Kapitel 12
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Elftes Kapitel


„Meine Güte, Aragorn, was ist los mit dir?“
Er konnte keine Antwort geben. Er versuchte es mit aller Kraft, doch es war ihm unmöglich, auf Sams besorgte Frage zu reagieren. Keuchend schnappte er nach Luft und richtete sich widerwillig mit Eowyns Hilfe auf. Verzweifelt betete er zu den Valar, daß sie sich nicht anstecken möge, denn das hätte er sich nie verziehen. Wulfs Handlanger hatten ihm ein wahres Teufelszeug eingeflößt und ganz offensichtlich hatte er zuviel geschluckt, obwohl er sich zusammengerissen hatte.
Seit einer ganzen Weile war er bereits kreidebleich und schweißüberströmt, aber die grausigen Kontraktionen seiner Muskeln nahmen ihm immer wieder die Luft zum Atmen. Fast glaubte er, es gäbe ein Elixier, das Wundstarrkrampf hervorrufen würde, doch er hatte einmal einen daran Erkrankten gesehen und was er nun durchstehen mußte, ähnelte dem nur entfernt. Zwar fühlte es sich ähnlich quälend an, aber er verlor nicht vollends die Kontrolle über sich. Die Kontraktionen seiner Muskeln erinnerten ihn entfernt im Aussehen an das Wogen eines Kornfeldes im Wind oder das Schaukeln von Wellenkämmen auf dem Meer. Im nächsten Moment schnappte er erneut heiser nach Luft und fragte sich, welcher Wahn ihn befallen hatte, daß er schon begann, seine Pein mit solchen Bildern zu vergleichen. Doch jeder seiner Armmuskeln zog sich zusammen und entspannte sich wieder, nur um dasselbe im nächsten Moment erneut zu beginnen. Es fühlte sich unter der Haut an wie ein stetes Pieksen und Zerren. Jeder einzelne Muskel verursachte kaum Schmerz, doch zusammengenommen folterten sie ihn gehörig. Von außen war es gut sichtbar. Selbst jeder kleinste Gesichtsmuskel zog sich zusammen.
„Sollen wir die Wachen rufen und um etwas Wasser bitten?“ mischte sich Frodo ein. Aragorn nickte, das wäre ihm eine große Erleichterung gewesen. Zwar glaubte er nicht, daß man Gnade mit ihm haben würde, aber den Versuch war es wert. Der Hobbit nahm also all seinen Mut zusammen und hämmerte mit geballten Fäusten an die Tür.
„Ihr da draußen, wir brauchen Wasser! Der König Gondors benötigt es dringend!“ rief er bestimmt. Erst rührte sich überhaupt nichts, dann wurde die Klappe vor der Gitterluke geöffnet und eine häßliche dunländische Visage spähte hindurch.
„Wie war das, du halbe Portion?“
„Elessar ist krank, er braucht Wasser!“ wiederholte Frodo ungeduldig.
„Ach, die Witzfigur von einem König! He, Leute, kriegt er Wasser?“ spottete der Wachmann. Gemurmel erhob sich vor der Tür, dann schloß er ohne ein weiteres Wort die Klappe und stapfte mit dumpfen Schritten davon.
„Wahnsinnig komisch“, grollte Frodo und ging hinüber zu Aragorn, der ihn dankbar ansah.
„Wie geht es denn?“ fragte der Hobbit.
„Mehr tot als lebendig, aber die Verwandlungen in einen Werwolf waren weitaus schlimmer“, versuchte Aragorn, dem Ganzen noch etwas Positives abzugewinnen. Er fragte sich, ob es noch schlimmer werden würde und ob es ansteckend war, was er nicht hoffen wollte.
Plötzlich drehte sich ein Schlüssel im Schloß und die Tür wurde aufgestoßen. Zwei Dunländer betraten die Zelle und im Augenwinkel konnte Frodo erkennen, daß kein weiterer sich mehr davor befand. Er warf Merry und Sam einen vielsagenden Blick zu, den beide erst nicht verstanden. Während die Wächter auf Aragorn und Eowyn zuhielten, blickte Sam fragend zu Frodo und deutete mit den Augen zur Tür. Frodo nickte mit einem hintergründigen Grinsen. Merry zuckte mit den Schultern, er wußte nicht, wie eine Flucht zu bewerkstelligen sein sollte, aber er sah selbst, daß die Gelegenheit günstig war. Denn die Männer hatten die Kammer betreten, ohne die Tür hinter sich zu schließen und sie achteten nicht weiter auf die drei Hobbits.
„Wirkt das Zeug also endlich, ja?“ richtete der linke sich noch an Aragorn, als Merry seine plötzliche wahnwitzige Idee in die Tat umsetzte und einfach mit einem Satz auf den Mann zusprang. Aufgrund seiner Körpergröße war er in der idealen Höhe, um mit seinem Kopf mitten in der Magengrube des Dunländers zu landen. Stöhnend begann dieser zu taumeln und ging zu Boden.
„He!“ brüllte der andere und wollte schon sein Schwert ziehen, als Sam und Frodo sich gemeinsam wie durch eine stumme Absprache von beiden Seiten auf ihn stürzten und sich an seine Arme klammerten. Er brüllte wütend, während die Hobbits mit vereinten Kräften versuchten, ihn zu Boden zu ziehen. Eowyn sprang auf und reagierte sofort, indem sie ihm die Waffe abnahm.
Derweil rührte sich der andere, der wieder zu Atem gekommen war und wollte sich verteidigen, doch Aragorn war schneller und rammte ihm seinen Stiefel ins Gesicht. Mit zitternden Gliedern tastete er nach dem schartigen Schwert und nahm es schnell an sich. Frodo fingerte inzwischen an dem Gürtel des anderen Mannes herum und knöpfte ihm geschwind den Schlüsselbund ab.
„Schnell jetzt!“ rief Merry und rannte zur Tür. Er konnte sein Glück kaum fassen, daß die Dunländer sich einen Spaß hatten erlauben wollen und darüber hatten sie einfach ihre Pflichten vergessen. Während beide Männer brüllend am Boden lagen, griff Eowyn Aragorn gemeinsam mit Sam unter die Arme. Der Hobbit zog seinen Freund an der Hüfte hoch. Zusammen halfen sie ihm, schnellstmöglich in Richtung der Tür zu kommen. Aragorn reichte Frodo das Schwert, mit dem dieser die Dunländer in Schach hielt. Merry wartete an der Tür und als sie alle hinaus waren, warf er die Tür zu und verriegelte sie blitzschnell.
„Die sind dümmer, als sie aussehen“, stieß Sam keuchend hervor. Aragorn lachte erstickt.
„Wer sonst könnte auch auf die Idee kommen, Wulf zu dienen?“ erwiderte er.
Eowyn mahnte zur Ruhe. Ihnen standen alle Wege offen, der dritte Wachmann war noch nicht zurückgekehrt. Schnellstens folgten sie ihrem Weg fort von den Zellen ins Dunkel der Tunnel. Erst wechselten sie keine Worte, doch als sie nach einigen Minuten eine ausreichende Entfernung zurückgelegt hatten, mußten sie allein Aragorn zuliebe eine Pause einlegen.
„Was jetzt?“ fragte Sam keuchend.
„Wir könnten versuchen, die anderen zu finden“, schlug Frodo vor. Eowyn nickte zustimmend.
„Da sind Faramir und Liliane“, murmelte sie leise. Merry schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
„Aber wo befinden sie sich wohl?“ fragte Aragorn berechtigterweise.
„Hast du denn nichts über sie in Erfahrung bringen können?“ fragte Sam.
„Nein. Ich weiß nur, wo Eomer sein muß.“
„Mein Bruder!“ stieß Eowyn halblaut aus. „Wir sollten versuchen, ihn zu finden!“
„Und dann suchen wir die anderen“, fügte Frodo hinzu.
Aragorn nickte. Diese Idee befürwortete er, hatte allerdings auch einen Einwand. „Wäre es nicht besser, wenn nur wir nach ihm sehen und die Hobbits sich verstecken?“
„Nichts da!“ protestierte Merry. „Wir bleiben doch nicht hier! Wen willst du denn in deinem Zustand angreifen?“
Aragorn mußte sich geschlagen geben. Er war nur mit Eowyn an seiner Seite sicherlich hilflos. Er durfte nicht vergessen, daß die Hobbits es gewesen waren, die ihnen die Freiheit verschafft hatten.
„Ich führe euch. Ich sollte den Weg noch kennen. Vielleicht treffen wir dort sogar auf die anderen! Hoffentlich geht es Eomer gut, wir hätten längst von ihm hören sollen“, murmelte er.
„Mal nicht so schwarz“, mahnte Frodo. Die frische Freiheitsluft ließ seinen Tatendrang sehr erstarken. Zwar sehnte er sich nach seiner Frau, aber er würde natürlich mitgehen, um nach Eomer zu suchen. Von dem wußte Aragorn wenigstens, wo er sich befand.
Nach einer kurzen Verschnaufpause machten sie sich wieder auf den Weg. Eowyn stützte Aragorn nach Kräften, auf der anderen Seite half Sam ihm, vorwärts zu kommen. Trotz seiner Schmerzen meisterte er den Weg gut. Sie waren alle wachsam und lauschten auf das, was sich um sie herum bewegte. In der Ferne hatten sie Stimmen vernommen. Wahrscheinlich war ihre Flucht bemerkt worden, aber immerhin waren sie bewaffnet und hatten deshalb keine Angst vor ihren Feinden. Endlich konnten sie ihnen begegnen.
Sie bewegten sich so flink und leise wie möglich. Aragorn führte sie langsam um Ecken und ein Gefälle hinab, dann ging es kurz wieder bergauf und um eine weitere Kurve, bis sie endlich den Gang erreichten, an dem ein Labor und auch die Folterkammer lagen. Alles war totenstill, scheinbar bis auf den letzten Mann verlassen, doch erst trauten sie dem Frieden nicht. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß man Eomer unbewacht allein gelassen hatte. Allerdings bewegte sich wirklich nichts dort unten und je weiter sie sich im Schein der Fackeln vortasteten, umso sicherer wurden sie sich ihrer Sache. Aragorn nahm einen frischen Lehmgeruch wahr. Etwas Feuchtes durchsetzte die Luft. Schließlich endete der Gang vor ihnen und sie hatten keine Tür mehr gefunden.
„Das kann nicht sein. Hier muß ein Raum sein, sie haben Eomer doch hierher gebracht!“ murmelte Aragorn und lehnte sich schwer an die Wand.
„Das glaube ich dir“, sagte Eowyn. Doch er folgte im nächsten Moment seinem Instinkt und versuchte im Halbdunkel, der Sache mit dem Lehmgeruch auf den Grund zu gehen. Er suchte die Wand mit Blicken ab, bis er schließlich eine Stelle fand, die etwa die Größe einer Tür gehabt haben mochte. Die Steine waren mit hellem Lehm zusammengemauert.
„Bei den Valar!“ entfuhr es ihm. „Das haben sie nicht getan!“
„Was?“ fragte Sam.
„Schnell, versucht mit den Schwertern, die Fugen aufzukratzen. Ich glaube, ich weiß, wo Eomer ist...“

