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Die Niederwerfung des Feindes



Erstes Kapitel: Die Adler des Westens sammeln sich

Drei Jahre waren schon vergangen, seit das Volk von Gondor zu ihren Verwandten, den Dùnedain von Arnor fliehen mußten. Viele hatten sie in ihrem verzweifelten Kampf gegen Saurons Heere verloren, und manche kamen nie im Norden an. Und doch hatten Isildur und Anárion es geschafft, die meisten ihres Volkes in den Norden zu retten.
Drei Winter und zwei Sommer waren seit jener bitteren Flucht vergangen, und seither hatten sie in relativem Frieden gelebt. Offenbar schien der Feind jedes Interesse an der Verfolgung der Dùnedain des Südens verloren zu haben; oder er glaubte, daß sie auf ihrer Flucht zugrunde gegangen waren. Kein Ork und kein Unhold waren in jenen Tagen in Arnor gesehen worden, und selbst die Vögel, die das Land ein paar Monate lang beobachtet hatten, waren schon lange wieder verschwunden.
Herendil Isildur hatte sich auf seinem Landgut am Baranduin gut eingelebt und genoß das ruhige Landleben, während Anárion in Königsnorburg, der Hauptstadt von Arnor damit beschäftigt war, Berichte über die Vorgänge im fernen Süden zu sammeln.
Ein Jahr nach ihrer Flucht hatte Meister Elrond sie nach Bruchtal gerufen, um einen Rat abzuhalten. Viel hatten Isildur und Anárion über ihre Flucht zu erzählen und noch viel mehr Fragen hatten sie zu beantworten. Dann hatten sie sich mit den Großen der freien Welt darüber beraten, wie sie denn nun weiter gegen den Feind vorgehen sollten.
Im Jahr zuvor, sechs Monate vor Saurons Überfall auf Gondor hatte der Rat zum letzten Mal getagt. Dort hatte Elrond noch dazu aufgerufen, Sauron so bald wie möglich anzugreifen, und etwa zu dem Zeitpunkt, an dem Isildur und Anárion den Norden erreichten hatten sie vorgehabt, ein Angriffsheer in den Süden zu entsenden. Niemand, selbst Elrond nicht, hatte abschätzen können, wie mächtig der Feind bereits war. Überrascht von der plötzlichen Niederlage Gondors mußten sie ihre Pläne der neuen Situation anpassen. Ungünstig für die Allianz war die Tatsache, daß sie nun keine Angriffsbasis in der Nähe Mordors hatten, und ein großes Heer, das vom Norden her gegen das Land des Feindes marschierte konnte dies nicht tun, ohne bemerkt zu werden. Andererseits konnten sie jetzt ihre Kräfte zusammenziehen, ohne daß Sauron davon Wind bekam.
Die Flüchtlinge aus dem Süden siedelten sich jetzt im Norden in den Gebieten an, die noch dünn besiedelt waren und bis dorthin so manchem feindlichem Späher einige Verstecke geboten hatten. Somit war jetzt die für Truppenbewegungen wichtige Ost – West – Straße von Harlond und Forlond über Bree nach Bruchtal vollständig vor feindlichem Zugriff geschützt.
Nun konnte man freizügig von den Häfen im Westen auf die Kreuzung mit der Nord – Süd – Straße und zu den Gebirgspässen des Nebelgebirges reisen.
Aus dieser neuen Situation heraus war es allen klar, daß ein Angriff gegen den nun noch mächtiger gewordenen Sauron von Mordor nur Sinn machte, wenn sie ein Bündnis bilden konnten, in das alle Mächte in Mittelerde, die Saurons Feinde waren, eintraten. Selbst so war es fraglich, ob der Feind nicht doch mächtiger war.
Elendil, der König von Arnor, hatte deswegen dem Rat vorgeschlagen, neben dem Bündnisaufruf an alle Freunde in Mittelerde auch einen an Gil-galad zu senden. Bis zur Vertreibung des Hexenkönigs durch die Dùnedain war er König des Elbenreichs westlich des Gebirges gewesen, und obwohl er in Valinor, dem Unerreichbaren Westen weilte, tat er dies nur, um sich von der langen Mühsal in Mittelerde ein wenig zu erholen. Noch war er der König vieler Elben in Mittelerde. Außerdem, so hoffte Elendil, könnte er Hilfe aus Valinor bringen.
Bis sie ihre Kräfte soweit zusammen hatten, daß sie einen Angriff in den Süden wagen konnten, mußten die Ratsteilnehmer einen Weg suchen, wie sie sich vor den Bedrohung im Süden schützen konnten, damit nicht auch noch sie von Sauron überrollt würden. Außerdem mußten sie versuchen, den Druck von der belagerten Festung Minas Anor zu nehmen, das die letzte Bastion der Allianz im Süden war.
Die Heere von Laurelindorenan und dem Elbenreich im Grünwald griffen immer wieder Saurons Feste im Norden, Dol Guldur an, ohne ihr (und sich) großen Schaden zuzufügen. So mußte Sauron auch sein Augenmerk auf den Norden richten und konnte sich eben nicht voll und ganz auf die Belagerung von Minas Anor konzentrieren.
An diesen Aktionen nahm keiner der Dùnedain des Südens teil, und Sauron fragte sich, ob sie aus Mittelerde verschwunden wären. Vielleicht hatten ihnen die Valar vergeben, und sie würden auf den Wingen des Sturms zurückkehren; Rachegeister von Númenor, Unheil verkündend.
Boten hatten Gil-galad erreicht und Boten waren zurückgekehrt. Hoffnung brachten sie, aber nicht mehr. Die Valar berieten über das Schicksal der letzten verbliebenen Númenórer, Untertanen eines verräterischen Königs, selbst aber keine Verräter, und währenddessen mußten sich die Bewohner von Mittelerde wohl oder übel in ihr Schicksal fügen.
Isildur hielt Kontakt zu Meneldil, Anárions Sohn, dem Befehlshaber von Minas Anor. Obwohl es von Feinden umzingelt war, hatten sie über geheime Tunnel Verbindung nach draußen. Aber das war nicht der Weg, über den sie ihre Botschaften austauschten. Noch waren die Sieben Steine, die palantirí, im Besitz der Dùnedain, und über sie erfuhr Isildur vieles von dem, was er zu wissen begehrte. Denn noch wußte der Feind nichts von ihrer Existenz und tat nichts, um seine Gedanken abzuschirmen und seine Taten zu verschleiern. Nur nach Mordor, wo ewige Dunkelheit herrschte, konnten die palantirí nicht blicken.
Meneldil erzählte, wie sie den feind zum Narren hielten, oft Schwäche an starken Punkten vorschützend, und wie sich die angreifenden Orks immer wieder die Zähne an der vermeintlichen Schwäche ausbissen. Die Angriffe auf die Festung hatten in letzter Zeit nachgelassen, Sauron war die nutzlosen Verluste leid. Außerdem, so wußte Isildur, war er im Norden abgelenkt. So begnügten sich die Orks damit, Minas Anor zu belagern und sie hofften, es langsam auszuhungern. Nichts wußten sie von den Tunnels.
Den Dùnedain war in Calenardhon unerwartete Hilfe zuteil geworden, als sie sich gegen feindliche Orks und Dunländer zur Wehr setzen mußten, die von Westen her durch die Pforte von Calenardhon in die nördlichen Lande von Gondor vorzudringen versuchten. Nur wenige Dùnedain waren noch in Isengart verblieben, da die Hauptgefahr von Osten, von Mordor kam und die Verteidigung der östlichen Grenzlande von Calenardhon die Stärke vieler Mannen erforderte.
So hätten sich die in Isengart verbliebenen Dùnedain schnell gegen die in Überzahl anstürmenden Orks und Dunländer geschlagen geben müssen, wäre ihnen nicht die seltsamste Hilfe zuteil geworden, die Mittelerde je gesehen hatte. Den Verteidigern schien es, als ob sich die Wälder von Fangorn selbst gegen den Feind erhoben hatten. Baumartige Wesen versetzten die Feinde in Angst und Schrecken, und schon bald war kein Feind mehr östlich der Pforte am Leben.
Diese Wesen wurden von den Elben Onodrim genannt (die wenigen Menschen von Mittelerde, die sie kannten, nannten sie Ents). Sie waren die Hüter der Wälder von Fangorn; Baumhirten. Normalerweise lebten sie tief in den Wäldern, und ihre Aufgabe war es, ihre Wälder vor Schaden und schlechtem Einfluß von außerhalb zu bewahren. Die Onodrim waren von ihrer Statur den Bäumen, auf die sie aufpaßten, nicht unähnlich, und sie konnten tagelang still stehen und bewegten sich dann nur mit dem Wind. Selbst Elbenaugen konnten sie dann nicht von den Bäumen unterscheiden.
Auch wenn die Ents den Dùnedain unerwartet in größter Not zu Hilfe kamen, so dachten sie vor allem anderen zuerst an den Schutz ihrer Wälder. Und so kam es, daß kein Feind die ausgedehnten Felder von Calenardhon zu Gesicht bekam, denn die Ents verfolgten die Diener des Feindes, wo immer sie diese fanden. Denn die Orks fällten Bäume nur zu ihrem Vergnügen und ließen sie verrotten, aber die Ents wußten derartiges Ungemach in ihren Wäldern wohl zu verhindern. So konnte kein Feind vom Nebelgebirge aus nach Calenardhon eindringen.
Von Zeit zu Zeit schafften Boten es, sich auf dem gefahrvollen Weg von Calenardhon nach Arnor, mitten durch feindliches Gebiet durchzuschlagen. Doch Dunland war nur noch dünn besiedelt, denn die meisten Bewohner waren entweder in den langen Kämpfen erschlagen worden, oder sie wurden von ihren Herren nach Osten geschickt, um die Armeen Saurons im Kampf gegen Gondor zu verstärken. Und nördlich der Grauflut waren die Lande schon immer menschenleer gewesen, und auf den langen Meilen von Tharbad bis Bree waren Reisende den wilden Landen immer schon ausgeliefert gewesen.
Diese Boten berichteten Isildur von der unerwarteten Hilfe durch die Ents, und Isildur ließ sich ihr Aussehen immer wieder und wieder beschreiben.

"Die Ents sehen aus wie Bäume, wenn sie still im Wald da stehen (was recht häufig vorkommt). Manche sind klein und gedrungen und sehen aus wie knorrige Kiefern aus dem Gebirge. Andere sind groß und stattlich wie Ulmen oder Buchen. Wieder andere sehen aus wie Kiefern oder Tannen. Wenn man einem Ent in die Augen blickt, ist es wie wenn man in eine tiefen Brunnen blickt; angefüllt mit der Weisheit und dem Wissen unzähliger Jahre. Ihre Stimmen klingen tief, wie von einem großen Horn (nur daß es aus Holz ist); weit über die Lande zu hören. Und wehe, wenn ein Ent erzürnt ist. Dann wird Stahl wie Papier zerknüllt. Aber es kommt selten vor, daß Ents derart zornig sind. Normalerweise geht bei ihnen alles gemächlich zu, wie wenn Kühe wiederkäuend auf der Weide liegen. Wenn sie aber erst einmal in Fahrt gekommen sind, dann wirken sie eher wie angriffslustige Stiere, und ich möchte ihnen nicht im Weg stehen."

"Können wir uns mit ihnen verbünden? Ist es möglich, daß sie mit uns in den Krieg gegen Mordor ziehen werden?"

"Ich glaube nicht, Herr. Die Ents sind Hirten der Bäume ihrer Wälder und niemandem untertan. Sie sind nur ungern lange von ihren Bäumen weg. Außerdem finden sie, daß niemand ganz auf ihrer Seite steht, da wir alle Bäume fällen, um Holz zum Bauen und Brennen zu haben. Nein, wir sollten dankbar für ihre Hilfe sein, mehr dürften wir nicht zu erwarten haben."

So war Calenardhon durch die Hüter des Waldes vor dem Zugriff des Feindes geschützt worden, und für lange Zeit wagte kein Dunländer es, das Nebelgebirge und die Pforte von Calenardhon ostwärts zu durchschreiten. In Dunland ging das Gerücht um, daß sich sogar die Wälder gegen ihre Feinde erhoben hatten und erbarmungslos alles verfolgten, was sich auf zwei Beinen bewegte.

Nach dem Rat, der in Bruchtal nach der Flucht der Dùnedain des Südens abgehalten worden war, war Isildur auf sein Landgut am Baranduin zurückgekehrt und die beschauliche Ruhe kehrte wieder in sein Leben ein. Anárion war häufig damit beschäftigt, Neuigkeiten aus dem Süden zu sammeln und hielt sich oft in Bruchtal und in Königsnorburg auf.
Trotz alledem hielten die Dùnedain des Südens sich stets kampfbereit, und jeden Tag übten sie den Umgang mit den Waffen, denn sie wußten, daß sie eines Tages wieder in den Krieg ziehen mußten. Noch hatten sie eine Festung im Süden, eine letzte Bastion Gondors. Noch war Gondor nicht verloren.

Círdan der Schiffsbauer weilte oft in Isildurs Haus. Er hielt sich zwar nur ungern in großen Städten auf, aber auf einem Landgut fühlte er sich wohl. Wenn Isildur und Anárion die Zeit dazu hatten, dann kamen sie auch nach Harlond. Dort besprachen sie, ob es Sinn machte, eine Flotte für einen Angriff in den Süden aufzubauen; und sie erwarteten sehnsüchtig Schiffe, die aus dem Westen kamen.
Almáriel und Eneris genossen das ruhige Leben im Norden, und sie sahen die Zukunft, die Krieg gegen Sauron verhieß, mit gemischten Gefühlen. Ihre Söhne Elendur, Artan, Ciryon und Valandil brannten darauf, ins Feld zu ziehen und Meneldil war bereits im Felde. Doch Isildur hieß seine Söhne, sich in Geduld zu üben.

So flossen die Jahre zurück, ohne daß sich viel an der politischen Situation änderte. Und nach den Anstrengungen, die die plötzliche Flucht vor Sauron erforderte, tat den Dùnedain des Südens diese Ruhe gut. Wunden waren verheilt, und die Männer beschäftigten sich mit dem Aufbau eines Straßennetzes für West – Arnor. So hatten sie eine sinnvolle Aufgabe, die ihren Verwandten nützen würde, auch wenn der Krieg vorüber war.
Viel Wasser floß den Baranduin hinunter, und Tag für Tag warteten Isildur und Anárion darauf, sich bald wieder auf der Bühne des Geschehens zurückzumelden.

Tag für Tag übten sie sich im Kriegshandwerk, und ihre Söhne waren da nicht ausgenommen, und des Abends, nach getaner Arbeit erzählten sie sich Geschichten von früher. Von Zeit zu Zeit ritten sie nach Königsnorburg, um König Elendil zu besuchen. Isildur und Anárion berieten sich mit dem König über die letzten Neuigkeiten, und währenddessen feilten ihre Söhne im Waffenhof an ihren Kampfkünsten oder sie waren in der Bibliothek, um alte Dokumente zu studieren.
Alles in allem befanden sie sich in relativer Ruhe. Nur jenseits des Nebelgebirges kam es zu Kämpfen, und in Bruchtal und Arnor und Eriador herrschte Frieden. Doch es war allen klar, daß dies nur die Ruhe vor dem Sturm sein konnte. Und es würde ein schwerer und verheerender Sturm werden; ein Sturm, in dem vieles ein Ende finden würde. Ob die Dùnedain ihn überstehen würden? Isildur hoffte, daß König Gil-galad bald eine Botschaft schicken würde, oder, noch besser, selbst mit einem prächtigen Heer aus Valinor kommen würde. Die Dùnedain waren jedenfalls bereit.


Die letzten Herbsttage fegten stürmisch über das Baranduintal. Graue, regenschwere Wolken fegten vom Meer heran und entluden ihre Fracht hier über den Binnenlanden. Die letzten gelben Blätter wurden von den Bäumen gefegt und sammelten sich in windgeschützteren Ecken, wo sie vom Regen zu einer braun – gelben Masse eingeweicht wurden.
Schon vor Wochen hatten die Bauern die Ernte eingefahren und die Winzer hatten die Traubenlese beendet. Isildur war hinunter ins Dorf gegangen, um von dem ersten frischen Most dieses Jahrgangs zu holen. Für den Abend erwartete er Anárion, der mit wichtigen Nachrichten aus Königsnorburg kommen wollte.
Tief in Gedanke trottete Isildur die Dorfstraße entlang. Was sein Bruder ihm in seinem letzten Brief geschrieben hatte schien darauf hinzudeuten, daß es mit dem beschaulichen Idyll hier am Baranduin bald ein Ende haben würde. Elrond hatte dem König geschrieben, daß sie sich bereithalten sollten, aber wieso und wofür wußte er noch nicht.

"Vielleicht weiß Anárion mehr" murmelte Isildur. "Vielleicht sind neue Botschaften aus Bruchtal eingetroffen." Isildur lenkte seine Schritte zum Winzer. Er betrat den großen Hof von Mardil. Zur Straße hin war ein weites, offenstehendes Tor, an das sich der Innenhof anschloß. Gegenüber dem Tor lag das Wohn- und Wirtschaftshaus, rechts hatte Mardil ein großes Lagerhaus gebaut und links war die Werkscheuer, in der sich die Keltern und Pressen und diverses anderes gerät befanden.

"Hallo? Wer da?" rief es aus einem der Gebäude heraus. Isildur erkannte die Stimme. Sie gehörte zu Andulias, Mardils Frau.

"Isildur hier" rief er. "Ist Mardil da?"

"Drüben in der Scheune."

"Danke!" Isildur betrat das große Gebäude. Im Halbdunkel war Mardil damit beschäftigt, den Most in Flaschen zu füllen. Als er bemerkte, daß jemand hereingekommen war, blickte er auf. Isildur grüßte ihn und nannte seinen Wunsch. Nachdem Mardil ihn bedient hatte bat er Isildur, ihm eine Frage zu beantworten.

"Isildur, es ist so" begann er zögerlich. "Herr, die ganze Zeit schon geht das Gerücht im Ort um, daß wir bald wieder in den Süden ziehen würden. Nun, es ist – na, ich meine, wie ist es? Werden wir in den Süden ziehen, und wann?"

"Genau das frage ich mich auch" antwortete Isildur. "Ich habe neulich einen Brief von Anárion erhalten, in dem er schrieb, daß Herr Elrond uns zur Bereitschaft auffordert. Wozu wußte weder er noch ich. Nun, Anárion wollte heute abend kommen, vielleicht weiß er jetzt
ja mehr. Ich werde Dir auf alle Fälle Bescheid geben, wenn ich mehr weiß."

Sie unterhielten sich noch über die diesjährige Ernte und über das Wetter, bis Isildur mit vier Flaschen Most aufbrach. Draußen war es noch immer stürmisch.

"Sogar im Ort geht nun das Gerücht vom Krieg um" dachte Isildur. "Was weiß ich, vielleicht geht es ja bald los. Mal sehen, was Anárion zu erzählen weiß."

Er lenkte seine Schritte aus dem Ort heraus und hielt auf sein Landgut zu. Graue, regenschwere Wolken wurden vom Meer herangeblasen. Aus den Fenstern des Haupthauses schimmerte bleiches Licht.
Drinnen war Almáriel damit beschäftigt, das Gästezimmer für Anárion herzurichten. Elendur und Ciryon waren irgendwo im Haus zu hören. Isildur brachte seine Mostflaschen in die Küche.
Gegen Abend war Anárion eingetroffen. Nach dem Abendessen (bei dem er dem Most gut zusprach) saß er noch lange mit Isildur am Kamin. Viele Neuigkeiten wollten erzählt werden.
Anárion war noch vor kurzem in Bruchtal gewesen, wo er sich mit Abgesandten aller Verbündeten getroffen hatte. Die meisten hatten nichts Besonderes zu berichten; kleine Taten des Grenzkrieges. Die Éothéod sprachen davon, daß Orks die Südgrenze ihres Reiches bedrohten; es genügte aber eine kleine Anzahl erfahrener Reiter, um sie in Schach zu halten. Oft hatten sie es nur mit Raubzügen marodierender Orkbanden zu tun, die unüberlegt und ohne Befehl stattfanden. Nur einmal hatten die Éothéod es mit einem großen Angriff eines feindlichen Heeres zu tun; es gelang ihnen aber, die Oberhand zu behalten. Jetzt schien es so, als ob Sauron jedes Interesse an einer Unterwerfung dieses Volkes, das weit ab im Norden wohnte verloren hatte. Er hatte dringlichere Aufgaben. Es wurde davon berichtet, daß seine Späher das gesamte Weiße Gebirge im Süden nach Überlebenden des Überfalls auf Gondor absuchten. Über kurz oder lang würden sie entdecken, daß die Dùnedain des Südens nach Arnor geflohen waren.

"Und wir müssen damit rechnen, daß sie das Geheimnis von Minas Anor entdecken" ergänzte Anárion. "Elrond läßt Dir ausrichten, daß wir unsere Streitkräfte zum baldigen Eingreifen bereithalten sollen."

"Das tun wir schon lange" sagte Isildur. "Aber ich befürchte, daß unsere Kräfte zu schwach sind, um allein mit Sauron fertigzuwerden. Wenn der erst einmal entdeckt, daß der Norden Mittelerdes entblößt ist kann es durchaus sein, daß er uns den Süden nahezu kampflos überläßt und den Norden besetzt. Wir hätten dann zwar unsere alte Heimat wieder; dieser Sieg wäre aber dennoch fruchtlos. Wenn die Westhäfen Harlond und Forlond verloren sind, können wir auf Hilfe von Valinor nicht mehr hoffen. Die Elben wären dann vom Meer abgeschnitten und der Norden wäre so unfrei wie jetzt der Süden."

"Es mag wohl richtig sein, daß wir allein gegen Sauron wenig auszurichten vermögen" entgegnete Anárion. "Und sprechen manche hinter vorgehaltener Hand nicht vom zweiten Fluch des Mandos, der unsere Siege fruchtlos und unsere Niederlagen furchtbar sein läßt?"

"Das tun manche, aber ich glaube nicht, daß wir verflucht sind. Wir wüßten davon. Als Mandos vor unendlich langer Zeit die aufständischen Elben verfluchte, tat er das in ihrem Angesicht. Nein, wir haben es mit dem letzten Diener Melkors und seinen Sklaven zu tun. Wir haben eine Aufgabe."

"Du sagst es, Isildur. Wir haben eine Aufgabe. Und hierbei werden wir immer noch von vielen Verbündeten unterstützt. Die Éothéod halten unseren Rücken frei, außerdem haben sie Tausende unter Waffen. Elrond befiehlt über alle Elben, die westlich des Nebelgebirges leben, außer denen in den Häfen. Und Círdan der Schiffbauer steht auch zu uns. Er hat Boten in den für uns unerreichbaren Westen geschickt, um Hilfe zu erbitten. Beide unterstützen unsere Sache auch mit ihrer Weisheit. Die Grünelben des Düsterwaldes werden am meisten von Dol Guldur bedroht, Saurons Hochburg im Norden. Es liegt in ihrem Interesse, wenn er besiegt wird. Gleiches gilt für die Zwerge, die sich in Moria oder Erebor lange verteidigen können; die sich aber letzten Endes allein nicht gegen Saurons Übermacht wehren können. Und nicht zuletzt stehen wir in ihrer Pflicht, denn sie haben uns nach dem Untergang Númenors bereitwillig in Mittelerde aufgenommen und uns über den Winter geholfen."

"Über diese Pflicht brauchst Du wohl niemanden von uns zu belehren" sagte Isildur. "Aber wer weiß, wie groß Saurons Macht wirklich ist? Wir wissen nicht, was in den Landen östlich von Mordor ist. Weite Ebenen sollen dort sein, mit namenlosen Flüssen und endlosen Wäldern. Dort kann er unbemerkt viele Verbündete und große Heere haben."

"Von uns vielleicht unbemerkt, aber es heißt, die Valar wissen, was in Mittelerde vor sich geht. Und vor wenigen Tagen erst ist ein Bote in Bruchtal eingetroffen. Ein Bote aus Valinor, schön anzusehen und reich gekleidet. Er hatte Dinge zu berichten, die für jeden von uns von Interesse sind. Unter anderem sprach er davon, daß diese namenlosen Weiten im Osten deswegen namenlos sind, weil niemand dort wohnt. Weite Landstriche sind Steppe oder Wüste. Selbst die weiten Waldgebiete nützen dem Feind nicht viel. Im Sommer ist es extrem heiß und die Winter sind sehr kalt. Dorthin kommen nur die Verdammten, und sie überleben dort nicht sehr lange. Die tatsächlich bewohnbaren Landstriche sind nicht größer als Arnor und Gondor zusammen."

"Na, das ist immer noch genug" warf Isildur ein.

"Sicher" entgegnete Anárion. "Aber nun komme ich zu etwas anderem: mir wurde aufgetragen, Dir eine Nachricht zu überbringen. Ein Brief aus Valinor." Anárion übergab eine kleine Rolle an Isildur.

"Ein Brief von Gil-galad an mich!" rief er. Dann öffnete er das Siegelband und studierte begierig den Inhalt.

"Nun, was ist?" fragte Anárion.

"Gil-galad kommt zurück nach Mittelerde" rief Isildur. "Er schreibt davon, mit großen Heeren zu kommen und fordert uns auf, Unterkunft und Nahrung für dreißigtausend bereitzuhalten. Wir sollen uns ihm anschließen, wenn er nach Bruchtal zieht."

"Wann will er kommen?"

"Bald. Moment, da steht es: Spätestens im Januar will er hier sein. Ich glaube, wir sollten Elendil darüber benachrichtigen."

Gleich am nächsten Morgen hatte Isildur einen Boten nach Königsnorburg geschickt, um einen Brief zum König bringen zu lassen. Isildur schlug darin vor, König Gil-galad entgegenzureiten und ihn gleich nach ihrer Ankunft über ihre tatsächliche Lage zu informieren. Dann ließen er und Anárion in ihrer Eigenschaft als Könige von Gondor eine Anweisung an ihre Leute ergehen, sich ab sofort auf Abruf für einen Feldzug gegen Sauron bereitzuhalten.
Nun war noch ein Problem zu lösen: die Unterbringung von dreißigtausend Elbenkriegern. Gil-galad wollte mit ihnen nach Bruchtal ziehen, so daß Isildur davon ausging, daß sie eigene Zelte hatten. Auf alle Fälle ließ er noch welche anfertigen. Über das Problem der Nahrungsmittelbeschaffung hatte er Elendil in seinem Brief unterrichtet und um Lösungsvorschläge gebeten. Mit einer Sache aber waren sie gut bevorratet: mit Wein. Elben liebten Wein über alles, und über die süßen und lieblichen Sorten, die am Baranduin vorzüglich gediehen freuten sie sich am meisten.
Langsam verging nun das Jahr und die letzten Herbststürme wurden vom Schnee des Winters abgelöst. Dieses Jahr war der Winter außerordentlich warm und nur auf den Höhenlagen der Turmberge und der höchsten Hügelkuppen im Baranduintal lag etwas Schnee. Häufig fielen aber Niederschläge, die als Regen oder Schneeregen auf dem Boden ankamen.
Die Dùnedain des Südens beobachteten das Wetter genau. Sie wußten, daß in der Wildnis der häufige Regen dazu führte, daß der Untergrund verschlammte. Ein Fortkommen war für große Heere, egal ob Freund oder Feind dadurch erschwert. Um so mehr achteten sie deswegen darauf, ob es neue Nachrichten von Gil-galad gab. Isildur und Anárion wußten aber, daß er noch auf hoher See war. Ein stetiger, nicht zu starker Wind wehte vom Westen, vom Meer her.
Dann kam ein Bote aus Königsnorburg. Er überbrachte Isildur und Anárion die Aufforderung, zum König zu kommen. Er wünschte ihre Anwesenheit bei den letzten Beratungen. Isildur unterwies seine Leute, bei der gemeldeten Annäherung Gil-galads sofort Botschaften nach Bruchtal und zum Palast des Königs zu senden. Almáriel und Eneris wollten zunächst auf dem Landgut bleiben.

Sie brachen sofort auf und erreichten bald die große Straße und jagten gen Bree, das eine Tagesreise vom Baranduin entfernt lag. Im Tänzelnden Pony, ihrem Stammlokal, verbrachten sie eine kurze (aber feucht-fröhliche) Nacht. Gegen Mittag des dritten Tages erreichten sie Elendils Palast in Königsnorburg.
Dort wurden sie von ihrem Vater schon erwartet. Er saß in seinem Arbeitszimmer, wo der Schreibtisch von Landkarten, Büchern, Schriftrollen und Papieren übersät war.

"So, da seid ihr endlich" sagte er, als sie den Raum betraten.

"Wir kamen so schnell wir konnten" antwortete Anárion.

"Ich habe euch gerufen, weil Gil-galad mit der langerwarteten Verstärkung in Kürze eintreffen wird. Bald wird es wieder ernst, Jungs."

"Und wie willst Du vorgehen, wenn Gil-galad eingetroffen ist?" fragte Isildur.

"Wir werden alle zusammen nach Bruchtal ziehen. Dort werden wir eine abschließende Beratung mit Elrond haben. Auch werden wir die Heere unserer Verbündeten dort erwarten oder zumindest Nachricht von ihnen erhalten. Außerdem hätten wir damit das Problem gelöst, dreißigtausend Elbenkrieger unterzubringen."

"Das Problem wäre dann sehr wohl gelöst" lachte Isildur. "Aber ich finde, daß wir Nahrungsmittel nach Bruchtal schicken sollten. Zum einen werden sie für das Heer aus Valinor gebraucht und zum anderen belasten wir uns zumindest bis zum Zusammentreffen nicht mit schweren Vorräten. Ich habe schon einen Troß losgeschickt."

"Gut, aber schicke nicht zuviel weg. Wer weiß, ob alle Dùnedain des Südens in den Krieg ziehen wollen?"

"Wir werden wohl fast alle in den Süden ziehen" bemerkte Anárion, "da werden wir wohl einiges an Vorräten benötigen. Jetzt zahlt es sich aus, daß wir drei Jahre lang über unseren Bedarf hinaus gepflanzt und geerntet haben. Und wir haben Glück gehabt, denn es waren gute Jahre."

"Wir sollten festlegen, was wir genau brauchen" schlug Isildur vor. "Wir werden einen lang andauernden Feldzug unternehmen, möglicherweise über Jahre hinweg, vielleicht werden wir aber auch mehr als zwei Heere zu versorgen haben."

"Damit rechne ich auch" sagte Elendil. "Die Nahrungsmittelvorräte sind seit dieser Woche rationiert und in den Lagerhäusern ist genug transportfertig verpackt und verladen, um vier Monate ohne Nachschub durchzuhalten.
Nun zum nächsten Problem: Wie schnell sind die Dùnedain des Südens marschbereit?"

"Nach Verlesen des Aufrufs in drei Stunden" antwortete Isildur. "Es gibt verschiedene Sammelpunkte, an denen sich die einzelnen Abteilungen sammeln. Ich habe sie schon vor einer Woche in Abrufbereitschaft versetzt, Waffen und Gepäck sind in Ordnung, außerdem hat jeder Marschverpflegung für vierzehn Tage. Und wenn wir jetzt den Aufruf zu den Waffen ergehen lassen, dauert es höchstens drei Tage, bis er den letzten Winkel des Landes am Baranduin erreicht hat. In drei Stunden sind die Dùnedain des Südens versammelt. In weiteren drei Tagen ist das Heer hier oder in Bree oder an jedem anderen Punkt in Arnor, den wir bestimmen. Das heißt also, wenn der Aufruf heute ergeht ist das gesamte Heer heute in einer Woche abmarschbereit."

"Das gleiche gilt für die Dùnedain des Nordens" sagte Elendil. "Wir brauchen zum Sammeln zwar etwas länger, haben aber keinen so weiten Weg. Nun wird Gil-galads Ankunft aber für zwei bis drei Tage von heute ab erwartet. Wenn wir noch länger warten, kann es gut sein, daß er uns überholt."

"Kann sein. Wir sollten unsere Heere gleich nach Bruchtal senden, so können wir den Zeitpunkt der Versammlung leicht einhalten" meinte Anárion. "Es reicht, wenn nur eine kleine Delegation des Nördlichen Königreichs den König der Elben empfängt."

"Richtig, Anárion" sagte Elendil. "Wir sollten jetzt den Ruf zu den Waffen erlassen. Du wirst die Aufstellung unseres Heeres leiten und Hilfe von Isildurs Söhnen erhalten. Dies wird ihre
große Stunde sein, aber hilf ihnen, wenn nötig. Ich und Isildur werden Gil-galad am Amon Sûl erwarten, am alten Elbenturm auf der Wetterspitze. Elrond wird über das Kommen unserer Heere unterrichtet."

Elendil, Isildur und Anárion waren danach noch beschäftigt, den Aufruf zu verfassen. Dann, es war bereits tief in der Nacht, gingen sie alle zu einer kurzen Ruhe.
Am nächsten Morgen ging die Aktion los. Anárion ritt mit sieben Boten gen Westen, um die Dùnedain des Südens endlich zu den Waffen zu rufen. Elendil beauftragte seine Heerführer,
die Dùnedain des Nordens zu mobilisieren, während Isildur weitere Wagenzüge mit Nahrung und Ausrüstung zusammenstellte und nach Bruchtal schickte. Dann beauftragte er den Bibliothekar, Karten und Berichte über den Süden zu bringen.
So vergingen die Tage, bis Anárion das Heer zusammen hatte und gen Bruchtal zog. Zwischenzeitlich waren Boten aus Harlond und Bruchtal eingetroffen, die die Ankunft Gil-galads und die Aufforderung Elronds zum Kriegszug überbrachten. Elendil und Isildur zogen sofort zur Wetterspitze, um auf dem Amon Sûl die Ankunft des Elbenheeres aus Valinor zu erwarten.
Auch das Heer der Dùnedain des Nordens war abmarschbereit. In Bree warteten sie auf ihre Verwandten. Nach der Vereinigung beider Heere zogen sie nach Bruchtal.
Elendil und Isildur sahen sie zehn Tage nach ihrem Aufbruch von Königsnorburg auf der Straße vorbeiziehen. Anárion kam kurz zu ihnen herauf und berichtete über den Abmarsch.

"Es gab zwar Worte des Unwillens, vor allem von jenen, die viel gelitten haben. Es ist jetzt aber alles bereinigt und alle sind bereit, in den Süden zu ziehen."

"So sei es" antwortete Elendil. "So brechen wir also zum letzten großen Abenteuer dieses Zeitalters auf, an dessen Ende entweder ein neues Zeitalter für uns steht – oder der Untergang. Wer weiß, wird er Stärkere bleibt; wir oder Sauron? Nun denn. Anárion sollte so schnell wie möglich nach Bruchtal ziehen. Wir kommen nach, wenn wir König Gil-galad getroffen haben. Erwartet uns in spätestens drei Wochen in Bruchtal!"

Anárion verabschiedete sich und zog weiter zu Elronds Heimstatt im Gebirge. Während Elendil und Isildur noch Ausschau hielten hatten die Dùnedain Bruchtal schon erreicht und bereiteten das Lager für das große Elbenheer aus Valinor vor.
Elendil und Isildur nutzten den Sehenden Stein, der aus Osgiliath gerettet worden war und beobachteten die Vorgänge in der Ferne. So wurden sie gewahr, wie Gil-galad gen Osten zog und wie Minas Anor belagert wurde. Und da wuchs die Hoffnung, denn Sauron zog einen Teil seines Heeres von der Belagerung ab. Er hatte Gerüchte über einen herannahenden Sturm vernommen und bemerkte schon, daß dunkle Wolken sich im Westen zusammenbrauten, um unheilverkündend über Mittelerde zu ziehen. Die Adler des Westens sammelten sich.


Zweites Kapitel: Der König aus Valinor

Tag für Tag hielten Elendil und Isildur auf dem verlassenen, aber intakten Turm Ausschau nach dem Heer König Gil-galads. Sie hielten mit dem palantír Umschau, um festzustellen, was an den Kriegsschauplätzen in Mittelerde vor sich ging. Sie sahen, daß Rauch im besetzten Gondor aufstieg, weit im Osten waren große Heerlager, noch weiter war nichts. Fern im Süden zog der Feind noch mehr Heere zusammen, ihre Stärke war nicht abschätzbar. Weit im Süden an der Küste des Meeres sah Isildur eine Stadt, umgeben von Wüste. Er sah Umbar, die alte königliche Hafenanlage, die die númenórischen Seefahrer in Mittelerde errichtet hatten. Dort, so hieß es, sollten noch Númenórer leben, die dem König die Treue hielten und seinem Berater gehorchten, und dieser Berater hieß Sauron. Isildur sah, daß sich dort große Schiffe mit schwarzen Segeln sammelten, aber er erkannte nicht mehr, die Entfernung war zu groß. Elendil meinte dazu, daß es sich wohl um Schiffe handeln müßte, die von númenórischen Seeleuten gebaut, irgendwie dem Untergang entkommen sein mußten.
Auch gen Westen richteten sich ihre Blicke. Das Heer aus Valinor hatte bereits den Ered Luin überschritten und marschierte auf der Oststraße gen Bruchtal zu. Da ging Isildur in die nahen Wälder und sammelte so viel Feuerholz bis sie einen großen Stapel zusammen hatten. In der Nacht zündeten sie ihn an, damit Gil-galad im Dunkeln einen Anhaltspunkt hatte, auf den er zumarschieren konnte. Elendil vermutete, daß die zähen Elbenkrieger wohl wenig Pausen einlegen würden und vorhatten, Tag und Nacht zu marschieren. Isildur war nun jeden Tag unterwegs, um genügend Brennholz für die Nacht zu haben. Unterdessen war Elendil damit beschäftigt, den Heerzug aus dem Westen zu beobachten. Er sah, daß sich die letzte große Verstärkung der Allianz mit einem außerordentlich guten Marschtempo fortbewegte. Sie ruhten des Nachts tatsächlich nicht! Bald konnte er sogar versuchen, die Größe des Heeres abzuschätzen, wobei er es damit recht schwer hatte.
Der Verlauf der Straße war in jenen Tagen daran zu erkennen, daß ein großer, silberner, sich endlos schlängelnder, endlos langer und breiter Lindwurm sich an ihren Verlauf hielt. Bei näherem Hinsehen erkannte man unzählige Elbenkrieger.

"Man glaubt gar nicht, wie groß so ein Heer von dreißigtausend Mann ist" staunte Isildur.

"Was meinst Du wohl, wenn hunderttausend Krieger dann gen Süden ziehen" bemerkte Elendil. "Das wird dann der Schrecken des Feindes werden. Er hat zwar mehr Leute, aber sie sind keine zu allem entschlossene Freie, sondern geknechtete und gezwungene Sklaven."

"Das stimmt, aber wer weiß genau, wie viele Leute Sauron hat? Möglicherweise kann er uns sogar nur durch bloße Überzahl erdrücken, Entschlossenheit hin, Zwang her."

"Vielleicht. Aber Du siehst selbst, so viele Leute hat der Feind nicht. Wenn ich nicht an unseren Sieg glauben würde, würde ich nicht hier stehen, und Du auch nicht. Und jetzt erhalten wir sogar das, was man nach den Vorfällen in Númenor nicht mehr für möglich gehalten hatte: wir erhalten Unterstützung aus Valinor. Wenn man dann nicht mehr an den Sieg glauben würde, dann wäre wohl kein Elb nach Mittelerde gekommen."

Elendil wandte sich wieder seinen Beobachtungen zu. Das Heer, das von König Gil-galad befehligt wurde rückte unaufhaltsam näher. Schon hatte die Vorhut Bree passiert und hielt auf die Wetterspitze zu. Elendil vermutete, daß sie in zwei Tagen am Turm eintreffen würden. Nun brannte das große Feuer Tag und Nacht, um die Vorhut genau zu ihrem Standort zu leiten. Nun teilten Isildur und Elendil sich die Wachzeiten, denn die ersten berittenen Elbenkrieger konnten jederzeit am Amon Sûl eintreffen.

Am späten Nachmittag des ersten Tages nachdem die Vorhut Bree verlassen hatte, trafen Kundschafter des Elbenheeres am Turm ein. Elendil begrüßte sie voll Freude.

"Mein Herr, König Gil-galad wünscht Euch zu sprechen" sagte der Kundschafter.

"Er ist jederzeit willkommen" antwortete Elendil. "Richtet ihm unsere Grüße aus und teilt ihm mit, daß ich und mein Sohn Isildur hier auf ihn warten."

"Er ist noch in Bree. Rechnet damit, daß er in zwei Tagen hier ist."

Elendil sprach mit dem Elbenkrieger noch über die Größe des Heeres und über verschiedene andere Dinge, vor allem über Valinor. Währenddessen betrachtete Isildur schweigend den Kundschafter. Er war hochgewachsen und reich gekleidet und gerüstet. Über der Rüstung trug er einen pelzbesetzten Mantel, auf dem unzählige kleine Edelsteine schimmerten. Das Zaumzeug seines weißen Pferdes war mit Edelsteinen und Glöckchen besetzt, die bei jeder Bewegung des Tieres hell klingelten.

"Wenn die so in die Schlacht ziehen, mag das ja Eindruck machen" dachte Isildur. "Aber wenn so der Feind ausgekundschaftet werden soll, dann möchte ich nicht wissen, wer im Endeffekt wen auskundschaftet. Na ja, die müssen wohl wissen, was sie tun." Die Worte seines Vaters rissen ihn aus seinen Gedanken heraus.

"Wir werden alles vorbereiten, um König Gil-galad hier willkommen zu heißen. Möge er sich beeilen, denn was er hier erfahren wird, wird ihn über die Machenschaften des Feindes besser aufklären als zehn Erkundungszüge."

Der Kundschafter ritt nun zurück zur Vorhut und später sah Elendil, wie ein Reiter gen Westen ritt: nach Bree. Auch in dieser Nacht hielten sie das große Leuchtfeuer am Brennen, um das Hauptheer zu leiten. Elendil war in dieser nacht nicht zur Ruhe gegangen, sondern betrachtete unablässig den palantír.

"Gibt´s irgendwas Neues?" fragte Isildur, als er ein Bündel Feuerholz hereinbrachte.

"Nichts Neues" antwortete Elendil. "Nein, im Süden ist alles, wie es war. Späher kundschaften zwar die nördlichen Ebenen von Calenardhon aus, aber ansonsten passiert dort nichts. Am Anduin marschieren zwar Orkabteilungen gen Norden und Süden, aber sie sind nicht besonders groß. Ich vermute eher, es sind Patrouillen. Offenbar weiß der Feind noch nicht, daß König Gil-galad gelandet ist."

"Bald wird er es wissen" antwortete Isildur. "Hoffen wir nur, daß er es möglichst spät merkt."

"Allein die Nachricht von seinem Kommen dürfte für Sauron ein schwerer Schlag sein" bemerkte Elendil. "Dann weiß er, daß wir Hilfe aus Valinor erhalten. Und er weiß noch zu genau, daß es die Valar waren, die seinen Herrn, Morgoth vor langer Zeit aus dieser Welt verbannten."

Am nächsten Morgen bemerkte Isildur, daß eine kleine Abteilung Reiter sich auf der Oststraße der Wetterspitze näherte. Aufgrund ihrer Ausrüstung vermuteten sie, daß es sich um die Leibgarde König Gil-galads handelte, so reich gekleidet waren sie und so schöne Banner
trugen sie.

Wenige Stunden später standen sich König Gil-galad und König Elendil endlich gegenüber, nach langem Warten und in großer Gefahr. Denn obwohl im Moment alles ruhig zu sein schien wußten alle, daß Sauron nicht untätig war.

Nach herzlichen Worten des Willkommens wurde Gil-galads Miene ernster. Er bat Isildur, alles über Saurons Überfall zu erzählen.

"Dann ist Gondor also gefallen" seufzte er, als er seinen Bericht beendet hatte.

"Nein, nicht ganz, Herr Gil-galad" antwortete Isildur. "Minas Anor wird zwar belagert, aber Meneldil, Anárions Sohn hält die Festung für Gondor. Noch ist nicht ganz Gondor unterworfen."

"Doch ich fühle, daß die Zeit für Minas Anor langsam abläuft. Wir müssen unbedingt bald eingreifen. Eile tut not. Kommt mit nach Bruchtal. Das Leuchtfeuer wird nun nicht mehr gebraucht; meine Heerführer kennen jetzt jeden Stein dieser Lande.

Also packten Elendil und Isildur ihre Sachen und machten sich zum Aufbruch bereit. Doch bevor sie gen Bruchtal losritten gingen sie mit Gil-galad in den Turm. Dort öffnete Elendil ein Kästchen und holte eine glänzende Kugel heraus: den palantír.

"Also habt Ihr einen der kostbaren Sehenden Steine aus dem Trümmern von Númenor gerettet" staunte der Elb. "Vor unendlicher Zeit wurden sie von Feanor gearbeitet, als Valinor noch jung war. Man glaubte sie vergessen und verloren."

"Wir haben insgesamt sieben mitbringen können" sagte Isildur. "Das sind alle, die von den Getreuen gerettet werden konnten."

"Es gab nur sieben in Númenor" antwortete Gil-galad. "Mir ist bekannt, daß die Númenórer die palantirí schon seit Generationen hüteten. Erst in jüngster Zeit versuchten sie, welche nachzuarbeiten, aber das mißlang, und Saurons Kommen beendete die Versuche. So scheint es, daß Sauron von ihrer Existenz nichts weiß. Oder habt Ihr bei Euren Beobachtungen irgendeinen Einfluß seiner Macht festgestellt?"

