Fünftes Kapitel
Viel gesprochen hatten sie nicht mehr. Gimli wußte von seiner zu kurzen Gefangenschaft wenig zu erzählen und Liliane war gar nicht bei ihm gewesen, so konnte er Frodo nichts von ihr erzählen. Daß der Hobbit sich aus Sorge um seine Frau sehr schweigsam zeigte, wunderte Gimli nicht, und auf Taidoloth konnte er sich ohnehin noch keinen Reim machen.
Der Dunländer verbarg etwas, da war Gimli sicher, nur hatte er keinen Verdacht, ob es bedeutsam war oder nicht. Für böswillig erachtete er den jungen Mann in keinster Weise, aber Vorsicht war geboten, denn auch wenn er ein Deserteur war, so war er doch einst bei den Feinden gewesen und hatte ihr Wesen bestimmt nicht nur kennengelernt. In Jahren der Unterwürfigkeit mußte er mehr mitgenommen haben als nur bloßes Wissen über diese Barbaren.
Sie waren chancenlos unterlegen, das wußten sie alle drei. Sie waren nun am zweiten Tag zu dritt unterwegs, aber dieser Tag neigte sich bereits seinem Ende zu, die Sonne war bereits untergegangen und Dunkelheit breitete sich einem Teppich gleich am Fuße des Gebirges aus.
Frodo hatte in der vorigen Nacht unruhig geschlafen. Auch Gimli war sichtlich nervös, das war Taidoloth ebenso aufgefallen, und er selbst wußte genausowenig, was werden sollte.
Gimli hatte von Frodo Legolas Langmesser erhalten, aber Aragorns Dolch und sein eigenes Schwert trug der Hobbit noch bei sich. Taidoloth war ohnehin selbst bewaffnet, ihm mußte Frodo mit nichts aushelfen.
Wir sind nicht mehr weit entfernt, bemerkte Taidoloth leise.
Gut. Und wie kommen wir hinein? fragte Gimli trocken. Taidoloth antwortete mit nichts weiter als einem Schulterzucken.
Es half den dreien nur, sich stundenlang auf die Lauer zu legen. Sie hatten sich aus einer Richtung genähert, von der Taidoloth mit Sicherheit wußte, daß kein Wächter sie dort entdecken konnte. Auch in ihm breitete sich mittlerweile wachsendes Unbehagen aus, da er genau wußte, daß auch er des Todes war, wenn man ihn mit den beiden anderen erwischte. Und er wollte Wulf nicht begegnen, allein seinen Ruf fürchtete er, da mußte er persönlich wahrhaft schrecklich sein.
Er war ein Verräter. Kam man ihm auf die Schliche, starb er sicherlich auf eine ähnlich grausame Weise wie die jetzigen Gefangenen. Es gab auch für ihn nur einen Grund, den beiden Freunden zu helfen: Er hatte ohnehin keinen Ort, an den er gehörte, er hatte ein einsames, nicht gerade begehrenswertes Dasein geführt, niemand würde ihn vermissen - aber hier konnte er noch etwas Gutes tun. Und es war gegen jemanden, den er verabscheute.
Diese Freunde hatten noch jemanden, den sie vermissen würden, und sie wurden sicherlich gerade auch vermißt.
Taidoloth wagte kaum, sich auszumalen, was ihnen bevorstand. Ein wahrhaftes Martyrium würden sie zu erleiden haben, wenn die Hilfe nicht rechtzeitig eintraf, und das konnte er nicht einfach tatenlos mitansehen. Er hatte einmal gesehen, auf welche Weise sie einen unschuldigen Menschen zu Tode gefoltert hatten.
Die Könige würden am meisten zu erleiden haben, und da er inzwischen wußte, daß zwei Frauen unter den Gefangenen waren, ahnte er auch, in welcher Gefahr sie schwebten. Niemand würde dort sein, um sie vor den barbarischen Kreaturen zu schützen, die früher oder später über sie herfallen würden.
Kein Essen, wenig Wasser, nicht genug Ruhe - damit fing es an. Aber auf Folter verstanden die Dunländer sich, in den Jahren des Hasses gegen die Rohirrim hatten sie sich nicht nur in Gedanken ausgemalt, was man mit ihnen tun könnte. Sie hatten sich darauf vorbereitet.
Feuer, Dornen, Klingen und andere Dinge sah er in Gedanken vor sich und er fühlte sich entsetzlich, neben denen herzugehen, die diesen Qualen nur knapp entronnen waren.
Er rechnete nach. Die Gefangenen würden sich nun an ihrem Ziel befinden, was hieß, daß sie sich mit ihrer Rettung beeilen mußten.
Aber sie waren ebenfalls fast dort.
Irgendwo hinter ein paar Falsbrocken saßen sie nun seit Stunden, hatten ein letztes Mal gegessen und getrunken und warteten darauf, daß die Nacht vollends über das Land hereinbrach und alles in Finsternis versinken ließ. Niemand durfte sie sehen oder hören, niemand durfte ahnen, daß sie da waren und sich näherten.
Also hört mal... ihr bleibt vorerst zurück. Ich kenne den Weg und weiß, wer wo sein könnte. Sie rechnen nicht damit, daß jemand kommen könnte, der ihr Versteck so genau kennt. Ich falle ihnen sozusagen in den Rücken, das ahnen sie nicht. Ihr folgt erst, wenn ich weiß, wie wir hineingelangen sollen. Und seid gewarnt: Dort gibt es nicht nur Werwölfe und etwas, das sich Menschen schimpft, dort sind auch Geister unterwegs, die noch ganz andere Waffen kennen als Metall und Holz. Es ist schauerlich an diesem Ort, macht euch nichts vor.
Weder Gimli noch Frodo reagierten besonders auf diese Warnung, was Taidoloth anfangs überraschte.
Habt ihr denn gar keine Angst?
Nein, du vielleicht? fragte Gimli zurück.
Nun... ich weiß, man muß Mut kennen, um sich an diesen Ort zu wagen, seid euch dessen im Klaren. Angst werdet ihr auch haben, selbst wenn ihr sie jetzt noch nicht spürt, aber ihr dürft euren Mut niemals darüber verlieren!
Das wird nicht schwierig, behauptete Gimli. Ich war schon auf den Pfaden der Toten unterwegs, dort ist es auch nicht angenehmer, vermute ich. Eine Geisterstadt gibt es dort ebenfalls.
Schlimmer als Mordor kann es kaum werden, murmelte Frodo leise von der Seite. Er blickte düster vor sich hin, das konnte Taidoloth mit seinem ausgezeichneten Augen auch in der Dunkelheit erkennen.
Er betete zu den Valar, daß sie keinerlei noch so fahles Licht reflektierten wie die Augen eines Tieres - des Tieres, das auch in ihm schlummerte...
Entweder befreien wir sie oder sterben mit ihnen! verkündete Gimli großmächtig, woraufhin Frodo aber sehr ernst zustimmend nickte. Taidoloth gab sich geschlagen. Er sah zu deutlich, daß die beiden durch nichts von ihrem Vorhaben abzubringen waren.
Leise wie die Schatten schlichen sie in demselben zu einem Pfad, vor dem Taidoloth sie eindringlich warnte. Das Geröll war gefährlich, denn der Abgrund neben diesem Pfad verschlang alles auf ewig, was hinunterstürzte.
Es ist so finster, daß ich nicht mal den Pfad erkenne, wie soll ich wissen, wo der Abgrund ist? zischte Gimli brummig von hinten.
Folge mir einfach, ich kenne den Weg, erwiderte Taidoloth leise. Seine Augen hatten keinerlei Schwierigkeiten damit, zu erkennen, wohin er gehen mußte.
Sie beschritten den Pfad, den Eomer und die anderen vor nicht allzu langer Zeit vor ihnen beschritten hatten. Ohne Taidoloths ausgezeichnete Augen wären sie verloren gewesen, aber die beiden Freunde, die ihm folgten, glaubten daran, daß er den Weg von früher noch wußte. Daß er sich da gar nicht so sicher war und sich nur auf seine übermenschlich guten Augen verlassen konnte, ahnten sie noch nicht.
Taidoloth hatte eine Hand ans Heft seines Schwertes gelegt. Möglicherweise lauerte überall hinter den Felsen jemand auf sie. Gut war nur, daß seine beiden Begleiter beide bereit waren, ihr Leben zu opfern, denn wenn sie Angst kannten oder zeigten, wären sie sicherlich zu gehemmt, um erfolgreich kämpfen zu können.
Taidoloth wußte, was sie erwartete, und er würde den beiden nicht zuvor davon erzählen, weil sie sonst sicherlich von Furcht ergreifen würden.
Es war recht kühl und totenstill. Irgendwo schrie ein Kauz, eine Maus raschelte im Unterholz, aber sonst hörten sie nichts außer ihren eigenen Schritten und den Schlägen ihrer mutigen, aber auch zu verzagen drohenden Herzen.
Taidoloth hatte in der Tat große Angst und er mußte sich wirklich zwingen, weiterzugehen. Aber er wußte, wozu es gut war, was er tat.
Schließlich hatten sie die Höhendifferenz hinter sich gebracht, ihr Ziel erreicht, mußten aber vorsorglich erst in Deckung gehen.
Da vorn ist ein Eingang, behauptete Taidoloth und wies auf eine Felswand, in der Frodo und Gimli beim besten Willen keinen Eingang erkennen konnten.
Ah ja, machte Gimli. Taidoloth sah ihn nicht an, als er flüsterte: Er ist getarnt, ihr werdet ihn erst sehen, wenn ihr hindurchgeht!
Gimli spielte für eine Sekunde mit dem Gedanken, daß Taidoloth, der sich doch so gut auskannte, sie vielleicht in eine Falle lockte - aber er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Er erschien ihm absurd.
Ich gehe vor, dort sind Wächter, die muß ich ablenken, erklärte der junge Dunländer und stand auf. Vorerst blieben Gimli und Frodo zurück.
Seltsam, befand Gimli leise. Frodo sagte überhaupt nichts, er versuchte zu erkennen, wohin Taidoloth in dieser Finsternis verschwand.
Aber es dauerte gar nicht lange, bis sie plötzlich Stimmen hörten. Taidoloth hatte also doch wahr gesprochen.
Und ich finde es trotzdem seltsam, murmelte Gimli und stand auf.
He, was tust du? zischte Frodo. Bleib hier!
Aber Gimli ließ sich nicht beirren und folgte Taidoloth in die Nacht, was ein lebensgefährliches Unterfangen an diesem Ort darstellte.
Murrend erhob Frodo sich und schlich lautlos hinterher - um dann das zu bezeugen, was Gimli vor Schreck wie angewurzelt stehenblieben ließ.
Ein fahler grüner Lichtschimmer lag über diesem von Felsen umrundeten Ort. Tatsächlich befand sich dort ein fast unsichtbarer Durchlaß, der von zwei Speere tragenden Männern bewacht wurde, die den beiden Beobachtern Taidoloth sehr ähnlich erschienen im für die finsteren Verhältnisse hellen Licht.
Sie sprachen auf Adunaisch miteinander, doch noch war Taidoloth einige Fuß weit von ihnen entfernt. Vorerst schienen die Wächter keinerlei Argwohn zu zeigen, aber in diesem Moment trat der junge Mann näher auf sie zu und hob auch schon sein Schwert angesichts der Tatsache, daß die Wächter ihm den Weg nicht freigeben wollten.
Er mußte kämpfen.
Gimli umklammerte Legolas Langmesser und wollte hinzueilen, um Taidoloth zu helfen, doch dessen scharfes Gehör nahm den sich nähernden Freund wahr und er fuhr herum.
Nicht! rief er hastig, wollte er doch kein unnötiges Aufsehen erregen. Er hatte gehofft, allein mit den beiden Männern fertig zu werden, denn er wußte, daß er ein sehr geschickter Kämpfer war, er hatte sie schnell zum Schweigen bringen wollen, aber nun war es zu spät.
Er hatte keine Wahl mehr. Bevor die Wächter jemanden herbeizitieren konnten, der sie unterstützen sollte, mußte er sie töten.
Frodo und Gimli wurden Zeugen eines Geschehens, das Gimli weitaus weniger schockierte als den Hobbit. Der Zwerg hatte es bereits erlebt, aber Frodo sah sich von blankem Entsetzen gepackt.
Einem rauhen, lauten Windstoß gleich begann die Luft zu rauschen für einen kurzen Moment und der Boden unter ihren Füßen bebte leicht, als das grüne Leuchten stärker wurde. Diesmal umgab es Taidoloth sehr intensiv, doch er verschwand plötzlich und begann sich zu verwandeln in eine erst unförmige Gestalt. Er wuchs auf einen Schlag und stand vornübergebeugt, setzte die Hände auf den Boden, schien immer größer zu werden und eine andere Gestalt zu erlangen, aber plötzlich erkannten Gimli und Frodo, was dort vor sich ging.
Ein kalter Schlag traf Frodo, der ungläubig mitansah, wie der gute junge Mann sich in einen Werwolf verwandelte. Wie vom Donner gerührt stand er neben Gimli und bezeugte in stummem Entsetzen, wie die bestialische Kreatur mit ihrer scharfkrallig besetzten Tatze ausholte und nach dem Hals des linken Wächters schlug. In einem leise ersterbenden Aufschrei ging der Mann tödlich getroffen zu Boden, die Klauen hatten tiefe Schnitte in seine Kehle gerissen, so tief, daß der Kopf nur noch von den Knochen am Rumpf gehalten wurde.
Es war den reglosen Zeugen, als wäre überall nur noch Blut, und schon im nächsten Moment schlug der Wolf auch nach dem anderen Wächter, um ihn genauso schnell zu töten, präzise und erbarmungslos.
Frodo schrie auf in Panik. Mit einem Schlag wurde ihm alles klar - Taidoloths animalische Züge hatten zuvor bereits verraten, was tief in ihm schlummerte, und er hatte die Zeichen nicht erkannt.
Gimli hielt das elbische Schwert vor seinen Körper, denn er konnte nicht leugnen, daß er von Furcht ergriffen war. Für ihn war Taidoloth fort, da war nur noch ein lebensbedrohendes Untier vor ihm.
Nervös packte auch Frodo sein Schwert, aber seine Hand zitterte so stark, daß er es kaum halten konnte. Er sah sein Leben schon beendet.
Aber so schnell dieser Spuk gekommen war, so schnell ging er auch wieder. Gleich zwei Salzsäulen standen Gimli und Frodo hinter dem Werwolf, unfähig, sich zu rühren und zu fliehen, aber das war nicht nötig. Kaum daß die Kreatur den Weg für sie als Eindringlinge passierbar gemacht hatte, vibrierten der Boden und die Luft erneut. So schnell wie zuvor verwandelte Taidoloth sich wieder und wurde zu dem Menschen, den Frodo und Gimli kannten.
Er beugte sich hinab, hob sein Schwert auf, dann steckte er es weg und wandte sich den beiden entsetzten Freunden zu.
Frodo ließ sein Schwert fallen. Er zitterte am ganzen Leib und machte einen Schritt zurück, als Taidoloth auf ihn zukam. Fast wäre er gestolpert und rücklings den Berg hinuntergestürzt, wenn Taidoloth nicht äußerst schnell reagiert und ihn festgehalten hätte.
Erneut schrie Frodo auf. Sein Atem ging keuchend, er sah genau das wilde Funkeln in Taidoloths tierhaft anmutenden Augen, in die er unverwandt blicken mußte, bis Taidoloth ihn wieder mit den Füßen auf den Boden stellte und vor ihm stehenblieb.
Ich bin es nur, Taidol, sagte er leise. Er war wieder der Taidoloth, den sie kannten, mit treuen braunen Augen und einem gütigen, warmen Gesichtsausdruck.
Du bist ja wie einer dieser Bastarde! entfuhr es Gimli. Taidoloth senkte betreten den Kopf.
Fürchtet euch nicht vor mir. Das ist es, warum ihr es nicht wissen solltet. Ich bin wirklich einer von ihnen gewesen, das sagte ich doch. Und in meinen Adern fließt die Verwandlungsfähigkeit genauso wie in ihren... ich verabscheue dies selbst, aber es ist nicht zu ändern. Doch ich bin nicht böse!
Du bist auch ein Werwolf... flüsterte Frodo fassungslos. Er faßte sich dann jedoch ein Herz und trat auf Taidoloth zu, nahm die warme Hand des jungen Mannes und lächelte.
Auch du bist, was du nicht sein willst. Mir ging es nicht anders. Aber sag, wie... wie steuerst du es, zu dieser Bestie zu werden?
Es ist eine Frage des Willens. Wenn ich es beschließe, dann werde ich es, und genauso schnell kann ich mich zurückverwandeln. Geworden bin ich zu einem Werwolf so wie alle, durch einen Biß.
Er knöpfte sein Hemd auf und verwies auf eine Bißnarbe, die Abdrücke von riesenhaften Zähnen zeigte.
Ein Werwolf muß jemanden beißen, dann muß das Blut der Kreatur noch mit dem eigenen vermischt werden und man ist auf alle Zeit ein abscheuliches Monster...
Er brach ab. Gimli und Frodo verloren ihre Scheu langsam wieder, blieben jedoch vorsichtig.
Das ist... schrecklich, sagte Frodo. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn du es mir zuvor gesagt hättest!
Ich bin kein unmenschliches Wesen, aber natürlich muß sich jeder fürchten... ich hasse es doch selbst. Mehr sagte Taidoloth nicht dazu.
Gimli starrte auf die unschön zugerichteten Leichen. Er betrachtete die Angelegenheit nun von dem Standpunkt, daß der Dunländer ihnen immerhin einn Weg gebahnt hatte.
Aber dann haben wir eine Chance, Taidol! bemerkte Frodo mit einem hoffnungsvollen Unterton in der Stimme.
Taidoloth nickte. Eine bessere als sonst. Aber jetzt kommt! Lang bleiben wir nicht unentdeckt.
Schattengleich huschten die drei mit zusätzlichen Waffen bestückt durch den seltsam verstecken Eingang und betraten die Geisterhöhle unter dem Berg, Wulfs Quartier.
Bergil sah sich in der kleinen Zelle in der er sich nun befand um.
An der Wand befanden sich mehrere metallische Schlaufen, an denen man ihn und die anderen festgebunden hatte. Warum diese Sicherheitsvorkehrung überhaupt nötig war, verstand der junge Mann nicht ganz. Sie würden es mit Sicherheit nicht aus der Zelle schaffen und selbst wenn, würden sie nicht über den Abgrund vor den Verliesen kommen und schon gar nicht durch die Geisterstadt hindurch.
Willkommen, murrte Merry Bergil entgegen und verzog den Mund schief.
Es ist zwar schön zu sehen, dass du wohlbehalten scheinst, aber ich hätte mir gewünscht, dass ihr nicht auch an diesen Ort gebracht werdet, raunte Legolas nachdenklich.
Ist Pippin bei dir gewesen, wollte Merry sogleich von Bergil wissen.
Der junge Leibwächter nickte. Es geht ihm gut, ebenso allen anderen. Nur Aragorn ist wegen mir verletzt worden. Bergils Stimme klang schuldbewusst und Legolas verzog besorgt das Gesicht. Was hat er, wollte der Elb wissen.
Bergil erzählte kurz und knapp was vorgefallen war. Ich werde sie alle eigenhändig erwürgen, wenn ich hier rauskomme, endete der junge Leibwächter seinen Bericht.
Ja, wenn...., warf Legolas beinahe hoffnungslos ein.
Bergil schaute den Elb verwundert an.
Er ist schon die ganze Zeit so trübselig. Ich muss sagen, dieser Raum und die ganze Situation in der wir uns befinden, verlockt nicht gerade dazu eine bessere Laune zu bekommen, aber ein wenig Hoffnung könnte dir wirklich nicht schaden, Legolas, erwiderte Merry beinahe vorwurfsvoll.
Der Elb schwieg. Seine Augen blickten tiefer, als die seiner Freunde. Er hatte die Männer gesehen, er hatte in ihre Augen geblickt und er hatte beinahe den Eindruck gehabt, dass sie schwarz waren, so wie ihre Seelen. Seit er hier war, hatte ihn ein merkwürdiges Gefühl ergriffen. Er ahnte Unheil, ein großes Unheil. Dieses Gefühl raubte ihm jegliche Hoffnung und alle Ruhe. Legolas spürte, dass etwas auf seine Freund wartete und dass etwas auf ihn wartete. Furcht keimte in dem Elben auf, aber konnte sie nicht zeigen, doch sie saß tief und er wusste, sie war nicht unbegründet.
Habt ihr etwas zu essen und Wasser bekommen, wollte Bergil wissen.
Ein einziges Mal bisher, antwortete Legolas ihm. Mehr wollte der Elb dazu nicht sagen. Als ein Mann vor einigen Stunden hineingekommen war, hatte er sie nur spärlich mit Wasser und Nahrung versorgt und war mit den Worten An Todgeweihte verschwenden wir nicht mehr als nötig gegangen. Legolas wusste, dass sie hier alle sterben würden, dies war ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dem Merry nur mit halbem Ohr gelauscht hatte. Das Gefühl, dass das Ende mit jedem Moment näher rückte und es nichts gab, was das hätte ändern können, erdrückte Legolas fast. Noch nie war er derartig verzweifelt gewesen, doch er versteckte seine Verzweiflung, ebenso wie seine Furcht. Ihm war bewusst, dass sie hier warteten. Doch am Ende dieser Wartezeit würde nur der Tod sein, nichts anderes gab es auf das sie hoffen konnten, doch Legolas war im Moment der Einzige im Raum der das Begriff und er war nicht glücklich darüber, dass er es bereits erkannt hatte...
Pippin wanderte immer wieder von einer Ecke des Raumes in die andere. Unwirsch schüttelte er den Kopf und atmete schnell und stoßweise. Faramir sah sich Pippins Verhalten jetzt schon eine ganze Weile an. Möchtest du dich nicht setzen, du wirst nichts ändern, auch wenn du so weiter machst, bemerkte der Statthalter freundlich.
Ich kann das nicht begreifen. Wir haben im Ring Krieg so hart gekämpft und sind nicht untergegangen, selbst im Angesicht des tödlichsten aller Gegner nicht und nun sitzen wir hier und warten auf unser Verderben, presste Pippin hervor.
Das hier ist etwas anderes. Wir haben nicht damit gerechnet, man hat uns überrascht, entgegnete Faramir ruhig und verfolgte mit den Augen Pippins aufgebrachten Gang.
Ich will hier nicht sterben! Ich bin nicht bereit von diesen Wilden umgebracht zu werden, nur weil sie meinen sie seien schlecht behandelt worden! Da wäre ich doch lieber damals im Kampf gestorben! Und wenn es in Minas Tirith gewesen wäre für Den..., Pippin brach erschreckt ab. Er hatte sich in seinem Gerede verloren.
Für wen, wollte Faramir wissen und hob die Augenbraue.
Der Hobbit biss sich auf die Lippe. Tut mir leid...
Dann wäre ich jetzt auch tot, wenn du damals für meinen Vater gestorben wärst, sagte Faramir leicht betrübt.
Ich weiß, ich habe unbedacht gesprochen, es tut mir wirklich leid, gab Pippin kleinlaut zu.
Aber ich gebe zu, lieber damals als jetzt..., wisperte Faramir leise. Er machte eine Pause und blickte den Hobbt vor sich an, der nun stehen geblieben war. Weißt du, was mich wirklich bekümmert? Der Gedanke daran, dass wir es vielleicht hätten verhindern können. Wir hätten vorsichtiger sein können, vorbereiteter... Dann wären wir vielleicht jetzt nicht hier, sagte Faramir traurig.
Ich glaube, das lag nicht an uns. Wer hätte das ahnen können?
Eine lange Pause entstand, in der sowohl Faramir, als auch Pippin ihren Gedanken nachhingen. Wovor fürchtest du dich am meisten, Faramir, fragte Pippin plötzlich und sah den Statthalter aufmerksam an. Der Mann musste nicht lange überlegen um zu antworten, die Ängste begleiteten ihn seit ein paar Tagen ständig. Davor, dass ich Eowyn nie wieder sehe... Niemals mehr ihr Gesicht zu sehen oder ihr Lachen zu hören macht mir Angst. Und... Ich weiß nicht, was diese Geister und Menschen wollen. Ich will nicht als Druckmittel dienen, zu welchen Zweck auch immer. Ich habe Angst, dass sie von mit etwas verlangen könnten, was ich nicht erfüllen kann und dass ich so vielleicht für das Verderben von einem von euch verantwortlich bin. Ich fürchte mich vor Qual und..., Faramir brach ab. Er fürchtete sich vor so vielem. Diese Geister zeigen deutlich, dass der Tod nicht endgültig ist, aber ich weiß nicht, ob mir das so lieb ist....
Wie meinst du das, fragte Pippin und setzte sich neben den Statthalter.
Nun... Hast du diese vielen toten Seelen gesehen? Ich will nicht auch noch nach meinem Tod von Wulf gefangen sein! Ich fürchte mich vor einer Ewigkeit in Ketten. Ich weiß gar nicht, was ich mehr fürchten soll. Den Tod? Er kann eine Erlösung sein... Doch hier ist er nur die Pforte in eine neue Versklavung.
Pippin nickte. Dem Hobbit bereitete selbst so vieles hier Angst.
Und weißt du was ich noch fürchte? Meinen Vater in dieser Ewigkeit wiederzusehen. Vielleicht hat er ja kurz vor seinem Tod seine Liebe zu mir entdeckt, doch ich verzichte lieber darauf das hinaus zu finden...
Sollte dein Vater im Totenreich noch immer nicht entdeckt haben, was für ein ehrbarer Mann und guter Sohn du bist, werde ich mit größter Wahrscheinlichkeit auch wieder bei dir sein, um dir zur Seite zu stehen, murmelte Pippin und lächelte leicht. Ich glaube kaum, dass ich hier entkomme...
Faramir lächelte und drückte den Hobbit freundschaftlich an sich. Ich glaube, es wäre besser, solltest es wirklich so weit kommen, dass du mir nicht folgst. Im Auenland warten noch so viele Sachen auf dich...
