Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15
Kapitel16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20
Elftes Kapitel: Geständnisse
"Mücken?" Aragorn warf ihm einen skeptischen Blick zu, als Merry ihm wenig später von seiner Theorie berichtet hatte. Das war das Abwegigste, das er bis jetzt gehört hatte. Aber andererseits... Sauron hatte geflügelte Ringgeister und Saruman Wargs und Uruk-Hais zu seinen dunklen Zwecken benützt. Warum also nicht auch Mücken...?
"Ja, klar!" erklärte der Hobbit weiter. "Wir nehmen sie nicht ernst, sie sind jederzeit um uns herum, und stechen tun sie so gut wie jeden."
Aragorn überlegte. "Aber warum sind wir dann nicht alle davon betroffen, sondern scheinbar nur die Elben?"
"Keine Ahnung! Vielleicht sind die Mücken abgerichtet?"
"Ja, dressiert!" warf Pippin ein, der Gefallen an Merrys Theorie gefunden zu haben schien.
"Dressierte Mücken..." Aragorn sah die beiden nachsichtig an. "Also, ich traue den dunklen Mächten viel zu, aber glaubt ihr nicht auch, sie würden andere Mittel einsetzen als Mücken?"
"Das ist es doch gerade!" protestierte Merry. "Sie sind völlig unauffällig! Niemand würde auf die Idee kommen, daß von ihnen eine Gefahr ausgeht. Das ist genial!"
"Genial..." wiederholte Aragorn nachdenklich. "Vielleicht habt ihr recht." Er sah zu Arwen, die sich das Gespräch kommentarlos angehört hatte. "Was meinst du?"
"Genial wäre es." gab sie zu. "Und möglich vielleicht auch. Doch daran, daß sie dressiert sind, vermag ich nicht zu glauben. Ich denke eher, daß ihr Gift nur bei den Elben wirkt, weil es aus einem besonderen Grund nur für sie bestimmt ist."
"Aber warum seid Ihr dann nicht davon betroffen, so wie Legolas?" fragte Merry irritiert. "Warum seid Ihr noch immer normal?"
Arwen zögerte und Aragorn spürte sofort, daß sie im Begriff war, etwas zu verheimlichen. Und er ahnte auch, was. Schließlich hatte sie sich alles andere als "normal verhalten, war jedoch nur ihm aufgefallen war. Trotzdem überrascht ihn ihre Antwort.
"Ich muß Euch leider enttäuschen, Merry, aber ich bin keineswegs völlig normal." sagte sie mit fester Stimme. Sie warf Aragorn einen kurzen Seitenblick zu und fuhr fort. "Auch ich spüre die Auswirkungen, nur bin ich offenbar nicht das Ziel dieser ..." Sie suchte nach dem geeigneten Wort, "Unterwanderung." sagte sie dann.
"Aber warum?" fragte Merry verwirrt. "Es ist doch eindeutig, daß Legolas vorhatte, Aragorn zu töten. Das hättet Ihr viel besser erledigen können. Ihr seid immer viel dichter bei ihm!"
"Das ist wahr." mischte sich Aragorn ein. "Doch vielleicht war das gar nicht das Hauptziel dieses Vorhabens." Er sah die anderen vielsagend an. "Legolas ist Thranduils Sohn. Wenn "Sie vorhat, die Elben von Düsterwald zu vernichten, hat sie mit ihm einen hohen Trumpf in der Hand. Arwen würde ihr nur etwas nützen, wenn sie gegen die Elben aus Bruchtal vorgehen wollte. Und das scheint zumindest bis jetzt nicht ihre Absicht zu sein." Er blickte zu der Elbin, deren Gesichtsausdruck sich bei seinen letzten Worten verdunkelt hatte. "Nicht wahr?" fügte er auffordernd hinzu.
"Ja, wahrscheinlich." sagte sie schnell - zu schnell, wie Aragorn fand. Jetzt verheimlichte sie doch etwas, sonst hätte sie nicht so schnell eingelenkt. Er sah sie prüfend an, doch sie wich seinem Blick aus. Er mußte warten, bis sie bereit war, darüber zu reden.
"Wie auch immer." sagte er also, "Solange wir nicht wissen, wer genau hinter der Sache steckt, können wir gar nichts tun, außer, schnellstmöglich zu Thranduil zu kommen. Also beeilen wir uns."
Demonstrativ gab er seinem Pferd die Sporen und setzte sich von der Gruppe ab.
Noch Stunden später dachte er über das Gespräch und Arwens Verhalten dabei nach. Der Wald wurde langsam wieder lichter, was bedeutete, daß sie sich seinem nordöstlichen Ende näherten; dem Gebiet, in dem Thranduil, König der Waldelben, lebte. Hier war Legolas die meiste Zeit seines Leben gewesen, und hier war es, wo Aragorn ihn kennengelernt hatte. Vor unendlich langer Zeit, so schien es ihm.
Er zwang sich, nicht daran zurückzudenken und besann sich statt dessen erneut auf Arwens Reaktion auf seine Worte. Irgendetwas, das er gesagt hatte, hatte sie verunsichert. Daß sich die Unterwanderung nicht nur auf die Waldelben oder Legolas begrenzen könnte? Dabei hatte sie doch selbst schon vor Beginn der Reise die drohenden Gefahr gespürt. Und je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher sah er es. Wenn jemand die Herrschaft über Mittelerde anstrebte, dann war diese Gruppe das beste Mittel, seine Pläne zu verwirklichen. Denn fast jedes ihrer Mitglieder war eine Schlüsselfigur seines Volkes. Er selbst war König von Gondor, und auch die meisten anderen Völker der Menschen folgten ihm, Legolas war Thronfolger der Waldelben, und Arwen war die Tochter Herrn Elronds, dem Herrn über Bruchtal. Was also läge näher, als sich diese Leute gefügig zu machen und dann systematisch die verbleibenden Völker zu kontrollieren?
Der Gedanke daran beunruhigte ihn zutiefst. Bis jetzt war der Plan, was Legolas anging, aufgegangen. Und in Dol Guldur waren sicher auch schon deutliche Anzeichen dafür zu erkennen. Was ihn selbst betraf, so war er sicher, keiner fremden Kontrolle zu unterliegen. Doch was war mit Arwen?
Er drehte sich um und warf ihr einen prüfenden Blick zu. Sie hatte sich verändert. Und ihr Herz schien eine Last zu tragen, die sie ihm nicht offenbaren wollte. Denn wie schon in den ganzen Tag, saß sie auch jetzt schweigend auf ihrem Pferd und dachte nach.
Entschlossen verlangsamte er sein Tempo und ließ sich zurückfallen, um kurz darauf neben ihr herzureiten.
"Arwen," begann er vorsichtig, "woran denkst du?"
Sie sah ihn an und lächelte gequält. "Es ergibt keinen Sinn." sagte sie dann stirnrunzelnd. "Wieso nur Legolas? Was ist mit ihm passiert, das mit mir nicht geschehen ist?"
"Ich weiß es nicht." gab er zu. "Vielleicht bist du einfach nur stärker als er und kannst dich besser dagegen abschirmen."
Sie überlegte, dann schüttelte sie den Kopf. "Es mag sein, daß ich durch mein Blut ausgeprägtere Fähigkeiten habe, doch ich fürchte, mit mir hat die dunkle Macht andere Pläne."
Sie warf Aragorn einen wissenden Blick zu, der in ihm sofort ein beunruhigendes Gefühl auslöste.
"Was meinst du?" hakte er nach.
Sie zögerte. Aragorn spürte, daß sie mit sich rang, ihn an ihren Gedanken teilhaben zu lassen, und wieder beschlich ihn die dunkle Vorahnung, daß es etwas gab, das sie ihm vorenthielt.
"Vertraust du mir nicht mehr?" fragte er sanft, während er sein Pferd dichter an das ihre führte. "Seit wann gibt es Dinge, die zwischen uns stehen?"
Sie senkte den Blick und umklammerte die Zügel fester, dann sah sie ihn wieder an. "Ich vertraue dir, Elessar." sagte sie, unbeabsichtigt in ihre eigene Sprache fallend. "Doch die Frage ist, ob du mir noch vertraust."
"Was?" Er starrte sie irritiert an. "Wovon sprichst du? Natürlich vertraue ich dir! Warum sollte ich das nicht?" Seine Gedanken überschlugen sich, doch ihr Verhalten gab ihm nichts als Rätsel auf.
Ruckartig brachte er sein Pferd zum Stehen und auch Arwen wies ihres zum Halt an. Dann deutete Aragorn den anderen weiterzureiten und sah sie abwartend an.
"Aragorn," begann sie, und in ihrer Stimme schwang ein trauriger Unterton mit. "In letzter Zeit habe ich sehr viel über Legolas nachgedacht." sagte sie ernst. "Mehr als ich sollte."
"Legolas... Aragorn spürte, wie sich sein Hals zuschnürte, doch er wies das spontane Gefühl von Eifersucht zurück, das sich bei ihren Worten in sein Bewußtsein gedrängt hatte. "Was meinst du?" fragte er heiser.
Sie sah ihn mit schmerzerfülltem Blick an. "Gestern Nacht, bevor das mit Taina passiert ist, habe ich mit ihm gesprochen. Über die Menschen, die Elben... und über dich." Sie hielt inne und senkte den Blick. "Und dann habe ich ihn geküßt."
"Du hast...-" begann er, doch Arwen fuhr bereits fort.
"Ich weiß selbst nicht, was mich dazu gebracht hat, aber in dem Moment war es das, was ich wollte. Mehr als alles andere." Ihre Blicke trafen aufeinander, und Aragorn konnte die Qualen sehen, die ihr dieses Geständnis bereitete. "Ich liebe dich, Elessar," sagte sie erstickt. "doch meiner Gefühle ihm gegenüber bin ich mir nicht mehr sicher."
Legolas. Aragorns Gedanken kreisten nur noch um ihn. Er sah ihn vor sich, den blonden Elb, seine Lippen auf denen von Arwen, seine Hände auf ihrer Haut. Und es kostete ihn alle Mühe, seine Wut zu verbergen und Arwen anzusehen.
"Dann bist du wahrlich auch schon in ihrem Bann." sagte er ruhig, doch in seinem Inneren brodelte es.
"Ich fürchte ja." erwiederte sie, ohne auf seinen steifen Unterton einzugehen. "Doch mich scheint ein anderes Schicksal zu erwarten als Legolas. Mich will sie nicht beherrschen." Sie wandte den Kopf und sah ihn an. "Mir will sie das Herz brechen."
Aragorn warf ihr einen skeptischen Blick zu, denn er fragte sich ernsthaft, wem von ihnen beiden sie das Herz brechen wollte...
***
"Taina... Sie hörte seine Stimme dicht neben ihrem Ohr, ein Hauchen, das ihr einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln ließ. Sie fühlte seinen Atem auf ihrer Haut, sah seine Augen, die sie voller Begierde musterten, doch als sie seiner Einladung folgen und ihn berühren wollte, griff ihre Hand ins Leere. Er war nur ein Traum, wie so oft in dieser Nacht.
In dem verzweifelten Versuch, das Bild festzuhalten, schloß sie die Augen, doch auch dieses Mal verblaßte es und ließ sie allein in ihre Decke gehüllt zurück.
Legolas... Alles in ihr sehnte sich nach ihm, nach seiner Nähe und dem Gefühl der Sicherheit, das seine bloße Anwesenheit in ihr ausgelöst hatte. Doch als sie die Stimmen der anderen vernahm, die sich zur Weiterreise aufmachten, holte sie die Realität unbarmherzig wieder ein. Legolas war weg. Es würde nie wieder so sein wie früher. Er würde sie nie wieder mitten in der Nacht mit stürmischen Küssen wecken, um sie zu lieben, sie nie wieder mit der Berührung seiner Hand um den Verstand bringen. Und er würde nie mehr bei ihr sein, um ihr in schweren Stunden beizustehen. Nie wieder. Auch wenn er noch am Leben war und sie ihn finden würden. Nichts wäre mehr so wie es war.
Sie kauerte sich enger zusammen und hoffte, daß man sie noch ein wenig in Ruhe lassen würde. Sie wollte nicht getröstet werden und sie wollte auch keine Ablenkung finden. Sie wollte lediglich ihrer Trauer nachhängen. Alles andere war ihr gleich. Sollten die anderen doch zu Thranduil gehen. Sollte Aragorn dem König klarmachen, daß sein Sohn einer fremden Macht zum Opfer gefallen war. Sie wollte damit nichts zu tun haben. Nicht jetzt, wo ihr Schmerz so groß war. Sie würde es nicht ertragen können, seinem Vater in die Augen zu sehen und sich von dem Elbenkönig kritisch mustern zu lassen. Nicht ohne die Gewißheit, daß Legolas neben ihr stand.
Sie hatte überlegt, umzukehren und den Weg nach Gondor alleine zurückzulegen. Den ganzen letzten Tag hatte sie sich mit solchen Gedanken getragen. Doch nicht zuletzt die Tatsache, daß sie den Weg niemals wieder zurückgefunden hätte, hatte sie zur Aufgabe dieses Plans bewegt. Sie fühlte sich leer, ziellos, und je entschlossener die anderen in Richtung Waldelben ritten, desto unwohler fühlte sie sich. Was, wenn dort der Ursprung allen Übels war? War nicht Legolas auch nach Norden geritten? Was wäre, wenn man sie dort schon erwartete? Wenn "Sie sie dort erwartete...?
Sie verwarf den Gedanken schnell wieder und sah zu den anderen. Aragorn wird wissen, was zu tun ist, sagte sie sich. Er kannte sich mit dunklen Mächten aus. Doch ihr ungutes Gefühl blieb.
Zwölftes Kapitel: Der König der Waldelben
Am Nachmittag diesen Tages erreichten sie endlich den Waldfluß und damit auch die hügelige Landschaft, in deren Höhlen der Palast von Thranduil und den Waldelben war. Schon von weitem sahen sie die mit Bäumen bewachsenen Erhebungen, in denen seit Jahrtausenden das kleine Volk der Elben wohnte, die den weiten Weg über die See nach Valinor nie zurückgelegt hatten. Unter den anderen Elbenvölkern waren sie daher als weniger gebildet und als "einfach bekannt, was jedoch nicht bedeutete, daß sie keine elbischen Fähigkeiten besaßen.
Die Waldelben waren ähnlich ihren Verwandten aus Lorien groß und blond, nur weniger geschickt im Umgang mit Handwerkszeug, ausgenommen den Werkzeugen der Jagd.
Ihr fast schon sprichwörtliches Mißtrauen Fremden gegenüber hatten die Gefährten bereits Stunden zuvor zu spüren bekommen, als sie eine kleine Gruppe in sehr abwartender Manier begrüßt hatte. Und obwohl ihnen Aragorn sogleich ihr Anliegen erklärt hatte, hatte es längerer Diskussion bedarft, um ungestört weiterreiten zu dürfen.
"Sie trauen nicht einmal den Hochelben aus dem Westen, ihren eigenen Verwandten." erklärte Arwen Taina leise, als sie sich den Höhlen weiter näherten und auf eine Brücke zuritten. "Und der König selbst bildet da keine Ausnahme. Unser Vorteil könnte aber sein, daß er dadurch sein Reich schon lange durch einen unsichtbaren Bann schützen läßt. Und der könnte auch diese Bedrohung abhalten."
"Einen Bann?" wiederholte Taina verunsichert. So etwas hatte sie bis dahin nur in alten Geschichten gehört, und selbst da hatte sie eine solche Existenz stets bezweifelt. Aber hier war sie im Reich der Elben, da schien alles möglich zu sein.
Sie sah nach vorne, und wieder spürte sie ihre Abneigung gegen diesen Teil der Reise wachsen. Die Höhlen wirkten kühl und abweisend, und die riesigen Steintore erinnerten eher an eine Festung als an eine Behausung. Doch offenbar war dieser Ort die einzige Möglichkeit für sie, erstmal zur Ruhe zu kommen und darüber nachzudenken, was nun weiter geschehen sollte.
Kaum kamen sie in die Nähe der Brücke, traten ihnen zwei bewaffnete Elben entgegen. Sie waren ähnlich gekleidet wie Legolas, nur trugen sie statt Pfeil und Bogen Schwerter.
"Halt." wies sie der eine an. Er musterte die Gruppe eindringlich, dann blieb sein Blick an Aragorn hängen und sofort streckte sich sein ganze Haltung.
"König Elessar!" sagte er überrascht. "Was führt Euch in das Gebiet der Waldelben?" Er blickte zu Arwen und verneigte sich dann leicht. "Frau Arwen..."
"Wir kamen ursprünglich aus einem anderen Grund." erklärte Aragorn knapp. "Doch jetzt benötigen wir die Hilfe des Königs."
"Seine Hilfe?" wiederholte der Elb und Taina konnte einen ironischen Unterton in seiner Stimme hören.
"Ganz recht." Aragorn sah ihn gelassen an. Dann sagte er etwas auf sindarin, das Taina nicht verstand, und sofort änderte sich die Miene des Wächters und nach kurzem Zögern gewährte er ihnen Zugang zur Brücke.
"Was hat er gesagt?" flüsterte Taina, doch Arwen deutete ihr, still zu sein.
Sie ritten über die Holzbrücke, die die Höhlen mit dem Wald verband und kamen schließlich zu dem großen Steintor, das den Eingang zu Thranduils Palast markierte. Dort stiegen sie von ihren Pferden und wurden umgehend von weiteren Wachen durch die gewaltige Öffnung in das Innere des Palastes geführt.