"Nein, wir sahen nur die Folgen von Saurons Macht. Aber das tut heutzutage jeder, wenn er die Augen öffnet. Von einem Einfluß auf den Stein war nichts zu merken. Aber überzeugt Euch selbst."

Elendil machte Platz, damit Gil-galad den Stein beobachten konnte. Nach einiger Zeit wandte er seinen Blick ab.

"Eile tut not, aber wir brauchen nichts zu überstürzen" sagte er.

"Wir sollten sofort aufbrechen" sagte Elendil. "Dann besteht die Möglichkeit, noch vor dem Ende dieses Monats in Bruchtal anzukommen. Ein Heerlager ist dort bereits vorbereitet."

Isildur packte den palantír wieder ein, denn folgte er den beiden, die bereits die Treppe
heruntergestiegen waren. Er warf noch einen letzten Blick auf Arnor und auf das ferne Tal des Baranduin, wo sein behagliches Landgut war. Er sollte beides nie wiedersehen.

Eine Woche war das Elbenheer unterwegs, dann sahen sie endlich die Lichter von Bruchtal. Gil-galad, Elendil und Isildur ritten in der Vorhut. Diese, die Nachhut und einige Kundschafter des Elbenheeres waren als einzige beritten, etwa siebenhundert von dreißigtausend Kriegern. Die anderen waren sämtlich zu Fuß unterwegs, abgesehen von einigen Fuhrleuten, die schwere, von Kaltblutpferden gezogene Planwagen lenkten, in denen Vorräte und Nachschub des Heeres lagerten.
Für einen blitzschnellen, überraschenden Angriff war ein solches Heer denkbar ungeeignet, aber ein solcher Angriff würde dem Feind nur wenig Schaden zufügen, der in gut unterhaltenen Festungen am Anduin und der Entwasser saß. Es würde nur zu schweren Verlusten ohne Nutzen führen.
Nein, die Heerführer gedachten, ihr Heer entweder über verschneite Paßhöhen des Nebelgebirges oder durch die große Zwergenmine von Khazad-dûm, die manche Moria nannten hindurchzuführen. Für beide Wege waren Pferde eher ungeeignet, denn auf der Paßhöhe würden sie schnell ermüden und viele Abschnitte der Gebirgsunterquerung waren nur durch schwachen Fackelschein erhellt.
Die Pferde der Elben waren aber eine robuste Züchtung, und Isildur vermutete, daß sie sehr wohl auch im Winter die Höhen des Nebelgebirges erklimmen konnten. Sie waren von Art und Statur her wie die Pferde der Dùnedain, obwohl diese größer, von dunkleren Fellfarben und gelenkiger gebaut waren. Die Elbenpferde waren aber fast alle weiß (von einigen Graueinschlägen abgesehen) und schön anzusehen.
An der Bruinenfurt hatte Elrond eine starke Wache seiner Hausmacht postiert, die das Heer aus Valinor mit vielen Stimmen freudig begrüßten. Und so kam König Gil-galad, Herr über alle Elben westlich des Gebirges zurück in sein Reich. Und da kam Elrond selbst, und er kniete nieder vor Gil-galad, seinem Herrn, und er wurde von ihm geweiht. Und daraufhin rückte das Elbenheer in Bruchtal ein.
Das Aufgebot der Dùnedain war schon in Bruchtal eingetroffen, ihre Zelte bedeckten den gesamten Talgrund nördlich der Straße. Südlich der Straße hatten sie schon das Lager für dreißigtausend Elben vorbereitet.
Elrond hieß auch die Könige der Dùnedain, Elendil und Isildur willkommen. König Anárion, der sich in Gondor die Regentschaft mit Isildur teilte, weilte derzeit in Harlond, wo er die Möglichkeit prüfte, Schiffe für den Einsatz gegen Sauron bauen zu lassen.
Die Neuankömmlinge bezogen umgehend ihr Quartier, denn der Abend war schon weit fort-geschritten, und obwohl sie die nächsten Tage Ruhe haben sollten, drängten viele auf das Nachtlager, denn die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Gil-galad, Elendil, Isildur und die anderen Heerführer ritten mit Elrond weiter zu seinem Haus am Ende des Tales. Hier würden sie die nächste Zeit verbringen, auf die Ankunft der anderen Großen der Allianz warten, sich beraten und Neuigkeiten aus dem Süden sammeln.
An diesem Abend gingen sie bald zur Ruhe. Auch Elendil und Isildur waren müde und gingen zu Bett. Elrond und Gil-galad hatten jedoch noch so manche Angelegenheit seines Reiches zu bereden, über die Elrond während der Abwesenheit des Königs zu entscheiden hatte.
Der nächste Morgen war klar und kalt. Vom Fenster seines Zimmers aus konnte Isildur das Tal bis weit über die Bruinenfurt hinaus überblicken. Weit, weit hinten, jenseits der Ettenöden hinweg konnte er die Wetterspitze mit dem Turm Amon Sûl sehen, klein und weit weg.
Langsam kam das Leben in Bruchtal in Gang. Fern krähte ein Hahn. Die letzten Bodennebel in Flußnähe wurden allmählich von der Sonne aufgelöst.
Kurz nach dem Frühstück wurde Isildur zu Elrond gerufen. Sein Vater und König Gil-galad
waren schon auf dem hohen Söller, auf dem schon so manche Beratung stattgefunden hatte.
Weiter hinten saß Durin, der vor kurzem erst zum Herrn der Zwerge von Moria geworden war, und Elfwine, der Herr der Éothéod. Alt und grau war er geworden, doch seine Stimme erklang noch so kräftig wie eh und je. Sein Sohn Ethelred stand neben ihm.

"He, Isildur" rief Elfwine. "Wo treibst Du Dich denn rum?"

"Wollte ich Dich auch gerade fragen" entgegnete Isildur und rannte zu seinem alten Freund. Sie umarmten sich und dabei fiel klappernd der Stock weg, auf den Elfwine sich die ganze Zeit gestützt hatte. Da fiel Isildur zum ersten Mal auf, was sein Vater vor langer Zeit, in Númenor gemeint hatte, als er vom Geschenk der Valar sprach. Denn Isildur und Elfwine waren etwa gleich alt gewesen, als sie gegen den Hexenkönig kämpften. Nun war Elfwine alt und schwach, aber Isildur war noch immer voller Tatendrang und die Spuren der Zeit waren noch nicht allzu sehr an ihm zu sehen.

"Wenn wir jetzt mit unseren Begrüßungen fertig sind darf ich Euch auffordern, mit mir mitzukommen" sagte Gil-galad und betrat den Söller. Die anderen folgten ihm und sie nahmen an der großen Tafel Platz.

"Hier sind mit Ausnahme Thranduils vom Grünwald alle Oberhäupter derer Völker versammelt, die sich der Allianz gegen Sauron angeschlossen haben. Viel ist in den letzten Jahren geschehen, was unsere Pläne gestört und unser aller Leben verändert hat. Ich glaube, von dem, was passiert ist braucht den Anwesenden nicht viel erzählt zu werden; das meiste haben sie selbst miterlebt. Ich selbst wurde von Elrond in der gebotenen Kürze über die Ereignisse unterrichtet. Wir sollten jetzt, da ich die dringend benötigte Verstärkung mitgebracht habe, über unser weiteres Vorgehen beraten. Ich schlage vor, daß Elrond den Vorsitz der Versammlung führt, denn er war ohne Unterbrechung in Mittelerde und weiß über die Ereignisse von uns allen am besten Bescheid."

Dem stimmten die Anwesenden zu, und Elrond begann: "Ihr werdet Euch mit Sicherheit wundern, wieso Thranduil vom Grünwald nicht hier erschienen ist. Nun, der Grund für sein Ausbleiben ist einfach: er befindet sich im direkten Krieg mit Dol Guldur, Saurons Festung im Norden. Frau Galadriel von Laurelindorenan weilt hier in Bruchtal, und ich habe sie rufen lassen. Doch warum sie zu unserer Beratung nicht erschienen ist, weiß ich nicht."

"Soll ich sie suchen lassen?" fragte Elendil.

"Nicht nötig" sagte Elfwine. "Sie ließ mir auftragen, auszurichten, daß sie bald nachkommen würde, wichtige Nachrichten hielten sie noch vom Kommen ab."

"Gut denn" meinte Elrond. "Auch ohne Galadriel können wir mit unseren Beratungen schon anfangen. Meine erste Frage geht an die Dùnedain: wie stark ist ihr Aufgebot, und was wissen sie über das, was in Gondor vorgeht?"

"Die Dùnedain des Nordens und des Südens stellen zusammen dreißigtausend berittene Krieger" antwortete Elendil. "In der Festung Minas Anor sind noch etwa fünfzehnhundert Krieger, allerdings werden sie belagert.
Wie eben gesagt wird Minas Anor belagert, und der Rest des westlichen Gondor ist vom Feind besetzt. Doch auf den weiten Ebenen von Calenardhon werden Orks und Trolle selten
gesehen, und auch im Weißen Gebirge konnte der Feind nur stellenweise Fuß fassen. Wenige Völker huldigen Sauron, aber viele ducken sich nur, wenn er zuschlägt und leisten Widerstand im Verborgenen. Und selbst für das belagerte Minas Anor besteht noch Hoffnung, wenn das Hauptansinnen des Feindes von dort angelenkt wird."

"Es geht das Gerücht, daß diese letzte Festung von Gondor über geheime Wege mit Nachschub versorgt wird" bemerkte Elrond.
"Es mag vielleicht so sein" erwiderte Elendil. "Aber wenn das so ist, wird es niemand auf dem Marktplatz herumtratschen. Ihr sagtet selbst, auf geheimen Wegen. Aber wie dem auch sei, die Hoffnung für die Eingeschlossenen sinkt jeden Tag. Wenn wir ihnen nicht bald zu Hilfe eilen wird es zu spät sein."

"Damit es nicht so weit kommt sind wir ja hier" sagte Elrond. "Und wenn Frau Galadriel hier eintrifft können wir beginnen."

Mit diesen Worten kam die Elbenfürstin von Laurelindorenan den Weg zum Söller entlang-geeilt. Sie war ganz in Weiß gekleidet, und ihr langes goldenes Haar wehte im Wind. In der Hand hielt sie ein Schriftstück.

Mit raschen Schritten sprang sie den Berg hinauf. "Seid gegrüßt, Ihr Herren" sagte sie, "ich habe soeben Nachricht von Thranduil erhalten. Er läßt berichten, daß ein großes Heer von Dol Guldur abgezogen wurde. Es ist in südliche Richtung abgezogen, aber wohin genau weiß keiner. Dennoch sind die Angriffe auf die Südgrenze von Thranduils Reich heftiger geworden und auf Elronds Ruf, in den Krieg gegen Sauron zu ziehen antwortet er, daß er mit ihm bereits im bewaffneten Konflikt stehe. Trotzdem bietet er uns dreitausend Bogenschützen an, mehr Leute wird er nicht entbehren können."

"Wohl richtig" sagte Elrond. "Wenn wir gen Süden ziehen, wird er eine wichtige Aufgabe übernehmen: unsere Nordflanke vor Dol Guldur zu schützen.
Dreitausend will Thranduil schicken. Dreißigtausend kommen aus Valinor, ebenso viele von Arnor und Gondor. Zwölftausend ihrer besten Reiter schicken die Éothéod. Doch wie viele Krieger haben wir von den Zwergen und den Elben von Laurelindorenan zu erwarten?"

"Ich habe vor, mindestens zwanzigtausend Elben zum Schrecken von Mordor anzuführen" sagte Galadriel.

"Achttausend Zwerge werden von Moria und dem Ered Luin kommen" sagte Durin. "Ich habe auch eine Botschaft an unsere Verwandten in Thal und Erebor geschickt, aber bislang noch keine Antwort von ihnen erhalten. Doch der Weg ist weit und der Gefahren gibt es viele."

"Dann wären es also mindestens hundertdreitausend Krieger, die wir zu Saurons Verderben in den Süden schicken können" sagte Elrond. "Nun gut. Die Marschrichtung ist klar. Dann wollen wir beraten, wie wir nun dem Feind zu Leibe rücken sollen."

"Sollten wir dazu nicht alle Heerführer zu unserer Beratung rufen?" fragte Isildur.

"Daran dachte ich auch" sagte Elrond. "Thranduil wird wohl nicht kommen können. Und er ist der einzige, der fehlt, außerdem hat er seine dreitausend Krieger dem Kommando König
Gil-galads unterstellt."

"Nun, ich finde, wir sollten den wohl einzigen Weg, der vor uns liegt, rasch beschreiten" warf Galadriel ein. "Der einzige Weg, das ist die Überquerung des Nebelgebirges. Dort vereinigen wir die westlichen mit den östlichen Streitkräften der Allianz und ziehen dann den Großen Strom entlang – zu unserer Aufgabe."

"Ich weiß nicht, ob wir diese lange Wegstrecke so offen zurücklegen sollten" warf Durin ein.

"Wird das nicht die Macht Saurons um so eher auf den Plan rufen? Warum ziehen wir nicht auf der Westseite des Nebelgebirges gen Süden, wo der Schatten der Berge unseren Vormarsch deckt?"

"Aber genau dort hat Sauron starke Verbündete" warf Isildur ein. "Er wird sehr schnell wissen, was dort vor sich geht. Die Dunländer haben die große Nord – Süd – Straße noch immer besetzt, außerdem wird Sauron den Schlag von dort erwarten. Wieso sollten wir den weglosen Anduin entlangziehen, wenn wir auf der Westseite eine bequeme Straße haben, die uns zu unserem Ziel bringt? Unsere Kundschafter berichten davon, daß Sauron dort große Heere zusammengezogen hat.
Außerdem wäre es ein zu großer Zeitverlust, wenn wir unsere Verbündeten erst das Gebirge überqueren zu lassen und dann noch wochenlang gen Westen ziehen. Saurons Auge schaut gen Westen, nicht an den Anduin. Wieso sonst hat er sogar von seiner Festung im Norden, Dol Guldur einen Großteil seiner Heere abgezogen? Dort hätte er uns ziemliche Schwierigkeiten bei unserem Vormarsch entlang des Anduin bereiten können. Jetzt aber ist der Weg offen. Wir sollten die Gelegenheit nutzen."

"Wohl gesprochen, Isildur" sagte Gil-galad. "Ich schlage vor, so bald wie möglich loszuziehen. Unsere Heere sind bereit und stehen im Westen und im Osten auf Abruf. Es könnte eigentlich jederzeit losgehen."

"Dann sollten wir einen Heerführer wählen" schlug Isildur vor. "Gestattet mir, daß ich einen Vorschlag mache: König Gil-galad sollte die Führung unserer Heere übernehmen, denn er hat die meisten Erfahrungen im Kampf gegen unseren Feind."

Dieser Vorschlag wurde von allen Anwesenden angenommen, und Gil-galad bat darum, noch einige Worte sagen zu dürfen.

"Meine Herren, wir sollten uns so bald wie möglich zu unserem Kriegszug bereitmachen. Sauron ist nicht untätig. Aber wir haben etwas, was Saurons Übermacht nicht hat: den Willen, unsere Freiheit zu erhalten und für andere zu erkämpfen. Dies tun wir freiwillig; Saurons Heere aber sind Sklavenheere, die nur durch Gewalt und Angst gefügig gehalten werden. Die letzte große Aufgabe unseres Zeitalters ist es, diese Gewalt für immer von dieser Welt zu vertreiben. Auf nun, gen Süden!"


Drittes Kapitel: Der Aufbruch

Nachdem die Beratung beendet war, trafen sich die Heerführer zu einer Beratung, bei der sie ihr weiteres Vorgehen gegen Sauron aufeinander abstimmen wollten.

"Wir sollten das Gebirge überqueren bevor der scharfe Februarfrost die Lande erstarren läßt" meinte Elendil. "Laßt uns dann jenseits des Gebirges auf das Eintreffen unserer Verbündeten warten."

"Diesseits zu warten würde auch nicht viel bringen" brummte Isildur. "Aber wie gedenkst Du sechzigtausend Krieger möglichst unbemerkt über das Gebirge zu bringen? Durch Moria werden wir nicht auf einmal durchpassen, das würde Wochen dauern. Und über die Gebirgspässe? Müßte gehen, aber wehe, wenn starker Frost auftritt!"

"Alles das habe ich bedacht, mein Sohn. Ich habe es bereits abgelehnt, durch die Zwergenminen von Moria zu ziehen. Aber die Krieger von Valinor und die Dùnedain halten zur Not auch mal ´nen Frost aus, das Leben im Norden war oft hart genug."

"Mag sein, aber das ganze Heer über einen Paß ziehen lassen? Am Rothornpaß würde das genauso lang dauern wie durch Moria zu ziehen."

"Am Rothornpaß gewiß" warf Gil-galad ein. "Aber es gibt hier in der Nähe einen weiteren Gebirgspaß, wie Ihr sehr wohl wißt. Er liegt genau östlich von Bruchtal. Ihr wart schon früher hier, Isildur, und seid oft in diesen Landen gewandert. Erinnert Ihr Euch des Ostwegs?"

"Ja, ich war zwar lange nicht mehr dort, habe ihn aber noch deutlich vor meinem geistigen Auge: schnurgerade hält er auf das Gebirge zu, anders als all die anderen gewundenen Pfade. Er scheint einstmalen breit gewesen zu sein, zumindest die Dämme und Einschnitte sind breiter als der eigentliche Pfad. Früher, glaube ich, war das eine Straße. Doch was heute, vor allem östlich des Tores ist, weiß ich nicht."

"Dann will ich Euch erklären, was dort jetzt ist" sagte Gil-galad. "Elrond ließ, als meine Ankunft bekannt wurde von seinen Kundschaftern den ganzen Weg bis nach Carrock am oberen Anduin abreiten. Er ist in gutem Zustand und von Feinden ist nichts zu sehen. Jetzt ist er unter unserer Kontrolle und von Gebüsch und Gestrüpp gesäubert. Und anders als am Rothornpaß können zehn Reiter bequem nebeneinander reiten."

"Nun gut. Aber was ist ab dem Carrock?"

"Von dort ab beginnt Thranduils Reich. Am Carrock erwarten uns seine dreitausend Bogenschützen. Von dort ab werden wir am Anduin entlang nach Süden ziehen. Vor Laurelindorenan werden wir auf das Ostufer wechseln, denn die Herrin des Goldenen Waldes will so vielen Sterblichen den Zutritt zu ihrem Reich nicht gestatten. Außerdem lenken wir so Sauron von Minas Anor ab."

Die Heerführer berieten noch über viele Dinge, die ihren Marsch gen Süden betrafen, und schließlich versank die Sonne des Tages hinter dem westlichen Horizont. Als sie schon auf dem Weg zu ihrem Nachtlager waren beschlossen sie, in drei Tagen aufzubrechen.

"Es scheint ja richtig schnell zu gehen" sagte Isildur, der neben Elendil einherschritt.

"Ja, jetzt ist ja auch alles zum Abmarsch bereit" antwortete sein Vater. "Die ganzen Heere hier haben kein Lager aufgeschlagen, sie rasten lediglich. Wenn der Befehl erginge, könnten wir innerhalb einer Stunde unterwegs sein."

"Und wieso warten wir dann noch drei Tage?"

"König Gil-galad hat vor vier Tagen eine Nachricht von Thranduils Leuten erhalten, die besagt, daß sie innerhalb von vierzehn Tagen am Carrock sein werden. Eine Woche brauchen wir, um das Gebirge zu überqueren. Bleiben drei Tage übrig, die wir dazu nutzen, unsere Leute ein wenig ausruhen zu lassen."

"Ach so. Und wann werden wir auf den Rest unserer Verbündeten stoßen?"

"Innerhalb eines Monats, hoffe ich. Die Éothéod wollen ebenfalls am Carrockfelsen auf uns warten, doch sie sind ein verstreut lebendes Volk und es mag lange dauern, bis alle versammelt sind. Doch eine Vorhut mit Ethelred, Elfwines Sohn als Anführer wartet dort auf uns."

"Und was ist mit Elfwine? Wird er auch in den Süden ziehen?" fragte Isildur.

"Soweit ich weiß, will der alte Haudegen nicht in Bruchtal bleiben, wenn alle aus Elronds Haus in den Süden ziehen. Doch er ist alt geworden, während Du noch in der Blüte Deines Lebens stehst. Es mag sehr wohl sein, daß dieses Abenteuer sein letztes sein wird, genauso ist es möglich, daß er nicht mitkommen kann."

"Aber er ist, wenn ich ihn richtig einschätze, sehr wohl noch in der Lage, das Schwert zu führen und eine solche Reise durchzustehen."

"Hör zu" erwiderte Elendil, der mittlerweile an der Tür zu seinem Gemach stand. "Ich habe bislang noch keine Zeit gehabt, Dich in den Geheimnissen des Alterns zu unterrichten. Um eines bitte ich Dich: nimm Elfwine nicht zu hart ran. Gute Nacht!"

Elendil schloß die Tür. Isildur hatte seinen Gruß erwidert und ging nun nachdenklich zu seinem Gemach. Es war schon spät in der Nacht und morgen würde er viel zu tun haben.
Isildur konnte nicht einschlafen. In seinem Kopf kreisten noch zu viele Gedanken und der Mond schien hell in sein Zimmer hinein. Er zog die Vorhänge zu, doch er fand noch keine Ruhe. Daß die Menschen, die das Blut Mittelerdes in sich trugen schneller alterten als die númenórischen Blutes fand er befremdlich, daran konnten all die Jahre, die er nun schon in Mittelerde lebte nichts ändern. Außerdem machte er sich Gedanken über den bevorstehenden Kriegszug. War Sauron vielleicht nicht schon zu stark geworden, als daß man ihn einfach so niederwerfen konnte? Aber nun hatte die Allianz sogar Verstärkung aus Valinor erhalten. Und selbst wenn die Valar nicht persönlich gekommen waren, um Sauron niederzuwerfen, so waren es doch die gleichen Elben, die Saurons Herrn Morgoth vor langen Jahren besiegt hatten.
Hoffnung keimte in Isildurs Herz auf. Und gleichzeitig schien es, als ob der Mond nun nur noch heller schien. Jene silberne Vollmondscheibe, die das Wahrzeichen der Elben war, war es nun, die es Isildur glauben machen ließ, daß er höchstselbst (und die anderen Heerführer) von den Valar geleitet wurden, um Morgoths letzte böse Hinterlassenschaft endgültig vom Antlitz der Welt zu tilgen. Er spürte förmlich, wie er den Auftrag erhielt, Sauron zu stürzen.
Müde und seltsam erschöpft schlief Isildur endlich ein. Am nächsten Morgen wachte er erfrischt auf, und er hatte Sachen geträumt, die sowohl hoffnungsvoll als auch erschreckend zugleich gewesen waren.
Zuerst hatte sich das Gefühl der Müdigkeit noch verstärkt, und ihm war, als lasteten die Mühen vieler anstrengender Jahre ohne viel Ruhe auf ihm. Dann fühlte er Schrecken, unendlich grausamer Schrecken. Doch so plötzlich, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder, und beseelt von einer unendlich großen Freude träumte er von schönen Dingen, aber er konnte sich am Morgen nicht mehr an sie erinnern.
Nach einem kurzen Frühstück machte er sich auf zu Elrond, um ihn über seine Träume der letzten Nacht zu befragen. Außerdem wollte er ihn noch über das Phänomen befragen, daß die Menschen hier schneller alterten. Daß das lediglich daran liegen sollte, daß sie im Gegensatz zu den Númenórern nicht mit einem eigenen Land belohnt worden waren mochte er nicht glauben.
Während Isildur bei Elrond war hatten Elendil und Gil-galad mit der Planung zu tun. Schließlich war noch ein eklatantes Problem zu lösen: der Nachschub. Bis Laurelindorenan war die Versorgung der Heere noch kein Problem; die Lande waren sicher. Aber ab der Südgrenze von Galadriels Reich begannen die entvölkerten Lande und Saurons Späher sahen weit. Um den eigenen Nachschubweg offenzuhalten mußten sie in bestimmten Abständen starke Garnisonen zurücklassen, die zu ihrer Verteidigung befestigte Lager brauchten. Oder sie nahmen genug Vorräte für Monate mit, um sich mit allen zur Verfügung stehenden Kräften gegen Sauron werfen zu können. Schließlich waren weite Teile von Calenardhon nicht unter der Kontrolle des Feindes, und noch konnte Sauron keine alles verfinsternde Dunkelheit herstellen, wie sie über dem Süden Mittelerdes lastete bevor die Dùnedain kamen.
In Calenardhon hatten die Dùnedain, die noch frei im Süden lebten große Felder angelegt, um die belagerte Festung Minas Anor über geheime Wege mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Elendil wußte, daß sie genug Vorräte hatten, um so ein großes Heer wie das der Allianz ausreichend und für lange Zeit mit Nahrungsmitteln zu versorgen.
Gil-galad sprach sich dafür aus, daß sie genug Nahrung für drei Monate mitnehmen sollten. Sie würden zwar durch die Last behindert werden, aber das erschien ihnen immer noch besser als Kräfte für die Sicherung der Nachschubwege zurückzulassen und damit ihre Kampfkraft zu schwächen.
Also war diese letzte wichtige Frage gelöst und Elendil wies die Dùnedain an, Wagen für den Transport von Lebensmitteln bereitzumachen. Aus Königsnorburg waren bereits weitere Trecks mit Lebensmitteln angekommen, die gleich über die Paßstraße nach Carrock geschickt wurden.
Zwei Tage vor dem festgesetzten Aufbruchstermin wurde die Straße dann gesperrt, um ein zügiges Überqueren des Gebirges zu ermöglichen. Es waren nun in aller Eile die nötigen Fuhren über den Paß geschickt worden, und die Versorgungsfrage des Heeres war nun geklärt.
Isildur hatte währenddessen von Elrond genug über alle seine Fragen erfahren, um genug zum Nachdenken zu haben. Alle machten sich jetzt zum Aufbruch bereit. Der Sturm braute sich zusammen.

Es war ein schöner Wintertag zur Jahreswende 3433/3434 des Zweiten Zeitalters der Welt, das bald zu Ende gehen sollte. Nur wenige Wolken waren am Himmel, und die Wintersonne schien. Obwohl es Anfang Januar war, war seit Wochen kein Schnee gefallen. Mitte Dezember hatte es Tauwetter gegeben, das die verschneite Wildnis in eine undurchdringliche Schlammlandschaft verwandelt hatte, aber mittlerweile hatte es starke Fröste gegeben und der Boden war bretthart. Nur auf den Gipfeln des Nebelgebirges war noch der einzige Schnee zu sehen, und der lag auch im Sommer. Selbst die Paßhöhen waren schneefrei, und weit und
breit waren keine jener tiefhängenden, schneeschwangeren Wolken zu sehen, die ihre weiße Pracht über die Lande bringen würden.

"Zumindest das Wetter ist uns hold" sagte Isildur. "Besser würden wir im Sommer auch nicht vorankommen."

"Hier schon" entgegnete Gil-galad. "Aber im Süden, heißt es, soll es schon seit Tagen starke Regenfälle geben, die die flußnahen Lande unter Wasser und die Ebenen unter Schlamm setzen."

"Dann hat es Sauron schwer, uns seine Heere aus Mordor entgegenzuwerfen."

"Ja, und wenn es so bleibt, haben wir es schwer, zu ihm vorzudringen."

"Gewiß. Aber wer weiß, was sein wird, wenn wir erst so weit unten sind. Es dürfte noch einige Monate dauern."

Isildur war es gleich, welche Kapriolen das Winterwetter im Süden gerade drehte. Wichtig war für ihn und die anderen Heerführer im Moment nur, daß das Wetter sehr günstig stand, um die Gebirgsüberquerung zu wagen.
Das Heer von Valinor und der Dùnedain stand zum Abmarsch bereit. Isildur würde die Vorhut anführen, die vor allem dafür sorgte, daß die Paßstraße von heruntergefallenen Ästen und dergleichen Hindernissen geräumt wurde. Anárion war in Harlond, wo er die Flotten der Dùnedain befehligte, die einen Angriff vom Meer aus beginnen würden, sobald sie den Belagerungsring um Minas Anor zu knacken versuchten.
Noch stand Isildur bei den anderen Heerführern. König Gil-galad wollte bevor sie aufbrachen eine Ansprache an die Heere halten.


"Ihr Elben von Bruchtal und Valinor, ihr Mannen des Westens, hört nun meine Worte. Heute nun endlich beginnen wir das Werk, das wir schon seit Jahren geplant haben und auf dessen Erfüllung wir seit Jahren brennen. Wir ziehen jetzt los, gen Süden, gegen die Mächte der Finsternis, die den Süden Mittelerdes unter ihrem grausamen Joch halten und die uns im Norden bedrohen.
Wir stehen für Frieden und Freiheit. Sauron steht für Sklaverei, Tod, Unterdrückung, Folter, Qual; das Böse schlechthin. Schlägt unsere Mission fehl, wird sich unentrinnbare Dunkelheit über ganz Mittelerde senken, eine Dunkelheit, wie sie der Süden schon leidvoll kennt und was unsere Macht dem Norden bislang erspart hat. Die wenigen Überlebenden werden dann ein Leben in Freiheit nur versteckt und gejagt wie Tiere führen können; wie damals, zu Morgoths Zeiten. Gelingt unsere Mission aber, werden Frieden und Freiheit in ganz Mittelerde für lange Zeit Einzug halten. Wie werden ein Leben in Freude und Zufriedenheit führen. Und wir werden das genießen, für das wir jetzt streiten: unsere Freiheit.
Ihr Leute, es heißt, der ganze Süden ist von Sauron unterjocht und ganz Gondor ist besiegt, doch dem ist nicht so. Noch ist eine Festung im Anduintal, an den östlichsten Ausläufern des Weißen Gebirges gelegen unbesiegt. Doch sie wird nun schon seit drei Jahren belagert. Nur der Freiheitswillen ihrer Besatzung hat bislang ihren Fall verhindert. Saurons Leute hätten einer solchen Belagerung wohl kaum standgehalten, denn ihr einziger Antrieb ist ihre Knechtschaft. Sie hätten sich entweder recht schnell der geballten Übermacht ergeben oder sich von ihren grausamen Kommandanten in den Tod treiben lassen.

Trotz alledem wird für jene Festung die Zeit knapp, denn jeder Tag, an dem nichts passiert, arbeitet für den Belagernden. Sauron erfüllt es mit Haß, daß noch immer nicht ganz Gondor gefallen ist, und falls Minas Anor fällt, wird es der Besatzung schlecht ergehen.

Um so wichtiger wird es für uns jetzt sein, daß wir endlich gen Süden ziehen: nicht nur um Minas Anor willen, sondern auch um all jene Völker, die Generationen lang unter Saurons Joch litten und dies jetzt, nach einer kurzen Phase der Freiheit wieder erleiden müssen. Unser Kommen mag für sie ein Signal sein, daß sie nicht vergessen sind!
Und ich sage dies noch, ehe wir aufbrechen: Es ist jetzt gleich, wie der Krieg ausgehen mag. Ihr werdet das Ende von dem Mittelerde erleben, das Ihr gekannt habt. Möge sich das Schicksal aber zum Besseren wenden!"

Die Männer schlugen krachend Speer auf Schild. Dann bestieg Isildur sein Pferd und gab der Vorhut das Zeichen zum Aufbruch. Die Vorhut bestand aus Dùnedain, die sowohl im Straßenbau als auch im Umgang mit den Waffen geübt waren und die die Aufgabe hatten, die Straße noch von Hindernissen zu befreien.
Während sie sich langsam von Elronds Haus entfernten, hatte Isildur genug Zeit zum Nachdenken. Gestern abend erst war seine Frau vom Baranduin gekommen, und bitter war ihr Abschied. Er hatte Anárion eine Botschaft mitgegeben, in der Elrond Almáriel eingeladen hatte, die Zeit bis zum Ende des Krieges in Bruchtal zu verbringen, wo sie in Sicherheit war und Neuigkeiten aus dem Süden wohl am schnellsten erfahren würde.
Zu allem Überfluß hatte sich ihre Anreise auch noch verzögert, denn ihre Reisegruppe war nahe den Ettenöden von einer Horde Bergtrolle angegriffen worden. Nur knapp konnten sie sich ihrer Haut erwehren, und Valandil war schwer verwundet worden. Doch von Bree kam eine Abteilung der königlichen Landwehr, die Kunde vom Unwesen dieser Trolle erhalten hatte und diese schnell besiegten. Aber für Valandil war die Reise zu Ende gewesen, und sie brachten ihn zurück nach Bree.

"Trolle so weit südlich. Das ist ein schlechtes Zeichen" hatte Isildur zu seinem Vater gesagt, als er ihm von dem Vorfall Meldung machte. Und sein Vater hatte geantwortet, daß der Feind offenbar schon zu viel wußte und erließ den Befehl zur Generalmobilmachung. Zudem machte er Valandil zu seinem Statthalter, bis er zurückkehrte.
Dann hatte Isildur noch ein wenig Zeit für seine Frau gehabt. Die Nacht ging für ihn viel zu schnell vorüber, und der Abschied heute morgen war bitter gewesen. Beide ahnten, daß es lange dauern würde, bis sie wieder in Frieden beisammen sitzen würden. Almáriel war auf dem Söller gewesen und hatte den Aufbruch der Vorhut beobachtet und war lange dort stehen geblieben. Lange noch spiegelte sich die Sonne auf Helm, Rüstung und Speer, aber irgendwann waren sie hinter einem Hügel verschwunden.

Isildur lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den vor ihm liegenden Weg. Noch war er bequem zu bereisen und er stieg leicht, aber stetig an. Aber sie befanden sich ja auch noch im unmittelbaren Einflußbereich von Bruchtal, und bis zum Osttor war die Straße immer gut gepflegt gewesen.
Auch Elrond hatte ihren Aufbruch vom Söller aus beobachtet. Dabei hatte er immer wieder Isildur im Blick gehabt, und wohl nur er allein konnte ermessen, welche Bedeutung diese Stunde für ihn haben würde. Manchen schien es, als ob Isildur nicht ganz bei der Sache war, als Gil-galad seine Ansprache gehalten hatte, und sie waren verwundert, daß nicht auch er das Wort ergriffen hatte. Vielleicht war dafür noch nicht der richtige Zeitpunkt? Auf alle Fälle waren sie nun unterwegs.

Es war vereinbart worden, daß das Hauptheer einen Tag nach der Vorhut aufbrechen sollte, falls Isildur keine anderweitige Nachricht an sie schickte. Im Hauptheer ritten seine drei älteren Söhne Elendur, Artan und Ciryon mit. Auch sie waren über die Nachricht, daß ihr jüngster Bruder verwundet in Bree lag bestürzt gewesen.

Almadil, Isildurs Weggefährte aus númenórischer Zeit war in Bruchtal geblieben. Vor drei Jahren war er mit Isildur dorthin gekommen, und er hatte beschlossen, dort zu bleiben. Zu lange hatte er in Saurons Verliesen gelitten bevor er durch Zufall oder Fügung freikam. Er widmete sich nun ganz der Heilkunst und er hatte geschworen, nie wieder das Schwert zu nehmen. Darüber war Isildur traurig gewesen, denn Almadil konnte mit den Waffen sehr gut umgehen und kein Reiter war so gewandt wie er. Doch Elrond hatte Isildur berichtet, daß Almadil als Heiler geschickt war und als Meister seines Fachs galt.

Sie hatten das Osttor nun durchritten, und langsam gewannen sie richtig an Höhe. Bald war Bruchtal nur ein kleiner, bewohnter Flecken inmitten der weiten Wildnis der westlichen Berge und Ebenen. Weiter südlich, kaum zu erkennen, waren die Trümmer von Eregion, wo die Elbenschmiede von Sauron betrogen wurden und viel von dem Unheil, gegen das sie nun zu Felde zogen begonnen hatte. Noch weiter südlich und etwas gen Osten zu lag Moria und der Rothornpaß, über den Isildur vor drei Jahren gekommen war.
Sie zogen noch bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter und langsam entfernte sich die Ebene von ihnen. Weit, weit westlich war undeutlich die runde Kuppe der Wetterspitze zu erkennen. Auf dem Turm, oben auf der Höhe, brannte ein Signalfeuer.
Bei Einbruch der Dämmerung befahl Isildur seinen Leuten, einen geeigneten Lagerplatz zu suchen. Sie kamen noch ein Stück voran, bis sie einen Fichtenwald erreichten, in dem sich ein windgeschütztes Lager errichten ließ. Es fiel zwar noch kein Schnee, aber der frostige Wind war schneidend kalt.


Viertes Kapitel: Unterwegs zum großen Strom

Die Tage verliefen gleichförmig. Jeden Morgen brach die Vorhut früh auf und machte sich an ein langes Tagwerk. Meistens hatten sie nicht viel zu tun, Elronds Leute hatten die Straße gut instandgesetzt. Hin und wieder blockierte ein umgestürzter Baum oder Geröll die Straße, und Isildur ließ seine Leute auch den Zustand des Bewuchses und die Geröllfangmauern überprüfen und gegebenenfalls auch ausbessern. Trotz dieser ab und an vorkommenden Verzögerungen bekamen sie das Hauptheer nie zu Gesicht, nur des nachts konnte man ab und an den Feuerschein ihrer Wachtfeuer erahnen.
Von Zeit zu Zeit erreichte ein berittener Bote der Heerführung die Vorhut, und Isildur erstattete Bericht und erhielt Befehle und Ratschläge. Aber ansonsten hatten sie wenig zu tun, und oft erreichten sie den vereinbarten Rastplatz schon am frühen Nachmittag. Tag für Tag stiegen sie allmählich höher. Die Straße folgte oft den Seitentälern, um ohne allzu steile Rampen auszukommen und Kurve folgte auf Kurve. So langsam erreichten sie die Baumgrenze. Jäh hörte der Baumbewuchs dort auf, und die Bäume waren in ihrem Wuchs nur etwas kleiner als in der Talsohle. Doch ab einer bestimmten Linie, wie mit dem Lineal gezogen endeten die Wälder. Wo das Gelände nicht allzu steil war bedeckten dichte Grasmatten den Boden. Doch auf den Steilhängen hatten wenige armselige Pflanzen Mühe, Halt auf dem losen Geröll zu finden und oft versperrten niedergegangene Geröllawinen die Straße. Bis hierher waren Elronds Leute nur selten gekommen. Jetzt kamen sie langsamer voran. Der Wind war hier oben beißend kalt und kein Kleidungsstück konnte ihn abhalten. Nachts schliefen sie nur kurz und standen früh auf, um schnell wieder geschütztere Gegenden zu erreichen.

Sechs Tage waren seit ihrem Aufbruch von Bruchtal vergangen, als sie die Paßhöhe erreichten. Es war dort oben selbst am Mittag neblig – grau, denn sie hatten die Höhen erreicht, in denen sich die Wolken in den Bergen verfingen. Ein eisig kalter Wind pfiff über den Paß, und die Gruppe hatte Mühe, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Das Klappern der Hufe erstarb im dichten Nebel, und die Welt war hier oben seltsam still. Nur das Heulen des Windes war zu hören. Ab und an krachte irgendwo ein Stein polternd ins Tal.
Sie froren, und allmählich wurden ihre Glieder steif. Isildur konnte seine Finger nur mit Mühe bewegen, und er gab es auf, sein Pferd mit den Zügeln unter Kontrolle halten zu wollen. Er ließ es einfach weitertrotten, und langsam entfernten sie sich vom Hohen Paß.
Sie waren weitaus höher gestiegen als damals, als sie das Nebelgebirge über den Rothornpaß überquerten. Der Weg über den Rothornpaß war aber gefährlicher als über den Hohen Paß, weil dort die Straße schmäler und steiler war und oft nur aus einer langgezogenen, vom Nebel glitschigen Holzbrücke bestand. Hier, am Hohen Paß hatten sie aber mehr Kraft aufzuwenden, weil der Weg um ein Vielfaches länger war.
Sie beeilten sich, die Baumgrenze zu erreichen, denn es wurde schon duster und niemand von ihnen hatte Lust, noch eine Nacht vor den Ostwinden ungeschützt auf einer kahlen Hochebene zu verbringen. Tatsächlich schafften sie es, einen Hain aus verkrüppelten Bergkiefern zu erreichen, als die Nacht hereinbrach. Es war immer noch neblig, und das düstere Grau wandelte sich nun in kaltes Dunkel.

"Nebelgebirge! Nichts als Nebel! Spätestens jetzt weiß ich, warum dieses Gebirge Nebelgebirge heißt! Nichts als Nebel!" rief Isildur.

"Gewiß heißt es Nebelgebirge" entgegnete Ohtar. "Hier sammeln sich die tiefhängenden Wolken, die aus dem Meer aufgestiegen sind."

"Ja. Hier plagt uns das Große Meer – Hunderte von Meilen von der Küste entfernt. Na ja. Bald sind wir drüber."

Die Nacht war ungemütlich. Die feuchte Luft wurde kälter, je länger die letzten Tagesstunden zurücklagen. Der dichte Nebel schluckte jeden Schall und ließ sie unruhig in einer naßkalten, formlosen Welt schlummern.
Als der Morgen gekommen war, ein seltsam stiller, weißlich-kalter Morgen, ritten sie eilig weiter. Alle waren begierig darauf, diese unwirtliche Bergregion so schnell wie möglich zu verlassen. Isildur schätzte, daß das Hauptheer noch immer etwa einen Tagesmarsch hinter ihnen war und er mußte darauf achten, daß seine Gruppe, die ja die Vorhut bildete sich nicht zu weit vom Hauptheer entfernte.
Dennoch ließ er seine Leute schneller reiten. Sie befanden sich jetzt im westlichen Einflußbereich der Éothéod, und Angriffe des Feindes waren hier eher unwahrscheinlich. Sie hatten lediglich dafür zu sorgen, daß sie Straße für ein großes Heer passierbar gemacht wurde. Und damit hatten sie im Moment keine besonderen Schwierigkeiten.
Nun ritten sie auf einer Hochebene und wer zurückblickte sah, daß der Paß schon ein gutes Stück über ihnen lag. Die Mittagssonne schaffte es, den Nebel zu verdrängen. Nur wenig Schnee lag auf den Wiesen, vor wenigen Tagen erst hatte es hier Tauwetter gegeben. Oben auf der Paßhöhe hatte das Hauptheer im Moment mehr mit dem Schnee zu kämpfen wie jetzt die Vorhut.
Nach einer kurzen Rast ritten sie weiter. Sie kamen zum Rand der Hochebene, und nun wand sich die Straße einen steilen Berghang hinab.
Vor langen Jahren, noch vor dem Fall Gondolins, hatten geschickte Elben – Handwerker diese Straße kunstvoll in den Fels gehauen, um ihren Herren die Kontrolle über den damals für sie fernen Osten von Mittelerde zu ermöglichen. Doch ihre prachtvollen Reiche vergingen unter dem Schatten des Großen Feindes, von dem Sauron nur ein Diener war. Über viele lange Jahre hinweg war sie dann in Vergessenheit geraten; die Ereignisse, die das damalige Mittelerde prägen sollten fanden fern im Süden statt. Doch als Sauron Eregion mit Krieg überzog und von der Pforte von Calenardhon kommend den damals einzigen offenen Gebirgsübergang über den Rothornpaß versperrte erinnerten sich die Gelehrten der Elben dieser alten Straße und brachten sie in mühevoller Arbeit wieder in Ordnung.
Nicht ohne Grund hatte Elrond seine Zufluchtsstätte für alle vom Feind Verfolgten in Bruchtal gegründet, wo der westliche Ausgangspunkt dieser Gebirgsstraße lag. So konnte er die gesamte Straße überwachen und einen Fluchtweg für alle Verfolgten, die von Osten kamen offenhalten. Und nun schickte Isildur sich an, diese alte Heerstraße wieder in ihrem ursprünglichen Zweck zu nutzen, und wo lange, zu lange Flüchtlinge die mühevolle Steige hinaufgehetzt waren, würde sich bald ein Heer hinunterwälzen, des Feindes Alptraum, aber des Freundes Hoffnung.
Zu ihrer Überraschung merkten die Reiter, daß die Straße so kunstvoll angelegt war, daß selbst ein schwerer Karren keine Schwierigkeiten mit dem Gefälle haben würde. In vielen Kurven wand sich die Straße einem Tal zu, das direkt auf den Anduin zuführte. Am Ende dieses Tales sahen sie den Carrockfelsen, wo sie auf einer Furt den Fluß überqueren wollten und wo ihre Verbündeten warteten.
An so mancher Kurve sah sich der unvorsichtige Reisende plötzlich einem jähen Abgrund gegenüber, aber alte, dicke Mauern waren noch immer ein guter Schutz vor einem Fall über mehrere hundert Fuß; selbst ein Reiter konnte auf ihren Schutz vertrauen. Auf den Kronen der Mauern wuchsen Ginsterbüsche, und wo die Mauerkronen etwas dicker und geschützter waren, wuchsen sogar kleine Bäume.
Natürlich konnte ein Reiter, wenn er in den Steigbügeln stand, über die Mauerkrone hinweg
in das sich verbreiternde Tal hinabblicken (wenn nicht gerade etwas ins Blickfeld wuchs) und die Aussicht genießen. Im Tal waren keine menschlichen Behausungen zu erkennen, aber in der Ferne, am Carrockfelsen konnte Isildur eine Festung der Éothéod sehen, die den noch jungen Anduin am Übergang zur Waldstraße bewachte. Auf ihr konnte ein Reisender bis zum Erebor, dem Einsamen Berg reisen und dort mit den Zwergen Handel treiben.
Isildur schätzte, daß sie noch drei Tagesreisen vom Carrock entfernt waren, aber sie würden wahrscheinlich noch vor Einbruch der Dunkelheit das Ende der Steige erreichen. Es war schon später Nachmittag, und sie hatten die eisigen, windumtosten, schneebedeckten Höhen schon fast hinter sich gelassen.
Im Schimmer des letzten Tageslichts erreichten sie endlich den Talboden. Noch eine letzte Biegung, und sie hatten die Steige verlassen. Zu beiden Seiten ragten hoch die umliegenden Bergflanken auf, und die Sonne verschwand früh hinter dem Schatten der Berge.
Sie waren jetzt schon fast auf der gleichen Höhe wie der Carrockfelsen, und ein nun schon recht breites Flüßchen floß träge dem Anduin zu, um ihn mit seinem glasklaren, eiskalten Gebirgswasser noch ein wenig breiter werden zu lassen. Kaum merklich fiel das Tal ab, und von weiteren tosenden Gebirgsbächen gespeist wand sich das Flüßchen durch den Wiesengrund. Hier war es milder als oben auf dem Bergkamm, und nur ab und an regte sich ein Lüftchen. Dafür lag hier aber mehr Schnee, so daß vom Gras der Wiesen nichts mehr zu sehen war, alles ruhte unter einer schneeweißen Decke. Nur vereinzelte Baumgruppen und das sich windende Flüßchen waren alles, was aus dem allumfassenden Weiß herausstachen.
An der Westseite eines kleinen Buchenhaines ließ Isildur das Nachtlager aufschlagen. Hier waren sie vor dem Ostwind geschützt, der zwar nicht mehr so schneidend kalt wie oben auf dem Paß war, aber er rief sich den Männern noch immer fröstelnd ins Gedächtnis, wenn sie sich ihm aussetzten. Nach den frostigen Nachtlagern der vergangenen Zeit kam ihnen dieser Anblick geradezu himmlisch vor und Isildur beschloß, sie den nächsten Morgen etwas länger ruhen zu lassen. Jetzt war die Straße in ihrem Verlauf schnurgerade, und sie konnten das vor-gesehene Tagespensum mühelos im Galopp zurücklegen.
Und Isildur hatte am Abend noch etwas vor, das wohl recht anstrengend werden könnte.