Wir alle haben noch so viel vor und werden es nie mehr tun können, sagte Pippin betrübt. Solch dunkle und hoffnungslose Zeiten habe ich noch nie erlebt... Spürst du auch diese Unruhe in dir? Spürst du auch diese Gewissheit, dass du hier stirbst und fühlst du auch die verzweifelten Versuche deines Verstandes, dir selbst Hoffnung zu machen? Grübelst du auch ständig darüber nach, ob es nicht doch noch einen Ausweg gibt, aber im selben Moment wird dir bewusst, dass dem nicht so ist? Und kannst du dann auch die Verzweiflung spüren, die dir die Tränen in die Augen treibt und die dich beinahe Wahnsinnig macht, fragte Pippin tonlos.
Faramir nickte. Es ist die Todesangst. Ich habe sie damals auf den Pellenor Feldern gespürt und hatte gehofft sie nie wieder spüren zu müssen. Doch nun ist sie stärker denn je...
Pippin legte den Kopf an Faramirs Arm und fing seine Wärme mit seinem Körper auf. Während er so sprach, kroch die Kälte in seine Glieder.
Faramir bemerkte das Frösteln seines kleinen Freundes und legte den Arm um ihn, um ihn zu wärmen.
Es ist gut mit dir darüber gesprochen zu haben. Es nimmt mir nicht die Angst, aber es macht sie erträglicher, raunte Pippin und sah Faramir dankbar an.
Ja, mir auch. Und es ist gut nicht alleine zu sein, sondern einen Freund an seiner Seite zu wissen, fügte der Statthalter hinzu.
Das ist es. Es ist im Moment das Kostbarste, was wir besitzen und der einzige Lichtblick, den wir noch haben, flüsterte Pippin und schloss müde die Augen. Faramir gab ihm etwas Ruhe und Sicherheit für die der kleine Hobbit sehr dankbar war. Umgekehrt war es genauso. Faramir war dankbar, dass Pippin in seiner Zelle war, so war es nicht ganz so trostlos hier und es gab jemanden, der einem die Angst vor dem Kommenden etwas nehmen konnte.
Es hatte nicht lang gedauert, bis Liliane vor Erschöpfung eingeschlafen war. Die anderen waren ebenfalls zu müde, um ihre Augen noch lang offenzuhalten, und so hatten sie sich während der wider Erwartens ruhigen Nachtstunden endlich etwas erholen können.
Warum Wulf ihnen noch diese Zeit zugestand, vermochten sie nicht zu sagen. Nacheinander waren sie irgendwann wieder erwacht, vermutlich am Morgen, aber auch das konnten sie durch die Finsternis unter dem Berg unmöglich genau bestimmen.
Sam vertrieb sich die Zeit mit dem zuerst hoffnungslosen Versuch, seine Fesseln lösen zu wollen, doch tatsächlich brachte seine Geduld ihn irgendwann ans Ziel. Er hatte eine scharfe Mauerkante ausmachen können und ungeachtet der tiefen schmerzhaften Schnitte in seine Haut rieb er die Stricke stundenlang an dieser Kante vorbei, um sie zu zerschneiden.
Du bist verrückt, murmelte Liliane, die ihm ungläubig bei seinem Befreiungsversuch zusah. Sam ließ sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen.
Bin ich nicht. Ich habe es nur satt, mit auf dem Rücken gefesselten Händen zu schlafen!
Ich wollte schon sagen, aus dieser Zelle kommen wir niemals heraus, da nützen dir auch freie Hände nichts, schaltete sich nun auch Eowyn ein.
Das soll mich jetzt noch nicht interessieren, erwiderte Sam kurzerhand.
Die Fasern der Stricke rissen nacheinander und die Aussichten wurden besser, daß Sam tatsächlich Erfolg mit seinem Vorhaben haben würde, als plötzlich Schritte sich der Zelle näherten.
Der Hobbit hatte gerade erst Liliane vorgeschlagen, ihr Glück selbst einmal zu versuchen, als sie den Schlüssel im Schloß knirschen hörten. Hastig ließ Sam sich zu Boden rutschen und tat ganz unbeteiligt, denn diesen Befreiungsversuch sollte niemand erkennen können, weil er sonst eine Strafe fürchtete.
Die beiden Hobbits setzten unschuldige Gesichter auf, aber der Mann, der die Zelle betrat, scherte sich überhaupt nicht um das, was sie getan hatten oder auch nicht.
Es war derjenige, der Liliane die ganze Zeit über nachgestellt hatte, das erkannte sie sofort voller Entsetzen. Sein selbstgefälliges Grinsen offenbarte seine ungepflegten, schmutziggelben Zähne, in seinen dunklen Augen flammte ein entschlossenes Feuer auf und er zog in einer nachdenklichen Geste die Brauen zusammen, als er die drei Gefangenen für einen Moment betrachtete.
Er war selbst für einen Dunländer auffallend groß und breitschultrig, trug die übliche einfache Leinenkleidung, die inzwischen alles andere als noch sauber war. Unbewaffnet war er nicht, in seinem Gürtel steckte ein kleiner Dolch, doch sonst trug er nichts bei sich. Kein Wasser, kein Brot, nichts.
Ihr wünscht? fragte Eowyn daraufhin argwöhnisch. Sam versuchte, seine Hände den noch immer nicht gänzlich zerschnittenen Fesseln zu entwinden, aber zu allem Überfluß war er es auch noch, der die erste Aufmerksamkeit des Mannes auf sich lenkte. Dieser gab Eowyn keinerlei Antwort.
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, ging der Dunländer mit den strähnigen dunklen Haaren an Liliane vorbei, die dennoch sofort zurückwich und sich neben Eowyn setzte.
Was denn? flüsterte die Kriegerin leise, was den Mann auch nicht kümmerte.
Mit dem gab es schon Ärger... erwiderte Liliane ebenso leise. Eowyn verstand, was sie damit sagen wollte, und sog scharf die Luft ein.
Das war auch das letzte Mal! erwiderte sie entschlossen.
Sam indes beobachtete den Mann erst neugierig und skeptisch, doch als dieser Anstalten machte, ihm die Fesseln durchschneiden zu wollen, war er anfangs sogar erfreut.
Womit habe ich das verdient? fragte er vorsichtig. Diesmal sprach der Mann.
Keiner soll hier mehr herumlaufen, brummte er zwischen seinen Zähnen hervor. Daß etwas an seinen Worten nicht stimmte, merkte Sam allerdings sofort, als er, gerade von den ersten Stricken befreit, an die Wand gepreßt und seine Handgelenke erneut mit Stricken umwickelt wurden.
Finger weg! Wieso werde ich jetzt hier an die Wand gefesselt?
Sagte ich doch, keiner soll hier rumlaufen, nuschelte der Mann dann mit einem finsteren Blick.
Sams Handgelenke hatte er bereits gefesselt, nun band er die Stricke am anderen Ende an einem robust aussehenden Metallring fest, so daß Sam schließlich wie Eowyn an die Wand gefesselt war. Dann hielt seinen Schlüsselbund in die Höhe, mit dem er zur verschlossenen Tür ging und ihn aufs Schloß steckte.
Sam beobachtete den Dunländer genau und die Art und Weise, wie er vorsichtig durch die Zelle schlich, gefiel ihm überhaupt nicht.
Der Mann hatte sich wieder aufgerichtet und war einige Schritte zurückgegangen mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Liliane war erstarrt, spürte sie doch genau, wie er sie anstarrte.
Dann kam er auf sie zu. Noch schneller als Liliane war Eowyn aufgesprungen, aber die Stricke hielten sie so nah an der Wand, daß sie nur einen Fuß weit kam, damit den Mann aber nicht einmal näherungsweise erreichte.
Liliane stand rücklings an die Wand gepreßt und beobachtete mit Entsetzen, wie sich der anfangs ausdruckslose Gesichtsausdruck des Mannes zu verändern begann.
Aber es gab kein Entrinnen mehr. Als sie verstanden hatte, was sein eigentliches Vorhaben war, hatte er sie auch schon gepackt und, wehrlos wie sie war, gegen die Wand gestoßen, um sie unter Kontrolle zu halten.
Hatte ich es dir nicht versprochen? zischte er gefährlich leise. Liliane wurde schlagartig bleich, ein Schauer überlief sie und sie wollte fliehen, aber er gab ihr keine Chance.
Bastard! Leg dich doch mit jemandem von deiner Größe an! schrie Eowyn wutentbrannt von der Seite, als sie begriff, in welcher Gefahr Liliane schwebte.
Tatsächlich schien ihr Trick zu funktionieren. Der Dunländer packte Liliane an den Schultern und stieß sie hart von sich, so daß sie neben Sam an die Wand prallte und schwankend stehenblieb. Vor ihren Augen drehte sich alles, denn sie war mit dem Kopf gegen den Stein geschlagen.
Dann ging er zu Eowyn hinüber, packte in seinen Gürtel und hielt in einer flinken Bewegung schon seinen Dolch in der Hand, mit dem er Eowyn von der Wand losschnitt.
Ungläubig starrte die Kriegerin ihm direkt in die Augen, wollte ihn schon von sich stoßen und zur Tür laufen, aber diese Chance ließ er ihr nicht.
Oh nein! Keine faulen Tricks, du rohirrische Hexe! brüllte er ihr entgegen, daß es Eowyn in den Ohren zu sausen begann. Einen kurzen Blick zu Liliane hinüberwerfend, die sich panisch in die gegenüberliegende Ecke der Zelle kauerte, holte sie hörbar tief Luft und kniff wütend die Augen zusammen.
Für einen Augenblick rührte sich nichts im Verlies, keiner sprach ein Wort, sie starrten einander nur wild entschlossen an.
Wenn du das so willst, sollst du an die Stelle der Kleinen dort drüben treten! Wenigstens weißt du das Angebot eines richtigen Mannes zu schätzen!
Eowyn, nicht! rief Liliane entsetzt, als sie das hörte. Das konnte sie unmöglich zulassen.
Eowyn reagierte darauf gar nicht, glaubte, sie müsse platzen vor Zorn, sie wurde bereits rot im Gesicht und spuckte ihrem Gegenüber kurzerhand ins Gesicht, um ihm ihre Abscheu zu zeigen. Dieser Dunländer widerte sie an.
Abschaum! brüllte er rasend, kam aber erst nicht dazu, Eowyn das heimzuzahlen, weil Liliane von der Seite herbeigelaufen war und sich gegen ihn warf, daß er fast das Gleichgewicht verlor.
Er schnellte herum und starrte sie finster an, doch dann wandte er sich Eowyn erneut für einen kurzen Moment zu.
Es scheint gerade so, als würde die Kleine sich das Vergnügen nicht nehmen lassen. Das ist mir sowieso lieber, die ist nicht ganz so aufmüpfig! Noch habe ich die Wahl!
Dies war der Moment, in dem auch Sam glaubte, er müsse sterben vor Entsetzen, denn er begriff, daß es für niemanden in diesem Moment ein Entrinnen gab. Er zerrte wie wahnsinnig an den Stricken und wollte sich losreißen, Liliane und Eowyn zu Hilfe eilen, aber er stand hilflos in der Ecke und mußte mitansehen, wie dieser Kerl sein teuflisches Spiel mit den Frauen trieb.
Bastard! Verschwinde von hier! Laß die beiden in Ruhe! brüllte Sam außer sich und fassungslos.
Der Dunländer stand genau zwischen Eowyn und Liliane, die beide eine Sekunde zu lang überlegten, was sie tun sollten. Da ihm von Liliane vorerst keine Gefahr drohte, wollte er erst Eowyn wieder an die Wand fesseln, hatte aber nicht mit der Wehrhaftigkeit der Rohirrim gerechnet. Sie trat nach ihm und hätte ihn sogar gekratzt, wenn er sie nicht ruckartig an den Armen gepackt und herumgeschleudert hätte, gegen die Wand wollte er sie prallen lassen - doch diesmal war da die Kante, wo zuvor Sam gestanden hatte.
Als Eowyn mit dem Kopf gegen die scharfe Kante stieß, gab es ein häßlich knackendes Geräusch und sie ging sofort zu Boden, sich am Rande einer drohenden tiefen Bewußtlosigkeit befindend.
Zu Tode erschrocken schrie Sam auf. Er sah, wie Eowyn am Hinterkopf zu bluten begann, er wollte sich befreien und brüllte, so laut er konnte, um die Aufmerksamkeit des Dunländer von Liliane weg auf sich zu lenken.
Er hatte jedoch keinen Erfolg.
Ungerührt den Blick von Eowyn abwendend, begann der große Kerl nach Liliane zu suchen, die neben Sam in Deckung ging. Der Hobbit wollte Frodos Frau noch die Möglichkeit gewähren, sich hinter ihm zu verstecken, aber es war zu spät. Der Dunländer schnellte herbei und schnappte sich Liliane, er griff unsanft nach ihr und packte sie an der unverletzten Schulter, riß aber damit auch an ihren langen Locken. Sie schrie auf vor Schmerz und wollte sich vergeblich losreißen.
Bei den Valar, tut das nicht! schrie Sam, der alles dafür gegeben hätte, um an den Dolch des hünenhaften Dunländers zu gelangen. Die Stricke, die ihn an die Wand fesselten, gaben in keinster Weise nach.
Liliane wurde zu Boden geworfen. Wie verrückt zerrte sie an den Fesseln in ihrem Rücken, wollte aufstehen, wurde aber wieder von dem Mann zu Boden gedrückt. Hilfesuchend sah sie zu Sam und Eowyn, doch die Kriegerin lag reglos und verletzt da und Sam konnte ihr nicht helfen.
Der Dunländer kniete vor ihr, sie konnte ihm nicht mehr entkommen. Panik ergriff Besitz von ihr, wie sie noch nie welche gekannt hatte, denn er würde kein Erbarmen kennen.
Sie schrie auf, sie schrie, wie sie noch niemals zuvor in ihrem Leben geschrien hatte. Ihre grünen, tränenfeuchten Augen blickten wieder zu Eowyn, die sich nicht rühren konnte und darum kämpfte, überhaupt nur bei Bewußtsein zu bleiben.
Sam glaubte, er müsse sterben, als er tatenlos zusehen mußte, denn er wußte nur zu genau, daß nichts Liliane bewahren würde, wenn nicht wenigstens er es schaffte, sich jetzt zu befreien. Wie verrückt versuchte er, loszukommen, aber es war vergebens.
Nein! brüllte er wie von Sinnen, er tobte geradezu, was jedoch den Mann in seiner Gier nicht im Geringsten zu beeindrucken schien. Er hatte sich das Ziel gesetzt, er hatte es so lange verfolgt, jetzt stand er endlich kurz davor, die Tür war zu und niemand würde ihn mehr aufhalten.
Liliane wimmerte und versuchte, weiter wegzurutschen, aber die Wand in ihrem Rücken gab nicht nach, sondern lieferte sie gnadenlos ihrem Schicksal aus.
Sie zerrte an ihren Fesseln, daß sie sich an den rauhen Stricken die Haut an den Handgelenken blutig schnitt, aber sie wollte den Versuch nicht aufgeben, sich zu befreien. Mit geweiteten Augen starrte sie den fast lüstern grinsenden Kerl an, der sich drohend vor ihr aufgebaut hatte und mit festem Griff eine Hand auf ihr Knie gelegt hatte.
Glaubst du vielleicht, einer von deiner Größe kann das, was ich kann? Du solltest mir dankbar sein! bemerkte er verächtlich. Liliane biß sich die Unterlippe blutig und wollte nach ihm treten, aber er wich aus und hielt sie nur noch stärker fest.
Mit im Rücken gefesselten Händen saß sie noch vor ihm, aber er stand auf, packte ihre Beine und zog sie rücksichtslos so flink von der Wand weg, daß sie zu Boden schlug und nun gänzlich hilflos vor ihm lag. Vor ihren Augen verschwamm für einen Moment alles, Sterne tanzten in ihrem Blick, aber sie blieb bei Bewußtsein. Ein gequältes Stöhnen von Eowyn verriet ihr, daß die Frau noch immer bei Sinnen, aber nicht in der Lage war, ihr zu helfen. Sams wutentbranntes Gebrüll hallte ihr im Kopf wie tausend Echos wider, doch wie nutzlos war sein zu schwacher Versuch, ihr zu helfen.
Ihr Atem ging stoßweise. Bei jeder Bewegung, die sie zu irgendeiner Richtung hin unternehmen wollte, spürte sie große, kräftige Hände auf ihren Schultern, die sie unnachgiebig auf den kalten Steinboden zurückpreßten. Tränen nahmen ihr die Sicht, sie bekam kaum noch Luft und spürte, wie sehr ihr Herz raste. Angst schnürte ihr unnachgiebig die Kehle zu.
Mit einer Hand drückte er sie zu Boden und thronte fast siegreich über ihr, als er mit der anderen Hand den Rock ihres Kleides packte und hochziehen wollte. Seine Knie hatte er auf ihre Beine gesetzt, damit sie sich nicht mehr bewegen konnte und er lastete mit seinem gesamten Gewicht auf ihren Waden, was sie unter Schmerzen schluchzen ließ.
Bei allem, was Euch heilig ist... flehte sie. Bitte tut das nicht!
Mehr als ein hämisches Lächeln bekam sie nicht zur Antwort, als er sich kurz erhob und ihre Beine hart auseinander drückte. Liliane schrie auf und wand sich unter seinen Händen wie verrückt, jedoch aussichtslos. Allein seine Größe machte ihr Angst.
Das leise metallene Klirren der Gürtelschnalle war ein schmerzhaftes Geräusch in ihren Ohren. Sie konnte durch den Schleier, der auf ihrem Blick lag, noch erkennen, wie er sich hastig die Hose von den Hüften zerrte und noch näher kam, sich fast mit seinem gesamten Gewicht auf sie herabsenkte und unter sich zu begraben drohte.
Sie konnte sich überhaupt nicht mehr bewegen. Der Stoff ihres Kleides riß, als er es grob zur Seite zerrte, sie spürte seine Hand und stieß einen Schrei der Abscheu aus, während die Tränen nur weiter über ihre Schläfen rannen. Ihre Augen zu öffnen wagte sie gar nicht mehr.
Seinen Atem spürte sie in ihrem Gesicht, er war ganz nah, viel zu nah. Ihr gepeinigtes Schluchzen berühre ihn nicht im mindesten, genauso wie er auf Sam nicht achtete.
Dann spürte sie den Schmerz. Sam brüllte zornerfüllt, als sie aufschrie, aber es wurde nur noch schlimmer. Mit jedem Augenblick wuchsen der Schmerz, sein Gewicht, ihr Ekel und ihr Haß. Die Augen zu öffnen würde sie nicht mehr wagen, seinen keuchenden Atem zu spüren war ohnehin bereits zuviel.
Sie schluchzte erstickt und gab es auf, sich noch zu wehren oder zu schreien, alles bedeutete nur zusätzlichen Schmerz. Sie biß die Zähne zusammen und ließ es über sich ergehen, hörte sogar Sam weinen, verlor sich jedoch selbst in endloser Leere.
Nach einer schieren Ewigkeit sank der Kerl plötzlich neben ihr zusammen. Liliane rührte sich nicht, sondern blieb reglos und stumm liegen. Ihr Gesicht war naß von Tränen.
Als sie die Augen langsam öffnete, starrte sie unbewegt gegen die Decke, in finstere Mauerwinkel und weit weg von dem Bastard, der ihr alles genommen hatte.
Daß er aufstand und still zu grinsen schien, konnte sie hören. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich zur Tür, schloß auf und warf sie hinter sich zu, als er den Raum verlassen hatte. Der Schlüssel rastete im Schloß ein, dann war alles wieder still.
Liliane konnte nicht atmen, sie spürte nichts als Schmerz, und plötzlich etwas unvermutetes. Es war warm - Blut.
Wimmernd rollte sie sich zur Seite und stöhnte unter Schmerzen, die sie durchzuckten, als sie sich bewegte.
Sam begann, die Fesseln mit seinen Zähnen zu bearbeiten. Was er gesehen hatte, war ein derart großer Schock gewesen, daß er nicht zu sprechen vermochte. Er war still geworden, versuchte aber weiterhin stur, sich zu befreien, unter Tränen und voller Entsetzen.
Immer wieder blickte er hinüber zu Frodos Frau, die sich nicht rührte, er konnte das Blut sehen und hörte sie unablässig weinen.
Doch nach schier endloser Zeit riß der Strick und mit einem Ruck hatte Sam sich von seinen Fesseln befreit. Taumelnd stürzte er in Lilianes Richtung, er kniete sich zitternd neben ihr nieder und ergriff ihre Hand, woraufhin sie wie weggetreten den Blick auf ihn lenkte.
Vorsicht, flüsterte er achtsam, griff ihr sanft unter die Arme und hob sie fast zärtlich an, um sie in seine Arme zu ziehen.
Mit einem Arm hielt er sie fest an sich gepreßt, während er mit der anderen Hand versuchte, sie von ihren Fesseln zu befreien. Blut klebte bald an seinen Händen, das Blut von ihren aufgescheuerten Wunden, aber er gab nicht auf, er mußte bei ihr sein.
Als er es endlich geschafft hatte, lehnte er sich seufzend an die Wand und zog Liliane auf seinen Schoß, strich ihr über den Kopf und wiegte sie tröstend in den Armen. Dennoch hörte sie nicht auf, zu weinen.
Frodo... flüsterte sie immer wieder. Mein lieber Frodo...
Selbst im Schlaf waren seine jahrelang als Waldläufer erprobten Sinne noch geschärft. Eomer hatte Wache über Aragorns tiefen Erschöpfungsschlaf gehalten, aber als sich jetzt in der benachbarten Zelle etwas rührte, schlug Aragorn die Augen auf und bat Eomer im Flüsterton darum, sich an ihn lehnen zu dürfen, damit er sich aufrecht setzen konnte. Gefesselt und mit gebrochenen Rippen war es ihm unmöglich, sich ohne Hilfe zu bewegen.
Er hatte das Knirschen des Schlüssels im Schloß wahrgenommen und glaubte jetzt, drüben Stimmen zu hören.
Wessen Zelle ist das? fragte er Eomer leise.
Ich glaube, darin befinden sich Sam und meine Schwester.
Und Liliane, sie haben Frodos Frau zu ihnen gebracht, murmelte Aragorn leise und lauschte. Was dort drüben geschah, konnte vieles sein, noch hatte er keinen bestimmten Verdacht.
Alles war vorerst ruhig. Aber es dauerte gar nicht lange, bis sich auf einen Schlag ein tobendes Geschrei erhob, panische und zornerfüllte Rufe drangen an sein Ohr, daß auch Aragorn mit einem Schlag aufgeregt wurde. Eomer erging es kaum anders.
Was zum Balrog geschieht dort? murmelte Aragorn und lauschte zum Zerreißen gespannt. Sams Gebrüll wurde immer lauter, doch Eowyn verstummte mit einem Male und er konnte nur noch die Hobbits hören.
Dann schrie Liliane voller Panik und Furcht, daß es ihm durch Mark und Bein ging.
Nein! zischte er. Hilf mir auf, Eomer!
Irgendwie schafften die beiden es, Aragorn auf die Beine zu bringen. So gut es ging, stolperte er zur Tür und trat hart dagegen, so gut er konnte.
Hört das sofort auf! brüllte er laut, aber es erfolgte keine Reaktion. Sam schrie noch immer, aber sonst konnte er nichts mehr hören.
Er wird doch wohl nicht... wisperte Eomer voller blankem Entsetzen, denn er befürchtete fast, daß die beiden Frauen tot waren - oder so gut wie.
Nein, widersprach Aragorn. Ich weiß nicht, was deiner Schwester widerfahren ist, aber bei uns gab es jemanden, der Liliane nachgestellt hat...
Eomers Augen weiteten sich. Die beiden starrten sich unbeweglich an, weil sie nicht wußten, was drüben in diesem Moment geschah.
Eowyn! rief Eomer, so laut er konnte. Er erhielt keine Antwort, da seine Schwester keine geben konnte, obwohl sie ihn hörte.
Aragorn rührte sich nicht. Schwer gegen die Tür gelehnt stand er da, lauschte mit geschlossenen Augen und hatte sich schließlich so gut konzentriert auf das, was er hören wollte, daß er es auch wirklich wahrnahm.
Er hatte Lilianes Stimme gehört, er hörte Sam und er hörte die viel tiefere Stimme eines Dunländers. Es wurde stiller, doch nach es dauerte nicht lange, bis lautes Schluchzen an seine Ohren drang. Schritte waren zu hören, dann schlug die Tür wieder zu, der Schlüssel wurde im Schloß gedreht und die Schritte entfernten sich.
Ein zufriedenes, gutgelauntes Pfeifen, das sich langsam entfernte, nahm Aragorn am Rande blinder Wut wahr.
Sein Atem ging unruhig, er lauschte noch immer angespannt und fragte sich, was geschehen war. Sein Verdacht war zu schrecklich, als das er ihn hätte aussprechen können, und er hatte das schreckliche Gefühl, daß er Recht behalten sollte.
Eomer starrte ihn stumm an.
Was ist nur mit Eowyn? flüsterte er. Aragorn gab keine Antwort. Er hatte nicht genug gehört, um genug zu wissen.
Jetzt hörte er jedenfalls Sams Stimme und dann Lilianes. Sie war es, die bitterlich weinte.
Aragorn schluckte schwer. Er war unfähig, sich zu rühren, er stand einfach nur da und wollte dieses Bild ausbrennen, was sich da nicht mehr aus seinem Kopf vertreiben ließ.
Er brauchte ein paar Minuten, um wieder zu sich zu kommen.
Sam? rief er ganz unvermittelt und laut.
Sam!
Er mußte noch ein drittes Mal nach dem Hobbit rufen, bevor er eine dünnstimmige Antwort erhielt.
Aragorn? Bist du das?
Ja, Sam. Sag mir, was passiert ist!
N-nein... das geht nicht, Streicher... das geht nicht...
Die beiden Könige warfen sich vielsagende Blicke zu.
Seid ihr alle wohlauf? rief dann Eomer.
Nein... Eowyn ist verletzt, aber sie lebt...
Eomer spürte, wie blinde Wut sich seiner bemächtigte. Was ist los? Hat dieser Bastard ihr etwas angetan?
Sie hat eine Kopfverletzung, weiter nichts, antwortete Sam mit erstickter Stimme.
Nichts? fragte Eomer.
Nein... Sams Stimme bebte. Daß er weinte, konnten die beiden zweifellos erkennen.
Aragorn schüttelte stumm den Kopf. Er wußte, daß es nicht Eowyn war, um die es jetzt ging.
