jetzt soll es dir gute Dienste leisten. Wir wollen ja nicht, daß deine Blutstropfen unseren Weg verraten! erklärte Aragorn augenzwinkernd.
Taidoloth lächelte dankbar, dann griffen die beiden zu ihren Schwertern und machten sich auf den Weg.
Der Weg führte sie durch ein paar dunkle Gänge. Aragorn schweifte mit seinen Gedanken ab, er konnte immer noch nicht verwinden, was geschehen war. Er hatte Faramir nicht retten können und tief in seinem Herzen wusste er das. Aber es war ein Teil seines Wesens sich Vorwürfe zu machen. Sein Gewissen quälte ihn und die bohrende Frage, ob es nicht doch eine Möglichkeit gegeben hätte seinen Statthalter zu retten durchzuckte immer und immer wieder seine Gedanken. Der Gedanke daran, dass man Faramirs toten Körper seines Blutes berauben würde ekelte ihn. Genauso wie es ihn bei Legolas geekelt hatte.
Und der schmerzliche Gedanke, dass Eowyn nun allein war und ihren Mann verloren hatte erschwerte Aragorns Herz. Wie sollte er ihr jemals sagen, dass er ihren Mann nicht hatte retten können? Würde sie es verstehen? Aragorn war sich sicher, dass keine liebende Frau das verstehen konnte. Der König schüttelte den Kopf. Es war nicht seine Schuld, es war von Anfang an Wulfs Plan gewesen Faramir zu töten! Ihn selbst traf keine Schuld!
Zurück, Herr Aragorn, ordnete Taidoloth plötzlich barsch an und schob Aragorn zurück in den Gang. Geister, zischte der junge Dunländer und wollte sich in einen Werwolf verwandeln um seine Tarnung nicht so schnell auffliegen zu lassen, doch da schimmerten bereits vor ihnen zwei Gestalten, die noch unkenntlich waren, doch Taidoloth wusste bereits, das sie entdeckt worden waren. Sofort wurde er von Verzweiflung ergriffen. Sollte das schon das Ende ihres Versuches sein die anderen zu retten, noch bevor er angefangen hatte?
Taidoloth wich zurück und stellte sich schützend vor Aragorn. Zu erst sollten die Geister ihn haben und dann erst würden sie Aragorn bekommen.
Aragorn linste über die Schulter seines neuen Freundes hinüber und versuchte die Gestalt der Geister zu erkennen. Und plötzlich stutzte er.
Der eine Geist blickte ihn mit zwei tief blauen Augen an. Aschgraue, lange Haare wehten nach hinten und färbten sich langsam hell. Ein edles und gütiges Gesicht zeichnete sich aus der schillernden Gestalt ab und Aragorn kämpfte unweigerlich mit den Tränen als er den ersten Geist deutlich erkannte. Legolas? Wie ist das möglich, fragte er mit zitternder Stimme und bemerkte gar nicht, wie er Taidoloth zur Seite schob und zu den schillernden Gestalten trat.
Ja, mellon nin. Deine Augen trügen dich nicht, antwortete die Gestalt vor ihm ruhig.
Aber du bist tot! Ich habe dich sterben sehen, flüsterte Aragorn und verlor ein paar Tränen, die den kalten Stein unter ihm benetzen.
Der Tod ist nicht das Ende. Aber schwer ist es zu ihm zu gelangen, wenn dich so starker Schmerz auf deinem letzten Weg begleitet. Schmerzvoll bereiten die Dunländer einem den Tod und selbst, wenn er dich geholt hat und in das Reich hier geführt hat, herrscht Wulf über die Seele der Gestorbenen! Und deswegen sollt ihr hier nicht sterben....
Aragorn drehte seinen Kopf ein Stück und erkannte den zweiten Geist nun endlich. Faramir, presste er tonlos hervor. Deutlich erkannte der König seinen treuen Statthalter und zu deutlich sah er die Wunden an dem Geist, die Faramir das Leben genommen hatten.
Aragorn... Ich weiß, was du mir jetzt sagen willst, aber wie du bereits gesagt bekommen hast und wie du es selber auch weißt, hattest du keine Chance. Sie hatten nie vor mich laufen zu lassen und ich wusste das. Ja, ich bin tot und mich selbst stürzt es in die Verzweiflung, aber was geschehen ist, ist geschehen. Es kann nicht rückgängig gemacht werden! Faramirs Stimme klang ruhig und gefasst, aber Aragorn sank unweigerlich in die Knie. Sein Atem erschwerte sich, sein Herz begann zu rasen und ein Grollen verließ plötzlich seine Kehle.
Taidoloth, der die ganze Zeit eher abseits gestanden hatte, sprang zu Aragorn hin und legte ihm die Hände auf die Schultern. Ein grünlicher Schimmer erschien um Aragorn herum und seine Augen begannen gefährlich zu glitzern.
Ruhig... Ihr dürft die Trauer und den Zorn nicht zu stark werden lassen, sonst weckt ihr das Tier in euch, sagte Taidoloth beruhigend.
Aragorn focht den Kampf in seinem Inneren aus und seine menschliche Seite brauchte viel Kraft dazu.
Denkt an etwas Schönes, dann drängt ihr das Tier zurück, wisperte Taidoloth und spürte, wie sich Aragorn langsam verwandelte.
Durch Aragorns Kopf schossen so viele Gedanken und Bilder. Doch am meisten drängen sich die Bilder von Legolas sterbenden Augen und Faramirs letzte Worte in den Sinn.
Doch dann suchte er verzweifelt nach etwas schönem und er dachte daran, wie er zum ersten Mal Arwen erblickt hatte. Er rief sich das Gefühl zurück in seine Erinnerung und es durchströmte ihn fast beruhigend. Seine Augen wurden plötzlich wieder menschlich und das Grollen verschwand mit dem Schimmern um ihn herum. Taidoloth half ihm sich hin zu setzen und er kam nicht umhin, dass ihn der Gedanke kurz durchzuckte, dass dieser Mann nicht im Stande war jemanden zu retten. Aragorn war schwach und er konnte den Wolf nicht zurückhalten. Als hätte Aragorn seine Gedanken gelesen, sagte er: Es wird uns gelingen, es muss uns gelingen....
Legolas und Faramir starrten Aragorn an. Ihre toten Seelen fühlten, dass etwas in Aragorn schlummerte, das zu erwachen drohte.
Er wurde gebissen... Er ist ein Werwolf, begann Taidoloth seine Erklärung. Aragorn schloss kurz die Augen und sammelte seine Kräfte wieder, während Taidoloth Legolas und Faramir aufklärte.
Wir können euch nicht im Kampf zur Seite stehen, aber wir können in die Gefängnisse der anderen. Vielleicht können wir ihnen so Hoffnung geben und von eurem Vorhaben berichten, schlug Faramir vor.
Ja. Aber seid auf der Hut vor anderen Geistern. Sie könnten uns verraten, gab Taidoloth zu bedenken.
Das werden wir, antwortete Legolas und lächelte Aragorn zu, der es fast als eine Erlösung empfans seinen Freund noch einmal lächeln zu sehen. Ebenso tat es Faramir und in Aragorn flammte die Entschlossenheit auf, die anderen vor ihrem Schicksal zu bewahren.
Wir sind an eurer Seite, das sollt ihr beide wissen. Wir werden bei euch sein, ganz egal wie es ausgehen mag, sagte Legolas ernst und beobachtete, wie Aragorn sich hochrappelte und sehr entschlossen aussah seinen Plan durchzuführen. Legolas glaubte Aragorns starken Willen zu erkennen und auch den seines neues Freundes. Er war zuversichtlich, dass den beiden die Rettung glücken könnte...
Wisst ihr, wo Wulf ist, wollte Taidoloth zum Schluss noch wissen. Er befürchtete dem grausamen Herrscher noch in die Arme zu laufen.
Bei meinem Körper, raunte Faramir tonlos und hielt seinen Arm in die Höhe. Wie von geisterhand bildete sich plötzlich vor ihren Augen ein klaffender Schnitt, der an Faramirs Handgelenk ansetzte und bis hinauf zu seiner Armbeuge ging. Sie holen mein Blut, Wulf ist bei ihnen...
Aragorn machte ein entsetztes Gesicht.
Ich kann es nicht mehr fühlen! Und Wulf ist somit abgelenkt und eure Chancen stehen besser, erklärte Faramir.
Aragorn beobachtete, wie sich ein weiterer Schnitt an Faramirs zweitem Arm bildete, doch sein Geist zeigte keine Rührung. Aragorn nickte und sah seine Freunde wehmütig an. Ihr werdet mir fehlen....
Diejenigen, die unser Leben bereichern und um die wir trauern, werden nie ganz verschwinden..., sagte Legolas und lächelte erneut.
Faramir nickte zustimmend. Nun geht, die Zeit ist knapp bemessen! Wir sind bei den anderen.
Aragorn und Taidoloth nickten und sahen mit an, wie die beiden Geister erst verblassten und schließlich verschwanden.
Seht ihr, nichts ist wirklich endgültig, murmelte Taidoloth an Aragorn gewand.
Ja... Und du glaubst gar nicht, welch ein Mut das in mir entflammt. Lass uns gehen und kämpfen, zu lange schon spielt Wulf seine Macht aus, antwortete Aragorn ernst und lief durch den Gang. Taidoloth folgte ihm, die Rettung musste glücken!
Zu allem entschlossen, schlichen die beiden voran, sie verließen ihr sicheres Versteck, um diesmal ihre Freunde in Sicherheit zu bringen. Im Flüsterton beschlossen sie, daß Aragorn sich im Hintergrund halten sollte, um Taidoloth Rückendeckung zu geben, denn wenn er sich zeigte, flogen sie sofort auf.
Die düsteren Gänge schützten sie noch. Geisterstimmen drangen an ihre Ohren, sie wurden vermutlich beobachtet, aber sie ließen sich nicht erschrecken. Wulf war sicherlich noch mit Faramir beschäftigt.
Sie gelangten tiefer in den Berg, bis sie endlich in die große Halle gegenüber der kleinen Zellen gelangten. Alles war ruhig. Es war gut ein halbes Dutzend Wachen an der Holzbrücke postiert, de im Moment nicht über den Abgrund führte, sondern weggezogen war. Insgeheim fluchte Taidoloth, denn das machte es nicht leichter.
Viel Glück, mein Freund, flüsterte Aragorn und klopfte Taidoloth ermutigend auf die Schulter. Er blieb zurück in dem dunklen Gang, während Taidoloth ins Licht trat und sich den Wachen näherte. Sein Herz drohte fast zu zerspringen.
Oh, Gesellschaft, sagte einer der Männer beiläufig, als er Taidoloth bemerkte. Noch war nichts aufgefallen.
Ja, erwiderte Taidoloth mit halbseidenem Grinsen. Ich dachte, hier könnte ein wenig Spaß zu finden sein.
Einer der Dunländer lachte laut. Oh, den gibt es hier. Es ist schon sehr amüsant mit den frechen Gefangenen! Der König Rohans freut sich schon, daß er der nächste ist, der sterben wird. Seit Elessar geflohen ist, verliert Wulf die Geduld. Und die anderen rasten ohnehin völlig aus. Der Ringträger häte sich von mir die Hand abhacken lassen, nur damit Bornelos seine Frau nicht ein zweites Mal ordentlich rannimmt!
Grölendes Gelächter war die Antwort auf seinen Spott, Bornelos trat vor und musterte Taidoloth interessiert, weil dieser nicht lachte und fast abwesend dreinblickte.
Was ist mit dir? fragte er. Willst Spaß und amüsierst dich dann nicht mit uns?
Es ist doch widerlich, sie ist ein Halbling! Die sind nicht größer als Kinder! Wirklich erbärmlich, erwiderte Taidoloth ehrlich, aber nicht unüberlegt. Seine Provokation zeigte auch Wirkung.
Was sagst du? Na, falls die dir Kleine nicht paßt - auch wenn es eine wirklich nette Erfahrung war - dann gibt es da immer noch Faramirs Frau, die doch so allein ist...
Das klingt besser. Zeigst du sie mir? fragte Taidoloth und glaubte nicht, daß seine Stimme da sprach, weil es seinem Wesen in keinster Weise entsprach. Niemals würde er jemanden so quälen können wie diese Kerle es taten.
Sicher doch! Dafür bin ich zu haben, antwortete Bornelos. Taidoloth schnappte nach Luft. Jetzt kam es darauf an.
Hinter seinem Rücken gab er Aragorn ein Zeichen, daß dieser aufpassen sollte, er mußte bereit sein, gegen die übrigen fünf Männer zu kämpfen, während Taidoloth auf der anderen Seite war und die Gefangenen befreite.
Ich komme mit, erklärte derjenige, der Frodo verletzt zu haben schien. Taidoloth verdrehte die Augen, mit zweien wurde er schwerlich fertig, wenn er die anderen gleichzeitig schützen wollte.
Sie begannen, am Zahnradmechanismus zu drehen, damit die Brücke über den Abgrund auf die andere Seite schwang. Dann war der Weg frei. Bornelos ging voraus, Taidoloth folgte und der dritte Dunländer ging zuletzt. Zielstrebig marschierte Bornelos auf die erste Zelle zu, kramte seinen Schlüsselbund hervor und entriegelte die Tür, um dann mit einem belustigten Grinsen einzutreten.
Taidoloth beobachtete, wie Frodo angesichts des Feindes zuerst aufsprang. Da war er tatsächlich, blutbesudelt stand er da, die rechte Hand komplett bandagiert, aber ansonsten wohlauf.
Neben Frodo stand ein weiterer Halbling, der ebenfalls verletzt schien, sich aber mit entschlossenem Gesicht vor der am Boden liegenden Fürstin Ithiliens aufgebaut hatte.
Hinter Frodo verbarg sich seine Frau Liliane. Auch sie sah Taidoloth zum ersten Mal, und er erschrak angesichts ihres Zustandes. Es war ihr Blut auf dem zerrissenen Kleid, und es war so viel...
Frodo war erst erstarrt, aber ein Ausdruck der Verwunderung schlich sich auf sein Gesicht, weil er nicht damit gerechnet hatte, Taidoloth kommen zu sehen.
Verschwinde, Halbling, herrschte Bornelos Sam an, der noch keine Ahnung hatte, daß der sich ihm nähernde Taidolothg Eowyn nichts tun würde. Frodo zischte Liliane gerade in diesem Augenblick zu, daß Taidoloth ein Freund war, aber Sam hatte es noch immer nicht gemerkt und fürchtete, daß dieser hochgewachsene Dunländer Eowyn ein Leid antun würde. Dann jedoch, bevor er Taidoloth verteidigend angriff, fiel sein Blick auf das weiße Taschentuch am Unterarm des Mannes und er stutzte, weil er die Stickerei des Baumes von Gondor bemerkte.
Das verstand er nicht. War dies von Faramir oder gar von Aragorn? Woher hatte er das?
In diesem Moment schritt Taidoloth zur Tat. Bis auf Frodo glaubten immer noch alle, daß er üble Absichten hatte, aber er würde sie retten.
Der dritte Dunländer stand noch immer in der Tür, aber Taidoloth würde schon mit ihm fertig werden. Im nächsten Augenblick zog er seinen Dolch, fuhr herum und schleuderte die kurze Waffe, die er an der Klinge in den Fingern hielt, genau in die Schulter des Mannes und verfehlte sein Herz nur knapp.
Lauft, Frodo! brüllte Taidoloth und zog dann sein langes Schwert, drehte sich um zu Bornelos und holte aus, bevor er die mächtige Schneide auf ihn niedersausen ließ.
Frodo und Liliane waren noch zu überrascht, um schnell genug reagieren zu können, und so starrten sie Taidoloth an, wie dieser mit aller Kraft mit dem Schwert nach Bornelos schlug und ihm die Klinge in die Brust rammte, als Bornelos noch ausweichen wollte.
Liliane schrie auf, Taidoloth sprang zur Seite und riß sein Schwert zurück, als Bornelos keuchend in die Knie ging und, verzweifelt nach Luft ringend, zu Boden sank.
So lauft doch endlich! brüllte Taidoloth den Hobbits entgegen, auch Sam, aber als Frodo und Liliane am neben der Tür liegenden, noch lebenden Dunländer vorbeirannten, blieb Sam noch immer vor Eowyn stehen.
Wie soll sie fliehen? Wir können sie nicht hierlassen, aber auch nicht mitnehmen! Und was ist mit den anderen?
Die befreie ich jetzt, aber du solltest gehen, dann kümmere ich mich noch um sie! Lauf schon! redete Taidoloth auf Sam ein, der sich nicht rührte.
Frodo und Liliane waren fast blind aus der Zelle gehastet und wollten fliehen, doch in letzter Sekunde bemerkte Frodo den Abgrund, der vor ihren Füßen aufklaffte, stoppte ab und packte Liliane, um sie zurückzureißen, bevor sie fiel.
Vor Schreck klammerte sie sich an ihm fest, die beiden verloren das Gleichgewicht und fielen direkt vor der Brücke dem sich langsam aufrichtenden Dunländer vor die Füße, der mit zitternden Fingern Taidoloths Dolch aus seiner Schulter zog.
Harsch bellte er ein paar Befehle zu den aufmerksam gewordenen Wachen auf der anderen Seite, und bevor Frodo und Liliane die Brücke erreichen konnten, war sie wieder weggezogen.
In diesem Moment eilte von hinten Aragorn herbei, der mit einem Schwertstreich den ersten Mann niederstach, der ihm im Weg stand. Ein zweiter war sogleich mit ihm in ein erbittertes Duell verwickelt.
Sam! rief Frodo in die Zelle hinein, wo neben seinem Freund auf dem Boden Lilianes Peiniger tot zusammengebrochen war. Sie starrte ihn mit leerem Blick an, fühlte nichts angesichts des Toten, der ihr soviel angetan hatte.
Er tut dir nie wieder etwas, flüsterte Frodo und legte seinen Arm um sie, dann blickte er hinüber zu Aragorn, der wie ein Wilder für sie kämpfte.
Aragorn hatte bereits gemerkt, daß man den Hobbits den Fluchtweg abgeschnitten hatte.
Ich hole euch! brüllte er hinüber, als er die beiden dort stehen sah, wo zuvor noch die Brücke gewesen war.
Er kann doch nicht... murmelte Liliane, als sie sah, wie Aragorn gegen vier Gegner auf einmal zu Kampfe gezogen war. Das war in diesem Moment mit seiner Verletzung selbst für ihn zuviel.
Frodo war verzweifelt. Sie waren aus der Zelle geflohen, aber nun war da vor ihren Füßen ein schwarzes Nichts und im Moment keine Möglichkeit, hinüberzugelangen.
Taidol! rief er und drehte sich um, aber dann erschrak er. Der verwundete Dunländer näherte sich von hinten dem jungen Retter, der noch mit Sam zu sprechen schien.