Taina bemühte sich, dicht neben Arwen zu bleiben und die beklemmende Atmosphäre zwischen den dicken Felswänden zu ignorieren, und erst nachdem sie nach wenigen Schritten in eine große Halle kamen, die von Licht durchströmt wurde, begann sie, sich ein wenig zu entspannen.
Und dann sah sie ihn. Auf einem hölzernen Stuhl am Ende der Halle saß ein blonder Elb, Legolas wie aus dem Gesicht geschnitten und in ihren Augen nicht viel älter als er, in der Hand einen Holzstab und auf dem Kopf eine Krone aus grünen Blättern und weißen Blüten. Thranduil.
Für einen Augenblick setzte ihr Herz aus, so groß war die Ähnlichkeit mit Legolas. Doch als sie sich ihm näherten, konnte sie deutlich sehen, daß die Jahrhunderte auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen waren. Sein Gesicht war von dünnen Fältchen durchzogen, und nicht zuletzt dadurch wirkte er auf sie kühl und grimmig, ja fast schon verbissen.
"Thranduil..." Mit sicherem Schritt löste sich Aragorn von seiner Gruppe und ging auf den König zu. Er verneigte sich und grüßte ihn dann mit der elbischen Geste, indem er die Hand erst zu seinem Herzen führte und den Arm dann wieder vom Körper wegbewegte.
"Elessar..." erwiderte der König abwartend, nachdem er ihn ebenfalls gegrüßt hatte. "Ein hoher Besuch. Wie geht es im Königreich Gondor?"
Aragorns Antwort war ein wohlwollendes Nicken, bevor er näher auf Thranduil herantrat und ihn ernst musterte. "Wir brachen auf, um ein Versprechen, das Eure Sohn mir einst gab, einzulösen." begann er. "Doch die Reise barg unerwartete Zwischenfälle."
Täuschte sich Taina, oder war da ein wissender Zug, der die Mundwinkel des Elbenkönigs umspielte?
"Fahrt fort." forderte er Aragorn auf.
"Sobald wir die Grenzen zu Düsterwald erreicht hatten, spürten wir einen Schatten, der sich nach und nach auf einige in unserer Gruppe legte." Aragorn vermied es, sich umzudrehen und die betreffenden Leute anzusehen. "Darunter war auch Euer Sohn."
"Legolas?" Thranduil zog eine Augenbraue hoch. "Wo ist er?"
Taina spürte, wie Aragorn mit sich kämpfte. Vor dieser Situation hatte sie sich den ganzen Tag gefürchtet.
"Er hat sich von uns abgesetzt." erklärte Aragorn schlicht. "Nachdem eine uns unbekannte Kraft offenbar Besitz von ihm ergriffen hat."
Aragorn schien sich seine Worte wohl überlegt zu haben, doch als er in das Gesicht des Königs blickte, schien er an seiner Wahl zu zweifeln.
"Besitz ergriffen, sagt Ihr?" wiederholte Thranduil. "Und wie soll das geschehen sein?"
"Nun," Aragorn suchte nach den geeigneten Worten, "wir wissen es nicht genau, aber wir können es uns nicht anders erklären, als daß ein spezielles Gift in seinen Körper kam, durch...." Er machte eine Pause.
"Durch Mücken?" fragte Thranduil plötzlich.
"Ja." Aragorn sah ihn überrascht an und durch den Rest der Gruppe ging ein Raunen. "Aber woher wißt Ihr...-"
Eine Handbewegung des Elbenkönigs ließ ihn innehalten. "Das tut jetzt nichts zur Sache." sagte er schroff. Dann wanderte sein Blick zu den anderen der Gruppe. "Und nun sagt mir, wer die Leute sind, die Euch begleiten." Er sah zu Arwen. "Außer Eurer Königin, die mir sehr wohl ein Begriff ist."
Aragorn drehte sich nun auch zu ihnen um, und Taina drohte das Blut in ihren Adern zu gefrieren. Jetzt war es soweit.
"Das hier," sagte Aragorn, während er auf die beiden Hobbits zeigte, "sind Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk, zwei Halblinge aus dem Auenland, die schon bei der Vernichtung Saurons eine große Rolle gespielt haben. Und hier," er sah zu Taina, "ist --"
"Wartet." unterbrach ihn Thranduil harsch. "Laßt sie selbst reden."
Taina fühlte alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen. Sie sah die Augen des Elben, die abwartend auf ihr ruhten und jede Unsicherheit zu bemerken schienen, und sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten.
"Und?" fragte er, und das Wort hallte unbarmherzig lange in ihrem Kopf nach.
Was sollte sie ihm jetzt erwidern? Daß sie seine freundin war? Diejenige, die er auserwählt hatte?
"Mein Name ist Taina." sagte sie schließlich. "Und ich bin mitgekommen, weil Legolas mich darum gebeten hat." Sie schluckte und warf Aragorn einen hilfesuchenden Blick zu.
"Soso." Thranduils Stimme klang ungläubig.
"Ihre Familie hat Legolas das Leben gerettet." warf Aragorn nun ein, doch auch das schien den König nicht zu beeindrucken.
Er richtete sich in seinem Stuhl auf und sah zu den anderen herab. "Niemals würde mein Sohn eine Sterbliche mit hierher bringen. Und schon gar nicht aus Dankbarkeit." erklärte er kaltherzig. "Der einzige Grund dafür wäre, sie hier einzuführen und sie dann zu heiraten. Doch auch das ist bei einem Menschen ausgeschlossen."
Er sah Taina aus eisigen Augen an und sie fühlte nun auch den letzten Rest ihrer Selbstachtung schwinden und senkte den Blick. Wenn sie gewußt hätte, wie sein Vater auf sie reagieren würde, hätte sie Legolas nie auf diesen Weg begleitet! Sie war Gast in seinem Haus, und nicht einmal die barbarischsten Haradrim würden ihre Gäste derart behandeln.
"Nun," hörte sie Thranduil inzwischen fortfahren, "und jetzt zeigen Euch meine Diener Eure Räume für die nächsten Nächte. Alles andere können wir dann später besprechen."
"Aber was ist mit Legolas?" warf Merry plötzlich ein. "Ihr könnt doch nicht so einfach weitermachen, als ob nichts geschehen wäre?"
"Es ist auch nichts geschehen." sagte Thranduil, nachdem er dem Hobbit einen strafenden Blick zugeworfen hatte.
"Aber..." Merry sah nun ebenfalls hilflos zu Aragorn.
"Thranduil," sagte Aragorn ruhig, "da draußen ist eine Gefahr, die droht, die Elben in Düsterwald zu vernichten, und auch die in Mittelerde verbliebenen. Wenn wir sie nicht finden und aufhalten, werden wir nicht wissen, was mit Eurem Sohn geschehen ist!"
Der Elbenkönig sah ihn an, dann stand er auf und richtete seinen Blick über ihre Köpfe hinweg in den hinteren Teil der Halle.
"Ihr wollt wissen, was mit meinem Sohn geschehen ist?" fragte er herausfordernd. "Fragt ihn selbst - er ist hier."
***
"Legolas!" Aragorn fuhr herum und durchsuchte die Halle nach dem vertrauten Gesicht seines Freundes. Und tatsächlich - an der gegenüberliegenden Wand stand er, die Hände hinter sich verschränkt, auf dem Gesicht ein selbstgefälliges Lächeln.
"Legolas!" Sofort war er bei ihm und musterte ihn von oben bis unten. "Was ist passiert? Wieso bist du...-"
"Ich mußte etwas erledigen." unterbrach ihn der Elb besänftigend.
"Aber du warst doch..." Aragorn starrte ihn verwirrt an, doch dann übermannte ihn die Freude und er trat einen Schritt vor, um Legolas herzlich zu umarmen.
Auch die anderen waren mittlerweile dazu gekommen, und die Wiedersehensfreude stand allen ins Gesicht geschrieben.
"Wie geht es dir?" fragte Arwen, und auch sie konnte ihren Unglauben kaum verbergen. "Ich fürchtete, du wärst verloren!"
"Verloren?" wiederholte Legolas milde. "Dazu braucht man schon andere Mittel als Mücken."
Aragorn sah ihn überrascht an. "Du wußtest davon?"
"Sicher. Es war nicht schwer herauszufinden."
"Aber du wolltest mich umbringen!" erinnerte er ihn. "Zwei Mal hast du es versucht."
Auf dem Gesicht des Elben breitete sich ein Grinsen aus. "Glaubst du, du würdest jetzt hier vor mir stehen, wenn ich es wirklich vorgehabt hätte?"
Aragorn zögerte. Es war zu gut um wahrzusein, daß sein Freund scheinbar unversehrt vor ihm stand. Doch er spürte, daß der Schein trügte. Das war nicht der Legolas, der mit ihm auf diese Reise gegangen war. Dazu war er zu unberührt, zu kühl, auch wenn er sich alle Mühe gab, das Gegenteil darzustellen.
Legolas schien seine Zweifel zu bemerkten, denn er legte ihm seine Hand auf die Schulter und sagte leise, "Ruht euch aus. Ihr seid hier im Hause meines Vaters, dort mag Euch vieles fremd vorkommen. Doch in ein paar Tagen werdet ihr Euch daran gewöhnt haben." Er sah zu Arwen und lächelte. "Ihr seid hier in Sicherheit. Keine noch so dunkle Bedrohung vermag diese Wände zu durchdringen."
Aragorn nickte. Er wußte von Thranduils Bann, doch wenn er recht hatte, dann war die Bedrohung längst im Inneren des Palastes, in Gestalt von Legolas.
Dreizehntes Kapitel: Täuschungen
"Ich glaube, jetzt verstehe ich, warum Legolas so gefühllos ist." murmelte Merry, nachdem man sie in eine kleinere Höhle unweit der großen Halle geführt hatte. "Ich wette, das Wort "Spaß gibt es in seiner Sprache nicht."
Pippin nickte, und auch auf den Gesichtern der anderen zeigte sich Unverständnis über die abweisende Haltung des Königs. Einzig Aragorn war davon nicht überrascht.
"Thranduil ist nunmal so." erklärte er knapp. "Für ihn zählen nur Tradition und Taten. Aber daran gewöhnt man sich." Er nahm seine Decke aus seinem Rucksack und begann, sein Nachtlager herzurichten. Er kannte Thranduil nur allzu gut, schließlich hatte er vor Jahren selbst in einer ähnlichen Situation vor ihm gestanden und sich zu rechtfertigen versucht. Im Laufe der Zeit hatte er jedoch einen Weg gefunden, mit den eingefahrenen Sitten der Waldelben klarzukommen.
Man hatte für die Gruppe mehrere Betten bereitgestellt, sodaß alle zusammen in einem Raum schlafen konnten. Der Anzahl der Betten zufolge konnte Aragorn jedoch entnehmen, daß Legolas es offenbar vorzog, in seinem eigenen Gemach zu übernachten. Für ihn kam das nicht überraschend, schließlich würde der Elb seinen dunklen Plänen so besser und ungestörter nachgehen können, doch die anderen, vor allem Taina, litten sehr darunter.
Bedrückt sah er zu ihr. Seit dem harten Auftreten Thranduils hatte sie kein Wort mehr gesagt, und auch er wußte nicht, wie er ihren Schmerz lindern konnte. Bei ihrem kurzen Aufeinandertreffen vorhin hatte Legolas sie keines Blickes gewürdigt - für ihn ein weiterer Beweise seiner Theorie, doch für sie war damit eine Welt zusammengebrochen.
Arwen war jetzt bei ihr und versuchte, sie zu trösten, doch auch sie konnte ihr lediglich aufmunternde Worte sagen und ein wenig Nähe spenden, um ihr Leid ein wenig erträglicher zu machen.
Er hielt inne und beobachtete die Elbin, wie sie leise mit Taina sprach. Sie war die einzige, die er jetzt noch zu Rate ziehen konnte, und genau das fiel ihm unsagbar schwer. Denn so sehr er sich auch bemühte, ihr Geständnis über ihre Gefühle für Legolas zu verdrängen, jedesmal, wenn er sie ansah, hallten ihre Worte in seinem Gedächtnis nach. "Doch die Frage ist, ob du mir noch vertraust. Sie hatte ihn geküßt. Und so oft er sich auch sagte, daß auch sie unter dem fremden Einfluß stand, dieser eine Moment hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Das einzige, worin er sich in seinem Leben immer sicher gewesen war, war seine Liebe zu Arwen, und ihre zu ihm. Doch selbst daran begann er nun zu zweifeln.
"Aragorn," fragte Merry plötzlich neben ihm, "kommt Euch Legolas auch irgendwie seltsam vor? Ich meine, das eben war doch nicht "unser Legolas, oder?" Er trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und sah Aragorn erwartungsvoll an.
"Nein, ich fürchte, Ihr habt recht." antwortete Aragorn ruhig. "Es war ganz und gar nicht unser Legolas. Doch er möchte uns das gerne glauben machen. Also schlage ich vor, wir spielen das Spiel erstmal mit, um abzuwarten, was er vorhat. Er hat bis jetzt scheinbar jeden im Palast getäuscht, also wird es nicht leicht werden, Thranduil vom Gegenteil zu überzeugen. Doch wir brauchen den König, um ihm helfen zu können." Er machte eine Pause und sah zu den anderen. "Irgendwann wird er einen Fehler machen, und dann müssen wir bereit sein."
Auch Arwen sah ihn jetzt an, ihr Blick getrübt von Sorge und Schmerz. Dann stand sie auf und kam auf ihn zu.
"Du mußt vorsichtig sein." sagte sie leise. "Sie hat ihn jetzt vollkommen in ihrer Gewalt. Er ist nun nicht mehr nur gefährlich; er ist unberechenbar. Und er will dich sicher noch immer töten." Sie sah ihn traurig an und hob die Hand, um sie jedoch im nächsten Moment wieder sinken zu lassen.
"Arwen..." Sein Herz schrie nach der Berührung ihrer Hand, doch er konnte sich nicht durchringen, sie zu ergreifen oder sie seinerseits zu berühren. Noch nicht.
Sie wußte, was in seinem Kopf vorging, denn sie wich einen Schritt zurück und senkte den Blick. "Versprich mir, daß du vorsichtig bist, Elessar." sagte sie und wandte sich langsam zur Tür.
"Wohin gehst du?"
"Ich gehe zu ihm. Wenn es die einzige Möglichkeit ist, deine Liebe zurückzugewinnen, dann werde ich es tun. Und auch ich muß Gewißheit haben." Ohne ihn noch einmal anzusehen, öffnete sie die schwere Holztür und verließ den Raum.
"Arwen!" Sofort war er bei der Tür, doch als er auf den Gang hinaussah, konnte er nichts mehr von ihr sehen. Sie wollte nicht, daß er ihr folgte, und Aragorn wußte, daß er sie dann nicht aufhalten konnte.
***
Sie fühlte ihr Herz in ihrer Brust schlagen, als sie vor Legolas Tür stand und die Hand zum Anklopfen hob. Sie war auf alles vorbereitet. Auch darauf, daß er versuchen würde, sie zu töten. Sie glaubte nicht daran, schließlich hätte er das schon längst erledigen können, aber sie mußte in dieser Situation mit allem rechnen.
Sie atmete noch einmal tief durch, dann klopfte sie leicht gegen die massive Holztür.
"Komm herein."
Sie öffnete die Tür und trat in den Raum. Er war spärlich beleuchtet, und die letzten Strahlen der Abendsonne tauchten ihn in rötliches Licht.
"Arwen!" Legolas lehnte am Fenster, in der Hand ein Glas Wein, und nickte ihr wohlwollend zu. "Deine Anwesenheit in meinem Gemach macht diesen Abend vollkommen."
Sie ignorierte diese Bemerkung und schloß die Tür hinter sich. "Wir müssen reden." sagte sie entschlossen.
"Reden. Gerne." Er ging zu einem kleinen Tisch, nahm ein weiteres Glas, füllte es mit Wein und reichte es ihr. "Dann laß uns reden."
Zögernd nahm sie das Glas entgegen, ohne ihren Blick von ihm zu wenden. Er wirkte so selbstsicher, als wenn er keine Sekunde daran zweifelte, daß sie ihm in kurzer Zeit zu Füßen liegen würde. Doch sie hatte sich fest vorgenommen, genau dem zu widerstehen.
Langsam nahm sie einen Schluck und ging dann an ihm vorbei auf das Fenster zu. "Ich bin froh, daß es dir besser geht." sagte sie abwartend, in dem festen Vorsatz, ihn nicht an ihren Gedanken teilhaben zu lassen.
"Mir geht es bestens." bestätigte er lächelnd. "Aber wie geht es dir?" Er kam auf sie zu und blieb dicht hinter ihr stehen. "Nichts sollte deine zarte Seele so sehr belasten, daß man es in deinem Gesicht geschrieben sieht, Undómiel." Er hob seine Hand und strich ihr eine dunkle Haarsträhne von der Schulter. "Das hast du nicht verdient."
Arwen spürte, wie seine Worte genau die Saite in ihr klingen ließen, die sie seit Jahren zu unterdrücken suchte.
"Siehst du nicht, daß die Zeit mit den Sterblichen verschenkte Zeit ist?" fuhr er fort. "Sieh sie dir doch an! Sie kämpfen ihr Leben lang für Besitz und Ehre, doch das einzige, was sie wirklich wollen, lassen sie lieber fallen, anstatt dafür zu kämpfen."