Kümmere dich um Liliane, hörst du? rief er hinüber. Aber er wollte seinen Verdacht noch bestätigt wissen.
Sie braucht dich doch, Sam, jetzt braucht sie dich, oder nicht?
Daß er keine Antwort bekam, war für Aragorn auch eine Antwort. Er löste sich von der Tür und ging langsam durch die Zelle, daß er Eomer schon vorkam wie ein gefangenes Tier.
Würdest du mir deine geheime Erkenntnis vielleicht mitteilen? fragte der rohirrische König eine Spur zu bissig.
Kannst du es dir nicht denken?
Eomer schüttelte den Kopf. Aragorn seufzte und senkte die Stimme, als er zu sprechen begann.
Dieser Kerl hat nur darauf gewartet, daß er in aller Ruhe über sie herfallen kann. Ich kenne deine Schwester, Eomer, sie hat Liliane sicherlich auf ihre ganz eigene, aufsässige Art helfen wollen, deshalb liegt sie wohl jetzt bewußtlos da und ist verwundet. Sie ist es nicht, die der Kerl wollte...
Du meinst... begann Eomer, doch er beendete den Satz nicht, als er Aragorns niedergeschlagenes Nicken sah.
Das geht zu weit, das können die nicht...
Die können alles, Eomer! Ich wette, daß auch deine Schwester noch dran ist, ich wette, daß bald der dritte von uns tot ist und sich zu Frodo und Gimli gesellen darf!
Er verstummte und ließ sich erschüttert in einer Ecke des Verlieses zu Boden sinken. Wie gelähmt fühlte er sich, aber er wußte, daß er es ihnen nicht leicht machen würde. Nicht, bis er tot war.
Sie sagten beide nichts mehr. Es dauerte allerdings nicht lang, bis wieder jemand kam und diesmal auf der anderen Seite an ihrer Zelle vorbeilief.
Wenn es irgendein Bastard wagen sollte, die Frauen anzurühren, lernt er mich kennen! brüllte Aragorn wütend aus seiner Ecke, ohne sich zu bewegen. Eomer starrte ihn verblüfft an, sagte aber nichts.
Es kam nicht einmal eine Antwort von draußen.
Jemand machte sich an einer anderen Tür zu schaffen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich weiterhin etwas rührte, und es war Bergils Stimme, die Aragorn hörte.
Sie brachten jemanden fort, aber es war nicht Bergil, sondern einer der beiden anderen.
Bergil wiederholte seine Frage, aber es geschah nichts.
Aragorn wurde bald verrückt in der Zelle. Mit Hilfe von Eomer erhob er sich wieder, hörte sich entfernende Schritte und ging dann wieder hinüber zur Tür.
Was ist los, Bergil?
Sie haben Legolas mitgenommen, kam die Antwort von drüben, die nüchterner klang, als sie gemeint war, wie Aragorn wußte.
Er sog scharf die Luft ein. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit.
Bergil döste vor sich hin und schrak plötzlich hoch. Er hörte Schritte auf die Zellentür zukommen und tauschte einen vielsagenden Blick mit Merry, um danach zu Legolas zu sehen. Der Elb verzog keine Miene. Niemand konnte in diesem Moment erahnen, was Legolas dachte und niemand erkannte seine Aufgewühltheit in diesem Moment. Der Elb fühlte, dass sie wegen ihm kamen. Sein elbischer Instinkt sagte ihm das, ohne, dass er den kleinsten Hinweis dazu brauchte. Dennoch rührte sich der Elb mit keinem Muskel seines Körpers und schon gar nicht zeigte er Angst. Dies würde nichts nützen, es zeigte lediglich wie verletzlich auch er war und das würden diese finsteren Dunländer noch früh genug selbst herausfinden, dessen war sich Legolas bewusst. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf die Gefangenen frei, die nebeneinander an die Wand gebunden waren. Finster ließen zwei Dunländer den Blick nacheinander über jeden Gefangenen schweifen. Keiner der Gefesselten blickte ihnen in die Augen und dennoch trafen die Dunländer recht schnell ihre Wahl. Einer nickte in Legolas Richtung und schon kamen die Männer auf den Elb zu, während Bergil und Merry ihr Tun nur mit gemischten Gefühlen beobachteten. Legolas wurden an seinen Armen die Fesseln abgenommen und man band ihm die Beine zusammen. Dann wurde er gepackt und aus der dunklen Zelle geschl eift. Zwei Männer hielten ihn an jeweils einem Arm, so dass der Elb keine Chance hatte zu entkommen.
Wartet, wo bringt ihr ihn hin, hallte Bergils Stimme dumpf in der kleinen Zelle wider. Der Leibwächter wurde das Gefühl nicht los, dass er den Elb so schnell nicht wieder sehen würde, wenn überhaupt
Er bekam jedoch keine Antwort, auch nicht, als er seine Frage energischer wiederholte. Die Tür fiel knarrend ins Schloss und zurück blieben nur Bergil und Merry, die sich entsetzt ansahen.
Legolas wurde über die Brücke geführt, die nun die Leere unter ihnen überbrückte. Er versuchte im Vorübereilen die Zellen der anderen zu erblicken, doch es gelang ihm nicht, die Männer hielten ihn immer so fest, dass er nicht nach hinten sehen konnte. Sie bogen hinter der Brücke in einen kleinen Gang und zogen Legolas eine Treppe hinunter und der Elb meinte ein paar Mal, dass ihm die Beine gebrochen wurden, da sie zusammengebunden waren und immer wieder auf den Treppenstufen aufschlugen. Legolas versuchte ein Bild von der Räumlichkeit um ihn herum zu erhaschen, er wollte sich die Örtlichkeiten einprägen, denn in seinen Gedanken hoffte er immer noch auf eine Fluchtmöglichkeit. Sie kamen vor einer alten, steinernen Tür an, die wie von Geisterhand aufschwang und den Blick auf einen dunklen Raum freigab. Legolas wurde hineingezogen und hinter ihnen schwang die Tür wider zu. Der Elb kniff die Augen zusammen, um den Raum besser begutachten zu können, doch was er sah, erschreckte selbst sein tapferes Elbenherz!
Ketten waren an den Wänden und spitze Haken ragten hinaus, die halb so dick waren wie Legolas Arm und an deren Spitzen eine dunkle Masse klebte, die wie geronnenes Blut aussah. Ein Tisch stand in der Mitte, ganz aus Stein, auf dem einige Knochen lagen. Legolas wusste, das sie menschlich waren
Messer lagen auf dem Boden und zwei Speere mit verdreckten aber scharfen Spitzen. Noch während Legolas sich umsah, hörte er ein Rauschen, wie von Flügeln und mehrere Fackeln entzündeten sich an den Wänden, die die ganze Schrecklichkeit des Raumes preisgaben. Ein Lachen ertönte, ein Geist schien unter der steinernen Decke zu schweben.
Legolas hob den Blick und versuchte im Antlitz der beiden Männer erkennen zu können, was nun geschehen sollte.
Unsterblich? Ist das so, Elb, fragte einer der Männer hämisch.
Legolas gab keine Antwort und wurde im nächsten Moment auf den steinigen Boden geschleudert. Bist du unsterblich oder nicht, wollte der Mann wieder wissen, doch Legolas war damit beschäftigt sich von dem harten Fall zu erholen und antwortete erneut nicht.
Nur so lange man nicht das Leben gewaltsam aus ihm herausreißt, hallte eine geisterhafte Stimme von der Decke her.
Das werden wir sehen, hauchte der Mann und ging zu dem Elb hinüber. Legolas bemerkte, dass er die Hände im Moment frei hatte und beschloss diese Chance zu nutzen, er wusste, dass er nichts zu verlieren hatte. Schnell riss er sich die bereits lockeren Fesseln von den Füßen und stützte sich ab. Er eilte zu einem auf dem Boden liegenden Messer und griff es sich.
Entschlossen blickte er seine Feinde an, die mit einem Schmunzeln zurückwichen. Im selben Augenblick erschien vor Legolas ein Geist, der einen der beiden Speere aufhob und mit seinem knöchernen Grinsen auf den Elb zuschwebte. Legolas kannte den Geist und im selben Moment wurde er sich dessen bewusst, dass er einen fatalen Fehler begangen hatte. Er hatte nicht die geringste Chance im Kampf gegen einen Geist und schon gar nicht gegen diesen. Es war Wulf, der vor ihm schwebte und dessen Grinsen Legolas beinahe schon einlud ins Totenreich zu kommen. Legolas wusste, dass er bereits verloren hatte und er wusste auch, dass wenn ihn Wulf oder einer der anderen Männer jetzt in die Hände bekam, er hoffnungslos verloren war im Grunde war er das schon jetzt.
Du willst kämpfen? Fein, wie wäre es mit einem Gegner, den du nicht siehst, raunte Wulf und verschwand im selben Augenblick. Nur der Speer blieb in der Luft hängen und schnellte auf Legolas zu. Blitzschnell sprang der Elb zur Seite weg und wich dem Speer aus, der ihm folgte und drohend hin und her schwang, begleitet von einem düsteren Lachen.
Heißt es nicht, ihr Elben würdet nach dem Tod in Mandos Hallen kommen? Man sagt nur eure Körper würden sterben und Mittelerde verlassen. Ich verspreche dir, dass ich deine Seele auffangen werde, noch bevor sie in die Hallen geht. Sie wird hier umherwandeln bis in alle Ewigkeit, wenn du erst tot bist
Legolas erschrak, dieser Geist begnügte sich nicht ihn nur zu töten, er würde ihn noch nach seinem Tot versuchen zu quälen! Legolas bemerkte wie seine sonst so scharfen Sinne von der Furcht gelähmt wurden, die nun in ihm aufkeimte. Der Speer schnellte wieder auf ihn zu und der Elb wich dem von Geisterhand geführten Speer wieder aus und rollte sich über den Boden. Dann sprang er wieder auf die Füße, ließ das Messer fallen und hob die Arme als Geste des Ergebens in die Luft. Legolas wusste, dass es besser war Wulf nicht zu erzürnen, da dieser den Kampf sowieso gewinnen würde. Der Elb war verloren, so oder so, jetzt galt es nur noch der Qual so weit wie möglich zu entkommen. Der Kampf ist nicht gerecht, ich ergebe mich, sagte Legolas möglichst entschlossen und visierte den Speer vor sich an.
Ach wirklich? Das freut uns alle, spottete Wulf und ließ den Speer nach vorne schnellen, so dass er Legolas Schulter durchbohrte.
Der Elb ging begleitet von einem Schmerzensschrei in die Knie. Das Gewicht des langen Speeres bereitete starke Schmerzen in der Wunde und so versuchte der Elb den Speer mit der anderen Hand hinauszuziehen.
Lass mich das machen, Elb, raunte einer der Männer und zog den Speer mit einem Ruck heraus, so dass Legolas erneut laut aufschrie. Blut schoss aus der Wunde und färbte Legolas Kleidung rot. Der Elb fiel schmerzverzerrt auf den Boden und blieb benommen liegen. Mit seinem gesunden Arm drückte er auf die große Wunde in seiner Schulter um die Blutung zu stillen. Legolas keuchte angestrengt und hörte Wulf wieder näher an sich heran schweben.
Du weißt dass du verloren bist, nicht wahr? Auch ich kenne das Gefühl der Angst zu sterben, es ist das Einzige, an das ich mich noch richtig erinnern kann. Diese Angst, die einem die Kehle zuschnürt und die einem glauben lässt, dass Herz würde einem aus der Brust springen
Diese Angst vor Schmerz oder vor dem was kommt, nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen, spürst du sie, Elb? Jetzt wo ich schon so lange tot bin, kann ich die nur belächeln, die den Tod noch vor sich haben. Und besonders belächele ich so welche wie dich, die kurz davor stehen
Legolas gab nur ein angestrengtes Stöhnen von sich.
Ich kann dein Herz förmlich schlagen hören in diesem angstvollen Rhythmus und ich könnte zu seinem Takt tanzen, so viel Freude bereitet es mir, sagte Wulf und lächelte bösartig.
Legolas war bleich im Gesicht und schloss nur die Augen, es gab nichts, was er erwidern konnte, doch er hörte selbst sein Herz ängstlich schlagen und es machte ihm noch mehr Angst, dass Wulf es hörte und sich daran erfreute.
Ihr seit dran, Männer, ich bin nur Zuschauer. Macht ihn unschädlich, raunte Wulf plötzlich und schwebte einige Fuß von Legolas entfernt zurück.
Unschädlich? Herr, er bewegt sich kaum noch
, ließ ein Mann vorsichtig verlauten und blickte Legolas an, der seine gesunde Hand zu einer Faust geballt hatte und immer noch versuchte die Blutung seiner Wunde, die Wulf ihm eben zugeführt hatte, zu stoppen. Das Blut rann nur so seine Finger entlang und tropfte auf den Boden.
Elben sollen gewitzt sein habe ich gehört, also macht ihn unschädlich, donnerte Wulf, so dass der Boden erzitterte und sah den leichenblassen Elb an.
Die Männer ließen sich nicht ein weiteres Mal auffordern und schritten auf den hilflosen Elb zu.
Also bluten kannst du
Ein Zeichen, dass du sterblich bist, stellte ein Mann trocken fest und packte Legolas gesunden Arm. Und damit du nicht wieder auf dumme Gedanken kommst und zu irgendwelchen Waffen greifst, beugen wir dem jetzt vor, fügte der Mann düster hinzu und sah seinen Herrn demütig an. Instinktiv zog der Elb seinen Arm zurück und spannte alle Muskeln an, so dass nichts geschah, als der Mann ruckartig an seinem Arm zog, außer dass der Elb mit nach vorne gerissen wurde und eine unübersehbare Blutspur auf den Steinen hinterließ.
Na schön, es geht auch anders, grollte der Mann und holte einen Holzstock. Legolas drehte sich auf den Bauch und kroch hilfesuchend zur Tür, obwohl er wusste, dass ihm das nichts nützte, über ihm hörte er Wulfs grausame Lache.
Pass auf, Elb. Da ich ein barmherziger Mann bin, werde ich dich vor eine Wahl stellen. Ich würde gerne deinen anderen Arm unschädlich wissen, entweder du gibst ihn mir und hörst auf dich zu wehren, dann ist dein Knochen mit einem kurzen Ruck aus dem Gelenk, oder aber du bist stur, dann werde ich von meinem Stock gebrauch machen und zertrümmere dir den Arm. Wie also hättest du es gerne, fragte der Mann und lachte.
Legolas stand das blanke Entsetzen im Gesicht geschrieben. Das war eine grausame Wahl
Er blickte mit vom Schmerz gezeichnetem Gesicht auf und wollte etwas sagen, doch seine Lippen zitterten nur und kein Ton verließ seine Kehle. Der Mann kam auf ihn zu und zog seinen Arm von der Wunde. Der Blutfluss wurde wieder stärker und Legolas widerstand nur um Haaresbreite der Versuchung, den Arm wieder auf die Wunde zu legen.
Spannst du auch nur einen Muskel an, schlage ich zu, drohte der Mann und zeigte Legolas gefährlich den Stock.
Hat der Schutz der Valar mich verlassen, schoss es Legolas durch den Kopf und im selben Moment spürte er einen unerträglichen Schmerz in seiner rechten Schulter. Trotzdem der Knochen schon längst aus dem Gelenk gesprungen war, hörte der Mann nicht auf an seinem Arm zu ziehen, so dass der Elb beinahe rasend wurde vor Schmerz. Blitzartig drehte er sich wieder herum und verbarg schreiend seinen Arm unter seinen Körper.
Wulf nickte seinem Ergebenen anerkennend zu und schwebte über Legolas hinweg. Greifst du jetzt noch zu einer Waffe, Prinz vom Düsterwald? Der Schmerz, sowohl körperlich, als auch seelisch, zwingt euch alle in die Knie, ob ihr nun unsterblich seid oder nicht. Wenn du erst tot bist, Elbenprinz, wirst du den Schmerz nie wieder fühlen, freut dich das nicht?
Legolas konnte nicht antworten. Er lag immer noch zusammengekauert auf dem Boden und bot einen schrecklichen Anblick. Seine Kleidung war voller Blut und nichts mehr an ihm erinnerte an die Würde und den stolz den er einst trug.
Einer der Männer ging zu Legolas in die Knie, berührte mit seinem Finger Legolas blutige Kleidung und leckte danach gierig über seinen Finger.
Elbenblut
Es ist süßer als das der Menschen, flüsterte der Mann vor sich hin.
Wer hat dir erlaubt von ihm zu kosten? Er ist mein, fauchte Wulf und sorgte damit dafür, dass der Mann sich demütig zurückzog. Aber Herr, ihr könnt doch nicht mehr
Schmecken? Ja, aber ich erinnere mich an den Geschmack des Blutes, wenn ich ihn so sehe, antwortete Wulf zornig und deutete auf Legolas. Dein schmutziger Finger wird ihn nicht noch einmal besudeln. Die Erinnerung ist fast so gut, wie der Geschmack selbst
Dann hielt Wulf plötzlich inne.
Wie sagtest du schmeckt sein Blut?
Es ist süßer als das der Menschen, antwortete der Mann kleinlaut.
Neugierig schwebte Wulf um Legolas herum. Beinahe verfluche ich es jetzt, dass ich nicht mehr kosten kann
Und dennoch
Ich will sein ganzes Blut! Der Lebenssaft ist zu kostbar, als das er hier in den Steinen versickert!
Legolas keuchte und drehte sich auf die Seite, weil er es nicht mehr ertrug auf seinen verletzten Armen zu liegen.
Herr, sollen wir
, begann ein Mann demütig seine Frage. Wulf nickte und verzog das bisschen Haut auf seinem Schädel zu einer gierigen Fratze.
Obwohl Legolas in seiner Pein nicht alle Worte verstand, verstand er doch genug um zu wissen, dass er nun des Todes war. Mit seinen noch verbleibenden Kräften begann er sich über den Boden zu ziehen, weg von den grausamen Menschen, weg von diesem noch viel grausameren Geist.
Aber wo willst du denn hin, fragte einer der Männer spöttisch, als Legolas sich stöhnend über den Boden zog. Er packte den Elb bei den Schultern, so dass dieser wiederum einen markerschütternden Schrei ausstieß und hob ihn in die Höhe. Der andere Mann währen dessen zog eine hölzerne Schüssel unter dem Tisch hervor und stellte sie an die Wand unter einen der langen, spitzen Haken. Legolas wand den Kopf, als der Mann sich mit ihm in Bewegung setzte, um zu sehen, was ihn nun erwarten würde und als er es erkannte, versuchte er sich mit seinen starren Fingern in den Armen des Mannes festzukrallen. Keuchend stieß er einen Laut des Entsetzens und der puren Angst aus und schon im nächsten Moment spürte er ein scharfes, unerträgliches Brennen in seinem Rücken. Sein Fleisch wurde durchbohrt, und alles, was sich an Muskeln und Knochen im Weg befand wurde zerfetzt. Der Schrei, den Legolas ausstoßen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken und wurde vom Blut überholt, das seine Kehle hinaufstieg. Aus dem Hals des Elben kam nur ein Gurgeln und danach ein Schwall Blut, der seine Mundwinkel hinunterlief. Kaum ein Geräusch konnte er mehr machen nur noch ein heiseres Wehklagen ging von Legolas aus. Blut schoss seinen Bauch entlang, rann seine Beine hinunter und tropfte in die hölzerne Schüssel. Ebenso suchte sich das Blut auf der anderen Seite einen Weg über Legolas Rücken hinunter in die Schüssel. Die blauen Elbenaugen sahen die Männer vorwurfsvoll und voller Schmerz an, die ihr Werk musterten.
Der Mann hatte den Elb kaltblütig auf den Haken an der Wand gespießt. Er war hinten in der Mitte von Legolas Körper, kurz neben der Wirbelsäule eingetreten und ragte unterhalb seiner Brust in der Mitte wieder heraus. Blut tropfte auch von der Spitze hinab und kleckste sirupartig in die Schüssel.
Er ist nicht tot, stellte einer der Männer nach Betrachten des Elben fest. Legolas spuckte erneut Blut und seine Lippen zitterten.
Wenn schon. Lasst ihn hier, der rennt nirgendwo mehr hin und sein kostbarer Lebenssaft wird aufgefangen. Lasst ihn bluten, in ein paar Stunden ist er tot, dann kommen wir wieder, raunte Wulf und entschwand auch schon. Die Männer folgten ihm schulterzuckend und verließen den Raum durch die Tür. Jetzt in der Stille und der Einsamkeit war Legolas leises Wehklagen noch deutlicher zu hören als vorher. Der Elb wünschte sich den Tod herbei, sein Körper schmerzte so unerträglich, sein Blut machte ein so beängstigendes Geräusch, als es in die Schüssel tropfte. Dennoch wollten den Elben die Kräfte nicht verlassen. Seine Füße waren nur kurz überhalb des Bodens der Schüssel und so versuchte er ihn zu erreichen, in dem er seine Beine bewegte. Doch der Schmerz war zu groß und so ließ er beinahe wimmernd von seinem Vorhaben wieder ab. Legolas schloss die Augen, er konnte den Anblick der blutverschmierten Hakenspitze, die aus seinem Körper ragte vor sich nicht ertragen. Warum hatten diese Menschen ihn nicht einfach getötet? Warum spielte ihm das Schicksal so grausam mit? Nicht mal die Arme konnte er bewegen, er konnte sie nur hängen lassen, was ihn ebenfalls schmerzte. Legolas dachte an seine Freunde. Er hoffte sehr, dass ihnen ein schnelleres Ende als ihm vorbestimmt war, denn dass das Ende sein würde, daran hatte der Elb keinen Zweifel mehr. Wie zur Bestätigung tropften wieder ein paar Tropfen des Blutes dumpf in die Schüssel unter ihm.
Er hatte in sturer Lethargie dagesessen und sich nicht gerührt. In seinen düsteren Gedanken malte er sich aus, wie sie einer nach dem anderen zu Tode gequält würden - begonnen hatte es bereits.
Er wußte, was Liliane widerfahren war. Eowyns Kopfverletzung kam erschwerend hinzu und Legolas war bereits verschwunden.
Aragorn kannte in diesem Moment jedoch keine Angst, sondern nur Wut.
Er würde ihnen zeigen, was er von ihnen hielt, wenn er die Gelegenheit dazu bekam.
Und diese sollte früher kommen als erwartet. Legolas war noch nicht allzu lang fort, als sich wiederum Schritte näherten - und zwar ihrer Zelle.
Im nächsten Moment schwang sie auch schon auf, gab den Blick frei auf drei Dunländer, die mit belustigt schiefem Grinsen dastanden und die beiden Könige anstarrten.
War da vorhin jemand vorlaut? fragte einer spöttisch. Es war derjenige, den auch Aragorn sofort als den erkannte, der Liliane nachgestellt hatte.
Ich war zu spät, ich weiß! erwiderte Aragorn bitter, dem Mann geradeaus in die Augen schauend.
In der Tat... war mal etwas neues, es hat seinen ganz eigenen Reiz, wenn sie viel kleiner ist!
Ungeachtet seiner Fesseln und seiner gebrochenen Rippen schaffte Aragorn es diesmal, verhältnismäßig schnell aufzustehen und dem Mann gegenüberzutreten.
Ein Bastard wie du verdient nichts weiter als einen baldigen Tod und einen ewigen Aufenthalt in Morgoths Finsternis! brüllte Aragorn dem Kerl entgegen, der nur hämisch lachte.
Oh, wir werden Euch schon ruhigzustellen wissen. Los! befahl ein anderer. Eomer mußte mitansehen, wie Aragorn gepackt und aus der Zelle gezerrt wurde, dann schlug die Tür vor seiner Nase zu und er war allein.
Ihr seid der größte Abschaum unter der Sonne! brüllte Aragorn zornig, woraufhin er kurzerhand mit einem abscheulich scharf stinkenden Stoffstück geknebelt wurde. Seine Augen brannten schier vor Wut, als man ihn unter den Armen packte und über die Brücke fortbrachte von den Verliesen an einen anderen Ort.
Es ging in einem schmalen Gang unweit der Verliese eine lange Treppe hinab. Finster war es um sie herum und Aragorn konnte nur wahrnehmen, wie die Männer sich auf Adunaisch unterhielten, so daß er nichts verstehen konnte. Höhnisches Gelächter begleitete ihr Gespräch fast ständig.
Er war sich selten so entwürdigt vorgekommen. Da schleiften diese dreckigen Sklaven eines Geistes ihn gefesselt und geknebelt irgendwohin, vermutlich um ihn einem langsamen, grausamen Tod entgegenzutreiben.
Er verbot sich alle Angst und starrte teilnahmslos auf das rotflackernde Licht am Ende dieses Tunnels, das von einer Fackel stammte, deren Flamme ihm wie Blut erschien.
Dieselbe unvermeidliche Todesangst packte ihn wieder, die er schon beim Aufstieg auf diesen Berg gespürt hatte. Aragorn rang nach Luft, verspürte langsam den unwiderstehlichen Drang, zu fliehen, aber er wurde so unerbittlich festgehalten, daß er daran gar nicht erst zu denken brauchte.
Und dann sah er ihn. Man führte ihn nur noch um eine Ecke und in eine der vielen Folterkammern Wulfs, die nach altem Blut und verwestem Fleisch stanken, daß es ihm die Kehle zuschnürte.
Blut war Legolas übers Kinn gelaufen und nicht geronnen, weil er immer weiter Blut spuckte unter Todesqualen. Seine einst so würdevolle Kleidung war blutdurchtränkt bis zu den Knien und weiter, seine Schulter zerfetzt, sein Gesicht schmerzentstellt. Aragorns Blick fror an dem riesigen Haken fest, der aus dem schlanken Elbenkörper ragte.
Er war nicht tot. Legolas war noch nicht tot, aber er würde sterben, sein sonst unsterbliches Leben stand kurz vor seinem zweifellosen Ende.
Nie war Aragorn derart entsetzt gewesen. In den von Todesangst weit aufgerissenen Augen seines Freundes konnte er einen stummen Hilfeschrei erkennen, dem er vor Angst seine Stimme verlieh, die nicht einmal sein Knebel ersticken konnte.
Reglos hing Legolas da und flehte um Erlösung, die Aragorn ihm so gern gegeben hätte. Er wollte den Namen seines Freundes rufen, was dieser auch verstand, aber helfen konnte er ihm nicht.