Außer denen, die zur Wache eingeteilt waren hatten sich alle Krieger zur Ruhe gelegt. Isildur holte aus einer kleinen Eichenholztruhe eine Kristallkugel hervor: den palantír. Seine Grundfarbe war schwer zu definieren, sie wechselte zwischen pechschwarz und einem glasigen Grau. Isildur legte den Stein auf sein Kopfkissen und richtete ihn aus. Sein Gesicht wurde von einem fahlen, unwirklichen Licht beschienen, als der Sehende Stein zu arbeiten begann.
Zunächst wollte Isildur versuchen, Kontakt mit Minas Anor aufzunehmen. Es dauerte eine Zeitlang, bis Meneldil dem Ruf Folge leistete. Wenn nämlich jemand über einen palantír Kontakt zu einer Person aufnehmen wollte, die auch einen solchen Stein besaß, dann konnte man ihn so rufen, daß er in seinem Geist plötzlich den Drang verspürte, in seinen Stein zu schauen.
Der Kontakt mit Meneldil kam zustande, und Isildur ließ ihn wissen, daß das Heer nun unterwegs war. Dann ließ er sich Bericht über das erstatten, was in der letzten Zeit bei der Belagerung von Minas Anor passiert war.
Ab und an war es zu Angriffen auf die äußere Mauer gekommen, aber sie konnten jedesmal mit Leichtigkeit abgewehrt werden. Er hatte es noch nicht einmal geschafft, mit einem Rammbock das Tor einzurennen, noch nicht einmal, als Saurons verderbte Zaubersprüche auf ihm lagen. Denn direkt hinter dem Tor hatten sie eine dicke Mauer errichtet, gegen die die Ramme nichts ausrichten konnte. Genauso hätte ein Kind versuchen können, einen Stein mit einem Blatt Papier zu spalten oder sich nur mit rudernden Armen in die Lüfte zu erheben. Und so wurde Sauron unter Hohngelächter und beißendem Spott vom Tor vertrieben; und ein
Pfeil, der von einem númenórischen Stahlbogen abgeschossen wurde verwundete ihn am rechten Arm. Und das ganze feindliche Heer zog sich vom Tor und der Mauer zurück, doch die Straßen blieben versperrt. Und Meneldil ließ zur Herausforderung seine Reiter vor dem Tor patrouillieren, aber diese Herausforderung wurde nicht beantwortet.
Das war am Neujahrstag passiert, als plötzlich ein milder Westwind einsetzte und Eis und Schnee schmolz. Und die eisigen Ostwinde, mit denen Sauron Mittelerde plagte, wurden vertrieben. Die Temperaturen lagen seither über dem Gefrierpunkt und verwandelten den hart-gefrorenen Boden in einen sumpfigen Morast, der dem Feind jede Bewegung erschwerte, während die Heer der Allianz gen Süden vorrückten.
In Calenardhon jedoch, wo Sauron noch keine Kontrolle über die dortigen Lande hatte, herrschte bestes Wetter. In der Tat hatte Sauron versucht, die westlichen Lande mit seiner Dunkelheit zu überziehen, aber selten war die Wolke weiter als über das Anduintal hinaus gekommen. Selbst über Minas Anor war die dunkle Wolke seit dem Beginn der Belagerung nur zwei- oder dreimal hinweggezogen, als Saurons Macht am größten war und die meisten Dùnedain auf der Flucht in den Norden.
Drei harte Sommer hatte die belagerte Festung nun schon hinter sich gebracht, und doch war der Mut der Besatzung nicht gesunken, im Gegenteil; die Hoffnung stieg. Denn der Feind wußte nichts von den geheimen Wegen unter dem Gebirge und von der Versorgung der Feste aus Calenardhon. Und während Saurons Belagerungsheere oft Hunger litten feierte Meneldil Feste, und der köstliche Duft von Braten und Pasteten drang nach außen, und die Orks und Trolle fragten sich, welche Zauberei dahinter stecken möge. Wenn es schon Probleme mit der Versorgung des Belagerungsheeres gab, wie konnte es dann den Belagerten so gut gehen?
Niemand in Saurons Heerführung wußte etwas von den ausgedehnten Feldern in den Gebirgstälern und nahe dem Fangorn – Wald, von heimlich und rasch zuschlagenden Wächtern behütet und von willigen, freien Bauern bestellt. Kein Spion, weder Ork, Troll noch Dunländer war jemals in diesem Teil Mittelerdes gewesen; und Diener, die sich in die Luft erheben konnten hatte Sauron noch nicht.
Meneldil selbst war einmal draußen gewesen und hatte seine Ländereien besucht, und dort war alles zum Besten bestellt. Sauron hingegen hatte Probleme mit seiner Nachschubversorgung, und Isildur wollte versuchen, dem auf den Grund zu gehen. Einstweilen jedoch berichtete Meneldil von einem in letzter Zeit eher ruhigen Leben im belagerten Minas Anor. Sogar vor der Stadtmauer konnten sie Vorwerke anlegen, die von tiefen Gräben und hohen Erdwällen geschützt waren, und bei der Rückeroberung des Geländes waren sie auf wenig Widerstand gestoßen. Offenbar war das feindliche Belagerungsheer zu diesem Zeitpunkt noch zermürbt darüber, daß selbst Sauron, ihr Herr, am Stadttor gescheitert war. Und nun waren die Mauern außerhalb der Reichweite jedes Belagerungsgerätes; die Erdwälle waren anderthalb Bogenschußweiten von der Stadtmauer entfernt.
Zum Schluß unterrichtete Isildur den Stadtkommandanten und Truchseß von Gondor über das weitere Vorgehen des alliierten Heeres, das in erster Linie das Entsatzheer für Minas Anor sein sollte und hieß ihn weiter durchhalten. Dann wandte Isildur seinen Blick von der belagerten Festung ab und richtete den Stein gen Osten aus.
Er wollte jetzt versuchen, mehr über den feindlichen Nachschub zu erfahren. Irgendwo mußte es doch Felder geben, auf denen die Nahrung für so viele Heere angebaut wurde. Doch in Mordor sah Isildur außer Waffenschmieden und Heerlagern nichts. Dann blickte er gen Osten, so weit die Kraft des Steins reichte, doch so weit er auch blickte, waren die Lande öd und leer. Lediglich in der Nähe von Dol Guldur waren einige Felder, die von Saurons Hörigen bestellt wurden. Isildur bezweifelte aber, daß ihre Größe ausreichte, ganze Heere zu versorgen

Dann blickte er gen Süden. Ihm fiel auf, daß eine nicht geringe Anzahl von Schiffen südlich
von Gondor die Küsten entlangsegelten, in den fernen Süden zu. Dann, unendlich fern und
unendlich klein, sah er eine Hafenstadt, deren Dimensionen gewaltig sein mußten. Der Baustil der Häuser kam Isildur bekannt vor, er erinnerte ihn an Númenor. Dann mußte dies die alte Königsfestung Umbar sein, die númenórische Könige erbauen ließen, um einen Handelshafen in Mittelerde zu haben, und von wo aus Sauron als Gefangener des Königs auf das Inselreich gebracht wurde. Von dieser verfluchten Stadt aus nahm also das Unheil seinen Lauf, sinnierte Isildur.
Und klein, unendlich klein, kaum zu erkennen, waren die Ströme beladener Wagen, die von fernen Straßen nach Umbar hineinfuhren. So war das also. Sauron wurde mit Lebensmitteln versorgt, die wohl als Tribut von fernen Reichen erpreßt wurden. Es war bekannt, daß die Besatzung der königlichen Feste schon immer auf des Königs Seite gestanden hatte, selbst als das heraufziehende Unheil für jeden, der mit offenen Augen durchs Leben ging, klar erkennbar war. Nun, nachdem Númenor untergegangen und ihr König ertrunken war, dienten sie offenbar Sauron. Und Isildur war auch klar, daß unterwegs wohl einiges an Tributgütern verlorenging, manches durch untergehende Schiffe, anderes durch Gewinnsucht. Und Sauron war auf die Versorgung mit Lebensmitteln aus dem Süden angewiesen. Seine Diener, Orks, Trolle und Geister waren nur zum Zerstören geschaffen worden, nicht zum Erschaffen. Sie waren für den Ackerbau nicht zu gebrauchen, nur zum Zerstören und Unterdrücken. Und wieviel Land sie auch erobern mochten, sie vernichteten oder vertrieben immer so viele von den Bewohnern, daß die Überlebenden nicht ausreichten, um genug Nahrung für Saurons Bedürfnisse zu produzieren. Selbst im ehemals blühenden Anduintal wuchs jetzt nur noch Gestrüpp. Isildur wußte, daß die Aufräumarbeiten nach einem Sieg viel zeit kosten würden.
Nur in der unmittelbaren Umgebung von Dol Guldur hatte Sauron einige Felder, die von Hörigen bestellt wurden. Die dort angebauten Feldfrüchte dienten der Ernährung der Besatzung von Saurons Feste. Nur wenige Orks waren dort oben im Norden stationiert, und hörige Menschen wurden von Menschen kommandiert, und wenn sie auch zu Saurons Sklaven gezählt wurden ging es ihnen doch nicht schlechter als ihren freien Nachbarn.
Sauron war dieses relativ ungezügelte Leben ein Dorn im Auge, doch er unternahm wenig, es zu bändigen. Zum einen wußten die Menschen dort, wer ihr Herr war und zum anderen vermochten sie sich selbst zu versorgen und fielen Mordor nicht zur Last. Außerdem banden sie Kräfte der Allianz, und nur das zählte für Sauron.
Isildur überlegte, wie er Kontrolle über Dol Guldur erhalten könnte. Er wußte, es würde keinen Sinn machen, an den Freiheitswillen der dort lebenden Menschen zu appellieren, denn sie hungerten nicht und die wenigen Orks waren zu fett und zu faul, um sie zu drangsalieren. Mit Gewalt würde er nur wenig ausrichten, denn dann würden Kräfte für den Heerzug in den Süden fehlen. Nein, solange Sauron keinen Fehler beging, würden sie träge bleiben und wohl auch keine besondere Gefahr für das Heer darstellen.

Zuletzt versuchte Isildur, Neues über die Wegstrecke herauszufinden, die sie nehmen wollten. Vom Carrockfelsen ab bis zum südlichen Saum des Düsterwaldes war von Feinden nichts zu sehen, über Laurelindorenan lag ein undurchdringlicher, goldener Schimmer, nur im Süden regnete es. Weiter als bis zum Emyn Muil wollte Isildur nicht blicken, denn es würde noch mindestens einen Monat dauern, bis sie dort ankamen. Und in dieser Zeit konnte viel passieren.
Isildur legte den Stein in die Truhe zurück und legte sich dann auf sein Nachtlager. Mitternacht war vorbei, und irgendwo rief ein Käuzchen. Er sank in einen traumlosen Schlummer.

Isildur ließ am nächsten Morgen einen Boten zum Hauptheer reiten, der die Heerführer wissen ließ, daß die Vorhut nun schnellstens nach Carrock reiten wollte, um dort die Éothéod und Thranduils Bogenschützen zu treffen. Dann brachen sie, so gegen halb elf zum vereinbarten Treffpunkt mit ihren Verbündeten auf.
Sie hatten lang geschlafen, um sich von den Strapazen der vergangenen Tage zu erholen und um neue Kräfte für den jetzt kommenden schnellen Weiterritt zu sammeln. Und bald schon galoppierten sie über die jetzt schnurgerade Straße zum Carrock zu. Isildur hoffte, daß sie die dreißig Wegstunden in gestrecktem Galopp zurücklegen konnten.

Das Tal wurde nun breiter, und an Stelle der Wiesen und Haine trat nun ein dichter Mischwald, der von Förstern des Königs Elfwine bewirtschaftet wurde. Die schroffen Berghänge wurden nun flacher, bis die niedrigen Gipfel des Vorgebirges in sanften, bewaldeten Hügelkuppen ausliefen.
Am Abend lag das Gebirge schließlich weit hinter ihnen, und die Festung am Carrockfelsen war nach Isildurs Schätzung nur noch etwa sieben Wegstunden von ihrem Nachtlager entfernt. Sie genossen die angenehm kühle Nachtluft und wachten trotz ihres gestrigen Gewaltritts erfrischt auf. Selbst die Pferde hatten übergenug Kraft für die Weiterreise geschöpft.
Gegen Mittag erblickten sie dann die Festung am Carrockfelsen. Eine Veste aus dicken Steinmauern war von hölzernen Palisaden umgeben, die die Häuser des kleinen Städtchens schützten. Vor dem Festungsbauwerk standen schon die Zelte der Elben aus dem Grünwald, außerdem sollte hier die Heerschau der Éothéod stattfinden, sobald ihr König zurückgekehrt war. Isildurs Aufgabe war es nun, die Ankunft des Hauptheeres vorzubereiten. Er schätzte, daß die ersten Abteilungen in etwa vier bis fünf Tagen am Carrock eintreffen würden. Daher ließ er sich von den Torwächtern sofort zum Kommandanten der Festung bringen. Seine Gefährten begannen derweil damit, ihren Lagerplatz vorzubereiten.
Isildur wurde sofort zu Halfára, Elfwines Kommandanten in Carrock vorgelassen und dort wie ein sehnlichst erwarteter Freund begrüßt.

"Endlich seid Ihr gekommen; spät, aber doch nicht zu spät. Endlich handeln wir gegen den Feind. Drei Jahre mußten wir warten."

"Fürwahr, spät kommen wir" antwortete Isildur in der Sprache der Nordmenschen. "Doch in den letzten drei Jahren waren wir nicht untätig, was unsere Kriegsvorbereitungen betrifft. Und jetzt sind wir besser gerüstet als jemals zuvor."

"Es freut mich, das zu hören. Doch wißt Ihr etwas über das Kommen von König Elfwine und Prinz Ethelred? Wir hoffen, daß sie bald kommen, damit unsere Heerschau beginnen kann."

"Sie reiten mit den Heerführern und dürften wohl in vier bis fünf Tagen hier sein. Laßt die Straße beobachten. Und bereitet alles vor, damit dann die Heerschau so bald wie möglich begonnen werden kann."

"Es ist alles vorbereitet. Selbst die Lagerplätze für das Heer, das über das Gebirge kommt sind ausgewiesen und vorbereitet. Und was das beobachten der Straße betrifft: seit zwei Tagen wußte ich vom Kommen der Vorhut."

"Sehr schön. Werdet Ihr mit in den Süden reiten?"

"Ich hoffe es doch, Herr Isildur. Doch diese Entscheidung liegt beim König. Aber jetzt ist es Zeit, das Abendessen einzunehmen. Kommt, Eure Leute warten schon im Festsaal."

Sie genossen das ausgiebige Festmahl, das erste seit ihrem Aufbruch von Bruchtal. Isildur beantwortete während des Festmahls viele Fragen von Halfára. Sie drehten sich meistens um den kommenden Krieg gegen Sauron, aber der Kommandant interessierte sich auch für Númenor, und die Rolle, die Sauron bei seinem Niedergang gespielt hatte. Und er wurde später Abend, bis Isildur mit seinen Erzählungen fertig war.

"So konnte das Böse sich also Zugang sogar zum Allerheiligsten verschaffen" sagte Halfára staunend. "Selbst die größten und mächtigsten Reiche können sich dagegen nicht abschotten."

"Wohl wahr" entgegnete Isildur. "Aber Sauron konnte sich nur deshalb sogar in das Allerheiligste, das den Valar des Westens geweiht war einschleichen, weil die Hochmut des Königs, der sich mächtiger glaubte als die mächtigsten von Mittelerde glaubte, daß er Sauron, den Vollstrecker Morgoths gefangennehmen konnte. Und so kam es, daß er sich sogar in die Herzen der Königin und des Königs einschleichen konnte."

"Als Gefangener?"

"Als Gefangener. Aber Sauron, der Meister der Verwandlungen und des Behexens konnte sich mit schönen Worten und Visionen die Herzen im Sturm erobern. Er wußte sehr wohl, was sich die Königin und der König in ihrem Innersten wünschten, und als er davon sprach, derlei Wünsche wahrmachen zu können, hatte er sie in der Hand!
Offiziell war Sauron bis zum Schluß, bis zum bitteren Ende Gefangener des Königs, aber er hatte den Spieß schnell herumgedreht. Und zum Schluß war er es, der Númenor regierte, und der König unterzeichnete alles, was Sauron ihm diktierte. Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf."

"Ein Verhängnis, von dem wir uns fernhalten müssen. Jetzt sehe ich ein, wieso wir Sauron auf keinen Fall gefangennehmen dürfen. Es wäre unser Verhängnis."

"Richtig, aber ich glaube kaum, daß wir Sauron gefangennehmen können. Er wird sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr setzen. Vergeßt nicht, daß Sauron sich freiwillig in Gefangenschaft begab, um seine bösen Ziele erreichen zu können. Von uns, der wir ihn womöglich den Valar zur gerechten Bestrafung ausliefern können, wird er sich sicherlich nicht so einfach gefangennehmen lassen."

"Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, Isildur. Jetzt aber sollten wir zur Ruhe gehen. Morgen haben wir viel zu tun, und Ihr seid weit geritten. Gute Nacht!"

Isildur verabschiedete sich von seinem Gastgeber und wandte sich dem Lagerplatz seiner Leute zu. Dort lag schon alles in tiefem Schlummer.
Tags darauf hatten sie alle Hände voll zu tun, die Ankunft des Hauptheeres vorzubereiten.
Und dann, so gegen Nachmittag, sahen sie eine große Staubwolke, die ihr Näherkommen ankündigte. Und Isildur erhielt Nachricht, daß die Heerführer am Mittag des kommenden Tages in Carrock eintreffen würden. Es war alles vorbereitet.

Halfára stand neben Isildur, als die Heerführer der Allianz zum Tor der Festung kamen. Elendil saß ab und schritt auf sie zu. Ihm folgten Gil-galad und Elrond, der sein Herold war.

Elrond trat vor und sprach: "Die Heere des Westens bitten um die Erlaubnis, hier lagern zu dürfen."

Halfára antwortete: "Sie sei gewährt. Isildur hat alles vorbereitet."

"Die Heerführer des Westens bedanken sich" entgegnete Elrond.

Dann traten die Heerführer vor, und auch Elfwine und Ethelred gingen mit in die Festung. Isildur war damit beschäftigt, die Heere in ihre Quartiere einzuweisen. Sie warteten darauf, bis er seine Arbeit beendet hatte, denn auch Isildur mußte bei den Beratungen teilnehmen, denn er war noch immer ein König von Gondor.
Und sie verwendeten Stunden darauf, die Meldungen ihrer Kundschafter auszuwerten. Manche waren bis in Sichtweite Dol Guldurs gekrochen, und sie hatten vor allem eines fest-gestellt: Der Feind traf keinerlei Kriegsvorbereitungen.
Zu beiden Ufern des Anduin war von Saurons Leuten nichts zu bemerken, noch nicht einmal Späher trieben sich dort herum. Im Nebelgebirge herrschte Ruhe, und die dort lebenden Orkstämme waren untätig, in einer Art Winterstarre.

"Unterschätzt sie nicht!" sagte Elrond über sie. "Es mag sein, daß manche, vom Feind angeleitet unser Kommen abwarten, um dann rasch zuzuschlagen. Es mag auch sein, daß wir von ihnen unerwartete Hilfe erhalten könnten. Denkt an Almadil. Er lebte lange unter freien Orks, und es ging ihm gut. Er war, was er ist: ein freier Mann."

"Und was ratet Ihr uns betreffend der Orks?" fragte Elendil.

"Am besten wäre: rasch gen Süden durchstoßen. Nicht nur wegen irgendwelcher Orks. Noch nie war das Wetter für uns günstiger: der besetzte Süden versinkt im Schlemm, während die Heere des Nordens über festen, gefrorenen Grund eilen können. Der Feind wird in jeder Bewegung behindert, während wir frei agieren können. Besser wird es nicht!"

"Der weitere Weg steht fest" sagte Gil-galad mit ruhiger, fester Stimme. Die wenigen Kerzen tauchten den mit schweren Teppichen behängten Raum in ein feierliches Licht. "Unser Ziel kennen wir: Sauron niederwerfen. Das wird vor den Toren von Mordor passieren, wenn überhaupt. Auf nun, gen Süden!"

Sie wollten das Eintreffen der restlichen Abteilungen abwarten und ihnen dann wenigstens zwei Tage der Ruhe nach dem anstrengenden Gebirgsübergang gönnen. Es waren auch Tage der Ruhe für Isildur, und oft wurde er zusammen mit Elfwine und Ethelred gesehen, als sie über die Felder ritten und sich lachend Geschichten aus den alten Tagen erzählten oder Ethelred in der Geschichte Mittelerdes unterrichteten. Und wenn nicht die allgegenwärtige Drohung des Krieges über ihnen gelastet wäre, wären es schöne Tage gewesen.
Doch der Zeitpunkt ihres Aufbruchs rückte näher, und bald ritten sie in Kriegsrüstung in wohlgeordneten Scharen ihrem Schicksal entgegen.


Fünftes Kapitel: Aud dem Weg in den Süden

Der strahlende Sonnenschein der Tage ihres Aufbruchs von Carrock war schon seit längerer Zeit vom trüben Grau einer tiefhängenden, dichten Wolkendecke abgelöst worden. Frostigen Nordwind trieb das Heer gen Süden. Hinter ihnen schneite es schon, und die Heerführer wollten es nicht darauf ankommen lassen, in der Nähe von Dol Guldur mit tiefem Schnee und vielleicht auch noch etwas Schlimmerem kämpfen zu müssen.
So kamen sie schneller voran als zunächst erhofft, und nach zehn Tagen hatten sie den südlichen Saum des Düsterwaldes hinter sich gelassen. Rechts von ihnen lag der Große Strom, der breit und träge wie immer im trüben Grau dahinfloß. Dahinter war die weite Ebene des Celebrant, denn auch die Südgrenze von Laurelindorenan hatten sie schon passiert. Ein starker Wind pfiff über die Ebenen und jagte das bißchen Schnee, das noch auf dem Boden gelegen hatte in alle Richtungen auseinander. Braune, langstielige Grashalme wurden vom frostigen Wind hin – und hergeschüttelt. Kalte Schneeflocken bliesen in Isildurs Gesicht.
Tag für Tag kämpften sie verbissen gegen den Wind an, und langsam, aber stetig rückte das Heer weiter südwärts.
Nun machte der Anduin zwei große Biegungen nach Osten, Süden, Osten und wieder nach Süden. Hier hatte Isildur in den Tagen von Gondors Glanz eine Reihe von Festungen errichten lassen, um sein Reich gegen die Gefahr, die von Dol Guldur ausging zu schützen. Diese Festungen hatten allerdings bei Saurons Überfall keine große Rolle in der Landesverteidigung gespielt, obwohl sie für eine Weile die Flucht der Dùnedain in den Norden deckten. Isildur befürchtete daher, daß diese Festungen unversehrt und vom Feind besetzt worden waren.
Bei der Nördlichen Biegung hielt König Gil-galad das Heer an. Er bestellte Isildur und die anderen Hauptleute zu sich, um ihre Strategien und Vorschläge anzuhören.

"Erzählt uns von den Festungen, die es hier in der Nähe geben soll, Isildur" sagte Gil-galad. "Ihr kennt diese Gegenden hier wohl am besten, nehme ich an."

"Gewiß" antwortete Isildur. "Ich kenne diese Festungen, weil ich es war, der sie zum Schutz Gondors bauen ließ. Am Südufer der Südlichen Biegungen liegen drei von ihnen auf der Seite Calenardhons. Auf unserer Seite liegen ebenfalls drei, aber weiter entfernt vom Fluß, nach Osten landeinwärts gelegen.
Sie sind allesamt dafür gebaut, Besatzungen von höchstens hundert Mann aufzunehmen, aber die Bevorratung reicht für eine dreimonatige Belagerung aus. Nun weiß ich aber nicht, ob sie noch intakt sind und ob der Feind sie eingenommen hat. Bei unserer Flucht deckten sie für eine Zeitlang unsere Flanken, aber zu dieser Zeit glaubte Sauron noch, wir seien in Minas Anor und nicht auf den Ebenen."

"Jetzt wißt Ihr alles, was Isildur über diese Festungen weiß" bemerkte Gil-galad. "Was meint Ihr, sollen wir jetzt tun?"

"Ich würde Kundschafter aussenden, um herauszufinden, ob Saurons Heere diese Festungen besetzt haben" schlug Elfwine vor.

"Ich würde es nicht tun" warf Elrond ein. "Wenn nur ein Kundschafter in die Hände des Feindes fällt, weiß Sauron, was los ist, auch wenn der Kundschafter tot sein sollte. Was macht einer der Dùnedain oder Éothéod so weit südlich? Noch weiß Sauron wohl nichts über unser Kommen, sonst wären wir schon längst seinen Dienern in unangenehmer Weise begegnet."

"Das ist alles richtig, weise, wohlgesprochen" sagte Gil-galad. "Aber das bringt uns noch immer nicht weiter. Wie sollen wir jetzt vorgehen? Ich wäre dafür, daß unser Heer weiter gen Süden zieht, komme, was wolle. Wenn es dann irgendwelche Feinde geben sollte, die sich uns entgegenstellen, dann kommt es eben so. Was nützt es uns, unser Vorrücken geheimzuhalten? Es wird Zeit, daß wir uns dem Feind stellen. Außerdem könnten wir so die Besatzung von Minas Anor entlasten."

"Das erscheint mir ebenfalls als bestmögliche Lösung" sagte Isildur. "Ich bin zwar dagegen, Saurons Macht schon jetzt auf den Plan zu rufen, solange wir noch weit von Mordor entfernt sind. Denkt daran, unser Ziel ist es, ihn zu stürzen. Der Überraschungseffekt wäre hierbei ein Vorteil, den ich nicht missen möchte. Allerdings vermute ich, daß die Festungen, wenn überhaupt, nur schwach besetzt sind. Sauron erwartet unseren Angriff vom Westen und nicht vom weglosen Norden aus. Dort, an der Pforte von Calenardhon hat er starke Verbände zusammengezogen. Im Norden hat er ja noch Dol Guldur."

"Und woher wißt Ihr das?" fragte Gil-galad staunend.

"Herr, Gondor mag zwar klein geworden sein, besiegt ist es aber noch nicht. In versteckten Tälern des Weißen Gebirges und verstreut auf den weiten Ebenen von Calenardhon leben noch einige wenige Dùnedain. Seit unserem Aufbruch von Bruchtal spähen sie die Bewegungen des Feindes aus. Und diese Nachrichten gelangen auf Wegen zu mir, die ich hier nicht nennen möchte.
Vor wenigen Tagen erst erhielt ich Kunde davon, daß ein starkes Orkheer auf die alte Nord – Süd – Straße geschickt wurde, um sie an der Pforte von Calenardhon zu besetzen, denn es geht das Gerücht um, daß sich ein Heer erhoben habe, um Númenor zu rächen und Sauron seiner gerechten Strafe zuzuführen. Es sei von Valinor gekommen und die Heerführer wollten ihre Aufgabe so schnell wie möglich erledigen. Da bietet sich die Nord – Süd – Straße doch geradezu an!
Eines noch möchte ich sagen: das Heer, das womöglich von Valinor kommen soll, das sind wir. Aber Gerüchte verbreiten sich in Mittelerde schneller als ein Lauffeuer, und irgendwer muß diesen Unfug in die Welt gesetzt haben. Aber es gibt nichts, was uns nichts nützt.
Schließlich bindet die Furcht Saurons vor den Valar starke Verbände, was unser Vorhaben leichter macht."

"Das mag wohl stimmen" lachte Gil-galad. "Wir ziehen also weiter." Und sie brachen am nächsten Tag wie gewohnt auf.

Weder an diesem noch an den folgenden Tagen begegnete ihnen ein Feind, auch fanden sie keinerlei Hinweise auf die Anwesenheit von Ork oder Troll. Die Festungen waren allesamt noch in dem Zustand, in dem die Dùnedain sie verlassen hatten. Isildur selbst schloß ein Tor auf, und alles war unverändert und intakt. Und die Festungen wurden wieder von ihren rechtmäßigen Besitzern eingenommen, und damit war das Heer an der nördlichen Flanke gegen Angriffe aus Dol Guldur und dem Düsterwald bestens geschützt.
Ermutigt zogen sie weiter nach Süden. Offenbar war es so, wie Isildur es gesagt hatte. Sauron wartete darauf, daß ein großes Heer ihn von Westen her angreifen würde. Auf das, was vom weglosen, tiefverschneiten Norden her kam, achtete er nicht.
Weiter, weiter gen Süden rückte das Heer der Allianz. Nach fünf Tagen hatten sie den wild zerklüfteten Emyn Muil erreicht, und von Feinden war noch immer nichts zu sehen.

König Gil-galad rief wieder die Hauptleute des Heeres zu sich. Er hatte neue Nachrichten über den Feind.

"Sauron weiß jetzt von unserem Kommen" sagte er. "Unsere Kundschafter sehen eilig herbeorderte Verbände des Feindes. Auch Isildur warnte mich vor ihrem Kommen."

"Wie ist die Verteidigung Saurons organisiert?" wollte Elendil wissen.

"Das, glaube ich, kann am besten Isildur beantworten."

"Sehr wohl" erwiderte Isildur. "Etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem wir die Festungen am Anduin neu besetzten, erreichten mich Nachrichten, daß Sauron seine Heere von der Pforte von Calenardhon abgezogen hat. Woher weiß er plötzlich von unserem Kommen? Erinnert Ihr Euch noch der Landschaft in der Nähe der Festungen? Die Festungen selbst liegen in offenem Ödland, welches man meilenweit überblicken kann. Doch etwa zwei Wegstunden südlich sind bewaldete Hügel. Ich vermute, daß Sauron dort Späher postiert haben muß. Na ja, er weiß jetzt, wo wir sind. Er wird unser Tun jetzt unablässig beobachten.
Die Heere von Calenardhon werden wohl erst in frühestens vierzehn Tagen hier sein können. Andere Verbände werden früher hier sein. Die Belagerungsheere von Minas Anor wurden bereits abgezogen; die Belagerung ist beendet."

"Wann werden sie hier sein?"

"Am Emyn Muil in zwei bis drei Tagen."

"Ich finde, wir sollten dieses Heer nicht unterschätzen" warf Gil-galad ein. "Immerhin hat es Minas Anor drei Jahre lang belagert. Wenn sie sich im Emyn Muil festsetzen, sind sie eindeutig im Vorteil."

"Dann sollten wir einen für uns vorteilhafteren Kampfplatz aussuchen" meinte Elendil. "Wo könnte ein solches Schlachtfeld sein, das wir in wenigen Tagen erreichen können?"

"Wenn ich diese Lande richtig in Erinnerung habe, gibt es für eine solche Schlacht eigentlich nur einen geeigneten Ort" sagte Elrond. "Wir sind schon darüber hinweggezogen. Weiter nördlich, aber noch südlich der Festungen der Biegungen des Anduin liegt eine große Ebene. Sie erstreckt sich vom Anduin bis zum Schattengebirge und dem bösen Paß von Udûn. Hart und fest ist dort der Grund, und für einen Hinterhalt oder einen Überraschungsangriff gibt es dort keine Deckung. Vom Süden her ist die Ebene von Sümpfen begrenzt, soweit ich weiß. Was sagt der König von Gondor dazu?"

"Auch ich habe darüber nachgedacht, dort den Ansturm des Feindes abzuwarten" erwiderte Isildur. "Die Ebene ist für unsere Zwecke ideal, bis auf einen Punkt: In unserem Rücken stehen große Heerscharen des Feindes, die von Calenardhon nur noch über den Anduin übersetzen müssen. Wenn die uns in den Rücken fallen, haben wir ein Problem."

"Aber wir haben noch die Festungen" sagte Gil-galad. "Wir haben genug Leute, um sie aus-reichend zu verstärken. Außerdem sagtet Ihr selbst, daß die Heere von Calenardhon in frühestens vierzehn Tagen hier sein werden. Da kann die Schlacht schon gelaufen sein."

"Oder sie ist noch in vollem Gange. Ihre Ankunft würde dann den Feind zur Unzeit stärken. Es sei denn, wir lenken sie ab."

"Wie wollt Ihr das anstellen, Isildur?"

"Anárion hat mit seiner Flotte bereits die Mündungen des Anduin erreicht. Er ist auf dem Weg nach Minas Anor, um es zu befreien. Da sich dies nun wohl erübrigt hat, könnten wir die Flotte ein bißchen auf dem Fluß hin – und herpaddeln lassen. Auf Schiffe achtet Sauron im Moment wohl mehr als auf alles andere. Denkt an die Gerüchte."

"Da Herendil Isildur nun weiß, wie man Sauron narrt, wäre dieses Problem wohl gelöst" sagte Elendil. "Dies konnte er schon in Númenor. Jetzt bleibt für uns nur noch eines zu tun: unsere Position zu besetzen. Nicht weiter gen Süden ziehen, sondern das für uns günstigste Schlachtfeld aussuchen und dort Saurons Angriff abwarten. Auf nun!"

Rasch zog sich das Heer nun gen Norden zurück. Sie erreichten sehr bald die große Ebene von Dagorlad, die sie als Schlachtfeld ausgewählt hatten. Es war gut, daß sie sich schnell auf dem Schlachtfeld einrichten konnten, denn bald schon erreichten schlechte Nachrichten die Heerführer.
Anárion war es zwar gelungen, in Pelargir zu landen, aber es erwarteten ihn dort schon starke Verbände des Feindes. Mit seiner baldigen Ankunft war wohl nicht zu rechnen, denn obwohl es ihm gelang, die ihm eilends entgegengeworfenen Feinde zu besiegen, hatte er doch ziemliche Mühe, weiter flußaufwärts zu fahren. Ein Teil des Belagerungsheeres von Minas Anor wandte sich nun gegen ihn, der andere Teil zog gen Norden.

"Ganz gleich, wie es Anárion an den Mündungen ergeht, wir können ihm nicht helfen" sagte Isildur. "Wir müssen hier den Angriff Saurons abwarten. Laßt uns hoffen, daß er seine Kräfte teilen muß und wir dann weniger Mühen haben."

"Wohl gesprochen" sagte Gil-galad. "Verliert Anárion, wird der Feind seine gesamten Kräfte uns entgegenwerfen, und zwar mit seiner ganzen Macht. Wir werden es dann schwer haben.
Gelingt Anárion aber der endgültige Entsatz von Minas Anor, dann haben wir plötzlich die Verbindung zum Meer – und Saurons Westheer von Mordor abgeschnitten. Beides hat Vor- und Nachteile."

Elrond erhob sich. "Bedenkt bei allem, was wir tun, daß Sauron in seinen Taten noch nie berechenbar war. Zu oft schon hat er Dinge getan, mit denen seine Gegner ganz und gar nicht gerechnet haben. Was wird er tun, wenn er in die Enge getrieben wird? Mit Sicherheit nicht auf die Knie fallen und um Erbarmen flehen."

"Damit rechnet keiner" erwiderte Gil-galad. "Wenn ich Sauron aber richtig einschätze, wird er das tun, was er in der Vergangenheit in dieser Situation immer getan hat: er wartet nicht ab, sondern läßt es auf eine offene Feldschlacht ankommen. Deswegen hat er so viele Heere zusammengezogen. Sauron kennt nur Haß und Zerstören, und er hat diese Heere ständig unterhalten, sogar zu Zeiten, in denen wir noch ruhig und beschaulich im Norden saßen und nicht im Traum daran gedacht haben, eines Tages in den fernen Süden in den Krieg zu ziehen. Wenn Sauron sich verteidigen muß, so denkt er, daß er dies mit roher Gewalt am besten kann. Merkt Euch meine Worte: selbst in der aussichtslosesten Situation, wenn seine Niederlage unmittelbar bevorsteht, wird Sauron noch versuchen, so viele Menschen wie nur möglich zu
töten, denn er haßt und fürchtet sie am meisten. Kurz vor der Niederlage wird er am gefährlichsten sein."

"Wohl kaum gefährlicher als jetzt" entgegnete Elendil darauf.

"Denkt daran, er überfiel Gondor im tiefsten Frieden und ohne Vorwarnung. Er trachtet immer danach, zu zerstören, zu töten, und nicht nur die Menschen. Wäre Gondor gefallen und hätten wir nichts unternommen, dann wäre der Norden als nächstes dran gewesen. Aus diesem Grund ist es für uns alle so wichtig, daß diese unberechenbare Gefahr endlich beseitigt wird. Und wir sind gekommen, dies zu tun."

Die Heerführer berieten noch stundenlang über die beste Aufstellung ihres Heeres und über alle möglichen und unmöglichen Aktionen des Feindes. Und später hieß es, die Heerführer berieten darüber drei Tage und drei Nächte lang, und sie erdachten und verwarfen wieder und diskutierten und beschlossen, und dann machten sie, und der Feind rückte immer näher.
Währenddessen wurde Minas Anor wieder belagert, denn Anárion kam nicht voran, und die Zeit wurde allmählich knapp. Saurons Heere trieben auf den Feldern von Calenardhon ihr Unwesen, und es wurde dadurch immer gefährlicher, die geheimen Wege zu der belagerten Festung zu benutzen.
Meneldil ließ deswegen die Nahrungsrationen verkleinern, und alle Augen blickten gen Norden. In der Stadt ging das Gerücht um, daß endlich die Könige der Dùnedain aus den Nebeln des Nordens wie vergessene Rachegötter aus fernen Zeiten in den Süden gezogen waren, um Sauron endlich ins Meer zu treiben. In der Stadt wuchs die Hoffnung, und Saurons Heerführer wurden unruhig. Irgendwie mußten die Dùnedain Nachricht über den Heerzug des Nordens erhalten haben, und alle Winkel dieser Gegend wurden durchsucht. Unzählige Orks schauten unter jeden Kieselstein. Aber nichts wußten sie von den palantirí.

Im fernen Norden, auf der Ebene von Dagorlad hatten die Heerführer des Nordens ihre Heere in der denkbar besten Schlachtordnung aufgestellt, und nun erwarteten sie die Ankunft von Sauron. Und er kündigte sein Kommen an. Über Mordor erhob sich eine gewaltige Wolke, um das Schlachtfeld in eine undurchdringliche Dunkelheit zu hüllen und Sauron hoffte, daß dadurch seine Schachzüge unbemerkt bleiben würden.
Isildur beobachtete im letzten Sonnenlicht eines schönen Frühlingstages die heranziehende Wolke, und seine Miene verdüsterte sich. Die ganze Zeit schon hatte der Ostwind sein Herz verdüstert, und jetzt ahnte er auch, warum.

"Wahrlich, die Wolke komme vom Osten, von Mordor" erklärte Elrond. "Vom Orodruin, dem Schicksalsberg kommt sie, und sie ist ein Bote kommenden Unheils. Eine solche Wolke hing über Eregion, als Sauron es angriff und zerstörte, und eine solche Wolke verdüsterte das Sonnenlicht von Eriador, als Tod und Unheil über diesen schönen Landstrich gebracht wurden."

"Eine schwarze Wolke hing über Númenor, als Sauron den Willen des Königs beherrschte und es ins Verderben stürzte" sagte Elendil mit schreckgeweiteten Augen.

"Ja, über Númenor hing eine Wolke in Saurons Tagen" sagte Isildur. "Aber so schwarz und düster wie diese hier war sie nicht."

"Die Macht der Valar war für Sauron zu stark" erklärte Elrond. "Selbst wenn er Morgoths
Macht gehabt hätte, so wäre Vardas Licht noch immer stärker gewesen. Hier aber, im Zwielicht der Welt, wo die Sonne schwächer ist, kann er nicht nur unsere Herzen verdunkeln."

Schweigend betrachteten sie nun die hoch aufragende, unheilverkündende Wolke. Könnte man nicht diese List des Feindes zu eigenen Gunsten verwenden?


Schließlich rührte sich Isildur wieder. "Wir sollten wegen der drohenden Dunkelheit heute nacht Wachtfeuer brennen lassen."

"Na ja, also abgesehen von Rufen oder dem Schreiben persönlicher Einladungen kenne ich keine bessere Möglichkeit, dem Feind unseren Standort anzuzeigen, als mit weit über die Ebene leuchtenden Wachtfeuern" wandte Elendil ein.

"Eben" sagte Isildur ungerührt. "Wer sagt denn, daß die Feuer dort brennen müssen, wo wir lagern? Bei dieser Dunkelheit sieht der Feind nicht mehr wie wir. Wir könnten Saurons Heere mit den Feuern in eine für uns günstige Position leiten."

"Interessante Gedanke" bemerkte Elrond. "Aber dann müßten wir unseren Leuten beibringen, im Dunklen zu sehen, oder alles nützt uns gar nichts."

"Nun, Meister Elrond, wir haben Euren Rat, möglichst in Senken und tieferliegenden Gebieten zu lagern befolgt. Das Hauptheer ist noch an den Bergflanken des Emyn Muil. Wir müssen, glaube ich, nicht auf Feuer verzichten. Der Feind rückt vom Süden her vor, wo das Gelände hügelig ist. Wir hätten noch genug Zeit, uns vollständig in Deckung zu begeben, und dann warten wir in aller Ruhe auf das Näherkommen des Feindes. Am Emyn Muil sind wir in guter Deckung, und trotzdem können wir schnell die Ebene erreichen."

"Gut Unsere Späher werden auf der Ebene große Feuer unterhalten und dabei nebenbei den Feind beobachten. Ich werde entsprechende Anweisungen erteilen" sagte Elendil.

Und sie ritten von der Anhöhe zurück zum Heer und bereiteten ihren Aufbruch zum Emyn Muil vor. König Gil-galad war mit Isildurs Plan mehr als einverstanden, denn er hatte bis jetzt noch keinen Einfall gehabt, was die kommende Schlacht anging. Außerdem lenkte die Dunkelheit ihn ab, und Isildurs Plan, auf den Höhen des Emyn Muil das Näherkommen des Feindes abzuwarten erschien ihm weise.
So kam es, daß noch am gleichen Tage das Heer auf dem Weg zu den Bergen am Anduin war, wo die Zwerge noch lagerten. Sie wollten dort bleiben, um einen Ausguckposten auf dem Amon Hen, dem höchsten Berg des Emyn Muil zu unterhalten und die Westflanke vor feindlichen Attacken zu schützen. Zu den östlichen Hängen war es nicht weit gewesen, da sich das Heer noch weit im Westen der Ebene von Dagorlad aufgehalten hatte, und nach einem Nachtmarsch hatten sie das östlichste Lager der Zwerge erreicht.
Der Morgen kam, wenn man ihn denn noch Morgen nennen konnte. Das Land wurde in ein fahles graues Licht getaucht, das nichts erhellte. Doch für kurze Zeit durchbrach ein Sonnenstrahl der aufgehenden Sonne das schwarze Dach dunklen Brodems, und die Ebene lag offen zu ihren Füßen. Weit und breit war nichts zu sehen, was auf Bewegungen des Feindes schließen lassen konnte. Hoffnung keimte in ihren Herzen auf, doch dann schloß sich die Lücke im undurchdringlichen Wolkendach wieder, und Düsternis senkte sich wieder auf ihre Herzen.