Sieh dich vor! schrie Frodo und rannte in die Zelle hinein, doch es war zu spät. Taidoloth fuhr herum, Sam brüllte vor Entsetzen und wollte ihm helfen, aber er wurde mit einem harten Schlag zur Seite gedrückt und prallte mit dem Rücken gegen die Wand, was ihn vor Schmerzen halb besinnungslos werden ließ.
Frodo streckte schon die verstümmelte rechte Hand aus, um den Dunländer festzuhalten, der sein Schwert gegen Taidoloth erhob, der zum Parieren ansetzte. Der ihn durchzuckende Schmerz erinnerte den Hobbit jedoch daran, daß er die rechte Hand nicht bewegen durfte, und ließ sie sinken.
Dann geschah es. Taidoloth konnte das Schwert nicht halten und verlor es, ging vor einem gut gezielten Schlag gerade rechtzeitig in Deckung, dann sprang er mit einem Satz an dem Dunländer vorbei und rannte zur Tür hinaus bis zu Frodo.
Dann erst sah Taidoloth, daß die Brücke nicht erreichbar war. In seiner Panik paßte er nicht auf, als der Dunländer etwas in die Richtung seiner Kumpane auf der anderen Seite brüllte, und im nächsten Moment sirrten schon die ersten Pfeile neben ihnen vorbei und über ihren Köpfen hinweg.
Runter! rief Frodo, packte Liliane und warf sie unter sich schützend zu Boden.
Taidoloth war in blinde Panik verfallen. Dieser Dunländer war unheimlich stark trotz seiner Wunde, er hatte ihn einfach entwaffnet und ohne sein Schwert fühlte Taidoloth sich unterlegen und schutzlos.
Er konnte ihm nicht entkommen, nur wenn er an sein Schwert gelangte, hatte er eine Chance.
Er versuchte es, aber in diesem Moment spürte er, wie ein Pfeil ihn erst in der Seite traf, dann erstickte ein weiterer seinen aufkeimenden Schmerzensschrei, als er in seinem Hals stecken blieb.
Er schnappte nach Luft, riß die Hand an den Hals und umklammerte den Pfeil, der ihn durchbohrt hatte. Frodo rief entsetzt etwas in seine Richtung und wollte ihm helfen, genau wie Sam, doch der Dunländer war im Weg.
Du stinkender Verräter! brüllte er Taidoloth ins Gesicht. Der junge Mann taumelte, spürte die beiden Pfeile und das über seine Haut sickernde Blut, er war unbewaffnet und stand vor dem Abgrund.
Es gab kein Entrinnen.
Weißt du, was wir mit Verrätern machen? fuhr der Dunländer zornig fort. Taidoloth wollte etwas sagen, er blickte zu Frodo und Liliane, die in seinen Augen Todesangst erkennen konnten, dann sah er zu Sam, der mit seinem großen Schwert in den Händen herbeirannte, aber er sah auch das mordlustige Glitzern in den Augen seines Gegenübers.
Der Dunländer brüllte aus voller Kehle, hob sein Schwert, dann holte er damit weit aus und war durch nichts mehr aufzuhalten, als er mit seiner scharfen Klinge Taidoloth die Kehle durchtrennte und dann den Kopf abschlug.
Frodo ging vor Entsetzen in die Knie, als er das sah. Er schrie auf.
Sam kam zu spät, als er dem Dunländer von hinten Taidoloths Schwert in den Rumpf rammte. Er ging neben Taidoloths Leichnam zu Boden, spürte das Blut des jungen Mannes auf Haut und Kleidung, dann richtete er sich langsam neben dem im Todeskampf röchelnden Dunländer auf und blickte nur für den Bruchteil einer Sekunde zu dem, der sein Leben bei dem Versuch gelassen hatte, sie zu retten.
Für einen Augenblick war es, als würde die Welt für sie stehenbleiben. Die Hobbits waren außer sich vor Panik, es war zwar in diesem Moment kein Feind mehr auf ihrer Seite, aber sie hatten alle mitangesehen, wie der Dunländer Taidoloth den Kopf abgeschlagen hatte, ohne zu zögern, ohne Mitleid zu zeigen.
Er war tot. Was von ihm übrig war, lag unter seinem Mörder begraben.
Frodo brach in Tränen aus. Liliane schlang die Arme um ihn, als sie spürte, was in diesem Moment in Frodo vorging.
Nein, Taidol... stammelte er. Schluchzend lehnte er den Kopf an Lilianes Schulter.
Taidoloth war sein Freund gewesen, er hatte mit dem Leben für den Versuch bezahlt, ihn und die anderen zu retten.
Und das ganz umsonst.
Elbereth steh uns bei... flüsterte Sam, der mit Tränen in den Augen auf Taidoloths Schwert starrte. Jetzt wußte er auch, daß er es gewesen war, der Freund, von dem Frodo berichtet hatte.
Er hatte nicht hinsehen können, die toten Augen des guten jungen Mannes sahen fast aus, als würden sie die erlittenen Grausamkeiten anklagen, und ein Ende nahmen sie noch immer nicht.
Ihm war fast, als könnte er das Blut riechen. Sam spürte, wie ihm übel wurde, dann ließ er den Tränen freien Lauf und stützte sich auf Taidoloths Schwert.
In diesem Augenblick sah Aragorn auf der anderen Seite ein, daß er keine Chance hatte. Als er den Tumult drüben wahrgenommen hatte, war es ihm möglich gewesen, im Augenwinkel mitanzusehen, wie Taidoloth enthauptet wurde. Rasend vor Wut bohrte er sein Schwert in sein Gegenüber, aber dann waren immer noch zwei übrig, die voller Vehemenz auf ihn lossprangen und ihn um jeden Preis besiegen wollten.
Aragorn sah sich, gelähmt vor Entsetzen, schon halbtot am Boden liegen, als auf einmal von der Seite ein kleiner Schatten herbeirannte und einen der beiden Wächter hinterrücks durchbohrte.
Gimli! entfuhr es dem atemlosen Aragorn, der im nächsten Augenblick schon den Kopf herumfahren ließ, weil er ebenso wie der Zwerg Schritte herannahen hörte, viele Schritte von vielen Kriegern.
Ohne lang zu zögern attackierten sie den letzten Wächter, wollten um jeden Preis an die Brücke gelangen und ihre Freunde befreien, die drüben voller Entsetzen und Verzweiflung auf sie warteten, doch dann kamen die zu zahlreichen Feinde auch schon näher und näher.
Aragorn! rief Gimli. Gib es auf, es sind zuviele! Wir schaffen es nicht, sie zu retten! Komm, wir brauchen einen neuen Plan!
Nein! brüllte Aragorn. Wir sind einmal hier!
Gimli blickte zu dem Dutzend Männer, das die Treppe hinabgejagt kam und stetig auf sie zuhielt. Es war aussichtslos.
Aragorn, komm endlich! Wenn sie uns jetzt kriegen, ist es vorbei, noch sind wir frei!
Aragorn hielt inne. Dann mußte er einsehen, daß Gimli Recht hatte, wandte sich um und nahm gemeinsam mit dem Zwerg die Beine in die Hand, um in einen sicheren, dunklen Nebengang entfliehen zu können.
Stehenbleiben! hallte ein wüstes Stimmengewirr ihnen nach, als sie wiederum die Flucht ergriffen und im Labyrinth der Tunnel verschwanden.
Sie hatten versagt. Die anderen waren noch immer gefangen, und Taidoloth war tot.
Aragorn lehnte die schweißnasse, heiße Stirn an den kühlen Fels und schloß die Augen.
Langsam gab er die letzte Hoffnung auf.
Zehntes Kapitel
Frodo umklammerte mit der linken Hand sein rechtes Handgelenk, das wiederum wie verrückt zu bluten begonnen hatte. Der gesamte Verband war bereits blutdurchtränkt, so daß es wieder seinen ohnehin schon völlig verschmierten Arm hinablief.
Frodo löste den Verband. Durch den Vorhang seiner nicht versiegen wollenden Tränen hindurch blickte er auf die in seinem Fleisch aufklaffende Wunde, aus der sein Blut pulsierend hervorquoll und dunkel über seine Haut strömte. Spuren einer aufflammenden eitrigen Entzündung konnte er erkennen, durchtrennte Muskeln und Sehnen, dann preßte er den zerfetzten Schnitt wieder zu und griff zum Umhang auf Eowyns Beinen, von dem er ein Stück abreißen wollte, um es als neuen Verband zu benutzen. Allerdings stellte er dabei fest, daß er allein mit Daumen und Zeigefinger nicht viel festhalten konnte und so scheiterte er schon im Ansatz seines Vorhabens.
Laß nur, flüsterte Liliane von der Seite, griff nach dem Stoff und riß ein großes Stück heraus. Vorsichtig legte sie eine Hand unter Frodos Rechte, dann begann sie, die heftig blutende Wunde erneut so fest zu verbinden, wie es ihr nur irgend möglich war.
Unter Tränen sah er ihr dabei zu. Als sie fertig war, waren ihre Hände voller Blut, seinem Blut, aber das Pochen des wahnsinnigen Schmerzes an seinem Arm ließ ein wenig nach, die Blutung wurde schwächer, die Wunde wollte wieder heilen.
Die drei flüchtigen Hobbits hatten keine Chance gehabt. Als die Brücke wieder zu ihnen hinübergeschwenkt war, hatte sie ein halbes Dutzend Männer mit hinüber gebracht, die Frodo nur hatte sehen müssen, um sofort freiwillig in die Zelle zurückzugehen. Sam hatte noch irgendwie fliehen wollen, aber weil Frodo wegen Liliane nichts riskieren wollte, hatte er sofort resigniert und sich ergeben. Die Hobbits waren freiwillig in ihr Gefängnis zurückgekehrt und da saßen sie nun, am Boden zerstört, entsetzt und tieftraurig.
Sam litt noch immer große Schmerzen, aber er sprach nicht davon. Er starrte stumm auf sein Hemd, auf dem das Blut trocknete, Taidoloths und das seines Mörders. Er hatte direkt neben ihnen gelegen und sah jetzt fast so schlimm aus wie Liliane.
Frodo hatte sich irgendwann unachtsam bewegt und dabei war seine tiefe Verletzung wieder aufgerissen, was sofort versorgt werden mußte. Das hatte er aber auch nur getan, weil der Schmerz ihn unablässig daran erinnert hatte, denn er war noch immer wie gelähmt.
Er hatte Taidoloth kaum gekannt, aber der junge Mann war seine Hoffnung gewesen. Er hatte an ihn geglaubt, ihm vertraut, fast wie einem Freund. Und er ertrug es einfach nicht, ihn sterben gesehen zu haben.
Er weinte ohne Unterlaß. Tiefe Trauer hatte ihn ergriffen, er wünschte sich ohne Unterbrechung, daß jemand die Zeit zurückdrehte und Taidoloth noch eine Chance bekam, der gute junge Mann, der für sie gestorben war - ganz umsonst...
Frodo saß da, blutbeschmiert und schluchzend, und wurde so von Sam gemustert, der sich neben Eowyn gesetzt hatte, vorgebeugt und mit auf den Beinen liegenden Armen, um seinen Rücken zu schonen.
Eowyn war seit längerem wieder ohne Unterbrechung bei Bewußtsein, es sah so aus, als würde sie sich erholen, aber sie konnte sich noch immer kaum bewegen und spürte nichts außer einem ewigen Kopfschmerz.
Taidoloth hatte ihr noch aufhelfen wollen, bevor er hinterrücks angegriffen worden war. Sie hatte alles tatenlos mitanhören müssen und beobachtete nun die völlig apathischen Hobbits, wie sie stumm bei ihr saßen.
Selbst Sam hatte keine Gegenwehr mehr geleistet. Zwar hatte er zwischenzeitlich ein Schwert gehalten, doch angesichts der sich ihm nähernden Übermacht hatte er es fallengelassen und war Frodo und Liliane gefolgt.
Die beiden saßen aneinandergelehnt neben ihm. Frodo war nicht mehr er selbst, Sam hatte ihn selten derart erschüttert gesehen, aber dann erstaunte Liliane ihn sehr.
Sie hatte die ganze Zeit über die Nerven behalten. Sie hatte alles beobachtet, sie hatte dabeigestanden und auch fliehen wollen, und als sie sah, wie Frodo auf Taidoloths Exekution reagierte, wußte sie eines: Er brauchte sie, so wie sie ihn zuerst gebraucht hatte.
Er wollte nicht aufhören zu weinen, und kaum daß Liliane seine Hand erneut verbunden hatte, kniete sie sich neben ihn und zog ihn in ihre Arme.
Frodo lehnte seinen Kopf an ihre Schulter, sie strich ihm so über die Locken, wie er es sonst bei ihr tat, wenn er sie trösten wollte, und sie wiegte ihn leise summend in den Armen, um ihn zu beruhigen.
Sie schloß die Augen und spürte, wie er von Schluchzern geschüttelt wurde.
Nicht weinen, flüsterte sie und drückte ihn an sich.
Sam starrte sie ungläubig an. Daß gerade sie in dieser Situation so ruhig blieb, überraschte ihn sehr, aber seit Frodo für sie eingetreten, sich fast geopfert hatte, um sie zu schützen, hatte sich etwas verändert.
Liliane fühlte sich geschützter. Sie wußte, daß nichts sie im Ernstfall retten konnte, aber solange Frodo bei ihr war, konnte sie viel ertragen und würde sie viel ertragen.
Tatsache war außerdem, daß er ernstlich verletzt war. Die Wunde ging tief, er konnte daran verbluten, sein Blut konnte sich vergiften, alles war möglich. Jetzt war nicht mehr sie es, die Hilfe brauchte, denn ihre Verletzungen heilten bereits.
Aber auch sie war von Taidoloths Tod geschockt gewesen. Als Frodo ihr zugeflüstert hatte, um wen es sich bei ihm handelte, hatte sie Hoffnung gehabt, endlich befreit zu werden, und die vertrauenserweckenden Augen von Frodos Freund hatten einen so gütigen Eindruck gemacht. Und doch hatte er grausam sterben müssen.
Frodo beruhigte sich langsam doch. Als er endlich wieder zu sich kam, wunderte auch er sich über Lilianes plötzliche Stärke, und Stolz erfüllte ihn. Seine Frau war so tapfer, klagte nicht, sie hatte glücklicherweise auch keine Angst vor ihm. Verübelt hätte er es ihr nicht, aber das Gegenteil war der Fall gewesen, sie hatte sich an ihn geklammert und er hatte ihr Halt gegeben.
In diesem Moment wünschte Sam sich Rosie fast herbei, er hatte solche Sehnsucht nach ihr, er wollte sie so gern vor seinem Tod wiedersehen, aber daß sie wenigstens in Sicherheit und nicht so bedroht wie Liliane war, erleichterte ihn doch.
Eowyn war in Gedanken ganz weit weg, Sam dachte an nichts, und Frodo und Liliane setzten sich schließlich Arm in Arm in eine Ecke und lehnten sich schwer an die kalte Wand.
Er... er war mein Freund, sagte Frodo leise. Liliane nickte, während sie vorsichtig und fast zärtlich über den Verband seiner Wunde strich.
Er sah aus, als wäre er ein guter Mensch. Er sah gar nicht aus wie die anderen Dunländer.
Frodo nickte und starrte auf die Blutlache, die noch davon zeugte, daß Lilianes Peiniger dort zu Tode gekommen war, wo er sie zuvor geschändet hatte, genau an derselben Stelle. Es war fast, als ereilte ihn Genugtuung, denn niemand durfte ihr auf diese Weise ein Leid antun.
Und doch steckte auch in ihm ein Werwolf. Aber ein guter und auch nur unfreiwillig, glaube ich. Ohne ihn wären wir hier niemals hineingelangt. Ohne ihn hätte ich nicht einmal diesen Ort gefunden, ich hätte dich niemals wiedergesehen...
Weil sie nicht wußte, was sie sagen sollte, nickte Liliane einfach nur. Nach einer kleinen Weile jedoch sagte sie plötzlich: Und er hat ihn getötet.
Ja, sagte Frodo, das hat er. Und ich glaube, daß es Absicht war.
Meinst du? Wenn er ihn nicht umgebracht hätte, wäre er sofort getötet worden und wir hätten überhaupt nichts erreicht!
Ja... aber er hat ihn auf eine Art getötet, daß... also ich denke nicht, daß ich es anders getan hätte, erklärte Frodo. Liliane sah ihn fragend an.
Wie meinst du das?
Glaubst du vielleicht, ich habe es ertragen, diesen Kerl hier herumlaufen zu sehen, lebendig und guter Dinge? Wenn man mir ein Schwert gegeben hätte, ich weiß nicht, was ich damit getan hätte!
Im ersten Augenblick wußte Liliane nicht, was sie dazu sagen sollte. Natürlich war Frodo zornig, sie war selbst haßerfüllt, aber daß er so weit gehen würde, hatte sie nicht erwartet.
Du hättest ihn umgebracht? fragte sie.
Ich weiß es nicht. Ich hätte ihn so gern bestraft gesehen, denn... kann ein Mann etwas schlimmeres tun? Geht das überhaupt?
Frodo wußte nicht, was er sagen sollte, ob er überhaupt etwas sagen sollte und wie, denn er war sich nicht sicher, ob Liliane nur so gefaßt erschien oder ob sie es tatsächlich ertrug, darüber zu reden.
Er blickte kurz zu Sam und Eowyn, die ihnen beide keinerlei Beachtung schenkten. Dann sah er, wie Liliane nickte.
Das geht. Jemanden zu töten ist schlimmer, denke ich.
Aber nichts sonst, fügte sie in Gedanken hinzu.
Betreten blickte Frodo auf ihr zerfetztes Kleid. Ihre rechte Wade konnte er durch den Riß in ihrem Rock sehen und erblickte fast bis zum Knöchel hinab getrocknetes Blut. Über ihr ganzes Bein war es hinabgelaufen, und es war viel Blut.
Fast reflexartig zog er sie an sich und strich ihr liebevoll über den Kopf. Auch wenn ihr Peiniger tot und von seinen Männern fortgebracht war, konnte er ihn nicht vergessen, weil er seiner Liliane das angetan hatte.
Daß sie damit inzwischen so gut umgehen konnte, machte ihn sprachlos vor Staunen.
Die beiden sahen einander für einen Moment an, bevor Frodo fragte: Tut... tut es noch weh?
Nein, sagte Liliane zögernd, aber sie sprach die Wahrheit. Es tut nicht mehr besonders weh. Aber es ist gut, daß du fragst.
Warum? fragte Frodo erstaunt.
Weil... weil ich mich gefragt habe, seit du zu uns kamst, was du jetzt denkst. Ich war so froh, du bist noch am Leben, du bist zu mir gekommen, mehr zählte da nicht. Und du brauchst nicht denken, daß ich Angst vor dir habe. Du hast das nicht gemacht. Aber ich fürchtete fast, du... du könntest... Sie senkte die Stimme und zögerte für einen Moment.
Wenn du mich nicht mehr gewollt hättest...
Sprachlos vor schierer Entrüstung starrte Frodo sie an.