Es war selten in seinem Leben vorgekommen, doch in diesem Moment weinte Aragorn, er trauerte um seinen sterbenden Freund, bevor dieser tot war, denn das Mitgefühl drohte ihn schier zu zerreißen. Alles hätte er dafür gegeben, um Legolas zu erlösen.
Tränen strömten über seine Wangen. Daß man ihn losgelassen hatte, spürte Aragorn gar nicht, er stand mit zitternden Knien keine sechs Fuß von Legolas entfernt und wollte ihm dadurch Kraft geben, daß er ihn ansah, er wich seinem von Qualen gezeichneten Blick nicht aus.
Leb wohl... Elessar... brachte Legolas blutspuckend hervor. Aragorn senkte kurz den Kopf und nickte dann unter Tränen. Er hätte so gern etwas gesagt.
Er war selbst wie gelähmt vor Schmerz. Teilnahmslos ließ er sich wieder fortbringen, als die Männer die Geduld verloren.
Sein Blick war wie vernebelt. Er konnte alles nur noch in einem Blutrot sehen, selbst die Finsternis, die ihn umschloß, erschien ihm in diesem tiefen Rot.
Sein Wille war in diesem Moment gebrochen. Aragorn flehte zu den Valar, daß sie Legolas erlösen, an seiner Stelle diesen Freundschaftsdienst erweisen sollten.
Selbst als er die Augen schloß, sah er nur Rot. Ein Luftzug wie ein kalter Hauch des Todes streifte ihn, als sie den Tunnel wieder verließen, und unwillkürlich schlug er die Augen wieder auf, um etwas Licht zu sehen.
Es war noch immer rot.
Als er die Gestalt sah, drangen auch die Stimmen an seine Ohren. Aragorn entfuhr ein Schrei der größten Todesangst, weil er nicht mehr wußte, ob er sich im Wahn oder noch im Leben befand. Es war zuviel. Er hörte Lilianes Schrei und sah Legolas, jetzt einen Toten...
Sie blieben stehen.
Sechstes Kapitel
Gimli ließ das Elbenschwert nicht mehr los. Ähnlich wie auf den Pfaden der Toten hatte er sofort gespürt, daß etwas abgrundtief Böses in der Luft lag, da waren üble Kreaturen mit noch übleren Absichten, auch wenn er sie noch nicht sehen konnte.
Es war todeskalt. Anders hätten sie es nicht beschreiben wollen, denn es war trocken kalt und die Luft roch stechend nach faulem, verbranntem Fleisch. Der Gestank nahm ihnen die Luft zum Atmen fast gänzlich.
Frodo schloß für eine Sekunde die Augen und hätte er es nicht besser gewußt, hätte er geglaubt, daß er sich irgendwo im tiefsten Mordor befand. Es kam ihm fast vor wie im Turm von Cirith Ungol. Reflexartig zog er sein Schwert, damit er sich nicht gänzlich wehrlos wußte, und als er die Augen wieder öffnete, schrak er zusammen.
D-da sind tote Gesichter... stammelte er mit bebender Stimme. Taidol...
Dieser drehte sich kurz zu ihm um mit einem warmen Lächeln.
Ich weiß. Sagte ich nicht, es würde nicht angenehm? Und es ist erst der Anfang. Dieser Ort kennt nichts als den Schrecken, aber verzagt nicht.
Der hat gut reden! brummte Gimli von der anderen Seite, aber auch er folgte Taidoloth weiterhin.
Es war finster, wenn man von diesem seltsamen grünen Lichtschimmer absah, der alles in ein fahles Leuchten hüllte. An den Wänden sahen auch sie die Totenschädel und hörten die Knochen der über ihnen befindlichen, nicht ganz tot scheinenden Skelette rasseln. Eine Gänsehaut überlief Frodo eiskalt, als die klammen Finger des Todes nach ihm zu greifen schienen.
Weg! rief er und hob in einer abwehrenden Geste das Schwert, woraufhin Taidoloth sofort auf ihn zusprang, seine Hand hinunterdrückte und ihm den Mund zuhielt.
Ruhig, kleiner Freund. Noch haben sie uns kaum bemerkt, bete zu den Valar, daß es so bleibt und sei still!
Aber es war bereits zu spät. Sie mußten nur ein kleines Stück weitergehen und glaubten erst an Einbildung, als schemenhafte Lichtgestalten an ihnen vorüberhuschten, aber in der Tat waren da Geister.
Als Gimli sich einmal umsah, stellte er entsetzt fest, daß sie bereits von den Geistern verfolgt wurden, aber es kam schlimmer. Frodo bemerkte es erst nicht bewußt, aber als er immer tiefer hineinging, spürte er etwas feuchtes an seinen Füßen, das ihm eigentümlicherweise warm erschien und als er einen seiner im Dunklen verschwundenen Füße aus der dunklen Masse hob, stellte er mit einem entsetzten Aufschrei fest, daß er durch Blut watete.
Bei den Valar! rief er panisch und stolperte rücklings gegen die Wand, fiel dort jedoch nur in die ausgebreiteten Arme eines von Spinnweben überzogenen Skelettes.
Fast befiel ihn Todesangst. Daß er nicht völlig durchdrehte, hatte er nur Taidoloths schneller Reaktion zu verdanken, denn der junge Mann zog ihn sofort zu sich heran und schloß ihn beruhigend in die Arme.
Keuchend preßte Frodo sich an ihn. Gimli starrte derweil die sie umgebenden Geister düster und drohend an, was diese jedoch in keinster Weise zu beeindrucken schien.
Flüsternde Stimmen drangen an ihre Ohren. Als Frodo in Taidoloths Gesicht schaute, sah er das Blitzen in seinen Augen, die ihm nicht mehr wie die vertrauenserweckenden Rehaugen erschienen, mit denen er ihn kennengelernt hatte.
Die Geister hatten sie in einem Kreis eingeschlossen. Die drei Eindringlinge sahen sich umrundet von schemenhaften Gestalten, deren kaltes Wispern sie erschaudern ließ.
Gorh akan! rief Taidoloth. Frodo und Gimli konnten nur vermuten, was diese adunaischen Worte bedeuteten, aber tatsächlich hielten die Lichtgestalten, die sich bislang langsam genähert hatten, inne. Unverständliches Gemurmel folgte darauf, aber Taidoloth ließ sich nicht beirren und zeigte sein Schwert. Frodo hatte die Klinge noch nie derart deutlich sehen können, doch jetzt erkannte er, daß es sich dabei eindeutig um dunländisches Machwerk handelte.
Ein leichter Luftzug, wie vom Todeshauch durchwirkt, fuhr über sie hinweg. Taidoloth hielt unbeirrt sein Schwert hoch und sprach erneut auf Adunaisch, spielte bereits mit dem Gedanken, sich offen als Werwolf zu zeigen, aber was auch immer er sagte, es zeigte Wirkung. Mit einem Male wichen die Geister zurück und verschwanden. Es wurde wieder still.
Dafür verdienst du meinen gesamten Respekt! murmelte Gimli, der wie Frodo am ganzen Leib zitterte, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte.
Taidoloth lächelte ein wenig, aber daß es aufgesetzt war, stand außer Zweifel.
Ich war einst ein Bewohner dieser finsteren Welt. Ich weiß die Losungsworte noch, ich habe gesagt, daß ich einer von denen bin, die Gefangene hergebracht haben. Euch habe ich fürs Erste als Botschafter vorgestellt, die verhandeln wollen über das Leben der Gefangenen. Man wird Wulf davon berichten, also müssen wir uns beeilen! Leider hatte ich keine Wahl...
Furchtsam hob Frodo den Blick und sah sich um. Er wollte unbedingt von diesem Ort verschwinden, aber der Gedanke an seine Freunde zwang ihn voran.
Irgendwann war da kein Blut mehr auf dem Boden. Es war dunkel, aber sehr zu ihrer aller Schrecken mußten sie, wie ihre Freunde, die gespenstische Knochenbrücke überqueren, um weiter nach unten und zur Treppe in die Haupthalle zu gelangen.
Taidoloth war zu allem bereit. Er würde sich sofort wieder verwandeln, um nicht entdeckt zu werden, er würde seine beiden Begleiter mit seinem Leben schützen.
Die Aussichten, daß sie Erfolg hatten mit ihren Befreiungsversuch, strebten gegen Null. Ebenso war es noch unwahrscheinlicher, daß sie lebend diesen Ort wieder verließen.
Er hatte den Gedanken noch nicht ganz zuende gedacht, als plötzlich ein furchterregendes Rauschen die Luft erfüllte und immer lauter wurde, weil es sich näherte.
Nein! entfuhr es Taidoloth voller Entsetzen. Er machte einige Schritte zurück, prallte gegen Frodo und drückte den Hobbit und Gimli gegen die Felswand.
Es ist aus. Sie haben Wulf bereits wissen lassen, daß wir gekommen sind. Wir haben nur eine Wahl... ihr müßt euch verstecken und ich trete vor als Werwolf, dann erkennen sie mich nicht gleich! Wir sind des Todes, wenn wir es nicht tun...
Aber was ist mit den anderen? Wir können doch nicht fortlaufen, man wird uns jagen und wir werden nie zu ihnen gelangen! widersprach Frodo vehement.
Taidoloth sah dem Hobbit tief in die Augen und wußte sogleich, um was es ihm ging.
Es ist dein Todesurteil, wenn du gehst, noch haben wir eine Chance! sagte Taidoloth leise, aber Frodo schüttelte den Kopf.
Ich will wissen, ob sie überhaupt noch lebt! Ich will jetzt zu ihr, ich will sie noch einmal sehen. Wenn wir alle hier sterben sollen - so sei es, flüsterte Frodo leise.
Bist du verrückt? Ohne dich schaffen wir es nicht, hier weiterzukommen! rief Gimli aus.
Wir schaffen es auch nicht zusammen, widersprach Frodo, dem das Entsetzen durch die vorausgegangenen Erlebnisse zu tief in den Knochen saß. Wenn er sich überlegte, daß Liliane dasselbe erlebt hatte, befiel ihn eine stumme, verzweifelte Ohnmacht, die ihn nicht mehr klar denken ließ.
Er wollte nur zu ihr, alles andere war ihm gleichgültig. Er war so nah dran.
Tut, was ihr wollt. Ich glaube nicht, daß es ein Entrinnen gibt, aber ich will ihr beistehen!
Damit umklammerte er sein Schwert und blieb stehen. Gimli schüttelte fassungslos den Kopf und wußte nicht, was er tun sollte, aber Taidoloth nahm ihm diese Entscheidung ab.
Sie hatten nur noch Sekunden und weil Taidoloth die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, ließ er Frodo vorerst im Stich, um sich nicht selbst die Chance zu nehmen, ihm später noch zu helfen.
Er packte Gimli an der Schulter, zerrte den Zwerg mit sich in einen finsteren, klaustrophobisch engen Nebengang und war damit verschwunden.
Frodo blieb verängstigt stehen. Jetzt war es zu spät, er konnte nicht mehr zurück.
Die Geister kamen auf ihn zu und er hörte ihr widerhallendes Lachen, kaum daß sie ihn sahen. Er hob verschüchtert sein Schwert und rührte sich nicht.
Ich dachte mir, daß Ihr nicht tot seid, Frodo Beutlin, begann Wulf. Frodo starrte ihn unverwandt mit großen Augen an und sagte nichts.
Ihr hättet im Totenreich sein müssen, wenn Ihr es betreten hättet, ebenso der Zwerg. Ich habe lang nach euch gesucht im Jenseits, aber niemand wußte von euch zu berichten. Und hier seid Ihr! Sagt, wo ist denn der Herr Morias?
Nicht hier, erwiderte Frodo kurz mit erstaunlich fester Stimme, die von seiner Entschlossenheit zeugte.
Nun, das sehe ich selbst! Aber warum solltet Ihr weniger vorlaut sein als der Rest Eurer verkommenen Bande?
Frodo atmete nur hörbar aus, sagte aber wiederum nichts.
Und schweigsam zeigt er sich auch in einer vornehmen Art. Ich bin erstaunt, daß Ihr den Weg hierher gefunden habt! Und daß Ihr sogar verrückt genug seid, Euch hier einfach zu zeigen... sagt, wo sind Eure Begleiter? Hieß es nicht, ein Dunländer habe Euch und den Zwerg begleitet?
Möglich, erwiderte Frodo kurz. Er würde die beiden bei seinem Blut nicht verraten.
Wulf konnte sich auf den Hobbit keinen Reim machen. In seinen Augen war der Ringträger immer schon ein wenig verrückt gewesen, aber das war wirklich der Gipfel. Ihn verstand Wulf noch weniger als Aragorn.
Er gab sich Mühe, Frodo zu durchschauen, was ihm dahingehend nicht schwer fiel, weil er einfach seine Gedanken zu lesen begann.
Natürlich, wie sollte es auch anders sein! rief er dann aus und lachte schallend. Frodo schrak fast zusammen, wandte seine Augen aber nicht von dem Geist. Er machte einen nicht gerade gesunden Eindruck, seine Umrisse schienen zerfetzt und löchrig, aber einem Geist machte das wohl wenig aus.
Es ist wegen ihr. Ich hätte es mir denken sollen. Nun, wie ich hörte, war Eure Frau alles andere als einsam, einer meiner Männer hat sich rührend um sie gekümmert! fuhr Wulf hämisch fort.
Frodo ließ sein Schwert vor Fassungslosigkeit einfach fallen und scherte sich nicht einmal darum. Wortlos starrte er dem Geist entgegen und schüttelte den Kopf. Was das hieß, wußte er nur zu genau.
Ihr wollt mich nur erschrecken, sagte er mit leiser Stimme und schluckte schwer. Aber es ist wahr, ich bin wegen meiner Frau gekommen. Ich schwöre Euch, wenn sie jemand angerührt hat, dann...
Dann was? Ich bin schon tot! Was wollt Ihr mir also anhaben? Aber bitte, so werdet Ihr meinetwegen zu Ihr gebracht und werdet auch im Tode wieder mit ihr vereint sein. Daß jemand dem Tod so gleichgültig gegenübersteht, habe ich selten erlebt!
Jemand, der niemals Liebe kennengelernt hat, wird es nicht verstehen, antwortete Frodo voller Überzeugung und aus tiefstem Herzen. Er hatte jetzt nicht mehr viel zu verlieren.
So sei es denn! Bringt ihn zu ihr, befahl Wulf. In diesem Moment traten hinter den Geistern, die Wulf umbringten, einige Dunländer hervor und ergriffen Frodo, der keinerlei Gegenwehr zeigte. Er hatte noch keine Ahnung, was ihn erwartete.
Als er jedoch vorausblickte in die große Halle, weil er eine Bewegung wahrgenommen hatte, gefror ihm das Blut in den Adern. Er hörte einen markerschütternden Schrei.
Verwundet war Aragorn, wie er unschwer erkennen konnte, er stand gefesselt und geknebelt dort und starrte Frodo ungläubig an, der jetzt auf ihn zukam.
Aragorn, murmelte der Hobbit leise, dann sah er sogar die unzähligen Tränen in den Augen seines Freundes.
Für einige Augenblicke blickten sie einander nur stumm an. Frodo hatte Aragorn niemals zuvor in einer dermaßen schlechten Verfassung gesehen. Der König strahlte Angst aus, er war vor Entsetzen geschwächt, seine Augen sprachen eine allzu deutliche Sprache.
Außerdem konnte er nicht glauben, daß Frodo vor ihm stand.
Ich bin es wirklich, Aragorn, sagte Frodo dann.
Laßt sie miteinander sprechen! ordnete Wulf an, bereits im Voraus amüsiert über das, was wahrscheinlich kommen würde.
Flink hatte man Aragorn den Knebel abgenommen und gab den beiden die Möglichkeit, einige Worte zu wechseln.
Du bist nicht tot... flüsterte Aragorn mit erstickter Stimme. Seine Tränen versiegten dennoch nicht.
Nein, ich bin euch gefolgt. Niemand ist tot, Aragorn, jetzt bin ich hier.
Noch ist niemand tot, widersprach Aragorn mit seltsam tonloser Stimme, was Frodo sofort verstörte.
Was ist hier los? Haben sie Liliane etwas getan? Stimmt das? fragte Frodo sofort. Aragorn wandte den Kopf zur Seite, um ihn nicht länger ansehen zu müssen, und antwortete nicht. Frodo spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Wulfs gehässiges Lachen unterbrach die beiden. Der Anführer befahl, sie in die Zellen zu schaffen, und verschwand.
Frodo rührte sich nicht. Willenlos und ohne zu merken, wohin er überhaupt ging, ließ er sich mit Aragorn zu den Verliesen führen.
Aragorn hatte entsetzlichen Schrecken miterlebt, das merkte Frodo ohne Zweifel, denn dieses Verhalten war alles andere als normal für Aragorn.
Doch dann brachte man ihn weg. Die beiden hatten nicht mehr miteinander gesprochen, sie hatten nichts zu sagen gewußt, und dann war es zu spät. Aragorn wurde wieder bei Eomer eingesperrt und nachdem man die Tür vor Frodo geöffnet hatte, stieß man ihn unsanft in die Zelle und verriegelte die massive Tür wieder.
Er fing sich taumelnd und holte tief Luft. Er war am Ziel.
Mit selten gekannter Hast blickte er sich um und erschien den anderen dabei wie ein gehetztes Tier, aber er konnte nicht anders, jetzt, wo er ihr endlich wieder so nah war. Was er dann aber sah, erschreckte ihn in einer nahezu unaussprechlichen Weise. Er hatte solche Ängste um sie ausgestanden, die schlimmsten Befürchtungen um ihr Wohlergehen gehabt, wo sie doch als hilflose Gefangene dem Willen dieser Kerle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war - und es brachte ihn fast um, jetzt sehen zu müssen, daß er Recht behalten sollte und Wulf nicht gelogen hatte.
Er schluckte hart. Es war, als würde die Welt stehenbleiben. Liliane lag seltsam zusammengekrümmt in Sams Armen, der Rock ihres Kleides war tiefdunkel blutverschmiert, über und über, genau wie Sams Beine und selbst der Boden. Ihre Handgelenke waren wundgescheuert von den Fesseln, ihr Kleid halb zerrissen, ihre Augen leblos und starr.
Am ganzen Leib zitternd kniete Frodo sich vor seine apathische Frau, die tröstend von seinem besten Freund gehalten wurde. Daß er da war, bemerkte sie langsam, während Sam Frodo unter Tränen ansah.
"Was ist geschehen?" fragte Frodo leise und sah Sam eindringlich an. Dieser antwortete erst nicht, denn er spürte, wie Liliane sich rührte und mit fest zusammengebissenen Zähnen zu Frodo rutschen wollte, und dabei war Sam ihr behilflich.
Frodo zog seine zitternde Frau in seine Arme und streichelte ihre Wange zärtlich, um sie zu beruhigen, weil sie laut zu schluchzen begonnen hatte. Dann blickte er Sam erneut fest in die Augen.
"Was soll das alles?"
Sam senkte den Blick und in diesem Augenblick spürte Frodo, wie Liliane erstarrte.
"Es ist erst vor ein paar Stunden gewesen... Einer dieser Kerle kam herein, er hat ihr schon zuvor ständig nachgestellt, und es war ihm ganz egal, daß wir zusehen mußten, als er sie geschändet hat..."
Sam brach ab, seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Frodo wurde totenbleich bei seinen Worten, denn zu hören, was seine Augen bereits gesehen hatten, war für ihn kaum zu ertragen. Lilianes kaum versiegen wollende Tränen sprachen eine ganz eigene Sprache.
"Nein, das ist nicht wahr, das hat er nicht..." flüsterte Frodo tonlos, er konnte sehen, welch große Schmerzen Liliane quälten, aber die bloße Vorstellung war ihm unbegreiflich. Sie war bis aufs Blut gepeinigt worden, er war zu spät...
Frodo spürte selbst Tränen in seinen Augen brennen, gegen die er nicht ankämpfen konnte und wollte. Liliane hob die Hand und wischte die Tränen von seinen Wangen.
"Nicht", flüsterte sie. "Sei wenigstens du stark, ich brauche dich..."
Liebevoll wiegte Frodo sie in den Armen und wandte sich wieder zu Sam.
"Hier vor euren Augen?" Er versuchte diesen Schrecken zu begreifen, was ihm nicht gelingen wollte. Einer dieser Verbrecher war über sie hergefallen, hatte seine Liliane geschändet, seine Liebe...
Sam nickte hilflos und verbarg das Gesicht in den Händen, zu schrecklich waren diese unauslöschlichen Bilder in seinem Kopf.
Frodo umklammerte sie nahezu, küßte sie sanft, aber er war völlig abwesend, es hatte sein Herz zerrissen.
Liliane hingegen fühlte sich in seiner Gegenwart fast wie erlöst. Die Schmerzen ließen nicht nach, aber sie spürte, daß sie noch am Leben war.
Es war fast, als würde alles wieder gut. Sam hatte sie an Frodos Statt für Stunden gehalten und getröstet, sich liebevoll und vorsichtig um sie gesorgt. Zwar hatten ihre Blutungen irgendwann aufgehört, aber der Schmerz war geblieben. Am liebsten hätte sie sterben mögen, als dieser Kerl über sie hergefallen war und sie in den Schmutz seines ehrlosen Charakters gezogen hatte. Als er fort gewesen war, hatte sie sich unbewußt an Sam geklammert, der ihr Halt gab, als sie geglaubt hatte, daß sie innerlich zu zerreißen drohte. Wahrgenommen hatte sie dennoch fast nichts, zu tief saß der Schock, der letzte Funke ihres Lebenswillens war erloschen. Frodo war tot, sie war innerlich leer und fühlte sich wie tot.
Irgendwann hatte Sam mit jemandem gesprochen, was sie hatte aufmerken lassen, und dann hatte sie Aragorns Stimme erkannt.
Sag es nicht, hatte sie ihn leise gebeten, als sie begriffen hatte, daß Aragorn Fragen stellte.
Unter Tränen sah Sam zu ihr und nickte. Er war gar nicht in der Lage, dem Schrecken Worte zu verleihen.
Er war im Gegenteil fähig gewesen, sie zu beruhigen, ließ sie nicht mehr los und sie war so froh, daß wenigstens er da war. Eowyn rührte sich noch immer nicht, vielleicht war sie schon tot.
Und das wegen ihr. Und das, wo sie es nicht einmal hatte verhindern können.
Sie wollte sterben. Schmerz und Abscheu ließen nicht nach, sie war wie gelähmt. Wofür sollte sie noch leben, Frodo war nicht mehr da und ihr war auch alles andere geraubt worden.
Geht es? hatte Sam nach einiger Zeit gefragt. Mehr als ein stummes Nicken hatte Liliane ihm nicht zur Antwort geben können.
Überall war Blut. Sie hätte alles dafür gegeben, jetzt ein wenig Wasser zu haben, die Sonne zu sehen und ihren Hunger stillen zu können.
Noch mehr jedoch wünschte sie sich ihren totgeglaubten Frodo herbei, dessen bloße Anwesenheit ihre Wunden schon so weit heilen lassen würde. Sie wollte nicht klagen, wenn sie nur ihren Frodo zurückbekam, alles andere würde sie stillschweigend ertragen. Der Dunländer hatte versucht, ihr die Würde zu nehmen und es gewissermaßen auch geschafft, aber sie wollte sie zurückerlangen und allen zeigen, daß sie auch stark sein konnte.
Nur war dies leichter gesagt als getan. Sie mußte nur auf ihr blutdurchtränktes Kleid blicken und schloß schwer schluckend die Augen, weil sie wieder spürte, was er ihr angetan hatte.
Leise summend hatte Sam sie fast wie ein Kind in den Armen gewiegt und das für Stunden. Wie wohl hatte sie sich bei ihm gefühlt, wenn auch nicht sicher, doch Trost konnte er ihr in dieser ausweglosen Lage trotz allem spenden.
Als sie zwischendurch aufstehen wollte, hatte ihr dazu die Kraft gefehlt. Ein grauenvoller Schmerz durchzuckte vom Unterleib ausgehend ihren ganzen Körper, so daß sie einfach sitzengeblieben war, ohne sich noch zu rühren. Vergeblich hatte sie immer wieder Eowyn angesprochen, die inzwischen von tiefer Ohnmacht umgeben war und nicht antwortete.
Die Hobbits wußten nicht, ob sie noch lebte oder schon tot war. Apathisch saßen sie für Stunden in der Zelle und lauschten nur auf das, was sich draußen rührte, hörten zweimal Schritte näherkommen und wieder gehen, aber jedes Mal verkrampfte Liliane voller Panik und klammerte sich furchtsam an Sam, der sie mühsam wieder beruhigen mußte.
Der kommt nicht wieder, hab keine Angst, flüsterte er leise und strich ihr über den Kopf. Ihr Herz raste jedoch voller Entsetzen.
Die Stille wurde oft durchbrochen. Liliane versank völlig in Lethargie und reagierte gar nicht mehr, als sich wiederum Schritte näherten. Nur Sam hatte aufmerksam gelauscht und war erstarrt vor Überraschung, als die Tür plötzlich aufging und eine kleine Gestalt hindurchgestoßen wurde, mit der er niemals gerechnet hätte.
Als Liliane Frodo vor sich gesehen hatte, glaubte sie sich erst tot, aber sobald er sie mit seiner warmen Hand berührte und an sich zog, wußte sie, daß es kein Traum war. Sie kam wieder zu sich, kaum daß er wieder bei ihr war, und Erleichterung erfaßte sie am ganzen Körper.
Du bist nicht tot, murmelte sie irgendwann und lächelte. Frodo strich ihr über die Wange, ihr Lächeln erwidernd.
Nein, meine Liebe. So leicht kriegen die mich nicht. Ich denke, die sind sehr dumm, wenn sie einen Bewußtlosen für tot halten!
Auf diese Worte hin erhob sich Sam sogleich und ging hinüber zu Eowyn, die noch immer bäuchlings auf dem kalten Steinboden lag.
Eowyn? flüsterte er und rüttelte vorsichtig an ihrer Schulter. Einige Male mußte er dies wiederholen, bis er plötzlich einen lauten Atemzug hören konnte.
Sie lebt! rief er erfreut.