Sie fühlte seine Fingerspitzen, die unendlich langsam die Kontur ihres Halses nachzeichneten, und je dichter sie ihrer Schulter kamen, desto schneller schlug ihr Herz. Doch sie verdrängte alle in ihr aufsteigenden Gefühle und hielt ihren Blick starr aus dem Fenster.
"Wir sind anders, Arwen." raunte er, während er sein Glas wegstellte und mit der nun freigewordenen Hand über ihren Rücken strich. "Wir können ewig zusammenbleiben. In Valinor. Bei unseresgleichen."
Seine Stimme war dicht neben ihrem Ohr, und sie wußte, daß sie seinen Avancen nicht mehr lange standhalten konnte. Doch sie mußte es versuchen, denn sonst würde sie es nicht schaffen, ihm näheres über die geheimnisvolle "sie zu entlocken, ohne ihm zu verraten, daß sie nicht auf sein Spiel hereinfiel.
Sie schloß die Augen und rief sich alles in Gedächtnis, woran ihr Herz hing. Ihren Vater, ihre Brüder, und nicht zuletzt Aragorn. Aragorn... Dann drehte sie sich um und sah Legolas an.
Sein Gesicht war jetzt direkt vor ihr und der zufriedene Ausdruck darin verdeutlichte ihr, daß er genau das beabsichtigt hatte. Er hatte sie da, wo er wollte. Doch diesmal sollte er sich täuschen.
"Du hast recht, Legolas." sagte sie leise, bemüht, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken. "Wir sollten Mittelerde verlassen und es den Menschen überlassen. Doch was wird dann aus ihnen?"
Der blonde Elb sah sie an, und für einen Moment sah sie ein mißtrauisches Aufleuchten in seinen Augen. Doch dann lächelte er. "Sie werden sich gegenseitig vernichten. So, wie sie es schon früher getan hätten, hätten wir sie nicht davon abgehalten." Er hob den Zeigefinger und berührte sanft ihre Oberlippe. "Das ist ihr Schicksal, Arwen." hauchte er. "ERU hat sie so erschaffen; schwach, sterblich und nur darauf aus, sich zu vernichten. Also warum sie aufhalten?"
Sein Finger umrandete genüßlich ihre Lippen und Arwen mußte sich am Fensterbrett abstützen, damit ihre Knie nicht nachgaben. Doch sie hielt seinem Blick stand.
"Und was dann?" fragte sie schwach. "Was wird dann mit Mittelerde?"
"Interessiert dich das wirklich?"
Sie nickte.
"Nun," Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und sein Blick wanderte aus dem Fenster auf einen Punkt irgendwo am Horizont. "Dann werden diejenigen wieder darüber bestimmen, die es einst getan haben."
"Die Valar?" In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, doch für sie ergab das keinen Sinn.
"Die Valar?" wiederholte er höhnisch, "Nein, gewiß nicht! Die Valar interessieren sich nicht mehr für Mittelerde, und das ist auch gut so. Denn ERU hat es weder für sie noch für die Elben und die Menschen erschaffen."
"Sondern?" Sie sah ihn an, in der Hoffnung, daß er noch ein wenig seiner Euphorie nachhängen und ihr mehr über die Hintergründe erzählen würde, doch sie hatte sich geirrt.
"Nein, meine Schöne," sagte er lächelnd. "Damit brauchst du deinen hübschen Kopf nicht zu belasten. Du solltest deine Kräfte sparen, denn zu den Grauen Anfurthen ist es ein weiter Weg." Sein Blick wanderte jetzt wieder zurück zu ihr und blieb an ihr hängen. Doch plötzlich verdunkelten sich seine Augen und sein Gesicht wurde zur Maske. Er hatte sie durchschaut!
Arwen spürte, wie sich alles in ihr zusammenkrampfte, doch bevor sie etwas tun konnte, hatte er mit der Hand ihre Kehle umfaßt und zog sie unsanft nach oben.
"Wie kannst du es wagen, mich so zu täuschen, Arwen!" fuhr er sie an. "Auch du kannst meine Pläne nicht durchkreuzen. Niemand kann das!"
Ihr Glas fiel laut klirrend auf den Boden und sie rang nach Luft, doch Legolas verstärkte seinen Griff nur noch weiter.
"Wer.. bist du?" keuchte sie, während sie versuchte, mit den Zehenspitzen den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren.
"Ich bin diejenige, die euren Elben zu meinem Spielzeug gemacht hat. Und es wird allen genauso ergehen, die sich mir in den Weg stellen. Also wage es nicht, dich gegen mich zu wenden!"
Seine Augen blitzten gefährlich auf, und für einen Moment konnte sie darin etwas seltsames sehen - das Bild einer Frau in weißem Gewand. Es war nur kurz, doch es genügte, um es zu erkennen. Sie kannte die Frau!
"Ja, Arwen," hörte sie plötzlich eine andere Stimme, "du kennst mich. Und du fürchtest mich. Und daher weißt du, daß du es nicht mit mir aufnehmen kannst, nicht in einer Million Jahren. Also behalte dein Wissen für dich, sonst werde ich alle nacheinander töten, die dir etwas bedeuten. Und anfangen werde ich mit Aragorn!"
Sie fühlte, wie sich der Griff um ihren Hals lockerte, doch anstatt sie abzusetzen, warf Legolas sie mit einer blitzschnellen Bewegung durch den Raum, so daß sie gegen die Wand geschleudert wurde und neben seinem Bett zum Liegen kam.
"Und jetzt geh, bevor ich es mir anders überlege."
Vierzehntes Kapitel: So nah und doch so fern
Noch lange, nachdem Arwen den Raum verlassen hatte, lag Taina reglos auf ihrer Decke und starrte gegen die Wand. Sie hatte den Kampf gegen ihre Tränen längst verloren, und die salzige Flüssigkeit bahnte sich ihren Weg unaufhaltsam über ihre Wangen. Dies war mit Abstand der schlimmste Tag in ihrem Leben. Die entwürdigende Behandlung durch den König hatte ausgereicht, sich wie ein Häufchen Elend zu fühlen, doch was danach passiert war, hatte ihr den Rest ihrer Hoffnung genommen. Der Legolas, der ihr da gegenübergestanden hatte, hatte nichts mehr mit dem gemein, in den sie sich verliebt hatte. Nichts war mehr übrig von der Wärme und Weisheit, die er auszustrahlen pflegte, dem Sanftmut und der manchmal kindlichen Naivität. Dieser Legolas war genauso kalt und herzlos wie die Wände, die sie hier umgaben.
Sie zog die Decke noch weiter über ihren Kopf und schloß die Augen, um nicht länger gegen das Grau der Steine blicken zu müssen. Wie konnte jemand hier aufwachsen, ohne verbittert und deprimiert zu werden? Legolas hatte es geschafft, und ein wichtiger Grund dafür war sicherlich gewesen, daß er sich scheinbar häufig woanders aufgehalten hatte, bei seinen Freunden. Und soweit sie wußte, war sein Verhältnis zu seinem Vater nie besonders gut gewesen, was sie jetzt nur allzu gut verstehen konnte. Der eisige Blick des Königs würde sie noch lange in ihren Träumen verfolgen, dessen war sie sicher.
Legolas. Der Klang seines Namens in ihrem Gehirn alleine reichte aus, um sie schmerzhaft zusammenzucken zu lassen. Warum hatte sie die Zeit, die sie mit ihm hatte, nicht mehr genießen können, anstatt sich mit Selbstzweifeln zu plagen? Warum hatte sie ihm, als er sie am nötigsten gebraucht hatte, nicht beistehen können? Warum war sie nicht zu ihm gegangen, als noch ein Funken seines eigenen Ichs in ihm war, und hatte ihn durch ihre Liebe unterstützt? Und warum konnte sie nichts mehr finden, woran sie neue Hoffnung knüpfen und ihrem Selbstmitleid ein Ende setzen konnte?! Zu sehr hatte sie sich auf den Barai verlassen, nachdem er ihr das eine Mal geholfen hatte. Der kleine grüne Stein, aus dem so viel Kraft hervorzugehen schien. Doch was nützte er ihr jetzt? Er war verloren, wahrscheinlich für immer.
Sie zog den Rest der zerrissenen Kette aus ihrer Tasche und betrachtete die schlaff herunterhängenden Glieder. Es war die Kette ihrer Mutter, und sie hatte sie sich eigentlich nur ausgeliehen, damit sie Arwens Geschenk ehrenvoll um den Hals tragen konnte. Das Geschenk... Bilder des Tages, an dem Pippin ihr den Stein überreicht hatte, kamen ihr ins Gedächtnis. Barai bedeutete Glauben, Vertrauen. Und wenn man es braucht, spendet er Kraft, hatte Legolas gesagt. Genauso das brauchte sie jetzt, aber er war es gewesen, der ihr den Barai genommen hatte!
Was nahm das Schicksal doch für seltsame Wendungen. Wozu brauchte er den Stein? Hatte er sich nicht bei seinem einzigen Einsatz gegen das Böse in Legolas gewendet? Dann wäre es nur logisch, daß Legolas ihn mitnahm, um ihn zu vernichten. Schließlich würde der Stein sein dunkles Vorhaben sonst eher gefährden. Aber was, wenn es einen anderen Grund für ihn gegeben hatte, den Stein an sich zu nehmen? Einen, an den sie bis jetzt noch nicht gedacht hatte? Einen Grund wie... Glauben, Vertrauen, Kraft...?
Ruckartig setzte sie sich auf. War das ein Zeichen? Hatte Legolas ihr zeigen wollen, daß er noch nicht ganz besiegt worden war, und daß sie nicht aufhören sollte, an ihn zu glauben?
Ihre Hand schloß sich fester um die silberne Kette. Vielleicht brauchte er den Stein auch noch zu einem anderen Zweck: Um selbst die Kraft zu finden, gegen das Böse anzukämpfen.
Sie schloß die Augen, und sofort liefen ihr erneut die Tränen über die Wangen, diesmal waren es jedoch Tränen der Hoffnung. Oh, wenn sie doch nur recht haben könnte! Wenn es wirklich so wäre, dann hatte vielleicht irgendwo hinter der kalten Fassade des Elben doch noch ein Funken von Legolas überlebt. Ein Funken, der ausreichte, um sich vielleicht im entscheidenden Moment gegen das Böse zu stellen.
Sie preßte die Hand mit der Kette gegen ihre Brust und rief sich das Bild von Legolas vor Augen. Seine ebenmäßigen Gesichtszüge, seine eisblauen, hypnotischen Augen, die blonden, langen Haare. "Nein, schwor sie ihm, "ich werde dich nicht aufgeben, Legolas. Ich werde kämpfen und hier ausharren, auch wenn dein Vater mich noch so sehr verachtet. Ich weiß, daß du dasselbe tust, also werde auch ich jedes Leid ertragen, bis zu dem Tag, an dem das Dunkle in dir besiegt ist.
***
Es erschien Aragorn wie Stunden, seit Arwen den Raum verlassen hatte, und noch immer wartete er auf ihre Rückkehr. Er hätte sie nie gehen lassen dürfen! Nicht in dem Zustand, in dem sie sich befand, aber vor allem nicht zu Legolas! Er war zu allem bereit, und er würde vor nichts zurückschrecken, um seine Pläne zu verwirklichen. Und auch Arwen wäre in dieser Situation nicht in der Lage, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.
Abermals durchschritt Aragorn den Raum. Er hatte ihr angesehen, daß sie die Begegnung fürchtete, doch er wußte auch, daß sie für sich selbst Gewißheit haben mußte. Und auch er benötigte Gewißheit darüber, wie es um ihre Gefühle für Legolas stand. Zwar hatte er den Eindruck, daß sie sich, seit sie Thranduils Hallen betreten hatten, nicht mehr ganz so sonderbar benommen hatte, doch er war sich nicht sicher, ob sein Bann den Einfluß, der bereits auf ihr lastete, abhalten konnte.
Nun, zumindest gab es hier keine Mücken, stellte er erleichtert fest. Das würde erklären, warum scheinbar keiner der Waldelben betroffen war. Dann schien der Feind also im Augenblick nur in Form von Legolas anwesend zu sein.
Bangend sah er zur Tür. Was würde ihn erwarten, wenn sie sich wieder öffnete und Arwen eintrat? Würde er sie verloren haben, an die dunkle Macht und an Legolas, oder hatte sie gegen ihn standhalten können? Er hoffte inständig, daß ihre Liebe stark genug war, um diese Zerreißprobe zu bestehen, denn sonst wäre ihm auch das letzte genommen, worauf er sich noch verlassen konnte.
Als sich nach einer weiteren endlos scheinenden Zeit die Tür langsam wieder öffnete, wollte er aufspringen und ihr entgegen gehen, doch seine Beine verweigerten den Dienst. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den Spalt, in dem langsam, aber bedächtig die Gestalt von Arwen erschien.
Sie wirkte gefaßt, und doch spürte er, daß es all ihrer Beherrschung bedarf, um diese Fassade aufrecht zu erhalten.
"Arwen..." begann er, doch als sie ihn ansah, verstummte er.
Sie hatte geweint. Er konnte es deutlich sehen, und es wühlte ihn innerlich auf, daß Legolas sie so weit gebracht hatte. Aber er verspürte auch eine seltsame Erleichterung darüber.
Schließlich ging er doch zu ihr und führte sie zu dem kleinen Tisch, wo sie sich langsam auf einen der Stühle sinken ließ.
"Wie geht es dir?" fragte er leise, um die Hobbits nicht zu wecken, die mittlerweile tief und fest schliefen.
Sie verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln und sah ihn an. "Ich lebe noch." sagte sie lakonisch. "Aber ich habe jetzt Gewißheit." Sie sah ihm tief in die Augen, und Aragorn sah zum ersten Mal seit langem wieder die Zuversicht in ihnen, die er schon schmerzlich vermißt hatte. "Der Zauber wirkt in diesen Mauern nicht." erklärte sie. "Meine Gefühle sind nicht länger entzweit, und mein Herz weiß wieder, zu wem es gehört."
Sie lächelte ihn an, und Aragorn konnte die Last spüren, die ihre Worte von seinen Schultern nahmen. Er ergriff ihre Hand und führte sie zum Mund.
"Oh Arwen, ich hätte nie an dir zweifeln dürfen." raunte er, bevor er ihre Finger mit seinen Lippen liebkoste und neben ihr niederkniete. "Verzeih mir, daß ich dir nicht mehr Vertrauen geschenkt habe."
Sie hob die Hand und strich sanft durch sein dunkles Haar. "Dich trifft keine Schuld, Elessar." flüsterte sie. "Ich war diejenige, die zweifelte. Doch jetzt kann uns nichts mehr trennen." Sie beugte sich zu ihm vor und küßte ihn zärtlich auf die Stirn. "Ich liebe dich."
Aragorn schloß die Augen, übermannt von den Gefühlen, die sich nach so langer Zeit wieder in ihm regten. Wieder spürte er ihre Lippen auf seiner Stirn, dann auf seiner Nase, und schließlich trafen sich ihre Lippen und verschmolzen zu einem langen, zärtlichen Kuß.
***
"Wo bleiben sie?"
Die Stimme des Königs klang ungeduldig durch die große Halle. "Habt ihr ihnen nicht ausgerichtet, daß sie beim Essen meine Gäste sind?"
"Selbstverständlich, Hoheit." antwortete Ranodan, einer der Diener. "Frau Arwen weiß Bescheid. Sie werden sicher gleich kommen."
Thranduil beäugte den Elb mismutig, dann ließ er seinen Blick über die Festtafel wandern, bis hin zu Legolas, der neben ihm auf einem der Holzstühle saß.
"Nun, mein Sohn," erklärte er, "dann bin ich gespannt, was so wichtig an diesem Abend ist. Es war schließlich dein Vorschlag, ein Festmahl für deine Freunde einzuberufen."
Legolas nickte zustimmend und betrachtete seinerseits die Köstlichkeiten, die sein Vater hatte heranschaffen lassen. "Du wirst es bald erfahren." sagte er lächelnd. "Und dann wirst du auch verstehen, warum ich glaube, daß es Zeit für uns wird, Mittelerde zu verlassen."
"Fang nicht schon wieder damit an!" brauste Thranduil auf. "Seit du hierbist, willst du mir einreden, daß genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Wir sind seit Tausenden von Jahren hier, warum sollten wir ausgerechnet jetzt alles hier aufgeben?" Er warf Legolas einen verständnislosen Blick zu.
"Weil wir eben schon viel zu lange hierwaren, Vater." sagte Legolas ruhig. "Wir werden nicht mehr gebraucht. Manwë hat uns solange verweilen lassen, bis die Zweitgeborenen die Herrschaft übernommen haben, und damit ist unser Ziel in Mittelerde erfüllt. Wir haben ihnen alles beigebracht, was sie wissen müssen. Was sie nun damit anfangen, sei ihnen überlassen."
Thranduil musterte seinen Sohn eindringlich. Noch nie zuvor hatte er es gewagt, seinem Vater gegenüber von Manwë oder den anderen Valar zu sprechen. Geschweige denn von der Zukunft der Elben in Mittelerde. Doch die Zeiten änderten sich, das mußte auch er nun einsehen. Und bis jetzt hatte Legolas mit allem Recht behalten, was er seit seiner Rückkehr gesagt hatte. Er hatte vorhergesagt, daß Aragorn von einer Bedrohung sprechen und sie mit ihm in Verbindung bringen würde. Er hatte von den Mücken gewußt, die scheinbar ganz Düsterwald heimsuchten, und er sagte, er würde beweisen, daß die Menschen nicht länger an der Freundschaft mit den Elben interessiert sind.