Ein Bote König Gil-galads näherte sich Isildur und rief ihn zum Rat des Königs. Der letzte Kriegsrat vor der großen Schlacht.
Gil-galad war noch weiter in den zerklüfteten Emyn Muil gezogen, und um sein Heerlager hatte er eine dichte Kette elbischer Späher postiert, die kein Feind durchdringen konnte.
Dorthin war Isildur, geführt von dem Boten nun unterwegs, und er achtete nicht mehr auf die Tageszeit, denn alles war dunkel, und im Dunklen stolperten sie voran wie Blinde.

Isildur bemerkte, wie seine Sinne geschärft wurden, obwohl er nichts sehen konnte. Dann und wann knackte ein Zweig oder raschelte Laub, und das Gelände stieg und fiel. Manchmal huschte etwas an ihnen vorbei, ein Hase vielleicht oder ein Eichhörnchen.
Stunden waren sie vielleicht schon unterwegs gewesen, und Isildur schien es, als ob sich roter Feuerschein unter dem Wolkendach wiederspiegelte, und er fragte sich, was das sein könnte.
Was dies anging, so wurde das Rätsel bald gelöst. Auf Gil-galads Geheiß war in der Mitte des Tales ein großes Feuer angezündet worden, um die Dunkelheit aus den Herzen zu treiben. Isildur war vom plötzlichen Licht geblendet, und mit blinzelnden Augen erwiderte er den Willkommensgruß der Elben.


Sechstes Kapitel: Die Schlacht von Dagorlad

Die Heerführer setzten sich um das Feuer, das sie auf Isildurs Rat hin hatten soweit abbrennen lassen, bis es gerade noch groß genug war, ihre Gesichter zu erhellen. Denn den Widerschein des großen Feuers konnte man unter dem Wolkendach weithin sehen.

"Nun denn" sagte Gil-galad und blickte in die Runde. "Hier wären wir nun, und der Feind ist mit Sicherheit nicht mehr fern. Meine Leute beobachten die Ebene unablässig, und dort ist noch nichts zu sehen, aber es heißt, in Ithilien wäre Saurons Aufmarschplatz. Auch wurden Orkspäher aufgegriffen und von Elendils Leuten verhört."

"Und hierbei konnte ich Interessantes erfahren" sagte Elendil. "Der Feind scheint von unserer Heeresstärke zu wissen. Er scheint halb Mordor entleert zu haben, so viele verschiedene Ork-rassen wurden aufgegriffen."

"Das hat nichts zu sagen" entgegnete Elrond. "Sauron hat seine Orks spezialisiert, und hierbei sind viele Rassen entstanden. Aber in dieser Dunkelheit wurden große Bergtrolle gesichtet. Sie sind mit denen, die im Norden leben nicht zu vergleichen, denn die Bergtrolle sind grausamer und kräftiger als diejenigen, die in den Ettenöden leben. Wer weiß, ob diese Bergtrolle wirklich leben, denn sie haben keinen eigenen Willen, außerdem werden sie im Sonnenlicht zu Stein. Ich vermute, Saurons verderbte Zauberkraft hat sie aus eben diesem Material ent-
stehen lassen."

"Auch solche Trolle wurden gesehen" sagte Elendil. "Wenn sie wirklich so stark und doch so verwundbar sind wie Ihr sagt, dann muß Sauron sich seiner Sache entweder sehr sicher sein oder er ist von Zweifeln geplagt."

"Wer weiß, was mit Sauron ist?" sagte Elfwine. "Die Éothéod haben sich schon früher mit solchen Geschöpfen herumschlagen müssen, und sie kamen in der Nacht. Einmal gelang es uns, sie bis zum Morgen hinzuhalten, und siehe da! Kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen sie getroffen, erstarrten sie und wurden zu Stein, und diese Steine stehen dort noch heute, drei Tagesritte nördlich des Carrock am Anduin, und seither wurden wir von diesen Trollen, wie Ihr sie nennt, nicht mehr behelligt."

"Wann war das?" fragte Isildur plötzlich.

"Ach, das ist lange her. Noch vor Eurer Ankunft war es, als wir noch in direktem Kampf gegen den Hexenkönig standen. Wie gesagt, seither hatten wir keine Probleme mehr mit diesen Geschöpfen."

"Aber wir werden sie wohl bald wieder haben" meinte Elendil.

"Und in meinen Augen beweist es, daß Sauron alles auf eine Karte zu setzen scheint. Bedenkt doch, es geht das Gerücht um, die Herren des Westens hätten sich erhoben, Mittelerde von seinem Peiniger zu befreien und Rache für Númenor zu nehmen. Er entblößt sein Land, um uns aufzuhalten. Er setzt seine furchtbarsten und doch verletzlichsten Waffen gegen uns ein. Diese Schlacht müssen wir bestehen, dann dürfte Sauron so weit geschwächt sein, daß unser Sieg in greifbare Nähe rückt."

"Dazu müßten wir wissen, wo Anárion sich zur Zeit aufhält, Isildur. Noch immer wird Minas Anor belagert. Noch ist der südliche Anduin gesperrt. Und Anárion wollte über die See kommen" sagte Ethelred.

"Das ist wahr" antwortete Isildur. "Anárion ist noch unterwegs. Es heißt, er sei an der Südküste gelandet, andere sagen, er sei auf dem Weg zum Anduin. Nur eines vermag ich mit Sicherheit zu sagen: niemand von uns weiß genau, wo er gerade ist."

"Dann müssen wir selbst sehen, wie wir zurechtkommen."

"Ja. Deswegen haben wir uns hier getroffen" sagte Gil-galad. "Und wir haben durchaus die Möglichkeit, mit dem Feind fertigzuwerden. Unsere Späher beobachten den Feind unablässig.
Wir wissen, daß Sauron seine Heere in Ithilien konzentriert hat. Selbst aus Calenardhon hat er den größten Teil der dort stationierten Orks abgezogen. Die Nazgûl, die Ringgeister, entsetzlich unter Saurons Macht, sind sämtlich in Ithilien. Wie es scheint hat er wohl vor, uns mit einem vernichtenden Schlag zu besiegen."

"Warum will er das? Er hat Angst" warf Elendil ein. "Angst vor dem Zorn der Valar, denen selbst Morgoth, sein Herr, zehnmal stärker als er, nicht widerstehen konnte. Er weiß, daß sie noch nicht hier sind. Was er nicht weiß ist, daß sie nicht kommen werden; noch weiß er es nicht. Unsere Chance ist es, diesen Zweifel möglichst lange aufrechtzuerhalten. Sauron zieht seine Heere zusammen, aber er hat den Aufmarsch noch nicht vollendet. Wenn wir ihn jetzt angreifen und nicht den Angriff abwarten wird er wohl glauben, sein Schicksal ist jetzt über ihn gekommen."

Die Heerführer schwiegen, und Isildur starrte nachdenklich ins Feuer. Wer wußte schon genau, wo Sauron seine Heere hatte und wie stark er wirklich war. Und doch, die Zeit drängte. Minas Anor würde der Belagerung wohl nicht mehr lange standhalten.

"Wir sollten angreifen" sagte er dann. "Noch hat Sauron den Aufmarsch nicht vollendet, und wir könnten Verwirrung stiften. Jedenfalls soviel, daß die Belagerungsheere von Minas Anor abgezogen werden, und möglicherweise erleichtern wir damit Anárions Vorrücken."

"Noch hat Sauron den Aufmarsch nicht abgeschlossen, sagt Ihr" bemerkte Elrond. "Aber wir sollten bedenken, daß es auch so schon schwer genug werden dürfte, den Feind zu besiegen. Noch sind die Heere aus Calenardhon nicht eingetroffen, sagt Ihr. Was ist, wenn sie uns in den Rücken fallen?"

"Wenn wir noch länger warten wird dies noch schlimmer sein als wenn wir jetzt schon mit einem Teil der feindlichen Heere fertiggeworden sind" entgegnete Isildur.

"Bedenkt den Überraschungseffekt" ergänzte Gil-galad. "Warten wir nicht länger ab! Saurons Späher werden unseren Rückzug zum Emyn Muil beobachtet haben. Um so verblüffter wird Sauron dann sein, wenn wir plötzlich nach Ithilien vorstoßen. Auch wenn in unserem Rücken Verbände aus Calenardhon stehen dürfte einige Zeit vergehen bis sich der Feind gefangen hat."

"Wenn wir ihn nicht vorher gefangen haben" lachte Isildur.

"Deswegen heißt es schnell handeln. Wir sollten jetzt ruhen und dann vorstoßen. Sagen wir, in acht Stunden brachen wir auf. Dann werden wir in zwei oder drei Tagen auf die ersten feindlichen Verbände stoßen, und dann wollen wir sehen, was wir nachher wirklich ausrichten können."

Mit diesen Worten König Gil-galads wurde die Ratsversammlung beendet und jeder ging zur Ruhe. In der Düsternis ging jedes Zeitgefühl verloren, und weder Isildur noch Elendil wußten, ob es jetzt draußen in der Welt Tag oder Nacht war. Nur eine große Müdigkeit umfing sie, und sie fielen in einen traumlosen Schlaf.
Tatsächlich war es Nacht draußen in der Welt, wo keine Düsternis die Herzen verdunkelte. Dort draußen war Anárion mit seinen Seefahrern unterwegs. Sie segelten entlang der Südküste von Gondor, und kein Schatten fiel auf sie. Doch sie sahen die große Wolke im Tal des Anduin.
Wo sie auch anlegten wurden sie von den unterdrückten Völkern mit Jubel begrüßt, und die Unterdrücker flohen hinein in den Schatten. Und Anárion gelang es, ein großes Heer zu sammeln, das ihm zu Lande und zu Wasser folgte.
Drei Monate war er nun schon auf See, und ihm war dort kein Feind begegnet. Die Trümmer von Vinyalonde lagen grau und verlassen an den Ufern der Grauflut, und auf dem Kap von Andrast, der äußersten Spitze von Mittelerde war niemand zu sehen, weder Freund noch Feind. Immer weiter östlich waren sie dann gesegelt, getrieben von günstigen Winden. Und sie waren von den Unterdrückten bejubelt worden, als sie an den traurigen Gestaden Mittelerdes landeten wie Rachegeister längst vergessener Ermordeter, getragen vom Sturmwind des Zorns. Und die Gerüchte über Anárions Landung erreichten sogar Sauron und die Heerführer des Westens.
Jetzt hatten sie die Mündungen des Anduin erreicht, und sie änderten ihren Kurs. Jetzt segelten sie gen Norden, den Fluß hinauf, um das belagerte Minas Anor zu befreien.

Zur gleichen Zeit waren die Heerführer des Westens zur Ruhe gegangen, denn sie wollten bald den Feind angreifen. Vergessen von der Welt, wo die Sonne ungestört ihre Bahnen zog waren sie, und doch nicht auf sich allein gestellt. Ein warmer Südwind wirbelte die oberen Luftschichten durcheinander und brachte Anárion voran.
Der Morgen war weniger düster als die vorangegangenen Tage. Bald war das Heer aufbruchsbereit, und langsam und schweigend zogen sie los. Wie eine schwarze Flut ergossen sie sich in die Ebene; leise, aber stetig ansteigend, unaufhaltsam und unbarmherzig alles hinwegspülend, was sich ihnen in den Weg stellte.
Sie trugen keine Fackeln und Späher gingen dem Heer voraus und brachten alles in Erfahrung was für die Heerführer wichtig war. Ob es an besonderen Fähigkeiten dieser elbischen Späher lag oder es vom Schicksal so gewollt war, wurde keiner der Kundschafter vom Feind gefangengenommen oder getötet oder auch nur gesehen. Zweifellos war ihnen Saurons Dunkelheit hierzu sehr nützlich, obwohl er sie doch vom Orodruin ausgesandt hatte, um seine eigenen Bewegungen zu verheimlichen.
Die große Ebene des Dagorlad verließen sie, und unbemerkt drangen sie in Ithilien ein. Nichts wußten die feindlichen Heerführer vom Vorgehen Gil-galads, und heimlich und leise wurde ein Orklager nach dem anderen umstellt und ausgelöscht. Und nach einer Woche hatten sie das Lager des Hauptheeres erreicht, das in Höhe von Minas Ithil lag. Und die Heerführer des Westens stellten leise ihre Truppen auf, und plötzlich, wie aus dem Nichts erschallten die Trompeten von Gondor und rissen Orks, Trolle und Nazgûl aus dem Schlaf.
Und siehe da! Gerade als die Heerführer des Westens, der Allianz der freien Völker die Trompeten der Herolde als Herausforderung erschallen ließen, kam ein starker Westwind auf, der die Düsternis verbreitende Wolke von Mordor vertrieb.
Das helle Sonnenlicht blendete die Augen der Krieger des Westens, und Hoffnung keimte in ihren Herzen auf. Denn der Feind wurde durch das reine, klare Sonnenlicht geschwächt. Den Orks wurden die Knie weich und die Arme schlaff und die durch bösen Zauber geschaffenen Trolle wurden wieder zu dem, woraus sie gemacht waren: zu Stein. Vorwärts rückten die Heere des Westens und Sauron konnte ihnen nichts entgegenstellen.
Viele Orks wurden niedergehauen, als sie gen Osten flohen, aber die meisten konnten in den unwegsamen Dickichten des Ered Lithui und des Ephel Dûath entkommen. Elendil befahl den Truppen, nur noch die Stellung zu halten. Zu groß wurde jetzt die Gefahr, daß sich die Heere bei der Verfolgung der Feinde zerstreuten und dann in der Nacht womöglich einzeln angegriffen werden konnten. Außerdem war die Zeit noch nicht reif, in Mordor einzumarschieren.
Außerdem meldeten die Kundschafter, daß das Belagerungsheer von Minas Anor jetzt auf die Heere des Westens zumarschierte, und sie wurden vom Sonnenlicht nicht gebremst.

"Jetzt besteht für Minas Anor wirklich Hoffnung" rief Isildur, als er von dem Abzug hörte.

"Hoffnung besteht fürwahr" entgegnete Elendil. "Aber jetzt müssen wir mit ihnen fertigwerden. Und ihr Kampf wird verzweifelt sein: sie sitzen in der Zange. Vom Norden drohen wir, der Osten ist zum Ausweichen zu unwegsam, vom Westen setzen die Dùnedain aus Minas Anor nach, und im Süden ist wohl auch kein Durchkommen. Anárion ist gelandet."

"Ist er?"

"Ja, und er wird in Kürze mit Meneldil zusammentreffen. Dann steht nur noch das Heer des Feindes zwischen uns. Und sie könnten selbst wenn sie wollten nicht ausweichen. Aber ich fürchte, unser zusammentreffen wird wohl noch ein Weilchen dauern. Wir ziehen uns nach Norden zurück, in die Ebene von Dagorlad. Das ist für uns das beste Schlachtfeld."

Und so geschah es. Die Nacht verbrachten sie noch in Ithilien, und die Wachtfeuer brannten hell und waren weithin zu sehen. Und am nächsten Tag bereiteten sie sich auf die große Schlacht vor, die nur ihr Vorspiel gehabt hatte. Doch die Sonne schien hell und klar, und die Vögel sangen.
Die Heerführer trafen sich, um die letzten Nachrichten auszuwerten, die die Kundschafter gesammelt hatten. Das große Südheer des Feindes war zerstreut und gen Osten vertrieben worden, das Belagerungsheer von Minas Ithil zog den Anduin herauf. Im Osten, in Udûn, der Ebene zwischen den Grenzgebirgen von Mordor, begrenzt von zwei namenlosen Pässen, sammelte Sauron alle Krieger, deren er habhaft werden konnte.

"Nun, fürs erste haben wir uns behaupten können. Aber was jetzt auf uns zukommt wird härter sein" sagte Elendil.

"Das wird es zweifellos" antwortete Gil-galad. "Doch um wieviel härter, möchte ich wissen. Welche Kräfte stehen Sauron zur Verfügung? Welche wir haben, wissen wir. Aber was hat die Gegenseite?"

"Schätzungsweise achtzigtausend Orks, fünfzigtausend Menschen und etwa tausend Trolle hat der Feind den Schätzungen unserer Kundschafter zufolge unter Waffen" antwortete Isildur. "Doch es mag sein, daß sie nur einen Teil des feindlichen Heeres zu sehen bekamen. Es kann also durchaus sein, daß Sauron noch größere Kräfte zur Verfügung hat, von denen wir nichts wissen."

"Wohl wahr" meinte Elrond. "Unterschätzt die Bosheit Saurons nicht. Doch wenn er mehr als nur gleichstark zu unseren Kräften ist, dürfte das an ein Wunder grenzen. Vor vielen Jahren erforschte ich selbst die Lande. Mordor war damals gerade in der Lage, etwa achtzigtausend Bewohner zu ernähren. Damals lag keine Dunkelheit über dem Land, und es war fruchtbarer als heute. Saurons Zauberkünste mögen vielleicht stark sein, doch eines müssen alle seine Diener und Sklaven: essen und trinken."

"Aber wissen wir wirklich, von woher er Nachschub erhält? Was ist mit den Landen südlich von Mordor?"

"Südlich von Mordor ist ein etwa achtzig Meilen breiter Landstrich an den Ufern des Harnen. Einstmals war er von Gondor beansprucht. Aber entlang des Flusses liegen ausgedehnte Sumpflandschaften. Viel kann Sauron nicht aus diesem Land herausholen. Und südlich davon ist nur noch Wüste."

"Aber Ihr sprecht nicht vom Osten" warf Ethelred ein. "Mein Volk sammelt in Friedenszeiten Neuigkeiten von überall her. Es heißt, wilde Menschen leben weit jenseits in den Ebenen und Wäldern von Rhûn. Es ist zu befürchten, daß Sauron diese schon versklavt hat."

"Das steht zu befürchten" erwiderte Elrond. "Tatsächlich stehen Menschen in Saurons Diensten, freiwillig oder gezwungen. Die, die ihm dienen hat er aufmarschieren lassen, wir kennen ihre Zahl. Ich glaube nicht, daß er noch mehr Menschen bekommen kann."

"Ich auch nicht" ergänzte Elendil. "Die Kundschafter berichteten davon, daß die Menschen immer zusammen mit Orks marschieren. Es sieht wohl ganz so aus, als ob sie von ihnen bewacht werden."

"Nun denn. Auf alle Fälle sind sie auf dem Weg hierher" sagte Gil-galad. "Wir sind jetzt auf unserem ausgewählten Schlachtfeld, und der Boden ist eben und hart. Die Festungen an den Biegungen des Anduin sind von uns bemannt, so daß vom Norden keine Gefahr droht. Anárion ist auf dem Weg hierher, er bringt das Hauptheer von Minas Anor mit. Saurons Hauptheer ist noch drei Tagesmärsche entfernt, aber wir müssen schon heute mit Scharmützeln rechnen."

"Dann heißt es jetzt abwarten" sagte Isildur. "Anárions Kommen können wir weder beschleunigen noch bremsen. Wir müssen sehen, was passiert. Ich habe die Wachen bereits verstärkt, und Wachtfeuer brennen hell über die Ebene. Außerdem ist nichts vom Kommen einer neuen Dunkelheit zu sehen, außer der der Nacht."

"Dann ruhen wir uns jetzt aus. Bald werden wir dazu keine Gelegenheit mehr haben" meinte Gil-galad.

Die Heerführer legten sich zur Ruhe, und in dieser Nacht kam es zu keinen Zwischenfällen. Der Morgen war klar und strahlend, und die Wachposten sahen weit in die Ebene. Gil-galad hatte seine besten Kundschafter für diese Aufgabe ausgewählt, und ihre scharfen Augen waren fast so gut wie die der Adler des Nebelgebirges. Weit blickten sie, und sie sahen, daß sich ein großes, schwarzes Heer aus Udûn ergoß, aber es wurde durch nichts beschattet. Noch immer wehte ein starker Westwind.

Gegen Mittag kam es zu den ersten Scharmützeln. Kleine Banden herumstreifender Orks griffen die Außenposten des Heerlagers an. Isildur fragte sich, durch welchen Zauber sie dem Sonnenlicht widerstehen konnten.
Nach und nach wurden die Angriffe vehementer. Aber der große Ansturm blieb noch aus. Die Nacht war unruhig, aber es passierte nichts Besonderes.

Am nächsten Morgen hörten plötzlich die Angriffe auf. Die Wachposten sahen, wie sich der Feind in doppelter Bogenschußweite entfernt sammelte. Der große Angriff, die Eröffnung der großen Schlacht stand unmittelbar bevor.
Die Heerführer der Allianz brachten ihre Heere in die beste auf dem Gelände mögliche Schlachtordnung. Ein Schildwall stellte sich dem Feind entgegen, und dahinter warteten die Ritter von Arnor und Gondor. Auf einer Anhöhe standen Bogenschützen, die mit den gefürchteten númenórischen Stahlbogen weiter schossen als jeder Weidenbogen und große Wolken gefiederten Todes auf die feindlichen Reihen niedergehen ließen. Die nördliche Flanke wurde von den wendigen Reitern der Éothéod gesichert, und Zwerge und Elben warteten hinter ihnen, um gegebenenfalls in den Kampf einzugreifen.
Von Süden und Osten drückte der Feind gegen die Linien der Allianz, und an den südlichen Linien stand Isildur mit seinen Rittern des Königshauses von Gondor, begierig, die Feinde zu vernichten, die noch zwischen ihnen und Anárion standen. Hart und verbissen waren die Kämpfe dort, denn für das Heer, das lange Jahre die Bevölkerung von Minas Anor belagerte und drangsalierte und fast verzweifeln ließ kannten sie keine Gnade, und es verzweifelte jetzt selbst. Mit jeder Stunde, ja jeder Minute schwand ihre Hoffnung, zum großen Hauptheer vorzustoßen. Verzweifelt und verbissen fochten die Orks, und hart und grimmig waren die Dùnedain. Lange Zeit wogte der Kampf unentschieden hin und her. Oft sah es so aus, als ob die Dùnedain sich durchsetzen würden, und oft schien es, als ob die Orks den Kampf für sich gewinnen würden. Aber Isildurs Mannen behielten die Oberhand, und als Isildur den großen Orkhäuptling niederstreckte, war der Sieg nur noch eine Frage der Zeit. Die wenigen übriggebliebenen Orks wehrten sich noch verzweifelt, denn Isildur gestattete ihnen nicht, zu fliehen und Saurons Hauptheer zu verstärken. Vollständig eingekreist dauerte es nicht lange, bis alle niedergemetzelt waren. Isildur war zwar bei diesem unschönen aber notwendigen Kampf anwesend, aber er hatte sein Schwert weggesteckt. Einen Gegner im Kampf zu besiegen war seine Aufgabe, aber dieses Blutbad war ihm ein Greuel, so notwendig es auch sein mochte.
Währenddessen waren Elrond, Gil-galad, Ethelred und Durin damit beschäftigt, die immer heftiger werdenden Angriffe des Hauptheeres abzuwehren. Der Tag neigte sich seinem Ende zu und mit der aufkommenden Dämmerung wurden die Orks stärker und die Trolle aus ihren dunklen Verstecken geholt.
Isildur wußte sehr wohl, in welcher Gefahr das Heer der Allianz an der östlichen Front war. Er ließ die Reihen seiner Ritter durch Zwerge aus Moria ersetzen, die robust und kräftig waren und jedem Ansturm widerstehen konnten. Isildur hatte vor, während der Nacht das Heer des Feindes in Verwirrung zu bringen, indem er einzelne Orkgruppen angreifen wollte, die sich im vermeintlich sicheren Hinterland befanden.
Heimlich und leise waren sie im Dunkel der Nacht verschwunden, und sie umgingen das feindliche Hauptheer, das von hellen Wachtfeuern umgeben war in einem weiten Bogen. Es bedurfte keiner großen Kunst, marodierende Orkbanden zu finden und ohne große Zeitverschwendung zu eliminieren. Und bis die Nachricht über den Überfall die feindlichen Heerführer erreichte, waren Isildurs Mannen längst woanders.
Die Schlacht war längst im Gange, und Elendil und Gil-galad fochten in erster Reihe. Die Orks und Trolle griffen mit großer Wucht an. Elrond und Ethelred standen auf einem Hügel. Elrond runzelte die Stirn.

"Wo steckt Isildur? Er müßte doch im Südabschnitt sein." Elrond war es nicht entgangen, daß die Dùnedain des Südens durch Zwerge ersetzt worden waren.

"Was Herr Isildur vorhat, weiß ich nicht" antwortete Ethelred. "Doch ich schätze, es wird seinen Sinn haben."

"Wenn Isildur etwas vorhat, dann hat es Hand und Fuß" ergänzte Elfwine. "Das war schon in der Schlacht am Evendim – See so."

"Nun, wir können es jetzt sowieso nicht ändern. Reiten wir in die Schlacht!"

Obwohl Mitternacht vorüber war, tobte die Schlacht in unverminderter Stärke. Elendil wunderte sich nur über die zunehmende Verwirrung in den Reihen der Feinde. Er wußte nichts von Isildurs Vorgehen, denn nur wenige Elben und Zwerge waren eingeweiht.
Elendil und Gil-galad gaben den Befehl aus, nur die Stellung zu halten. Sie wußten nicht, was sich genau in den feindlichen Reihen tat, und für eine sichere Aufklärung war es noch zu dunkel.
Der Kampf wogte unentschlossen hin und her. Sauron wagte er s nicht, seine Leute vorwärts drängen zu lassen. Er war beunruhigt über die Nachrichten von kühnen Reitern, die über seine gefürchteten Orks ausgerechnet in der Nacht, wo sie am stärksten waren herfielen wie Räuber über ahnungslose Bauern. Sauron gab Befehl, mit allen Mitteln diese Reiter zu fangen. Das schwächte die eigentliche Hauptlinie. Und Elendil wußte nicht, was los war. Und was war vor allem mit Isildur?

Drei Stunden vor dem Morgengrauen fand Isildur, daß er mit seinen Leuten genug Verwirrung gestiftet hatte. Außerdem wurde ihm der Boden zu heiß. Es war nun nicht leicht, den vielen Orkgruppen ungesehen auszuweichen, aber es gelang. Sie hinterließen keine Spuren und verschwanden wie ein leiser Nachtwind. Eine Stunde vor dem Morgengrauen erreichten sie wieder die Südflanke. Isildur machte sich sofort auf den Weg zu Elendil und Gil-galad.

Der Kampf wogte noch immer hin und her. Die Heerführer hatten sich auf einem niedrigen Hügel versammelt und beratschlagten die Situation, die für sie mindestens genauso verwirrend war wie für den Feind.
Isildur lauschte belustigt der aufgeregten Diskussion. Dann trat er aus dem Halbdunkel heraus.

"Da bist Du ja!" rief Elendil.

"Ja wieso? Was sollte denn sein?"

"Und wo warst Du?"

"Unterwegs. Ich dachte, ich sehe mir die Gegend hinter den feindlichen Linien an. Nun, die Leute dort sind aber nicht gerade gastfreundlich."

"Das glaube ich Dir glatt. Und vermute ich richtig, daß Dein Besuch etwas Verwirrung unter den Orks gestiftet hat?"

"Könnte sein. Wenn die einem dauernd im Weg sind. Aber der Morgen graut. Wir sollten die Gunst der Stunde nutzen."

Dem stimmten die anderen Heerführer zu. Und gerade als die Sonne aufging begann der große Angriff der Allianz. Sauron versuchte noch, die ominösen Reiter zu finden und wurde
vom plötzlichen und unerwarteten Angriff überrascht. Menschen, Elben und Zwerge griffen mit großer Vehemenz an und überrannten die müden und abgekämpften Orks. Elendil ließ frische Kräfte auf das Schlachtfeld strömen und hieß vor allem Isildur, sich jetzt auszuruhen.
Die Reiter strebten im gestreckten Galopp gen Osten und hieben alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Ein anderer Teil des feindlichen Heeres versuchte, in Richtung Westen, zum Anduin zu entkommen.

Isildur (der nicht im Traum daran dachte, sich jetzt auszuruhen) überließ die gen Osten fliehenden Feinde den anderen Heerführern und wandte sich dem Anduin zu. Obwohl er die ganze Nacht über unterwegs gewesen war, war beim Anblick des Flusses alle Müdigkeit von ihm gefallen. Es waren weniger die Wasser des Anduin, die ihn aktiv werden ließen als vielmehr die Schiffe, die darauf schwammen. Es waren weiße Schiffe elbischer Machart, schön anzusehen. Sauron benutzte solche Schiffe nicht.
Aus diesen Schiffen entstiegen Krieger, die sofort die fliehenden Orks angriffen. Trotz der Entfernung erkannte Isildur, wer aus den Schiffen ausgestiegen war.
Trotzdem hieß er seine Mannen, nicht zu schnell zum Ufer vorzustoßen. Isildur wußte, daß Orks, die in die Enge getrieben wurden sehr gefährlich sein konnten.
Anárion wußte das auch. Und auch er war vorsichtig. Sie hatten den Feind jetzt eingeschlossen, und die Gegenwehr war heftig.

Als sich auch dieser Tag seinem Ende zuneigte, war es vorüber. Die Orks und Trolle waren entweder vernichtet oder geflohen. Die Nazgûl waren von der Bildfläche verschwunden.
Isildur und Anárion sahen sich jetzt, nach einem halben Jahr endlich wieder, und für einen kurzen Moment war der Krieg vergessen.

Elendil und Gil-galad setzten dem fliehenden Feind nach. Bald hatten sie die ganze Ebene durchmessen und waren ohne auf Gegenwehr zu stoßen nach Udûn eingedrungen. Elendil ließ Halt machen. Sie benötigten dringend eine Rast, außerdem wollten sie auf Isildur und Anárion warten. Und Elendil war gespannt auf das, was Anárion von seiner Fahrt berichten würde. Und Meneldil, der Statthalter von Minas Anor war auch zu ihnen unterwegs.
Sie verbrachten eine friedliche Nacht, und am nächsten Morgen begannen sie ihren Einmarsch nach Mordor.
Viele Elben, Menschen und Zwerge waren gefallen, Bedeutende und unbedeutende, aber dennoch waren die meisten unbeschadet und guten Mutes. Rot war der Boden gefärbt und rot fiel der Tau, getränkt vom Blut gefallener Feinde. Isildur ließ die Gefallenen der Allianz von seinen Leuten bestatten, dann brach auch er zu Elendils Lager auf.


Siebtes Kapitel: Das Leben normalisiert sich

Es war keine Frage, daß die Heere der Allianz in Mordor einmarschieren würde. Sauron hatte in der Schlacht von Dagorlad schwere Verluste erlitten und zog sich jetzt so schnell wie es ihm nur möglich war zurück.
Als Isildur das Lager Elendils erreichte, lag das Land in einem Frieden, das es lange nicht gekannt hatte. Obwohl sich die Nacht bereits auf das Land gesenkt hatte, verspürte niemand Angst oder Furcht. Anárion und Meneldil betrachteten schweigend das große Schlachtfeld.

"Willkommen, Anárion und Meneldil" sagte Elendil zu ihnen. "Nach langer Zeit ist die Hoffnung wahrlich größer als die Furcht. Willkommen, Anárion, lange währten Deine Mühen an den Küsten. Willkommen, Meneldil, lange mußtest Du aushalten, und doch wird Deine Mühe jetzt belohnt."

"Wir hatten vielleicht Mühen, aber zumindest bei mir war sie nicht allzu groß" sagte Anárion.
"Nach unserem Aufbruch von Harlond und Forlond an den Grauen Anfurten von Mithlond segelten wir lange die Küsten gen Süden entlang. In Vinyalonde, der alten Hafenstadt von Númenor verweilten wir eine Zeitlang und suchten nach Feinden im Rücken von Gondor, aber wir fanden nichts. Die Bevölkerung von Dunland lebte in Furcht vor Überfällen von Orkbanden, die sich in Calenardhon und westlich davon herumtrieben, aber die letzten Überfälle lagen schon Monate zurück. Da vermutete ich, daß das Heer endlich aus dem Norden aufgebrochen war und beeilte mich meinerseits, die Küsten von Gondor zu erreichen.
Lange war das Wetter ungünstig, und wir mußten zu den Rudern greifen. Doch wir kamen langsam, aber stetig unserem Ziel näher. Anfalas und Belfalas waren völlig menschenleer, und ich vermutete, daß die dort lebenden Völker in die Berge geflohen waren. Weiter fuhren wir, jetzt Richtung Osten, den Mündungen des Anduin zu. Wir sahen, daß über den Flußlanden eine große Wolke hing, aber sie war nicht so groß und umfassend wie die, die wir bei unserer ersten Landung sahen. Gerade als wir in den Anduin einbogen, erhob sich der West-wind, und wie durch eine seltsame Laune der Natur verfing er sich im Tal zwischen dem Weißen und dem Schattengebirge und kam für uns genau südlich. Schnell, sehr schnell kamen wir jetzt voran, und bei Minas Anor konnten und wollten wir nicht anhalten, denn vor uns trieb die Burgbesatzung unter Meneldil den Feind gen Norden. Und auf dem Schlachtfeld trafen wir uns dann."

"In Minas Anor, dem Turm der Sonne waren die Mühen fürwahr größer" sagte Meneldil. "Nicht immer schien die Sonne auf uns, und oft versuchte der Feind, unsere Mauern zu berennen. Immer scheiterte er an den Außenmauern, denn sie sind dick und fest. Häufig versuchten sie das Tor zu berennen, aber auch das schlug fehl, und außer Verlusten hatte der Feind nichts davon.
Dann, so schien es, übernahmen die Nazgûl die Führung des feindlichen Heeres. Jedenfalls haben wir sie vor anderthalb Jahren zum ersten Mal gesehen. Als sie versuchten, das Tor einzuschlagen spürte man förmlich, daß ein böser Zauber darauf gelegt wurde. Die Luft prickelte geradezu, und wir fragten uns, was jetzt kommen würde. Um uns Mut zu machen, stimmte einer der Hauptleute ein altes Kampflied aus der Zeit des Widerstands in Númenor an. Es handelte davon, daß weder das Dunkel noch das Böse Bestand haben, und daß die Valar denen, die aushalten helfen werden. Und siehe da, just zu diesem Zeitpunkt ging die Sonne auf, und alle Erscheinungen der Nacht verflogen. Und sie rannten gegen das Tor an, aber es hielt stand. Da schien es, als ob der Feind entmutigt war, und sie beließen er vorerst dabei, uns zu belagern. Wir aber vermauerten das Tor von innen.
Wenn sie versuchten, uns auszuhungern, dann hatten sie Pech. Nichts wußte der Feind von unseren geheimen Nachschubwegen, und wir begingen nicht den Fehler, uns draußen offen zu zeigen. Langwierig und vor allem langweilig war die Zeit, denn für Ausfälle gegen den Feind waren wir zu wenige. Wir mußten uns notgedrungen darauf beschränken, abzuwarten, was im Norden passierte. Unsere verdeckten Kundschafter sammelten alle Nachrichten, deren sie habhaft werden konnten. So erfuhren wir schließlich davon, daß sich der Norden erhoben hatte, und wir erfuhren vom Heerzug der Allianz.
Mehrere Male erhielt ich über die palantirí Verbindung zu Isildur, und was er uns berichtete machte uns Mut. Endlich schien ein Ende der Belagerung in Sicht. Und doch war allen klar, daß unsere Situation sich jetzt noch verschlimmern konnte, wenn Sauron in die Enge getrieben würde, und er war noch mächtig und stark.
Es kam wieder zu direkten Angriffen, aber sie waren nicht mehr so heftig wie zu Beginn der Belagerung. Es schien uns, als ob die Anzahl der Feinde vor unserem Tor sich verringern würde. Eine Erklärung dafür hatten wir nicht. Ich vermutete, daß Sauron so viele Krieger wie möglich zusammenbekommen mußte, um sich dem Heerzug aus dem Norden entgegenzustellen. Wir beschlossen, dem Feind Schwäche und Kriegsmüdigkeit vorzutäuschen. Wir hielten ihn von unseren Mauern fern, aber mit scheinbarer Schwäche, um einen Angriff zu provozieren. Aber nichts dergleichen geschah. Sauron zog immer mehr Leute von unseren Mauern ab. Vor einer Woche waren es gerade einmal tausend Orks. Wir beschlossen, einen Ausfall durchzuführen und überraschten sie im Schlaf. Diejenigen, die uns entkommen waren, trieben wir gen Norden, bis wir von Anárions Schiffen überholt wurden. Nachher dauerte es nicht mehr lange, bis wir auf die Schlacht stießen, und froh war unser Wiedersehen mit Isildur und Anárion."

"Endlich sind wir alle wieder zusammen, so wie es sein muß" sagte Elendil. "Aber wir haben eine Aufgabe. Sauron ist auf der Flucht. Er ist so schnell, daß wir ihn nicht mehr einholen können. Er hat Angst, sonst würde er sich uns stellen. Sauron haßt es, fliehen zu müssen.
Gil-galad und Elrond setzen ihm nach. Ich glaube nicht, daß sie ihn noch einholen können. Sauron wird sich in seine Festung zurückziehen, schätze ich. Wir werden jetzt den Spieß umdrehen und ihn belagern. Aus diesem Grund wäre ich dafür, den Elben so schnell es geht zu folgen.

"Was ist mit unseren Flanken?" fragte Isildur. "Wir sollten nicht vergessen, daß wir uns im Land des Feindes befinden. Sauron könnte verborgene Heere haben und nur eine schnelle Flucht vortäuschen, um uns in die Falle zu locken. Und was ist mit den feindlichen Kräften, die noch immer in Calenardhon sein müßten? Sollten wir zuerst nicht unser Vordringen absichern?"

"Daran habe auch ich gedacht. Unsere Kundschafter sind ausgeschwärmt. Einige sind bereits zurück. Sie haben weder von Ork noch von Troll irgendwelche Spuren gefunden. Aber zumindestens eines weiß ich: Heute nacht können wir in Frieden schlafen."

Damit gingen sie zur Ruhe, und zum ersten Mal seit langem konnten sie ohne große Sorgen schlafen.
Der Vormittag war schon weit fortgeschritten, als sie gen Osten aufbrachen. Die Dùnedain von Arnor und Gondor ritten in bester Ordnung, und so kamen sie auf der kalten, harten Straße gut voran. Das Wetter war nicht länger schön, und der Wind hatte auf Norden gedreht.
Isildur hatte das Gefühl, daß sich jeder Stein in diesen Landen danach sehnte, vom Regen reingewaschen zu werden. Grau und kahl war die Ebene von Gorgoroth, und weder Baum
noch Strauch waren zu sehen. Selbst auf den Bergen war kein Grün zu erspähen. Ein kalter Wind zog über die Ebene, der alle daran erinnerte, daß der Frühling noch jung war und sich noch nicht vollständig gegen den Winter durchgesetzt hatte.
Die Straße verlief fast völlig geradlinig durch die Ebene und führte auf Saurons große und entsetzliche Feste zu: Barad-dûr, größer und schrecklicher als der Tempel des Bösen auf Númenor, in dem Isildur einst zu tun hatte, um Anárion davor zu bewahren, Morgoth geopfert zu werden.
Hoch oben auf einer Bergzinne war sie erbaut worden, durchlöchert hatte sie die Bergzinne wie Maden einen überreifen Käse, überbaut hatte sie ihn wie ein ekliger Schimmelpilz. Schwarzer Rauch stieg aus einem großen Schlot auf.
Isildur wandte seinen Blick von dieser grausamen und ekelerregenden Feste ab und blickte gen Süden. Dort war ein Berg zu sehen, der alles auf der Ebene überragte, und unter dessen Schatten sah Isildur tiefe Klüfte, ais denen weiße, grüne und blaue Dämpfe aufstiegen. Ströme aus flüssigem Feuer flossen langsam die Bergflanken hinab.
Dort war er, der Orodruin, der Schicksalsberg, von dem es hieß, daß das Schicksal Mittelerdes dort seine Entscheidung finden würde.
Langsam zog der Berg an ihnen vorbei. Isildur sehnte sich danach, die Unerträglichkeit dieses verabscheuungswürdigen Landes irgendwo auszusperren, und er ertappte sich bei dem Gedanken, nach Königsnorburg zu reiten und dort oder auf seinem Landsitz am Baranduin ein friedliches Leben mit seinen Söhnen und seiner Frau zu führen, fern von Macht und Politik.
Elendur, Artan und Ciryon führten jetzt jeder eine eigene Schar an. Alle drei hatten in der Schlacht großen Mut bewiesen, und Isildur fragte sich, wer von ihnen sich wohl am besten zum König eignen würde.

"Nein, wie albern" sagte er zu sich selbst. "Noch bist du der König von Gondor, und Anárion wird bei der Frage der nachfolge mitreden dürfen. Na ja, darüber mache ich mir am besten dann Gedanken, wenn alles vorbei ist. Wer weiß, was dann sein wird."

Drei langweilige, einförmige Tage ritten sie auf Barad-dûr zu. Keine Feinde waren zu sehen. Die Kundschafter berichteten von Resten hastig abgebrochener Lager. Offenbar hatten sich alle Heere Saurons in den Dunklen Turm zurückgezogen.

Gleich nach der Ankunft der Dùnedain rief Gil-galad alle Heerführer zu sich. Er berichtete davon, wie Sauron sich in seine Feste zurückgezogen hatte und wie die elbischen Kundschafter viele versteckte Ausgänge gefunden hatten. Die Zwerge waren jetzt damit beschäftigt, sie unbrauchbar zu machen, um einen unvermuteten Angriff in den Rücken der Belagerer zu vereiteln.

"Wie weit sind die Kundschafter mit ihren Erkundungen?" fragte Elendil.

"Wir haben jeden Stein im Umkreis von sechs Meilen dieser verfluchten Festung umgedreht. Die Zwerge sagen, daß es bei der Beschaffenheit des Bodens hier nicht möglich ist, einen Tunnel zu graben, der länger als fünfeinhalb Meilen ist. Es stehen jetzt keine heimlichen Ausfälle mehr zu befürchten."

Sie besprachen noch viele Aspekte ihrer Aktivitäten, und es war klar, daß das Heer der Allianz jetzt gute Nachschubwege brauchen würde, denn es war abzusehen, daß sie sich auf einen längeren Aufenthalt einrichten mußten. Die Lande würden auf längere Zeit noch unfruchtbar bleiben, berichtete Elrond. Er sprach auch über die Beschaffenheit des Landes.

"Schon zu den Zeiten, als ich kreuz und quer durch Mittelerde reiste, um es zu erforschen, war zu spüren, daß die Lande um Barad-dûr unter einem bösen Einfluß standen. Damals war Saurons Feste noch gut versteckt. Soweit ich mich erinnern kann, war es nichts anderes als eine Höhle in der Felszinne.
Spärlich war der Bewuchs hier, aber rund um die Ufer des Nurnen – Meeres, etwa sechzig Meilen südlich von hier, habe ich in der Erinnerung, daß es sich dort um fruchtbaren Boden handelt. Sauron dürfte dort viele Felder haben, denn ich kann mir nicht anders erklären, wie er so viele Hörige ernähren kann. Weiter südlich ist schon wieder Gebirge, und dann kommt schon Süd – Gondor. Im Osten wird Mordor durch die grenzenlosen Ebenen von Rhûn begrenzt. Viele Tiere leben dort, einzeln oder in riesigen Herden, aber dieses endlose Grasland ist auf viele Meilen unbewohnt."

Die Heerführer beschlossen angesichts der Weite des unerforschten Landes ihren Nachschub aus Calenardhon zu beziehen. Dort waren Felder, über die noch nie ein Feind hergefallen war, und mancher Dùnadan des Südens hatte ein mehr oder weniger unangefochtenes Dasein selbst zu Zeiten, als Sauron der Herr über die Außenlande von Minas Anor war, geführt. Reiche Vorräte lagerten dort in den Scheunen.
Vor Minas Anor wurde schon die Aussaat durchgeführt. Jeder, der entbehrt werden konnte half beim Wiederaufbau des geschundenen, aber vitalen Landes.
Boten waren in den Norden, nach Arnor, Eriador und Bruchtal unterwegs, um die Kunde vom Sieg zu verbreiten und Getreide und Wein anzufordern. Auch wurden die Dùnedain von Gondor, die noch in Arnor weilten zur Rückkehr in den Süden aufgefordert. König Elendil gab den Boten den Befehl an seinen Statthalter mit, dreitausend Krieger in den Süden zu entsenden, um die Nord – Süd – Straße zu sichern. Isildur stellte seinerseits tausend Krieger zur Sicherung der Straße in Anórien ab.
Während der großen Schlacht hatte Anárion schon eine Transportkette zum Abtransport der Verwundeten organisiert. Diese kette verwendete er jetzt zum beschleunigten Transport von Nachschub und Material. Sogar in Minas Anor waren die Kornspeicher voll, und das Heer der Allianz war für die erste Zeit gut versorgt.
Gil-galad hatte schon damit begonnen, ein festes Heerlager für die Belagerung von Barad-dûr einzurichten. Ab und an versuchte irgendein Orkhäuptling auf Geheiß Saurons einen Ausfall. Aber der Feind kam nie außer Bogenschußweite der Mauern von Saurons Festung.
Währenddessen waren Isildur und Anárion damit beschäftigt, Gondor wieder aufzubauen. Außerhalb der Mauern von Minas Anor und der wenigen unbesetzt gebliebenen Gebiete hatten Saurons Schergen viele Zerstörungen angerichtet. Von vielen Bauernhöfen standen nur noch die Grundmauern, und in kaum einem Wald waren keine Brandlichtungen zu sehen.
Isildur und Anárion hatten sich darin abgesprochen, daß nach dem Abschluß des Wiederaufbaues der wichtigsten Einrichtungen Meneldil als Statthalter die Regierungsgeschäfte übernehmen sollte, damit sie wieder ihren Pflichten als Heerführer der Dùnedain nachkommen konnten. Doch einstweilen blieb für alle viel zu tun.
Anárion und Meneldil vertrieben mit ihren Seefahrern die letzten verbliebenen Orks aus Gondor. In Calenardhon waren die ersten Steinmetze schon damit beschäftigt, die größten Schäden an der Nord – Süd – Straße zu reparieren.