Sie konnte es kaum erwarten, endlich etwas tun zu können. Sie wollte Frodo um jeden Preis helfen, er fehlte ihr so unaussprechlich. Wenn ihre Kameraden nur in der Lage waren, Wulf mithilfe dieser geheimnisvollen Truhe zu besiegen, war ihnen allen geholfen. In der Zwischenzeit galt es jedoch, weiteres Unheil bei den Gefangenen zu verhindern. Blindlings folgten sie und Pippin denen, die die Gruppe führten. Scheinbar waren sie sich ihrer Sache sehr sicher, da sie gar nicht zögerten. Sie waren zahlreich und bewaffnet, eigentlich konnte gar nichts schiefgehen.
Jedes Gefühl für Zeit hatte sie inzwischen verloren. Sie ahnte nicht, was sich in der Zwischenzeit alles ereignet hatte, doch so war die Überraschung umso größer, als sie endlich die Zellen erreichten. Niemand war dort, die Tür stand weit offen, von keinem Wächter gab es eine Spur.
„Welche Teufelei hat Wulf sich jetzt wieder ausgedacht?“ fauchte Bergil.
„Vielleicht sind sie geflohen!“ mutmaßte Pippin tollkühn.
„Man kann Wulf nicht entfliehen“, orakelte einer der Rohirrim, aber die Meinung teilte der Hobbit nicht. Er steckte seinen Kopf aus dem Gang heraus und spähte neugierig in alle Richtungen. Nichts bewegte sich dort unten.
„Das ist eine Falle“, überlegte Liliane leise.
„Nein, das glaube ich nicht“, widersprach Bergil. „Das sieht sehr echt aus. Nur frage ich mich, wo die anderen sein sollen!“
„Das sollten wir herausfinden können“, sagte einer der Rohirrim. Sie einigten sich schnell darauf, mit aufgesperrten Ohren durch die Gänge zu wandern. Auch weiterhin bewegten sie sich in der Nähe der Zellen, erreichten aber bald einen Seitengang, der Wulfs großer Kammer sehr nah war. Bergil vernahm schließlich die Stimmen zweier aufgekratzter Wachen, die sich gedämpft unterhielten.
„... sehr dumm, sich so übertölpeln zu lassen! Mir wäre das nicht passiert!“
„Den beiden kann das auch nicht mehr passieren. Ich wette, ihre Köpfe werden Wulfs Kammer ab jetzt schmücken!“
„Schmuck nennst du das? Waren sie nicht auch deine Kameraden?“
„Spar dir die Predigt. Wir sollten lieber Augen und Ohren aufsperren! Irgendwo laufen die hier herum. Ich fasse es nicht, daß nur der König Rohans übrig ist! Alle anderen sind fort!“
Bergil grinste vielsagend. Sie hatten es also tatsächlich geschafft! Er wußte, daß seine Freunde unglaublich klug und gewitzt waren.
Pippin verschränkte triumphierend die Arme vor der Brust. „Habe ich es gesagt?“
„Hast du“, erwiderte Liliane mit einem Lächeln.
„Sie suchen uns sicherlich“, vermutete Bergil.
„Dann sollten wir sie auch suchen!“ kam der Vorschlag von hinten. Er wurde einstimmig angenommen und sogleich in die Tat umgesetzt. Sie schlichen an die Wand gedrückt durch eine Halle und wurden glücklicherweise von niemandem entdeckt. Dennoch mußten sie sich in Acht nehmen, weil die aufmerksamen Wächter sämtliche Katakomben durchkämmten. Es kam nicht nur einmal vor, daß Bergil in der Vorhut mit gedämpfter Stimme den Rückzug ausrief, weil sich Wächter näherten. Einigermaßen ziellos liefen sie umher und versuchten, ihre Freunde auszumachen, die sich jedoch sicherlich genausogut versteckten. Unversehens liefen sie dem Labor entgegen und wurden schließlich von einem Schluchzen aufgerüttelt.
„Habt ihr das gehört?“ fragte Pippin überflüssigerweise.
„Das... das ist Frau Eowyn!“ entfuhr es Bergil.
„Tatsächlich?“ fragte Liliane. Bergil nickte entschlossen und zog sein Schwert, dann marschierte er voraus.
Ihm offenbarte sich ein Bild, das selbst den hartgesottenen Leibwächter schockierte. Eine frischgemauerte Wand war auf zwei Fuß Höhe und derselben Breite durchbrochen und allerhand Schutt türmte sich daneben auf. Aus dem Loch drang das Licht einer Fackel nach draußen und das Schluchzen war inzwischen lauter geworden. Um den jungen Leibwächter scharten sich nun seine Begleiter. Liliane und Pippin mußten nur ein wenig den Kopf neigen, um durch das Loch spähen zu können. Plötzlich stieß die Hobbitfrau einen leisen Schrei aus.
„Frodo!“ Damit kroch sie schleunigst durch das Loch ins Innere der dahinterliegenden Kammer und Pippin folgte ebenso schnell.
„Was zum...“ murmelte Bergil und ging vor dem Loch in die Knie. Ein beißender Gestank schlug ihm entgegen.
Liliane kümmerte sich um nichts außer um Frodo. Er hatte gemeinsam mit Sam Wache an den Seiten des Loches gehalten. Beide waren sie bewaffnet gewesen, doch kaum daß Frodo seine Liliane gesehen hatte, war das Schwert auf dem Boden gelandet. Überglücklich schloß er sie in die Arme und drückte sie an sich.
„Geht es dir gut?“ fragte sie atemlos.
„Natürlich, und dir?“ erwiderte er und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. Es war so schön, sie endlich wieder bei sich zu wissen.
„Jetzt ist wieder alles gut!“ rief sie. Pippin beobachtete zwar gerührt das Wiedersehen, hatte aber sofort auch erkannt, daß mit Eomer etwas nicht in Ordnung war. Neben ihm, aber in gebührlichem Abstand und mit vor Mund und Nase gebundener Schürze saß Eowyn da und weinte. Sie hätte so gern seine Hand gehalten, aber um nicht ihr eigenes Leben und das ihres ungeborenen Kindes zu riskieren, durfte sie es nicht wagen. Neben ihr saß Merry mit starrem, traurigem Blick. In einer anderen Ecke saß Aragorn, der schwach blinzelte, sich jedoch nicht bewegte. Sein Zustand war bedenklich, doch Eomers war lebensbedrohlich.
Innerhalb von Augenblicken waren alle in der Kammer.
„Was ist denn hier los?“ rief Bergil aus. „Majestät! Geht es Euch gut?“
„Ja, mach dir keine Sorgen um mich“, erwiderte Aragorn. „Schlimmer steht es um Eomer...“
Eowyn hatte ihre Schürze in Stücke geteilt und auch Merry einen Fetzen gereicht, mit dem er sich schützen konnte. Sie saßen Eomer am nächsten; für die anderen war die Ansteckungsgefahr nicht so hoch. In gebührlichem Abstand nahmen die Rohirrim Aufstellung und grüßten ihren König ehrfürchtig und entsetzt. Er war nicht nur von der Krankheit gezeichnet. Er verströmte das seltsame Gefühl von Tod.
Pippin, Frodo, Liliane und Sam gesellten sich ungeachtet jeder Gefahr mit Bergil zu Aragorn. Weiterhin waren nur Eowyn und Merry bei Eomer. Seine Schwester hätte gar nicht sagen können, wie der Anblick seines durch Folter entstellten und krankheitsgeplagten Körpers sie quälte. Sie waren nach einer langen Kratzerei mit den Schwertern in den Fugen endlich durch die Wand gebrochen und in die Kammer geeilt. Am Rande des Bewußtseins hatte Eomer sie bemerkt und war wieder zu Kräften gekommen, wie um sich gegen den drohenden Tod zu sträuben. Eowyn hatte auf ihn eingeredet und ihm gesagt, daß alles wieder gut werden würde, daß Hilfe kam, aber er hatte nicht darauf reagiert. Frodo und Sam hatten Wache geschoben und Aragorn einige respektvolle Worte an Eomer gerichtet, aber inzwischen war jedem klar, daß der König Rohans diese Zelle nicht lebend verlassen würde.
Bergil schloß seufzend die Augen und lehnte den Kopf an die Wand. Ein unaussprechliches Grauen bemächtigte sich seiner. Er konnte sich nicht darüber freuen, daß niemand mehr in Gefangenschaft war. Sie würden ihren Freund verlieren.
„Schön, daß ihr alle hier seid“, wisperte Eomer schwach. In ihm war jeder Lebenswillen erloschen. Er konnte dem Tod nicht entrinnen, das spürte er deutlich. Dennoch machte es ihn glücklich, zu wissen, daß er nicht einsam sterben mußte. Auch er hätte sich nach einer tröstlichen Berührung seiner geliebten Schwester gesehnt, aber er verzichtete um ihrer willen darauf. Es genügte ihm, sie zu sehen, zu wissen, daß sie da war.
„Natürlich sind wir hier, mein Herr!“ erwiderte einer seiner Männer höflich. „Wir werden dafür sorgen, daß kein weiteres Unheil mehr geschieht.“
„Bitte tut das. Laßt Wulf wissen, daß er den Stolz Rohans nicht brechen kann. Auch mich hat er nicht gebrochen. Laßt das Volk wissen, ich sei in Ehren gestorben! Ihr gebt mir die Möglichkeit.“ Seine Stimme klang brüchig und schwach, er sprach langsam und undeutlich, aber er schaffte es. Man sah ihm an, welche Kraft er dazu aufbringen mußte, doch sein Wille ermöglichte es ihm.
Eowyn schluchzte laut. Eigentlich starb ihr Bruder nicht in Ehren. Es schmerzte sie, nichts mehr für ihn tun zu können. Er hatte ihr in aller Deutlichkeit gesagt, daß es keine Hoffnung mehr für ihn gab und diese Erkenntnis war kaum zu ertragen, doch es hatte sich inzwischen ein süßer Frieden über seine Miene gelegt. Zwar hatte er nicht sterben wollen, doch nun dabei nicht allein zu sein, versöhnte ihn mit seinem Schicksal.
„Du wirst eine gute Mutter sein, Eowyn“, richtete er sich plötzlich an sie. „Denk immer an mich, meine Schwester. Ich habe dich immer geliebt. Faramir wird gut für euch sorgen.“
„Ich weiß. Du bist in meinem Herzen, Eomer!“ erwiderte sie mit erstickter Stimme und schloß die Augen.
„Wir werden dich niemals vergessen“, versprach auch Merry.
„Geht und bietet Wulf die Stirn“, flüsterte Eomer tonlos.
„Ich liebe dich, mein Bruder“, sagte Eowyn und gab damit dem dringenden Gefühl nach, es nun sagen zu müssen. Er verzog die brüchigen Lippen zu einem Lächeln und wandte ein letztes Mal den Blick auf sie.
„Danke“, wisperte er. Dann schloß er die Augen, seine Lippen verschlossen sich ebenfalls, sein Kopf sank zur Seite. Der König Rohans hatte seinen Frieden gefunden.
„Ehre dem König!“ riefen die Rohirrim wie aus einem Munde. Merry neigte den Kopf, ebenso hielten es seine Freunde. Danach verharrten sie in stiller Andacht.

„Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, dieser Nebelgestalt die Lampe auszupusten!“ tat Gimli entschlossen kund.
„Da bin ich dabei“, erwiderte Faramir todernst. Legolas war der einzige, der Gimlis Kommentar etwas Amüsantes abgewinnen konnte. Mit einem Lächeln blickte er zu Taidoloth, der konzentriert um die Ecken spähte. Sie hatten beide die Ohren gespitzt, um möglichst vor allen Gefahren gewarnt zu sein. Der Elb wußte, daß Taidoloth mindestens genauso viel hörte wie er. Außerdem kannte er sich aus, deshalb ließ er ihm den Vortritt.
Feuchtkalte Luft schlug ihnen auf einer Kreuzung entgegen. An der Decke raschelte etwas, was Gimli skeptisch den Kopf heben ließ.
„Knacken die Spinnen jetzt schon mit ihren Beinen?“ grollte er.
„Mag sein. Stör dich nicht daran, solang die Geisterstimmen nicht über die Decke laufen oder die grünen Nebel kommen, ist alles in bester Ordnung“, versuchte Taidoloth, ihn zu beruhigen.
„Angenehme Vorstellung“, gab Gimli sarkastisch zurück.
„Oder aber wir waten durch Pfützen von Blut zwischen Totenschädeln“, fügte Faramir noch hinzu.
„Hört jetzt auf!“ fluchte der Zwerg. „Ich mag ja unterirdische Gänge, aber das hier...“
Legolas legte ihm tröstend einen Arm um die kräftigen Schultern. Er konnte dieses Problem bestens verstehen. Ihm nahmen Beklemmung und Dunkelheit die Luft zum Atmen. Taidoloth bewegte sich jedoch mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Katakomben und führte sie durch breite, hohe Tunnel. Endlich entdeckten sie am Ende des Ganges ein fahles Licht. Mucksmäuschenstill schlichen sie weiter, bis sie fast um die Ecke spähen konnten und die Halle vor sich wußten, in der Wulfs heilige Truhe stand.
„Wieviele?“ zischte Faramir von hinten. Taidoloth nahm sich in Acht, als er vorsichtig um die Ecke linste. Mit fünf Fingern gab er stumm die Antwort. Sie waren in der Überzahl, das konnte zum Problem werden. Allerdings hatte er plötzlich eine Idee. Im ersten Moment hielt ihn meist niemand für einen Feind.
Mit Gesten gab er den anderen zu verstehen, daß er gehen und die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich ziehen wollte, damit die anderen überraschend hinausstürmen und die Wachen überrumpeln konnten. Sie zeigten sich einverstanden, so daß Taidoloth strammen Schrittes und mit einem fröhlichen Pfeifen auf den Lippen wie selbstverständlich aus dem Dunkel des Ganges trat und sich zu den anderen Dunländern gesellte.
„Wie geht es voran?“ erkundigte er sich mit starkem adunaischen Akzent.
„Gar nichts geht hier“, lautete die gelangweilte Antwort. „Woanders fliehen die Gefangenen und wir dürfen hier auf eine Holzkiste aufpassen!“
Taidoloth versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Die Gefangenen waren geflohen? Hatten die anderen sie etwa schon befreit?
„Dann dürfte es euch freuen, zu hören, was ich zu sagen habe!“ folgte er einer plötzlichen Eingebung. „Wir sollen nur noch zu dritt die Truhe bewachen, die anderen sollen bei der Suche helfen!“
„Tatsächlich? Feine Sache!“ freute sich ein anderer Dunländer. „Wer kommt mit?“
Natürlich wollten sie alle mit und Taidoloth beschloß, dort zu bleiben und seinen Freunden somit gleich drei Feinde in die Arme zu schicken. Diese hatten nämlich seinen Trick bemerkt und lagen mit gezückten Schwertern im Dunkel des Ganges auf der Lauer.
Ahnungslos und guter Dinge begaben sich drei der Dunländer dorthin. Taidoloth drehte sich mit unschuldiger Miene um und nahm die Truhe genau in Augenschein, weil er Fallen vermutete. Im nächsten Augenblick war es dann schon soweit, daß ein aufgewühltes Stimmengewirr sich erhob. Die übertölpelten Dunländer brüllten los, einer ging vor Schmerzen stöhnend zu Boden. Taidoloth grinste schadenfroh und zog galant sein Schwert, als die beiden übrigen Wächter ihren Kameraden zu Hilfe eilen wollten. Den einen ließ er mitten in die Klinge laufen, dem anderen warf er seinen Dolch hinterher und traf ihn damit neben der Wirbelsäule. Die Spitze des Dolches hatte sich unversehens ins Herz des Mannes gebohrt.
Aus der Finsternis drang noch immer ein gedämpftes Kampfgetöse an seine Ohren, das er mit einem belustigten Grinsen verfolgte. Er fragte sich im Augenblick vielmehr, wie es überhaupt sein konnte, daß die wertvolle Truhe nur so spärlich bewacht wurde.
„Du blöder Kerl hättest uns ja ruhig helfen können!“ entfuhr es Gimli im nächsten Moment, als er nach getaner Arbeit aus dem Gang heraustrat und Taidoloth in gebührendem Abstand vor der Truhe knien sah.
„Was denn? Die zwei Kerle habe ich allein erledigt! Beklag du dich noch!“ erwiderte der Dunländer knapp.
„Wir sind ihnen auch gut beigekommen“, bemerkte Faramir, der sein blutverschmiertes Schwert wegsteckte. Er schien keine besondere Geduld gehabt zu haben.
„Was nun?“ fragte Legolas derweil. „Weißt du Näheres über diese Truhe, Taidoloth?“
„Nein, nicht wirklich. Das Schloß sollte für die Zwergenaxt kein Problem sein, aber ich weiß nicht, ob es so ungefährlich ist, sich der Truhe zu nähern!“
„Gute Frage“, stimmte Faramir zu. „Wie finden wir das heraus?“
„Der Zwerg probiert es aus“, schlug Taidoloth grinsend vor und erntete einen vernichtenden Blick von Gimli. Faramir wühlte derweil in seinen Taschen herum und fand sehr zu seiner Verwunderung ein altes Stück Brotrinde, das er vor die Truhe warf. Gimli amüsierte sich angesichts dessen sehr, aber nur solange, bis plötzlich lange spitze Metallstacheln wie aus dem Nichts aus dem Boden emporfuhren, schneller als man schauen konnte, und altes Blut daran verriet die Effizienz dieser Falle.
„Schön“, befand Gimli. „Wer wollte als Käse enden?“
„Wie überwinden wir das jetzt?“ überlegte Faramir.
„Wir sollten einfach noch etwas werfen und sehen, wo überall Stacheln sind. Fliegen kann noch keiner von uns!“
Legolas schüttelte den Kopf angesichts dieser etwas unproduktiven Diskussion und wandte flehend den Blick zur Decke. Im Augenwinkel bemerkte er einige kleine Löcher in einer finsteren Nische, die auch nur sein Elbenauge ausmachen konnte. Er griff in seine Tasche und entleerte einen kleinen Lederbeutel, den er hoch in die Luft warf. Er landete genau auf der Truhe. Im nächsten Augenblick gab es ein sirrendes Geräusch und einige kurze Armbrustpfeile spickten den Truhendeckel.
„Müssen wir es wirklich mit dieser Kiste versuchen?“ fragte Gimli stöhnend. Er konnte den anderen jedoch ansehen, daß sie ähnlich erpicht darauf waren.
„Wie gelangen wir zu der Kiste, ohne daß diese Fallen ausgelöst werden? Irgendwie muß man diesen Mechanismus lahmlegen können, das kann gar nicht anders sein. Wenn sie ausgelöst werden können, müssen sie auch gestoppt werden können“, schloß Faramir. Legolas nickte zustimmend. Gemeinsam mit Gimli begann er, die umgebenden Wände zu untersuchen. Sie waren glatt und unscheinbar, genau wie der Boden, aus dem die Stacheln gefahren waren.
„Das kann doch gar nicht sein“, sagte auch Taidoloth. „Das ist kein Zauber, das muß etwas Handfestes sein. Dumm nur, daß ich nichts darüber weiß!“
„Ach, dafür kannst du doch nichts“, erwiderte Faramir. „Nicht verzagen!“
Plötzlich hob Legolas jedoch den Kopf und zischte: „Wir bekommen Gesellschaft!“
Sie hatten gerade noch Zeit, zu den Waffen zu greifen, als unzählige Dunländer auf einen Schlag aus dem Gang gehastet kamen und auf sie zustürmten. Taidoloth war der einzige, der sich nicht für sein Schwert interessierte. In seinen Augen blitzte eine gefährliche Aggression auf, als er in die Knie ging und eine Fellmähne aus dem Kragen seines verschwindenden Hemdes hervorquoll. Im nächsten Moment sprang er mit einem gewaltigen Satz auf einen der Angreifer zu, der nicht schnell genug mit seiner eigenen Verwandlung war. Er zerfleischte ihm mit einem Bissen das Gesicht und grub seine Pranken tief in sein Brustfleisch, bevor er ihm mit den messerscharfen Zähnen den Hals durchtrennte. Mit einem weiteren Prankenhieb brachte er einen anderen Dunländer zu Fall und warf sich dann mit einem tollkühnen Satz mitten in die Angreifermenge hinein.
Staunend blickte Faramir seinem Freund hinterher. Legolas kämpfte wieder einmal mit zwei Messern gleichzeitig. Gimli ließ entschlossen seine Axt kreisen, doch Faramir erkannte schnell, daß es alles nichts nützte. Die Feinde blieben noch immer in der Überzahl.
„Weg hier!“ rief er. Sein Leben war ihm lieb, er hatte keine Kräfte wie Taidoloth und Legolas. Gimli stand sofort bei ihm und begann mit ihm zusammen, den Weg freizumachen. Legolas gesellte sich schließlich dazu, Taidoloth hielt ihnen den Rücken frei, dann rannten sie über den Gang aus der Kammer hinaus. So schnell wurde ein Problem durch ein anderes ersetzt, dachte Gimli mürrisch.
Sie wußten nicht, wohin sie liefen. Blindlings befanden sie sich auf der Flucht vor ihren Verfolgern, die sie allein dadurch verwirrt hatten, weil diese nicht mit einer Flucht gerechnet hatten. Deshalb war das Glück auf ihrer Seite, als sie sich in einen winzigen Nebengang schlugen und ihren Verfolgern somit entkamen. Unwissentlich hatten sie sich jedoch einen Weg in Richtung Wulfs großer Haupthalle gebahnt und erreichten plötzlich einen Gang, der Legolas in Erinnerung geblieben war. Einem Heiligtum gleich waren an der Seite unzählige Kerzen errichtet, die bald ein Meer des Lichts ergaben.
Er hatte nie ganz verstanden, was Kerzen in diesem unterirdischen Loch zu suchen hatten. Sehr wohl bemerkte er jedoch, daß einige aufgrund des durch sie verursachten Luftzuges verloschen. Erst achtete er nicht weiter darauf, doch auf einmal gellte ein qualvoller Schrei durch die Hallen.
„Was zum Balrog war das?“ entfuhr es Faramir. Unerwartet begann Gimli zu grinsen.
„Ich weiß es, es war...“ Noch während er sprach, blies Taidoloth weitere Kerzen aus und auch Legolas erkannte Wulfs Stimme.
„Was hat das zu bedeuten? Wir blasen doch nur Kerzen aus!“ rief Gimli. Ein lautes Donnern und Brausen drang an ihre Ohren. Zu Tode erschrocken wichen sie zurück, dann dröhnte seine Stimme durch die Luft.
„Ihr glaubt wirklich, ihr könntet mich besiegen, ja?“
„Wulf kommt“, flüsterte Legolas. Auch er verstand noch nicht, was sie getan hatten, daß Wulf auf sie aufmerksam geworden war und das gleich so wütend. Einzig Taidoloth fuhr wie verrückt fort, die Kerzen auszublasen.
„Helft mir!“ flehte er unablässig. Faramir war der einzige, der ihn erhörte, ohne ihn zu verstehen. Gimli und Legolas bezogen Stellung vor ihren Freunden, als auch schon Wulf erschien. Sehr zu ihrer Überraschung war seine Geistergestalt schier durchlöchert und dann verstanden sie. Wie von Sinnen fuhren Faramir und Taidoloth fort, die Kerzen verlöschen zu lassen.
„Glaubt ihr, das ist alles?“ donnerte Wulfs Stimme. Legolas stellte sich ihm mit zu allem entschlossener Miene gegenüber.
„Was wollt Ihr?“
„Ich beziehe Energie aus den Kerzen. Wäre es euch möglich, sie brennen zu lassen?“ fragte Wulf gespielt mit einem gefährlichen Unterton. „Das gilt besonders für den Überläufer!“
„Erst müßt ihr an mir vorbei“, entgegnete Legolas seelenruhig. Er wußte, daß Wulf einem Elben wenig anhaben konnte. Taidoloth hielt jedoch entgeistert inne, als er vernahm, daß Wulf ihn erkannt hatte. Ein beißender Schmerz durchzuckte seinen Kopf und ließ ihn zu Boden gehen. Fassungslos schaute Faramir ihm nach, doch er fuhr fort. Wulfs Gestalt bekam immer mehr Löcher.
„Wo sind meine Männer?!“ kreischte Wulf. Legolas kniff die Augen zusammen und versuchte, seinen Geist zu schützen. Wulf griff ihn unsichtbar an, das spürte er genau. Er war etwa so hilflos, wie er sich gab und begann deshalb den Angriff.
„Der Spuk ist vorbei!“ rief Legolas. Wulf starrte ihn mit todeskalten Augen an und versuchte unnachgiebig, in seinen Kopf zu gelangen. Legolas spürte den bohrenden Schmerz. Er wollte der berüchtigten Gedankenlähmung um jeden Preis begegnen. Fast fürchtete er, Wulf könne sich an den anderen versuchen, doch der Elb war ihm eine ausreichende Herausforderung.
Legolas sah nur noch, wie Wulf auf ihn zustieß. Er wußte kaum, wie ihm geschah, als er spürte, wie der Geist durch die Fasern seines Körpers drang und sich in ihm ausbreitete. Gimli brüllte entsetzt, als er sah, wie sein Freund von dem Geist vereinnahmt wurde.
„Faramir, mach weiter!“ rief er, während er tatenlos zusehen mußte, wie Legolas in die Knie ging. Seine Gliedmaßen begannen zu zucken, er hatte die Augen seltsam verdreht, krümmte und wand sich wie im Krampf auf dem Boden. Weil Gimli nicht hilflos bleiben wollte, half er Faramir aus einem Instinkt heraus, die Kerzen auszublasen. Derweil kam Taidoloth wieder zu sich und half ihnen, bis auch die letzte verlöscht war. Ein schrilles Kreischen entwich aus Legolas‘ Kehle, obwohl er die Lippen nicht geöffnet hatte. Das Zucken hörte auf, mit geschlossenen Augen lag er da und um ihn herum begann die Luft zu verschwimmen.
„Ihr werdet nicht gewinnen“, drang Wulfs kalte Stimme an ihre Ohren. Sie konnten seine schemenhaften, verschwommenen Umrisse ausmachen. Der Trick mit den Kerzen hatte gewirkt, aber nur zum Teil. Mit einem weiteren Kreischen verschwand der Geist und begann im nächsten Gang eine wilde Toberei.
„Der kommt wieder“, schloß Faramir.
„Was ist los? Was ist mit ihm?“ fragte Taidoloth und meinte Legolas. Der Elb lag bewußtlos am Boden, so sehr hatte der Geist in seinem Inneren gewütet.
„Es reicht nicht. Wir müssen zu der Truhe und die Gebeine zerstören. Wir müssen Legolas helfen!“ rief Gimli fast flehentlich. Das sahen seine Kameraden genauso. Taidoloth reagierte sofort und lud sich den Elben auf die Schulter, dann rannten sie los. Sie wußten, was sie zu tun hatten, aber nicht wie. Und Legolas schwebte in Gefahr.