Der König war gespannt darauf, wie er den letzten Teil seiner Aussage beweisen wollte. Er glaubte ihm, doch das war noch kein Grund für ihn, seine Existenz hier aufzugeben und nach Valinor zu fahren. Die Menschen hatten ihn noch nie interessiert. Sie waren zu fehlerhaft, zu schwach, als daß er sich länger mit ihnen beschäftigen wollte. Einzig Aragorn hatte es geschafft, seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Doch auch das hatte ihn sehr viel Zeit und Mühe gekostet.
"Sie kommen." kündigte Ranodan in diesem Moment an.
"Gut." Thranduil lehnte sich gegen die dicke Lehne seines hölzernen Throns und wartete.
Fünfzehntes Kapitel: Molari
Sie hatte sich fest vorgenommen, Thranduil kein zweites Mal Gelegenheit zu geben, sie bloßzustellen. Diesmal würde sie Haltung bewahren, auch wenn er sie noch so sehr beleidigen sollte. Sie hatte jetzt ein Ziel.
Entschlossen schritt sie neben den anderen in die große Halle auf die gedeckte Tafel zu. Der König, Legolas und einige Bedienstete warteten schon, und sie war gespannt, was dieser Abend bringen würde. Arwen hatte gesagt, daß Legolas ein Festmahl für seine Freunde gab, doch ihnen allen war gleich klargewesen, daß es wohl eher der Moment sein würde, an dem die Motive der dunklen Macht sich endlich offenbarten.
Taina war froh, daß Arwen und Aragorn ihre Differenzen beigelegt hatten, denn obwohl sie nie verstanden hatte, was zwischen ihnen gewesen war, hatte sie die Veränderung in Aragorn wohl bemerkt. Er brauchte Arwen genauso sehr, wie sie selbst Legolas brauchte. Er brauchte ihre Unterstützung und das Wissen, daß sie hinter ihm stand, auch wenn sie in Wirklichkeit Meilen entfernt war. Und das war scheinbar in den letzten Tagen durch irgendetwas erschüttert worden.
Sie sah zu ihm, während die Diener ihnen ihre Plätze zuwiesen. Aragorn saß dem König gegenüber an der langen Seite des Tisches. Neben ihm Arwen und auf seiner anderen Seite die beiden Hobbits. Taina wurde neben Arwen gesetzt, schräg gegenüber von Legolas. Die restlichen Männer saßen weiter am Rand der Tafel.
Taina zwang sich, ihren Blick nur auf Thranduil und ihre eigenen Leute zu richten und den Augenkontakt mit Legolas zu vermeiden. Es fiel ihr nicht leicht, doch die Tatsache, daß ihr der Elb keinerlei Aufmerksamkeit entgegenbrachte, bestätigte sie darin, daß er sie als unwichtig an diesem Tisch empfand. Sicher, für sie hatte er ja "keine Pläne, erinnerte sie sich bitter. Vielleicht war das jedoch ihr Vorteil. Er, oder wer auch immer ihn im Moment lenkte, unterschätzte möglicherweise die Kraft ihrer Liebe. Und das war ihre einzige Hoffnung.
Nachdem Thranduil seine Gäste ausgiebig gemustert hatte, stand er auf und erhob sein Glas. "Meine lieben Freunde," begann er, "nach einer langen Zeit der Reise ist mein Sohn wieder in seine Heimat zurückgekehrt und erfüllt mein Herz mit Freude, aber auch mit Sorge." Er sah zu Aragorn. "Laßt uns jedoch zunächst nicht über die Gerüchte reden, die seit eurer Ankunft hier kursieren, sondern laßt uns erst speisen und singen."
Auch Aragorn erhob nun sein Glas und deutete eine leichte Verbeugung an. "Ich danke Euch, Thranduil, für diese Geste der Freundschaft. Möge der Kontakt zwischen unseren Völkern noch lange in Freundschaft bestehen."
"Laßt uns anfangen."
Während des Essens drehten sich die Gespräche hauptsächlich um die Ereignisse des Ringkrieges und die Neuordnung von Gondor seit Aragorn zum König gekrönt worden war. Auch in Düsterwald hatte es Veränderungen gegeben, und Aragorn und Thranduil tauschten ihre Erfahrungen mit den verbleibenden Heerschaften der Orks und anderen Kreaturen aus.
Taina war die meiste Zeit über ruhig und beobachtete die anderen, wobei ihr auffiel, daß auch Legolas sich nicht groß an den Gesprächen beteiligte. Er saß nur da, aß, lauschte dem Gesang und wartete scheinbar auf einen bestimmten Augenblick.
Der war gekommen, als Thranduil nach einer Weile das Glas erneut erhob und durch ein Räuspern die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.
"Und nun," verkündete er, "wollen wir darüber sprechen, was euch hierher geführt hat." Er sah zu Aragorn. "Ihr spracht von einer Bedrohung."
Aragorn nickte. Er wechselte kurze Blicke mit Arwen, die sichtlich angespannt war, dann sah er zu Thranduil.
Auch Legolas sah plötzlich zu Arwen und seine stoische Ruhe schien für einen Augenblick zu weichen, doch die Elbin wich seinem Blick aus.
"Sauron mag besiegt sein." begann Aragorn bedächtig. "Und doch gibt es andere dunkle Kräfte, die schon seit langem auf ihre Gelegenheit warten." Er machte eine Pause und ließ seinen Blick durch die Runde wandern. Dann blieb er an Legolas haften. "Eine dieser Kräfte hat sich jetzt erhoben."
Taina spürte die Spannung im Raum, als die Blicke der beiden aufeinandertrafen. Sie glaubte, für einen winzigen Moment ein teuflischen Aufblitzen in den Augen des Elben gesehen zu haben, doch sein Gesicht blieb unverändert. Er betrachtete Aragorn abwartend, jederzeit zu einer Entgegnung bereit.
"Und welche Kraft soll das sein?" fragte Thranduil unterdessen.
Aragorn drehte ihm den Kopf zu, ohne seine Augen jedoch von Legolas zu nehmen. "Das solltet Ihr Euren Sohn fragen."
"Ach ja, richtig," verbesserte sich der König ironisch. "Er ist ja besessen!"
Auf dem Gesicht von Legolas breitete sich ein siegessicheres Grinsen aus, denn offenbar hatte er seinen Vater auch auf diesen Schachzug von Aragorn vorbereitet.
Doch Aragorn ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Er schien damit gerechnet zu haben.
"Richtig." sagte er ernst. "Und wie ich sehe, hat er seine Trümpfe bereits ausgespielt."
"Trümpfe?" Thranduil warf ihm einen fragenden Blick zu.
"Nun, ich nehme an, er hat Euch mehr als einmal daran erinnert, daß die Zeit der Elben hier vorüber ist. Hat er Euch nicht schon gedrängt, Mittelerde zu verlassen, wie es sein Ziel ist?" Er wandte den Blick nun doch von Legolas ab und ließ seine grauen Augen auf Thranduil ruhen. "Habt Ihr Euch nicht gefragt, warum er es plötzlich so eilig hat? Er war über ein Jahr weg und plötzlich taucht er auf und drängt Euch zur Abreise."
Für einen kurzen Augenblick zögerte der Elbenkönig, dann sagte er, "Natürlich habe ich mich das gefragt. Doch die Antwort liegt auf der Hand: Er hat recht. Unsere Zeit hier ist vorüber." Er sah zu Legolas. "Das heißt jedoch nicht, daß ich auf ihn höre und tatsächlich gehe. Denn ich treffe meine Entscheidungen noch immer selbst."
Taina sah zu Aragorn, und sie wunderte sich, wo er noch immer die Zuversicht hernahm, Thranduil von den Absichten von Legolas überzeugen zu können. Für sie war es eindeutig, daß der König keinen Zweifel an der Person seines Sohnes hegte. Und auch Legolas war sich seiner Sache sehr sicher. Er schien nur darauf zu warten, daß sich Aragorn in seinen unglaublich klingenden Erklärungen verstrickte.
"Legolas," sagte Aragorn plötzlich und wandte sich wieder dem Elben zu, "wie wärs, wenn du deinem Vater erzählst, warum wir ursprünglich zu ihm aufgebrochen sind? Was war der eigentliche Grund für unsere Reise hierher?"
Taina sah ihn an, überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel. Und auch Legolas starrte ihn perplex an. Sein Blick sprang von Aragorn zu den anderen Personen der Gruppe, fieberhaft nach der Antwort auf die Frage suchend. Doch er fand keine.
"Du weißt es nicht, ist es nicht so?" bohrte Aragorn. "Du kannst dich an nichts erinnern, was vor den Grenzen zu Düsterwald geschehen ist. Denn alles, was du weißt ist, was "Sie dir einflüstert."
"Was soll das?" drängte Thranduil ungehalten. "Wovon sprecht Ihr?"
"Ich will Euch beweisen, daß er nicht er selbst ist."
"Hör nicht auf ihn, Vater." sagte Legolas schroff, während er seine Fassung langsam wiederfand. "Er will nur davon ablenken, daß er als König versagt hat."
"Was?" Aragorn sah ihn ungläubig an.
"Du hast richtig gehört, Aragorn. Wenn du wüßtest, daß in diesem Moment in Minas Tirith eine Revolte gegen dich startet, könntest du es nicht mehr leugnen." Er sah die Wirkung seiner Worte und fuhr fort. "Deine eigenen Leute vertrauen dir nicht länger. Wenn du zurückkommst, wirst du vielleicht nicht einmal mehr ihr König sein!" Sein Gesicht verfinsterte sich. "Du hättest dich um Gondor kümmern sollen und nicht um die Angelegenheiten der Elben, die noch nie die deinen waren!"
"Legolas! Zügle deine Zunge!"
Die Antwort des jungen Elben war ein todbringender Blick in Richtung seines Vaters, doch er riß sich sofort wieder zusammen und lehnte sich gegen die Stuhllehne.
"Woher weißt du das?" zischte Aragorn, und zu Thranduil gewand sagte er, "Woher kann er das wissen, wenn nicht durch eine Macht, die in der Lage ist, hier und in Gondor gleichzeitig zu sein?"
Thranduil sah ihn nachdenklich an, dann nickte er. "Möglicherweise weiß er es gar nicht. Mein Sohn war schon immer sehr... impulsiv, wenn er seine Ideen durchbringen wollte." Er warf Legolas einen strafenden Blick zu, dann griff er nach seinem Glas und leerte es in einem Zug. "Und jetzt genug von dem Gerede von Besitzergreifung! Legolas ist genau so, wie er immer war. Glaubt ihr nicht, ich als sein Vater würde es merken, wenn er einer dunklen Macht unterläge?"
Die Worte Thranduils ließen bei Taina alle Hoffnung schwinden und sie wußte ohne hinzusehen, daß Legolas sich in seinem Erfolg sonnte. Genau so hatte er diesen Abend geplant. Aragorn sollte sich lächerlich machen und er konnte das Gespräch nutzen, um weitere Zwitracht zwischen den Menschen und den Elben zu sähen. Doch er hatte nicht mit Arwen gerechnet, die plötzlich aufstand und entschlossen auf ihn hinabstarrte.
"Ihr irrt Euch, Thranduil." sagte sie mit fester Stimme. "Was aussieht wie Euer Sohn ist Molari, Dienerin Melkors! Mir hat sie sich bereits offenbart, und wenn Ihr sie nicht aufhaltet, wird sie uns alle vernichten."
"Molari?" Thranduil sah verwundert zu Legolas, dessen Blick starr auf Arwen gerichtet war. Ohne jegliche Vorwarnung hob Legolas seine Hand und stieß sie ohne sie zu berühren mit einer kurzen Bewegung nach hinten.
"Ich habe dich gewarnt, Undómiel." zischte er kalt und beobachtete zufrieden, wie sie mitsamt Stuhl nach hinten umfiel.
"Legolas!" Thranduils Stimme klang wie ein Donnern. Doch der blonde Elb achtete nicht auf ihn. Blitzschnell sprang er auf und war mit wenigen Schritten am Ende der Halle. Dort drehte er sich noch einmal um und hob die Hände. "Ihr könnt mich nicht aufhalten! Dafür werdet ihr sterben! Ihr alle!"
Taina wußte, daß das ihr Ende war, doch ehe er ein weiteres Mal seine Macht demonstrieren konnte, hatte Thranduil seinen Stab ergriffen und einen elbischen Zauber ausgerufen, der in der Mitte der Halle auf den von Legolas traf und mit seinem in einem lauten Knall verpuffte.
"Ergreift ihn!" rief der König den Wachen zu, und ehe er sich von dem Schreck seines Mißerfolges erholt hatte, war Legolas von drei Elben überwältigt und gefesselt worden. Und so sehr er sich auch wehrte, die Elben hatten ihn sicher im Griff und zerrten ihn nun zurück zu Thranduil.
"Molari!" rief Thranduil erbost, als er vor ihm auf die Knie gedrückt wurde. "Du wagst es, dich in Mittelerde zu zeigen! Bei den Valar, du hättest mit Melkor zusammen untergehen sollen!" Er starrte haßerfüllt auf seinen Sohn. "Dafür, was du Legolas angetan hast, wirst du büßen!"
"Du wirst büßen." zischte Legolas verachtend. "Denn gegen mich kannst du nichts ausrichten. Alles, was du versuchen wirst, wird sich gegen ihn richten." Ein irres Lachen entwich seiner Kehle, und selbst ein Schlag mit der Hand in das Gesicht seines Sohnes brachte ihn nicht zum Verstummen.
"Siehst du," lachte Legolas, "du kannst nichts tun!"
"Bringt ihn weg!" befahl er den Wachen. "Sperrt ihn ein."
"Wohin?" fragte die eine Wache unsicher. "Doch nicht in den...-"
"Doch." Thranduil sah ein letztes Mal voller Verachtung zu Legolas, dann wendete er sich ab. "Sperrt ihn in den Kerker!"
Sechzehntes Kapitel: Heilung?
"Arwen!" Aragorn war sofort bei ihr gewesen, und sie hatte sich schnell wieder gefangen und mit Entsetzen das Geschehen um Legolas verfolgt.
Noch immer spürte sie die Energie, mit der Molari sie niedergestreckt hatte, doch sie war froh, sich ihr entgegengestellt zu haben. Denn schließlich hatte es ja dazu geführt, daß Thranduil ihnen nun doch Glauben schenkte.
Langsam stand sie auf. Der König der Waldelben hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt und starrte gedankenverloren vor sich hin. Auch die anderen setzten sich jetzt wieder und warfen einander fragende Blicke zu.
"Wer bitte ist Molari?" hörte sie Pippin leise fragen.
"Keine Ahnung." flüsterte Merry, "aber wir werden es sicher gleich erfahren." Er deutete auf Thranduil, der sich jetzt aufrichtete und Aragorn zuwandte.
"Verzeiht mir, daß ich Euch nicht geglaubt habe." sagte er entschuldigend, "Doch ich hatte wirklich nichts bemerkt." Er sah zu Arwen. "Er hat sich völlig normal verhalten."
Arwen nickte. "Das war ja auch ihr Ziel. Sie wollte seinen Einfluß auf Euch nutzen, um Euch langsam von ihren Plänen zu überzeugen. Doch das ist nun gescheitert."
"Ja." Thranduil verzog mismutig den Mund. "Auf Kosten von Legolas." Er sah zur Tür, durch die die Wachen seinen Sohn weggebracht hatten.
"Was wollt Ihr jetzt mit ihm tun?"
"Ich weiß es nicht." Er sah wieder zu Arwen. "Molari hat ihn noch immer unter ihrer Kontrolle. Das müssen wir beenden."
"Wie?"
Thranduil hob seinen Stab und betrachtete ihn nachdenklich. "Ich werde sie aus ihm vertreiben. Sie darf keine Sekunde länger in ihm verweilen." Er sah zu Aragorn. "Molari war eine Dienerin Melkors. Sie kennt jede Mixtur und jedes Mittel, um den Geist eines Elben gefangenzuhalten oder zu vernichten. Und je länger sie seinen Körper beherrscht, desto weniger Hoffnung bleibt, daß er selbst ihn wieder übernehmen kann. Wenn er überhaupt noch dazu in der Lage ist."
Aragorn nickte bedächtig. "Wie wollt Ihr sie aus ihm vertreiben?"
"Es gibt ein Elexir, eine Droge, die genau das bewirkt, was Molari Legolas scheinbar angetan hat: Völliger Verlust des eigenen Willens. Und dazu gibt es ein Gegenmittel. Allerdings hat es noch niemand ausprobiert."
Arwen spürte den Zwispalt, in dem sich Thranduil befand. Auch sie wußte, daß es ein fast aussichtsloses Unterfangen war, zumal sie, seit sie Legolas hier wiedergesehen hatte, keinerlei Anzeichen von seinem eigenen Ich gespürt hatte. Es schien nicht mehr existent zu sein.
"Es könnte sein Ende bedeuten." sagte sie leise.