Wie meinst du das denn? fragte er, als er sich gesammelt hatte. Glaubst du etwa, es war deine Schuld?
Liliane gab keine Antwort. Sie war derart entwürdigt worden, daß keine Reaktion bei Frodo sie verwundert hätte. Er hätte sich vor lauter Angst zurückziehen können, er hätte sie verstoßen können, aber er hatte zu ihr gestanden.
Mußte ihn denn nicht der Gedanke an das, was mit ihr geschehen war, umbringen?
Und das tat es wirklich, das vermutete sie ganz richtig, Frodo konnte es nicht ertragen, sich das vorzustellen. Aber es war nicht wegen diesem Kerl, es war wegen ihrem Leid. Er dachte an nichts weiter als ihren Schmerz. Und sie brauchte ihn, weiter zählte nichts.
Liliane, daran hat nur einer Schuld. Wie solltest du das sein? Es hat sich doch dadurch nichts verändert! Außer... daß ich Angst habe, etwas falsch zu machen.
Du machst nichts falsch, sagte sie. Du mußt nur ein wenig Geduld mit mir haben...
Denn nicht nur ihre sichtbaren Wunden mußten heilen.
Frodo drückte sie fest an sich und lächelte erleichtert.
Alles, was du willst, Liliane. Es reicht, wenn einer dir weh getan hat.
Und wieder mußte er unwillkürlich an Taidoloth denken. Fast war er dankbar, daß sein Freund diesem brutalen Kerl die gerechte Strafe, wie er fand, zugefügt hatte.
Niemand durfte das mit Frauen machen.
Aber er war unsäglich erleichtert, daß sich nichts zwischen ihn und Liliane stellen konnte. Er hätte es nicht ertragen, wenn sie Angst vor ihm gehabt hätte.
Taidoloth, dachte er traurig, du hast alles richtig gemacht - du hast nur nicht genügend aufgepaßt...
Er küßte Liliane auf die Stirn. Noch hatte er sie. Was werden sollte, würde er sich überlegen, wenn sie wieder frei waren.
Es verging nicht viel Zeit, bis sich plötzlich mitten im Raum die Luft zu bewegen begann. Liliane bemerkte erst gar nichts, Frodo ebensowenig, aber Sam sah die Luft flimmern und einen grünen Schimmer, der immer intensiver wurde und Gestalt anzunehmen schien.
Vorsichtig stand der Hobbit auf und wollte nach der seltsamen Lichtgestalt die Hand ausstrecken, aber dann drang auch schon eine seltsam widerhallende Stimme an sein Ohr, die sich erst langsam verfestigte.
Hab keine Furcht, Samweis Gamdschie, ich bin kein Feind, murmelte der Geist, den Sam erst nicht erkannte, aber dann weiteten sich seine Augen vor Schreck.
Das... nein... das kann nicht sein, stammelte er hilflos.
In diesem Moment wurden Liliane und Frodo aufmerksam und erschraken, als sie das seltsame Geisterbild sahen, das sie von der Seite erst nicht erkannten.
D-du bist tot... fragte Sam und fing sich langsam wieder.
Wie du sehen kannst, ja. Sie haben mich doch geholt, zu Wulf, um Aragorn eine Falle zu stellen, erklärte Faramir. Er hatte gar keine Chance, mir zu helfen, er konnte nur zu spät kommen. Aber jetzt bin ich wieder hier, denn ich möchte nach Eowyn sehen.
Er war von der Schlinge befreit, dafür trug er jetzt einen tiefen Querschnitt über der Kehle und Schnitte an den Handgelenken. Wulf hatte ihn bluten lassen, um an die kostbare Flüssigkeit zu gelangen, und das spiegelte sich in der Geistererscheinung wider.
Da ist sie, erklärte Sam und trat zur Seite, damit Faramir seine Frau sehen konnte. Diese hatte die Augen noch geschlossen, sie glaubte erst, daß sie träumte, als sie Faramirs Stimme hörte, weil sie doch wußte, daß er tot war. Aber dann rüttelte Sam an ihrer Schulter und sie öffnete die Augen, dann stieß sie jedoch einen Schreckensschrei aus.
Nicht! rief Faramir verzweifelt. Der Geist schwebte fast auf Eowyns Augenhöhe hinab, damit sie sich nicht zu sehr bewegen mußte, dann lächelte er.
Hab keine Angst.
Eowyn starrte ihn ungläubig an.
Nein...
Ich liebe dich, Eowyn, ich hoffe, du weißt das, versuchte er verzweifelt, einen Zugang zu ihr zu finden.
Sam, hilf mir auf, bat Eowyn dann und Sam stützte sie, als sie sich aufrecht setzen wollte.
Du bist... du bist tot... flüsterte sie tonlos und brach in Tränen aus, als er nickte.
Ja, du hast Recht. Ich bin tot. Ich fürchtete, du müßtest alles mitanhören, aber glaube mir eins: Aragorn trägt keine Schuld daran. Er konnte es nicht schaffen, er war erst da, als ich nicht mehr lebte. Aber jetzt spüre ich kein Leid mehr.
Jetzt war er genau vor Eowyn, genau auf Augenhöhe mit ihr, so nah und doch nie wieder bei ihr.
Warum, Faramir? Warum du? Warum bist du tot? fragte Eowyn schluchzend und unter Tränen. Faramir lächelte noch immer, er wollte ihr Trost spenden, denn es schmerzte ihn sehr, sie so zu sehen.
Ich bin hier nicht allein. Legolas ist auch hier und euer Freund ist vorhin auch aufgetaucht. Jetzt geht es uns allen besser als zuvor, zumindest was den Schmerz betrifft. Wulf wird euch alle noch töten wollen, aber solang Aragorn und Gimli draußen unterwegs sind und wir ihnen helfen können, ist nicht alles verloren.
Eowyn verstand fast nichts von dem, was er sagte. Ihr ging so viel und doch gar nichts durch den Kopf, sie war einfach unfähig, sich damit nun auseinanderzusetzen.
Warum bist du nicht mehr bei mir? fragte sie und streckte hilflos die Hand nach ihm aus, doch fühlte nur durch ihn hindurch und erschrak.
Es ist zu spät, meine Liebe, sagte er. Aber meine Liebe lebt weiter und wenn ich kann, werde ich immer bei dir sein. Das bin ich im Moment auch, du kannst es bald sicherlich spüren, aber noch ist es so früh, daß du wohl nichts weißt.
Fragend sah sie ihn an, wischte die Tränen fort, dann lächelte er und fuhr fort.
Das ist der Vorteil, wenn man auch dahinterschauen kann. Wir können alles entdecken, wir können Gedanken lesen und Träume sehen, aber auch sonst so vieles, was in jemandem vorgeht. Wir nehmen jedes Leben wahr. Wirklich jedes.
Es wurde totenstill. Alle sahen gebannt zu Faramirs Geist, da war er wieder, so gut wie eh und je, der treue Gefolgsmann Gondors und liebende Ehemann.
Eowyn, du trägst mein Kind unter deinem Herzen. Ich habe es gerade gespürt, das wirst auch du bald. Ich bin für dich nicht verloren! Denk an unsere Zeit vor wenigen Wochen in Edoras. Dadurch ist es möglich, daß ich noch immer bei dir bin. Ich liebe dich so sehr.
Jetzt lächelte Eowyn unter Tränen und schüttelte fast ungläubig den Kopf.
Das hast du gespürt, obwohl ich es selbst nicht weiß? Ich erwarte ein Kind?
Ja, das tust du. Unseren Sohn. Ich bin sicher, daß es ein Junge ist, und er wird dich so lieben wie ich es tue. Er wird für dich da sein, wenn er alt genug ist, und daß du ihm auch allein eine gute Mutter sein wirst, weiß ich sicher.
Ich kann das nicht allein...
Doch, das kannst du. Du wirst wieder gesund, Aragorn und Gimli werden euch befreien, daran hege ich keinen Zweifel. Und ich werde immer über euch wachen, mit all meiner Liebe.
Eowyn lächelte noch immer, ihre Tränen waren versiegt, aber dann wurde sie wieder ernst.
Du fehlst mir so. Ich liebe dich von ganzem Herzen, und jetzt ist mir ein Stück davon genommen. Ich kann es nicht allein...
Du wirst nie ganz allein sein. Denke nur daran: Mein letzter Gedanke galt dir. Ich sah dich vor mir in deiner Schönheit und Güte, was mir alle Schmerzen genommen hat. Ich sah nur dich.
Dann, ganz plötzlich, verschwand die Erscheinung wieder. Der Geist war fort.
Faramir... flüsterte Eowyn und blickte sich hektisch um, aber er war nicht mehr dort.
Komm zurück, Faramir, ich brauche dich doch!
Aber er kam nicht mehr zurück. Er hatte sich verstecken müssen und gesagt, was er sagen wollte, er hatte sie noch einmal gesehen und würde immer bei ihr sein, das wußte sie nun.
Wieder begann Eowyn zu weinen. Jetzt wurde ihr wirklich klar, daß Faramir tot war und niemals wieder zu ihr zurückkehren würde.
Aber auf der anderen Seite wollte sie jetzt überleben. Sie erwartete ein Kind, sein Kind, sie würde ihn darin wiederfinden.
Starr vor Staunen saßen die Hobbits da und blickten zu ihr, die völlig aufgelöst dasaß und nicht wußte, was sie denken sollte.
Faramir war tot, aber er war nicht verloren. Sie wurde Mutter. Und diesem Kind würde sie das Leben schenken, das wußte sie sicher.
Pippin saß in seinem Gefängnis an der kalten Wand und lauschte Merrys Worten. Der Hobbit hatte wieder etwas zur Ruhe gefunden, Faramir hatte ihm selbst im Tode Hoffnung und Trost gegeben. Pippin fühlte sich schwach, der Hunger machte dem Hobbit zu schaffen und Pippin selbst sprach wenig. Es erforderte einiges an Kraft so laut zu sprechen, dass Merry auf der anderen Seite der Wand es auch verstand und diese Kraft hatte der Hobbit gerade nicht. Aber es war beruhigend für ihn Merry zu hören, der ohne es zu wissen Rücken an Rücken mit Pippin saß, nur die Wand trennte die beiden Freunde voneinander.
Wenn ich nach Hause komme, dann esse ich so viele Erdbeeren bis ich nicht mehr bewegen kann! Den ersten Bauer, den ich treffe werde ich sie abkaufen und ich werde sogar dafür bezahlen und sie nicht so mitgehen lassen, erzählte Merry, was Pippin verträumt vor sich hin schmunzeln ließ. Was wirst du machen, Pip?
Alter Tobi rauchen. So viel, bis mir schlecht wird
, antwortete Pippin knapp. Obwohl es nur wenige leise Worte waren, erkannte Merry die tiefe Sehnsucht, die in diesen Worten lag. Auch er sehnte sich nach seiner Heimat, nach Frieden und einfach nur nach dem Alltag. Seit der Ringkrieg beendet war, war ihm der Alltag oftmals langweilig vorgekommen, doch nun sehnte er sich so sehr nach ihm und er fühlte, wie sein Freund dies ebenso tat.
Merry schwieg für eine kleine Weile und dachte an das Auenland. Die saftigen, grünen Wiesen, die Felder und die vielen Hobbithöhlen. Er dachte an die Wirtshäuser, an das Bier, das es dort gab und plötzlich kam ihm eine Erinnerung in den Sinn, die ihn lächeln ließ.
Weißt du noch, wie wir vor ein paar Monaten etwas zu viel von dem guten Bier erwischt haben? Wir torkelten aus der Schankstube heraus und müssen dann wohl irgendwo die Orientierung verloren haben, weil wir so sturtz betrunken waren. Und dann sind wir am nächsten Morgen im Garten von Berimadoc aufgewacht und stellten fest, dass wir das ganze Beet zertrampelt hatten und obendrein noch die Hecke dem Erdboden gleich gemacht hatten. Merry lachte, er sah diese Bilder vor sich, als würden sie gerade geschehen.
Ja und dann sind wir gelaufen
Noch bevor der alte Berimadoc einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte, waren wir auf und davon, ergänzte Pippin die Erzählung.
Ja
Und wir wollten gleich wieder einen Krug trinken, erinnerst du dich, fragte Merry beinahe fröhlich.
Ja, ich erinnere mich, das waren schöne Zeiten, raunte Pippin und Merry hatte Mühe ihn zu verstehen.
Bergil lauschte den Hobbits aufmerksam. Seine Verzweiflung war übermächtig und die Erzählungen der Hobbits waren nur wenig Trost spendend. Er fragte sich, wie sie jetzt, nachdem was vor kurzem geschehen war, so erheitert sein konnten. Der Rettungsversuch von Aragorn und seinem Freund war fehlgeschlagen, und der neue Verbündete hatte den Tod gefunden. Die Chancen vielleicht doch noch gerettet zu werden, schwanden immer mehr. Die Hobbits unterhielten sich trotzdem und spendeten sich gegenseitig Trost, Bergil wäre froh gewesen, wenn er auch welchen gefunden hätte.
Schritte hallten plötzlich auf dem kalten Steinboden vor der Tür, Bergils schätzte, das es mindestens vier Männer waren, die sich näherten. Zwei von ihnen schienen vor ihrer eigenen Zelle bereits stehen geblieben zu sein, die anderen liefen den Gang weiter entlang. Bergil schlug das Herz bis zum Hals und auch Merry war augenblicklich verstummt. Eine Tür wurde geöffnet, deutlich hörten Bergil und Merry das Quietschen ihrer Angeln.
Pippin, rief Merry plötzlich, doch Bergil eilte zu ihm und hielt ihm die Hand vor den Mund.
Das hat jetzt eh keinen Sinn, auch wenn sie bei ihm sind. Du gefährdest uns nur auch noch, zischte der junge Mann. Merry schwieg daraufhin, die Geräusche neben ihm waren größtenteils verstummt und er war sich sicher, dass sein Freund wenigstens einen Laut von sich gegeben hätte, wenn sie ihm etwas antun würden. Der Hobbit beruhigte sich wieder etwas, als er nur leise Geräusche vernahm, vielleicht waren die Dunländer in einen anderen Raum neben ihnen
Dann plötzlich ertönte ein Getöse auf der anderen Seite neben ihnen. Eomer schrie etwas, das undeutlich klang, auf Grund seines gebrochenen Kiefers. Es schepperte etwas, als wäre ein Gegenstand zu Boden gefallen und die dunklen Stimmen der Dunländer verrieten ihren Zorn. Ein Schmerzensschrei von Eomer verriet, dass sie ihn gewaltsam aus der Zelle zerrten. Obwohl Bergils Angst und Wut gleichermaßen wuchsen, gab er keinen Laut von sich und er sorgte auch dafür, dass Merry das nicht tat. Sie waren ohnehin machtlos. Sie hörten, wie Eomer durch den Gang gezogen wurde und irgendwo hingebracht wurde. Dort würde man ihn töten, das war sowohl Bergil, als auch Merry bewusst. Beiden schossen die Tränen in die Augen, als sich ihre Blicke trafen. Die Geräusche verstummten, nur ab und zu drang noch ein Ton von den Dunländern, die irgendwo noch in ihrer Nähe waren, an ihre Ohren, doch keiner vermochte die Geräusche zu deuten.
Pippin, rief Merry nach einer Zeit. Ist alles in Ordnung bei dir?
Er erhielt keine Antwort und versuchte es erneut, doch wieder war nur Schweigen die Antwort. Vielleicht hat er sich aus Angst etwas angetan, raunte Merry hektisch und versuchte seinen Freund erneut zu rufen. Von Pippin kam keine Antwort und Merry spürte Bergils Hand, die sich tröstend auf seine Schulter legte.
Er
Er hat sich doch nicht angetan, oder Bergil, schluchzte Merry, doch alles was Bergil von sich gab, war ein mitleidiger Blick und ein leichtes Schulterzucken.
Pip, so sag doch etwas, rief Merry verzweifelt, doch immer noch kam keine Antwort von seinem Freund und er sollte auch nie wieder eine bekommen.
Auch Pippin hörte de Schritte der Dunländer herannahen und drückte sich panisch an die Wand. Er wollte Merry rufen, doch die Angst erstickte seine Stimme und während er mindestens zwei Dunländer an seinem Gefängnis vorübereilen hörte, öffneten zwei weitere die Tür zu seinem Verließ. Pippin erstarrte vor Angst, als er die Männer, die so viel größer waren als er herannahen sah. Einer hielt eine kleine Kiste in der Hand, aus der seltsame Kratzgeräusche drangen. Der Hobbit geriet in Panik. Wäre er dazu in der Lage gewesen, seinen Freund zu rufen, er hätte es getan. Ein Dunländer kam auf ihn zu und drückte ihm blitzartig seine große Hand auf den Mund, so dass Pippins nun aufkeimende Schreie, sofort erstickt wurden. Dann knebelte er den Hobbit mit einem Stück Stoff, das er ihm unbarmherzig in den Mund stopfte, so dass Pippin keine Chance mehr hatte, sich bemerkbar zu machen. Der Hobbit versuchte sich zu wehren, sein Instinkt sagte ihm, dass er das musste, wenn er am Leben bleiben wollte, doch vier starke Arme hielten ihn bereits unbarmherzig auf die Erde gedrückt, so dass sich Pippin kaum noch wehren konnte. Er versuchte seine Glieder den starken Händen zu entreißen, doch er war zu schwach dazu.
Du willst keine Gnade, habe ich recht, raunte die kalte Stimme des Dunländer. Die Geister wollten dir einen gnädigen Tod gewähren, den du nicht einmal bemerkt hättest, aber nun, da du die Gnade abgeschlagen hast, werden wir dir ein schmerzvolles Ende bereiten. Deine Zeit ist gekommen, Halbling!
Pippin versuchte zu schreien, doch nur leise Töne verließen seinen Mund und drangen durch den Knebel hindurch
Er hatte solch eine Angst, er konnte sich nicht bewegen und er fürchtete den Tod und Schmerzen.
Sieh her, du Halbling, sagte der Dunländer und hob die Kiste in die Höhe, die er neben sich gestellt hatte. Pippin wusste nicht ganz was er davon halten sollte, als man ihm die Kiste auf den Bauch stellte. Die Dunländer grinsten hämisch und betrachteten zufrieden ihr Opfer. Pippin geriet immer mehr in Panik, er hörte Merry neben sich etwas rufen, aber konnte nicht antworten. Einer der Dunländer zündete ein Stück Stoff an einer Fackel an, die er mitgebracht hatte und öffnete dann die Kiste, die auf Pippins Bauch stand. Wollten sie ihn verbrennen? Der Hobbit wusste es nicht, aber die Todesangst ergriff ihn. Er wollte um sein Leben flehen, doch der Knebel hinderte ihn an seinem Vorhaben.
Der Mann warf das Stück Stoff herein und schon ertönte ein panisches Kratzen mit lautem Getöse. Irgendetwas war in der Kiste und es wollte hinaus! Pippin schrie vor Angst, doch kaum ein Laut drang nach außen, was die Dunländer amüsiert lachen ließ. Leise taten sie es jedoch, so dass Merry sie kaum hören konnte.