"Vergeßt nicht, daß wir noch immer im Krieg sind und daß Feinde auch vom Westen kommen könnten" schärfte Meneldil ihnen ein und mahnte sie zur Wachsamkeit.

Isildur leitete den Wiederaufbau von Osgiliath und Minas Ithil von Minas Anor aus. Während Minas Ithil völlig zerstört worden war, war Osgiliath, die Hauptstadt von Gondor intakt geblieben. Sauron hatte offenbar die vorzüglich ausgebaute Infrastruktur der Dùnedain des
Südens zur Beherrschung des niedergeworfenen Gebietes verwendet. Die Gebäude und Brücken waren noch weitgehend intakt, wenn auch die Wände mit abartigen Kritzeleien in der widerwärtigen Sprache von Mordor verschmiert und die Gärten verbrannt und verwüstet waren. Und es schien, als ob der Feind die Stadt überhastet verlassen hatte, denn nichts war mutwillig zerstört worden und es wurden viele Ausrüstungsgegenstände gefunden, die eindeutig zu Saurons Kriegern zuzuordnen waren.
Isildur war beim ersten Ortstermin überrascht vom erstaunlich guten Zustand der Stadt. Sogar der Königspalast stand noch, und überall waren Kriegsgefangene damit beschäftigt, die üblen Schmierereien abzuwaschen.
Innen war das große Gebäude bereits gereinigt worden, und der Architekt schätzte, daß der Palast in vierzehn Tagen einzugsbereit sein dürfte. Auch der Rest der Stadt würde innerhalb dieser Zeitspanne wieder bewohnbar sein, abgesehen von den Gärten.

In Minas Ithil wartete wesentlich mehr Arbeit auf die Handwerker. Die Stadt und die Festung waren vollständig geschleift worden, nur noch die Grundmauern waren übrig. Es war schwierig, selbst den Verlauf der Straßen zu rekonstruieren, und man konnte nicht mehr mit Sicherheit sagen, wo welches Gebäude gestanden hatte. Da befahl Isildur angesichts der Schwierigkeiten, die alten Grundmauern völlig zuzuschütten und einzuebnen und auf diesem Sockel eine neue Feste aufzubauen, deren Grundriß dem von Minas Anor entsprach. Es hatte sich bewährt, alle Stadtgebiete mit Festungsmauern zu schützen.
Zunächst aber wurde Osgiliath wieder wohnlich gemacht. Aus dem Norden waren bereits die ersten Flüchtlinge eingetroffen, die endlich wieder in ihrem eigenen Land siedeln konnten. Doch es erging der Befehl, vorerst im Bereich von Minas Anor und Osgiliath zu wohnen. Eine Besiedlung des flachen Landes machte erst dann Sinn, wenn die Verhältnisse im Osten geklärt waren, abgesehen vielleicht von den Siedlungsgebieten von Calenardhon.

Anárion leitete den Wiederaufbau und die Sicherungsmaßnahmen an der Nord – Süd – Straße von Isengart aus. Dort, am Fuß des Nebelgebirges lag ein alter Stützpunkt der Dùnedain. Isengart lag im Felsental wie ein großer Teller, in dessen Mitte ein hoher Felszacken aufragte. Auf ihm stand ein Turm, teils aus dem Berg herausgehauen, teils auf ihm aufgebaut, und seine Spitze war tausend Fuß hoch über der Ebene.
Niemand wußte genau, wer Isengart zuerst angelegt hatte. Manche sagten, es seien Elben gewesen, die vor den Kriegen in Ossiriand geflohen waren, ehe es unterging; andere sagten, daß einheimische Völker eine Zufluchtsstätte geschaffen hatten, als Saurons Schatten wuchs; und andere wiederum vermuteten, daß Númenórer dieses Bauwerk erschaffen hatten. Wenn das so war, dann aber ohne den Segen des Königs, sonst wäre es in den Archiven vermerkt gewesen.

Zum Dank für die Hilfe, die die Ents den Dùnedain bei der Verteidigung von Calenardhon geleistet hatte, gab Isildur ihnen die Lande der Wälder von Fangorn auf immer zu eigen, und kein Wesen sollte sie ohne die Erlaubnis der Ents mehr betreten dürfen.

Westlich des Nebelgebirges waren keine Feinde gesehen worden, und der Verkehr zwischen Nord und Süd entwickelte sich rasch. So kam es, daß Anárion und Meneldil nach drei Monaten nach Osgiliath zurückgehen konnten.
Dort war Isildur noch immer mit dem Aufbau von Minas Ithil beschäftigt, und in der Hauptstadt begannen sogar die ersten Blumen in den wiederangelegten Gärten und Parks zu blühen. Viel war noch zu tun, aber die eigentliche Aufgabe wartete im Osten, wo Gil-galad Saurons Feste belagerte. Nach sechs Monaten langwieriger Arbeit fanden Isildur und Anárion, es sei an der Zeit, an diesen Kriegsschauplatz zurückzukehren. Meneldil bekam, wie abgesprochen, die Erledigung der Regierungsgeschäfte als Statthalter aufgetragen, und schon bald waren die Heerführer der Dùnedain des Südens mit einem stattlichen Heer unterwegs gen Mordor.

Ein herrlicher Sommer neigte sich seinem Ende zu, und die Felder waren voll von bestem Korn. Die Bäume bogen sich unter der Last der Äpfel, und es schien, als ob das Land die schlimmen Zeiten schneller vergessen hatte als die in ihm lebenden Menschen.
Isildur wußte, daß sich das alles nur dann dauerhaft bewahren ließ, wenn der Feind nieder-geworfen sein würde. Nur dann, wenn Sauron in Vergessenheit geraten würde und die Zeitläufe der Geschichte neue Taten und neue Helden hervorbringen würde und Sauron und Morgoth zu Sagengestalten aus grauer Vorzeit abgewertet würden, dann würden die Lande ohne Ausnahme blühen und gedeihen. Isildur wußte genau, daß er ein Teil dieser großartigen Aufgabe war und er wußte, daß er diese Aufgabe zusammen mit anderen erfüllen mußte.
Er blickte sich um, und die untergehende Sonne ließ die Mauern und Türme von Minas Anor golden erstrahlen. Da gab er seinem Pferd die Sporen, und das Heer folgte ihm.


Achtes Kapitel: Hinterlassenschaften der Geschichte

Knapp acht Monate belagerte Gil-galad schon Saurons Festung. Zum Anfang der Belagerung war er oft durch Orks angegriffen worden, aber es gelang ihm, sein Heer festzusetzen, und nun war er schon seit einiger Zeit unangefochten gewesen.
Sorge bereiteten ihm und Elrond die in den Bergen vermuteten heimlichen Festungen der Orks. Nur sie konnten die Pläne der Allianz noch ernsthaft stören. Die Ankunft von Isildur und Anárion wurde deshalb schon erwartet. Nun standen Gil-galad endlich genug Krieger zur Verfügung, um die Orks im Gebirge zu verfolgen.
Zwei Wochen hatten Isildur und Anárion benötigt, um ihr Heer nach Barad-dûr zu führen. In Ithilien war das Land in voller Blüte, und es war eine Freude, dort hindurchzureiten. Selbst an den Hängen des Schattengebirges war ein grünlicher Schimmer zu entdecken. Weißer, reiner Schnee bedeckte die Gipfel.
Auf der Ebene von Gorgoroth war es drückend heiß, denn dort wuchs noch kein kühlender Wald. Die Hitze flimmerte über dem felsigen Gestein, und nur wenige Wolken waren am strahlendblauen Himmel zu sehen. Im Heerlager der Allianz ging alles seinen gemächlichen Gang.
Isildur ließ seine Leute außer Sichtweite von Saurons Feste lagern. Es erschien ihm besser, trotz der für sie günstigen Lage den Feind nicht über ihre tatsächliche Stärke aufzuklären. Nur mit ihrer Leibwache gingen er und Anárion zu Gil-galads Zelt, um sich dort über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Sie wurden von Gil-galad, Elrond und Elendil freudig begrüßt.

"Willkommen, ihr beiden" sagte Elendil. "Ihr habt euch lange Zeit gelassen."

"Notgedrungen" entgegnete Isildur. "Wir kamen so schnell wir konnten. Aber wir hatten viel zu tun, um den Wiederaufbau von Gondor und die Sicherung unserer Nachschubwege zu veranlassen. Meneldil leitet jetzt die Arbeiten und regiert in unserem Namen."

"Gut, gut. Die Situation im Hinterland stimmt also, das haben wir gemerkt" lächelte Gil-galad. "Erste Lieferungen von Nahrung und Ausrüstung haben wir bereits erhalten. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dann haben wir eine mehr als ausreichende Versorgung. Wir können uns jetzt unserer eigentlichen Aufgabe zuwenden. Sauron sitzt in seiner Festung und ist von der Außenwelt abgeschnitten. Doch wir vermuten, daß er in den Bergen heimlich Festungen angelegt hat, die uns bedrohen könnten."

"Die Kundschafter berichteten von umherstreifenden Orkbanden" ergänzte Elendil. "Sie sind den Orks auf den Fersen und dürften vermutlich bald zurück sein. Wenn überhaupt, dann sind diese Festungen nicht weiter als zwanzig Meilen von hier entfernt. Und zudem ist es so, daß wir von den Orks hier noch nichts gesehen haben."

"Wenn es überhaupt solche Festungen gibt" sagte Isildur. "Ich zweifle daran. Sauron wähnte sich sehr sicher, weshalb sollte er dann im eigenen Land geheime Festungen anlegen? Es dürften sich wohl eher um gewöhnliche Orkhöhlen handeln, Löcher, in die sich die Überlebenden der Schlacht gerettet haben. Oder allenfalls um Grenzposten, die wohl dazu dienten, die Sklaven im Land zu behalten. Und diese dürften sich wohl kaum als Widerstandsnester eignen."

"Wohl wahr" entgegnete Gil-galad. "Aber wer wird wohl die Listen des Feindes ganz genau kennen? Wir rechnen mit der Möglichkeit, es mit verborgenen Festungen oder Heerlagern zu
tun zu haben. Lieber mit dem Schlimmsten rechnen und Harmloses finden als umgekehrt.
Jeder Heerführer tut gut daran, bei einer Belagerung das Umfeld abzuklären, um sich vor bösen Überraschungen zu schützen. Sauron tat das, als er Minas Anor belagerte. Und auch wir sollten das tun. Vergeßt nicht, daß er noch vor einem halben Jahr die größte Gefahr für Mittelerdes Freiheit war. Und ungefährlich ist er auch jetzt nicht. Einen Wolf in die Enge zu treiben ist für die Jäger sehr gefährlich. Und wir haben Sauron in die Enge getrieben."

"Nun, wir rechnen auch in Gondor vorsichtshalber mit dem Schlimmsten" sagte Anárion. "Wir wurden einmal überrollt, als wir mit nichts rechneten. Noch einmal passiert uns das nicht. Daß wir mit dieser Einstellung richtig liegen, beweisen Funde in den Wäldern rings um den Mindolluin, auf dem Minas Anor liegt.
Wir wunderten uns über große Lichtungen mitten im Wald, von Gestrüpp überwachsen, aber ohne jeden Baumbewuchs. Diese hatten wir dort noch nie gesehen. Was uns erstaunte war die Tatsache, daß kein einziger Stumpf der alten Bäume, die seit ewigen Zeiten dort wuchsen zu sehen war." Anárion stockte. "Wir begannen, dort zu graben, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Ein seltsamer Geruch lag über diesen Lichtungen. Wir gruben. Die heiße Sonne verstärkte den Geruch, der wie ein Leichentuch über der Lichtung lag. Wir gruben.
Dann ... es war nicht tief ... wir stießen auf etwas: auf Tuch. Und Knochen, an denen Fleischreste hingen. Viele Körper lagen da. Tot, zermalmt. Von grausamen Händen entstellt. Werk des Feindes.
Das Loch haben wir wieder zugeschüttet, damit die Geier nicht die Reste unserer tapferen Krieger und mutigen Landbevölkerung zerfleddern. Sie haben offenbar alle getötet, deren sie habhaft werden konnten. Gefangene, Alte, Frauen, Kinder.
Nun, wir gestalten eine Grabstätte daraus. Niemand wird mehr die Einzelnen dort wiedererkennen können, aber es gibt viele, zu viele Vermißte."

"Auch in Calenardhon fanden wir Massengräber" berichtete Isildur mit schreckgeweiteten Augen. "Es sind unvorstellbar große Felder mit Toten. Der Feind hatte es nicht nötig, tief zu graben; er verstreute die Leichen weit über das Land, um diejenigen, die ihm Widerstand leisteten, durch die Verbreitung von tödlichen Seuchen zu eliminieren.
Und diese Gefahr besteht auch jetzt noch. Doch wir bergen die Toten, um sie ehrenvoll zu bestatten. Die Leute, die sie bergen haben eine grauenvolle Arbeit. Doch unser Zorn auf Sauron wächst, und nicht zuletzt deshalb konnte ich zwanzigtausend Mann hierher führen. Doch wehe! Wann wird der Tag kommen, an dem wir tausendfaches Leid rächen?"

Die Heerführer schwiegen betroffen. Sogar in der Niederlage war Sauron noch niederträchtig und gewalttätig gewesen. Was gewesen wäre, wenn er gesiegt hätte wagte niemand auch nur auszumalen.

"Trotz allem, was geschehen ist, dürfen wir uns jetzt nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen" sagte Elrond. "Vorschnelles Tun nützt nur dem Feind, und genau das wollte er mit seinen grausamen Taten provozieren. Wir sollten nach seinem Willen leichtfertig unsere vorteilhafte Position aus Rachegelüsten aufgeben, damit er uns überrollen kann. Anárion sagte, daß Gondor sich nicht mehr überrollen lassen wird. Was wird es tun?"

"Weitermachen wie bisher" antwortete Isildur gelassen. "Ihn aushungern, ausdürsten, in seinem Turm verrotten lassen. Und wenn Sauron ausgehungert und ausgedürstet ist, dann veranstalten wir vor seinem Tor ein Festmahl!"

"Wichtig ist es, Sauron wirklich von der Außenwelt abzuschneiden" ergänzte Anárion. "Minas Anor konnte sich nur deshalb so lange gegen Sauron halten, weil es heimlich durch geheime Gänge versorgt werden konnte. Wer weiß, welche Geheimnisse die Höhlen nördlich von Barad-dûr bergen? Es heißt, der Ered Lithui sei von Saurons Orks durchlöchert worden wie ein Käse."

"Viele Höhlen im Ered Lithui, den andere auch das Schattengebirge nennen sind natürlichen Ursprungs" erklärte Elrond. "Manches mag sich in den Jahren, seit ich die Lande erkundet habe geändert haben, und Orks mögen tiefe Gänge graben, aber sie erschaffen nichts wirklich Neues, sondern äffen nur nach. Die Zwerge von Moria, heißt es, sind im Anlegen von Gängen und Stollen die ausdauerndsten. Und sie kommen nie weiter als zehn Meilen. Weiter graben Orks auch nicht."

"Sie können aber bereits bestehende natürliche Höhlen erweitert und miteinander verbunden haben" wandte Anárion ein. "Und wer weiß schon genau, welche Höhlen wo unter unseren Füßen verlaufen?"

"Ich glaube, uns bleibt nichts anderes als das herauszufinden" sagte Isildur. "Wir haben Zwerge als Verbündete, und es ist bekannt, daß sie unter der Erde heimischer sind als jeder Ork. Außerdem kennen sie die Methode, eine belagerte Festung heimlich zu versorgen. Ich schlage vor, daß wir einen Erkundungstrupp ins Gebirge aussenden, der sich aus erprobten Kriegern und Fachleuten im Bergbau zusammensetzt. Dann werden wir schon sehen, ob und wie Sauron noch Verbindungen nach draußen unterhält."

"So soll es sein" sagte Gil-galad. Und ein Erkundungstrupp aus Dùnedain, Elben und Zwergen machte sich unter der Leitung von Elendur auf, die Geheimnisse des Ered Lithui zu ergründen.

Derweil ging im Heerlager alles seinen gewohnten Gang. Abgesehen von einigen kleineren Scharmützeln mit den Orks von Barad-dûr passierte nichts, und es schien, als ob alle Unholde der Welt von der Bildfläche verschwunden seien.
Wöchentlich erhielt Isildur Nachricht aus Gondor. Der Wiederaufbau ging zügig voran, und viele Dùnedain des Südens hatten sich von Arnor aufgemacht, um wieder in ihrem Heimatland zu siedeln. Aber das Land gab zudem immer mehr Massengräber frei, und die Wut auf Sauron wuchs unter der Bevölkerung von Gondor. Selbst die Bergvölker, die seit alters her im Weißen Gebirge labten waren nicht verschont worden, und viele Fürsten bemühten sich darum, Bündnisse mit dem wiedererstarkten Gondor zu schließen. Manche schworen Lehnstreue und waren bereit, Heere im Kampf gegen den Dunklen Turm zu stellen. Da hieß Isildur die Fürsten, seinen Aufruf abzuwarten, denn er wußte, daß die Belagerung eines so mächtigen Feindes eine langwierige Sache sein konnte. Er wollte Sauron noch nicht seine gesamte Stärke offenbaren, denn die eigentliche kriegsentscheidende Schlacht stand noch aus.

Wochen und Monate vergingen, ohne daß etwas Erwähnenswertes geschah. Im Umkreis von fünfzig Meilen waren keine Feinde zu sehen. Selbst die Verstecke im Aschengebirge waren entvölkert, ihre Bewohner in der großen Schlacht umgekommen. Nur wenige Scharmützel lieferte sich das Belagerungsheer mit Saurons Soldaten, die eher der gegenseitigen Abtastung dienten. Gil-galad, der das ganze Land nach Verstecken des Feindes durchforschen ließ, berichtete am ersten Dezember, daß trotz ausgiebiger Suche keine außerhalb von Barad-dûr gefunden wurden. Die Kundschafter waren nun unterwegs, um die Länder östlich von Mordor
zu erforschen; außerdem sollten sie herausfinden, welche Rolle Saurons Festung Dol Guldur, im südlichen Grünwald gelegen, in diesem Krieg spielte.
Isildur und Anárion hatten Briefe von ihren Familien erhalten, und ihre Gedanken schweiften nun weit ab in den Norden, nach Bruchtal. Almáriel und Valandil ging es gut. Valandil hatte sich in der guten Gebirgsluft gut von seinen Verwundungen erholt, und von Zeit zu Zeit weilte er in Königsnorburg, wo er sich dem Studium der Geschichte der Dùnedain widmete.
Eneris ließ sich von den Elben in der Heilkunst unterrichten, und sie fand auch Gefallen an elbischer Handarbeit.

Die Tage vor Barad-dûr vergingen in langweiliger Gleichförmigkeit. Gil-galad wagte noch keinen direkten Angriff auf Saurons Festung, weil er wußte, daß der Feind noch zu stark war, um ihn direkt berennen zu können. Sauron wagte seinerseits noch keinen Angriff auf das ihn belagernde Heer. Es schien so, als ob er wegen seiner unerwarteten Niederlage in Dagorlad unsicher war, was er als nächstes tun sollte. Offenbar hatte er weitaus weniger Orks und Trolle nach Barad-dûr retten können als ihm lieb war.
Nur ab und zu kam es zu kleineren Scharmützeln. Isildur sagte dann im Scherz, der Feind wolle sich vergewissern, daß das Belagerungsheer noch da sei.

Der Frühling kam, und die Dùnedain staunten, welche Vielfalt die Natur in der einstmals so öden Ebene von Gorgoroth entfaltete. Die ganze Ebene war eine einzige große Blumenwiese, und es duftete herrlich nach Thymian, Salbei und vielen anderen unzähligen Kräutern.

"Sauron wird wohl finden, daß das alles hier wohl sehr unordentlich aussieht" lachte Anárion.

"Das stimmt" antwortete Isildur. "Über diese Wohlgerüche wird er sich nicht freuen. Und wir haben strahlendblauen Himmel, der nur ab und an von einem köstlichen Regen unterbrochen wird. Sieh nur, wie schnell sich die Natur von diesem Albdruck erholt!"

"Dann sollte es uns auch möglich sein, uns von diesen Strapazen zu erholen. Nun, manchmal denken die Sterblichen länger an unerfreuliche Dunge zurück als die freie Natur, die das schneller überwindet und überwuchert."

"Ich fürchte, da hast Du nur zu sehr recht!" seufzte Isildur, und sie gingen zurück zum Lager.

Die Tage verliefen in gleichbleibender Einförmigkeit. Sauron schien entweder zu stark geschwächt für einen Ausfall zu sein, oder er heckte irgendeinen geheimen, dunklen Plan aus. Die Heerführer des Westens waren einstweilen auf die Jagd gegangen; sie waren in Ithilien unterwegs. Nur Isildur und Anárion waren vor Barad-dûr geblieben.
Die Ankunft eines Boten aus Osgiliath unterbrach die Einförmigkeit. Er verlangte, sofort vor Isildur geführt zu werden.

"Herr, es gibt schlechte Nachrichten von den südlichen Garnisonen. Es wird gemeldet, daß schwarze Schiffe, im Aussehen und Funktion gleich mit denen der Kriegsflotte des númenórischen Königs die Küste entlang auf Gondor zu segeln. Es heißt, sie haben schon mehrere Dörfer der Eingeborenen von Harad niedergebrannt."

"Was weiß man über die Herkunft der Schiffe? Númenor ist doch schon lange untergegangen" fragte Isildur.

"Boten der Angegriffenen berichten davon, daß die Schiffsbesatzungen im Namen des Königs von Númenor segeln. Sie führen Wappen und Flagge des Königs" antwortete der Bote.

"Wappen und Flagge des númenórischen Königs" murmelte Isildur nachdenklich. "Das Reich ist schon lange untergegangen, und warum es so kam, ist wohl allen klar. Hat etwa irgendwo fern im Süden eine Kolonie den Untergang überdauert und ist noch immer dem engsten Berater des Königs treu ergeben, auch wenn es den König nicht mehr gibt? Es wäre für uns wohl ein Problem, wenn Sauron irgendwo außerhalb unserer Reichweite einen Stützpunkt hätte."

Isildur beschloß, die Heerführer sofort über diese Neuigkeiten zu unterrichten. Außerdem fragte er Anárion, was er von dieser Botschaft hielt.

"In Númenor hieß es, der König habe weit im Süden Mittelerdes, wo das Land eine heiße, staubige Wüste ist, einen großen Hafen mit einer mächtigen Festung, mit einer Garnison von achttausend Kriegern. Doch in den frei zugänglichen Bibliotheken und Archiven war hiervon nichts zu finden, was die Existenz eines solchen Hafens belegt hätte. Offenbar wurde er als Geheimsache eingestuft.
Doch den Getreuen Númenórern war es seit langem bekannt, daß im Süden von Harad ein Flottenstützpunkt der königlichen Marine existierte, Umbar genannt. Doch unserer Einschätzung nach ist die Oase, an der dieser Hafen liegt, gerade groß genug, um fünfhundert Menschen dauerhaft ernähren zu können. Von weiteren Häfen südlich oder nördlich von Umbar ist nichts bekannt."

"Nun scheint es aber, als ob wir von dort bedroht werden" brummte Isildur. "Nun, die Heerführer werden für morgen zurückerwartet. Mal sehen, was sie entscheiden."

In den Archiven von Königsnorburg hatte Isildur in geheimen Briefen, die die Getreuen in Númenor noch abfangen konnten, ehe das Verhängnis über das Land kam, von der Existenz eines Hafens südlich des heutigen Gondor erfahren. Offensichtlich vertraute der númenórische König noch nicht einmal seiner eigenen Admiralität, denn selbst in den Flottillenkommandos wurde nicht offen vom Hafen in Umbar gesprochen.
Doch der Zufall wollte es, daß den Getreuen kurz vor ihrer Flucht aus Númenor eine geheime Karte in die Hände fiel, die den Hafen und die Festung von Umbar, die genaue Lage in Mittelerde und den Seekurs für die Reise dorthin enthielt. Isildur war sich sicher, in dieser Karte den Schlüssel zu Umbar in den Händen zu halten. Doch sie lag sicher verwahrt in den Archiven von Königsnorburg.
Anárion wußte sicher mehr über Umbar und dessen Schiffe, die denen der königlichen Flotte glichen, hatte er doch lange als Kapitän auf einem Schiff dieser Machart gedient. Isildur ließ ihn zur Versammlung der Heerführer rufen. Er nannte es sehr dringend.

Tags darauf hielten die Heerführer ihre Versammlung ab, um über die neue Lage zu beraten.
Isildur erzählte von den neuen Nachrichten aus dem Süden, und als er die Schiffe beschrieb, horchten Elendil und Anárion auf.

"Mir scheint, als ob ich Euch sogar die Namen dieser Schiffe nennen kann" sagte Anárion erstaunt. "Ich habe auf diese Details nicht so richtig geachtet, als der Bote mir zum ersten Mal von diesen Schiffen berichtete, aber jetzt ist es geradezu sonnenklar.

Wenn der Bote scharfe Augen hat und richtig gesprochen hat, dann sind das eben jene Schiffe die kurz vor Númenors Angriff gegen Eressea gen Mittelerde segelten, um Verstärkung aus Mordor zu holen. König Tarkalion glaubte, er könne dies geheimhalten, doch das Gerücht sprach sich in Númenor herum wie ein Lauffeuer. Und Sauron trat vor das Volk und sagte, daß mächtige Fürsten von Mittelerde dem König von Númenor den Lehnseid schwören möchten, und daß er sie holen lasse.
Doch ich schweife ab. Die Getreuen konnten kurz vor dem Auslaufen einen Kapitän dieser Flotte gefangennehmen, und von ihm erfuhren wir den wahren Auftrag dieses Schiffsverbandes. Sauron selbst hatte ihnen befohlen, nach Harlond zu segeln und dort die Ringgeister des Schreckens, die Nazgûl aufzunehmen und schnellstmöglich nach Númenor und nicht an die Front zu bringen. Mehr war von diesem Kapitän nicht zu erfahren, denn des Nachts darauf erhängte er sich in seiner Zelle.
Es wäre ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen, hätten Saurons Schergen ihn in ihre Hände bekommen. Nun, wir wußten jetzt, was er wirklich vorhatte: während der König einen aussichtslosen Kampf gegen Valinor und Eressea kämpfte, wollte Sauron die Macht in Númenor an sich reißen und das, was von den Dùnedain übriggeblieben war, versklaven.
Doch wieso die Schiffe ihren Auftrag nicht erfüllten und wie sie statt dessen nach Umbar kamen, abgetrieben vielleicht vom Sturm, wissen wir nicht. Doch soweit ich weiß, waren nicht alle Nazgûl am Harlond."

"Alle waren es nicht, dessen bin ich mir sicher" sagte Elrond. "Wir befanden uns zu dieser Zeit im Krieg mit dem Hexenkönig. Ich weiß noch genau, wie sehr damals seine Heere gen Süden drängten, und wir konnten uns den Grund nicht erklären. Nach Eurem Bericht über die Flotte sind wir jetzt schlauer."

"Ja, damals durchkreuzte etwas Saurons Pläne" fuhr Anárion fort. "Die Nachricht vom Untergang Númenors kann es nicht gewesen sein. Wir erfuhren erst davon, als wir schon eine Zeit lang in Mittelerde lebten. In Bruchtal war das, glaube ich. Jedenfalls hätte sich diese Flotte zu besagtem Zeitpunkt schon auf der Rückfahrt befinden sollen und wäre in den Strudel mit hineingezogen und vernichtet worden. Man stelle sich vor, die Ringgeister vernichtet!"

"Die Ringgeister können auf diese Art und Weise nicht vernichtet werden" warf Gil-galad ein. "Sie stehen und fallen zusammen mit Sauron, denn sie sind seine Sklaven."

"Wohl wahr. Nun, wir wissen, welche Flotte es ist, die uns angreift. Daß sie es tun wird, das ist sicher. Sauron wählte nur die ergebensten Vasallen für solche Aufgaben, und wenn sie den Sturm überlebt haben, werden sie ihm nur noch treuer ergeben sein. Anárion sagt, er kennt die Schiffe. Vielleicht kennt er auch ihre Schwächen."

"Mein lieber Isildur, ich habe bereits Listen für die Hauptleute angefertigt. Doch jetzt im Ernst, Sauron hatte die besten Schiffe der königlichen Flotte entsandt. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, und unsere Schiffsbauer haben die alten Konstruktionen verbessert und vor allem den Gegebenheiten Mittelerdes angepaßt. Unsere Schiffe sind moderner, auch wenn wir zahlenmäßig unterlegen sind."

"Wie hoch ist ihre Übermacht?" fragte Gil-galad.

"Sie sind uns etwa zu zwei Dritteln überlegen" antwortete Isildur. "Doch wie hoch ihre Mannschaftsstärke ist, kann niemand genau sagen. Jedes Schiff der alten númenórischen Bauart kann dreihundertfünfzig Personen aufnahmen, die Mannschaften mitgerechnet. Die Flotte besteht aus zehn Schiffen, also können wir von höchstens dreitausendfünfhundert Mann angegriffen werden."

"Dann sind wir ihnen zu Land um ein Vielfaches überlegen" meinte Elendil. "Mal sehen, was wir daraus machen können. Ich wäre dafür, die Landung dieser Flotte abzuwarten. Wenn sie in die Schlacht eingreifen wollen, müssen sie irgendwo an Land gehen. Es könnte natürlich sein, daß sie uns zur See belagern wollen, aber das wäre nicht logisch. Von wem wollen sie uns denn abschneiden? Nun, ich glaube, die Schwarzen Númenórer wollen Sauron in seiner Bedrängnis zu Hilfe eilen. Offensichtlich glauben sie, sie könnten einfach so durch unsere Linien durchbrechen."

"Das ist durchaus möglich" entgegnete Isildur. "Die Ufermeilen zwischen dem Meer und dem Emyn Muil sind lang und wer weiß, wo sie landen werden? Wenn sie überhaupt an den Ufern des Anduin und nicht an der Küste landen?"

"Wer weiß, ob sie landen werden?" meinte Anárion. "Sie wissen sehr wohl, daß ein Heer, das Gondor binnen Tagen befreite, in ihren dreitausendfünfhundert Mann keine große Bedrohung sehen wird. Wer weiß, vielleicht wollen sie uns von unserer eigentlichen Aufgabe, der Belagerung des Dunklen Turms ablenken. Sie können den Belagerungsring nicht sprengen, aber sie denken in Saurons Kategorien. Die Schwarzen Númenórer glauben, daß wir sie hassen und überallhin verfolgen werden. Darüber sollen wir Sauron vergessen, auf daß wir von ihm verfolgt und vernichtet werden."

"Die Jäger sollen zu den Gejagten werden" bemerkte Isildur.

"Und was werden die Jäger tun?" fragte Gil-galad.

"Nun, die Grenzbesatzungen am der Küste leicht verstärken uns ansonsten nichts außer abwarten. Unsere Aufgabe ist, Sauron niederzuwerfen, und wenn uns die Schwarzen Númenórer wirklich gefährlich werden wollen müssen sie an Land gehen. Wir werden sehen, was sie tun werden. Verstärkte Wachsamkeit an der Küste und in Harlond. Sonst tun wir nichts."


Neuntes Kapitel: Eine langwierige Belagerung

Die Tage flossen dahin, aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Der Dunkle Turm wurde von den Heeren der Allianz belagert, und die heftigen Attacken und Angriffe des Feindes brachten ihm nichts außer Verlusten. Doch wenige Verluste hatten die Belagerer, und das lag vielleicht an den kunstvollen Gräben und Wällen, die so sinnvoll vernetzt waren, daß dem Feind keine Gelegenheit zu Schuß oder Speerwurf geboten wurde. Vielleicht hatten sie aber auch einfach nur Glück.
Wenn Sauron keinen Ausfall versuchte, lag Barad-dûr in nachdenklichem Schweigen. Offenbar brütete er über neuen Schlachtplänen oder nährte nur seinen Haß.
Von der Flotte der Schwarzen Númenórer hatten sie zunächst nicht viel gehört. Sie kreuzten eine Zeitlang vor Gondors Küsten, gingen bei Pinnath Gelin an Land, konnten dort "ihr Mütchen nicht kühlen" (wie Elendil sagte), kreuzten dort dann wieder eine Zeitlang und holten sich dann in Osgiliath "eine blutige Nase" (wie Isildur sagte).
Die Flotte versuchte mit kleinen Nadelstichen Gondor zu reizen. Doch die Heerführer ließen sich nicht verführen, und Isildur wartete ab. Dann glaubte der Admiral der feindlichen Flotte offenbar, das Abwarten Isildurs sei ein Zeichen der Schwäche und entschloß sich, die Hauptstadt von Gondor anzugreifen.
Auf diesen Moment hatte Isildur nur gewartet und er schlug das Heerlager so auf, daß es vom Fluß aus gut zu sehen war. Zu beiden Seiten war Hügelland, und darin versteckte er das eigentliche Heer. Als schließlich die Schwarzen Númenórer an Land gingen, ließen sie sich von der vermeintlich leichten Beute dazu verleiten, jegliche Rückzugsmöglichkeiten zu ihren Schiffen der Gier nach Gold und einem leichten Sieg zu opfern. Die Dùnedain umzingelten schließlich ihre Feinde, und nach einem kurzen, aber harten Gefecht ergab sich der klägliche Rest. Die Schiffe ließ Isildur ausräumen und anschließend zerlegen. Von ihrem Inhalt erhoffte er sich Informationen zu ihren Aufträgen in Mittelerde.
Die übriggebliebenen Schwarzen Númenórer ließ er gefangennehmen und zu ihrem Tun verhören. Einige gaben an, nur von einem Auftrag in Mittelerde zu wissen, aber sie wußten nicht, was er genau war; andere sprachen unverhohlen davon, Saurons Befehlen gemäß die Nazgûl nach Númenor zu holen. Vom Untergang Númenors hatten sie gehört, sie sprachen aber von Lügen der Elben, um die Númenórer zu unterwerfen.

"Von ihrer Bosheit wollen sie noch nicht einmal in der Gefangenschaft ablassen" meinte Anárion. "Sie glauben noch immer den Lügen Saurons. Oder glauben sie, wir sind freiwillig hier und ließen uns von Elben belügen? Die so etwas noch nicht einmal tun würden, um einen Ork in die Falle zu locken?"

"Sie hörten jahrzehntelang nichts anderes als Saurons Lügen" entgegnete Isildur. "Haltet sie in Gefangenschaft, aber seid nicht so grausam wie Saurons Schergen. Laßt es sie an nichts mangeln; laßt sie einzeln, bewacht und in Ketten gelegt an die frische Luft und beantwortet ihre Fragen, soweit sie nicht den Krieg betreffen. Vielleicht erkennen sie ihren Irrtum."

"Ob sie ihren verhängnisvollen Irrtum erkennen oder nicht, das soll ein Gericht herausfinden" sagte Elendil. "Wir sollten aber bis Kriegsende abwarten. Manche denken vielleicht erst dann nach. Vielleicht."

Die Tage zogen sich dahin, und viele Krieger, die vor Saurons Überfall in Gondor gewohnt hatten, baten um Erlaubnis, ihre Familien nachzuholen. Isildur war dagegen, denn er sagte, noch sei der Krieg nicht gewonnen und das Blatt könne sich noch wenden.

"Sauron ist zwar in seiner Feste eingesperrt, aber er ist noch sehr stark. Wenn er aus der Belagerung ausbricht, kann es sein, daß er sich wie ein wildes Tier auf die Wehrlosen zuerst stürzt. Ob wir eine Massenflucht wie damals, als bei seinem Überfall auf Gondor noch einmal organisieren können ist wohl mehr als fraglich. Und wer wird wohl eine langwierige Belagerung durchhalten, wenn die eigene Familie nur wenige Tagesritte entfernt lebt? Nach solche einer Zeit der Entbehrung?"

Anárion war für die Wiederansiedlung. Er meinte, es sei an der Zeit, das Leben in Gondor wieder zu normalisieren.

"Jetzt sind wir über ein Jahr in Gondor und wollen uns nicht auf Dauer niederlassen? Sauron mag glauben, wir hätten Angst vor ihm. Oder warum halten wir unsere Familien von ihm so fern wie möglich?"

"Wir können unsere Frauen und Kinder doch nicht dem Risiko dieser langen und gefahrvollen Reise aussetzen" entgegnete Isildur. "Die Reise von Arnor nach Gondor ist gefährlicher als vor dem Krieg. Die Gebirgsvölker des Weißen Gebirges verhalten sich eher abwartend. Die Dunländer zeigen sich mehr oder weniger feindselig. Im Nebelgebirge haben sich die Orks vermehrt. Wollt ihr unsere Kampfkraft durch Geleitschutz schwächen und Sauron einen Vorteil verschaffen?"

Schließlich erhob Elendil, der die ganze Zeit über schweigend zugehört hatte das Wort. "Ich weiß nicht, zu welchem Ergebnis ich kommen soll. Isildur hat recht, wenn er auf die Gefahren einer solchen Aktion hinweist. Anárion hat recht, wenn er sagt, daß endlich Normalität in das Leben Gondors einkehren soll. Isildur hat recht, wenn er eine Schwächung unseres Heeres nicht dulden will. Bleibt noch die Frage, was jetzt eigentlich getan werden soll."

Von draußen drang das Hufgetrappel der Pferde und die Stimmen der Krieger herein, die zur Wachablösung unterwegs waren. Alltag in der Belagerung des Dunklen Turms. Drinnen herrschte nachdenkliches Schweigen. Schließlich wurde es von Isildur gebrochen.

"Einerseits sollten wir unsere Kampfkraft nicht schwächen, aber andererseits können wir die Angehörigen unserer Krieger nicht auf ewig in Arnor halten. Ich schlage einen Erlaß vor, in welchem die Rückkehr aller, die es wollen, erlaubt, aber sie sollen verpflichtet sein, für ihren Schutz selbst zu sorgen. Das soll bedeuten, jeder, Mann, Frau und Kind müssen im Umgang mit Waffen geübt sein. Außerdem soll uns jeder, der gegen Sauron kämpfen will, doch willkommen sein."

"Du meinst, wer kommen will, soll uns unterstützen?" fragte Anárion. "Außerdem werden unsere Kräfte durch die Verpflichtung zum Selbstschutz nicht geschwächt, sondern gestärkt, indem sogar unsere Frauen Waffen führen können? Und ich gehe recht in der Annahme, daß Arnors Waffenmeister sie ausbilden werden? Aber die Kinder? Ich glaube, viele sind zu jung für Kampf und Krieg."

"Das sagte man dereinst auch über uns" entgegnete Isildur. "Darin sehe ich kein Problem. Außerdem sollte man alle Reisewilligen ohne Scheu über alle Gefahren der Reise aufklären und niemanden zwingen. Deshalb schlage ich vor, keine Listen über Reisegruppen vor deren Abreise bekanntzugeben, um niemanden unter Druck zu setzen. Es ist keine Schande, vor den Gefahren dieser Reise zurückzuschrecken."

"Genau diesen Wortlaut werde ich in den Erlaß übernehmen" sagte Elendil. "Doch ich muß auch an den Schutz Arnors denken. Und dieser läßt es nicht zu, dessen Kampfkraft wesentlich zu schwächen. Die Orks des Nebelgebirges sind sehr stark geworden.
Deshalb sollen nur Kinder und Enkel Gondors in den Süden gehen dürfen. Nur wenn ein waffenfähiger Sohn oder Enkel Gondors nicht gehen will, soll ein Sohn Arnors an seiner Statt gehen dürfen. Und dieser Sohn Gondors soll in der Verteidigung Arnors dienen. Und wenn ein Krieger oder Ritter, der an der Belagerung teilnimmt, Urlaub haben will, so soll er nur gewährt werden, wenn ein anderer Krieger oder Ritter an seiner Statt hier kämpft. Damit kommen beide zu ihrem Recht: die Familien und der Krieg."

Dieser Erlaß wurde den Heeren und dem Volk von Arnor und Gondor bekanntgegeben, und eine Zeit freudiger Erwartung brach an.
Manche der dereinst vertriebenen Familien waren auf Elendils Erlaß hin zurückgekehrt und brachten ihr fröhliches Gelächter mit nach Gondor. Selbst die Außenlande von Minas Anor und Minas Ithil wurden wieder besiedelt, auch wenn die Menschen bei ihren täglichen Verrichtungen stets Waffen trugen.
Die Tage flossen dahin, und oft sah man jetzt Kinder an den Ufern des Anduin spielen. Sauron und Mordor waren für sie eine ferne, unwirkliche Bedrohung; eine Drohung, die man Kindern gegenüber erwähnte, wenn sie nicht artig waren. Und doch war der Krieg allgegenwärtig. Durch ein neues Rotationsprinzip, das Isildur erdacht hatte, war es möglich geworden, jeden Krieger für zwei Monate im Jahr nach Hause zu schicken, wenn er dies wünschte. Und viele, die noch nicht zum Kriegsdienst herangezogen worden waren bestellten ihre Felder oder gingen ihrem Handwerk nach. Das Leben ging in Osgiliath wieder seinen alten, gewohnten Gang, und nichts zeugte mehr von Saurons Herrschaft. Die Königsgärten erstrahlten wieder in ihrem alten Glanz, auch wenn die Königinnen von Gondor sich nicht in ihnen ergingen. Denn Almáriel und Eneris wollten in Bruchtal bleiben. Dort lernten sie viel von den Elben, und Valandil war immer noch nicht ganz von seinen Verwundungen genesen. Und ihn wollten sie nicht im Norden zurücklassen.
Und der Krieg und die Belagerung des Dunklen Turms gingen mit ihrer gesamten Härte und den notwendigen Taten weiter.

Die Belagerung des Dunklen Turms zog sich nun schon über ein Jahr hin. Mit der Zeit wurden Saurons Angriffe wieder heftiger, aber die Belagerer hatten einen eisernen Belagerungsring um Barad-dûr gezogen. Elendil, Isildur und Anárion wechselten sich mit der Heerführung ab, und die Elbenherrscher Gil-galad und Elrond waren auf Visitationsreise in den nördlichen Reichen. Zum einen wollten sie sicherstellen, daß alles für ihre Rückkehr nach einem Sieg wohlgeordnet war, zum anderen dachte König Gil-galad daran, ein neues Heer auszuheben.
Elrond hatte vor, Gerüchten nachzugehen, nach denen der Hexenkönig wieder umgehen würde. Grenzwächter in den nördlichen Marken von Bruchtal hatten in der Dämmerung oder während der Nachtstunden seltsame, bisweilen unheimliche Beobachtungen gemacht. Un-holde gingen in Angmar um, Unholde, wie sie den Norden während der Herrschaft des Hexenkönigs unsicher gemacht hatten.
Die Dùnedain des Nordens hatten daraufhin begonnen, die nördlichen Grenzfestungen von Arnor zu verstärken. Noch hatte es keinerlei Übergriffe gegeben, aber die erhoffte Verstärkung für den Krieg um Barad-dûr würde wohl schwächer ausfallen als von Elendil erhofft. Kundschafter drangen sogar bis zu den Resten der Festung des Hexenkönigs vor, und die Nachrichten, die sie mitbrachten waren wenig erfreulich. König Gil-galad wollte die Verteidigung gegen die neue Bedrohung im Norden organisieren.
Anárion ließ die Verhöre der gefangenen Schwarzen Númenórer verschärfen. Er wollte herausfinden, wo genau ihre Stützpunkte lagen, und mit welchen Aufträgen sie gen Gondor gesegelt waren.
Daß sie ihren Hauptstützpunkt in Umbar, weit im Süden Mittelerdes gelegen, hatten, war Anárion klar. Gerade während der Belagerung von Barad-dûr wollte er nicht das Risiko eingehen, eventuelle Stützpunkte der Schwarzen Númenórer, die in der Nähe Gondors lagen, zu übersehen.
Isildur hatte die Heerführung des Belagerungsheeres übernommen. Für ihn begann nun das Alltagsgeschäft, das den Krieg nun schon seit einem Jahr prägte. Es ging nicht vor und nicht zurück, denn beide Seiten waren etwa gleichstark. Deshalb nahm niemand seinen täglichen Dienst auf die leichte Schulter; Sauron würde jeden Fehler zu seinen Gunsten ausnutzen, und das wäre unverzeihlich.

Elendil sammelte unterdessen alle Nachrichten und Gerüchte aus dem Norden, deren er habhaft werden konnte. Die Nachrichten über neues Unheil, das der Hexenkönig ausbrüten würde beunruhigten ihn. Hatte man diesen Feind nur besiegt, damit er jetzt nur noch um so stärker wiederauferstehen würde?
Isildur wollte er nicht über diese Neuigkeiten informieren; Elendil dachte, es sei besser, ihn nicht mit beunruhigenden Nachrichten von seiner eigentlichen Aufgabe abzulenken. Schließlich war die Belagerung Saurons, des gerissensten und bösartigsten Feindes eine Aufgabe, die den gesamten Geist eines Herendil Isildur forderte.