"Ich weiß." sagte der König. "Doch das muß ich riskieren. Es gibt keine andere Möglichkeit. Denn auch die dicksten Gitter im Kerker werden Molari nicht lange davon abhalten können, ihre dunklen Pläne weiter zu verfolgen. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
***
Aragorn hatte erwartungsvoll mitangesehen, wie Thranduil seine Vorkehrungen getroffen hatte. Er wußte, daß es ihm nicht leichtfiel, seinen eigenen Sohn einer solchen Prozedur zu unterziehen, doch keiner von ihnen hätte es gewagt, ihn davon abzubringen. Sie alle wußten, daß es der einzige Weg war, um Legolas helfen zu können. Entweder war es seine Rettung oder sein Tod.
Ein Blick zu den anderen zeigte ihm, daß auch sie um die möglichen Konsequenzen dieses Vorhabens wußten. In den Augen der Frauen standen Tränen, und die Hobbits standen dicht beieinander, sich gegenseitig Halt gebend. Und auch er fühlte sich matt und hilflos. Er mußte in die Kräfte von Thranduil vertrauen, darin, daß er seinen Sohn von Molari befreien und ihn gleichzeitig vor ihrer Rache schützen konnte. Denn wenn sie ging, was würde sie davon abhalten, Legolas mit in den Tod zu nehmen? Doch würde sie überhaupt zerstört werden oder nur aus seinem Körper vertrieben? Er wußte es nicht, und er zweifelte, ob Thranduil das wußte.
Der König hatte alles vorbereitet. Niemand hatte den Kerker betreten dürfen, seit die Wachen Legolas dorthingebracht und eingeschlossen hatten. Und jetzt standen sie vor den Türen und sahen zweifelnd auf die Wunderwaffe, die Thranduil in diesem Moment auf den Boden stellte. Es war eine große Kugel aus Metall, in eine Art Gestell gehängt, an ihrer Oberseite eine kleine Einkerbung, in der sich eine ölige Flüssigkeit befand.
"Das wird ihn erstmal beruhigen." erklärte Thranduil. "Denn er wird sich sicher nicht freiwillig der Behandlung unterziehen. Öffnet die Türen."
Die Wachen schoben die schweren Holztüren nach außen und mit einer schnellen Bewegung stellte Thranduil die Metallkugel ins Innere des Kerkers. Dann zündete er mit einer Kerze die Flüssigkeit in der Einkerbung an und kam wieder zurück. "Schnell, schließt die Türen." befahl er hastig.
Und dann hörten sie es. Aragorn hatte seine Zweifel gehabt, ob es nötig war, Legolas zu betäuben, doch die Geräusche, die in diesem Moment durch die schweren Türen an ihre Ohren drangen, schienen die Maßnahmen des Königs zu rechtfertigen. Legolas schien da drinnen regelrecht zu toben! Seine Schreie drangen bis zu ihnen nach außen, und gelegentlich konnten sie Wortfetzen seiner Flüche und Verwünschungen verstehen.
"Es wird ihm nichts nützen." sagte Thranduil ruhig. "In ein paar Minuten wirkt das Öl."
Aragorn sah besorgt zu Taina und Arwen. Sie stützten sich jetzt gegenseitig, und bei jedem Laut von Legolas zuckten sie erneut zusammen.
"Er wird es schaffen." sagte er leise, doch seine Stimme klang längst nicht so zuversichtlich wie er beabsichtigt hatte.
"Ich hoffe, sie tut ihm nichts an." flüsterte Arwen, und damit sprach sie das aus, was sie alle insgeheim fürchteten.
"Nun, wir werden es gleich wissen." Thranduil deutete den Wachen, die Türen wieder zu öffnen, denn die Geräusche im Innern des Kerkers waren verstummt.
Sie traten ein und sahen Legolas, der hinter dicken Eisenstäben in der Ecke an die Wand gelehnt saß. Seine Arme hingen schlaff neben seinem Körper herab, doch sein Gesicht war zu einer höhnischen Fratze verzerrt..
"Nun, "Vater, ist das alles, was du zu bieten hast?" keuchte er hämisch. "Ein bißchen Rauch? Ich bin immernoch hier."
"Ich weiß." Thranduil ging langsam auf die Gitter zu und öffnete sie an der dafür vorgesehenen Stelle. Sofort waren zwei Wachen neben ihm, die mit gezückten Dolchen auf Legolas zugingen.
"Seid vorsichtig." ermahnte sie der König. "Verletzt ihn nur, wenn es nicht anders geht."
Sie nickten und ließen Legolas keine Sekunde aus den Augen, während sie sich ihm weiter näherten.
Auch Aragorn ging hinter Thranduil her und beobachtete jede Regung des Elben, der kraftlos am Boden saß. Er rechnete jederzeit damit, daß er aufspringen und auf die Wachen oder seinen Vater losgehen würde, auch wenn es ihm eigentlich nicht möglich sein durfte. Die Luft roch nach Rauch, und der Geruch des Öls hinterließ ein Stechen in Aragorns Nase. Auch ihm wurde jetzt ein wenig mulmig, und er versuchte, sich auf das Geschehen vor sich zu konzentrieren, um nicht auch in diesen passiven Zustand zu fallen.
Thranduil stand jetzt direkt vor seinem Sohn. Er sah zu, wie die Wachen seine Hände hoben und ihn unsanft zum Stehen hochzogen. Legolas ließ es geschehen, ohne sich zu wehren. Er ließ seinen Blick über jeden der Anwesenden gleiten, und Aragorn spürte, daß noch immer genügend Kraft von Molari in ihm war, um es mit ihnen aufzunehmen. Unwillkürlich spannte er sich an.
"Legt ihn auf den Tisch." wies Thranduil die Wachen an. "Und bindet ihn fest."
"Muß das sein?" hörte er Arwens Stimme, doch Thranduil blieb hart.
"Ihr werdet gleich sehen, warum."
Die Wachen zerrten Legolas zum Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Inzwischen hatte er ihre Absicht erkannt und fing nun doch an, sich zu wehren. Zum Glück der Wachen war er durch die Wirkung des Rauches zu nicht allzuviel Gegenwehr in der Lage. Doch gerade als sie ihn hinlegen wollten, stieß er einen der Elben mit einem kräftigen Tritt von sich und hatte so plötzlich eine Hand frei. Damit griff er nach dem Dolch des anderen Elben, doch Aragorn war schneller. Mit einer entschlossenen Bewegung drückte er Legolas Hand nach unten, und die Wache nutzte die Gelegenheit, um die Hand mit einer Eisenkette am Tisch zu befestigen.
"Ihr werdet büßen." keuchte er in einem letzten Aufbäumen, doch auch seine andere Hand war längst festgebunden.
"Nein, Molari, du wirst büßen." Thranduil ging näher an Legolas heran und sah auf ihn herab. Dann zog er langsam etwas von hinter seinem Rücken hervor, dessen Anblick das Entsetzen in Legolas Augen trieb.
"Das ist der Moment des Abschiedes." verkündete der König kalt. "Du wirst uns jetzt verlassen, Molari." Damit brachte er die kleine Flasche dichter an Legolas Kopf.
"Wenn du das tust, wird dein Sohn sterben." zischte Legolas, und einen kurzen Augenblick lang konnte Aragorn einen flehenden Ausdruck in den Augen des Elben sehen. Thranduil schien es auch zu sehen, denn er zögerte. "Legolas?"
"Achtet nicht darauf." drängte Aragorn. "Das ist ein Trick. Wenn Legolas da noch irgendwo wäre, hätte er es Euch längst wissen lassen."
"Ihr habt recht." Thranduil zwang sich, seine Augen von dem Gesicht seines Sohnes zu nehmen und führte das Fläschchen an seinen Bestimmungsort. "Haltet ihn fest."
Er deutete den beiden Wachen, Legolas Kopf nach hinten zu biegen, was ihnen unter Anwendung von Gewalt auch gelang, denn der Sohn des Königs entwickelte plötzlich ungeahnte Kräfte. Auch Aragorn war jetzt bei ihnen und half, den Mund des Elben aufzuhalten und die Öffnung der Flasche zwischen seine Zähne zu bringen. Doch kaum hatte er die durchsichtige Flüssigkeit geschluckt, hörte seine Gegenwehr abrupt auf und sein Körper sank kraftlos nach hinten auf die kalte Steinplatte.
"Gut." sagte Thranduil leise. "Das ist gut." Er beobachtete, wie sich der Körper seines Sohnes langsam entspannte, dann drehte er sich um und sah die anderen an.
"Jetzt können wir nur noch warten und hoffen."
***
Taina hatte die letzten Minuten fassungslos zugesehen, wie Thranduil die Flüssigkeit in Legolas Mund geträufelt hatte und nun auf eine Reaktion seines Sohnes wartete. Sie hatte nicht gewagt, näher heranzugehen, doch auch von ihrem Standort hinter dem König konnte sie sehen, daß sich Legolas seit Minuten nicht mehr bewegt hatte. Er lag mit geschlossenen Augen da und die einzige Bewegung war die seines Brustkorbes, der sich langsam hob und senkte.
Sie wußte nicht, ob das ein gutes Zeichen war, doch die Miene des Königs verriet ihr, daß er darauf wartete, daß Legolas wieder aufwachte. Doch es tat sich nichts. Die Zeit verging, und noch immer verharrten sie neben dem reglosen Elben, sahen gebannt auf ihn herab, in der Hoffnung, daß er irgendwann seine Augen öffnen würde.
"Warum tut sich nichts?" murmelte Thranduil vor sich hin. "Er müßte jetzt gereinigt sein. Warum erwacht er nicht?" Er hob seine Hand und kontrollierte den Puls seines Sohnes, dann drehte er sich um und sah Arwen fragend an.
Auch Taina drehte sich zu der Elbin um. Sie stand mit gesenktem Kopf da, dann hob sie den Blick und sah Thranduil an. "Es gibt nur eine Erklärung dafür." sagte sie leise. "Wenn Molari seinen Körper verlassen hat, und er ihn nicht wieder selbst in Besitz nimmt, heißt das, daß er es nicht kann." Sie sah zu Taina, zu Aragorn und dann wieder zu Thranduil.
"Er kann es nicht? Warum?" Die Stimme des Königs war ein heiseres Flüstern. Er, der mächtige König der Waldelben, war ratlos. "Warum?" wiederholte er.
"Weil nichts mehr von ihm übrig ist." Arwen bahnte sich ihren Weg an Thranduil vorbei, hob ihre Hand und legte sie auf Legolas Stirn. "Hier ist nichts, was die Kontrolle wieder übernehmen könnte." erklärte sie traurig. "Sie hat seinen Geist vernichtet."
Vernichtet. Das Wort hallte unbarmherzig in Tainas Kopf nach. Legolas vernichtet. Sie spürte eine kalte Hand, die sich unnachgiebig um ihr Herz schloß und ihr die Luft zum Atmen nahm. Sie wollte es nicht wahrhaben. Doch sobald sie wieder zu ihm hinübersah, sah sie Arwens Worte bestätigt. Es war nichts mehr von ihm übrig. Nur noch eine leblose Hülle.
"Das kann nicht sein." brachte sie erstickt hervor. "Wir müssen einfach nur warten. Er wird schon wieder aufwachen. Er wird..."
"Nein." Arwen schüttelte den Kopf. "Es ist vorbei."
"Aber..." Sie starrte die Elbin entsetzt an. Nein. Nein, nein, nein. Nein! "Nein!!" Sie wollte schreien, wollte Arwen klarmachen, daß sie ihn noch nicht aufgeben sollte, doch sie stand nur da und fühlte, wie ihre Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen liefen.
"Shhhh..." Arwen legte ihre Arme um sie und hielt sie fest. "Wir müssen jetzt stark sein."
"Wir müssen... Was?" Taina konnte es nicht fassen. Wie konnte Arwen davon sprechen, stark zu sein? Wie konnten alle hier so dastehen, wo es doch keine Hoffnung mehr gab? Stark sein? Sie wollte nicht stark sein! Sie wollte nicht zusehen, wie er den Rest seines Lebens auf diesem Tisch liegen würde in diesem... Kerker!
"Taina..."
Sie riß sich los und rannte hinaus. Sie stürmte die Treppen hoch und die Gänge entlang, in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ziellos rannte sie durch steinige Gänge, vorbei an irritiert dreinblickenden Elben, bis sie schließlich nicht mehr konnte und außer Atem stehenblieb. Sie lehnte sich erschöpft gegen die Wand und ließ sich auf den Boden sinken.
Nein... Es durfte nicht vorbei sein. Nicht so. Dafür hatte sie nicht all das Leid ertragen, die Demütigungen seines Vaters, die endlosen Kämpfe mit sich selbst. Nein. Noch nie hatte sie daran geglaubt, daß es einen großen Plan im Leben gab, und auch jetzt weigerte sie sich, sich damit abzufinden, daß dies das Ende war, das für Legolas bestimmt war. Sie hatten noch so viel vorgehabt! Er hatte so viel vorgehabt!
Sie schlug mit dem Kopf nach hinten gegen die Steinmauer, dann vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und begann, hemmungslos zu weinen.
Siebzehntes Kapitel: Trauer und Hoffnung
"Wo ist sie?"
"Ich weiß es nicht." Arwen zuckte mit den Schultern und sah erneut auf Legolas hinab.
Sie hatten ihn mittlerweile in sein Gemach gebracht und auf sein Bett gelegt, um ihm seine Umgebung so angenehm wie möglich zu gestalten. Doch Arwen zweifelte daran, daß er davon das geringste mitbekam. Immer wieder hatte sie ihn in den letzten Stunden berührt und nach einer Regung in ihm gesucht, doch sie hatte nichts entdecken können. Sein Körper schien leer.
"Meinst du, sie irrt irgendwo im Palast herum?" fragte Aragorn wieder.
"Ich weiß es nicht." Arwen zwang sich, ihren Blick von Legolas zu nehmen und sah ihn an. "Ich nehme an, sie möchte nicht, daß wir sie finden." sagte sie. "Sie leidet, und sie möchte vielleicht alleine sein mit ihrem Schmerz."
"Niemand sollte alleine sein mit seinem Schmerz. Und schon gar nicht Taina. Sie trifft es am härtesten." Aragorns Blick wanderte herunter zu Legolas, dann hob er entschlossen den Kopf. "Ich werde sie suchen gehen."
Arwen nickte. "Ich warte hier."
Sie beobachtete, wie Aragorn den Raum verließ, dann setzte sie sich zu dem leblosen Elben auf das Bett und blickte aus dem Fenster.
Sie dachte an die Momente, die sie im Laufe ihres Lebens mit ihm verbracht hatte. Viele waren es nicht gewesen, denn er war selten in Bruchtal gewesen und sie noch nie hier bei ihm in Düsterwald. Doch immer, wenn sie sich begegnet waren, waren es Augenblicke der Freude gewesen. Von Beginn an hatte sie ihn in ihr Herz geschlossen; er war der beste Freund von Aragorn, und er war ihm von jeher ein aufrichtiger und loyaler Kamerad gewesen. Selbst in den letzten Wochen.
Ihr Blick wanderte vom Fenster weg zurück zu ihm. Er hatte sich verändert, als er Taina kennengelernt hatte. Zum positiven, wie sie fand. Durch sie hatte er einen Teil seiner Verschlossenheit abgelegt, er war spontaner und fröhlicher geworden. Ja, fröhlicher. Sie mußte lächeln, denn selten hatte sie ihn so viel lachen sehen wie in den letzten Monaten. Er liebte diese Südländerin, und niemand anderem hätte sie so viel Glück gegönnt wie Legolas. Er war wie ihr kleiner Bruder, auch wenn sie sich in diesem Augenblick auch schmerzlich an andere Momente erinnerte: Seine Hand auf ihrer Wange und seine Lippen auf den ihren.
Sie schloß die Augen und ließ die Gefühle verklingen, auch wenn sie sie erneut innerlich aufwühlten. Sie waren beide nicht Herr ihrer Sinne gewesen, sagte sie sich, und bei klarem Verstand wäre so etwas nie geschehen. Und doch, es war geschehen.
Langsam, ja fast vorsichtig, nahm sie seine Hand. Sie strich über die Sehnen seiner Finger, seine Knöchel und über die feinen Äderchen, die durch seinen Handrücken schimmerten.
"Legolas." hauchte sie. "Sag mir, was ich tun kann. Wie kann ich dich zurückholen?" Sie beugte sich über sein Gesicht, doch es zeigte keine Regung, kein Zeichen, daß er sie überhaupt gehört hatte. "Legolas..."
Es hatte keinen Sinn. Molari hatte ihre Drohung wahrgemacht. Alles, was Thranduil gegen sie eingesetzt hatte, hatte sich gegen Legolas gerichtet. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann auch sein Körper seine Tätigkeit aufgeben würde.
***
"Taina!"
Aragorns Stimme durchschnitt die trauernde Stille des Palastes. Überall begegneten ihm Elben, die ihren Blick starr vor sich hingerichtet hatten, doch von Taina fand er keine Spur. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt.
Er hastete durch die Gänge, vorbei an der großen Halle, bei ihrem Quartier, und schließlich auch bei den Pferdeställen, doch nirgends fand er ein Anzeichen von ihr. Arwen hatte recht; sie wollte nicht gefunden werden.
"Wen sucht ihr?" hörte er plötzlich Thranduils Stimme hinter sich.
"Taina." sagte er knapp. "Sie ist nicht zurückgekommen, seit sie vorhin..."
Thranduil nickte. "Sie scheint viel für ihn zu empfinden."
"Ja." Aragorn sah den König ernst an. "Und er empfand viel für sie. Sehr viel."