Es dauerte nicht lange, bis Pippin merkte, dass der Boden der Kiste beinahe durchgenagt war. Nur kurze Zeit später ließ der Hobbit einen markerschütternden Schrei verlauten, der nicht versiegen wollte. Unerträgliche Schmerzen jagten durch seinen Körper und wurden mit jedem Augenblick schlimmer. Pippin schrie seinen Schmerz heraus und versuchte seine Glieder zu befreien. Er wollte Merry rufen, doch der Knebel erstickte jeden Ton. Blut sickerte an den Seiten des Hobbits hinunter und es wurde immer mehr.
Pippin glaubte allein vor Schmerzen sterben zu müssen. Er wusste nicht genau was geschah, aber etwas bohrte sich in seinen Körper
Ratten haben große Angst vor Feuer und sie graben sich durch alles in ihrer Panik, selbst durch Fleisch, lachte ein Dunländer und weidete sich an dem leidenden Hobbit, der leichenblass bei der Erklärung wurde, obwohl er sie nur zur Hälfte verstanden hatte.
Pippin schrie mehr denn je. Immer mehr Blut quoll hervor und sickerte auf den Steinboden. Tränen des Schmerzes rannen seine Wangen hinunter und seine eigenen dumpfen Schreie drangen an sein Ohr. Er fühlte das warme, klebrige Blut und spürte, wie sich die Ratte immer weiter in seinen Körper vor grub. Die Dunländer neben ihm hielten ihn unbarmherzig fest und fingen sein Blut in kleinen Schalen auf. Ihre Gesichter waren beinahe vergnügt, soweit Pippin das durch seinen Vorhang von Tränen erkennen konnte. Einer der Dunländer hielt plötzlich den Käfig fest, so dass die Ratte ihn nicht hoch drücken konnte und somit entfliehen konnte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich weiter durch den Körper des Hobbits zu graben, der schon kaum mehr schreien konnte und beinahe gelähmt war vor Schmerz.
Pippins Knebel im Mund tränkte sich mit einem Mal mit Blut, das der Hobbit spuckte. Er bekam kaum noch Luft und röchelte kläglich neben seinen Schmerzensschreien. Dann plötzlich sah Pippin aus den Augenwinkeln eine rote Fontäne. Blut schoss aus seinem Bauch empor und aus einem tiefen Loch in seinem Körper. Die Dunländer hatten nun die Kiste weggenommen und sahen zu, wie sich das Nagetier in Pippins Körper grub. Dabei triezten sie es mit Feuer, so dass es immer panischer wurde. Das Blut schoss weiter hinaus, in genau dem selben Rhythmus wie der Herzschlag des Hobbits und urplötzlich überkam den Hobbit eine seltsame Schwäche. Immer noch brüllte Pippin vor Schmerz, aber er nahm es kaum mehr wahr. Immer weiter grub die Ratte sich vor, grub sich durch Fleisch, Muskeln und Eingeweiden. Pippin sah das Blut und wusste, im selben Moment, dass es für ihn keine Rettung mehr gab, selbst wenn in diesem Moment einer seiner Freunde in den Raum treten würde, um ihm zu helfen. Die Dünländer hielten ihn fest und ein letztes Mal bäumte er sich auf unter ihrem Griff und versuchte zu entkommen, während die Ratte in Pippins Körper wütete. Pippin spürte wie er in seinem eigenen Blut lag und er spürte, wie sich ein schwarzer Vorhang über seinen Blick legte. Er wollte ein letztes al nach Merry rufen, den er laut und deutlich im Nebenraum seinen Namen rufen hörte, doch er konnte nicht antworten. Der Schmerz packte ihn und riss ihn mit sich in die Dunkelheit und das letzte, was der Hobbit sah, war das Auenland in seinen Gedanken. Dann Umfing den Hobbit die Dunkelheit gänzlich und ein letzter erstickter Schrei verließ seine Kehle. Ein paar Augenblicke später zuckte der kleine Körper des Hobbits ein letztes Mal auf, bevor die Klauen des Todes ihn holten und ihm den Frieden brachten. Pippins Herz hörte auf zu schlagen, als Merry das letzte Mal nach ihm rief.
Die Dunländer erhoben sich, ließen den Leichnam achtlos liegen und nahmen nur die Schalen mit dem kostbaren Blut mit sich. Eine blutverschmierte Ratte kam zum Vorschein, die aus Pippins Körper hinaus in die Freiheit lief und eine Fluchtmöglichkeit aus der Zelle suchte.
Die Dunländer verließen die Zelle, nahmen ihm vorher den Knebel ab und ließen seine Leiche ungeachtet liegen. Der kleine Hobbit war tot, sein Körper grausam zugerichtet und sein Gesicht war gezeichnet vom unsäglichen Schmerz den er hatte ertragen müssen. Der tote Hobbit blieb auf dem kalten Boden liegen und blutete aus. Nun war die Zelle gänzlich leer, Pippin war, wie viele seiner Freunde vor ihm, ins Reich der Toten eingekehrt.
Der Stich in Eomers Bein, der dafür gedacht war ihn am Laufen zu hindern, hatte das erreicht, was er sollte. Der König Rohans saß an mit dem Rücken an der Wand, das schmerzende Bein von sich gestreckt und seit Stunden focht er gegen die Schmerzen an. Um nicht zu viel Blut zu verlieren hatte er notdürftig ein Stück Stoff um die Wunde am Bein gewickelt. Er dämmerte vor sich hin. Anfangs war Eomer in großer Sorge um Aragorn gewesen, doch am Rand hatte er mitbekommen, dass ihm die Flucht gelungen sein musste. Irgendwann waren Dunländer zu Eomer in die Zelle getreten und hatten mit wütenden Gesichtern die Toten fortgeräumt. Eomer hatte gedacht, man wollte ihn sofort töten, als er die wütenden Blicke der Dunländer gesehen hatte, als sie ihre toten Kameraden herausgezerrt hatten. Der König Rohans fragte sich, warum sie es nicht getan hatten. Er fürchtete, dass sie etwas anderes mit ihm vorhatten. Das Einzige, was die Dunländer getan hatten, als Eomer ihnen beim Abtransport ihrer Kameraden zugesehen hatte, war ihm einen däftigen Kinnhaken zu geben, der Eomer fast das Bewusstsein geraubt hatte, vor Schmerz. Alles was danach geschehen war, wusste der König Rohans nicht mehr so genau. Irgendetwas musste mit Faramir geschehen sein, er meinte einmal seine Schwester gehört zu haben und er war in arger Sorge ob sie noch lebte. Hätte er laut sprechen können, er hätte sie oder die Hobbits gerufen, doch er konnte nicht. Auch bei ihnen meinte Eomer sei irgendetwas geschehen. Er hatte im Dämmerzustand Schreie der Halblinge gehört. Außerdem meinte er im Traum Geister seiner Freunde gesehen zu haben. Faramir war da und Legolas. Doch Eomer wusste in diesem Moment nicht, wie wahr diese Erscheinung tatsächlich war, denn in der Tat hatten die beiden Geister ihn aufgesucht, doch er war nicht ansprechbar gewesen.
Den König Rohans plagte die Ungewissheit über seine Freunde bald mehr als die Angst vor dem eigenen Tod. Er fühlte, dass einige bereits ihr Leben gelassen hatten und um die anderen hatte er mehr Sorge, als um sein eigenes Leben. Seins war ohnehin nicht mehr zu retten, die Dunländer würden ihn hier nicht mehr gehen lassen, gerade weil er der König Rohans war! Doch die Verzweiflung über diese Tatsache hielt sich in Grenzen, irgendwie hatte Eomer sich damit abgefunden, das einzige, was ihm dabei wirklich Kummer bereitete war, dass er seine schöne Gefährtin, die bald seine Frau hätte sein sollen, nicht mehr wieder sehen würde. Obwohl ihn das schmerzte, tröstete es ihn auch zugleich, dass er sie hatte nicht mehr heiraten können. So verlor sie wenigstens nicht ihren Mann und wurde Witwe.
Sie würde sich sicherlich eines Tages einen neuen Mann suchen, der ihr treu ergeben war und das hatte sie auch verdient, wie Eomer fand. Gerne hätte er sein Leben mit ihr geteilt, doch das Schicksal hatte etwas anderes mit ihm vor und Eomer wusste, dass er nichts anderes tun konnte, als das zu akzeptieren.
Eomer wusste nicht, wie viele Stunden er vor sich hingedämmert hatte.
Nun war sein Verstand wieder halbwegs klar. Durch sein Unterkiefer fuhr ein pochender Schmerz und sein Bein ließ sich kaum mehr bewegen, ohne, dass er zusammenzuckte und gequält aufstöhnte. Eomer fühlte einen starken Durst, er hatte seit langer Zeit nichts mehr zu trinken bekommen und das letzte hatte er kaum schlucken können. Nach einer Zeit hörte er Schritte im Gang, es mussten Dunländer sein, die kamen. Ob sie ihm nun endlich etwas zu trinken bringen würden? Eomer hoffte es, der Durst plagte ihn schon so lange. Tatsächlich machten die Dunländer vor seiner Zelle halt und schlossen die Tür auf, die quietschend aufschlug. Eomer blickte die Dunländer an, die auf ihn zukamen und ihn grob an den Armen packten und hochrissen.
Was wollt ihr, nuschelte Eomer, als er gegen seinen Willen von Panik ergriffen wurde. Die Dunländer hatten nichts dabei was nach Wasser oder Nahrung aussah. Also wollten sie ihn holen, es gab nichts, was sie hier sonst hätten suchen können.
Dich, sagte einer der Dunländer kalt. Dein Freund hat eine Rettungsaktion versucht, die wir im letzten Moment verhindert haben. Leider ist er aber immer noch auf freien Füssen und bevor er auf den dummen Gedanken kommen sollte noch einmal so etwas zu tun, töten wir dich. Denn dir gilt unsere Rache, auf dich haben wir so lange gewartet, du kommst nicht mehr weg, König Rohans, erklärte der Dunländer weiter.
Eomers Puls raste in die Höhe und sein Atem verschnellte sich, als er die Worte vernahm, die ihm den sicheren Tod prophezeiten. Reflexartig wehrte Eomer sich gegen den Griff der Dunländer und versuchte seine Arme frei zu bekommen. Sie packten ihn fester und schleiften ihn aus der Zelle. Eomer schaffte es bei seinen panischen Fluchtversuchen an den Dolch eines Dunländers zu kommen, doch blitzschnell hatte dieser ihm die Waffe aus der Hand geschlagen, so dass sie scheppernd zu Boden fiel. Eomer wehrte sich weiter verbissen, bis schließlich ein Dunländer seine Geduld verlor und wütend seine Finger in Eomers Wunde im Bein grub, so dass dieser schmerzerfüllt aufschrie. Sie zogen ihn ungeachtet weiter über den Gang, an den anderen Gefängnissen vorbei.
Lasst mich los, ihr Barbaren, schrie Eomer in seiner Verzweiflung, doch es war so undeutlich, dass nicht mal die Dunländer es richtig verstanden. Sie warfen ihm nur ein paar wüste Beschimpfungen entgegen und zerrten ihn weiter voran. Eomer wurde an Pippins Zelle vorbeigezogen, woraus er ein merkwürdiges Geräusch hörte. Der König Rohans wusste nicht, dass es Pippins Gefängnis war und er wusste ebenso wenig, dass der kleine Hobbit dort drin gerade den Tod fand. Eomer hatte im Moment ganz andere Probleme. Die Dunländer zogen ihn unermüdlich weiter, über die Brücke, die über der tiefen Schlucht war hinweg, und weiter zu einem Raum. Sie öffneten die Tür und stießen Eomer unsanft hinein, so dass er auf dem Boden aufschlug und schmerzlich das Gesicht verzog. Nachdem sich der König Rohans etwas gesammelt hatte, hob er den Kopf und schrie voller unendlichem Schrecken und Trauer auf. Genau vor ihm hing Faramir. Allerdings hatten die Dunländer ihn kopfüber von der Decke herabgehangen. Faramirs Arme hingen nach unten, sie waren vom Ellenbogen bis zu den Handgelenken aufgeschlitzt und aus den tiefen Schnitten, die bis zu den Knochen gingen tropfte sein Blut in eine große Holzschale.
Eomers Schrei wollte nicht verstummen. Seinen Schwager so erblicken zu müssen, war das grausamste, was Eomer in seinem Leben erlebt hatte. Faramirs Haut war beinahe weiß, eine seltsame bläuliche Farbe begann sich langsam über ihn zu legen, die ihm das letzte bisschen lebendige nahm, dass er noch gehabt hatte. Nun war sogar sein Körper gänzlich vom Tod ergriffen, Eomer ertrug diesen Anblick nicht und begriff im selben Moment, dass ihm Faramirs toter Körper lediglich die Zukunft prophezeite. Bald würde er ebenso leblos irgendwo hängen...
Ihr könnt jetzt aufhören zu schreien, Eomer, spart eure Schreie lieber, hallte eine Stimme so kalt wie Eis durch den Raum. Eomer wusste, es war Wulf, er hatte ihn noch nicht bemerkt gehabt. Als er sich näher umsah, erkannte er auch noch einige Dunländer im Raum, die ihn herablassend anstarrten.
Ihr seid das verabscheuungswürdigste Volk, das mir je unter die Augen gekommen ist, presste Eomer hervor und seine Stimme war gezeichnet von Trauer und Schmerz. Hätte er mehr sagen können, hätte er es getan, die bösesten Beschimpfungen geisterten ihm im Kopf umher und der Hass in ihm wuchs ins Unermessliche.
Das selbe kann ich von euch auch nur sagen, antwortete Wulf fast vergnügt. Ihr nahmt uns Land, das uns zugestanden hätte.
Ja, und ich würde es wieder tun! Genauso, wie meine Vorfahren es getan haben! Ihr verdient kein Land, ihr verdient noch nicht mal euer erbärmliches Leben, antwortete Eomer mühsam. Er konnte seinen Hass nicht mehr zurückhalten, er empfand nur noch Wut und ohnmächtige Trauer, wenn er Faramir vor sich sah.
Wulf schwebte genau vor den König Rohans und sah ihn zornerfüllt an. Nicht mal ein gebrochener Kiefer bringt euch zum Schweigen? Dann werden wir andere Maßnahmen ergreifen müssen!
Im selben Moment kamen die beiden Dunländer, die Eomer aus der Zelle geholt hatten auf ihn zu und warfen ihn mit dem Rücken auf den Boden. Zwei weitere hielten seine Arme und Beine fest, während ein Dunländer mit der Hand Eomers Unterkiefer umschlang, so dass dieser vor Schmerz brüllte. Doch damit nicht genug, sie zogen seinen ohnehin schwachen Unterkiefer nach unten, so dass sein Mund geöffnet war. Eomer konnte sich nicht dagegen wehren, seine Arme wurden eisern festgehalten und sein gebrochener Kiefer erlaubte es ihm nicht, den Mund zu schließen. Ein Dunländer zog einen Dolch und im nächsten Moment spürte der König Rohans kaltes Metall in seinem Mund und einen scharfen Schmerz. Sein Mund füllte sich augenblicklich mit Blut, an dem sich Eomer selbst verschluckte. Hustend spuckte er um sich, bis ihn die Dunländer frei ließen und er sich schreiend auf die Seite rollte um das viele Blut auszuspucken und seine eigene Zunge!
Nur noch Geräusche verließen Eomers Mund. Er krächzte und spuckte immer wieder Blut, zwischendurch stieß er einen Schrei aus, doch kein Wort mehr konnte er von sich geben.
Ändert ihr eure Meinung vielleicht jetzt und nehmt die Beleidigung zurück, die ihr gerade ausgesprochen habt , wollte Wulf wissen und beobachtete wie Eomer mit offenem Mund auf der Erde kniete und Blut spuckte.
Eomer blickte kurz auf und erblickte erneut Faramirs Leichnam. Und trotz seiner Schmerzen und seiner Todesangst schüttelte er auf Wulfs Frage hin den Kopf und formte ein unverständliches Nein mit seinen Lippen.
Wulf verzog das Gesicht zu einer abscheulichen Fratze. Ihr sollt am meisten Leiden von euren Freunden, Eomer, mein Hass euch gegenüber ist so groß wie das Totenreich das ich beherrsche!
Eomer hörte nicht richtig zu. Zu schlimm war der Anblick seines toten Schwagers vor ihm und wehmütig blickte der König Rohans wieder zu ihm auf.
Was Eomer? Könnt ihr seinen Anblick nicht ertragen? Sollen wir dem Abhilfe schaffen, brüllte Wulf, so dass die Wände erzitterten.
Wieder kamen zwei Dunländer auf Eomer zu und Gegen seinen Willen fand sich Eomer auf der Flucht zur Tür hin, die ohnehin verschlossen war. Wo wollt ihr denn hin, leistet uns doch noch etwas Gesellschaft, König, spottete Wulf und beobachtete, wie Eomer erneut gepackt und festgehalten wurde. Wieder zog ein Dunländer seinen bereits blutbeschmierten Dolch. Nur ein Gurgeln drang aus Eomers Kehle, er wollte schreien, doch sein Mund hatte sich bereits wieder mit Blut gefüllt. Er hatte die Augen fest geschlossen, doch schon merkte er, wie ihm die Lieder gewaltsam auseinandergezogen wurden. Die Spitze des Dolches war genau vor seinem Auge und kam immer näher. Die Panik des Königs weckten in ihm ungeahnte Kräfte, doch nicht vermochte den Griff der Dunländer zu lockern. Eben noch sah er den Dolch fast schon verschwommen, weil er so nah war, nun spürte er einen anhaltenden, übermäßigen Schmerz in seinem linken Auge, der nicht verebben wollte. Das selbe geschah kurz darauf mit dem rechten Auge.
Wulf schmunzelte gehässig und gab ein Zeichen, dass seine Männer den König wieder loslassen sollten. Eomer griff sich, kaum dass er losgelassen wurde, an die Augen. Schmerzerfüllt und voller Schrecken brüllte er auf. Sie waren nicht mehr da! Er spürte nur wundes Fleisch und warmes Blut, das sein Gesicht runterrann, doch wo einst seine dunkelbraunen Augen waren, waren leere Höhlen. Um ihn herum war alles Schwarz, er war blind. Er hörte das Lachen der Dunländer und Wulfs kaltes Lachen. Verzweifelt kroch er über den kalten Boden und stieß vereinzelt Schmerzenslaute aus. Er wollte sterben, nichts konnte so schlimm sein, wie das, was er gerade durchmachte!
Blind und stumm, wo ist euer Stolz hin, König Rohans? Ihr kriecht auf der Erde wie Vieh und ihr jammert wie ein kleines Kind..., raunte Wulf und schwebte mit bösartigem Blick im Raum umher.