Nahezu wöchentlich trafen Botschaften aus Bruchtal ein. Elrond berichtete von Beobachtungen an den nördlichen Grenzen von Bruchtal und Arnor, die zwar beunruhigend waren, aber die schlimmsten Befürchtungen traten nicht ein. Trolle trieben sich an den Grenzen herum, Wölfe heulten des Nachts, aber Orks waren nirgendwo zu sehen. Weder die Kundschafter Arnors noch die elbischen Späher, von denen es hieß, daß sie leiser als der Nachtwind gehen und heimlicher als Katzen ihren Tätigkeiten nachgehen könnten, fanden irgendwelche Spuren von Orks. Selbst deren weitläufige Behausungen im Nebelgebirge waren verwaist und teilweise sogar verfallen. Das ließ in Elendil die Vermutung reifen, daß die Streitkräfte des Feindes im Norden nicht so stark waren wie befürchtet; zumindest seit der Niederwerfung des Hexenkönigs. Sauron hatte anscheinend schon vor einem längeren Zeitraum einen Großteil der Orkheere nach dem Süden abgezogen, und als die Heerführer der Allianz nach Gondor zogen, mußten wohl auch die restlichen Orks des Nebelgebirges diesen Weg gegangen sein. Von den wenigen freien Orkstämmen waren keine Spuren aufzufinden.

König Gil-galad beschloß, die Kräfte des Feindes auf die Probe zu stellen. Wenn der Hexenkönig wirklich wieder umgehen sollte, dann würde er mit Sicherheit die Herausforderung seines ärgsten Widersachers annehmen. Also stellte Gil-galad ein Heer zusammen und ritt damit die nördlichen Grenzen seines Reiches ab.

Während die Kunde davon Gondor erreichte, hatte Isildur nichts Besonderes von der Belagerung des Dunklen Turms zu berichten. Wie immer gab es eher halbherzige Versuche, den Belagerungsring zu durchbrechen, wie immer wurden sie zurückgeschlagen, wie immer versuchte Isildur, zu analysieren, ob vielleicht doch nicht mehr als das übliche Kräftemessen hinter diesen Aktionen steckte.
Anárion hatte in stundenlangen, manchmal tagelangen (und nächtelangen) Verhören herausgefunden, daß es außer in Umbar keine weiteren Stützpunkte der Schwarzen Númenórer in Mittelerde gab. Ob es irgendwelche Verbände der Königstreuen nach dem
Untergang Númenors in irgendwelche anderen Teile der Welt verschlagen hatte, das war nicht bekannt (und das ist nicht Teil zumindest dieser Geschichte). Jedenfalls gab es in Mittelerde nur eine Garnison, die direkt dem Kommando Saurons unterstellt war.

"Über die Truppenstärke kann ich keine genaueren Angaben machen" sagte Anárion. "Offenbar sind diese Verräter selbst im Unklaren über ihre Stärke. Die Bandbreite der Aussagen geht von hundert bis dreitausend Mann in Waffen. Meiner Einschätzung nach können die Lande von Umbar aber höchstens fünftausend Menschen ernähren. Die Truppenstärke der Schwarzen Númenórer dürfte also höchstens zweitausend Mann betragen."

"Eines möchte ich Dir noch sagen, Anárion: die Schwarzen Númenórer mögen ehrlos sein, Verräter sind sie aber nicht" entgegnete Isildur. "Uns haben sie nie einen Eid geschworen. Ihren Eid auf Tarkalion halten sie noch immer, auch wenn der König von Númenor in seiner Torheit des Alters denen abschwor, denen er seine Macht verdankte und sich zuletzt offen gegen sie wandte. Verräter sind die Schwarzen Númenórer also höchstens gegen die Valar; aber diese Entscheidung liegt nicht in unseren Händen."

"Wie dem auch sei, für diesen Krieg sind sie eine fortlaufende Bedrohung, egal wie hoch ihre Truppenstärke letztendlich ist. Es sind Menschen unseres Blutes; und Du weißt, wie wir kämpfen. Mit Sicherheit zählt Sauron ihren Wert nicht nach Köpfen. Und ich auch nicht."

"Wohl wahr" antwortete Elendil. "Unsere Hauptsorge ist aber immer noch die Niederwerfung Saurons. Hierbei sind die Schwarzen Númenórer ein Faktor, nicht mehr und nicht weniger. Andere werden sich als stärkere Faktoren erweisen. Eines haben die Schwarzen Númenórer nun aber nicht mehr: genug Schiffe. Sie besitzen seit ihrem vergeblichen Angriff auf Gondor keine intakte Flotte mehr. Aber eines hast Du noch nicht angesprochen: ihren Auftrag."

"Richtig" meinte Anárion. "Alle Verhörten sagten früher oder später übereinstimmend aus, daß sie Gondor angreifen sollten. In ihren Augen sind wir Verräter, die eliminiert werden müssen. In Umbar waren große Hoffnungen an ihre Fahrt geknüpft. Sie sprachen schon davon, daß Sauron bei der Niederwerfung Gondors die ihm ergebenen Númenórer als Herrscher über die Dùnedain einsetzen wollte. Sie hätten die Herren und wir die Sklaven sein sollen" brummte Anárion verächtlich.

"Selbst in ihrer Niederlage sind sie hochmütig" sagte Elendil.

Aber vom Süden her war nichts mehr von den Schwarzen Númenórern zu sehen; daß sie sich aber jetzt schon geschlagen gaben, das glaubten aber weder Anárion noch Isildur oder Elendil.

Im Norden war Gil-galad die Nordgrenzen abgeritten, aber außer einem kleineren Zwischenfall mit umherstreifenden Trollen hatte sein Heer keinen Feindkontakt. Niemand schien eine Gegenwehr zu organisieren. Selbst als Gil-galad feindliches gebiet überquerte, stellte sich ihm niemand in den Weg.
Elrond fand zudem nichts Neues über etwaige Aktivitäten des Hexenkönigs heraus; es schien, als ob Sauron seine hochrangigen Diener allesamt in den Süden, nach Barad-dûr beordert hatte. Nur wenige Trolle wagten sich nachts noch aus ihren Verstecken.

Nach einem halben Jahr des Kundschaftens und Prüfens beschlossen die Elbenführer, in den Süden zurückzukehren. Gil-galad brachte fünftausend Mann Verstärkung mit in den Süden, und aus Arnor kamen weitere fünftausend Krieger. Im Gegenzug sollten dreitausend Krieger aus Arnor auf Urlaub in ihre Heimat gehen dürfen. Isildur hatte vornehmlich Krieger aus-gewählt, die mit dem Heereszug aus dem Norden mitgekommen waren und auf die zu Hause eine Familie wartete.
Bei der Aufstellung der Urlaubslisten mußte Isildur an seine eigene Familie denken. Was Almáriel und Valandil in Bruchtal taten und wie es ihnen ging, das war Isildur bekannt; sie schrieben sich eine Unmasse an Briefen, und nicht eine Woche verging, in der der eine vom Tun des anderen erfuhr. Dennoch befiel Isildur das Verlangen, seine Familie wieder vereint zu sehen, doch er wußte, er durfte den Kampfplatz nicht verlassen. Und er wollte wenigstens seine Frau und seinen jüngsten Sohn nicht den Gefahren aussetzen, die der Krieg gegen Sauron mit sich brachte. Elendur, Artan und Ciryon, seine drei älteren Söhne, hatten sich im Kampf als tapfere Krieger bewährt, und aus diesem Grund konnte er ihnen leichten Herzens den ersehnten Urlaub gewähren. Doch es mußte allen klar sein, daß ihre Pflicht im Süden lag, und es galt sie zu erfüllen.


Zehntes Kapitel: Die Feinde aus dem Norden

Isildur war noch nicht lange von der Belagerung nach Gondor zurückgekehrt, als er von Gerüchten hörte, die davon sprachen, daß sich im Norden Orks zusammenrotteten, um Gondor zu besetzen und die Belagerung des Dunklen Turms zu beenden. Zunächst lachten die Menschen darüber, doch das Gerücht hielt sich hartnäckig. Elendil beschloß, Kundschafter in die nördlichen Grenzgebiete Gondors zu schicken.
Lange Zeit hörte man nichts von ihnen. Dann, eines Abends, die Sonne war schon rotglühend hinter dem Weißen Gebirge versunken, kamen zwei Reiter nach Osgiliath. Ihre Pferde waren erschöpft, ihre Helme eingedellt und ihre Mäntel zerrissen und blutbefleckt. Trotz ihrer Müdigkeit verlangten sie, sofort zu Isildur vorgelassen zu werden.

"Wir sind zwei von den Kundschaftern, die Elendil vor etwa vier Wochen in den Norden entsandt hat" sprach der eine. "Galroth ist mein Name. Ich befürchte, wir beiden sind die letzten, die von dieser Fahrt zurückkehren."

"Die Gerüchte, daß Orks gen Süden ziehen, um ihrem Herrn zu helfen sind wahr" sagte der andere. "Sie sind schon weiter als befürchtet. Als wir beim Tor von Argonath lagerten, wurden wir von ihnen überrascht. Wir flohen zunächst gen Westen, um uns dann an den Ausläufern des Weißen Gebirges gen Süden zu wenden."

"Wie viele Orks sind es? Was wißt Ihr über sie?" rief Isildur.

"Wir mußten schnell fliehen und hatten sehr wenig Zeit, den Feind zu beobachten. Doch wir schätzen, daß es mindestens tausend Orks waren, die uns angriffen. Aber er war Nacht, und wir konnten nicht sehr weit sehen."

"Offensichtlich ist aber, daß sie einen erfahrenen Häuptling haben" sagte Galroth. "Das Orkheer nahm den kürzesten Weg, um nach Gondor zu gelangen: immer dem Westufer des Anduin entlang, und sie marschierten immer bei Nacht. Ich schätze, daß sie den Emyn Muil in den nächsten ein oder zwei Tagen verlassen dürften."

"Und dann sind sie in der Ebene" ergänzte Isildur. "Aber dann ist immer noch nicht klar, wohin sie sich wenden werden. Gen Osten, um den Belagerungsring zu sprengen oder gen Süden um die Belagerer zum Abzug zu zwingen? Eines weiß ich jetzt schon: die Nachtruhe Elendils dürfte wohl beendet sein."

Die Nachtruhe Elendils war sehr wohl beendet, und die Kundschafter berichteten vom un-erwarteten Angriff und ihrer Flucht. Sie berichteten, wie wenig vom Angreifer bekannt war und wie sie vorgingen. Elendil sandte sofort Späher aus, die das Orkheer auffinden und jeden ihrer Schritte überwachen sollten.

"Ihr aber sollt jetzt ruhen" sagte er zu den Boten. Zu Isildur gewandt, meinte er. "Das ist also der Grund, weshalb Sauron uns so lange vor Barad-dûr hingehalten hat. Um heimlich Kräfte zu sammeln, die ihm aus seiner mißlichen Lage helfen sollten. Die Frage ist jetzt, wie sie weiter vorgehen werden. Was meinst Du?"

"In meinen Augen ist es am wahrscheinlichsten, daß sie sich gegen Gondor wenden werden. Sie haben nördlich von Osgiliath keine Möglichkeit, den Anduin zu überqueren, außer mit Booten. Diese haben führen sie offensichtlich nicht mit sich, sonst wären sie wohl nicht so schnell vorangekommen. Außerdem fahren Orks nur dann mit Booten, wenn sie es unbedingt müssen und keine andere Wahl haben.
Osgiliath, die Hauptstadt Gondors, ist da ein Ziel, das leichter erreichbar und zudem lohnenswerter ist. Leichter erreichbar? Die Entwasser können über eine Furt überquert werden. Lohnendes Ziel? Ich schätze, der Orkhäuptling weiß ob der Stärke des Belagerungsheeres. Das vermeintlich schwächer verteidigte Osgiliath bietet sich dann förmlich als Angriffsziel an. Wenn die Hauptstadt des eigenen Reiches bedroht oder gar besetzt ist, ziehen die Belagerer wohl ab; das ist wohl das Kalkül des Feindes."

"Für ein Abdrehen nach Osten könnte ein direkter Befehl Saurons stehen. Oder das Verlangen, ihm so schnell wie möglich zu helfen" entgegnete Elendil.

"Es ist wohl möglich, aber wenig wahrscheinlich. Dann hätten sie bereits weit im Norden, an der Furt von Carrock oder weiter nördlich, wo der Anduin noch jung ist, den Fluß überquert und wären auf der Ostseite unter dem Schutz von Dol Guldur nach Süden gezogen. Ich vermute eher, sie haben Befehl, Gondor anzugreifen, um die Belagerer abzulenken."

"Auf alle Fälle sollten wir abwarten, was die Späher herausfinden. Außerdem sollte das Heer vor Barad-dûr benachrichtigt werden. Ich werden Anárion bitten, die Wachen auch an der abgewandten Seite des Dunklen Turms zu verstärken, um Überraschungen zu vermeiden."

"Das tun wir schon seit längerer Zeit. In Mordor sollte man kein Risiko eingehen."

"Gut. Trotzdem sollte eine erhöhte Wachsamkeit nicht schaden. Niemand weiß genau, was der Feind vorhat. Des weiteren möchte ich die Berichte der Kundschafter abwarten."

"Dennoch finde ich, daß wir auch in Osgiliath unsere Wachsamkeit verdoppeln sollten. Wer weiß, was der Feind vorhat. Außerdem werden die Leute uns eher glauben, daß die Gerüchte wahr sind, wenn wir gewisse Maßnahmen zu unserem Schutz ergreifen."

Einige Tage vergingen, ehe erste Boten eintrafen. Sie bestätigten, was Isildur befürchtet hatte. Das Orkheer marschierte tatsächlich auf Osgiliath zu, war aber offensichtlich in den Bergen des Emyn Muil aufgehalten worden. Sie hatten die Ebene noch nicht erreicht.
Isildur entschloß sich, ihnen mit seiner Hausmacht entgegenzureiten. Sie bestand zwar im Moment lediglich aus hundertfünfzig Mann (die anderen waren bei der Belagerung), aber ihr Wert war nicht nach Köpfen zu zählen. Sie hatten mehr Erfahrung mit dem Feind als so mancher berühmte Krieger, dessen Taten in Liedern besungen wurden.
Elendil wollte ihnen mit allen Kämpfern folgen, die in der Eile aufgeboten werden konnten. Viele von ihnen würden mangels Pferden zu Fuß gehen müssen, was das Ganze natürlich verzögerte.
Einige erfahrene Kundschafter hatte Isildur mitgenommen. Sie sollten ihm den Weg zum Orkheer zeigen und zudem bei der Auswahl eines geeigneten Schlachtfeldes helfen.

Sie ritten, so schnell sie konnten. Jeder von ihnen war beseelt davon, den Feind aufzureiben und ihm klarzumachen, daß seine Zeit vorüber war. Niemals wieder sollten Orks in Gondor tun und lassen können, was sie wollten.

Jedem von Isildurs Rittern brannte noch die Erinnerung an die Vertreibung durch Saurons Schergen aus Númenor und durch Saurons Heere aus Gondor im Herzen.
Sie waren noch in der Ebene, als sie bei einsetzender Dämmerung das Orkheer sahen. Die Orks trugen Fackeln und bewegten sich langsam vorwärts. Isildur ließ seine Ritter anhalten.

Das Gelände war hier bretteben. Um einen Vorteil zu erlangen, hätten sich die Orks bis zum Emyn Muil zurückziehen müssen, der jetzt bereits zwei Tagesmärsche hinter ihnen lag. Den ganzen Tag über war der Himmel dicht bewölkt gewesen und es hatte zeitweise geregnet. Mancherorts war der Boden deshalb schlammig geworden; für Pferde kein allzu großes Problem, aber sehr wohl eins für eisenbeschuhte Orks. Kein Stern war am Himmel zu sehen, und der noch junge Mond war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen. Isildur ordnete an, daß kein Feuer benutzt werden durfte. Er wollte die Dunkelheit als Vorteil nutzen; die vom Fackellicht erhellten Augen der Orks würden die Angreifer zu spät entdecken, hoffte er.
Die Orks kamen näher. Es nützte nichts, die kleine Schar Ritter aufzuteilen, um die Orks in die Zange zu nehmen. In der Dunkelheit könnte kein Zeichen zum Angriff gegeben werden. Nein, sie würden zusammenbleiben müssen.
Die Orks kamen näher. Noch ließ Isildur seine Mannen stillhalten. Er wollte angreifen, wenn die Vorhut des feindlichen Heeres an ihnen vorbeigezogen war. Dann würde der Überraschungseffekt größer sein. An den seitlichen Flanken hatten Orkheere keine Wachen. Sie glaubten, die Vorhut würde jeden Feind entdecken.
Die Orks kamen näher. Schon waren im Flackerlicht der Fackeln ihre abscheulichen Fratzen zu erkennen. Jetzt kam es darauf an, aß niemand aus Isildurs Schar, weder Mensch noch Pferd ein Geräusch machte.
Die Orks kamen näher. Schon war die erste Reihe Fackelträger vorbeimarschiert. Dann die zweite. Und die dritte. Die Dùnedain hatten ihre Pferde tatsächlich so gut unter ihrer Kontrolle, daß sie keinen Laut von sich gaben. Und die Pferde der Dùnedain waren klug genug, den Ernst der Lage zu erkennen; außerdem war es die Liebe zu ihren Herren, die sie über alle bekannten Maße hinaus ihren Reitern gehorchen ließen. Selbst die Éothéod hatten ihre Pferde nicht so gut unter Kontrolle wie die Dùnedain.
Die Vorhut hatte die lauernden Ritter passiert, ohne etwas zu bemerken. Isildur gab das Zeichen zum Angriff, indem er einen brennenden Pfeil in das Orkheer schoß.
Wie eins griffen sie das Orkheer an. Wie eine Sense ins Korn fuhr, so fuhren die Ritter zwischen die Orks. Sie spalteten das Heer in zwei Teile, trennten sich dann, ritten in einem Bogen um das Heer und griffen dann von hinten an. Dies bewirkte, daß die jeweiligen Hälften des Orkheeres in Panik gerieten und aufeinander zurannten. Die Fackelträger ließen ihre Fackeln fallen, wodurch absolute Dunkelheit eintrat. Isildurs Leute zogen sich nun zurück, denn es würde nicht lange dauern, bis sich die Nachtaugen der Orks an die Dunkelheit gewöhnen würden. Bis dorthin würde das derzeitige Chaos wohl anhalten.
Isildur ließ seine Mannen etwa eine Meile gen Süden reiten. Dann hielten sie an und erwarteten das Morgengrauen. Sie waren gespannt, was ihre nächtliche Aktion bewirkt hatte; Isildur hoffte zudem auf möglichst geringe eigene Verluste.
Als der Morgen anbrach, wurden ihre kühnsten Erwartungen noch übertroffen. Auf dem Schlachtfeld lagen über tausend tote Orks, und Isildurs Hundertfünfzig waren vollzählig (und staunend) vorhanden. Von lebenden Orks fanden sie keine Spuren, obwohl Isildur sicher war, daß einige das Gemetzel überlebt hatten.
Auch das Wetter besserte sich. Die Wolkendecke wurde vom Südwind aufgerissen, und die Sonne beschien von Zeit zu Zeit das Land. Über dem Emyn Muil regnete es noch, und ein Regenbogen schien die Berge einzurahmen.

Späher erkundeten das Land ringsum. Einzelne Orks hatten sie gesichtet und verfolgt, doch von weiteren Orkheeren war nichts zu sehen.
Isildur ließ seine Leute ausruhen, außerdem wollte er das Eintreffen von Elendils Heer abwarten. Ihm war klar, daß Sauron bald von der Niederlage seiner Orks erfahren würde. Das würde das Leben des Belagerungsheeres sicherlich nicht leichter machen, deshalb rechnete Isildur damit, bald nach Barad-dûr reiten zu müssen. Da wollte er sich noch ein wenig ausruhen.
Tags darauf erschien Elendil auf dem Schlachtfeld. Er staunte nicht schlecht, als er sah, was Isildurs Leute geschafft hatten.

"Genau genommen haben uns die Orks einen großen Teil der Arbeit abgenommen" meinte Isildur. "Wir haben sie in der Dunkelheit derart verwirrt, daß sie auf sich selbst losgegangen sind. Wir mußten uns nur rechtzeitig vom Acker machen. Dann konnten wir uns das Spielchen von ferne ansehen."

"Ja, genau. Isildur, ich glaube Dir viel, aber daß die Orks sich selbst bekämpft haben sollen, das nehme ich Dir nicht ab. Du glaubst doch selbst nicht, daß Saurons wohlausgefeilter Plan dadurch zunichte wird?"

"Nun, so ist es gelaufen, frage meine Ritter. Ich würde eher sagen, das ist ein Lehrbeispiel, was unklare Verhältnisse und ein unfähiger Orkhäuptling anrichten können. Saurons beste Leute sind in Barad-dûr, nicht außerhalb. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand un-bemerkt durch den Belagerungsring gekommen ist. Nein, dieser Orkhäuptling wäre unter normalen Umständen keiner gewesen."

"Na ja. So ganz glaube ich es noch nicht. Aber Sauron wird jetzt heftiger denn je versuchen, aus dem Belagerungsring auszubrechen. Elrond und Gil-galad sind aus dem Norden zurück-gekehrt. Offen treiben sich dort keine Orks mehr herum; Sauron hat von dort keine Verstärkung mehr zu erwarten. Ich glaube, Du wirst vor Barad-dûr mehr gebraucht werden als in Osgiliath. Zunächst werden sich die Heerführer aber im Königspalast treffen; Gil-galad wird von seiner Reise in den Norden berichten."

Auf dem Treffen in Osgiliath berichteten Elrond und Gil-galad von ihrer Reise in den Norden. Unterwegs waren sie vom Feind unbehelligt geblieben; sie waren entlang des Anduin gen Norden geritten und hatten auf dem Schattenbachsteig das Nebelgebirge überquert. Elrond ritt nach Bruchtal, während Gil-galad nach Königsnorburg unterwegs war.
In Bruchtal hatte Elrond alte Aufzeichnungen studiert, um mehr über die Nazgûl und ihren Anführer, den Hexenkönig herauszufinden. Er suchte nach einem Schwachpunkt, gelangte aber zu der Erkenntnis, daß sie mit ihrem Herrn, Sauron, standen oder fielen. Für Isildurs Vermutung, daß die Ringgeister von Sauron verführte Númenórer waren, hatte Elrond keinen Beweis finden können.
Auf die Einzelheiten bei Elronds Forschungsarbeiten wurde nicht näher eingegangen, schließlich waren Gil-galads Erkenntnisse für den Krieg wichtiger.
Von Königsnorburg aus hatte er die Grenzen Arnors abgeritten und dort keine Anzeichen dafür gefunden, daß der Hexenkönig im Norden war. Kundschafter waren bis zu seiner Behausung in Angmar gelangt; diese war offenbar aber schon seit längerer Zeit verwaist.
Von gefangenen Bergtrollen hatte Gil-galad erfahren, daß der Hexenkönig nach seiner Niederwerfung durch Isildur auf Saurons Geheiß in den Süden gegangen war, aber wo genau er war, wußten sie nicht. Er hatte den größten Teil der überlebenden Orks mitgenommen und
nicht zuletzt deshalb dem Norden einen langanhaltenden Frieden beschert.
Die wenigen Orks, die den Krieg der Dùnedain gegen den Hexenkönig überlebt hatten, hatten sich tief in das Nebelgebirge zurückgezogen. Dort hatte sich ihre Zahl nur langsam vermehrt, andere hatten die Besatzung von Dol Guldur im Düsterwald verstärkt. Diese Festung besaß Sauron, um den Norden zu terrorisieren.
Wo Dol Guldur genau lag, wußten weder Elb noch Mensch. Der Süden des Düsterwaldes war die Heimat vieler dunkler und furchterregender Geschöpfe; wer sich dort hineinwagte, der war verloren. Doch von gefangenen Orks wußte Gil-galad über die Größe der Besatzung und von den Arten von Orks und anderen Geschöpfen, die Saurons Diener dort züchteten.
Zur Zeit stellte Dol Guldur für Gondor keine Bedrohung dar. Es wußte zwar niemand genau, wo es lag, aber die Grünelben unter König Thranduil wußten sehr wohl, wie man achttausend Orks in Schach hielt. Zudem hatte Isildur einen Teil dieser Orks vernichtet.
Gil-galad hatte recht bald herausgefunden, daß sich ein Orkheer gen Süden aufgemacht hatte, und Elbenkundschafter aus Laurelindorenan fanden heraus, wo sie herkamen und welchen Auftrag sie hatten. Doch die Botschaften, die Gondor warnen sollten erreichten Osgiliath zeitgleich mit Isildurs Sieg über eben jenes Orkheer.
Anschließend berichtete Isildur über seinen Kampf gegen die Orks aus dem Norden und die Taktik, die er angewandt hatte, um mit gerade einmal einhundertfünfzig Rittern ein ganzes Heer zu besiegen Alle meinten übereinstimmend, daß die dilettantische Art, mit der der Orkhäuptling geglaubt hatte, in Gondor eindringen zu können, ein Beweis für die schlechte Ausbildung in Dol Guldur war. Isildur war sich sicher, daß Sauron lediglich ein Ablenkungsmanöver geplant hatte, um die Heerführer der Allianz von ihrem eigentlichen Ziel, der Niederwerfung des Dunklen Herrschers und der Zerstörung von Barad-dûr anzulenken. Außerdem war klar, daß weitere Manöver dieser Art nicht zu erwarten waren. Sauron würde seine Feste im Norden nicht entblößen wollen; dafür wohl eher seine Kräfte für einen Durchbruch durch den Belagerungsring sammeln. Beunruhigend war, daß keiner der Heerführer wußte, wie groß die Anlagen von Barad-dûr wirklich waren. Der ganze Gebirgsstock, auf dem die Festung Saurons stand war unterhöhlt worden, um die zahllosen Orks in Saurons Diensten unterzubringen. Die Belagerer hatten zahllose Kundschafter in weitem Umkreis eingesetzt, um Anzeichen eines unterirdischen Durchbruchs frühzeitig zu erkennen. Dennoch wußten die Heerführer letztendlich nicht, was Sauron wirklich plante.
Nicht zuletzt deswegen brannte Isildur darauf, zum Belagerungsheer zurückzukehren. Dort, vor Barad-dûr, würde sich das Schicksal Mittelerdes entscheiden, nicht in Osgiliath oder Königsnorburg. Elendil war der Ansicht, daß der Gerissenheit Saurons am besten die Weisheit aller Heerführer des Westens entgegengesetzt werden sollte. Elrond war zudem der Meinung, daß Mordor noch besser erkundet werden sollte, um etwaigen Überraschungen seitens des Feindes vorzubeugen.

"Wenn wir jeden Stein in Mordor kennen wird Sauron ein Problem haben, wenn er seine Überraschungstaktik anwenden will" sagte Gil-galad.

"Wir dürfen aber nicht zu viele Leute von der Belagerung abziehen" warnte Isildur. "Trotzdem sollten die Kundschafter gut bewaffnet und ausgerüstet sein. Wir sollten niemals weniger als fünfzig Mann in einem Kundschaftertrupp entsenden, um den nötigen Selbstschutz zu gewährleisten; und unter keinen Umständen dürfen sie sich trennen. Wir kennen die Gegebenheiten zu wenig, um zu wissen, wo sich Feinde aufhalten und wo nicht. Aber wir dürfen nicht zu viele Trupps aussenden, um unsere Streitmacht vor Barad-dûr nicht zu sehr zu schwächen. Vier Forschungstrupps, für jede Himmelsrichtung einen, sollten genügen; außerdem dürften zweihundert Mann keine allzu große Schwächung unseres Heeres darstellen."

Sie beschlossen, einen Tag in Osgiliath auszuruhen und dann nach Mordor aufzubrechen. Die Heerführer rechneten damit, innerhalb von vier bis fünf Tagen den Belagerungsring zu erreichen. Es gab sichere und gut bewachte Nachschubwege von Osgiliath nach Mordor hinein, sie waren so ausgebaut, daß die schweren Fuhrwerke der Nachschubzüge und Heeresabteilungen zugleich diese Straßen benutzen konnten, ohne sich gegenseitig zu behindern.
Das Wetter war weiterhin schön, von gelegentlichen Regenschauern einmal abgesehen, und es blieb warm, zum Reiten angenehmes Wetter.

Nach ihrem Ruhetag waren die Heerführer früh aufgebrochen. Sie führten die Verstärkung, insgesamt dreitausend Mann an, und alle brannten darauf, möglichst bald am Dunklen Turm zu sein und sich mit Saurons Heeren zu messen. Die Vertreibung aus Gondor war noch nicht vergessen.
Dennoch hatten sie genug Muße, durch Ithilien und nicht entlang des Schattengebirges zu reiten. Landschaftlich war der Weg durch Ithilien weitaus schöner als an Mordors Grenzwall entlang, auch wenn der Umweg einige Stunden Zeit kosten würde. Für die erste Nacht würden sie mit Sicherheit einen herrlichen Lagerplatz finden. Außerdem waren einige der jüngeren Krieger in Ithilien geboren; ihnen wollte Isildur Gelegenheit geben, ihr Geburtsland vor der zu erwartenden Schlacht noch einmal zu besuchen.
Nach einer ruhigen und friedlichen Nacht unter dem Sternenhimmel ritten sie erfrischt weiter.
Als sie gegen Mittag über den Geisterpaß hinunter nach Mordor ritten, beschlich so manchen im Heer ein ungutes Gefühl. Vor allem diejenigen, die zum ersten Mal nach Mordor unterwegs waren, hatten dieses mulmige Gefühl, das jeder freie Mensch hatte, wenn sein Schicksal ihm das Los beschert hatte, in das Land des Feindes gehen zu müssen.

Isildurs Herz war schwer. Er wußte, daß viele von denen, die den Geisterpaß überquert hatten, nicht mehr zurückgekehrt waren. Er fürchtete, daß dies auch für viele gelten würde, die jetzt die Grenze nach Mordor überschritten hatten.
Dennoch waren alle willig, diesen Weg zu gehen, für alle stand die Freiheit auf dem Spiel. Sie wußten, daß sie diesen Weg gehen mußten. Ihr Schicksal lag jenseits der Ebene von Gorgoroth.
Dort drüben, wo das nördliche Grenzgebirge von Mordor steil zur Ebene abfiel, stand sie: Saurons Feste. Im Halbdunkel, das durch die Düsternis entstanden war, die der Dunkle Herrscher in den Tagen seiner Macht um sich gewoben hatte, war sie unermeßlich groß und schrecklich erschienen; jetzt aber, in gleißendem Sonnenlicht war sie nur eine dünne schwarze Nadel, die sich abmühte, ihre Spitze in den blauen Himmel zu recken. Von ihrem Schrecken hatte Saurons Feste im Licht der Sonne viel verloren.
Die ganze Ebene von Gorgoroth war grün vom Gras und niedrigem Gebüsch. Obwohl es schon eine Zeitlang her war, daß die Heerführer des Westens in Mordor einmarschierten, wuchsen kaum Bäume hier. Es schien, als ob die Natur den Ausgang dieses Kampfes abwarten wollte, um dann bei einem Sieg des Westens das Land dauerhaft zu besiedeln. Nur das Gras wuchs hoch und dicht.

"In Saurons Augen muß die Ebene von Gorgoroth wohl schrecklich unordentlich aussehen" murmelte Isildur.

"Ja, denn für uns hat sie ihren Schrecken verloren" meinte Elrond, der Isildurs Worte gehört hatte.

"Wollen wir dafür sorgen, daß es so bleibt". Isildur gab seinem Pferd die Sporen.


Elftes Kapitel: Der Wind wird rauher

Die Prognosen der Heerführer traten, zumindest was den Verlauf der Belagerung des Dunklen Turms betraf, ein. Sauron versuchte jetzt vehement, den Belagerungsring zu durchbrechen, die Härte der Angriffe nahm zu. Anárion kam die Verstärkung, die Elendil und Isildur mitbrachten, deshalb recht.
Die Dùnedain hatten eine neue Straße von Osgiliath nach Gorgoroth hinein gebaut, die zu-nächst durch Ithilien führte, dann nach Osten abbog und über den Geisterpaß hinweg zur Ebene von Gorgoroth verlief. Von dort war es nur noch ein Tagesritt zum Belagerungsheer.
Den direkten Weg über Minas Ithil hatten die Baumeister der Dùnedain von Gondor zwar in Angriff genommen, der Bau dieser Straße wurde aber recht bald abgebrochen. Kundschafter sprachen von irgendeinem namenlosen Schrecken oben im Schattengebirge, dort wo der einzige gangbare Weg verlief, und einige waren nicht zurückgekehrt.
Diejenigen, die sich in die Düsternis des Schattengebirges gewagt hatten und heil zurückkehren konnten berichteten von riesigen Geweben aus dicken Fäden. Sie bestanden nicht etwa aus einer Vielzahl von zusammengedrehten Einzelfäden, sondern aus einem einzigen Strang, wie Draht. Von ferne sahen die Gebilde aus wie riesige Spinnweben, als ob eine monströse Spinne ihren ungeheuerlichen Leib ausgepreßt hatte, um selbst größte Lebewesen fangen und aussaugen zu können.
Unter den Kundschaftern kursierte schon ein Name für diese Gegend: der Spinnenpaß, Cirith Ungol in der Hochsprache der Elben von Valinor. Bald schon war dieser Name in den ersten, noch dürftigen Karten von Mordor verzeichnet, und er wurde so zur offiziellen Bezeichnung der Gegend östlich von Minas Ithil.
Selbst die verwegensten Krieger mieden diese Gegend, und nicht nur Isildurs Ritter machten einen großen Bogen darum. Die neue Straße über den Geisterpaß war hingegen breit genug, um selbst große Heere schnell bewegen zu können, und im Vergleich zu Cirith Ungol war er gefahrlos. Die Umgebung war durch Festungen abgesichert, und Kundschafter überwachten das Land. So standen der Belagerung mehr Kräfte zur Verfügung.

Sauron versuchte jetzt mit allen erdenklichen Tricks den Belagerungsring zu durchbrechen. Zahllose Orks unterminierten die Berge und versuchten, Durchbrüche zu graben. Bald waren mehr Krieger der Allianz damit beschäftigt, im Umkreis des Dunklen Turms solche Durchbrüche zu finden und ein Ausreißen des Feindes zu verhindern, als den Belagerungsring zu halten. Elendil rief die Heerführer zu einer Besprechung zusammen.

"Meine Herren, durch die neue Taktik des Feindes werden wir an der entscheidenden Linie, dem Belagerungsring geschwächt, weil wir im Hinterland beschäftigt sind. Ich fürchte, daß wir an unserer Hauptlinie so schwach werden, daß Sauron sein Heer zu einem Durchbruch führen kann. Was dies bedeutet, brauche ich mit Sicherheit niemandem zu sagen."

"Die Frage ist, wie wir Sauron hindern können, das Land zu unterminieren und uns damit mit einem Zweifrontenkrieg zu schwächen" ergänzte Isildur.

"Wie wäre es mit einem Sturm auf den Dunklen Turm?" fragte Gil-galad. "Sind wir nicht stark genug, dem Krieg endlich ein Ende zu setzen?"

"Ich befürchte, wir sind es nicht" antwortete Elendil. "Noch wissen wir nicht, wie stark Saurons Heer wirklich ist; und gerade am Schluß, am Ende des Krieges sollten wir nicht straucheln. Wir stehen vor dem Sieg, aber er kann uns noch aus den Händen gleiten."

"Wäre jetzt nicht die Stunde der Zwerge?" fragte Isildur. "Wer, wenn nicht sie wird grabenden Orks beikommen können?"

"Wohl wahr" rief Durin. "Ich habe mein Volk nicht Hunderte von Meilen in den Süden geführt, fern von unserer Heimstatt in Moria, um sie jetzt hinter den Linien auf irgendwas warten zu lassen.
Wir sind als ein Volk, das ein Leben in Schächten und Höhlen gewohnt ist, sehr wohl in der Lage, unterminierenden Feinden die Stirn zu bieten. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß Orks auf diese Weise versuchten, unsere Stellungen zu erobern, bei jeder Belagerung von Moria wurde versucht, mit Stollen bis in unsere unterirdischen Hallen vorzudringen. Wir können diese Versuche des Ausbruchs abwehren. Dafür haben die Zwerge auch vor Barad-dûr alle ihnen bekennten Möglichkeiten zur Verfügung."

"Gut. Bleibt noch die Frage, wie es mit unserem Kampf taktisch weitergehen soll. Schließlich wollten wir vor nicht allzu langer und doch recht langer Zeit Sauron stürzen und ihn nicht etwa einschließen."

"Unser Ziel ist noch immer Saurons Niederwerfung" bemerkte Isildur. "Ich finde, wir sollten offensiver vorgehen, sobald die Lage im Hinterland abgeklärt ist."

"Sehr richtig" ergänzte Anárion. "Ich bin es so langsam leid, Monat für Monat vor des Feindes Festung auszuharren und abzuwarten und alles hängt weiterhin in der Luft, und aus Monaten werden Jahre. Elendil sagte, der Sieg sei in unserer Reichweite. Vielleicht ist es so. Aber auf alle Fälle kann auch Sauron noch siegen, und das ist unsere große Gefahr. Davon werden wir bedroht, deshalb müssen wir sehr umsichtig vorgehen. Nichtsdestotrotz dürfen wir aber unser Endziel nicht aus den Augen verlieren! Noch hat der Feind viel zu viel Macht in Mittelerde, und wir sind ausgezogen, um dies zu ändern!"

"Richtig. Vergessen wir unsere Vorsicht nicht" sagte Gil-galad. "Durin wird dem unterirdischen Treiben der Orks ein Ende setzen. Es wird Zeit, dem oberirdischen Treiben Saurons ebenfalls ein Ende zu setzen. Greifen wir ihn an, wenn die Zwerge wissen, daß unterirdisch die Lage geklärt ist. Oder lassen wir ihn kontrolliert ausbrechen, um ihm auf der Ebene den Garaus zu machen. Wir kennen Mordor mittlerweile sehr genau, zu genau, damit vermiesen wir Sauron jede Überraschung. Entscheiden wir dann, wie wir vorgehen."

Dem stimmten die anderen Heerführer zu, und die Runde ging auseinander. Jetzt, nach Jahren schier endlosen Kampfes lief alles unaufhaltsam auf das große Ziel zu; die Stunde des Schicksals, das Ende des Zeitalters.
Die Zwerge schafften es tatsächlich, die unterminierenden Orks zurückzudrängen. Sie untergruben ihrerseits die Grabungen der Orks oder leiteten Wasser in sie hinein oder ließen sie durch Erschütterungen von der Oberfläche aus zusammenbrechen. Der Feind gab hier schon bald klein bei, dafür verstärkte Sauron seine Angriffe auf das Belagerungsheer von Barad-dûr aus.
Isildur und Anárion kämpften nun im Heer, um ihren Kriegern ein Beispiel zu geben. Letzten Endes waren die Angriffe Saurons aber doch nicht mehr als das altbekannte Geplänkel, nur daß sie etwas vehementer als sonst geführt wurden. Isildur wollte seine Leute mit seiner Teilnahme an den Kämpfen auf die immerwährenden Gefahren hinweisen, mit denen man es zu tun hatte, wenn man gegen einen listenreichen Feind kämpfte.

Die Dùnedain nutzten Saurons Angriffe, um vorsichtig herauszufinden, wo der Feind seine Schwachstellen hatte. Isildur und Anárion waren sich einig, daß die Zeit, die sie noch länger abwarten würden, nur Sauron nützen würde. Das vorsichtige Taktieren und Abwarten mußte nun zu Ende gehen, und Isildur wollte sich keine Gelegenheit, den Feind zu schwächen entgehen lassen.

Bald war es klar, daß ein Sturmangriff auf Barad-dûr ein sinnloses Unterfangen sein würde. Die Mauern waren außerordentlich dick und stark, es würde sinnlos sein, sie aufbrechen zu wollen. Die Festung besaß nur ein Zugangstor, und dieses schwarze, eiserne Tor drehte sich leise in unsichtbaren Angeln, wenn es denn geöffnet wurde. Dieses Tor zu knacken glich einem Ding der Unmöglichkeit.
Genauso unmöglich würde es sein, durch ein geöffnetes Schwarzes Tor in den Dunklen Turm vorzudringen und Sauron innerhalb seiner eigenen Festungsmauern niederwerfen zu wollen. Wenn der Feind aus seiner Festung herausquellen würde, wäre es für einen Stoßtrupp un-möglich, gegen den Strom in das Herz Mordors vorzudringen.

Andererseits würde es ein langwieriger und mühevoller Kampf werden, den Feind wie bisher von außen zu bekämpfen. Drei Jahre war Sauron nun schon von den Heeren der Allianz in seiner Festung eingeschlossen, und diese drei Jahre hatten seither keinen nennenswerten Fortschritt gebracht.
Mit der Rückeroberung Gondors hatten sie einen wichtigen Sieg errungen, aber die Wucht des Ansturms hatte sich vor Barad-dûr verlaufen. Seither hatten sie einen Stellungskrieg geführt, der aus der Deckung heraus geführt wurde, um die eigenen Ressourcen zu schonen. Der Feind wurde damit aber auch nur unwesentlich geschwächt. Zu einer Entscheidung führte dies nicht, und der Krieg hatte sich auf Nebenschauplätze verlagert; überall dorthin, wo Sauron noch Kräfte hatte. Isildur befürchtete, mit einem weiteren Abwarten diese Kräfte zu stärken. Die Frage war, wie die Heerführer eine Änderung der derzeitigen Situation herbeiführen konnten, ohne ihre eigene Position zu sehr zu gefährden.
Daß die Position des Westens trotz ihrer gegenwärtigen Stärke und der Tatsache, bis auf den Dunklen Turm ganz Mordor zu kontrollieren, doch gefährdet war, das zeigte ein plötzlicher Angriff, den Sauron eines sonnigen Frühlingsmorgens durchführte. Er traf die immer wachsamen Belagerer nicht unvorbereitet, aber niemand konnte von außen erkennen, was sich hinter den hohen Mauern von Saurons Festung abspielte.
Nicht durch das große Haupttor, das auf den Schicksalsberg zeigte, sondern durch zahllose kleine Ausfallpforten strömte der Feind heraus, und er kämpfte rund um den gesamten Belagerungsring, mit Ausnahme des Haupttors. Zweifellos war es Saurons Absicht gewesen, die Belagerer vom Haupttor wegzulocken, um dort dann mit der Wucht seiner Hauptstreitmacht durchzubrechen. Doch eine starke Abteilung Elben und Dùnedain behielt dort unter Anárions Führung die Oberhand.
Währenddessen bekämpften die anderen Abteilungen unter Führung ihrer Hauptleute die Ausbrecher. Isildurs Ritter schafften es, einen Durchbruch einer starken Orkrotte in Richtung Schicksalsberg zu vereiteln. Die Éothéod hielten den Feind auf der Ostseite in Schach. Elben und Zwerge bekämpften den Durchbruchsversuch, der auf der nordwestlichen Seite des Dunklen Turms durchgeführt wurde. Doch vor dem Haupttor herrschte ansonsten noch Ruhe.

Den schwersten Kampf von allen hatten gewiß Isildurs Mannen zu bestreiten. Die Orks waren größer und kräftiger als die des Nordens, zudem waren sie vom starken Willen ihres Herrn beseelt. Es schien so, als ob sie irgendeinen wichtigen Auftrag am Schicksalsberg, dem Orodruin auszuführen hatten. In der Mitte der Orkrotte war ein Wagen mit eisenbeschlagenen
Rädern, schwarz, von schwarzen Ochsen gezogen und mit schwarzen Tüchern verhüllt. Nur das abscheuliche rote Wappen des Lidlosen Auges, das alles kennzeichnete, was Saurons war, war darauf zu sehen.
Dieser Wagen wurde immer in der Mitte des Orktrupps gehalten und damit so weit weg wie möglich von den Dùnedain. Doch diese griffen unbeeindruckt davon immer wieder an, und immer wieder wurde die Zahl der Orks dezimiert, und die Dùnedain erlitten dabei nur wenige Verluste in den eigenen Reihen. Der Ansturm der Orks kam allmählich zum Erliegen, und allmählich wandelte er sich in einen langsamen Rückzug. Schließlich waren sie in der Reich-weite der Mauern von Barad-dûr, und Isildur ließ seine Leute anhalten. Ihm war die Gefahr zu groß, von der Mauer beschossen zu werden und dabei mehr Leute als bei dem gesamten Ansturm zu verlieren. Nein, seine Bogenschützen nahmen jetzt ihrerseits die Orks unter Beschuß und die Pfeile, die von ihren Stahlbogen abgeschossen wurden, fanden wenig, das ihnen widerstehen konnte.
Als Brandpfeile den schwarzen Wagen in Brand setzten, wurde aus dem Rückzug Flucht. Die Ausfallpforte schloß sich wieder, und auch an den anderen Schauplätzen wurde der Kampf vom Feind abgebrochen.
Jede der Ausfallpforten wurde jetzt nur noch um so schärfer bewacht, und die Heerführer suchten den Sinn aus dieser Aktion Saurons herauszufinden.

"Eines ist klar. Den Angriff, den ich abwehrte, war der Hauptzweck" sagte Isildur. "Was sich in diesem Wagen befand, den die Orks mitführten, wissen wir nicht. Es war jedoch sicherlich etwas Wichtiges für Sauron, wenn nicht Sauron selbst. Schließlich zogen sich die Orks ganz gegen ihrer Gewohnheit zurück, als es schlecht für sie lief, immer den Wagen in ihrer Mitte behaltend. Außerdem waren sie ungewöhnlich groß und kräftig gebaut und zudem gut ausgerüstet. Das spricht dafür, daß sie Saurons Leibwache angehörten."