Warte einen Moment, sagte Frodo zu Liliane und erhob sich, bevor er sie vorsichtig an die Wand lehnte. Dann ging er zu Sam, um ihm zu helfen.
Was jetzt? fragte Frodo. Sam zuckte nur hilflos mit den Schultern, aber schließlich hatten sie sich geeinigt. Frodo, der noch mehr Kraft im Leib hatte als sein ausgemergelter Freund, griff Eowyn unter die Schultern und zerrte sie hoch, während Sam sie an der Hüfte umdrehte.
Zuvor hatte Frodo seinen Umhang doppelt geschlagen auf den Boden gelegt, noch unter Eowyns eigenen, und Sam gab seinen als zusammengelegtes Kissen noch dazu. Sehr behutsam betteten die beiden Eowyn rücklings und mit seitlich liegendem Kopf wieder auf den Boden, doch kaum daß sie damit fertig waren, stöhnte die Kriegerin laut und bewegte sich leicht.
Haben wir etwas falsch gemacht? fragte Sam.
Ich weiß es nicht. Wie lang ist sie denn bewußtlos?
Das kann ich gar nicht sagen... sie war es nicht sofort. Gesprochen hat sie gar nicht mehr, aber sie war nicht gleich bewußtlos. Ich... ich wußte nicht, was ich tun sollte, da war doch Liliane und...
Mach dir keine Vorwürfe, Sam. Für Eowyn können wir nichts tun - aber für Liliane konntest du etwas tun.
Er lächelte sanft und legte die Hand auf die Schulter seines niedergeschlagen seufzenden Freundes. Die beiden gingen zurück zu Liliane, Frodo zog sie auf seinen Schoß und lehnte sich nachdenklich an Sam.
Wie kommst du eigentlich her? fragte Sam, um das sich ausbreitende Schweigen zu brechen. Liliane sagte gar nichts, sie war einfach nur froh, bei Frodo sein zu dürfen und sah gleich besser aus als zuvor, wenn auch noch schlecht genug.
Aber sie merkte bei Sams Frage ebenfalls auf. So begann Frodo zu erzählen und die beiden lauschten ihm gespannt bei seinem Bericht über die hoffnungslose Suche, Taidoloth und das Zusammentreffen mit Gimli.
Als Frodo das erwähnte, jubelte Sam fast vor Freude, hatte er Gimli doch für tot gehalten.
Aragorn sah entsetzlich aus, sagte Frodo dann. Ich habe ihn zuerst gar nicht erkannt, als er da stand. Sie haben ihn wirklich übel zugerichtet! Er sah aus, als hätte er Morgoth persönlich gesehen. Es war... es war erschreckend, ihn weinen zu sehen.
Weinen? wiederholte Liliane ungläubig. Sie hatte Aragorn doch versorgt, als er so schwer verletzt gewesen war, geflucht und die Hoffnung hatte er verloren, aber niemals eine Träne vergossen.
Dann ist es Legolas, flüsterte Sam tonlos.
Legolas? Was ist mit ihm? fragte Frodo.
Sie haben ihn geholt. Ich habe Bergil zu Aragorn rufen hören, als er fort war. Und kurz darauf haben sie auch Aragorn geholt. Deshalb konntest du ihm draußen begegnen. Bei den Valar...
Frodo starrte Sam reglos an. Noch begriff er nicht ganz, was das heißen sollte, aber er mußte sich nur an Wulf erinnern und verstand langsam.
Aber was ist bei euch vorgefallen? Erzählt mir von eurem Weg, wenn ihr wollt, bat Frodo vorsichtig. Sam machte dabei den Anfang und schilderte ihren Wegmarsch.
Bevor jedoch Liliane dazu kam, etwas zu sagen, war sie eingeschlafen vor Erschöpfung. Sam hatte jedoch am Vorabend einige Dinge von ihr erfahren und gab sie an Frodo weiter, der sich langsam ein Bild von den grausamen Dunländern machen konnte.
Taidoloth hatte Recht gehabt.
Sie unterhielten sich noch, als Eowyn plötzlich laut stöhnte und wieder zu sich kam. Langsam schlug sie die Augen auf und atmete laut aus. Die Hobbits saßen nicht in ihrem Blickfeld, obwohl sie den Kopf auf sie gerichtet hatte.
Eowyn? fragte Sam.
Ja... wer... Sam? Bist du das?
Ja, ich bin hier. Wie geht es dir? Der Hobbit stand auf bei diesen Worten und kniete sich so vor Eowyn, daß sie ihn sehen konnte, ohne sich bewegen zu müssen.
Ich habe entsetzliche Kopfschmerzen... antwortete Eowyn leise.
Das glaube ich. Du hast dir bestimmt etwas getan an dieser Mauerkante, es hat geblutet. Aber sonst ist wohl alles in Ordnung, wie ich sehe!
Sam blieb ganz ruhig. Eowyn kam gar nicht erst auf die Idee, sich zu bewegen, sie hielt die Augen meist geschlossen, als sie ihm zuhörte und auch selbst sprach.
Was... da war dieser Kerl... und Liliane, was ist mit ihr?
Es geht ihr besser. Sie ist verletzt, aber das wird wieder. Sie schläft. Aber ich muß dir etwas erzählen! Frodo ist hier.
Eowyn schlug sofort die Augen auf bei diesen Worten.
Frodo? Frodo ist tot! erwiderte sie zaghaft.
Nein, sie hatten sich geirrt. Er hat den Weg hierher gefunden. Dort drüben sitzt er bei Liliane!
Zur Bestätigung winkte Frodo von seinem Platz aus mit der rechten Hand, so daß Eowyn sie sehen konnte. Dann lächelte sie.
Tatsächlich, da ist er. Willkommen in diesem... Loch, bemerkte Eowyn sarkastisch. Frodo lachte.
Oh, wirklich hervorragend habt ihr es hier angetroffen! fiel er in Eowyns Sarkasmus ein. Ich bin nur froh, daß draußen noch Verstärkung unterwegs ist.
Das mußte er Eowyn erst genauer erklären, aber sie hörte genau zu, auch wenn es ihr schwer fiel. Sie konnte sich ob der hämmernden Kopfschmerzen kaum konzentrieren und blieb mit geschlossenen Augen liegen, weil es ihr so am besten erging.
Sie waren in diesem Moment nicht in der Stimmung, die Hoffnung zu verlieren. Liliane erholte sich im Schlaf, Frodo war nicht tot und Eowyn war wieder bei Bewußtsein - das waren viele gute Nachrichten in ihrer Situation.
Ich wollte diesen Dreckskerl davon abhalten, Frodo, aber es ist mir nicht gelungen, sagte Eowyn plötzlich ganz unvermittelt. Der Hobbit verstand sofort.
Du kannst doch nichts dafür. Hätte er das vielleicht mit dir tun sollen? Wieviel besser wäre das gewesen?
Ich wollte ihn hereinlegen, aber er war selbst gerissen genug. Dieser Bastard.
Eowyns Unterton war ein bitterer. Sie hatte trotz ihrer Verwirrung nicht vergessen, was mit Liliane geschehen war. Ihre Schreie und ihr Schluchzen hatte sie nämlich gehört.
Frodo fragte sich, wie schlimm es wirklich um Liliane stand. Daß sie endlich eingeschlafen war, war nicht nur für sie eine wirkliche Erleichterung, sondern auch für ihn.
Eowyn war zwar nicht fähig, den Kopf in seine Richtung zu drehen, aber sie begann trotzdem, zu ihm zu sprechen.
Er hätte ihr nichts schlimmeres antun können.
Frodo drehte langsam den Kopf zu ihr. Wie sie dort lag, reglos aufgrund der schweren Kopfverletzung, bot ein mindestens ebenso erbärmliches Bild wie seine eigene Frau, deren Blut er nun selbst überall auf seiner Kleidung sehen konnte.
Ich frage mich, wie schlimm das wirklich ist... ich wage kaum, es mir vorzustellen, erwiderte Frodo mit brüchiger Stimme.
Eowyn seufzte. Du weißt doch sicher, wie empfindsam sie sein kann. Jeder Mann, der sich seiner Frau gegenüber rücksichtsvoll verhält, ermöglicht es ihr, es wirklich schön zu finden, mit ihm zusammenzusein. Aber man kann einer Frau ebenso auch große Schmerzen zufügen. Sie zu zwingen und Gewalt anzuwenden, tut aber nicht nur körperlich weh. Das natürlich so sehr, daß man... daß man es sogar sehen kann.
Mühsam schaffte sie es jetzt doch, Frodo anzusehen. Er erwiderte ihren Blick ruhig.
Das allerschlimmste ist, daß er soviel größer war als sie. Ich wage nicht, mir diese Schmerzen auszumalen, denn wenn ich all das Blut sehe, habe ich eine ungefähre Vorstellung... fügte Eowyn dann noch hinzu, bevor sie verzweifelt verstummte.
Frodo blickte zu Liliane hinunter. Sie lag schlafend in seinen Armen, aber sie sah nicht entspannt aus. In keinster Weise. Schweiß stand auf ihrer Stirn, die völlig zerfurcht war, sie sah wirklich nicht gut aus.
Er sah sie vor sich mit einem Lächeln, als er sich daran erinnerte, wie er das erste Mal mit ihr zusammen gewesen war. Ihr Wohlergehen und ihr Glück hatten ihm immer mehr am Herzen gelegen als sein eigenes. Wie ein Mann fähig sein konnte, seine Interessen derart brutal gegen den Willen einer Frau durchzusetzen, war ihm völlig unverständlich. Der bloße Gedanke erregte nichts weiter als Abscheu bei ihm.
Er achtete seine Frau so sehr. Niemals wäre er dazu fähig, ihr so etwas anzutun, wußte er doch, wie glücklich sie mit ihm war. Immer hatte sie sagen können, was sie sich wünschte.
Ein wenig vermochte er, sich vorzustellen, wie es schmerzen mußte. Dieser Mann hatte ihr etwas genommen, das freiwillig gegeben ein unschätzbar wertvolles Geschenk für jeden Mann war.
In der Tat war sie sehr empfindsam, in jeder Hinsicht. Vielleicht würden ihre Wunden nie heilen - dann eher die körperlichen als die seelischen.
Allein der Gedanke, etwas gegen ihren Willen zu tun, versetzte ihn in Angst. Wie sollte er ihr jetzt begegnen?
Lange konnte auch er seine Augen nicht mehr offenhalten. Eowyn war wieder in schläfriges Schweigen verfallen, Frodo ließ irgendwann den Kopf vornüber auf seine Brust sinken, als er der Müdigkeit nicht mehr standhalten konnte, und Sam erklärte sich dann stillschweigend dazu bereit, Wache zu halten.
Dies brachte ihn jedoch nur dazu, trübsinnige Gedanken mit Freunden andernorts zu teilen.
Was tun wir jetzt? fragte Taidoloth irgendwann, als endlich wieder Stille eingekehrt war.
Was weiß ich! Du kennst dich hier besser aus als ich, oder sehe ich das falsch? erwiderte Gimli im Flüsterton.
Nein, das siehst du ganz richtig. Aber was ich damit sagen will: Wenn wir zusammen weitergehen, können wir uns zwar besser verteidigen, aber wohl kaum ausreichend gut. Trennen wir uns aber, erwischt man höchstens einen von uns auf einen Schlag. Damit haben wir mehr Chancen. Auskundschaften müssen wir das Ganze hier ohnehin, aber dazu trennen wir uns besser, oder? Ich muß wissen, was Wulf im Schilde führt! Vielleicht willst du herausfinden, wo die anderen sich befinden? Du kennst deine Freunde besser und wirst sie erkennen, wenn du sie findest.
Das klingt nicht dumm, befand Gimli. Von mir aus können wir das tun!
Die beiden verabredeten, sich nach einer gewissen Zeit zum Austausch wieder an diesem Ort zu treffen. Ein ungefähres Zeitgefühl glaubten sie noch zu haben, und wenn nicht, so sollte dies auch nicht schlimm sein.
Damit wies Taidoloth Gimli eine bestimmte Richtung und sah den Zwerg in der Dunkelheit verschwinden. Kaum daß Gimli fort war, schloß Taidoloth die Augen und konzentrierte sich auf einen Gedanken, spürte, wie die Kraft sich in ihm sammelte und ihn sich verändern, wachsen und eine andere Gestalt annehmen ließ.
Sein Schwert war damit nicht verloren, er würde es bei sich tragen, wenn er wieder zu Taidoloth würde. Aber jetzt mußte er sich tarnen, wenn er sich fortbewegen und Wulf nähern wollte.
Auf leisen wölfischen Sohlen schlich er zurück in den Hauptgang und betete zu den Valar, daß er nicht der einzige Werwolf war, der sich im Moment hier befand, sonst fiel er doch auf.
Er versuchte, während er die Witterung der Geister und Nachtgestalten aufnahm, sich an seine Kindheit und frühe Jugend zurückzuerinnern. Unter der Bestimmungsgewalt ihres Führers hatte die ganze Familie ein indirekt durch Wulf und seine Befehle geleitetes Leben geführt, was seinem Vater niemals zugesagt hatte. Viele Rituale hatte er kennengelernt, die man widerwillig ausgeführt hatte, nur um in Frieden leben zu können.
Wulfs Geist zurückzuholen konnte nicht die Schwierigkeit gewesen sein. Inzwischen wußte Taidoloth, daß es auch andere Geister in Mittelerde gab, die ihr Unwesen ohne weiteres treiben konnten, also gehörte Wulf sicherlich dazu.
Worum ging es für ihn, wenn man von der Rache absah? Taidoloth begriff nicht ganz, warum Wulf nicht nur die Könige einfach tötete, sondern auch alle ihre Freunde in seiner bestialischen Gewalt hatte. Eine Lichtgestalt war er längst, dessen war Taidoloth sich sicher. Welches Ziel verfolgte dieser Tyrann jetzt?
Er wußte es nicht. Der Spaß am Foltern und Morden konnte es nicht ausschließlich sein, er traute selbst Wulf nicht zu, daß er jemanden sterben ließ, nur weil er mit einem Feind zu tun hatte. Dabei dachte er an Frodo, den er als sehr friedfertig kennengelernt hatte. Das war wohl das Wesen der Halblinge.
Nein, das konnte es alles nicht sein, nicht jedem würde Wulf hier einfach so derart übel mitspielen.
Sehr achtsam, aber trotzdem darauf bedacht, nicht aufzufallen, so bewegte Taidoloth sich durch die Dunkelheit in Richtung der Geisterstadt. Dünne Stimmen hörte er in einem entfernten Kreischen ertönen, daß es ihn fast zusammenzucken ließ.
Er hatte nichts so sehr gefürchtet wie noch einmal an diesen Ort zurückkehren zu müssen - und hier war er. Er haßte diesen Ort und er fürchtete den Tod, der ihn umgab.
Über Knochen und durch riesige Spinnennetze führte in sein Weg bis in weitere dunkle Tunnels, die ihn direkt zur Geisterstadt führten. Vermutlich trieb Wulf dort irgendwo sein Unwesen.
Wo hatte er überhaupt all die Jahre vor sich hin vegetiert? Man hatte immer von Wulf geredet, aber selbst als Taidoloth damals an diesen Ort gelangt war, hatte er Wulf nirgends sehen können. War er vielleicht doch noch nicht in Geistergestalt dort gewesen?
Er hatte so viele Fragen, die er beantwortet wissen wollte.
Ungerührt pirschte er sich weiter vor bis an die auf Felsvorsprünge reichende Geisterstadt. Er konnte um ihre leeren Hallen herumschleichen, seine Augen blitzten gefährlich, als er alles neugierig in Augenschein nahm und genau betrachtete. Sein empfindliches Gehör war ganz damit beschäftigt, auf jedes noch so kleine Geräusch zu achten.
Und dann, er war noch gar nicht lang unterwegs, hörte er von irgendwoher eine grabeskalte Stimme sprechen. Noch verstand er nur Wortfetzen, aber die Stimme erkannte er sofort als Wulfs. So hatte dieser auch vorhin zu Frodo gesprochen.
Blut, das konnte er verstehen, und Totenreich. Dann hörte Taidoloth sich entfernende Schritte und dann ein langgezogenes, fast kreischendes, düsteres Gelächter.
Wulf war wahrhaftig ein entsetzliches Scheusal.
Was hatte er wieder ausgeheckt?
Taidoloth näherte sich noch ein wenig, legte sich dann wie selbstverständlich auf einem Felsvorsprung nieder und spitzte die Ohren.
Dieses Blut ist nur der Anfang! Ich brauche mehr, viel mehr davon, das von Unsterblichen wäre gut - aber leider ist nur einer unter ihnen.
Wiederum sprach Wulf, wie Taidoloth zweifellos feststellte. Durch die schimmernden Lichtwände hindurch konnte er ihn zwar nicht sehen, aber es reichte Taidoloth, ihn zu hören.
Ich werde an ihnen allen mein Werk vollenden. Ihr Blut wird mir neues Leben geben!
So werdet Ihr sie alle töten lassen, Herr?
So viele unter ihnen, wie es nötig ist. Nichts anderes haben sie verdient! Freunde dieser dreckigen Könige sind sie. Und sie werden zuletzt sterben, wenn sie all ihre Freunde in den Tod begleitet haben! Mit keinem werde ich Gnade haben, bis ich nicht zufrieden bin. Es hat gerade erst begonnen!
Taidoloth verengte seine Augen zu Schlitzen. Was er dort hören mußte, erschien ihm mehr als abscheulich.
Ein neues Leben geben? Das verstand er nicht, abaer er würde es noch herausfinden, dessen war er sich sicher. Wulf verfolgte in der Tat mehrere Absichten.
Noch blieb etwas Zeit. Taidoloth zwang sich dazu, ruhig und nüchtern zu überlegen. Er mußte sie alle irgendwie befreien, bevor es zu spät war, nur wußte er nicht wie. Er brauchte vermutlich Gimlis Hilfe, aber vielleicht sollte er selbst erst versuchen, herauszufinden, wohin sie überhaupt gehen mußten.
Gimli lauschte. Er hatte keine Ahnung, wo er überhaupt hingeraten war. Er war gelaufen, immer weiter in diese verdammte Stadt hinein. Normalerweise hätte er sich gefreut, wenn es ihm möglich war unter der Erde zu wandeln, doch am liebsten wäre er weit entfernt von diesem Ort gewesen! Gimli hastete weiter. An zahllosen Räumen lief er vorbei, dunkle Kammern waren es unheimlich und von düsteren nebelartigen Schleiern durchzogen. Der Zwerg war stets auf der Hut. Er wusste, dass die Geister ihn stets sichten konnten, doch da er sich dessen bewusst war, dass er sich eh nicht vor Geistern verstecken konnte, wenn es darauf ankam, war er zwar vorsichtig, bewegte sich aber dennoch rasch und nicht übermäßig zurückhaltend. Als der Zwerg in einen kleinen Gang einbog, hörte er mit einem Mal einen Schmerzenslaut. Unsicher umklammerte er das Elbenschwert und tastete sich weiter nach vorne. Das Herz des Zwerges schlug schneller, er fürchtete, dass dieser qualvolle Laut entweder von einem seiner Freunde kam, oder dass ihn jemand in die Falle locken wollte. Eng an die Wand gedrückt schlich Gimli weiter voran. Obwohl der Laut seltsam dumpf klang, hatte er das Gefühl die Stimme zu kennen. Gimli wünschte sich fast, dass es nur eine Falle war, die man ihm stellte, dass würde er eher ertragen, als einen seiner Freunde in einer schlimmen Situation wieder zu finden. Immer näher kam der Zwerg an den Raum, aus dem der Laut eben gedrungen war und vorsichtig lugte er in den spärlich beleuchteten Raum hinein.
Ein unkontrollierter Schrei des blanken Entsetzens verließ Gimlis Mund. Er ließ scheppernd die Waffe in seinen Händen zu Boden fallen und schlug die Arme vor den Mund. Dann sank er ohne es zu merken auf die Knie, während er einen weiteren Schrei mit seiner eigenen Hand erstickte. Bereits vom nahenden Tod gezeichnet blickte Legolas ihn an und der Elb hätte nicht gedacht, dass er noch einmal dazu im Stande sein könnte, aber ein sanftes Lächeln stahl sich auf sein aschfahles Gesicht.
Gimlis Herz zerriss es fast, er hoffte im nächsten Moment aus einem schlimmen Traum zu erwachen und murmelte unbewusst die Worte Das kann nicht sein, wach auf, zu sich selbst. Doch es war kein Traum, auch als der Zwerg die Augen wieder auf machte, befand er sich im Eingand der dunklen Kammer und an der seitlichen Wand hing sein bester Freund für den er sein Leben geben würde an der Wand. Durchbohrt, blutend und dem Tod näher als dem Leben.
Gimli
, wisperte Legolas gequält und schaffte es sogar wieder seinen Kopf zu heben, der ihm durch die Schwäche bereits auf die Brust gesunken war.
Was haben sie getan? Was
, murmelte Gimli. Er wagte es kaum seinen Freund anzusehen, so sehr hatte er sich schon verändert und so sehr schmerzte ihn dieser Anblick.
Gimli
Du
Du musst mir helfen
sagte Legolas zittrig und riss den Zwerg damit aus seiner Lethargie.
Ja
Ja, natürlich, antwortete Gimli und sein Schreck wich für einen kurzen Moment. Er stand auf und eilte zu Legolas hin. Genau vor Gimlis Augen stach dem Zwerg der riesige, blutbeschmierte Haken entgegen, der aus Legolas Körper herausragte.
Ich hole dich da runter, mein Freund, sagte der Zwerg entschlossen.
Nein Gimli
Das hat keinen Sinn. Außerdem kommst du gar nicht ran, flüsterte der Elb und seine Worte drangen langsam und unverständlich aus seiner Kehle.
Du willst damit doch nicht etwa sagen, dass ich zu klein sei? Ich hole mir freiwillig eine Kiste, sagte der Zwerg eifrig und eilte durch den Raum, auf der Suche nach etwas, das ihn größer werden ließ.
Hätte Legolas es gekonnt, er hätte wiederum gelächelt. Aber er konnte nicht einmal etwas erwidern, zu groß war die Schwäche bereits.
Nach kurzer Zeit hatte der Zwerg einen großen Stein gefunden, der ihn wesentlich größer machte. Mühselig schleppte er den Brocken zu seinem Freund hin und kletterte danach hinauf. Legolas spuckte wieder Blut und hätte er seine Stimme gebrauchen können, hätte er den Zwerg gebeten ihn dort zu lassen wo er war. Umsichtig schlang der Zwerg seine Arme um den blutigen Körper seines Freundes. Legolas schrie vor Qual, als Gimli ihn über die Spitze des Hakens zog. Für den Zwerg stellte es kaum Mühe dar, den leichten Elben zu tragen und schließlich ein Stück weiter auf den Boden niederzulegen. Als Gimli die Arme wieder nach vorne zog, waren sie tiefrot, voller Blut, es war so viel davon
Gimli drückte in seiner Verzweiflung seine Hände auf Legolas Wunde unter der Brust, er wusste sich nicht anders zu helfen.
Du musst mir helfen, was
was soll ich jetzt tun, raunte der Zwerg in seiner Hilflosigkeit und die Erkenntnis, dass Legolas ihm gerade unter seinen Händen verblutete, trieb ihm die Tränen in die Augen. Von Legolas kam keine Antwort, zu sehr war er gefangen von den Schmerzen und der Schwäche. Gimli hob mit einer Hand den Kopf des Elben an und starrte unter Tränen in das einst so edle und stolze Gesicht seines Freundes. Hörst du
Du musst mir helfen, ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, versuchte es der Zwerg erneut. Diesmal reagierte Legolas und sah seinem Freund tief in die Augen. Tu mir einen Gefallen
, presste der Elb hervor.
Jeden den du willst mein Freund. Ich mache alles, was du willst, flüsterte Gimli ergriffen.
Nimm
Nimm das Schwert, das du bei dir trägst
, Legolas brach ab und schluckte etwas Blut hinunter.
Für einen langen Moment sah Gimli seinen Freund nur an und als ihm dämmerte was Legolas von ihm wollte, traf es ihn wie ein Schlag.
Du.. Du willst mir jetzt bestimmt nur sagen, dass ich die Waffe gut wegstecken soll, nicht wahr, sagte der Zwerg voller Verzweiflung.
Du weißt, was ich sagen will, Gimli. Du kennst mich lange genug, besser als irgendwer sonst in ganz Mittelerde, keuchte Legolas.
Über Gimlis fassungsloses Gesicht rollten die Tränen, ohne dass er es merkte. Du
Du kannst
, er hielt kurz inne, bevor er mit bebender Stimme erneut ansetzte. Ich kann jetzt da raus gehen. Dann töte ich dir Hundert Dunländer, wenn du willst! Und wenn das hier alles vorbei ist, dann können wir beide nach Mordor reiten und dann werde ich dir dort selbst den letzten noch lebenden Ork aufspüren und töten. Aber
, der Zwerg musste kurz unterbrechen und schluchzte laut. Aber niemals töte ich dich!
Legolas schaffte es dem Zwerg direkt in die feuchten Augen zu blicken und er selbst verlor eine Träne, als er seinen Freund so verzweifelt vor sich hatte. Lieber du, als diese Dunländer. Lieber möchte ich, dass du mir mein Leben nimmst. Lieber sterbe ich durch die Hand meines besten Freundes, als durch die eines anderen, wisperte Legolas mit zittriger Stimme.
Jeden Gefallen würde ich dir tun Legolas. Wenn du es verlangst trinke ich nie wieder Malzbier, ich werde nie wieder auch nur einen Schweinebraten ansehen, wenn du es wünscht ernähre ich mich den Rest meines Lebens von Lembas. Ich würde für dich auf jeden Edelstein, den es in den Glitzernden Grotten und sonst auf der Welt gibt verzichten und wenn du es verlangen würdest, würde ich der beste Querfeldeinläufer werden, den es unter uns Zwergen gibt! Verlange von mir was du willst, ich schließe mit jedem Elben Freundschaft und lerne sogar reiten, aber verlange nicht von mir, dass ich dich töte, das kann ich nicht mein Freund. Viel zu sehr hängt mein Herz an dir, schluchzte der Zwerg und schloss die Augen.
Legolas brauchte eine Weile, bis er wieder etwas Kraft fand und dazu noch Worte. Reiten lernen wäre doch nicht schlecht, mellon nin. Jetzt, wo ich nicht mehr da sein werde, wäre das etwas, das du wirklich tun könntest.