In der Tat stieß Eomer Geräusche aus, sie sich wie ein Wimmern oder ein Schluchzen anhörten, doch keine Beleidigung konnte ihn in diesem Moment verärgern. Er stieß hart gegen eine Wand, weil er sie nicht sah und tastete sich unbeholfen daran hoch. Seine leeren Augenhöhlen wanderten zu Wulf und versuchten ihn zu sehen, was unmöglich war. Wulf schwebte auf Eomer zu, über dessen entstelltes Gesicht Blut floss und der vor der Mauer kniete, weil ihn sein verletztes Bein am Aufstehen hinderte.
Du trotzt mir noch immer tief in deinem Inneren, habe ich recht?
Eomer gab ein undeutliches Geräusch von sich.
Holt mir sein Blut, donnerte Wulf nach einem Augenblick des Schweigens. Eomer schüttelte stöhnend den Kopf und tastete sich an der Wand lang davon. Zwei Dunländer kamen wieder und packten den verletzten König. Eomer schlug um sich. Er hatte nun nichts mehr zu verlieren. Er spürte wie man seine Handgelenke packte und ihn hochzog, so dass er stand. Seine Arme wurden auseinandergezogen und ein enorm starker Stich, der ihn erneut brüllen ließ vor Schmerz, durchzuckte sein Handgelenk. Der Dunländer hatte ihm einen hölzernen, fingerdicken Pflock durch das Handgelenk gebohrt und ihn in einer Ritze in der Wand verankert, so dass seine Hand festgehalten wurde. Kurz darauf machte man das selbe mit seiner zweiten Hand. Eomers Schreie zeugten von grenzenlosem Schmerz, den der König ertragen musste. Er musste sich auf einem Bein halten, die Schmerzen, wenn er sich hängen ließ, waren nicht mehr zu ertragen, denn die Pflöcke rissen nicht aus. Sie steckten genau in Mitten seiner Knochen im Gelenk und ließen es so nicht zu, dass Eomers Gewicht die Pflöcke ausreißen ließ.
Eomer hörte zwischen seinen ständigen Schmerzenslauten das Tropfen seines Blutes in ein Gefäß, das am Boden unter seinen Händen stand. Er vernahm Schritte, die anscheinend den Raum verließen und drehte den Kopf, doch er war ja ohnehin blind und konnte nichts sehen.
Es könnte etwas länger dauern, Eomer, bis euch der Tod holt, aber als König, seid ihr ja in Geduld geübt, nicht wahr, ertönte Wulfs Stimme neben seinem Ohr.
Eomer verspürte das Bedürfnis um Gnade zu flehen. Er war am Ende und es gab nichts mehr, weshalb er jetzt noch Stolz zeigen sollte oder Durchhaltevermögen. Seine Kräfte verließen ihn und er ertrug den Schmerz nicht mehr. Er versuchte irgendwie ein bitte aus seinem Mund zu bekommen, doch ohne Zunge und mit gebrochenem Kiefer drang nur ein Laut aus seinem Mund. Dennoch verstand Wulf genau, was der König wollte, schließlich war er fähig in dessen Gedanken zu lesen.
Nein Eomer. Keine Gnade, meine Grausamkeit ist grenzenlos und ihr wisst das. Versucht nicht mich anzuflehen, ich ernähre mich von eurem Leid und es macht mich mächtig.
Eomer war nicht mehr im Stande noch irgendetwas zu sagen. Blut lief aus seinem Mund und ließ ihn röcheln. Er spürte wie Wulf entschwand und war alleine. Die Pflöcke hielten ihn unbarmherzig an der Wand und ließen ihn vor Schmerz beinahe wimmern. Nicht sonderlich viel Blut lief aus den Wunden an den Handgelenken, Wulf verstand sein Handwerk! Der Tod kam Eomer jetzt wie ein Freund vor. Ein Freund, auf den er sehnsüchtig wartete...
Eomer konnte nicht anders als dem Tropfen seines Blutes zu lauschen. Es war so wenig, der König Rohans wusste es würde Stunden, wenn nicht Tage dauern bis ihn der Tod holen würde. Darauf konnte er nicht warten, das ertrug er nicht mehr. Er wollte etwas tun, etwas dass sie dazu brachte ihn zu töten und zwar jetzt. Irgendwie musste er von dieser Wand loskommen, doch es war so schmerzhaft sich von ihr lösen zu wollen. Die Dunkelheit die den blinden König Rohans umfing war schwärzer als die tiefste Nacht. Obwohl es sinnlos war, versuchte Eomer einen Umriss im Raum zu erkennen, einen Schatten irgendwas, doch es war nur schwarz. Es war nicht zu vergleichen mit der Dunkelheit die ihn umfangen hatte, wenn er die Augen, als sie noch da waren, geschlossen hatte. Viel schwärzer war es jetzt...
Eomer spürte wie sein Mund sich von Zeit zu Zeit mit Blut füllte, doch er konnte es nicht schmecken. Er fühlte nur die warme Flüssigkeit, die immer mehr wurde, bis er sie ausspie oder bis sie aus seinem Mund hinauslief und über sein Kinn rann.
Eomer bewegte seinen Arm. Wenn es auch schmerzhaft war, er musste von dieser Wand loskommen. Er hielt die Luft an und bewegte seinen Arm langsam von der Wand weg, den Pflock entlang, bis zu dessen Ende, an dem er hoffte, dass er sein durchbohrtes Handgelenk darüber hinwegziehen konnte um sich so zu befreien. Doch er musste schmerzlich feststellen, dass der Pflock nach vorne hin dicker wurde, so dass er sich das Loch in seinem Handgelenk größer riss, wenn er nach vorne über den Pflock hinweg wollte. Und er hatte keine Ahnung, wie dick und vor allem wie lang der Pflock tatsächlich war, denn er konnte ihn nicht sehen. Eomer stieß ein verzweifelten Ausruf aus. Hätte er Augen gehabt, die hätten weinen können, spätestens jetzt hätte er es getan. Der König Rohans blieb für ein paar Minuten still stehen und sammelte seine Kraft. Seine Schmerzen waren so groß, da kam es jetzt auch nicht darauf an, ob er sich seine Handgelenke weiter aufriss oder nicht. Er hoffte nur inständig, dass die Pflöcke nicht zu lang waren und dass an ihrem Ende nicht was war , was ihn hintern würde darüber hinwegzukommen. Begleitet von einem Schrei, ließe er sich schließlich einfach nach vorne fallen. Sein einer Arm rutschte tatsächlich über das Ende des Pflockes hinweg, der gerade so dick war, dass er Eomers Knochen in der Hand nur streifte. Bein anderen Arm hatte der König Rohans jedoch Pech, der Pflock riss hinten aus der Wand aus und blieb in seinem Gelenk stecken. Stöhnend schlug Eomer auf dem Boden auf. Er konnte seine Hände nicht mehr bewegen und so konnte er auch nicht den Pflock aus seinem einen Handgelenk ziehen. Eomer glaubte sterben zu müssen bei den Qualen, die er durchstand, er blieb für eine Weile benommen auf der Erde liegen. Das Glück war mit ihm und er hatte sich nicht weiter Verletzt. Er war genau neben dem hölzernen Gefäß aufgeschlagen, das für sein Blut gedacht war.
Nach einer schier endlosen Zeit, in der Eomer für einige Minuten das Bewusstsein verloren hatte versuchte er sich zu bewegen. Es kam niemand um ihn zu töten wie er gehofft hatte. Jedoch konnte der König weder aufstehen noch auf allen Vieren gehen, denn die Handgelenke konnte er unmöglich belasten, also kroch er mit Hilfe seiner Unterarme über den kalten Steinboden. Er wusste nicht mal recht, was er suchte. Vielleicht einen heruntergefallenen Dolch, mit dem er seinem Leben ein Ende bereiten konnte... Oder irgendetwas anderes scharfes, ihm war es gleich. Der Pflock in seinem Handgelenk schmerzte ungeahnt und hinderte ihn sehr am Vorwärtskommen, er wusste nicht mal wohin er kroch, er hatte alle Orientierung verloren. Erst als ihm ein unheimliches Tropfen ins Gehör kam, glaubte er zu wissen, wo im Raum er war. Er musste ganz nah von Faramirs totem Körper sein... Eomer konnte sich nicht überwinden weiterzukriechen. In seinem Geiste erschien dieses grausame Bild seines Schwagers erneut und brachte Eomer dazu zitternd ein Stück zurückzukriechen.
Was haben wir denn hier, ertönte eine Stimme neben Eomer, die ihn erschreckt den Kopf wenden ließ. Der König geht unerlaubt auf Wanderschaft... Würdevoll schreitet er durch den Raum, voller Stolz und vor Ehrfurcht möchte ich mich beinahe verneigen wenn ich sein königliches Haupt so betrachte, spottete Wulf und sah Eomer in seine leeren Augenhöhlen.
Er war unbemerkt in den Raum geschwebt und musterte Eomer nun beinahe vergnüglich, in dem jetzt unwillkürlich die Angst aufkeimte. Und von dem Pflock wolltet ihr euch auch nicht ganz trennen, sagte Wulf und betrachtete sich das Holzstück, das aus Eomers Handgelenk ragte. Beachtlich, dass ihr es geschafft habt von der Wand los zu kommen, anscheinend seiht ihr noch gar nicht so schwach wie ihr ausseht.
Eomer stieß ein Geräusch aus, das wohl ein Wort sein sollte und stöhnte. Und im selben Moment hörte er wie die Tür aufschwang und schwere Schritte hineintraten. Augenblicklich packte den König Rohans die Todesangst erneut. Er spürte ein leichtes Beben um ihn herum und fragte sich, was gerade geschah. Wirr drehte er den Kopf und versuchte irgendwie einen Hinweis auf die Geschehnisse zu erhalten. Drei Dunländer waren in den Raum getreten, von dem einer sich auf Wulfs Handzeichen hin in einen Werwolf verwandelte und damit das Beben auslöste, das Eomer gerade spürte. Gelähmt vor Angst blieb der König Rohans wo er war, der Drang zu fliehen wurde groß, doch er konnte nicht weg.
Ein Knurren drang an Eomers Ohr und er ahnte, was geschehen war. Doch das machte es nicht leichter für ihn, im Gegenteil. Eine gierige Schnauze sog den Blutgeruch aus seinem Gesicht ein und scharfe Zähne streiften seine Haut, ohne sie zu verletzen.
Eomer zwang sich zur Ruhe, der Werwolf musste vor seinem Gesicht sein, er hörte das Knurren direkt vor sich. Instinktiv legte er sein Gesicht auf den Boden und versuchte mit Hilfe seines Armes es zu schützen. Die beiden Dunländer im Raum erfreuten sich dieses Anblickes und Wulf beobachtete die Reaktionen des Königs, die seine Angst offen verrieten.
Ihr seid sonst mutiger... Es ist eine Schande zu sehen welch erbärmliche Menschen uns von unserem Land vertrieben haben...
Eomer versuchte kein Geräusch zu machen und blieb beinahe starr am Boden liegen. Der Werwolf gab dem König ab und zu einen Stoß und schnüffelte knurrend an ihm herum. Wulf betrachtete sich dieses Spiel eine Weile, bis er schließlich mit einer eiskalten Stimme sagte: Hol dir das Stöckchen.
Eomer wusste im ersten Moment überhaupt nicht, was Wulf meinte und wem die Worte gedacht waren, doch schon spürte er, eiserne Kiefer, die sich um seine Hand legten in der der Pflock steckte. Verkümmerte Schreie ausstoßend versuchte er seine Hand der Bestie zu entreißen, was ihm nicht gelang. Ein schmerzhafter Druck wurde auf seine Hand ausgeübt und ein Krachen ertönte. Zu erst zersplitterte der Pflock in dem riesigen Maul des Wolfes und dann Eomers Knochen. Eomer verlor augenblicklich das Bewusstsein, als er spürte wie seine Knochen zerbarsten und der Werwolf seine Hand nicht freigeben wollte. Er drang noch tiefer in die Dunkelheit ein, die ihn ohnehin schon umfing und war endlich seine Schmerzen los.
Als Eomer wieder erwachte nahm er war, dass seine Hände oder das, was von der einen noch übrig war, nach oben gebunden waren. Er hing irgendwo in der Luft und um ihn herum herrschte ein reges Treiben. Er hörte Ketten rasseln und Schritte auf und abwandern. Mehr als ein paar klägliche Geräusche des Schmerzes brachte er nicht hervor, obwohl ihm danach zumute war seinen Schmerz herauszuschreien. Blut von seiner völlig zerbissenen Hand rann seinen Unterarm hinab und tropfte zähflüssig hinunter. Die Splitter des Pflockes hatten sich bis in seinen Unterarm gegruben und überall kleine Wunden geschlagen. Eomer konnte nicht sagen, ob er immer noch im selben Raum war oder nicht, er nahm ohnehin wenig um sich herum wahr. Zu groß waren Angst und Schmerz, zu sehr hatte ihn die Schwäche bereits ergriffen.
Er hörte ein kratzendes Geräusch, das ihm verriet, dass unter ihn ein Gefäß geschoben wurde. Eomer fühlte wie jemand sein Bein mit der Stichwunde ergriff und den notdürftigen Verband darum löste. Ein Dunländer sorgte mit einem kleinen Messer dafür, dass die Wunde wieder aufging und das Blut das Bein des Königs herunter lief. Eomers Unterkiefer zitterte schmerzhaft bei der quälenden Berührung. Er ließ einen leisen Schrei verlauten und ließ den Kopf zur Seite sinken.
Holt mir alles, genug der Konversation jetzt, ordnete Wulf an und Eomer vernahm erneut das beunruhigende Rasseln der Ketten. Ein heißer Schmerz durchzuckte seine linke Seite, der ihn unwillkürlich laut brüllen ließ. Einer der Dunländer hatte die Kette, mit der er schon die ganze Zeit hantierte, auf Eomer zuschnellen lassen. Auf der Kette warenfingerlange Wiederhaken angebracht und hatten sich tief in des Menschen Fleisch gegraben. Auf Befehl von Wulf hin, riss der Dunländer die Kette nach kurzer Zeit wieder zurück und sorgte somit dafür, dass Eomer Fleischfetzen aus der Haut gerissen wurden. Der König begann von seinen Wunden stark zu bluten, der Schmerz wurde übermäßig und ließ ihn trotz seines gebrochenen Kiefers und seiner abgeschnittenen Zunge Gnadengesuche hervorpressen. Doch niemand wollte ihn hören. Der Dunländer ließ die Kette wieder nach vorne schnellen, die sich sofort erneut in Eomers Fleisch grub, diesmal in seinen Oberkörper und riss sie danach wieder erbarmungslos hinaus. Der König versuchte dem Pein zu entkommen und wollte seine Hände bewegen, wollte sich irgendwie hochziehen oder den Schlägen ausweichen, doch das war ein hoffnungsloses unterfangen. Der Dunländer quälte ihn weiter. Wieder und wieder ließ er die Kette hervorschnellen, sorgte dafür, dass die Haken pfeilgleich in Eomers Haut stachen und riss sie danach wieder heraus, so dass die gebogenen Haken Eomer das Fleisch von den Knochen rissen. Eomers Gebrüll verebbte langsam und seine Versuche der Kette zu entkommen, wenn er sie hörte wurden langsam immer schwächer. Sein Körper war blutüberströmt und tiefe, Risse und Gruben übersäten seinen Körper. Fleischfetzen, die sich nicht völlig gelöst hatten, hingen von seinem Körper herab und entstellten denn Mann auf grausamste Art und Weise. Eomers Kopf sank auf die Brust und zwei weitere Kettenhiebe, die auf ihn niedersausten, bemerkte er beinahe gar nicht mehr. Er hörte nur ein Knirschen an seiner Seite und wusste damit, dass sie bis zu seinen bloßen Rippenknochen vorgedrungen waren und diese mit herausrissen. Blut strömte von Eomer herab in das hölzerne Gefäß unter ihm, das sich langsam füllte. Wulf blickte zufrieden auf die rote Flüssigkeit und verschwendete keinen Blick mehr auf sein wehrloses Opfer.
Eomer spürte es nicht mehr, als der Dunländer die blutige Kette zu Boden fallen ließ und von ihm abließ. Der König Rohans fiel langsam in Bewusstlosigkeit, er hatte die Qual überstanden und das machte ihn im Inneren beinahe Glücklich. Das letzte, was Eomer hörte, war das Plätschern seines Blutes, dann holte ihn die Ohnmacht, aus der er nie wieder erwachte. Er starb nur kurze Zeit später und Wulf verließ seinen toten Körper zusammen mit seinen Männern, als er Eomers Herzschlag nicht mehr hörte. Wulfs Gesichtsausdruck zeigte größte Befriedigung, er hatte seinen größten Feind so eben geschlagen, der König Rohans war tot!
Elftes Kapitel
Wir haben nur noch diese eine Chance, ich hoffe, das ist dir klar! fragte Aragorn Gimli mit ernstem Gesicht. Der Zwerg nickte.
Die beiden hatten sich wieder gefangen, sie sahen sich nun dazu in der Lage, erneut zur Tat zu schreiten. Es war ihnen egal, ob Wulf davon wußte, es ahnte, was sie taten, sie wollten jetzt handeln, denn ihnen war klar, daß ihnen nicht viel Zeit blieb. Aragorn hatte gehört, was mit Eomer geschehen sollte, und die beiden Flüchtigen glaubten, vor kurzem gehört zu haben, wie man Eomer bereits aus seiner Zelle geholt hatte.
Ihre Freunde brauchten sie jetzt. Drei waren bereits tot, das war ohnehin schon zuviel. Taidoloths Tod mitansehen zu müssen hatte Aragorn in keinster Weise kalt gelassen, auch wenn er den gutmütigen jungen Mann kaum gekannt hatte. Aber er war immerhin auf seiner Seite gewesen.
Sie mußten nach vorn blicken. Aragorn wußte, daß es lebensgefährlich und vermutlich ohnehin vergebens war, was er versuchen wollte, aber er hatte ohnehin keine andere Wahl.
Sie wußten beide, daß sie dabei höchstwahrscheinlich sterben würden, und alle anderen mit ihnen. Aber sie mußten es zumindest versuchen.
Jetzt war Aragorn urplötzlich dankbar, daß der Unfall mit den Dunländern sich ereignet hatte. Diese eine Chance hatte er noch - und er hatte keine Ahnung, warum er daran nicht längst gedacht hatte.
Gimli sah ihn neugierig an. Er hatte es kaum glauben können, als Aragorn von seinem Vorhaben sprach, und jetzt war es soweit. Sein Freund stand mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen aufrecht vor ihm, umklammerte den Griff seines Schwertes und besann sich auf seine Absicht, er ließ seinen Willen erstarken und konzentrierte sich auf das verborgene Wesen in ihm, was daraufhin sogleich zum Vorschein kam.
Gimli schrak zurück, als Aragorns Gestalt sich veränderte. Von einem grünen Leuchtschimmer umgeben, ging er in die Knie, er wurde größer und nahm schließlich die Umrisse eines Werwolfes an, wie Gimli sie ebenfalls genau kannte.