Zwölftes Kapitel

„Wir müssen wieder rein, in die Kammer, wo die Truhe steht“, flüsterte Faramir überzeugt und ließ seinen Blick dennoch bedenklich über seine Freunde schweifen. „Was soll mit ihm werden? Wir können ihn doch nicht so mitnehmen… Er hängt dort wie ein Schluck Wasser“, protestierte Gimli und deutete auf den immer noch bewusstlosen Elben. „Was sollen wir sonst tun? Wir können ihn nicht in den Gängen hier liegen lassen. Es gibt keine Möglichkeit ihn zu verstecken, wenn irgendjemand hier lang kommt, dann werden sie ihn finden“, gab Taidoloth zu bedenken und rückte sich Legolas auf seinem Rücken richtig zurecht. Faramir sah sich seufzend um und sagte dann: „Gehen wir am besten erst einmal ganz zurück und dann sehen wir weiter.“ So taten sie es. Dank Taidoloth verirrten sie sich nicht, sondern fanden den Rückweg sicher und recht schnell. Sie passierten im Vorübergehen eine Tür aus der laute, hohe Schreie drangen, die aus mehreren Hälsen zu kommen schienen. Gimli runzelte fragend die Stirn, doch Faramir war schon dabei die klobige Eisentür davor ein Stück weit aufzudrücken. Seine blauen Augen hefteten sich auf die grün schimmernden Geister an der Decke, die ihre Ohren mit den knochigen Händen abdeckten und die Augen krampfhaft geschlossen hielten. Sie flogen scheinbar ziellos hin und her, drehten sich und fielen herab, um sich wie eine Schlange über den Boden zu winden. Dann schwirrten sie wie ein Insekt um eine einzige Kerze, die im Raum brannte und schon beinahe erloschen war. Dabei schrieen sie, dass es Faramir in den Ohren klang. Verwirrt linste der Statthalter weiter hinein und machte Gimli Platz, der seinen großen Kopf unter seinem durch die Tür drängelte. „Die sehen… Verwirrt aus“, stellte der Zwerg fest. Faramir nickte und setzte ein für seine gutmütige Art, kaltes Grinsen auf. „Gimli… Hast du was zum werfen?“ Der Zwerg blickte zu ihm hoch und begann in seinen Taschen zu wühlen. „Da“. Mit diesem Wort reichte er Faramir einen Stein, den er in der Hosentasche gehabt hatte. „Den hab ich mitgenommen, er war so schön. Alte Angewohnheit eines Zwerges“, erklärte er grinsend, als er Faramirs fragenden Blick sah. Der Statthalter nahm den Stein und zielte. Mit einem gekonnten Schuss war die Kerze umgeschmissen und viel zur Seite. Eine Lache aus Wachs bildete sich, in der die Flamme erstickt wurde. Jetzt brach ein Getöse aus, das die Szene von vorhin bei weitem übertrumpfte. Wie Pfeile schossen die Geister durch die Dunkelheit, drehten sich spiralförmig in der Luft und kreischten. Faramir und Gimli konnten ihre Bewegungen nur auf Grund des grünen Schimmerns verfolgen. „Es sind die Kerzen… Dadurch, dass wir so viele gelöscht haben, verlieren die Geister die Orientierung. Anscheinend werden sie von den Kerzen gelenkt“, raunte Faramir und ließ die Eisentür wieder ins Schloss schnappen, nachdem er und Gimli seinen Kopf hervorgezogen hatten. Sie berichteten Taidoloth von ihrer Entdeckung und setzen dann ihren Weg weiter fort.
Zu ihrer großen Überraschung befanden sich nur noch drei Dunländer in dem Raum mit der Truhe. Verständnislos blickte der Zwerg auf die Verbliebenen und wollte gerade eine Frage stellen, als ein Dunländer sagte: „Wann sind die endlich fertig mit dem Aufstocken der Fallen? Das ist doch nicht möglich…“ Taidoloths Augen wurden tellergroß. „Wenn die die Fallen aufstocken, sind sie vielleicht nicht scharf. Bei diesen Worten legte er Legolas vorsichtig auf den Boden an die Wand und zog seine Waffe. Faramir und Gimli taten es ihm gleich, dann stürmten sie den Raum. Der Kampf war heftig, aber schnell zu Gunsten der Freunde vorbei. Die Dunländer hatten nicht mit einer Rückkehr der Geflohenen gerechnet und hatten deswegen keine Verstärkung geholt. Ein Dunländer fand einen schnellen Tod, als Taidoloth ihm unter lautem Knacken das Genick brach und ein anderer wurde von Faramir und Gimli gleichermaßen aufgespießt und von der Zwergenaxt erschlagen. Dem dritten Dunländer hatte Gimli den Arm abgeschlagen. Nun lag der Mann stöhnend auf der Erde und hielt seine Hand auf den blutenden Stumpf gedrückt. „Verdammtes Pack… Mein Arm“, jaulte der Dunländer, sein böses Funkeln in den Augen verlor er jedoch nicht. Pulsierend schoss die rote Flüssigkeit zwischen seinen Fingern hervor. Er versuchte sich in eine Bestie zu verwandeln, doch es gelang ihm nicht, anscheinend schwächte ihn der Blutverlust zu sehr. „Hol Legolas“, ordnete Taidoloth Faramir an, was dieser auch bereitwillig tat. Der Dunländer wollte sicher gehen, dass niemand den Elben fand. Taidoloth selbst stellte sich währenddessen über den Dunländer, der sich immer wieder von einer Seite zur nächsten wand. „Du sagt mir jetzt sofort was in der Kiste da ist und was es noch für Fallen gibt oder ich…“, er verstummte kurz und wirkte fast hilflos, ehe er mit wieder gefundener, fester Stimme weiter sprach: „oder ich schneide dir den Hals ab!“ Der Dunländer unter ihm funkelte ihn an. „Dann tu es doch, Verräter… Lass deinen Worten Taten folgen, ich werde nicht reden!“ Gimli verdrehte die Augen und stieß den hilflos aussehenden Taidoloth zur Seite. „Lass mal den Furcht einflößenden Zwerg ran, Jungchen…“ Gimli kletterte mit seinen stämmigen Beinen über den einarmigen Dunländer und trat ihm mit seinen Stiefel in den Bauch. „Du redest jetzt, oder ich hacke dir den anderen Arm auch ab!“ Furcht blitzte in den Augen des am Boden liegenden Dunländers auf, als er die blutige Klinge der Axt vor die Augen gehalten bekam. „Sprich du Wurm. Oder ich zeige dir wozu ein Zwerg alles fähig ist. Dunländer die Glieder abhacken ist für uns eine Freizeitbeschäftigung!“ Die Klinge streifte das Handgelenk des Mannes unter ihm. „Warte… Warte... Ist gut.“ Schweißperlen liefen dem Mann über die Stirn und seine Stimme wurde von gequälten Stoßseufzern unterbrochen, als er sprach: „Es sind fünf Fallen um die Kiste. Eine sind die Pfeile, die andere die Messer. Wenn ihr die Kiste öffnet, spritzt Säure aus dem Rand der Truhe, das ist Falle Nummer drei. Nehmt ihr den Dolch aus der Truhe, stürzen die Steine direkt über euch von der Decke, Falle Nummer vier. Und die letzte wird ausgelöst wenn ihr den Raum mit dem Dolch verlasst. Die Wände, die die Tür umschließen verschieben sich, wenn sie euch nicht zerquetschen, tun es die Säulen, die oben von der Decke kommen.“ Gimli drehte sich zu Taidoloth, als er das vernommen hatte. Faramir stand mit Legolas im Arm da und hatte einen unschlüssigen Gesichtsausdruck angenommen. „Ein Dolch? Was hat er für eine Bedeutung und was ist jetzt? Sind die Fallen scharf?“, fragte Taidoloth und blickte ihn an. Als dieser nicht antwortete drehte sich Gimli blitzschnell um und zeigte seine Axt. „Nein… Nein im Moment nicht… Sie werden nachgeladen. Und keine Ahnung was es mit dem Dolch auf sich hat, Wulf meinte nur, dieser könne ihn vernichten“, sagte der Mann am Boden schnell und drehte sich stöhnend zur Seite. „Na also… Geht doch“, murrte der Zwerg und warf seinen Freunden einen triumphierenden Blick zu. Taidoloth überging ihn. „Los schnell…“, sagte er hastig und gab Gimli ein Zeichen, er möge das Schloss der Truhe mit seiner Axt zerstören. Der Zwerg gehorchte und tat dies, begleitet von einem lauten, stählernen Klirren. Faramir kam mit Legolas näher um auch einen Blick auf das Geschehen werfen zu können, dabei wurde er von dem Dunländer am Boden mit den Augen verfolgt, der mit seiner gesunden Hand nach seinem Schwert tastete, was aber unbemerkt blieb. Taidoloth öffnete die Truhe und sprang vorsichtshalber zurück, doch nichts geschah. In der Kiste lag, auf weißer Seide gebettet, ein langer, schäbiger Dolch mit einem Drachenhals und Kopf als Griff. Erst zögerte der Dunländer doch dann, griff er nach der Waffe. „Halt nicht anfassen!“, schrie Faramir aus Leibeskräften, als er das siegessichere Grinsen des Dunländers am Boden erblickte. Doch es war schon zu spät, Taidoloth hatte den Dolch bereits zur Hälfte in der Hand. „An eurer Stelle würde ich mich jetzt nicht bewegen!“, säuselte der Dunländer und rappelte sich mühsam mit einem Arm auf. Alle wirkten wie versteinert und erwarteten in jedem Moment Säure die sie verätzen würde oder Steine, die sie erschlagen würden. „Zählen war noch nie meine Stärke… Es sind sechs Fallen, ich erinnere mich… Die sechste war ein Abgrund, der sich direkt unter euren Füßen auftut, wenn ihr den Dolch berührt habt und euch bewegt… Und diese Falle funktioniert auch wenn die anderen ausgeschaltet sind“, lachte der Dunländer kalt und schleppte sich einen Schritt voran. „Alle ließen lediglich die Augen in ihren Höhlen rollen und überlegten fieberhaft. Faramir bekam fast einen Krampf in den Armen weil er Legolas an sich drückte um keine Bewegung zu machen. „Tut mir sehr leid, wir könnten jetzt auf meine Leute warten… Aber das ist bloß Zeitverschwendung, ich habe eine bessere Idee…“, raunte der Dunländer. Mit diesen Worten zog er sein Schwert eine Handflächebreit über den Boden und durchtrennte dabei Faramirs Achillessehne. Dem Stadthalter brach das linke Bein weg, das keiner Belastung mehr standhielt und er fiel auf die Knie. Faramir schaffte es gerade noch Legolas so weit festzuhalten, dass dieser nicht mir dem Kopf auf die Steine aufschlug. Ein knarrendes Geräusch ertönte und noch ehe jemand etwas tun konnte, zog sich der Boden unter ihren Füßen weg. Ein steil abfallender Tunnel bildete sich, in den Taidoloth als erster stürzte, dicht gefolgt von Gimli. Legolas, der vor Faramir lag verschwand ebenfalls in dem schwarzen Tunnel und fiel unsanft herab und als letzter folgte Faramir, der sich noch verzweifelt versuchte am Boden festzuklammern, der ihm entwich.