Aus Legolas Augen lösten sich wider einige Tränen. Auch ihn schmerzte es, dass er nie wieder mit dem Zwerg würde durch die Lande streifen können. Nie wieder würde er den Düsterwald sehen und niemals wieder die Sonne oder den Himmel sehen.
Nimm das Schwert Gimli, es ist ohnehin nur eine Frage der Zeit. Erfülle mir diesen letzten Wunsch, er ist alles, worum ich dich jetzt noch bitte, flüsterte Legolas. Aus seinen Mundwinkeln floss wieder Blut und bittend blickte er seinen Freund an, der nach einer ganzen Weile zögernd zum Schwert griff und es in den Händen hielt, als wüsste er nicht, wie er damit umgehen sollte.
Nie hätte ich gedacht, dass es so enden würde. Du wirst mir fehlen, mein Freund, sagte Gimli tonlos und wischte das Schwert fein säuberlich an seiner Kleidung ab. Dann hob er das Schwert zitternd hoch und hielt Legolas die Spitze ans Herz, während er ihm in die Augen sah.
Du mir auch. Leb wohl, raunte der Elb und versuchte sich ein letztes, müdes Lächeln abzuzwingen.
Gimlis Hände zitterten so stark, dass ihm das Schwert beinahe aus den Händen fiel. Und nach einer scheinbar unendlich langen Zeit, als der Zwerg schon fast wieder das Schwert wegnehmen wollte und sich eingestehen wollte, dass er wirklich nicht im Stande war diesen Schritt zu tun, ließ er das Schwert in einer starken Sekunde nach unten schnellen und bohrte es Legolas durchs Herz hindurch. Ein Zucken war die letzte Bewegung, die der Zwerg von seinem Freund wahr nahm, dann folgte ein letzter langer Atemzug und der Elb war tot. Gimli zitterte am ganzen Körper und wagte nicht das Schwert, dass er umklammerte loszulassen oder seinen Freund anzusehen. Nach unendlich langer Zeit ließ er sich nach hinten sinken und zuckte beinahe zurück, als er Legolas bereits trübe und durch den Tod geweitete Augen sah.
Gimli brach in Tränen aus, er konnte sie nicht mehr zurückhalten, sie schossen nur so aus seinen Augen hinaus und nichts auf der Welt vermochte sie zu trocknen. So viel Schmerz hatte der Zwerg noch niemals zuvor erlebt.
Gimli wusste sich nicht mehr zu helfen. Er setzte sich neben seinen toten Freund, schloss ihm die Augen und weinte, bis er keine Tränen mehr hatte.
Zur selben Zeit erschien Wulf in einer Halle, weit entfernt von Gimli und seinem totem Freund und machte ein äußerst befriedigendes Gesicht. Wir haben ein neues Mitglied im Reich der Toten, grollte seine dunkle Stimme die Wände entlang. Er neigte seinen Kopf hinunter zu dem Dunländer, der Legolas auf den Haken gespießt hatte. Geh und hol mir das Elbenblut, er hat sein Leben ausgehaucht, sein Geist ist in unserem Reich, zischte Wulf und beobachtete, wie der Dunländer etwas mürrisch zur Kammer verschwand.
Gimli hörte ein paar Schritte, die aber noch weit entfernt waren, doch er wusste, dass sie zu ihm kamen. Unschlüssig starrte er zur Tür, er hätte am liebsten bei seinem Freund die Totenwache gehalten, aber wenn er nicht entdeckt werden wollte, musste er jetzt gehen. Sein Blick fiel auf das Schwert, das in Legolas Herz steckte. Er würde es vielleicht noch brauchen, aber er würde es nicht über sich bringen es herauszuziehen! Fürsorglich zupfte er Legolas ohnehin schmutzige und löchrige Kleidung zurecht. Ich muss jetzt leider gehen, sonst finden sie mich, flüsterte Gimli und küsste Legolas auf die Stirn. Seine Augen brannten erneut, aber keine Träne verließ sie
Dann stand der Zwerg schnell auf, griff sich ein kleines verdrecktes Messer, das auf dem Boden lag und versteckte sich hinter dem steinernen Tisch, als er bemerkte, dass die Schritte schon beinahe vor der Tür angekommen waren. Quietschend schlug sie auf und herein trat der Mann, dessen Blick zuerst verwundert zu der Wand ging, an der Legolas hätte hängen müssen. Dann sah der Mann überrascht auf den Boden, wo der Elb in einer Blutlache lag und ein Schwert im Herzen hatte.
Was soll denn das? Hat dir der Haken nicht gereicht, den ich dir verpasst habe, fragte der Mann trocken.
In dem Moment schaltete sich bei Gimli der Verstand aus. Der Zwerg hatte ein gefährliches Blitzen in den Augen. Sein Gesicht schnitt eine unheimliche Grimasse, die für den Zwerg überhaupt nicht üblich war und beinahe seelenruhig richtete er sich hinter dem Tisch auf und zeigte sich somit dem Mann.
Du hast ihm das angetan, wollte der Zwerg wissen und schritt unbedacht auf den Mann zu.
Wer bist du, wollte der Mann wissen, und musterte den Zwerg vor sich, der ein wildes und beinahe bösartiges Blitzen in den Augen hatte.
Ich will wissen, ob du das warst, der ihm das angetan hat, schrie der Zwerg mit aggressiver Stimme.
Möglich, aber wer
, in dem Moment wurde der Mann zu Boden gerissen. Verdutzt erblickte er Gimli über sich und spürte kaltes Metall an seinem Hals. Der Mann reagierte sofort und wollte sich in einen Werwolf verwandeln. Ein grünliches Schimmern umgab ihn. Doch bereits in dem Moment hatte Gimli ihm das Messer einmal Quer über den Hals gezogen. Der Zwerg hatte die Hauptschlagader getroffen und die Stimmbänder zerschnitten, so dass der Mann nur noch röchelte, aber dennoch starb er nicht sofort.
Noch nie fand ich es schöner jemanden sterben zu sehen, fauchte Gimli und nichts mehr entsprach der sonst so gutmütigen Art des Zwerges. Er wollte den Tod seines Freundes rächen, mit allen Mitteln, die ihm gegeben waren. Gimli ging von dem Mann herunter und nahm das Messer um es ihm in den oberen Bauchbereich zu stechen und einmal nach unten zu ziehen. Das Kleine Messer zerschnitt Fleisch und Gedärme gleichermaßen und Gimli musste feststellen, dass ihm das was er tat zum ersten Mal Spaß machte. Er wollte den Mann am liebsten in kleine Stücke zerschneiden, noch nie hatte er einen derartigen Hass auf ein anderes lebendiges Wesen gespürt. Dieser Tod ist noch viel zu gut für dich, ich hoffe für dich, dass wir uns nach unserem beider Ableben niemals wieder sehen, denn mein Hass wird dir gegenüber nie versiegen. Ich wünsche dir alles Leid der Welt und das ist noch nicht genug, donnerte Gimli und bemerkte, wie der Mann, kurz nachdem er diese Worte noch gehört haben musste, starb. Zusammen mit seinem letzten Herzschlag schoss noch einmal ein letzte kleine Fontäne Blut aus seiner durchschnittenen Kehle. Dann plötzlich verließ Gimli das Gefühl der Rache wieder und erschreckt blickte er auf sein Werk. Er hatte den Mann grausam zugerichtet und verstümmelt, was war nur in ihn gefahren? Die Kammer in der er nun alleine war, glich einem Ort des Grauens. Legolas Blut vermischte sich mit dem des Mannes und es bildete sich eine einzige große Blutlache. Durch den Schnitt am Bauch hingen dem Mann die Innereien ein Stück hinaus und Gimli unterdrückte das Gefühl der Übelkeit. Er hatte Legolas gerächt, aber das brachte ihn nicht zurück. Zitternd kauerte sich der Zwerg auf den Boden, er war mit Blut bespritzt, er konnte es sogar schmecken.
Der Zwerg verlor seine vorhin so schnell gewonnene Fassung. Er war durchgedreht, Gimli fragte sich, wie das hatte passieren können. Er hatte den getötet, der Legolas getötet hatte, aber gab ihm das ein besseres Gefühl? Gimli stutzte
Eigentlich war er es gewesen, der Legolas getötet hatte! Wie hatte er das tun können? Was war in ihn gefahren? Er hatte seinen besten Freund getötet!
Du hättest ihn fortbringen müssen, du hättest etwas versuchen müssen, wie konntest du ihn töten, schoss es Gimli durch den Kopf. Der Zwerg merkte wie er mit jeder Sekunde die verstrich die Kontrolle über sich verlor.
Mörder, schoss es ihm durch den Kopf. Mörder! Mörder
.
Gimlis Augen weiteten sich. Was hatte er getan? Vielleicht hätte Legolas überlebt
Er hatte ihm vielleicht ganz umsonst sein Leben genommen!
Ohne es zu merken hob Gimli das Messer und setzte es sich an den Hals. Er wollte sich zu diesen beiden Leichnahmen dazugesellen, er hatte gerade einen Freund getötet und einen Mann nahezu bestialisch abgeschlachtet!
Gimli
, ertönte plötzlich eine sanfte Stimme hinter ihm, die er zu jeder Tages- und Nachtzeit wieder erkannt hätte. Der Zwerg schüttelte den Kopf und schnitt sich dabei in die Haut am Hals. Er schloss die Augen.
Gimli
Sieh mich an.
Der Zwerg hob den Kopf. Wie kann das sein? Das ist nicht möglich
Vor der Tür schwebte blass und in einem grünlichen Schimmer Legolas Geist. Ein Lächeln zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Mellon nin, was tust du? Ich hätte nie geglaubt, dass dir mein Tod so zu Herzen gehen würde, dass du tatsächlich mir folgen willst, sagte Legolas sanft.
Der Zwerg konnte nicht antworten. Fast glaubte er, jetzt wäre er ganz verrückt geworden. Er sank auf dem Boden zusammen und schluchzte.
Gimli dein tapferes Herz sollte sich davon nicht derartig erschüttern lassen, was dort gestorben ist, ist nur mein Körper. Aber meine Seele kann nicht in Mandos Hallen einkehren, Wulf hält sie hier fest. Aber einen Vorteil hat es, denn ich kann hier sein um dich vor diesem Unheil zu bewahren, was du dir da antun willst, sagte Legolas lächelnd.
Gimli lauschte den so vertrauten Klängen der Stimme, von der er dachte, er würde sie nie wieder hören. Endlich schaffte er es, seine Kontrolle wieder zu finden und blickte Legolas lange an. Im Gegensatz zu den anderen Geistern, sah Legolas im Wesentlichen so aus, wie er es auch getan hatte, als er noch lebte, nur, dass ein großes Loch in seinem Körper war, das der Haken verursacht hatte. Ebenso war seine Schulter sichtbar verwundet, aber kein Blut klebte mehr an ihm. Gimlis Blick wanderte weiter hinunter und er fand in Legolas Brust das Schwert, es steckte sogar nun, da er ein Geist war noch in ihm. Es sah selbst geisterhaft aus und schimmerte grünlich, aber Gimli erkannte es ganz deutlich. Es tut mir leid
Ich bereue es so sehr, dass ich das getan habe
Gimli, ich habe dich darum gebeten und es war das einzig richtige gewesen. Ich hätte die Verletzungen nicht überlebt, das weißt du genauso gut wie ich! Aber nun musst du dich beeilen, du hast den Mann dort getötet und sein Geist ist bereits bei Wulf und berichtet ihm von deiner Tat. Du musst gehen, mein Freund und den anderen helfen, sie sollen nicht das gleiche Schicksal erleiden wie ich! Und
Du musst das Messer wegstecken und darfst nie daran denken mir jetzt folgen zu wollen, erklärte Legolas ruhig.
Gimli blickte das Messer an, das immer noch in seiner Hand lag und steckte es ein. Fast schämte er sich für seine Gedanken, er hätte es wirklich fast getan
Nimm das Schwert, das noch in meinem Körper steckt, du wirst es brachen, sagte Legolas und deutete auf seinen eigenen toten Körper.
Gimli ging zögerlich hinüber und griff das Schwert. Es war ein seltsames Gefühl seinen toten Freund vor sich zu haben und gleichzeitig seinen Geist neben sich.
Zieh es raus Gimli, es macht mir nichts, erklärte Legolas und warf dem Zwerg einen aufmunternden Blick zu.
Mit einem Ruck hatte der Zwerg das Schwert aus Legolas totem Körper herausgezogen und eine Gänsehaut überkam ihn bei dem Geräusch, das es dabei machte. Im selben Moment konnte Gimli beobachten, wie das Schwert in Legolas Geist zu erst durchsichtig wurde und dann verschwand. Nun war nur noch ein schlitz in Legolas Brust.
Das ist schon viel besser, stellte Legolas fest, als er nun an sich hinunter sah und lächelte leicht. Und nun komm, du musst hier weg!
Bleibst du bei mir, wollte der Zwerg wissen und klang beinahe wie ein kleines Kind. Ich hoffe, dass Wulf mir den Freiraum lässt, den ich jetzt genieße. Ich kann die Stadt hier zwar nicht verlassen, aber ich kann hier überall hin. Aber nun komm, mellon nin, du musst die anderen retten, das ist ein weiterer Gefallen um den ich dich bitten muss!
Du bekommst nie genug, nicht wahr, antwortete Gimli und lächelte leicht.
Legolas schüttelte den Kopf. Als nächstes lernst du reiten und jetzt komm, sagte der Elb und lächelte ebenfalls.
Gimli merkte selber, dass er nicht alles verstand, was hier geschah. Er hatte es noch gar nicht begriffen, es war alles zu viel gewesen. Aber er war wieder mit Legolas vereint, selbst nach dem Tod noch, und wieder spürte der Zwerg, welche tiefe Freundschaft ihn mit Legolas verband.
Siebtes Kapitel
Keuchend stand Aragorn vor Eomer in der Zelle. Rohans König blickte ihm unverwandt in die Augen, begriff er doch erst langsam, daß verzweifelte Tränen in den Augen seine Freundes und auf seinen Wangen glitzerten. Aragorn zitterte am ganzen Leib, er zitterte so stark, daß Eomer es gar nicht übersehen konnte, dabei hatte er Aragorn ohnehin niemals zuvor in dieser Verfassung erlebt.
Wie verrückt zerrte Aragorn hinterrücks an seinen Fesseln. Es dauerte nicht lange, bis er endlich auf dieselbe Idee kam, wie Sam sie vor ihm gehabt hatte, und ohne zu ermüden, rieb er die Stricke an einer scharfen Mauerkante vorbei.
Er mußte diese Fesseln loswerden. Er fühlte sich, als müsse er zerreißen, er mußte sich dringend bewegen können, sonst wurde er noch vollends wahnsinnig.
Ohne Eomer bewußt wahrzunehmen, starrte Aragorn ihn an, oder vielmehr an ihm vorbei. Verwirrt erwiderte Eomer seinen Blick, runzelte fragend die Stirn, sprach Aragorn auch an, aber dieser hörte seine Worte gar nicht.
Elessar, nun sag endlich etwas! Was ist geschehen? Was hat man dir getan? Sprich mit mir, ich werde noch verrückt! rief Eomer und trat auf Aragorn zu, der sich unablässig an seinen Fesseln zu schaffen machte.
Daß er sich ins Fleisch schnitt, spürte er nur durch das warm über seine Haut sickernde Blut, doch sobald er es bemerkte, hielt er verschreckt inne und zitterte wiederum sehr stark.
Aragorn?
Erst als Eomer vor ihm stand und ihn mit schiefgelegtem Kopf anstarrte, reagierte Aragorn.
Blut... überall Blut, sagte er tonlos. Eomer runzelte hilflos die Stirn.
Daß Aragorn in Panik geriet, weil selbst er nun zu bluten begonnen hatte, kam ihm noch nicht in den Sinn.
Ich helfe dir, sagte Eomer dann, weil er zumindest verstand, daß Aragorn dringend seine Fesseln loswerden mußte.
So standen sie im nächsten Augenblick Rücken an Rücken und Eomer machte sich erbittert an dem festen Knoten zu schaffen, der die Stricke zusammenhielt. Währenddessen spürte er Aragorns heftigen, in Stößen kommenden Atem.
Er mußte etwas furchterregendes gesehen haben.
Eomer bemühte sich so sehr, daß es ihm schnell gelungen war, den Knoten von Aragorns Fesseln zu lösen. Endlich war Aragorn frei und drehte sich langsam um, trotz seiner tauben Finger nun umgekehrt sein Glück an Eomers Stricken versuchend. Er tat es einfach ohne nachzudenken, da war nichts in ihm, nur Leere und Verzweiflung.
Sein glasiger Blick gab Eomer erneut zu denken. Daß Aragorn einfach nicht sprechen wollte oder konnte, bereitete ihm ernste Sorgen, aber vorerst sprach auch er nicht.
Erst, als auch er endlich frei war, packte er Aragorn behutsam an den Schultern und wartete, bis der gondorianische König ihn aus seinen versteinerten Augen heraus ansah.
Was ist los, verdammt? fragte Eomer.
Aragorn schüttelte den Kopf. Frag nicht. Bitte frag nicht danach!
Doch, ich frage danach. Was hast du gesehen, Aragorn?
Ich... ich habe Frodo gesehen, er ist hier, er ist noch am Leben... brachte Aragorn plötzlich unerwartet hervor, was Eomer vollends verwirrte.
Frodo ist tot... hast du deshalb solche Angst?
Nein, Frodo ist nicht tot, Frodo lebt... er ist wirklich hier! Gimli lebt auch noch, das hat er gesagt, fügte Aragorn hinzu. Langsam fing er sich wieder, seine bebende Stimme wurde etwas fester.
Das kann es doch nicht sein, murmelte Eomer. Was ist wirklich vorgefallen? Man hat dich doch nicht geholt, um dir Frodo zu zeigen?
Nein! schrie Aragorn und es war, als würde seine Stimme sein Entsetzen hinausschleudern.
Er sah immer nur das Blut, überall war Blut, Legolas war des Todes. Niemals zuvor in seinem Leben hatte er ein derart grausames Bild erblicken müssen.
Aragorn schloß die Augen. Sein vernebelter Verstand kam langsam wieder zu sich, der Schock ließ ein wenig nach und er versuchte, wieder vernünftig zu handeln, aber er konnte nicht.
Aragorn, sag es mir endlich! Hat es mit Legolas zu tun? bohrte Eomer unablässig nach.
Wie in die Enge gedrängtes Wildtier starrte Aragorn ihn an und lehnte sich schwer atmend an die Wand, seine blutigen Hände zitternd von sich haltend.
Es kam ihm vor, als wäre dies Legolas Blut, weil er ihm nicht helfen konnte. Der Gedanke an das Martyrium, welches sein Freund ausstehen mußte, brachte ihn um.
Was haben sie ihm angetan? fragte Eomer leiser, weil er begriffen hatte, daß er sich auf dem richtigen Weg befand.
Immer noch zitternd ging Aragorn in die Knie und stöhnte vor Schmerz wegen seinen gebrochenen Rippen. Schwerfällig lehnte er sich mit leicht angezogenen Beinen rücklings an einer der grob behauenen Steinwände und starrte stumm vor sich hin.
Aragorn, was ist mit Legolas? fragte Eomer unnachgiebig.
Ohne sich zu bewegen, gab Aragorn schließlich Antwort.
Ich konnte ihm nicht helfen, Eomer. Ich konnte ihm nicht helfen, so wie es sich für einen Freund gehört, dabei muß ihm doch jemand helfen...
Was haben sie mit ihm gemacht?
Aragorn hob seine zitternden Hände, doch als er des Blutes gewahr wurde, wischte er es noch an seiner ohnehin völlig verschmutzten Hose ab, bevor er den Kopf in die Hände stützte und das Gesicht dahinter verbarg.
Sie werden uns alle töten. Mit ihm hat Wulf begonnen, aber wir werden folgen. Legolas wird sterben, es ist nur eine Frage der Zeit, und... das ganze Blut...
Seine Stimme begann zu zittern. Eomer kniete sich vor Aragorn und sah ihn durchdringend an.
Was, Aragorn? Was war mit Legolas?
Hör endlich damit auf! Wenn du es auch noch weißt, wird es dir kaum anders gehen als mir! Begreifst du das nicht? Du wirst auch durchdrehen, wenn dich die Angst packt, auf eine ähnliche Weise zu sterben!
Schockiert starrte Eomer den gondorianischen König an.
Das... das ist nicht dein Ernst...
Doch, sagte Aragorn. Überleg dir gut, ob du es wirklich hören willst, ich an deiner Stelle würde aufhören zu fragen! Ich sage dir: Legolas ist so gut wie tot. Niemand kann ihm mehr helfen, man hat ihn zu übel zugerichtet. Reicht dir das nicht?
Eomer hörte in diesem Moment das Blut in seinen Ohren rauschen, wie es mit jedem Herzschlag pulsierend durch die Adern gepreßt wurde - ein untrügliches Zeichen des Lebens. Dieses Leben wollte er nicht verlieren, aber wenn sogar der unsterbliche Elb keine Chance hatte, welche sollte ihm dann bleiben?
Nein, das reicht mir nicht, sagte Eomer dann gepreßt. Du weißt nicht, in welcher Verfassung die Männer waren, die ich als Opfer dieser Dunländer zu Grabe getragen habe! Ich will wissen, womit ich es zu tun habe.
Aragorn ließ die Hände sinken. Ungläubig starrte er seinen Freund an, weil er nicht glauben konnte, wie abgeklärt und dennoch von Verzweiflung durchtrieben Eomer sprach.
Was hast du denn damals gesehen? fragte er dann. Eomer verzog das Gesicht und berichtete von den Entstellungen, die er niemals vergessen würde. Mit jedem weiteren Wort sank Aragorn mehr in sich zusammen, wie Eomer verstört feststellen mußte, aber kaum daß er geendet hatte, sprach Gondors König doch.
Sie haben ihn hinterrücks aufgespießt, so daß die Spitze des Hakens vorn aus seiner Brust herausragte, murmelte er tonlos. Alle Farbe wich Eomer aus dem Gesicht, er ließ sich schwer zu Boden sinken und begann zu zittern, weil er ahnte, was Aragorn gesehen hatte.
Er blutete, als hätte ein Schlachter Hand angelegt. Ich konnte kaum hinsehen. Aber er war bei vollem Bewußtsein und hat noch mit mir gesprochen. Verstehst du, er leidet die schlimmsten Qualen und findet keine Erlösung!
Ohnmächtiges, sprachloses Schweigen hielt Einzug. Die beiden starrten sich an, Eomer konnte sehen, wie sich erneut Tränen in Aragorns Augen sammelten.
Blut hatte er gespuckt, um noch mit ihm sprechen zu können...
Eomer begann, nervös an seiner Unterlippe herumzunagen. Sein Entsetzen kannte keine Grenzen, es war, als hätte ihm jemand mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, denn aufgrund seiner eigenen Erfahrungen wußte er, was Aragorn hatte ertragen müssen.
Legolas hing dort schon so lang und niemand würde ihn vorzeitig erlösen. Er würde langsam daran zugrundegehen.
Die beiden saßen nur wenige Minuten so dort, als das bedrohliche Geräusch von sich nähernden Schritten lauter wurde. Entfernt stehende Wächter hatten das wutentbrannte Gebrüll der Könige gehört und einem zufrieden grinsenden Wulf mitgeteilt, daß seine Idee bezüglich Aragorn tatsächlich Früchte trug. Aber noch war er nicht fertig mit Elessar, der noch viel bis zum Ende würde ertragen müssen.
Eomer spürte, wie sein Herz für einen Moment aussetzte, als ein Schlüssel im Schloß zu ihrer Zelle gedreht wurde, woraufhin die Tür aufflog und drei Männer eintraten.
Was wollt ihr? fragte Aragorn kalt, ohne sich zu erheben, er richtete einzig den Blick auf die drei Eindringlinge. Eomer schwieg still und wich neben Aragorn zurück in eine Ecke, fürchtete er doch, daß man es diesmal auf ihn abgesehen hatte.
Die Dunländer gaben keine Antwort. Mit verkniffenem Gesicht aufgrund der ihn durchzuckenden Schmerzen erhob Aragorn sich langsam und trat ihnen aufrecht gegenüber.
Wenn ihr auch nur einen Funken Ehre in euch tragt, dann macht dem Elend ein Ende und erlöst meinen Freund, der dort unten...
Er war nicht fähig, noch weiter zu sprechen. Die Männer lachten böse.
Ihr werdet alle noch sterben. Mit Euch hat Wulf noch ganz besondere Absichten! verkündete einer voller Hohn, was Aragorn ungeachtet seiner Verletzung die letzte Gelassenheit raubte.
Zornerfüllt sprang er auf den Mann zu, schloß seine Hände um dessen Hals und stieß ihn so von sich, daß er zu Boden ging und Aragorn sich siegreich auf ihn knien konnte, den Mann nahezu erwürgend. Aragorn verlor alle Beherrschung. Eomer wollte ihm zu Hilfe eilen, doch einer der anderen beiden Männer hielt ihn von Aragorn fern, während der dritte demjenigen zu Hilfe eilte, der unter Aragorn begraben lag und sich nicht befreien konnte, weil der König ihm nicht den Hauch einer Chance ließ.
Vor Schmerz brüllend, schlug Aragorn hinterrücks nach dem Mann, der ihn mit den Armen umschlingen und fortzerren wollte. Dabei hatte er natürlich seine Rippen berührt und rechnete nicht mit der Kraft, die Aragorn dadurch noch aufbringen konnte.
Aragorn handelte schnell und gut überlegt. Mit einem Griff hielt er das Schwert des Dunländers in der Hand und durchschnitt ihm ohne zu zögern die Kehle. Es gab für ihn keinen Grund zu zögern, angesichts eines schmerzvollen Todes war er zu allem fähig.
Die Männer hatten einen bedeutenden Fehler gemacht, als sie nicht sofort bemerkt hatten, daß die Könige nicht mehr gefesselt waren. Sie waren ihnen zu achtlos gegenübergetreten.