Das ist doch nicht möglich! entfuhr es dem erstaunten Zwerg, der höchstens neugierig zu der vor ihm aufragenden Kreatur hochschaute. Es kam jedoch keine Antwort, und Gimli ahnte bereits, daß es dem wölfischen Wesen nicht gegeben war, normal zu sprechen.
Die beiden mußten sich jedoch nur ansehen und wußten, was sie zu tun hatten.
Gimli hatte seine Waffen noch immer, Anduril hatte er nicht nehmen wollen, als Aragorn ihm sein Schwert angeboten hatte, und so zog der Zwerg lieber die beiden Messer vor, die er noch trug.
Eines davon das von seinem toten Freund, Legolas.
Neben der fast geräuschlosen Bestie, in der sein Freund steckte, schlich Gimli durch den Gang, erneut der großen Halle entgegen, und es war ihm gleich, daß sie dort diesmal ein Dutzend Feinde erwartete. Mindestens.
Doch dann war es auch schon soweit. Sein Freund schnellte vor und sprengte aus dem Gang, daß Gimli nur noch staunend hinterherschauen konnte. Dann nahm er die Beine in die Hand und rannte hinterher.
Mit einem bestialischen Gebrüll stürzte Aragorn, der sich im Körper des riesigen Wolfes fast wohl fühlte, auf die neben der zurückgezogenen Brücke stehenden Wächter zu, schnappte mit seinen riesigen Kiefern nach den Männern und warf vier von ihnen ohne Schwierigkeiten zu Boden. Sie hatten mit nichts gerechnet, deshalb war der Vorteil auf seiner Seite.
Instinktiv, unkontrolliert und gnadenlos schnappte der Wolf nach dem Kopf des zuoberst liegenden Mannes, konnte ihn fast gänzlich mit den Kiefern umklammern und schnappte dann zu, daß es dem Dunländer den Hals in Fetzen riß. Derweil hatte er eine seiner riesenhaften Klauen in den Hals eines anderen Mannes geschlagen und holte dann, als er und einer der Dunländer sich aufrichteten, flink aus und zerschnitt ihm mit den langen Klauen den Oberkörper, bevor er fester zuschlug und die Klauen durch die Rippen des Mannes bis fast an sein Herz bohrte.
Auch dieser sackte in sich zusammen. Dann allerdings spürte Aragorn, wie die anderen nicht länger zögerten und sich ebenfalls zu verwandeln begannen.
Gimli war jedoch hellwach, rannte herbei und erstach zwei Männer auf einmal von hinten, ohne zu zögern, denn abgelenkt waren sie ohnehin. Als er genauer hinsah, stellte er fest, daß glücklicherweise einer dieser Männer die Schlüssel zu den Zellen an seinem Gürtel trug, und der Zwerg schnappte sie sich, mußte sich aber sofort gegen zwei weitere Angreifer zur Wehr setzen.
Ein lautes Geschrei erhob sich. Die Hälfte der Männer lag bereits nach einer Minute tot am Boden, die beiden Angreifer wüteten ohne Pause, denn sie wußten, daß sie eigentlich unterlegen waren und nicht zögern durften, wenn sie überleben wollten. Aber die Überlebenden riefen um Hilfe und wurden im Handumdrehen selbst zu Wölfen.
Gimli schnappte nach Luft. Unbeachtet von den Bestien, schlich er sich zum Zahnrad und begann, daran zu drehen, um die Brücke über den Abgrund auf die andere Seite schwingen zu lassen.
Diesmal war es an ihm, die anderen zu befreien, und er hatte nicht viel Zeit dafür. Aragorn im Wolfsgestalt war damit beschäftigt, die Wachen abzulenken und zu bekämpfen.
Noch bevor die Brücke drüben wirklich aufsetzte, sprang Gimli hinauf und hastete hinüber, hantierte bereits nervös mit den Schlüsseln in seiner Hand, dann stürzte er auf die erste Tür zu.
Wir holen euch! rief er, blickte auf das Schloß und dann seine Schlüssel, von denen er drei Stück ausprobieren mußte, bevor er dann erst den richtigen fand. Auf der anderen Seite bewegte sich etwas, das konnte er hören, und als er die Tür aufstieß, standen Frodo, Liliane und Sam vor ihm.
Gimli! entfuhr es ihnen voller Überraschung und Erleichterung.
Los, raus mit euch und fort, wir dürfen nicht zögern! sagte er und wollte schon zur nächsten Zelle laufen, als Sam rief: Was ist mit Eowyn?
Warte, gab Gimli zurück und öffnete auch die Tür zur zweiten Zelle. Als er dort hineinsah, erblickte er Bergil und Merry, die ihn fassungslos anschauten und hinausliefen, als er ihnen Platz machte.
Bergil, sie brauchen Hilfe mit Eowyn! erklärte Gimli, bevor er zur übernächsten Zelle lief, weil die dritte Tür noch offenstand, seit Eomer nicht mehr darin war.
Aber in der vierten und letzten Zelle bot sich ihm ein schreckliches Bild. Ihm entfuhr ein Aufschrei des Entsetzens.
Merry, der gerade etwas hilflos herumstand und nichts mit sich anzufangen wußte, kam herbei und schrie ebenfalls auf, wandte sich schlagartig ab und begann zu zittern.
Gimli ging in die Zelle hinein und lud sich den toten, völlig blutüberströmten Pippin auf die Arme. Er würde den Kleinen nicht bei diesen Bastarden lassen, um nichts in der Welt. Er würde den armen Hobbit mitnehmen, auch wenn er sonst nichts mehr für ihn tun konnte.
Merry sah ihn unter Tränen verzweifelt an. Gimli erwiderte seinen Blick stumm und blickte hinab auf seinen toten Freund, den er fast wie ein Kind auf den Armen trug.
Pip... flüsterte Merry tonlos. Die beiden waren entsetzt.
Als die anderen sie so kommen sahen, spürten sie dasselbe, sie waren fassungslos und spürten auch in ihren Augen Tränen brennen.
Nun war es noch einer mehr.
Bergil hatte Eowyn aufgeholfen und ihren Arm um seine Schultern gelegt, so konnte sie recht problemlos die Zelle verlassen und gesellte sich mit ihm zu Frodo, Liliane und Sam, die stumm zu Merry und Gimli blickten.
Jetzt hat er es doch getan, flüsterte Bergil mit erstickter Stimme.
Es war Gimli, der sie alle ins Leben zurückholte. Wir müssen fliehen! So beeilt euch doch! Die Brücke! rief er und rannte voraus. Noch hatte sich niemand um die Brücke gekümmert, aber viel Zeit blieb ihnen nicht mehr, sonst würde sie wieder eingeholt oder jemand kam und stellte sich ihnen in den Weg - was fatal sein würde, weil sie alle keine Waffen hatten außer Gimli.
Frodo und Liliane liefen mit Sam hinterher, Merry ließ sich irgendwie mitziehen, dann erst folgten Bergil und Eowyn.
Sie waren völlig am Ende mit ihren Kräften, aber dennoch stark genug, fliehen zu wollen und es auch zu können. Sie konnten laufen, sie würden ihr bestes geben.
Liliane schrak zurück. Sie blieb hinter Frodo stehen, der ebenfalls bereits erkannt hatte, daß es für sie keinen Weg durch die kämpfende Meute hindurch gab. Und das Schlimmste war, daß sich bereits feindliche Verstärkung näherte, bis an die Zähne bewaffnete Dunländer kamen herbeigeeilt und versperrten ihnen sämtliche Fluchtwege.
Nein! rief Bergil. Gebt mir irgendeine Waffe, wir müssen kämpfen! Los!
Aber es war niemand da, von dem er eine Waffe hätte nehmen können, die Toten lagen außerhalb seiner Reichweite. Sie befanden sich genau zwischen dem Abgrund und den Wölfen, die damit beschäftigt waren, Aragorn zu attackieren.
Und der Verwandlungszauber ließ nach. Aragorn hatte seine Gestalt nicht so unter Kontrolle, wie es nötig gewesen wäre, denn überwältigt von der Überzahl der Wölfe, lag er inzwischen rücklings auf dem Boden und zog hastig Anduril, um sich zu verteidigen. Er war jetzt nur noch wieder der Mensch, kein mordlüsterner Werwolf mehr, der seinen Feinden mit enormen Kräften begegnen konnte.
Brüllend hieb er mit dem Schwert mitten ins Herz des sich über ihm auftürmenden Werwolfes und rollte sich trotz seines halb zerfetzten Armes und den vielen Schnittwunden, die so stark bluteten, daß seine Kleidung schon völlig verschmiert war, zur Seite und wurde nicht von der Bestie begraben.
Keuchend wollte er sich erheben, aber er konnte nicht. Man hatte ihm derart tief in den Oberschenkel geschlagen, daß er das Bein kaum bewegen konnte.
Daß Gimlis Vorhaben geglückt war und die anderen endlich aus den Zellen hatten fliehen können, sah er zwar, aber er steckte im Moment bis zum Hals in Schwierigkeiten.
Gimli reichte derweil Bergil eine seiner Waffen und überlegte noch, wie er sich vorübergehend zum Kampf von Pippins Leichnam befreien konnte, als plötzlich ein Werwolf auf ihn und Merry zugesprungen kam.
Hinter Merry war der Abgrund, und um seinen Freund nicht hinabzustoßen, wich Gimli zur anderen Seite aus, um nicht vom Wolf in die Tiefe hinabgestoßen zu werden. Der Zwerg war derart flink, daß die Bestie damit nicht gerechnet hatte und taumelnd über die Kante stürzte, aber im letzten Moment noch die Krallen ins Fleisch des Zwerges grub und ihn so am Bein mit sich hinabriß in die Tiefe.
Taumelnd verlor Gimli das Gleichgewicht und ließ Pippin los, aber es war zu spät. Der Zwerg hatte keine Chance mehr, er konnte sich nicht fangen, und auch Merry, der ihm helfen wollte, kam nicht mehr rechtzeitig.
Panisch aufschreiend mußte Merry mitansehen, wie Gimli in die Tiefe fiel, direkt hinter dem Werwolf und mit Pippin. Schon in der nächsten Sekunde hatte die Finsternis sie verschluckt, nur ein letztes Aufjaulen des Werwolfes war noch zu hören, dann war alles still.
Da lag nur noch ein Messer. Merry glaubte fast, nicht mehr er selbst zu sein, als er sofort danach griff und sich mit in den Kampf stürzte. Mit Tränen in den Augen rannte er auf den nächsten Werwolf zu und stach ihm das Messer in die Kehle.
Das ist für Pip! brüllte er wie von Sinnen.
Eowyn stand neben Bergil, der sich drei Dunländern gegenüber sah, die ihn böse anfunkelten.
Einer der Aufrührer! zischte einer. Schnappen wir ihn uns!
Weg, ihr Bastarde! brüllte Bergil und schlug mit seinem Messer nach ihnen. Im nächsten Moment jedoch wurde er von hinten umklammert und fast niedergeworfen, so daß er sich nicht mehr wehren konnte.
Wulf will dich zum Frühstück! lachte der Dunländer hämisch und packte Bergil an den Haaren, zerrte ihn hoch und hielt ihn mit seinen Kumpanen in Schach.
Immer dieser freche Kerl, ich glaub, wir sollten ihm mal ordentlich weh tun!
Laßt ihn! rief Eowyn, die sich tapfer neben Bergil aufrecht hielt. Die Dunländer starrten sie überrascht an, schienen für einen Moment zu überlegen, dann trat einer näher auf Eowyn zu.
Und mit dir werden wir auch noch so unseren Spaß haben! zischte er gefährlich.
Mit einem Aufschrei wandte Eowyn sich um und wollte fliehen, doch sie hatte nicht bemerkt, daß auf dieser Seite ein weiterer Dunländer stand und ihr bedrohlich das Schwert entgegenhielt, um sie zurückzudrängen und unter Kontrolle zu halten.
Eowyn sah den Mann erst, als die Klinge ihren Bauch bereits durchbohrt hatte. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und starrte mit geweiteten Augen auf das kalte Metall, das ihren Leib völlig durchstochen hatte.
Sie rang nach Luft und spürte, wie etwas in ihr starb, wie sich Blut in ihrer Luftröhre sammelte und sie fast zu ersticken drohte, schon in der nächsten Sekunde und unwiderruflich. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihren gesamten Körper, Eowyn sackte in die Knie und stöhnte, als der Mann ruckartig seine Waffe zurückzog.
Warmes Blut lief ihre Beine hinab. Eowyn ging zu Boden und bevor sich ihre Augen schlossen, blickte sie zu Liliane, die sie in Todesangst schreiend ansah und nicht fassen konnte, was vor sich ging.
Merry wurde gepackt und gemeinsam mit Bergil fortgebracht. Eowyn lag tot vor ihren Füßen, Gimli und Pippin waren nicht mehr bei ihnen - da waren nur noch sie, Frodo und Sam, und irgendwo unter den Werwölfen vermutete sie Aragorn.
Sie bekam keine Luft mehr. Am ganzen Leib verkrampfend, schrie sie auf, sie schrie ihre Angst hinaus und wollte fliehen, mitten durch die Wölfe hindurch.
Nein! Liliane, nicht! rief Frodo und packte sie mit der rechten Hand, reflexartig und ohne nachzudenken. Blut schoß aus der Wunde hervor, aber er ließ Liliane nicht los, er rannte hinterher mitten in den Pulk von Dunländern und Werwölfen.
Liliane wußte nicht mehr, was sie tat. Es gab keinen Ausweg mehr, umringt von Feinden standen die beiden da, abgeschnitten von den anderen und ohne Aussicht auf Rettung.
Lauf, Sam! Lauf um dein Leben! brüllte Frodo über die feindlichen Köpfe hinweg. Er wußte nicht, ob sein Freund ihn überhaupt hörte.
Bringt sie alle weg! Los! erging ein harscher Befehl von den siegenden Dunländern. Sam wurde gepackt, zwei Wölfe gruben ihre gigantischen Zähne in Aragorns Fleisch und schleppten ihn an einem Arm und einem Bein fort. Er hatte sein Schwert verloren, den Kampf verloren, er sah, wie sich sein Leben dem Ende zuneigte.
Sie waren alle tot. Nur die, die nun vor Wulf gebracht werden sollten, waren noch irgendwie am Leben.
Bergil wusste nicht wo sie ihn hinbrachten, der Dunländer hielt ihn so fest in den Haaren gepackt und drückte seinen Kopf hinunter, dass der junge Mann den Blick nicht heben konnte und nur unbeholfen voranstolperte. Als Merry etwas sagte bekam der junge Mann mit, dass der Hobbit in seiner Nähe sein musste. Ohne zu wissen, warum eigentlich rief er dessen Namen, vielleicht um sich selbst zu beruhigen. Merry konnte nicht viel sagen, die Dunländer stießen ihn hart voran und ließen ihn kaum Luft holen. Bergil bekam ein paar böse Beleidigungen an den Kopf geworfen, sagte aber kein Wort. Der junge Mann wusste, dass es aus war. Den Kampf eben hatten sie verloren und damit hatten sie voraussichtlich ihrer aller Todesurteil ausgesprochen. Doch anders als vermutet, bereute Bergil diese Tat nicht. Er war beinahe dankbar, dass sein König es noch einmal versucht hatte, er machte ihm keinen Vorwurf, auch wenn sein Versuch gescheitert war. So waren sie wenigstens kämpfend untergegangen, hatten sich ein letztes Mal aufgelehnt gegen den Feind, der sie ohnehin geschlagen hätte. Das einzige, was Bergil wirklich bereute, war, dass er nicht mehr von diesen Bastarden mit ins kühle Grab gerissen hatte. Er hatte viele seiner Freunde fallen sehen und er hätte sie gerne gerächt. Wütend versuchte er seine Arme loszureißen und trat den Dunländer, der vor ihm lief in die Kniekehle, so dass dieser kurz zusammensackte und sich überrascht nach ihm umdrehte. Bergil war es egal was jetzt geschah, er würde ohnehin sterben. Als Leibwächter hatte er versagt, er hatte Aragorn nicht retten können, da sollten diese Dunländer wenigstens jetzt nicht noch leichtes Spiel mit ihm haben! Wütend funkelte ihn der Dunländer an, er war so erbost, dass die Adern an seinem Hals regelrecht heraustraten vor Zorn.
Was du Hund? Töte mich doch, du verfluchter Bastard, es kümmert mich nicht mehr, brüllte Bergil voller Hass.
Der Dunländer sah ihn erst verwirrt an bei der plötzlichen Kampfeslust, die der junge Gondorianer an den Tag legte, doch im nächsten Moment schlug er Bergil ohne die Miene zu verziehen die Faust ins Gesicht, so dass der junge Mann zu Boden gegangen wäre, wenn ihn nicht der andere Dunländer gehalten hätte. Bergil strömte das Blut aus der Nase und seine Lippe war aufgerissen. Der Dunländer sah ihn herausfordernd an. Noch eine oder langt das erst mal, fragte er provozierend.
Bergil spuckte ihm wutschnaubend vor die Füße.
Jungchen... Dein Mut, den du hier zeigst, wirst du bald bereuen! Selbst der stolze König Rohans hat um Gnade gebettelt, als wir ihm gezeigt haben, was Schmerz bedeutet, raunte der Dunländer düster.
Bergil wusste nicht warum, aber es brachte ihn zum Schweigen. Diese Worte machten ihm wieder deutlich in welcher Lage er sich befand. Dass er sterben musste, wusste er, aber er hatte in seiner Wut vergessen, in wessen Hand es lag, ob er schnell den Tod finden würde oder langsam. Den jungen Mann überkam schlagartig die Angst, seine Lehrer hatten ihm damals schon immer gesagt, er sei gelegentlich zu aufbrausend und Bergil fürchtete nun, dass ihm diese Art zum Verhängnis werden könnte.
Er schwieg und senkte den Kopf, doch nicht um Demut zu zeigen, sondern damit das Blut aus seiner Nase laufen konnte.
Sie wurden weiter voran gestoßen und Bergil fragte sich, wohin sie gebracht werden sollten. Nach nur kurzer Zeit stieß man sie in einen leeren, dunklen Raum, in dem nur in der Mitte ein Tisch stand. Einer der Dunländer stellte sich sogleich innen vor die Tür um die Gefangenen zu bewachen, die anderen verschwanden wieder aus dem Raum.
Bergil und Merry blieben verloren im Raum stehen. Sie wussten nichts mit der Situation anzufangen. Der kleine Hobbit starrte zitternd und schnell atmend im Raum umher.
Ganz ruhig Merry... Ich bin da..., flüsterte Bergil und legte dem Hbbit die Hand auf die Schulter.
Er ist tot, Bergil, er ist tot! Ich habe gesagt, er sieht das Auenland wieder, ich habe gelogen, schluchzte Merry, ohne den Blick auf Bergil zu richten. Mein bester Freund ist tot, alle sind tot, ich will auch sterben...