Er sah, daß Thranduil ihm etwas entgegnen wollte, doch er wußte scheinbar nicht, wie er es sagen sollte. Deshalb fuhr er fort. "Sie hat ihm das Leben gerettet, damals im Feindesland. Und ich glaube, er wollte sie heiraten." Er senkte den Blick, doch Thranduil forderte ihn durch ein weiteres Nicken auf, weiterzureden. "Ich habe ihn nie so gesehen." sagte er lächelnd, "aber durch sie hat er Seiten an sich entdeckt, die er nie gekannt zu haben schien."
"Seiten? Was für Seiten?"
Aragorn zögerte. "Er hat ein Haus für sie beide gebaut." sagte er schließlich. "Und er wollte seßhaft werden, in Ithilien. Mit ihr."
Thranduil sah ihn ungläubig an. Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck plötzlich und ein Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des Königs. "Ein Haus." wiederholte er gedankenverloren. "Das sieht ihm gar nicht ähnlich."
"Ich weiß." Aragorn lächelte und sah vor sich auf den Boden. "Ich weiß."
"Kommt." Thranduil legte Aragorn die Hand auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. "Erzählt mir mehr davon."
***
Alles war dunkel. Niemand war auf den Gängen zu sehen. Waren denn alle schon schlafen gegangen? Pippin schlenderte ziellos durch die verlassen wirkenden Höhlen, auf der Suche nach Ablenkung von seinen trüben Gedanken. Er hatte den Anblick von Legolas nicht länger ertragen können, und die Hoffnungslosigkeit, die ihn umgeben hatte. Er wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn kennengelernt hatte; als stolzen Bogenschützen, der vor keiner noch so gefährlichen Situation Angst gehabt hatte und dessen Waffen todbringend für jeden Anhänger der dunklen Macht gewesen waren. Er konnte sich nicht vorstellen, daß das alles nun vorbei sein sollte.
Langsam strich er mit der Hand über die kahle Steinmauer. Alles war kalt hier, kalt und gefühllos. Kein Wunder, daß Legolas nicht mehr aufwachen wollte. Vielleicht sollten sie ihn an die frische Luft bringen, unter die Sterne, die er so liebte... Pippin sah durch eine geöffnete Tür in einen Raum, der scheinbar ein Wohnraum war. Am Ende des Raumes war ein großes Fenster, das ihm den Blick auf die Sterne ermöglichte.
Er zögerte, dann ging er hinein. Er stellte sich vor das Fenster und sah hinaus. Der Nachthimmel war übersäht mit kleinen Lichtern in den wundersamsten Anordnungen, und es schien Pippin, als ob er sie zum ersten Mal in seinem Leben richtig betrachtete.
"Sie sind wunderschön, nicht?" hörte er plötzlich eine Stimme.
Er fuhr herum. "Taina!"
Sie saß im Dunkeln und sah ihn aus rotgeweinten Augen an.
"Ja..." sagte er unsicher. "Sie sind wunderschön." Er haßte sich dafür, doch er wußte nicht, was er sagen sollte. Sicher brauchte sie jetzt Trost in dieser dunklen Stunde, doch alles, was ihm einfiel, hätte sie sicher noch trauriger gemacht.
"Meinst du, er kann sie auch sehen, da, wo er hingehen wird?" fragte sie leise.
Pippin zögerte. Er wußte nicht, wo Legolas hingehen würde. Und er hatte auch noch nie darüber nachgedacht. Gingen die Elben nicht in die großen Hallen irgendwo im Westen?
"Sicher." sagte er dann. "Sicher wird er sie sehen können." Die Vorstellung davon gefiel ihm. "Vielleicht wird er einer von ihnen und scheint dann jede Nacht am Himmel, sodaß wir ihn alle sehen können und ihn nie mehr vergessen." Er sah Taina an, und in ihren Augen glitzerte eine Träne.
"Das wäre schön."
"Ja, das wäre es." Er sah wieder zum Himmel und versuchte sich vorzustellen, daß jeder Stern einmal ein Elb oder ein Mensch gewesen war. Oder ein Hobbit. "Vielleicht geht alles, was er gewußt hat, in diesen Stern über." überlegte er. "Alles, was er war. Und dann unterhalten sich die Sterne in der Nacht..." Er hielt inne. Das war nun doch ein wenig zu abwegig.
Er sah entschuldigend zu Taina, doch ihr Blick ließ ihn erstarren.
"Was hast du gerade gesagt?" fragte sie.
"Ich?" Pippin starrte sie erschrocken an. "Nichts... nur mein übliches Gefasel..."
"Nein." beharrte sie. "Du hast gesagt, daß alles, was er gewußt hat, was er war...." Ihr Gesicht hellte sich schlagartig auf. "Das ist es!"
"Was?" Pippin verstand kein Wort. Er hatte doch nur...
"Komm mit. Wir haben etwas zu tun!"
Taina zerrte ihn aus dem Raum, den Gang entlang.
"Wohin willst du?" fragte er gehetzt, während er versuchte, nicht über seine Füße zu stolpern.
"Wo ist Legolas?"
"In seinem Gemach."
"Wo ist das?"
"Keine Ahnung." Pippin zuckte mit den Schultern, doch Taina drängte ihn weiter.
Sie schob ihn durch die Gänge, und gerade als er protestieren wollte, trafen sie hinter eine Biege auf Thranduil und Aragorn.
"Verzeiht, Hoheit." entschuldigte sich Taina eilig. "Wo finden wir Legolas?"
Der König musterte sie überrascht. "In seinem...-"
"Ja, ich weiß." unterbrach sie ihn. "Wo ist das?"
Auch Aragorn sah die beiden jetzt skeptisch an. "Den zweiten Gang links." sagte er abwartend. "Dann die dritte Tür auf der rechten Seite. Was habt ihr vor?"
Taina sah ihn an. "Wir müssen den Stern finden." Sie sah zu Pippin. Stern? Welchen Stern? Doch dann dämmerte es ihm.
"Wovon spricht sie?" Thranduil warf ihnen einen verständnislosen Blick zu, doch Taina war längst weitergerannt. Und auch Pippin machte, daß er hinter ihr herkam.
***
Sie war den ganzen Weg zu seinem Gemach gerannt. Doch jetzt, wo sie vor der Tür stand, zögerte sie. Was ist, wenn sie nicht finden würde, wonach sie suchte? Wenn er den Stein gar nicht mehr hatte? Sie schüttelte den Kopf und griff nach der Türklinke. Es war ihre letzte Hoffnung. Er mußte ihn irgendwo haben!
Sie trat ein und sah sich um. Sie sah zum Bett, auf dem sein Körper aufgebahrt lag, dann ließ sie ihren Blick über die Möbel schweifen. "Wo ist er, Legolas?" Suchend betrachtete sie die Ablagen über dem Kamin, jeden Ort, auf dem man etwas ablegen konnte. Wo hätte sie ihn hingelegt?
Sie sah in jede Ecke, in jedes Gefäß und hinter jeden Vorsprung, doch sie konnte den kleinen grünen Stein nirgends entdecken. "Wo ist er?" fragte sie erneut.
Sie drehte sich zu Pippin um, der seinerseits in einer Ecke des Raumes nach dem Barai suchte. Doch auch er schien erfolglos zu sein. "Hier ist er auch nicht." sagte er kopfschüttelnd.
"Wo kann er ihn hingelegt haben?" Taina hob ihre Hände zu ihrem Kopf und rieb sich die Stirn. Sie mußte nachdenken. Er hatte ihn sicherlich nicht wissentlich irgendwo hingelegt. Vorausgesetzt, er hatte ihn nicht vernichtet, hatte er ihn vielleicht schnell verschwinden lassen müssen, bevor Molari dahinter kam, daß er ihn überhaupt mitgenommen hatte. Molari hätte ihn vernichtet, soviel war klar.
Sie sah sich um. Er konnte hier überall sein. Er war klein genug, um in eine Vase zu passen. Doch sie hatte alle Vasen bereits kontrolliert. Wo war er...?
Ratlos ging sie zu Legolas und ließ sich auf das Bett sinken. Langsam wandte sie sich ihm zu. Der Schein der Kerzen tauchte sein regloses Gesicht in rötliches Licht, und die Schatten der tänzelnden Flammen schienen auf seinen Zügen Verstecken zu spielen. Er wirkte fast lebendig.
Sein Anblick versetzte ihr einen Stich. Doch sie zwang sich, ihren Blick nicht von ihm zu nehmen und statt dessen weiter auf seine geschlossenen Augen zu sehen. "Wo ist er.." flüsterte sie, "Legolas, wo hast du ihn gelassen? Wo konntest du ihn hintun, bevor sie es bemerkte...?" Sie sah an ihm herab. Sie hatten ihn umgezogen. Wo waren seine Sachen?
"Pippin, wo sind seine Sachen?"
"Hier." Er zeigte auf einen Stapel Kleidung. "Ich hab sie schon durchsucht. Nichts"
"Mist." Sie sank in sich zusammen. Dann, plötzlich, kam ihr ein Gedanke. Wenn er ihn nicht in den Kleidungssachen hatte, dann vielleicht in den anderen Sachen, die er dabeigehabt hatte. Sie versuchte, sich an den Moment zu erinnern, als er sie mitten in der Nacht verlassen hatte. Was hatte er immer dabei gehabt? Was nahm er überall mit hin? Und was hatte er auch in jener Nacht dabeigehabt?
Ein siegessicheres Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht auf. Das war die Lösung. Die einzige, die noch blieb. Sie stand auf und ging zur Tür. Mit einem Schwung schloss sie die Tür und sah voller Genugtuung auf das, was dahinter an der Wand lehnte. Was auch in ihrem Haus in Ithilien immer hinter der Tür an der Wand gelehnt hatte - sein Bogen. Ihr Blick glitt über das Holz, durchsuchte es nach dem kleinen grünen Stein. Dann hangelte er sich weiter zu seinem Köcher. Klein genug, um in eine Vase zu passen... Sie bückte sich und nahm den Köcher hoch. Langsam nahm sie die Pfeile darin heraus und drehte ihn um, und schon in der Bewegung hörte sie das kratzende Geräusch von etwas, das sich darin bewegte... Sie hatte ihn gefunden!
Achtzehntes Kapitel: Die Kraft des Barai
Der Barai.
Taina nahm ihn heraus und betrachtete ihn. Er kam ihr schwerer vor, und seine Farbe hatte sich verändert. Er war dunkler. Fast dunkelgrün. Und dennoch war er ihr vertraut. Sie schloß ihre Hand um den Stein und hielt ihn an ihre Brust. Legolas...
Langsam ging sie zu ihm. Jeder Schritt schien sie ihm eine Unendlichkeit näherzubringen, und als sie endlich neben seinem Bett stand und auf ihn herabsah, wußte sie, daß dies der entscheidende Moment war. Der Moment, der ihr weiteres Leben bestimmen sollte.
Erneut blickte sie auf den Stein in ihrer Hand. Arwen hatte es gewußt. Von Anfang an. Sonst hätte sie ihr diesen Stein nie geschenkt. Sie hatte gewußt, daß ihr Glück eines Tages an diesem kleinen Mineral hängen würde. Und nun war es soweit. Sie nahm den Stein in ihre rechte Hand und legte ihn behutsam auf Legolas Brust. Sie öffnete den obersten Knopf seines Hemdes und legte ihn auf seine Haut. Dann nahm sie seine Hand und legte sie darauf. Sie hielt sie fest, und sofort spürte sie Wärme aus dem Stein aufsteigen. Wärme, die seine Hand in ein rotes Licht zu tauchen schien.
Sie schloß die Augen und wartete.
***
Ihm war kalt.
Unendlich kalt.
Das war ein gutes Zeichen.
Legolas versuchte, sich auf das Gefühl zu konzentrieren. Das Gefühl hunderter kleiner Eisstückchen, die überall auf seiner Haut zu liegen schienen. Doch da war noch etwas. Etwas warmes auf seiner Brust. Eine kleine Flamme, die ihr Licht über seinen Körper ausweitete. Und mit dem Licht kam noch etwas anderes...
Er hörte eine Stimme. Sie klang weit entfernt, und doch erkannte er sie. Es war die Stimme seiner Mutter.
"Legolas, mein Sohn, du kannst nicht mitkommen dahin, wo ich hingehe. Du hast dein Leben noch vor dir."
"Mutter, geh nicht."
"Ich muß. Doch für dich hat Ilúvatar etwas ganz besonderes im Sinn."
"Mutter..."
Die Stimme verstummte.
Er erinnerte sich an das Gespräch. Es war, bevor seine Mutter ihrem Leben auf Arda ein Ende gesetzt hatte. Vor vielen hundert Jahren.
"Legolas..." Diese Stimme gehörte seinem Vater. "Wieso hast du dich entschieden, dein Leben von nun an als Jäger und Mörder zu leben?"
"Das ist meine Bestimmung, Vater."
"Deine Bestimmung ist es sicherlich nicht. Du willst dadurch nur das Schicksal herausfordern. Aus Zorn über den Tod deiner Mutter. Doch deine Bestimmung ist eine andere."
"Und welche?"
"Das weiß nur Ilúvatar. Doch du wirst es herausfinden. Vielleicht wird dir deine bevorstehende Reise bei deiner Suche weiterhelfen."
Die bevorstehende Reise. Die Reise nach Mordor. Der Ring. Die Gefährten. Aragorn. Er begann sich zu erinnern.
Der Ring war vernichtet, Sauron besiegt. Und er hatte ein neues Leben begonnen. Ein anderes Leben, als er jemals gedacht hatte. Ein Leben mit... Taina. Der Gedanke an ihren Namen brachte eine Flut von Erinnerungen mit sich. Die verbrannte Hütte in Nah Harad, die Orks, ihr Wiedersehen in Minas Tirith, das Feuer ihrer ersten gemeinsamen Nacht...
"Ich will deine Freude mit dir teilen und dein Leid, dein Leben und wenn es soweit ist, auch deinen Tod." Er liebte sie. Und er hatte sie mitgenommen nach Düsterwald, zu seinem Vater. Sein Vater...
Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er war nie bei seinem Vater angekommen. Es war etwas dazwischengekommen, etwas dunkles, furchtbares, ...mächtiges! Molari!
Seine Gedanken überschlugen sich. Sie hatte ihn willenlos gemacht, und er hatte nichts dagegen tun können. Sie hatte ihn dazu gebracht, Dinge zu tun, zu sagen, die er niemals getan oder gesagt hätte. Szenen begannen sich sich vor seinem geistigen Auge abzuspielen, und erneut mußte er hilflos mitansehen, wie er Arwen küßte, wie er seinen Dolch an Aragorns Kehle hielt, wie er sich brutal auf Taina stürzte.
Ein kalter Schauer ließ seinen Körper erbeben. Was hatte er nur getan?
"Legolas..." Wieder hörte er eine Stimme. Es war Tainas. Das konnte nicht sein.
"Legolas, komm zu dir."
Das konnte nicht sein. Sie konnte nicht hier sein, in der Schattenwelt, in der er vor sich hindämmerte. Und doch... es war ihre Stimme.
"Wach auf!"
Der Klang ihrer Stimme erfüllte sein Herz mit Wärme. Sie war da. Sie war bei ihm.
"Pippin, kannst du mir bitte einen Tee für ihn holen? Er zittert am ganzen Körper."
Er zitterte? Ja, jetzt spürte er es auch. Das war gut. Denn zum ersten Mal seit langem spürte er überhaupt wieder etwas.
Er versuchte, den Kopf zu drehen, die Augen zu öffnen, um sie anzusehen. Um sicherzugehen, daß sie wirklich bei ihm war. Doch er konnte es nicht. Keine seiner Gliedmaßen schien ihm gehorchen zu wollen.
Wenig später spürte er etwas weiches, warmes an seinem Hals. Eine Decke. Und er spürte Tainas Hände ganz dicht an seinem Gesicht. Er atmete den Duft ihrer weichen Haut ein, und er hätte gelächelt, hätten es seine Gesichtsmuskeln zugelassen. Doch so lag er nur da und ließ sich treiben von den Geräuschen und Eindrücken, die ihn umgaben. Von dem Lichtspiel der Flammen, das er durch seine geschlossenen Lider erahnen konnte, von dem Rauschen des Windes hinter dem Fenster, von dem leisen Rascheln von Tainas Kleidung, wenn sie sich bewegte.
Ihre Anwesenheit machte ihn glücklich. So würde er eine Ewigkeit überdauern können; in ihrer Nähe, in der Gewißheit, daß sie bei ihm war. Doch er würde ihr nie etwas zurückgeben können. Kein Lächeln, kein Zeichen dafür, daß er wußte, daß sie da war. War es das, was er wollte?
Erneut versuchte er, sich zu bewegen. Er nahm alle Kraft, die sein Körper hergab, zusammen und konzentrierte sich auf eine einzige Bewegung - das Öffnen seiner Augen. Und nach einer ihm unendlich scheinenden Zeit sah er das für ihn gleißende Licht der Kerzen durch zwei winzige Spalte schimmern.
"Legolas!"
Sie hatte es bemerkt. "Legolas, ich bin hier!"
"Ai." Es war nur ein Hauchen.
Er fühlte ihre Hand in der seinen, den zarten Druck, den ihre Fingerspitzen auf seine Haut ausübten. Und er sah ihr Gesicht. Schemenhaft, verdeckt von seinen Wimpern, die nur wenig von seiner Sicht preisgaben. Doch sie war da. Sie lächelte ihn an.
Und auch er versuchte zu lächeln. "Ta..i..."