Als würde eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern liegen verließ Eowyn schluchzend die Kammer, in der ihr Bruder den Tod gefunden hatte. „Du darfst nicht so traurig sein. Er ist immer bei dir“, versuchte Merry sie zu trösten und nahm ihre Hand in seine. Eowyns Augen waren gerötet und sie beobachtete bedächtig wie alle Anwesenden aus der Kammer schritten. Als letzter trat Aragorn hinaus, das Gesicht traurig und schwermütig. Sein Blick erfasste Eowyns, als die Frau den Mund öffnete, fiel er ihr ins Wort. „Ich weiß Eowyn. Ich hätte ihn auch gerne mitgenommen, aber die Gefahr ist zu groß. Wir werden ihm ein würdevolles Andenken erbauen, vor der goldenen Halle in Edoras.“ Eowyns Schmerz wurde dadurch nicht gelindert und Aragorn wusste das. Sie blickte ein letztes Mal in die Kammer, in der ihr Bruder nun für immer ruhen würde.
„Wir sollten die anderen suchen“, riss Bergil alle Anwesenden aus dem Schweigen. „Du hast Recht“, gab Aragorn zur Antwort und erhob sich sogleich. Er kämpfte mit seiner Krankheit, aber er wollte jetzt stark sein, für seine Gefährten. Er wusste nicht wie lange er noch durchhalten würde, seine Kräfte schwanden, aber im Moment kämpfte er im Inneren gegen den Schmerz und gegen seine immer wieder krampfenden Muskeln. „Sie sind auf dem Weg um eine Truhe zu finden“, begann Bergil die Erklärung und berichtete von Legolas Vorhaben und wie die anderen sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Truhe begeben hatten.
„Dann werden wir Faramir finden“, tröstete Liliane Eowyn und nahm Frodo an die Hand. Eowyn nickte, die Sehnsucht nach ihrem Mann, verdrängte für einige Momente den Schmerz über ihren verschiedenen Bruder. „Wir müssen Aufmerksam sein und schnell, wenn wir Glück haben und die Andere haben das Rätsel um die Truhe bereits herausgefunden, hat Wulfs Vernichtung vielleicht schon begonnen“, sagte Aragorn aufmunternd und suchte sich zusammen mit den Soldaten und Bergil an seiner Seite einen Weg den Gang entlang.