Wir wissen noch nicht, ob alle anderen tot sind... antwortete Bergil leise und er kam sich so dumm bei diesen Worten vor. Selbst wenn nicht, es gab trotzdem keine Hoffnung...
Merry gab ohnehin keine Antwort, er senkte nur den Kopf, ließ seine Tränen die Wange hinunter perlen und schluchzte laut.
Bergil lief wie ein gehetztes Tier hin und her, hielt sich seine noch immer blutende Nase und warf dem Dunländer vor der Tür eisige Blicke zu. Er wollte schon beinahe fragen, was jetzt geschehen sollte, doch eigentlich wollte er es gar nicht wissen. Er fürchtete sich vor der Antwort und legte lieber Merry schützend den Arm um die Schulter. Der Dunländer musterte ihn mit kalten, braunen Augen und schwieg, außer Merrys Schluchzen war es ganz leise.
Aragorn spürte nur brennende Wunden, Blut, das über seine Haut lief, Wehrlosigkeit.
Auch diese Chance hatten sie nicht nutzen können und jetzt hatten sie verloren.
Dieser Gedanke allein brachte ihn fast um. Er wußte, die Chancen hatten nie gut gestanden, aber daß sie endgültig verloren hatten, wollte er noch nicht wahrhaben.
Einen Ausweg mußte es doch noch geben...
Er schleifte mit dem Rücken über den Boden, spürte seinen Arm und sein Bein nicht mehr, beide von starren Kiefern gehalten.
Bergil und Merry waren schon fort. Wer noch am Leben war, offenbarte sich Aragorn erst, als er sah, wie Sam neben ihm vorangestoßen wurde, und dann gaben die Feinde kurz den Blick auf Frodo und Liliane frei, die noch nicht folgten.
Aber dann geschah es und Aragorn schrie voller Entsetzen: Du hast gewonnen, Wulf, aber nur fürs Erste!
Frodo und Liliane hatten sich aneinandergeklammert und wollten sich nicht voneinander trennen lassen. Grobe, starke Hände rissen sie schließlich auseinander, aber das ließ Frodo vor Wut rasen.
Laßt sie los! Laßt Liliane los, sofort! brüllte er zornig und trat derart hart nach dem, der ihn festhielt, daß er freikam. Keuchend stand er inmitten der Dunländer, ungeachtet seiner verletzten Hand griff er nach Lilianes Armen und zog sie zu sich heran, er brüllte die Dunländer wie verrückt an, so daß einer schließlich wieder sein Schwert zog.
Bist du endlich ruhig! herrschte er Frodo laut an, doch der Hobbit ließ Liliane nicht los.
Niemand tut meiner Frau etwas zuleide! rief Frodo und schluckte hart angesichts des kalten Metalls, das an seine Kehle gepreßt war. Der Dunländer funkelte ihn böse an.
Laß los oder ich schneide dir die Kehle durch!
Laßt sie! Hört sofort auf, ich werde mich von euch nicht einschüchtern lassen! Frodo blieb hörbar stur, auch wenn Liliane ihn anflehte, es sein zu lassen.
Frodo, nicht! rief sie flehentlich.
Aber ich beschütze dich, meine Liebe, mit meinem Leben! sagte er mit fester Stimme und sah sie unverwandt an.
Ich liebe dich... flüsterte er, wollte sie in seine Arme ziehen, aber sie wurde noch immer nicht losgelassen und der Dunländer mit dem Schwert verlor nun doch seine Geduld.
Laß sie los! brüllte er, aber Frodo tat es nicht. Er blickte noch immer zu Liliane, als ohne weitere Vorwarnung die messerscharfe Klinge sein Fleisch zerschnitt, die Luftröhre zertrennte und ihn sterbend in die Knie gehen ließ.
Liliane gab keinen Ton von sich, als sie sah, wie Frodo mit durchschnittener Kehle zu Boden sank und seine glasigen Augen schloß, als er sie ein letztes Mal angesehen hatte. Dann atmete er nicht mehr.
Sie wehrte sich nicht mehr, als man sie davontrug. Sie starrte nur unverwandt auf Frodo, den einer der Dunländer aufhob und mitnahm, damit Wulf das heftig hervorquellende Blut noch nutzen konnte. Auch Eowyn war nicht zurückgelassen worden.
Es war, als hätten sie die geräumige Kammer bereits im nächsten Moment erreicht. Sie wußten, daß es Wulf war, der da vor ihnen schwebte und sie siegessicher angrinste. Aragorn wurde zu Boden geworfen und lag bäuchlings vor Wulf, der höhnisch lachte. Eowyn und Frodo wurden an den Seiten niedergelegt, was Wulf wissend nicken ließ. Solange ihr Blut nicht verloren war, sollte es ihn nicht stören, daß sie bereits tot waren.
Vorzüglich! Die beiden Aufrührer werden vor ihrem Ende erst noch entsprechend gezüchtigt. Wen haben wir denn hier, der noch eine Lektion erteilt bekommen muß, abgesehen von Elessar...
Wulf sah zur tränenüberströmten Liliane, die nicht zu Frodo schaute, denn sie ertrug es nicht, ihn tot zu sehen.
Es war alles aus. Sie wußte, daß sie auch sterben würde, und es war ihr inzwischen gleichgültig. Eine letzte nagende Angst spürte sie noch, aber sie blieb reglos mitten im Raum stehen und starrte zu Boden.
Nur die Halblinge. Männer - ihr verdient eine Belohnung, sagte Wulf, und damit meinte er auch die in der Tür stehenden Werwölfe.
Was würde euch gefallen? fragte er und mußte nur die herabhängenden Lefzen der Werwölfe kurz in Augenschein nehmen, um zu wissen, daß sie Hunger hatten.
Wie wäre es mit dem wohlgenährten Halbling? schlug er vor und deutete zu Sam, der wie versteinert neben Liliane stand und unter Tränen zu seinem toten Freund Frodo blickte. Er hörte nicht einmal, was Wulf sagte, und so traf es ihn überraschend, als er plötzlich von hinten von einem der Wölfe niedergestreckt wurde. Krallen bohrten sich schmerzhaft in seinen Rücken, er wurde herumgerissen und mußte einem Wolf in den weit geöffneten Rachen blicken.
Ein anderer schlug die Zähne in seinen Fuß. Sam schrie auf, als ein dritter ihm eine Seite seines Körpers zerriß und er sehen konnte, wie er sein eigenes blutiges Fleisch verschlang. Seine Schmerzensschreie ließen Liliane zusammenzucken, die gar nicht hinsah, aber genau wußte, daß sie ihn bei lebendigem Leibe auffraßen.
Als Sam spürte, wie sein Fuß abriß und ein anderer Wolf die Zähne in seinen Arm bohrte, brüllte er vor Schmerzen und wollte fliehen oder sterben, er wollte nur, daß das aufhörte.
Und im nächsten Moment schnappte ein schwerer Kiefer vor seinem Kopf zu und biß ihm so in den Hals, daß er sofort tot war.
Warum tut Ihr das? Wenn Ihr unser Blut wollt, so nehmt es euch, aber hört auf, sie zu quälen! Tut mir mir, was Ihr wollt, aber laßt meine Freunde in Frieden sterben! rief Aragorn, der nicht woanders hatte hinsehen können. Er war froh, daß Sam nicht mehr lebte. Die Bestien zerfetzten ihn vollends.
Wulf schenkte Aragorn keinerlei Beachtung. Er sah zu seinen Männern, die nicht aussprachen, was ihnen durch den Kopf ging. Wulf mußte jedoch nur ihren Blicken folgen und wußte, was sie wollten.
Was euch beliebt! sagte er.
Und Liliane merkte rechtzeitig, was geschehen sollte. Drei Männer waren es, die sich ihr näherten, mit lüsternen Blicken und selbstgefälligem Grinsen.
Nein! brüllte Aragorn und wollte aufstehen, aber einer der anderen Dunländer, der in seiner Nähe stand, trat ihn grob wieder auf den Boden zurück.
Liliane wich zurück an die Wand, bis es nicht mehr ging. Sie sah sich drei hochgewachsenen, starken Dunländern gegenüber, die alle drei dasselbe Ziel hatten und sicherlich auch keine Gnade kennen würden.
Es war aus. Frodo war tot, sterben würde sie selbst ebenfalls, aber sie würde sich zuvor nicht ein weiteres Mal so quälen lassen.
Sie ließ den ersten ganz nah an sich herankommen, doch zitterte am ganzen Leib und nur weil sie es wirklich wollte, war sie flink genug, als sie nach dem Dolch im Gürtel des sie bedrängenden Kerls griff.
Bevor jemand sie davon abhalten konnte, drehte sie die kurze Stichwaffe in ihrer Hand, schloß die Augen und rammte die Klinge bis in ihr Herz. Als sie schwer vornüber kippte und zu Boden ging, wurde sie von unendlicher Schwerelosigkeit aufgefangen und war frei.
Keuchend starrte Aragorn in Lilianes Richtung. Über ihm schwebte Wulf, der das Ganze mißbilligend aufnahm, aber weiter kein Wort darüber verlor. Das Blut der Halblinge war ihm nicht so wichtig.
Und als der Geist sich dem Ritualstein zuwandte, auf dem bereits durchlöcherte Gebeine aufgebahrt waren, sah Aragorn das randvoll mit Blut gefüllte Behältnis danebenstehen, das Wulf sein Leben zurückgeben sollte.
Mit letzter Kraft kämpfte er sich bäuchlings vorwärts und hinterließ dabei eine dunkle Blutspur auf dem Boden. Bevor einer der Dunländer oder Wulf ihn davon abhalten konnten, berührten seine schwachen, zitternden Finger die Schüssel auch schon, drückten sie an einer Seite hinunter und brachten sie so zum Umstürzen.
Ein metallisch-süßer Geruch stieß Aragorn in die Nase, als das halb geronnene Blut, das mit Sicherheit von seinen dafür gestorbenen Freunden stammte, ihm über Finger und Arme lief. Es war so viel.
Ein schriller Schrei zerriß die Luft über ihm. Wulf war zutiefst entsetzt, als er das sah.
Elbenblut! brüllte er. Das war Elbenblut, und das des Statthalter und Eomer Eadigs! Ich brauche seines! Holt mir mehr, sofort! Und tötet diesen Bastard hier endlich! Macht mit ihm, was ihr wollt, aber tötet ihn!
Aragorn wälzte sich herum und blickte hoch zu Wulf.
Eomer ist noch nicht tot? fragte er keuchend.
Noch nicht sehr lang, noch kann ich sein Blut bekommen! Dazu noch Eures und das genügt auch schon! grinste Wulf über Aragorn, der plötzlich zwei Werwölfe auf sich zukommen sah.
Er wollte aufstehen, aber sein rechter Arm war so zerfetzt, daß er es nicht mehr konnte, und sein linkes Bein gehorchte ebensowenig. Sein Oberkörper war zerschnitten und blutüberströmt, er war so gut wie tot.
Im nächsten Moment sprang eine der riesigen Kreaturen auf ihn zu und thronte erst über ihm, bevor sie ihre Zähne in sein Fleisch bohrte und an seinem Arm riß. Gleichzeitig tat der andere Wolf dasselbe mit Aragorns anderem Arm, Aragorn spürte nichts weiter als Schmerz, als die scharfen Zähne sein Fleisch zerschnitten. Sein Blut tropfte davon herab, aber dann ließen die Wölfe sich keine Zeit mehr und rissen beide gleichzeitig an seinen Armen, daß er glaubte, es zerreiße ihn.
Er brüllte vor Schmerzen. Nacheinander sprangen seine Schultern aus den Gelenken, die Knochen zerbarsten, dann spürte er, wie plötzlich ein Arm von seinem Körper gerissen wurde.
Tränen schossen ihm in die Augen, daß er sonst nichts mehr erkennen konnte. Scharfe Krallen durchstachen seine Seite, er hörte ein bösartiges Knurren neben sich und schrie seinen Schmerz hinaus, den er anders nicht aushalten konnte.
Es war aus. Wulf hatte gewonnen und er würde qualvoll sterben.
Um wenigstens das zu vermeiden, wollte er sich irgendwie aufrichten und schaffte es sogar. Das zeigte einer der grausamen Kreaturen, daß er noch immer fliehen wollte, und endlich zerfleischten die raffgierigen Zähne ihm seine Kehle, so daß alles schwarz um ihn wurde.
Herr was sollen wir tun, der Leibwächter lebt noch und einer der Halblinge, fragte ein Dunländer, der soeben von Bergil und Merry direkt zu seinem Herrn geeilt war.
Wulf beobachtete, wie sich einer seiner Gefolgsleute an den Überresten des gondorianischen Königs zu schaffen machten und versuchten sein Blut aufzufangen. Er schwebte unwirsch im Raum hin und her. Aragorn hatte vor seinem Tod dafür gesorgt, dass das Blut verloren ging. Das kostbare Elbenblut war verloren... Wenigstens hatte Wulf das Königsblut noch!
Wulf beobachtete wie seine Diener die Schale mit Blut wieder füllten, Aragorn war erst wenige Minuten tot, sein Blut gab den Hauptteil, von Eomer wollte sich Wulf noch etwas holen, doch würde es reichen?
Herr, erinnerte ihn der Dunländer daran, dass er ihm gerade etwas gesagt hatte.
Einen Leibwächter..., flüsterte Wulf interessiert. Kein Elb, aber dennoch junges gondorianisches Blut... Nicht jeder Dahergelaufene kann ein Leibwächter des Königs werden, ihn zeichnen gewiss viele Tugenden aus..., überlegte Wulf laut.
Die Dunländer blickten interessiert zu ihrem Herrn und warteten auf eine konkrete Anweisung. Tötet den Halbling, er ist nutzlos und bringt mir das Blut des Leibwächters, entschied Wulf kalt.
Seine Untergebenen verneigten sich kurz und verließen dann eilig den Raum. Wulf widmete sich wieder dem toten Aragorn und beobachtete, wie seine Diener selbst den letzten Tropfen Lebenssaft des Königs stahlen.
Auf dem Weg zu dem Raum wo Bergil und Merry waren, trafen die Dunländer auf ihren feist aussehen Gefährten, der Bergil bereits hatte damals in der Einöde das Leben nehmen wollen.
Dein Freund stirbt, magst du zusehen, fragte einer der Dunländer ihn mit einem gehässigen Grinsen.
Das junge Bürschchen, vergewisserte sich der angeprochene Mann.
Genau der... Der, der diese amüsanten Gesichter machen kann...
Sorgen wir doch dafür, dass er noch mal so eins macht, ich helfe euch liebend gerne, lachte der bösartig aussehende Dunländer.
Und schon waren sie auf dem Weg zu dem Raum, in dem Bergil und Merry warteten und in dem ihnen, ohne dass sie es wussten gleich der Tod begegnen sollte.
Die Tür schlug auf und ließ Merry heftig zusammenzucken, als die Dunländer mit schwerem Schritt hereintraten und alle diese zufriedenen Gesichter machten. Bergil lief es eiskalt den Rücken runter, als er den Mann erkannte, der ihn schon einmal gedemütigt hatte. Der junge Mann sagte kein Wort. Stumm blickte er die hereintretenden Männer an, von denen noch nicht wusste, dass sie seine Henker sein sollten. Ohne ein weiteres Wort oder irgendwelche Andeutungen, kamen die Männer auf ihre beiden Gefangenen zu. Einer packte Merry grob und trug den schreienden Hobbit zu einer Wand.
Was macht ihr denn mit ihm, fragte Bergil panisch, er selbst spürte bereits wieder eiserne Griffe um seine Arme. Der junge Mann wurde zu dem Tisch gezogen, der im Raum stand und wiederholte seine Frage noch einmal. Er hörte Merrys panische Rufe und wollte seinem kleinen Freund so gerne helfen.
Der Mann, der Merry gepackt hielt, zeigte keinerlei Regung als er den Hobbit mit aller Kraft, die er hatte mit dem Kopf voran gegen die Wand schlug. Ein hässliches Knacken und Knirschen ertönte, Blut spritzte an die Wände und auf den Boden. Merrys Schrei verstummte, kaum dass er die Wand berührt hatte. Der Dunländer packte den bereits leblosen Hobbit und warf ihn ein weiteres Mal kraftvoll gegen die Wand, so dass es wieder knirschte, diesmal allerdings wesentlich leiser als beim ersten Mal. Merrys Leiche fiel zu Boden, durch die vielen Knochenbrüche und seinen zertrümmerten Schädel glich der Hobbit in keiner Weise mehr dem fröhlichen, kleinen Kerl, der er einmal gewesen war.
Bergil wollte schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Ein Übelkeitsgefühl überkam ihn schlagartig und ließ ihn würgend nach vorne beugen. Die Dunländer, die ihn hielten sahen sich erst fragend an, dann stießen sie nach vorne, so dass er auf die Knie fiel.
So eine Schweinerei, murrte einer der Männer, als er Bergil beim Würgen beobachtete. Dem jungen Mann liefen die Tränen vor Anstrengung, in erster Linie aber vor Trauer, über seine leichenblassen Wangen. Unwillkürlich schluchzte Bergil laut und glaubte völlig die Kontrolle über sich zu verlieren. Er merkte kaum, wie ihn die Männer wieder hoch zerrten und wie er den kalten Stein des Tisches in den Rücken bekam. Sein Blick verschleierte sich von den Tränen und er konnte den Blick nicht von dem toten Hobbit wenden. Seit sie hier waren, war er mit Merry zusammen gewesen! Der Hobbit hatte ihm unwissentlich Trost gespendet und nun war er nicht mehr da.
Bergil bemerkte wie ein Dunländer mit einer hölzernen Schale wieder hineinkam und wie ihn ein Mann von hinten fest hielt. Erst jetzt dachte er wieder an sein eigenes Leben und versuchte loszukommen. Er stand vor dem Tisch, vor ihm stand ein Dunländer und von hinten hatte ihn ein weiter über den Tisch hinweg umschlungen.
Der Mann, der ihn damals gedemütigt hatte stand neben ihm und beobachtete Bergils Reaktionen. Er amüsierte sich sichtlich über Bergils Trauer und weidete sich an seinem seelischen Schmerz.
Ihr tötet mich... Habe ich Recht, fragte Bergil zitternd, als er den Mann mit der Schale näherkommen sah.
So ist es. Wulf will dein Blut, antwortete man ihm knapp. Bergil schloss die Augen. Vor diesem Moment fürchtete sich wahrscheinlich beinahe jeder Mensch in seinem Leben. Der Moment, in dem man weiß, dass es kein Entrinnen mehr gibt...
Ein Dunländer hielt die Schale unter Bergils Kopf und ein anderer zog ein langes, scharfes Messer und hielt es dem zitternden Mann an die Kehle. Bergils Hände wurden feucht, als er das Metall an seiner Kehle spürte und der Gedanke, wie sie gleich durch sein Fleisch schneiden würde, trieb ihn fast in den Wahnsinn.