"Shhh." Ihre Finger legten sich sanft auf seinen Mund. "Sag nichts."
Er zwang sich, seine Augen weiter zu öffnen, kämpfte um jeden Millimeter, und schließlich konnte er sie deutlich erkennen. Taina. Das Grün ihrer Augen schien im Schein der Kerzen zu leuchten und ihr braunes Haar fiel offen und leicht zerzaust über ihre Schultern. Sie war so wunderschön. Selbst jetzt, übermüdet und gezeichnet von Sorge und Tränen, brachte ihr Anblick seine Sinne in Aufruhr.
Wieder versuchte er, ihren Namen zu sagen, und wieder hielt sie ihn davon ab. Sie verstärkte den Druck auf seine Lippen und beugte sich tiefer zu ihm herab.
"Oh, Legolas..." Er hörte das Zittern in ihrer Stimme, und gleichzeitig sah er die silbrig glitzernde Träne, die sich in ihrem Auge sammelte. "Ich hab wirklich gedacht, du..." erstickt brach sie ab. Ihr Kopf sank auf seine Brust und die leicht zuckenden Bewegungen ihrer Schultern sagten ihm, daß die Tränen sie übermannt hatten.
Er wollte die Hand heben und über ihr Haar streichen. Er wollte sie beruhigen und ihr versichern, daß jetzt alles in Ordnung war, daß er leben würde. Doch alles, was er tun konnte, war seinen Daumen zu bewegen und ihre Hand leicht zu streicheln, die die seine noch immer umschlossen hielt.
"Nicht weinen, Prinzessin." hauchte er, doch seine Worte bewirkten das Gegenteil. Sie ließ ihren Gefühlen freien Lauf; der Trauer, der Hoffnung, der Freude, die sie in den letzten Stunden immer wieder unterdrückt hatte, und die sich erst jetzt in einem Schwall von ihr lösten.
"Nicht weinen." wiederholte er etwas lauter, doch er wußte, daß es besser war, wenn sie sich einfach gehen ließ. Also fuhr er fort, ihre Hand zu streicheln und versuchte, seinen Augen Entspannung zu gönnen, indem er sie an die Decke richtete. Er wollte sie nicht schließen, aus Angst, er wäre nicht mehr imstande sie wieder zu öffnen.
Dann sah er plötzlich im Augenwinkel jemanden hinter Taina. Einen Schatten in der geöffneten Tür. Er richtete seinen Blick darauf und sah die Umrisse seines Vaters, der sich gerade wegdrehte und zum Gehen wandte. Doch er hielt noch einmal inne und sah ihn an. Es war nur ein flüchtiger Blick, aber trotz der Dunkelheit im Raum erkannte Legolas in ihm Erleichterung, Glück und ja, sogar Stolz. Und zum ersten Mal seit langem sah er seinen Vater lächeln.
Bevor er jedoch etwas sagen konnte, war Thranduil wieder verschwunden. Legolas ließ seinen Kopf nach hinten sinken und starrte an die Decke.
Er war zuhause.
Er lebte.
Und sobald er wieder richtig genesen war, würden auch die Erinnerungen an dieses dunkle Kapitel seines Lebens verblasst sein. Auch wenn er wußte, daß das letzte Wort davon noch nicht geschrieben war.
Neunzehntes Kapitel: Aufbruch
"Legolas!"
Aragorn riß die Tür auf und stürmte in das Zimmer.
Das Gerücht von Legolas Erwachen hatte sich wie ein Lauffeuer im Palast verbreitet, und er mußte sich nun selbst davon überzeugen, daß sein Freund wohlauf war.
Und tatsächlich - kaum hatte er das Zimmer betreten, sah er ihn. Der Elb saß an die Wand gelehnt in seinem Bett, gestützt von mehreren Kissen, mit einem sehr zufriedenen Lächeln auf seinem noch blassen Gesicht.
"Aragorn." erwiederte er grinsend.
"Du bist....- Du warst....- " Aragorn suchte nach Worten. "Was fällt dir ein?" sagte er schließlich. Was besaß dieser Elb doch für eine Dreistigkeit - den ganzen Palast in Trauerstimmung versetzen, und dann das?! Er schüttelte fassungslos den Kopf.
"Entschuldige." sagte Legolas trocken. "Ich dachte nur, daß es vielleicht noch nicht meine Zeit ist, euch zu verlassen."
Aragorn spürte, wie seine gesamte Anspannung schlagartig von ihm abfiel und sein Körper leicht in sich zusammensackte. "Ich verzeihe dir." sagte er kraftlos. "Aber tu das nie wieder!"
Legolas grinste übers ganze Gesicht und deutete seinem Freund, näher zu kommen.
"Ich habe eine Menge Fragen an dich." sagte der Elb, nachdem sich Aragorn auf dem Stuhl neben dem Bett niedergelassen hatte.
"Du hast Fragen an mich?" wiederholte Aragorn ungläubig. "Und was ist mit meinen Fragen an dich?" Er sah ihn an. "Hat es Spaß gemacht, mir einen Dolch an die Kehle zu halten? Oder Arwen zu küssen? Weißt du überhaupt, was du alles getan hast?"
Legolas nickte. "Ich weiß manches, und es tut mir leid." Sein Blick wanderte zum Fenster. "Ich kann nicht ändern, was ich getan habe, doch ich weiß, wie sehr ich euch verletzt habe. Euch alle." Seine Augen richteten sich wieder auf Aragorn. "Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, mein Freund."
Aragorn lächelte. Sicher konnte er ihm verzeihen. Ihm hätte er alles verziehen.
"Aber es war schön, Arwen zu küssen." - Naja, fast alles.
Aragorn warf ihm einen strafenden Blick zu, dann richtete er sein Augenmerk auf den grünen Stein, den Legolas noch immer in der Hand hielt.
"Ich hätte nicht gedacht, daß er noch so eine große Rolle spielen würde." sagte er nachdenklich.
"Ich weiß." erwiederte Legolas. "Ich auch nicht." Er drehte den Stein in seiner Hand hin und her, und schloss sie schließlich um ihn. "Arwen hat es gewußt." sagte er bestimmt.
Aragorn nickte. Ja, Arwen hatte vieles von dem gewußt, was eingetreten war. Und das hatte ihm einmal mehr gezeigt, daß sie über Fähigkeiten verfügte, denen er nichts entgegensetzen konnte. Er fühlte sich manchmal klein, machtlos und unwichtig neben ihr, auch wenn er es ihr nie zeigen würde. Aber sie war eine Elbin, eine mächtige noch dazu. Und er war nur ein.... König.
"Legolas," begann er, nicht nur um sich selbst von seinen Gedanken abzubringen, "was hat Molari gemeint, als sie sagte, in Minas Tirith gäbe es eine Revolte?"
"Ich weiß es nicht." sagte Legolas stirnrunzelnd. "Doch ich kann mir nicht vorstellen, daß sie bluffte. Dazu hat sie die Angelegenheit zu groß angelegt. Wir sind nur ein kleiner Teil ihres Plans." Er sah seinen Freund eindringlich an. "Wir sollten schnell zurückkehren, Aragorn."
"Wir?" Aragorn warf ihm einen skeptischen Blick zu.
"Ja, wir. Mir geht es schon viel besser, und unsere Mission hier haben wir bald erfüllt."
"Ja schon... ich dachte nur, du wolltest vielleicht noch ein wenig hierbleiben." Er sah Legolas fragend an, doch der Elb ließ ihn nicht an seinen Gedanken teilhaben.
"Nein," sagte er nur, "es ist alles geklärt. Wir können bald aufbrechen."
***
Legolas.
Sie sah, wie er langsam seine Augen öffnete. Er sah sie an, und er sprach zu ihr, und dann übermannten sie die Tränen. Sie weinte jämmerlich und je mehr sie sich zu beherrschen suchte, desto lauter wurde ihr Schluchzen. Dann, als sie ihn endlich wieder ansah, lächelte er. Ein glücklicher Ausdruck in seinen wunderschönen hellblauen Augen. Er lebte und er würde wieder völlig gesund werden. Alles war wieder gut, ihr Leben perfekt. Doch dann - ein teuflisches Aufblitzen, ein verächtlicher Blick, eine kalte Hand um ihre Kehle... "Auch mit dir bin ich noch nicht fertig..."
Schweißgebadet wachte Taina auf.
Es dauerte einige Zeit, bis sie wußte, wo sie war. Sie war in dem Gemeinschaftsraum, in den die Wache sie nach ihrer Ankunft geführt hatte. Pippin hatte sie dorthin gebracht, nachdem sie vor Müdigkeit fast zusammengebrochen war. Nachdem der Barai Legolas ins Leben zurückgeholt hatte.
Sie sah sich um. Merry und Pippin schliefen, Arwen und Aragorn waren nirgens zu sehen. Alles war ruhig. Kein Wunder, es war mitten in der Nacht.
Legolas! Schlagartig war sie wach. Sie mußte zu ihm; sie mußte sehen, wie es ihm ging. Ob es wirklich nur ein Albtraum gewesen war.
Hastig stand sie auf und eilte die Gänge entlang zu seinem Gemach. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Drinnen war es dunkel, bis auf das sanfte Licht zweier Kerzen. Sie wartete, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, dann trat sie leise ein und sah sich um. Legolas lag im Bett und schien zu schlafen. Sie lächelte, dann ging sie langsam zu ihm und stellte sich neben das Bett.
Minutenlang sah sie ihn einfach nur an, beobachtete jede seiner Bewegungen, prägte sich jedes Detail seiner Erscheinung ein. Plötzlich erinnerte sie sich an das erste Mal, als sie ihn gesehen hatte. Er hatte genauso dagelegen, reglos, und auch damals hatte sein Leben an einem seidenen Faden gehangen. Sie hatte ihn als ihren Feind angesehen, und doch hatte sein Anblick vom ersten Moment an ihr Herz berührt. Etwas Reineres, Anmutigeres hatte sie nie gesehen, und sie war sicher, daß sie auch nie etwas vergleichbares würde finden können.
Erneut lächelt sie. Sie hatte ihn gefunden, und sie würde ihn nie wieder loslassen. Er war alles, was sie je brauchen würde, mit seiner Liebe war alles möglich.
Langsam hob sie ihre Hand und berührte eine blonde Haarsträhne, die auf dem Kopfkissen lag. Sie nahm sie zwischen ihre Fingerspitzen und betrachtete gedankenverloren den Gold schimmernden Glanz, während sie sie hin und herbewegte. Sie hatten es geschafft - Molari hatte keine Gewalt mehr über ihn. Und doch hatte ihr Traum ihr verdeutlicht, daß es vielleicht noch nicht zu Ende war. Daß vielleicht noch irgendwo etwas Böses in ihm schlummern könnte.
Sie strich zärtlich über seine Wange. Ganz leicht, um ihn nicht zu wecken, um ihm noch ein wenig Schlaf zu gönnen. Doch kaum hatte sie ihn berührt, schlug er die Augen auf und sah sie an.
"Taina." Es war nur ein Flüstern.
"Legolas." Sie strich erneut über seine blasse Haut, ohne ihren Blick von seinen Augen zu wenden. "Wie geht es dir?"
Sein Lächeln war Antwort genug.
Er hob nun seinerseits die Hand und streichelte sanft über ihr Haar. Eine wohlige Gänsehaut begann sich sofort über ihren Nacken auszubreiten und Taina schloß mit einem leisen Seufzer die Augen. Sie spürte, wie er ganz behutsam ihren Kopf umfaßte, und als er sie langsam zu sich heranzog, beugte sie sich über ihn und stützte sich mit den Armen neben ihm ab. Sie sah ihn jetzt wieder an, sah den verklärten Blick in seinen Augen, der sie fesselte und ihr ein weiteres Mal das Gefühl gab, nirgendwo sicherer zu sein als in seinen Armen. Seine Mundwinkel umspielte ein verliebtes Lächeln, während er sich langsam vorbeugte und seine Lippen mit einer samtweichen Berührung auf ihre Lippen drückte. Sie spürte ihren Herzschlag an ihrem Hals, als er die Lippen wieder von ihr nahm, nur um sie kurz darauf erneut zu finden. Alles in ihr sehnte sich nach ihm, schrie nach ihm, und als sie seine Zunge auf ihrer Oberlippe spürte, schloß sie die Augen und vertiefte seinen Kuß, bis sie nach einer Weile nach Luft rang.
"Ich liebe dich." hauchte sie, als sie ihn wieder ansah.
Er strich ihr eine Haarsträhne über ihre Schulter und sah sie mit leuchtenden Augen an. "Ich liebe dich auch."
Sie ließ sich neben ihn auf das Bett sinken und legte ihren Kopf auf seine Brust. Die Geschwindigkeit seines Herzschlages verdeutlichte ihr, wie sehr dieser Kuß auch ihn in Erregung versetzt hatte.
"Ich möchte mich nie mehr von hier fortbewegen." sagte sie leise und ließ ihre Fingerspitzen über seinen Bauch laufen. Und sofort fühlte sie, wie sich seine Bauchmuskeln anspannten.
"Das solltest du aber." raunte er verführerisch, "Denn wenn du hier so auf mir liegenbleibst, muß ich mein Vorhaben für den Rest der Nacht leider aufgeben."
"Den Rest des Nacht?!" Sie starrte ihn gespielt entsetzt an, und seine Antwort darauf ging in ihrem Kuß unter.
***
"Was?" Pippin starrte seinen Freund ungläubig an. "Wir wollen schon wieder zurück? Wir sind doch gerade erst angekommen!"
Merry nickte. "Ich weiß. Aber Aragorn meint, daß er in Minas Tirith gebraucht wird."
"Er wird da doch immer gebraucht." grummelte Pippin. "Dann hätte er doch gleich zuhause bleiben können."
Merry warf ihm einen nachsichtigen Blick zu, dann legte er seinem Freund die Hand auf die Schulter und lächelte. "Sieh es doch mal so, Pip. Je eher wir hier wieder verschwinden, desto schneller sind wir wieder zu Hause und müssen uns nicht mehr mit besessenen Elben herumplagen."
"Du hast recht!" Auf Pippins Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. "Aber wenn wir wieder durch den ganzen Düsterwald reiten, haben wir doch dasselbe Problem wieder. Oder?"
Merry schüttelte den Kopf. "Nein, Thranduil hat gesagt, er gibt uns etwas mit, was die Mücken abhalten wird. Und außerdem meint er, daß Molari es nicht ein zweites Mal versuchen wird. Jedenfalls nicht bei uns. Schließlich ist ihr Plan ja gescheitert. Er wird Mittelerde nicht verlassen."
"Ah." Pippin wußte nicht recht, ob er das glauben konnte, doch der Gedanke an eine ruhige Heimreise überzeugte ihn schließlich. "Und was ist mit Legolas? Kommt der mit?"
"Ja, tut er. Und mit ihm noch eine ganze Menge Waldelben. Schließlich sind wir ja deshalb hergekommen."
Pippin sah Merry irritiert an. "Woher weißt du denn das alles?"
"Im Gegensatz zu dir, mein Freund," grinste er, "habe ich meine Nacht mit Schlafen verbracht und war dementsprechend früher wach. Und wenn man dann so im Palast umherschleicht, hört man einige Gespräche zufällig mit."
"Du hast gelauscht?" Pippin konnte es nicht fassen.
"Natürlich nicht!" verteidigte sich Merry empört. "Ich habe ganz offiziell hinter der Tür gestanden!"
"Ach so." Er wandte sich um und begann, seine Sachen zusammenzupacken. "Und Legolas ist schon in der Verfassung für diese Reise?"
"Scheinbar schon." Auch Merry verstaute jetzt seine Sachen in seinem Rucksack. "Er scheint wieder völlig gesund zu sein. Sein Vater ist gerade bei ihm."
"Oh, dann reden sie wieder miteinander?"
"Pippin, sie haben schon immer miteinander geredet. Nur nicht so, wie wir das von einer Vater-Sohn-Beziehung kennen." Merry hielt einen Moment inne und überlegte. "Waldelben sind scheinbar auch dabei etwas distanzierter. Und Thranduil wohl ganz besonders." Er sah Pippin nachdenklich an. "Ich frage mich, was sich die beiden jetzt wohl großes zu sagen haben..."
"Dann geh doch wieder lauschen!"
"Pippin!"
Zwanzigstes Kapitel: Ende gut, alles gut?
"Ich bin froh, daß es dir besser geht."
Legolas nickte und sah seinen Vater mit festem Blick an. Es war ein sonderbares Gefühl, nach so langer Zeit ein Gespräch unter vier Augen mit ihm zu führen. Er hatte es in der Vergangenheit immer vermieden, mit Thranduil allein zu sein, denn seit dem Tod seiner Mutter hatte sich das ohnehin nie harmonisch gewesene Verhältnis zu ihm noch weiter abgekühlt.
Doch jetzt stand er vor ihm und war scheinbar im Begriff, den ersten Schritt zur Verbesserung dieser Situation zu tun.
"Danke, Vater. Es geht mir ausgezeichnet." sagte er schließlich. "Dank dir und den anderen, die sich um mich gekümmert haben." Er vermied es, Tainas Namen zu erwähnen, denn von Aragorn hatte er erfahren, wie sein Vater auf sie reagiert hatte. Und er wollte nicht gleich wieder einen Reibungspunkt ansprechen.
"Du meinst das Mädchen." sagte Thranduil kritisch, und sofort spürte Legolas die Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute. Doch gerade als er ansetzen wollte, um sie entsprechend zu verteidigen, fuhr sein Vater fort.