Es war ein langer und harter Sturz hinab in die Tiefe. Teilweise hatten sie keinen Boden unter sich, weil der Tunnel zu steil war und sie nur fielen. Sie schlugen oft auf den Untergrund auf, prallten gegen die Wände oder bekamen den Fuß eines anderen ab. Gimlis Axt zerschnitt Taidoloths Hosenbein und seinen Oberschenkel, als sie herrenlos durch den Tunnel flog. Faramir spießte sich beinahe selbst an seinem Schwert auf und Gimli riss sich zwei Fingernägel aus, als er versuchte sich am Boden festzukrallen. Nach scheinbar endloser Zeit war der tiefe, stockdunkle Sturz vorbei und sie landeten alle nacheinander in einer flüssigen, stinkenden Brühe. Es war stockduster, so dass keiner von ihnen irgendetwas hätte sehen können. Schreiend und nach Luft schnappend tauchten sie aus dem Wasser auf. Der Grund war nicht tief, aber dennoch war es beängstigend, weil ihre Augen nichts erfassen konnten, was sich um sie herum befand. An ihren Körpern driftete etwas Schleimiges vorbei, was im ersten Moment niemanden interessierte. „Ich… Ich glaube mein Arm ist gebrochen“, verkündete Taidoloth stöhnend, als er wieder Luft bekam. „Legolas… Wo ist Legolas?“, schrie Gimli und tastete mit seinen Armen hektisch unter Wasser umher. Faramir bekam außer Schmerzenslaute nichts zustande. Er hatte Legolas verloren, wahrscheinlich driftete der Elb irgendwo im Wasser umher. „Legolas?“ Gimlis dröhnende Stimme drang ohne Widerhall durch den Raum. Dem Zwerg war bewusst, dass der Elb ihn wahrscheinlich nicht hören konnte, dennoch versuchte er sein Glück. „Faramir… Bist du in Ordnung?“, wollte Taidoloth wissen und tastete in der Dunkelheit nach dem Stadthalter. Das Wasser war zu flach, als das Faramir dort mit seinem Bein hätte stehen können, es lastete zu viel Gewicht darauf. „Beim Balrog! Verflucht sei der Mistkerl, mein Bein ist hin“, stieß Faramir keuchend hervor und packte Taidoloth Arm in der Finsternis. „Gimli? Gimli wo bist du, wir dürfen uns nicht verlieren…“, rief Taidoloth in die Dunkelheit. „Ich hab Legolas“, verkündete der Zwerg erleichtert. Wo seid ihr?“ „Na hier“, antwortete der Dunländer und wies ihm den Weg. „Lebt Legolas noch?“, fragte Taidoloth sicherheitshalber mal nach, als er Gimli endlich neben sich wusste. „Der ist wie Unkraut… Nicht tot zu bekommen“, war die klare und deutliche Antwort.
„Verdammt wo sind wir?“, keuchte Faramir und ließ sich etwas weiter ins hüfthohe Wasser sinken. „Ich habe nicht die geringste Ahnung und das Schlimmste ist. Ich sehe rein gar nichts. Nicht mal ein Reflektieren auf dem Wasser. Es ist als wäre ich blind. Kein Ausgang… Was wenn es gar keinen gibt?“, fragte Taidoloth und Gimli meinte die Stimme des Dunländers zittern zu hören. „Keine Panik machen jetzt. Es gibt sicher einen Ausgang“, bemühte sich Faramir verständlich zu sagen. „Hier ist irgendwas im Wasser“, raunte Taidoloth und wagte sich kaum zu rühren. Etwas streifte ihn, hing kurzzeitig an seiner zerrissenen Hose fest und trieb dann ein Stück weiter davon. „Wo ist es? Ich finde es heraus“, bot sich Faramir an und zog sich an Taidoloth gesunden Arm näher zu ihm heran. Taidoloth führte den Stadthalter mit einem Arm zu dem Gegenstand der im Wasser trieb. „Lass mich auch“, mischte sich Gimli ein und betastete mit einer Hand das Ding im Wasser. „Weißt du was es ist?“, fragte Faramir nach einem Moment. „Nein.. Ich.. Oh bei den Valar“, schrie Gimli und stieß das Ding weit weg. „Was hast du denn?“, wollte Faramir stöhnend wissen. „Das ist ein Toter! Eine verwesende Leiche, das verfaulte Fleisch ist glitschig! Ich hab den Schädel gespürt“, rief der Zwerg angeekelt. Faramir zuckte zusammen und auch Tadoloth machte einige Schritte zurück. „Das Ding soll bloß nicht wiederkommen!“, schrie Gimli angewidert. Erst jetzt fiel allen der entsetzliche Gestank hier drinnen auf und er erschlug sie fast. Anscheinend hatten schon mehrere, genau wie sie, den Absturz durch den Tunnel erlebt und einige waren hier im Brackwasser verendet. „Diese Situation ist mehr als nur verfangen“, raunte Faramir und suchte nach einer Wand in der Nähe. Sein Bein war wie Gummi, völlig nutzlos und nur ein schmerzendes Anhängsel. „Und du sagst wir sollen keine Panik machen! Ich glaube mein Herz bleibt gleich stehen, ihr könnt froh sein, wenn ich nicht gleich wie ein Weib kreische“, sagte Gimli entsetzt und drückte Legolas an sich, so wie es ein Kind mit seinem Stofftier getan hätte. „Der Dolch … Wo ist der Dolch, verdammt ich hatte ihn in den Händen, als wir gestürzt sind“, raunte Taidoloth beunruhigt. Ein Plätschern verriet den anderen, dass er sich bereits im Wasser nach der Waffe auf die Suche machte. „Das ist doch schon mal nicht schlecht… Wenn wir ihn haben, kommen die Dunländer sicher um ihn zu holen, sollten wir keinen Ausgang finden“, sagte Faramir etwas erleichtert in die Dunkelheit hinein und half Taidoloth in dem er seine Hände durch das Schmutzwasser gleiten ließ. „Ja, aber bedenke, dass wenn sie uns holen, sie uns wahrscheinlich nicht am Leben lassen werden. Und wer sagt dir, dass die jetzt irgendwann kommen… Vielleicht lassen sie sich ein paar Tage Zeit, dann haben wir schon Ähnlichkeit mit dem Gesellen hier“, murrte Gimli und stieß die treibende Leiche wieder davon. „Nun aber immerhin können wir dann hoffen, dass es hier irgendwo einen Ausgang gibt. Die Dunländer werden wohl kaum den Tunnel wie wir nehmen…“, stöhnte Faramir. Seine Hände glitten über Knochen und verfaultem Fleisch. Er spürte etwas, das sich wie ein Unterkiefer anfühlte und eine Wirbelsäule. Faramir rümpfte die Nase und schloss die Augen. „Widerlich“, murmelte er. „Hier sind noch mehr gestorben… Die Leiche hier oben scheint noch am frischesten zu sein, hier unten sind nur Knochen“, erklärte der Stadthalter. „Es ist zum fürchten“, kommentierte Gimli die Situation und hob Legolas höher. Der Elb hätte es sicher nicht gewollt auf dem Grund, zwischen Knochen zu schleifen. „Die sind tot, also müssen wir sie nicht fürchten. Die Lebenden sind schlimmer“, murmelte Taidoloth, doch er schien sich auf etwas anderes zu konzentrieren. „Ich hab ihn glaube ich“, rief er nach einer Weile erfreut aus.“ „Sehr gut, dann suchen wir jetzt einen Ausgang“, war Faramirs Antwort. Sie kämpften sich mehr oder weniger schnell durch das Wasser bis sie eine Wand vor sich spürten. Taidoloth rutschte beinahe auf einigen Knochen aus und fing sich gerade noch im letzten Moment an Faramirs Schulter bevor er gefallen wäre. „Die Wand ist glatt. Ich fühle nichts außer Steine“, bemerkte Faramir und tastete sich in der Dunkelheit voran. Taidoloth tat es ihm gleich und untersuchte die Wand mit einem Arm in die andere Richtung. „Wir werden Jahre brauchen, wenn wir nichts sehen“, sagte Gimli resignierend als er seinen Freunden lauschte, die sich nur langsam entfernten. „Taidoloth… Wenn du dich wandelst… Kannst du dann nicht vielleicht in der Dunkelheit sehen? Katzen können das doch auch…“, fragte Faramir und musste eine Pause einlegen. „Katzen können aber bei völliger Dunkelheit auch nicht gut gucken. Es könnte schon sein, dass ich wenigstens Umrisse sehe, ja... Aber…“, der Dunländer verstummte. Faramirs Stimme drang fragend an sein Ohr. „Was?“ „Nichts… Ich versuche es.“ In dem Moment war bereits ein merkwürdiges Geräusch zu vernehmen, das an das Knacken von Gelenken erinnerte. Zwei grünliche Punkte begannen in der Finsternis zu schimmern: Taidoloths Augen. Dann zerschnitt ein ohrenbetäubender Schrei die Finsternis. „Taidoloth?“, fragten Faramir und Gimli gleichzeitig wie aus einem Mund. Der Dunländer schrie wie am Spieß und nur langsam wandelten sich seine menschlichen Schreie in ein tierisches Jaulen. Dann urplötzlich jedoch war Taidoloth normale Stimme wieder zu hören, das grüne Funkeln in seinen Augen erlosch und ein lautes Platschen verriet, dass er ins Wasser gefallen sein musste. Keuchend kam der Dunländer wieder an die Oberfläche. „Taidoloth? Junge?“, fragte Gimli in dem besorgten Ton eines Vaters, der um seinen Sohn bangte. „Mein Arm… Mein Arm“, stieß Taidoloth Luft schnappend hervor. „Ich kann mich nicht wandeln, ich… Wenn die Knochen wachsen, der Schmerz ist zu groß“, keuchte er. Er ließ seinen Körper gegen die Wand sinken und klang fast beschämt. „Warum hast du das nicht gesagt? Dann müssen wir eine andere Lösung finden“, sagte Faramir in entschuldigendem Tonfall. „Da hinten.. Ich habe einen Umriss erkannt.. Da ist irgendwas… Folgt mir“, war alles was Taidoloth sagte, bevor er auf die entgegen gesetzte Wand zulief. Mit den Gefährten hinter sich tastete er mit seinem Arm vorsichtig an der Wand entlang, bis er einen metallenen Hebel spürte und an ihm drehte, so dass ein lautes Knirschen entstand. Als er nicht mehr zu drehen ging zog der Dunländer daran, so lange bis die Luke, zu der der Hebel gehörte, aufsprang. Heiße, stickige Luft schlug Taidoloth entgegen und hinderte ihn am Atmen. „Die Luke hat sich geöffnet“, sagte er und war selbst davon überrascht. „Dann gehen wir, schlimmer als hier unten, kann es auch nicht mehr sein“, verkündete Gimli. „Helft mir hoch“, ordnete Taidoloth an. Die Luke war ein Stück oberhalb des Bodens und er konnte sich mit seinem gebrochenen Arm nicht aufstützen und hochziehen. Faramir schob den Dunländer von hinten an, bis er in dem schmalen, stockfinsteren Gang war, in dem er sich gerade noch so drehen konnte. „Gebt mir Legolas hoch und dann ziehe ich euch rauf“, schlug Taidoloth vor und spürte bereits den Elbenarm in seiner Hand. Wie ein Blinder tastete der Dunländer welchen Arm er von Legolas in der Hand hatte und griff in die Kleidung des Elben um ihn hochzuziehen. Legolas rührte sich noch immer nicht und Taidoloth legte ihn in den kanalförmigen Gang, in dem ein Rinnsal aus Wasser hinab floss. „Der Nächste“, zischte Taidoloth als er Legolas im Gang abgelegt hatte. „Ich würde gerne wenn’s nichts ausmacht“, brummte Gimlis Stimme in der Finsternis. Er tastete nach Taidoloths Arm. Der Dunländer zog den Zwerg nach oben. Gimli krabbelte sogleich in den Gang. „Oh wei!“ „Was ist?“, wollte Taidoloth von dem Zwerg wissen. „Ich bin auf Legolas getreten…. Ob er mir das übel nimmt?“. Taidoloth musste trotz allem grinsen und packte Faramirs Hand. Mit ihm mühte sich der Dunländer eine Weile ab, bevor er ihn sicher im Gang hatte. Der Stadthalter saß zusammen in dem kleinen Tunnel und keuchte. „Und jetzt… Immer der Nase nach?“, erkundigte er sich. „So wies aussieht… Wir sehen ja nichts…“, war Taidoloths Antwort. „Gimli, nimm Legolas auf deinen Rücken, dann müssen wir ihn nicht schleifen“, schlug der Dunländer vor. „Ich soll was?“, empörte sich der Zwerg. „Ich gehe voran“, begann Taidoloth zu erklären, „leg dich hin“. Mit diesen Worten drückte er den Zwerg, der auf dem Bauch lag weiter auf den Boden. Dann zog er Legolas auf den Zwerg drauf. „Verstehst du. Du bist klein genug, dass ihr beide durch den Gang passt. Ansonsten müssten wir ihn hinter uns herziehen. So kannst du kriechen und er liegt auf dir drauf“, erklärte Taidoloth und war merkbar stolz auf seinen Einfall. „Was man nicht alles machen muss heut zutage… Es ist wirklich… Jetzt muss ich schon ein Reittier für ihn sein. Der soll mir noch einmal wenn er aufwacht mit irgendwas blöde kommen…“, brummelte der Zwerg und begann hinter Taidoloth durch den Gang zu kriechen.