Moment... Das ist zu einfach für den Kleinen, ertönte plötzlich die für Bergil wohlbekannte Stimme des Dunländers. Stell die Schale runter, sagte er beinahe sanft zu seinem Gefährten.
Bergils Atem ging rasend. Irgendwie war er froh, als das Messer von seinem Hals genommen wurde, aber irgendwo beunruhigten ihn die Worte des Mannes auch sehr.
Wulf will sein Blut und er will das Ritual durchführen, wir können uns nicht zu viel Zeit lassen, gab einer der Dunländer zu bedenken.
Den Augenblick länger haben wir, raunte der Mann neben Bergil finster und stellte sich vor ihn. Er nahm seinen Gefährten den Dolch ab und zeigte ihn Bergil. Dann beugte er sich vor, so dass er direkt vor dem Ohr des Leibwächters war. Damals, solltest du nicht sterben in der Einöde Rohans... Jetzt schon, lass uns das kleine Spiel zu Ende bringen, was meinst du, Jüngelchen, sagte der Mann mit so kalter Stimme, dass es Bergil den Atem verschlug.
NEIN! schrie Bergil verzweifelt und begann sich verbissen zu wehren. Die Dunländer verstärkten ihren Griff und der hintere riss ihm den Kopf in den Nacken, so dass der junge Leibwächter nicht mehr sehen konnte, was der gehässige Dunländer vor ihm tat. Er spürte eine Hand an seinem Hosenbund, die hineinschlüpfte. Bergil schrie und versuchte sich verzweifelter denn je zu wehren. Tötet mich, aber nicht so, brüllte er voller Angst als er das Messer in seinem Schoß spürte und hilflos nach Luft rang.
Das letzte, was er hörte war ein hämisches Lachen und dann fuhr ihm sein eigener markerschütternder Schrei in die Ohren, der so laut war, dass er durch Steinwände drang. In seinem Schoß tobte ein noch nie gespürter Schmerz, der so groß war, dass er glaubte auf der Stelle sterben zu müssen. Das viele Blut, das sogleich seine Hose tränkte und immer schneller seine Beine hinunterrann spürte er erst gar nicht. Als sein Schrei nach einer schier endlosen Zeit verebbte und er nun noch vereinzelte Schmerzenslaute von sich gab hielt ihm der Dunländer das blutige Messer vor seine Augen. So fühlt sich das an, wenn man entmannt wird! Wenn du das hier überleben würdest, dann würdest du das nächste Mal keinen einfachen Schnitt in deiner Leiste mit dem hier verwechseln!
Bergil wimmerte nur zur Antwort und begann danach erneut zu schreien, als ihm seine Beine leicht auseinandergezogen wurden, damit die Schale dazwischen Platz hatte und das Blut auffangen konnte, das immer mehr wurde. Als sein Schrei wiederum verebbte war der Schwindel, der ihn ergriff so groß, dass sich bereits alles um ihn drehte. Er schluchzte kläglich und bemerkte wie ihm die Tränen nur so die Wange hinunterrannen. Der Schmerz wollte nicht vergehen, wie Feuer brannte er und quälte ihn so sehr, dass er darum bettelte, die Dunländer mögen ihm die Kehle durchschneiden.
Du bist der Letzte von unseren Gefangenen der noch lebt. Alle sind tot und niemandem haben wir Gnade gewährt und ebenso wenig tun wir es bei dir, war die kalte Antwort. Der Mann hinter Bergil ließ ihn irgendwann los, sein Kopf fiel ihm schwach in den Nacken und Bergil war froh darüber ihn nicht mehr heben zu können. Er wollte nicht sehen, was sie ihm angetan hatten, es zu spüren war so schlimm, dass es ihn nicht aufhören ließ zu wimmern.
Das reicht für Wulf, hörte Bergil irgendwann eine leise Stimme, doch da begann sein Bewusstsein bereits zu schwinden. Er spürte am Rande wie man ihn losließ und wie er auf die Erde fiel. Zwischen seinen Beinen klebte es von Blut und der Schmerz begann ganz langsam abzuklingen. Ein letztes Mal öffnete Bergil die Augen und sah, wie die Dunländer mit der Schale den Raum verließen und ein letztes Schluchzen von ihm zerriss die Stille im Raum, die nun herrschte. Dann schloss er seine Augen für immer, denn einige Minuten später hatte das viele Blut das letzte bisschen Leben aus ihm hinausgeschwemmt.
Wulf blickte zufrieden auf den Behälter mit dem Königsblut und sah zu, wie seine Diener Bergils hinzukippten.
Wulf schwebte zu dem Ritualstein hinüber, auf dem seine Knochen aufgebahrt waren und blickte mit einem totengleichen Lächeln in eine Ecke des Raumes, in der zwölf Geister schwebten. In ihren toten Augen spiegelte sich immer noch der Schmerz wider, den sie hatten ertragen müssen. Vorwurfsvoll blickten sie Wulf an, der sich mit Hilfe des Blutes von dem Totenreich lösen wollte, das sie nun alle betreten hatten. Vornan standen Aragorn und Eomer, die Augen des letzteren fehlten, aber dennoch konnte er wieder sehen. Neben Aragorn blickten Bergil und Legolas resignierend auf Wulf und neben dem Elb stand Gimli, mit grimmigem Gesicht wie zu Lebzeiten. Eowyn und Faramir standen neben Eomer, liebevoll hatte Faramir die Hand auf dem Bauch seiner Frau, die sein Kind getragen hatte, das nun wie alle anderen auch tot war und nie die Welt erblicken würde. Merry und Pippin standen vor Eowyn und Faramir, jeder hatte einen Arm um die Schulter des anderen gelegt, was ihre tiefe Freundschaft symbolisierte. Pippin stand vor Faramir, er war ihm gefolgt, so wie er es gesagt hatte. Frodo und Liliane hatten sich an der Hand genommen und standen vor Legolas und Pippin. Sie waren nun wieder vereint, nicht mal der Tod hatte sie trennen können. Sam stand neben seinem Herrn, dem er selbst hierher gefolgt war. In Mordor waren sie zusammengewesen und Sam ließ Frodo selbst hier nicht allein.
Wulf ordnete an seine Gebeine mit dem Blut zu übergießen und es dauerte auch nicht lange, da wurde sein Befehl ausgeführt. Ein schreckliches Lachen erklang, so böse wie Morgoth selbst. Die Wände begannen zu zittern und das Lachen wollte nicht verstummen. Die Gesichter der zwölf Geister zeigten tiefe Trauer, als Wulf sein Ziel erreichte und sich auf dem Ritualstein durch das Blut ein Körper bildete, den Wulf bald wieder beleben würde.
Das Lachen wurde lauter und lauter und sagte den Gefährten deutlich, dass sie geschlagen worden waren. Sie hatten verloren und ihr ganzer Widerstand, ihre Kämpfe und ihre Hoffnung waren umsonst gewesen...
Sein Herz drohte fast zu zerspringen, so laut pochte es, als er erwachte. Kalter Schweiß stand Frodo auf der Stirn, sein Atem ging flach und schnell, er fuhr mit einem Ruck hoch und spürte, wie er am ganzen Leib zitterte.
Die Flammen des Lagerfeuers verströmten Wärme und Licht, es knackte und knisterte, prasselte unschuldig und nichtsahnend, so daß Frodo an seinem Verstand zu zweifeln begann.
Wo befand er sich überhaupt?
Er schaute sich um. Sein Herz machte fast einen Sprung vor Glück, als er Liliane friedlich schlafend neben sich erblickte. Auf der anderen Seite lagen Sam, Merry und Pippin, neben Liliane war noch Bergil, und am Lagerfeuer saßen Aragorn, Eomer, Faramir und Eowyn in aller Seelenruhe und unterhielten sich. Sterne funkelten über ihren Köpfen am Firmament, der Sichelmond tauchte die Dunkelheit in einen Silberschein, der den friedlichen Eindruck, der vor Frodos Augen erwuchs, nur untermauerte.
Was ist denn? fragte eine leise, schlaftrunkene Stimme von der Seite. Frodo senkte den Blick hinab zu Liliane, die müde zu ihm hoch blinzelte und liebevoll lächelte.
Frodo seufzte tief und schloß die Augen.
Ich weiß nicht, murmelte Frodo leise. Er fuhr jedoch ruckartig herum, als er hinter sich Schritte näherkommen hörte.
Ich bin es, sagte Aragorn ruhig. Hab keine Angst.
Liliane setzte sich nun auch aufrecht, was Frodo sofort zum Anlaß nutzte, sie in seine Arme zu ziehen und an sich zu drücken.
Nicht so stürmisch! entfuhr es ihr und sie lachte leise.
Frodo starrte auf seine rechte Hand. Nichts. Kein Schnitt, keine Wunde. Gar nichts.
Liliane... flüsterte er und lächelte. Daß du da bist!
Natürlich bin ich das. Was denn auch sonst?
Hast du schlecht geträumt? mischte sich Aragorn jetzt ein.
Frodo nickte. Ich glaube, das habe ich. Ich weiß es gar nicht...
Aragorn setzte sich zu den beiden Hobbits und grinste.
Was die Sonne so anrichten kann...
Frodo hob fragend die Augenbrauen. Liliane und Aragorn grinsten einander amüsiert an, was Frodo in seiner augenblicklichen Verfassung nicht wirklich verstand.
Was ist denn? fragte er.
Du hast dir heute einen Sonnenstich zugezogen, mein Lieber, erklärte Liliane belustigt, und scheinbar bekommt dir sowas tatsächlich nicht gut...
Einen Sonnenstich? wiederholte er ungläubig. Warum weiß ich das nicht mehr?
Er bekam einen Schreck und sprang auf, dann spürte er den bohrenden Kopfschmerz und die Übelkeit, die ihn noch immer begleiteten und nicht vergehen wollten.
Ihm wurde noch mehr übel und er stürzte hinter den nächsten Baum, wo er sich erst einmal übergab. Liliane und Aragorn kicherten leise, das konnte er hören, scheinbar war sein Auftreten in diesem Moment sehr amüsant für die beiden, aber er bekam es mit der Angst zu tun.
Taumelnd kehrte Frodo zu Liliane und Aragon zurück, die ihn beide mit großen Augen musterten und nicht viel von dem verstanden, was er in diesem Augenblick tat.
Wohin sind wir unterwegs? fragte er in seiner Verwirrung, und auch, wenn es nicht gleich war, so erinnerte ihn seine Vergeßlichkeit sehr an das, was er zu Anfang dieses Alptraums erlebt hatte.
Wir holen Eomers alten Onkel in der Ostfold zu seiner Hochzeit ab, warum fragst du? wollte Aragorn wissen.
Frodo wurde kreidebleich.
Wir müssen zurück, wir... bei den Valar, wir müssen uns in Sicherheit bringen, es ist jemand hinter uns her, ich habe es gesehen! rief Frodo aufgeregt. Er versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, wie lang sie im Traum unterwegs gewesen sein mußten. Aber das zählte doch nicht, denn sie würden den Feinden doch entgegenlaufen, wenn sie zurückritten...
Plötzlich wurde Aragorn ernst. Er wußte, daß Frodos Träume meist kein wirres Zeug waren, und auch wenn er einen Sonnenstich erlitten hatte, hielt er ihn für zurechnungsfähig genug, um darüber nachzudenken, was sein Freund zu sagen hatte.
Sie folgen uns, Wulf und seine Männer, sie kommen vom Weißen Gebirge und wollen uns töten, er braucht dein Blut und das von Eomer, um wieder lebendig zu werden, er hat uns alle getötet... stammelte Frodo nervös. Aragorn kniff die Augen zusammen und überlegte, aber Frodo unterbrach ihn.
Es ist so ähnlich, auch im Traum konnte ich mich erst an nichts erinnern, so wie auch jetzt, und dann kamen sie und überfielen uns und verschleppten alle... und Legolas wurde aufgespießt, es war so entsetzlich, Faramir ist gestorben und dabei war Eowyn doch schwanger und...
Sofort erstarrte Aragorn und schluckte schwer.
Eowyn ist tatsächlich schwanger, erinnerst du dich nicht? Auch das ist wahr...
Nein! schrie Frodo. Wir müssen sofort weg von hier, bitte! Sonst kommen die Werwölfe und die Geister...
Eomer war durch das Gespräch angelockt worden und gesellte sich zu den dreien, weil er wissen wollte, was Frodo zu sagen hatte. Frodo erschrak im ersten Moment. Das Licht fiel nur auf Eomers untere Gesichtshälfte und ließ es so aussehen, als würden dem König Rohans die Augen fehlen... Frodos Atem wurde heftiger. War das ein Zufall?
Werwölfe? wiederholte Eomer, weil er das noch gehört hatte. Da ist etwas dran. Menschen meines Volkes berichteten davon...
Es gab immer mehr Parallelen. Frodo begann vor Panik zu zittern.
Ganz ruhig, sagte Aragorn. Erzähl mir mehr, vielleicht bewahrst du uns alle vor einer Katastrophe!
Und Frodo erzählte. Er berichtete von seiner hilflosen Suche und von Taidoloth, von Gimlis Flucht und wie Aragorn verprügelt worden war, die Geister nannte er, die Geisterstadt im Gebirge und die schrecklichen Zellen, Bergils letztendlich vollzogene Entmannung und wie sie alle umgebracht worden waren. Er warf alles wirr durcheinander, sprach von Aragorn als einem Werwolf, seiner fast abgeschnittenen Hand und wie Gimli Legolas tötete.
Die beiden hörten gar nicht zu, sie saßen ein Stück von den anderen entfernt neben einem Baum in der Dunkelheit und übten ein wenig Sindarin.
Sie haben dir, Eomer, die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten und dann haben sie..., Frodo verstummte, als er die vor Schreck geweiteten Augen des rohirinnischen König sah. Und Pippin... Sie haben ihm eine Ratte, die..., der Hobbit wurde von Übelkeit ergriffen und sprach nicht weiter. Aragorn konnte sich seinen Reim darauf machen, Frodo musste gar nicht weiter sprechen.
Aber das schlimmste... ich darf nicht daran denken... das schlimmste war dieser Dunländer, ich habe es gesehen, wie er kam und über Liliane hergefallen ist, er hat sie geschändet, es war einfach unerträglich, und dann wollten sie es am Schluß wieder tun, als ich schon... tot war... und die anderen auch...
Tränen traten in seine Augen. Da er wußte, daß niemand tot war, konnte er damit umgehen, aber der bloße Gedanke an Liliane und was ihr widerfahren konnte, brachte ihn fast um.
Und es gibt diese Geisterstadt, murmelte Eomer dann, zumindest wird das vermutet. Aber weißt du etwas über Wulf, Frodo?
Dieser schüttelte stumm den Kopf, während er Liliane an sich zog. Sie wohlauf zu wissen war ihm in diesem Moment am wichtigsten, aber zu sehen, daß Aragorns Augen nicht gefährlich glitzerten und daß Faramir neben Eowyn am Lagerfeuer saß, tat so gut, daß er dafür keine Worte gefunden hätte.
Du weißt gar nichts von ihm? Wie kannst du dann träumen, was... begann Eomer, aber Aragorn unterbrach ihn.
Das ist noch ein Zeichen dafür, daß es kein Unfug war. Was er da geträumt hat, wird kommen, es war eine Vorahnung, die uns alle retten wird. Denn ich will nicht von einem Werwolf gefressen werden!
Aragorn war sehr ernst, als er das sagte, und stand sofort auf, um alle zu wecken.
Frodo blickte sehr verstört drein. Immense Panik hatte sich seiner bemächtigt, er sprang auf und packte sofort seine Sachen, trat dabei versehentlich gegen Pippin und mußte sich noch geistesabwesend mit seinem vorlauten Vetter auseinandersetzen, der lieber schlafen wollte und nicht begriff, daß sie sofort verschwinden mußten.
Bergil... Packen, ganz schnell, ordnete Aragorn seinem jungen Leibwächter an, der ihn nichts ahnend verdutzt musterte. Aragorn schüttelte sich innerlich bei dem Bild, das ihm in den Kopf kam, als er den jungen Mann so vor sich stehen sah.
Was ist denn..., wollte Bergil wissen, der die plötzliche Hektik überhaupt nicht verstand.
Frodo hatte eine Vision, wenn wir nicht ganz schnell aufbrechen passiert etwas schlimmes, antwortete Aragorn hastig und nun wurden auch Gimli und Legolas aufmerksam. Auch bei ihnen lief ihm ein Schauer über den Rücken, als er an Frodos Erzählungen dachte.
Was wird denn geschehen, fragte Bergil während er schon packte, er spürte dass es ernst war, aber auch seine Neugier war geweckt.
Das... willst nicht wissen, Bergil, und jetzt pack..., wiederholte Aragorn und rannte an seinem Leibwächter vorbei.
Ich kenne einen ungefährlicheren Umweg, erklärte Eomer und lief Aragorn hinterher, während er redete und ebenfalls einpackte.
Da finden sie uns nicht. Die Gegend ist recht besiedelt und wir finden Schutz, so kommen wir sicher nach Edoras zurück.
Aragorn nickte immer wieder, ihm war es egal, was sie jetzt taten, solang es nur schnell ging und sie sich in Sicherheit begaben.
Aber plötzlich blieb er abrupt stehen und drehte sich um.
Was, wenn Wulf uns ewig nachstellt? Wir müssen etwas tun!
Eomer zuckte hilflos mit den Schultern. Ich muß mich darum kümmern, daß die Dunländer meinem Volk nicht zu nah kommen! Gegen Geister können wir nicht kämpfen.
Das stimmte allerdings, das sah auch Aragorn ein.
Es dauerte nicht lange, bis endlich alle auf den Beinen waren und wieder im Sattel saßen. Mitten in der nächtlichen Dunkelheit ritten sie durch die Ostfold, dem nächsten Dorf entgegen, in dem sie erst einmal unterkriechen wollten. Sie mußten erst irgendwo Sicherheit finden, bevor sie weiterüberlegen konnten.
Der Schock über Frodos Alptraum hatte tief gesessen, denn niemand zweifelte wirklich daran, daß es der Wahrheit entsprach, was er dort gesehen hatte.
Und tatsächlich, sie hatten Edoras sicher erreicht und die Hochzeit hatte glücklich stattgefunden, als ein sichtlich erschöpfter Kundschafter die rohirrische Haupstadt erreichte und davon berichtete, daß Dunländer gesichtet worden waren, die wohl in feindlicher Absicht durch die Ostfold marschierten. Auch Werwölfe hatte man irgendwo entdeckt, und als die Freunde davon erfuhren, bekamen sie es erneut mit der Angst zu tun.
Allerdings waren sie in Edoras sicher und als sie sich einige Zeit später voneinander verabschiedeten, um jeder gen Heimat zu reiten, sollte ihnen nichts geschehen, da die rohirrischen Krieger zu ihrem Schutz ausgezogen waren gegen die Dunländer.
Aragorn dachte noch oft darüber nach und er war dankbar für das wichtige Zeichen, das Frodo im Schlaf erhalten hatte.
Es hatte ihnen allen das Leben gerettet.