"Daß es Saurons Leibwache war, bezweifle ich nicht" sagte Elendil. "Doch was hatten sie vor? Sie wollten offenbar zum Orodruin durchbrechen. Und was dann?
Hatten sie einen mächtigen Zauberer, wenn nicht gar Sauron selbst dabei, der im Schicksalsberg das Schicksal zu seinen Gunsten wenden sollte? Vergeßt nicht, er hat dort seinen Ring der Macht geschmiedet. Er wird wieder versuchen, dorthin durchzubrechen."

"Und wie wird er es das nächste Mal versuchen? Vergeßt nicht das Haupttor" entgegnete Anárion. "Dieses Mal glaubte Sauron, wir hätten seine Ausfallpforten vernachlässigt. Jetzt wird er glauben, wir vernachlässigen das Haupttor. Dort wird er den nächsten Durchbruch versuchen."

"Wohl wahr" sagte Elendil. "Das mag so sein wie Du sagst. Es mag aber auch sein, daß Sauron es wieder über die Ausfallpforten versucht. Wir müssen beides in Betracht ziehen."

Damit gingen die Heerführer wieder auseinander. Sie wußten, daß jetzt eine noch stärkere Wachsamkeit als sonst erforderlich war, denn die heutigen Kämpfe hatten eines gezeigt: Sauron verlor die Geduld. Noch würde er seine Wunden lecken, aber sein ansteigender Zorn war förmlich in der Luft zu greifen. Bald würde er seine verbliebenen Kräfte zählen und zu dem Schluß kommen, daß es an der Zeit für den endgültigen Durchbruch, den endgültigen Sieg sei. Es stand auf des Messers Schneide. Wer würde siegen und damit die Herrschaft über Mittelerde erhalten? Die Spannung in der Luft war mit Händen greifbar.

Schon in der nächsten Nacht hatte Sauron einen weiteren Versuch gestartet, den Belagerungsring zu durchbrechen. Und dieses Mal war es so, wie es Anárion vorausgesagt hatte. Das Haupttor öffnete sich, und wie eine schwarze Flut strömten Orks und Trolle hinaus. Die Ausfallpforten öffneten sich, und bald waren die Belagerer rings um den Dunklen Turm in Scharmützel verwickelt, so daß nur geringe Kräfte Anárion, der das Haupttor versperrt hielt, zu Hilfe kommen konnten.
Wieder waren die riesigen Orks mit dem schwarzen Wagen unterwegs, wieder versuchten sie, mit aller Gewalt zum Orodruin durchzubrechen. Nur mit Mühe gelang es den Dùnedain am Tor, sie zurückzuhalten.
Sobald Isildur an der südwestlichen Ausfallpforte fertig war, ritt er mit allen, die entbehrt werden konnten zum Haupttor. Er wußte, daß dort nur wenige dem großen Ansturm zu widerstehen hatten.
Anárions Leute hatten wirklich Mühe, den vorwärts drängenden Feinden zu widerstehen. Zoll um Zoll drängten die Orks und Trolle nach vorne, und Zoll um Zoll wurden sie von den Dùnedain wieder zurückgeworfen. Doch jeder noch so geringe Geländegewinn war teuer erkauft, und Blut machte den Boden glitschig.
Mühevoll gelang es den Belagerern, den Feind wieder in Richtung Tor zurückzudrängen, und in dem Handgemenge fielen viele gute Mannen. Als der Morgen über dem Schlachtfeld graute, war die Entscheidung gefallen. Das große, schwarze Tor schloß sich, und weder Ork noch Troll trieben außerhalb der Mauern ihr Unwesen. Der Durchbruch war auch dieses Mal erfolgreich verhindert worden.

Doch der Preis, den die alliierten Heerführer zu zahlen hatten, war hoch. Über dreitausend Elben, Zwerge und Menschen lagen gefallen auf dem Schlachtfeld, und unzählige Feinde hatten ihr Ende gefunden. Und wo war Anárion?
Gegen Mittag wurde er gefunden. Inmitten von einem Berg erschlagener Feinde lag er; tot, niedergestreckt von zahllosen Schwert – und Axthieben. Anárions Ritter hatten jetzt die grauenvolle Aufgabe, die Leiche ihres Herrn für die Bestattung vorzubereiten.
Sie planten, ihn nach der Sitte númenórischer Seefahrer in einem Bestattungsboot beizusetzen, das den Anduin hinunter auf das Große Meer fahren sollte. Andere forderten, ihn nach der Sitte der Könige von Númenor im Garten seines Palastes zu beerdigen. Auf alle Fälle wollte Isildur nicht, daß er inmitten des Feindeslandes seine letzte Ruhe finden sollte.

Doch gerade jetzt mußten auch Fragen der Schlacht und der Belagerung geklärt werden; einen einzigen Moment der Schwäche konnten sie sich gerade jetzt nicht leisten, wo doch alles kurz vor der endgültigen Entscheidung stand. Ihre Verluste waren hoch gewesen, doch Saurons Verluste waren zehnmal höher. Gil-galad schätzte, daß sie etwa zehntausend Orks und zweitausend Trolle erschlagen hatten.

"Trotz aller Trauer haben wir heute wieder gesiegt und Sauron einen noch größeren Schaden zugefügt, als er ihn jemals für möglich gehalten hätte. Doch das wird ihn jetzt in die Enge treiben. Seine Lage ist nur noch verzweifelter geworden. Es ist für uns jetzt vollkommen unberechenbar, was er jetzt tun wird."

Sie kamen überein, daß Anárions Bestattung eine Sache sein würde, die für niemanden un-wichtig wäre. "Ich möchte ihr beiwohnen, denn ich verdanke Anárion viel" sagte Gil-galad. "Doch derzeit ist das nicht möglich. Laßt ihn nach Minas Anor bringen, wo er einbalsamiert und aufgebahrt werde, bis wir alle, wenn der Krieg vorbei ist, an seiner Bestattung teilnehmen können."

Dem stimmten Elendil und Isildur zu. Dann sprach Elendil:

"Isildur als sein Bruder sollte Anárion nach Minas Anor bringen. Er sollte als letzter verbliebener König von Gondor alles zu seiner Beerdigung in die Wege leiten. Dann sollte er zurückkehren. Diese Zeit müssen wir aufbringen."

Also wurde Isildur auserkoren, Anárion nach Minas Anor zu bringen. Er wollte in Gondor dann die letzten noch verbliebenen Truppen mobilisieren und nach Barad-dûr mitbringen, denn jetzt, kurz vor der Entscheidungsschlacht zählte jeder Mann.


Zwölftes Kapitel: Die Entscheidung fällt

Es war ein trauriger Ritt nach Minas Anor und ein trauriger Heerzug zurück auf das Schlachtfeld, denn Anárions Tod traf jeden Dùnadan ins Herz, ganz gleich ob er in Arnor oder in Gondor wohnte. Niemand lachte und niemand sang, denn allen war klar, daß die entscheidende Schlacht kurz bevorstand, und nicht wenige würden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Es würde hart für jeden werden.
Isildur hatte die traurige Pflicht, die Botschaft vom Tod ihres Mannes an Eneris zu senden, und er hatte seinen besten Boten auf den gefährlichen Weg in den Norden geschickt. Auch ließ er Eneris die Grüße der Heerführer übermitteln und er ließ sie wissen, daß die entscheidende Schlacht dieses Krieges unmittelbar vor ihnen stand. Und bei aller Trauer und Bitterkeit war es doch klar, daß Elendils Haus jetzt das Schicksal teilte, das viele Familien in Arnor und Gondor vor ihnen ereilt hatte.
Jetzt ritt Isildur an der Spitze des Heeres, das zweitausend Männer aus den Landen um Minas Anor stark war, aber es war Gondors letztes Aufgebot. Nur wenige Krieger hatte er zurückgelassen, um die Alten, Frauen und Kinder zu schützen.

"Wenn wir fallen wird die schwarze Flut unaufhaltsam den Westen Mittelerdes überrollen. Früher oder später wird jede Gegenwehr sinnlos sein. Aber wenn wir siegen, möchte ich nicht in ein verheertes Land zurückkehren."

Diese Worte hatte Isildur an die Stadtkommandanten von Osgiliath und Minas Anor gerichtet, als er die letzte Truppe zu den Waffen rief. Minas Ithil hatte er vorsorglich räumen lassen, denn es würde im Fall des Falles als erstes von der schwarzen Flut überrollt werden, und die Chancen zur Flucht wären für die Bewohner dann gleich Null gewesen.
Das Wetter war trotz der Sorgen, die Isildurs Herz bedrückten, schön (trügerisch schön, fand er), und die Ebene von Gorgoroth erblühte in den schönsten Farben. Fast schien es so, als ob die Natur den Sieg der Allianz schon vorwegnehmen wollte, aber Barad-dûr stand wie eine dunkle, unheimliche Bedrohung über der Ebene. Und welche dunklen Pläne von Saurons verderbtem Geist erdacht wurden, um alle freien Lebewesen zu unterjochen würde wohl nur die Zukunft zeigen können.
Es war trotz aller düsteren Vorahnungen von Gefahr und Leid doch ein ereignisloser Ritt gewesen, und sogleich nach der Ankunft im Lager wurde Isildur zu den Heerführern gerufen.

"Wir haben Anzeichen dafür, daß der Feind in den nächsten Tagen oder gar Stunden zum letzten Schlag ausholen wird" sagte Gil-galad mit ernster Miene. "Der Schicksalsberg hat vor einer Woche begonnen, auf der östlichen Seite Feuer zu speien; zudem war es die letzten Tage außerordentlich ruhig gewesen. Es liegt ein Gefühl der Anspannung in der Luft."

"Fern im Norden sammelt Sauron Orks, wurde uns berichtet" ergänzte Elrond. "Wie Sauron es schafft, trotz unserer Belagerung Befehle über eine derart große Distanz zu senden, ist mir allerdings ein Rätsel. Ich vermute, daß dieses Orkheer bereits auf dem Weg in den Süden sein muß. Niemand weiß es aber genau."

"Auch auf die Grenzmarken Arnors strahlt schon die Bedrohung durch Saurons Orks aus" sagte Elendil. "Doch es sind nur Gerüchte, sagte der Bote, und noch kein Feind wurde an Arnors Grenzen gesichtet. Aber das ist auch schon einen Monat her."

"Wie ich sehe, sollten wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß die Entscheidung über Wohl oder Wehe in Tagen oder gar Stunden fallen wird" seufzte Isildur. "Laßt uns wachsam und besonnen sein, damit wir auf den letzten Schritten einer langen Wanderung nicht noch stürzen und alles vergebens war."

"Wohl gesprochen" rief Gil-galad. Und sie kehrten zurück zu ihren Heeren, den kommenden, entscheidenden Kampf abwartend.
Isildur zog sich in sein Zelt zurück. Er verschloß gewissenhaft den Eingang, dann holte er aus einer kleinen Truhe aus poliertem Eichenholz ein Bündel. Er wickelte mehrere Lagen Stoff auf und zum Vorschein kam eine faustgroße Kugel. Sie schien von einem inneren Leuchten erhellt zu sein, obwohl es im Zelt selbst dunkel war. Bei Tageslicht konnte man durch diese Kugel hindurchsehen, wenn man sie in die Sonne hielt. Doch in der Dämmerung schien es, als ob die Kugel aus milchigem Glas bestünde.
Isildur nahm die Kugel und legte sie auf das Kopfkissen seines Feldbettes. Er drehte sie noch ein wenig, bis sie richtig ausgerichtet zu sein schien.
Diese Kugel, das war einer der Sieben Sehenden Steine, der palantirí, die in halbvergessenen Zeiten in Valinor gemacht worden waren. Sie waren geschaffen worden, um Dinge zu sehen, die in weiter Ferne geschahen. Geschenke aus Valinor waren sie, empfangen in den glückseligen Zeiten, als es Númenor noch gab und es bei den Valar nicht in Ungnade gefallen war.
Nun hatte Isildur einen dieser Steine bei sich, und er hatte ihn als gutgehütetes Geheimnis in seinem Gepäck aus Arnor mitgenommen. Die anderen sechs Steine waren an verschiedenen, geheimen Orten wohl behütet.
Nach einer gewissen Zeit wandte Isildur seinen Blick ab, und er wickelte die Kugel wieder sorgfältig in die Tücher ein. Dann legte er das Bündel vorsichtig in die Truhe zurück. Anschließend suchte er Elendil in seinem Zelt auf.

Isildur berichtete seinem Vater von dem, was er gesehen hatte. "Das Orkheer, von dem Elrond berichtete, ist noch zwei Tagesmärsche von hier entfernt. Es bewegt sich auf uns zu. Schätzungsweise fünfhundert Orks werden von einem Stammeshäuptling angeführt, und sie führen Saurons Wappen im Schilde."

Isildur schlug seinem Vater vor, daß er sich den Orks mit dreihundert seiner Ritter entgegenstellen sollte, damit sie erst gar nicht in die Nähe des Dunklen Turms kommen konnten. Sie beschlossen, daß er sofort aufbrechen sollte, um die Orks im Überraschungsangriff vernichten zu können, noch weit entfernt von jeglicher Hilfe durch Sauron.
Nachdem Isildurs Mannen aufgebrochen waren, rief Elendil wiederum die Heerführer zusammen. Er war der Ansicht, daß auch die anderen Hauptleute der Allianz von Isildurs Methode der Nachrichtenbeschaffung erfahren sollten; hatte Isildur seinem Vater doch seinen Sehenden Stein vor dem Aufbruch übergeben. Er wollte versuchen, mit Hilfe des Steins herauszufinden, was sich im Inneren von Saurons Feste abspielte.

"Wieso haben wir nicht früher von dem Stein erfahren? Wir hätten es doch wahrlich leichter haben können, über all die Jahre" fragte Gil-galad staunend.

"Isildur war seit Anárions Tod irgendwie verändert, er ist nachdenklicher geworden" erklärte Elendil. "Er erzählte mir gegenüber, daß er seinen Entschluß, den Stein für den Krieg zu verwenden, erst auf dem Weg nach Minas Anor faßte. Es fiel ihm wahrlich nicht leicht, diese Entscheidung zu treffen. Zum ersten Mal sollen die palantirí im Krieg eingesetzt werden, das hat es noch nie gegeben.

Isildur weiß auch von den Gefahren, die der Einsatz des Steins haben kann. Wir befürchten, daß Sauron den Einsatz der palantirí bemerkt, wenn wir seine Festung damit ausspähen. Wer weiß, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten er besitzt. Dennoch finde ich, daß wir die Chancen, die uns der Einsatz des Steins bietet nutzen sollten."

"Sauron weiß nichts von den Sehenden Steinen" sagte Elrond. "Daß es sie gibt, war in Númenor ein Geheimnis, das nur wenigen zugänglich war. Noch nicht einmal der König wußte davon; Sauron erst recht nicht. Es heißt, man kann es fühlen, wenn man durch einen Stein beobachtet wird. Doch der Feind wird nicht wissen, woher dieses Gefühl kommt, und er wird es auf die allgemeine Furcht vor der Schlacht zurückführen. Doch wenn wir den Sein einsetzen, sollten wir nicht zu lange und zu tief blicken. Immerhin können die Dämme jederzeit brechen."

"In meinen Augen ist Elrond derjenige, der am ehesten dafür geeignet ist, den Stein zu verwenden" schlug Gil-galad vor. "Er ist am erfahrensten in der Beurteilung des Feindes und wird die Informationen, die er erhält, ohne Emotionen beurteilen."

Die anderen Heerführer stimmten dem zu, und Elrond zog sich mit dem Stein zurück. Nach einer Stunde bangen Wartens kam er zurück. Sein Gesicht war sorgenvoll.

"Sauron hat noch viel mehr Orks und Trolle, als wir annahmen. Doch es besteht keine Möglichkeit für ihn, Waren oder Leute von draußen zu erhalten. Seine Krieger hungern. Ich fürchte, er wird zum baldigen Angriff gezwungen sein."

"Dann wollen wir uns darauf vorbereiten" entgegnete Elendil.

Die Wachsamkeit der Belagerer sollte sich bald als nützlich erweisen, denn es dauerte nicht lange, und Sauron führte seinen langgeplanten Angriff durch. Plötzlich und ohne Vorwarnung öffneten sich die Tore des Dunklen Turms und wie eine schwarze, unheilbringende Flut ergossen sich Saurons Heerscharen über die Heere des Westens.
Der Angriff erfolgte nur über das Haupttor, so hatte Sauron noch genügend Reserven, falls der Ausfall fehlschlagen sollte. Und wie Wasser durch eine viel zu eng bemessene Leitung rauscht, so hatten die Heere des Westens dem enormen Druck des Ansturms zu widerstehen. Meter um Meter mußten Dùnedain, Elben und Zwerge zurückweichen, und jeder Meter, den der Feind vordrang, wurde teuer erkauft. Die Éothéod hatten in den Kampf noch nicht eingegriffen, denn sie standen noch nördlich und westlich des Dunklen Turms, und Saurons Haupttor zeigte nach Südwesten. Isildur schließlich war noch damit beschäftigt, Saurons Verstärkungsheer aufzureiben; er wußte noch nichts von dem Ausfall. Die Éothéod waren jedoch schon unterwegs, um den Bedrängten zu Hilfe zu kommen.
So heftig der Ansturm der Orks und Trolle auch sein mochte, der Gegenwehr von Aiglos und Narsil; Speer Gil-galads und Schwert Elendils vermochte kein Feind Widerstand zu leisten, und nur wenige wagten es, den Herren in der Stunde ihres Zorns ins Gesicht zu schauen.
Langsam drängten Elendil und Gil-galad jetzt wieder nach vorne, um das Heer des Feindes von der Festung abzuschneiden. Die Krieger der Menschen und Elben scharten sich um Elendils Banner, und er war es, der Saurons Leibwache angriff und in eine wilde Flucht schlug.
Die Leibwache des Schwarzen Fürsten bestand aus hünenhaft hoch gewachsenen Orks, mit verderbten Zauberkräften ausgestattet, fürchterlich und verschlagen. Doch wie alle Geschöpfe des Dunklen Herrschers verabscheuten sie das Sonnenlicht, denn es schwächte sie. Und so war es den erfahrenen Rittern aus Arnor und Gondor ein leichtes, auch diese Feinde zu besiegen.
Doch Sauron hatte viele Waffen; und in den langen Jahren, die seit dem Untergang Númenors vergangen waren, war er nicht müßig gewesen. Und er hatte mehr als nur lichtscheue Orks und Trolle aufzubieten. Wenige der Schwarzen Númenórer hatten den Untergang überlebt, doch er hatte mehr Menschen aus dem Osten und Süden in seine Gewalt gebracht; teils durch Versprechungen, teils furch Furcht und Gewalt.
Diese Kräfte warf er nun auf das Schlachtfeld, und nun war er waffengleich mit den Belagerern. Mehr noch, denn jetzt setzte er seine gefürchteten Sprengfeuer ein, und der Orodruin spie glühende Lava.
Gerade zur rechten Zeit kamen da die Éothéod, und für eine gewisse Zeit vermochten die Belagerer noch, dem Ansturm standzuhalten. Doch jetzt kämpften sie gegen Krieger, denen das Sonnenlicht nichts ausmachte. Langsam, Zoll für Zoll, wichen sie jetzt zurück, aber für jeden Meter, den der Feind hinzugewann, war ein hoher Blutzoll zu entrichten, und die Erde war rot getränkt.
Als Ethelred, der Heerführer der Éothéod sah, wie gefährlich die Lage für die Belagerer geworden war, griff er sofort in das Hauptgeschehen ein. Es war ein verzweifelter Angriff, den er führte, aber die Wut und der Kampfgeist der Nordmannen fegte durch die vordersten Reihen der Feinde weg wie der Wind das alte Laub, und sie brachten Saurons Schlachtordnung gehörig durcheinander. Und so kam es, daß Elendil und Ethelred sich inmitten des Schlachtfelds trafen.

"Es scheint, als ob Ihr mit Euren Vermutungen recht hattet" sagte Ethelred. "Sauron griff uns aus Not an, er steht mit dem Rücken zur Wand, und trotzdem ist noch nichts entschieden."

"Fürwahr, noch hängt die Schlacht in der Schwebe, und niemand weiß, zu wessen Gunsten sich das Kriegsglück wenden wird."

"Wo ist Isildur? Ich hatte erwartet, ihn hier in der Schlacht zu sehen."

"Er reibt im Norden ein Verstärkungsheer auf, das Sauron im Norden aufgeboten hat. Niemand weiß, wann er zu uns stoßen wird."

"Hoffentlich bald." Und sie ritten zum Kampfgeschehen zurück.

Die Schlacht wogte lange unentschlossen hin und her. Keine der Seiten schaffte es, einen klaren Vorsprung zu erringen; es schien, als ob sie sich gegenseitig erschöpfen wollten. Offenbar spielte Sauron auf Zeit, denn es war für die Heerführer klar, daß er noch längst nicht seine gesamte Streitmacht vor die Tore entsandt hatte. Nichts ahnten sie zu der Zeit von der prekären Lage, in der ihr Feind sich befand. Barad-dûr war zweifelsohne noch randvoll mit Kämpfern, Orks und Trollen, die das Sonnenlicht haßten und unter ihm schwach wurden. Sauron würde erst nach Einbruch der Nacht wieder im Vorteil sein, und dann würde er seine grausamen Kreaturen zur Schmach der Heerführer des Westens auf die Belagerer loslassen.
Aber da war ein Problem: es war noch früher Morgen; halb neun, und seine Menschen wurden von Minute zu Minute weniger, und bis zum Anbruch der Dunkelheit war es noch lang. Sein so genau durchdachter Plan hatte eine Schwäche: er hatte zu früh losgeschlagen, und es würde wenig Sinn machen, die Heerführer des Westens um einen Waffenstillstand zu bitten. Aber da war ja noch sein Heer, das er im Norden ausgehoben hatte: der letzte Rest der Streitmacht des Hexenkönigs. Zehntausend Orks, unempfindlich gegen das Sonnenlicht hatte dieser ihm versprochen. Es müßte eigentlich jeden Moment auf dem Schlachtfeld eintreffen.

Genau zur selben Zeit machten sich die Heerführer ebenfalls Gedanken über dieses Entsatzheer. Niemand wußte wirklich genau, wie stark es war. Wo nur blieb Isildur?
Beide Seiten wußten genau, je länger die Schlacht so unentschlossen hin und her wogte, um so mehr würden sie geschwächt; sie wurden beide müde, verausgabt vom nutzlosen Geplänkel. Jeder fürchtete, die Gegenseite hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand oder ein As im Ärmel (wie Isildur zu sagen pflegte), das dann zum Einsatz käme, wenn die Gegenseite zu schwach wäre, sich dagegen noch zur Wehr zu setzen. Elendil hieß seine Ritter, nach Möglichkeit ihre Kräfte zu schonen. "Denn die eigentliche Entscheidung steht uns noch bevor, und ich vermute, sie wird noch heute fallen." Gil-galad und Ethelred taten es ihm gleich; es hatte einfach keinen Sinn, jetzt die besten Leute zu verschleißen, wenn die Entscheidung noch nicht abzusehen war. Elendil blickte immer ungeduldiger gen Norden. Zu schade, daß er jetzt keine Zeit hatte, in den palantír zu blicken. Wo nur blieb Isildur?

Nur noch vereinzelt flammten jetzt Kämpfe zwischen den Kontrahenten auf. Von ehemals zwanzigtausend Menschen, die Sauron unter seinem Kommando hatte, waren gerade noch eintausend übriggeblieben. Die Krieger des Westens waren besser ausgerüstet, und vor allem besser motiviert als seine eigenen. Saurons Sklaven hatten nichts zu verlieren; die Menschen, Elben und Zwerge des Westens hatten hingegen ihre Freiheit zu verteidigen.
Vor allem die gefürchteten númenórischen Stahlbögen hatten in den Reihen des Feindes verheerend gewütet. Ihre Reichweite war um ein vielfaches höher als die Eschenbögen, die Saurons Krieger verwendeten. Sogar weit hinter den feindlichen Linien hielt der Tod seine grausame Ernte.
Jetzt rächte es sich bitter, daß Sauron für die Waffen, die die königlichen Waffenmeister in Númenor ersonnen hatten, nur Geringschätzung und Verachtung übrig hatte. Hätte er sich, als er in Númenor war, rechtzeitig und in ausreichenden Mengen mit Stahlbögen und noch viel grausameren Waffen als die, die Elendil verwenden ließ versorgt, wäre der Kampf wohl schon längst zu seinen Gunsten entschieden worden. Aber Númenor war nicht mehr, und Elendil hatte diese grausamen, menschenverachtenden Waffen vernichten lassen, sobald sie ihm in die Hände fielen, denn er duldete es nicht, daß Unbeteiligten Leid widerfahren sollte. Und Sauron mußte jetzt das Beste aus der Situation machen. Es gab nur noch eins, was er tun konnte, und er mußte es rasch tun, sollte es nicht zu spät sein: Sauron selbst mußte sich hinunter auf das Schlachtfeld begeben.
Dort würde er sich an all jenen rächen, die ihm Schmach angetan hatten, an allen Heerführern einzeln. Vor allem aber an jenem frechen Jüngling, der es als einziger jemals gewagt hatte, sich ihm in den Weg zu stellen, damals in Númenor. Isildur hieß dieser Jüngling; und Sauron hatte einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt, seine Gefangennahme aber würde er noch höher belohnen.
Hinaus, hinaus drängte Sauron mit dem Mut und der Macht der Verzweiflung, und Orks und Trolle kämpften jetzt mit neuem Mut, denn der Geist ihres Herrn war jetzt in ihnen. Vorwärts drängte er, und der Widerstand der Belagerer brach zusammen. Ohne Rücksicht auf Verluste drängte Sauron seine Heere zur Raserei, und er achtete auf nichts mehr außer eines: Elendils Banner.
Durch Elb, Mensch und Zwerg hieb sich der Feind seinen Weg, nur ein Ziel kennend: Rache. Und wie sich das Kriegsglück gegen den Westen zu wenden schien, ertönte ein neues Fanal des Schreckens: Hörner aus dem Norden, laut und schrecklich anzuhören.
Doch siehe: inmitten des Triumphes wuchs Zweifel in den Herzen der Feinde. Denn ein Banner wurde entrollt. Es zeigte einen weißen Turm und darüber eine weiße Krone auf schwarzem Grund: Isildurs Banner. Endlich war er gekommen.

Er war beileibe nicht zu früh auf dem Schlachtfeld erschienen, und obwohl Isildurs Streitmacht eher klein war (im Vergleich zu den Feinden, die zwischen ihm und Elendil standen) konnten sie sich ihren Weg freihauen wie ein Messer, das durch Butter schnitt.
Obwohl Isildurs Erscheinen für Sauron verheerend war, hatte dieser noch viele Orks und Trolle unter seinem Befehl, und die Stunden der Dämmerung rückten unaufhaltsam näher; es war schon Mittag, und der Angriff kam ins Stocken. Fast schien es so, als ob Saurons Spiel auf Zeit Erfolg haben würde.
Doch auch Isildur hatte mit seiner Taktik Erfolg, und er und Elendil hatten jetzt einen Großteil ihrer Feinde in die Zange genommen, und sie waren jetzt damit beschäftigt, dieses Heer aufzureiben. Es dauerte nicht lange, und zwischen Isildur und Elendil standen keine Feinde mehr. Nur wenige waren ihrem Zorn entkommen, und nur ein Gerücht sollte später an das Verderben erinnern, das die Dùnedain über die Menschen des Ostens gebracht hatten.

"Nicht zu früh bist Du gekommen, mein Sohn" sagte Elendil. "Sauron ist auf dem Schlachtfeld. Seine einzigen Krieger, die er noch hat, sind lichtscheue Trolle und Orks. Wir müssen Sauron noch bei Tageslicht überwältigen, dann ist der Sieg unser."

"Die Chancen hierauf sind gestiegen" erwiderte Isildur. "Dieses sogenannte Verstärkungsheer oder Entsatzheer, wie manche es auch nannten, war nichts mehr als eine bessere Morgenübung für uns. Das waren vielleicht tausend Orks, vielleicht auch bloß achthundert, genau wissen wir es nicht. Sagen wir es mal so: Jeder kam mal dran. Wir hatten jedenfalls keine Probleme, und erst recht keine Verluste. Wenn Sauron nur solche Leute hat wie diese Verstärkung, dann ist der Sieg wirklich unser."

"Dein Wort in der Valar Ohren. Wir sollten den Feind nicht unterschätzen. Sauron ist jetzt so gefährlich wie ein wildes Tier, das bei der Jagd in die Ecke getrieben worden ist. Vor allem müssen wir vor Sonnenuntergang eine Entscheidung herbeigeführt haben, denn unsere Kräfte halten nicht ewig und nachts sind die Orks am mächtigsten."

"Dann laß uns zur Schlacht zurückreiten."

Mittlerweile hatten Gil-galad und Ethelred Saurons verbliebene Streitmacht vom Dunklen Turm abgeschnitten und die Zwerge arbeiteten an einem Wall, die die Feinde, die sich noch in Saurons Festung aufhielten, drinnen einsperren sollte.
Doch Elrond sah jetzt eine neue Gefahr heraufziehen: Saurons Weg zum Schicksalsberg, dem Orodruin war jetzt frei, und würde er dorthin gelangen, würde die Macht des Einen Ringes, des Herrscherringes über alle anderen, steigen, während die anderen schwächer wurden. So hatte es Sauron immer gemacht, wenn es galt, andere niederzuwerfen, und so plante er es auch dieses Mal. Denn hier, inmitten des Feurigen Berges, einem Vulkan, der vor Urzeiten bei der Erschaffung der Welt entstanden war und den Sauron zu seiner furchtbaren Schmiede gemacht hatte, war der Eine Ring entstanden, unter Mithilfe der Unterwelt, und die Mächte der Unterwelt halfen demjenigen, der an diesem Ort den Meisterring trug. Hier, an diesem Ort hatte Sauron die bis dahin verborgenen Kräfte der Unterwelt entdeckt und er trachtete sie für Morgoth, seinem Herrn, nutzbar zu machen. Zu jener Zeit weilte dieser noch in Angband; es war das Erste Zeitalter, und Finrod setzte ihm arg zu. Die Elben wußten damals noch wenig über die Lande östlich des Ered Luin, der damals Beleriand begrenzte und nun die letzte Erhebung Mittelerdes vor der Küste war, und sie ahnten nicht, welche Gefahren von dem Land ausgingen, das später Mordor genannt werden sollte. Am Orodruin war auch Grond gefertigt worden, jene große Ramme, mit Zauberkräften ausgestattet; unbezwingbar für jeden Gegner.
Hätten die Elben damals gewußt, wo jene Waffe, die Festung um Festung fallen ließ wie Sandburgen, die vom Meer weggespült wurden, erschaffen wurde; wer weiß, ob der Eine Ring jemals geschmiedet worden wäre. Doch sie wußten es damals noch nicht, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Jetzt strebte Sauron wieder zu jener Stätte, um den Westen mit Hilfe der Unterwelt endgültig zu besiegen.
Elrond erkannte diese Gefahr, und er schickte seinen schnellsten Meldereiter zu Isildur, der am nächsten zum Schicksalsberg stand, damit dieser sich unverzüglich auf den Weg machte.
Doch Isildur selbst erkannte Sauron an seiner Standarte, die ein rotes, lidloses Auge über einem roten Turm auf schwarzem Grund zeigte. Voll altem und neuem Haß gab Isildur seinem Pferd die Sporen und sprengte davon, auf Sauron zuhaltend. Er wußte sehr wohl, wer am Untergang Númenors, am Tod vieler bedeutender und unbedeutender Menschen und an der Vernichtung vieler Völker schuld war. Auch ahnte Isildur, was der Dunkle Herrscher vorhatte und er beschloß, ihn noch vor dem Berg zu stellen, allerspätestens jedoch am Eingang zu seiner Schmiede. Isildurs Haß auf Sauron und seine Taten machte ihn rasend, und so schnell war sein Pferd, daß weder Freund noch Feind ihn einzuholen vermochten. Jetzt liefen alle Wege auf einen Punkt zu: die Entscheidung dieses Krieges würde am Schicksalsberg fallen, er würde seinem Namen wieder einmal alle Ehre machen.
Auch Elendil und Gil-galad und die anderen Heerführer des Westens strebten nun auf den Feurigen Berg zu, und auch sie sahen Isildur, wie er selbst Sauron überholte. Selbst Sauron, der in höchster Eile ritt und sich von seinem schützenden Heer entfernt hatte. Er wußte, mit Schrecken würde er jeden Feind vertreiben können; doch er erinnerte sich auch an jenen respektlosen Jüngling aus Númenor, der jetzt erwachsen geworden war und sich ihm schon einmal in den Weg gestellt hatte.
Eben dieser Herendil Isildur zog jetzt sein Schwert und wendete sein Pferd, und sein Gesicht verhieß nichts Gutes. Saurons abscheuliches Roß, dessen Nüstern von einem inneren Feuer rot glühten wurde langsamer und hielt schließlich an. Sie standen nur noch wenige Meter voneinander entfernt.

Schließlich sprach Sauron. "Wage es nicht, sich mir in den Weg zu stellen. Noch nie ist jemandem etwas gelungen, indem er mich hinderte. Weg mit dir, oder die dunklen Abgründe werden dich vernichten. Mich kann nichts und niemanden aufhalten."

"So? Da bin ich aber anders informiert" lachte Isildur. "Ich kann mich noch ganz gut an einen aufgeblasenen Magier erinnern, der mit Taschenspielertricks die einfachen Leute verblüffte und dessen Macht dort endete, wo es keine Furcht gab. Wir waren uns schon einmal gegen-übergestanden, und wer den kürzeren zog, weiß ich genau, denn ich war es nicht. Wieso sollte ich klein beigeben? Denkt daran, Sauron, Meister der Großspurigkeit, daß wir noch eine kleine Rechnung betreffs eines Überfalles auszugleichen haben. Und nicht nur das!"

Das war zuviel für Sauron. Das mußte er sich nicht bieten lassen. Er hatte einstmals fast ganz Mittelerde beherrscht, diese Seefahrer aus dem Süden vertrieben, ihre Insel vernichtet und jetzt das!
Doch was Sauron auch immer machte, Isildur war schneller. Sauron hob sein Schwert – abgewehrt! Er wollte mit der Peitsche zuschlagen – da hielt er nur noch den Griff in der Hand. Er wollte nach rechts ausweichen – da war Isildur schon. Nach links – da war er auch schon. Nach hinten – da rückte er nach. Nach vorne – zwecklos. Da war Isildur schon.
Es gelang Isildur tatsächlich, mit diesem Geplänkel den Dunklen Herrscher so lange aufzuhalten, bis Elendil, Gil-galad, Elrond und Ethelred auf dem Schauplatz eintrafen. Ihre Heere nahmen sich nun Saurons Gefolge vor, und die Heerführer ritten zur Unterstützung Isildurs.

Dieses Geplänkel war für ihn doch ermüdend, schließlich war Sauron körperlich und geistig sehr stark, und er kannte manchen Zauber, der schwächend auf den Gegner wirkte. Doch Isildur konnte dem länger widerstehen als Sauron dachte, und das nährte seinen Zweifel. Und jetzt kamen Elendil und Gil-galad und gingen unverzüglich zum Angriff über, so daß Sauron nun nicht mehr nach der Seite ausweichen konnte.
Isildur zog sich jetzt zurück. Ihm war, als ob jeder Hieb, den er geführt hatte, doppelt so schwer gegangen war wie sonst.

"Das ist Saurons Macht" sagte Elrond. "Doch wenige hatten je den Mut gehabt, sich ihm so offen entgegenzustellen wie Ihr, noch haben sie so lange gegen ihn durchgehalten."

"Als ich in Númenor Anárion aus Saurons Tempel befreite, fand ich mich ihm schon einmal gegenüber, und ich konnte mich schon einmal ihm gegenüber durchsetzen. Nein, letzten Endes kocht auch Sauron nur mit Wasser, und auch er ist nicht unbesiegbar."

Währenddessen hatten die Heere des Westens einen harten Kampf gegen Saurons Gefolge. Es waren jetzt kampferprobte Gegner, Veteranen aus dem Gondorfeldzug; die Tatsache, daß Sauron jetzt höchstselbst gegen die Heerführer der Allianz kämpfte, wirkte stärkend auf sie.
Es war, wie Elendil gesagt hatte: die Entscheidung dieses Krieges fiel mit der Entscheidung, ob Sauron besiegt werden konnte oder nicht.
Noch wartete Isildur ab und beobachtete seinen Feind, ehe er wieder in den Kampf eingriff. Er suchte nach einer Schwachstelle, einen Fehler, den Sauron vielleicht immer und immer wieder machte, möglicherweise unbewußt. Isildur ahnte, daß die Entscheidung durch seine Hand fallen könnte. Er konzentrierte sich genau auf seinen Gegner.
Und Isildur griff wieder erstarkt in den Kampf ein, denn Saurons Zauber hatte nachgelassen, als er sich von ihm abgewandt hatte. Es mochte gut sein, daß der Dunkle Herrscher von Isildur überrascht worden war, denn gleich der erste Streich fügte ihm eine schwere Wunde zu. Und es war, als ob von Elendil und Gil-galad ein Zauber abfiel, so heftig griffen sie nun an. Doch auch Sauron schlug nun immer heftiger zu; auch er wußte, daß die Entscheidung bald fallen würde. Der Dunkle Herrscher wurde nun offensiver, und er suchte sich jetzt einen Gegner aus, auf den er sich voll konzentrierte. Gil-galad haßte er am meisten, denn dieser hatte ihm am längsten die Stirn geboten. Auf ihn drosch er ein, und weder Isildur noch Elendil konnten dem Elbenkönig helfen. Es dauerte nicht lange, und Saurons schwarze Magie wirkte bei seinem Gegner, Gil-galads Arme und Beine wurden schwerer und schwerer. Da schlug Sauron zu; sein Schwert zerbarst, aber Gil-galad war nicht mehr.
Nun wandte sich der Dunkle Herrscher Elendil zu, denn er haßte diesen Widerständler aus Númenor noch mehr als Isildur. Und mit einem Entsetzensschrei sprang dieser seinem Vater zur Seite.

Aber nun war es Sauron, dem ein Entsetzensschrei entfuhr, denn diesen beiden konnte er, wenn sie zusammen kämpften, einfach nicht beikommen. Und die Nazgûl, deren Aufgabe es war, das Heer des Westens von ihren Heerführern fernzuhalten, wandten sich nun voll Schrecken ihrem Herrn zu, und sie eilten herbei, schnell wie der Wind.
Doch Sauron wankte schon. Elendil hatte ihm mit seinem Schwert Narsil einen heftigen Schlag auf den Kopf versetzt, und er schlug mit dem Ausruf "Rache für Númenor!" wieder zu, noch heftiger. Jetzt war der Schlag so heftig, daß es Saurons Helm spaltete. Dunkles Blut sprudelte hervor, und Narsil zerbarst funkensprühend in zwei Teile.

Doch auch Elendil wankte mit einem Schmerzensschrei. Im Fallen hatte Sauron ihm mit letzter Kraft einen Dolch durch das Kettenhemd hindurch in die Brust gestoßen. Elendil sackte zusammen.
Isildur achtete nicht mehr auf das Kampfgeschehen und den Todeskampf des Dunklen Herrschers. Er kniete neben seinem Vater und weinte.

Mit letzter Kraft öffnete Elendil seine Augen. "Heil Dir, Isildur, König von Arnor und Gondor! Reite nun voran zum Sieg und führe Dein Reich in langanhaltenden Frieden! Meine Aufgabe ist vollendet."

"Du hast einen großartigen Sieg errungen, der noch lange besungen werden soll. Deine Taten überdauern die des Feindes!"

Elendil lächelte, und er schied dahin. Isildur war es, als bräche eine Welt zusammen.


Dreizehntes Kapitel: Das Begräbnis von Elendil und Anarion

Wie lange Isildur neben seinem Vater gekniet und geweint hatte, wußte er nicht. Er hatte vergessen, was um ihn herum geschah.
Nach Saurons Tod wurde sein Heer vollständig aufgerieben, und Elben, Zwerge und Menschen gingen dorthin, wo es ihnen beliebte. Doch in die Nähe der gefallenen Könige wagten sich nur die Hochgestellten der Elben und Dùnedain. Manchen kam es vor, als wären die Stätten, wo Gil-galad und Elendil lagen heilig, und die Körper der Gefallenen waren mit ihren Bannern bedeckt.
Endlich rappelte Isildur sich auf. Er ging zur Leiche des Dunklen Herrschers.

"Wir sollten den Kadaver verbrennen" meinte er dann. Er betrachtete den Körper voller Abscheu und entdeckte dann an Saurons Hand einen goldenen Ring.
Isildur griff nach dem Ring, doch mit einem Schmerzensschrei zuckte seine Hand zurück. Der Ring war glühendheiß! Doch dieses Ding schien Isildur zu faszinieren. Er griff nach seinem Taschentuch, und mit diesem Hilfsmittel schaffte er es dann, den Ring von der Hand Saurons zu ziehen, ohne sich die Finger zu verbrennen. Er wickelte ihn sorgfältig in das Taschentuch ein und steckte es weg.

Elrond, der neben ihn getreten war, sagte: "Werft dieses Ding in das Feuer des Schicksalsberges. Und die Macht, die in ihm ist soll in die Unterwelt fahren und niemals mehr diese Welt behelligen!"

Isildur betrachtete das Bündel, das er wieder in der Hand hielt. Es war, als ob er einen inneren Kampf ausfechten würde.

"Ich will den Ring haben als Wergeld für meinen Vater und meinen Bruder und als Ausgleich für all das Unrecht und Leid, das meinem Volk widerfuhr. Und ich will die Macht des Ringes einsetzen, um die Wunden, die dieser Krieg geschlagen hat zu heilen. Und er soll ein Erbstück meines Hauses werden, denn von allen Dingen, die Sauron erschaffen hat, ist es das einzig Schöne!"

"Doch es mag sein, daß der Ring Unheil über Euer Haus bringt, Isildur. Er wurde von dem gemacht, der vieles ersonnen hat, um Euer Haus zu vernichten."

"Doch dieser Jemand liegt tot auf dem Schlachtfeld. Und wenn ich den Ring dem Feuer überantworte, kann es da nicht sein, daß irgendwer in der Unterwelt seine Macht an sich reißt und zu einer neuen Bedrohung wird? Ich möchte nicht, daß es heißt, daß wir Sauron besiegt haben damit jemand Mächtigeres und Grausameres seinen Platz einnimmt. Und wenn der Ring gut bewacht in einem Verlies liegt, unbenutzt von uns allen, könnte er dann Schaden anrichten? Ich glaube nicht. Auf alle Fälle sollten wir uns mit dieser gewichtigen Entscheidung Zeit lassen. Der Orodruin läuft uns nicht davon."

"Ich wollte, Ihr würdet den Ring jetzt vernichten" seufzte Elrond. "Fragt mich nicht nach irgendwelchen Begründungen hierfür. Mein Herz sagt mir, daß es besser wäre. Aber möglicherweise habt Ihr recht. Vielleicht sollten wir uns für diese Entscheidung Zeit lassen. Aber bitte tut mir einen Gefallen: Erzählt nicht jedem von dem Ring! Wir wissen viel zu wenig über ihn. Auch wenn Ihr jetzt der König seid!"

"Der König von Arnor und Gondor" verbesserte Isildur. "Die Entscheidung, wer der Herr der Elben in Mittelerde sein soll, obliegt mir nicht, und es wäre falsch, wenn ich mir sie untertan machen wollte. Doch jemand muß sie führen. Wollt Ihr dies nicht bis zu einer endgültigen Entscheidung tun, Herr Elrond?"

"Nötigenfalls. Doch ich glaube kaum, daß es wieder einen Elbenkönig in Mittelerde geben wird. Galadriel wird jetzt die Vorherrschaft für sich beanspruchen, denn das Volk des Goldenen Waldes ist schon seit längerem in der Mehrzahl, und jetzt ist niemand mehr unter den Elben in Mittelerde, den sie als Herr akzeptieren würde. Und es wird in Valinor hierzu keine Entscheidung geben, denn viele der Elben, die Ihr heute auf dem Schlachtfeld seht werden jetzt wohl in den Unerreichbaren Westen gehen."

"Und wollt Ihr auch gehen?"

"Noch nicht, zumindest werde ich so lange bleiben, bis entschieden ist, was mit dem Ring passieren wird. Nein, noch werde ich bleiben."

"Das ist gut, denn ich werde einen weisen Ratgeber jetzt nur noch um so dringender brauchen, da Elendil und Gil-galad gefallen sind. Aber was mich betrifft, ich will die Königswürde von Gondor und Arnor nicht auf ewig behalten. Nein, ich denke, wenn alles geordnet ist, soll sie für Gondor an Anárions Linie und für Arnor an meinen ältesten Sohn weitergegeben werden, und dann will ich mich auf meinem Landgut in Arnor zur Ruhe setzen. Ich finde, so lassen sich die Früchte unseres Sieges am besten genießen."

"Eine weise Entscheidung, zweifellos. Wenn Ihr das, was Ihr eben grob umrissen habt, auch so durchführt, dann ist das eine Entscheidung, die nur wenige der Mächtigen vor Euch getroffen haben. Doch Ihr wollt vorher die Verhältnisse ein wenig ordnen. Da steht uns ein gewaltiges Stück Arbeit bevor!"