Es war nicht leicht. Taidoloth brauchte Pausen, weil er sich mit seinem Arm durch den Gang quälen musste und Faramir fühlte sich schwindelig, woran die schlechte Luft einen erheblichen Beitrag leistete. Sie war so warm und stickig, dass sie die Lungen der Gefährten gar nicht füllen wollte. Nicht selten mussten sie Legolas neu auf Gimlis Rücken legen, weil er irgendwo hängen blieb oder langsam vom Zwerg rutschte. Sie waren bereits seit Stunden unterwegs, doch es kam ihnen vor, als hätten sie erst ein paar Fuß durch den Tunnel zurückgelegt. Taidoloth hatte es sich zur Angewohnheit gemacht alle paar Minuten zu fragen, ob sie alle noch da waren. Da immer noch kein Lichtschein in den Gang fiel konnte er es nicht anders kontrollieren und da sie nichts sprachen um ihre Lungen zu schonen, war es die einzige Möglichkeit. Alle schnauften, als hätten sie einen Dauerlauf hinter sicht. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn und obwohl Faramir beteuerte seine Kräfte wären noch vorhanden, glaubte ihm Taidoloth jedes Mal, nachdem er ihn fragte ob er noch anwesend war, weniger. Ein Seufzen zerschnitt die Stille, das ihnen schon beinahe unbekannt vorkam. „Legolas?“, fragte Gimli sogleich. Der Elb fuhr erschreckt hoch und hatte Faramirs Hand auf der Stirn. „Keine gute Idee… Hier oben ist eine Steindecke“, sagte der Stadthalter, der die Situation hatte kommen sehen. Sie hielten an und Legolas streckte die Arme nach oben, doch kam er nicht weit, bis er den kalten Stein spürte. „Was ist mit meinen Augen?“, fragte der Elb beinahe entsetzt und tastete sich von dem Zwerg hinunter. „Nicht. Hier ist es wirklich so stockfinster. Wir sehen hier auch nichts“, antwortete Taidoloth wissend. Faramir erklärte schnell was geschehen war. Er tat es so schnell wie möglich, das Reden strengte ungemein an, bei der wenigen Luft hier. „Bist du verletzt?“, wollte Taidoloth von dem Elben wissen, nachdem Faramir vom Sturz durch den Tunnel erzählt hatte. „Ich denke.. Nein. Nichts Schlimmes. Diese Luft hier ist weit schlimmer als alles andere“, gab der Elb zur Antwort. „Wem sagst du das? Hoffentlich bleibt sie nicht mal ganz weg. Ich sehe uns hier schon in diesem Ding sterben“, murrte Gimli hoffnungslos. „Wie lange kriecht ihr hier schon?“, wollte der Elb wissen. „Seit Stunden oder Tagen? Wir wissen es nicht mehr“, sagte Faramir leise. „Und wenn ihr oben angekommen seid“, begann Legolas seine Frage, „wissen wir nicht einmal ob es dort eine Tür gibt, die wir von drinnen öffnen können“, vollendete Taidoloth den Satz missmutig. Für einige Momente herrschte Schweigen, dann sagte Legolas: „Lass mich vor… Vielleicht sehe ich ja was.“ Taidoloth quetschte sich, seinen gebrochenen Arm schützend, an die Wand und ließ Legolas an sich vorbeischlüpfen. Sie führten den Weg fort, doch nun mussten sie auch große Stufen erklimmen und hinabsteigen und scharfe Kurven entlanggehen, die es herausforderten, dass sie ihre Körper biegen mussten, bis es fast nicht mehr ging. „Ich stecke fest! Ich komme nicht weiter“, rief Faramir von hinten und veranlasste damit, dass alle anhielten. Er war um eine spitze Kurve gebogen, doch sein verletztes Bein steckte mitten in ihr fest und hatte sich verkantet. „Los komm du musst weiter“, forderte Gimli ihn auf und drehte sich. Der Zwerg fasste den Stadthalter am Arm und zog daran. „Gimli“, schrie Faramir laut auf. Danach ertönte ein langer Schmerzensschrei, der den gesamten Tunnel flutete. Erschreckt ließ der Zwerg los. „Mein Bein hängt fest“, stöhnte der Stadthalter und ließ sich in das Rinnsal aus Wasser sinken. Sein Mund war geöffnet und saugte gierig die Luft ein, doch der Zwerg konnte dies lediglich hören. „Licht! Da vorne ist ein Licht“, schrie Legolas und erhoffte sich damit Faramirs Kampfesgeist zu wecken. In der Tat hob der Stadthalter bei diesen Worten den Kopf und begann sich zu bewegen. Er kam jedoch nicht frei, was Gimli sogleich kundtat. Legolas drehte sich im Verhältnis zu allen anderen Bewegungen im Gang flink und tastete sich bis zu dem Stadthalter vor. Seine Hand berührte Faramirs Arm. „Ich klettere zu deinem Bein. Bleib flach auf dem Boden sonst stecken wir gleich beide fest“, raunte Legolas. Faramir nickte. „Ja, es ist das linke Bein, ein Dunländer hat mir die Sehne durchtrennt fürchte ich.“ Legolas fasste ihm freundschaftlich auf die Schulter und schlängelte sich über Faramir hinweg. Als er den Oberschenkel des Stadthalters gefunden hatte, ließ er seine Hand hinabwandern bis zu dessen Knie. Danach arbeitete er sich vorsichtig weiter, bis er Blut spürte. „Noch ein Stück weiter und ich sterbe“, versicherte Faramir und biss die Zähne zusammen. Legolas ließ die Verletzung aus und bekam Faramirs Fuß in der Kurve zu fassen. Er hatte sich zwischen einem Steinvorsprung verkeilt. Im Normalfall, hätte Faramir den Fuß einfach nur drehen müssen, durch die zerstörte Sehne schaffte er es nicht mehr. Das tat Legolas für ihn. Schnell und ruckartig, aber so war Faramir wenigstens frei, wenn er auch vor Schmerz aufschrie und Legolas an die Decke drückte, als er sich reflexartig aufrichtete. „In Ordnung… komm weiter“, ordnete der Elb an und zog den Stadthalter ein Stück am Arm weiter. Faramir kroch danach selbstständig voran und Legolas blieb jetzt vor ihm, denn nun konnten sie bald alle den Lichtschein vor sich sehen. Taidoloth war der erste, der die Ausgangsluke erreichte. Seine große Hand tastete suchend über das Metall und hoffte einen Griff oder Hebel zu finden. Doch nichts war dort. Der Dunländer drückte mit seiner Hand gegen die Luke, doch auch das blieb erfolglos. Beinahe wollte Taidoloth seiner Verzweiflung freien Lauf lassen, als Gimli sich vor ihn drängelte. „Ich lasse mich doch nicht von dieser mickrigen Eisenluke aufhalte“, tönte der Zwerg und stieß mit seiner Schulter dagegen. Taidoloth zog sich ein Stück in den Gang zurück und beobachtete den Zwerg, der sich immer wieder und wieder gegen die Luke warf und versuchte sie aufzustoßen. Gimli war selbst überrascht als völlig unerwartet die Luke aufflog und er hinausfiel. Er lag auf dem Rücken und rang nach Atem, seine Augen hatten Mühe sich an das Licht zu gewöhnen, das hier im Raum herrschte. Aus einem wirren, bunten Muster erschien endlich ein Bild, es war Taidoloths Gesicht, das ihn aus dem Tunnel heraus anblickte. „Alles in Ordnung?“, fragte die Stimme des Dunländers. „Ja… ich denke schon, kommt..“ Einer nach dem anderen suchte sich sein Weg aus dem Tunnel, bis sie sich schließlich alle auf dem Steinboden niederließen und gierig die kühle Luft ein sogen. Ein jeder ließ seinen Blick schweifen und sie stellten alle fest, dass sie grade sehr traurige Gestalten waren. Alle sahen erschöpft aus, blass und sie waren mit unzähligen Verletzungen zerschunden. Taidoloths Haar stand wirr ab, seine Haut war schmutzig und übersäht von Wunden und Blutergüssen. Unter seinem Hemdärmel war eine ungewöhnliche Wölbung zu erkennen, dort wo der Arm gebrochen war und an seinem Oberschenkel klaffte ein langer Schnitt, der noch immer blutete. Gimli sah nicht ganz so schlimm aus, sein Bart und seine Haare waren verklebt von dem schmutzigen Wasser, aber bis auf seine Hand, an der die Nägel abgebrochen waren und ein paar blaue Flecke war er unversehrt. Ebenso unversehrt war Legolas. Seine blasse Elbenhaut wurde durch einige Blutergüsse und Kratzer geziert. Seine Augen verrieten jedoch, dass Wulf ihn in seinem Inneren mehr verletzt haben musste, als er äußere Wunden davon getragen hatte. Faramir hatte sein verletztes Bein weit von sich gestreckt, als würde es nicht mehr zu ihm gehören. Seine Haare hingen ihm so strähnig ins Gesicht, dass sie es verdeckten. Sie wurden lediglich von seinem Atem bewegt, der schwer war. An seinem Bein klaffte eine tiefe Wunde, rotes Fleisch und Sehnen schimmerten daraus hervor und stetig quoll Blut aus der Wunde. „Wir müssen unbedingt weiter… Wir müssen herausfinden wozu der Dolch ist, den ihr aus der Kiste geholt habt“, sagte Legolas nach einer Pause, die Erschöpfung war jedoch nicht aus ihren Gliedern gewichen. Taidoloth nickte und zog den Dolch zur Kontrolle hervor. Er wirkte schäbig und niemand konnte sich so recht denken, wie er mit der Vernichtung von Wulf zu tun haben sollte. „Hoffentlich ist das nicht nur eine Ablenkung oder so und in Wahrheit ist der Dolch völlig wertlos“, sprach Taidoloth aus, was alle anderen dachten. Sie zuckten zusammen, als ein lautes und ihnen wohlbekanntes Brüllen ertönte. Kalt wie Eis und einprägsam wie Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzten war der Ton. „Wulf“, stellte Gimli fest und schon schwebte der Geist durch die Wand auf sie zu. „Mein Dolch.. Gebt ihn mir, oder ihr werdet meinen Zorn spüren!“, drohte der Geist und bleckte seine Zähne. Taidoloth fiel auf, dass er nicht mehr löchrig war, sondern aussah wie immer. Der Dunländer warf ein Blick auf die Freunde und alle waren sich einig, dass sie der Aufforderung von Wulf nicht nachkommen würden. Taidoloth steckte den Dolch zurück in seinen Gürtel und blickte Wulf mit entschlossenen Augen an. „Den Dolch du Verräter!“, schrie der Geist verzog sein Gesicht zu einer hässlichen Fratze. „Nein“, antwortete Taidoloth bestimmt. Pfeilartig schoss Wulf in die Luft und ließ seinen Blick über den Gefährten kreisen. Er brauchte nicht lange, bis seine Wahl getroffen war. Wie ein Blitz schoss er hinab und nistete sich in Legolas ohnehin schon geschwächte Seele ein. Obwohl sich der Elb wehrte, hatte ihn Wulf schnell gänzlich unter Kontrolle. Taidoloths Augen weiteten sich vor Schreck als er Legolas Hände um seinen Hals spürte, die ihm die Luft abschnürten. „Was?“, keuchte er nicht hörbar und schloss seine Hand um die gnadenlosen Elbenarme. Legolas hatte seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle, alles was er tat ging von Wulf aus, selbst das was er sagte. Einzig seine Augen schienen ihm noch zu gehören, denn diese waren fassungslos aufgerissen, während der Rest seines Gesichtes bösartig verzerrt war. Faramir stand schwankend auf und versuchte den Elb von Taidoloth wegzuziehen, doch Legolas löste blitzschnell eine Hand von dem Hals des Dunländers und legte sie an Faramirs Kehle. Der Stadthalter rang nach Luft und verdrehte die Augen. „Den Dolch“, knurrte Legolas. „Ich töte euch, wenn ich ihn nicht bekomme!“ Legolas Augen suchten hilflos nach einem Ausweg. Sein Mund sprach ohne dass er es wollte, der Geist benutzte ihn wie eine Marionette. „Legolas… Du tötest mich“, keuchte Taidoloth und ging in die Knie. Er rang verzweifelt nach Luft und wand sich unter Legolas festem Griff. Seine Lippen färbten sich blau. „Den Dolch!“ Legolas Augen blickten entschuldigend und sein Körper zitterte, als Legolas begann gegen den Geist anzukämpfen und verzweifelt versuchte seinen Griff zu lösen. Vor Faramirs Augen hatte sich bereits ein schwarzer Schleier gelegt. Er starrte ins Nichts, obwohl er die Bewusstlosigkeit noch nicht erlangt hatte. Legolas ließ ihn plötzlich los und er fiel zur Seite wo er keuchend liegen blieb. Taidoloth sah den Elb flehend an, seine Verwandlung wollte nicht einsetzen, trotz der Todesangst die in ihm aufkeimte, wollte er Legolas nicht verletzen. „Gib mir endlich den Dolch“, zischte der Elb, seine Hand die jetzt frei geworden war, suchte in Taidoloths Gürtel nach der Waffe, doch er steckte zu weit hinten und Taidoloth reagierte nicht, sondern keuchte nur und versuchte energisch Legolas Finger von seinem Hals zu lösen. Legolas Augen weiteten sich in blankem Entsetzen, als sein Arm nach Taidoloths gebrochenem griff, als er immer noch nicht auf die Worte reagierte, die Wulf gerade durch seinen Mund gesprochen hatte. „Nein… Nein..“, stöhnte der Dunländer und sah Legolas in die Augen. „Der Dolch“, raunte der Elb. Ohne abzuwarten ließ Legolas seine Hand um Taidoloths Hals lockerer, die Andere jedoch umschloss den verletzten Arm des Dunländers gnadenlos und entlockte ihm einen ohrenbetäubenden Schrei, so dass Legolas die Augen schloss. Erst jetzt wurde Gimli aus seiner Starre gerissen. Panisch sah er sich um und nahm dann einen Stein vom Boden auf. Er zögerte noch, als er seine Hand hob und sich hinter Legolas stellte. Taidoloths verzweifeltes und flehendes Schreien, das wieder ertönte als Legolas fest zupackte, ließen ihn dann jedoch handeln. „Verzeih mir das, Legolas“, murmelte der Zwerg und schlug dem Elben den Stein auf den Hinterkopf. Legolas sackte zusammen und fiel zur Seite. Wulf löste sich wieder von ihm und verschwand fluchend durch die Wände. Taidoloth kauerte wimmernd auf dem Boden und Faramir kroch auf ihn zu. Gimli kniete sich zu Legolas und nahm ihn in die Arme. „Oh verflucht sei mein Bart, ich hab dich zu hart erwischt“, jammerte der Zwerg und hielt sich seine blutige Hand vor die Augen, die er unter Legolas Hinterkopf hervorgezogen hatte. „Ein guter Schlag Gimli, ich danke dir. Wieso hast du so lange gewartet?“, murmelte Legolas und öffnete die Augen halb. „Ja denkst du denn, ich kann das so einfach?“, empörte sich Gimli und sah ihn dann aber wieder besorgt an. „Geht’s dir gut?“ Legolas nickte. „Taidoloth…“ Gimli richtete den Elben auf und half Legolas zu dem Dunländer zu gelangen, um den Faramir sich bereits kümmerte. „Taidoloth“, begann Legolas. Der Dunländer blickte auf. Er war blass und wirkte irgendwie zerbrechlich. „Es ist nichts… Wir müssen weiter. Wulf wird wiederkommen.“ Legolas erkannte, dass Taidoloth starke Schmerzen haben musste, dennoch verriet seine Körperhaltung, dass er nicht bereit war irgendwen an seinen Arm ranzulassen und so nickte der Elb nur. „Ich hab etwas herausgefunden…“ Fragend blickten ihn seine Gefährten an. „Ich habe etwas gesehen, als Wulf in meiner Seele war, was ich nicht hätte sehen sollen, glaube ich. Der Dolch. Es ist der Dolch mit dem Wulf einst getötet wurde. Er verwundete ihn, doch sein Geist stand wieder auf, aber erst, als man diesen Dolch aus seinen Gebeinen entfernt hatte. Es war ein Ritual. Indem die Waffe entfernt wurde, die ihn tötete und somit die Todesursache, erwachte sein Geist zu neuem Leben. Steckt man den Dolch in seine Gebeine zurück, an die Stelle, wo er ihm einst den Tod brachte, ist Wulf vernichtet. Ich hatte Recht, dass seine sterblichen Überreste der Schlüssel sind…“
Fassungslose Gesichter verfolgten jede von Legolas’ Bewegungen. Aber es ergab einen Sinn. „Dann.. Müssen wir seine Gebeine Finden“, schloss Faramir und sein Blick viel sogleich auf Taidoloth. „Ich glaube, ich weiß wo sie sind…“. Der Dunländer fand sein Lächeln wieder und erhob sich. „Ich hoffe nur... Da sind nicht wieder solche Tunnel, in die man reinfällt“, brummte Gimli und lief neben Legolas her. „Noch mal will ich nicht in so einem Stinkwasser baden! Und wer eine Kerze sieht, der pustet sie aus!“ Mit diesen Worten warf er Faramir einen viel sagenden Blick zu, als er an die Entdeckung dachte, die sie gemacht hatten. Der Stadthalter brachte ein Lächeln zustande. Dann stützte er sich auf Legolas und lief so schnell er konnte mit ihm hinter Taidoloth her.