Das Blut spritzte Aragorn ins Gesicht und auf sein Hemd, er schrak zurück und fuhr herum, weil er den anderen Mann nicht länger in seinem Rücken wissen wollte, doch dieser hatte ohnehin bereits reagiert. Er war bereits vor den entsetzten Blicken der Könige dabei, sich in einen riesenhaften Werwolf zu verwandeln, gegen den Aragorn kaum eine Chance hatte mit seiner Verletzung.
Sieh dich vor! brüllte Eomer, der zu fest gehalten wurde, als daß er sich hätte befreien können. Aragorn hielt das Schwert vor sich und kroch mühsam keuchend zurück, wollte sich erheben, doch da war es schon zu spät. Die monströse Kreatur sprang auf ihn zu und begrub ihn unter sich. Entschlossen rammte Aragorn das Schwert nach oben und in den fleischigen Hals des Wolfes, der schmerzerfüllt aufjaulte und fast reflexartig die scharfen Zähne in Aragorns Schulter grub.
Scheppernd ging das Schwert zu Boden, denn Aragorn war nicht länger fähig, es noch zu halten. Markerschütternd schrie er auf, dann ließ der Wolf von ihm ab und funkelte ihn aus düsteren Augen an. Aragorn lag keuchend da, unfähig, zu fliehen, und tastete noch suchend nach dem Schwert, als er plötzlich spürte, wie die tiefe Schulterverletzung zu brennen begann.
Von plötzlicher Kraft beflügelt, stieß er sich hinterrücks mit den Armen vom Boden ab, rammte den mächtigen Wolf über ihm und war unerwartet noch stark genug, ihn tatsächlich fortzustoßen, so daß er aufstehen konnte.
Nicht nur sein eigenes Blut tropfte von ihm, sondern auch das des toten Dunländers und des ihn kalt anstierenden Wolfes. Aragorn ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken, sondern tastete mit dem Fuß nach dem vor ihm liegenden Schwert.
Lauf doch! brüllte Eomer von der Seite, der sah, daß Aragorn mit dem Rücken direkt zur halb offenen Tür stand.
Damit er dich umbringt, natürlich! gab Aragorn bissig zurück und wollte nach dem Schwert greifen, mußte dann aber erst in Deckung gehen, um nicht von dem ihn anspringenden Werwolf zu Boden gerissen zu werden.
Bäuchlings lag er auf dem Boden, als die Kreatur über ihn hinwegsprang und seitlich gegen die Tür und die harte Wand prallte. Mit einem Jaulen ging der Wolf zu Boden, Aragorn griff das Schwert und wollte Eomer zu Hilfe eilen, aber er hatte nicht mit dem letzten Dunländer gerechnet. Dieser hatte ruckartig einen Dolch gezogen und rammte die Klinge bis zum Heft in Eomers Oberschenkel, damit dieser nicht mehr fähig war, noch zu laufen.
Hinter Aragorn rührte sich mit einem furchterregenden Knurren der Werwolf, aber er schaute sich nicht um. Er blickte nur zu Eomer, der vor Schmerz aufschrie und brüllte: Lauf endlich, du hast nur diese Chance!
Aragorn zögerte für einen Moment, doch dann begriff er, daß er Eomer damit nicht im Stich ließ, sondern ihm im Gegenteil noch helfen konnte.
Er spürte keinen Schmerz und keine Angst mehr, als er herumfuhr und blitzschnell mit dem Schwert dem Werwolf den massiven Kopf abhieb, bevor er die Tür öffnete und ungeachtet des lauten Gebrülls des Dunländers aus der Zelle floh.
Keuchend blickte er sich vor den Zellen um. Darin waren überall seine dem Tode ausgelieferten Freunde, aber konnte er sie jetzt retten? Er glaubte nicht daran, ohne Schlüssel hatte er keine Chance. Erst brauchte er diesen, bevor er weiterdenken konnte, und dazu mußte er fort.
Hastig suchte er nach einem Fluchtweg, entdeckte die Brücke über dem Abgrund und war mit einem Satz dort, um dann in Windeseile hinüberzulaufen.
Adunaisches Geschrei verfolgte ihn, er hörte Eomers Stimme heraus, aber es kümmerte ihn alles nicht. Er verfolgte in diesem Moment nur einen Gedanken.
Von irgendwo näherten sich eilige Schritte, was Aragorn kaum Zeit zum Überlegen ließ. Er versuchte, sich zu erinnern, und dann verschluckte ihn die Dunkelheit des nahen engen Tunnels, die ihm Schutz bot. Schon im nächsten Moment rannten an dessen Eingang bestimmt ein halbes Dutzend Dunländer vorbei, um zu den Zellen zu gelangen.
Aragorn preßte sich an die Wand und hielt die Luft an, umklammerte das Schwert und wartete, dann pirschte er hinein in die Finsternis, die ihn zu seinem Freund bringen würde.
Er wußte nicht, was er tun würde, wenn er erst dort war und vor ihm stand, aber daß er ihm helfen mußte, stand außer Frage. Fast vergaß er alle Vorsicht, als er der Kammer immer näher kam, aber es war alles still und als er um die Ecke bog, bot sich ihm ein überraschendes Bild.
Legolas lag tot auf dem Boden und machte trotz seines entstellten Leibes plötzlich einen so friedlichen Eindruck. Jemand hatte ihm fast fürsorglich die Augen geschlossen, das konnte Aragorn sehen, als er näher an den elbischen Leichnam herantrat.
Legolas Herz war präzise durchbohrt, ein Gnadenstoß, wie von Freundeshand ausgeführt. Das hatte keiner von Wulfs Männern getan, das stand fest, und dafür gab es allzu deutliche Hinweise. Ein Stück entfernt lag nämlich einer dieser Dunländer, ebenfalls tot, aber bald noch schlimmer zugerichtet als Legolas. Es war jemand dortgewesen, der Legolas heruntergeholt und sein Leiden beendet hatte, um dann noch seinen Peiniger auf recht brutale Weise aufzuschlitzen.
Aragorn runzelte die Stirn. Ein großer Stein lag unter dem todbringenden Haken und auf Legolas Kleidung sah Aragorn bei genauerem Hinsehen plötzlich die Spuren von Tränen. Nichts anderes konnte es sein, wovon die dunklen feuchten Flecken auf der blutbesudelten Kleidung herrührten.
Er blickte wieder zu dem toten Dunländer. Daß dieser sogar noch blutete, sagte Aragorn, daß der Kampf noch nicht allzu lang her sein konnte. Aber wer hatte den Mann so zugerichtet?
Tränenspuren auf der Kleidung des Elben. Es mußte ein Freund gewesen sein, und da Frodo gewiß niemanden getötet hatte, kam nur einer noch in Frage, der den Hobbit an diesen Ort des Schreckens begleitet hatte.
Gimli, flüsterte Aragorn und ein plötzliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren!
Was sollte er aber nun tun? Er hatte mehrere Möglichkeiten. Für Legolas konnte er nichts mehr tun, der Elb hatte seine Erlösung zum Glück gefunden.
Aragorn seufzte schwer, als er daran dachte, daß Legolas durch Gimlis Hand den herbeigesehnten Tod gefunden hatte. Welche Überwindung es den Zwerg gekostet hatte, das zu tun, konnte er sich gut vorstellen und welche Trauer ihn ergriffen hatte, wußte er, wenn er den toten Dunländer ansah.
Zwar hatte er das dem Zwerg nicht zugetraut, aber es wunderte ihn kaum.
Er konnte Gimli nun suchen oder aber den Versuch unternehmen, den anderen zu Hilfe zu eilen.
Bevor er eine Entscheidung treffen konnte, spürte er plötzlich, wie ein merkwürdiges Kribbeln sich stetig über seinen ganzen Körper ausbreitete. Auf einen Schlag schärften sich dabei seine Sinne merklich, er konnte plötzlich viel klarer und besser hören, das Prasseln der Fackelflamme war auf einmal spürbar lauter und seine Umgebung erschien ihm längst nicht mehr so dunkel wie zuvor. Er glaubte fast, das ganze Blut in der Kammer riechen zu können, was fast einen starken Brechreiz auslöste.
Was war geschehen? Etwas unheimliches geschah mit ihm, das ihm Angst bereitete. Das Pochen in seiner Schulter erinnerte ihn daran, was zuletzt vorgefallen war, der Werwolf hatte ihn gebissen...
Ein entsetzlicher Verdacht keimte in Aragorn auf. Er wußte es nicht sicher zu sagen, aber er glaubte, daß die Fähigkeit, sich in eine wölfische Gestalt zu verwandeln, über den Biß eines Werwolfes auf jemanden übertragen werden konnte. Das würde nur Sinn machen.
Als er mit den Fingern sein bluttriefendes Hemd berührte, verlor er auch den letzten Zweifel. Nichts anderes konnte es sein, da war sogar Blut dieser Bestie und des anderen Dunländers, wenn...
Ihm wurde mit einem Schlag kalt und er mußte sich geschockt an die Wand lehnen.
Er würde doch nicht zu einer dieser Bestien, wie war das möglich? Das durfte nicht geschehen!
Er atmete tief ein. Das erklärte, warum er den Wolf mit einer solchen Kraft von sich hatte stoßen können.
Auf der anderen Seite räumte ihm dies bessere Chancen ein. Aragorn versuchte, nicht in Panik zu geraten, sondern erinnerte sich an die große Kraft und die geschärften Sinne dieser Bestien. Sie waren so stark und schnell und waren durch ihr gutes Gehör schnell vor Gefahren gewarnt.
Außerdem würde man ihm so vielleicht nicht gleich auf die Spur kommen...
Konnte er dieses Unglück vielleicht noch für seinen Vorteil verwenden?
Aber wie konnte jemand zum Werwolf werden? Welche Fähigkeiten erforderte dies?
Sein Schwert umklammernd, wandte er sich zum Gehen. Im Augenblick konnte er dort nichts mehr tun, man konnte ihn höchstens entdecken.
Er würde sich nun auf einen Streifzug durch die nicht mehr ganz so starre Finsternis begeben und dabei überlegen, was nun zu tun war...
Faramir mußte widerwillig lächeln, als er Pippins Magen zum wiederholten Male laut knurren hörte. Der Hobbit saß, genau wie er, mit angezogenen Beinen und darum geschlungenen Armen neben ihm an der Wand und starrte auf den dunklen, kalten und schmutzigen Boden. Endlich hatten sie es geschafft, sich von ihren Fesseln zu befreien, aber es hatte sie viel Zeit und Geduld gekostet.
Wenn ich etwas zu essen hätte, ich würde es dir geben, sagte der Mann Gondors. Pippin erwiderte nichts.
Zu tief saß ihm der Schrecken des Lärms in den Knochen, den sie an diesem Tag schon hatten mitanhören müssen, ohne zu wissen, was geschah. Begonnen hatte es damit, daß jemand bei Sam, Eowyn und Liliane gewesen war. Sie konnten sich beide einen ungefähren Reim darauf machen, was vorgefallen war, denn anhand von Aragorns späteren Fragen hatte sich einiges erschließen lassen. Daß Legolas geholt worden und nicht mehr zurückgekehrt war, vertiefte den Schrecken noch, aber es hatte soviel Tumult gegeben. Besonders um Aragorn und Eomer gab es wiederholt Ärger und irgendwas hatte sich auch woanders getan, aber sie hatten noch nicht bemerkt, daß es Frodo war, der sich nun bei seinen Freunden befand.
Aufgehört hatte es damit, daß Aragorn scheinbar Glück genug gehabt hatte, um die Flucht zu ergreifen. Viel Geschrei hatten die beiden gehört, hatten sich immer wieder gefragt, ob nicht wenigstens einmal jemand mit Wasser und Brot käme, aber nichts hatte sich seither gerührt.
Du kannst schlafen, wenn du müde bist, bot Faramir einige Zeit später an, weil er gemerkt hatte, daß sein kleiner schweigsamer Freund die Augen kaum noch offenhalten konnte. Pippin erwiderte das mit einem Lächeln, lehnte sich fast schüchtern bei Faramir an und schloß letztendlich die Augen, weil er seiner Müdigkeit nicht mehr länger standhalten konnte.
Es dauerte nicht lange, bis der Hobbit eingeschlafen war. Der Statthalter Gondors, der sich unaufhörlich Sorgen um seine Frau machte, die er seit Stunden nicht gehört hatte, wachte über Pippins Schlaf mit einer tiefen Ruhe, denn er zwang sich, diese zu bewahren. In Panik auszubrechen nützte ihm jetzt überhaupt nichts.
Irgendwann nickte aber auch er ein. Ihre Erschöpfung war noch zu tief und trotz des Hungers hatten sie keinerlei Schwierigkeiten damit, ihren Weg ins Reich der Träume zu finden.
Allerdings war dies eine Reise, die sie besser nicht angetreten hätten. Tiefste Finsternis umschloß Pippin, er hörte Merrys Stimme von irgendwoher, er hörte Schluchzen und Geschrei, dann einen Ausruf des Schmerzes.
Plötzlich war da überall Blut. Er watete darin, was bei ihm tiefen Ekel hervorrief, und als er den Kopf hob, entfuhr ihm ein Schreckensschrei.
Dabei ahnte er nicht, daß er die Wirklichkeit sah.
Legolas sah er in seiner qualvollen Haltung vor sich, hörte jeden fallenden Blutstropfen zerplatzen und selbst als er sich die Ohren zuhielt, drang das Flehen um Hilfe von seinem Freund Legolas an seine Ohren. Pippin schloß die Augen und schrie, um Legolas nicht hören zu müssen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen.
Höhnisches Gelächter kam dazu. Wulf schwebte in der Nähe umher, Pippin spürte die Kälte des Geistes, dessen Finger ihn durchdrangen, ganz genau. Er wollte weglaufen, aber seine Füße gehorchten nicht, er mußte immer nur hoch zu Legolas blicken, dem er nicht helfen konnte, weil er nicht an ihn herantreten konnte.
Der Geist wollte in ihn hineinfahren, er tastete wieder nach seinem warmen, stetig klopfenden Herzen und umschloß es mit seinen kräftigen Fingern des Todes, um es zum Stillstand zu zwingen.
Nach Luft schnappend fuhr Pippin hoch, riß die Augen auf und stieß gegen Faramir, der schon von einem Schrei des Hobbits vor einem Augenblick geweckt worden war und ihn jetzt verwirrt ansah.
Was in aller Welt... begann er, doch dann sah er nur in Pippins geweitete Augen, die panisch an ihm vorbei starrten, und drehte den Kopf nach hinten.
Dort war überhaupt nichts.
Pippin? Was ist los? fragte Faramir ruhig und nahm besänftigend eine Hand des Hobbits in seine, aber Pippin wandte den Blick nicht von einem Punkt hinter Faramir, wo dieser nichts erkennen konnte.
Pippin war es, als hinge Legolas dort, und er konnte es nicht begreifen, daß Faramir darüber so hinwegging. Legolas stöhnte und spuckte Blut, sah ihn noch immer hilfesuchend an, aber sobald Pippin sich bewegte, war es ihm, als gefriere das Blut in seinen Adern, was es ihm unmöglich machte, zu Legolas zu gelangen. Jede Bewegung schmerzte.
Legolas... stammelte Pippin. Faramir blickte sich wieder um, aber da war überhaupt nichts hinter ihm.
Ist alles in Ordnung mit dir? fragte er den Hobbit, der stumm zu weinen begann.
Legolas... halt durch... flüsterte er stimmlos, dann lehnte er sich verzweifelt an Faramir und ergab sich dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das ihn spürbar lähmte. Er wußte nicht, was vor sich ging und was er noch glauben sollte. Eine Stimme redete ihm ein, daß er ohnehin nichts tun konnte und völliug nutzlos war, deshalb hatte Pippin bereits aufgegeben. Vor ihm war der todeskalte Geist und schüchterte ihn wirkungsvoll ein.
Faramir seufzte. Er begriff, daß den Hobbit Halluzinationen plagten - aber er hatte den Verdacht, daß ihre Feinde die Finger im Spiel hatten, weil Pippins Schreckensvisionen über Legolas einen so schrecklichen Bezug zur Wahrheit haben würden, wie er glaubte.
Das Bild von Legolas verschwand für Pippin wieder, aber Wulf hatte noch nicht genug, er war es nicht zufrieden und trieb sein Unwesen weiter in den Gedanken des verzweifelten Hobbits.
Er sah den schmutzig grinsenden Dunländer und als er sich weiter auf dieses sich vor ihm aufbauende Schreckensbild konzentrierte, hörte er wieder Liliane weinen und schreien, doch diesmal sah er auch, was geschah. Fast wie Sam wurde er zum Zeuge dieser Grausamkeit, er sprang panisch auf und rannte wie ein in die Ecke gedrängtes Tier durch die Zelle, so daß Faramir ihm folgte und ihn festhielt, um ihn dann beruhigend in die Arme zu schließen.
Das Bild ließ sich dennoch nicht vertreiben. Pippin mußte an seine Juweline denken, als er Liliane so sah, und es zerriß ihm das Herz, daß er glaubte, er müsse daran sterben.
Pippin, beruhige dich doch, alles ist gut, ich bin hier und niemand kann dir etwas tun... redete Faramir beruhigend auf den Hobbit ein, aber er hatte so gut wie keinen Erfolg damit.
Erst nach einer ganzen Weile war Pippin still. Faramir konnte ihn dazu bringen, sich wieder zu setzen, er legte einen Arm um seinen kleinen Freund und seufzte.
Die Tränen des Hobbits versiegten und die Halluzinationen ließen nach, aber auch Faramir spürte die kalte Anwesenheit eines Übels.
Eowyn stöhnte unter Schmerzen. Aufgrund ihrer schweren Kopfverletzung konnte sie sich nicht rühren und selbst als sie versuchte, aufzustehen und zu entkommen, sank sie zurück zu Boden und lag fast wie ein Geschenk vor ihm.
So, du willst also auch noch auf deine Kosten kommen? Das dürfte kein Problem sein! bemerkte der Dunländer gehässig lachend, was Eowyn entsetzt die Hände in einer abwehrenden Geste heben ließ, doch er stieß sie weg.
Du entkommst mir nicht, wie willst du das tun? fragte er grinsend. Voller Abscheu spuckte Eowyn ihm wieder ins Gesicht, was ihn zu einer schallenden Ohrfeige ausholen ließ, die sie fast an den Rand einer tiefen Ohnmacht beförderte.
Ihre Kopfschmerzen nahmen sichtlich zu. Eowyn konnte nicht aufstehen und fliehen, schon gar nicht mehr, als der Dunländer sich auf ihre Beine setzte und mit einem lüsternen Gesichtsausdruck die Hand ausstreckte.
Sie schrie auf und wollte ihn von sich stoßen, doch er preßte sie nur stärker zu Boden und gab nun erst recht nicht mehr nach.
Nackte Angst stand in ihrem Blick geschrieben. Vor lauter Verzweiflung begann sie, ihn zu bitten, fast zu flehen, aber er zeigte sich ungnädig und fuhr fort mit seinem Vorhaben. Es war auch niemand da, ihr zu helfen, sie davor zu bewahren...
Keuchend blickte Faramir sich um. Er konnte nicht einmal mehr sagen, ob er überhaupt eingeschlafen war oder sich das eingebildet hatte, aber es war ihm ganz egal. Er hatte zuvor bei Pippin gesehen, wie nah an der Wirklichkeit diese Halluzinationen wohl sein konnten, und er geriet sofort in Panik beim bloßen Gedanken daran, daß dieser Kerl seiner Frau das angetan haben könnte.
Faramir? murmelte Pippin schläfrig und blickte den Mann verwirrt an, der sofort aufsprang und zur Tür lief.
Ein an den Wänden widerhallendes, schepperndes kaltes Lachen erklang und wollte erst nicht leiser werden. Faramir schauderte und sah sich hektisch um, doch außer Pippin war niemand mit ihm in der Zelle.
Er wußte nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit war. Wütend ballte er die Hände zu Fäusten und hämmerte gegen die massive Tür, laut nach draußen brüllend.
Welcher Hund war das bei den Frauen? Er soll herkommen und mir ins Gesicht sehen, dieser Sohn eines Bastards! Der lernt mich noch kennen! Ich will sofort zu meiner Frau!
So und in ähnlicher Weise setzte sich Faramirs Geschrei fort, bis es den Wachen wohl zuviel wurde und sie sich mit schweren, ein weiteres Echo hervorrufenden Schritten näherten.
Endlich! Daß ihr ehrlosen Verbrecher es wagt, mir überhaupt in die Augen zu sehen! Ich werde euch noch mit meinen bloßen Händen erwürgen! tobte Faramir weiter, bis die Tür aufging und er die erste Gelegenheit gedankenlos nutzte, um einem der verhaßten Dunländer hart mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, daß das Blut diesem nur so aus der Nase schoß.
Wütend brüllte dieser und zog sogleich sein Schwert, das er Faramir flink an die Kehle hielt. Sofort hielt der Gondorianer still und blickte die eintretenden Dunländer scharf an.
Ihr wünscht, Denethors Sohn?
Ich will sofort zu meiner Frau! Wer hat ihr etwas angetan? Wer war das?
Wer war was? kam die abschätzige Antwort.
Jemand war doch... begann Faramir, doch dann sprach er nicht weiter, weil er zu gespannt verfolgte, was die eintretenden Dunländer in der Zelle taten.
Sie handelten schnell. Zwei packten ihn, der dritte grinste breit und steckte sein Schwert wieder weg.
Faramir wehrte sich noch dagegen, gefesselt zu werden, aber er war deutlich unterlegen und vom völlig verschreckten Pippin konnte er in diesem Moment auch keine Hilfe erwarten.
Was soll das alles? rief er erbost.
Das können wir Euch sagen, erwiderte der vor ihm stehende Kerl. Da Ihr so laut darum gebeten habt, der zweite zu sein, der sterben soll, wollen wir Euch den Wunsch gern erfüllen...
Faramir wurde totenbleich und Pippin schrie auf vor Entsetzen, wollte Faramir nun doch zu Hilfe eilen, wurde aber nur unsanft zurückgestoßen und hämisch ausgelacht.
Fassungslos mußte Pippin mitansehen, wie die Männer den gefesselten Statthalter aus der Zelle zerrten und die Tür hinter ihm zuwarfen.
Dann war er fort.
Frodo hatte in der Ecke gelehnt, Liliane sichernd in den Armen haltend. An ihn gelehnt hatte auch sie geschlafen, Sam saß neben Frodo und Eowyn war ohnehin in einem tiefen Schlaf versunken, der ihr bei der Heilung ihrer schweren Verletzung helfen sollte.
Allerdings war es aus mit der Ruhe, als am frühen Morgen ausgerechnet der Dunländer mit Wasser und Brot die Zelle betrat, der ein ganz besonderes Interesse daran angemeldet hatte, noch einmal nach Liliane zu sehen. Ihn faszinierte der Gedanke, daß nun dieser kleine Halbling dort sein sollte, der ihr Mann war.
Ob er wohl davon wußte, was er mit seiner Frau angestellt hatte?
Er würde ihn auslachen, wenn er ihn angreifen wollte. Er hatte sich ein wenig mit der Kleinen vergnügt, nur glaubte er, daß der gehörnte Ehemann gewiß nicht mit sich spaßen ließ. Umgekehrt würde er zum Mörder, das stand für ihn fest, aber diesmal war er in der überlegenen Situation.
Er wollte sehen, wer das war, der Ringträger und Mann der kleinen Kratzbürste. Dennoch ging er nicht allein, denn man konnte nie wissen, was ihn dort erwartete.
Der Mann war überrascht, als er die Zelle betrat. Alles schlief, und die kleine Halblingsfrau sah nicht mehr so aus wie zu dem Zeitpunkt, als er gegangen war. Ihr Kleid war dunkel von getrocknetem Blut.
Das war nicht etwa er gewesen...
Was kümmerte es ihn. Sein Begleiter ließ die Tür laut hinter ihnen zuschlagen, woraufhin die Hobbits sofort erwachten.
Liliane schrie in Panik und Frodo rappelte sich sofort auf, um sie zur Not verteidigen zu können. Ihm war ganz egal, wer da vor ihm stand, nur waren zwei Dunländer auf einmal alles andere als gut.
Sam wußte jedoch, daß einer von ihnen Lilianes Peiniger war, und dieser hatte gerade Wasser und Brot neben der Tür abgestellt, als Sam brüllend auf ihn zugerannt kam.
Raus hier, du Sohn eines reudigen Hundes! Hast du noch nicht genug? empörte er sich lautstark. Die Dunländer lachten.
Ach weißt du, du halbe Portion, eigentlich ging es diesmal nur ums Essen, aber da du mir ein bißchen zu frech wirst, sollten wir dir mal zeigen, was mit Rebellen passiert!
Bevor jemand wußte, was geschah, hatten sie Sam gepackt, der sich wie wild gebärdete, und schleiften ihn ungerührt zur Tür hinaus.
Frodo rannte ihnen noch hinterher und rief nach Sam, aber es wurde ihm nur die Tür vor der Nase zugeschlagen und es war zu spät.
Keuchend stand er da und starrte gegen das massive Holz.
Das kann nicht sein... flüsterte er tonlos, dann fuhr er jedoch herum, als er hörte, wie Liliane sich vor Schmerzen stöhnend erhob, um ihm zu folgen.
Diesmal war sie in der Lage, aufzustehen und ein paar Schritte ohne seine Hilfe zu gehen.
Liliane... rief Frodo und eilte zu ihr, um sie in seine Arme zu ziehen. Engumschlungen standen die beiden da, als Eowyn die Augen aufschlug und sie fragend ansah.
Was in aller Welt... begann sie, doch da sagte Frodo auch schon: Jetzt haben sie Sam mitgenommen...
Eowyn schloß die Augen wieder. Ich glaube, jede Hoffnung ist inzwischen unsinnig geworden.
Verblüfft sahen die beiden Hobbits sie an, doch sie mußten sich eingestehen, daß Eowyn irgendwo Recht hatte.
Bevor jemand Herrn Frodos Frau noch ein einziges Mal anrührt, könnt ihr mich meinetwegen in Stücke reißen! tobte Sam lautstark. An beiden Armen hatte man ihn gepackt, hielt ihn so hoch, daß er mit den Füßen nicht mehr auf den Boden kam und führte ihn hinein in die Dunkelheit.
Hämisches Gelächter hatte sein empörter Ausruf zur Folge, weiter nichts.
So ist das also! Was interessierst du dich denn so für die Kleine? fragte Lilianes Peiniger gehässig. Sam verzog das Gesicht und erwiderte nichts, zu einer derartigen Gemeinheit fiel ihm nichts ein.