"Richtig" erwiderte Isildur. Und er ließ die Leichname von Gil-galad und Elendil bergen, damit kein böses Wesen sie jemals entehre. Doch Saurons Überreste wagte niemand zu berühren, denn sie waren noch immer kochendheiß, und die Erde dampfte um ihn herum und der Dunst hüllte ihn in ein graues Leichentuch.
Die Elben und Menschen hatten mit den überlebenden Orks und Trollen noch ziemliche Mühen, denn die Dämmerung brach über das Land herein, und in der Dunkelheit erstarkten sie wie eh und je. Schließlich hatte Sauron einen beträchtlichen Teil seiner Macht in den Meisterring einfließen lassen, und solange es den Ring gab, war die Macht ihres Herrn immer in Saurons Geschöpfen. Doch diese Zusammenhänge waren den Dùnedain damals noch nicht bekannt, und es würde ein schmerzlicher Lernprozeß werden, bis sie das Wesen des Ringes kennen würden.
Die Nazgûl hätten den Heeren der Allianz in jener Nacht mit Sicherheit noch beträchtlichen Schaden zufügen können, aber sie zogen es vor, sich im Schutze der Dunkelheit vom Schlachtfeld zurückzuziehen. Diese Ringgeister ahnten, daß der Meisterring noch nicht zerstört war. Möglicherweise hofften sie, ihn auf dem Schlachtfeld zu finden, wenn die Heere des Westens abgezogen waren. Vielleicht erschien es ihnen einfach besser, sich für die nächste Zeit von der Bildfläche zurückzuziehen. Daß aber ungezählte Jahre vergehen würden, ehe sie Mittelerde wieder heimsuchten, ahnte noch niemand.

Tatsächlich waren die bösen Geschöpfe, die in Mordor labten und für Mordor gekämpft hatten jetzt führungslos, und die klügeren unter ihnen nutzten die Nacht nach ihrer bitteren Niederlage nicht für letzte, sinnlose Scharmützel, sondern für die Flucht.
Und so kam es, daß es am Morgen nur noch tote Feinde auf dem Schlachtfeld gab, aber die Krieger hatten eine Nacht voller harter Arbeit hinter sich, und Isildur ließ sie ruhen.
Boten wurden entsandt, um die Siegesnachricht in alle freien Länder Mittelerdes zu verbreiten, und starke Abteilungen der Dùnedain und Éothéod machten sich auf, um versteckte Zufluchtsorte und Festungen des Feindes zu zerstören.
Sein besonderes Augenmerk richtete Isildur auf die Zerstörung des Dunklen Turms, denn als sie Barad-dûr eingenommen hatten, konnten sie so manchen verloren geglaubten Gefangenen befreien. Welches Leid, welche Schmähungen und welche Foltern sie durchmachen mußten, wagte niemand zu ermessen; viele der Befreiten hatten schon mit ihrem Leben abgeschlossen.

Aber so sehr sich die Dùnedain und Elben auch abmühten, die Fundamente des Dunklen Turms konnten sie einfach nicht zerstören, denn es war mit der Macht des Einen Ringes erschaffen worden, deshalb würde es das Fundament so lange geben, wie es den Ring gab.
Schließlich fanden sie sich damit ab, daß die Grundmauern Barad-dûrs nicht von Menschenhand zerstört werden konnte. Isildur ließ eine dicke Schicht Erde darüber auftragen, und die Pflanzen wuchsen und gediehen dort so gut wie anderswo auch. So war bald vom Dunklen Turm nichts mehr zu sehen, denn alle Gebäude waren geschleift worden.
Nachdem dieses also erledigt worden war und sich kein böses Geschöpf mehr blicken ließ, machten sich die Heere der Allianz auf den Rückweg nach Gondor. Alle hatten jetzt genug vom Krieg und von Mordor, und der neue König von Arnor und Gondor zog bei strahlendem Sonnenschein in seine mit Blumen und Girlanden überreich geschmückte Hauptstadt ein, und das Volk jubelte und es ehrte auch die gefallenen Könige, die größten Helden des Zeitalters.

Doch viele waren im Kampf gefallen, und der Sensenmann hatte reiche Ernte unter Bedeutenden und Geringen gehalten, und jeder, der den Krieg überlebt hatte, hatte Grund zur Trauer. Und Isildur hatte es besonders hart getroffen. Er hatte innerhalb des letzten Monats seinen Bruder Anárion und seinen Vater Elendil verloren.
Kurz vor der alles entscheidenden Schlacht war Anárion nach Minas Anor überführt worden, und dort lag er nun einbalsamiert und aufgebahrt im Totenhaus der Stadt.
Die Leichname von Elendil und Gil-galad wurden vom abziehenden Heer nach Minas Anor gebracht, denn in Osgiliath waren die Zerstörungen durch den Krieg noch zu groß. Elrond, der jetzt die wenigen Elben, die das Schlachten überlebt hatten und nicht unter Galadriel oder Thranduil leben wollten regierte, wollte den Leichnam Gil-galads in seiner Heimat im Norden Mittelerdes beisetzen lassen.
Doch Elendil und Anárion sollten in Gondor ihre letzte Ruhen finden. Isildur war der Ansicht, daß Anárion in Minas Anor beerdigt werden sollte, denn hier war sein Haus und hier wohnte auch sein Sohn Meneldil. Auch hatte Anárion geplant, sich hier nach dem Krieg zur Ruhe zu setzen. Und Isildur hatte mit seinem Bruder hier und in Osgiliath viele freudige Stunden erlebt.
Was Elendil betraf, so plante Isildur, ihn auf dem Gipfel des Berges Halifirien, der ziemlich genau in der Mitte Gondors lag, beizusetzen. Zum einen konnte man von der Spitze dieses Berges stehend fast ganz Gondor überblicken, zum anderen befand sich auf diesem Gipfel eine uralte Weihestätte, auf der die Vorväter der Edain den Segen der Valar für die Ernte oder auch für den Krieg gegen Morgoth erfleht hatten. Die Dùnedain wußten, daß sie auch jetzt sehr wohl von der Gunst der Valar abhängig waren, sogar mehr noch als vor dem Krieg, denn ihre Zahl war auf wenige tausend in Arnor und Gondor zusammengeschmolzen.

Im Gegensatz zur númenórischen Tradition beschloß Isildur, Elendil und Anárion im Boden zu beerdigen und nicht einbalsamiert aufzubewahren. Er war der Ansicht, daß sein geliebter Bruder und sein verehrter Vater keine begafften Ausstellungsstücke werden sollten. Auch war die Gefahr groß, daß die alte númenórische Unruhe wieder über die Dùnedain kommen würde; die Angst vor dem Tod, die die Menschen überlegen ließ, wie sie ihm entrinnen könnten; diese Gefahr sah Isildur für den Fall, wenn die Körper der Größten der Dùnedain ständig zu sehen waren. Auch war die Erdbestattung bei den Menschen schon seit alters her üblich gewesen.

Zuerst setze Isildur die Beisetzung Anárions an. Er sollte im Garten vor seinem Haus in Minas Anor bestattet werden, wie es bei Edelleuten zu dieser Zeit üblich war.
Nur eine kleine Gesellschaft hatte sich versammelt, um Anárion das letzte Geleit zu geben. Es war bei den Dùnedain üblich, daß nur die engsten Verwandten des Verstorbenen und seine engsten Freunde an der Totenzeremonie teilnahmen, und so war es auch jetzt.
Die Grube, in die der Sarg ruhen würde, war schon ausgehoben worden. Isildurs Ritter hatten es sich nicht nehmen lassen, diesen letzten Dienst an Anárion zu leisten, denn er war für sie wie ein Idol gewesen.
Isildur brachte es nicht übers Herz, eine Grabrede zu halten. Zu viele schöne Erinnerungen kamen dabei hoch, und er mußte immer daran denken, daß diese Zeit unwiederbringlich vorbei war. So war es Anárions Sohn Meneldil, der die Grabrede hielt. Von den vielen Taten und Erlebnissen seines Vaters berichtete er, und Meneldils unvergleichlicher Redestil brachte wenigstens ab und zu etwas Erheiterung in die geknickte Runde.
Dann tranken alle ein letztes Glas Wein auf Anárion, und anschließend wurde der Sarg in die Grube hinabgelassen. Isildur warf die erste Erde darauf.

Nachher hatte auch das Volk noch Gelegenheit, Abschied vom beliebten König und Heerführer zu nehmen, und vor seinem Grab bildeten sich lange Warteschlangen, und bald war der Garten von Blumen und Kränzen übersät.

Unmittelbar darauf, noch am Abend des gleichen Tages machte Isildur sich mit Meneldil und den wenigen Rittern, die von seiner Leibwache noch übriggeblieben waren, auf zum Halifirien. Sie wollten Elendils Leichnam ohne viel Rummel beisetzen und aus dem Begräbnisort keine Pilgerstätte werden lassen. Ohne anzuhalten ritt der traurige Zug durch die Nacht, und Elendil war auf einem unauffälligen Wagen aufgebahrt.
Bei Anbruch des neuen Tages erreichten sie den Berg. Isildur saß ab, und an einer bestimmten Stelle, die durch zwei weiße, aufrechtstehende Steine gekennzeichnet war, begann er , mit dem Schwert einen Pfad freizuhauen. Er brauchte nicht weit vorzudringen, denn das Dickicht wich bald dichtem Tannenwald.
Langsam und stetig stiegen sie den Berg hinauf. Dem Pfad folgten sie, wie er in vielen Windungen die Hänge erklomm, und keiner sagte auch nur ein Wort. Nach einer Stunde stillen Schreitens erreichten sie den höchsten Punkt des Halifirien. Er war abgeflacht, so daß mehrere Menschen dort oben bequem stehen konnten. Einem Rat von Meister Elrond folgend, hatten sie Feuerholz mitgebracht, denn Elendils Leichnam sollte verbrannt und seine Asche in einem kleinen, goldenen Kästchen auf dem Gipfel beigesetzt werden.

"Dies ist würdiger für Elendil den Langen, denn er wird damit den Winden der Valar und den Adlern des Westens überantwortet" hatte Elrond zum trauernden Isildur gesprochen, und so sollte es sein.

Also legten sie Elendil auf eine Schicht Holz und legten Reisig und Holz um ihn herum und auf ihn. Und siehe! Vom Westen kam ein großer Adler geflogen und setzte sich neben Elendil.

Als dies alles vorbereitet war, hielten die Männer inne und Isildur sprach ein Gebet. Keine Trauerrede und keine Ansprache wurde gehalten. Sie hielten anschließend eine Schweigeminute ein, denn niemand wollte jetzt etwas sagen.

Dann kam der schwerste Moment in Herendil Isildurs Leben. Einer seiner Ritter reichte ihm eine brennende Fackel. Isildur nahm sie.
Er nahm sie und warf sie auf den Holzstoß. Er fing Feuer, und das Feuer prasselte bald hell.

"Auf Wiedersehen, Vater, lebe wohl! Vater!" rief Isildur, und weinend brach er zusammen.

Der Adler erhob sich wieder in die Lüfte, kreiste dreimal um den Halifirien und flog dann nach Westen und ward in Mittelerde nie mehr gesehen. Und noch immer brannte das Feuer.

Dann, nach ungezählten Minuten war auch der letzte Holzscheit verbrannt, und Isildur hatte sich wieder so weit aufgerappelt, daß er die Asche seines Vaters in die goldene Schatulle füllen konnte. Und siehe da, ein wenig Asche blieb übrig, und diese füllte Isildur in eine kleine Kapsel.

"Diese will ich immer bei mir tragen, auf daß mein Vater bei mir sei."

Dann nahmen sie die Schatulle und setzten sie in ein kleines Loch ein, das Isildurs Ritter in das Gipfelplateau gegraben hatten. Wortlos warf Isildur die Erde mit seinen bloßen Händen auf die Urne.

Sie standen noch eine Weile mit gesenkten Köpfen da, doch denn wandten sie sich zum Gehen.

"Laßt mich noch ein bißchen allein" bat Isildur die anderen, und sie gewährten ihm seinen Willen. Isildur kniete an der Stelle, wo das Kästchen in der Erde lag. Ein weißer Stein mit den eingemeißelten Buchstaben E L E , Elendils Initialen, kennzeichnete diesen Ort.

Wortlos kniete Isildur dort und betete und ließ die vergangenen, herrlichen Jahre mit seinem Vater Revue passieren, von seiner Jugend im herrlichen Númenor angefangen, dann dachte er an das Leben seit ihrer Flucht, das ein einziges, großes Abenteuer gewesen war. Eigentlich hatte dieses Abenteuer schon an jenem unvergessenen lauen Herbstabend in Elendils Haus in Númenor angefangen, und mit den Siegen im Norden und Süden Mittelerdes war es weiter-gegangen, und jetzt schien sein Leben öd und leer zu sein. Und er dachte an sein erstes Abenteuer in Saurons Tempel, als er Anárion aus dem Kerker befreite und dabei seine Frau, seine große Liebe kennenlernte. Und eine große Sehnsucht nach ihr befiel Isildur, und ein Gefühl übermannte ihn, das wie Heimweh war, Heimweh nach wohin wußte er aber nicht.
Und er dachte daran, welches schöne Leben es doch hätte werden können, wenn es damals in Númenor keinen Verrat gegeben hätte. "Eines weiß ich: Ich gehe in den Norden, so schnell ich nur kann. So bald ich hier unten fertig bin" murmelte er, als er an seine Frau denken mußte. Und der Tag ging zu Ende, und Isildur kniete noch immer auf dem Berg.

Da kam Meneldil mit zwei Rittern. "Herr, nur ungern störe ich Deinen Wunsch, aber die Männer machen sich Sorgen um Dich."

"Es ist schon in Ordnung" sagte Isildur traurig. "Denkt daran, daß der Begräbnisort meines Vaters nur wenigen bekannt sein sollte. Doch wenn in Zeiten der Not und Sorge und Gefahr Weisheit gefragt sein sollte, dann kommt hierher. Denn meines Vaters Geist soll über alle wachen, die ihn hier um Rat bitten. Gebt deshalb dieses Geheimnis an die nachfolgenden Herrscher von Gondor weiter, aber haltet es ansonsten geheim!"

Und Isildur verneigte sich vor dem Stein, und gestützt von den zweien ging er weinend den Berg hinunter.

Doch auch für Isildur ging das Leben weiter, und nach einer Woche der Trauer, die allen Gefallenen des Krieges gewidmet wurde, wurde von den Überlebenden der Sieg ausgiebig gefeiert, denn trotz allem hatten sie etwas Großes vollbracht, auch wenn der Preis hierfür hoch war.


Vierzehntes Kapitel: Der Krieg ist vorüber

Isildur machte sich schon während der Freudenfeiern in Gondor Gedanken über seine Nachfolge. Er war zwar nach den Maßstäben gewöhnlicher Menschen alt, aber für das númenórische Geschlecht stand er noch in seiner besten Manneskraft. Doch er behielt diese Gedanken noch für sich, denn er wollte, da er als einziger überlebender Sohn Elendils jetzt König von Arnor und Gondor war, nicht die Feiern der Dùnedain, Elben, Éothéod und Zwerge trüben.

Aus allen Teilen Gondors kam nun viel Volk nach Osgiliath, um den Siegern zu huldigen. Selbst von denjenigen, die offen oder heimlich Sauron gehuldigt hatten kamen Abgesandte, um die Großen des Westens zu ehren. Nur ein Volk, das an der Steige von Erech lebte, wagte es nicht, in die Hauptstadt Gondors zu kommen. Als Gondor von Saurons Heeren überrannt wurde, hatten sie es verraten, und Isildur sprach einen Fluch über sie aus, und alle Anzeichen sprachen dafür, daß dieser Fluch eintreten würde, denn sie gebaren keine Kinder und die Toten fanden keine Ruhe.

"Was wird wohl aus jenem Volk werden?" fragte Elrond, als er und Isildur abends am Kaminfeuer beisammen saßen, über alte Unbill lachend.

"Es wird den Fluch, den ich im Zorne über den Verrat aussprach, nicht vor dem Ende des Zeitalters loswerden, das jetzt erst beginnt. Denn die Kräfte des Feindes mögen zwar im Moment niedergeworfen sein, mein Herz ahnt aber, daß sie sich eines Tages wieder erheben werden. Sauron mag zwar tot sein, aber sein Geist und seine Taten werden uns noch über viele Jahre hinweg beschäftigen.
Doch dieses Bergvolk wird jetzt über längere Zeit nicht wagen, offen unter uns zu leben. Doch sie werden sicherlich eines Tages meinem Erben in größter Not dienen, und dann soll ihr Fluch nichtig und der Treueid erfüllt sein."

"Doch wann rechnet Ihr damit, daß der Frieden, den wir errungen haben, auch die Berglande zwischen Calenardhon und der Küste erreichen wird?" fragte Elrond. "Werdet Ihr ihnen die Hand reichen oder wollt Ihr sie tatsächlich über den Tod hinaus an den Treueid binden, den sie einst brachen?"

"Wenn sie nicht um Vergebung ersuchen, dann wird es wohl so sein müssen. Doch ob diejenigen, die jetzt leben, als ruhelose Geister noch in Hunderten von Jahren umgehen werden, weiß ich nicht. Dies zu ersehen liegt nicht an mir."

Nun wandten sie sich der Frage zu, wer die Elben führen sollte, die einstmals Gil-galad untertan waren. König Gil-galad war in der Schlacht gefallen, und es gab keinen rechtmäßigen Nachfolger auf die Königswürde der Elben der Westlichen Reiches. Isildur war dafür, daß Elrond diese Würde übernehmen sollte.

"Die Königswürde der Elben westlich des Nebelgebirges ist mit dem König dahingeschieden" sagte Elrond als Antwort auf Isildurs Vorschlag. "Viele meines Volkes sind im Kampf gefallen. Die meisten der Überlebenden wollen nach Valinor gehen. Die wenigen, die in Mittelerde bleiben wollen, werden in Bruchtal wohnen; ihre Zahl wird aber klein sein. Ich werde sie kraft meines Amtes als Vertreter des Königs führen, denn Galadriel werden sie sich nicht unterwerfen wollen. Doch was ist mit Euch? Es gehen Gerüchte um, daß Ihr nicht mehr lange König sein werdet."

"Davon habe ich gehört" entgegnete Isildur. "Ich spiele durchaus mit dem Gedanken, mich aus Gondor zurückzuziehen. Es ist schwierig, ein derart großes Reich zu regieren, wenn es keine funktionierende Verbindung zwischen beiden Teilen gibt. Ich dachte daran, daß Meneldil der König von Gondor werden soll. Er ist Anárions Sohn, und Anárions Haus soll Gondor führen. Auch hat er sich während der Belagerung von Minas Anor als Heerführer bewährt; er ist in Gondor beliebt.
Ich selbst werde nach Arnor gehen, denn mein Herz hängt nach alledem, was passiert ist, am ehesten am Norden. Aber auch dort will ich nicht auf ewig der König sein. Doch wer von meinen Söhnen die Nachfolge antreten soll, weiß ich noch nicht."

Sie sprachen noch über dies und das, Belanglosigkeiten, die sich während des Krieges ereignet hatten und was ihnen widerfahren war. Den überlebenden Heerführern der Allianz blieb jetzt noch eine Atempause, bevor sie sich um die neue politische Ordnung Mittelerdes kümmern mußten.
Wenn nun noch etwas fehlte, um Isildurs Glück vollkommen zu machen, dann war es seine Frau Almáriel und sein jüngster Sohn Valandil. Er hatte sie in Bruchtal zurückgelassen, um sie nicht unnötig den Gefahren des Krieges auszusetzen. Doch auch jetzt, wo der Feind besiegt am Boden lag, waren Reisen zwischen Arnor und Gondor noch immer gefährlich. Entweder mußten Reisende lange, unsichere Meilen auf der Nord – Süd – Straße zurücklegen, durch das gebiet der feindlich gesinnten Dunländer; oder sie mußten sich durch das weglose Gebiet an den Ufern des Anduin durchschlagen, Meilen über Meilen ohne Herberge oder gar jeglichen Pfad, umringt von Feinden durch Sumpf und Dickicht durchschlagend. Eine solche Reise war nur in bewaffneten Gruppen möglich, wollte man an seinem Ziel ankommen; und selbst dann konnte und wollte niemand für die Sicherheit der Reisenden garantieren.
Selbst wenn Sauron tot war, sein Geist lebte in seinen Dienern fort, und die Orks des Nebelgebirges, die sich am Krieg nicht beteiligt hatten waren noch immer zahlreich, und sie stellten eine Bedrohung für diejenigen Reisenden dar, die den Weg entlang des Anduin wählten.

Almáriel hatte zudem in Isildurs Auftrag die Regierung von Arnor übernommen. Sie hatte von Elendil beim Aufbruch des Heeres die Anweisung erhalten, in seiner Abwesenheit das Reich zu verwalten, und Isildur erweiterte diesen Auftrag nach dem Tod seines Vaters und dem Ende des Krieges, wohl wissend, daß die jetzt folgende Zeit des Wiederaufbaues und der Neuordnung des zivilen Lebens eine im Volk beliebte Führung brauchte. Und Isildur wußte, daß er noch einige Zeit in Gondor bleiben mußte, wollte er Meneldil in der Regierung des Südlichen Königreiches unterweisen.
Seine drei ältesten Söhne Elendur, Artan und Ciryon hatten an der Belagerung des Dunklen Turms teilgenommen, sie hatten überlebt, auch wenn jeder im Verlauf des langanhaltenden Krieges Verwundungen davontragen mußte. Nun waren sie im Königspalast von Osgiliath und erholten sich gemeinsam mit ihrem Vater von ihren Strapazen.
Valandil, Isildurs jüngster Sohn war in Bruchtal zurückgeblieben. Er war verwundet worden, als das Heer in den Krieg zog, deshalb hatte er in Bruchtal bleiben müssen. Außerdem war Isildur der Ansicht gewesen, daß Valandil noch nicht reif genug war, um mit den Folgen, die Kriege haben (vor allem wenn man gegen einen Feind wie Sauron kämpft) umzugehen.
So kam es, daß Valandil seiner Mutter bei der Ausübung ihres Amtes half, und es gründete auf seinem Vorschlag, daß die Verwaltung Arnors nach dem Sieg wieder nach Königsnorburg gekommen war.
Elfwine und Ethelred waren bereits wieder mit dem Heer der Éothéod in ihre Heimat im Norden zurückgekehrt. Auch sie hatten schwere Verluste erlitten, und Ethelred sollte von der Ständeversammlung zum König gewählt werden.

König Elfwine war alt geworden, und er wußte, daß dieser Krieg sein letztes Abenteuer sein würde. Es war ohnehin erstaunlich, daß er trotz seines für gewöhnliche Menschen hohen Alters an der Belagerung teilgenommen hatte. Die Dùnedain verabschiedeten ihn mit allen Ehren.
Mit den Éothéod zogen auch die Zwerge wieder in den Norden. Sie hatten bis Moria den gleichen Weg, und Durin und Ethelred wollten dort Verträge aushandeln, um den Handel zwischen ihren Völkern anzukurbeln.
Elrond blieb noch in Gondor, um Isildur beim Wiederaufbau des Südlichen Königreiches zu helfen. Dieses Reich hatte von allen am meisten unter den Kriegseinwirkungen zu leiden gehabt, und der Aufbau stellte für alle eine große Herausforderung dar.
Isildur band Meneldil mehr und mehr in die alltäglichen Staatsgeschäfte ein und er stand ihm beratend zur Seite, überließ es ihm aber, eigene Entscheidungen zu treffen. Bei schwierigen
Dingen fragten sie Elrond um Rat, den dieser bereitwillig gewährte. Meneldil wußte, daß er sich glücklich schätzen konnte, denn er hatte die besten Lehrmeister, die es jemals in Mittelerde gegeben hatte, und die Bedingungen, die er zum Erlernen der staatsmännischen Künste hatte, konnten nicht besser sein.

Meister Elrond verweilte noch einige Monate in Osgiliath, aber er wußte, er würde bald im Norden dringender gebraucht werden als im Süden. Außer Galadriel war keiner der Großen des Nordens am Leben geblieben, und nur wenige Elben und Menschen wollten sie als Herrin akzeptieren, und von Thranduil mußte man das gleiche sagen. So wollte Elrond wieder nach Bruchtal gehen, um dort die wenigen Elben des Westreiches zu regieren.
Am Abend vor Elronds Abreise saß er zusammen mit Isildur und seinen drei Söhnen Elendur, Artan und Ciryon im alten Pavillon am Fluß. Der Anduin floß träge und ruhig dahin. Es war ein lauer, wolkenloser Sommerabend, ein leichter Wind wehte vom Süden her und brachte Wärme mit. Überall piepsten und zwitscherten Vögel, und die Grillen zirpten.

"Ein idyllisches Fleckchen Erde habt Ihr hier" sagte Elrond bewundernd. "Man merkt überhaupt nicht, daß wir uns mitten in der Hauptstadt Gondors befinden."

"Das liegt daran, daß der Wind frei über den Fluß wehen kann" antwortete Elendur. "Er verteilt sich dann über die Straßen in die ganze Stadt. Übrigens, die Wasserversorgung geschieht nach demselben Prinzip, nur fließt es durch unterirdische Leitungen. Was dann zu Abwässern wird, wird durch getrennte Leitungen gesammelt und südlich der Stadt in den Fluß geleitet."

"Wunderbare Dinge, die der Geist der Dùnedain erschaffen hat" sagte Elrond. "Doch wer soll diesen Geist leiten und Gondor führen, wenn der jetzige König Isildur in den Norden zieht?"

"Hierüber habe ich bereits nachgedacht. Es bleibt dabei, daß Meneldil König von Gondor werden soll. Anárions Linie genießt in Gondor hohes Vertrauen, außerdem hat Meneldil große Verdienste bei der Verteidigung von Minas Anor erworben. Er hat Erfahrung mit der Verwaltung eines Staates und ist in weiten Teilen des Volkes sehr beliebt."

"Außerdem, und ich glaube, ich spreche für meine Brüder, hängen unsere Herzen am Norden" warf Ciryon ein. "Wer von uns einmal im Norden herrschen soll, einer von uns oder Valandil, werden wir jetzt noch nicht entscheiden, darüber machen wir uns noch keine Gedanken."

"Auch mein Herz hängt bekanntermaßen am Norden" ergänzte Isildur. "Ich werde nicht ewig in Gondor bleiben können, aber ich vermute, daß ich wohl noch ein oder zwei Jahre hier aushalten muß, und meine Söhne auch. Doch Ihr fragtet nicht, wieso Meneldil heute nicht unter uns weilt. Er arbeitet sich gerade in die derzeitige Tagespolitik ein. Und ich finde, daß meine Söhne hierbei noch einiges lernen können. Ihr sagtet zu Recht, daß über die Frage meiner Nachfolge noch nicht entschieden wurde. Und niemand weiß, was die Zukunft letzten Endes bringt, deshalb ist es klug, wenn sich jeder darauf vorbereitet, möglicherweise die Regierungsverantwortung übernehmen zu müssen."

"Das ist wohl wahr" sagte Elrond. "Obwohl Sauron tot ist, sind die Gefahren, die eine Reise durch Mittelerde mit sich bringt, nicht gering. Es ist wohl klug, mehrere auf das Regieren vorzubereiten und auch zu mehreren zu reisen. Es gibt noch weite Lande, von denen wir nicht viel wissen. Dort können sich ganze Völker verstecken, ohne daß wir etwas davon mitbekommen. Es wäre demnach wohl klug, wenn auch Ihr, wenn Ihr in den Norden zurückkehrt, über eine ausreichend starke Eskorte verfügt. Es gibt noch immer Kräfte, die uns feindlich gesonnen sind, und sie sind nicht schwach. Deshalb reise ich mit dem Elbenheer zurück."

"Eine kluge Entscheidung" bestätigte Artan. "Wir werden auch mit unserer Leibwache in den Norden reisen. Selbst wenn wir befreundete Völker besuchen, verzichten wir nicht auf eine starke Begleittruppe. Noch ist das Weiße Gebirge nicht vollständig befriedet."

Isildur wollte ach aus diesem Grund vorerst noch in Gondor bleiben. Meneldil mochte zwar beim Volk von Gondor beliebt sein und gute Kontakte zu den befreundeten Völkern haben, Isildur hatte jedoch die größere Erfahrung beim Durchsetzen seiner Interessen und er wollte seinen Nachfolger an diesen Erfahrungen teilhaben lassen. Er war der Ansicht, daß er Meneldil ein sauber bestelltes Feld hinterlassen mußte.

Tags darauf brach Elrond früh am Morgen zu seiner Heimreise auf. Der strahlendblaue Himmel versprach zumindest für die ersten Tage exzellentes Reisewetter, wenn es mittags auch recht heiß wurde.
Der Troß war dann doch recht umfangreich, denn die Elben nahmen noch jede Menge Briefe und Geschenke in den Norden mit. Natürlich hatten sie genug Lebensmittel für die Reise von Isildur erhalten, außerdem vergrößerten Geschenke der Dùnedain an die Elben den Troß.

An diesem tag stand Isildur noch lange auf dem höchsten Turm der Stadtbefestigung von Osgiliath und blickte dem abziehenden Elbenheer nach. Sie gingen dorthin zurück, wohin sein Herz sich sehnte, aber Almáriel mußte noch warten. Isildur mußte noch seine selbstgesetzte Aufgabe erfüllen: Meneldil einzuweisen und auch seine Erinnerungen an den langanhaltenden und verlustreichen Kampf niederzuschreiben.

All diese Gedanken beschäftigten ihn, als er Elronds Heer nachblickte. Bald war es schon zu einem kleinen Punkt in der Ferne zusammengeschmolzen, vol dem ab und an Licht aufblitzte, Sonnenlicht, das vom Metall von Rüstung oder Speer reflektiert wurde. Schließlich konnten selbst Isildurs scharfe Augen nichts mehr vom Heer ausmachen; die Sonne stand schon tief im Westen. Mit einem Seufzer stieg er hinab vom Turm.

Die Zeit, die Isildur und seine Söhne in Gondor verbrachten, verging in Meneldils Augen viel zu schnell. Gemeinsam hatten sie Besuche bei den mit den Dùnedain befreundeten Völkern absolviert und viele Abgesandte von Völkern und Stämmen aus Nah und Fern empfangen, die gekommen waren, um den siegreichen Königen zu huldigen.
Der Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Orte und Gehöfte schritt langsam, aber stetig voran. Besonders in den Landen von Osgiliath und Minas Anor waren die Zerstörungen, die Saurons Horden verursacht hatten, groß gewesen, und Minas Ithil war von den Rotten der Orks und Trolle vollständig niedergerissen worden. Erschwerend kamen für Gondor noch die hohen Verluste hinzu, die die Bevölkerung, Krieger wie Zivilisten zu erleiden hatten. So konnte Isildur bei weitem nicht alle Landstriche besiedeln lassen, wie es im Gondor vor dem Krieg gewesen war.
Meneldil hatte die Aufgabe übernommen, Saurons Festungen in Mordor zu zerstören, und als erstes waren seine Leute damit beschäftigt, die Überreste von Barad-dûr zu vernichten. Doch sie konnten sich abmühen wie sie wollten, die Fundamente dieser Festung konnten sie nicht zerstören. Sie konnten diesem Bauwerk nicht einen Kratzer zufügen, denn es war mit der Macht des Ringes erbaut worden und würde existieren, solange es den Ring gab. Da machte Ciryon den Vorschlag, die Fundamente zuzuschütten, wenn man sie nicht zerstören konnte. Und so kam es, daß die Erde meterhoch über den Grundfesten des Dunklen Turms aufgeschichtet wurde, und die Dùnedain pflanzten darauf Bäume, die mit der Zeit zu einem schönen Wald heranwuchsen. Auch sonst wurde Mordor zu einem Landstrich, der bald nichts mehr von den Schändungen erkennen ließ, die Sauron ihm zugefügt hatte. Der Schicksalsberg war ruhig, doch sein Feuer loderte wie eh und je. Das sahen die Dùnedain als warnendes Zeichen. Außerdem waren die entlegenen Gegenden von Mordor noch immer mit Saurons Kreaturen bevölkert, und Isildur befürchtete, daß sie sich wieder vermehren und damit Gondor gefährden könnten. Deshalb begannen die Dùnedain damit, Festungen an allen Zugangswegen nach Mordor zu bauen, die ungebetene Gäste draußen und unerwünschte Reisende drinnen behalten würden.
Als alle diese Arbeiten begonnen waren, zog Isildur sich aus der aktiven Politik in Gondor zurück und er machte sich daran, die Geschichte des Krieges zwischen dem Westen und Sauron niederzuschreiben. An Gondors Regierung beteiligte er sich nur noch als Berater Meneldils, außerdem bereitete er die Übergabe der Krone Gondors an seinen Nachfolger vor.




Zwei Jahre waren seit dem Sieg über Sauron vergangen. Isildur fand, daß es jetzt an der Zeit war, die Königskrone Gondors an Meneldil zu übergeben und in den Norden zurückzukehren.
Der Winter war vergangen, aber noch wurde es tagsüber nicht zu heiß, ideales Wetter für eine lange Reise. Also bereitete er alles für seine Abreise vor.

Am 1. Mai war es soweit: Meneldil wurde von Isildur zum König von Gondor gekrönt. Alles Volk war auf den Straßen, und die Zeremonie fand auf dem Platz vor dem Königspalast in Osgiliath statt.
Die Krieger und Ritter waren in voller Rüstung angetreten, und in vorderster Reihe standen die Leibwache und die engsten Vertrauten Meneldils. Girlanden schmückten Osgiliaths Straßen.
Das Volk jubelte, als Meneldil und Isildur auf den Königsplatz traten. Beide waren reich gekleidet, und über ihren Rüstungen trugen beide den scharlachroten Königsmantel. Doch nur Isildurs Kopf war bedeckt; er trug die Krone Gondors. Meneldil hingegen trat barhäuptig aus dem Palast.

Stille herrschte, als Isildur die Hand hob.

"Menschen von Gondor" begann er. "Kraft meines Amtes als König von Arnor und Gondor verkünde ich folgenden Beschluß: Im Laufe des heutigen Tages soll die Königswürde von Gondor an Meneldil, Anárions Sohn, Heerführer von Gondor und Statthalter in Minas Anor übergeben werden. Soll dies so sein?"

Und alles Volk rief einstimmig Ja.

Schließlich sprach Isildur erneut. "Dann möget Ihr hervortreten, Sohn Anárions."

Und Meneldil trat vor Isildur und kniete nieder. Und Isildur nahm die Krone und setzte sie auf Meneldils Haupt. Und er gab ihm einen weißen Stab als Zeichen der Regierungsgewalt.

Und als Isildur die Krone Gondors von seinem Haupte nahm, blickten alle ehrfürchtig zu ihm auf. Denn zum ersten Mal nach dem Ende des Krieges trug er den Elendilmir. Diesen Edelstein hatte Elendil aus Valinor zum Geschenk erhalten, als er noch in Númenor weilte; er hatte dort aber nicht gewagt, ihn öffentlich zur Schau zu stellen, denn es waren nur wenige, die noch zu den Valar standen, und diese wenigen waren in ständiger Gefahr. Nachher, als die Dùnedain nach Mittelerde geflohen waren, hatte Elendil diesen Stein zwar verwahrt, aber nur selten getragen. Für ihre damalige Lage erschien es ihm unangemessen, ihn häufig in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen.
Kunstvolle Elbenschmiede hatten den Elendilmir in einen schlanken goldenen Stirnreif ein-gefaßt, der die Schönheit des Steins herausstrich.
Isildur hatte den Elendilmir auf seiner Stirn, und sein rotes, klares Licht strahlte über die Umstehenden hinweg. Stolz und majestätisch stand er da, unsterbliche Würde ausstrahlend.
Meneldil schlug von einer plötzlichen Scheu befallen die Augen nieder, und Isildurs Söhne sahen bewundernd zu ihrem Vater auf.
Und als Meneldil wieder aufschaute, blickte er auf das ehrfürchtig schweigende Volk von Gondor, und er wußte, jetzt war er der König dieses stolzen Volkes. Er spürte die schwere Krone auf seinem Haupt. Sie war wie ein Helm der Leibwache aus mithril gefertigt, nur mit Adlerschwingen an den Seiten und mit Edelsteinen verziert, und elbische Schriftzeichen kündeten von der Würde ihres Trägers. Meneldil schaute auf sein Volk, und die Würde, die er ausstrahlte, als er stolz und aufrecht neben Isildur dem Großen stand, war seine eigene. Und er erhob das Wort.

"Menschen von Gondor, hört nun die Worte des Königs dieses Reiches! Durch die Mühen und Tapferkeit vieler wurde unsere Freiheit erkämpft, und wir alle wissen, wie schwer es war, Gondor in der Stunde der höchsten Not zu halten. Ich will jetzt nicht von der Belagerung von Minas Anor oder auch der des Dunklen Turms sprechen, aber nur durch die Hilfe von Elben, Zwergen und der Freien Menschen des Nordens konnten wir unsere Freiheit erhalten und den Frieden erringen. Unter uns sind noch viele Krieger aus Arnor. Wenn Ihr in Eure Heimat im Norden zurückkehrt, bestellt unseren Verbündeten unsere besten Grüße und tiefste Dankbarkeit. Und Ihr, Menschen von Gondor, gedenkt der Opfer, die wir und unsere Verbündeten hatten. Doch laßt uns auch feiern, denn wir haben Grund dazu!"

Das Volk jubelte lang, bis Isildur die Hand hob. "Menschen von Gondor, seit einiger Zeit geht das Gerücht um, daß ich wieder in den Norden zurückkehren will. Ich will ehrlich sagen, daß mein Herz am Norden hängt, obwohl Gondor ein so schönes Reich ist, wie man sich es nur
wünschen kann." Lang anhaltender Jubel. "Doch meine Frau und mein jüngster Sohn warten in Arnor. Auch werde ich alt, und die Bürde, zwei Reiche zugleich zu regieren, kann niemand lange tragen. Deswegen verkünde ich heute, daß ich bald abreisen werde, und mit mir werden meine Söhne und die letzte Abteilung des Heeres von Arnor gehen. Dann werde ich die Verhältnisse im Norden ordnen, denn es ist höchste Zeit dafür. Aber es soll Tradition sowohl in Arnor als auch in Gondor werden, daß ein König dann die Krone an seinen Nachfolger weitergibt, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen ist." Kein Jubel. Offenbar überlegte jeder noch, wie Isildur die letzten Worte gemeint hatte. Wie meinte er das? Die Zeit gekommen? Doch nun sprach Isildur wieder. "Menschen von Gondor, Meneldil ist heute zum König gekrönt worden, und es ist jetzt Zeit für eines: Laßt die Feiern beginnen!"

Und das Volk jubelte, als Isildur und Meneldil das Festbankett eröffneten. Es gab genug für alle, und die Feierlichkeiten dauerten drei Tage und drei Nächte lang, und niemand wurde es überdrüssig.

Doch als die Freudentage vorüber waren, machte Isildur sich daran, seine Sachen zu packen. Abends saß er mit Meneldil zusammen am Kaminfeuer und besprach ihre Pläne für die Zukunft oder schwelgte in Erinnerungen an vergangene Taten, oder er brütete über dem Reiseweg, die er nehmen wollte.
Sie wollten entlang des Anduin gen Norden gehen und sich dann am Carrockfelsen gen Westen wenden und das Nebelgebirge überschreiten und dann nach Bruchtal und nach Arnor weiterreisen. Die Nord – Süd – Straße war noch nicht durchgehend passierbar, denn das Volk der Dunländer hatte sie während des Krieges auf einer großen Länge zerstört. Der Anduin war für eine lange Wegstrecke eine Wegmarke, die nicht zu verfehlen war, und bei Carrock traf der Fluß auf die Straße nach Bruchtal. Auch erschien Isildur die Reise auf dem Ostufer als nicht mehr so gefährlich wie während des Krieges. Auf dem Westufer kamen sie nur über den Schattenbachsteig nach Arnor, denn der Weg durch Laurelindorenan war versperrt. Aber in der weglosen Wildnis von Eregion war ein schlechteres Vorwärtskommen als am Ostufer, denn die Zwergenstraße nach Bruchtal war von Orks aus dem Nebelgebirge zerstört worden.
Isildur überlegte, ob er nicht den Éothéod einen Besuch abstatten sollte. Dann wäre das Ostufer der einzige gangbare Weg.

Die letzten Wochen Isildurs in Gondor vergingen wie im Fluge, und Ende Mai machten sich die Dùnedain des Nordens, die willens waren, nach Arnor zurückzukehren, auf den Weg.
Die Gruppe war nicht groß, sie bestand nur aus etwa fünfzig erprobten Rittern, aber es war eine Streitmacht, die man, falls es darauf ankäme, nicht nach Köpfen zählen würde. Sie waren alle beritten, aber Isildur wollte die Pferde am Emyn Muil den Dùnedain von Gondor übergeben. Zum einen war diese felsige Gegend ungeeignet für Roß und Reiter, zum anderen hatte Gondor im Krieg schwere Verluste an Pferden erlitten. Da die bestände sich nur langsam erholten, wollte er die Tiere hierlassen. König Meneldil ritt mit seiner Leibwache mit bis zum Emyn Muil, dort wollte er Isildur verabschieden.

Es war ein kühler Frühsommermorgen, und der Himmel war strahlend blau. Alles Volk war auf den Beinen und säumte den Weg der Reiter, als sie Osgiliath verließen.
Nach zwei Tagesritten standen sie auf dem Ausläufer des Emyn Muil, auf dem Isildur bei seiner Flucht vor Sauron zum letzten Mal auf Gondor geblickt hatte. Die Lande lagen friedlich im Sonnenlicht, und der Raurosfall rauschte wie eh und je.

Sie waren abgesessen, und auf ein Zeichen Isildurs wurden die Pferde an Meneldils Leute übergeben.

"So kommt denn die Stunde, an der wir scheiden" sagte Isildur. "Mögen die Valar Euer Reich behüten und zu Frieden und Wohlstand führen!"

"Möge ein Licht leuchten auf Euren Wegen und der Frieden der Eure sein" antwortete Meneldil. Und sie umarmten sich. Dann schritt Isildur voran, und sie machten sich auf zum langen Heimweg. Meneldil blickte ihnen noch lange nach.


Epilog: Was geschah auf den Schwertelfeldern?

Was in den Landen irgendwo zwischen dem Düsterwald und dem Emyn Muil genau passiert ist, wird wohl niemand mehr erfahren.
Das letzte Lebenszeichen, das von Isildur und seinen Mannen wahrgenommen wurde, war sein Abschied von Meneldil. Seither ist er in den Weiten Mittelerdes verschollen. Nur zwei Knappen entkamen dem Untergang des letzten Heeres aus Arnor, das noch im Süden geweilt hatte, ein weiterer Krieger wurde bewußtlos von den Éothéod auf dem Schlachtfeld gefunden.
Der genaue Bericht, den diese Überlebenden abgaben, ist anderswo verzeichnet*, es sein nur so viel erwähnt: Isildur wurde von Saurons Ring betrogen, als er ihn vor angreifenden Orks in Sicherheit bringen wollte, seither wurde er von allen Dùnedain Isildurs Fluch genannt. Doch er und der Ring sind verschwunden. Nur die Bruchstücke von Narsil, Elendils Schwert, konnten gerettet werden.

Die Nachricht von Isildurs Verschwinden und dem Untergang seines Heeres löste in den Landen des Westens große Bestürzung aus, vor allem auch, weil seine drei ältesten Söhne ums Leben gekommen waren. Nur Valandil war noch am Leben; es sollte sich für Arnor jetzt als Glücksfall herausstellen, was ihn zunächst beschämte. Denn er konnte seinerzeit nicht mit dem Heer nach Süden ziehen. Wäre es so gekommen, dann wäre Elendils Linie ausgestorben; das hätte sich für Mittelerde später noch als großes Unglück erwiesen. Doch es kam nicht so.

Almáriel und Valandil trugen nun eine große Bürde. Sie mußten nun Sorge dafür tragen, daß die Folgen des Krieges in Arnor beseitigt wurden, außerdem wurden weite Teile von Gil-galads Reich an Arnor angegliedert. Viele Elben segelten nach Westen, der ewigen Kriege Mittelerdes überdrüssig.
Doch als zwei Jahre ins Land gegangen waren und noch immer keine Spur von Isildur gefunden worden war, trat in Arnor der Kronrat zusammen. Nach vielem Hin und Her und langen Beratungen kam man schließlich überein, Valandil zum König auszurufen. Almáriel hatte ihrem Sohn den Vortritt gelassen, denn sie wurde alt.

Und unter König Valandil II. wuchs Arnor zu neuer Größe heran, denn er handelte klug und schloß Freundschaft mit allen benachbarten Völkern außer den Orks, und im Norden wuchs der Wohlstand.
In Gondor hatte Isildurs Verschwinden große Trauer und Bestürzung ausgelöst, aber Meneldil wußte dies in Wachsamkeit vor dem feind umzuwandeln. Denn Saurons Geist lebte noch, es würde ihn so lange geben, wie es den Einen Ring gab, und dieser war verschwunden. Meneldil ahnte, daß Saurons endgültiger Sturz erst zum Ende dieses neuen Zeitalters, das gerade erst begonnen hatte, geschehen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte.






* siehe J.R.R. Tolkien: Nachrichten aus Mittelerde, "Das Verhängnis auf den Schwertelfeldern"