Dreizehntes Kapitel

Niemand hatte sich so recht von Eomer verabschieden wollen, aber wenn sie ihr eigenes Leben retten wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig. Besonders für Eowyn war das sehr schwer, doch Aragorn, der Anduril in der einen Hand hielt, griff mit der anderen nach Eowyns und zog sie unnachgiebig mit sich.
Die Soldaten sicherten die Umgebung. Besonders die Hobbits überlegten, wie sie nun ihre Waffen zurückbekommen sollten. Im Augenblick hatten sie nichts, womit sie sich hätten verteidigen können.
Frodo ging vor zu Aragorn und sprach leise mit ihm darüber. Er zuckte mit den Schultern, denn ihm fiel auf Anhieb auch keine Lösung für dieses Problem ein. Woher sollte er so schnell wissen, wo Wulfs Männer die Sachen seiner Freunde versteckt hatten? Dennoch sah er ein, daß es ein Problem war, und überlegte bereits, was nun zu tun war. Er beschloß, nach einer Waffenkammer zu suchen, die es dort unter dem Berg zweifellos gab. Außerdem mußten sie dringend nach den Dunländern Ausschau halten. Im Augenblick war alles so seltsam ruhig, aber irgendwo waren diese Kerle mit Sicherheit.
Er pirschte voran, dicht gefolgt von Bergil und einem der rohirrischen Soldaten. Frodo hatte schützend einen Arm um Lilianes Schultern gelegt und blickte immer wieder zu Sam, der sich ohne sein Schwert auch nicht besonders wohl fühlte. Merry und Pippin hatten sich mit verschwörerischen Mienen zusammengetan und pirschten hinterdrein.
Aragorn wünschte sich, jetzt Taidoloth dabei zu haben. Er würde ihm sagen können, wo die Waffenkammer zu finden war. So blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als sich auf seinen Instinkt zu verlassen, der ihn jedoch selten trog. Irgendetwas Werwölfisches hatte er sicher noch in sich, dachte er. Er bewies jedenfalls einen mehr oder weniger guten Riecher. Nach einer langen Schleicherei durch allerhand finstere Gänge drangen schließlich Stimmen an ihre Ohren. Aragorn blieb stehen und hieß die anderen, zurückzubleiben, aber es war bereits zu spät. Ein Dunländer kam ahnungslos des Wegs und stimmte ein Heidengebrüll an, als er sich Aug in Aug den Feinden gegenübersah.
„Männer! Hier sind sie!“
„Aber du nicht mehr lang“, zischte Aragorn und rammte ihm Anduril in die Brust, bevor er sich verwandeln konnte. Er wußte, daß er und die Soldaten für die anderen kämpfen mußten, da sie als einzige Waffen hatten. Und das taten sie. Wie besessen stürmten sie die Waffenkammer, an die noch ein Aufenthaltsraum angeschlossen war und deshalb befand sich dort fast ein Dutzend Dunländer. Einige hatten zu den Waffen gegriffen, andere wollten sich schon verwandeln, aber ihre Gegner waren ebenso schnell. Aragorn rannte mit Anduril auf einen der sich verwandelnden Männer zu und riß das Schwert hoch, so daß er dessen Leib vom Schritt aufwärts spaltete. Ein anderer sprang sofort auf ihn zu und wollte seine riesigen Zähne in seinen Kopf bohren, aber Aragorn ließ sich flink zu Boden fallen, riß sein Schwert hoch und ließ es auf den Rücken seines Feindes niedersausen. Das kümmerte den Werwolf herzlich wenig, aber einer der rohirrischen Soldaten kam ihm zu Hilfe und hieb ihm den Kopf ab, bevor er einem Dunländer das Herz durchbohrte.
Nahezu unbemerkt schlichen die Hobbits am Getümmel vorbei. In der Tat waren ihre Waffen alle dort gelagert. Sofort griffen sie und Bergil zu den Schwertern und stürzten sich mit ins Gefecht. Innerhalb von Augenblicken hatten sie die Feinde besiegt, aber der Lärm war nicht unbemerkt geblieben.
Aragorn stand nahe der Tür und hörte aus einem der nahen Tunnel Schreie.
„Weg hier!“ rief er und ging mit gutem Beispiel voran. Die anderen folgten sofort und gerade noch rechtzeitig. Für diesen Moment waren sie ihren Feinden entwischt und hetzten atemlos die Tunnel entlang.
„Was jetzt?“ rief Frodo von hinten.
„Gute Frage!“ erwiderte Bergil keuchend.
„Wir sollten uns aufteilen. Eowyn und die Hobbits verlassen mit einigen Soldaten dieses Labyrinth und wir suchen unsere Kameraden!“ rief Aragorn.
„Nichts da!“ empörte sich Pippin.
„Jetzt wird nicht diskutiert!“ erwiderete Aragorn harsch. Derweil hatten die Hobbits auf jeden Fall Probleme, das hohe Tempo durchzuhalten. Ihre kurzen Beine machten ihnen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, aber sie gaben nicht auf.
„Wir kriegen euch! Bleibt stehen!“ donnerte eine dunländische Stimme von hinten. Bergil runzelte skeptisch die Stirn. Das glaubte der auch nur ganz allein.
Sie rannten um eine Biegung, wo Eowyn ein überraschter Schrei entfuhr. Auch sie hatte es nicht leicht, mitzuhalten, doch jetzt mußte sie sich in Acht nehmen, nicht mit ihrem Mann zusammenzustoßen.
„Faramir!“ rief sie erschrocken. Er wurde noch immer von Legolas und Taidol gestützt. Gimli stand staunend daneben. „Ihr?“
„Natürlich wir! Wer sonst?“ rief Merry.
„Nichts da mit plaudern!“ erinnerte Sam. „Wir werden verfolgt!“
„Schön, und das mit meinem Fuß“, tat Faramir kund. Im Dämmerlicht des Tunnels entdeckte Aragorn nun, daß seine Freunde vor nicht allzu langer Zeit eine Begegnung mit dem nassen Element gehabt haben mußten.
„Wir haben den Dolch, der Wulf getötet hat“, sagte Legolas. Aragorn machte große Augen, doch derweil wurde es im Gang hinter ihnen heller und es näherten sich lautstark Schritte.
„Zur Verteidigung!“ rief einer der Soldaten. Er und seine Kameraden stürzten sich sofort in den Kampf, doch Aragorn hielt sich zurück und wandte sich an seine Freunde.
„Ihr habt den Dolch? Und was jetzt?“
„Wir müssen ihn zu Wulfs Gebeinen bringen und ihn hineinstecken, damit er auf immer...“ Ein lauter Schrei unterbrach Legolas, doch er ließ sich nur kurz beirren. Aragorn hatte jedoch schon die nächste Frage auf den Lippen.
„Und wo sind die Gebeine?“
„Das wissen wir nicht“, sagte diesmal Gimli. „Wir wissen nur, daß seine grünen Geisterfreunde den Geist aufgeben, wenn man diese vielen Kerzen ausbläst!“
Das war in Aragorns Ohren eine gute Nachricht. Plötzlich hatte er jedoch eine Idee. Die Rohirrim kamen gut mit den Dunländern zurecht. So gut, daß fast keiner mehr am Leben gewesen wäre, als Aragorn hinzutrat.
„Warte!“ rief er, als er sah, wie ein Soldat einen an der Wand stehenden Dunländer erstechen wollte. Er hielt ihn in Schach, während Aragorn den Mann anstarrte.
„Wo liegen Wulfs Gebeine?“
„Das sage ich dir doch nicht!“
„Vielleicht lassen wir dich ja leben, wenn du es tust“, erwiderte Aragorn seelenruhig. Der Mann dachte kurz darüber nach, da Aragorn ihm nicht wie ein Lügner erschien.
„Ihr laßt mich laufen?“
„Meinetwegen, aber sprich!“
„Hinter der großen Haupthalle führt in einer Nische ein Gang ab. Dahinter liegt die Grabkammer.“
„Laß ihn laufen“, wandte Aragorn sich an den Rohirrim. Dieser zögerte kurz, aber es war der letzte Dunländer und er glaubte kaum, daß der noch viel Schaden anrichten würde.
„Los, zur Haupthalle! Schnell!“
„Schnell ist gut“, schnaufte Sam und schaute auch zu Eowyn und Faramir. Auf Legolas und Taidoloth gestützt konnte der Statthalter zwar irgendwie mithalten, aber nur, wenn es nicht zu schnell ging.
Aragorn legte dennoch ein zügiges Tempo vor. Sie rannten einen steilen Tunnel hinab, weil Taidoloth ihm den Weg von hinten zurief, dann fanden sie sich auch schon in der Halle wieder. Gimli hielt plötzlich inne und rief: „Die Kerzen! Los, blast sie alle aus!“ Er deutete auf einen der größeren Nebengänge, der von Kerzenlicht erleuchtet war. Die Hobbits liefen sofort mit und versuchten so schnell wie möglich, die Kerzen auszublasen, die gerade noch für sie erreichbar waren. Gimli hatte es ein wenig leichter und im nächsten Moment war auch Bergil da, um seine Kameraden redlich zu unterstützen.
Ein schrilles, jammervolles Gekreische erhob sich. Pippin grinste spöttisch. Die Geister glaubten nicht wirklich, daß sie das noch lang überlebten!
Über ihren Köpfen ballten sich nebelartigen grüne Umrisse zusammen. Es waren die verendenden Geister, die nichts gegen ihre Auslöschung unternehmen konnten. Legolas spürte jedoch derweil, daß sie Wulf um Hilfe anflehten.
„Beeilt euch!“ rief er seinen Freunden zu, die jedoch in Windeseile alle Kerzen ausgeblasen hatten. Die Geisterstimmen verstummten. Merry grinste siegreich. Endlich waren sie diesen jammervollen Haufen los!
Dafür ertönte jedoch ein lautes Donnern, das sie alle gleichermaßen zusammenfahren ließ. Frodo stellte sich schützend vor Liliane.
„Schnell, wir dürfen nicht zögern!“ rief Aragorn hektisch. Er lief voran in die Nebenkammer, in der sich Wulfs Gebeine wohl verbargen. Einige fahl leuchtende Fackeln hingen dort an den Wänden, doch Aragorns Blicke waren auf der massiven Truhe mitten im Raum wie festgefroren. Darin ruhten die Gebeine. Aber natürlich hing ein riesiges Schloß davor.
„Gimli!“ rief er. „Schnell, deine Axt!“
„Wer? Wo ist das Problem?“
Aragorn zeigte auf das massive Schloß und natürlich war es Gimli ein Vergnügen, mit seiner Axt weit auszuholen und es mit einem Schlag zu zerschmettern. Bergil schaute atemlos zu. Er hätte nicht geglaubt, daß das so leicht möglich war, aber Gimli und seine Axt waren unschlagbar.
„Ihr glaubt tatsächlich, daß ihr mich besiegen könnt?“ Wulfs Stimme ließ sie alle zu Tode erschrocken herumfahren. Eine zerlöcherte Geistergestalt schwebte über ihnen und grinste zahnlos.
„Ich denke, ich werde den Elben zuerst töten, da er noch den Dolch trägt!“ verkündete Wulf lautstark, aber Aragorn reagierte sofort. Er riß Legolas den Dolch aus der Hand, derweil öffnete Gimli leise die Truhe. Die anderen standen wie angewurzelt.
„Jetzt habe ich den Dolch“, zischte Aragorn, „und du wirst mich nicht aufhalten! Wie willst du das tun? Besitz von mir ergreifen? Du weißt, daß du das nicht schaffst!“
„Oh, ich würde, wenn ich wollte“, tat Wulf siegesgewiß kund. „Aber ich habe einen Teilsieg errungen. Der König Rohans ist tot und das war mein Hauptziel. Kannst du damit leben, Elessar? Kannst du damit leben, daß sie alle wegen dir hergekommen sind, Schmerz und Angst erlitten haben? Und Eomer ist tot! Elendig zugrundegegangen in meiner Folterkammer. Du bist es schuld und das wirst du auch nicht ändern, indem du dich mir nun gegenüberstellst! Was glaubst du, wer du bist?“
„Dein Feind. Der König Gondors!“ rief Aragorn laut. Im nächsten Augenblick sauste Wulf auf ihn zu und verharrte vor ihm. Aragorn zuckte mit keiner Wimper. Er hatte seinen gesamten Willen gegen Wulf gestellt, deshalb konnte er nicht Besitz von ihm ergreifen. Wulf wollte jedoch unter allen Umständen verhindern, daß Aragorn einen Schritt nach hinten machte und den Dolch in seine Gebeine rammte. Die halb verfallenen, teilweise dunklen und stinkenden Knochen boten zwar keinen schönen Anblick, aber sie machten es möglich, daß er nicht vollständig tot war.
„Ich habe dir deine Geisterfreunde genommen, so wie du mir meinen Freund!“ murmelte Aragorn. „Was willst du jetzt tun?“
Wulf gab keine Antwort. Als er spürte, daß Aragorn sich umdrehen und den Dolch an seinen Platz zurückstecken wollte, reagierte er rasend schnell und führte seinen Lieblingstrick aus: die Gedankenlähmung. Aragorn spürte nichts davon, er verharrte nur in der Bewegung.
„Ha!“ lachte Wulf. „Und jetzt? Wer stellt sich mir jetzt noch entgegen? Vielleicht der Verräter? Ich sehe, wie du am liebsten deine Zähne fletschen würdest, aber stimmt, du kannst dich ja im Moment nicht verwandeln! Tut es zu weh?“
„Du bist tot, du weißt es nur noch nicht“, zischte Taidoloth von hinten. Aus unbestimmten Gründen bewegte sich niemand. Legolas konnte auf eine Begegnung mit Wulf wie vor kurzem gut verzichten und die anderen fürchteten unbestimmt dasselbe.
„Du auch“, erwiderte Wulf an Taidoloth gewandt. Er konnte es nicht fassen, daß sich aus lauter Furcht niemand bewegte. Sie hatten Angst vor ihm? Wunderbar!
In diesem Moment schritt jedoch Frodo zur Tat. Er wußte, daß Wulf zwar gefährlich und kaum einschätzbar war, aber er hatte schnell begriffen, daß Aragorn sich einfach nicht mehr rühren konnte und daß jemand anderes nun handeln mußte.
Er riß Aragorn den Dolch aus der Hand und rammte ihn ohne Umschweife in einen der porösen Knochen. Ein qualvoller Schrei schallte durch die Kammer.
„Ich habe davon genug!“ rief Frodo wild entschlossen, während der grüne Geisternebel von Wulfs Gestalt sich aufzulösen begann. Mit einem Schrei löste Aragorn sich aus der Gedankenlähmung und wäre aufgrund seiner seltsamen Haltung fast vornübergekippt, doch Bergil fing ihn auf und zwinkerte ihm zu.
„Was ist los?“ fragte Aragorn. „Wo ist der Dolch? Und warum... bebt hier alles?“
Er hatte diese Frage gerade ausgesprochen, als auch die anderen begannen, sie sich zu stellen. Unter ihren Füßen begann alles langsam zu beben.
Aragorn war geschockt. Er hatte keine Ahnung, was vor sich ging, aber er sah Wulf nicht mehr. Scheinbar war sein Verschwinden mit diesem seltsamen Beben gekoppelt.
„Raus hier!“ brüllte Faramir. Ihm war es ein besonderes Anliegen, möglichst bald zu verschwinden, weil er damit Probleme haben würde. Bergil und Taidoloth griffen ihm unter die Arme. Eowyn wich ebenfalls nicht von seiner Seite.
Der Boden wurde von einer unsichtbaren Kraft gefährlich durchgerüttelt. Angstvoll hasteten sie aus der Kammer. Es schien fast, als wären sie die einzigen, die sich noch in den Tunneln befanden.
„Ich führe euch hinaus!“ rief Taidoloth. „Dort links in den Tunnel, das ist der kürzeste Weg!“
Aragorn beschloß, sein Leben in die Hand des jungen Dunländers zu legen. Er glaubte gar nicht, daß Taidoloth ihnen einen falschen Weg wies, und außerdem hätte ihn das selbst sein Leben gekostet. So lief er also voran, dicht gefolgt von den anderen.
Staub rieselte von der Decke, ebenso kleinere Steinchen. Im nächsten Augenblick gingen auch größere Gesteinsbrocken in die Halle nieder. Mit großen Augen blickte Liliane sich um und lief schneller. Jedes Zögern war gefährlich.
Nacheinander drängten sie sich in den Tunnel, während ein Dröhnen und Tosen um sie war. Alles schwankte bedenklich, die Decke brach auseinander und fiel in Stücken in die Halle. Sie war fast verschüttet, als sie sie gerade verlassen hatten. Frodo konnte noch gar nicht glauben, daß er einfach gehandelt und Wulf endgültig getötet hatte. Und das Gute war, daß niemand mehr etwas daran ändern könnte. Wer würde noch dorthin gelangen können?
Er hiel Lilianes Hand fest in seiner und rannte. Er störte sich nicht an dem gruseligen Nebel, den seine Pelzfüße aufwirbelten und er kümmerte sich auch nicht um die Totenschädel, die darunter lagen und einen Boden bildeten. Er achtete nur auf seine Frau und darauf, seine Freunde nicht zu verlieren.
Der Tunnel hielt länger stand als die Halle, doch in etwa hundert Fuß Entfernung brach auch er plötzlich ein.
„Lauft!“ rief Aragorn, aber das hatten sie alle vor. Sie durchwateten Nebel und das Blut auf dem Boden dahinter, rannten in Spinnennetze und lauschten nur auf das Donnern hinter ihnen. Felsbrocken krachten in den Gang und verschütteten ihn vollständig. Taidoloth dirigierte sie schließlich an einer Kreuzung in einen Nebengang. Sie rannten, so schnell sie konnten und konnten ihr Glück nicht fassen, als es sehr bald am Ende des Ganges hell wurde. Faramir wurde mehr getragen, als daß er lief, er hielt Eowyns Hand und die Hobbits standen unter Bergils persönlicher Aufsicht. Sie hatten niemanden verloren, als das Tageslicht sie endlich zurückhatte. Sie rannten noch den Pfad in die Ebene hinab, weil hinter ihnen alles zusammenbrach.
Unter einer riesigen Staubwolke und unglaublichem Getöse stürzte der halbe Berg auf das unterirdische Labyrinth. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Wie waren sie dieser Gefahr nur so glücklich entronnen?
Am Fuß des Berges ließen sie sich keuchend zu Boden sinken. Sie waren sicher. Sie hatten es überlebt.
„Geht es dir gut?“ fragte Faramir seine Frau sogleich. „Was ist mit unserem Kind?“
„Uns geht es gut“, erwiderte Eowyn an ihn gelehnt. „Aber was ist mit deinem Fuß?“
„Wird schon irgendwie heilen.“ Aber davon war Faramir selbst in diesem Moment nicht wirklich überzeugt.
Aragorn steckte sein Schwert weg. Atemlos schaute er sich zum. Sie waren in der Tat alle wohlauf. Einige der Soldaten und auch seine Freunde hatten Blessuren davongetragen, waren ausgemergelt, schmutzig und erschöpft, aber es ging ihnen ansonsten gut. Frodo hatte Liliane in die Arme geschlossen, Sam war müde ins Gras gesunken, Bergil half Taidoloth, den verwundeten Arm zu begutachten.
„Du stehst hier herum, als wüßtest du nichts mit dir anzufangen“, sagte Legolas.
„Ich kann noch gar nicht fassen, daß wir es hinausgeschafft haben! Was ist eigentlich passiert? Ist etwas passiert? Ganz plötzlich war Wulf einfach weg!“
„Ich nehme an, er hat dich gelähmt. Gedankenlähmung nannte er das. Man selbst spürt es gar nicht, kann aber nichts tun. Frodo hat dir den Dolch aus der Hand gerissen und es zuendegebracht.“
Aragorn nickte. Irgendwie fühlte es sich so an, als wäre es richtig so. Er konnte es alles noch nicht fassen. Er war kein Werwolf mehr, er war davon befreit, hatte alles wohl überstanden. Auch den anderen ging es soweit gut. Nur Eomer hatten sie verloren...
Das konnte er einfach nicht glauben. Er hatte ihn in der Tat auf dem Gewissen. Irgendwie. Wie sollte er damit nun leben?
„Es ist nicht deine Schuld. Du hattest doch ganz Recht, dich von diesem Fluch befreien zu wollen. Er war dein Freund und wollte dir helfen, so wie wir alle. Wir waren durch Frodo gewarnt.“
„Aber er war auch ein König. Das hätte einfach nicht passieren dürfen. Er liegt jetzt dort und... bekommt nicht einmal ein anständiges Begräbnis!“
Legolas legte besänftigend seine Hand auf Aragorns Schulter. „Ich weiß. Aber es ist trotzdem nicht deine Schuld, sondern Wulfs. Und er ist immerhin nicht allein gestorben, nicht wahr?“
Aragorn nickte. Legolas verstand es hervorragend, in seinen Gefühlen zu lesen.
Sie gesellten sich zu den anderen. Eine Pause war dringend notwendig. Sie erzählten einander von allem, was die anderen noch nicht wußten, doch irgendwann erhoben sie sich. Sie brauchten dringend etwas zu trinken und waren sehr erleichtert, als sie nach einem kurzen Weg einen Bach fanden, wo sie ihren Durst stillen konnten. Seltsamerweise dauerte es auch gar nicht lang, bis sie gar nicht weit entfernt auf ein kleines Dorf stießen.
Unterschlupf war dringend nötig. Niemand hatte bislang gewußt, welche Tageszeit sie hatten, aber es stand inzwischen die Abenddämmerung vor der Tür. Da sie keine Pferde hatten, würden sie so bald nicht nach Edoras zurückkehren können, aber ein freundlicher Bauer lud sie sogleich auf seinen Hof ein. Er hatte keine Ahnung, wen er vor sich hatte, aber es sagte ihm auch niemand.
In Windeseile waren Schlafmöglichkeiten für alle gefunden. Faramir und Taidoloth konnten gründlich verbunden werden, Eowyn legte sich sogleich zur Schonung nieder und lächelte, als sie die Kindesbewegungen im Bauch spürte. Sie war so erleichtert, daß sie dem Kind eine zu frühe Geburt in Gefangenschaft hatte ersparen können. Irgendwie war sie ruhig geblieben.
Taidoloth starrte aus dem Fenster. Er fragte sich, was nun aus ihm werden sollte. Er hatte keinen Ort mehr, an den er gehen konnte.
„Ohne dich hätten wir es nicht geschafft“, riß ihn plötzlich Bergil aus seinen Gedanken. Taidol lächelte. „Das war das einzig Richtige, was ich seit vielen Jahren getan habe. Ich bin sehr froh, so gehandelt zu haben.“
„Uns geht es nicht anders!“
„Wenn ich mal nicht müde bin“, tat Pippin gähnend kund. Er hatte sich den Bauch vollgeschlagen, da Aragorn dem gastfreundlichen Bauern eine gute Bezahlung für alle Umstände angeboten hatte, und so hatte der Hobbit auch kein schlechtes Gewissen haben müssen. Merry hatte sich neben ihm bereits schlafend zusammengerollt. Auch Liliane, Frodo und Sam waren bereits eingeschlafen.
Gute Idee, dachte Bergil bei sich. Er bewegte Taidoloth schließlich dazu, dasselbe zu tun. Die noch ausstehenden Sorgen waren die Sorgen des nächsten Tages.




Vierzehntes Kapitel

Sie verweilten noch einige Tage bei dem Bauern und kurierten ihre Blessuren und aßen und tranken reichlich, um ihre ausgemergelten Körper zu stärken. Als sich Aragorn mit dem Bauern unterhielt, berichtete er ihnen von einem Pferdemarkt, der ganz in der Nähe bald stattfand und so schickte der König Gondors einige Männer los, um ein paar Reittiere zu erstehen.
An einem sonnigen Morgen zogen die Männer, samt Hobbits und Eowyn nach einem guten Frühstück und einem rührenden Abschied gen Heimatstädte. Nach einigen Meilen kam dann auch für sie untereinander der Augenblick des Abschiedes. Die Hobbits bekamen ein weißes Pferd für ihren Weg ins Auenland. Sie verabschiedeten sich herzlich von Aragorn, Eowyn und dem Rest des Trupps und versprachen bei der nächsten Gelegenheit ihre Freunde zu besuchen. „Und was wirst du tun, Taidoloth?“, fragte Frodo, als er den Dunländer umarmt hatte. „Ich werde gehen und die Welt erkunden. Ich habe noch nicht viel von ihr erlebt. Als erstes möchte ich Gondor sehen, ich werde mit Bergil gehen“, tat der Dunländer kund, der ein guter Freund von Bergil geworden war. Sie hatten sich viel unterhalten in den letzten Tagen, hatten Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht und hatten festgestellt, dass sie miteinander gut zurechtkamen. „Bergil wird dir sicher alles zeigen, was es zu sehen gibt in Gondor. Und wenn du danach durch die Lande ziehst… Lass etwas von dir hören, wenn du in der Nähe des Auenlandes bist“, saget Frodo lächelnd. „Das werde ich“, versicherte der Dunländer und errötete leicht, als Liliane sich herzlich bei ihm für alles bedankte. „Lebt wohl“, sagte Taidoloth zum Abschied und beobachtete, wie die Hobbits bald in der Ferne verschwanden.
Legolas und Gimli trennten sich einen halben Tag später von der Gruppe. Legolas versprach bald in Gondor vorbei zu sehen, Aragorn hatte ihm davon berichtet, dass er Vater werden würde und der Elb hatte großes Interesse daran den kleinen Prinzen oder Prinzessin zu sehen. „Ich werde dann natürlich auch mitkommen. Kann das arme Baby ja nicht mit dem Spitzohr alleine lassen. Da muss jemand bei sein, der sich mit der Sache auskennt, so wie ich“, murmelte Gimli selbstsicher. Aragorn lächelte und sah den beiden nach, wie sie auf einem Pferd langsam verschwanden.
Eowyn und Faramir beschlossen noch nicht nach Ithilien zu gehen. „Ich werde mich um Eomers Angelegenheiten kümmern“, sagte Eowyn bestimmend, doch in ihrer Stimme schwang tiefe Trauer mit. „So lange bis ein Nachfolger bestimmt ist.“ „Ich werde dir dann ein wenig zur Seite gehen, wenn du mich lässt“, flüsterte Faramir und grinste. „Dann willst du dein Kind in Edoras zur Welt bringen?“, fragte der König Gondors und sah die Frau des Statthalters an. Eowyn nickte. „Wo auch immer, Hauptsache Faramir ist bei mir.“ Mit diesen Worten küsste sie ihren Mann liebevoll. Beide waren sich dessen bewusst, dass Faramirs Bein wohl nie mehr verheilen würde, er würde auf ewig hinken, doch Eowyn störte das schon gar nicht und Faramir versuchte sich mit dem Gedanken abzufinden. So verschwanden auch die Beiden, begleitet von den tapferen Männern Rohans.
Aragorn, Bergil, Taidoloth und der Rest der Gruppe erreichten Minas Tirith nach wenigen Wochen. Jeder konnte es kaum erwarten endlich wieder das normale Leben aufnehmen zu können. Taidoloth staunte und bewunderte die Stadt, die Menschen und ihre Sitten und Gebräuche. Er ließ sich gleich von Bergil über den Markt führen und probierte die verschieden Spezialitäten aus Gondor. Taidoloth blieb noch über Monate hinweg dort und zog erst nach einem langen und kalten Winter weiter, doch nicht ohne Bergil versichert zu haben wieder zu kommen. Von Aragorn hatte er Geld als Lohn für seine Dienste erhalten, so würde er gut in anderen Ländern zurecht kommen, wohin auch immer es ihn verschlagen würde.