Sag bloß, du und sie... nein, also das ist lustig! Hat dir denn nicht gefallen, was du gesehen hast? fuhr der Dunländer fort.
Jetzt wurde Sam doch wütend.
Niemals! brüllte er. Ist dir elendem Mistkerl nicht klar, was du angerichtet hast? Warum hast du sie nicht gleich umgebracht, dann müßte sie jetzt nicht darunter leiden!
Darauf reagierte der Mann wiederum nicht. Er würde dem kleinen Aufrührer noch zeigen, wer das Sagen hatte.
Sie gingen nicht mehr weit, sie hatten bald eine von Wulfs schier unerschöpflich zahlreichen kleinen Kammern für viele üble Zwecke aufgesucht und warfen Sam bäuchlings zu Boden.
Was soll das alles? murmelte er und hustete, als er sich auf seine Arme gestützt halb erhob. Weil bisher einer der Männer im Weg gewesen war, hatte Sam nicht sehen können, was ihn erwartete, doch was sich ihm offenbarte, hätte er lieber nie gesehen.
Wulf hat einen Befehl erteilt, daß jeder, der sich rebellisch zeigt, sehen soll, warum er das in Zukunft besser läßt! Und ich glaube, geröstet macht sich so etwas wohlgenährtes wie du sicherlich gut... spottete ein anderer der Dunländer. Sam schnaubte wütend.
Das rötlich glimmende Kohlebecken mit darüberhängendem Gitter starrte er unbewegt an und wußte, was jetzt kommen sollte. Bevor er jedoch wußte, wie ihm geschah, wurde er gepackt und hochgezerrt, dann riß man ihm sein Hemd vom Leib und trug ihn, der sich immer noch wie wahnsinnig wehrte, zum sichtlich heißen Kohlebecken.
Irgendjemand hatte da vorgesorgt...
Das gefährlich rote Glimmen erhellte den ganzen finsteren Raum und je näher er kam, umso heißer wurde es auch. Seine Augen weiteten sich beim Anblick der winzigen Flämmchen, die zwischen den Kohlen hervorzüngelten. Allein der Gedanke an das heiße Gitter über den Kohlen machte ihn schon wahnsinnig.
Dann wurde er rücklings darauf gelegt und spürte sehr zu seiner Überraschung nicht viel, denn das Gitter war nur warm und leitete scheinbar nicht die Hitze, die er jedoch selbst bereits spürte.
Die Männer hielten seine Arme fest gepackt, dann hielten sie plötzlich Stricke in der Hand und banden ihn sowohl an den Handgelenken als auch fast an den Schultern mit Stricken am Gitter fest, das noch fast zwei Fuß hoch über den Kohlen hing. Auch seine Beine band man so am Gitter fest, daß Sam sich nicht mehr bewegen konnte und fest ans Gitter gefesselt war.
Dieses befand sich in einer Vorrichtung, die ganz langsames Absenken erlaubte. Sam schloß die Augen und betete zu den Valar, daß sie ihm gnädig sein mochten, denn er bekam es langsam mit der Angst zu tun.
Was denn, plötzlich so still? fragte Lilianes Peiniger und das so dicht über Sams Gesicht, daß der Hobbit den Atem des Mannes spüren konnte. Er blinzelte mit einem Auge.
Was soll ich denn sagen? fragte er frech. So leicht würde er es diesen Kerlen auch nicht machen.
Nun, wenn du uns anflehst, dich zu verschonen, wirst du vielleicht nicht als unser Abendessen enden! erwiderte der Dunländer grinsend. Sam verzog das Gesicht und schwieg. Vor dem würde er nicht kriechen! Da wurde er in seiner Sturheit lieber gebraten.
Mit einem Ruck senkte sich das Gitter um fast einen halben Fuß herab, es fiel geradezu, daß es Sam Angst und Bange wurde. Vergeblich versuchte er, sich auf dem Gitter aufzurichten, aber die vielfach um seine Gliedmaßen gewickelten Stricke hielten ihn zu sehr fest.
Fällt euch nichts besseres ein? Müßt ihr uns alle bis aufs Blut quälen? rief Sam zornig. Er spürte, wie es immer heißer wurde, und nun drehte der Mann das Gitter langsam immer tiefer hinab, bis Sam ersten Schmerz spürte, weil die vor Hitze fast flimmernde Luft an seiner Haut zu zehren begann, es brannte und peinigte ihn.
Ihm trat der Schweiß auf die Stirn. Es war auch Angstschweiß, sein Herz begann zu rasen, denn daß er keine Gnade erfahren würde, wußte er.
Es ging noch tiefer. Plötzlich spürte er einen Schmerz, der so heiß war, daß er ihm fast schon kalt erschien. Sam konnte es nicht sehen, aber er wußte, daß die Flammen bereits an seiner Haut leckten. Er war schon so tief...
Das metallene Knirschen machte ihn verrückt. Panisch starrte er auf seine Fesseln, von denen er gehofft hatte, daß sie irgendwann zu brennen anfangen und ihn freigeben würden, aber die Stricke waren dick und zu oft um seine Glieder geschlungen, als daß er sich darauf Hoffnungen hätte machen können.
Pfeifend schauten zwei Männer zu und taten ganz unbeteiligt, während Sam den Kohlen näher und näher kam, von Lilianes Peiniger dem Feuer entgegengetrieben.
Du hast keine Angst? fragte dieser plötzlich.
Wovor soll ich Angst haben? erwiderte Sam mit bereits zitternder Stimme. Der Mann lachte.
Ich könnte dich hier langsam sterben lassen!
Ihr wollt uns doch sowieso alle töten, oder nicht?
Der Mann lachte wiederum und stimmte mit einem Nicken zu.
Das ist wahr...
Dann plötzlich setzte das Gitter auf, es konnte nicht mehr tiefer heruntergelassen werden, aber es genügte völlig. Die Luft um Sam herum flimmerte stärker vor Hitze, dann schrie er auf, weil die Flammen seine Haut quälend berührten und zerfressen wollten. Einige Kohlestücke berührten die Haut auf seinem Rücken, die sich spannte und bereits Blasen zu bilden begann. Sam biß fest die Zähne zusammen, aber er stöhnte dennoch, weil er bereits zu starke Schmerzen spürte.
Seine Haut riß an manchen Stellen spürbar auf. Wie wahnsinnig versuchte Sam, sich zu befreien, er betete stumm, daß die Stricke Feuer fangen mochten, aber sie taten es nicht.
Sein Rücken war bald übersät von Brandwunden, es biß und brannte, Tränen traten gegen seinen Willen in seine Augen und er schluckte hart.
Der Mann beobachtete ihn seelenruhig und mit einem belustigten Grinsen.
Langsam fängst du an, sehr schmackhaft zu duften! behauptete er und brüllte vor Lachen. Sam stöhnte unter Schmerzen und kniff die tränenden Augen zusammen.
Er versuchte, tapfer zu sein, aber es gelang ihm nicht. Sein Puls ging schneller und sein Atem flacher, er war inzwischen käseweiß im Gesicht und lag reglos da, als plötzlich ein Zischen an seine Ohren drang und endlich die ersten Stricke zu versengen begannen.
Hast du genug? fragte der Mann. Sam hob seinen verschleierten Blick zu ihm hin und wußte nicht, was er erwidern sollte, aber dann begann der Mann wider Erwartens, das Gitter wieder anzuheben und sich Sams Brandblasen von unten anzusehen.
Ja, wenn du nicht sterben sollst, dann ist es jetzt genug, stellte er fest und schnitt Sam, der am ganzen Leid zitterte, daß seine Zähne schon zu klappern begannen, vom Gitter los. Der Hobbit wollte sich erheben, aber ihm fehlte die Kraft, es schmerzte alles so entsetzlich.
Nicht weniger achtlos als sonst hob der Mann Sam herunter, legte ihn bäuchlings auf den Boden und ging erst, was Sam dazu veranlaßte, den Kopf zu heben und sich keuchend umzusehen.
Der Schmerz war unerträglich. Sein Rücken fühlte sich an wie ein Meer aus Flammen, selbst seine Hose war an vielen Stellen angesengt, seine Füße trugen ebenfalls Brandblasen.
Im nächsten Augenblick schrie er auf. Der Mann hatte einen Eimer Wasser geholt und goß den Inhalt über Sams zerschundenen Rücken, was ihn mit wahrhaft höllischen Schmerzen quälte, aber das Hämmern der Brandwunden ließ vorübergehend nach.
Der Mann packte den reglos daliegenden Hobbit an den Armen und riß ihn hoch, streifte ihm das Hemd wieder über und knöpfte es flüchtig zu, dann wurde Sam wie zuvor an beiden Armen gepackt und zurückgebracht, diesmal wehrloser als vorher.
Nur stöhnend schaffte Eowyn es, sich zu bewegen und die wieder eintretenden Männer zu sehen, die Sam in einem erbärmlichen Zustand zurückbrachten. Frodo und Liliane waren angesichts der Dunländer erst zurückgewichen, aber als Sam dann bäuchlings vor ihnen zu Boden ging, war die Furcht sofort vergessen. Die Männer blieben außerdem stehen und Frodo kneite sich vor Liliane neben Sam.
Durch den zerrissenen Stoff des Hemdes konnte Frodo Sams Brandwunden erkennen, die näßten und bluteten, und erbleichte. Vorsichtig legte er seine Hand auf die Schulter seines Freundes, der unter Tränen den Kopf hob und etwas sagen wollte, aber dies gelang ihm nicht, er stöhnte nur.
Du bist so tapfer, flüsterte Frodo. Ich werde dir helfen.
Sam lächelte matt und blieb liegen. In diesem Moment traten zwei Dunländer auf die Hobbits zu, was Frodo aufschreckte. Er wollte sich schützend vor Liliane stellen, wurde aber zuvor hart gepackt und grob festgehalten.
Als Liliane erneut ihrem Peiniger ins Gesicht schauen mußte, wich sie mit geweiteten Augen zurück, bis sie die Wand in ihrem Rücken spürte. Frodo mußte hilflos mitansehen, wie der Dunländer sie in die Enge trieb und zu allem Überfluß setzte der, der ihn festhielt, seinen Fuß auf Sams zerschundenen Rücken, damit dieser nicht eingreifen konnte. Sam unterdrückte nur mühsam einen Schmerzensschrei.
Liliane blickte an dem Kerl vorbei zu Frodo, der vergeblich versuchte, sich loszureißen. Die Tür war zu. Es gab kein Entrinnen.
Verschwindet! brüllte Frodo wütend, weil er fürchtete, daß erneut etwas schreckliches passieren würde.
Das werden wir nicht. Wir wollen uns amüsieren! Nun bist du ja da... willst du diesmal zusehen? Oder vielleicht willst du diesmal selbst - als ihr, der Mann lachte gehässig, als ihr Mann, auch wenn du nicht so scheinst...
Frodo wurde rot im Gesicht vor Zorn, doch er wußte nicht, was er sagen sollte. Einen Tag war es knapp her, und wieder war der Kerl bei ihr und schien wieder über sie herfallen zu wollen - dabei hatte Frodo sich geschworen, sie um jeden Preis zu schützen.
Diesmal war es seine Schuld.
Unerwartet fuhr der Dunländer fort.
Aber du hast eine Wahl. Wie jeder Mann darfst du über das Schicksal deiner Frau bestimmen, das Recht nehme ich dir nicht, Halbling. Aber für sie zahlen mußt du.
Frodo verzog das Gesicht. Niemals hatte er über Liliane bestimmt; nur weil sie seine Frau war und das aus Liebe, hatte sie nicht weniger Rechte als er. Allein für diesen abwertenden Gedanken haßte er den Mann bereits abgrundtief.
Was muß ich tun? fragte er voller Bestimmtheit.
Ich will jetzt etwas von dir, Ringträger. Ich will wissen, wie weit du für sie gehen würdest. Wiegt für dich ihr Schicksal schwerer als deines? Was ist sie dir wert? Ich hatte sie bereits. Aber was bist du bereit, dafür zu zahlen, sie wieder für dich zu haben?
Was? brüllte Frodo. Sie gehört niemandem, niemand hat das Recht, ihr weh zu tun!
Der Dunländer verhöhnte ihn lachend. Frodo verspürte fast eine gewisse Lust, ihm an die Kehle zu gehen für das, was er seiner Liliane angetan hatte.
Schmerzen? wiederholte der Mann. Du glaubst, es tat ihr weh? Weißt gerade du das nicht besser?
Frodo schnappte entsetzt nach Luft. Dazu fiel ihm nichts mehr ein.
Sieh doch das Blut, rief er dann, was zeugt mehr von ihren Schmerzen?
Liliane schloß die Augen. Wenn die beiden noch lange damit fortfuhren, über ihre Erniedrigung zu streiten, wurde sie vollends wahnsinnig.
Nicht, Frodo, bitte... flehte sie leise. Frodo schluckte schwer, sah er doch die ersten Tränen auf ihren Wangen.
Nein, Liliane, er tut dir nichts mehr, nie wieder! erwiderte Frodo und sprach aus tiefstem Herzen, ehrlich und ehrbar.
Also, Ringträger, du hast die Wahl: Nimm ihren Schmerz, wie du sagst, auf dich, kauf sie frei. Erträgst du Schmerzen an ihrer Statt? ging der Dunländer dazwischen.
Was soll die Teufelei? Was wollt Ihr? fragte Frodo erbost.
Ich werde sie nicht mehr anrühren, wenn du das tust, was mir gefällt. Hältst du die Schmerzen aus, ist sie frei, aber ist dein Schmerz dir wichtiger als sie, wirst du zusehen, wie sie sich mir hingibt!
Frodo erstarrte vollends in Unglauben, doch dann nickte er.
Einverstanden, sagte er und wollte fortfahren, aber Liliane unterbrach ihn.
Bist du denn verrückt, er bringt dich um! schrie sie entsetzt, aber Frodo blieb ruhig.
Ich will nicht, daß er dir das nochmal antut. Alles andere ist gleichgültig.
Liliane starrte Frodo stumm an, der ihren Blick unbewegt erwiderte. Und wenn sie noch so sehr der Meinung war, daß sie ihr Schicksal ertragen wollte, statt ihn ebenfalls irgendwelchen Grausamkeiten auszusetzen, er würde nicht zulassen, daß dieser Kerl ein zweites Mal über sie herfiel. Schon gar nicht vor seinen Augen.
Belustigtes Gelächter hallte schmerzhaft in seinem Kopf wider. Die Dunländer amüsierten sich bereits beim Gedanken an den für sie folgenden Spaß prächtig.
Bevor Liliane wußte, wie ihr geschah, hatte der Dunländer sie ergriffen und hielt sie fest gepackt vor sich, so daß sie ebenso wie er genau sehen konnte, was sein Kumpan mit Frodo anstellte. Auf einen kurzen Pfiff hin betrat noch ein dritter die Zelle, der sich darum kümmern sollte, die wenig handlungsfähigen Freunde zu bewachen, denn Sam und Eowyn würden gewiß nicht tatenlos zusehen wollen.
Frodo stand in einer seltsam anmutenden Ruhe vor dem Mann, der ihn erst festgehalten hatte. Langsam hatte er von ihm abgelassen und hieß ihn, sich mit dem Gesicht zur Tür zu stellen, so daß alle sehen konnten, was geschah.
Heb deine rechte Hand, befahl der Mann dem Hobbit dann. Frodo gehorchte stumm und schloß die Augen, konzentriert auf Liliane lauschend, die leise weinte, aber nichts mehr sagte.
Allein von dem Dunländer berührt zu werden, bereitete ihr ein unaussprechliches Martyrium. Und nun mußte sie zusehen, was Frodo ertrug, nur um sie zu schützen...
Frodo legte die rechte Hand über seinem Kopf auf das Holz, dann trat der Dunländer neben ihn und zückte seinen Dolch.
Wollen doch mal sehen, was man noch mit deiner Hand so anstellen kann, immerhin fehlt auch schon etwas... bemerkte er trocken und lachte heiser. Frodo hob mit einem fast giftigen Blick den Kopf und stierte ihn wütend an, der seitlich neben ihm stand.
Die Tür war leider abgeschlossen und einer hatte den Schlüssel, aber daran würde er jetzt wohl kaum gelangen können. Aber er war bereit, alles zu ertragen für Liliane, auch ohne davonzulaufen, wenn er sie nur so schützen konnte.
Und wenn sie ihr Wort nicht hielten, würde er sie alle umbringen. Irgendwie.
Ohne daß er damit rechnete, hatte der Mann neben ihm im nächsten Moment mit dem Dolch ausgeholt und ihn zielsicher auf die kleine Hobbithand niedersausen lassen. Frodo konnte nicht anders als vor Schmerz zu schreien, als die schartige Klinge sich zwischen seinen schmalen Knochen durch den Handrücken ins Fleisch bohrte, um in seiner Handfläche wieder auszutreten und im Holz steckenzubleiben.
Liliane zuckte zusammen und schloß die Augen, wollte nur weglaufen und nicht hinsehen müssen, doch der Kerl packte sie unsanft an den Locken und riß ihren Kopf herum, so daß sie wieder in Frodos Richtung blicken mußte.
Das dunkle Blut sickerte bereits über seine Hand und seinen Arm hinab, wobei der Ärmel seines Hemdes sich rundherum rot zu färben begann. Frodo stand keuchend da, seine Knie zitterten, aber er rührte sich nicht.
Was, das macht dir nichts? fragte der Dunländer belustigt. Tatsächlich, er meint es ernst! Nun, wollen doch mal sehen, wie lang du das durchhältst...
Er zog die Klinge ein Stück nach unten, so daß die Schneide sich weiter ins Fleisch grub. Frodo sog scharf die Luft ein und ließ den Kopf gegen das massive Holz der Tür sinken, bebte schon am ganzen Leib und biß die Zähne fest zusammen, um den Schmerz aushalten zu können, doch es gelang ihm.
Hör schon auf, Frodo! schrie Liliane, die fast neidisch auf Sam war, der aufgrund seiner Lage in diesem Augenblick gar nicht hinsehen konnte - und er wollte es auch nicht. Auch Eowyn hielt sich aus der Angelegenheit heraus, weil sie wußte, daß sie mit ihrem Schädelbruch keinerlei Veranlassung hatte, wieder frech zu werden.
Nein! rief Frodo und keuchte. Dann riß der Dunländer ruckartig den Dolch zurück, doch die kleinen Zähne der Schneide zerfetzten dabei das Fleisch nur weiter.
Frodo ballte die andere Hand zu einer Faust und stöhnte. Er wollte keinen Schmerz zeigen, es ging hier um Liliane.
Er bewegte die Hand nicht fort, obwohl der Dolch nun wieder fort war und seine Hand damit vorerst frei.
Was, also der Kleine ist tapferer als angenommen! Der gewinnt die Wette noch! rief der Mann und wandte sich damit an seine beiden Kumpane, die auf der anderen Seite der Zelle standen.
Frodo spürte, wie ihm die ersten Tränen über die Wangen liefen. Das warme Blut wurde mit jedem Herzschlag weiter aus der Wunde getrieben, seine ganze Hand war schon blutüberströmt, aber er gab nicht auf. Die Schmerzen waren nicht unerträglich.
Es ist sinnlos, das jetzt stundenlang zu machen, sah derjenige ein, der Liliane festhielt. Der gibt ja doch nicht auf! pflichtete auch der andere bei, aber dann hatte der eine plötzlich eine Idee.
He, Ringträger, wärst du bereit, deine ganze Hand gegen sie einzutauschen?
Frodo wandte stumm den Kopf, dann nickte er. In seinen Augen stand der pure Trotz geschrieben, aber er meinte es ernst. Liliane schrie panisch auf.
Nein, Frodo, das ist... das ist doch viel schlimmer...
Sei ruhig! rief Frodo, was ihm aufgrund seiner Wortwahl schon fast wieder leid tat, und wandte sich wieder um. Er konnte Liliane jetzt nicht ansehen, er mußte stark bleiben...
So soll es also sein, beschloß der Mann neben Frodo und steckte den Dolch weg, um sein viel größeres Schwert zu ziehen.
Wenn du die Hand wegziehst, schlage ich dir den Kopf ab und dann kriegt mein Freund die Kleine sowieso! drohte er noch bissig, aber Frodo antwortete nicht. Er ließ die Hand dort liegen, wo sie war, sollte der Kerl sie ihm doch abhacken, es kümmerte ihn nicht.
Nur fürchtete er den Schmerz.
Er hielt die Luft an. Er fürchtete den Schlag in der nächsten Sekunde...
Nein, nicht abschlagen, ging Lilianes Peiniger plötzlich dazwischen. Sägen ist da viel angenehmer...
Frodo sackte fast in sich zusammen, ließ sich sein Entsetzen aber nicht anmerken. Liliane schrie wiederum auf und flehte Frodo an, nicht so stur zu sein, sie würde jeden Dunländer der Welt ertragen, wenn er sich nur nicht das antun ließ...
Stimmt, erwiderte der andere und holte wieder seinen Dolch zum Vorschein, den er mit der kalten Klinge an der empfindlichsten Stelle des Handgelenks ansetzte, wo er sie am besten vom Arm trennen konnte.
Er wird verbluten! rief Sam entsetzt, aber auf ihn hörte in diesem Moment niemand.
Stille kehrte für einen Augenblick ein, in dem sie alle fast wie gelähmt zusahen, was geschehen sollte.
Dann begann der Mann sein Werk und zog die Schneide über Frodos Handgelenk. Sofort strömte nur noch mehr Blut seinen Arm hinab, mit jedem tiefergehenden Schnitt wurde es mehr und ein schmerzerfülltes Stöhnen konnte Frodo nicht unterdrücken, aber er zwang sich, weiterhin stark zu bleiben.
Er war schon nicht an seinem verlorenen Finger verblutet, was kümmerte ihn seine Hand, zuende gehen würde es ohnehin...
Der Mann zerschnitt ihm das Fleisch fast bis hinunter zu den Knochen, als plötzlich Lilianes Peiniger von hinten rief: Der ist doch wahnsinnig! Laß ihn, du könntest ihn an die Wand nageln und verdursten lassen, er würde nicht nachgeben.
Ich bin einmal dabei... widersprach der andere, der kurz innehielt.
Ja, aber sonst verblutet er uns wirklich noch und ich glaube nicht, daß Wulf darüber jetzt schon erfreut wäre...
Frodo spürte, wie seine Zähne zu klappern begannen, so sehr beherrschte er sich selbst, nicht vor Schmerz zu schreien. Eowyn, die alles nur am Rande ihres Bewußtseins hatte mitverfolgen können, lächelte leicht und Sam atmete hörbar aus, nur Liliane zeigte keine Reaktion. Sie konnte nicht glauben, daß es schon so weit gekommen war.
Gehen wir, sagte dann auch der dritte Mann im Bunde, woraufhin sie einander zunickten und achtlos an den Gefangenen vorüber zur Tür gingen, durch welche die die Zelle im nächsten Augenblick verlassen hatten.
Stöhnend ging Frodo in die Knie. Liliane war außer sich, zog unter Eowyn einen der noch recht sauberen Umhänge hervor und riß einen langen Stoffstreifen ab, mit dem sie sofort zu Frodo eilte, der an die Tür gelehnt dasaß und sie unverwandt ansah, seine vor Blut tropfende Hand neben sich haltend. Der ganze Arm zitterte.
Liliane kniete sich weinend neben ihn, dehnte die Hand nach hinten, so daß der Schnitt sich schloß, und bandagierte den Stoff so um Frodos Handgelenk, daß die Blutung bald aufhören mußte. So sehr, wie das Blut bereits geflossen war, konnte kaum noch Schmutz in der Wunde sein, den sie hätte ausbluten lassen müssen.
Er durfte nicht verbluten, das war viel wichtiger.
Frodo lächelte und zog Liliane mit dem anderen Arm zu sich heran, drückte sie an sich und küßte sie auf die Wange.
Danke, Liebes, flüsterte er und schloß die Augen.
K-kannst du die Finger bewegen? fragte Liliane. Als Frodo es versuchte, zeigten nur die beiden Finger eine Bewegung, deren Sehnen wohl noch nicht durchtrennt waren. Liliane weinte laut, als sie das sah, vergrub ihren Kopf an Frodos Schulter und flüsterte: Das ist meine Schuld...
Nein, es ist die Schuld dieser Kerle, nicht deine. Du solltest das nicht ein zweites Mal ertragen, und wenn er mich in Stücke gerissen hätte!
Das Loch in seiner Hand blutete weiter, was Liliane sofort dazu bewegte, die Hand ganz zu verbinden. Sie war trotz ihres sichtlichen Entsetzens ebenso beherrscht, wenn es darum ging, sich um Frodo zu kümmern.
Mühsam erhob sich Sam. Er blickte Frodo fassungslos an, der voll von seinem eigenen Blut war und Liliane tröstend auf seinem Schoß wiegte. Die Arme hatte er schützend um sie gelegt und strich ihr mit der linken Hand liebevoll über den Kopf.
Du bist doch des Wahnsinns, flüsterte Sam mit einem anerkennenden Lächeln.
Was hättest du denn getan? erwiderte Frodo stirnrunzelnd.
Dasselbe.
Nach einer Pause fragte Frodo: Wie siehst du überhaupt aus?
Sam knöpfte sein Hemd auf, zog es über die Schultern und wandte seinem Freund dann den Rücken zu, der von Brandblasen und blutenden Wunden nur so übersät war. Frodo unterdrückte nur knapp einen Aufschrei des Entsetzens.
Bei den Valar... aber ich dachte, ich sähe dich nie wieder!
Das dachte ich auch, stimmte Sam zu. Er zog sein Hemd wieder ganz aus, weil jede noch so leichte Berührung des Stoffes auf den Wunden ihn fast umbrachte. Sam war bald verrückt geworden, als der Dunländer seinen Fuß auf seinen Rücken gesetzt hatte.
Frodo, du bist so ein Narr! sagte Liliane und sah ihn unter Tränen an. Frodo zuckte hilflos mit den Schultern.
Er hätte mich töten können, wenn er dann die Finger von dir gelassen hätte, es wäre mir gleich gewesen! sagte er, was Liliane nur noch lauter weinen ließ.
Du bist doch verrückt...
Frodo küßte sie wiederum. Nein. Das ist nur Liebe.