"Ja, das Mädchen." wiederholte er nachdenklich. "Eine Sterbliche. Und du hast es gewagt, sie hierher zu bringen." Er sah Legolas prüfend an. "Ich hoffe, du weißt, was das heißt."
Legolas zögerte. Ja, er wußte es. Er hatte es schon gewußt, als er sie fragte, ob sie ihn begleiten würde. Und nach dem Blick seines Vaters in der vergangenen Nacht hatte er eigentlich mit seiner Zustimmung gerechnet. Doch jetzt erschien ihm das unwahrscheinlich. Er würde sie nie akzeptieren.
"Und?" Die Stimme seines Vaters riß ihn aus seinen Gedanken.
Er sah ihn an und versuchte, einen Hinweis auf die Gedanken des Königs in seinem Gesicht zu erahnen. Doch Thranduils Blick war versteinert. Er erwartete eine Antwort. Und Legolas haßte ihn dafür. Denn wieder hatte er es geschafft, daß er sich wie ein kleiner Junge fühlte, der sich bei jemandem entschuldigen sollte, für etwas, das er gar nicht getan hatte. Wie damals, bei dem letzten intensiven Gespräch der beiden, vor der Mission mit dem Ring. Als es darum ging, daß er lieber Orks und andere Feinde der freien Völker tötete als bei seinem Volk in Frieden und Harmonie zu leben und seinen Pflichten als Thronfolger nachzukommen. Und diese Entscheidung hatte sein Vater ihm nie verziehen.
Doch diesmal war sich Legolas seiner Sache sicher.
Er blickte dem König fest in die Augen und sagte, "Ja, ich weiß, was das heißt. Und du wirst mich nicht daran hindern können."
Thranduil hatte den feindlichen Tonfall in seiner Stimme wohl bemerkt, ging jedoch nicht darauf ein. Er sah zu ihm herüber und nickte. Und dann tat er etwas, was Legolas nie erwartet hätte - er lächelte.
"Wer sagt, daß ich dich hindern will?" fragte er, während sich sein Gesicht entspannte und einen fast schon herzlichen Ausdruck annahm.
"Was?" Legolas sah ihn irritiert an.
"Legolas," begann Thranduil nachsichtig. "Du hast bewiesen, daß du deine Entscheidungen selbst treffen kannst. Auch wenn sie nicht immer nach meinem Geschmack waren. Und das schließt sicherlich die Wahl deiner Lebensweise ein. Und deiner Verlobten." Er hielt inne und sah seinen Sohn an. "Aber auch ich mache Fehler, und wenn man so lange auf dieser Welt wandelt wie ich, fällt es einem noch schwerer, sie zuzugeben. Also mußt du deinem alten, verbitterten Vater schon verzeihen, wenn er deine Entscheidungen anzweifelt. Doch dieses Mal nehme ich mein Urteil gerne zurück. Taina hat sich deinen Respekt und deine Liebe verdient, so, wie sie auch ohne deine Unterstützung mit der Situation umgegangen ist und dich nie aufgegeben hat. Die Frage ist nur, ob du auch die ihre verdient hast."
Legolas schluckte. Solche Worte aus dem Mund seines Vater zu hören, war mehr, als er erwartet hatte.
"Geht es dir gut, Vater?" fragte er verunsichert, denn dieser plötzliche Sinneswandel gab ihm zu denken.
"Es ging mir nie besser." erwiderte er lächelnd. "Ich habe meinen Sohn wiedergefunden, den ich nicht erst seit seiner Rückkehr verloren geglaubt hatte. Und das ist weit mehr, als ich zu hoffen gewagt habe."
"Aber eben..." Legolas zögerte. "Wieso hast du nicht gleich gesagt, daß du..." Er hielt inne.
"Alte Angewohnheit, mein Sohn." sagte Thranduil milde. "Du bist mein einziges Kind, und nach so langer Zeit der Zwitracht wollte ich es dir auch nicht allzu leicht machen."
Legolas starrte seinen Vater fassungslos an. Er wußte nicht, ob er seinen Ohren noch trauen konnte oder ob sie einer weiteren Teufelei von Molari zum Opfer gefallen waren. Doch der Gesichtsausdruck seines Vaters war eindeutig. Ohne weiter darüber nachzudenken stand er auf und ging auf ihn zu. "Dann verzeihst du mir also, daß ich mich damals gegen dich entschieden habe?" fragte er zögernd.
"Nein, das tue ich nicht." antwortete Thranduil lächelnd. "Doch ich weiß jetzt, daß du aus dem gleichen Holz geschnitzt bist wie ich, und daß auch du eines Tages deine Verantwortung übernehmen wirst. Das einzige, was ich dir vielleicht verzeihe," fügte er hinzu, "ist die Tatsache, daß du mir Taina nicht unter anderen Umständen vorgestellt hast. Denn du hattest ja keinen Einfluß darauf. Es wäre natürlich wünschenswert gewesen, es in einem dem Anlaß entsprechenden Rahmen zu tun. Schließlich wird sie ja meine Schwiegertochter!"
Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und Legolas konnte nicht anders; er mußte seinen Vater in die Arme schließen.
Thranduil tat es ihm gleich, und hätte Legolas nur einen Augenblick länger damit gewartet, hätte er die kleine Träne gesehen, die sein Vater nur mühsam hatte unterdrücken können.
***
Es war eine weitere sternklare Nacht. Aragorn und Arwen hatten sich nach draußen zurückgezogen, um ein paar Stunden Ruhe genießen zu können, bevor sie am nächsten Tag gemeinsam mit den anderen wieder aufbrechen würden. Sie saßen auf einer Decke am Fuße der Hügel, in denen sich die Hallen der Waldelben befanden, und nutzten die Gelegenheit, um ausführlich über die Geschehnisse der letzten Tage zu sprechen.
Arwen hatte seit Legolas Erwachen nur kurz mit ihm gesprochen; zum einen, um ihm Ruhe zu gönnen, zum anderen, weil sie selbst noch zu aufgewühlt war, um mit der neuen Situation klarzukommen. Es war alles wieder wie früher, und doch auch wieder nicht. Und sie wußte nicht, wie sie ihm gegenübertreten sollte.
Aragorn war ihr dabei keine große Hilfe, denn er schien die Vorkommnisse verziehen oder verdrängt zu haben, doch für sie hatte sich ein Weltbild verändert. Denn auch wenn sie nicht ganz im Vollbesitz ihrer Urteilskraft gewesen war, so hatte ihr ihr Verhalten Legolas gegenüber aufgezeigt, daß auch ihre Liebe zu Aragorn nicht ungefährdet war. Auch wenn sie das immer geglaubt hatte.
Und nicht nur das. Die Gerüchte, die Molari durch Legolas verbreitet hatte, schienen einen wahren Kern zu haben. Denn durch einen Boten aus Gondor hatten sie am Abend erfahren, daß tatsächlich einige Unruhen in Gondor brodelten, sowohl in Minas Tirith als auch in Ithilien. Deren Ursache und Ursprung waren allerdings noch unklar. Ihre Rückkehr war also dringend erforderlich.
"Wie kann Molari das angestellt haben?" überlegte Aragorn, während er begann, das kleine Picknick zu plündern, das sie für sie beide vorbereitet hatte. "Wie kann sie an all den Orten gleichzeitig sein?"
"Sie ist eine Maia." sagte Arwen nachdenklich. "Sie verfügt über Kräfte und Magie, von denen wir nichts genaues wissen. Und sicherlich hat sie seit langem ihre Diener und Helfer überall dort, wo sie ihre Intrigen spinnen will." Sie sah ihn ernst an. "Sie war lange in der Versenkung. Seit Melkors Untergang hat niemand etwas von ihr gehört. Sie soll sich in Angmar aufgehalten haben, doch seit über fünftausend Jahren schien sie verschollen zu sein."
"Woher kennst du sie?"
"Ich kenne sie nur aus Erzählungen meines Vaters. Es gibt jedoch auch Aufzeichnungen über sie, über ihre Zeit als Dienerin Melkors. Und darin soll sie beschrieben sein als großer Feind der Elben. Die Zweitgeborenen scheinen sie allerdings nie interessiert zu haben."
"Bis jetzt." sagte Aragorn zähneknirschend. "Warum ausgerechnet jetzt? Was ist jetzt anders als damals?"
Arwen überlegte. "Die Menschen sind diejenigen, die die Macht in Mittelerde übernommen haben, seit sich die Elben immer mehr zurückziehen. Außerdem gibt es im Moment keinen dunklen Herrscher, keine große Macht, die ihr im Wege stehen könnte. Und wenn sie es schafft, die verbliebenen Elben zum Aufbruch nach Valinor zu bewegen, bleiben nur noch die Menschen."
Aragorn nickte. "Dann haben wir also einen neuen Feind."
"Ich fürchte ja." Sie sah ihn an und lächelte zuversichtlich. "Doch auch der ist nicht unbesiegbar."
"Ich hoffe, du hast recht."
***
"Also dann." Aragorn trat entschlossen vor Thranduil und verneigte sich. "Es wird Zeit für uns aufzubrechen."
Thranduil nickte. Er musterte den König von Gondor noch einmal aufmerksam, dann verneigte er sich ebenfalls und sah ihn an. "Ihr solltet alles haben, was Ihr für den Rückweg benötigt. Genügend Proviant, und nicht zu vergessen, das Öl. Obwohl ich bezweifle, daß Ihr es brauchen werdet." Er deutete auf die kleinen Ampullen, die in den Satteltaschen der Reisenden verstaut waren. "Es wird Euch vor ihrem Einfluß schützen. Doch ich denke nicht, daß Ihr es brauchen werdet."
Aragorn lächelte mismutig. "Ich rechne mit allem. Namarië."
Thranduil lächelte ebenfalls. Es schien ihm, als hätte er sich auch in Aragorn getäuscht. Seitdem er die Verantwortung des Königs übernommen hatte, hatte er sich verändert. Thranduil hatte bezweifelt, daß er das jemals tun würde, daß er jemals die Bürde dieses Amtes antreten würde. Doch in diesen Zeiten wuchsen die Menschen scheinbar über sich hinaus.
"Le tiriel." sagte er warnend und beobachtete, wie Aragorn zu seinem Pferd ging, dann wandte er sich an Arwen.
"Frau Arwen."
"König Thranduil." Sie senkte den Blick und fuhr leise fort, "Habt Dank für Eure Gastfreundschaft in unserer Not. Und dankt auch für die Männer, die uns auf unserem Weg begleiten werden."
"Mögen sie Gondor wieder zu alter Blüte verhelfen." erwiderte er mehrdeutig, bevor er sich auch vor ihr verneigte und sie mit wohlwollenden Blicken verabschiedete.
Merry und Pippin erfuhren eine ähnlich freundliche, wenn auch distanziertere Behandlung, doch Thranduil war sicher, daß sie deswegen keinen Groll gegen ihn hegten. Er hatte fast begonnen, diese beiden Halblinge ins Herz zu schließen, doch seine ihm eigene Zurückhaltung hatte ihn davon abgehalten, sich länger mit den Hobbits zu unterhalten. Für ihn waren sie gute Freunde seines Sohnes, wenngleich er mit ihrer respektlosen Art nicht immer umzugehen wußte.
"Legolas."
Der Anblick seines Sohnes ließ ihn einen gewissen Stolz verspüren. Doch bevor er sich von ihm verabschiedete, wandte er sich an die Südländerin, die neben ihm stand und ihn ehrfürchtig ansah.
"Nun," sagte er abwartend, während er sie noch einmal von oben bis unten musterte, "mir ist bewußt, daß wir einen schlechten Start hatten, doch ich nehme an, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, daß ich Euch in meinem Reich begrüßen konnte."
Er lächelte sie versöhnlich an, und sie erwiederte das Lächeln, wenn auch leicht verunsichert.
"Beim nächsten Mal wird es sicher weniger dramatisch zugehen." fuhr er deshalb fort, "Wenngleich es aus einem nicht weniger wichtigen Grund sein wird." Er sah zu Legolas, und während sein Sohn verständnisvoll nickte, spürte er Tainas fragenden Blick auf sich ruhen.
Für einen winzigen Moment spielte er mit dem Gedanken, Legolas jetzt in die Enge zu treiben und ihn zu zwingen, ihr hier und jetzt einen Antrag zu machen. Es wäre seine kleine persönliche Rache dafür, daß Legolas sich über die Traditionen seines Volkes und seiner Familie hinweggesetzt und ohne jegliche Absprache eine Sterbliche als seine Verlobte gewählt hatte. Doch er wußte, daß sein Sohn ihm das niemals verzeihen würde, denn er hatte für diesen Anlaß bereits seine eigenen Pläne. Also riß er sich zusammen und begnügte sich mit der Vorstellung von den Gesichtern von Legolas und Taina bei einer derartigen Überrumpelung.
Als er den Kopf wieder drehte, traf sein Blick auf den von Taina. Sie schien den Inhalt seiner Andeutung zu erahnen, hielt sich jedoch mit einem Kommentar offenbar zurück. Einzig das versteckte Lächeln in ihren Augen ließ darauf schließen, daß sie wußte, wovon er sprach.
"Nun," sagte Thranduil, während er ihr ein bestätigendes Lächeln schenkte, "ich wünsche Euch eine angenehme Heimreise nach Ithilien. Es war mir eine Freude, Euch kennenzulernen." Und mit einem Seitenblick auf Legolas fügte er hinzu, "Laßt Euch von seiner Art nicht entmutigen. Er ist bisweilen recht stur... Das hat er von seiner Mutter."
Taina lächelte. "Ich weiß." Sie verneigte sich leicht und sah nun auch zu dem Elben neben ihr.
"Und nun zu dir, mein Sohn." Thranduil trat einen Schritt näher an Legolas heran und legte seine Hände auf dessen Schultern. Er sah ihn lange und eindringlich an, dann nickte er. Er hoffte inständig, daß die vergangenen Tage dazu beigetragen hatten, das Verhältnis zwischen ihnen zu verbessern. Denn obwohl er wußte, daß es noch lange Zeit benötigen würde, bis sie ihre Differenzen ausgetragen hatten, war dies immerhin ein Anfang.
"Du weißt um die Verantwortung, die du übernommen hast." sagte er schließlich. "Nicht nur meinen Leuten gegenüber. Und ich hoffe, du wirst ihr gerecht."
Legolas nickte. Er hob nun seinerseits die Hände und umfaßte die Unterarme seines Vaters. "Ich werde dich nicht enttäuschen."
"Gut." Der König musterte seinen Sohn wohlwollend. Dann ließ er seinen Blick über die restlichen Mitglieder der Gruppe schweifen und nahm seine Hände von den Schultern seines Gegenübers.
"Und nun solltet ihr euch auf den Weg machen." sagte er mit einem Blick gen Himmel. "Ilúvatar wird euch helfen, den dunklen Kräften zu trotzen, die euch auf eurem Weg begegnen mögen. Molari ist ein ernstzunehmender Feind, doch ich bin sicher, gemeinsam können wir ihr auch in Zukunft etwas entgegensetzen." Er verneigte sich noch einmal, dann sah er zu, wie sich die Reisenden auf ihre Pferde begaben und zum Aufbruch rüsteten.
Noch einmal wanderte sein Blick zu Legolas, der ihn wehmütig ansah, und erneut wurde ihm bewußt, wie sehr er ihn im letzten Jahr vermißt hatte. Er war sein Thronfolger, und er war der einzige, der nach ihm in der Lage wäre, das Volk der Waldelben zusammenzuhalten, auch wenn ihm das heute noch nicht bewußt war. Doch Thranduil wußte jetzt, daß seine Hoffnungen in ihn nicht vergebens waren.
Und auch Aragorn hatte sich als würdevoller König herausgestellt. Er konnte nur hoffen, daß er den Versuchungen widerstehen konnte, die Molari in nächster Zeit für ihn bereithalten würde.
Sie würde nicht aufgeben. Sie würde nicht eher ruhen, bis Mittelerde von den freien Völkern gereinigt war und sie ihre lange geplante Weltordnung durchsetzen konnte. Es sei denn, jemand hielt sie auf.
Mit einem nachdenklichen Blick sah er den Reitern nach, die sich jetzt immer weiter von ihm entfernten, und deren dunkle Umrisse gegen das Licht der Sonne immer kleiner wurden.
"Ich hoffe, ihr findet die Kraft für das, was euch bevorsteht."
Damit drehte sich der König der Waldelben um und ging zurück in seinen Palast.
Epilog
"Thranduil, König der Waldelben...
Mismutig betrachtete sie die Szene, die sich in dem schwarzen gläsernen Stein vor ihr abspielte. Er hatte sie überrascht. Sie hatte nicht mit so viel Gegenwehr von ihm gerechnet. Doch das änderte nichts an ihren Plänen. Um die Waldelben würde sie sich eben später kümmern.
Durch einen kurzen Befehl ihrerseits verschwamm das Bild in dem Stein und klarte wenig später zu einem neuen auf: dem Abbild von Minas Tirith.
"Ja..." hauchte sie. "Kommt nur zurück, Aragorn, Sohn von Arathorn. Ihr werdet Euch wundern, was Euch dort erwartet. Und diesmal wird Euch keiner Eurer Elbenfreunde helfen können. Denn sie werden mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sein. Und mit dem Prinzen habe ich auch noch eine Rechnung zu begleichen..."
Zufrieden lehnte sie sich zurück und strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn.
E N D E
Teil II der Taina-Trilogie