Arwen freute sich sehr ihren Mann wieder so wie früher bei sich zu haben. Menschlich und von keiner fremden Macht besessen. Sie hatte ihn voller Freude erwartet und zeigte ihm stolz ihren mittlerweile leicht gerundeten Bauch, indem sie sein Kind trug. Über die Freude darauf, vergaß er seine Ängste, mit dem Kind könnte etwas nicht stimmen, weil er es wahrscheinlich gezeugt hatte, als er ein Werwolf gewesen war…
Betroffenes Schweigen legte sich über die Menschenmenge, als Faramirs Worte verebbt waren. Das Volk trauerte um seinen König und die Angst legte sich, wie der Regen, der fiel, über die Stadt. Angst nun verwundbar zu sein, Angst vor dem neuen König und vor härteren Gesetzen. „Mein Bruder hat immer das Beste gewollt für sein Volk. Ich, seine Schwester, werde nun dafür sorgen, dass ihr einen guten und gerechten Herrscher bekommt“, sagte Eowyn mit fester Stimme. Nur die vom kalten Wind trocknenden Tränen auf ihrer Wange verrieten, wie traurig sie war. „Bis dahin herrscht Faramir über euch“, beendete sie ihre Worte.
Als Eowyn die steinerne Treppe hinab stieg, die zum Podest führte, fiel ihr eine in schwarz gekleidete Frau auf, die ein kleines Bündel in den Händen trug. Sie hatte den Kopf gesenkt und hielt sich mit einer Hand den flatternden Stoff fest. Eowyns Schritte wurden langsamer, mit jedem Schritt den sie tat. „Du…“, raunte sie und ihre Stimme klang schmerzverzerrt und vorwurfsvoll. „Ich habe ihm großes Leid damals zugefügt, das weiß ich“, gab die Frau leise zurück. „Du hast Schande über ihn gebracht. Und du hast ihn mehr verletzt, als irgend jemand sonst!“ Eowyn schluchzte, dabei wollte sie es gar nicht. „Er hat mich geliebt. Und ich habe ihn geliebt. Ich habe einen Fehler begangen und er war töricht, das weiß ich.“ „Lothiriel… Geh mir aus den Augen“, sagte Eowyn barsch. „Ich hatte ihn nie betrügen wollen. Ich weiß nicht wie es geschehen konnte, so kurz nach der Hochzeit.“ „Ich auch nicht Lothiriel, ich auch nicht“. Eowyns Worte klangen aggressiv, und die Frau im Mantel wich unsicher zurück. Das kleine Bündel in ihren Armen begann sich plötzlich zu bewegen und jämmerlich zu quäken. „Und von wem ist dieses? Welchem Mann hast du das zu verdanken?“, fragte Eowyn wütend und starrte auf das kleine Baby, dass sich im schwarzen Stoff verkuschelt hatte. Die Frau sah Eowyn mit ihren grünen Augen an und antwortete erst nicht. Dann lächelte sie jedoch. „Es ist Eomers…“
„Was?“ Eowyn wich zurück und schlug die Hände vor den Mund. „Gleich nach der Hochzeit wurde ich schwanger… Dann… war das mit dem Boten, was ich bis heute bitter bereue. Als Eomer mich verließ wusste er von dem Kind nichts. Ich habe es ihm nicht gesagt, ich wollte nicht, dass seine Entscheidung dadurch beeinflusst wird. Er hatte recht mich verlassen zu wollen, das Kind hätte seine Entscheidung gestört, ich kenne ihn..“. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein sanftes Lächeln aus, als sie an Eomer dachte. „Woher weiß ich dass das wirklich der Sohn meines Bruders ist? Vielleicht ist es der Sohn dieses Boten oder eines anderen Mannes, der das Bett mit dir teilt! Bist du etwa an dem Königsthron für dein Kind interessiert?“, fragte Eowyn scharf und fixierte die Frau. „Nein Eowyn. Ich bin kein schlechter Mensch, das musst du doch wissen. Haben wir uns nicht viel unterhalten vor der Hochzeit? Das ist Eomers Sohn, sein Name ist Elwine. Beweisen kann ich es dir natürlich nicht, aber in ein paar Jahren wirst du es auch sehen. Bis dahin nehme ich ihn mit nach Dol Amroth zu meinem Vater. Ich versichere dir, er wird eine gute Erziehung erhalten, mein Vater wird als Fürst dafür sorgen. Und wenn du denkst der Sohn deines Bruders sollte wirklich irgendwann einmal den Thron Rohans besteigen, so kannst du zu mir kommen. Anderenfalls wird er dort bleiben, wird wie mein Vater Fürst von Dol Amroth, und nie wird jemand erfahren wer sein Vater war. Ich werde nie einen Anspruch für meinen Sohn erheben“, sagte die Frau ruhig und drückte das kleine Bündel liebevoll an sich. Eowyn trat auf sie zu und zog ohne zu Fragen den Stoff zur Seite, der den Säugling bedeckte. Das Baby lachte sie an und streckte ihr die Arme entgegen. Ihre mütterlichen Gefühle ließen allen Zorn verfliegen. Zärtlich streichelte sie das Kind über die Wange und betrachtete sich die hellen Haare, die den Kopf des kleinen Jungen zierten. „Geh nach Dol Amroth. Ich werde voraussichtlich bald unseren Vetter Darloras zum Herrscher über Rohan ernennen. Vorläufig. Erziehe Elwine gut und lehre ihm die Tugenden die ein Herrscher besitzen sollte, vielleicht werden sie ihm einmal nützlich sein.“ Mit diesen Worten legte Eowyn den Stoff wieder fürsorglich um das Baby. Lothiriel verneigte sich ehrfürchtig und verließ Eowyn dann.
Es sollte noch Jahre dauern, bis Eowyn nach Dol Amroth reiste und glaubte in die Augen ihren Bruders zu blicken, als Elwine ihr gegenüberstand. Er sollte Eomer einmal zum verwechseln ähnlich sehen und Eowyn sollte allen Zweifel daran verlieren, dass Eomer ohne es zu wissen, ein Kind gezeugt hatte. Über Rohan herrschte einige Jahre Eowyns und Eomers Vetter Darloras. Er war ein gutmütiger und freundlicher König. Eowyn fürchtete nur manchmal dass er zu gutmütig für einen Herrscher war, doch nicht viele Fehler unterliefen ihm und es ging dem Volk gut unter seiner Regierung.

In einer stürmischen Winternacht gebar Eowyn einen Sohn namens Elboron. Faramir wirkte wie versteinert als er seinen Sohn zum ersten Mal zu Gesicht bekam und wollte ihn kaum der Mutter wiedergeben. Rötlich schimmernde Locken zierten das kleine Köpfchen und strahlend blaue Augen fixierten Faramir. „Er ist ganz dein Sohn“, murmelte Eowyn erschöpft und sah der Hebamme zu, die die blutigen Handtücher davon trug. Faramir lächelte und sah an seinen Gürtel. Der kleine Elboron hatte bereits Faramirs Dolch entdeckt und erkundete mit seinen Fingern den Knauf. „Nun… Von der Mutter hat er aber auch einiges“, grinste Faramir. „Mein Bruder wäre stolz“, raunte Eowyn und schloss die Augen, als Faramir sie tröstend über die Wange streichelte. „Darloras ist ihm ein würdiger Nachfolger. Und du hast selber gesehen, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich bin sicher, Eomer sieht unseren Sohn“. Eowyn lächelte glücklich. Von der Begegnung Mit Lothiriel berichtete sie Faramir erst Wochen später, er fand dass sie richtig entschieden hatte. Eowyn und Faramir blieben noch bis der Frühling hereinbrach in Edoras, dann verließen sie zusammen mit ihrem Sohn die goldene Stadt und nahmen ihr Leben in Ithilien wieder auf. Eowyn dachte oft, dass wenn Faramir nicht stetig hinken würde, es nichts mehr gab, was sie an die Geschehnisse mit Wulf erinnert hätte. Außer, dass auch der stetige Briefverkehr mit ihrem Bruder ausblieb. Das war sonst noch das einzige was daran erinnerte.

Arwen freute sich bis zum fünften Monat auf ihr Kind, dann begann sie sich mehr und mehr Sorgen um das Wohlergehen des Ungeborenen zu machen. Sie fühlte sich oft schlecht, hatte Schmerzen und sogar Blutungen, weshalb ständig zwei Heiler in ihrer Nähe waren. Auch Aragorn wich nicht mehr von ihrer Seite. Er überließ mehr und mehr Arbeit seinen Beratern und leistete Arwen Gesellschaft, die viel Ruhen musste. Sie erzählten sich dann Dinge die sie beschäftigten oder er las Arwen aus einem Buch vor, das liebte sie wenn er das tat. Manchmal lag er auch einfach nur neben ihr, lauschte ihrem Atem oder beobachtete wie sich das Kind in ihr bewegte.
Einige Monate später wurde Arwen an einem Abend wieder von Schmerzen geplagt, doch dieses Mal verließen sie sie nicht, sondern schlugen um in heftige Wehen. Sie tobten so stark in der Halbelbin, dass sie ihr beinahe jede Kraft nahmen und Aragorn um das Leben seiner Gefährtin fürchtete. Er legte ihr seine heilenden Hände auf und hielt ihre Hand wann immer sie es brauchte, mehr konnte er nicht für sie tun, doch es schien nicht zu reichen. Arwen kämpfte stundenlang, das Kind wollte sie jedoch nicht verlassen, sondern steckte wie ein Pfropfen in ihr. Zwei Hebammen und ein Heiler verzweifelten zusehends, als sie das Kind nicht auf die Welt bringen konnten. Arwens Schmerzensschreie verebbten langsam aus Erschöpfung, was sie quälte waren keine Wehen mehr, sondern ein ewig andauernder Schmerz, der sich wie ein anhaltender Krampf anfühlte. Nach langer Zeit löste er sich jedoch wieder und die Wehen setzten sich fort. Arwen begann Blut zu verlieren und Aragorn glaubte dem Wahnsinn zu verfallen, als die Geburt immer noch kein Ende nehmen wollte.
Erst nach einer ganzen Nacht erblickte ein kleines Mädchen in den frühen Morgenstunden das Licht der Welt und allen Anwesenden kam es wie ein Wunder vor. Die Luft stand schwer im Raum und war durchzogen von Blut und Schweiß. Arwen wurde von einer gnädigen Bewusstlosigkeit ergriffen, doch die Hebammen und der Heiler versicherten Aragorn, dass sie sich wieder erholen würde. Sie hatte zwar viel Blut verloren, aber ihr Zustand sein nun wieder gefestigt. Der König Gondors nickte dankbar und hielt voller Stolz seine kleine Tochter in den Armen. Sie war noch blutig und zerknittert und leicht blau angelaufen vom kurzzeitigen Luftmangel, als sie Arwens Körper verlassen hatte, doch für Aragorn war sie trotzdem das Schönste auf der Welt. Er strahlte die Kleine an und berührte den feuchten Kopf des Kindes, ehe man es ihm abnahm um es zu säubern. Aragorn widmete sich wieder Arwen, nahm ihre Hand in seine und flüsterte leise: „Ich danke dir für das wundervolle Kind. Und sie ist gesund… Und nicht anders…“. Er war so erleichtert über diese Tatsache.

Die kleine Uriel lag in ihrem Bettchen und schlief friedlich, als sich ein Schatten auf dem kleinen Gesicht zeichnete. Aragorn stand an der Wand, er war nicht festgebunden, doch konnte er sich nicht bewegen. Es war, als würde Wulf in ihm sein und seine Glieder kontrollieren. Nur Aragorns Augen ließen sich noch lenken und starten auf das Bettchen in dem seine Tochter lag. Ein riesiger, monströser Werwolf beugte sich über das Kindbettchen und sein Speichel tropfte auf das Baby herab, das trotzdem lachte. Er packte es mit seinen Klauen und biss in den Säugling hinein. Blut spritzte und die mächtigen Kiefer kauten genüsslich. Aragorn wollte schreien und seine Augen schließen, doch er konnte nicht. Das Babylachen war nicht verstummt, trotzdem die kleine Uriel nicht mehr am Leben war, sondern nur noch Reste ihres Körpers aus dem Fang des Werwolfs hingen. Das Babylachen wollte nicht verebben und schwoll sogar noch an, ehe es sich in das kalte, tödliche Lachen verwandelte, dass aus Wulfs Kehle gedrungen war. Aragorn wollte sich umsehen wo Wulf war, er spürte ihn ganz in der Nähe, doch schließlich musste er feststellen, dass er es war, der so lachte…

Aragorn fuhr kerzengerade aus dem Bett und keuchte angestrengt. „Bei Eru, bei Eru…“, murmelte er aufgewühlt und starrte in die Dunkelheit. Alles war in Ordnung, er hatte geträumt. Er hörte das sanfte und gleichmäßige Atmen seiner Frau, die neben ihm lag und als er die Hand ausstreckte, konnte er sie sogar spüren. Arwen erholte sich noch von der Geburt und brauchte den tiefen Schlaf. Er streichelte ihr zärtlich über den Arm und atmete stoßhaft aus. „Nur ein Traum“, beruhigte er sich selber. Er stand auf und suchte sich seinen Weg durch die Dunkelheit zur Wiege. Ein leises Brabbeln verriet ihm, dass seine kleine Tochter wach war. Er ließ seine Hand in die Wiege gleiten und zuckte zurück. Er hatte etwas Weiches berührt… Wie Fell. Das Fell eines Tieres. Er hastete los und riss die Tür auf. Hastig nahm er eine Fackel aus der Wandhalterung und lief zu der Wiege zurück. Aragorn fürchtete sich hineinzublicken, doch als er es schließlich tat, lag da nur seine kleine Tochter und blickte ihn freundlich an. Sie lachte mit ihrem zahnlosen Mündchen und Aragorn sank erleichtert in sich zusammen. „Bei Eru, ich drehe durch…“ Er beobachtete seine Tochter die munter vor sich hin gluckste und küsste sie auf die Stirn. „Schlaf meine Kleine“. Mit diesen Worten brachte er die Fackel wieder nach draußen und schloss die Tür des Schlafzimmers. Er suchte sich in der Dunkelheit seinen Weg zurück ins Bett, als er plötzlich ein Knurren vernahm. Aragorn fuhr blitzartig herum und erschrak. Sein Unterkiefer begann zu beben und er war so erschreckt, dass er nicht einmal Schreien konnte. Aus der Wiege blickten ihn zwei gelb funkelnde Augen an, wie die Augen einer Katze, und Aragorn wusste, dass er dieses Mal nicht träumte…

Ende